Nr. 8 �Uxiflvxvie � CitlcrlvaUxtn�sibcUaßc. 1897 -SLcbi er ober ifl er toM? Humoreske von Mark Twain. Aus den« Englischen übersetzt von Clara Schmidt. �ch brachte den Monat März 1892 in Mentone an der Riviera zu. In diesem zurück- c,ezogeiien Ort genießt man alle Vortheile der Natur privatim, die man in Monte Carlo und Nizza, einige Meilen weiter, nur in der Oeffentlich- teil zu sehen bekommt. Ich meine damit, man er- freut sich an dem strahlenden Sonnenschein, der balsamischen Luft und dem leuchtenden, blauen Bteere, ohne die störende Zugabe der bewußten Löwen und Löwinnen der Saison, niit ihrer albernen Koketterie und dem Tain-Tain-schlagen der großen Welt. Mentone ist ruhig, einfach, bescheiden. Die Reichen und Glänzcnwollenden kommen nicht hierher: im Allgemeinen meine ich. Hin und wieder nur sieht man einen reichen Mann, und mit einem solchen lvurde ich hier bekannt. Um ihn unkenntlich zu machen, will ich ihn Smith nennen. Eines Tages, im llütel llos Anglais beim ziveiten Frühstück, rief er mir plötzlich zu:„Schnell! Sehen Sie sich den Nlann an, der eben aus der Thür geht. Betrachten Sie ihn ganz genau." „Warum?" „Wissen Sie, wer er ist?" � „Ja. Er war schon einige Tage hier, ehe Sie kamen. Es ist ein alter, sehr reicher Seidenfabrikant aus Lyon, der sich von seinem Geschäft zurückgezogen hat, wurde mir gesagt, und ich glaube, er steht allein in der Welt, denn er sieht immer so traurig und träumerisch aus und spricht mit keinem Menschen. Sein Name ist Theopile Magna»." Ich vermuthete, daß Smith jetzt fortfahren würde, sein großes Interesse, das er Monsieur Magna» gezeigt hatte, zu rechtfertigen, aber statt dessen verfiel er in tiefes Sinnen und hatte äugen- scheinlich mich und die ganze Welt für einige Minuten vergessen. Von Zeit zu Zeit ließ er seine Finger durch sein buschiges, weißes Haar gleiien, wie um seinen Gedanken nachzuhelfen, während er sein Früh- stück kalt werden ließ. Endlich sagte er:„Nein, ich Habs vergessen; ich kann mich nicht mehr darauf besinnen." „Auf was können Sie sich nicht besinnen?" „Es ist eine von Andersens wundervollen Ge- schichten. Aber sie ist mir entschwunden. Ein Theil davon ist ungefähr so: Ein Kind hat einen Vogel im Bauer, den es liebt, aber gedankenlos vernachlässigt. Der Vogel singt seine schönsten Lieder ungehört und unbeachtet; aber bald befällt das Thier Hunger und Durst, und seine Lieder werden schwach und schmerzlich, endlich verstummen sie ganz— der Vogel stirbt. Das Kind kommt und die bitterste Reue überfällt es; dann mit heftigen Thränen und Wehklagen ruft es seine Spielkameraden, und sie begraben den Vogel mit großem Schmerz und vielen Feierlichkeiten, ohne zu ahnen, die armen Dinger, daß nicht nur Kinder ihre schönsten Singvögel verhungern lassen und dann für ihr Begräbniß und Denksteine so viel ausgeben, daß es genug gewesen wäre, sie damit am Leben zu erhalten und es ihnen bequem und freundlich zu gestalten. Nun—" Doch hier wurden wir unterbrochen. Diesen Abend gegen zehn Uhr begegnete mir Smith; er bat mich, mit ihm auf sein Zinimer zu kommen und ihm bei einer Zigarre und einem starken Punsch Gesellschaft zu leisten. Es war ein trauliches Plötz- che», mit bequemen Stühlen, hell leuchtenden Lampe» und einem hellen, freundlichen Olivenholz-Feuer. Um das Ganze vollkommen zu machen, klang beut- lich der dumpfe Wellenschlag des Meeres zu uns herüber. Nach dem zweiten Glqse und vielem lässigen, angenehmen Geplauder sagte Smith:„Run sind wir in der richtigen Stimmung— ich, um eine kuriose Geschichte zu erzählen, und Sie, um sie zu hören. Es war viele Jahre lang ein Geheiniuiß zwischen mir und drei Anderen; aber ich will das Siegel jetzt brechen: Sitzen Sie bequem?" „Vollkommen. Fahren Sie fort." Hier folgt, was er mir erzählte: Vor langer Zeit war ich ein junger Künstler— in der That ein sehr junger Künstler; ich wanderte in den kleinen Ortschaften Frankreichs umher, ein- nial hier skizzirend und einnial dort, und durch Zu- fall gesellten sich zwei junge, famose Franzosen zu mir, die dasselbe Handwerk trieben. Wir waren ebenso glücklich wie arm, oder so arm wie glücklich, legen Sie sichs nach Ihrem Geschniack zurecht. Claude Fröre und Karl Boulanger, das sind die Namen jener Jungens, prächtige, famose Menschen und die sonnigsten Geister, die je in ihrer Armuth lachten. Es war eine herrliche, schöne Zeit in allen Wettern. Doch plötzlich in Breton, einem Dorfe, waren wir auf unseres Beutels Grund gerathen und ein Künstler, ebenso arm wie wir, kam uns zu Hülfe und rettete uns buchstäblich vor dem Verhungern— Francis Millet— „Was! Der große Fram.ois Millet?" Groß? Er war nicht größer als wir damals waren. Er hatte nicht den geringsten Namen, sogar nicht in seinem eigenen Dorfe, und er war so arm, daß er nichts Anderes hatte, uns zu sättigen, als Rüben, und sogar diese fehlten uns manchmal. Wir Vier wurden große Freunde, zärtliche, un- zertrennliche Freunde. Wir nialten zusammen aus allen Kräften; häuften Stöße auf Stöße, aber wurde» selten etwas davon los. Wir hatten wunder- volle Zeiten zusammen; aber, o weh! wie waren wir manchmal in der Klemme! So ging es ungefähr etwas über zwei Jahre. Da sagte Claude eines Tages zu uns:„Jungeus, wir sind am Ende. Versteht Ihr das?— Voll- ständig am Ende. Jedermann verivcigert, zu pumpen — sie haben ein Bündniß gegen uns geschlossen. Ich bin im ganzen Dorfe herumgegangen, und c* ist so, wie ich Euch sage. Sie geben uns nicht mehr für einen Pfennig Kredit, bevor nicht alle die Kleinigkeiten bezahlt sind." Das machte uns sprachlos. Jedes Gesicht war starr vor Schrecken. Wir kamen zu der lieber- zeugung, daß unsere Verhältnisse jetzt ganz vcr- zweifelte wären. Es entstand ein langes Still- schweigen. Endlich sagte Millet mit einem Seufzer:„Es fällt mir nichts ein— garnichts. Schlagt irgend was vor, Jnngens!" Kein Atensch erwiderte etwas, nur ein trauriges Schweigen war die Antwort. Karl stand ans und ging eine Weile nervös auf und ab, dann sagte er: „'s ist'ne Schande! Seht diese Leinwanden: da liegen Stöße von ebenso guten Bildern, wie sie sonst wo in Europa gemalt werden— ich frage nicht darnach, ivcrs ist. Ja, und eine Menge faul lenzender Fremder haben dasselbe gesagt— na, oder beinahe dasselbe; nun—" „Aber kauften nichts," sagte Millet. „Das schadet nichts, aber sie sagten es: und 's is wahr dazu. Da sieh Deinen Angelus hier; kann Jemand mir sagen—" „Pah, Karl, mein Angelus! Sie haben mir fünf Francs dafür geboten." „Wann?" „Wer hat Dirs geboten?" „Wo ist er?" „Warum hast Du es nicht genommen?" „Was denn?— sprecht nicht Alle auf einmal. Ich dachte, er würde mehr geben— ich ivar ganz sicher— er sah so aus— und da verlaugte ich acht." „Er sagte, er würde wiederkommen." „Blitz und Donner!" Warum Fram.ois—" „O, ich weiß, ich weiß! es war Unrecht, und ich war ein Narr. Jungens, ich meinte es gut; Ihr werdet mir das glauben, und ich—" „Nun, natürlich, das wissen>vir, Herzensbruder; aber sei nicht noch einmal so ein Narr!" „Ich? Ich wünschte, es würde Jemand kommen und uns eine Rübe dafür bieten— Ihr würdet sehen!" „Eine Rübe! O, sprich nicht davon, das Wasser im Munde läuft mir zusammen. Sprich von iveniger verführerischen Sachen." „Jungens", sagte Karl,„sind diese Bilder ohne Verdienst? Beantwortet mir das." „Nein!" „Sind sie nicht von sehr großem, hohem Ver- dienst? Beantwortet mir das." „Ja!" „Von so großem und hohem Verdienst, daß, wenn ein berühmter Name damit verbunden lväre, sie zu großartigen Preisen verkauft würden. Jsts nickst so?" „Sicherlich ist es so. Niemand bezweifelt das." 58 Die Ueno Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Aber— ich mache keinen Spaß— ists nicht l'o?" „Nun, natürlich ist es so— und wir machen auch keinen Spaß. Aber was willst Du damit?" „Was piebts? Was peht uns das an?" „Weil es so ist, iverden wir ihnen einen be- rühmten Namen geben!" 51 einer sprach ein Wort. Aller Gesichter waren fragend ans Karl gerichtet. Was für ein Näthsel mag das sein? Wo sollte man einen berühmten Nanien borgen? Und wer wird ihn borgen?" Karl ließ sich nieder und sagte:„Nun, ich habe Euch eine vollkommen ernste Sache vorzu- schlagen. Ich glaube, es ist der einzige Weg, uns vor dem Armenhause zu retten, und ich bin fest überzeugt, es ist ein sicherer Weg. Ich gründe meine Meinung auf vielfache und festgestellte That- fachen in der menschlichen Geschichte. Ich glaube, mein Vorschlag wird uns Alle reich machen." „Reich? Du hast Deinen Verstand verloren." „Nein, ich Hab' nicht." „Ja, Du hast— Du hast Deinen Verstand verloren." „Was nennst Du reich?" „Huuderttanseud Francs auf Jeden!" „Er hat seinen Verstand verloren. Ich wußte es." „Ja, er hat! Die Entbehrungen sind zu viel für Dich gewesen und—" „Karl, Du mußt eine Pille nehmen und direkt zu Bett gehen!" „Wacht ihm erst einen Umschlag— bindet ihm seinen Kopf ein und dann—" „Nein, bindet seine Fersen; sein Kopf ist schon seit einigen Wochen nicht richtig— ich Habs bemerkt." „Seid still!" sagte Millet mit scheinbarer Strenge, „und laßt den Jungen sagen, was er zu sagen hat. Na, nun komm heraus mit Deinem Projekte, Karl. Was ists?" „Zur Einleitung möchte ich folgende Thatsache ans der menschlichen Geschichte feststellen, nämlich: daß das Verdienst vieler großer Künstler nicht eher anerkannt wurde, bis dieselben verhungert waren und starben. Das ist so oft passirt, daß ich so kühn bin, ein Gesetz darauf zu gründen. Dieses Gesetz ist, daß das Verdienst jedes großen, im- bekannten und vernachlässigten Künstlers nach seinem Tode anerkannt werden muß und wird und seine Bilder dann einen hohen Preis erzielen. Wein Projekt ist also das: Wir müssen Loose ziehen, Einer von uns muß sterben!" Die Bemerkung fiel so ruhig und unerwartet, daß wir beinahe vergaßen, aufzuspringen. Dann folgte noch einmal ein wilder Ausbruch von Rathschlägen medizinischer Art, Karls Geistes- zustand betreffend, aber er wartete ruhig, bis sich die Heiterkeit etwas gelegt hatte, dann fuhr er mit seinem Projekte fort: „Ja, Einer von uns muß sterben, um die Anderen zu retten— und sich selbst. Wir wollen Loose ziehen. Der Eine, welcher das Loos gezogen hat, soll berühmt werden und wir Alle reich. Seid doch still jetzt— seid still; unterbrecht mich nicht, ich sage Euch, ich weiß, was ich will. Da habt Ihr meine Idee. Während der nächsten drei Monate soll Derjenige, welcher sterben muß, malen, was das Zeug hält und seinen Vorrath so viel als möglich vergrößern— keine Bilder, o nein! Entwürfe, Studien, Theile von Studien, ein Dutzend Pinselstriche an jedem— bedeutungslos natürlich, aber von ihm, mit seinem Namen darauf; er mache füufzig am Tage, aber jedes muß eine von seinen Eigenthiimlichkeiten und seiner Manier enthalleu, leicht erkennbar als die seinige. Derartige Sachen verkaufen sich, wißt Ihr, sie werden zu fabelhaften Preisen für die Ninseen der Welt gesammelt, nachdem der Mann todt ist; wir wollen sie in die Mode bringen! Und während der ganzen Zeit müssen wir Anderen be- jchästigt sein, die Kränklichkeit des Mannes in der Welt zu verbreiten, Paris und die Händler auf- merksäm machen— Alles Vorbereitungen zur lommeuden Katastrophe, wißt Ihr. Wenn Alles in vollem Gange ist, sprengen wir die Nachricht von feinem Tode unter sie und machen ein richtiges Be- �räbniß. Habt Ihr mich jept verstanden?" „N— ein; znni Mindesten nicht ga--" „Nicht ganz? Nu», seht Ihr nicht? Der Mann stirb! nicht wirklich; er wechselt seinen Namen und verschwindet; wir begraben eine Puppe und weinen dabei, und die ganze Welt hilft uns. Und ich-" AI er er konnte nicht beenden. Alle brachen in ein schallendes Hnrrah ans, sprangen aus, rannten im Zimmer herum und sielen einander in freudiger Verzückung um den Hals. Stundenlang besprachen wir den großartigen Plan, ohne hungrig zu werden, und zuletzt, nach- dem alle Einzelheiten zur Zufriedenheit arrangirt waren, zogen wir Loose, und Millet war der Aus- erwählte— aukerwählt, zu sterben, wie wir es nannten. Daraus suchten wir alle jene Dinge zu- sammen, von denen man erst dann scheidet, wenn man sie für späteren kommenden Reichthum ein- zusetzen hofft— Andenken, Tändeleien und der- gleichen— dieses versevten wir und hatten gerade genug, um uns ein bescheidenes Abschieds-Souper und Frühstück zu ermöglichen, ein paar Francs für die Reise übrig zu behalten, ein Bündel Rüben zu kaufen und eine Kleinigkeit für Millet, um einige Tage leben zu können. Den nächsten Morgen, in aller Frühe, gleich nach dem Frühstück, machten wir Drei uns ans den Weg, natürlich zu Fuß,-Jeder von uns ein Dutzend von Willets Bildern tragend, mit der Absicht, sie feil zu halten. Karl ging nach Paris, wo er sich vorgenommen hatte, zuerst Willets Ruhm aufzubauen und Alles für den kommenden großen Tag vorzubereiten. Claude und ich sollten uns trennen und über Frank- reich zerstreuen. Nun, es wird Sie überraschen, zu hören, wie leicht und bequem die Sache ging. Ich wanderte zwei Tage herum, ehe ich mein Geschäft begann. Dann fing ich an, eine Villa an der Peripherie einer großen Stadt zu zeichnen, weil ich den Eigen- thiimer an einer oberen Veranda stehen sah. Er kam herunter, mir zuzusehen— ich dachte mirs, daß er es thun würde. Ich arbeitete schnell, weil ich beabsichtigte, sein Interesse wach zu halten. Gelegentlich feuerte er einige kleine Ausrufe der Anerkennung ab, und nach und nach wurde er ganz enthusiasmirt und sagte, ich wäre ein Meister. Ich legte meinen Pinsel weg, griff in meine Mappe und holte einen Millet heraus; indem ich auf den Namen in der Ecke zeigte, sagte ich stolz: „Ich setze voraus, daß Sie das kennen? Nun, er war mein Lehrer! Ich sollte meinen, daß ich mein Handwerk verstehen muß!" Der Mann schwieg, ganz schuldig und verwirrt aussehend. Ich sagte traurig:„Sie wollen doch nicht vor- geben, die Chiffre Francois Riillets nicht zu kennen?" Natürlich kannte er sie nicht; aber es war der dankbarste Mensch, den man je gesehen, dafür, daß es ihm so leicht gemacht wurde, sich aus einer im- bequemen Situation zu ziehen. Er sagte:„Nein, was Sie da sagen! Das ist ein Piillet? Wahrhaftig! Ich weiß nicht, woran ich eigentlich dachte. Natürlich besinn' ich mich darauf." Das Nächste war, daß er das Bild kaufen wollte; aber ich sagte, daß, obgleich ich nicht reich sei, ich doch nicht so arm wäre. Trotzdem ließ ich es ihn zuletzt für achthundert Francs haben. „Achthundert!" Ja, Millet würde es für eine Schweinskarbonade verkauft haben. Und ich bekam achthundert Francs für das kleine Ding. Ich wünschte, ich könnte es zurückbekommen für achttausend. Aber die Zeit ist vorbei. Ich machte ein sehr hübsches Bild von dem Hanse des Mannes und wollte es ihm für zehn Francs anbieten, aber das war nichts. Da er er- fahren hatte, daß ich der Schüler eines solchen Meisters war, so verkaufte ich es ihm für hundert. Ich sandte die achthundert Francs noch von dieser Stadt aus direkt an Millet und zog den nächsten Tag wieder weiter. Aber ich ging nicht zu Fuß— nein. Ich fuhr. Ich bin seitdem iimiicr gefahren. Ich verkaufte jeden Tag ein Bild, und versuchte nie zwei los zu werden. Ich sagte immer zu meinen Kunden— „Ich bin ein Narr, Bilder von Frau. vis Millet überhaupt zu verkaufen, denn der Mann lebt keine drei Monate mehr, und wenn er gestorben ist, werden seine Bilder nicht für Geld und gute Worte zu haben sein." Ich that Alles, was ich konnte, diese Sache so weit als möglich zu verbreiten, um die Welt auf das Ereigniß vorzubereiten.- Ich muß mir auch etwas bei der Sache zu Gute halten, denn unser Plan, die Bilder zu verkaufen— war der meine. Ich schlug es vor, als wir den letzten Abend über unserem Feldzugsplaii brüteten, und wir kamen alle Drei iibcrein, daß es versucht werden sollte, che wir etwas Anderes anfingen. Es ist uns Allen geglückt. Ich ging nur zwei Tage zu Fuß, Claude auch zwei, denn wir fürchteten Beide, Millet zn nahe bei seiner Heimath berühmt zn machen. Aber 5iarl lief nur einen halben Tag, der schlaue, ge- wissenlose Hattunke, von da an reiste er wie ein Herzog. Hin und wieder setzten wir uns mit einem kleinen Verleger in Verbindung und brachten einen Artikel in die Presse. Der Artikel kündigte nicht die Ent- decknng eines neuen Malers an, sondern es ging daraus hervor, daß Jedermann Fran�-ois Millet kannte; er wurde in keiner Weise gelobt, sondern es war nichts weiter als ein Wort über den gegen- wärtigen Zustand des„Meisters", das niaiichnial hoffnungsvoll, iiiaiichiiial zweifelnd ausfiel, aber immer mit einer Färbung, die das Schliininste ver- muthen ließ, endete. Wir unterstrichen stets diese Stellen und schickten sie den Leuten, die Bilder von uns gekauft hatten. Karl war bald in Paris und betrieb die Sache im großen Stiel. Er befreundete sich mit einem Kor- respondenten und verbreitete die Nachricht, Niillets Znstand betreffend, über England, den ganzen Kon- tinent, Amerika, kurz aller Orten. Sechs Wochen nach unserem Auszuge trafen wir Drei uns in Paris, machten ein Weile Halt, und ließen uns von Millet einen Vorrath neuer Bilder kommen. Das Geschäft ging jetzt so gut und Alles war so vorbereitet, daß wir sahen, es würde ein unverzeihlicher Fehler sein, jetzt nicht ohne Besinnen loszuschlagen. Darum schrieben wir Millet, er solle zu Bett gehen und so schnell als möglich dahinsiechen, denn wir möchten gern, daß er in zehn Tagen stürbe, wenn er bis dahin damit fertig würde. Dann rechneten wir zusammen und fanden, daß wir Drei fünfundachtzig kleine Bilder und Studien verkaust hatten, und sechsundnennzigtansend Francs dafür aufzeigen konnten. Karl hatte den letzten und brillantesten Verkauf von Allen gemacht. Er ver- kanfle den„Angelus" für zweittansendzweihundert Francs. Wie wir ihn verherrlichten!— nicht ahnend, daß der Tag kam, an dem Frankreich um seinen Besitz kämpfen, aber ein Fremder es für fünfmal- hunderttausend Francs erobern würde. Diesen Abend hielten wir ein großartiges Cham- pagnersonper ab und den nächsten Tag machten sich Claude und ich auf, Millet in seinen letzten Tagen zu pstegen und unbequeme Schnüffler vom Hanse zn halten. Bnllelins wurden täglich an Karl nach Paris zur Veröffentlichung an die verschiedenartigsten in- und ausländischen Blätter geschickt. Das traurige Ereigniß trat schließlich ein, und Karl war zur Zeit da, um uns bei der Erfüllimg der letzten traurigen Zeremonien behülflich zn sein. Sie erinnern sich des großartigen Begräbnisses, und was es für ein Aufsehen machte auf dem ganz.en Erdenrund, und wie die Größen beider Welten kamen, um ihre Trauer auszudrücken. Wir Vier— immer noch unzertrennlich— trugen den Sarg und erlaubten Niemand, uns zu helfen. Nun, wir thaten recht daran, denn es war nur eine Wachspuppe darin, und alle professionirten Sarg- träger würden sich über das Gewicht beschwert haben. Ja, wir Vier, die cinstmals Noth und Entbehrungen zusanimen getheilt hatten, trugen den Sa— „Welche Vier?" Wir Vier— denn Millet half mit, seinen eigenen Sarg zn tragen. Unkenntlich gemacht, natür- Mc Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 59 lich. Soweit iiiikeiiiitlich gemocht, doß ma» ihn für einen Verwoiidlen— einen entfernten Lerwondlen hielt. „Erstaniilich!" Aber wahr, trotz olledem. Nun, Sie erinnern sich, wie die Bilder gingen. Geld? Wir wußten nicht,>vas damit anfangen. In Paris lebt ein Wann, der siebzig von Btillets Bildern besitzt. Er bezahlte uns zwei Biillionen Francs dafür, lind erst die Hansen Eutlvürfe und Studien, die Blillct znsamuienschnsterte, als wir unterwegs waren, mm, Sie wurden erstaunen, wenn Sie wüßten, für was für einen Preis wir die heute verkaufen, d. h. wenn wir uns überhaupt entschließen, etivas fahren zu lassen. „Es ist eine wunderbare Geschichte, wahrhastig wunderbar!" Ja— es ist beinahe so. „Ja, aber was wurde aus Millet?" Können Sie ein Geheimniß bewahren? „Ich kann." Erinnern Sie sich des Mannes, auf welchen ich Sie heut im Speisezimmer aufmerksam machte? Das war Fraucois Millet. „Der Große—" Scott! Ja. Für diesmal kamen sie nicht dazu, das Genie verhungern zu lassen, und den Lohn, den es selbst hätte haben müssen. Andere» in die Tasche zu stecken. Diesem Singvogel war es erspart, sein Herz nngehört zu verblute», und dann mit dem kalten Pomp eines großartigen Leichen- begänguisses bezahlt zu werden. Wir haben uns besser vorgesehen. & SpieLkinöer. Noma» von Georg Herina»». Yoy_(ftortfeiumn.) jSjjckl war im ersten Augenblick so erschrocken, (((� daß ich sie beinahe mit Füßen gestoßen hätte. Dann ließ ich es aber über mich, wie etwas Unangenehmes, doch Ilnabweiidbares, ergehen. lind sie wollte garnicht aufhören. Immer und immer tvieder bedeckte sie mein Gesicht mit Küssen, preßte ihren Mund auf den meine», daß mir fast der Sichein verging, und biß mich endlich derart in die Oberlippe, daß ich laut aufschrie. Da erst ließ sie mich los nud warf sich athemlos gegen die Banklehne zurück. Um ihre Muudiviukel spielte ein lebensfrohes' Lachen, ihre Augen leuchteten, als ob sie trunken wäre; mir war brühheiß, in mir kochte es. Ich preßte die Zähne aufeinander. Ein neues, mir vollends unerklärliches Gefühl überkam mich. Da sprang ich auf, als ob ich etwas Böses gethau hätte. „Ich muß nach Hause, Lies!" „Jetzt schon?" „Ja, Papa wartet—", das war eine Lüge. „Hast Du für mich gar keine Zeit mehr?" Sie hatte den Kopf nach vorn geneigt, während die Singen groß und bittend geradeaus sahen. „Heut iiicht. Lies." Das war wieder ein Lüge, eine' Roth lüge? denn ich fürchtete mich plötzlich vor mir selber. „Ich will aber. Tu sollst bei mir bleibe»! und sie stampfte mit dem Fuße—„ich— ich— Hab Dich lieb— so lieb—" und wieder wollte sie meinen Kopf zwischen die Hände uehmeu, aber ich riß mich los. „Nein,»ei». Lies, ich muß nach Haus, ich darf"uicht'länger bleiben!" „Bleib doch noch bei mir!" und sie druckte ,ich sckmieichelnd au mich. „Aber, Kind, es geht doch mcht." „SBeiin ich jetzt ins Geschäft komme, sehe ich Dich garnicht mehr!" a< „Wir werden uns schon öfter sehen, Lre-?, aber ich muß jetzt nach Hans!" Ich war kaum»och Herr meiner leicht: w erregt war ich noch nie gewesen. Beim A eben würgte es mir im Hals nud hämmerte mir in den Schlafen. Bor den Singen schwirrten mir eine Unzahl schwarzer Punkte, welche wie Mücken auf und nieder tanzten. „Sldien, Lies!" lind ohne ihr die Hand zu geben, lief ich davon, so schnell mich meine Füße tragen konnten. Slls ich endlich daheim ankam, traf ich Mutter allein zu Haus. Die kleine, dicke Frau, saß mit einem Buch ganz betrübt am Tisch, sah sehr eifrig hinein als ich kam, bemerkte aber nicht, daß sie es verkehrt herum genommen hatte; sie blinzelte mit den vom Weinen gerötheteu Schlitzäugelchen und wischte sich ganz heimlich die Thränen, in ein sie that, als ob sie sich mit der Hand über die Stirn fuhr. Was mußte da vorgefallen sein, daß Mntter weinte? Ich wagte nicht, sie zu frage», hoffte aber im Stillen, auch ohne Fragen den Grund ihrer Thränen zu erfahren. Ich nahm mir ein Buch und setzte mich zu ihr. Ich merkte, wie Mutter mehrere Male zu reden beginnen wollte, sich aber stets schnell wieder be- herrschte, mit den Mnndwinkeln zuckte und schwieg. Wohl erst»ach einer Viertelstunde begann sie mit gepreßter Stimme. „Georg?" „Ja?" „Kennst Du Onkel Karl?" „Ja, natürlich!" „Der ivill sich wieder verheiratheu." „So?" „Er hat sich schon verlobt." „Mit wem?" Mutter wurde roth und schwieg. „Kenne ich sie?" „Sich, weißt Du, sie hat gar keinen guten Nnf, nud das ist nicht recht von ihm, daß er sie heirathet, wo Agnes erst so kurze Zeit todt ist, und überhaupt ist sie— soll sie— na. sie hat ebcn keinen gute» Nnf.— Sie war früher Schanspielerin, hat es aber dann aufgegeben, siehst Tu—" Mntter begann zu weinen. „Und solch hergelaufenes— Weib— will mein Bruder— Heirathen!" „Und was sagt denn Ewald?" „Sich, der arme Junge! Ganz krank ist er vor Slerger und Gram, und Szenen hat es da gegeben, Szenen! Beinahe geschlagen hätten sie sich, so sind sie aneinander gerathe». Bater und Sohn geschlagen! Ewald hat immerfort geschrien:, Meine arme Mntter, meine arme Mutter! Und wenn Die kommt, die, die speie ich an!'" „Ist sie denn hübsch?" „Ja, hübsch ist sie— sehr schön— aber weiter auch nichts," brach Mntter ärgerlich ab. „Was muß sie denn sonst noch sein?" „Das verstehst Du doch nicht, DuGuckiudiewelt!" Ich verstände das nicht? Ich ivar empört! Es hatte nicht viel gefehlt, und ich Hütte ihr die ganze Geschichte von vorhin erzählt. „Brav muß sie sein und gut, so wie Tante Agnes>var, ihren Mann sehr lieb haben muß sie, weißt Du— sehr lieb haben— und sich um Niemand sonst auf der Welt kümmern. Es giebt nämlich auch Frauen, die außer ihrem Manu noch einen anderen lieb haben," setzte Mutter zaghaft hinzu, als ob sie fürchtete, zuviel gesagt zu habe». Ich erschrak! Wenn sie auch noch einen Sliidereu außer mir lieb haben könnte! Da hörte ich draußen ein Rascheln und dann den bekannten Schritt, Tapp— Taapp— Tapp — Taapp! Der arme Bater zog von seinem Schlag- aufall immer noch den rechten Fuß nach. Ich lief heraus, um ihm den Nlantel abzunehmen. Bater kam herein. Er schien unwirsch, denn er begrüßte uns nicht einmal. Mutter sah ihn ängstlich von der Seite au, be- mühte sich, etwas Gleichgültiges zu frage», sogar zu lächeln, ohne aber dabei ihn auch nur eine Sekunde aus den Sluge» zu lassen. „Nun, wie stehts?" „Voraussichtlich morgen wird es fertig!" und sein Gesicht begann sich zu beleben. Wir kannten dieses„morgen" nur zu gut, aber dennoch schien Mntter plötzlich auch froher zu werden. Wozu sollte sie auch einem arme», kranken Nienschen Hoffnnngen rauben. „Weißt Du von Karl?" „Ja, es ist Stadtklatsch!" Und Vaters Wone klangen gehässig, es lag eine Befriedigung darin, wie er sagte:„Das war auch die ärgste Dumm» heit, die er begehen konnte. Anstatt das in aller Stille abzumachen, da»och großartig Slnzeigeu schicken, wo man ihn und sie zusammen hier Jahrzehnte lang kennt!" „Georg, geh raus!" „In der nächsten Woche ivill er ja Hochzeit machen," hörte ich noch im Hinansgehen. Ich ging in mein Zimmer. Es war dunkel darin. Das Fenster stand weit offen, und trotzdem mich fröstelte, lehnte" ich mich doch hinaus und sah stumpf und zwecklos auf die nassen, glitzernden Pflastersteine des Hofes. Hinten stampfte die nimmer- müde Fabrik und ihr Schornstein stieß ruckweise weißen Dampf in die Stacht, der sich schwer und schnell senkte, um sich dann mühsam und langsam wieder zu erheben. Ganz unten im Keller zankte mau sich wieder. Der Streit wurde heut leiser geführt, nur manchmal wurde ein besonders vollgewichtiges Schimpfwort mit aller Lnngenkraft hervorgefchrie», so daß es die Wände gellend zurückwarfen. Ans den Küchen tönte Plandern und Lachen der Dienstboten. Im Zimmer unter mir hörte ich Engeus taktmäßige Schritte. Er ging gleichmäßig, alle fünf Schritt wendend, man liörte es am Klang, ans und nieder und schien laut seine Aufgaben zu memorireu. Ja, ja, seine Mutter hatte auch gesagt, er solle fleißig sein. Was mochte er denn nur arbeiten? Ich horchte auf, ob es mir möglich wäre, etwas zu verstehen. „Wir haben uns zur Aufgabe gestellt— von Borurtheilen— zu befreien——— Wissen was ein Borurtheil ist— der gebildete Republikaner— die Könige— als Herrscher, als Tyrannen— der Ungebildete— den Haß eines jeglichen Fürsten— —— und deshalb die Monarchen als Gesammt- heit—— einzelne zu achten— zu verehren, ja sogar zu——— Ungebildete— blinden Eifer —— weiß eben nicht— Vertreter einer schlechten Sache— nicht immer schlechte Menschen—— —— Gebildete— Urtheil— Ungebildete— Borurtheil— zu Felde ziehen— Meinnugeu gebilligt werden— anfgeklärteu Zeit— prachtvoll! lleberhanpt feinen Verein zu gründen— geistigen Werth— verachtet, verkannt— ausgestoßen, wie ein unreines Thier.------ Freidenker — rändiges Schaf——— denkende Menschen seid, oder wenigstens sein wollt————" Slergerlich warf ich das Fenster zu und ging zu Bett, trotzdem es noch nicht acht Uhr war. Im Dunkel» aber spitzte ich die Lippen und breitete sehnsüchtig die Slruie aus, als ob ich Jemand um- fangen wollte. Lies sah ich die nächsten Tage nicht, obgleich ich wie ein Fuchs um ihren Bau herumschlich. Btöglich auch, daß sie schon im Geschüft war. Eugen berief eine außerordentliche Versammlung des Vereins der Geistesbrüder, hielt jenen denk- würdigen Vortrag über Vornrtheile»nd Rassenhaß und beantragte, eine Vereinskasse zu gründen, welche die Mittel zu gemeinsamen Landpartie» bestreiten solle. Sllbert war für diesen Antrag. Er sagte, daß Geistesbrüder, unbedingt sozusagen, Landpartien machen müßten.. Walter meinte, daß erstens Landpartien nicht nothwendig, und zweitens er auch wohl garnicht hierzu von seiner Mama die Erlanbniß bekommen würde. Es passire jetzt so viel, und man lese soviel in den Zeitungen, daß Einem ordentlich angst und bange werden könne. Ich sagte, daß es mir allein draußen am besten gefiele, und da entgegnete Engen, daß ich ivohl ein Ketzer, aber kein Geistesbrnder wäre. Es schien ihm überhaupt, als ob ich nicht mit voller Ueberzeugung dabei wäre. Ich schwieg, um nicht beleidigend zu werden, ging aber bald fort. Z)ie Hcitc Hielt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Als ich die Treppe herauskam, hörte ich die Stimme meiner Mutter. „Ja, ja, ich komme, sofort, sofort. Ach Gott!" und dauu eilte ein Mädchen au mir vorüber. Tie kenne ich doch? Die habe ich doch einmal peschen? Sich ja— in jener Ziacht bei dem Aristokraten! „Georg, setze Dir die Mütze auf und komm mit!" Bis zu einem Mantel für mich hatten ivir es immer noch nicht gebracht. Ich>var schon abgerichtet, Allen, die es wissen wollten, zu sagen, ich hätte einen Mantel, es sei mir aber noch zu warm, um ihn anzuziehen. „Denk Dir," begann Btutter, als wir ans der Straße waren,„Ewald ist ertrunken!" „Ertrunken?!" „Ja— Er hatte doch ein eigenes Boot— und — heute— früh— haben Schiffer seine Leiche— ins Haus gebracht.— Sein Boot hat man noch nicht gefunden." „Mutter! dann hat er sich ertränkt; sicher hat er sich ertränkt; denn er war doch Schwimmer." Mutter schwieg betroffen. Wir gingen wohl zehn Minuten still nebenein- ander her. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Der Borfall begann meine Begriffe über Recht und Unrecht zu verwirren. Ich versuchte, mir dar- über klar zu werden, ob Ewald richtig gehandelt hätte oder nicht, konnte aber zu keinem Schluß kommen. Ich weiß nicht, wie es kam, ich erblickte nur stets das Eine vor mir: Diesen jungen Menschen in dem braunen Anzug, in dem ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, grab wie damals, auf dem Polsterstuhl liegend, nur daß der Kopf herabhing und aus den Haaren Wasser troff. Ich schloß die Augen, um dem Bild zu entgehen, aber da sah ich es nur noch viel deutlicher vor mir, sah das ganze Zimnier, jeden Vorhang, jedes Stück Möbel, jede Figur ans dem Schreibtisch, und in der Mitte des Zimmers auf dem Polsterstuhl lag dieser junge Mensch, nur daß der Kopf herabhing und aus den Haaren Wasser troff. Es erfaßte mich eine grenzenlose Angst. Das zweite Mal, daß sich mir„Majestät Tod" vorstellte, und dieses Mal gransenvoll! Blich fröstelte. Mutter hingegen schien zu schivitzen, wenigstens fuhr sie sich jede Minute mit dem Taschentuch über die Stirn, und dann ganz heiinlich über die Augen. Trotzdem ich selten in das Innere der Stadt hineinkam, schenkte ich doch heute seinem abwechs- lnngsvollen geschäftigen Treiben keine Aufmerksamkeit; denn ich sah nichts vor mir, als nur dieses eine schreckliche Bild. Als ivir endlich ankamen, überraschte mich die Todtenstille, die in Haus und Wohnung herrschte. Obgleich Einer dem Anderen die Thür in die Hand gab, schien doch kein Laut der Straße heraufzndriugcn. Der Aristokrat war wieder tief betrübt, aber würdevoll, und wirklich, ich glaube, er hätte sogar geschwankt, wenn er sich nicht zeitweise auf den Arm seiner Frau gestützt hätte, und sicher hätte er geweint, wenn er ihr nicht manchmal einen trau- rigen, aber verliebten Blick zugeworfen hätte. Keiner der Anwesenden wagte auch nur mit einem Wort auf den wahren Sachverhalt anzuspielen. Ja! Ter Sport! Der leidige Sport! Wieviel tausend junger, hoffnungsvoller Menschenleben fallen ihm zum Opfer! Die neugebackene Frau deS Aristokraten benahm sich">it großer Gewandtheit, mit einem scheinbar angeborenen Schliff. Sie hatte sich sofort voll- kommen schwarz angezogen, weil es ihr gut stand und ihre hohe Gestalt in Schwarz sich noch zu ver- größern schien. Die Züge ihres Gesichts waren iveich und ebenmäßig. Ein scharfer Beobachter hätte freilich einen Zug von Theiluahmlosigkeit und Kälte entdecken können, jedoch entsprang dieser durchaus nicht einem niedrigen Charakter, sondern einfach mangelnder geistiger Begabung und Unbildung des Herzens. Sie gab sich liebenswürdig und freund- lich, war aber nicht offen. So strich sie niir niütter- lich über die Haare, als ich den Kopf einen Augen- blick in den Polsterstuhl zurückgelehnt hatte und sagte: „Ja, ja, mein Sohn, der arme Ewald!" „Ich nehme niemals Pomade!" Sie wurde roth und erividerte:„Verzeih', aber die Möbel sind erst neu bezogen worden." Bald kam mein Vater. Er reichte dem Aristo- kraten die Hand, ohne seine junge Frau zu beachten. Vor einem Jahre hatte ich Vater genau an der- selben Stelle gesehen. Damals ein Bild ivilder, überschüssiger Lebenskraft, und heute, ich mochte es nicht glauben, daß es derselbe war. Wie doch Krank- heit einen Btenschen herunterbringen kann! Wie sie ihm Alles nehmen kann, Stück für Stück, den Lebens- muth, die Betveglichkeit, die Thatkraft, die Gedanken, den Glanz der Augen! Die wenigen Haare waren inzwischen fast weiß geworden, eine leichte Zerrung der Gesichtsmnskeln war zurückgeblieben. Er ging gebengt, schleifte den rechten Fuß nach und ließ den Kopf vornüber hängen. Ich verargte es meinem Vater, daß er dem Aristo- kraten die Hand reichte. Ich bedachte nicht, daß er es vor einem Jahre nicht gethan hätte, daß aber jetzt ein Anderer dort stände, ein gebrochener Mensch mit dem Todeskeim in sich, der in Ruhe sterben will und keine Lust verspürt, sich mit der Welt zu über- werfen. Was hat man davon? Wer dankt es Einem? Thiit man nicht wahrlich besser, wenn man klein bcigiebt? Aber unbedingt machte der Todesfall auf den Aristokraten einen tieferen Eindruck; denn seine gött- lichc Vornehniheit und feierliche Erhabenheit waren dadurch etwas brüchig geivorden. Er lvar nicht niehr jung, konnte das Leben nicht mehr so auskosten wie zu Zeiten seiner ersten Frau, und da das Verbotene jetzt für ihn das Erlaubte>var, so tvar damit auch der Reiz verschlvnnden. Jetzt, Ivo er in beschau- licher Ruhe den Rest seines Lebens verbringen wollte, »inßte sein Sohn ihm solche Streiche machen! Seine Stimmung wurde von Tag zu Tag gedrückter, nichts fand mehr seinen Beifall, alle Genüsse kamen ihm fad und ledern vor. Die Nächte schlief er schlecht, ja er fing sogar schon an, sich Gedanken zu machen über so Manches, was vielleicht doch nicht so ganz in der Ordnung gewesen wäre. Der Arzt meinte, daß das Beste für ihn eine Lustveränderung sei. Er müßte ans diesem ganzen Kreis heraus, wo ihm jedes Stück Btöbel eine lebendige Erinnerung— er meinte Vorwurf— wäre. Und da der Aristo- krat seiner jungen Frau so eine Hochzeitsreise ver- sprochen hatte,— fuhr er bald darauf mit ihr und seiner Tochter fort,— an die Riviera. -- Es ging uns von Tag zu Tag trauriger. Mutter und die Schwestern fingen an, sich um Arbeit in Geschäften umzusehen; sie niachten so allerhand zwecklose Spielereien. Frieda und Grethe gaben noch außerdem Stunde». Aber das schaffte wenig. Btaii versuchte sich in Allem ans das Aenßerste zu beschränken, aber da war nicht mehr viel zu be- schränken! Btutter erweiterte womöglich noch ihre franzö- fischen Kenntnisse und übte sich in Taschenspieler- knuststücken, lieber diese Schwierigkeiten verstanden wir uns hinwegzusetzen, uns griff die Hungerkur ja wenig an, desto mehr aber meinen Vater, dessen kranker Körper damals so der guten Pflege be- dürft hätte. -i-* * Der Verein der„Geistesbrüder" blühte und ge- dieh inzwischen; oder bestimmter gesagt, schoß ins Kraut, trieb merkwürdige Zweige, Aeste und Schöß- linge, denen man kaum mehr ansah, daß sie zum Stamme gehörten. Fürs Erste veranstaltete Eugen zur gegenseitigen Bildung und Aufklärung Leseabende, sprang uns mit Kant, Schopenhauer und Hegel ins' Gesicht und hielt zu seiner Hebung eine längere Rede über die Ab- straktion relativer Begriffe, die ihm und uns Allen gleich klar war. Albert nickte verständnißinnig; Walter meinte, er hätte zwar eine Geschichte der Philosophie gelesen, doch sich nicht derart in die Wissenschaft selbst vertieft, um hierauf entgegnen zu können. Ich sagte ganz brutal, man solle nicht solche Phrasen abwickeln, dadurch brächte man der „jammernden Allgemeinheit" keinen Nutzen, man soll mit der That sie glücklich machen und nicht mit Worten, und ich war der festen Ntcinung, daß diese Entgegnung mit der Abstraktion relativer Begriffe in engstem Zusammenhang stände. Dann setzte uns Eugen einleuchtend auseinander, daß zur Schärfnng und Stärkung unserer Geistes- krüfle wir unbedingt Skat spielen müßten; ähnliche Spiele wären schon den alten Griechen und Römern bekannt gewesen und von Cäsar und Alcibiades wisse er bestimmt, daß sie demselben mit großem Eifer ergeben waren. Walter opponirle: er wagte es zu bezweifeln, man solle ihm dafür Belege bringen; weder im Cäsar, Xenophon noch Herodot gäbe es irgend eine Stelle, welche in der Weise ausgelegt werden könne. Außerdem setzte uns Eugen in einer glühenden Ansprache die Vortheile auseinander, die dem Verein daraus erwüchsen, wenn er neue Mitglieder, junge Kräfte, die von Lust und Liebe zur guten Sache entflammt wären, anwürbe. Ja, junge Kräfte, denn daß ivir allein schon„senil" tvären, läge außerhalb jedes Zweifels. Jedoch würde hierbei der Name „Geistesbrüder" störend wirken, man tvürde nnwill- kürlich an Freimaurer und andere„niederträchtige" Verbindungen denken.'Man müßte also unbedingt den Verein umtaufen, und zwar hätte er durch lieber- setznng des Sinnes in das Lateinische für den Verein den Namen„Novania" gewonnen. Durch welchen chemischen Hergang er aber dieses herrliche Wort erhalten, verschwieg er uns. Albert stimmte ihm sofort bei:„Jawoll, No- vania is ein feiner Name! Und wat ick schon inimer sagen wollte, Jeistesbrieder hat mir überhaupt nich jepaßt, det hat son janz jefährlichen verschwörerischen Beijeschmack jehabt." Walter opponirte wiederum. Er wollte eine Er- klärnng des Wortes Novania haben, vom Stamme „nov" könnte man ein derartiges Wort unmöglich bilden; das wäre Mönchslatein, und es wäre für ihn ein Jammer, mit anzusehen, wie in dem Worte Novania die herrliche Sprache„verhonakelt" tvürde. Engen erwiderte, daß Novania ihm ein sehr „sympathisches Wort" von„intimem Reiz" wäre. Ich sagte, ich hätte an dem Namen nichts aus- zusetzen, ini Gegentheil, er hätte in seiner Unver- ständlichkeit so etwas angenehm Räthselvolles, man wisse nicht gleich, was man mit ihm ansangen solle. Hierauf gerieth Eugen in Zorn: und ivas das hieße; ich schiene mich über ihn und seine Bestrebungen lustig zu niachen; und dazu wäre ich am allerwenigsten befugt. Ja, er zitirte sogar die Bibel wider mich: „Wohl Denen, die nicht sitzen in den Reihen der Spötter!" Ich antwortete, daß ich dem Verein der„Geistes- brüder" gern meine freie Zeit widnien würde, für die Novania aber nichts übrig habe. Da legten sich Walter und Albert ins Mittel. Ich solle nicht streiten. Die guten Bestrebungen des Vereins würden dieselben bleiben, ganz gleich, unter welcher Flagge er segele. Ich erwiderte, es wäre auch nicht meine Absicht gewesen, zu streiten, ich fühle mich aber durch Der- artiges beleidigt, und wie man in den Wald hinein- schreie, so schalle es wieder heraus. Eugen versetzte nun, daß ich all das überhaupt verspotte, was ihm und der Menschheit heilig und daß ich keiner wahren Begeisterung fähig wäre. Nein, ich könnte mich für seine Kindereien auch garnicht begeistern, und ihm läge nur daran, hier die erste Violine zu spielen. „Und ich kann nur sagen, daß ich einen Btenschen verachten muß, der mir kleinliche persönliche Jnter- essen unterzulegen wagt, wo mich doch nur die großen Fragen der Zeit erfüllen!" So gab ein Wort das andere, und zum Schluß dieser Unterhaltung gerieth ein großer Gegenstand in Bewegung. Ein Stuhl flog Eugen zwei Finger breit überm Kopf weg.— Der Verein„Novania" aber blühte und gedieh unter Engens selbstloser Leitung auch ohne mich; oder vielmehr, er wucherte üppig, trieb noch merk- würdigere Aeste, Zweige und Schößlinge, denen man überhaupt nicht mehr ansah, daß sie zum Stamme gehörten. * 62 Die Aeue Welt. Illustrirtc Ilntcrhciltungsbdlcige. Bteine und Eugens Freundschaft hatte einen Sprung bekommen und der ivar nimmer zu nieten, hingegen schloß ich mich jetzt mehr denn je an Walter an. Ich gewann den blassen Jungen, dieses ver- zärtelte Muttersöhnchen, lieb, ja, ich beneidete ihn sogar um seinen naiven Ernst, seinen komischen Eifer, mit dem er an Alles heranging, und hauptsächlich nin sein wunderbares Gedächtniß. Und wie grenzenlos unerfahren und unbehnlflich war er doch wieder in all den Dingen, die das Leben betrafen! Er war ein Träumer. Er lebte nur seinen Büchern, sah nichts und hörte nichts von all Dem,>vas um ihn draußen in der Welt vorging. Er verkroch sich in sich selbst und verkapselte den Ausgang, wie eine Schnecke zur Winterszeit; und doch fühlte er so eine heiße Sehnsucht nach dem Leben und seinen Freuden. Er kam wenig oder garnicht heraus ins Freie, hatte auch für die Schönheiten in der Natur kein Verständniß, er saß nur hinter seinen Schmökern und Schwarten, studirte und verfertigte bändestarke Auszüge. Selbstverständlich war er in der Schule stets der Beste, nur nicht im Turnen, da ivar er der Schwäch- lichsten und Aengstlichsten einer, ja, er mußte es sogar ganz aufgeben, da er kränkelte. Seine Mutter be- hütete ihn wie ihren Augapfel, ivickelte ihm die dicksten wollenen Tücher um den Hals, kaufte ihm Pelzmützen von der Größe eines mäßigen Wagen- rades, und hätte, um ihn zu kräftigen, ihn am liebsten in Kakao gebadet, denn so oft ich bei ihm war, kam sie mit einer Tasse voll diesen Getränkes angelansen. Ich, der sonst so selten eine Neigung für Jemand empfand, war beinahe verliebt in ihn. Stunden lang konnte ich bei ihm sitzen und seinen Reden zuhören, trotzdem ich blutwenig von ihnen verstand. Tage lang sprach er über die griechischen Philosophen, las mir oft zlvanzig, dreißig Seiten aus Büchern vor und ging dann das Gelesene ausführlich mit mir durch. lind ich saß dabei, freute mich über den angenehmen Klang seiner Stimme, über die Schärfe seiner Logik, über die Gewandtheit und Farbigkeit seiner Sprache, ohne mir auch nur die Mühe zu nehmen, seinem Gedankengang zu folgen.——— Albert war und blieb derselbe. Er war ein wandernder Stadtplan, verfolgte mit Interesse die Fortschritte des Asphaltpflastcrs, sanimelte Polizei- berichte und führte Brandstatistiken, das heißt, er wäre völlig ungenießbar gewesen, wenn nicht sein angeborncr gntmüthiger Humor und eine scharfe Nachahninngsgabe des Charaktcristisch-Komischen am Menschen ihn zu einem lustigen Gesellschafter ge- macht hätten, über den man sich manchmal vor Lachen ausschütten konnte. Seine geistigen Interessen waren gleich Null. Er lebte in den Tag hinein, dachte in seinem behäbigen Phlegma an garnichts und war stets glücklich und vergnügt. Ohne eigenes Ilrtheil, wollte er sich doch gern den Anschein geben, als verstände er irgend etwas, und redete sinnlos und blindlings jeglichen Unsinn nach. Seine Fahne, auf die er geschworen hatte, hieß Eugen. Ich habe noch zu erzählen, daß die Tochter des Aristokraten sich mit dem Besitzer einer Btaschinen- fabrik verheirathete. Man hielt ihn allgemein für reich. Er hatte bisher ein sehr leichtsinniges Leben geführt und es waren infolgedessen alle Anzeichen vorhanden, daß er ein ausgezeichneter braver Ehe- mann würde. Sie war genau das Ebenbild ihrer Mutter, gutmüthig, liebevoll und häßlich. Wirklich, sie lebten gut zusammen, denn nur böse Menschen können behaupten, daß er vollkommen nüchtern Ivar, als er ihr einmal mit der Reitpeitsche aufwartete. Ihre Kinder waren vom Tage der Geburt an die wahrhaftigen und unverfälschten Wunderkinder. Ja, so etwas Süßes, Niedliches und Kluges war nicht noch einmal ans dem Erdenrund zu finden. Ferner habe ich noch zu bemerke», daß man an einem Wintcrniorgen den Stcinträger Weise erfroren in einem Neubau auffand. Er mochte wohl trunken dorthingerathen und eingeschlafen sein. Seine Frau war herzlich froh, wenigstens empfing sie auch jetzt bei Tagseiten Besuch. „Jotte doch, das war ja ein Freund von ihrem Schwager, wer konnte auch da etwas Böses denken!" Auch Lies versuchte sich mit Gleichmuth hierüber Hinwegznsetzen. Sie war jetzt bald sechzehn Jahr, und trotz ihrer schlanken Figur körperlich wunderbar entwickelt. Sie ivar wenig daheim, begann Tanz- böden zu besuchen und Herrenbekanntschaften zu machen. Mit ihrer Mutter lebte sie in stetem lln- frieden, und es war ihr gleich, daß diese sie mit den gemeinsten Schimpfworten belegte. Sie thäte ja nichts Unerlaubtes; warum sollte sie denn immer zu Haus hocke», es wäre ja so hübsch und lustig draußen; und wenn vielleicht ein Herr zu ihr frech würde, dann wisse sie ihm schon zu begegnen. ---- Kinder werden Leute.---- (Forrsetzung folgt.) Wtlin Deiiling, der Schltidergesessc uon DlMurg. Ein Lebensbild aus der deutschen Arbeiterbewegung. Bon Konrcrd KcrenilcH. ßi�vistimie Erdmnthe Friederike Weidlingen, aus V Gera gebürtig, hat am ll. Oktober 1808 ihren unehelichen Sohn, welcher den.>. Oktober 1808, Nachmittags 3> 4 Uhr geboren, taufen lassen, Namens, Wilhelm Christian'. Wohnte im neuen Weg in den Bogenhäusern— durch Pastor Zieme. Taufzengen: Schnhmachermeister Joachim Friedrich Kämpf,-Maurergeselle Johann Heinrich Weidling. Diese kürzlich durch v. Wittclshöfer einem Mag de- burgcr Kirchenbuche entnommene Eintragung hat uns endlich genauen Aufschluß über Geburtstag und -Jahr eines Mannes gegeben, dessen Name an der Schwelle der deutschen Arbeiterbewegung steht, und der, wenn auch sein theoretischer Standpunkt heute weit überholt ist, es wie Wenige verdient, einen Ehrenplatz im Herzen der Arbeiterklasse einznnehme». Hervorgegangen ans der untersten Schicht des Volkes hat Weitling eine überaus harte Proletarier- jngend durchmachen müssen, und von all dem Elend, das das Leben seinen Enterbten nur zu bieten vermag, ist ihm nichts erspart geblieben. Zum Schneiderhandwerk bestimmt, hatte sich der Junge durch eine lange, bittere Lehrzeit hindurchznhungcrn, oft genug mußte er mit knurrendem Btagen sein Lager aufsuchen, um sich am Morgen früh um fünf Uhr wieder au das ewige Einerlei der Arbeit zu begeben. Mit zwanzig Jahren zog er auf die Wanderschaft und durchquerte, das Ränzlein auf dem Rücken, Deutschland von einem Ende zum anderen. Im Jahre 1830 finden wir ihn in Leipzig; hier betheiligte er sich, kaum 22 Jahre alt, lebhaft an der damaligen bürgerlich- demokratischen Bewegung und veröffentlichte scharfe Artikel und Spottverse. Seine weitere Wanderung führte ihn nach Wien, wo er sich mit der Verfertigung künstlicher Blumen ernährte. Ein nicht uninteressantes Liebesabenteuer wird uns aus dieser Wiener Zeit berichtet: Zugleich mit einem Habsburger Prinzen interefsirte sich unser Schneidergcselle lebhaft für ein junges-Mädchen, das — unglaublich, aber wahr!— den armen, aber sehr intelligenten und hübschen Weitling seinem hoch- geborenen Rivalen vorzog. Dieser schäumte vor Wnth; wie konnte es auch dieser Proletarierlump wagen, seine Augen zu einer Dame zu erheben, der ein Prinz von Geblüt sein höchsteigenes Interesse zuzuwenden geruht hatte! Nur mit Mühe gelang es dem noch rechtzeitig gewarnten Weitling, sich der Rache des hohen Herrn zu entziehen, er entfloh aus Wien, eilte über den Rhein nach Frankreich und kam im Oktober 1835 zu Paris, der„Hauptstadt der Welt" an. Die Zeit seines Pariser Aufenthalts, die, von einer kurzen Unterbrechung abgesehen, bis zum Jahre I84> dauerte, wurde für Weitlings Leben cnt- scheidend. In Paris, das damals in weit höherem Btaße als heute der revolutionäre Brennpunkt, die revolutionäre'Mutterstadt der Welt war, lernte er einmal den Sozialismus jener Zeit kennen und kam auf der anderen Seite in engste Berührung mit der damaligen deutschen Arbeiterbewegung, soweit von einer solchen vor Weitling die Rede sein kann. Zum Verständniß seiner späteren Agitation, wie zur rechten Würdigung Wcitlings überhaupt, ist eine kurze Besprechung, eine flüchtige Skizzirung beider Faktoren unerläßlich. Das begiuneude 1 0. Jahrhundert hatte mit dem industriellen Kapitalismus eine Erscheinung heraufgeführt, deren Wirkung eine völlige Umwälzung, Revolutionirung aller früheren gesellschaftlichen Ver- Hältnisse war. Eine schier unermeßliche Steigerung der Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit trat ein; aber indem so die Maschine der Kulturmeuschhcit gewaltige, ungeahnte Reichthüiner spielend in den Schooß warf, bewirkte sie zugleich tiefgreifende Ver- änderungen im festgefügten sozialen Unterbau. In dem industriellen Proletariat schuf sie eine Klasse, die, nichts weiter besitzend als ihre Arbeitskraft, ge- zwungen war, diese einem industriellen Kapitalisten zu verkaufen, eine Klasse, für die bei der gewaltigen Vermehrung des gesellschaftlichen Reichthums zunächst nichts abfiel als Hunger, Elend und Existenzunsicher- heit. Noch aber hatte diese Klasse— fast noch im Embryo-Zustand— nicht die Fähigkeit, sich gegen das auf ihr lastende Joch aufzubäumen, noch ver- mochte sie es, durch machtvolle Organisation der schrankenlosesten Ausbeutungslust der Kapitalisten wenigstens in etwas ein Paroli zu bieten, lind so konnte denn in jener Zeit der Kapitalismus völlig ungezügelt auf die Volkskraft wüthen: Elend und Masseuarmuth waren die Folge. Damals waren es cdeldenkende, klarblickende Männer aus der Bour- geoisie selbst, die in der richtigen Erkenntniß, daß der allgemeine Jammer nicht in individuellem Ver- schulden, sondern in den sozialen Verhältnissen seine Wurzel habe, daß die Gesellschaftsordnung für die Schäden der Zeit verantwortlich zu machen sei, zuerst den Ruf nach einer gründlichen Aenderung derselben erhoben, die den Sozialismus als er- strebenswerthes Ziel aufstellten. Ihnen war der Sozialismus nicht das Produkt des geschichtlichen Werdeganges, sondern ein logisch konstruirtes, aus weltumfassendem Mitleidsgefühl heransgeborencs Zu- knnftSbild, ihnen war er die absolut vernünftige Gesellschaftsorgaiiisation, die ins Leben treten sollte durch den Appell an den Verstand und das gute Herz der Menschen, zumal der Mächtigen. An einen thatkräftigen Klassenkampf des Proletariats mit dem Sozialismus als Endziel konnten jene Biänner bei der völligen Aktionsunfähigkeit der Arbeiter ihrer Zeit garnicht denken. So entstanden die utopistischeu Zukunftsbilder eines Saint Simonis, eines Charles Fourier, eines Dezamy und Cabet in Frankreich, eines Robert Oven in England. Deutschland blieb von dieser Strömung nnbe- rührt, eine Folge seiner wirthschaftlichen Rückständig- keit, bei der sich die Anfänge des Kapitalismus erst hier und dort schüchtern hervorwagten. Ein Spiegel- bild dieser wirthschaftlichen Zurückgebliebenheil war die jeder Beschreibung spottende politische Reaktion, die nach den Zeiten der„Freiheits" kriege über unser Vaterland hereingebrochen war. Schmählich wurden die zur Zeit der Roth den Völkern gegebenen Ver- sprechungen gebrochen, vergessen war die Verheißung, eine Konstitution geben, dem Volke Mitbestininiungs- recht an der Gestaltung seiner eigenen Geschicke ge- währen zu wollen; bestehende Gesetze wurden durch einen fürstlichen Federstrich je nach Bedarf annullirt, jahrelange Untersuchungshaft, Kerker und Festungs- strafen, Haussuchungen waren an der Tages- ordnung; politisches Denunziantenthnm, Spitzelet und Schuüstelei blühten wie nie zuvor. Die Karlsbader Beschlüsse waren das Endergebniß der politischen Weisheit der Herrschenden. Daß unter diesen Ilm- ständen von einer Arbeiterbewegung nicht die'Rede sein konnte, liegt auf der Hand, wo hätte dieselbe bei dein völligen Mangel einer Vereins-, Versaium- lungs- und Preßfreiheit auch Licht und Lust zu ihrem Wachsthum hernehmen sollen? Was sich an politischer Regsamkeit in der Arbeiterklasse fand, mußte sich naturgemäß zunächst jenen bürgerlich- radikalen Bewegungen anschließen, deren Ziel eine Die Neue Welt. Illustrirte Nuterhaltungsbeilage. 63 Abschiittelinifl des auch für das Biiigerthiliii uil- erträglichen rcaltioiiärrii Zalzrcs bildcte. Tic Äiifäiige einer— der ganzen Sachlage nach politisch gearteten— Arbciterbeivcgung finden wir — inerlwnrdig, aber begreiflich genug— unter den im Auslaiide, in Frankreich und der Schweiz lebenden deutschen Arbeitern, richtiger vielleicht Hand- werksgesellen, von denen viele Taufende alljährlich Ivandernd über den Rhein zogen. In diesen Ländern mit inodernein öffentlichen Leben, mit politischer Beivcgnngsfreiheit mußte ihnen die dumpfe Stickluft ihres Heimathlandes, der sie soeben entronnen waren, doppelt drückend erscheinen, doppelt brennend mußte in ihnen der Wunsch iverden, auch Deutschland in die Reihe der Kulturvölker hinanfgerückt zu sehen. lind es blieb nicht bei dem Wunsche, derselbe vcr- dichtete sich zum Wollen, zum energischen Handeln; man that sich in große», weitverzweigten GeHeini- bünden zusaninlen, deren bcka»ntester der 183 4 zu Paris gegründete„Bund der Geächteten" war, von dem sich zwei Jahre später viele, unter ihnen die tüchtigsten und einflußreichsten Mitglieder abzweigten, um in dem„Bunde der Gerechten" eine neue Organisation der im Auslände lebenden, für das Baterland Freiheit und Einheit erstrebenden deutschen Arbeiter zu schaffen. In diesen Bund trat 1837 Wilhelm Weitling ei». Sein Verdienst nun ist es in erster Linie, in den rein republikanischen Bund mit seinen vor- wiegend politisch-radikalcn Endzielen das soziale, sozialistische Moment hineingetragen, der Bewegung den Charakter einer allgemeinen politisch-patriotischen Freiheitsbewegung genommen und ihr den Stempel einer kommunistisch- revolutionären Arbeiterklassen- bcivegnng aufgedrückt zu haben. Weitling wurde der erste deutsche Theoretiker des Kommunisnius und zugleich sein erster praktischer Agitator. Es kann nun nicht Aufgabe dieser Skizze, die ja nur in ein paar kurzen Strichen ein Lebensbild Weitlings entlverfen will, sein, eine ausführliche Darlegung seines theoretischen Lehrgebäudes zu geben. Jeden, der sich näher für die Sache interessirt, müssen lvir schon auf die sehr instruktive Kaler'sche Schrift,* vor Allem aber auf die in jüngster Zeit sehr er- freulicherweise von dem rührigen Ernst'schen Ver- lage in München neu herausgegebenen Werke unseres Wcitling selbst verweisen, die— von ihrem hohen historischen und parteigeschichtlichen Interesse einmal ganz abgesehen— auch heute noch durch ihre klare, zwingende Logik und besonders durch die glühende Begeisterung, die nns aus jeder Zeile entgegenalhinet, im Stande sind, den Leser mit sich fortzureißen, sein Herz höher schlagen zu lassen. Die erste dieser Schriften erschien 1838, ein Jahr nach Wcitlings Eintritt in den Bund der Gerechten, unter dem Titel„Die Bienschheit, wie sie ist und toie sie sein sollte." Unsere heutigen deutschen Arbeiter werden sich nur schwer einen Be- griff davon machen können, unter ivie unsäglichen Schwierigkeiten die Herstellung und Verbreitung jener Schrift überhaupt erst ermöglicht ivurdc� Wie sie im Auftrage der Pariser Sektion des Bundes ver- saßt war, so mußte sie unter den größten Ent- behrungen von den Genossen selbst gesetzt, auf einer geheimen Presse gedruckt, von ihnen selbst gefalzt und broschirt werden. Zweitausend Exemplare der Broschüre ivurdeu so hergestellt und verbreitet, eine größere Partie gelang es auch in Deutschland ein- zuschninggcln. 1845 erschien in Bern eine zweite Auflage der Schrift, die schon 1840 in das Un- garischc übersetzt worden war. Eine charakteristische Eigenthümlichkeit der ganzen Weitling'schen Lehre ist deren enge Verquickung mit dem Christenthum, ist das Bestreben, den Kom- muui'Smus in Einklang zu bringe» mit den Lehren Christi, oder vielmehr, ihn direkt aus diesen abzu- leiten; auch seine Sprache lehnt sich eng an die der Bibel an. Wir begegnen dieser Erscheinung auch in Weitlings Erstlingsschrift. � u „Die Ernte ist groß und reif,„heistt es da, und Arbeit giebt es vollauf; also herbei ihr Ar- » Beilin, Buchhandlung„BorwSrlS":„Wilhelm Writliiig, leine Agimiion und Lehre." bester, damit die Ernte beginne," so hebt Wcitling an. Was aber ist diese Ernte?„Das ist die zur irdischen Vollkommenheit reifende Menschheit, und die Gemeinschaft der Güter der Erde ist ihre erste Frucht." Wie liegen aber die Verhältnisse heute?„Ihr arbeitet früh und spät, ein gesegnetes Jahr folgt dem anderen, alle Rtagazinc sind vollgespeichert mit den Gütern, die ihr dem Boden abgewonnen habt; und doch entbehren die Bteisten von Euch der für Nahrung, Wohnung und Kleidung no'hlvcndigsten Gegenstände, doch wird gerade Denen von den Gütern der Erde ani kärgsten zugetheilt, ivelche sie derselben mühsam iin Schweiße ihres Angesichts abgewinnen müssen.— Das kommt von der im- gleichen Bertheilung der Arbeit und der durch sie hervorgebrachten Güter—— Woher aber stammt diese? Die Einen geben diesen, die Anderen jenen Grund an.——— „Andere schieben die Schuld auf die ganz un- schuldigen Maschinell, die ein Glück für die Mensch- heit sein werden, wenn sie einst wie eine große Familie in Gütergemeinschaft lebt, denn sie leihen der Menschheit die Kraft und Geschlvindigkeit, welche ihre Natur nicht zu erreichen im Staude ist, und mit deren Hülfe so viele Arbeiten und Mühen er- spart werden."—— Nein:„Die Ursache dieser immerwährenden schlechten Zeiten ist aber nur die ungleiche Vertheilung und Geuießnng der Güter, solvie die ungleich vcrtheilte Arbeit zur Hervor- bringung derselben, und das Mittel, diese gräßliche Unordnung zu erhalten, ist das Geld." Demgegenüber, meint Weitling, gilt es, einen neuen Gesellschaftsznstand zu erstreben, den Kom- munismuS, den er auf folgende zehn Thesen gründet, ohne deren Verwirklichung„kein wahres Glück für die Menschheit möglich ist": 1. Das Gesetz der Natur und christlichen Liebe ist die Basis aller für die Gesellschaft zu machenden Gesetze. 2. Allgemeine Vereinigung der ganzen Mensch- heit in einem großen Familienbunde, und Weg- räumnng aller engherzige» Begriffe von Nationalität und Seltenwesen. 3. Allen gleiche Vertheilung der Arbeit und gleichen Genuß der Lebensgüter. 4. Gleiche Erziehung, solvie gleiche Rechte und Pflichten beider Geschlechter nach den Naturgesetzen. ä. Abschaffung alles Erbrechtes und Besitzthums des Einzelnen. 1. Hervorgehung der leitenden Behörden aus den allgemeinen Wahlen. 7. Kein Vorrecht derselben sei bei der gleichen Vertheilung der Lebensgüter, und Gleichstellung ihrer Amtspflicht mit der Arbeitszeit der Uebrigen.. 8. Jeder besitzt, außerhalb des Rechts Anderer, die größtmögliche Freiheit seiner Handlungen und Reden. 9. Allen Freiheit und Mittel der Ausübung und Vervollkommnung ihrer geistigen und physischen An- lagen. 10. Der Verbrecher kann nur an seinem Rechte der Freiheit und Gleichheit bestraft werden; an seinem Leben nie, und an seiner Ehre nur durch Ausstoßung und Verbannung aus der Gesellschaft auf Lebenszeit. Diese Grundsätze lassen sich in wenig Worte zusammenfassen; sie lauten:„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst". Dann beginnt eine detaillirte Schilderung des Westlingschen„Zukuuftsstaates", bei der die An- lehnung an die Ideen Fouriers, die jedoch selbst- ständig weiter gebildet werden, unverkennbar ist. Endlich, nach einem kurzen geschichtlichen Rückblick auf kommunistische Vorschläge und Versuche früherer Zeiten, ein prophetischer Schluß:--- Armes, betrogenes, aber gutmüthiges Volk!— Schlafe fort, bis Dich die Trompeten und Sturmglocken zum jüngsten Gericht rufen. Dann kehre sie iveg, die Männer von Wittenberg und Rom, die den Thronen und Geldsäckeu zum Hohne Deiner Blöße das Wort reden. Dann wird Einheit die Standarte der Nächsten- liebe in Deinen Gauen aufpflanzen. Deine Jüng- liuge werden mit ihr in der Welt Enden fliegen und die Welt wird sich in einen Garten und die Menschheit in eine Familie verwandeln" Wir haben uns bei dieser Schrift, bei deren Absassnng Wcitling dreißig Jahre alt war, etivas länger ansgchaltc», um über seine späteren Arhcilen desto schneller hinweggehen zu können; finden sich in ihr doch die meisten der später, besonders in Weit- lings großem Hauptwerk„Garantien der Harmonie und Freiheit" entwickelten Gedanken schon keimartig vor. Das ist ja auch so ein besonders hervor- stechender Zug bei Wcitling, wie bei allen Utopisten überhaupt, daß sie au den einmal gewonnenen Ideen starr festhalten, daß diese Ideen sich in ihnen zu Dogmen verdichten, an denen sie nicht rütteln lassen, daß sie jeder Weiterentwickelnng durchaus unfähig sind. Und Weitling ist ein Utopist, ebenso wie Fourier und Cabet, die ivohl den Haupteinflnß ans ihn ausgeübt haben, und deren Werke er mit ebenso großem Eifer wie Verständniß studirt hatte. Wie Jene, er- kennt auch er im Kommunismus nicht jene Gesell- schaftsform, die sich mit Naturnothivendigkeit ans der kapitalistischen Wirthschaftsweise Heransringen muß, aber sich eben auch nur aus ihr herausringen kann, sondern er sieht im Kommunismus den Stein der Weisen, den eben zufällig gerade er. Weitling, gefunden hat, den aber ebenso gut ein Anderer vor Jahrhunderten schon hätte entdecken und dessen Ver- wirklichnng nur Bosheit, Dummheit oder Gleich- gültigkeit verhindern können.„Wenn sich die Güter- gemeinschaft bisher unter den Christen kein dauerndes Reich gründen konnte, so hat das, wie immer, an der Verdorbenheit der Mächtigen und Priester gelegen."(„Rtenschheit.") So gründet Weitling, gleich den französischen Utopisten, seinen Sozialismus auf die Moral,— so ist er gleich ihnen eben— ein Utopist. Und doch— welch Unterschied zwischen unserem Schneidergescllen und allen seinen berühmten Vor- gängcrn! Welch gewaltiger Fortschritt von Jenen bis zu ihm! Bei ihm treffen lvir, wie sein Biograph Kaler sehr treffend sagt,„zum ersten Btale nicht blos eine zusammenhängende, auf das gesammte ge- sellschaftliche Leben der Menschen ausgedehnte An- ivendnng der kommunistischen Gedanken, sondern auch den B ersuch, auf dem Wege der mündlichen und schriftlichen Agitation und durch die Organisation des Proletariats, als des modernen Trägers kom- munistischer Ideen, die Verivirklichnng derselben in großem Ntaßstabe herbeizuführen....... Erst mit ihm beginnt eine zielbelvnßte, klare, entschieden revolutionäre und auf die Arbeiter gestützte kom- munistische Propaganda, die vor Allem in Bezug auf ihre theoretische Basis unvergleichlich höher steht als Alles,>vas bis dahin der deutsche Kommunismus fragmentarisch zu Tage gefördert hatte." Der Schauplatz, auf dem Weitling die Pro- paganda in erster Linie entfaltete, war die Schlveiz, wohin er im Auftrage des Bundes 184 t definitiv übersiedelte, nachdem er schon ein Jahr vorher zu Propagandazwecken vorübergehend dort gewesen lvar. Es würde eine bedeutende lleberschreitnng des nns zur Verfügung stehenden Raumes erheischen, lvollten wir hier versuchen, diese hoch bedeutsame Schweizer Thätigkcit Weitlings, von der aus man den Be- ginn der modernen Arbeiterbewegung über- Haupt datiren kann, in ihren Einzelheiten zu schildern.* Nur die Hervorhebung der wesentlichsten Richtungen, nach denen sie sich bethätigte, sei ge- stattet. In der richtigen Erkenntniß, daß ohne eine um- fassende Organisation der Arbeiter an eine plan- volle Propaganda nicht zu denken sei, richtete Weit- ling sein Hauptaugenmerk darauf, überall in der Schweiz Sektionen des„Bundes der Gerechten" zu gründen, eine Thätigkeit, die in fast allen bedeuten- deren Orten von Erfolg gekrönt war. Daß nach Lage der Dinge auch hier der Charakter eines Ge- heimbundes beibehalten werden mußte, liegt auf der Hand. Man ging dabei in ähnlicher Weise vor, wie es auch die deutschen Arbeiter später zur Zeit des Aus- nahmegesetzes zu thun gezwungen waren: man gründete * Wir müssen hier wieder aus die mehrsach erivnhme Kalersche Schrist verweisen. Auch Georg Adler briugl in seiner„Geschichte der ersten sozialpolitischen Arbeiterbeioegung in Deutschland" hierzu manches werlhvolle Mat.rial 64 Die Acue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. allerlei harmlose Vereiniguiigen, Gesang-, Turn- oder BilduiigSvereine, die Sondirungsstätteii, in denen man die Spreu von dem Weizen sonderte, in denen man die tüchtigsten und intelligentesten Leute heraus- suchte, um sie für die Aufnahme in den Geheim- bnnd vorzubereiten. Die Einführung in diesen selbst geschah in feier- lichcr Weise:„Wir Arbeiter," so sprach der Leiter, „sinv endlich müde, für die Faullenzer zu arbeiten, in Entbehrung zu leiden, während Andere im Ueber- flilsse schwelgen; wir wollen uns von den Egoisten keine drückenden Lasten mehr auflegen lassen, keine Gesetze mehr respektiren, welche die zahlreichsten und nützlichsten Menschenklassen in der Erniedrigung, Eni- behrnng, Verachtung und Unwissenheit erhalten, um einigen Wenigen die Mittel an die Hand zu geben, sich zu Herren dieser arbeitenden Blassen zu machen. Wir wollen frei werden und wollen, daß alle Blenschen auf dem Erdenrund so frei leben wie ivir, daß Keiner besser und Keiner schlechter bedacht werde wie der Andere, sondern Alle sich in die gesammten Lasten, Blühen, Freuden und Genüsse theilen, d. h. in Ge- meinschast leben. Willst Du so wie wir?" Nachdem sich der Aufzunehmende mit dieser „Prinzipienerklärung" einverstanden erklärt hatte, wurde er mit den Jnternis des Bundes, mit seinen Pflichten und Rechten vertraut gemacht. Zu den crsteren geHorte vor Allem das Gelöbniß strengster Vcrschlviegenhcit, die Verpflichtnng mündlicher und schriftlicher unausgesetzter propagandistischerThätigkcit, die Aufgabe, überall neue Anhänger dem Bunde und damit der Sache der Kommunisten zu werben. Diese organisatorische Thätigkeit Weitlings war von bedeutendem Erfolge begleitet, in wenigen Jahren hatten sich zahlreiche Mitgliedschaften gebildet, die über die Kantone Bern, Genf, Zürich, Aarau, Waadt und Neuenbürg verbreitet waren und miteinander regen schriftlichen und mündlichen Verkehr unter- hielten.(Schluß folgt.) Napoleon bei Waterloo.(Zu unserem Bilde.) Das lvar das Ende der Laufbahn des korsischen Eroberers: mit dem iiiigliicklicheu Zuge nach Nuhland begann sein Stern zu sinken, und Teutschland mit seinen Armeen ver> nichtete den„Sohn der Revolution". Am 18. Juni 1815 nahm Napoleon die denkwürdige Schlacht gegen Marschall Blücher und den englischen Feldherrn Wellington ans— die Schlacht, welche dem ersten sranzüsischen Kaiserreiche ein Ende inachte. Das Glück aber, das dem Korsen so lange treu war, hatte ihn verlassen. Nicht das Verdienst der vereinigten deutschen und englischen Armee war es, durch lvetches die Schlacht gewonnen wurde— und es war auch kein glücklicher Sieg. Wohl hatte die Faust Napoleons schwer auf Teutschland geruht— doch nicht ans dem deutschen Volke, sondern aus den damaligen deutschen Fürsten und Fürstlein. Da kam der verhäng- uisjvolle Tag: Napoleons Macht wurde gebrochen und die Fürsten und Fürstlein, die sich unter der französischen Gottcsgeißel gekrümnit und gewunden hatten, hoben nun iviedcr ihre Häupter, aber man fragt sich— war es besser?— War es besser, daß Deutschland seinen Nacken vor icnc» Fürsten bog, als vor dem Großen, der, obwohl ein Verräther an der Revolution, doch sei» Blut nicht verleugnen konnte und Vieles, was die Revolution ge- schaffen hatte, auch in dem damaligen geknechteten Deutsch- land durchführen ivollte und dessen Pläne die ganze Erde nmspanntcu— vor jenen Fürsten, deren letztes Ziel Herrschsucht und Tt>ra»nci war, als vor ihm, dem Herr- sucht nur das Mittel zu seineu weiten Zielen gewesen? Es war ein Sieg der Deutschen bei Waterloo— aber es war eine Niederlage des Volkes. Heute prange» herrliche Tcnkniäler zur Erinnerung an die Schlacht bei Moni Et. Jean und La Belle-Alliance; aber kein Denkmal steht dort, ans dem geschrieben stände:„Wir haben Dich be- siegt, weil Tu uns durch Deine Tyrannei die Mittel zur Befreiung gabst." Aber gut so! Tie Völker haben von ihm doch Eines gelernt, nämlich, daß kein einzelner Mensch, und wäre es der größte und genialste, sie wahrhaft be- freien kann, sondern daß in ihnen selber allein das Heil wohnt. Der Tod des Clitus. Alexander der Große hatte weniger Neigung zum Wein, als man glauben könnte. Es schien nur so wegen der gedehnten Zeit, die er nicht soivohl itiit Trinken, als mit Schlvatzen zubrachte, indem er bei jedem Becher immer eine lange Unterhaltung an- sing. Tie Trinkgelage dehnten sich darum infolge seiner Gesprächigkeit sehr lange ans. Hierbei konnte er durch seine Prahlereien wirklich unangenehm und gar zu sehr der gewöhnliche Soldat werden. Er verfiel in ein rühm- rediges Wesen und ließ sich überdies, sozusagen, von allen Schnieichlern reiten. Hierdurch wurden sodann die besseren (stästc in eine peinliche Lage versetzt, indem sie zwar mit einem Schmeichler nicht wetteisern, aber auch nicht hinter dem Maße seiner Lobsprüche zurückbleiben ivollte». Denn wenn das Erstcre schmählich erschien, so brachte dagegen das Andere Gefahr. Bei einer solchen Gelegenheit durchbohrte Alexander einen seiner Heerführer, Elitns, welcher ihm in der Schlacht am Granicns das Leben gerettet hatte, mit einer Lanze. Der Hergang mar folgender. Bei der Abendtasel, nach dem Opfer, ging ein tolles Saufen los, an tvelchem Mace- donier sowohl wie Perser Theil nahmen, und ivobei man lächerliche Spoltlicdcr ans die Feldherrn sang, welche unlängst eine Niederlage von den Persern erlitten hatten. Die älteren Gäste tvurden darüber sehr ungehalten, Alexander dagegen hörte mit seine» nächsten Freunden ganz vergnügt zu und verlangte die Fortsetzung. Elims, bereits berauscht, zeigte den größten Unwillen. „Es wäre nicht sein," erklärte er,„ivenn Macedonicr in einem Kreise von Fremden und Feinden verhöhnt ivürdeu, Macedonicr, die weit besser seien, als ihre Spötter, wenn sie auch Unglück gehabt hätteiil" Alexander erwiderte, „daß Clitus als sein eigener Anwalt rede, wenn er die Feigheit nur als ein Unglück Hinstellei" Jetzt stand Clitus auf und rief:„Aber diese Feigheit hat Dir einst das Leben gercttetl Nur durch das Blut der Macedonicr und diese Wunden hier bist Tu so groß geworden!" Während Clitus diese kecken Reden ausstieß, erhoben sich Alexanders Freunde und schimpften ans ihn los; Alexander aber rief: „Elender Gesell, meinst Tu, ich laß Dir die Freude ewig, so von mir zu reden?" Als Clitus entgegnete,„er solle dann keine freien Männer mehr z» Gaste laden, welche die Offenheit liebten, er solle mit Sklaven leben, die sich vor seinem persischen Gürtel und Rock aus den Bode» legten," ergriff Alexander, der seines Zornes nicht mehr Meister war, einen Apfel, warf ihn dem Clitus an den Kopf und suchte nach seinem Schlvcrt. Weil aber einer von seinen Leibwächtern dasselbe zeitig genug weggeschafft hatte, auch die Anderen ihn umringten und baten, so sprang er in die Höhe und rief seine Waffenträger heraus. Den Clitus, welcher durchaus nicht nachlassen wollte, hatten indessen seine Freunde mit vieler Mühe zum Saal hinausgeschoben Aber er kam zu einer anderen Thür wieder herein und deklamirte im Tone der größten Ver- achtung und Keckheit die Verse des Euripides aus der Alidromache: Ach, welche schlimme Sitte herrscht in Griechenland! Stellt auch das Heer die schönen Siegeszeichen auf,— Schreibt man die That nicht Denen zu, die doch gekämpft; Nein, nur der Feldherr trägt den ganzen Ruhm davon; Ter Eine schwang den Speer mit andern Tausenden, That nirgend mehr, als Einer thut, und erntet doch Ten größten Theil an Ehren, usiv. Auf dieses hin riß Alexander einem Trabanten die Lanze ans der Hand, und als Clitus ihm entgegeukaui, durch- bohrte er ihn. Clitus sank mit Seufzen und Gebrüll zu Boden; schon in den nächsten Augenblicken verließ ihn das Leben. Jetzt kam Alexander wieder zur Besinnung; er sah seine Freunde sprachlos dastehen, riß zuerst die Lanze aus dem Leichnam heraus und wollte sich selbst geschwind einen Stich in den Hals versetzen. Aber man hielt ihn fest; die Trabanten faßten ihn an de» Händen und brachten ihn— fast leblos und nur mit Gewalt— in sein Zimmer. v/. Der naturwissenschaftliche Heobachter. Es war im Jahre 1732, das wurde im Kalkschiefcr von Ociuigen am Rhein ein versteinertes Gerippe ge- fnudeii, das sich in der Paläontologie> Lehre von den Versteinerungen) immer ein unvergängliches Andenken, freilich humoristischer Art, bewahren wird. Ter Züricher Professor Andreas Schenchzer, ein gar frommer Herr, der aufrichtig bemüht war, nalurwissenschastliche Erkennt- uiß mit der Bibel in Einklang zu bringen, beschrieb das Skelett, von dem nur Brnstthcile vorhanden ivaren, als ein menschliches: Iloiuo diluvü testis, menschlicher Zeuge der Sündfluth. Es war offenbar einer jener Unglück- lichcn, die zu Noahs Zeiten im Wasser elend hatten er- saufen müssen. Diese Entdeckung erregte»ngchenres Aus- sehen. Ter Tiakonus Miller widmet„dem Denkmal jenes verstuchten Menschengeschlechtes" folgenden schöncii Vers: „Betrübtes Beingerüst von einem armen Sünder, Erweich das steinern Herz der neuen Boshcitskinder." Der berühmte Cüvicr erst hat festgestellt, daß dieser ver- meintliche arme Sünder ein Riescnsalamauder, 8ak- mandra gigantea, war, die Versteinerung, die später in anderen Gegenden noch vollständiger gesunden wurde, heißt.Acndrias Scheuehzeri. Daß wir auch heute nicht vor ähnliche» Verivechse- lungeu sicher sind, lehren Versuche von Th. Fuchs, deren Ergebnisse der Forscher der Wiener Akademie vorgelegt hat. Es ist ihm gelungen, aus»icchanischem Wege einige Gebilde herzustellen, welche bisher als Fossilien ange- sehen ivurdcn. Durch Blasen aus einer seinen Röhre in weichen Ton wurde eine Reihe verschiedener Bildungen. erzeugt, welche bis jetzt als Versteinerungen galten. Aehn- lich entstehen durch Tropfen und Fließen einer zähflüssigen Substanz die mannigfachsten zierlichen, wurmartigen Körper, und durch Niedersinken eines derartigen Körpers in eine andere zähflüssige Substanz andere Bildungen. In der Natur finden thatsächlich ähnliche Vorgänge statt, wie sie Fuchs künstlich erzeugt hat, und diese werden dann zur Entstehung von Formen führen, welche als vermeint- liche Versteinerungen aufgefunden werden. Das Athiucn gewisser Thiere, dcr Wasscrstroni, das Laichen der Thiere erzeugt unter gewiffcn Bedingungen ähnliche Wirkungen wie das Blasen durch eine seine Röhre. Die Laiche vieler Thiere bestehen aus lange» Gallertschnürc», welche sich beim Niedersinken ganz ähnlich verhalten müssen, wie ein ans enger Oesfnung fließender Schleimfaden. Um ein bekanntes Beispiel anzuführen: Das Männchen des Lanzett- ffschcs(Amplliosius lanceolatus), des niedersten Wirbel- thieres, legt seinen Samen in eine Furche aus dem Boden, während das Weibchen hinterher seinen Laich darauf fallen, läßt. Im Mittelalter galten alle Versteinerungen für Spiele der Natur. Heute muß sich die Wissenschaft vor dem anderen Extrem hüten. Nicht jede ciaenthümliche Ge- steinsbildung ist eine Versteinerung. Also Vorsicht in ihrer Deutung! Alexander v. Hemptiune hat die chemische Wirkung der Röntgenstrahlen untersucht. Er fand, daß sie nur sehr gering sind im Vergleich zu den Lichtstrahlen, tvie sie uns die Sonne sendet. Wenn bei Diphtherie ein Luftröhrenschnitt gemacht werden muß, so tritt es sehr häufig ein, daß das in der knorpeligen Luftröhre entstandene Loch unvollkommen oder garnicht zuheilt. In der Bergmannschen Klinik(Berlin) rst jetzt der wohlgelungene Versuch gemacht worden, den Subiranzverlust am Knorpel dadurch zu ersetzen, daß man ein Scheibchen des benachbarten Kchlkopsknorpels, an den, man die Haut daran ließ, über die offene Stelle so nähte, daß das Stückchen Oberhaut dem Inneren der Luftröhre zugcivendet war. Bei dem Patienten der Bergmanusche» Klinik gelang die Heilung vorzüglich. HWpolrateZ. —-i- Geöankenspliiter.— Es mag tvohl sehr zahmklug sein, den Schurken und Hybriste»(lleberinllthigcn) aus dem Wege zu gehen, aber es ist männlich besser, sie rechtlich aus dem Wege zu schaffen, wo sie Unfug machen. —€§0 Käthsel-Ecke. �tmänbcrungci-JUtfflaßc. Tante— Alse»— Dichter— Seine— Enkel— Garbe — Wiener— Ader— Hebel— Aden— Hose— Prater — Elten— Tadel- Base— Wiese— Alba- Kolon— Morgen. Die Anfangsbuchstaben vorstehender Worte sind durch andere zu ersetzen, so daß dann die richtige Zu- samiuensetzuiig derselben ein für die Arbeiterbewegung hochbcdcuteudes Ercigniß der letzten Tage ergiebt. Auflösung öes Uäthfels in Ur. 7: Leinen, Leisten, leiten, Leinen, Leiden, leihen, Leichen, Leisten. Nachdruck des Inhalts verboten! Alle sür die Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Edgar Steiger, Leipzig, Oststr. 14, richten. Berantwortl. Rcdall-nr: Edgar Stetger, Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdructcrei u. verlagSanstalt Au-er K llo., Hamburg.— Tnick: Mar Babing, Berlin.