Der Hunger. Ein Märchen, auch für große Kinder. Von Hermann Fabcr. k V,'s war eittnial ein reicher, mächtiger Mann, � der vieles, vieles Land, eine grobe, fast uu- zählbare Menge Sklaven und Tiener, viele Fabriken und Maschinen und herrliche Lnsthättser besaß: auch ivar er der angesehensten Einer von seiner Sippe im ganzen Reiche. Alle seine Ticner und llntergcbenen fürchtete» ihn und ein drohender Blick seines nnstäten Auges oder auch nur ein Stirn- runzeln von ihm genügte, um seine Untergebenen und Sklaven in Furcht und Schrecken zu versehen. Da nun seine Tiener und Aufseher die Sklaven, die sich ans Hunger ihm freitvillig dienstbar machten, zu eifrigster Thäligkeit auf seinen Ländercien, in den Fabriken und an den Maschiile» anhielten, so ver- mehrten sich sein Reichthum und seine Schätze, von Tag zu Tag, und er konnte ein Wohlleben führen, wie kein Anderer im ganzen Land. Seine Atacht und sein Anhang wurden dadurch so groß, daß der Fürst des Landes ihm wohl gewogen war und sich sogar gern seinen Freund nannte. Dabei war er ohne Furcht vor Jedermann und selbst die Rath- geber des Fürsten mußten sich von ihm manch hartes Wort gefallen lassen, ohne daß sie wagen durften, zu widerspreche». Deshalb suchte auch der Fürst des Landes oftmals seinen Rath und seine Hülfe gegen die Riächte der Finsterniß und des Unglaubens, denn, Argantus Tor, so hieß der Gewaltige, war nach den Anschauungen seiner Zeit auch ein frommer Diener seines Glanbens und that sich auch besonders hervor in der Bekämpfnng der bösen Geivalten, deren Absichten darauf hinaus gingen. Alles, tvas ihm und seiner reichen und mächtigen Sippe von jeher heilig war, zn verachten und zu verhöhnen. Eines Tages nun, als gerade der Fürst des Landes bei Tor zn Gaste war, um in dessen großen Wäldern das Wildschivcin und den Hirsch zn jagen, zeigte ihm Tor, um die Zeit bis zum Mittags- mahle abzukürzen, seine Fabriken. Als Beide in Begleitung einiger Lakaien und Diener in den Fabrik- räumen umhergingen, sahen sie,>vie die Aufseher die ärmlich bekleideten und bleich und hungernd ans- sehenden Sklaven, Biäniier und Frauen und selbst Kinder, zu unausgesetzter eifriger Thäligkeit. oft auch mit bösen Worten und Schlägen, antrieben. Berußt, schwcißbedeckt und halbnackt schafften viele der Sklaven an großen glühenden Oese», die ivie Höllenrachen Fnnken und Flammen spien, so daß der Fürst und seine Begleiter aiigstlich bei Seite traten, als eben zwei solcher Sklaven die Thür eines Ofens öffneten und die glühende Lohe ihnen fast den Athem benahm und das Auge blendete. Tor, der das Erschrecken des Fürsten lächelnd bemerkte, beruhigte ihn nnd erklärte, daß seine Sklaven an diese Höllengluth und Arbeit gewöhnt seien, iveil er sie durch seine Aufseher von Jugend ans daran gewöhnt habe. Beide gingen weiter und kamen in einen Raum, in welchen: eine Unmenge von großen Maschme» durch ihr Pochen nnd Stampfen ciiicn solchen Lärm vollführten, daß der Fürst für sein Gehör fürchtete. Zwischen diesen Maschinen bewegten sich, durch die Aufseher angetrieben, viele Männer und Frauen bei schiverer emsiger Thäligkeit nnd mit einer Geschick- lichtest, daß der Fürst verivnndert frug, wie es möglich sei, daß nicht der eine oder der andere Sklave von den sausenden Ataschincn erfaßt nnd zermalmt oder zerrissen werde. Ach! erwiderte leichthin Tor, die Sklaven geben darauf selbst gut Acht, denn es kostet ihnen ihre eigenen Glieder oder gar auch das Lebe»: es komnie freilich sehr häufig vor, daß Sklaven durch llnachtsamkeil von den Maschinen erfaßt würden, aber es seien ihrer so iele, die sich gleich darmif freiwillig erböten, die gefährlichste Arbeit fortzusetzen: denn die Sklaven, so betonte er, hätten immer Hunger nnd in seinen Magazinen allein sei doch nur das Brot aufgespeichert. Ungläubig schüttelte der Fürst das Haupt nnd erividcrte, daß er sich nicht vorstellen könne, was Hunger sei, nnd daß dieser eine solche Gewalt über die. Sklaven habe, daß sie für ein ivenig Brot frei- ivillig ihren 5törper der Berstüinmclung aussetzen: worauf Dor ihni erwiderte, er würde ihm sofort das Gogcnthcil beweisen. Dor rief nun einen der Oberaufseher herbei und befahl ihm in barschem Tone, er solle den Sllavcn sofort verlündcn, daß in den nächsten zwei Tagen nicht gearbeitet würde. Mit einer ehrerbietigen Ver- neigung gegen den Fürsten nnd seinen Gebieter nahm der Lberaufseher den Befehl entgegen nnd begab sich sogleich an die Ansführnng desselben. Ein Pfiff von ihm, und die Ptaschinen rollten und stampften langsamer nnd standen endlich ganz still. Alle Sklaven sammelten sich darauf, wie sie ge- wöhnlich aus solchen Anlässen zn thun pflegten, an einer freieren Stelle im Maschinenraum, nnd nun hörte man die Stimme des Aufsehers, ivie er den Sklaven den Befehl ihres Herrn vcrkündeie. Kaum hatte er ausgesprochen, als alle Sklaven darob in die größte Berzweiflung geriethcn: sie rangen die Hände und flehten den Aufseher in den beiveglichsten Worten an, daß er ihren Gebieter doch bitten möge, sie weiter arbeiten zu lassen. Die Kinder und Frauen weitsten vor Schreck und Bicle jammerten: Ach, was tverdcn wir nun zu essen haben?—— Der Fürst und sein mächtiger Freund standen abseits hinter den Maschinen und sahen den ganzen Borgang mit an. Während der Fürst nun ver- wundert sein Haupt schüttelte, lächelte Dor und sprach: Seht Ihr, mein Fürst, welch treffliche Gc- walt der Hunger mir über diese Sklaven gicbt? Er winkte den Aufseher wieder zu sich heran und gebot ihm, den Sklaven mitzntheile», daß nicht ge- feiert, sondern gearbeitet würde. Als der Aufseher auch diesen Befehl verkündete, jubelten alle Sklaven laut und die Thränen der Frauen und Kinder ver- siegten und Alle priesen sie ihren gnädigen und gütigen Gebieter. Sie hätten ihni gar aus Dankbarkeit die Hände geküßt, ivenn ihnen nicht bei Strafe des Hungers verboten gewesen lväre, den Gebieter an- zusprechen oder gar seine mit kostbaren Ringen gc- schmückten Finger mit ihren rußigen Händen nnd Lippen zn berühren. Alle Sklaven, Männer nnd Frauen, eilten wieder an ihre Maschinen, und die Aufseher hatten nicht einmal nölhig, sie anzutreiben, so eifrig arbeiteten sie nun, nachdem das schreckliche Gespenst des Hungers durch des Gebieters Milde, wie sie vermeinten, ge- wichen war. Beide, der Fürst und Dor, setzten nun ihren Weg fort nnd kamen in einen Raum, in welchem eine Unzahl Frauen und Kinder, deren bleiche und abgezehrte Gestatten dafür sprachen, daß auch sie ihre ganze Kraft für ihren Gebieter Dor einsetzen mußten, um zn essen zu haben, allerlei Waaren sor- tirten imd bearbeiteten. Auch hier walteten die Auf- scher ihres Amtes. Alle Sklaven, jung und alt, arbeiteten hier mit einer solchen Emsigkeit, daß ihr Herr mit zufriedener Miene dem Fürsien sagte, daß die Frauen und Kinder seine fleißigsten Sklaven wären und trotzdem mit der wenigsten Nahrung und dem schlechtesten Brote, das sie für ihre Arbeit er- hielte«, zufrieden wären. Während Beide noch der emsigen Thätigkeit dieser Sklaven zusahen, ertönte aus dem Maschinenrauiii, den sie soeben besichtigt hatten, ein gellendes, furcht- bares Schmerz- nnd Hülfegcschrei, ivelches das bis hierher wahrnehmbare Stampfen nnd Rollen der Ria- schinen grausig übertönte. Zitternd und verstört sahen viele der Sklaven, Frauen und Kinder, von der Arbeit auf, denn wußten sie doch, daß viele ihrer Briider und Schwestern an den gefährlichen Ria- schinen im anderen Räume beschäftigt ivaren, und kannten sie doch auch zu gut die Ursachen dieses herzzerreißenden Hülfeschreies. Doch die Aufseher schalten nnd drohten mit Schlügen, nnd emsig arbeiteten die Unglücklichen weiter, obivohl mancher Frau nnd manchem Kinde heimliche Thränen über die bleichen Wangen liefen. Betroffen frug der Fürst nach der Ursache dieses Schreies. Ach, beruhigte ihn Dor, es wird wieder einer von den Sklaven zu ungeschickt gclvescn nnd von den Maschinen erfaßt sein!— Geschieht ihm schon recht!— Warum sind diese Sklaven nicht vor- sichtiger! Der Fürst, welcher im Grunde seines Her- zens diese Kaltherzigkeit Tors nicht billigte, hatte schon eine untvillige Bemerkung darüber auf der Zunge, doch schwieg er, denn er wußte, daß er seinen Freund Dor nicht verletzen durfte, da er es sonst mit dessen ganzer Sippe nnd Anhängerschaft verdorben hätte, deren Unterstützung er zur Sicherung seiner Macht gegen die feindlichen Gewalten aber dringend bedurfte. U Ii vi er Ka ÜuiKjsb ei i agc. 1897 Nr. 11 RO Die Acne Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Ter Fürst ivollte jedoch den verleben Slla.e!i sehen und Beide begaben sich nach dein Maschinen- rauin zurück, wo Tor einem Aufseher befahl, den Führer zu machen. Dieser führie sie unu in die Nähe einer großen sviaschine, die init ungcheurcr Schnelle raste und arbeitete, hielt dieselbe durch den Druck eines Hebels fast plötzlich an, und da sah der Fürst denn schaudernd, daß die Maschinenthcile noch oom Blute geröthet waren, wahrend Dor sich gleichgültig mit seinem Lieblingshunde, der ihm in die Fabrik gefolgt>var, beschäftigte und ihn streichelte. Auf die Frage des Fürsten an.den Aufseher, wo der Verletzte sei, deutete dieser auf ein durch ein grobes Tuch verdecktes Etwas am Boden neben der Maschine und entfernte das Tuch davon. Er- schauernd erblickte der Fürst nun eine blutige zcr- stückelte Masse. Ergriffen von dem Anblick zurücktretend, ersuchte der Fürst seinen Freund Dor, ihn vom Orte des Schreckens hinweg zu geleiten. Dor gab dem Auf- scher einen Wink und im nächsten Augenblick raste und rüttelte die Btaschine, dieser eiserne Menschcii- sresser, schon wieder in voller Thütigkeit, während Dor und der Fürst sich ans der Fabrik entfernten, um sich ob der gehabten Anstrengung durch das Mittagsinahl zu stärken. Als sich Beide dem in der Nähe der Fabrik, in einem herrlichen Parke liegenden Schlosse näherten, traten die zu beiden Seiten des Weges aufgestellten Diener, ehrerbietig sich verneigend, zurück und wollte es dem Fürsten scheinen, als ob sie dies mehr vor ihrem Gebieter Dor, denn vor ihm thaten. Man gelangte nun in die prachtvolle, von reichvergoldeten Säulen getragene Borhalle, und in weißer und gelber Seide gekleidete Knaben geleiteten den Fürsten und Dor in den Speisesaal, der durch die Aufstellung der seltensten Blumen und Pflanzen in ein wahres Paradies umgewandelt war. Goldene Stühle und Sessel mit so weichen elastischen, goldenen Federn, daß man vermeinte, man säße auf einem gepolsterten Großvatcrstuhl, luden zum Sitzen ein, während auf großen, spiegelblank polirten silbernen Tischen die Obstplatten sich unter der Last der saftigsten und köstlichsten Früchte aller Länder fast versteckten; auch leckere Speisen und die thenersten Weine standen dort und Teller und Geräthe, Gabeln, Messer und Löffel, Alles ivar vom reinsten Golde, dabei aber so zierlich und leicht von den besten Künstlern und Goldschmieden des Landes gearbeitet, daß der Fürst, der doch auch eine Unzahl der köstlichsten goldenen und silbernen Tafelgcräthe besaß, verwundert nach dem Meister, der diese Sachen geschaffen, sich bei Dor erkundigte. Der Hunger, sagte ihm dieser lächelnd; auch hier ist er der große Künstler. An den Wänden, die von rothgoldenen Tapeten bedeckt waren, hingen die kostbarsten Gemälde und Bilder, und an der Saaldecke bemerkte der Fürst einen einzigen großen Spiegel, in welchem sich die schönsten Gegenden der Welt abwechselnd zeigten und widerspiegelten. Nachdem der Fürst Alles besehen und die kniist- volle Eiiirichtnug genügend bestaunt und bewundert hatte, lud Dor ihn zum Speisen ein, und als der Fürst am obersten Ende der Tafel Platz nahpi, er- tönte eine so wundervolle Musik, daß der Fürst so- gar ganz leise seine Messer und Gabel gebrauchte, um keinen Ton der Musik zu verlieren. Zierliche, in rothgoldene Gewänder gekleidete Knaben bedienten beim Mahle, und obgleich die Speisen köstlich dufteten und noch köstlicher schmeckten, aß der Fürst dennoch nur sehr wenig. Desto mehr aß jedoch Dor, sein Freund. Die Pagen hatten unausgesetzt zu rennen und zu laufen, um seinen Appetit zu stillen; auch trank er viel von den köstlichen Weinen, die in Hülle und Fülle auf der Mitte der silbernen Tafel stände». Endlich war jedoch auch Dor gesättigt, und ans einen Wink von ihm öffnete sich im Hintergrunde des Speisesaales eine große Thür und herein traten oder schwebten vielmehr zwei junge liebliche Mädchen mit schönen, aber traurigen Zügen, in Gewändern von Gold- und Silbcrgaze, die nur schwach die schönen, lieblichen Formen verhüllte, und begannen zuin Takte der stärker werdenden Bhisik sich in knnst- vollen Neigen zu drehen und zu schwingen. Das Auge des Fürsten haftete mit Entzücken ans ihren Bewegungen, während in den Zügen Dors sich eine unaussprechliche Gier offenbarte, die sogar den Fürsten anwiderte und ihn veraulaßte, sich zu erheben. Das war nun auch ein Zeichen für Dor und auf einen Wink von ihm verschwanden die beiden Tänzerinnen, und der Fürst, Dor fragend, wie er das Alles zuwege gebracht habe, betonte nochmals, daß das Alles nur das Werk des Hungers sei, was er, der Fürst, wahrgenoinuien habe.„Müßte ich nicht Dor sei», wenn ich mir nicht die ganze Mensch- heit uutcrthan und dieselbe dienstbar gemacht hätte!" betonte er. Kopsschüttelnd über diese Macht des Hungers verabschiedete sich der Fürst von Tor, um in den Wäldern Dors der Jagd nachzugehen, und Dor, vom Weine ermüdet und schläfrig, sucht sein Schlaf- gemach auf, um in aller Ruhe ans den köstlichen Polstern dort der Verdauung zu pflegen. Er schläft auch infolge des übermäßig genossenen Weines bald ein, doch ist sein Schlaf kein ruhiger und böse Geister und Trännie quälen ihn. Er träumte, alle Welt sei ihm unterthan und alle seine Sklaven vermehrten durch ihre Thätigkeit an den gefährlichen Maschinen seine Schätze und Neichthümer. Jeder Tropfen Schireiß, den die Sklaven vor der glühenden Hitze der Oefen, bei der emsigen Arbeit an den Ntaschinen, auf seinen großen Ländereien im Sonncnbrand und in der von bösen und giftigen Dünsten erfüllten Luft der Bergwerke verlieren, bedeute für ihn den Gewinn eines gleich großen Körnchens Gold. Ja! Schlveiß vergießen müssen seine Sklaven, schmutzige», stinkendeu Ar- beiterschweiß, recht viel! Und je mehr Schweiß sie vergießen, je größer werden seine NcichtHiiincr!— Aber sie hungern noch nicht genug. Tie Angst vor dem Hunger soll sie zwingen, noch mehr Schweiß- tropfen zu vergießen!— Und er befiehlt seinen bösen Aufsehern, den Sklaven weniger Nahrung und Brot zu reichen, weil sie dann aus Hunger mehr arbeiten würden: doch ach! Die M'aschiiicn arbeiten immer rasender und ein Sklave nach dem anderen fällt den eisernen Ungcthiimen zinn Opfer und wird die Zahl derselben immer geringer, denn die Ueberlebenden müssen die Arbeit ihrer gctödteten Kollegen mit ver- richten und dadurch werden immer mehr Sklaven von den gefährlichen Maschinell zerstückelt, weil ihre Körper durch den ewigen Hunger unfähig wurden und ihre Aufmerksamkeit bei der gefährlichen Arbeit abstnmpfte. Aber auch ein böser Geist des Unglaubens und der Unbotmäßigkeit ist über die übrigen, ihm noch nicht dienstbaren Sklaven gekommen, und diese weigern sich, sich an seinen•Maschinell für ewigen Hunger zu Tode zu arbeiten, denn, so sagen diese Bösen:„Wenn wir arbeiten sollen nnd dennoch hungern, so können wir auch hmigern, ohne zu arbeiten!"— Und die Zahl seiner Sklaven wird immer geringer. Alle werden nach und nach von den rasenden Maschinen zermalmt und getödtct, aber auch der goldbringende schmutzige Sklavenschweiß fließt spärlicher und seine Neichthümer verinindcrn sich deshalb. Schon inüssen die Aufseher und Diener die Maschinen bedienen. Aber auch unter diesen wüthct der Tod. Die durch die Maschinen ver- stüinmelten Leichen der Sklaven vermehren sich und liegen in blutigen, eklen Hansen neben den Maschinen und kein Mensch giebt ihnen ein Plätzchen für die ewige Ruhe, denn die Aufseher, die noch allein nur die Maschinen bedienen, haben keine Zeit dazu. Die Berwesungsgerüche benehmen ihnen zwar den Athem, aber nun müssen auch sie arbeiten nnd schwitzen nnd Schätze nnd Neichthümer für ihren Herrn erzeugen. Doch auch die Aufseher verlassen die Arbeit, weil auch ihrer viele den Maschinen zum Opfer fielen und auch ihre Speisen immer karger wurden. Es blieben ihm noch seine treuen Diener; doch auch diese weigern sich, die gefährliche, aber goldbringende Arbeit zn verrichten, und nun?— Sein Reichthmn ist bis ans wenige Knpferinünzen verschwunden. Alle seine kostbaren Geräthe nnd Schmuckstiicke sind vor seinen Augen verschwunden. Wohl besitzt er noch Land, viel Land, und Fabriken und Maschinen, aber keine Sklaven, Diener und Aufseher; Keiner will für ihn mehr arbeiten. Alle Maschinell und Näder stehen still; das Sausen, Rollen und Stampfen der- selben hat einer unheimlichen Ruhe Platz gemacht nnd dazwischen steigt der Verwesungsgeruch der von den Ntaschinen verstümmelten Leiber seiner Sklaven in garstiger Weise auf. Er ist verloren, wenn er nicht selbst die Feuer schürt!— aber vorher— er muß erst die verwesenden Opfer seiner Maschinen fortschaffen, nnd kein Sklave, kein Freund hilft ihm bei dieser eklen Arbeit. Selbst der Machtspruch seines Fürsten, den er in seiner Roth anruft, vermag nichts! Er selbst! Er muß— arbeiten! Hu! Wie häßlich! Schrecklich, er soll arbeiten! Nein! Er kann nicht! Lieber den Tod, wie diese Schande! Aber auch Hunger hat er, nagenden, bitteren Hunger; doch nichts ist da, nm seinen Hunger, seinen glühenden Durst zn stillen; verschwnnden sind die köstlichen Speise»; kein Bissen Brot, auch nicht einmal Wasser, um den chrcnncnden Durst zn löschen, nnd dabei soll er noch die Feuer in den Oefen anfachen? Nein, nein! Doch auch die wenigen, verächtlich geringen Kupfer- münzen sind ihm ans den Händen entflohen, so fest er sie auch in seinen Fäusten hielt. Er ist arm, ganz arm; ärmer wie die Aermsten seiner Sklaven, die, wenn auch nicht satt, so doch etwas zn essen hatten. Ja, Hunger,»agender Hunger wühlt in seine» Eingewciden— und wenn auch er von seinen Maschinen zermalmt wird, wie seine Sklaven, gleich- viel, er muß arbeiten, um Essen zu haben! Ja, essen will er, essen!— Aber, nein, er kann nicht! Seine Freunde, seine Sippen stoßen ihn sonst aus; doch der wüthende Hunger! Er wird arbeiten. Das Schüreisen am Glühofen, er nimmt es; o, wie schwarz und rußig! Es riecht auch nach— nach Arbeit nnd Schweiß. Er arbeitet und schürt das -Feuer. Gräßlich! Es gruselt ihn! Die Schande! Ha! lind mit einem furchtbar ängstlichen Aufschrei erwacht in Schweiß gebadet Argantns Dor, verstört sich aufrichtend von seinem Nnhebette. Nach und nach erst kehrt er aus der Tranniwelt in die Wirk- lichkeit zurück und ein erleichternder tiefer Seufzer entfährt ihm! Ah, also nur ein schrecklicher, wüster Traum! Es schüttelt ihn noch, wenn er daran denkt, daß er arbeiten sollte, uni essen zn können.—— Argantns Dor war jedoch infolge seines bösen Tranmes noch eifriger darauf bedacht, seine Sklaven zur Vermehrung seines Reichthums, seiner Wacht anznhalten, damit, wie er sich im Stillen sagte, der böse Geist der Ilii-ufriedenheit nnter seinen Sklaven keine Zeit fände, sich einzunisten und sein böser Tranni nicht zur Wahrheit werde! Und Alles frohnt und dient dem gewaltigen Argantns Dor heute noch, Fürsten und Völker, Herren und Knechte, Reich nnd Arm— aber ans wie lange noch?—— #, «5? Aus dm Zlllllltrpllrlidits. Bilder aus Ostelbien. Von Heinz Starkenburg. III. M Jie sozialen Folgen der im letzten Artikel angedeiiteten Entwickelling liegen auf der Hand. Die erste nnd nächstliegende ist der nothwendige Eintritt zweier Phänomene, die trotz aller Klagen nnd Gegeninaßregcln von Jahr zu Jahr mächtigere Dimensionen annehmen: die„Sachsen- gängerei" nnd der„Zug vom Lande". Beide sind nur zwei verschiedene Seiten derselben Medaille, nnd wenn die Junker sie der„frivolen Genußsucht" der Landbevölkerung, den„zn vielen und zu billigen Eisenbahnen" und Anderem zur Last legen, so ist das eitel Flunkerei, denn sie selber sind es, die — unter dem Druck der Nothwendigkeit freilich— diesen Prozeß befördern und beschleunigen. Freilich— je nachdem! In der Saat- und Erntezeit, da ist vie Sachsengängerci der reine Segen. Schon im Januar nnd Februar gehen die Agenten ans die Arbeit, und dieselben Herren, welche die Wander- arbeit bekämpfen, wenn ihre Komornilssöhne im Frühjahre nach dem Westen wandern, schicken ihre Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Werber zu gleicheiu Zlvcck nach dem Osten, nach Pole» imb Galizien, Ivo die Arbeiter noch willig und billig sind. Wo der Agent ins Torf kommt, da gehts hoch her Im Wirlhshans wird Hof gehalten. Ta siizt der Btenschenfäiiger beim Schnapsglas und um ihn herum, dicht gedrängt, daß die kleine Schankstnbe sie kaum faßt, die Jugend des Torfes, Burschen und Mägde, halbe Kinder oft noch. Denn auch dies hat die moderne Landwirthschaft von der Schwester Industrie gelernt, daß Frauen und Kinder den Borzug verdienen, wo einmal ungelernte Arbeit Platz gegriffen hat. Und dieser Zuhörerschaft, die an und für sich schon gläubig genug beanlagt ist, weil sie das intellektnelle Ucbergewicht des Fremden fühlt und wcils schlimmcr als in der Gegenwart ja eigentlich überhaupt nicht werden kann, erzählt er eifrig vom fernen Westen; er schildert ihnen, wie stolz sie heimkehren werde» im Herbst, den Sack voll ersparten Geldes, denn die Löhne dort sind höher, als sie sie je gekannt haben; er verspricht ihnen goldene Berge und blaue Wunder, und er ist so ein lieber, freundlicher Herr— vorläufig—, er vertheilt freigebig Bier und Schnaps, Tabak und Zigarren, und Jeder, der sich anwerben läßt, be- kommt eine blanke Mark im Boraus. Und der Alkohol thut auch seine Wirkung. Mit glänzenden Augen und vor Erregung gcrötheten Gesichtern hört die leicht empfängliche Jugend das neue Evangelium; und wenn der Abend dämmert, dann zeigt die Liste eine stattliche Anzahl Namen auf, und zwei Leute legen sich zufrieden ins Bett: der neue Natlenfängcr von Hameln, denn er hat eine anständige Provision verdient, und der Schankwirth, denn er ist an einem Tage mehr los geworden, als sonst in Wochen. Im Dorfe aber träumen ein bis zwei Dutzend junge Menschcnherzen den alten, ewigen Mcnschentraum, der uns immer wieder belügt und dem wir doch immer wieder glauben: von der Zukunft, die uns das Glück bringt, vom Lande Kanaan, drin Milch und Honig fließt. Freilich, wenn der 1. April, der gewöhnliche Neiseterniin, erst da ist, dann sieht sich die Sache schon anders an. Der Ton, den der„freundliche Herr" jetzt anschlägt, ist schon ein bedeutend rauherer geworden; Ordre parircn muß man, korporalschafls- mäßig cingetheilt ist Alles, wie beini Militär, streng wird Aussicht gehalten; und wenn die Schaar der Wanderer, eng zusammengepfercht, erst ans großen Leiterwagen, dann in der vierten Klasse der Eisen- bahn, die Heimath ein Weilchen im Nucken hat, dann fängt das Gelächter hier und da schon zu ver- stummen an und an Stelle der kritiklosen Hoffnung tritt bei Mancheiii wohl eine uneingestandene bange Enltänschnng ein, wenn er zum ersten Mal in der plumpen, improvisirtcn Kaserne des neuen Arbeits- Hofes, die sie— zusammengedrängt wie eine Heerde Bich— lange Monate gefangen halten soll, ans seinem Strohsack, oft auch ans bloßer Streu, sich zum Schlummer bettet. Niit gemischten Gefühlen sehen auch die Inst- leute diese neuen Arbeitskameradeu anrücken, soweit sie ihnen noch nicht eine gewohnte Erscheinung sind. Sie ahnen instinktiv in ihnen die Bertreter einer neuen Arbeitsorganisation und Zerstörer des alten Jnstverhältuisscs. Zwar, so lange der Sommer dauert, können sie sich nicht sonderlich beklagen über den Einfluß der fremde» Wanderarbeiter. Tic Löhne zeigen eine unverkennbare Tendenz, sich den höheren Löhnen Jener anzunähern und ihre Behandlung ist meist nachsichtiger, als sie es sonst vom„Herrn" gewohnt waren. Er weiß wohl, warum er die Zügel locker läßt; Streit und Mißhelligkeite», Störrischkcit und Trägheit oder gar ein Streik in der Erntezeit sind Dinge, vor denen er allen„Dampf hat; und die Wanderarbeiter,' die nicht mit dem Wohl und Wehe ihrer ganzen Familieuexistenz an sein Wohlwollen geknüpft sind, wie die Komorniks, lasse» sich lange nicht so leicht ans der Nase herum- tanzen wie Jene.' Anders, wenn die Ernte hinter ihm liegt, �eun die Schwalben heimwärts ziehen, thnn es auch die Sachscngänger. Das letzte Fuder ist eingefahren; die letzle Mandel ausgedrosche», der Winter naht— die arbeitslose Zeit. Die Sachscngänger werden abgelohut und in ihre Heimath abgeschoben:„Der Ntohr hat seine Schuldigkeit gelhan, der Mohr kann gchn." Aber der Komornik geht nicht. Er bleibt nach der alte» Arbcitsverfassung jahraus, jahrein mit Kind und Kegel ans dem Gut sitzen und frißt den„nothleidenden" Agrarier kahl, obwohl er bei der heutigen Betriebsart den Winter über fast ganz faullenzt. Womöglich wiid das Bolk krank, man muß Arzt und Apotheker bezahlen, wohl gar den Arbeitsunfähigen bis zum Tode durchfüttern. Das wurmt unseren Junker gewaltig und er sinnt auf Abhülfe. Es ist, wenn man sichs nur recht Überlegt, auch unglaublich, was dieses Bolk im Sommer Alles verbrochen hat, was man ihm viel zu nachsichtig hat durchgehen lassen: Der Eine hat dem Inspektor widersprochen, der Andere hat einen Pflugschlüssel verloren, der Dritte gar eine Handvoll Mohrrüben gestohlen. Mit solchem Pack kann sich doch ein anständiger Meiisch nicht ans' die Tauer abgeben, lind es ist nur sittliche Pflicht, solchen Nienschen schleunigst das Jnstverhältniß zu kündigen. Daß die Leute zum Winter nicht nur Arbeit und Berdicnst verlieren, sondern gleichzeitig auch ans Wohnung und Landbesitz hinausgetriebcn werden, ist ja traurig, aber daran sind sie doch mir selbst schuld, und ans schwangere Frauen und kleine Kinder, die dadurch nackt ans die Straße gesetzt werden, kann man natürlich nicht Rücksicht nehmen, wenn sich der Untergebene so schwer verschnleet hat. Dabei sind die Leute so störrisch; sie können es garnicht begreifen, daß es das gute Recht des Herrn ist, gegen ihren Willen den langjährigen Bertrag . zu lösen; sie gehen meist einfach nicht aus der Wohnung heraus, weil sie„nicht wissen, wo sie bleiben sollen", und der Herr Großgrnndbesitzer ist thatiächlich so und so oft genöthigt, sie gerichtlich exmittiren zu lassen. Dem Kläger andere, niaterielle Gründe zn imputiren, als sein beleidigtes Gerechtigkeitsgefühl, wäre ja auch höchst frivol. Einen unangenehmen Eindruck niacht es nur, daß die oder der Entlassene gar so oft auch noch Rückstände an Lahn und Deputat einklagen muß; aber dann werden meist so viele unberechenbare Gegenforderungen aus zu lange benutztem Jnstland, zu viel gelieferten Kar- toffeln, beschädigten Werkzeugen u. dergl. geltend gemacht, daß ihm die Klage oft nur Kosten ein- bringt, zumal der Arbeiter den Bertrag wohl gar nur mündlich eingegangen und sich der juristischen Konstruktion desselben vielfach garnicht klar bewußt ist. Wenn aber die Saatzeit herankommt, dann kommen regelmäßig, wie die Schwalben, auch die Klagen wieder über die„Tanscnde, die in der Landwirthschaft leicht Arbeit und zeitgemäßen Lohn finden können," aber frivoler Weise„in die Städte drängen, um dort ihr Glück zn mache»."(„Reichs- böte" Nr. 233 3(3.) Wir wollen es hier noch einmal ausdrücklich festuagelu: Es ist einfach unwahr, wenn behauptet wird, die Entvölkerung der Gutsbezirke und das Fortziehen der Jnstleute nach der Stadt— mit der bäuerlichen Bevölkerung mag es anders stehen— sei eine Folge erwachter Genußsucht und Unzufriedenheit des Belkes. Diese ist(leider!) noch sehr gering ent- wickelt; der Gutsherr ist es, welcher aus öko- »omischen Rücksichten seine Komorniks, ivelche in der Regel gerne ihre zwar miuderwerthige, aber doch sichere Stellung behalten würde», planmäßig vertreibt. Es sind uns Fälle bekannt geworden, daß man(namentlich alt werdenden) Komorniks zwei Jahre lang die Miethe in der Stadt bezahlt hat, daniit sie ans diese Weise ihren angeborenen Unter- stützungsivohnsitz verlören und die Stadt unter- stützungspflichtig würde. Es kanii daher nur eine Frage der Zeit sein, daß das veraltete Arbeits- verhältniß der Jnstverfassung völlig beseitigt und der Gegensatz von Agrarkapttalist und besitzlosem, freiem ländlichen Lohnproletariat an seine Stelle getreten ist. Diese Eutwickelnng wird noch dadurch verstärkt, daß, wie bereits erwähnt, die moderne Agrartechnik ein zwar ungelerntes, aber körperlich wie geistig höher qualifizirtcs Material von Arbeitern erfordert, ein Material, wie es die Komorniks nicht nur picht heute, sondern überhaupt niemals stellen werden; denn ihre leibliche Verpflegung wie geistige Erziehung ist ja lediglich abhängig vom Gutsherrn, der nach preußischem Recht oberste(und im Effekt einzige» Verwaltnngsbchörde seines Gutsbezirks ist, sie geht nicht nur ans der Tasche desselben Biannes, der ihre Zeit und Arbeitskraft nach Möglichkeit ans' znbeutcn suche» muß. sondern untersteht auch seiner .Ziontrole und Begutachlnng. Das sind Interessen- Widersprüche, die sich nie werden vereinigen lassen. Bon diesem Standpunkt aus betrachtet, ist es eine wohlthätige EntWickelung, die den ans dem Gute seines Arbeitgebers seßhaften Komornik ablöst durch den freien, proletarischen Landarbeiter. Aber auch auf die Jnstleute selbst, soweit sie noch vor- Händen sind, übt sie einen nachhaltigen Einfluß ans. To lange die„gute, alte Zeit" noch herrschte, existirte zwischen Gutsherrn und Gutsarbeiter eine natürliche Jnteresseiigemeinschaft. Fiel die Ernte gut ans, so stieg auch der auf den Komornik ent- fallende Bruchtheil desselben und damit seine Lebens- Haltung, brachte der Markt einen hohen Erlös und ging es dem Herrn gut, so konnten auch die Just- leute ans bessere Verpflegung und Rücksichtnahme rechnen. Auch gingen sie noch mit eigenem Interesse an die Arbeit, denn das Land, das sie bestellten, war ja zum Theil„Lenteland", trug ja auch für sie die Ernte, ans der Wiese weideten ja ihre Kühe mit, der Wald gab ja ihnen von seinem Holz und Früchten. Baargcld erhielten sie fast garnicht und konnten es auch kaum verwenden. Heule ist das umgekehrt. Der Jusimann ist zum Theil vom „Deputat"(Naturalverpflegniig) auf Geldlohn und Geldabsiiidung gesetzt, Brotkorn bekommt er wenig mehr zu sehen, was er in Natur erhält(z. B. 5rar- toffeln), muß er größtentheils verkaufen, um Lebens- mittel dafür zu erstehen, auch Tcxtilwaaren, Möbel u. dergl., was er ehemals aus dem ans dem Gut erzeugten Rohstoff selbst erzeugte. Der Gutsherr unigekchrt ist durch die niedergehende Ntarktkonjnnktnr, die steigenden Produktionskosten und die gesellschaftliche Konkurrenz des Geldbürgerthums mehr als je darauf angewiesen, baar Geld möglichst viel aus dem Gut herauszupressen und möglichst wenig für den Gntsbezirk auszugeben. Die wirthschaftlichcn Interessen beider Thcile divergiren jetzt: Der eine wünscht hohe, der andere niedrige Preise der Lebens- mittel, der eine hohe, der andere niedere Geldlöhne, der eine hat ein sehr lebhaftes, der andere ein äußerst geringes Interesse am Ertrage des Gutes sc. Das bedeutet, daß die Jnstleute zum ersten Male die Gutsbesitzer als eine soziale Gruppe mit einer ihnen nothwendig seindlichen Tendenz erkennen. Der Klassengegensatz ans dem Lande kommt zum erstmaligen lebhaften Ausdnick. lind dazu kommt nun der Einfluß der Wander- arbeiter. Diese fühlen natürlich den Klassengegensatz in einem noch viel stärkeren Maße und ziehen bereits auch die Konsequenzen daraus bez. Forderung an- ständiger Behandlung, höherer Löhne k., vor Allem aber erzieht sie das von Heimath, Familie und Besitz losgelöste, kascrnenartige Znsammenwohnen und-ar- besten in der Arbeitsperiode sehr schnell zu einer starken Solioarität, zn einem ausgesprochenen Korps- gcist, der sich unwillkürlich den noch in der Inst- Verfassung lebenden Arbeitsgenossen überträgt, um- somchr, als sich unter den„Sachsengängcrn" strich- weise ein nicht unbedeutender Prozentsatz arbeitsloser Städter befindet, die ihnen proletarischen und vielfach sozialistischen Geist einflößen. Durch Bermitteluiig der Wanderarbeiter lernt der Komornik neben dem Klassengegensatz zum Grundbesitzer auch seine Klasscngemeinschaft mit dem besitzlosen Proletariat in Stadt und Land erkennen und empfinden. Sozia- listische und demokratische Ideen finden hier einen aufnahmefähigen und fruchtbaren Boden, ein ziel- bewußter nnd klarer Sachsengängcr thnt wirknngs- vollere Arbeit für die geistige Revolntionirung Ost- clbiens als zehn berufsmäßige Agiiatoren, die hier, wo der Junker König ist, in der Regel werden mit blauem Auge abziehen müssen Der Komornik. welchem aber erst einmal das Wesen des kapitalistischen Arbeitsverhältnisses ans- 84 f.eiiaiiflcn ist, dcni klar cielvordeil ist, daß die Jutcr- essen»ad Bcstreluaacil der Großgrundbesitzer unter heutigeu Verhältnissen den sciuigen nothivcudig zu- ividcrlanfcn, daß dafür aber hinter ihm die ganze Masse der Enterbten steht, mit der Wucht ihrer mo'alischen Macht, der nimmt auch praktisch dem Arbeitgeber gegenüber eine andere Stellung ein. Er fühlt sich als gleichberechtigter Mensch und empört sich gegen die noch immer gegen ihn geiiblc menschen- nnlvürligc Behandlung. Daß eine solche exisiirt, kann heute garnicht abgestritten lverden. lins ist beispielsweise ein Land- jnnker bekannt, der nach de» allgemeinen Erzählungen seiner Leute die liebensivürdige Gewohnheit hat, jeden Koinornik, der irgend lvelche Ansprüche gegen ihn geltend zu machen wagte, die fraglichen Lb ekte ans des Gutsherrn Pril atzininicr selbst abholen zu lassen. Ehe er sie ihm aber ausliefert, verdrischt er ihn bei verschlossener Thür mit der Reitpeitsche unbarmherzig, tvährend eine riesige Bulldogge ihm bei jeder verdächtigen Bclvcgnng an die Gurgel fährt. Privatklage anzustellen wagen die Leute nicht, theils aus Rücksicht ans ihre ökonomische Abhängigkeit, theils, weil sie aus Rechlsnnkenniniß hier überall glauben, ohne Zeugen keilten Beiveis führen zu können. Ich habe selten so den Eindruck der llöto liumaino— des wilden Thiercs im Menschen— gehabt, als beim Anblick dieser Koinorniks, wenn sie in Zivilsachen vor Gericht ihrem Arbeitgeber Auge iti Auge gegenüberstanden und laiternd und gehässig seilten umfangreichen Nechlsansführnngen folgten. Wenn auch dieser ssmll besonders extrem ist, so zeigt er doch charakteristisch, wie schnell und intensiv sich der st lassenhaß hier bereits entivickelt, ohne alles Zuthnn sosialdcmolratischer„Verhetzung". Eine landlich-sittliche Gewohnheit, die in gleicher Nichtnng wirkt, ist der sexitelle Riißbranch der Ar- beiterinne». Nicht als ob dieser Brauch neuen Datums wäre, im Gegentheil. Es ist ein offencs Geheimniß, daß seit jeher nicht nur der Herr lliittergntsbesaer und seine eventuellen Herren Söhne, soitdern auch der Herr Inspektor, der Vogt und sonstige Vorgesetzte es für ihr aiigestammtes Recht ansehen, sich ans den ihnen ntitergcbenen Arbeiterinnen einen znwcilen recht »nifangreichen Harem anzulegen. Die blonden Haare nitd blauen Augen, lvelche stockpolnische Koinorniks zu- weilen aufweisen, reden auch eine deutliche Sprache, und ich bin sogar geneigt, dieser gencrationenlang geübten„Rassenverbesserung" durch Jnnkerblut ein gut Theil Schuld an dem höheren Nioean der Koinorniks gegenüber den— ökonomisch eigentlich viel besser gestellten— polnischen Bauern zuzuschreiben. Was hierin aufhetzend wirkt, das ist das erwachende Selbstbewußtsein der ländlichen Arbeiterklasse. Des- halb richtet sich der Haß auch weniger gegen die Thatsache an sich, als die Art und Weise, wie dieselbe erzwnngcn wird und welche Behandlnng das Mädchen dabei erfährt. Die Vorgesetzten theilcn srznsagcn ihre Ulitcr- gcbetten in zwei stlassen: Diejenigen, welche von vorne herciti willig sind, und die, lvelche es noch nicht sind. Um die Letzteren kirre zu machen, wird ihnen zunächst die schwerste, längste und unangenehmste Arbeit auferlegt, die nicht selten thatsächlich über ihre Kräfte geht. Erklärt die Betreffende nun, daß sie die fragliche Arbeit allein nicht bewältigen könne, ivird sie nicht fertig, leistet sie Minderwerthigcs, oder ist sie gar zu erschöpft zum Weilerarbeiten, dami tritt die mit Recht so beliebte Gesindcordnnng in straft; d. h. zunächst kommt der Aufseher, Vogt oder dergleichen nnd prügelt sie, nicht etwa mit Fän sten, nein, in der Regel mit scinem eisen- beschlageiten Handstock. Daranf stattet er dem Herrn Jnspe tor Meldnng ab, der das Naturheilvcrfahren — besonders ailch gegen„simnlirte" Krankheit sehr beliebt— in verbesserter nnd vermehrter Auflage wiederholt; spezielle Arten des güllichen Zuredens, als welches diese Behaudlnng nachher vor Gericht zu erscheinen pflegt, sind auch das Würgen und das Zerren mi den Haaren. Dann wird die Angelegenheit dem„Herrn" gemeldet, der n. A. seinen Einfluß noch einmal in gleicher Nichtnng versucht, nnd das Ende vom Liede ist ein Strafautrag— gegen die Thäler? Gott bewahre! Gegen das Mädchen, wegen Ungehorsams, Widersetzlichkeit, Aoiitraktbruch oder dergleichen. Unter irgend einen Paragraphen läßt sich die Sünde schon bringen. Laßt sich die Ge- schlagene oder Gewürgte gar dazu fortreißen, den Arm zur Abwehr zu erheben, dann ist die Anzeige wegen Körperverletzung am Vorgesetzten fertig. Unter allen Uniständen lvandcrt das Biädchen ins Loch, denn Geldstrafen kann sie nicht bezahlen, und so milde die dem Kleiubürgcrstand entstammenden Schöffen in der Regel sind, gegen widersetzliche Arbeiler und Dienstmädchen sind sie äußerst streng, viel strenger meist als der Vorsitzende Richter. Auf diese Weise ivird sie mit einiger Geduld meist ganz militärfromni. Giebt das Mädchen aber, um allen diesen Even- tnalitäten zu entgehen, ihre Ehre preis, dann hat sie die gerühmte gute Behandlung freilich, so lange die Liebe dauert; das ist aber in der Regel nur so lange, bis sich die Folgen einstellen. Denn dann droht eine Alimentenklage, nnd um der Zahlung von 7 Mark 5t) Pf. oder gar 9 Mark monatlich zu entgehen, giebt es ja ein sehr einfaches Mittel: Fünf- zig Pfennig an den ersten besten Knecht. Ist dann die Geschwängerte so thöricht, sich auf eine Klage einzulassen, so ist sie ja eine Person von Nachweis- lich schlechtem Lebenswandel, oder es tritt gar die treffliche exceptio plurium concumbentium des Preußischen Landrcchts Die Sitzung hatte noch nicht ihren Anfang ge- noniinen und noch wogte Alles durcheinander, hier nnd da bildeten sich auch wohl Gruppen. Tie Gesellschaft! Ja, die haben wir nicht so schnell beieinander. Bleu scheu verschiedenen Alters, verschiedenen Geschleckits nnd von verschiedener Be- gabnng. Jedoch möchte ich sagen, daß die Jugend zwischen achtzehn und zweinudzwanzig Jahren hier vor- herrschend war, daß jedes junge Rtädchcn ein Talent, jeder junge Mann ein Orizinal, ein Genie war. Ah! Da drängt man sich um zwei in jeder Beziehung offenherzige junge Damen, mit etwas breit- getretenen Gesichtern, einem Schlangennest von Stirn- locken und straff sitzenden, scheinbar»nsichtbaren Haar- netzen. Ein junger Kerl mit verschrammtem Gesicht dienert höflich um sie herum, ein anderer junger Ntensch mit wallenden Locken(Maler oder Friseur?) beehrt sie mit einer gefühlvollen Ansprache. Ein blnt- junges Bürschchen mit tadello-Z gescheiteltem, glan;- schivarzem Haar nnd einem Gcsichtchen wie Milch nnd Blnt wiegt sich verlegen in den Hüften und lächelt zärtlich. Dort sitzt eine Mutter mit zwei Töchtern, ernst nnd bewegungslos, gleich einer ver- steinerten Niobe. Dort werden in einem Hümpel junger Tandies— dem Anzug nach zu nrtheilen— durch einen Buckligen flüsternd Mikoschwitze zum Besten gegeben. Es glückte mir nicht, mir ein End-Urtheil über die Gesellschaft zu bilden, auch fing ich an, etwas miß- gestimmt zu werden. Erstens war Engen nirgends zu sehen, und ich war vollkommen fremd, zweitens wurde Lies von allen Seiten mit so unverhohlener Neugier und nicht inißzuvci stehender Bewnndernng angegafft, daß ich nicht übel Lust verspürte, wieder umzukehren. Glücklicherweise entdeckte Lies eine frühere Schul- freundin nnd Spielkameradin, Grethe Schramm, der sie in katzenfreundlicher Anwandlung fast um den .Hals gefallen wäre, und im Augenblick war sie mit ihr in so eisrigem Gespräch, hatte ihr so hunderterlei Wichtiges mitzutheilen, daß ich ihren Arm losließ und meine Entdeckungsreise allein fortsetzte. Von dem Gedanken ausgehend, daß nicht Jeder, der einen guten Rock trägt, deslvcgcn gleich ein schäbiger Kerl sein müsse, begab ich mich zu dem Hümpel Dandies. „Jotte doch, Jcorj! Wie kommst Du denn hier- her? Wat machst De denn?" „Albertchen! Na das ist ja famos! Du siehst ja wie ein Graf ans! Was hast Du denn ober da an der Hand gemacht?" Er trug sie dick verbnndcn. „Ach,"— der Ton schien aus dem Btagen zu kommen, so tief war er. liebe» Haupt sprach Albert mit belegter, etwas heiserer Stimme, wie alle Men- scheu, die gern nnd viel trinken—„ick Hab' mir »änilich eben'n Thaler verdient. Also ich jehe so die Straße lang und denk da so bei mir— Jott iS det langweilig, denk ich, wenn doch man nur wo ein kleines Fenerchen wär', und da mit einmal schlagen ooch schon die hellen Flammen aus ein' Keller'raus. Ick nn— haste was kanuste— geloofen nach'in Fenermelder. Eins, zwei, drei. Scheibe injchanen, nnd da Hab' ich mir blos ein bißchen in die Hand geschnitten. Ick nu jleich nach die' Sanitätsivache jcrannt nnd mir verbinden lassen und dann nach de Pölezci, meinen Thaler jeholt. Na, den versaufen wir heute noch!" Da trat ein junger Mensch auf mich zu. „Georg! Lebst Du noch, Georg?" Wie erstaunte ich, das war ja Ernst Sauer! „Ernst! Bist Du aber groß geworden! Was machst Du denn? Was bist Du denn?" „Ich— ich bin Schnhmachcr," sagte er ge- drückt,„aber vielleicht sattle ich doch noch um." — Schuster, bleib bei Deinem Leisten,— schwebte mir auf der Zunge, aber, wie ich in sein trauriges Gesicht sah, schwieg ich. „Jaja," seufzte er,„irgend ein Knnsthandwcik, aber," er rieb Daumen und Zeigefinger,„da, da fehlts!!— O, so arbeiten zu können, wie man will nnd mag! Eigene Gedanke», Linien, Figuren! Ach— prächtig!" „Und bei de Post bin ich, Jeorje. Wat sagste De dazu?" unterbrach uns Albert.„Aber, nn weil wir»us so lange nicht jeschn haben, komm her, trinken wir eins znsammeu. Ernste kommt roch mit." Da eilte Engen ans mich zu. „Ach, mein lieber Georg, das ist ja sehr reizend. daß Tu erschienen bist. Es fehlt uns gerade f»r unser Stück ein tüchtiger nnd nmstchliger Regisseur. Bei Deinem geläuterten Geschmack nnd Deinem seinen Gefühl— Du kannst es uns nicht ausschlage», Georg!" „Nein! Nein! Nein! Eugen, es geht nicht, ich Sli Pic Acne JUclt. Illnstrirte Unterhaltungsbeilage. habe liüd) ja»och nie mit so etwas ernstlich be- schäftigt, ich kann es wirklich nicht annehmen, so gerne ich Euch zu Diensten sein möchte, aber ich möchte Cnch doch auch nicht die Sache verhunzen." „Für Dein Können übernehme ich Garantie, es kommt mir ans Dein Wollen an." „lileiii, itcin. Engen, ich trau es mir nicht zu." „Versuchs doch mal." „Ach wat, ziere Dir man»ich! Wat is denn nu da schon bei, man feste, es seht schon!" ermun- terte Albert. „Uni keinen Preis, Georg, ans dem Stück kann auch der beste Negissenr nichts machen," flüsterte mir Ernst ganz leise z». „Engen, ich kenne ja auch das Stück noch gar- nicht. Morgen sage ich Dir Bescheid. Wenn es mir irgend möglich ist, gern, aber binden kann ich mich»och nicht." „Nim gut, mein Lieber, des Btenschen Wille ist, wie man so zn sagen pflegt, sein Himmelreich," versehte Engen pikirt. „Aber es ist schon fünf Minuten nach dreiviertel ans nenn, um dreiviertel ist die Sitzung laut Statut anberanmt. Ich denke, meine Herren, wir begeben uns in den Sitzungssaal." Der Sitzungssaal war ein längliches Zimmer, in dem eine Reihe von Tischen und Stühlen stand. In der Ecke harrte ein eilfertiger Kellner den Winken der Mitglieder. lind da kamen sie nun Alle und es waren wohl sänfzig bis sechzig anwesend und nahmen in ernsten Gespräche» ehrfnrchterweckend Platz. Die Glocke des Präsidenten.-Grabesstille im Zimmer. Man hörte nur von draußen her Gläser klappern und Dienstboten lachen. Engen erhob sich, begrrrüßte die Anwesenden— er sprach in jedem Wort das dramatische R, ob ein R darin vorkam oder nicht— verlas laut§ 18 der Statuten das Protokoll der letzten Sitzung und sagte, daß ans Schriftstück 830 I»nd 328 II an die Mitglieder Haas und Bohleinann Antivorten ein- gelaufen wären. Dann ging er zur Tagesordnung über. Verlesen des Stückes und Besetzung der Rollen. Das Stück! Hm! Bon ivein konnte es mir sei»? Ich rieth und rieth, fand aber Nieniand, dem ich eine derartige breite Mittelmäßigkeit zutrauen mochte. Es>var eine richtige Dilettaiiteiikeinpositio», ein Wirrwarr von Neniiiiiszenzeii, nirgends etwas Eigenes, elivas Selbstständiges. Es wäre ein Bastard von Björnsons„Fallissement" und Sndernianns„Ehre" gewesen, wenn nicht der heilige Henrik* einen Pa- ralytiker und Gcrhart** der Große einen stets be- trunkenen Kassenboten beigesteuert hätten. Und dann war es so unglaublich ungeschickt angelegt. Personen erschienen, wie die Geister in einem spiritistischem. Klub, Niemand wußte, wo sie herkanien. Nieniaud, was sie eigentlich ivolltcn, und ebenso räthselhaft, ivie sie erschienen waren, verschwanden sie auch wieder. Tie Handlung kroch, und trotzdem>var in den Figuren keine Vertiefnng, alle Schablonen! Der alte Bankier und Koinmerzieurath, ein Rückeninärker und herz- loser Gauner; der ehrliche aber plumpe Buchhalter, der stets betrunkene Kassenbote, die brave und die hochiniithige Tochter des Bankiers, der Kriminal- kon»»issar, der verschuldete Lieutenant, der vcrschnl- dete Sohn, der die Tochter des Kassenboten ver- führt, alle Schablonen! Jeder neue Ankömmling gab sofort eine kurze Charakteristik und Lebens- beschreibung seiner Person, damit der Zuhörer nur nicht über die Nolle, die hier gespielt wurde, im Unklaren bleibe» könne. Ernst saß neben mir. „Herrgott, Ernst, ich soll die Regie von diesem Schund nbernchnien? Was mache ich da bloS! Unmöglich! Nicht für eine Lßelt! Wer hat denn nur diesen Unsinn znsaiiimengcbrant?" tuschelte ich ihm zn. „Sit! Aber reinen Mund gehalten. Engen hat das Stück geschrieben, es soll Niemand wissen—" „Engen? Das ist unverzeihlich von ihm! Und es soll wirklich aufgeführt iverden?" „Ach, Georg, das ist ja so gleich, was hier * Ibsen. ** Hauptmann. aufgeführt wird, die Leute hier haben ja gar kein Berständiiiß, das ist ja Alles so ein gediegener Lite- rat»! pöbel,— ekelhaft! Es ist ja so ein geistiges Proletariat, schandbar! Georg, davon hast Du ja keine Ahnung. Nichts wie Schiiintzereieii, Klatsch lind Jniriguen! Jeder weist hier vom Anderen, ob er ein reines oder ein schinntziges Taschenluch bei sich trägt." „Woher der Glanz i» dieser armen Hütte?" „Ernst, befaßt T» Dich denn mit—— so etwas?" „O ja, wie»ia»'6 nimmt. Ein wenig. Ich Hab' ja nicht viel Zeit. Ich muß immer des Nachts lesen, wenn ich schon einmal dazu konmien ivill." „An Backe! Is det Stick»ich famos?" rief mir Albert über den Tisch zn.„Ick spiele den Koinmerzieurath. Wenn ick so den Revolver nehme und mir um's Leben bringe— ," er warf sich in den Stuhl zurück und ließ die Arme schlaff herab- hängen, n»i zn zeigen, wie schön er sich dann ans- nähme. „Bravo, bravo!" Man klatschte, schrie und jubelte. Der Dichter verbeugte sich dankend. „Herr Salle hat es geschrieben, ganz allein, er hat sich von Niemandem helfen lassen," ging ei» Flüstern durch die Reihen. „Aber nun, meine Herrschaften, schreiten wir zur Diskussion, damit dem jungen Volk"— er ivar selbst höchstens zwanzig Jahr—„doch noch Zeit für den geselligen Theil des Abends bleibt," rief Engen mit einer so lauten Stimme, als ob er in einer Volksversammlung spräche.„Hat Jemand gegen das Stück an sich oder die Anfführnng desselben irgend etwas einzuwenden?" „Nein! Nein! Nein! Nein!" klang es von allen Seiten zurück. Wieder verneigte sich der Dichter. „Nun, gut, meine verehrten Anwesenden, gehen wir zum Vertheilen der Rollen über. Herr Geiger, unser verehrter Gast, wird die Frenndlichkeit haben, die Regie an Stelle des Herrn Haas zn über- nehmen—" — O weh, o iveh, da war jetzt schwerlich noch etwas für mich zu retten. Ich erhob mich und sagte einige unpassende Worte, daß ich gern mein Rlöglichstes thnn würde, daß aber bei meiner knappen Zeit ich mich wohl nicht mit der nöthigen Vertiefung der Sache widmen könne, und ob es deswegen nicht vielleicht besser wäre, man würde einen Anderen damit betrauen. Ich wüßte ja die hohe Ehre vollkommen zn schätzen, und ich fürchte eben nur, daß ich mich nicht der guten Sache so hingeben könne, wie es ihr gebühre. Da erwiderte Engen, daß die mitwirkenden Kräfte, mit Ausnahme seiner Wenigkeit, so ansge- zeichnet geschult wären, daß die Arbeit eines Regisseurs eine ebenso leichte, wie angenehme und dank- bare wäre, Darauf ivußte ich nichts zu sagen, und so ivar ich Regisseur des Theatervereins„Novania". „Ich glaube," fuhr Eugen fort,„daß sich für die Rolle des Kommerzienrath Bücher unser liebes Mitglied, Herr Albert Nickel, ausgezeichnet eignen würde. Uns Allen steht noch seine wunderbar detail- lirte Leistung als Philipp in ,Ton Earlos' klar vor Augen. Heldenväter und Charakterrollen liegen ihm am besten." „Nu, ivcnn es den Herrschaften aujenehnl is, würde ick ja die Partie übernehmen. Denn wirk- lich, Allens wat recht is, sie jefällt mir," pflichtete Albert bei. „Falls kein Anderer die Rolle haben will, würde ich selbst den jungen Bucher spielen." „Bravo! Bravo!" „Für den Ertel, den Buchhalter, können wir wohl auf der ganzen Welt keinen Besseren finden als unseren Ernst Sauer. Seine temperamentvolle, fein nüancirte Verkörperung des Krämer in ,Sodo»is Endc� berechtigt mich zn diesen Worten.— Die Rolle des Lieutenant von Zettlitz ist nnserem lieben Erich von Wandel ivie ans den Leib geschrieben." Ein endlos langer, junger Mensch— seine Augen lagen fast versteckt unter dicken Stirnwnlsten, die untere Kinnlade war stark nach vorwärts geschoben. außerdem stand der Kopf in keinem Verhältmß zur Länge seines Körpers— er maß fast zivölf Kops- längen— erhob sich und sagte in einer Rede von zehn Minnten. daß er sich einverstanden erkläre. „Den Kassendiener würde ich unserem Herrn Beher sehr empfehlen. Seine feine Beobachtnngs- gäbe wird eine wunderbar pointirte und wohlgelimgene Studie ans ihm mache», während der Kriminal- kommissar in Herr» Gärtner einen glücklichen Ver- treter finden würde." Nun käme er zur Besetzung der Damenrollen. Am meisten hätte ihm die Frau Kommerzienrath Bucher Kopfschmerzen bereitet. Dieselbe von einer jüngeren Dame darstellen zn lassen, würde schwierig werden, und wie eine ältere Dame—„verzeihen Sie mir diese UnHöflichkeit—" dazu finden?„Da kam ich auf einen glücklichen Gedanken: Wie iväre es, gnädige Frau—" er wandte sich zu Frau von Wandel—„wenn Sie uns aus der Verlegenheit helfen würden. Ihr feines Verständniß, Ihr scharfes Ilrtheil--" „Ja! Ja! Ja! Ja! Bitte! Bitte! Bitte! Bitte!" unterstützte der Ehorns der Novaneu. Frau von Wandel, die Mutter der zwölf Kopf- längen und einer nicht einmal hübschen Tochter, ivar eine ehrwürdige, schöne Matrone, mit feistem, trotz des Doppelkinns durchaus vornehmem Gesicht. Sie hatte alle Klassen der Lebensschiile von der obersten bis zur untersten durchgemacht und verstand selbst noch jetzt in dieser plnnip-plebejischen Ilmgebnng den Schein aristokratischer Würde ausrecht zu erhalte». „Ja! Ja! Bitte, gnädige Frau, denn ohne die" Frau Kommerzienräthin ist das ganze Stück nn- möglich!" Hier konnte ich Eugen nicht beipflichten. Nie- mand hätte es auch nur gemerkt, wenn sie gefehlt hätte. Sie griff nirgends in die Handlnng ein und hatte auf die Personen des Stückes durchaus keinen Einfluß. Ihre ganze Beschäftigung bestand darin, Kaffee zu kochen, eine Viertelstunde lang hinter der Szene in Weinkrämpfen zn liegen und eine Viertel- stunde lang Bibelsprüche zn zitiren. „Nun gut,.Herr Salle, ich füge mich der Ntehr- heit," sagte Frau von Wandel mit Pathos und legte sich vornehm lächelnd in den Stuhl zw'iick. „Nieinen verbindlichsten Dank, gnädige Frau!" „Sehen Sie, verehrte Anwesende, das nenne ich Vereinsinteresse," ivandte er sich lehrerhaft an die Korona,„diese That kann ich den jungen Niitgliederit nur zur Nacheiferimg empfehlen." Ich hegte gerechten Ztveifel, daß sich junge Mit- glieder zur Darstellung von Kouimerzienräthinnen eignen ivürde». „Die Rollen der Veronika und Agathe Bucher können tvir wohl in keine besseren Hände legen, wie in die der Damen Biartha und Grethe Hübner." „Ich spiel' die Agathe!" rief eine imangenehme Fistelstimme. „Nein, meine Liebe, die Agathe iverde ich spie- len," keifte die zärtliche Schivester. „Ich hoffe, daß die Damcii untereinander darüber einig werden," beschivichtigte Eugen. „Und ich spiel' doch die Agathe!" „Nun bleibt uns nur noch die Rolle der Grethe Fischer. Ich ivill zugeben, daß ihre Nolle eine der schwersten im Stück ist, aber wer könnte sie von den Damen ivohl besser kreiren als Fräulein Mary Stempel, welche in ihren vortrefflichen Leistungen als Naive——" Weiler kam er nicht, da fuhr die Mutter, die versteinerte Niobe, auf—, ivie man es nur wagen könne, so etwas ihrer Tochter anzubieten, eine solche Rücksichtslosigkeit hätte sie Herrn Salle doch nicht zugetraut! Eine solche Rolle, die kein feines Btädchen ohne zn crröthen mit ansehen könne, solle ihre Tochter, ihre Mary, die sie wie ihren Augapfel Hute, spielen! Nein! Nie und ninmierinehr! Hier möchte ich einschieben, daß Fräulein Ätary Stempel sich geschickt dieser Lbhnt zu entziehen ver- stand, und daß es Dinge gab, die alle Welt ivilßte, nur nicht die scharfsichtige Niobe. „Aber verzeihen, gnädige Frau befinden sich im Jrrthui». Diese Figur verstößt in nichts gegen den Anstand. Ich setze es auf Konto meines schlechten Vorlesens, daß sie dieselbe so aufgefaßt haben, jedoch Die Acne Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 87 ich hatte sowieso»och die Lldsicht, eine kleine Charakter- rolle einzilflechteii,»nd da»» ka»» ja Ihr Fräulei» Tochter dieselbe iiberiiehnien." Zliobe erklärte sich einvcrstaudeii»»d sank i» die alte Lethargie zurück. „Ja! Ja! Aber wein übergebe» wir jetzt die Nolle?" und er ließ seine Blicke ini Zimmer umher- schweife». �Jch wüßte wirklich nicht—*, sagte er entmnthigt,„welcher von de» Danicu sie läge-- „21h, Fräulein Weise, wären Sie vielleicht dazu zu bewegen?" Lies sprang entsetzt auf. „Ich— aber ich habe»och nienials Theater gespielt!" „2lber, Fräulein,»ein! Das können Sie mir doch nicht einreden! Ihnen sieht man ja das Talent an der Nasenspitze an!" Lies lächelte geschmeichelt. „Ja, Herr Salle, wenn es eininal sein muß—, aber ich sage Ihnen vorher, Sie werden viel Mühe mit mir haben." „O, die wird sich der Regisseur schon nicht vcr- drießen lassen," sagte Engen mit einem verständniß- innigen Seitenblick, der mich in Harnisch brachte. „Und min, verehrte Anwesende, gehen wir zum geselligen Theil des Llbcnds über."—„Tanzen! Tanzen!" rief es.„Ich glaube, wir fangen alvr noch nicht gleich mit dem Tanzen an, sondern widmen noch eine halbe Stunde anderen gesellschaftlichen Unter- Haltungen. Denn 8 15 der Statuten sagt: Das Tanzen soll nur ein Nebenzweck sein, und die Haupt- fache die Hebung des geistigen Niveaus der Mit- glieder." Nur ungern fügte man sich diesen diktatorischen Worten. Die Herren gaben Kraftproben im Heranbringen von Stühlen, Wegtragen von Tischen,- man bildete einen großen 5kreis und begann niit Gesellschafts- spielen. .Man trank ziemlich viel, und die Stimniung wurde eine animirte. Grundlos begannen junge Mädchen zu lachen, daß man fürchtete, sie würden ersticken und ebenso grundlos begannen andere zu schmollen und sich beleidigt zu fühlen. Diese sangen, Jene deklamirten: „Lebt wohl ihr Berge, ihr.geliibtcn Trüfteir, Johanna sagt euch ewig Lebewohl—" „Sein oder nicht sein, tliat is the question*—" „Durch diese hohle Gasse muß er kommen—" � Und Lies— ich hatte sie den ganzen Abend nicht mehr gesprochen— war mitten in diesem Strudel, wie ihre Wangen glühten, wie ihre Angen leuchteten; Das war ja Leben! Das war ja Lust! „Tanzen! Tanzen!" brach es plötzlich los. Ich selbst tanze nicht, aber ich schaue gern zu. Ich liebe diese hellen, flittrigen Kleider, dieses Schwir- rcn und Zittern des rauschenden Tanzgeivühls. Ich liebe die schlanken, weißen Hälse, die flimmernden Tüllkrausen, die zu Boden gesenkten Köpfe mit den vorlauten Locken im Nacken, den sich blähenden N'asen- fliigeln und de» fast geschlossenen 2lugenlidern. Jede Faser athmet Genuß und Lebensfreude. Ich gesellte mich, um nicht allein aufzufallen, zu einem jungen Mädchen und begann mich mit ihr zu unterhalten, denn Lies war für mich ja doch nicht zu haben. Die Tänzer zerrissen sich beinahe um sie, besonders Engen tanzte fortwährend mit ihr. Mich ergriff plötzlich eine so rasende Eifersucht, daß� ich Engen Hütte erdrosseln mögen, und in meiner Wuth begann ich dem jungen Mädchen, das mir ganz gleich- gültig war, allerhand Zärtlichkeiten nlid Schmciche- lcien zu sagen, begann zu lachen und sogar zn pfeifen. Da kam Ernst Saner zu mir heran und warnte mich, ich solle vorsichtig sein, die Mutter beobachte mich, das wäre eine ganz gefährliche, die glaube schon, wenn man zweimal mit ihrer Tochter tanzt, daß man sie Heirathen wolle. Ich lvurdc von Minute zu Minute eifersüchtiger, um mich drehte und wir- belte 2llles...... Plötzlich begann ich, es ans einem ganz andcien Gcsichlspnnkt anzusehen. * Das ist die Frage.(Ein Vers ans Shakespeares „Hamlel".) Wie sie tanzten, diese Bacchantinnen der Lebens- frende, ja Bacchantinnen, wie sie sich auch maskiren mochten!. Einige legen ihren Kopf an die Schüller der meist größeren Herren mit einem 2l»sdrnck religiöser Extase, die Anderen biegen ihren Sbeikörper zurück und drehen sich so, als ob sie aufgezogen wären. Ihr Gesichtsausdruck ist starr und leblos, um der Welt durch vornehme Gleichgültigkeit zu zeigen, daß sie nur tanzen, weil es eben sein muß. Wieder Andere taktiren krampfhaft mit weitausgestrcckten Armen, als ob sie nicht schnell genug vorwärts känien. In ihren Zügen spiegelt sich ein wilder Geschlechts- Hunger. Ich weiß, ich sah 2lllcs genau und trotz- dem drehte es sich mir vor den Augen, als ob ich trunken wäre.— Da kam Lies ans mich zu. O, wie war sie schön! Leben! Leben! Ihre Wangen glühten, ihr Athem flog, ihre 2lugen glänzten. „Aber, Georg, warum tanzt Du denn garnicht? 5komm!" „Nein, ich gehe jetzt," sagte ich kalt. „2lch, Du mißgönnst mir auch die kleinste Frende," und ihre Angen füllten sich mit dicken Thränen. „Was sollen denn die Leute von nur denken, angesehen hast Du mich vorhin, wie ich vorüber- tanzte, grab als ob Du mich fressen wolltest. Soll ich nicht mal mit 2lndercn tanzen, ich will doch auch tanzen, und Du tanzt ja nicht, Georg!" sagte Lies mit gepreßter Stimme. „Ich gehe jetzt. Lies, kommst Du mit? Hier nicht— hier— vor allen Leuten— reden wir nachher darüber." Da kam Engen. „O, Fräulein Weise, Sie wollen schon gehen? Nein! 2lber da protestire ich energisch, mein verehrtes Fräulein, Sie hatten mir ja noch den nächsten Walzer versprochen. Und Ihr Versprechen— ein Königs- wort, darf man nicht drehen noch deuteln—" „Nein, Herr Salle, es thut mir aufrichtig leid, aber ich muß fort. Das nächste-Mal— sicher!— Sehen Sie, ich muß morgen so früh aus.— Es geht beim besten Willen nicht!" „2lch, der Herr Regisseur wird schon auch noch ein ivenig hierbleiben." „Nein, Georg, wir gehen jetzt," und zwei Perlen rollten ihr über die Backen. „Nun, Fräulein, zwingen kann ich Sie nicht. Lllso Donnerstag! Die Nolle schicke ich Ihnen in den nächsten Tagen zn, oder ich bringe sie Ihnen eines Abends vor das Geschäft. 2ldieu, lieber Georg, adieu, mein Fräulein, die Pflichten des Vereins rufen mich!" Wir gingen. Es war unfreundliches Wetter. In.den ersten fünf Minuten sprach Keines von uns Beiden ein Wort. Ntir that mein Benehmen von vorhin leid und Lies weinte. „Lies— begann ich endlich kleinlaut. „Georg--" Wie der Ton zitterte und nachhallte— ganz Liebe, ganz Hingebung. Da überkam es mich wie- der. O, wie ich ihr gut war, mehr als der Mntter und den Geschwistern, mehr als Allen, Allen ans der Welt! Und dieser Einen hatte ich so begegnen können! Ich hätte ihr zu Füße» stürzen mögen und abbitten. „Georg— und es klang so unendlich traurig, „ich weiß ja, lange wirst Du mich nicht mehr be- halten, dann werden wir auseinandergehen. Und es wird grad so sein, als ob wir— so sein— als ob— wir uns nie gekannt hätten—." Wie sie weinte!„Ich sehe ja täglich, daß ich Dich stets hemme und aufhalte. Wir sind so grundverschieden. Sieh einmal. Du bist so ganz anders wie all die Menschen, die ich bisher kenncn gelernt habe, und ich— Du wirst— Du mußt— Deinen eigenen Weg gehen, Georg, inid ich— Gott— wer weiß, wo ich einmal verkommen werde. „Sieh einmal, Georg, ich Hab' Dich ja so lieb gehabt,— von Kind an! Wie ich noch ein kleines Mädchen war und mit Dir umhergelaufen bin, wie ich Dich das erste Mal geküßt habe, Nächte lang habe ich Dir nachgeweint! „Meine Ehre— nein, nein Georg, ich mache Dir keinen Vorwurf— ich habe Dich ja so lieb— so lieb——" Mir wurde unendlich vchmüthig zn Muth. Ich biß mir ans die Lippen, aber trotzdem rollten auch mir die Thränen fortwährend über die Wangen.— Das erste Mal seit dem Tode meines Vaters, daß ich wcinle. All das, was Lies mir da sagte, hatte ich mir ja hundertmal selbst gesagt, es mußte ein Ende haben, aber jetzt nicht, jetzt nicht— später einmal —, nur jetzt nicht. Wie sollte ich denn ohne sie leben? Aber, es mußte ja sein— also— „Uc8, meine liebe, gute Lies— ja, wir müssen stark sein— wie schwer es uns auch fällt— Du kannst Dir ja garnicht denken. Lies, wie sehr ich— ach— Du weißt ja nicht— niemals mehr werde ich irgend Jemand ans der Welt so lieb haben.-- Aber Du hast recht, wir müssen— noch heute gehen wir——" „Georg!!" schrie sie so laut, daß es durch die öden Straßen gellte.„Verlaß mich nicht, bleib bei mir, ich Hab' ja Niemand wie Dich,— Georg! Verlaß mich nicht, nur jetzt nicht! Ich habe ja keinen Melischen außer Dir! Du mußt bei mir bleiben!— O—" Sie lag in meinen Llrnien und zitterte ani ganzen Körper, und ich küßte ihr die Thränen vom Gesicht, küßte sie so lange, bis ihr Llntlitz sich aufhellte, bis sie wieder lächelte. „Nein, nein. Lies! Du mußt nicht an all das denken, was wir eben miteinander gesprochen haben! Ich bleibe bei Dir, ewig bleibe ich bei Dir, Lies!!" (Fortsetzung folgt.) Pietä. Von Kcrns Hstrvcrtd. /�Kr war gestern Abend gegen acht Uhr gestorben. Man hatte ihn auf seinem Bett aufgebahrt, bis der Sarg kam. lieber dem weißen Leinen, das ihn bedeckte, zog ein schmaler Streifen der Morgensonne, der sich an den herabgelassenen Vor- hängen vorbeidrängte, hinniiter bis zu den Händen, die sich deutlich unter dem Tuch markirten. Dann fingen ihn draußen die in Blüthe stehenden Zweige einer großen Linde auf und es herrschte wieder gleichmäßiges, mattes Zwielicht im Zimmer. Links, neben dem weißen Kachelofen, hing ein großer, mit Flor verdeckter Spiegel und gegenüber dem einfachen, birkenen Bett, in dem der Verstorbene achtzehn Jahre geschlafen, stand ein viereckiger, un- förmiger Kasten— der Geldschrank. Alles leicht Fortzuschaffende hatten ehrfurchtsvolle Hände hinaus- gebracht. Es lvar auch noch nichts mit Blumen und Pflanzen ausgeschmückt, so daß das Zimmer in seiner Leere mit den grantapezirten Wänden einen un- angenehmen Eindruck ans das Gemüth machte. Die Flügclthür wurde aufgedrückt und die junge Wittwe trat herein, eine volle Erscheinung von fünf- unddrcißig Jahren im schwarzen Kleid, über dessen Brnstpuffen eine mattgoldene Kette fiel. Ihr folgten ein altes Mlidchcu, die Schwester des Verstorbenen, und seine beiden ältesten Söhne. Die Wittwe ging langsam zum Bett und hob einen Zipfel des Tuches hoch:„Sieh ihn dir an," sagte sie. Tante Rosa sah eine Weile stumm in das ein- gefallene Todtengesicht. Sie suchte nach den Zügen des Lebenden. Dann liefen ihr die starren Augen über»nd sie schluchzte:„So früh schon, so früh schon!—" Die beiden Söhne standen an der anderen Seite des Bettes»nd blickten gedrückt von dem Todten zn den Frauen und dann wieder zn dem Todten hin. Der Jüngere nahm seine Hand an die Lippen und nagte an den Nägeln. Die junge Frau sah mi- verwandt in das Gesicht des Todten. Jetzt zeigte sich wieder ein kleiner Streifen des Sonnenscheins, der Staub spielte in ihm, gerade über den gefalteten Händen der Leiche; dann blinzelte dem jungen Wcibc ein Strahl in die Angen. Sie trat zur Seite und 88 Die Neue Welt. Illustnrte Unterhaltungsbeilage. e-Z fiel ihr ein, dns; sie noch ror cincheii T.nicii heiter und ubermiithig im Badeort die Soniienköiirgiu in einem Sommeniachtsscst gespielt, das ihr Freund, der Schauspieler, inszcnirt hatte. Mit solchen kostspieligen Bergniigunge» würde es Nim vorbei sein, wenn ihr fleißiger Mann nicht doch etwa mehr hinterlassen, als sie annehmen konnte. Er hatte immer so brav für sie und die Binder ge- sorgt.„Sich, daß er so plötzlich sterben mußte!" sagte sie und umschlang laut schluchzend die Schwägerin, die sie heftig an sich drückte. „Siehst Du, ich sagte ja immer, er arbeitet zu viel;" sprach diese.».Sibcr er konnte nicht hören. Er hatte keine Ruhe, keine Ruhe.— Wenn Ihr ans der Reise war't, hat er immer Nachts bis zwölf, ja bis ein Uhr gerechnet. Er hat sich für seine Familie aufgerieben, lind dann sein Amt als Kirchenältester — du lieber Gott! Nimm ihn in Gnaden ans, denn er war ja so fromm!" „Er, er wird doch nichts der Kirche hinter- lassen Habens" fragte die junge Wittwe schüchtern die fromme Dame. „Oh!" meinte diese,„da hätte er nicht recht an seiner Familie gehandelt. Er hat ja bei Lebzeiten genug für die Kirche gethan. Seine Arbeiter blieben alle fromm und mußten in die Kirche gehen. Sie sind doch alle recht brave, zufriedene Leute. Und nun muß er sein Lebenswerk so verlassen. Tu willst es auch nicht weiter führen?" „Nein; sieh'mal, ich verstehe davon nichts und Paul ist noch zu jung, um einem so großen Unter- nehmen vorstehen zu können." „Ich lvill auch garnicht Krämer werden!" sprach Paul unwillig, ein junger Mann mit idealem Blick und zynischen Zügen um den Mmid. Dabei strich er sich mit seinen Händen, deren Nägel scharf und spih zugeschnitten waren, die wirren Haare ans der Stirn. „Nein, nein! Du sollst ja Schauspieler werden," beschwichtigte die Mama.„Ich hoffe. Du wirst den Namen des Todten zu Nnhm und Ehren bringen, damit sein arbeitsvolles Leben wenigstens im Tode belohnt wird." Indessen bedeckte sie die Leiche. Tante Rosa reichte ihr die Hand; man stand sich schweigend gegenüber in dem stickig nach Keller riechendem Zimmer. Die Wittwe mußte an die reine, lebensschwangere, erfreuende Lust im Bade- orte denken. Eine große Fliege stieß wiithend mit Surren an das Fenster; sie sah draußen Geführten sich jagen und paaren und wollte zu ihnen. Der zwölfjährige Willy trat hinzu und schlug nach ihr. „Willst Du nicht die Papiere des Todten durch- sehen?" fragte die Tante. „Ach ja!" sagte die junge Fra» und schloß seufzend den schweren Tresor auf. Da lagen die vielen Hauptbücher, an denen der Verstorbene so rastlos gerechnet hatte, immer zum Wohle seiner Familie, rücksichtslos gegen sich und Andere. Er war niemals krank gewesen, hatte sich nie eine Ruhepause gegönnt, nun war er in der großen, endlosen Ruhe. Die junge Wittwe ward ganz wehmüthig, als sie sah, mit welcher Sorgfalt er Alles geordnet hatie. Ach ja, sie hätte ihn liebevoller pflegen sollen, dann könnte sie noch solche schöne Badereisen machen. Daß man auch immer erst an seine Pflichten denkt, wenn es zu spät ist!— Ja, nun mußte einfacher gelebt werden. Paul hatte eine kleine Schachtel herausgenommen und sie geöffnet. „Vaters goldene Uhr," sagte er, und steckte sie in seine Westentasche. Willy drängte sich vor:„Die goldene Kette be- komme ich aber!" „Aber Kinder!" rief die nervöse Tante Rosa; „Ihr werdet Euch doch nicht zanken! Bedenkt, wo Ihr seid!" „Solch dummer Junge!" sagte Paul und hakte sich die Kette ein, worüber Willy heulte. „Willychen, sei nur ruhig," tröstete die Mama, „Du bekommst ja auch etwas." Damit kramte sie alle Schachteln und Kästchen ans, in denen der Verstorbene voll sorgendem Eifer kostbaren Inhalt gesammelt hatte. Willy stellte sich vor seine Mutter und nahm einen alten, schwarzgoldenen Ring an sich — die Wittwe und ihr Aeltestcr waren emsig an dem Auskramen der vielen Sächelchen beschäftigt. Ganz hinten stand ein sammetgepolstertes Kästchen. „Das ist etwas Besonderes!" flüsterte erwartnngs- voll fiebernd die Frau. Bei ihrem hastigen Ocffucn fielen alte vergilbte Briefe heraus. „Solch Luark!" sagte Paul verächtlich und wühlte die Ilmschläge mit den Staatspapieren hervor. „Denk'mal, die Liebe!" sagte die Mama zu Tante Rosa.„All die Briefe ans unserer Braut- zeit und all die Bänder und Schleifen!" Dann griff sie schnell nach den Geldbriefen: „Aber Paul! Welch eine Unordnung richtest Du dort an!" Tante Rosa schlug die Hände zusammen:„Wenn izas der gute Mann sähe! Oh! Ihr haust ja wie die Vandalen in scincni geliebten Heiligthum!" „Nein, ich sage auch, Ihr habt auch gar keinen Respekt vor dem Thenersten Eurer Eltern!" sprach zürnend die junge Frau.„Ihr seid doch gar zu pietätlos!" Sie öffnete die Kouverts und zählte die Staats- schilldeiischeine ans das Bett über die Kniee des Todten, die scharf hervorstanden. Es waren wirklich nicht genug, nm von deren Zinsen noch die gewohnten Reisen mit dem Freund machen zu können. Die Blinde.(Zu unserem Bilde.) Inmitten einer blühenden Landschast sitzt' sie— unter dem tiefblauen Himmel des Südens. Sie lauscht dem leisen Rauschen der hohen Pinien, dem melodischrn Murmeln der Wellen; inciche Winde tragen de» Duft der Blüthen über den See, und von den fernen Bergen ziehen Schaaren von Bügeln herüber und ihr Flügelschlag schallt hoch über dein lichten Marmorbau. An die Sanle» gelehnt, sitzt die Blinde aus der Terrasse. Sie hört die tausend Stimmen der Natur, die zu ihr sprechen. Langsam ordnet sie die Blumen zu einem Kranz und ein mildes, friedliches Lächeln liegt auf den jugendlichen Zügen. Sie weiß ja nicht,>vas ihr versagt ist, sie weiß nicht, daß die Natur ihr das Schönsie »nd Höchste verweigert hat: das Augenlicht. Wohl ahnt sie die große Welt da außer ihr, wohl ahnt sie d e Pracht, die sie nmgiebt— aber was es ist, wie diese Welt aus- sehen mag, die Berge in der Ferne, die Sonne hoch oben, die Bäume mit ihrem dunklen Grün— das Alles ist für sie, die Blinde, verloren. Ihre Welt ist eine andere, als die Welt der Sehenden. Ihre Welt ist eine einzige, lange Nacht, in der seltsame Töne und Geräusche blos ihr sagen, daß noch Leben darinnen ist— und aus der Nacht des Lebens wird sie einst hinübergehe» in die große Nacht des Todes, ohne je die Schönheit des Lebens erkannt zu haben. -—2� S ch rr i h e t.— Der Adelige. Dieser Mann mit wicht'gcr Miene, Einen£rden auf der Brust, Trägt die Nase hoch und rümpft sie lieber die gemeine Lust. Wie sie plaudern rings und lachen, Er bleibt immer ernst und stumm; Er hat ziveimiddreisjig Ahnen Uno ist nngehencr dumm. Weiter ist er nichts hienieden, Doch ist seilt Verdienst nicht klein; Wenn er selig einst verstorben, Wird er auch ein Ahne sein. Adolf GlaSbrcinior. Innerhalb und außerhalb der Mauern. Gründlich vergründen sie drin des Volks zu begründendes Grundrecht, Draußen indeß grundschlecht wird es dem Volke zu Mnth. F. Dingelstedt. B o r g e r a t h. Mußt du dir den Borger suchen, Weil der Hunger dich bedroht, Lüg ihm vor, du brauchst für Kuchen, Sage nie, dir fehlet Brot. D. Hont. Ein guter ilinf ist wie ein stattlich Haus; Das baut sich Stein um Stein nllmälig aus, Doch mit gewissenloser Hand Im Nn steckt es ein Lump in Brand. Was schiltst du immer auf die Welt, Da Alles doch so schön bestellt? Dem Einen ward Tugend, dem Andere» Wissc», Dem Dritten ward ein zart Gewissen; Und iver nicht achtet ans diese Drei, Der verfällt der himmlische» Polizei. Tu staunst und weißt es nicht zu deuten, Daß X so vielen Spott verdaut... Doch wer sich pflegt um Geld zu häuten, Ter fährt nicht gratis ans der Haut. Dn hast einen viel zu geschmeidigen Nücke», Mein Freund, um die Menschheit zu beglücken! Die Zeit will Männer, die sich erheben, Nicht solche, die sich mit Anstand bücken. Unsterblichkeit. Tie größte Unbescheidenheit Ist Anspruch aus Unsterblichkeit, Die Znuinthung an die Natur, Diese dürftige Menschenkrcatnr, Selbst in den mißlungensten Exemplaren, Für ewige Zeiten aufzubewahren. Das ist ein Fürst, der das Talent Huldvoll verschont. Wem keins geworden, Dem deckt er gnädig und dezent Die Lücke zu mit einem Orden. H. Leuthold. Wer ist klüger? Tic Maus, als dummes Thier bekannt, Fängt nia» mit gebrannten Schwarten. De» Menschen aber, das Thier mit Verstand, Erwischt man mit— Redensarten. S. Kratzberger. » Rätlzsel-Erlie.«§3— Wcitkfek. Wie Mancher hofft von Jahr zu Jahr Durch Eins und Drei ans Wohlstand gar, Und doch, er macht ihn nicht, den Fang, Er bleibet Zwei sein Leben lang. Noch Andre werden Zwei dabei, Weil sie versäumt, was nöthig sei; Selbst zu Verbrechen trieb die Gier Nach Eins und Drei schon Manchen schier. Durch eigne Zwei mußt du das Glück Kraftvoll abringen dem Geschick. Denn Alle spotten heut der Rarren, Die thöricht auf das Ganze harren. Auflösung öes Hahlcn-.Aätlffcls in Nr. 10: Menelik— Umberto. Mnskau— Epigramm— Nabob— Euterpe Lugger— Ingolstadt— Kladno. -&=S> Wriefkcrsten.<$4* Elcgantc Einbanddecken für Jahrgang 1896 der „Neuen Welt" nebst Jnhaltsvcrzeichniß sind durch die Buchhandlung Vorwärts, Berlin Benth- straße 2, zn beziehen. Nachdruck des Inhalts verboten? Alle für die Redaktion bestimmte» Sendungen wolle man an Edgar Steiger, Leipzig, Oststr. 14, richten. Verantwortl. Redalteur: Edgar Steiger, Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdruckerei u. Veriagsanslalt Auer It So., Hamburg.— Truck: Mar Babing, Berlin.