«as Die letzte Schlscht. U nd so erzählen alte Zagen: Wenn draußen auf dem Walserfeld Der Birnbaum blüht in neuer Pracht, Dann steht am Ziel des Bösen Wacht, Dann wird die letzte Schlacht geschlagen. Dann ist die Welt so schlecht geworden, Daß jäh sich trennt, was lang vereint, Zerrissen werden Pflicht und Recht. Dann wird der Sohn den Vater morden, Der Bruder ist dem Bruder feind, Die Zrau der Wagd, dem Herrn der Knecht. Dann öffnen sich des Berges Pforten, Der alte Kaiser steigt herauf Und hängt den Schild am Baume auf Und hält Gericht. Und aller Vrten Hebt sich's wie Krieg und Kriegsgeschrei, Pest schlägt den Hirten und die Heelden, Der Tod fährt seine.Ernte ein, Und wird ein Blutvergießen sein, Wie es noch niemals war auf Erden. Und wird ein groß' Wehklagen schallen, Und die gepraßt in satter Lust, Die sich genährt vom Schweiß des Armen, Sie schlagen an die sünd'ge Brust Und rufen winselnd um Erbarmen. Und sollen kein Erbarmen finden, Und sollen sein wie dürres Laub. Von Aorotsiee Hoeöeker. Und selbst, die längst des Woders Raub, Die Todten steigen aus den Grüften Und kämpfen mit, bis daß gefallen, Die schamlos lange sich erfrecht, In Grund zu treten Treu und Recht. Dann aber rauscht es in den Lüften Und in des alten Baumes Zweigen Und flammt empor am Himmelszelt. Aus Blut und Thränen wird sie steigen Im Worgenglanz die neue Welt. Da giebt es weder Arm noch Reich, Es schläft der Wolf im Kreis der Heerden, Der Bettler ist dem König gleich, Und ew'ger ßrieden wohnt auf Erden. Der morsche Baum im Walserfeld, Roch will er keine Blüthen tragen, Und dennoch geht durch alle Welt Ein Ahnen von gewalt'gen Tagen. Wie es geraunt in alten Kunden, So brach herein die schwere Roth, Und Treu und Glauben sind entschwunden, Hart ist die Zeit und karg das Brot. Wohl schwelgt in prunkenden Palästen, Der Wammonsdiener freche Schaar, Doch abseits ihren wüsten Kesten Bleicht Roth und Gram des Armen Haar. Und ist ein Elend sonder Ende, Und rechtlos keucht in harter Krohn Des Volkes arbeitsmüder Sohn Und harrt der großen Sonnenwende. Schon kocht und gährt es in den Tiefen, Ein Wettergrollen läuft durch's Land. Die manch Jahrhundert stumm verschliefen, Des Goldes willenlose Knechte, Der Armuth Kinder sind erwacht Und heischen heim gcstohl'ne Rechte Und rüsten sich zur letzten Schlacht. Nicht mit dem Schwert wird sie geschlagen, Kein Kriegsheld führt die Streiter an, Wie in der Schlacht der alten Sagen; Der Geist schafft ihnen freie Bahn, Der Geist wird seine Treuen retten, Der Geist, der sich zum Lichte ringt, Zersprengt die altersmorschen Ketten, In die das Sold die Menschheit zwingt. Und ob auch Viele unterliegen, Manch taps'rer Kämpfer sinken mag, Geduld!— Wir werden dennoch siegen, Es naht der große Sühnctag. Da wird das neue Reich geboren, Das Reich des Kriedens nach dem Streit, Und unser ist, was lang verloren— V kämst du, kämst du, gold'ne Zeit! Jochen Äuggen. Krimiiwlgejchichte von Dietrich Theben. 1 ee, ick inöch blot weeten,' wo de Bur bliwwt!" 1 Die alte Haushälterin des "�=5-» Schimmelhofbauern schüttete die Bohnen, die sie in der Schürze hereingebracht hatte, auf den Tisch und strich etliche haften gebliebene Ranken und Blatttheile von der groben blauen Leinwand. Sie hatte die Worte mehr vor sich hin als zu dem Vor- knechte gesprochen, der sich mit im Zimmer befand und eben bedächtig seine Pfeife stopfte. Sie sah auch nicht nach ihm hinüber; sie stemmte die Arme in die Seite und blickte zum Fenster hinaus. Jochen Duggeu, der Vorknecht, rieb ein Schwefel- holz über die Hose und entzündete qualmend seine wissen." bleibt. kurze Pfeife. Auf die Bemerkung der Alten ant- wartete er nicht. Er schaute einen Augenblick etwas aufmerksamer als gewöhnlich in ihr runzliches Ge- sicht; dann lehnte er sich aber ruhig gegen die große, altmodische Kommode, in deren Rähe er bisher gestanden hatte, und sah zu Boden. „Jochen!" „Hm „Jochen, denn Burn plagt rein de Deuwel!" sagte die Alte, mehr ängstlich als vorivurfsvoll. „Acht Dag von to Hus weg, und keen Trügkamen und kcen Brecf un keen garnicks! Hier fehlt he an allen Ecken un En'n, un wo he nicks to dauhii hett, dar driwwt he sick rüm. He ward doch all' Dag slechier!" Puhl � Jochen Duggen blies den Tabaksrauch in dichten Wolken vor sich hin. Aber er schwieg. Er änderte kaum die Stellung, und sein Blick hafte e auf demselben Fleck am Boden wie vorher. Die alte Dore schien eine Autwort auch nicht zu erwarten. Sie se!zte sich und begann mit ihrer Arbeit. Nichts war im Zimmer zu hören als das Tick-Tack der Winduhr, das rilschende Geräusch vom Schneiden und Streifen der Bohnen und das lante Paffen des Knechtes. Jeht hob er den Blick und sah über seine Pfeife hinweg nach dem Kanarienvogel, der im Holzbauer am Fenster sich träge aufgeblasen hatte und struppig und häßlich aussah. „De Knarrnvogel kriggt to vcel to freeten, he versludcrt— un singt ni mehr," lvarf er zerstreut hin und richtete sich aus seiner lässigen Stellung auf.„Ick gah na de Rahwisch;'t giww bald Regen, dar mutt dat Hei rin;'t is ok all lang drög. Wenn de Bur triigkünimt, mutt dat farrig Wesen. Dar- wesen künn he all ivedder. Bellicht kümmt he vön- dag � noch. Hüt Nan eddag künnt'n wi no süß Perd 1 mehr brüten. Da künn't all' rinkamen. En veer- untwmdig Foder � giww't vull." heute. 2 sechs Pferde. 3 Fuder, i 106 Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Er griff nach dem Tabaksbeutel, der auf der Kommode lag. Der iimschließciide Niemen war auf- gegangen, er schnürte ihn zu nnd steckte den Beutel ein. Dann ging er. „Kamt ni to lat� to Meddag," mahnte Dom. „Se möten jo ok bald f, ig wesen, se Harken jo all den ganzen Vörmcddag. Iln wenn de Bur kümmt —— awer ick Heimo stimme Gedanken vöudng, wcet de Himmel, Jochen.-- Wcetst Du noch, wat he scggn dch, as de Stine Grotkoppen ehr Hochtid wier?.Dweten,' sä he, ,ick hol't ni ut, ick— ick gah na Amerika!' Ach Gott, wenn dat wier!" „Ach wat, Unsinn!" unterbrach Jochen sie un- willig und schritt hinaus...„Jawoll, Unsinn!" Die alte Frau fuhr sich mit der Hand über die Augen nnd unterdrückte nur mit Btühe ein Ans- schluchzen. Die Anger wurden ihi naß; nur un- deutlich erkannte sie t e Gestalt de? Borknechts, der eben unter den Fensrni vorübe'.chritt, um durch den Garten nach der Nu.'miese zu gelangen. Der Vorknecht war ein armer Verwandter, ein Vetter des Bauern. Er war eine große, straffe Gestalt, energisch in seinem Wesen, oft bis zur Härte; aber gerade dadurch war er eine vortreffliche Stütze des weicheren Bauern, der eine sorglose Jugend verlebt hatte und eine Neigung zum Wohlleben nur schwer unterdrücken konnte. Jochen Duggcn herrschte deshalb auf dem Hofe fast mehr als der Bauer selbst, der ihm auch um so freiere Hand ließ, als der Hof dabei trefflich gedieh. Seit der Verheirathung der hübschen Tochter des benachbarten Gutspächters Grotkoppen künimerte sich der Bauer um seinen schönen Hof noch weniger und war nicht selten Tage lang abwesend, in der nur wenige Meilen entfernten Provinzialhanptstndt. Er hatte von der Tochter des Pächters einen Korb bekommen und suchte seinen Schmerz zu übertäuben. Aber eine ganze Woche, wie jetzt, war er bisher noch nicht fortgeblieben. Dore grübelte besorgt und ließ die Hände oft müßig ruhen. War ihm etwas zugestoßen? Hatte er seine Würde vergessen und war er in schlechte Gesellschaft gerathen? Er verfügte über große Geld- mittel, gerade jetzt; das Geld zu erheben, war der Zweck seiner Reise. Durch Erbschaft war ihm ein Grundstück in der Stadt zugefallen; er hatte es an eine Baugesellschaft verkauft und war hingefahren, um das Geld zu holen. Achtzehntausend Mark. Würde er das Alles vergeuden? Dore erschrak. Aber nein— nein— so viel nicht— Alles nicht. Ein paar hundert Ntark, ja, sündhaft viel— doch mehr nicht. Aber wenn ihm dabei ein Unfall begegnete? Wenn der unheiniliche neue Eisenbahnzug aus dem Geleise brauste, den Damm hinunter, in tausend Stücke die Wagen? Oder wenn die Menschen, die schlechten Menschen in der Stadt, ihm ein Leid zu- fügte»? Wenn sie das viele Geld sähen und ihn an sich lockten, ihn tödteten und in irgend einer engen Straße und irgend einem dunklen Hause ver- steckten?— Sie grübelte sich in alle Möglichkeiten hinein und fuhr fast erschreckt zusammen, als die Glocke der Hausthür schellte. Das Herz schlug ihr, daß sie es pochen hörte. Und vom Hausflur ver- nahm sie feste, etwas plumpe Schritte. Es klopfte. „Herein!" Sie athmete auf, als sie den Kommenden er- kannte. „Hcww ick mi verfehlt," 2 rief sie ihm entgegen. „Awer in de Stuw is mehr Platz as in de Dör, 3 darüm kam'n S' man rin, Preiß. Wat hebben S' denn vondag? En Breew?" Preiß war der Postbote. Er nahm die Mütze ab und trat grüßend näher. Daun suchte er in der abgenutzten Ledcrtasche und brachte einen ziemlich großen Brief zum Borschein. „Bon'n Burn!" rief Dore erleichtert aus, als sie die Handschrift erkannte— eine Schrift, wie sie gleich ungelenk und gleich charakteristisch eckig übrigens beiden Vettern eigen war.„Na, dat is man gaud. Dat is ok Tied.'t is awer hitt3 vöndag, ni? Dat Meddagäten is noch ni tregg." Awer en Beersupp 1 zu spät. 2 Bin erschrocken. 3 Thür. 4 heiß. 5 fertig. mit Stuten 1 smeckt ock ni slech, wat, Preiß? Un en Kirschen vörher makt ok nicks." Sie holte aus dem Wandschrank geschäftig eine bauchige Flasche mit Kirschbrauntwein und schenkte ein Glas ein. Der geplagte Postbote setzte sich und wischte langsam den Schweiß von der Stirn, Dann trank er voll Behagen den belebenden Tropfen und aß mit Appetit die Biersuppe, die ihm Dore in voller Schüssel vorgesetzt hatte. Bald war das einfache Mahl verzehrt und Dore wieder allein. Sie stand vor dem Tische, auf dem der Brief lag.„Dar mut awer Watt iustahn," murmelte sie und nahm das Schriftstück prüfend in die Hand. „Herrn Jochen Duggen," las sie, und auf dem Post- stempel:„Hamburg". „Hamborg?" fragte sie gedankenverloren,„Ham- borg? wat deiht he denn dar?—'t is awer doch to dull," fuhr sie zornig auf,„nu.geiht he gor all na Hamborg!" Entrüstet schritt sie durch den Garten und rief auf die Wiese hinaus nach Jochen. Dieser stand mit einigen Arbeitern im Gespräche, und sie mußte wiederholt rufen, ehe er aufmerksam wurde, dann hielt sie den Brief in die Höhe und winkte. Und Jochen verstand sie. Er kam langsam heran. „De Bur hett schrewen, Jochen, hier, kiek her!" rief sie ihm entgegen. „Na, denn is't jo gaud," entgegnete Jochen. „Und wat meenst Du, wo he is?" fragte sie erregt. „Na, dat warr ick jo sehn," erwiderte er. „Sehn, sehn— rath mal!" „Kiel-" „Nee." „Na, denn giww her." „In Hamborg!" „In Hamborg?" Jochen ivar überrascht. Er nahm den Brief hastig an sich und schritt dem Gehöfte zu. „Nee, sowat, in Hamborg!" sprach er unter- Wegs.„Wokeen kunn dat denken, dar harr ick jo binah ok noch wesen könnt." Jochens verstorbene Eltern hatten die letzten Jahre in Blankenese gewohnt, und dort war er erst kürzlich gewesen, um den kleineu Nachlaß zu ordnen, der allerdings kaum der Mühe verlohnt und nicht viel mehr als das Reisegeld ergeben hatte. Damit war er bei seiner Rückkehr noch von dem Bauer ge- neckt worden. Und vor einer Woche, bei seiner Ab- reise, hatte der Bauer scherzend gesagt, jetzt gehe er ebenfalls eine Erbschaft holen, hoffe aber mit volleren Taschen zurückzukehren. Auf dem Tische lag noch ein Rest ungeschnittener Bohnen. Jochen schob sie zurück und wischte mit dem Aermel nach. Er legte die Pfeife hin und trennte den Brief mit dem Atesser, das vom Bohnen- schneiden schwarz angelaufen war, ungeübt auf. Zwei Bogen enthielt der Umschlag. Umständlich faltete Jochen einen derselben auseinander und las. Das Schreiben war umfangreich, die Schrift unge- lenk. Jochen vertiefte sich gespannt in den Inhalt und seine Hand zitterte leicht. Sein Gesicht war blaß geworden. Er schob die Pfeife weiter auf den Tisch, legte den Bogen vor sich hin, strich mit der Hand glättend darüber und begann mit dem Lesen von Neuem. Er sagte kein Wort. Aber in seinen Gesichtszügen arbeitete es. Seine Hand lag schwer auf dem Papier. „Wat hest denn?" fragte Dore etwas unruhig; „dat geiht ja so langsam, as wenn Du ni bauk- stobim 2 künntst. Dat's doch sünst ni Diu Art." „Snack3 Du un— un de Deuwel!" fuhr der Angeredete heftig auf.„Lesen kann man doch ni mit Jsenbahn!— Na, lat man gaud sin, Dweten,"3 setzte er freundlicher hinzu.„Awer dat is merk- wiirdi— is ganz merkwürdi... Wat hest Du seggt?— Dweten!"— Er sprang auf, das Blut stieg ihm jäh zum Kopfe und färbte das Gesicht dunkel, seine Augen brannten, die Lippen zuckten; sichtlich mühsam rang er nach Worten. „Jochen, wat is— segg mi— Jochen, de Bur——" 1 Weißbrot. 2 bnchstabiren. 3 rede. 4 Dorothea. Eine tödtliche Angst verwirrte der Frau die Gedanken, erstickte ihr die Stimme; sie klammerte sich an die Stuhllehne und blickte entsetzt auf das verhängnißvolle Schriftstück. „De Bur is weg!" stieß Jochen tonlos hervor. „Weg— weg? Na— na— ne, blot dat ni, blot dat ni—!" „Na— Amerika." „Jochen!" In einem verzweiflungsvollen Schrei hallte der Name durch die Stube, die zitternden Kniee der Frau trugen sie nicht niehr, sie brach zusammen und scvlug in wildem Schmerze die Hände vor das Gesicht. Ihr Schluchzen erschütterte den ganzen Körper. Starr, den Brief in der Hand, den Blick auf die Znsammcugesnnkene gerichtet, stand Jochen da. Seine Energie war gelähmt, seine Auge auf die vom Leid gefällte Frau festgebannt. Er konnte es nicht abwenden; er sah das Zucken, das sie durch- bebte, er sah die Thräncn, die durch die Finger rannen, er sah das graue Haar, das ihm mit einem Rtalc weiß geworden schien— er hörte ihr Schluchzen, ihr unverständliches Mirrnieln einzelner abgerissener Worte voll unendlichen Schmerzes... Die Röthe verflog, aschfahl wurde wieder sein Gesicht, der brennende Blick erlosch. Schweißperlen bedeckten die Stirn. Vergebens rang er nach Fassung, nach einem einzigen Worte. In seiner Hand knitterte der Brief — es weckte ihn, er schleuderte ihn fort und stürmte hinaus. Lange noch lag die Frau gebrochen, endlich richtete sie sich auf. Beim Tasten nach dem Tische glitt anfangs die Hand kraftlos ab; erst mit Hülfe des Stuhles konnte sie sich langsam erheben. Die Sonne warf ihre Strahlen durch das Fenster gerade auf den Brief, der zerknittert ans dem Tische lag; wie ein Gespenst erschien er ihr. Sie faßte sich an die Stirn. Gott! hatte sie nicht geträumt? Träumte sie nicht noch? Aber der Brief, war er da, war es Wirklichkeit? Ja, da lag er! Sie schleppte sich um den Tisch nach dem Papier. Blendend weiß färbte ihn das Sonnenlicht, so hell, daß es das Auge schmerzte. Sie sah keine Schriftzüge, nur das sonncnbeschieneue Weiße. Und dann suchte sie im Zimmer. Jochen! fuhr es ihr durch den Sinn. Er war nicht da. Nirgends. Sie setzte sich und schloß die Augen, um besser nachzudenken. Wo war er? Warum war er nicht da? Jochen! Sie wollte es rufen, aber sie konnte nicht; es klang matt, heiser, erstickt. Sie tastete nach dem Briefe und zog ihn mit zitternden Fingern näher an sich: wirr tanzten weiße und farbige Flecke auf dem Papier; sie ver- mochte keinen Buchstaben zu erkennen und mußte das Auge erst ruhen lassen. Dann hob sie wieder den Brief auf und versuchte zu lesen. Drei Mal, vier Ntal begann sie von vorn. Was stand da? Zum fünften Male fing sie an, und mit zahllosen Unterbrechungen kam sie zu Ende: „Lieber Jochen! „Wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich nicht mehr in Hamburg. Ich habe das Leben in unserer alten Heimath satt, will mir eine neue gründen. Ich verlasse Hamburg und fahre mit dem„Schiller" nach Amerika. Das Geld nehme ich mit. Es wird ausreichen für eine Plantasche, die ich mir drüben kaufen will. Es ist ja Alles billig, fast unlsonst. Den Hof daheim will ich auch ver- kaufen, sehe zu, daß Du ihn bald gut los wirst, und dann komme mit dem Gelde nach. Tausend Thaler davon sollen Dir gehören, nnd ebensoviel soll Dore erhalten oder noch tausend Thaler mehr, und die Käthe soll sie auch behalten. Verkaufe sie also nicht, aber den Hof. Meine Adresse schreibe ich Dir bald, aber warte nicht darauf, sondern verkaufe. Wie mir ein Freund sagte, mußt Du eine Vollmacht haben zum Verkaufe. Die habe ich von einem Advokaten aufsetzen lassen und schicke sie Dir hier mit. So wirds alles gut gehen, nnd mir hoffentlich auch, und wir sehen uns drüben wieder. Grüß die Dore und sie soll nicht bös sein. Dein Vetter David Duggen." „Grüß die Dore!" das war Alles, was er ihr zu sagen hatte, ihr, die ihn seit der Mutter frühem Die Acue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 107 Tode aufgezogen hatte wie ihr eigenes Kind, die ihn geliebt hatte wie ein solches, die für ihn ge- storben wäre.„Grüß die Tore!" und für Jochen keinen Gruß, kaum ein freundliches Wort. Zwar die tausend Thaler! 3lber um deretwillen verlor er die Heimath, mußte auch er hinauswandern in die Ferne, in die kalte, glück- und ruhelose Fremde. Slinier Jochen! Armer Hinansgestoßcner! Armer David! Und ein neuer Thränenstrom brach aus den alten Augen, und der Gram um zivei Bienschen furchte die Falten ihrer Stirn noch tiefer. (Fortsetzung folgt.) Mmk ieküfffii nfs IanWtserzeuger. Von Dr. med. Friedrich Größe-Leipzig. �n Nummer 52 des vorigen Jahrganges be- handelte Heinrich Vogel„Die Bedeutung der kleinsten Lebewesen" im Allgemeinen. Er berührte dabei auch den Einfluß derselben auf die Gesundheit des Ntenschen. Im Folgenden ivollen wir uns mit diesem Thema etivas näher befassen. Es giebt nämlich der kleinen Lebewesen— Bakterien, Spaltpilze, wie ihr naturwissenschaftlicher Name ist— sehr viele Sorten oder Arten. Gerade so wie es Tausende von Arten von Säugethiercn, Bögeln, Insekten und Pflanzen giebt, so auch viele, noch ungezählte Arten Spaltpilze. Sie unterscheiden sich voneinander in allen möglichen Eigenschaften und Fähigkeiten, genau so wie ein Pferd vom Fuchs oder ein Apfelbaum vom Klee. Ja noch mehr! Wie es viele Sorten Klee, viele Sorten Pferde— man sagt da Rassen— giebt, so haben auch einzelne Bakterienartcn ihre Nassen. Die eine ist giftiger als die andere oder dergleichen mehr, aber sie sind doch nur verschiedene Rassen einer Spezies, weil aus der ungiftigeren eine giftigere entstehen kann, wenn die Lebensbcdingnngen sich ändern. Diese zu er- forschen ist die Aufgabe der Bakteriologie, einer sich in letzter Zeit mehr und mehr entwickelnden Spezia- lität der naturwissenschaftlichen und medizinischen Forschung. Der Bakteriologe(Spaltpilzforscher) ver- mag die einzelnen Arten und Rassen auseinander zu halten, ivie der Thierzüchter seine Thicre. Er weiß, welche Nahrung, ivelchc Temperatur für jede Sorte die beste ist, wie schnell sie sich entwickelt, unter welchen Umständen sie am schnellsten abstirbt; er sucht iveiter ihre Stoffivechselprodukte zu erforschen. Schon in dem früheren Aufsatz war von Toxinen, d. h. Giften, die Rede, die bei der Lebensthätigkeit der Bakterien entstanden. Genau nämlich, wie der Rtensch, der Hund seinen Harn, seinen Koth, seine Atheinluft usw. abgiebt, so die Bakterien ihre Toxine. Gerade so auch, wie der Harn oder Schiveiß des Hundes, Pferdes oder Menschen nicht ganz gleich ist an Geruch, Farbe oder sonstigen Eigenschaften, so sind auch die Toxine der vielen Bakterienarten ver- schieden. Man sieht, eine ganze Wissenschaft für sich, von der sich der Laie kaum einen Begriff machen kann. Sie ist ein Ergebniß der Schaffensfreudigkeit un- gezählter Gelehrter der letzten 40 bis 50 Jahre, also verhältnißmäßig noch jüngeren Datums, wenn man die alten Wissenschaften der Physik, der Chemie, der Astronomie zum Vergleiche heranzieht, die meist mehrere Jahrhunderte alt sind. Ja unsere Baktcrio- logie war überhaupt erst möglich, nachdem eine Anzahl alter Wissenszweige eine gewisse Reife erhalten. Alan bedurfte zunächst des Ntikroskopes, eines Apparates, mit dem man bis zu mehreren tausend Malen ver- größern kann, denn Bakterien sieht man überhaupt erst bei annähernd tausendfacher Vergrößerung. Sind sie doch so klein, daß meist nichrere Tausend, eng nebeneinander gelegt, einen Ntillimeter ausmachen. Weiterhin waren die neuen Farben der chemischen Industrie nothwcndig, da mau die Bakterien genau, in ihren Einzelheiten, nur zu erkennen vermag nach vorausgehender Färbung. Ferner mußte uns die Technik erst schneidende Apparate liefern, mit denen man Schnitte, wie Brotschnitten, aber von nur 1— nichrere Tausendstel Milliineter Dicke hcrstel'cn konnte, ehe man die Lebensthätigkeit oder vielmehr die Folgen derselben, die Veränderungen durch dieselben im menschlichen Körper genauer zu studiren im Stande war. So ließe sich noch eine ganze Reihe von Schwierigkeiten aufstellen, mit denen der Bakteriologe zu arbeiten gezwungen ist. Nun erst wird der Laie begreifen, warum die Ntedizin verhältnißmäßig lang- sam nur Fortschritte zu verzeichnen hat, nun erst wird er aber auch staunend den Erfolgen gegenüber- stehen, welche die Bakteriologie bisher zu bieten ver- mochte. Haben wir uns doch eine neue Welt er- schloffen, von denen vergangene Jahrhunderte nicht einmal träumen konnten. Wir haben unserer Natur- erkenntniß ein neues Kapitel hinzugefügt. Bisher kannten wir nur von den Lebewesen die großen Reiche der Säugcthicre, Vögel, Fische, Amphibien, Insekten, Würmer auf der einen Seite, und auf der anderen das der Pflanzen. Unsere Bakteriologie hat ein neues, zu dem eben die Spaltpilze gehören, dazwischen eingeschoben. Sämmtliche Reiche liefern Arten, die dem Menschen gefährlich werden können. Es besteht eben der Kampf ums Dasein, der Trieb, sich zu erhalten und Nahrung zu suchen, unbekümmert um das Wohl und Wehe der Anderen, zwischen Allen. Ans dem Reiche der Säugethiere nenne ich die großen Naubtlnere, Tiger, Löwe ze., aus dem der Würmer die Trichine usw. Der Leser wird bei einigem Nachdenken selbst weitere Beispiele in Menge finden. Daß auch das große Reich der Spaltpilze Arten aufweist, die dem Menschen an den Kragen gehen, war eigentlich im Voraus zu verinnthen. Und in der Thal sucht sich eine ganze Reihe von ihnen ihr Brot auf und im Körper desselben: sind doch die später folgenden Krankheiten nichts anderes als der Ausdruck des Kampfes eines Menschen mit den in ihn eingedrungenen Bakterien, in dem einer von beiden mit unerbittlicher Strenge unterliegen muß. Zivar sind nicht alle Bakterien für uns und andere Lebe>vesen gefährlich, nicht alle sind pathogen, d. h. krankheiterzengend. Eine große Anzahl ist für uns ganz harmlos: viele von ihnen haben wir sogar genau wie Rind, Schaf, Esel, Gans zn Hansthieren gemacht, uns allerlei Dienste zn leiste». Die Bäk- terien ziehen zwar keinen Pflug, auch spielen sie nicht Droschkengaul, noch werden sie als Gänscpastete oder Schlachtvieh verkauft. Aber sie fabriziren uns ans Kartoffeln den Spiritus, ans Btost den Wein, ans Malz das Bier, die saure Milch, den Käse, das Sauerkraut und noch eine endlose Reihe anderer Produkte mehr; doch gewiß keine geringeren Dienste. Noch eine zweite Reihe von ihnen ist zwar für uns nicht gefährlich, für den Menschen nicht pathogen, wohl aber für andere Lebewesen; etiva so, wie ja auch die Spinnen für uns nicht, wohl aber für die Fliegen todbringend sind. Es hat jedes Lebewesen unter ihnen einen Todfeind. So giebt es Pilze für besondere Thierkrankheiten, die dem Menschen absolut unschädlich sind: bei der Maus die Mänsesepticämie, der Schiveinerothlanf, die Hühnercholera, die Tauben- diphtherie, die Rindersenche, die Entencholera, der Rauschbrand usw., die mit den glcichlantcnden Uebeln beim Menschen nichts gemein haben. Dann giebt es weiter eine Anzahl Spaltpilze, die Menschen und Thieren gleich verderbenbringend sind, und endlich solche, die nur den Btenschen, aus- schließlich oder doch zur Hauptsache, heimsuchen. Diese sind zum Theil allgemein verbreitet, d. h. sie finden sich mehr oder»linder zahlreich vertreten in Erde, Luft und Wasser, sowie auf allen möglichen Gegenständen. Dahin gehört z. B. der oder vielmehr die Pilze, da es mehrere Sorten sind, ivelche die Eiterung in jeder Form verursachen. Bei fast allen Eiterungen, niag diese nun in einer Wunde, auf einer Btandcl im Rachen, in einer kranken Lunge, in einer Niere bei der Eiitzündnng derselben, der Blase, der Scheide, der Harnröhre oder, ivciß der Bakteriologe, sonst wo sitzen, treffen wir unsere streptokoccus und stapliylokoccus getauften Eitererreger. Diese lassen sich also massenhaft ans dem Wasser z. B. oder von beliebigen Gegenständen her- untersuchen. So können sie heimtückisch an einem Splitter sitzen, oder einer Nadelspitze, oder an cincm Faden unseres Strumpfes, und mit diesen Gegen- ständen gelangen sie in den mit ihnen hantirenden Finger oder eine geringfügige Funwunde, dort eine Blutvergiftung oder ein Geschwür verursachend. Würden wir z. B. solch eine Nadel vorher in einer Flamme glühen und damit die etwa anhaftenden Pilze tödten, wir könnten sie uns nach der Abkühlung hundertmal tief ins Fleisch stechen, die Wunde schlösse sich jedesmal ohne jede böse Folge. Was es aber heißt, ein solcher Pilz ist all- gemein verbreitet, mag man daraus ersehen, dav in jedem Kubikzentimeter Wasser von der Straße, in jedem Kubikzentimeter Erde oder Staub, unter jedem Fingernagel Hnnderttansende von ihnen lauern, um im gegebenen Augenblicke ihre verheerende Thätig- keit zu entfalten. Dazu vermehren sie sich in einer Weise, daß die sogenannte Karnickelwirthschaft das reine Kinderspiel ist. In etwa 20 Minuten sind unter günstigen Bedingnnge i durch Vermehrung ans einem Pilz 2 geworden, in 40 Minuten 4, in tzO Minuten 16, in 80 Minuten 32 usw., in 3 Stunden 8192; so ko».men in 1 bis 2 Tagen Millionen und Milliarden heraus, die vereint das gefürchtete Bi'o einer Blntverqiftnng bewirken. Daß sie außcrorden.�ck,"..Verstands fähig sind, erhöht ihre Bedeutung noch mehr. Hören nämlich ihre Existenz- bedinguugen auf, nun, sie verhungern nicht, sondern fasten einfach, bis sie, sofern sie nicht durch für sie giftige Stoffe oder durch zu große Hitze, Kälte, Trockenheit abgetödtet werden, wieder in eine bessere Lage kommen: Fähigkeiten, die selbst der idealste Proletarier noch nicht erworben hat. Andere Sorten der Bakterien finden sich nur zeitweise in größerer Anzahl an einem bestimmten Orte vor, von wo ans sie dann gewissermaßen zum Stnrm mit Volldampf voraus auf die sündige Mensch- heit losgehen. Sie müssen dahin verschleppt werden, oder können nur unter günstigen Verhältnissen ans ihrem Schlnpfivinkel, aus ihrer Ruhestatt auffliegen, sei es, daß die Feuchtigkeit eine für sie gerade güu- stige ist, oder die Trockenheit, oder die Wärme, oder sonst ein vielfach noch unbekannter Umstand. Hier wären zu nennen die Pilze der Cholera, Diphtherie, des kalten Fiebers, Typhus, der Influenza und so fort. Alle diese Krankheiten haben, das ist eine unnmstoßbare Errungenschaft der Bakteriologie, einen ganz bestiinmten Pilz. Der Diphtheriepilz kann nie und nimmer Cholera oder Typhus machen, ebenso- »venig wie auf einem Ochsen Schafwolle entstehen, oder an einer Distel Birnen wachsen können. Es gehört also eine bestimmte Sorte Pilze zu jeder Krankheit, aber zum Glück vermag noch nicht ein solcher Pilz in jedem Falle, wo er mit dem Menschen in Berührung kommt, die zn ihm gehörende Krankheit zu erzeugen. Zum Glück, wohlgemerkt, denn sonst wären der Krankheiten und Leiden»och unsäglich viel mehr. Es ist zum Zustandekommen einer Krankheit viel mehr noch nothwendig, daß der Pilz auch auf dem Menschen gedeihen, d. h. sich fortcntlvickel» kau». Das läßt sich aber der Körper nicht immer gefallen. Es entspinnt sich vielmehr der Kampf um das Dasein. Nur wird er nicht mit muskelkräftigen Armen, wie dem Rnubthicr gegen- über, oder mit schnelllaufenden Beinen, oder mit scharfem Zahn und Nagel ansgefochtcu; denn wie sollte er so dem unsichtbaren Feind beikommcn können, der nicht zu sehen, nicht zu fühlen, nicht zu riechen, noch zu hören ist, der sich mit einer idealen Tarn- kappe verhüllt, aller Slnstandsrcgeln spottend heran- schleicht? Nein, hier müssen die Waffen andere sein. Es sind die Körpersäfte in erster Linie. Unser Körper wird nämlich gleichmäßig von eine,» Saft durchtränkt, aus dem wir zu 30 bis 50 Prozent unseres Gewichtes bestehen; in ihm sind beslimmle Stoffe, auch die Nährstoffe, aufgelöst enthalten. Innerhalb der Blutgefäße nenne» wir diese Flüssig- keit Blutivasser oder Serum, innerhalb und außer- halb der Lymphbahnen Lymphe, oder einfach GewebS- flüssigkcit. Sie vermag eine große Reihe von Bakterien zu tödten, so daß diese sich nicht vermehren »nd zur Krankheit führen können, denn eine kleine Anzahl von ihnen vermag uns nichts anzuhaben. In weiier Linie kommen kleinste Körperchen aus dem Bint in Betracht: die sogenannte» weißen Blutkörperchen. 108 L)ie 21cue 20clt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Das Blut enthält bekanntlich in seinem Blutwasser oder Serum noch rothe und weiße Blutkörperchen. Die rothen kann man sich grob vorstellen, wenn nian angetrocknetes Blut zerreibt, es entsteht dann ein feines schwarzes Pulver: die vertrockneten, zerfallenen rothen Blutkörperchen. Die weißen nun können sich selbstständig fortbewegen und kriechen sogar aus den Adern durch feinste Oeffuungen heraus. Sie bilden die Polizei im Körper. Hat sich nämlich irgendwo so ein Pilz festgesetzt, flugs kriechen sie dorthin und verschlingen die Bakterien, dabei sammeln sie sich in großen Ätengen und bilden weiße bis gelbliche Hansen, den Eiter, der den Körper verläßt mitsammt den ein- geschlossenen Bakterien. Aber nicht immer gelingt dieser Prozeß, nicht immer auch die Vernichtung durch das Blut- Wasser oder Serum; dann entwickelt sich eben die Krankheit voll, der Kampf zwischen Bakterien und Körper tobt gewaltig, die Schlacht wird hitzig: der Kranke fiebert. Alle Hülfskräfte werden aufgeboten, den Eindringling abzuwehren und aus dem Lande zu jagen. Hier müssen wir, um das große Ereigniß ver- stehen zu können, noch einnial zurückgreifen. Ist nämlich der Pilz schon so mächtig geworden, daß er die Krankheit voll entwickelte, so kommen noch die Toxine in Betracht. Die Bakterien schaden nämlich ans zweierlei Weise. Zunächst zerfressen sie den Körper: Knochenfraß, Se- schwür, bei der Lungenschwindsucht zer- fressen sie die Lunge, durch Zerfressen der Herzklappen ent- stehen die Herzfehler. Weiterhin aber scha- den sie durch ihre Toxine. Indem sie nämlich wachsen und gedeihen, bilden sie ja ihre Stoffwechsel- Produkte, eben die Toxine— und dies sind Gifte, schwere, sehr starke Gifte für den Körper, in den sie ja hinein ge- langen, ihn bis in die fernste Ecke durch- fenchend. Sie lähmen den Herzmuskel, die Nerven, Nieren usw., somit ihre satanische Arbeit noch erhöhend. Diesem jetzt doppelten Feind, den fressenden Bäk-' terien und ihren Torinen gegenüber, werden alle Organe des kranken Körpers zur Landesvertheidiguug anfgernfen, kein Glied ruht. Das Fieber gicbt Kunde von der außcrgeivöhnlichen Thätigkeit des heimgesuchten Körpers. Haut, Lunge und Niere arbeiten mit Ucberschicht, die Toxine wegzuschaffen: die Hanl giebt sie in übelriechendem Schweiß ab, die Lunge in stinkendem Athem, die Blase in giftigem Urin. Der Darm arbeitet mit doppelter Schnellig- keit, die schlechten Stoffe als Durchfall hinaus- zubringen. Die Schleimhäute sondern die vielfache Nlenge Schleiiil ab, an manchen Stellen sammelt sich Eiter, der den Körper verläßt. Entweder siegt so der Körper, oder er stirbt. So giebt es harmlose Krankheiten, die stets mit dem Siege des Menschen enden. So auch solche, die stets mit der Uebermacht der Pilze zum Tode führen. Zivischen beiden stehen die, wo der Kampf allmälig ruhiger wird, die Krankheit wird chronisch. Der Körper wird schwächer und schwächer, oder aber er bleibt mehr oder weniger invalide und leistungs- unfähig. lieber den Ausgang des Kampfes entscheiden mancherlei Punkte: Zunächst der Pilz. Ich sagte ja schon, es giebt mehr und weniger giftige Sorten, und mehr oder weniger giftige Rassen einer Sorte. Zu ersteren möchte ich den Pilz des Trippers, des weichen Schankers, des Schnupfens, der Spitzpocken usw. rechnen. Hier gewinnt immer der Körper die Ober- Hand: die genannten Leiden heilen. Zu der zweiten Gruppe gehört das Gift der Masern, des Scharlachs, der Diphtherie und vieler anderer Uebel. Es ist ja allgemein bekannt, daß es schwere und leichte Epi- demien der genannten Krankheiten giebt. Bei manchen sterben viele, bei anderen Epidemien toenige; hier waren die Nassen verschieden(giftig). Dann giebt es im Gegensatz hierzu Bakterien, die stets ungemein giftig sind und fast Jeden tödten: Wundstarrkrampf, Pest, Milzbrand, ihnen gegenüber ist der Körper ohnmächtig, wie die Neger dem Kleinkalibrigen gegenüber. Nächst dem Pilz hängt der Ausgang des Kampfes ab vom befallenen Menschen. Gut genährte, wohl gebaute, gesunde Individuen überstehen mehr als Schwache, Kranke, deren Abivehrwaffen(siehe oben) nicht funklioniren. Hierher gehören Blutarme, Magen- kranke. Engbrüstige, oder Solche, die ihre Lebens- kraft durch Entbehrungen, Sorgen und Verletzungen einbüßten, oder durch unzweckmäßige, ungesunde, überlange Arbeit nsiv. Ein Beispiel macht hier Alles klar: Der Tuberkulose-(Lnngcnsch>vindsnchts-)pilz kommt fast überall vor, wenigstens bei uns in den Kulturländern; er wird mithin auch fast Jeden ein- mal treffen. Thatsächlich hat man ihn auch bei Gesunden, nach Aufenthalt in Krankenstuben, in dein Nasenschleim gefunden. Aber es erkranken nur Solche, wo er haften kann; Schwache, Schlecht- genährte, Ilcbelgcplagte, von allerlei Trübsal heim- gesuchte Individuen. Gesunde, gut gepflegte Körper lassen sich nicht unterkriegen, für diese ist er Harm- los: daher der Name Prolctarierkrankheit. Genau so gehts mit der Eholera, der Diphtherie usw. (Schluß folgt.) Spietkinöer. Roman von Georg Hermann. (Fortsetzung.)_ m Nachmittag rief mich mein Chef, der es liebte, sich in vornehmen Ausdrücken zu be- wegen, ins Privalkontor, hielt mir eine salbnngsvolle Männerrede, daß er in Rücksicht auf meine Anverwandten und auf meine Mutter, welche aus sehr guter Familie sei, mich einst genommen hätte, und daß es unrecht von mir wäre, seine Nach- ficht, die er jahrelang mit mir gehabt, derart zu belohnen, daß ich seinem Prokuristen Grobheiten ins Gesicht würfe. Ich müßte doch bedenken, daß er ein Mann sei, welcher mir an Alter und Lebenserfah- ruug bedeutend überlegen. Ich erwiderte, ich könnte wirklich nichts für meine Verwandten. Es thäte mir sehr leid, daß sie zu den sogenannten besseren Kreisen gehörten, und sonst thäte es mir leid, mit Herrn Winder so ruhig ans- einander gegangen zu sein. Mein Chef machte ein Gesicht, als ob er ans eine Natter getreten hätte, aber er hielt an sich und sagte nur ruhig:„Sie sind eben derselbe Starr- schädel wie ihr Vater, junger Mensch!" Damit hatte er nur Oel ins Feuer gegossen. „Da ich sowieso die Absicht habe," fuhr ich fort, „zu Oktober zum Militär zu gehen, so kündige ich Ihnen hierniit." „Wie Sie wünschen, Herr Geiger; Sie hätten es in meinem Geschäft zu etwas bringen können, und Sie selber verscherzen Ihr Glück. Machen Sie mir später keine Vorwürfe." „Das brauchen Sie nicht zu befürchten. Jeden- falls bitte ich Sie, mich sofort in eine andere Ab- theilung des Geschäftes zu versetzen, da ich sonst—" „Da Sie sonst— „Da ich sonst für nichts einstehe!" Der Chef lachte. „Soll geschehen, soll geschehen. Sie arbeiten von jetzt an im Kontor." Damit entließ er mich mit einer huldvollen Hand- bewegung, und noch draußen hörte ich, wie er halblaut vor sich hinsprach:„Solch ein Dickschädel! Solch ein Dickschädel!" Die Herren im Kontor waren hoch- erfreut, als ich kam; denn ich kam ihnen gerade gelegen. „Ach, hören Sie 'mal, da ist bei...." er nannte die Ma- schinenfabrik meines angeheirathetcn Bei- ters, das Inkasso eines großen Wech- sels zu besorgen. Einem Hausdiener wagen wir so viel Geld nicht anznvcr- trauen. Würden Sie vielleicht so freundlich sein und einmal dort- hin gehen?" Ich spielte ztvar nicht gern den Haus- diener, aber diesmal kam es mir zu paß, da ich mich nach der vorhergegangenen Aufregung freute, ein wenig in die Luft zu kommen. Als ich aus dem Hans trat, war mir meine Bereitwilligkeit schon wieder leid geworden; denn Gluth lag über den Straßen; Gewitterschwüle brütete über dem Pflaster, das die Hitze verdoppelt zurück- warf. Die Hunde trabten mit gesenktem Kopf und triefenden Lefzen; die Droschkengäule schienen den nutzlosen Widerstand gegen die Sonnenhitze anfge- geben zu haben; wehmuthsvoll senkten sie ihre ehr- würdigen Häupter, wehmuthsvoll leckten sie ihre dicken Lippen, damit sie doch ivenigstens etwas Feuchtes an sie brachten. Nicht einmal ein Spatz ließ sich sehen. Auf den Sonnenseiten waren die Straßen wie ausgestorben, nur hier und da drückte sich ein ächzender, pustender Briefträger oder Hansdiener an der Häuserreihe entlang. Das geschäftliche Treiben, welches sonst in diesem Stadttheil um die Nachmit- tagsstunden pulsirte, war wie gelähmt. Im Westen erhob sich auch schon eine hohe, schwarze Wand mit drohenden Gewittcrköpfen. Anscheinend regungslos stand sie da, und doch, wenn man schärfer hinsah, konnte man bemerken, wie sie langsam vorwärts kroch. Mich ergreift jene unheimliche, nervöse Gereizt- heit, die an das Zittern einer Uhrfeder gemahnt. Der Schweiß steht mir in dicken Tropfen auf der Stirn, und nur mit Mühe schleppe ich mich noch vorwärts, schleppe ich mich an den fast endlosen Ziegelmauern entlang, hinter denen Kohlenbcrge und die plumpen Halbkiigeln der Gasometer hervorsehen. Vor mir stehen im planlosen Wirrwarr langgestreckte, HO Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. rothe und ciraue Steiiikästcu und. wie cm Mastcu- lualb im Hafen, mit hundert wnlsligeu Nauchfahncn, hundert Schornsteine und Schlote. Endlich!— Slbcr was ist denn hier los? Ans dem großen Hof oor der Fabrik, an der Freitreppe, die zu den Bureaux und der Privat- Wohnung einporfnhrt: überall beivegte Gruppen von Arbeitern und Arbeiterinnen. Immer neue strömen hinzu. Und doch, man hört kaum ein lautes Wort; nur ein dumpfes Murmeln und Summen, wie von einem Bienenschwarm. Da stehen sie, die Cpklopen, in den blanen stittelu und den brüchigen Lederschürzeu, mit den berußte» Gesichtern, ans denen das Weiß der Augen hervorleuchtet, mit den schwarzen, nar- bigen Armen und den schweren, schivieligen Händen; da stehen sie, die Mädchen, in ihren schlottrigen Arbcitsblouscn, mit den blassen Wangen, den vor- tretenden Backenknochen und den tiefliegenden Augen, die von so viel Hunger, Kummer und Elend reden! Und über> Allen dieselbe angstvolle Bestürzung, die- selbe dumpfschwüle Verzweiflung. Ans der obersten Stufe der Treppe in tinten- bcklertcr, graner Kamelotjacke, mit der Feder hinterm Ohr, ein weißköpfiger Buchhalter; er sucht mehrere alte ausgediente Arbeiter zu beschwichtigen, die mit geballten Fäusten und nicht mißznverstehcndcn Ge- bürden auf ihn eindringen. Ich trete hinzu.— „Aber Leute, hört doch! So beruhigt Euch doch, Leute! Es ist doch Euer eigener Schade, wen» Jhr's nicht thut! Wir können Euch ja heute doch nicht helfen! Ihr bekommt ja sicher Alles auf Heller und Pfennig ausbezahlt; Eure Forderungen sind ja be- vorzugt! Und seht doch mal, Leute, ivcnn die Glau- biger das Unternehmen weiterführen— und das ist doch die einzige Aussicht, zu ihrem Gelde zu komineu — dann könnt Ihr schon morgen oder übermorgen die Arbeit wieder aufnehmen. Ich muß doch auch ruhig zusehen, wenn uns Allen zusammen der Stuhl vor die Thür gesetzt wird, und ich bin schon viernnd- zwanzig Jahre hier; schon unter drei Herren. Ich bin heute ein alter Alaun, den Niemand mehr nimmt, und der nicht weiß, wo er hin soll." Ja, um Himmelswillen! Wie wäre das aber nur möglich? Sie hätten dort Aufträge in Hülle und Fülle und könnten es garnicht einmal Alles schaffen! Wo der Chef wäre? Er hätte die Pflicht, ihnen Arbeit zu geben, sie haben lauge genug»in einen Schandlohn für ihn geschuftet, daß er nicht das Recht hätte, das Geld, das sie ihm erivorbcn, dnrchzubringen; er hätte nicht das Recht, sie auf die Straße zu werfen, sie Alle brotlos zu macheu! Was ihre Frau und Kinder dazu sagen würden? Sie wagten ja garnicht, ihnen gegenüber zn trete»! Wo er wäre? Wo er wäre? Sie müßten ihn sehen! Er selbst müsse ihnen Rechenschaft geben. lind sie drangen die Treppe hinauf. „Aber Leute, so hört doch!" schrie der Buch- Halter.„Er ist ja seit gestern Mittag verreist!" Wo seine Frau wäre? „Aber laßt doch die arme Frau in Frieden! Die hat schon so mit ihrem Mann genug Kummer!" Das half. Die Arbeiter stiegen die Stufen hinab, und sogleich wurde jeder von einem Kreis hastiger Frager umringt, von Verwünschungen und Flüchen hallte der breite Fabrikhof wider. Das war doch undankbar! Das einzige Recht, das sie gehabt hatten, das Stecht auf Arbeit, wollte man ihnen auch noch nehmen! Da kam ein Herr auf den Buchhalter zugestürzt. Im ersten Augenblick erkannte ich ihn nicht. Das war der Aristokrat? Nein, es war ja unmöglich! Und doch, er war es. Seine Züge waren matt, verzerrt, seine Augen gläsern. Der Schweiß rann ihm von der Stirn, ivie wenn man ihm Wasser darüber gegossen hätte. Sein Vorhemd war zer- knittert und verbeult, als habe er sich mit den Fäusten vor die Brust geschlagen. Die ganze Gestalt zitterte und bebte vor Erregung. Er packte den Buchhalter beim Arm und zog ihn mit sich ins Kontor, dessen Thür sich hinter Beiden schloß. Auf dem Hof wuchs das Murren der Arbeiter von Sekunde zu Sekunde. Ich eilte, um die Neuigkeit mcincin Chef mit- znthcilen.— Verlieren konnte er nichts; denn der Wechsel war von anderer Seile gcrirt.— Als ich das Portal erreichte, stürmte mit Riesenschritten ein flatternder Havelock und ein Sammcthul an mir vor- über: es war Engen; ich sah ihn mit Arbeitern sprechen, sich den Hut vom Kopfe reißen und mit aufgespreizten Fingern durch die schwarzen Locken— die Locken lvaren eine Errungenschaft der letzten zwei Monate— fahren; sah, wie er die Linke aufs Herz legte und seufzte. Voll Widerwillen wandle ich mich ab und ging. -i- * Als ich des Abends nach Hause kam, war Mutter zu ihrem Bruder gelaufen, uni ihn zu trösten. Ich hielt diese Fürsorge für überflüssig und hätte eine Fürsorge um mein Abendessen lieber gesehen. Nun, Gott sei Dank, Louise>var ja da, die mir etwas aufgehoben hatte. Als ich gerade beim Essen war, kam Walter; der befand sich heute in ausgezeichneter Stimmung. Ich hatte keine Lust, ihn zu fragen, woher dies käme, aber plötzlich nahm er einen Stuhl, setzte sich ritt- lings darauf, kreuzte die Arme über der Lehne, steckte die Zigarre in den äußersten Mundwinkel und blin- zelte mich selbstgefällig an. Ich begriff, daß dieses das Vorspiel zu einem längeren Geständniß wäre, aber mir bangte ordentlich davor, es zu hören. „Na, weißt Du, Mensch," begann er, nachdem er ein halbes hundert Ringel geblasen, die kleine Wetterhexe ist überhaupt ein famoses Weib!" „Welche Wetterhexe?" „Ach, stell' Dich doch nicht so dumm, die Lies! Sie ist doch mit Dir in demselben Geschäft; warum hast Du denn davon nichts gesagt?" „Sie>var es; man hat ihr aber heute gekündigt." „Soooo? Na, schadet auch nichts!" tröstete er sich.„Also, laß Dir erzählen!" Er klopfte mir ver- tranlich auf die Schulter. „Ich bin pünktlich da; wer nicht zu sehen, ist meine Kleine. Ich gehe auf und ab, stelle mich gradeüber aus Schaufenster; ua, mir wird das schon langweilig, und ich will wieder gehen. Denke nur, so ein kleines Luder läßt mich alten Herrn hier sitzen! Aber mit einem mal huscht was um die Ecke'rum, läuft an die Uhr und dreht sich wie'n Brummkreisel sechsmal'rum und guckt nach allen Seilen. Na, denke ich mir, soso! Du hast mich warten lassen, jetzt last' ich Dich ivarten. Na, wie sie aber so ganz traurig dasteht, mein ich: gehst doch'rüber! Wie sie mich sieht, die kleine Kröte, auf mich zu. Also ich sage: ,'n Abend, Kind!'n Bischen hast Du mich ja warten lassen!' ,Ach, cntschuld'gen Sie, entschuld'geu Sie, ent- schnld'gcn Sie! Ich konnte wirklich nicht eher! Ich bin so lange im Geschäft gewesen.' .Also, Kind, wo woll'n wir hingehen?' ,Ach, ins Theater! Ins Theater!' .Na schön.' Da bin ich denn mit ihr in die Kameliendame gegangen, sie haben gerade nichts Gescheuteres gegeben. Geheult hat die Kleine wie ein Kettenhund! Nachher sind wir dann zu Steinert und Hansen gegangen, Abendbrot essen, und dann haben wir noch so eine kleine Bier- und Weinreise gemacht und dann——" er machte eine sehr be- zeichnende Handbewcgnng. Es war gut, daß es währenddessen fast dunkel im Zimmer getvorden>var, so daß Walter nicht mehr meine Gesichtszüge erkennen konnte. „Für morgen habe ich mich ivieder mit ihr ver- abredct."� „Nun, die Sache muß Dich doch ein Mords- geld gekostet haben?" „Ich weiß nicht. So sünfundzwanzig bis dreißig Mark werden schon drauf gegangen sein. Na, was schadet's! Weißt Du, ich bin ganz futsch von der Kleinen! Ich bin selten nach einem Miidel so verrückt gewesen, wie gerade nach der. Aber sie ist auch zu patent!" Er schnalzte mit der Zunge. „Walter, wenn ich Dich eins bitten darf, geh morgen nicht hin!" „Ach, Tu bist wohl eifersüchtig?" Er lachte. „Nein, weil Dich das Miidchen rninirt." „Ouatsch! Laß Dich doch nicht auslachen, Jörge! Ich weiß selbst genau, wie weit ich zu gehen habe. Und wenn es wirklich so wäre— was schadet's? Ich bin doch ein verlorener Mensch— ach, blos heut nicht dran denken! Blos heut nicht!" „Also, ich bitte Dich, gehe nicht hin!" „Ach, sei doch kein kenscher Joseph! Komm lieber mit mir, ehe Du hier Moral predigst. Es steht Dir auch'schlecht zu Gesicht, mein Sohn!" Und wir gingen. ch- Am nächsten Tage erfuhr ich von Mutter, daß der Schwiegersohn des Aristokraten sich mit einer größeren Geldsumme, noch größeren Schulden und einer interimistischen Lebensgefährtin entfernt hätte; Aufenthaltsort, sowie Datum der Rückkehr, ivärcn beide gleich unbekannt; ebenso zweifelhaft iväre es, ob die Fabrik weiter arbeiten würoe. Jedenfalls sei der Aristokrat an dem Unternehmen stark bethei- ligt gewesen und habe fast sein ganzes Vermögen eingebüßt. Der alte Mann wäre wie gebrochen, er hätte geseufzt und gestöhnt, geweint und geschrien. Doch seine Gemahlin— mit der er sich nebenbei schlecht vertrüge— hätte für all seine Klagen kein freundliches Wort übrig gehabt, sondern hätte wie ein Stockfisch dabei gesessen. „Und denke Dir. Endlich hat sie mich in eine Ecke genommen und mit der wichtigsten Miene gefragt:.Sage mir nur das eine, meine Liebe, was kocht man morgen?" Der Zustand des alten Mguncs wurde von Tag zu Tag bedenklicher. Entweder er Ivar fieberhaft lustig, oder er sprach kein Wort und starrte vor sich hin. Während er sonst peinlich ans seine Kleidung Acht gegeben hatte, war er jetzt nicht mehr zu be- wegen, sich ordentlich anzuziehen oder das Zimmer zu verlassen, sondern er blieb den ganzen Tag über in Schlafrock und Morgenschnhen. Ich besuchte ihn einmal, er saß in einer halb- dunklen Sophaccke und halte sich eine Neiscdcckc um die Füße geschlagen, da ihn fror. Die Strähnen seines ungepflegten Schnurrbarts hingen ihm über den Rinnd; aus allen Falten und Fältchen seines Gesichts quollen weiße, starre Bartstoppeln. War der Mann gealtert! Und wie leise er sprach, wie mühsam und schwerfällig! Bitter beklagte er sich über seine Frau, die so wenig Liebe für ihn und so wenig Rtitgefühl mit seinem Unglück zeige.— Er hätte ihr doch Alles zum Opfer gebracht, hätte Alles für sie gethan, was nur Jemand thun könne.— Dann kramte er in den Schubfächern seiner Erinnerung, erzählte mir von alten, alten Verwandten, die schon lange Jahr- zehnte auf längst geschlossenen Friedhöfen der Stadt lagen. Es war ein eigenartiges Geschlecht, das er mir herauf beschwor, mit tausend großen und kleinen Leiden und Freuden, mit tausend Vorzügen, mit tausend Fehlern; nicht besser, nicht schlimmer als wir,— Alle Spielkinder. Seine Frau trat herein und brachte ihm Früh- stück; sie stellte es ohne ein Wort zu sagen vor ihn, wie man einem Hund einen Brocken hinschmeißt, und ging wieder hinaus. Der alte Mann begrub sein Gesicht in den Händen und weinte, aber plötzlich, grade als ob es ihm Er- leichteruug schaffe, begann er von meinem Vater zu reden, erst zaghaft, dann bestimmter. Er sprach über das Zerwiirfniß zwischen ihnen, über ihr beider- seiliges Unrecht, und aus jedem Wort sah man, wie versöhnlicher er jetzt den Dingen gegenüber stand, wie nicht eine Spur von Groll in seinem Herzen zurückgeblieben war. Als ich von ihm ging, da standen sie Alle noch einmal greifbar vor mir, mit ihren tausend Vor- zügen, mit ihren tausend Fehlern, all diese alten Spiclkinder, die auf den längst geschlossenen Fried- Höfen liegen. Und auch ihn sah ich, ihn, den Aristokraten, das große Spielkind, mit all seinen Licht- und Schalten- feiten, mit seinem Stolz und seinen Vcrirrimgcn, seinem Alter und seinem Unglück. Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. iit Als Lies des Geschlift üevlieB, verabschiedete sie sich von Alle», imr nicht von mir. Walter war jetzt oft mit ihr zusammen, und sie kostete ihm Unsummen. Ob Engen noch mit ihr verkehrte, konnte ich nicht erfahren. Wochen und Monde vergingen, meine Militär- zeit rückte immer näher. Schon begann nieine für- sorgliche Mutler, Wäsche' und Strinnpfe für mich zu beschaffen, damit es mir an nichts fehle.— Als ich eines Abends nach Hause kam, saß Louise ain Fenster und iveinte. „Louise, Du siehst doch heute so schlecht aus, lvas iveinst Du denn schon wieder?" „Ach, Georg, sag' mir doch'mal, Ivann war es denn, wo Tu ihn das letzte Mal jesehen hast?" „Vor zirka sechs Wochen, da ging er da drüben in die Eckdestillation. Er sah mich noch mit solchem stieren— ninnns mir nicht übel— versoffnen Blick an. Ich iveiß nicht, ob er mich erkannt hat. Hast Dn wieder mal was von ihm gehört?" Louise schluchzte heftig. „Ja, ich bin— heute draußen— im— Fried- richshain— gelvesen. Vor vier Wochen ist er— jestorben.— Donnerstag— vor— vier Wochen." „Ter arme Mann! Gott Hab' ihn selig! Du mußt bedenken, er war leider immer krank und ver- rückt. Wenn er gesund und bei Verstand gewesen wäre, hätte er Dich geiviß besser behandelt. Er konnte doch eigentlich nichts dafür, daß er verrückt war!" „Sich Gott— ich trage— ihm— ja— auch — jarnichts— nach.— Nur— daß ich ihn— nicht— besser— behandelt habe. Nicht— mehr — für— ihn— jesorgt— habe,— daß— er so— ganz— allein— je— stör— bcn— ist." „Aber, Louise, sieh doch'mal! Du hast doch Dein Nlöglichstes gethan. Du brauchst Dir wirklich keine Vorwürfe zu mache». Du hast ihn gepflegt, wenn er krank war, hast für ihn gearbeitet, hast Alles gethan, was Dn nur thnn konntest. Wenn er aber in geistiger Unmachtuiig Dein Leben bedroht, kann Du unmöglich mit ihm länger zusammen sein. Niemand kann das von Dir verlangen. Niemand! Du hattest ganz Recht, daß Du von ihm weggegangen bist. Andere hätten nicht so lange ausgehalten!" Louise antlvortete nicht. Ich ging und ließ sie sich auslveincn. „Du, Mutter, weißt Du schon? Bergemann ist gestorben." „Sich! So, na hm! Ihm ist wohl und ihr ist noch wohler." „Sag' das nicht, Mutter, Louise scheint ganz untröstlich." „Ach, laß sie nur, das giebt sich! Gclvöhuliche Leute haben gar kein so tiefes Gefühl." „Unbedingt ein fraglicher Punkt. Die Gefühle der gewöhnlichen Menschen sind natürlicher als unsere: denn sie sind nicht durch fremde Einflüsse verfälscht." * „Herr Gott. Mutter, Louise ist krank! Sie ist draußen in der 5i»che in Ohnmacht gefallen. Essig- äther ist links in meinem Fach;— ich lauf zum Doktor." „Ach, es wird schon nichts Schlininies sein! Sie müßte ein bischen Eisen nehmen, dann giebt es sich wieder." * Mit schwerem Herzen rückte ich nach München zum Rlilitär ein; denn meine beste Freundin war gestorben, und meine Liebe war todt. ** * Als ich nach zwei Jahren— ein Jahr ivar ich noch im Ausland in Stellung gelvesen— zurückkehrte, trat ich sofort als Buchhalter in ein Geschüft ein. * An einem der nächsten Tage kam ich Abends müde nach Hause und ivarf mich ans das>Lopha. „Du, Georg, da liegt ein Brief für Dich," sagte Mutter.—„Er scheint von einer Dame zu sein." Ich erschrak. „Ist er aus Brüssel?" Bater?! So etivas konnte mich noch glücklich machen! „Nein, er ist von hier!" , Verehrter Herr! Verzeihen Sie, wenn eine Unbekaunle sich an Sie wendet, aber um Himmelswillen haben Sie Mitleid mit einer armen, unglücklichen Mutter, die daran ist, ihr Liebstes für ewig zu verlieren. Ich bitte Sie, morgen Abeild, sobald es Ihre Zeit erlaubt, zu mir zu kommen. Dort lverdcn Sie das Nähere erfahren, welches ich nicht dem Papier anzuvertrauen ivage. Sie sind noch uieme einzige Hoffnung, und lvcnn auch Sie mich im Stiche lassen würden, wüßte ich nicht mehr ein noch aus. Ihre Ihnen ewig dankbare Henriette Salle.' Ja, was war da nur vorgefallen? Was wünschte Engens Nhitter von mir? „Dn hast doch auf einmal die Farbe gewechselt; was ist denn los?" „O nichts, nichts!" Da brachte mir meine Schwester eine Postkarte. „Da, die ist eben für Dich gekommen." , Oller Junge! Leider ist es niir nicht möglich auszugehen. Be- suche mich'mal! Dein Walter Schneider. Straße 24 ck No. 14 Rückgebäude III.' Ich begab mich sogleich zu ihm. Es war draußen am äußersten Ende der Vor- stadt; in einer Straße, von der man überhaupt nicht annehmen konnte, daß dort schon Menschen ivohnten. Grundlose Steige, ungenügende Beleuchtung, Bau- zäune, die mich zwingen, auf der Bordschwelle zu balaucircn; halbfertige Neubauten, die so todt, reglos und finster ansschanen wie tausendjährige Ruiuen. Wie ausgestorben! Kein Dienstmädchen, das in kleinen Schuhen und mit weißer Schürze, den Korb am Arm, an mir vorübertrippelt, kein Wagenrasseln, kein Kindcrlärmen! Nur manchmal schlürft ein Bau- Wächter in dickem Schafpelz, eine Laterne in der Hand, an mir vorüber, oder fährt ein bleffender'Köter ivie rasend gegen den Zaun, der mich von ihm trennt. Endlich fand ich das Haus. Es war fast noch unbewohnt. Ileberall schwarze Fensterhöhlen; nur eine Destillation war erleuchtet, aus der das Schreien trunkener Arbeiter tönte. Miß- muthig zuckten die Gasflammen auf dem holprigen Hof und verbreiteten so wenig Helligkeit, daß ich beinahe in eine» Kalkhaufen gefallen wäre. Nun noch durch einen hohen, dämmerigen Thor- bogen. Wieder ein Hof, wieder zuckende Gasflammen und Schutthaufen� und dann ein Rückgebäude. Wie konnte man sich nur hier cinmiethen? Ich stieg drei Treppen hinauf. Kein Schild, kein Name zu lesen. Ich klingelte auf's geradetvohl auf einer Seite. Nach einer Minute hörte ich eine brummige Weiberstininie: „Wer ist da?" „"Möchte Herrn Schneider sprechen." „Ist nicht zu Hause." „Er hat mir geschrieben, ich solle kommen." „Werde'mal nachsehen, ob er da ist." Dann kam sie wieder und öffnete. Es war stockdunkel. „Gleich die zweite Thür, Sie werden schon finden." lind damit war das Weib verschwunden. Ich tapple, bis ich eine Klinke fand und öffnete die Thür. Das Zimmer war dunkel. „Walter!" „Ja— ach— Georg! Guten Abend!" „Aber Walter, was bist Dn denn hier im Dunkeln?"(Fortsetzung folgt.) Das tolle Jahr von Erfurt. Historische Skizze von Friedrich Thicmc. tas tolle Jahr von Erfurt"— so lautet der historische Titel für eine Tragödie, welche eins der merkivürdigstcn Beispiele einer Stadtrevolution zum Gegenstände hat, die wir kennen. Wenn auch naturgemäß in der in Betracht kommenden Zeit— den Jahren 1509/10— noch nicht von beimißteil Zielen der Menge die Rede sein konnte und der ganzen Bewegung aus dem- selben Grunde ein vielfach unreifer, barbarischer, recht mittelalterlicher Charakter aufgeprägt ist, so bietet sie doch in ihren Ursachen und Erscheinungen in mancherlei Hinsicht eine eigeuthüinliche Aehnlich- keit mit den großen und allgeincinen Erhebungen späterer Jahrhunderte, die ihr die Beachtung und das dauernde Interesse aller Geschichtsfreuude sichern muß. Klarer als irgendwo anders offenbaren sich dabei in diesen Ursachen jene Beweggründe, welche die materialistische Geschichtsauffassung für die Ent- Wicklung der Völker überhaupt nachgewiesen hat, und der geehrte Leser wird dieselbe auch aus der uachfelgeuden gedrängten Darstellung ohne Weiteres herausfinden. Die Stadt Erfurt selbst— zur Zeit 70000'Seelen stark— beansprucht nicht nur durch ihr ehrwürdiges Alter und die bedeutsame Rolle, die sie mehrfach in der großen Landesgeschichte spielte, sowie durch ihre interessante Chronik überhaupt eine weit über ihre jetzige Ausdehnung und Stellung hinausgehende Theilnahme, sondern sie erscheint uns auch heute noch als eine im höchsten Grade interessante, charakteristische Stadt, deren Bedeutung für sozial- demokratische Leser noch dadurch gesteigert wird, daß sie dem dort in den Tagen vom 14. bis 20. Oktober 1891 festgestellten neuen Programm der Sozialdemokratie den Namen gegeben hat. Aus der vorhistorischen Dunkelheit— der grauen Dämme- ruug der deutschen Geschichte— tritt sie erst um die Zeit des Bonifazius, der ihr den Charakter eines Bisthums verlieh, das später dem Erzbisthum Mainz einverleibt wurde. Die günstige Lage im Herzen Deutschlands zeigte sich der Entwickelung der Kommune unerwartet günstig, sie gelangte bald zu Macht und Ansehen. Karl der Große ernannte sie zum Stapelplatz, Ludwig der Deutsche hielt 852 einen Reichstag in ihr ab, 1181 wurde wiederum auf einem hier abgehaltenen Reichstag ein Kreuzzug beschlossen, 1289 wählte sie Rudolph von Habs- bürg zum Schauplatz seines Strafgerichts über den ranbsüchtigcn Adel— kurz, die deutschen Könige bewiesen der Stadt ihre Gunst bei jeder Gelegenheit, verliehen ihr Privilegien und Schutzbriefe, sodaß Erfurt zuletzt beinahe den Charakter einer freien Reichsstadt, wenn nicht erhielt, so doch behauptete, der nur durch die beständige Wühlarbeit zweier Mächte immer von Neuem beunruhigt und schließlich, da stetes Tropfen den Stein höhlt, untergraben wurde., Diese feindlichen Mächte, die seltsamerweise auf einander feindlich gesinnt waren, weil sie Rivalen in ihrem Bestreben geworden, die berühmte Stadt ihrer Botmäßigkeit zu unterwerfen, waren das Erz- bisthuin Mainz und die sächsischen Landesherren. Beide hatten es verstanden, sich in der Stadt auf Grund zweifelhafter Besitztitel festzusetzen. Mainz leitete ans der kirchlichen Zugehörigkeit, mit der die Regierungen in solchen Angelegenheiten manchmal auszeichnenden Weitherzigkeit, sehr bald gewisse Erb- rechte ans Erfurt ab, die sich schnell genug in den Anspruch auf Landeshoheit verwandelten, die säch- fischen Herren hatten einige spezielle Rechte, wie die Schirinvogtei über ein Stift, an sich gebracht, außerdem hatte die Stadt in bedrängten Zeiten mehr- fach ihren Schutz in Anspruch genommen und dafür Schntzgeld gezahlt, Vorgänge, aus denen die edlen Herren natürlich ebenfalls im Laufe der Zeit die wcitgehcudsteu Rechte ableiteten. Die Erfurter Bürger zeigten indessen nicht die geringste Lust, sich von Mainz oder Sachsen„verschlucken" zu lassen, sie trugen den höchsten Stolz auf ihre Unabhängig- keit zur Schau: durften doch ihre Bürger vor kein auswärtiges Gericht gefordert, sondern nur von den eigenen städtischen Gerichten abgeurtheilt werden. Es versteht sich, daß die nach dem Besitz der ehrwürdigen Stadt lüsternen Fürsten in derselben ihre bezahlten, stets gegen einander und die Ge- meinde agitirendeu Anhänger unterhielten— agents provocateurs in mittelalterlicher Ausstattung. Es versteht sich ferner, daß sie der Stadt nöthigeu Falles bereitwillig Geld vorschössen, weil der Um- stand der Gläubigerschaft ihnen bequeme Rtittel an 112 Die Neue Welt. Iltuftrirte Unterhaltungsbeilage. die Hand gab, ihre Rechte zu erweitern und die Äemcnide loa sich abhängig zu machen. Trotzdem behauptete Erfurt bis iu das l ö. Jahrhundert hin- ein den Ruf einer mächtigen nnd auch finanziell blühenden Stadt. Wie Herr Karl Ncinick in Arnstadt, dessen ausführlicher Darstellung des inter- essanten Ereignisses wir die historischen Facten unserer Skizze entnehmen, hervorhebt, verniehrtc die Stadt nach und nach ihren territorialen Besitz um die.Herrschaft Stotternheim, die aus 15 Dörfern bestehende Grafschaft Wieselbach und das Amt Kapellendorf niit ill Dörfern, ferner begründete sie ihre altberühmte Universität und repräsentirte durch stolze Bauwerke ihre Wacht nnd den Reichthum ihrer Bürger. Wie die Stadt ungeachtet alles dessen in verhältnißmäßigcr Zeit tief verschulden konnte,'ist nicht begreiflich, oder vielmehr es ist nur erklärlich durch eine langjährige, geivissenlose Mißwirthschaft des Magistrats und der Gemeinde- Verwaltung, die natürlich fast ausschließlich in den Händen der Patrizier war. Rtögtich, daß die so zahlreichen feindlichen Einflüssen ausgesetzte Gemeinde erhebliche Opfer für die Abwehr der häufigen Angriffe auf ihre Selbstständigkeit bringen mußte— andererseits steht indessen auch fest, daß die Häupter der Gemeinde schlecht gewirthschaftet, auf Kosten des Bürgersäckels kostspielige Repräsentationspflichten — das heißt natürlich eingebildete oder vorgespiegelte „Pflichten"— wahrgenommen, prachtvolle Feste veranstaltet nnd auf noch andere Weise das Geld der Stadt todtgeschlagen haben. Die Verfasser der Chroniken beschuldigen den Rath ganz offen der Verschivendung und der Trunksucht. So ließ der- selbe unmittelbar nach dem großen Brand von l47Si — wie Härtung in seiner Erfurter Häuserchronik berichtet— ein Festpreisschießen ausschreiben und den durchreisenden Fürsten kostbare Geschenke machen; 1496, wo die Höhe der Schuld eine ungeheure war, gab er den Fürsten ein prachtvolles Turnier ans dem Anger. Bereits seit 1478 arbeitete der Magistrat mit Unterbilanz, die Stadt hatte über ö Gläubiger, denen sie bis 7 Hz Prozent Zinsen zahlen mußte, die im Jahre 1509 den Betrag von 82 494 Schock(etwa 240 000 Mark) erreichten, während die Gesammteinnahme diese Summe um kaum 8000 Mark überschritt. Sonderbarer Weise sind alle Dokumente nnd Rechnungen aus jener Zeit beseitigt worden, und die aus vorhergehenden Jahren erhaltenen befinden sich in einem Znstande grenzenloser Verwirrung und Unordnung. Ter Rath machte, was ihm gefiel; die Bier- Herren, eine Art Tribüne, welche die Rechte des Volkes im Rothe lvahrznnehmen hatten, steckten mit den Patriziern unter einer Decke. Immer unHalt- barer wurden die Zustände, und die öffentlichen Lasten mögen wohl ebenfalls nicht gering geivescn sein. Schließlich wurde es so schlimm, daß die Bürger sich nicht mehr vor die Thore wagen konnten, weil die Mairnen der Gläubiger sie ab- fingen, um sie als Geißeln zu behalien. Da ge- sellte sich der längst herrschenden Unzufriedenheit mit der Vertvalümg noch Zorn nnd Haß zu, vor allem der Obervierherr der Stadt, Heinrich Kellner, eine autokratische und anmaßende. Natur, war der Bürgerschaft ein Dorn in den Augen. Als es nun vollends gar hieß: Kellner habe eigenmächtig das Amt Kapellcndorf an Kursachsen verpfändet, da kannte die Wuth der Bürger keine Grenzen. Jetzt endlich wurden sich die Herren des Raths der Gefahr der Situation bewußt sie zogen eine Anzahl Ver- treter der Bürgerschaft zur Berathung über die mißliche Lage heran, eine Maßregel, die im Kleinen et>va derjenigen der Einberufung der Reichsstände bei Beginn der französischen Revolution gleichkam. Die Stadthäuptcr huldigten der wunderlichen, aber ihresgleichen vielfach eigenthümlichen Ansicht, die einberufenen Vertreter sollten ihnen nur Mittel zur Beseitigung der Finanzkrisis an die Hand geben, im Uebrigen jedoch sich jeder Einniischung in die städtischen Angelegenheiten enthalten. Damit zeigten sich die Deputirten jedoch keiuestvegs einverstanden, sie begehrten vielmehr klaren Einblick sin den Stadt- Haushalt. Der Rath legte hierauf das nieder- schlagende Geständniß ab, daß die Stadt mit einer Schuldenlast von 600 000 Gulden behaftet sei. Diese Enthüllung rief eine ungeheure Aufregung in der Stadt hervor. Die empörte Menge sammelte sich um das Rathhaus, einzig das Versprechen der Vierherren, daß eine Untersuchung der ganzen An- gelegenheit stattfinden solle, vermochte sie zu be- ruhigen. Die Deputirten verlangten nun die Ab- legung einer 30 jährigen Rechnung, was von dem Rothe mit dem Bemerken znrückgetviesen wurde, „es habe ja alljährlich ein Rath dem andern Rechnung abgelegt nnd sei daher keine weitere Rechnung Vonnöthen." Dagegen erfüllten die Stadt- Häupter aus Furcht vor der Rache der Bürger deren Perlangen, die Schlüssel zu den Stadtthoren und der Cpriarbnrg ansznliefern, worauf bewaffnete Volkshansen die Wälle und die Burg besetzten. Trotzdem damit die Getvalt in die Hände der Bürgerschaft übergegangen war, wäre vielleicht noch eine friedliche Beilegung der Differenzen möglich gewesen, wenn der Rath den ernsten Willen gehabt und es nicht den Bürgern an einsichtsvollen Leitern gefehlt hätte. So aber hoffte der Rath ans Hilfe von Sachsen, während zahlreiche Bürger eine Ge- sandtschaft nach Riainz schickten; dabei intriguirten alle Parteien gegen einander und jeder der be- theiligten Staaten suchte im Trüben zu fischen. So mußte es mit Nothwendigkeit zur entscheidenden Katastrophe kommen. Was für die Franzosen der Sturm auf die Bastille war, das war 400 Jahre früher für die Erfurter der Sturm auf die Raths- Versammlung. Die Deputationen der Handwerker und Viertel, gefolgt von großen Zügen Bewaffneter, erschienen im Rath. Ihr Sprecher wandte sich kühn an den Oberoierherrn Heinrich Kellner mit der Frage:„Ist es wahr, daß Kapellendorf der- kaust ist und daß Ihr es ohne Wissen und Geneh- migung des Raths und der Gemeinde verkauft habt?" Darauf erioiderte Kellner stolz:„Das sagen schlechte Leute, daß ich das gethan habe," und fügte die Bemerkung hinzu," was sie denn eigentlich unter der Gemeinde verständen?" Als man ihm erwiderte: „Die gesammte Bürgerschaft", erhob sich der Ober- vicrherr, schlug sich an die Brust und rief stolz: „Hier steht die Gemeinde!" Wer gedenkt hierbei nicht des berüchtigten Ausrufs des vierzehnten Ludtvig:„L'ct.at c'est inoi"(Der Staat bin ich)? Der herrschsüchtige Monarch hatte also einen Vorläufer iu Heinrich Kellner, dem Obervierherrn von Erfurt, sein stolzes Wert ist für die Geschichte kein Original mehr. Nur zog für ihn die Aeuße- rung nicht so schwere Folgen nach sich, wie für Kellner, der sich in jenem Augenblicke sein Todes- urtheil sprach.(Zchmb folgt.) Scherzo,(flu unserem Bilde.) Der Frühling sitzt im Gras und bläst die ersten, weichen Melodien der erwachenden Natur. I» de» dünnen, noch spärlich be- lanbten Zweigen zwitschern die Waldvögel und üben sich ein für das Monstre- Konzerl im Sommer. Freund Langbein steht daneben, in ewiger, unveränderlicher Ruhe und Schlafsucht. Er hört nichts von dem Scherzo des kleinen Nalurgotles, nichts von de» schüchternen Jinpro- visationen der Freisänger. Ihm hat der Winter noch viel zu kurz gewährt und halb wachend, halb schlafend, denkt er über die Ungerechtigkeiten in der Welt»ach: man hat doch tvahrhastig nienials Zeit, sich so recht nach Herzenslust auszuschlafen. Und allmälig fängt doch wieder der Hnnger sich zu regen an, der leidige Hunger, und ob man will oder nicht--- dann mutz man sich bewegen. Wie gut es doch die Schildkröten haben, und die Bären und all das Thierzeug, das den ganzen, volle», schönen Winter durchschlase» kau»! Warum leben die unter ökonomisch besseren Bedingungen? Und Freund Langbein zieht das eine Bein empor, blinzelt mit entrüsteten Augen umher und denkt: ob der Bub dort tvohl bald sein Getute einstellen wird. Das fehlt gerade noch, daß man förmlich aus dem Schlaf posaunt wird!— Aber der Bub jubilirt weiter und der Frühling, der Frühling lästt sich nicht verschlafen, selbst von dem konservativsten aller Vögel. Allein auf der Welt, lflu unserem Bilde.) Jugend und Aller, Kind und Greisin sind es, die das Schicksal hier zusainmengcführt hat— beide allein aus der Welt — auf jener Welt, die vor der Einen schon die Pforte bald schliesten wird, die vor der Anderen noch verschlossen steht und dunkel. Was sie Jener gebracht hat— es ist Alles vorbei und allein ist sie zurückgeblieben, die Alte mit dem weihen Haar und dem gebeugten Rücken. Und sinnend sitzt die Junge da und träumt in ihrer Per- lassenhcit von Dein, was ihr die Welt einst bringe» wird— bis auch sie dereinst zurückbleiben wird, sorgen- gebeugt und müde— und allein. Der naturwissenschaftliche Ieobachter. In der„Deutschen med. Wochenschrift" erinnert Dr. Bardeleben(Bochum) an ein altes Heilmittel bei Brandwunden, von dessen Wirksamkeit er sich bei einem achtjährigen Gebrauche überzeugen konnte. Ich mache davon Mittheiluug, weil seine Anwendung so einfach ist, daß es selbst der Laie ohne jede Gefahr in Ablvesenheit des Arztes benutzen kann. Es ist im Handel desinsizirt und zugerichtet unter dem Namen„Brandbinde" zum sofortigen Gebrauche zu haben, ein Wismuthamlililm- verband. Wenn Blase» vorhanden sind, müssen sie vor Anlegung der Binde entfernt tverde». Die Desinfektion der Wunde kann im Norhfalle fortbleiben, lieber die Binde, die man sechs bis sieben Tage liegen lassen kann, werden noch ein bis zwei Lagen entfetteter Watte gelegt. Htppolrates. S ch n i h e l'. Auf einen Pharisäer. Er hat keinen silbernen Lössel gestohlen, Er stand noch nienials vor Gericht, Und dennoch sag ich unverholen: Er ist ein ganz gemeiner Wicht. <5. Bletbtreu. Einem Suchenden. Suchst Du das Glück? Ach, es ist nur des Zufalls schönere Hälfte, Aber der Zufall hört auf den Namen Entschluß. H. Hopfen. Gegner. Jag das, was nur der Ruthe Werth, Mit Witzen und Epigrammen, Doch ist Dir ein würdiger Gegner bescheert, Schlag drein mit. guter. Gedanken Schivert, Und Wunden gieb, nicht Schrammen. Aoenarius. Vergebens predigt ihr den Wilden, Es gilt erst die Gebildeten zu bilden. „Ich ivollt. es gäb keine Armen und Reichen"— „„Sie sind also Sozialist""— „Daß die Brüder sich lieben als Ihresgleichen"— „„Aha, Sie sind ein Kommunist."" Wie sie nur siegten bei Marathon," Es ist den Wundern gleich, Ohne— Monlurskommijsion Und ohne Zapfenstreich. * Bei Marathon besiegten two v.