Nr. 12 �Uuflvirlc Cn{crKaIiim0ÄbcUa0C, 1897 Westend. Von J&ano jKoe&cr. kte eine gewaltige Käseglocke aus dunkel- blauem Glase wölbte sich der September- r(£�ü/' Himmel über das unabsehbare Häusermeer, und die laugen, geraden Straßen mit ihren vier- eckigen Gebäudekoinplexen lugten den Liinburgerkäsen gleich friedlich daraus hervor. Die Sonne schien vergnügt und klar wie lange nicht. Ihr Licht zeigte jene reine, ruhige, duukelgelbe Farbenprägung, die ihm nur an schönen Herbsttagen, an der Scheide zivischen Sommer und Herbst eigenthiimlich ist. Aus diesem Sonnenlicht leuchtet eine gewisse Ruhe und Sicherheit hervor, die erhaben ist über das stürmische Feuer der Frühlingstage und die verzehrende Glitth des Sommers. Dieses Licht ist kraftvoll und satt, ei» Ton vornehmer Selbstzufriedenheit strahlt von ihm aus, und dennoch mischen sich, zugleich ganz leise zwar, aber ivohl recht merklich, die ersten Au- zeichen des lässigen Sichhingebens, des Uebersatt- seins und der Ermattuiig darein. So glich diese abgeklärte, milde Herbstsonne fast dem runden Gesicht eines Paters, der im Bewußt- sein seiner Heiligkeit, verklärt durch den matten Glanz, den der wärmende Saft der Reben mit den Jahren auf die Mensche» zurückstrahlt, würdevoll auf die Thorheiten Anderer herabschaut, nachdem auch er in jungen Tagen mit feurigen Sinnen ge- lebt, geliebt und gelitten. Nein, wenn man die Sonne so würdevoll an ihren Strahlen hängen sah, die ivie gelbe Zwirnsfäden an die langen Häuser- reihen angeknüpft schienen, so nahm sie sich aus wie ein mächtiges Siegel von gelbem Wachs, das irgend ein himmlischer Exekutor von Rechts wegen im Namen irgend eines Gesetzes der gottlosen Millionenstadt an der Spree auf die Seele gebunden. Was Wunder, daß auf der ganzen Natur eine feierliche Stimmung lastete, eine Stille, wie sie in einem Kramladen herrscht, den das Rechtsbedürfniß der Menschen mit seinen erbarmungslosen Händen unter Siegel gelegt. Auch dort ist es still und feier- lich, süßer Friede weilet, wenn nicht gerade die Mäuse in Ermangelung besserer Dinge sich an dem Mehlkleister der hohen Obrigkeit vergreifen und respekt- los die geheiligten Siegel zernagen; denn die Mäuse haben kein Berständniß für das, was die Menschen Gerechtigkeit zu nennen Pflegen. Die Luft war milde und klar, so klar, als wäre sie chemisch gereinigt worden. Vom Kreuzberg bis zum Wedding, vom Juliusthnrm in Spandau bis zum Storchnest in Stralau hätte kein Floh über die Straße springen können, ohne sein Leben zu Markte zu tragen, selbst dann nicht, wenn die Straßen und Plätze Berlins polizeilich abgesperrt gewesen wäre», was aber nicht der Fall war. Sogar die unheilschwangeren Dunst- molken, in denen das Hoffen und die Verzweiflung Millionen rastloser Menschen gleichgültig verklingt und die wie ein Warniingszeichen über dem zermürbenden Getriebe der Großstädte zu schweben pflegen, sogar diese Dunstwolken hatten sich in der keuschen Luft des heiteren Septembertages rein gebadet und waren verschwunden. Kurz, das ganze Berlin lächelte, wie es mir selten noch lacht, seit es sich vorn un- schuldigen Fischerdorf zur»lillionenverschlingenden Großstadt emporgeschwungen. Nicht einmal die melancholischen Gewässer der Spree, die sich trüb- selig durchs Leben schlängeln, als bedrückten sie die allerhand Geschäfte und Geschäftcheu, mit denen an ihren Ufern alltäglich das Zuchthaus umgangen wird, nicht einmal dieses undefinirbare Naß vermochte die heitere Anmnth der lichtdnrchtränkteu Herbstlandschaft zu stören. Mit ihrem unheimlichen Grau, einer Ringelnatter gleich, die inmitten des Häusergewirrs friedlich dalag, schien auch sie sich behaglich zu sonnen in dem Glanz der leuchtenden Sonne. Es war der große Tag von Westend, der Tag der großen Hindernißrennen. Vom Brandenburger Thor bis hinauf zur Höhe von Westend herrschte reges Treiben. In langen Reihen folgten sich die Wagen auf der breiten Straße. Hier sah man einen Möbelwagen, der, zum Massenvehikel umge- staltet, sich langsam fortbewegte. In seinem Mittel- Punkt war ein Bierfaß aufgestellt, das sozusagen den Schwerpunkt des Ganzen bildete und dazu be- stimmt schien, während der langen Fahrt das enro- päische Gleichgewicht unter den zahlreichen Insassen aufrecht zu erhalten. Dort fuhren Droschken, Krem- ser, Landaner mit und ohne Gummiräder, Sport- wagen und was es sonst noch an Gespannen aller Art giebt. Es war ein internationales Potpourri von Wagen, eine wahre Musterkarte für Stellmacher und Wagenbauer. Ebenso buntscheckig mar das Aussehen der Pferde, die vor all diesen Gespannen im Dienste der Menschen ihre Frohnden verrichteten. Auch unter diesen giebt es Aristokraten, die im Ueberflnß leben, behütet und gepflegt werden, und Lohn- und Arbeitssllaven, die die Bitterniß des Daseins und des Atenschendienstes auskosten müssen bis auf den Grund. Da war manch armer Klepper, der, wäre er im Stande gewesen zu reden, hätte furchtbare Anklage erhoben wider die Menschen, die geivaltthätigsteu Raubthiere der Erde. Der Rennplatz ist ein Komödienhaus, ein Schlupf- Winkel für allerlei Laster, und wenn auch Manche hinauspilgern auf den grünen Rasen, um von den Mühen der Arbeit zu rasten, Licht und Luft zu ge- nießen, der Mehrzahl ist die Rennbahn eine Zentral- Markthalle ihrer Eitelkeit. Geschminkt, pomadisirt und parfümirt, mit allen Künsten der Toilette und der Verstellung bis zur Unkenntlichkeit ihres besseren oder schlechteren Selbst vermummt, rollten und man- derten sie dahin die Männlein und die Weiblein. Sie dünkten sich nicht geringer als der Herrgott in Person und doch der Verstand des Menschen ist klein, sehr klein und ihr Rückgrat ist biegsam wie Weiden- gerten. Was Wunder, mit Tönen des Staunens, der Bewunderung und des Beifalls wurden die protzigen Biererzüge empfangen, und furchtsam wie Spatzen, wenn sich der Habicht von Ferne zeigt, wichen sie Alle ans oder hielten an, um Platz zu schaffen, sobald das Holla des vornehmen Wagen- lenkers erklang. Der Gedanke, daß die öffentlichen Verkehrsstraßen von der Gesammtheit erbaut und erhalten, daß Alle auf ihnen die gleichen Rechte und Pflichte» haben, diese Ueberzengnng schien über den Horizont dieser Menschen hinauszugehen. Sogar die feurigen Pferde der vornehmen Vier- gespanne schienen sich ihres vorwegnehmenden Rechtes als ihres selbstverständlichen, guten Rechtes bewußt. Es war, als blickten sie mit Verachtung auf die feige Erbärmlichkeit der Menschen, in der dieses, ihr eigenes Recht tief und sicher wurzelte. Mit Grandezza sprengten sie durch dir sich bildenden hohlen Gassen an den stninpfsinnigen Führern ihrer weniger glück- lichen vierbeinigen Kollegen vorbei. Nicht weniger stolz blickten die feudalen Lenker dieser Gefährte von ihren hohen Kutscherböcken herab. Auch aus ihren Blicken sprach Verachtung der Menschen, aber das Feuer fehlte, das ihre Pferde auszeichnete. Es war zumeist der Stumpfsinn, der dort seine Flöte blies, wenn diese widernatürlichen Modepuppen über die wohlgepflegten Spitzen ihrer Schnurrbürte, die wie die Hörner der Ochsen im Mecklenburger Wappen in die Welt hinausragten, um sich blickten, lind Alles war paff, mit Verzückung blickten die gedankenlosen Müssiggänger empor zu diesen armen Reiche». Ganz vereinzelt nur hörte man ein beißendes Witzwort über die hohle Komödie, die sich dort auf der Land- straße abspielte. Auch die Leierkasteninänner au der Chaussee drehten ihre Orgeln noch lebhafter, sobald sich ein Vierspänner blicken ließ. Sie wußten warum; diese vornehmen Herren waren gute Kunden, die gewöhn- lich nicht knauserten mit Trinkgeldern und Almosen, zumal an solchen Tagen, an denen ihre Gaben nicht unbemerkt bleiben konnten und dazu beitrugen, um den gütigen Gebern einen populären Nimbus zu webe». Ueberhaupt waren die Renntage die großen, die goldenen Tage im Leben der Leiermänner auf der Charlottenburger Chaussee, die mit schweißgebadeten Stirnen aus den Bretterwänden ihrer Kästen die süßesten Melodien hervorzauberten. Das war eine Symphonie von Melodieir, Grunz- und Ouietsch- Tönen, eine Polka von allen möglichen Lauten, über die hin und wieder das vornehme, schneidige Holla der Vierspänner wie das Klatsche» einer schallenden Ohrfeige hinausklang. Der tosenden Brandung eines fernen Ozeans gleich drang dieser Lärm durch die lauschigen Gänge des Thiergartens, bis er endlich verstummte und das Zickzick der Rothkehlchen wieder hörbar wurde, die den nahenden Herbst begrüßten und den welken, fallenden Blättern ein Todtenlied sangen. Allmälig hatte sich der Rennplatz gefüllt, die Musik spielte, die Geschäfte der Buchmacher florirten 90 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. und am Totalisator ivar ein Gedränge lvie in einem Ameisenhaufen. Biit den Wetten und deni Glücks- spiel stehen i»id fallen die Rennen. Die Sucht, sich mühelos ans Kosten Anderer zu bereichern, der Kiiideralanbe an eine gütige Vorsehung, die ihren Lieblingen das große Loos in den Schvoß werfen soll, diese Kinderkrankheiten der menschlichen Natur, das sind die großen Ntagnete, welche die Tanseude Hinanslocken auf den gefährlichen grünen Rasen. So kommt es, daß nicht nur Pferde und Reiter sich Glieder verrenken oder gar das Genick brechen, son- dem noch viel mehr sittliche und wirthschaslliche Leichen unter den Znschanenden dort zur Strecke gebracht werden. Wer einmal voni Spiel- und Weit- Teufel besessen, der wird denselben nicht los, bis die Bestie im Menschen den Menschen verschlungen. Die Musik schwieg, die Fahne am Start senkte sich und in rasender Karri're stürmten die Reiter davon. Hinter ihnen her flogen die Blicke ans aber- tausend Augen. Das ist der große Moment der Taschendiebe, um ihre geschmeidige Kunst in den Taschen Anderer erfolgreich zu erproben. Die erste kleine Hürde wurde von Allen glatt genommen. Der Favorit hielt sein Pferd zurück und ging als Letzter über die große Hürde. Nun aber schien sein Reiter nicht mehr im Stande, das feurige Thier zurück- zuhalten, er ließ die Zügel schießen und hatte die Täte, als sich die Reiter der letzten, der hohen ge- fürchteten Mauer mit dem breiten Graben näherten. In fieberhafter Spannung sah mau die Pferde hinter dem Hinderniß verschwinden. Ein Augenblick athem- loser Stille— dann tauchten der erste Pferdekopf und eine Mütze auf. Es war der Favorit. In kühnem Bogen sausten Roß und Reiter über das Hinderniß hinweg. Da— was war das— der Favorit überschlug sich und wie ein Gummiball flog der Reiter weit über das Pferd hinaus in das Gras. Im nächsten Augenblick folgten zwei weitere Reiter. Im Niedersprnng aber kamen auch sie über den Leib des Favoriten zu Fall. Es entstand ein Knäuel von Pferde- und Menschen-Leibern. Ein Schrei des Entsetzens drang von der Tribüne herab, während die passionirten Spieler ihrer Enttäuschung in wüthenden Flüchen Luft machten. Der Wallenstein des Grafen Erbach, auf den kein Mensch gesetzt hatte, ging als Erster durchs Ziel. Die Musik begrüßte den Sieger. Es war ein schlechter Anfang; aber das stört die Spieler nicht, und auch das große Publikum läßt sich nicht lange sein Vergnügen verderben. Sie wollen wetten und sich amüsiren; ihr Wille und ihre Sinneslust sind ihr oberstes Gesetz. Was scheert es sie, ob sich der Graf so und so oder Herr Schultze und Müller das Genick brechen, wenn nur sie bei diesem aufregenden Schauspiel ihre Rechnung finden. Der Mensch ist ein Nanbthier. Die Musik spielte einen feurigen Galopp, neue Wetten wurden entrirt und mit Spannung sah nian der folgenden Nummer des Programms entgegen. Inzwischen wurde da hinten auf der Rennbahn der Kadaver des Favorit, der das Genick gebrochen, bei Seite geschafft, um die Bahn wieder frei zu machen. Gleichzeitig trug man den einen der gestürzten Reiter mit gebrochenem Schulterblatt in aller Stille ohn- mächtig davon. Herr Müller aber, der Reiter des Favorit, ivar längst wieder im Waagehause, um an dem zweiten Nennen programmmäßig Theil zu nehmen. Wiederum waren die Buchmacher von dichten Haufen umdrängt, als plötzlich in einer dieser Gruppen eine wohlbeleibte, über mittelgroße Dame energisch vor- drängte. Wie eine Tigerkatze, die ihrer Beute sicher, packte sie einen fein gekleideten Herrn, der eifrig mit Wetten beschäftigt schien, am Arm und riß ihn aus dem Menschenknäuel heraus.„Habe ich Dich endlich, Du Vagabund, Du Schlumps, augenblicklich kommst Du mir nach Hause," so fuhr sie ihn heftig an und drängte ihren Mann mit überlegener Kraft bei Seite. „Adjeh Kiclbock, glückliche Reise," rief einer der Ilmstehenden dem dem Gebote seiner Gattin willig Folgenden etwas schnippisch nach. Sonst bekümmerte man sich aber nicht weiter um diesen Auftritt, denn solche Familienszenen sind nichts Seltenes auf den Rennplätzen. Herr Kielbock war ein vornehmer Mann. Das war sein Stolz und es befriedigte seinen Ehrgeiz, als ein solcher zu erscheinen. Man konnte ihn für einen höheren Burcankraten, etwa, für einen Staats- anwalt oberer Klasse oder für einen Konsistorialrath halten. Er verstand es meisterhaft, seinem Auf- treten den Anstrich einer gcivissen staatsmännischen Würde zu geben, und wenn er seine Blicke sinnend über seinen goldenen Kneifer hinwegsandte, so war die Täuschung perfekt; als wären diese Augen in langen Stunden am Studirtisch den schwierigsten Problemen des Lebens nachgegangen. In Wirklich- keit ivar Herr Kielbock ein ehrsamer Schornsteinfeger- meister, es erging ihm sehr ivohl und er hätte gewiß nicht mit einem Staatsanwalt getauscht. Sein Glück wäre sogar vollkommen gewesen, aber er war ver- heirathet, und was für ihn noch verhängnißvoller war, er betete zu den Göttern der Rennbahn und des Hazardspicls. Alles Gold, das seine zahlreichen Gesellen für ihn ans den Essen zusammenkehrten, ohne daß er selbst den kleinen Finger rührte, ge- schiveige denn sich seine Nasenspitze schwarz machte, opferte er diesen trügerischen Göttern. Eben den- selben Weg gingen noch manche hundert Mark, um die er seine Frau, dank seinen politischen Talenten, zu prellen verstand. Frau Kielbock war zwar eine sehr energische und mißtrauische Dame, sie hatte ihren Gatten nur zum Verwalter und nicht zum Besitzer ihrer zahlreichen Grundstücke eingesetzt; aber sie lebte mit mir und mich und mit allen den schönen Fremdwörtern, mit denen ihr Mann so zu glänzen verstand, auf ge- spanntestem Fuße. Verhäugnißvoll indessen war es für sie, daß über ihren Namen Auguste Karoline Kielbock, geborene Schulze, hinaus die Kunst ihrer Feder versagte. Das war der Punkt, wo sie ihrem Wilhelm immer kommen niußte, mochte sie die Hosen auch noch so stramm anziehen, und das wußie Herr Kielbock sich zu Nutzen zu machen. Zudem war auch Frau Kielbock im Innersten ihrer Seele stolz auf ihren Gatten. Wenn sie gut gelaunt war, nannte sie ihn ihren Windhund, und sie pflegte hinzuzusetzen: „aber wir haben es ja dazu." Mit ihrem Manne konnte sie Staat machen; er war gewandt und an- gesehen, das schmeichelte ihr. Die vornehmen und maßgebenden Persönlichkeiten ihres Stadttheils stau- den gewissermaßen auf freundschaftlichem Fuße mit Herrn Kielbock, und wenn diese Standespersonen ihn auch nur seiner zahlreichen Bekannten wegen als politischen Sturmbock mißbrauchten, im Uebrigen aber als Unteroffizier wie ihren Stiefelputzer behandelten, das kam ihnen Beiden nicht zum Belvußtsein, darum fühlten sie sich geehrt. Endlich gehörte Herr Kielbock zu den besten Kennern der weiblichen Herzen, die es in Berlin 0 gab. Er hatte bei den dazu erforderlichen Studien allerdings manchen Brandschaden erlitten, denn sein Herz hatte ein Strohdach und konnte feurigen Blicken nicht lange widerstehen; aber die Meisterschaft im Umgang mit Frauen, die er dabei erworben, half ihm stets mich über die schwersten Gewitter siegreich hinweg, die seine Karoline, geborene Schulze über ihn niedergehen ließ, wenn sie ihn ja einmal auf Abwegen überrumpelte. Er befolgte in diesen Fällen eine alte, aber bewährte Taktik; er ließ seine Frau, die ihm an Flächeninhalt bei weitem über war, ruhig austoben und blieb so stumm wie der Stein in der Gosse, über den die Fluchen eines Wolken- bruchs sich ergießen. Da? wirkte schließlich immer, es wirkte auch in Westend, obschon seine Frau ihm den grünen Rasen aufs Strengste verboten, seitdem sie dahinter gekommen war, daß ihr Wilhelm an einem einzigen Tage einmal fast tausend Mark verloren hatte. Während das Ehepaar Kielbock nach Hause fuhr, nahmen die Rennen ihren Fortgang; aber es war und blieb ein Unglückstag. Herr Kiclbock hätte sich trösten können, daß der starke Arm seiner Frau ihn an diesem schwarzen Tage vor weiteren Verlusten bewahrte. Fast in allen Rennen kam es noch zu Katastrophen. Gerade die bevorzugten Pferde stürzten. Die Buchmacher verdienten ein Sündengeld, denn sie berücksichtigten, daß die Rennbahn glatt war. Am Tage vorher war ein schweres Gewitter nieder- gegangen, was sonst im Herbst nicht oft mehr vor- zukommen pflegt. Als gegen Abend der Strom der Zuschauer sich wieder heimwärts wälzte, waren die Köpfe der Spieler voll, aber ihre Taschen waren so leer wie kaum zuvor. Hingegen die Rtacher priesen den Himmel, der sie so sichtbar gesegnet. Im bunten Durcheinander fuhren die Wagen auf der Charlottenburger Chanssee nach Berlin zu- rück. Das Jagen und Drängen war noch ärger als bei der Hinfahrt. Wieder machten sich die Vier- spänner breit und verlangten, daß alle Anderen für sie Platz lassen. Holla, Holla! riefen sie und schwangen ihre Peitschen zum Zeichen, daß sie freie Bahn für sich haben wollten. Durch dieses Gedränge lenkte auch Herr Friedrich Wilhelm Schulze, seines Zeichens Heringshändler, seinen Einspänner. Er ging seinen Geschäften nach irnd fuhr in der 9!ichtuiig gegen den Strom der von Westend heimkehrenden Gespanne. Herr Schulze war ein aufgeweckter Mrntn. Er wußte genau, was er zu thun und zu lassen hatte in dieser Welt, und er war der Mann dazu, seine Rechte mit Nachdruck zu vertheidigen, von wem immer dieselben auch angegriffen werden mochten. Er hielt sich mit seinem Wagen, auf dem die Heriugsfäffer standen, ordnungsmäßig auf der rechten Seite der Straße, während auf der anderen Seite die vornehmen Equi- pagen zu zwei und drei nebeneinander in wilder Jagd sich zu überholen trachteten. Holla! ertönte es wiederum. Ein Vierspänner begehrte Platz, um in schnellem Tempo seinen Vorder- Männern vorbeizufahren. Auf der anderen Seite der Straße trollte der Heringswagen im langsamen Schritt friedsam daher. Ein vornehmer Herr, neben dem eine Dame saß, lenkte das feine Gespann, hinten saßen zwei Diener darauf. Wie immer verlangte der vornehme Kutscher, anstatt sein Gefährt ord- nungsmäßig zurückzuhalten, schon von ferne, daß der Hcringswagen, der ihm entgegen kam, anhielt, um für ihn Platz zu machen zum Vorbeifahren. Herr Schulze, der in seinem guten Recht war und die Situation sofort richtig erkannte, hielt nicht an. Der Vierspänner fuhr direkt in seinen Wagen hin- ein. Es gab einen Krach, die Vorderpferde stürzten, und eine Heringstonne flog auf die Straße. In kühnem Bogen spritzten die Fische heraus auf das Pflaster, als wenn im Goldfischteich im Thiergarten die Goldfische aus dem Wasser in die Luft springen. Sofort entstand ein Auflauf und zahlreiche Menschen umringten die beiden Gespanne.„Jean, hol einen Schutzmann!" rief der vornehme Herr dem einen seiner Lakaien zu.„Zu Befehl, Durchlaucht," erwiderte der Bediente demüthig und verschwand. Die umgeschütteten Heringe verbreiteten einen kräf- tigen Geruch. Die vornehme Dame, die mit ihrem Mann auf dem Wagen sitzen geblieben war, hielt sich ein Taschentuch vor die Nase. Der Herings- Händler hatte sich vor seinen Wagen postirt und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Er sah sich die vornehmen Leute wüthend und sehr selbstbewußt an. Als er merkte, daß die Dame an dem Geruch seiner Heringe Anstoß nahm, rief er ihr zu:„Nee, det is keen Schnodcpogoden, aber davon wird Ihre Reese keenen Schaden nich nehmen. Wat der Mist war, den se den Kotze angehängt hadden, der stank ville mehr." Die vornehme Dame wurde roth und sah ihren Mann verlegen an; dann nahm sie ihr Taschen- tuch instinktiv vom Gesicht. Das Ehepaar schien sprachlos vor Entrüstung, denn sie wagten nichts zu erwidern. Gleich darauf kam der Schutzmann.„Herr Schutzmann, schreiben Sie den Mann da auf," rief der vornehme Rosselenker dem Beamten entgegen. Der Schutzmann zog sein Buch'raus. Darauf ant- wortete der Heeringshändler:„Der Mann da hat dem Wachtmeester garnichts zu befehlen. Ick heeße Friedrich Wilhelm Schnitze, wie et an meenen Wagen stehen dhut. Ick wohne uf Brunnen in de Stettiner Straße 12. Schreiben Se man den Mann da uf, Herr Wachtmeester, der hat keeneu Schild an seene Kutsche." Dabei zeigte er auf die Durchlaucht, die in der Nähe des Beamten sofort eine sehr viel zu- versichtlichere und herausfordernde Haltung ange- nommen hatte. Der Beamte, zu dem sich bald noch zwei Schutz- leute gesellten, schrieb die Namen der Parteien und der Zeugen des Vorganges, die sich ftcilvillig mel- Die Acue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 91 beten, auf. Dann wurde das Publikum zurückgedrängt, um Platz zu schaffen und die Gespanne wieder in Ordnung zu bringen. Herr Schulze ließ durch den Beamten seinen Schaden feststellen, dann machte er sich daran, die Tonne mit dem Rest der Heringe wieder aufzuladen. Als ihm das nicht gleich gluckte, rief er dem in seiner Nähe stehenden La- kaien zu:„Na, Jean, zieh Dich mal Deene Glacees aus und helfe mir die Tonne auf den Wagen." Der Bedieine sah ihn frech an und versetzte:„Du Lnnipenkopf, Du hast mir garnichts zu befehlen." „Wat," schrie Herr Schulze, und wollte dem Diener an den Kragen gehen. Da rief die Durchlaucht dazwischen:„Jean, Du läßt Dich mit dein frechen Kerl nicht ein."„Zu Befehl, Durchlaucht," erwiderte der Bediente wieder und zog sich zurück.„Durch- lancht hin, Durchlaucht her, ick bin mindestens so ville wie er," rief der Heringshändler laut dem Fürsten zu und er fuhr erregt fort:„Herr Wacht- meester, der Mann hat mir beleidigt, notiren Se det, det lasse ick nich uff mir sitzen. Ick ernähre mir uff eene ehrliche und anständige Art und Weese, un det is nich so leecht heutigen Dages, wenn man sechs Jähren hat. Ick stehle Keeuen nich die Zeit und arbeete von Morgens früh, wenn so Eener noch bei Muttern liegt, bis spät in die Nacht rin. Wenn ick keene Heringe nich ausfahren dhue, denn müssen die Berliner mit ihre trocknen Kartoffeln verhungern. Ob Der aber nach Westend fahren dhut oder nich, det is jauz schnuppe, davon stirbt keene Laus. Der is nich mal zum Kutscher zu gebrauchen. Der fährt mir jrade mitten mang in meene Heringe rin, und wenn seene Olle det riechen dhut, denn fällt se in Ohnmacht. Ick aber sage Ihnen, wat die Drohnen sind, die können nur gestohlen bleiben." Die Beamten beschwichtigten den erregten Mann; die Fuhrwerke konnten endlich ihren Weg fortsetzen und bald war von der ganzen Katastrophe nichts mehr zu sehen, als einige Heringsreste und ein großer nasser Fleck auf dem Straßenpflaster, von dem der Duft der Heringslake in die Welt hinaus zog. Einige Zeit darauf stellte eine große Zahl der vornehmsten Leute in einem Schreiben an die Polizeibehörde das Ansinnen, daß die Ehaussee nach Westend in Zu- knnft für Last- und Arbeitsfuhrwerke gesperrt werden möchte. Moderne Wunder. Naturwissenschaftliche Streifzüge von Dr. B. Borchardt. (Schluß.)_ �ie Verbesserungen, welche der Morsesche Schreib- telegraph erhielt und die ihn wesentlich ver- 5�9 einfachten, sicherten ihm bald eine förmliche Alleinherrschaft, so daß er die anderen Formen von Telegraphen schnell verdrängte. Aber lästig bleibt bei ihm der Umstand, daß jede Depesche in besonders zu erlernenden Zeichen erscheint und erst in gewöhn- liche Schrift übertragen werden muß, ehe sie dem Empfänger übergeben werden kann. Daher werden zahlreiche Versuche angestellt, einen Telegraphen her- zustellen, durch welchen eine Depesche sofort in Druck- schrift geliefert wird. Um nur einige Namen zu nennen, so haben sich Wheatstone, Brögnet, Thomson, Siemens, Hughes an dem Problem versucht, sogenannte Typendrucktelegraphen zu kon- struiren. Doch nur der Apparat des zuletztgenannten Hughes hat eine allgemeine Einführung zu erlangen vermocht und macht den Morseschen Schreibtelegraphen sehr erfolgreich Konkurrenz. Die tvesentlichsten Bestandtheile des außerordentlich komplizirten Hughesschen Typendruckers bestehen in dem Typenrad, welches nebst einer Reihe Neben- apparate durch ein Räderwerk in Bewegung gesetzt wird, dem Elektromagneten, durch den ein Papier- streifen gegen das Typenrad gedrückt wird, und der Klaviatur nebst dein Schlitten oder Läufer, durch die der Strom in gewünschter Weise geschlossen und geöffnet wird. Der Schlitten läuft beständig auf einer Scheibe, der sogenannten Stistscheibe, herum; dieselbe be- sitzt eine Reihe von Oeffiiungen, durch die je ein Stift in die Höhe ragt. Jede Taste der Klaviatur, die mit einem Buchstaben, einer Zahl, oder einem Zeichen versehen ist, steht mit einem der Stifte in Ver- bindung, so daß durch Niederdrücken einer Taste ein Stift gehoben wird. Wenn der Schlitten bei seinem Umlaufe an den gehobenen Stift kommt, so wird zwischen diesem und der an ihm entlang laufenden sogenannten Reib er schiene des Schlittens eine metallische Verbindung hergestellt, so daß der elek- irische Strom von dem Stifte durch die metallischen Theile des Schlittens in die Leitung gelangt. So- ivohl an der zeichengebenden wie an der zeichen- empfangenden Station unikreist der Strom die Windungen eines Elektromagneten; dessen Wirkung kann man sich, obwohl sie etwas komplizirter ist, wie die analoge beim Morseapparat denken. Der Elektromagnet wird also seinen Anker anziehen und durch diese Beivegung einen Papierstreifen gegen das Typenrad, an dessen Umfange sich die Typen be- finden, anschnellen und fest andrücken, so daß während des kleinen Brnchtheils der Sekunde, während dessen der elektrische Strom den Elektromagneten umfließt, die betreffende Type auf dem Papierstreifen ab- gedruckt wird. So einfach sich das Prinzip des Hughesschen Typendruckers darstellen läßt, so außerordentlich schwierig und komplizirt ist seine nähere Ausführung. Zunächst ist nothtvendig, daß das Typenrad und der Läufer stets in der gleichen Zeit eine Umdrehung vollenden, also, wie man sich ausdrückt, synchron (d. h. in gleicher Zeit) lausen müssen; an einer Station ist das leicht zu erreichen, da beide von demselben Räderwerk getrieben werden, und zwar schlägt der Schlitten allemal dann gegen einen ge- hobenen Stift, wenn die ihm entsprechende Type des vertikal stehenden Typenrades an seiner untersten Stelle angelangt ist, so daß der Papierstreifen da- gegen gedrückt werden kann. Die Hauptschwierigkeit besteht aber darin, auch das Typenrad auf der entfernten, das Zeichen empfangenden Station genau synchron mit dem ersten laufen zu lassen. Dies wird durch eine große Reihe außerordentlich sinn- reicher Regulirvorrichtungen erreicht, so daß der Apparat, dessen einzelne Theile— und es sind deren eine sebr große Menge— mit außerordentlicher Exaktheit ineinandergreifen und arbeiten, ein mecha- nisches Wunder— und Kunstwerk allerersten Ranges genannt werden muß. Da der Schlitten und das Typenrad 100 bis 120 Umdrehungen in der Sekunde vollführen, so geht das Arbeiten mit diesem kunstvollen Meister- werk sehr schnell und bequem von Statten; daher ge- winnt der Hughessche Typendrucker immer mehr an Verbreitung, so daß die Anzahl der Morse-Apparate durch ihn erheblich beschränkt ist. Freilich ist auch er noch nicht das Ideal eines Telegraphen. Dieses wäre erst erreicht, wenn man beliebige Schriftzeichen und Zeichnungen mit allen Eigenthüinlichkeiten des Schreibers auf der entfernten Station tviederzugeben im Stande wäre. Auch dieses Ziel wurde von vielen Erfindern zu erreichen gesucht. Es mag hier der Casellische Pan- telegraph* erwähnt werden, dessen Einführung eine Zeit lang ernstlich versucht wurde. Er beruht nicht auf der elektromagnetischen, sondern auf der weiter oben erwähnten chemischen Wirkung des galvanischen Stromes. Nachdem man die Depesche mit einer den Strom nicht leitenden Tinte auf ein Papier aus leitendem Stoffe(sogen. Silberpapier, d. i. mit Zinn sehr gleichförmig überzogenes Papier) geschrieben, wurde dieses zwischen metallischen Greifern auf eine Platte gelegt; dadurch wurde es in Ver- bindung mit der galvanischen Batterie gesetzt. Die Verbindung mit der in die Ferne führenden Draht- leitnng übermittelte ein Metallstift, der durch einen Schlitten in parallelen Strichen über das ganze Papier gezogen wurde. So lange diese Bewegung andauerte, guig ein elektrischer Strom durch die Leitung, der altemal dann unterbrochen wurde, wenn der Metallstift über die nichtleitende Tinte ivegging, nnt der die Depesche geschrieben oder gezeichnet war. Die ferne Station enthielt ebenfalls einen Nietall- * Das griechische Wort Pan heißt Alles, so daß Pan- telegraph einen Fernschreiber bedeutet, der Alles schreibt. stift, der in genau der gleichen Weise und vollständig synchron mit dem ersten über eine Metallplatte ge- führt wurde. Auf dieser lag ein Papierblatt, das mit einer Lösung von gelbem Blutlaugensalz getränkt war; geht der galvanische Strom hindurch, so lvird das Salz chemisch zersetzt und bildet da, wo der Metallstift es berührt, einen blauen Niederschlag, das sogenannte Berlinerblau. So wird das Papier auf der Empfangsstation mit einer Unzahl seiner, blauer Striche versehen, die nur da ausbleiben, wo kein Strom hindurch gegangen ist, wenn also der Metallstift in der ersten Station über die Tinte der Depesche weggeht. Es ist klar, daß die Depesche infolgedessen auf der Empfangsstation gelblich-lveiß auf blauem Grunde erscheinen muß. Im Anfang des Jahres 1805 wurde dieser Telegraph zwischen Paris und Havre, sowie zwischen Paris und Lyon eingerichtet, und in dev Mitte desselben Jahres ließ die russische Regierung Versuche mit ihm anstellen. Doch bewährte sich das Wunderwerk, das namentlich auch den Synchronismus, das gleichmäßige Herüberziehen der MetaUstifte über die Platten in kunstvoller Weise erreichte, nicht derartig, daß es eine allgemeinere Einführung erringen konnte. Auch andere auf dasselbe Ziel gerichtete Bemühungen sind bisher noch nicht von großem Erfolge gekrönt gewesen. Wir lvollen sie daher übergehen und zum Schluß nur noch einen kurzen Blick auf die unter- irdischen Leitungen und die unterseeischen Kabel werfen. Schon verhältnißmäßig früh tauchte der Gedanke auf, die Telegraphenleitungen unter der Erde, an- statt über derselben zn legen; denn dabei fällt die Gefahr, daß der Draht infolge einer starken Spannung reißt, gänzlich fort. Auch durch anhängendes Eis oder durch heftige Stürme, die die haltenden Stangen umwerfen, kann eine unterirdische Leitung nicht zer- rissen werden, so daß der Betrieb trotz der größeren Anlagekosten sich auf die Dauer doch billiger stellt, als bei der oberirdischen Leitung. Versuche mit unterirdischen Leitungen konnten aber erst Erfolg haben, als die Guttapercha, welche zu Anfang der vierziger Jahre von Ostindien aus über England in den Handel kam, in bequemer Weise verarbeitet werden konnte. Dieser aus dem Saft einiger Bäume hergestellte Stoff erwies sich als ein vorzüglicher Isolator, der sich auch in bequemer Weise um die Leitungsdrähte herumlegen ließ. Eine Beimischung von Schwefel, die man anfangs angewendet hatte, um die Guttapercha widerstandsfähiger gegen Teni- peraturwechsel zu machen, zeigte sich unpraktisch, denn der Schwefel bildete mit dem Kupfer des Leitnugs- drahtes Schwefelknpser, dieses wurde vom galvanischen Strome zersetzt und verwandelte die Guttapercha in eine schwammige Masse, die vom Wasser leicht durch- drungen wurde. Doch lernte man an mehreren fehl- geschlagenen Versuchen allmälig die Ntängel kennen und beseitigen, und gegenwärtig bestehen im Deutschen Reiche eine große Anzahl unterirdischer Leitungen. Noch größer waren die Schwierigkeiten, die sich der unterseeischen Telegraphie entgegenstellten. Die im Wasser, also einem sehr guten Leiter, liegenden Drähte verlangen eine noch sorgfältigere Jsolirmig, als die im Erdreich liegenden. Man verwendet für die Kabel ausschließlich Knpferdrähte, und zwar benutzt man statt eines dicken mehrere, meist 7, umeinander geschlagene dünne Drähte, deren Durchmesser wenig mehr als die Hälfte eines Millimeters beträgt. Für oberirdische Leitungen, wollen wir noch bemerken, nimmt man meist Drähte ans Eisen, in neuerer Zeit auch ans Siliciunibronze, deren Durch- messer 4— 5 Millimeter beträgt. Die leitenden Drähte eines Kabels werden mit mehreren Lagen von Guttapercha umgeben, zwischen die besondere nichtleitende Flüssigkeiten kommen; diese dringen in die Poren der Guttapercha ein und vereinigen durch ihre Klebrigkeit die einzelnen Schichten fest mitein- ander. Tie so gebildete sogenannte Kabelseele wird durch eine doppelte Lage von getheertein Hanfgarn geschützt, die noch mit einer Hülle von verzinkten Eisendrähten umgeben wird; statt dessen nimmt man in neuerer Zeit auch häufig einen gepreßten Blei- mantel. Zuweilen wird das ganze Kabel asphaltirt und nochmals mit Hanfgarn umsponnen. 92 Die Acue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Mit welchen Schlvierigkeiten die Legniig großer Kabel verbunden ist, ersieht man vielleicht am besten ans der Aufzählung einiger mißglückter Versuche. Nachdem gegen Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre die unterseeische Verbindung nichrerer Orte geglückt war, tauchte der Gedanke auf, auch Europa mit Anierika lelegraphisch zu verbinden. Das Unternehmen, das besonders der reiche Amerikaner Field förderte, wurde im Anglist 1857 begonnen. Zwei Schiffe trafen sich in der Mitte des Meeres, dort wurden die Enden der von ihnen mitgebrachten Kabel znsammengeschlveißt und auf den Grund ge- senkt: dann trennten sich die Schiffe nach verschiedenen Seiten, lvobei sie das Kabel abrollen und sich auf dem Meeresgrund einbetten ließen. Hierbei darf das Schiff weder zu schnell, noch zu langsam fahren, denn das Kabel hat an seinem eigenen Gewicht sehr viel zu tragen und kann bei ungeeigneten Beweguugeu des Schiffes leicht reißen. Thatsächlich trat ein solches Reißen des Kabels schon wenige Tage nach der Trennung der beiden Schiffe ein, so daß die Arbeit eine vergebliche geloesen>var. Doch wurde der Versuch im nächsten Jahre mit besserem Erfolge wiederholt: die Trinity-Bai auf Neu-Fundland und Valentia auf Irland, die eine Entfernung von 350 Meilen haben, waren am 5. August 1858 tele- graphisch verbunden. Aber nachdem das Kabel 129 Depeschen ans Europa nach Amerika und 271 De- peschen in umgekehrter Richtung befördert hatte, hörte seine Thätigkeit bereits am 1. September 1858 auf, so daß die ungeheuren auf das Unternehmen ver- lvandten Summen, etiva 24 Millionen Mark, verloren waren. Nach sechs Jahren war ein neues Unternehmen finanziell gesichert, so daß wiederum ein Kabel an- gefertigt wurde, sein Gelvicht betrug 82000 Zentner. Diese nngeheure Ntasse lmirde auf dem größten da- maligen Schiffe, dem Great-Eastern verladen, der am 23. Juli 1865 Valeneia verließ, um nach Westen zu dampfen: in einer Entfernung von 200 Meilen riß das Kabel, und der Great-Eastern kehrte im- verrichteter Dinge nach Europa zurück. Bereits im nächsten Jahre wurde der Versuch wiederholt: am 13. Juli 1866 dampfte der Great-Eastern mit einem nenen Kabel wiederum aus Valencia ab. Diesmal ging Alles gut: am 27. Juli landete er in Neu- Fundland, und noch am Abend desselben Tages wurde die telegraphische Nachricht hiervon nach Irland gesandt. Noch im selben Jahre versuchte man, das ein Jahr zuvor gerissene Kabel wieder aufzufischen: auch dieses Unternehmen glückte, das aus dem Meeres- gründe heraufgeholte Ende wurde mit dem mit- gebrachten Borrath zusammengeschweißt, und die lvcitere Abivicklung ging glücklich von Statten, so daß am 8. September 1866 zwischen Europa und Amerika zlvei telcgraphische Leitungen vorhanden waren. Sehr bald folgten dann eine Reihe anderer Kabel, und heute sind alle Theile der Welt telegraphisch mit- einander verbniideii. Freilich hat die unterseeische Telegraphie noch lvcitere Schwierigkeiten, als die der Kabcllegung zu überwinden. Zivischen dem Leitungsdraht und dem durch die isolirende Schicht von ihm getrennten gut leitenden Wasser treten besondere elektrische Er- scheiiiniigcii auf, durch die das Telegraphireu er- schivert wird. Man muß sich infolge dieser Er- scheiilungen, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, mit recht schlvachen Strömen begnügen, so daß man bei langen Leitungen nicht die gewöhn- lichen Morseschen und Hughesschen Apparate an- wenden kann. Ter Strom genügt gerade noch, eine Blagnetiiadel, um die er in mehreren Windungen geführt lvird, aus ihrer Richtung abzulenken, wie beim Morscschen Schreibapparat aus Punkten und Strichen das Alphabet zusammengesetzt wird, so wird hier dasselbe durch die Ausschläge nach den beiden verschiedenen Seiten erreicht. Die Ntagnet- nadel trägt einen Spiegel, auf den ein Lichtstrahl von einer Lampe geworfen wird; der Spiegel wirft ihn iveiter auf eine Skala, und die Bewegungen dieses Licht'eigers sind es, die in dem stillen, von jedem Geräusch der Außenwelt abgeschlossenen Räume beobachtet lrc.dcn. So hat der kühne Unternehmnngsgeist des Men- scheu, geleitet von der wissenschaftlichen Erkenntniß, zu immer neuen Versuchen angestachelt durch die Bedürfnisse des Kapitals, in den Telegraphen und ganz besonders in den Verbindungen der durch große Ozeane getrennten Länder, Wunderwerke geschaffen, gegen die alle Rnhinesthaten siegreicher Helden in ein Nichts verschwinden: der Kampf gegen die feind- lichen Naturgewalten wurde gelvounen, und die Näherführung der Menscheil um ein gutes Stück gefördert. >4 ><** SpieLkinöer. Roiuan von Georg Hermann. (Fortsetzung.)- ieber flöhe ich mein Lebtag schwarze Piidel, eh ich noch einmal eine Regisseurstelle über- nehme. Ein halbwegs gelehriger Papagei hätte die Rolle des Kommerzienraths mit mehr Verständniß gesprochen als Albert Nickel, auch verband mein.Albatcheiü diese Sprechübung auf's Angenehmste mit schwedischer Heil- gyninastik, indem er sich von Zeit zu Zeit auf seinen breiten Brustkasten schlug, daß eS dröhnte, und den Arm dann urplötzlich ausstreckte, daß die Finger knallten. Einen leichten Gesellschaftston konnte er trotz aller meiner Miihe nicht treffen, während sein hier vollkonmien nnangebrachter Onartanerpathos ihm bei einer SchülervorsteUnng das Prädikat„kaum noch im Ganzen befriedigend" eingetragen hätte. Eugen— der junge Bucher—, Albert ließ sich noch wenigstens etwas sagen— aber Engen wußte Alles besser; er hatte, wie er sagte, diese Rolle stndirt, das heißt er hatte sich ans Mätzchen und Gliederverrenkungen eine Gestalt geschaffen, die auf dieser Welt nicht zu finden war. Er ivar stolz auf seine Leistung und fragte einen Jeden insgeheim, ob ihm die Rolle nicht ausgezeichnet läge. Der Kriminalkonimissar war ein non plus ultra von Plumpheit, und ich hätte eher einem Gaisbock das Klavierspielen beigebracht, als ihm natürliche Gesten. Er fuhr niit pfeilgrad ausgestreckten Händen in der Luft umher, als ob er sie so leichter zer- schneiden könne, hob und senkte den Brustkasten wie einen Blasebalg und sprach Alles im Galopp. Er sprach ebenso ausdruckslos zum Buchhalter:„Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie!" wie er vor- her zum Kassenboten gesagt hatte:„Na, Alterchen, willst Du'ne Zigarre rauchen?" Nur der Kassenbote spielte sehr gut und verstand aus dieser unbedeutenden Nolle eine prächtige Charge zu machen. Die Damen—— ja, man sagt zwar, jedes lveibliche Wesen wäre eine geborene Schauspielerin— aber ich bestreite es, es fehlt ihnen die Natürlichkeit — sie sind sich in jedem Augenblick beimißt, daß sie nur minien, und eben daran scheitern sie. Von den drei oder vier jungen Ntädchen, ivelche spielten, hatten zwei ivohlklingende, schöne Stimmen, Bühnenfignren, ruhige Bewegungen, und trotzdem entledigten sie sich ihrer Aufgabe nicht halb so gut, wie es Lies that. Und Lies hatte weder ein schönes Organ, noch eine für die Bühne sich eignende Figur — aber sie spielte mit solch einer Hingabe, mit solch einer Natürlichkeit, daß man sah, sie vergaß voll- kommen, daß sie sich auf der Bühne befände; be- sonders die Liebesszene spielte sie so fein nüancirt, sie küßte, sie lachte, sie weinte, sie schmollte in tausend Abstufungen; sie wußte genau das Blaß ihrer Leiden- schaft inneznhalten, so daß sie sich nicht vor dem Höhepunkt verausgabte. Ich lvar begeistert, und hätte ich nicht bedacht, daß ihre Stimnie eine recht schwache wäre und sie, abgesehen von ihrem wunderhübschen Gesicht, aus der Bühne unbedeuteild aussähe, so hätte.ich ihr ernst- lich gerathcn, zum Theater zu gehen. Möglich mich, daß nur diese Rolle ihr besonders gut lag und daß sie sich in andere garnicht geschickt hätte, denn sie brauchte ja eigentlich nur in den reichen Schatz unserer Erlebnisse zu greifen, nur ein wenig aus nnscrcin Licbesleben zu plaudern, und die„Grethe Fischer" stand greifbar da. Jedoch hatte das Theaterspielen leider in einer anderen Beziehung einen ungiiiistigen Einfluß auf Lies. Im Geschäft gingen plötzlich ihre Leistungen rapide zurück, sie arbeitete unlustig, wurde langsam und unzuverlässig. Soviel ich ihre Fehler zu ver- tuschen bemüht war, so wurden sie doch vom Pro- knristen bemerkt, welcher ihr so wie so nicht gewogen war, denn Lies hatte sich früher einmal erlaubt, ihn tüchtig heimzuschicken, als er versuchte, dem Ge- spräch eine schlüpfrige Wendung zu geben. Klein- liche Menschen vergessen ja derartige Zurücklveisungen niemals. Merkwürdig war es mir, daß mit der Zahl der Proben auch Lies' Partner, Eugen, sich besser in seine Rolle zu fügen begann. Während er erst den Verführer spielte und zivar so fad, daß ich das Mädchen hätte sehen mögen, das er hätte verführen können, kehrte er mit der Zeit mehr und mehr den Liebhaber heraus und begann die Figur ganz an- nehmbar zu gestalten. Zwar stellte er sich noch bei jedem„Ach!" in Pose, aber sonst war, abgesehen von dem dramatischen R, an seiner Leistung nicht einmal viel ansznsetzen. Ja, man muß sagen, er lebte sich in die Rolle ein, und er versicherte mir auch jedes Mal mit verschmitztem Lächeln, daß er eifrige Studien zu ihr mache. Nachdem wir nun schon so oft geprobt hatten, daß ich sah, die Helden und Heldinnen mimten mit jedem Mal nur schlechter anstatt besser, so sprach ich eines Tages das Machtwort aus:„Das Spiel kann beginnen!" Wie gern hätte ich diese Worte noch einmal zuriickgenoniiuen. Sie wirkten auf die„Novania" lvie ein Fußtritt auf einen Ameisenhaufen. Es ent- wickelte sich urplötzlich eine fieberhafte Thätigkeit. Da waren noch nicht genug Billets abgesetzt, man schickte Briefe, verschrieb niehr Papier, brauchte mehr an Porto, als man jemals hätte gutmachen können. Die Damen jammerten, ihre nenen Kostüme, Roben, Kleider würden ja nicht fertig, Albertchen behauptete steif und fest, daß er bis dahin niemals seine fllolle lernen könne. Aber ich war der flicgie schon so herz- lich überdrüssig, daß ich unerbittlich darauf bestand. Nur selten hielt ich noch Proben, denn das Stück wuchs mir zum Halse heraus. Ich kannte jedes Wort, jede Wendung und Bewegung und stets wurden mir die Figuren noch puppenhafter und un- möglicher. Endlich!— Ach nein! Erst noch Generalprobe. Sie lvar Hohn und Spott. Schon angesichts der leeren Stühle ergriff alle Künstler am hellcrlichten Tage das Lampen- sicher. Sie stammelten und zagten, als ob es nicht die Bretter wären, die die Welt bedenten, sondern die Bretter des Schaffots, auf denen sie ständen. Alles, ivas ich ihnen mit Mühe beigebracht, ivar ivie iveggeblasen. Entweder sprachen sie zu langsam oder zu schnell, entweder brüllten sie wie angeschossenes Wild, oder flöteten so zart, wie verliebte Turtel- tauben, daß man selbst in der ersten Reihe nichts mehr hören konnte. Die Einzige, die stets gleich- mäßig laut und deutlich sprach, war die Soufflense. Iii welche Ecke des Saales man sich auch stellte, ihr klares, durchdringendes Stimmchen folgte über- all hin. Leider war sie beharrlich zwei Zeilen hinter den Spielenden zurück, weil sie, um ja recht gut ver- standen zu werden, jede Silbe einzeln aussprach. Die Ausstattung war prächtig, und der Szenen- Wechsel ging mit geradezu verblüffender Schnelligkeit vor sich. Um einen Stuhl auf die Bühne zu bringen, brauchte man beinahe eine Viertelstunde: denn be- sagter Stuhl war nirgends im Lokal zu finden und wurde endlich in der Mche gestellt, wohin er sich geradezu eigenmächtig entfernt haben miißte. Bei der zärtlichen Gartenszene klappte ein Baum um, jedoch ohne ernstlichen Schaden anzurichteii, und von dem köstlichen Dienstmädchen— Mary Stempel — wurde ein Theebrett auf den Tisch gestellt, welcher den einzigen Fehler hatte, nicht vorhanden zu sein. Daß hierbei eine Ehampagncr- vulgo Linionaden- flasche und zwei Kristallpokale vulgo Trinkgläser den Weg alles irdischen Glückes gingen, war doch nur eine Schelmerei des Zufalls.— Die Acuc Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 9-1 Nim drang Eugen darauf, daß ich Iveiiigstciis schon einen Tag vor der endgültigen Aufführung vom Geschäft-fern bliebe, wie er nieinte, um mich selbst zu sammeln und mit nöthiger Kraft und Ruhe an meine schwierige Arbeit gehen zu können, oder richtiger gesagt, um noch einige ivichtige Laufereien zn erledigen. Er versicherte mich, es wäre unbedingt uolhwendig, daß ich in meiner Eigenschaft als Regisseur am Tage der Aufführung noch einmal sämmtliche Mitspielenden besuche, mich nach ihrem Wohlbefinden erkundige, ihnen gut zurede und ihnen auseinandersetze, daß ihre Leistungen ans dein Ge- biet der ungesattelten Schauspielerknnst ganz hervor- ragende wären, und die Klienten, wenn auch dieses nicht die Angst benähnie, überzeugen müsse, daß sich einst die ersten Bühnen der Welt um ihr Talent— wie sagte ich? Talent? Nein! Genie! Genie!— reißen würden. Jede Künstlerin würde mir mit tödtlichcr Sicherheit ihre neue Robe zeigen, welche zum wenigsten sechs Ausrufe des höchsten Erstaunens entlocken müßte. Wirklich, ich unterzog mich dieser lächerlichen Arbeit, ließ mich überall mit Schmeicheleien über meine ausgezeichnete Regie und mit einer Tasse Kaffee beivirthen, log den Künstlern und Künstlerinnen, Künstlermütteril und Künstlervätern so viel vor, daß sich die Decken bogen. Endlich, um sechs Uhr Abends, wollte ich noch Lies aufsuchen. Wie athmete ich auf, als ich die acht Tassen Kaffee mit Heldenmuth überwältigt hatte. Noch surrte mir der Kopf von all den unverdienten Lobsprüchen. Ja, bei meiner Lies würde ich doch Ruhe finden. O, sie ivar mir ja so gut! Von heute ab nicht mehr einen Schritt in die„Novania"! Nicht einen Schritt! — Ja, wenn ich das überdachte, wo war ich hingekommen, was war aus mir gctvordcn! Wo waren alle die Pläne, Hoffnungen, die ich gehegt und gezüchtet hatte? Vollkomnien war ich in dieser Großsprecherei, diesem Klatsch, diesen Zoten anfge- gangen. Aber mußte es denn immer so bleiben, konnte ich mich wirklich nicht mehr herausreißen und meine eigenen Wege gehen? So wird ja nie etivas aus mir. So, ohne Ernst, ohne Streben, bleibe ich in allen Kämpfen der Unterliegende. Ich bin jetzt zwanzig Jahre, und was kann ich? Jeder Schuhmacher kann doch wenigstens sein Handwerk, mit dein er sich sein Brot verdienen kann, aber was habe ich gelernt? Eine Arbeit, in die ein herge- lnnfeuer Frisenrgehülfe sich in acht Tagen cinge- wöhnen kann, wenn die Schule ihm nur richtig Lesen und Schreiben beigebracht hat. Was soll ich jetzt noch Anderes ergreifen, wozu habe ich Fähig- keilen? Schriftsteller? Hm! Als ob ein Mensch ohne Knochen gehen könnte! Was sonst? Knnstlischlcr? Ja! Ich bin doch zu alt, um noch nirgend etivas anznfange»! Wenn Lies nicht wäre, meine gute, liebe Lies! Sic ivar die Einzige, die mir dieses nichtige Leben noch erträglich machte. Da war ich angekommen. Lies war noch nicht da. Auf dem Tische prangte ein prächtiger Strauß von Marschallnielrosen, auf dem Bett lag das neue Kleid sorgsam ausgebreitet. Bon wem mochten die Rosen sein? Es lag ein zierliches, hellrothes Konvert zwischen den Blumen. Da kam Lies athcmlos in das Zimmer gestürzt. „Herr Gott! Herr Gott! Wie spät es schon ist! Ich werde ja garnicht fertig!" „Und mich siehst Du garnicht?" „Ach ja, ja, Georg, es ist nett von Dir, daß Du gekommen bist," und sie küßte mich Pflicht- schuldigst. „Da sind Blumen für Dich." „Ach, wie reizend von Dir, Georg!" „Nein, von mir sind sie nicht." „Aber, von wem denn sonst? Wer sollte mir denn Blumen schicken?" rief Lies im Tone des höchsten Erstaunens. „Da— es ist ein Konvert darin." Sie riß es auf. „Ah, von Eugen—" und wurde blutroth— „Herrn Salle— wie aufmerksam von ihm!" „Lies, wie kommt er dazu. Dir Blumen zu schicken?!" „Wie— er dazu kommt—" stotterte Lies, „er— er— er— hat gar keinen Grund. Ach, Du— Georg—" sie lachte.„Du witterst auch hinter Allem was. Wie kann man nur immer so eifersüchtig sein!" Sie küßte mich, und drohte mit dem Finger.„Ich bin Dir ja doch gut!" So cigenthümlich hatte sich Lies noch nie mir gegenüber benommen. „Lies, Du treibst falsches Spiel mit mir!" „Ii ich?" „Ja. Du!" „Aber, Georg!" „Lies, sag' mir, ist etwas vorgefallen?" „Aber, Georg, ich versichere Dich— nein, was Du auch immer hast!" Und plötzlich fiel sie mir mit krampfhaft hastiger Zärtlichkeit um den Hals und küßte niich heftig. „Ach, Georg, ich muß mich ja anziehen," unter- brach sie sich.„Ah— sieh nur einmal mein neues Kleid!" „Nun, ich will Dich nicht aufhalten. Lies!" „Ach, Georg, bleib' doch da, ich niöcht' doch noch ein bischen plaudern. Weißt Du, ich Hab' Dir im Geschäft Alles fertig gemacht. Du brauchst es nur morgen wegzuschicken. Der Winder hat� so mit mir geschimpft, weil ich etwas falsch habe beschreiben lassen. Die ganzen Kartons, meinte er, wären zum Teufel!" Sie sprach und lachte fortgesetzt, während sie sich umzog und zwar mit so fieberhafter Hast und und Lustigkeit, daß es mir schien, als wolle sie mich nicht zu Worte, nicht einmal zum Denken kommen lassen. „Ja, Lies, ich muß aber jetzt nach Haus! Ab- holen kann ich Dich leider nicht, denn ich muß früher da sein, wie Du!" „Ach, bleib doch noch bei mir. Georg! Wer weiß, wann Du wieder einmal zu mir kommst!" bettelte sie. „Aber, Lies, Du bist wirklich heute merkwürdig! Als ob ich nicht fast jeden Tag zu Dir käme! Adieu— Lies!" „Ach, bleib doch noch bei mir!" „Nein, nein! Ich kann nicht!" „Dann gieb doch wenigstens noch einen recht schönen Kuß!" „Da!" „Noch einen— noch einen— noch einen!— Adieu, Georg!" „Adieu, Lies!" Nein, wie nierkwürdig sie war. Kaum war ich aus den, Haus getreten, als ich Eugen traf. Im flatternden Havelock und Sammet- Hut machte er den Eindruck eines durchgefallenen Theaterschülers. Er wurde verwirrt, als er meiner ansichtig wurde, faßte sich aber schnell, eilte mit erzwungener Freund- lichkcit auf mich zu und streckte mir graziös die Hand entgegen. Er freue sich sehr, mich endlich zu treffen, denn er hätte mir noch unendlich viel Wichtiges mitzu- theilcn. Ob ich daran gedacht hätte, daß-- und er begann mich mit einer Flulh von Kleinig- keilen zu überschütten, die schon seit Wochen erledigt waren. Er sprach schnell und überhastet und begleitete mich wohl durch sechs Straßen, bis er sich plötzlich von mir verabschiedete, da er noch etwas äußerst Nothwendigcs zu besorgen hätte. * Der Saal war wirklich bis auf den letzten Platz gefüllt und die Zuschauer machten nicht einmal einen schlechten Eindruck. Zwar war auf ihren Gesichtern nichts zu lesen, was auch nur mit Ernst und llr- theilskraft eine Achnlichkeit gehabt hätte, aber die Vorhemden der Herren waren unbedingt tadellos sauber und frisch gebügelt; die Hälse und bloßen Arme der Damen schienen für heute besonders weiß gepudert zu sein. Das flimmerte und glitzerte von Perlstickercien, rauschte von altmodischen Seiden- kleidern, blitzte und strahlte von Ohrringen, Arm- reifen und Halsketten! Wie das wogte, wie das plauderte, und man sprach von nichts, wie von dem neuen Stück; daß es doch so sehr gut sein sollte— sein sollte— und daß sich schon mehrere große Theater um dasselbe beworben hätten; der Verfasser solle»och sehr jung sein und zu den schönsten Hoffnungen Anlaß geben. Wer es wäre, dürfte man ja nicht sagen, aber er wäre Alle» aufs Vortheilhafteste be- kannt. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so würde man einstmals seinen Rainen unter den ersten des Landes nennen. Die großen elektrischen Lampen erloschen Plötz- lich, eine zitternde Erwartung legte sich über die Gesellschaft. Man hörte nur das Athemholen und ans der ersten Reihe ein:„Ja, ich sage Ihnen, es ist sehr gut." Ein grelles Läuten— der Vorhang wallte empor. Wie sie lauschten, wie sie spiplen. Der erste Akt ging ohne besondere Schwierigkeilen von statten. Und als der Vorhang sich senkte, brauste ein Beifallssturm durch den Saal und der zügel- lose, entfesselte Theaterpöbel schrie, kreischte, brüllte nach dem Verfasser und den Darstellern. Engen, welcher wohl nur auf diesen Augenblick gewartet hatte, stürzte vor die Rampe und verbeugte sich, Huld- voll nach allen Seiten lächelnd.„Ich hoffe, es wird gefallen," rief er mir zu, als er zurücktrat. Auch der zweite Akt ging ohne Anstoß vorüber. Als Lies, welche ihren Vater suchte und mit dem Bankicrssohn schnell einige versläiidnißinnige Worte zu wechseln hatte, die Bühne betrat, klatschte und jubelte das Publikum vor offener Szene, ohne daß sie auch nur ein Wort gesprochen hatte, aus den ersten Blick war es Allen klar, daß sie, und nur sie, die einzige wirkliche Schauspielerin des heutigen Abends wäre. Möglich auch, daß ihr schönes Gesicht die meist »och jugendlichen Zuschauer, die gegen so etwas nie unempfindlich, verblüffte. Hinter der Szene lag Fräu- lein Mary Stempel in Weinkräiupfe», denn sie war fest davon überzeugt gewesen, daß ihr und keiner Anderen am heutigen Abend aller Beifall gebühre. Als Lies abtrat, war sie mit Blut übergössen, und als ich sie anrief, antwortete sie nicht einmal, sondern ging weiter; ich schrieb es ihrer augenblicklichen Er- regung zn. Der Vorhang siel, derselbe Beifall, derselbe Jubel, dasselbe Rufen nach dem Verfasser und de» Dar- steuern. Engen verbeugte sich wohl achtmal, sein Gesicht strahlte, und wirklich, er that mir im Augen- blick leid, denn ich sah, daß ihn Stolz, Freude und Zuversicht erfüllten; sah Träume seine Stirn i»n- schweben, die ich selbst oft genug getränint hatte, und sah Wünsche und Hoffnungen, ruhelose Nächte, Jahre voll Enttäuschung und endlich ein schmerz- volles Unterliegen. Der dritte Akt, auf den ich meine ganze Erwartung gesetzt hatte, war der ein- zige im ganzen Stück, welcher zwei bis drei an- nehmbare Szenen enthielt. Von Plagwitz pumpte wirklich mit großer Routine den Kvinmerzienrath um einige Tausend an(es schien mir, als ob der Herr Lieutenant hierzu Studien im wirklichen Leben gemacht hätte) und verlobte sich nachher mit gleichem Geschick mit der Tochter, für die der Buchhalter eine stille, aber unerwiderte Liebe hegte. Auch hier schienen mir Studien vorangegangen zn sein. Die Gartenszene! Wenn nur wieder kein Baum umfiel oder Sachen auf einen Tisch gestellt würden, der nicht vorhanden war, so hoffte ich, würde sie anstandslos vorübergehen und das Stück retten. Was später kam, war Alles dazu angethgn, den guten Eindruck, den das Stück bisher gemacht hatte, end- gültig zu zerstören. Schon beim Beginn der Szene, bei den ersten schüchternen Worten der beiden Spielen- den, legte sich über Alle eine athemlose Spannung. Die Augen der Zuschauer schienen sich zu vergrößern und ein Zittern, ähnlich dem Vibriren einer Uhr- feder, lief durch die Reihen. Ein Jeder ahnte, was hier folgerichtig kommen müsse. Auch ich wurde von dieser Erwartung ergriffen und ich weiß nicht, war es die Wirkung der vorhergegangenen Erregung und meiner bis zur Ueberreiztheit gespannten Auf- merksamkeit, ich begann plötzlich am Körper zu zittern. Es schien mir, als ob Lies im Anfang etwas bc- fangen spielte, als ob sie selbst Angst hätte vor dem Ende dieser Szene, aber plötzlich kam es wie eine Ptc Acne Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 95 Erlösung Über sie. Ihr Spiel wurde frei, ihr Lnchen lmgezwungeii, die ganze Figur schien aufzuleben und ihre höchste Lebenskraft zu entfalten. Und als sie ihm den ersten Kuß gab, war es nicht mehr zu glauben, daß man dieselbe vor sich hätte, wie vor- hin. Ihr Spiel wurde von Minute zu Aiinute natürlicher, sie lachte und küßte, küßte und lachte, und plötzlich— nein, das war kein Spiel mehr, das war Wahrheit! Wahrheit! konnte kein Spiel sein— lag sie in seinen Armen. Ich sah, wie ihre Augen halb geschlossen waren, wie sie bebte und zitterte— wie damals! Aber die Lider erhoben sich nicht. Engen rann ein dicker Blutstropfen über das Kinn; seine Partnerin hatte ihn in die Lippen gebissen. Ich ließ den Borhang fallen. Pia» rief nach Wasser, aber Keiner dachte daran, etwas heran zu bringen. Da nahm Eugen, welcher sich wieder gefaßt hatte. Lies wie ein kleines Kind auf den Arm und trug sie fort.. Als er sie aufhob, öffnete sie die Augen und sah ihn an, und dieser Blick sagte mir, daß Lies von heut an nicht mehr zu mir, sondern zu Jenem gehörte. Draußen aber brüllte, klatschte und jubelte das Publikum und rief wie wahn- sinnig nach den Darstellern, denn eS dachte ja, das Stück wäre so eingerichtet, daß der Vorhang un- bedingt hier fallen müsse. Wie die Vorstellung weiter verlief, weiß ich heute nicht mehr, ich weiß nur, daß Lies mich weinend bat, ich solle von ihr nie etwas Schlechtes denken und sie könne nicht anders. Die jetzt kommende Zeit war für mich mit die schwerste meines Lebens. Ich hätte nie gedacht, daß in mir eine Leidenschaft so tief wurzeln könne. Meine Mutter zergrämte sich schier, wie schlecht ich aus- sähe, warum ich fast garnichts äße und Abend für Abend zu Hanse bliebe, ohne mit Jemand ein Wort zu reden oder nur irgend eine Beschäftigung vorzu- nehmen. Aber trotz all ihrem Mitleid und all ihrem Zureden gelang es ihr nicht, den Grund zu erfahren. Sie begann, mich wie einen Kranken mit äußerster Schonung zu behandeln, mir Alles aus dem Weg zu räumen, was irgendwie für mich störend war. Es wäre mir ja auch ein Leichtes gewesen, Lies wieder an mich zu ziehen. Ich glaube, es hätte nur eines Wortes bedurft. Aber grade dieses eine Wort sprach ich nicht; denn eigentlich fühlte ich mich glücklich, endlich ftei und dem Zlvange entronnen zu sein; ich begann auch langsam geistig wieder aufzu- leben, indem ich mich allen banalen Vergnügungen fern hielt; aber in schlaflosen Nächten schrie ich fast vor Sehnsucht nach ihr, und stand stets mit dem festen Borsatz auf, heute das Machtwort zu sprechen, von heute an unser Verhältniß wieder das alte sein zu lassen; und doch, eine Ungewisse Furcht hielt mich davon ab, eine ungewisse Furcht, die sich endlich bis zur offenen Abneigung steigerte. Denn so wie Lies meinen leidenden Händen entronnen, so waren auch all die zarten und feinen Regungen ihrer Natur ver- schivunden und das von den Eltern ererbte unfeine, jener mir unerklärliche Zug drückte dem Gesicht, den Beioegungen und dem Wesen seinen Stempel auf, iiberwucherte das Gute an ihr, wie Disteln die Hafer- saat. Niöglich auch, daß sie aus Trotz, grade in meiner Gegenwart, diese Seite des Charakters nach außen kehrte. Nur einmal, als ich sie still beob- achtete, sah ich, ivie ihre Augen mit Thränen ge- füllt waren und sie fortgesetzt verstohlen zu mir her- überblickte. Ich that, als ob mich diese Blicke nichts angingen und vertiefte mich in meine Arbeit.— Soviel ich mir aber auch Mühe gab, die Fehler, welche Lies im Geschäft machte, zu vertuschen, ja theilweise dieselben auf meine eigene Kappe zu neh- men, so war es mir doch oft nicht möglich, sie vor Verweisen zu schützen, ja, man drohte ihr sogar, falls ihre Arbeit nicht eine korrektere würde, müsse man sie unbedingt aus dem Geschäft entlassen, und es bangte mir aufrichtig um ihre Zukunft l (Jürlscvung solgt.) ffl txh Gelier den öes A Von Manfred Wittich. �n einer Reihe von schönen Arbeiten über die Geschichte des Duellwescns(oder besser Duell- Unwesens) hat Professor v. Below so griind- lich als nur möglich dargelegt, daß besagter grober Unfug durchaus nicht, wie noch fortwährend bis zum Ekel gepredigt wird, echt altdeutschen Ursprungs, eine edle Vorväter-Sitte ist, erwachsen ans dem echt germanischen Ehrbegriff. Mit seiner Ableitung aus den mittelalterlichen Einrichtungen des gerichtlichen Zweikampfes, der Fehde und des Turniers ist es nichts, wie v. Below überzeugend nachgewiesen hat. Woher stammt nun aber das moderne Duell in Wirklichkeit? Im Lande des Don Ouirotc, des Ritters von der traurigen Gestalt,„dem das Gehirn ausgetrocknet war," ivie Ceronntcs sich ausdrückt, in Spanien ist es zuerst geschichtlich nachweisbar. Kennzeichnend ist es übrigens, daß diese ersten Er- wähnungen(von 1473 und 1480) Dncllverbote sind, welche das Provinzialkonzil von Oranda und ein König von Kastilien erließen. Spanien, das Land des steifsten Zeremoniells und des dünkel- haftesten Ritter- und Adelstolzes, als Heimath des Duells anzunehmen, empfiehlt sich ganz besonders. Nicht ohne starken Hohn tveist v. Beloiv darauf hin, daß auch bei den Botokuden und Indianern die ritterliche Uebung des Duells oder doch ganz entsprechende Landesbräuche sich nachweisen lassen. Beim Verkehr mit den Letzteren konnten die Lands- leute Don Onixotes sich besonders angeheimelt fühlen, wie denn auch Gneist darauf hingewiesen hat,„daß in Louisiana das Duell einen Beigeschmack indiani- scher Sitten habe". Welche Antriebe der Volkssitte, den sozialen An- schanungen und religiösen Vorstellungen bei jenen „Wilden" die duellähnlichen Einrichtungen ins Leben riefen, lassen wir hier unerörtet, wiewohl die neuere Völkerkunde uns, wie in so vielen kulturgeschichtlichen Fragen, gewiß interessante Winke geben könnte auch für diesen Punkt. Bei zwei anderen romanischen Völkern: Italienern und Franzosen, findet sich das Duell ganz bräuchlich im 15. und 16. Jahrhundert, daneben auch eine reichhaltige Literatur darüber. 1509 ging Papst Julius II., aus deni Hause Rovers, den Karl Grün einen trunksüchtigen Husarengeneral nennt, der also selbst das Soldatenleben genau kannte, gegen die Duelle im Kirchenstaate streng vor und tadelte, daß solche um der geringsten leichten ehrverletzenden Worte willen ausgefochten würden. Ein anderer italienischer Geistlicher, Luthers Gegenpart, der Kardinal Kajetan(ff 1534), schreibt in seiner Erläuterung der 8umma theologiae bei Thomas von Aquino, das Duell gelte viel bei den Narren(apuck ickiotas), nichts bei den Weisen; eine Anmerkung läßt aber den Schluß zu, daß das Duell sehr verbreitet und die Mehrzahl seiner Landsleute in dieser Beziehung Idioten gewesen sein, müssen. Der angesehene italienische Jurist Alciati(1492 bis 1556) schrieb ein Rechtsgutachten und ein be- solideres Buch über das Duell und bemerkt unter Anderem, daß einige italienische Fürsten dasselbe ge- statteten, zu denen er die französischen Herrscher in Gegensatz stellt. Aber gerade in Frankreich herrschte bald eine förmliche Duellwuthseuche. Französische Könige, unter ihnen der Haudegen Franz I., hatten ihr Vergnügen daran, Duellen zuzusehen. Mit dem Faullenzerleben der Herren Duellanten bringt(1835) ein fran- zösischer Schriftsteller Fougeroux de Campinolles Entstehung und Verbreitung des Duells in Zu- sammenhang, indem er sie als Zeitvertreib(iiasao- ternps) bezeichnet, und der polnische Historiker Lelewel betrachtet als ihren Mutterboden den Müssig- gang; ausdrücklich hebt er hervor, man habe sich mehr unter Napoleon als unter den Russen, und vornehmlich unter den sittenlosen Emigranten, den Vornehmen,»velche vor der französischen Revolution ins Ausland flohen, duellirt. Gerade unter den erbärmlichsten Herrschern Frank- reich?, namentlich unter dem traurigen Heinrich III., befestigte sich die Dnellnnsitte. Von dieser Draht- puppe auf dem Throne sagt der französische Historiker Martin:„Die Duelllvuth nahm immer mehr zu" bei den Adeligen seit der Regierung Heinrichs III., der, besessen von einer weibischen Gier nach ficber- haften Erregungen, seine Gunst nur an Duellanten verschenkte. Der Zweikampf lvar zu einer Art epidemischer Tollwuth geworden. Man schlug sich aus den nichtigsten Gründen und selbst ohne solche, einzig um seinen Muth und seine Geschicklichkeit zu zeigen, v. Below fügt dem noch die Bemerkung bei: „Duell und Meuchelmord schließen sich gegenseitig keineswegs ans! Atan darf im Gegentheil behaupten, daß da, wo das Duell blüht, im Allgemeinen auch der Meuchelmord blüht..... und Heinrich III., der das Duell schützt und pflegt, ist zugleich einer berüchtigsten Meilchelniörder." Unter Heinrichs Nachfolger rechnet man auf zwei Todesfälle beim damaligen französischen Adel einen Duelltod. Der philosophische Schriftsteller Montaigne sagte damals:„Setzt drei Franzosen in der lybischen Wüste aus, sie werden keinen Monat zusammen leben, ohne sich zu raufen und zu kratzen." Und während der achtjährigen Minderjährigkeit Ludwigs XIV. hat man berechnet, daß viertausend Mitglieder der damaligen französischen Adeligen im Duell fielen. Es gehörte ja zum guten Ton und zur adeligen Lebensführung, möglichst viele Duelle ausznfechten, es galt für standesgemäß und ehren- voll für den Krieger und vornehmlich für den Edel- mann in den Ländern romanischer Zunge. Daß von dorther das Duell nach Deutschland kam, ergeben auch die Formen wie die Kunstans- drücke des Duellwesens bei uns Deutschen. Die Vertheidiger des deutschen Ursprungs des Duells können vor der zweiten Hälfte des 16. Jahr- Hunderts keinen quellenniäßigen Beleg beibringen, behaupten aber doch, am Ausgang des Mittelalters und besonders zu Zeiten mangelnder Gelegenheit zur Bethätigung kriegerischer Tapferkeit und beim Auf- hören der mittelalterlichen Rechtseinrichtungen des gerichtlichen Zweikampfes und des Fehdewesens durch den Landfrieden und durch Einführung des römischen Rechtes habe altgermanische Rechtsanschauung und altgermanische Kampflust in den Kreisen der Edelsten und Besten der Nation noch ihre Stütze in dem Duell gefunden. In Wahrheit aber hat es nirgends zu den Zeiten, in denen das Duell besonders in Flor stand, an kriegerischen Vorgängen gefehlt. Im Gegentheil ist sicher anzunehmen, daß die in Kriegen wild auf- wuchernde Verrohung geradezu der günstigste Boden für den Duellwahusinn gewesen ist, den die spezifischen Kriegerstände als Standeskennzeichen auch zu Frie- denszeiten beibehielten. Eine sicher ganz wesentliche Förderung erfuhr das Duellwesen in Deutschland ebenso wie in seinem Mutterland— oder wenn es in Spanien, Italien und Frankreich sich in jedem Lande selbstständig ent- wickelt haben sollte: in seinen Mutterländer»— durch die Auflösung des mittelalterlichen Heerbannes und die Einführung der Söldnerheere. Für das deutsche Kriegswesen kommen hier vor- nehmlich in Betracht die schweizerischen„Reislänfer" und die„frunimen" Landsknechte, bei denen wir einen Augenblick verweilen müssen, iveil ein solches Söldner- Heer in der That sozusagen einen Staat im Staate bildete. Ein amt- und pflichtmäßiger Sachkenner, der königlich baherische Oberstabsanditeur und Richter am Militärbezirksgericht Würzburg, sagt über diesen Gegenstand:„Die für ihre Person ungebundenen deutschen Bauers- und Bürgersleute vom Pflug oder der Werkstätte auch unter die fürstlichen Fahnen zu stellen, gelang nur dadurch, daß man ihnen eine Rechtsverfassung gab, die von Ursprung an eine freie, gesetzliche, durch altes, ans verwandten In- stituten entlehntes Herkommen geheiligte war, zu- gleich aber den Besonderheiten des Kriegslebens, wie insbesondere dem Standesstolze wie dem stark kameradschaftlichen Wesen des persön- lich sich hoch fühlenden Landsknechts Rech- nung trug." Doch schon vor der„Erfindung" der Lands- 06 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. kucchte durch den letzten Ritter, Kaiser Maxiinilian I. (1487), war dasselbe der Fall bei den schweizer Söldnern oder Reislciufern. Heber diese bemerkt unser eben angeführter sachoerständiger Gewährs- mann, in Uebereiiistiinmiiiig mit allen uns bekannten Quellen und Forschungen:„Zunächst durch Vertrag mit Hauptleuten von Ruf, dann, von 1480 ab,* meist durch Vertrag mit der schweizer Regierung gewonnen, blieben diese Söldlinge jederzeit„Schweizer", lands- mannschaftlich und genossenschaftlich zusammen- gehaltene Truppenkörper. Durchweg ivar die Militär- justiz der Schweizer, ob sie Frankreich, Spanien, Neapel, dem Papste oder sonst wem dienten, eine selbstständige, durch Verträge geschürte. Sie hatten eigene Justizoffiziere, eigene Gerichtsverfassung und eigenen Prozeß." Bei einem schlveizerischen Söldnerheer kam also zu dem besonderen Standcsbewnßtscin, das immer und allezeit den waffentragenden Kasten, Klassen und Gesellschaftsorganisationen irgendwelcher Art eigen war und heute noch ist, der besondere Nationalstolz auf den in aller Welt verbreiteten Kriegsruhm der Schweizer als solcher hinzu, von dem die Lieder des 14. und 15. Jahrhunderts so viel singen und sagen. Wichtig ist der Umstand, daß diese fremden * Der letzte Rest der schweizer Reisläuferei ward erst 1359 von der schweizer Bundesversammlung beseitigt. Söldner sich beivnßt waren, daß sie mit dem sie miethenden Fürsten, dem obersten Kriegsherrn natio- nal und politisch in gar keinem Zusammenhang standen, wenn auch z. B. noch am 9. und 10. August 1792 die Schweizer Ludwigs XVI. treu bis zum letztem Athemzug ihr Blut mit aller schweizc- rischen Tapferkeit verspritzten. Es war diese Treue gegen ihren Soldherrn bedingt durch die gegen ihre eigentliche Regierung in der Heimath, die schweizerische. Noch ein Umstand kommt hinzu, der im 14. bis 1 6. Jahrhundert die Söldnerheere zu schwimmenden Rechtsinseln im Staate eines kriegführenden Herrn machte. Landsknechte, wie schweizerische und andere Söldner wurden meist nicht unmittelbar von den kriegführenden Fürsten oder Regierungen in Sold genommen, sondern von Spekulanten„in Krieg", die durch Tapferkeit, Glück und Kricgsgcschick ein besonderes Ansehen genossen. Diesen Werbeherren, italienisch Condottieri, zahl- ten den Söldnern den Sold, natürlich nicht ohne von den von der kriegführenden Regierung erhaltenen Summen ein wenig Unternehmergewinn, jedenfalls ihren persönlichen Unterhalt und Aufwand abzuziehen. Ihnen zunächst waren die Söldner persönlich und wirthschaftlich verbunden und abhängig, und mit ihnen wechselten die Söldlinge, falls bessere Aus- ficht, höherer Lohn usw. winkten, ohne Gewissens- beklemmung die Partei. Dieses Gefühl der Losgclösthcit von dem Kriegs- Herrn, von dessen Volk und Staat und dessen Ein- richtnngen, förderte wesentlich das besondere Standes- gefühl der Krieger, und war nicht nur bei dem gemeinen Söldner, sondern aus naheliegenden Grün- den gewiß in noch viel höherem Grade bei dem Offiziersstab des Söldnerheeres vorhanden. Es blieb auch so bei den Landsknechten deutscher Abkunft zu Maximilians Zeit und nachher. Wenn jeder gemeine Söldner sich als etivas Besonderes wußte allen den Bürgern des Staates gegenüber, dem er augenblicklich diente, mußte dies bei den über ihnen stehenden Offizieren in der That noch stärker der Fall sein. Es ist uns nicht zweifel- Haft, daß die Sonderehre der Lfstziere zwar zum Theil auf ihrer persönlichen sozialen Höherstellnng im Volksverband zur Friedcnszcit beruht, aber im Kriegslagcr der Söldnerheere ganz wesentlich ent- wickelt und ausgebildet wurde. Es ist nicht meine Aufgabe, des Näheren dar- zulegen, wie adelige Anmaßung und Landsknechts- hochmuth auch in den späteren Jahrhunderten für die Fortdauer der Duellunsitte den geeigneten Nähr- boden geliefert haben. Es war hier nur die Frage nach dem mnthmaßlichen aber sicher undentschen Ur- sprung dieses Unwesens, so weit wie es möglich ist, zu beantworten. Mühle im Frühjahr.(Zu unserem Bilde.) End- lich— endlich hat die Erde die starren Fesseln zerbrochen, die ihr der Winter, der kalte, grausame Tyrann auf Monaie aufgezwungen hat. Aber setzt ist er vertrieben— endlich hat Mutter Erde die Hände frei und dehnt sich, streckt sich neuem Leben, neuem Lieben entgegen. Die Bäume und Sträucher haben ihren weihen Winterpelz auss Leihhaus getragen und oben und unten, an allen Zweigen und Ziveiglei» regt sich ein neuer Saft, llieck wage» sich die grünen Spitzchen hervor und gucken neu- gierig in die Welt, in der sie in wenigen Monaten als volles, schatteuspeudendes Laubdach den Menschen die allzutheuren Soimenschirine sparen. Und überall und überall fegt er herum, der tolle Junge, Lenz genannt; nicht allein in der Großstadt bläht er sich auf, den lungeruden Spiestern den Hut von der Stirn zu jagen, des Groststadtlebens satt zieht er hinaus aufs Land, auch dort den letzten weißen Flocken hinwcgznblasen, dem Lebe», dem Frühling, den, kräftigen, niuthwilligen Sich- Ausleben den Weg zu bereiten.— Und auch in den einsamen Waldwinkel ist er gedrungen, in dem die un- cruiüdliche Muhle nun bald sechs Monate gestreikt hat. Aber jetzt geruht sie die Arbeit wieder aufzunehmen; die letzten Eisrinden sind verthaut, reich und reicher stürzen die Wassermengen über das große Rad und treiben es unwillkürlich zu neuer Arbeit an.„Schneller, schneller", schnattern die Gänse, die sich zum ersten Frühlingskorso eingefunden haben und wissen, daß es in früheren Zeiten, daß es zu ihrer Zeit viel schneller ging.„Ja, ja"— „zu unserer Zeit" schnattern sie unter sich—„zu unserer Zeit"— aber, aber„Frau Bötticheru hat gesagt, die Mühle müßte jetzt langsamer gehen." Der naturwissenschaftliche Weobachter. Die Verwendung des Gasglühlichtes, das sich in den letzten Jahren so außerordentlich verbreitet hat, hat nun endlich eine Erweiterung erfahren, nach der man so lange vergeblich gesucht hatte. Zuerst nur bei Leuchtgas angewendet, wo der Glühkörper(Strumpf) von einer schon vorhandenen Luftmischung gespeist wurde, war es von Anfang an das Bestreben der Techniker, unser flüssiges Leuchtuiatcrial, das Petroleum, zur Erzeugung des Glühlichtes zu benutzen. Das Petroleum erfreut sich seiner Billigkeit und Transportfähigkeit wegen einer Beliebtheit, die vom Tage seiner Einführung der weiten Verbreitung dieses„brennenden Wassers" in einem Maaße förderlich war, daß es schwerlich heute(erst 38 Jahre seit dem Beginn der Ausbeutung in Nord- amcrika, es war nämlich schon früher bekannt) irgendwo nicht gefunden werden könnte. Es galt das Petroleum, wenn es für Gasglühlicht brauchbar sein sollte, leicht in gasförmigen Zustand überzuführen. Diese Aufgabe konnte bisher nicht gelöst werden. Stellte sie doch au das Petroleum Anforderungen, die den geraden Gegen- satz zu den bisherigen bildeten. Gutes Petroleum für eine Petroleumlampe darf erst bei 430 Grad Celsius brennbare Dämpfe abgeben und soll ohne Docht gar nicht brennen. Das Erd- oder Steiuöl, wie man es fand, mußte bisher zuerst raffinirt, d. h. einem Reinigungs- Prozesse unterzogen werden, dessen vornehmstes Neben- Produkt das bekannte Benzin ist. Da in der Roth der Teufel bekanntlich Fliege» ißt, so griff man für die Speisung von Glühstrünipfen zu einem anderen, weit verbreiteten, flüssigen Brennmaterial, das sich selbst in den dampfförmigen Zustand umwandelte, zum berüch- tigten Alkohol. Unsere preußischen Schnapsjunker sahen schon eine neue Aera heranbrechen, wo ihrem Fabrikat dieses ebenso ungeheure wie ungeahnt große Absatzgebiet iviukte. Aber es kam anders. Ein Ingenieur Lukas (Berlin) hat eine Petroleumgasglühlichtlampe(welch ein Wort!) erfunden. Sie ist noch nicht ini Handel. Nach den Berichten beruht ihr Prinzip daraus, daß zu dem erwärmten Petroleum reichlich atmosphärische Lust zu- geführt wird, was die schnelle Vergasung des Petroleums ermöglichen soll. Das ungenügend rasfinirte russische Petroleum eignet sich für die Lampe besser, als das amerikanische. Die Kosten sollen sich, auf den gleichen Lichteffekt bezogen, auf'/» der bisherigen Nutzungsweise des Petroleums belaufen. Htppolrate«. — S ch n i h e t.— Der Tag beginnt, und wieder mußt Du wandern Ins altgewohnte Joch nach Deinem Brot; Du hörst im Schmerzenssang der Andern Das Echo nur der eigenen Roth. Ach, was Du denkst, ist Zahl und Maß und Wage, Ach, was Du treibst, ist Trug Und Streit, Die Plage theilt sich mit der Klage Erbarmungslos in Deine Zeit. Karl Beck. Die Wahrheit. Allmächtig ist der Wahrheit Schimmer, Die Geister unterdrückt ihr nichtl Dreht an der Pflanze, dreht nur immer, Es kehrt sich jedes Blatt zum Licht. Als Wegzehrung. Gott weiß. Du bist ein braver Junge, Und ncune solcher mache» zehn. Dein Herz ist nie wie Deine Zunge, Und schwerlich wirst Du untcrgchn. Du wagst noch niemals eine Lanze, Und singst von Liebe nur und Lenz, So zieh denn hin, mein Freund, und tanze Den Eiertanz der Konvenienz. A. Hol,. Undank. Wunderts Dich, daß Du vergessen bist, Und daß sie Dir nicht mehr Bivat schreien? Wenn jeder Einzelne undankbar ist, Wie soll ein Publikum dankbar sein? Das Leben hat sich nicht genug vertheuert, So lang die Lust noch unbesteuert. Ed. Bauernfeld. Erkenne. Erkenne dein Schiboleth," neue Welt, Die Macht, die alle früheren bezwungen. Dort zieht es hin, von dem Gewinn geschwellt, Der zu erringen ist, und der errungen. So zieht, die Hände in den Taschen drin, Sein Bäuchlein schleppend durch der Straße Mitten, Zur Börse hin Ter Handelsherr mit Triumphalor-Schritten, Und rechnet unterwegs geschickt im Sinn, Wie viel der letzte Sieg ihm eingetragen, Und was er für die nächste Schlacht darf wagen. Fr. Dtngelstedt. ' Oder Schtbboleth, ErtennungSwort, Losung. Dieses Worl ließen die von Jephta gesüdrlen Gileadiler nach ihrem Siege über die Ephraimilc» Jeden sprechen, der eine der von ihnen besetzle» Jordaiffurten überschritl(das Worl bedeutet selbst: Furt, Strömung), an der Aussprache: Siddoleth erlannten sie den Ephrai- mite» und machten ihn nieder. Räkhsel-Ecke. Silben-VEthsel. Aus nachstehenden 41 Silben: bach, da, da, den, e, e, eb, el, fen, ga, ge, ge, gi, gra, ha, ha, laus, le, lek, mag, mus, na, nau, ne, ne, ner, o, or, pa, ran, re, reb, schen, tic, tis, tro, ver, vol, wald, wot, zel sind 12 Wörter zu bilden, deren Anfangs- und Endbuchstaben von oben nach unten je einen gefeierten Sänger des Proletariats nennen. Die einzelne» Worte bedeuten: 1. Spanische Provinz. 2. Sagenhafte Wesen. 3. Ge- birge in Teutschland. 4. Eine Waffe. 5. Eine Blume. 6. Wetterbeobachtungsstation. 7. Physikalischer Begriff. 8. Schädliches Insekt. 9. Kleiner Ort in Böhmen. 10. Schriftstellerin. 11. Ein Thier. 12. Stadt im Elsaß. Huflösung 5es Häthsels in Hr. II: rrb— arm en. Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Edgar Steiger, Leipzig, Oststr. 14, richten. Berantwortl. Redakteur: Edgar Steiger-, Leipzig.— Vertag: Hamburger Buchdruclcrei u. Veriagsainlalt.::cr& Co., Hamburg.— Druck: Mar Babing, Verlin.