�Uxiflvirle � Cii{ er 1 1 a(( un�sb ei( ag e 1897 SpieLkinder. GoNsetzung) Diomau von Georg Hermann. f ist ja teilt Zweifel mehr, sie muß sterben! Das Unvermeidliche, das mich erschaudern läßt, mir jede Regung betäubt— das große Räthsel, das Mysterium! Plötzlich dämmert es in mir auf, Alles drangt und ballt sich zusammen zu der einen Frage:„Was nun? Was nach dem Tode?" In mir beginnt es zu wühlen und zu hämmern. Ich denke nicht mehr daran, daß sie sterben muß, sondern nur an das:„Was nun?" Mit dem ganzen Wissensdrange eines Dreizehnjährigen stürze ich mich darauf.„Was nun?" Ich denke und denke! Ich hatte einstmals an Gott und Unsterblichkeit geglaubt, ja ich hatte sogar gebetet. Das that ich schon längst nicht mehr. Ich denke und denke- keine Antwort! Nur ein unbestimmbares, unbestimmtes, dunkles Etwas. Eine schwarze Thüröffnung, ein grinsendes Nichts. Immer langsamer, imnier schiverer tropfen die Sekmidc», eine bleierne Bindigkeit legt sich wie ein Hantel über mich, als ob sie mich erdrücken wolle: Dennoch scheinen alle meine Sinne sich verschnrst Zu habe». Trotz der mangelhaften Belellchtung Iche ich jede Fuge, jeden Stein drüben am Hause. Z) höre jedes Geräusch, jedes Wort, welches die Ar- bciter drunten sprechen. Ich versuche an etwas Anderes zu denken- an Lies- an Nepos- an Brehm, und doch drängt sich Alles zu dein einen Punkte zusammen: drüben nach dem erleuchleien Fenster! Schatten huschen an der Gardine vorüber, blitzschnell, und doch verfolge ich jede'h«r � wcgungen. Das ist Mutier, sie hat eine MediZlN- siasche in der Hand, das der Arzt, das die Warten«. ich erkenne es an der Haube. Plötzlich sehe ich keinen Schatten mehr wird auch etwas dunkler drüben im Zimmer, man bat wohl die Lanipe niedergeschraubt. Nach einer Weile steigt unten der alte Herr wieder'n den Wagen niid oben werden die Fenster der Kran stube geöffnet. Im Augenblick ist die Spannung von m,r genommen, die Müdigkeit beiläßt mich, ich an'me auf— es ist vorüber.. Und im Augenblick beginnen meuw®e von Neuem zu spielen, eilen zn den Asphaltarbei e, drüben zn dem Bäckerladen, der eben geöffnet wirb, 5« den verschlafenen Mägde» und Btilchlcuten. g- fam klärt es sich schon im Osten, wohl erst in einer Stunde kann die Sonne aufgehen, aber dennoch' s schon ganz hell, nur weiß ma» nicht, wo 1 herkommt, ob von oben oder von de �• Wan sieht nirgends Schatten, und Alles s Schärfste begrenzt. Die Luft scheint weißlich, und ein Streifen einzelner kleiner Wölkchen zieht s w über den Himmel, als ob ein Bialer, einen Pmiel ausgespritzt hätte. Alles hat noch einen so ver- schlafenen Ausdruck; trotzdem sehen die Straßen so blank und frisch aus. Irgendwo kräht ein Hahn. Mich fröstelt. Meine Augenlider scheinen geschwollen, sie drücken und brennen. Als ich mich umwende, sehe ich, daß außer uns Niemand mehr im Lokal. Man hat das Licht ausgemacht, die Stühle auf die Tische gestellt, so daß ein Wirrwarr von Beinen emporragt. Alles ekelhaft, grau und nüchtern. Am Büffet stehen zwei Kellner, die uns miß- iranisch beobachten. „Du, Papa, wir wollen aber doch gehen?" Vater fahrt zerstreut auf. „Ach so. ja— Fritz, zahlen!" Dann nimmt mich Vater bei der Hand und geht mit mir hinüber. * Im Hausflur stehen tuschelnde Dienstboten und ein Kutscher in Stiefeln mit gelben Stulpen, Leder- hosen, seidener Weste und Hemdsärmeln. Die Gas- beleuchtung kämpft mit dem kalten Tageslicht, das durch alle Ritzen und Fugen dringt. Man hört vom Hof her das Poltern von Pferden, die im Stall gegen die Barrieren schlagen. Vater geht langsam die Treppe hinauf, trotz- dem bleibt er oben stehen, gerade als ob er außer Athem wäre und nur mühsam Luft bekäme. Wohl erst nach einer Minute klopft er— leise und zaghaft— als ob er nicht wünsche, daß man es bemerke. Das Dienstmädchen öffnet wortlos, nur mit einem stummen Kopfnicken. Man wagt nicht fest aufzutreten, kaum sich zu bewegen, aus Furcht, man könnte Die da drin wecken. Man hört leise schlürfende Schritte, wohl auch schluchzende, gurgelnde Laute, ohne daß man weiß, wo sie herkommen. Jedes Geräusch scheint zu erstarren und in der Luft stehen zu bleiben. Wir treten in das Zimmer. Grau bricht das Tageslicht durch die Scheibe» und überzieht Alles mit einem Staubschleier. Nichts regt sich, nur unser eigener Athem ist hörbar und ein ganz leises Knistern und Knacken. All diese feinen Sachen und Sächelchen machen in tagesheller Nüchternheit einen so trivialen Ein- druck, und jetzt sieht man erst, daß Jedes an sich hübsch. Alles im Gesammteindruck aber zusamiiien- gewürfelt, kalt und ungemüthlich. Vater steht wie festgenagelt, nicht einen Fuß setzt er vor- noch rückwärts. Wenn ich nicht irre, weint er— oder ich kann mich wohl auch täuschen. Ich verspüre Hunger und Müdigkeit, meine Stimmung ist weder lustig noch traurig. Verloren habe ich nichts mit der Tobten, die ich ja nie gekannt habe, und das Allgemein-menschliche des Sterbens hat mich nur augenblicklich ergriffen, ohne eine nachhaltige Wirkung auf mein Gemüth auszuüben. Jetzt kommt ein junger, fünftlndzwanzigjähriger Mensch herein. Er hat ein voniehines, frisches Gesicht, kleine gerade Nase, hohe Stirn, graue, gut- müthige Augen und schwarzen, üppigen Schnurrbart. Seine Kleidung ist so tadellos, als ob er eben zu einer Gesellschaft gehen wollte. Er sieht uns Beide ernst und erstaunt an, geht dann auf Vater zu und reicht ihm schweigend die Hand, die mein Vater herzlich drückt. „Ewald—" Vater bleibt das Wort in der Kehle stecken, denn plötzlich wirft sich der junge Mensch über einen Polsterstuhl, beißt in die Kissen und beginnt zu schluchzen, zu weinen, zu jammern, wie ein Kind. Ich habe nie mehr auch nur einen ähnlichen Schmerzensausbruch gesehen, nie mehr einen Bten- schen, der sich mit solch einer hingebenden Wollust dem Weinen überließ. Vater tritt zu ihm und versucht ihn zu trösten, nicht mit Worten, nein, er streicht ihm nur leise über das Haar, als ob er sagen wollte:„Armer Junge, armer Junge!" Ich stehe am Schreibtisch und bewundere ein- gehend all die Sächelchen, die da stehen, liegen, hängen: Kleine Vasen, Püppchen, Figuren, Kalender, Photographien, Porzellanhunde, Perlmuttschälchen, Notizbücher, Falzbeine, Aschbecher, chinesische Bronzen. Endlich steht Ewald auf. Er scheint vollkommen gebrochen, erdrückt vom Schmerz, der ans ihm lastet, aber dennoch vergißt er nicht, sich mit einer raschen Bewegung die Hosen abzustauben. „Onkel— ich ivcrde Papa rufen, entschuldige einen Augenblick! Er war so abgespannt, daß ich darauf gedrungen habe, er solle sich ein wenig hin- legen." Und schon ist er aus der Thür. „Hermann!" „Annchen!" Da haben wir sie ja, die kleine feiste Frau. Ach, ihre Augen sind ganz verschwollen vom Weinen, und ihre Stirn glänzt noch mehr tvie sonst. Sie geht auf Vater zu, bleibt einen Schritt vor ihm stehen und sieht ihn besorgt und ängstlich an. Sie scheint eingehend seine Züge zu studiren, und etwas an dem gerötheten zerfurchten Gesicht scheint ihr neu und fremd vorzukommen. „Hermann, fehlt Dir etwas? Bist Du vielleicht nicht ganz wohl?!" „Nichts, nichts, mein Kind! Ich habe nur ein wenig Kopfschmerzen!" „Na, das wird sich ja geben," meint Mama und sieht trotzdem Vater immer noch so ängstlich von der Seite an. „Wie ist sie denn gestorben?" „Ach— ganz ruhig— schwächer und schwächer — und dann wurde ihr kalt— und dann Plötz- lich— ä— wie solch kleines Kind, und da legt sie sich auf die Seite— so lieb— ist sie— gewesen— so freundlich— so gunt— wie sie sich— noch zuletzt---." Es schien Mutter offenbar sehr schmerzlich, und doch trieb es sie dazu, 43 Aie Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. es gcuiz genau zu erzählen, aber ohne von Bater dabei auch nur einen Blick zu verwenden. „Hermann, fehlt Dir auch wirklich nichts?!" „Nein, nein, nur ein wenig Kopfschmerzen!" Schlürfende Schritte nähern sich der Thür. Im Augenblick schweigen ineine Eltern und sehen sich be- troffen an. Jene Bangigkeit legt sich wieder ans mich. Der Aristokrat im blauen, rothseiden gefütterten Schlafrock— die eine Ecke hatte sich unten etivas nmgeschlagen— mit hängender Kordel, lederge- preßten Morgen schuhen; der Scheitel ist mit einer beivnndernngswürdigen Akkuratesse gezogen, und die Haare an den Schläfen hinter die Ohren gebürstet. Der Schnurrbart starrt empor; der Aristokrat ist etivas blaß und übernächtigt, vielleicht hat er auch geiveint. Er hat aber jetzt den Ausdruck eines Mannes, der sich darein ergeben hat und sein Ge- schick mit Anstand und Würde erträgt. Anders sein Sohn, der ihm folgt. Hat er auch viel von den Eigenschaften seines Vaters geerbt, so doch nicht jene kalte, unnahbare Vornehmheit. Der Schmerz hat sein Antlitz zerwühlt, und so sehr er auch gegen ihn aiizukämpfeii versucht, rinnen ihm doch fort- während Thränen über die Wangen und hängen sich an die Spitzen seines Schnurrbartes. Er hatte ja seine Mutter von jeher mehr ge- liebt als seinen Vater, denn sie lvar trotz geistiger Ilnbcdeutendheit doch gemüthvoll und weich gewesen und ähnelte hierin vollkommen dem Sohn. Der war ja auch keine Leuchte der Wissenschaft, sondern nur ein gntmüthiger, etwas beschränkter Mensch, mit einem Wort ein braver Kerl! Der Aristokrat bleibt stehen und mustert Vater mit einem gleichgültigen Blick. Vater wird roth wie ein Krebs, die Adern der Stirn treten wieder prall und blan hervor. Mutter klammert sich an ihn und flüstert ihm leise etivas zu. Jetzt geht Vater auf den Aristokraten ernst und ruhig zu und streckt ihm die Hand entgegen, ivort- los, ohne jede Phrase, wie es unter Männern sein muß. Jener mustert ihn noch einmal, diesesmal etivas mißträuisch und ängstlich und legt dann seine Hände ans den Rücken, als ob er die Bewegung ganz übersähe. „Sie wiinschen?" schnarrt er in blechernem, rasselndem Ton. Vater fährt zurück und wird verwirrt. Auf eine derartige Anrede hatte er sich nicht gefaßt gemacht. Er will etwas sagen, stottert aber nur:„Ich— wollte—" Er wußte nicht, sollte er nun„Dir" oder „Ihnen" sagen? Die Anderen stehen wie versteinert. Mama iveint, Ewald kaut an den Nägeln. „Ich wollte— ich komme, um zu— ich— ich—" „Ich begreife nicht, was Sie hier wünschen," schreit der Aristokrat.„Glauben Sie vielleicht, mit meinem gerechten Schmerze spekuliren zu dürfen? Das gesellschaftliche Tischtuch"— er sprach dieses Wort affektirt, stolz, diesen guten Ausdruck gefunden zu haben—„ist zwischen uns zerrissen, und ich für mein Theil fühle mich nicht verpflichtet, es wieder—" „Papa— unterbrach ihn Ewald. „Schweig!— Ja, und glauben Sie, daß man zugefügte Beleidigungen—" „Nein— ich bin kein kleiner Junge, ich will nicht schweigen.— Bei meiner tobten Mutter—" Der Aristokrat und sein Sohn stehen sich gegen- über tvie zwei fauchende Kater. Da braust mein Vater los— Er brauche sie nicht, und wenn er wie ein Hund im Niunstein verrecken solle— und er brauche sie nicht— er sei sein Lebtag ein ehrlicher Mensch gewesen, ihm könne man nichts Schlechtes nach- sagen; dafür, daß er Gaunern in die Hände ge- fallen sei, könne er nichts! Almosen wolle er nicht haben und Mitleid lasse er sich auch nicht schenken. Er solle ja nicht glauben, daß er deswegen ge- kommen sei; er wäre aus Mitgefühl gekommen, da aber Jener jegliches Gefühl verleugne, habe er leinen Grund, Beileid zu zeigen. Mit Gottes Hülfe lvürde er auch ohne ihn auskommen; es wäre ja so lange ohne sie gegangen, und wenn er nicht be- dächte, daß drin die Leiche läge, würde er noch ganz etwas Anderes sagen. Und er geht ganz dicht an den Aristokraten heran, der scheu zurückweicht. „Dn-u-n-u"— er sucht nach einem Ausdruck— „Lump!!!!" brüllt er hervor und in dieses eine Wort legt er die ganze Verachtung, die er gegen alle kokotteuhafte, patschnliduftcude Hohlheit in sich trägt. Dieses Wort gleicht einem kurzen, mit aller Kraft geführten Dolchstoß. „Verlassen Sie sofort mein Haus!" kreischt der Aristokrat in der höchsten Fistellage seiner Stimme. „Papa—", wirft sich Ewald dazwischen,„be- denke doch— meine arme todte——" „Aber Karl," schluchzt meine Mutter. „Schweigt! Soll ich mich in meinem eigenen Hause beleidigen lassen?" „Nein, nein, ich gehe schon— ich— will— nicht— mehr— auch— nur", vor Zorn scheint Papa zu ersticken— die Augen treten aus ihren Höhleu, er ist puterroth, so daß man fürchtet, jeden Augenblick müsse ihm das Blut irgendwo hervor- spritzen. „Aber das sage ich— wenn nicht Die drin läge, die viel besser war, wie der— der— der— sie je verdient hat—" wieder vollendet er den Satz nicht.„Nein, nein, ich gehe schon—" „Hermann! Ich bitte Dich! Du weißt, wie Dir das schaden kann! Nein— wie kannst Du aber nur—?" jammert Mutter.—„Du bist doch hier in einem Trauerhanse!" Plötzlich wendet Papa sich um und eilt aus dem Zimmer. Man hört draußen die Thür zu- schlagen. Diese Wendung kam uns so unerwartet, daß wir Alle wohl eine Minute betroffen schwiegen. Maina aber, welche Angst hatte, daß Papa im Zorn sich irgend etwas anthun könnte, übersah so- fort die Bedeuklichkeit der Lage, und daß sie jetzt Vater um keinen Preis allein lassen dürfte, ergriff meine Hand und stürmte, ohne nur ein Wort des Abschieds zu sagen, so schnell sie ihre kurzen Beine tragen konnte», aus dem Zimmer, die Treppe hinab. „Lauf mal, ob Du Papa noch einholst, und sag ihm,, er möchte warten!" � Und ich rannte, als ob der Teufel und die wilde Jagd hinter mir wäre». Alle Leute sahen sich erstaunt nach mir um, und zwei Bäckergesellen zeigen nicht übel Lust, mir nachzulaufen. Richtig! Da vorn geht er! „Papa! Papa!!" Der Herr sieht sich erstaunt um. Nein, er ist es doch nicht— aber der da vorn. Ich laufe, daß ich fast auf die Nase falle. „Papa! Papa!!" Er scheint nicht zu hören. Er macht große Schritte und taktirt mit den Händen. „Papa!! Papa!!!" Er dreht sich um. „Warte doch, Mama kommt ja auch gleich!" Richtig, da hinten kam sie auch schon. Sie hatte ihre Lippen aufeinander gebissen, der Schweiß stand ihr in dicken Perlen ans der Stirn. So schnell wie es ihr nur irgend möglich— sie ist etwas schwerfällig— bewegte sie sich vorwärts. Als sie uns erreicht hatte, schlug Papa die Augen nieder, wie ein Schuljunge, der eine Rüge vom Lehrer erlvartet. Sein Benehmen von vorhin that ihm jetzt leid. Er sah ein, daß er in seinem Zorn wohl zu weit gegangen war, und erwartete nun, mit Vorwürfen von seiner Frau überschüttet zu werden. Er hatte sich wieder einmal so recht gehen lassen, seinem Un- mnth gegen diese Lnmpenwelt Luft gemacht. Er war wieder einmal der Unfeine gewesen. Der Andere war wenigstens immer noch in den Grenzen des An- standes geblieben, aber er— Mutter sagte kein Wort, sondern fuhr nur fort, Vater ängstlich von der Seite anzusehen, zeitweise ihn fragend, ob ihm auch nichts fehle, oder ihn bittend, er möchte nicht so schnell gehen, es wäre ja unmöglich, mitzukommen. Papa ging dann einige Schritte langsam, ver- fiel aber gleich wieder in ein hastigeres Tempo. Es war, als ob ihn seine Gedanken trieben. Mama stöhnte und schwitzte.— Ein herrlicher Morgen, Alles so munter und frisch! Maurer mit alten Soldateumützen und Drillich- jackeu gehen zum Bau, pfeifen und lachen. Die Schwalben jagen dicht über dem Asphalt dahin. Aus den thaublitzeuden, grünen Rasenflächen einer öffeut- lichen Anlage laufen die Staare, in den Liuden zanken sich die Spatzen. Langsam füllen sich die Straßen. Das Klingeln der Pferdebahnen tönt nachhallend scharf und deutlich, ohne sich mit anderen Geräuschen zu ver- mischen; hier und dort öffnet sich schon ein Laden. Barfüßige, mehlbestaubte Bäckerbnrschen schieben Hand- wagen voll brauner, knusperiger Brote; Asphalt- arbeiter räumen ihr Handwerkszeug zusammen; der Sonnenschein lagert sich breit ans dem Pflaster, be- leuchtet scharf die Gesimse der Häuser, hebt sie gegen den noch ungetrübten Himmel ab, zeichnet jedes Schuörkelchen, jede Linie der Säulenköpfe, Karya- tiden und Arabesken. Und trotzdem wird mir so ängstlich zu Mnth. Die Luft scheint mir unerträglich schwül. Ich ver- suche an irgend etwas fest und bestimmt zu denken, es gelingt mir nicht.— Da fällt mir durch eine merkwürdige Jdeenverbindung ein Vers ein, den ich einmal letzthin gelesen hatte, und sofort paßt er sich meinen Schritten an. Ich muß ihn hersagen, ein — zwei— zehn— zwanzigmal— ich muß— er geht mir fortwährend im Kopf herum. Ich bin nicht fähig, irgend etwas zu bemerken, an irgend ein Ercigniß der letzten Stunden zu denken. Immer wieder dieser Vers!— Alles bewegt sich nach dem- selben Rhythmus. Die Pferde traben darnach, die Btanrer pfeifen ihn, die Spatzen piepen ihn von den Dächern, unsere Schritte klirren auf dem Pflaster. Soviel ich mich mühe, ihn loszuwerden, er verfolgt mich wie mein Schatten. „Und wir ziehen stumin, ein geschlagen Heer, Erloschen sind unsere Sterne. O Island, du eisiger Fels im Meer, Steig' auf aus nächtiger Ferne!"— Als wir zu Hans angekommen waren, ging ich in mein Zimmer, warf mich angekleidet auf mein Bett und schlief ein— schlief— ivie ein Todtcr — vollkommen tranmlos, in dumpfer Betäubung. Ich mochte ziemlich lange so dagelegen haben, als mich Jemand an der Schulter rüttelte, ich solle aufstehen. „Was ist denn los, Louise?" „Ach, lauf doch'mal schnell zum Arzt!" „Was ist denn?! Was ist denn?!" „Ach, der Herr liegt zu Bette und kann nicht aufstehen! Ganz puterroth ist er— und lauter Unsinn redt er— Ach Gott! Ach Gott! Ach Gott! Lauter Unsinn redt er!" Ich schnelle hoch wie ein Gummiball und starre Louise an. Eine Todesangst packt mich— ein Schlaganfall!!!— Das ist ein Schlaganfall!!!— Nein, nein, nein,— das ist nicht möglich— das ist nicht wahr— „Nu jeh' doch man schon!" sagt Louise ganz ruhig,„det is janich so leicht zu nehmen, Georg!" Ich stürze in Papas Zimmer. Schon draußen höre ich ein Röcheln oder richtiger, ein Schnarchen, einen unmodulirten Kehllaut. Papa liegt ruhig da, puterroth im Gesicht. Schlaff hängt der rechte Mundwinkel, das rechte Auge ist fast geschlossen, die Lider dick und geschwollen. Er sieht mich erstaunt an, gicbt aber durch nichts zu verstehen, daß er mich erkennt. Seine Gedanken sind verwirrt. „Zwciundfünfzig Buben— spiel den jüngsten — aber so spielen Sie ihn doch aus— Deutsch- land— solch Lump— solche— he— he— sünfzigtausend Mark.— Anna!!— Wo ist meine Frau?" kreischt er plötzlich auf, so daß ich entsetzt aus dem Zimmer laufe. Wie ich zum Arzt kam. weiß ich heutigen Tags »och nicht. Die Angst hatte mir die Besinnung ge- raubt. Ich war mir nicht mehr klar über das. was ich that, aber ich that�unwillkürlich das Nichtige. Jene schrecklichen-tage, wo außer der Krankheit noch die Roth und der Hunger bei uns zu Gast Die Itcitc Welt. Illustnrte Unterhaltungsbeilage. 4Z wareii, habe» sich iii mdiiem Gcdächtiiiß verschleiert, imd nur Ttäume köuueii dicseii Schleier lüften. Träume, die mir die Kehle zuschuürcu, die Mich erschaudern, aufschrcicu lassen, so daß ich empör- fahre, die Augen aufreiße, ins Dunkel starre, ohne daß es mir zum Bewußtsein kommt, was ich geträumt habe. Iluklare Eriuneruugen, die wie das schwarze, endlose Nichts mich beängstigen. Es war ein Schlaganfall, ein böser Schlag- aufall! Nur-langsam und schiver stellten sich die Sprache, die Gedanken wieder ein, nur langsam hoben sich die Gesichtsmnskelii. Nach Wochen durfte er aufstehen und noch beinahe ein halbes Jahr schleppte er beim Gehen den rechten Fuß nach, hielt den Arm angezogen, die Hand nach unten gerichtet, unbchnlflicher ivie ein kleines Kind. Er ivar nicht wiederzuerkennen, wie gebrochen. Um zivanzig Jahre war er plötzlich gealtert. Es war fein Schicksal! Der Arzt meinte zwar, es könne zehn, zivanzig, dreißig Jahre noch dauern, die Anfülle würden in immer größeren Zeiträumen immer schwächer wiederkehren. Er glich einem Baum, den der Förster Tod ge- zeichnet, daß er ihn bald fällen wollte. Es ivar zu traurig anznsehe», ivie dieser kranke Mensch sich mühte und quälte, ivie er fieberhaft er- regt umherlief, um zu verdienen. Sein Gcdächtniß, seine Rednergabe ließ ihn im Stich; plötzlich mitten im Satz, fehlte ihm ein Wort, und es ivar ihm unmöglich, sich darauf zu besinnen. Er durfte nichts trinken, kein Bier, keinen Wein, keinen Thee oder Kaffee, in keine Lokale gehen, und das war doch unbedingt für seinen Erwerb »othivcndig. Es ivar traurig mit anzusehen, wie er sich mühte, wie er noch immer hoffte und glaubte, wie ein Kind. Ich habe ihn im Lebenskämpfe ivohl matt, krank, lodtmüde, aber nie entinnthigt gesehen. Immer halte er irgend Etivas in Aussicht, was nnter allen Umständen iverden müsse, und niemals gelang ihm Etwas. Er hoffte stets, klagte nie. Wie Mutter ihn die Jahre hindurch pflegte, mit welcher Hingebung, mit welcher Lpferfrcndig- kcit! Ja, so kann nur ein Weib handeln! Es liegt in der Eigenart des weibliche» Charakters, Liebe zu spenden, in der des männlichen, sie für selbst- verständlich hinzunehmen. DaS Weib ist stets Mär- tyrerin; sie hat kein eigenes Leben, sie lebt für Andere. ** * _ Bon der Beerdigung meiner Tante hörte ich, daß der Aristokrat sich sehr würdig benommen habe, wie ein Mensch, der bei Gott Rath und Hülfe ge- fluiden und in fester Zuversicht für alle Sorgen, Kümmernisse und Schmerzen des Erdenganges einer schönen Vergeltung entgegensähe; während sein Sohn schrie, jammerte und winselte, daß man es fünf Minuten weit hören konnte, und der durchaus irrigen Ansicht huldigte, daß es seine Pflicht sei. in die Grube hineiiiznspringen und sich mit der Mutter zusammen verschütten zu lassen. Besonders fiel auch eine schöne, stattliche, in Schwarz gekleidete Dame auf. Niemand ivnßte mit Bestimmtheit, wer sie wäre und ivie sie hieße, nnd den Einzigen, der hierüber der Neugier hätte Ans- schlnß geben können, den wagte man nicht darnach zu befragen. tForlseyung folge.) K** Gin Mick ins Duchthaus. Von Detlev Robcrty. /föis war in der That nur ein Blick, nur ein kurzer, flüchtiger Blick, den ich zu Beginn des letzten Frühjahrs in eine derartige An- stall, Zuchthaus geheißen, zu thnii in der Lage ivar, nnd doch ivar er lang gemig, als daß ich jemals die ergreifenden Bilder menschlichen Elends vergessen könnte, die sich dort meinem Auge boten. Ich befand mich— um ganz genau zu sein, es war im April t8!16— auf der Reise nach dem Heimathsort meines Vaters, nnd mein Hauptzweck war die Ordnung geivisscr unerquicklicher Familien- angelegenheiten. Es ist natürlich, daß ich diejc w schnell als möglich zu erledigen suchte nnd den Rest meiner kurz bemessenen Zeit darauf verwandte, mir ivenigsteus von außen das kleine niederhessische Städi- che» zu betrachten, das an der Schwalm, inmiiten einer großen, fruchtbaren Ebene gelegen, durch zähes Festhalten an althergebrachter vollsthümlicher Tracht und Sitten, dem Großstädter noch heule viel des Interessanten bietet.— Freilich, so manche Wahr- zeichen der Vergangenheit, der einstigen Macht nnd Größe des Ortes, der noch im vorigen Jahrhundert als Festung eine ansehnliche Bedcntnng hatte, ivaren auf immer hingeschwunden. Die hohen, starken Wälle, die Z. einst mngaben nnd über die nur die Spitze des noch vorhandenen allen Kirchlcins ein ivenig emporragte, ivaren längst abgetragen worden, und nur der Graben, der seine schmutzigen, trägen Wasser der Schivalm zuführt, ist noch zum Theil erhalten. Dasselbe gilt von dem ganz alterthiimlichen nnd schon etwas baufälligen Nathhansc nnd dem bis 1866 knr- fürstlichen, umfangreichen Schlosse, der jetzigen Straf- gefangenenanftalt. Diese ein ivenig näher in Augenschein zu nehmen, war mein lebhafter Wunsch, nnd es traf sich für mich insofern anßcrordeittlich günstig, als vor wenigen Tagen erst ein entfernter Verwandter von mir, von K., als Zuchthansinspektor nach Z. versetzt ivorden ivar. Diesen suchte ich zu meinem Zwecke bereits früh Morgens in seiner nahe gelegenen Amtswohnung auf, nnd pünktlich, wie zwischen uns verabredet war, stand ich um zehn Uhr vor dem großen, eisernen HaupUhor der Anstalt. Mit einem gewissen Gefühl des Granens vor dem Orte, der so Manchen für das ganze Leben ivie lebendig begraben in seine Maiierii einschließt, zog ich die Schelle. Ein Wärter in einfacher, dunkler Uniform mit schmalen, blauen Litzen, an der Seite eine breite Klinge, öffnete mir. „Sie wünschen?" „Ich möchte zu Herrn Inspektor K." „Einen Augenblick," erwiderte er, indem er die bereits hinter mir zugeschlagene Thür knarrend ab- schloß. Darauf führte er mich, den großen, öden Anstaltshof zur Linken lassend, über einige weiße Sandsteinfliesen nach dem langen Korridor des ersten Stockwerks. Hier lagen die Zimmer der Inspektoren, und nach einem energischen Klopfen an einer der niedrigen, branngestrichenen Thüreu befand ich mich meinem Verivmidten gegenüber. Dieser, der Typus des pflichttrenen, aber ebenso pedantischen Beamten, war gerade damit beschäftigt, sein Bureau, das ihm sein Vorgänger in eiiieni„schauderhaften Zustande der Uiiordunng" überlassen hätte, nach seinem Gut- dünken neu cinznrichtc». Dabei ginge» ihm zivci Sträflinge— die ersten, die ich gewahrte— in stiller Geschäftigkeit hülfrcich zur Hand. Ich ver- mochte es nicht, die beiden noch jugendlichen Ge- stallen in ihrer enganliegenden kurzen, braunen Joppe nnd dem Beinkleid von gleicher Farbe sogleich näher ins Auge zu fassen, und'wie gleichgültig schweifte mein Blick durch die Scheiben des kleinen, festver- gitterten Fensters hinaus ans die ausgedehnten Wiesen, die unter dem Gold der Frühlingssonne in leuch- tendem Grün prangten. „So, jetzt können Sie gehen!" sagte der Inspektor nach einer Weile. Tie beiden„Braunen" griffen ein Jeder eilig nach seiner kleinen, schivarzen Mütze und„nahmen Stellung", wie der militärische Ausdruck lautet.„Was haben Sie denn übrigens gemacht?" ivandte sich mein Berivandter noch kurz an den Jüngeren der Beiden;„Sie waren Kauf- mann?" Der Angeredete, ein schmächtiger, junger Mensch, der ganz den Eindruck machte, als habe ihm selbst die kurze Zeit, die er in der Anstalt verweilte, be- reits jeden Willen zum Leben ertödiet, antwortete mit flüsternder, verschüchterter Stimme. Ich hörte nur ein leises„Ja" und etwas ivie„Urknndenfälschnng". Als'er nnd sein Schicksalsgenosse das Zimmer verlassen hatten, ivandte sich mein Berivandter zu mir. „Gedulde Dich noch etwas; ich habe noch eine kleine Konferenz, die wenige Minuten in Anspruch nimmt." sagte er,„dann können ivir gehen!" „Aber bitte," fügte er darauf hinzu, indem er meiner Hand einen ansgcbraiinten Zigarrenstummel entnahm nnd in der Glnth des eisernen Ofens ver- schwinden ließ.„Das ist hier nicht erlaubt. Die Kerle sind darauf ivie versessen, und wenn sie zu- fällig einmal so einen Stummel gesunde» haben, so benutzen sie ihn als Priemtabak und zehreu Wochen(!) lang davon." Als ich allein war und bereits fürchtete, mich nun ivohl doch mindestens eine Stunde langweilen zu müssen, sah ich nahe dem Schreibtisch ein grünes Büchlein hängen, dessen Tiiel mich lebhaft interessirie. Es ivar die Anstaltsordnnng, die jeder neue Ein- tretende sich aufs Geiianeste einzuprägen hat. Freilich iiiehr noch als mich der Titel intercssirte, erfüllte mich der Inhalt des kleinen Buches mit Ekel nnd Verachtung gegen eine Gesellschaft, deren„satte Tugend" nnd„zahlungsfähige Moral" sich herrlicher als in deni kurzen, sicher ans der Feder eines Geist- licheii stammenden Eingangswort nicht offenbaren konnte. Da hieß es etwa folgendermaßen:„Du bist jetzt ein gefangener Mann. In ernster, harter Arbeit wirst Du hinter den Mauern dieser Anstalt die Jahre zu verbringen haben, die als gerechte Strafe für Dein Verbrechen Dir zuerkannt ivorden sind. Du hast hier für die Sünde zu büßen, die einzig und allein Du auf Dein Geivissen geladen hast. Klage nicht die Gesellschaft an, aus der Du nun ausgeschlossen bist; sie hat kein Theil daran; usw." Und das am Ausgange des neunzehnten Jahr- Hunderts! Diese orthodox-religiösen, ja niittelaltcr- lichen Anschaunngen vom Verbrechen zu einer Zeit, da auch in dieses schier undurchdringliche Dunkel menschlichen Lebens die Fackel der Wissenschaft hinein- geleuchtet, da die Psychologie den Verbrecher ans seinen individuellen Anlagen, ans seinen physischen nnd psychischen Bedingungen heraus, die Soziologie ihn aus dem sozialen und ökonomischen Milien heraus begreifen lehri. Allein mehr noch als diese maßlose Beschränkt- heit empörte mich der salbnngsvolle Ton, in den sich dieselbe kleidete. Empört ivarf ich das Buch zur Seite. Und es war auch gerade die rechte Zeit dafür, denn in demselben Augenblick trat mein Verwandter ins Zimmer, um mich zur näheren Bcsichlignng der An- stalt abzuholen. Klopfenden Herzens nnd in banger Erwartiiiig des Koinmcnden trat ich in Begleitung meines Ver- ivandte» die„Jnspektionstonr" an. Der erste Raum, den wir betraten, war die Schncideriverkstatt.— „Httndcrtsechsuiiddrcißig Mann zur Stelle!" schnarrte die Militärstimme des Aufsehers, der eben- falls eine stramme Haltnng angenoinnien hatte. „Gut, lassen Sie weiterarbeiten." „Weiterarbeiten!" schnarrte es wieder durch den Saal, nnd im nächsten Augenblick hockte bereits Alles, emsig über der Nadel gebeugt, auf seinen Tischen. Wir schritten langsam von Einem zum Anderen, ivobei ich so, daß es der Betreffende nicht merken konnte, anfmerksam die Gesichter der Einzelnen be- trachtete. Da waren Junge nnd Alte neben solchen im besten Maiincsalter, große, starkgebante Gestalten neben armselig schmalen, schwächlichen; die Einen mit dem Ausdruck völliger Apathie, völliger Gleich- gültigkeit für Alles, was um sie vorgeht, mechanisch, stnmpfsinnig ihr Werk verrichtend, wie Arbeitsthiere, die man ins Joch gespannt hat und die beständig nur Eines, die Peitsche des Treibers hinter ihrem Rücken, fürchten; und daneben Andere, die sich nicht unterkriegen lassen ivollen, steifnackig, finster drein- schattend, mit all dem Trotz, ivie er im Auge des gefangenen Thicrcs der freien Wildniß lauert. Eines nur ivar ihnen Allen gemeinsam, ivie sie in ihrer gleichförmigen braunen Tracht, mit ihrem knrzgeschorenen Haar, dem glaitrasirten Gesichtern in lautloser Stille nm uns hersaßen,— jene dumpfe, fahle Farbe des Gefangenen nnd jener undefinirbare Stempel trostloser Oede, ivie ihn das Leben Allen aufdrückt, die ein gransamcs dunkles Schicksal hinter kalte, hohe Mauer» und schwarze Eisengitier ver- bannt hat. 4A Wir warfen noch einen kurzen Blick in einen kleineren Nebenranm, in dem an zwanzig Greise bei ihrer Arbeit saßen; Männer in kurzem, silbcr- meißeiii Haar mit durchfurchten, verwitterten Ge- sichtern, Männer, die hier nicht zum ersten Male saßen, denen sich die Zuchthauspforte schon mehr als ein Mal aufgethan, hinter denen sie sich nun wohl aber für immer geschlossen hatte. Wenn sie sich ihnen noch ein Mal aufthut, haben sie selbst nichts mehr davon; dann liegen sie starr und kalt im schlichten Todtensarg, um ihre letzte Reise anzu- treten— zur nächsten Anatomie. Ich athmete ordentlich erleichtert auf, als wir aufs Neue draußen auf dem geräumigen, stillen Kor- ridore standen und warteten, bis unser Begleiter die Thür verschlossen hatte. Da bot sich meinem Auge ein neues, noch nie geschontes Bild.— Unten, auf dem vorhin so vereinsamten Anstaltshofe, auf den ein schmales, vergittertes Fenster nur einen dürftigen Blick gestattete, war es jetzt lebendig. Ein Theil der Gefangenen, wohl an die hundert Mann, machten da nuten ihre„Promenade". Das heißt: in drei einander entgegenlanfenden konzentrischen Kreisen be- wcgten sich die braunen Gestalten— damit ja kein Verkehr untereinander stattfinden könne, jede fünf Schritt von der anderen entfernt— in eiligem Tempo um einen Aufseher als ihren gemeinsamen Mittel- Punkt und scharfäugigen Beobachter. „Also, das ist das ganze Bischen Sonnenlicht und frische, freie Himmelsluft," dachte ich bei mir, „die ein an diesen Ort Verbannter nach langer, har- ter Arbeit, für kurze Zeit einschlürfen darf,— und so, ans diese Art." Und dann dachte ich an so Manchen, draußen, außerhalb dieser Mauern, der hier seine„Promenade" nicht machte, nur weil er vielleicht einen spitzfindigen, zungengewandten Anwalt hatte bezahlen können, oder weil man ihm nach langem, glänzendem Leben auf Kosten Hunderter und Tausender noch Zeit gelassen hatte, sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen, oder... oder..."— Aber da klopfte mir auch schon mein Vertvandter, der Inspektor, auf die Schulter. Wir gingen weiter zur Kirche. Warum sollte ein Zuchthans auch keine Kirche haben? Vielleicht daß die sonntägliche Predigt des Geistlichen, der von der großen Gesellschaft draußen in ihrem reinen Unschuldskleid und von der Sünd- haftigkeit und der alleinigen Schuld der vor ihm sitzenden Gefangenen redet, doch gute Früchte trägt! Daß etwa Derjenige, der wegen wiederholten Dieb- stahls ins Zuchthaus kam und, nachdem er selbiges verlassen und sich vergeblich nach Arbeit umgethan, den letzten Pfennig der in der Anstalt sauer verdienten kleinen Summe verausgabt hat, daß dieser, nun sich die Hand vielleicht nach fremdem Gute ausstrecken möchte, nur um des Leibes Blöße zu bedecken— nun sich als frommer Christ deS siebenten Gebotes erinnert— und lieber hungert und friert— als stiehlt! Also die Kirche; sie bildet kein selbstständiges Gebäude, sondern liegt mitten in der Anstalt drin. Es ist ein großer, in dunklem Ton gehaltener Raum, mit allerlei religiösen Wandmalereien, einer holz- getäfelten, braunen Decke und einigen, natürlich auch festvcrgitlerten Spitzbogenfcnstern. An der einen Wand, ungefähr in der Mitte, steht ein mit einfacher weißer Decke gezierter Altartisch mit dem üblichen Kruzifix und einigen Leuchtern darauf. Rechts davon erhebt sich, mit spärlichen Holzschnitzereien versehen, die Kanzel, von der man auf ein Heer langer, schlichter Bänke und eine Reihe kleiner Käfterchen— für die Zellengefangenen— herniederdlickt. Wir verweilten nicht lange an dieser, heute völlig vercinsanitcn, stillen Stätte, die im llebrigen kaum etwas Sehcnsiverthes aufzuweisen hatte, und wandten uns nach den, am anderen Ende des Korridors ge- legencn Schlafränmcn. Es sind dies große, weiß- getünchte Säle, ähnlich denjenigen der Kaserne— in denen die eisernen Betten nebeneinander in mehreren Reihen ausgestellt sind, alle mit grobem weißen Unter- und rothem karrirten Oberzeug gedeckt; eines genau wie das andere, höchstens durch die Größe ein wenig voneinander verschieden. Also hier verbrachten sie nach des Tages fast ununterbrochener, harter Frohn die wenigen Stunden der Nacht, um die nöthige Kraft für des nächsten Tages Last und Mühen zu sammeln!— Und doch hatten es Die, die hier schliefen, noch immer gut gegen Diejenigen, die im Saal daneben den müden, erschöpften Leib für kurze Zeit zur Ruhe betteten. Es war der Schlafraum für die Zellengefangenen, ein Saal, kleiner als der vorhergehende, der, soweit es der Raum nur irgend zuließ— mit einer Art Käsigen ausgefüllt war, ähnlich wie in einer Nie- nagerie wilder Thiere. Oder mit ivas Anderem als Käfigen könnte man diese Schlafstellen vergleichen, die etwas über Manneshöhe, auf allen Seiten mit festem Drahtgitter umgeben, nur so groß sind, daß ein Bett und ein Stuhl nothdürftig darin Platz haben? So ist die Lagerstatt Denjenigen bereitet, die nach der trostlosen Einsamkeit des langen Tages auch für die Dauer der Nacht wie>vilde Thiere eingeschlossen, nur sich selbst und ihren dnmpfen, trüben Gedanken überlassen werden. Ihren einzigen Verkehr bildet der Wärter, der Schließer, der ihnen die Speisen bringt, der ihnen am Morgen öffnet, uni sie— einzuschließen zur Arbeit, und der ihnen am Abend öffnet, um sie— einzuschließen, zum Schlafen. Was Wunder, dachte ich, wenn in solchen Men- schen, die ihre Tage und Nächte wie in einem Käfig verbringen, großgezogen durch die quälende, geist- tödtende Verlassenheit, durch ein ununterbrochenes, stumpfes Vorsichhinbrüten— endlich die Bestie er- wacht, sich aufreckt, an ihren Gittern rüttelt und ihrem Wärter die Zähne weist! Wenige Minuten darnach schon bot sich mir als harte, erschütternde Thatsache, was ich mir nur erst als möglich vorgestellt hatte.— Wir waren nach dem Erdgeschoß hinabgestiegen, wo zu beiden Seiten des langen, kalten Korridors die Einzelzellen lagen; ich hatte hier und dort einen Blick durch das kleine Fensterchen der schweren Eisenthüreu in den schmalen von oben erhellten Raum geworfen; die Meisten waren emsig über ihre Arbeit gebeugt, denn dabei giebt es kein Säumen; wer die ihm aufgegebene Arbeit nicht fertig bringt, erhält wohl ein-, zweimal einen Verweis, aber dann kommt gleich Dunkel- oder Latten- arrest, Schmälerung der Kost— und Prügel. Hier und dort lehnte aber wohl auch Einer für einige Minuten mit verschränkten Armen vor seinem Tische und starrte, über sein Schicksal brütend, mit müden, düsteren Augen ins Leere. Da, was war das? Dort stand ja eine der schwarzen Eisenthüreu offen! Wir traten eilig näher. Die Zelle war leer, oder nur zwei Aufseher darin, damit beschäftigt, den Boden von mehreren großen Blutflecken und einer Menge Scherben zu reinigen, die ringsumher lagen. „Aha, hier war es?" rief mein Verwandter aus.„Wie ist es denn eigentlich zugegangen?" Einer der Aufseher erzählte kurz den Hergang des Kampfes, der sich vor einigen Stunden erst hier abgespielt hatte. Der Jnhaftirte, ein Bayer von Geburt und etwa 28 Jahre alt— so wenigstens konnte ich der schwarzen Tafel entnehmen, wie sie in einer jeden Zelle angebracht ist— hegte seit Langem einen Groll gegen den Beamten, der ihn zu in- spiziren hatte. Diesen Morgen nun, als Letzterer die Zelle betrat, stand der Gefangene, den porzel- lauen Deckel des Abortgefäßes in der erhobenen Rechten, ihm gegenüber, um ihm den Schädel ein- zuschlagen. Allein der Wurf war fehlgegangen, der Aufseher, dem nur einige Finger der linken Hand verletzt waren, hatte blankgezogen und den Ge- fangeuen mit Hülfe eines Kollegen nach kurzem Ringen überwältigt. Wenige Minuten sollte ich den Betreffenden leibhaftig vor mir sehen. Es war im Kranken- zimmer, in dem in einigen Betten an der Wand armselige braune Gestalten hockten. Dort stand er mit blutgetränktem Verbände um den Kopf, die Hände und Füße fest in Eisen geschlossen, nahe dem rothglühenden Ofen. Eine mittelgroße, stark- knochige Figur von unbezwingbarem Trotz. Der In- spektor redete ihn an. „Wollen Sie denn durchaus nicht im Guten hören?" „Mehr als ich machen kann, mache ich nicht," entgegnete der Angeredete kurz, hart, und dabei blickte eine unsagbare, fast möchte ich sagen heroische Verachtung aus seinen höhnisch verzerrten Miene». „Und was wird mit Deni?" fragte ich meinen Verwandten, als wir die Stube verlassen hatten. „Darüber ist vorhin in der Konferenz(dieselbe hatte höchstens fünfzehn Miliuten gedauert) bereits beschlossen worden. Der Kerl kriegt, sobald sein Schädelbruch geheilt ist,— seine dreißig Hiebe. Es durchschauerte mich beim Gedanken an diese Prozedur, und doch mußte ich noch Näheres darüber erfahren.„Wie ist das?" fragte ich. „In einem entlegenen Räume der Anstalt", gab mir mein Verwandter trocken zur Antivort,„wird der Betreffende, der statt seiner braunen Tuchhosen jetzt nur ein Paar dünne leinene trägt, an einen Bock festgeschnallt, und dann verabreicht ihm, im Beisein der Inspektoren, des Direktors und des Anstaltsarztes, einer der Aufseher die vorgeschriebene Anzahl." „Und wie benehmen sich die Betreffenden dabei meist?" „Das ist verschieden. Die Einen geben keinen Laut von sich, indem sie die Zähne vor Schmerz tief in das Holz einschlagen; Andere wieder brüllen natürlich wie das Vieh.— Freilich, beim vierten, fünften Peitschenhiebe färbt sich das weiße Leinen auch bereits blutroth". Jetzt sagte ich nichts mehr. Wozu das auch einem Beamten der Anstalt gegenüber? Was konnte das nützen? Aber denken mußte ich bei mir nniso- mehr. Mir wars, als hätte ich soeben Jemanden sagen hören, daß es im Deutschland des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts noch Folterkammern gäbe, und doch weiß ich ja, daß wir im Zeitalter der Wissenschaft und Humanität leben. Wir Glücklichen! Wir waren mit unserem Rundgange zu Ende und kletterten zum Schlüsse nur noch über eine Rteiige Steinstufen zum Thnrme der Anstalt empor. — Ich fühlte mich>vie von einem schweren Alp erlöst, als ich den Kopf zwischen die schmalen schwarzen Holzlnken ins Freie strecken konnte. Wohl noch nie in meinem Leben habe ich mit solcher Gier frische freie Luft, Frühlingslufr eingesogen, noch nie mit solcher Seligkeit goldenes Sonnenlicht getrunken wie damals.— Vor mir dehnten sich unter dem leichtbewölkten Blau des Himniels in weitem Um- kreise die feuchten Wiesen in ihrem frohen satten Grün. Hier und da glitzerte ein Bach, ein Stückchen Fluß wie ein metallncr blendender Schmuck aus der herrlichen Frühjahrstoilette der Natur hervor. Jen- seits der hohen Anstaltsmauer piepten und zwitscherten die Vögel in lustigem, ausgelassenem Chorus. Wie ein Jauchzen der Freude klang es aus der Nähe und Ferne an mein trunkenes Ohr, und selig stimmte mein Herz nnt ein in dieses nie vernommcnc und doch hörbare Singen und Klingen der jubelnden Natur—— denn auch ich war ja nock ein freier Mann. ii« IM mit Zictla Wfltjcr Jalion. Von Ernst Wahrmund. .ans von Schivcinichen, der Sprößling eines altadeligen schlesischen Geschlechtes, ist am --- 25. Juni 1552 auf dem fürstlich Liegnitz- schen Schlosse Gröditzberg geboren. Ter Dorfschieiber seines väterlichen Stammgutes Mertschitz(Kreis Licg- mtz) gab ihm den ersten Jngendunterricht, darauf kam er 1562 als Studienkamerad des jungen Herzogs Friedlich IV nach Liegnitz, wo er zugleich dem auf dem Schlosse in Haft gehalteneu alten Herzog Friedrich III. als Page aufwartete. Nach einem einjährigen Besuch der Schule zu Goldberg be- gleitete er seinen Vater Georg von Schweinichen. Hauptmann des Gröditzberger und des Goldbergcr Kreljes, auf seinen Dienstreisen. Darnach trat er als Hunker in die Dienste Herzogs Heinrich XI. Dieser unruhige und verschwenderische und darum von fürchterlicher Schuldenlast fortwährend gepeinigte tfurst machte Jahre lang die abenteuerlichsten 4(i Pic Gleite A)e1t. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Fahrteu durch Schleiim und ius Reich, nnch Pole» und Böhmen, ivobci ihm Schweiuichcn ein steter Begleiter und czar getreuer Tieuer war. Sein Amt eines Marschalls und Hofmeisters bettete ihn nicht auf Rosen, denn die ihm obliegende Leiinng des Hofhaltcs bei steter Ebbe in Jhro Fürstlichen Gnaden Kasse, der wüsten Wirthschaft und große» Tchnldeu- last ivar keine Kleinigkeit, da ja dem getreuen Diener seines Herrn oblag, die Mittel zur Bestreitung des Hofhaltes aufzutreiben. Hans legte darin nun ein wahlhaft seltenes Genie an den Tag, ließ sich auch durch die er- stannliche Anhänglichkeit an das fürstliche Haus in eigene Roth und Bedrängnisse aller Art verstricken und lehnte doch mehrere verlockende Anerbieten zu weniger aufreibenden und mit weniger Kosten, Ler- lnsten und Gefahren verbundenen Stellungen ab. Für seine Beamtung brachte Schiveinichen, wenn auch keine sonderlich tiefe Bildung oder gar Schul- gelehrsamkeit, dafür aber praktischen Blick, Ilmsicht nnd Geschick mit; auch als Landwirth mag er tüchtig gewesen sein, ebenso läßt sich ihm eine Art Ilnteroffiziersfrömmigkeit nicht abstreiten. Daneben besaß Schiveinichen auch alle Tugenden, lvelche ein Adeliger nnd Hofmann jener Tage besitzen mußte: er verstand es namentlich ganz vor- züglich, bei Jhro Fürstlichen Gnaden„vor den Trunk zu stehen", d. h. er ließ sich bei dem damals stark üblichen Zutrinken ganz bedeutender Biengen von Wein von Keinem werfen, was damals nicht nur dem ausgezeichneten Trinker selbst, sondern auch seinem Herrn zu hoher Reputation zu gereichen pflegte. Schweinichen hat Tagebücher und eine Schilde- rung der von ihm als Hofmeister angeordneten nnd geleiteten„Prozesse", d. h. Hoffestlichkeiten, hinter- lassen, welche für die Sittengeschichte jener Zeit, namentlich für die Zustände der„guten Gesellschaft", d. h. der adeligen Kreise, sehr lehrreich sind. An der Hand dieser Aufzeichnungen wollen wir dem Leser ein Bild fürstlichen und adeligen Lebens im t tt. Jahrhundert zu zeichnen suchen. Friedrich III. von Liegnitz, der Aeltere, später auch der Tolle genannt, huldigte einem unstäten, rastlosen Leben und war immer auf Reisen, so daß er selbst beim Tode seines Vaters erst im Auslände gesucht werden mußte. Er überraschte gleich beim Antritt seiner Regierung die geliebten nnd getreuen Landstäude des Fürstenthums uiii dem allerguädigsten Anfinuen, nicht nur seines Herrn Vaters, sondern auch seine eigenen recht erheblichen Schulden, etiva 63 000 fl ungarisch, zu übernehmen. Dagegen war besagter Reisefürst sehr iveuig geneigt, die Rechte der Landstände nnd der Städte zu respektiren, und ließ sich häufig eigenmächtige und gewaltsame Eingriffe in die Vertvaltuug und Rechtspflege zu Schulden kommen. Als die Mißwirthschaft ihren Gipfel erreichte und im Jahre 1551 der tolle Friedrich eben wieder auf Reisen nach Frankreich war, ward das Regiment des Fürstenthuins im Auftrage des römischen Königs durch Georg von Brieg und die Räthe des Bischofs von Breslau mit Beschlag belegt und bis auf iveitere Verfügung zum Besten des unmündigen Prinzen Heinrich Stadt und Fürstenthnm Liegnitz in Verwaltung genommen. Begründet wurde diese Maß- regcl mit dem„trefflich bösen Leben" des Herzogs -Friedrich, der, wie es in einem späteren Befehl hieß, bei Einsetzung einer geordneten Regierung, lvelche Otto von Zedlitz auf Parchwitz führen sollte, „nun eine gute Zeit allerlei bösen, sträflichen Lebens und Thaten gebrauchet, sich Uns widersetzlich und ungehorsam erzeiget, mcßliche Schulden gemacht, auch, als er in Frankreich gezogen, eine meßliche Summe aufgebracht und mitgenommen nnd seinen Ilnterthanen allerhand Beschivernng zugefüget, da- durch anders nicht zu gewarten, wo dem nicht zeit- lich vorkommen(vorgebeugt würde», denn Ver- armnng und Verderbung seines Sohnes, Gemahls, Land und Leute." Es gelang indeß später Friedrich, seine Wieder- cinsetzung gegen hochtheure Versprechungen, sich zu bessern, zu erlangen. Sehr bald aber ging das alte Leiden iviedcr los. Als die Landstäude sich weigerten, dem Fürsten seine 300 000 Gulden be- tragenden Schulden zu bezahlen, überwarf dieser sich mit den Landständen und löste sie in Ungnaden ans. Das zivecklose Verschwenden und Herumreisen ward trefflich fortgesetzt. Dazu kamen Familienzwiste Friedrichs mit seinem Bruder Georg, dem er 52 000 Gulden schuldete, ja mit seinem eigenen Sohne 5oeinrich, der floh und endlich am kaiserlichen Hofe Dienste nahm. Endlich wurde der tolle Friedrich nach Breslau geladen,„verstrickt"(d. h. verhaftet) nnd 1560 im Rosengemache des Schlosses zn Liegnitz gefangen gesetzt und das Regiment dem inzwischen mündig gewordenen Prinzen Heinrich überwiesen. Dessen Vater starb als Gefangener 1570. Der Sohn zog iveuig gute Lehre aus dessen Schicksal. Der Apfel fiel in diesem Falle that- sächlich nicht weit vom Stamme. Heinrich XI., der 1560 die vier Jahre ältere, nicht eben sanftinüthige Prinzessin Sophie von Ansbach heirathete, trat ganz nnd gar in die Fußstapfen seines würdigen Herrn Vaters. Ehe wir Hans von Schiveinichen in dessen Dienste begleiten, noch ein paar Züge aus dem Jugendleben des Vasallen. Als er einst nach der Schule Gänse Hilten sollte, liefen diese Thicrc oft auseinander, der „gute Hirt" nahm nun kleine Stäbchen und steckte sie den Thieren in die Schnäbel,„da blieben sie stille stehen nnd wären alsobald erdürstet." Aus der Zeit seiner gemeinsamen Studien mit seinem späteren Herrn berichtet Schweinichen, daß er die „Mit-Hcller" seiner Mutter, die Muttcrgroschen, tvie wir heute sagen, dazu verwendet habe, den gestrengen Herrn Präzeptor zu bestechen, um keine Schläge zu bekommen,„denn der gute Mann ging gern an die Buhlschaft zn schönen Frauen nnd hatte nicht Geld. Darum ließ er oft Fünfe grade mit sein, damit ich ihm nur aufivarte und Geld gab." Im Pageudienste des„verstrickten" alten Her- zoges, dem Schiveinichen nnswarten mußte als „Kellerherr" und in dessen Stube er schlafen mußte, wenn Jhro Fürstlichen Gnaden einen Rausch hatten und nicht im Bette liegen mochten, gings ihm auch recht merkwürdig. Er hatte dessen Nappier zu ver- wahren, das der Fürst seine„Jungfer Käthe" nannte; wenn er es dem Herzog brachte, machte es diesem Spaß, seinem jungen Dienstmann eine Ohrfeige zu geben mit de» Worten:„Wie gefällt Dir die, war es nicht eine gute fürstliche Maul- schell?" Schweinichen fügt dann hinzu:„Wenn ich Solches lobet, so gab JFG(Jhro Fürstliche Gnaden) mir einen Silbergroschen zn Semmeln, aber die Maulschell war viel besser als 20 Silber- groschen, nnd sollte doch groß Gnade sein, der ich lieber entrathen hätte ivollen." Gar lustig schildert er weiter, wie JFG sich mit Blasrohrschießen erlnstiret, auch„voll oder nüchtern" damals in der Enstudio als Gefangener gottesfürchtig gewesen und allzeit lateinisch ge- betet habe. Gegen seinen Sohn sei der gefangene alte Herr nicht sonderlich gut gesinnt gewesen, aber so oft ihn derselbe besuchte,„stellten JFG Alles beiscit und tranken einen guten Rausch mit." Oester aber hörte Schiveinichen, wie der Alte sagte:„Sohn, wie Du mich itzo gefänglich hältst, als(ebenso) wird man Dich iviedcr gefänglich halten." Einst mußte Schweinichen im Auftrage des alten Herrn dem von diesem arg gehaßten Hofprcdigcr einen Zettel auf die Kanzel legen, auf dein stand ein Spottvers, den der tolle Friedrich gedichtet hatte, des Inhaltes: Alles Unglück und Zwietracht Zwischen mein Sohn Herzog Heinrich hochgeacht, Das richtlets alles der Suppen-Pfasic an, Der verlaufene, fränkische, lose Mann. Herzog Heinrich untersuchte den Fall und der alte Schweinichen bat seinen Sohn los von dem Dienst auf Schloß Liegnitz. Ans der Zeit der Hof- und Amtsrcisen mit seinem Vater berichtet Schweinichen eine Geschichte, die für einen angehenden Höfling sehr lehrreich gewesen sein muß. Sein Vater,„ein guter Renner und Stecher", d. i. Turnierreiter, ward einmal zu Dresden von Kurfürst Augnstus zu einem Gang aufgefordert, der „gar heimlichen",»nr vor„kur- nnd fürstlichen Per- sonen" stattfand. Der Kurfürst mußte den Sattel räumen, der alte Schweinichen aber,„der wohl hätte sitzen bleiben können, begab sich mich in den Fall, sone es das Ansehen hätte_(damit es schiene), Jhro Kurfürstliche Gnaden hätten ihn runter gerannt, ivelches hernach dem Kurfürsten eine sonderliche Freude gewesen." Vater und Sohn Schweinichen erhielten auch eine entsprechende„Verehrung", der Alte eine goldene Kette, der Sohn einen Doppelflorin. Auf der Schule zu Goldberg bekam Schweinichen der Jüngere das Slndienwesen bald satt.„Weil allbcrcit," sagt er,„in meinem Haupte das Hof- wcsen steckte, hatte ich nur mehr Lust zn Reiterei, als zu Büchern; derwegen machte ich allerlei An- schlüge, wie ich möchte von Goldbcrg wegkommen." (Schluß folg!.) ;pas sch�rxanztose Kalb. Eine lehrreiche Geschichte ans Finland. Nach Santcri Jngina». Von L. Brauscw.ttcr. �Hie kleine Stadt P. lvar durchaus kein so iinbe- deutendes Rest. Sie hatte sogar eine eigene Zeitung und eine eigene Druckerei, und es giebt Orte, welche das nicht haben. Wie gesagt— sogar eine Druckerei, eine ganz neue und nach modernstem Muster. Rur einen Fehler hatte dieselbe: sie hatte nichts zn drucken. Die Zeitung nahm sie zwei Abende und zwei Morgen wöchentlich in Anspruch; aber im Uebrigen stand die Maschine still und versauerte in ihrem Ocl, und die Setzer und Drucker schlenderten ohne Beschäftigung umher, indem sie den Lohn für ihre nicht zur Verwendung gekommene Kunstfertigkeit einsteckten, heruinbuniinel- ten, kneipten und allgemeines Acrgerniß erregten. Die Druckcrcigcnosscnschaft hatte bereits mehrere Berathnngen abgehalten, um henniszubekomnien, was in aller Welt man wohl drucken könnte. Man hatte hin- und hergcredet, hier und dort nachgehört. Vor- schlüge waren gemacht und Angebote geprüft worden; aber man war zu keinem Resultate gekommen. Die Druckerei stand nach tvie vor vier Tage in der Woche still. Abermals wurde eine Versammlung abgehalten, die beinahe ebenso wie die bisherigen verlaufen wäre. Da erhob sich der Gerber des Ortes, der auch einen Antheilschein besaß, aber bisher nicht gewagt hatte, in literarischen Fragen dreinzureden, nnd meinte: „Ich weiß nicht, wieso alle bisherigen Vorschläge verivorfen wurden. Aber ich erlaube mir nun etwas vorzuschlagen, wogegen Niemand etwas zn sagen haben dürfte. Krönen wir unser Werk damit, daß wir mit dem Anfang beginnen und ein Ab.-Bnch drucken." Ein Abc-Buch!— Das war eine Idee! Alle ivaren sofort dafür. Der Postmeister empfahl den Vorschlag sogleich zur allgemeinen Annahme nnd meinte, man solle die Bilder dazu ans Deutschland beziehen. Auch der Händler vom Marktplatz war derselben Meinung. Dieser Vorschlag könne keine Verluste verursachen, aber allmälig ganz hübsche Einnahmen abwerfen. Die Druckkosleu könnten sich nicht zn hoch stellen, und ein allzu hohes Honorar brauche man ja dem Verfasser auch nicht zu zahlen. Das Buch würde aber gehen, wie warme Semmel. Der Oberlehrer, der im Allgemeinen die Tinge von einem höhere», ideelleren Standpunkt, als die Anderen, zu betrachten pflegte, unterstützte ebensalls den Vorschlag, der eine„weittragende ideelle Be- dentnng" hätte. Auch der Rektor und der Land- richter traten dieser Meinung bei, selbst der Doktor widersprach nicht, sondern lachte nur ein wenig in seinen Bart hinein. Der Vorsitzende der Gesellschaft, der einzige Koinnierzicnrath des Ortes, hörte die langen Reden geduldig an, nnd der Apotheker führte fleißig das Protokoll. Schließlich, als die Diskussion ihr Ende erreicht hatte, kvnstatirte der Vorsitzende in wohl- gesetzter Rede, daß ein beachtenswerther Vorschlag Aie Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 47 gemacht fei und keiiicu Widerspruch gesunden habe und daß mau sich jetzt darüber äußern möge, ob ein Abr-Bilch mit Bildern ans Teutschland heraus- gegeben werden solle. Die Frage wurde bejaht. So lvar der Beschluß gefaßt und der Vorsitzende hatte das Gefühl, als wenn eine schivere Last von ihm genommen wäre. Alle Ivaren von dem Beimißt- sein erfüllt, daß man doch zu etwas tauge, und von einem ninthigen Vertrauen auf die Zukunft, welches diese Gewißheit mit sich brachte. Deswegen beschloß man auch, nachdem ein Ausschuß von fünf VHt- gliedern für die Herausgabe des Abc-Buches ernannt war, sich gemeinsam in das Kasino zu begeben, um das iiene Unternehmen mit einer Flasche Wein zu begießen.— Anderthalb Monate waren vergangen. Die Jllnstralioiien warcn bestellt und eingetroffen. Und abermals wurde die Genossenschaft berufen, um die Vorschläge des Vorstandes zu hören und einen defi- nitiven Beschluß zu fassen. Die Clichcs für die Bilder wurden betrachtet und bcwniidert. Unter ihnen war eines, welches Josef darstellte, der seine Heerde hütete. „Sehen Sie das Vieh, wie natürlich!— Schafe und Kühe." „Ja, weiß Gott. Und ein Kalb, das wie toll umherspringt, mit erhobenem Schwänze." „In der That, mit erhobeneni Schwänze." „Eigentlich ist es doch überflüssig, daß das Kalb so mit unanständig emporgehobenem Schwänze ab- gebildet wird. Ei» schönes Bild ist das eigentlich nicht— ," fühlte sich der Postmeister sofort berufen zu sage», um auch etwas zu bemerken zu haben. „Ein ganz überflüssiger Scherz mit einer ernsten Sache," fügte der Vektor hinzu. „Nicht nur überflüssig," meinte der Oberlehrer, „sondern geradezu anstößig; es verletzt nicht mir den Schönheitssinn, sondern auch das Schamgefühl." „Was soll denn dabei anstößig sein— ein Kälberschwanz— der muß doch hierhin oder dort- hin zeigen," meinte der Gerber und reichte das Bild dem Rektor.„Ich finde das Bild sehr nett, trotz des Schwanzes." „Ich bin der ganz entgegengesetzten Ansicht und begreife nicht, wie man für ein Kinderbuch solch ein schamloses Bild schicken kann."— Der Rektor ließ das Bild ärgerlich auf den Tisch fallen.„So was können wir in unser Abc-Buch nicht hineindrucken, und ich schlage daher vor, das Bild ganz fort zu lassen." „Das geht nicht," erklärte der Händler vom ■Markte.„Wir haben die Bilder nun einmal bestellt und bezahlt. Sie müssen daher auch verwendet werden! Und was den Kälberschwanz anbetrifft, so drucken wir einfach nicht das ganze Bild; man kann ja den Schwanz fortgraviren— das ist leicht zu machen." „Dann hätte das Kalb ja gar keinen Schwanz," ließ sich mahnend der Apotheker vernehmen, ohne den Kopf von seinem Protokoll zu erheben. „Ja, allerdings; aber was thuts? Um so viel weniger anstößig würde das Bild sein." „Sollen wir wirklich ein schwanzloses Kalb hinein nehmen?" fragte der Vorsitzende, in Verlegen- heit, in welcher Form er diese Frage zur Abstimmung stellen sollte. Da erhob sich der Doktor:„Das ist ja der reine Unsinn. Daß das Kalb mit erhobenem Schwänze dargestellt ist, ist durchaus naturgemäß, da es einmal ein solch lustiges, junges Ding ist, welches voller Freude umherläuft, von Uebermuth erfüllt ist und längs der Wiese hingaloppirt, so daß der Schwanz emporfliegt. Es wäre einfach unnatürlich, wenn es anders abgebildet wäre! Gerade das beweist den Scharfsinn des Künstlers und seine feine Beobach- tnngsgabe, und es wäre die größte Thorheit, wenn wir das Bild deshalb ausschließen wollten; und noch dümmer und lächerlicher wäre es, den Schwanz fort- zugraviren. So, wie das Bild ist, ist es nett und natürlich." „Natürlich, gewiß ist es natürlich," äußerte der Rektor, der bereits begann, erregt zu werden,„aber ist es auch eine schickliche Natürlichkeit? Natürlich ist es ja auch, daß der Hund sich kratzt und das Schwein im Schinntze wühlt, aber ist das Kunst, und ist das solche Kunst, wie sie für die Kinder, die Kinder des Volkes, passend ist? Ich frage nur." „Na, na," fiel der Postmeister ei», der die ganze Kälberschwanzfrage angeregt, aber sich nicht gedacht hatte, daß die Sache zu einer so heftigen Auseinandersetzung führen würde, und außerdem sehr wandelbar in seinen Ansichten war.„Man braucht ja die Sache nicht von einer so häßlichen Seite zu betrachten, so schaut es auch das Kind nicht an. Wenn man sich die Sache recht überlegt, so sehen ja die Kinder jeden Sommer die Kälber so auf den Wiesen herumspringen, und abgebildet kann das doch nicht gefährlicher sein." „Nicht?" rief der Oberlehrer mit Nachdruck. „Wir haben nach meiner Ntcinung unsere Pflicht ganz falsch aufgefaßt, und es wäre viel besser, wenn wir garnicht mit dem Druck eines Abc-Buches oder überhaupt nicht mit dcni Druck von Büchern an- gefangen hätten, wofern wir die Absicht haben, solchen Schmutz zu verbreiten. Und wohin verbreiten wir ihn? In die noch unverdorbenen Glieder des Volkes. Sollen wir wirklich die glückliche, reine Kindlichkeit der Kinder des Volkes verderben und dadurch die Zukunft unseres ganzen Volkes und dessen sittliche Kraft vernichten?" „Allerdings ist es eine leichtsinnige und unan- ständige Art, daß das Kalb so seinen Schwanz in die Höhe hebt—" das erkannte auch der Gerber gern an.„Aber mir scheint, daß es nicht so ge- fährlich ist, gerade weil es ein Kalb ist, eine einige Wochen alte Milchschnauze, von der man nicht viel Lebenserfahrung verlangen kann. Ganz etwas Anderes wäre es, wenn es sich um einen großen Stier oder eine alte Kuh handelte, aber da es nur ein Kalb ist, können wir es ihm wohl verzeihen." „Oho," rief der Landrichter.„Ist das anständig, ist das eine Art und Weise, auch selbst für Kälber, mit emporgehobenem Schwänze herumzustolziren— was soll man dann erst von Anderen erwarten! Zeigt dergleichen nur Euer» Kindern, damit sie sehen, wie es mit Eurer Auffassung von Ordnung und An- stand steht!" „Ich sagte bereits soeben, daß das Unsinn ist," erklärte der Doktor.„Uebcr solch eine Sache— einen Kälberschwanz— wird Stunden lang gestritten und Ordnung und Sittlichkeit hineingemischt,.obwohl es doch, weiß Gott, wichtigere Dinge zu entscheiden giebt. Lassen wir nun endlich das Kalb in Ruhe." „Hier handelt es sich durchaus nicht nur um einen Kälberschwanz, die Frage dreht sich vielmehr um den Grundgedanken, auf dem unsere Genossen- schaft begründet ist und nach welchem sie bei der Verbreitung von Wissen und Bildung handeln muß." Der Rektor wurde immer eifriger.—„Die Frage dreht sich um weit höhere Ideen, zwischen denen auch hier bei uns der Kampf begonnen hat, ein Kampf zwischen hohen Idealen und den Dienern des Lichtes auf der einen Seite und der Entartung auf der anderen Seite, die unter dem Schutze der unschuldigen Bezeichnungen Natürlichkeit und Wahr- heit sich auch in unsere friedlichen Faniilienheime einzudrängen sucht. Ich muß die Genossenschaft warnen, daß nicht dieses Gift unsere schöne Arbeit vernichte." Der Doktor wurde ungeduldig, und der Vor- sitzende, der dieses bemerkte und dem die Sache ebenfalls zu sehr in die Länge gezogen wurde, meinte daher:„Meine Herren! Kommen wir zum Schlüsse. Zwei Vorschläge sind gemacht worden, der eine, daß das Bild ganz fortgelassen werden soll, der andere, daß man nur den Schwanz fort- graviren soll, aber dieser letztere Vorschlag scheint mir keinen Beifall zu finden." Der Landrichter bat ums Wort. „Es war gerade meine Absicht, diesem Antrage beizupflichten. Der Schwanz ist das unanständige Moment, und darum braucht man wohl nicht den Josef mit seiner ganzen Heerde zu verwerfen." Der Gerber sprach gegen das schwanzlose Kalb, ebenso der Postmeister, und die Diskussion flammte von Neuem auf. Ter Oberlehrer erging sich wieder in allgemeinen Betrachtungen und sprach von den Gefahren, welche dem Volke und dem Vaterlande drohten. Der Rektor erklärte sogar, wer in kleineren Dingen das Gemeine als natürlich ver- theidige, auf dessen sittlichen Standpunkt in größeren Fragen wäre auch kein Verlaß, da seine Begriffe vom Schicklichen und von der Keuschheit völlig ver- wirrt wären. Da wurde der Doktor endlich ärgerlich.„Die •Moral, welche über einen Kälberschwanz erröthet, ist sehr zweifelhafter Natur. Dem Reinen ist Alles rein, aber es scheint, als wenn auch das Umgekehrte der Fall ist. Denn dazu gehört eine ziemlich schmutzige Phantasie, um darin etwas Unsittliches zu sehen, daß ein Kalb den Schwanz in die Höhe streckt, wenn es henimspringt. Das Volk hat keine solche Phantasie, noch weniger seine Kinder; die ist nur bei Leuten zu finden, welche ihre Einbildungskraft in Liederlichkeit aufgereizt haben". Das war zu viel. Der Vorsitzende bat, alle Anzüglichkeiten zu unterlassen. Aber der Rektor hatte bereits seinen.Hut aufgesetzt und erklärte ini Fort- gehen: Zu seinem tiefen Bedauern sehe er die Arbeit, aus der, wie er gehofft hatte, Segen emporsprießen würde, sich in Fluch verwandeln. Aber er schüttele den Staub von seinen Füßen und könne einer Ge- sellschaft nicht mehr angehören, in der man gestatte, daß ein Mann, der nur seine Ucberzeugung offen und ehrlich ausgesprochen habe, derartig geschmäht werde, daß die Diskussion darüber vor Gericht fortgesetzt werden müßte. Er ging und ihm folgten der Landrichter und der Oberlehrer. Die Uebrigen blieben in gedrückter Stimmung über die Zukunft der Genossenschaft zurück. Und an all Dem war der Schwanz des Kalbes oder das schwanzlose Kalb schuld. Die Frage selbst blieb trotzdem unentschieden; denn die Abstimmung hätte bei den drei völlig entgegen- gesetzten Ansichten doch zu keinem Resultat geführt, wofern man nicht der Genossenschaft den Gnadenstoß geben wollte, und die Verhandlungen konnten wegen der vorgerückten Zeit nicht weiter ausgedehnt werden. Man beschloß also, noch die Ansicht des Bürger- nieisters und des Geistlichen zu hören. Das geschah, und Beide gaben nach kurzer Bedenkzeit ein schrift- liches Gutachten ab. Der Bürgermeister schrieb: Wenn Dergleichen auf einer Straße der Stadt sich ereignen würde, nämlich, daß ein Kalb mit erhobenem Schwänze umherliefe— und Jemand sähe das, so wäre es keinesfalls eine Ehre für die Stadt. Aber in einem solchen Kinderbuche könnte es wohl nicht so ge- fährlich sein. Der Probst dagegen meinte, daß die Anbringung eines Bildes zur biblischen Geschichte, auf dem spielende Kälber die Hauptrolle spielten, nicht dem Ernst der Sache entspräche und daß solche Bilder den Sinn des Volkes mehr und mehr von den erhabenen Glaubenslehren ablenken müßten. Er könne daher die Aufnahme dieses Bildes in keinem Falle gutheißen. Trotz dieser widersprechenden Meinungen wurde das Abc-Buch doch mit dem Kälberbilde gedruckt— das Bild war nun einmal bezahlt!—, aber der Rektor, der Oberlehrer und der Landrichter traten aus der Genossenschaft aus und verkauften ihre Antheilscheine. In die Ortsschulen wurde das Abc- Buch natürlich nicht eingeführt. Uklhamk der �ehirMWeit. Von Dr. B. L. i*j'e ��tvolle Mechanik des menschlichen Körpers in seinen festen Theilen ist den Lesern unserer ��9 Zeitung wohlbekannt; ich brauche nur an die Winkelgelenke mit ihrer Heoimung, z. B. der Finger, oder an die Kugelgelenke der Hüfte des Menschen zu erinnern.„Kraft ist die Losung, die Parole des Lebens," sagte einst Friedr. Theodor Bischer; und welche mächtige mechanische Kraft entwickeln wir in den Gelenken. Aber auch in den flüssigen Theilen 48 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. unseres Körpers offenbart sich deutlich die Bicchanik, und zu ihrer Erklärung möchte ich in den nach- stehenden Zeilen etlvas ausführlicher die Gehirn- fliissigkeit betrachten. Noch immer ist die Ansicht ziemlich weit ver- breitet, daß in den fest aneinander gefügten Schädelknochen das eingeschlossene Gehirn unbeweglich ruhe, die Btöglichleit jeglicher Bewegung durch die um- schließenden Knochen ausgeschlossen sei? es nehme ja den ganzen Schädelraum ein. Und doch weiß Jeder, daß man an den„offenen Stellen" des kindlichen Schädels, den sogenannten Stirnfontanellen, deutlich ein rhythmisches Heben und Senken des Gehirns durch den darauf gelegten Finger fühlen kann. Sollte denn diese Belvegung, nachdem in späteren Jahren der Schädel auch an jenen Stellen sich fest geschlossen, aufgehört haben? An den Gehirnen unserer Schlachtthiere oder an Abbildungen menschlicher Gehirne sehen wir deutlich, daß die Hirnoberfläche nicht glatt ist, sondern Wülste und zwischen diesen Furchen besitzt, auch an der unteren Fläche neben diesen Windungen noch andere Partien über die Ebene hervorragen, welche die Anatomen Brücke, Schenkel, Lappen usw. nannten. Die weiche Gehirnmasse und ihre Fortsetzung, das Rückenmark, werden von einer Haut umschlossen, die sich dicht und innig der unebenen Oberfläche an- schließt. Weil in dieser Haut sich zahlreiche Blut- gefäße befinden, die von hier in das Gehirn und Rückenmark sich einsenken, beide mit Blut speisen, das dann wieder abfließt, hat nian sie Gefäßhaut genannt, lieber ihr liegt lose und nicht in die Furchen dringend eine zweite wie ein zarter, nasser Schleier um Gehirn und Rückenmark, so dünn wie das Goldschlägerhäutchen, durchsichtig und ohne Blut- gefäße, die Spinngewebehaut. Am ganzen Rücken- mark steht sie weiter ab von der ersten Haut, als am Gehirn, schafft also einen größeren Zwischen- räum, der zylindrisch ist. Die dritte umschließende Haut ist hart und derb und vollendet den Abschluß aller Zugänge. Zwischen ihr und der zweiten, welche beide mit glatten, feuchten Flächen sich berühren, befindet sich keine Flüssigkeit, wohl aber zwischen der zweiten und ersten, und diese Flüssigkeit, welche des langen wissenschaftlichen Namens Gehirn- Rücken- inark-Flüssigkeit, Subarachnoidcal-Flüssigkeit, Liquor cerebrospinalis, sich erfreut, enthält nur etwa 2 Prozent feste Stoffe(Eiweiß und Kochsalz) und be- trägt beim gesunden Menschen im Durchschnitt nur 69 com. Beim sogenannten Wasserkopf ist sie be- trächtlich vermehrt, auch bei sehr alten Leuten ist ihre Menge oft größer, als bei Personen mittleren Alters. Nach diesen etwas langen, aber nöthigen Bor- bernerkungen wolle» wir nun die Bewegung dieser Flüssigkeit betrachten und wir werden dann erkennen, daß auch hierin die Mechanik des menschlichen Körpers im höchsten Grade bcwundernswerth ist. An den Fontanellen des Kinderkopfes beobachten wir stärkere und schwächere Erhebungen. Die ersteren, man nennt sie respiratorische, treten ein mit jeder Ausathmnng, die schwächeren, die pulsatorischen, werden bedingt durch das Pnlsiren der Gehirnarterien. Beim Ausathnien stößt der Rückfluß des Blutes aus dem Kopfe(also auch aus deni Gehirn) auf bedeutende Widerstände, die erst aufhören beim Ein- athmen. Beim Husten, Schreien, Singen, beim Aufheben schwerer Lasten, bei Zornausbrüchen ver- größert sich die Stauung, das Gesicht wird roth, die Venen strotzen von Blut. Hört das Singen, Schreien usw. auf, dann leeren sich die Blutgefäße, der Weg zum Herzen wird mit dem Einathmen völlig frei, das Gehirn, vom Druck erlöst, sinkt zusammen. Hierbei tritt nun die Gehirnflüssigkeit regulirend in Thütigkeit. Hebt sich das Gehirn, so entweicht der Ueberschuß der Flüssigkeit in das vergrößerungsfühige Reservoir am Rückenmark ent- lang; sinkt es wieder ein, so steigt sie wieder nach oben. Wie oft in 24 Stunden diese Hebungen und Senkungen stattfinden, läßt sich leicht ausrechnen, weil wir durchschnittlich in einer Minute 16 mal ausathmen und in gleicher Zeit durch die Thütigkeit des Herzens, den Herzschlag, 70 mal Blut dem Gehirn zugeführt wird in den oben erwähnten schwächeren, pulsatorischen Erhebungen. Nicht Ruhe ist folglich im Gehirn und um dasselbe, sondern stete Bewegung, und diese dauert bis zum letzten Athemzuge, bis zum letzten schwachen Pnlsschlag. Der weitere Sack der Spiniigewebehaut am Rückenmark ist eine sinnreich konstruirte Sicherheitsröhrc, die das Ausweichen des Gehirnwasscrs gestattet, es aber sofort zurücktreibt, wenn im Schädclraum dafür auf einen Augenblick wieder Platz gelvorden. Das Hirnwasser leistet aber noch mehr. Es ist ein bekanntes physikalisches Gesetz, daß ein Körper in einer Flüsigkeit so viel von seinem Gewichte ver- liert, als das Gelvicht der verdrängten Flüssigkeit beträgt. Folglich muß auch das in die Gehirnflüssig- keit hincingesenkte Gehirn so viel von seinem Ge- Wichte verlieren, als das gleiche Volumen dieser Flüssigkeit haben tvürde. In der Luft wiegt ein Ge- Hirn durchschnittlich 1350 Gramm, in der Flüssigkeit jedoch berechnet sich seine Schwere, mit der es auf dem Boden der Schädelhöhle aufliegt, nur auf 20 Gramm, und solch geringes Gewicht behindert nicht die Blut- Zirkulation an der Basis des Gehirnes, Ivo vier große Schlagadern in dasselbe eintreten. Wäre noch ein Druck von 1350 Gramm vorhanden, dann ständen dem freien Einströmen des Blutes bedeutende Hinder- nisse entgegen, und es würde sofort Bewußtlosig- keit eintreten. Verwundungen und Experimente liefern den schlagenden Beweis dafür. Ist durch einen unglücklichen Schuß derartig das Rückgrat getroffen, daß der Spinnewebesack zerrissen, so fließt natürlich die Gehirnflüssigkeit heraus. Das Gehirn senkt sich, drückt mit voller Schwere auf die Adern, komprimirt sie, verhindert den nöthigen Blutzufluß, und Bewußt- losigkeit ist die Folge. Das Experiment liefert dasselbe Resultat, und die plötzliche Wirkung ist überraschend. Sticht man bei einem Hunde derartig in den Rücken, daß das Rückenmark selbst nicht die geringste Ver- letzung erfährt, so spritzt sofort die Flüssigkeit her- aus, die Beine werden gelähmt, Koth und Urin werden abgesondert, das Thier macht vergebliche Ver- suche zu entfliehen. Nur durch seine eigene Schwere bewirkt dies Alles das Gehirn; wird die kleine Wunde verstopft, heilt sie, dann schwinden alle diese Sym- ptome nach Wiederersatz der Flüssigkeit. ~i- Weöankensxlitter. -5- Unsere Feinde vermögen Niclits über uns, denn sie könne» uns nicht verwehren, zu denken und ehrenhaft zu handeln. Von Herrn von Rcgniere, bei dem alle Welt zu Tafel ging, sich aber entsetzlich langweilte, sagte man:„Man beschmaust ihn, aber man verdaut ihn nicht," Chamsort, Ich fühle, was ich schreibe und rede; ich hasse den Schreiber und Schwützcr, dem ewige Lügen aus der Feder und von den Lippen sprudeln, weil er nicht fühlt oder nicht weiß, was er sagt. Nur die Gcbirgshöhe der Freiheit weitet die Seele, und der Knechtschaft Geklüft verengt sie. Schubart. Vor unseren Augen soll beständig die Kunst stehe», ipie sie, einer Andromeda gleich, an den Felsen der heutige» Wirthschaftsordnnng angeschmiedet, umgeisert wird von dem gefräßigen, trostlosen Scheusal Profit, und sehnsüchtig harrt, daß ihr endlich ein Retter erscheine. Waller Erane. V_ Lyrische Gcke. schränken des Glücks. Von Otto Ernst. �urch die Seelen der guten Menschen Bebt ei» Seufzer geheimen Wehes, Gellt ein Schrei verborgener Schmerzen Selbst in der Stunde des höchsten Glückes. )->» g) Wohl umfangen auch sie in berauschter, Stammelnder Wonne das Glück der Erde, Und sie vergessen, darein versinkend, Alles Vergangenen düstre Beschwerde. Sie auch pressen in nächtlicher Kauimer Das Geliebte ans schauernde Herz, Sie auch taumeln im Tanz des Lebens Von der Verzweiflung zum lächelnden Scherz. Und, als lebte mit ihnen im Glücke Alles, was sie lebendig umkreist, Senden im Glück sie dankende Seufzer Zu dem„allgütigcn Weltcugeist". Aber sie trage» die stille Mahnung An das ewige Leid in der Brust; Werden doch inimcr sich des gemeinen Erdenloses die Guten bewußt I Sie mögen allein Nicht glücklich sein. Mitten ini Frendebeben erfaßt sie's: Daß sie einsam jauchzen im Glücke, Daß, indem sie Hoffnungen bauen, Tausend Hoffnungen brechen in Stücke, Daß sie schwelgen im Trank des Lebens, Wäbrend in gleicher, enteilender Stunde Millionen den Becher des Todes Schlürfen niit kaltem, erbleichendem Munde. Will auch im Jubeldrange die Lust Ihnen zersprengen die ivogende Brust— Es ist ein Staub nur, der sich freut; Die Menschheit blutet morgen wie heut. Es sind nur Würmer, die sich sonnen In ihre» kleinen, kurzen Wonnen, Indes die Noth unischattet die Welt Und Leben um Leben dem Tod verfällt.— Trauernd senken die Guten ihr Antlitz, Und sie erglühen in schmerzlicher Scham Bor dem strengen, düsteren Weltgesichte, Das ihnen im Flug der Träume kam. Ten eignen Glücksstern sehn sie erblinden In einer Nacht von fremdem Leid; In gleicher Sekunde jauchzt ihr Herz— Und zittert in weinender Einsamkeit.— Ach, durch die Seelen der guten Menschen Bebt ein Seufzer geheimen Wehes, Gellt ein Schrei verborgener Schmerzen Selbst in den Stunden des höchsten Glückes. Rcikhfel-Ecke.«§3— Wilder-VätHsek. Auflösung 5cs Pilöcr-Hiäthsels in Mr. 5: Festbankette. Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion bestimmleii Sendungen wolle nian an Edgar Steiger, Leipzig, Oststr. 14, richten. Aeranlwortl. Nedalteur: Edgar SIetger, Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchbruckerei u. Verlagsanstali Auer& Lo., Hamburg.— Truck: Max Babing, Berlin.