Nr. 16 55I(w(lrtr£c H tnievhaUuno�shtnlao�c* 1897 �ch sehe, vom Licht bezwungen, Äleere links und Kelsen rechts, Heute den Geist des jungen, Des kommenden Geschlechts. So seH ich ihn. Von Frank Evers.* -Er kam von einsamer Küste; Sein Wort übertönte das Neer; viele Tage gingen zur Rüste, Doch wachend wanderte er. Der Kels riß die Küße ihm blutig, Sein Haupt umbrüllte der Köhn, Seine Rede aber blieb muthig, Und er ist in Stürmen noch schön. Er hat in den Augen den Willen, Der die Keinde stch bändigen kann; Ulit seinem Lächeln, dem stillen, Sagt er, ich werde ein Ulann. Run kommt er schon auf die Berge, Seine Stimme ward lauter und voll, Und drunten das Heer der Swerge Weiß nicht, was da werden soll. Aus„Hohe Lieder", Berlin, Schuster& Loeffler, 1896. Dem Siele näher und näher Und keinen Schritt zurück; Er ist ein Wolkenspäher voll Sturm und Sternenglück. Du mit dem Trotz des Bauern, Der Königsthrone baut, Ich fühle dein Glück mit Schauern, Deine Sukunft Hab' ich geschaut. Jochen Äuggen. Kriminalgeschichte von Dietrich Dheden. III. lSchlutz.) (ie Schreckeiiskunde hatte sich schnell ver- breitet: Jochen Dnggen vom Schimmelhof ist todt, er ist erschossen worden, Abends oder Nachts, draußen auf dem Moore, in dem unheimlichen Winkel bei den Erlen... Der Mord bildete das Gespräch bei den Nachbaren und im Dorfe; wo Leute zusammenstanden, tuschelten sie von dem Ereigniß, und die Haare der aufmerksam lauschenden jungen halbwüchsigen Burschen sträubten sich im Entsetzen. Er war nicht nach Hause gekommen des Abends, und das Essen war für ihn warm gestellt worden. Bis acht Ilhr hatten die Leute gewartet, dann hatten sie sich zu Tisch gesetzt. Sie waren hungrig nach des Tages Arbeit.— Er habe vielleicht eine heimliche Liebschaft irgendwo, hatte einer der Knechte in halbem Scherze gemeint, und feiere etwas länger Abschied, da die bevorstehende Reise ja auch länger dauern werde, als die neuliche Fahrt nach Blankenese, und der Abschied wohl auch ein solcher sein werde für immer. Um zehn Uhr hatten sie sich dann zur Ruhe begeben, ohne Arg, daß etwas Ungewöhnliches vorgefallen sein könne. Am anderen Morgen wurden die beiden Knechte frühzeitig geweckt. Es war noch stockdunkel. Die Haushälterin stand in der niedrigen Kammerthür, ein flackerndes Licht in der Hand, und rief unter Zeichen sichtlicher Erregung:„Himierk, Krüschan, snell upstahn, de Bur is noch ni dar!" De„Bur"— so wurde Jochen seit seines Vetters Weggang allgemein genannt und als solcher geachtet. Die Knechte fuhren auf und warfen sich hastig in ihre Kleider. Noch nicht da? Was sollte das heißen? Und sie standen erregt am knisternden Herdfeuer in der Küche und erwogen im Flüsterton allerlei Möglichkeiten. Sie fürchteten etwas Uli- bestimmtes, Schlimmes, ein schweres Unglück; er mochte im Walde verirrt, in einen Sumpf gerathen, in der Dunkelheit in einen der vielen und tiefen Feldteiche gefallen sein, oder der Schlag mochte ihn getroffen, oder ein Schwindel ihn ergriffen haben, und er lag jetzt irgendwo ohnmächtig, röchelnd, Hülflos, verlassen. Oder——— Der eine der Knechte verfiel auf einen Gedanken. Sollte er am Ende am Abend vorher in die Stadt gefahren sein, ohne iveiter Bescheid zu hinterlassen? Ja, das war wohl das Richtige. Er wollte gewiß noch für die Reise einkaufen, allerlei, was gerade bei solcher Gelegenheit üblich ist. Nützliches, Nöthiges und Unnöthiges. Die drei Berathendcn kamen zu dein Schlüsse, der Sicherheit halber auf dem Bahnhofe Nachfrage zu halten. Der älteste der Knechte, Heinrich, machte sich bei Tagesanbruch auf den Weg und schlug, um möglichst rasch ans Ziel zu kommen, den Feldsteig ein, auf dem er die Bahnstation in einer knappen halben Stunde erreichen konnte. Der Steig führte nach dem Walde zu, bog aber nicht in denselben ein, sondern lief am Saume fort, schnitt das Moor, ging dann in kurzem Bogen an einem Graben entlang über die das Moor umgebende Wiese und darauf in gerader Richtung über Ackerland nach dem Bahnhof. Der Knecht überlegte allerlei. Er dachte an die Feldarbeit. Das würde schon gehen. Auch ohne den Bauern. Ueberhaupt, was nützte der jetzt noch! Bald kam ein neuer. Der mochte es wieder anders haben wollen. Es mochte eine rechte Plage werden, bis der sich wieder eingelebt haben würde. Neue Besen sind die besten. Oder auch nicht. Aber die schärfsten. Und Jochen ging nach Amerika. Ob ihm nicht graute? Aber der Bauer David war ja auch drüben. Der hatte es gut. Soviel Geld! Die Erbschaft und den Hof! Der konnte lachen. Da würde er auch hinübergehen. Oder doch nicht. Grad nicht. Wozu? Er würde bleiben. So ein schöner Hof. Den würde er bewirthschaften. Aber leider! Er nickte restgnirt vor sich hin. Auf dem Moore blieb er plötzlich stehen. Eine hastige Bewegung vcrrieth ein tiefes Erschrecken. Ja, was war denn das? Dicht an dem Fußsteig lag ein Gegenstand, ein wohlbekannter: Jochens Mütze. Prüfend trat der Knecht auf sie zu. Es war kein Zweifel, sie gehörte ihm. Aber wo war 122 da der Träcier? Voll baiitzcr Ahnimgen schritt der Knecht dem Erlengebiisch zu. Sollte der Bauer in eine der Torfgrubcn gefallen sein? Er spähte aus.— Böller Entschen prallte er zurück. Dort lag Jochen, nicht in der Grube, sondern am Rande derselben, regungslos, offenbar steif und kalt, todt, längst schon todt. Er trat nicht näher. Was die Füße ihn tragen wollten, rannte er zurück nach dem Hofe, über- brachte die schaurige Nachricht und warf sich ans eines der Pferde, um den Gemeindevorstand herbei- zuholen. Und von dort jagte er nach der Kreis- stadt, um auf den, Landrathsamt und beim Physikus Anzeige zu erstatten.... lind jetzt hatte sich eine große Anzahl Neu- gieriger ans dem abgelegenen Ntoore angesammelt, die scheu den Tvdten umstand und hin und wieder ans den Fußsteig blickte, ob die Vertreter der Behörde noch nicht sichtbar wären. Gegen Wittag trafen diese ein: der Landralh, ein Sekretär, der Kreisphysilus und der Gcmeindevorstand, der den Herren bis an die Bahn entgegen gegangen war. Respektvoll machten die Leute Platz. Einen Augenblick standen die Angekommenen vor dem schaurigen Funde, und auf ihren Gesichtern spiegelte sich ihre innere Erregung. Dann aber trat der Kreisphysilus, ein weißbärtiger, würdiger Mann, schweigend an den Tobten heran, bückte sich und untersuchte ihn genau. „Der Tod ist eingetreten, lange schon," sagte er kurz und ernst,„gestern Abend, oder früh in der Nacht. Schuß in die Brust, ins Herz, ab- gefeuert aus nächster Nähe. Schrotladung, Reh- Posten. Der Rand der Kleidung ist an der Schuß- stelle geschwärzt, fast versengt. Die Gesichtszüge sind entstellt, verzerrt, ich lasse dahingestellt, ob hiernach auf einen vorausgegangenen Kampf, auf ein Ringen zu schließen ist; unwahr- scheinlich ist es nicht. Die blutunterlaufenen Stellen, die vielen Schrammen an den Händen und am Gesicht scheinen es zu bestätigen." Er trat zurück und schien nach Spuren zu suchen. Die trockene, harte Moorerde wies jedoch keinerlei Eindrücke auf. Der Arzt stampfte mit den Absätzen seiner Stiefel fest auf; die Erdkruste gab nicht im Geringsten nach.„Das ist umsonst," sagte er,„der Boden ist fest wie fetter, trockener Torf; da ist nichts zu untersuchen." Der Landrath war eine aristokratische Erschei- nung, hochgewachsen, noch jung. Er bekleidete seinen Posten erst kurze Zeit und war mit den Gewohn- heiten und der Sprache der Bewohner seines Kreises noch nicht vertraut. Aber er vertrat seine Pflichten mit Eifer. Die Leute auf dem Moore sahen ihn heute zum ersten Mal. Er schien sich während der vom Physikus vorgenommenen Untersuchung zu völliger fliuhe gefaßt zu haben und nahm jetzt das Wort, um an die Umstehenden Fragen zu richten. Er sprach langsam und schwieg nach jeder Antlvort überlegend. Der Dialekt machte ihm Schwierig- keiten, und es dauerte immer eine Weile, bis er den Sinn mit einiger Sicherheit herausfand. Zunächst wandte er sich an die Haushälterin: „Sie dient auf dem Schimmelhofe?" „Ja." „Ist Sie die Haushälterin?" „Jawoll." „Seit wann ist der Bauer vermißt worden?" „Sid güstern Abend. Klock acht 1 hemm'n wi äteii,2 und Klock teilt3 sünd wi to Bett gahn. Do wier he noch bitten."4 „Hat Sie das nicht beunruhigt?" „Nee, wi hemm'n dacht, he wier wo." „He loier wo?— Wo denn?" „Dat weet ick ni. Bi sin Leewste."3 „Wer ist das?" „Dat weet ick ni. Wie hemm'n man so dacht." Der Landrath sah sie musternd an und schwieg. Nach einer Weile fuhr er fort: „Wann hat der Bauer das Haus verlassen?" „G'iviß weet ick dat ni. Ick denk, so um Klock veer." > acht Uhr. 2 gegessen. 3 zehn. 4 drautzen. 5 Geliebte. „Haben Sie ihn weggehe» sehen?" „Nee." „Woraus schließen Sie denn auf die angegebene Zeit?" „Ick denk man so. Naher hcww ick cm ni mehr hürt." „Vorher aber?" „Jaivoll, he smeet de Dör von Fru Dwcetens Stulv tan, dat dat dörch dat ganze Htts baller." Der Landrath erkundigte sich, was das heiße: baller.„Knallen," erklärte der Gemeindevorstand. „Wer war Dwceten?" Der Vorstand gab Auskunft. Dann fuhr der Landrath, zu allen Umstehenden gewendet, fort: „Sie haben gehört, daß der Bauer erschossen worden ist, haben Sie einen Verdacht, wer der Thäter sein kann?" Alle sahen ihn fragend an. Keiner antwortete. „Sie etwa?" fragte er wieder die Haushälterin. „Nee." „Halte der Bauer Feinde?" „Ick glöw ni."4 „Haben die männlichen Bediensteten sich gestern Abend nicht aus der Behausung entfernt?" „Wat seggt he?" fragte die Dirne. Der Gemeindevorsteher legte sich ins Mittel: „Ob Hinnerk und Krüschan güstern Abend to Hus wesen sünd?" erklärte er. „Jawoll," entgegnete die Haushälterin bestimmt. „Woher wissen Sie das?" examinirte der Landrath. „Ick weet dat." „Ja, aber woher so genau?" Die Dirne wurde roth und sah den jüngeren Knecht an, der sich zur Seite zu drücken suchte. Dem Landrath war das nicht entgangen. „So, so!" sagte er, und ein feines Lächeln huschte blitzschnell über seine Züge. Er wandte sich an seine Begleiter.„Ich glaube, hier kontmen ivir vor der Hand der Lösung des Räthsels nicht näher. Wollen Sie"— er meinte den Vorstand— „freundlichst eine Wache hier lassen, wir wollen uns dann auf den Hof verfügen und dort Umschau halten.— Die Hausbewohner kommen mit," fügte er hinzu. Vier Personen blieben freiwillig als Wache zurück, die übrigen folgten in einiger Entfernung den Beamten. Auch auf dem Gehöfte hatten sich Neugierige eingefunden, die jetzt den Beamten ebenfalls nach- gehen ivollten. Der Landrath wies sie freundlich, aber entschieden zurück. Sie traten zunächst in das Wohnzimmer. Der forschende Blick des Beamten fiel auf einige Hirsch- geweihe. „War der Bauer Jagdliebhaber?" fragte er. „Er war der Pächter der Dorfjagd und jagte gern," entgegnete der Gemeindevorsteher,„ich habe ihn zuweilen begleitet." „Wo ist der Platz für sein Gewehr?" „Achter'n Aben," 2 entgegnete die Haushälterin. Eine Doppelflinte hing dort. „Ist es das hier? Hatte er nur das eine?" „Nee, twee. Dat is den'n Bnrn David sin," sagte das Mädchen, verwundert, wo das zweite geblieben sein könnte. Der Landrath uickte dem Physikus bedeutsam zu. „Halten Sie etwa einen Selbstmord für aus- geschlossen, Herr Dokior?" fragte er. „Das nicht. Aber dann hätten wir doch die Waffe finden müssen." Der Landrath überlegte.„Wo ist das Schlaf- zimnier des Bauern?" Die Haushälterin führte die Herren dort hin. Es war eine schlichte Kammer, neben der Dresch- diele gelegen, einfach weiß getüncht, doch sauber und hell. Alles war in größter Ordnung. An der einen Wand stand ein mächtiger hölzerner Koffer. Er war mit Eisenbändern vielfach be- schlagen und, leicht erkenntlich, erst in neuerer Zeit, wohl für die Reise. Ein Gewehr war nicht zu eut- decken. > Ich glaube nicht. 2 Hinter dem Cftn. „Sollte er es— es wäre ja möglich— eingeschlossen haben, um es über den Ozean mit- znuehtnen?" bemerkte der Landrath fragend. „Das könnte— Hut, undenkbar ist es nicht," meinte der Gemeindevorsteher.„Der Koffer ist ja groß genug, und das Gewehr Ivar ein gutes Stück, mit geschnitztem Kolben und schön ciselirten Be- schlügen,— schon des Mitnchmens Werth." „So brechen Sie den Koffer auf," wandte sich der Landrath an einen der an der Thür stehenden Knechte. Mit Hülfe eines Stemmeisens und einer Axt war der Befehl bald ausgeführt. Sauber ge- ordnet lag obenauf Jochens Sonntagsanzug von schwarzem Tuche. Dann folgten zwei andere An- züge, Hemden, Strümpfe, und ganz am Boden ein vielfach umwickeltes Packet. Der Landrath ließ es durch seinen Sekretär öffnen. Es enthielt Papier-, Gold- und Silbergeld. Der Landrath war überrascht. Wie kam denn das hierher?„Hatte Jochen Duggen so viel Ver- mögen?" fragte er den Gemeindevorstand. „Das nicht, aber es ist trotzdem erklärlich," entgegnete dieser.„Es ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein Theil der Kaufsumme für den Hof. Die Uebergabe sollte ja schon am Ende der Woche statt- finden." „Das liegt nahe; eine andere Vermuthung hegen Sie indeß nicht?" „Nein, keine." Man zählte.— Achtzehntausend Mark. Der Landrath betrachtete gedankenvoll das Geld. Er schüttelte den Kopf.„Das ist ein anderer Fund, als ich ihn vermuthet hatte. Aber das steht jeden- falls fest: das Gewehr ist nicht hier; kann es noch wo anders sein?" Die Haushälterin verneinte. „Dann, meine Herren," fuhr der Landrath fort, „ist die Vermuthung nicht abzuweisen, daß er die Waffe mit sich genommen und Selbstmord verübt hat. Was ihn dazu veranlaßt?, das zu untersuchen, ist nicht unsere erste Aufgabe. Vielleicht trifft es zu, was die Leute sagten: er hat hier sein Herz verloren und sich nicht trennen können; oder die Heimath hat an ihm ihre Macht ausgeübt und ihn nicht losgelassen— auch das wäre denkbar, auch das ist dagewesen. Aber wie dem sei: zunächst ist jedenfalls festzustellen, um welches Verbrechen es sich hier handelt.— Liegt die Leiche nicht dicht am Rande einer wassergefüllten Grube, und kann in diese hinein nicht das abgefeuerte Gewehr ge- fallen sein? Unter allen Umständen wollen wir dies sogleich untersuchen. Sind Haken zur Hand, mit denen das Wasser durchforscht tverden kann? Gut— dann bitte ich, mir zu folgen." Er schritt, nachdem er das Geld dem Gemeinde- Vorsteher in Verwahrung gegeben hatte, voran und draußen schlössen die immer zahlreicher gewordenen Dörfler sich wieder an. Jeder der Knechte war mit einem der großen Haken, wie sie fast auf jedem Bauernhöfe zu finden sind, verschen und einer von ihnen trug auch noch eine Leiter mit. Als sie auf dem Moore an- gekommen waren und sich nach der Grube begaben, in deren Nähe Jochen gefunden worden war, sammelte sich die ganze Menschenmenge rings herum, um dem Beginnen zuzuschanen. Man vermnthe, er habe Selbstmord begangen, so ging im Fluge die Kunde, und man wolle nun in dem Wasser das Geivchr suchen, das hineingefallen sein solle. Die Knechte senkten ihre Haken ein und begannen zu fischen. Regungslos waren Aller Augen auf ihr Vornehmen gerichtet. Einer der Knechte fühlte am Boden einen Gegenstand. Er hakte ein und suchte zu heben. Aber das konnte nicht das Gewehr sein, es war zu schwer. Es mochte eine erhöhte Stich- wand im Torfboden sein. Er machte den Haken wieder frei und trachtete, sich durch Tasten mit der Stange zu vergewissern. Aber auch die Annahme einer Stichwand schien nicht zuzutreffen. Es zeigte Erhöhungen und Vertiefungen und war nicht glatt an der Seite, wie die scharf weggestochenen Torf- wände. Der Mann setzte langsam den Haken wieder ein und faßte weiter nach. Der Gegenstand wurde jetzt von dem Haken fortbewegt und von dem Me Acue A)clt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 123 Knechte mit A> strenguxg an die Oberfläche ge- zogen... Da— ein Schrei aus hundert Kehlen zugleich ertönte, jählings ließ der Knecht den Haken fallen und stand bleich und zitternd, mit schwergehcndem Athem. Die Menge wich entsetzt zurück, und auch der Arzt und der Landrath waren aufs Tiefste erschüttert. Der Letztere faßte sich zuerst wieder.„Ein neues Gcheimniß scheint zum ersten zu kommen," sagte er mit leicht vibrirender Stimme,„vielleicht liegt doch ein Mord vor, und der Mörder des unglücklichen Jochen Duggen ist seinem Verhängniß unmittelbar zum Opfer gefallen. Legt Hand an, Leute; es ist unsere Pflicht, die volle Wahrheit, und sei sie noch so traurig, klarzustellen.— Das war der Fuß eines Menschen, was wir gesehen haben... Das schaudervolle Werk zu vollenden kann uns nicht erspart bleiben." Zitternd vereinten die beiden Knechte ihre An- strcngungen, mit Mühe hoben sie einen schweren Körper empor— mit dem einen Haken zufällig auch Jochens Gewehr, das sich am Riemen ver- sangen hatte und hinter dem Todten herschleppte. Fast wäre der Letztere den Knechten noch wieder entglitten, so erschraken sie, als sie die Kleidung und das schtvarze Gesicht näher betrachteten. War das nicht..... Ein Ausruf des Staunens ent- fuhr ihren Lippen, und mit weitgeöffneten Augen schauten sie auf den eben ans Land geborgenen Todten..... „Der Bauer David I David Duggen!" Sie hatten es nicht allein gesagt, es war ein Ruf aus Aller Munde. „David Duggen!" stotterte auch der Gemeinde- Vorsteher und warf einen scheuen Blick ans die Leiche Jochens. Niemand sprach aus, was er dachte, aber Jeder begriff im Nil den Zusammenhang. „Wie kam das Geld in den Koffer? Wissen wir jetzt vielleicht auch das?" meinte der Landrath fragend zu dem Vorsteher. Dieser nickte, und der Landrath setzte ernst hinzu:„Man macht zuweilen die Rechnung ohne den Wirth. Ob auch ohne das Gewissen? Ich glaube, Jochen Duggen könnte davon reden." E) ft erA e d en. Von Detlev Roberty. verstehen unter Ostern heute gemeinhin jenes größte und wichtigste der christlichen - � Kirchenfeste, das zur Voraussetzung und pim Gegenstande den Glanben an Jesus„den Auferstandenen" hat und von den Bekennern der hristlichen Religion am ersten Sonntag nach Frühlings- lollmond begangen zu werden pflegt. Allein so sehr nich der heutige Charakter dieses christlichen Festes inrch Glanbenssätze und Vorstellungen bestimmt wird, vie sie sich an die Lehre und den Tod jenes jüdischen llabbi Jeschna knüpften, wurzelt das Fest selbst n der alten Institution des Passah oder Pesach, >as dem Andenken an die Befreiung der Israeliten 10m Joche der Egypter gewidmet war. Daraus erklärt es sich auch, daß dieses jüdische Ostern und ,as christliche zeitlich ziemlich zusammenfallen. Daß rotz einer gewissen, ihm mit dem Pesach gemein- amen Wurzel das christliche Ostern sich als Kult edoch völlig selbstständig entwickelte, ist natürlich. Wie dieser aber nach manchem Streit— und wann nid worüber hätte die Kirche nicht gestritten— inn heute ausschaut, mag Jeder, der Wcihranchduft nid Kirchcnlnfl vertragen kann, selbst zusehen. Uns ntercssirt vielmehr ein Anderes, nämlich, daß man iber dem kirchlichen Feste ganz vergessen hat, daß Ileich Weihnachten- dem alten Julfest unserer llorfahren—, auch Ostern eine Bcdeutnng inne- vohnt, die über den spezisisch religiösen Charakter icsselben weit hinausgeht. Wie mitten im tiefsten Winter mit allerhand üpfer, Schmaus und Zechgelage von den germanischen Stämmen das Wintcrsoiinwendfest begangen wurde, so lag zu Beginn des Frühlings ebenfalls ein großes Opferfest, das der Freude über das Wiedererwachen der Natur, das neue Blühen und Wachsen in Wald und Feld Ausdruck verleihen sollte. Gleich dem Jnl- feste war diese Frühlingsfeier ein echtes und rechtes Volksfest, bei dem die Volksgenossen ans allen Gegenden, aus Nah und Fern zum Ding zusammen- strömten, um außer Opfer und Gottesdienst gleich- zeitig Gericht abzuhalten, eine Musteruiig der waffenfähigen Mannschaft vorznnehnien und die allgemeinen Volks- oder Stammesangelegenheiten zu berathen. Aber freilich war dies nur das Nützliche, Noth- wendige, was man mit dem Angenehmen des eigent- lichen Festes, dem Opferschmans, den Gelagen und zahlreichen Spielen und Belustigungen aller Art ver- band. Ein genaues Bild derselben zu entwerfen ist heute nicht mehr möglich, da viele Bräuche des großen Volksfestes sich mit den kleineren Festen der Gemeinden, der Bauern und Hirten mischten, und diese unter der Herrschaft des Christenthiims und des mit ihm einziehenden römischen Kalenders dann auf das ganze Jahr vertheilt wurden. Was nun den Namen des germanischen Frühlingsfestes angeht, der von der Kirche für ihre in un- gefähr dieselbe Zeit fallende religiöse Feier über- nonimen wurde, so hat der Name Ostern, wie früher und noch jetzt hier und dort fälschlich angenommen wird, nichts mit einer germanischen Gottheit, etwa speziell einer Frühjahrsgöltin Eostre oder Ostara zu thun. Möglich, daß eine solche als Göttin der Morgenröthe gleich der Eos der Griechen oder der Aurora der Römer auch bei den Germanen eristirtc, jedenfalls hat sie dem Frühlingsfeste, das überhaupt keiner bestimmten Gottheit gewidmet war, ihren Namen nicht geliehen. Vielmehr ist die Be- zeichnung Ostern einfach der Zeit entnommen, in welche die Feier fiel, und diese trug, neben dem Namen des römischen Kalenders„April", bei Deutschen und Angelsachsen den Namen Ostermond. Wie bei den zahlreichen anderen Monatsnamen der Germanen war auch dieser dem besonderen Charakter des Monats elitiiommen, und hat man sich, entsprechend einem häufig wiederkehrende» germanischen Wortstamme austra (östlich, morgcnlich), unter Ostermond den Monat des neu erwachenden, zunehmenden Morgenlichtes zu denken. War es, wie auch heute noch, doch eben in erster Linie das wiedergeborene Licht, die Sonne, der der Jubel, das frohe Hoffen und Grüßen des Rtenschen galt. War sie es doch, die nach langer, dunkler Nacht die Erde von der strengen Herrschaft des Winters befreite, die mit ihren siegreichen Strahlen die eisigen Fesseln des harten Tyrannen löste und als Kündigerin und Bringerin einer schöneren Zeit, eines neuen blühenden Lebens allüberall die Herzen mit Glück und Freude erfüllte. Und ist es nicht auch heute»och ebenso? Selbst bei Denen, die noch die Osterglocken locken, die noch im Glanben an den„Auferstandenen" ihr Heil erblicken,„die noch dorthin die Augen blinzend richten, sich über Welten Ihresgleichen dichten"? Doch mag auch für sie das schmerzvcrzcrrte Antlitz des gemarterten Btanncs am Kreuze anziehender sein, als das fröhlich lachende, lebenslustige Angesicht des Lenzes, mögen sie mehr die dumpfen Kirchenhallen locken als der luftige blaue Hiiiimelsdom, der sich über die frühlingsgrüne, sonnige Erde wölbt; wir, die wir mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehen, die wir mit freiem, un- befangenem Auge in die Welt schauen, wir wollen als freie, fröhliche Heiden gleich unseren Vorfahren uns ganz nur dem Jubel, ganz nur der Freude am neuerwachten Leben weihen. Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus Handiverks- und Gewerbesbanden, Aus der Straßen quelschender Enge. Hinaus in Luft und Sonne, in Licht und Freiheit! Freiheit? Ach, vorerst nur für wenige, knappbemcssene Stunden! Denn der Freiheit Luft, die wir be- gierig draußen in Wald und Feld unter dem milden, weichen Blau des Frühliiigshimmels einsaugen, wir können sie ja nicht mit uns nehmen; in der„niedrigen Hänser dunipfen Gemächern" wohnt sie nicht, und unter Fabrik- und Gewerbesbanden gedeiht sie nicht. Doch werden wir darum verzagen? Nein und drei Mal nein! Denn wenn wir auch die Freiheit draußen ließen in Wald und Feld, Eines haben wir doch mit heimgebracht: neuen Blnth, neue Kraft und neues Hoffen. Das sonnig-lachende Bild der wieder- erstandenen Natur ist uns ein Zeichen, ein Symbol des eigenen Lebens. Wie die lang gehemmten Kräfte und Säfte der Mutter Erde zu neuem Sein und Wirken drängen, wie sie die Fesseln brechen, die sie in langer Winterkncchtschast tragen mußten, wie unter dem lench- tenden, belebenden Blick der Frühlingssonne selbst die stärksten Bande sprengen, so sicher wird und muß auch ein Ende der langen Winterknechtschaft kommen, in der noch heute Millionen und Abermillionen von Menschen schmachten. Das Fest der Wintersonnenwende liegt schon hinter uns, auch unsere Sonne ist im Auf- steigen begriffen. Und so wenig selbst der mächtigste Herr, der schwärzeste, lichtscheue Kuttenträger das glänzende Gestirn des Tages vom Himmel reißen kann, so wenig auch wird Priester- oder Herrscherhand unsere Sonne, das Licht der Aufklärung, der Freiheit aus- löschen und vernichten. Und wenn dann nach letztem Märzsturm unser Frühling, der Meiischhcitsfriihliug angebrochen ist, wenn wir gleich unseren Vorfahren ein Frühlingsfest, ein neues Ostern feiern, dann wollen auch wir zum Ding zusammentreten, des neu erstandenen Lichtes uns zu freuen, und unsere Mannschaft mustern, doch nicht zu blutigen Thaten des Krieges, sondern zu Werken des Friedens, der Kultur, zur Aufrechterhaltung wahrer„Sitte und Ordnung". Ob man auch dann noch in der päpstlichen Kapelle zu Rom heilige Kerzen weihen wird? Ob das eintönige Bim-bam der Glocken auch dann noch reuige, zerknirschte Sünder in die Kirche lockt? Ich glaube es kaum. Aber einen Auferstandenen wird man doch feiern an jenem Tage; einen, der nach einem Leben voll Blut und Wunden nach langer Passionszeit auch wieder aus dem Grabe auferstanden ist- das Volk. SpieLkinder. Roman von Georg Hermann. (Forlseyung.) f rst jetzt konnte ich sie genauer betrachten, weil sie in's Helle getreten war.—— O mein Gott!— Meine arme, liebe Lies. Was war aus ihr geworden! Damals ein junges, lebensfrohes Geschöpf in überschänniender Jugcndfülle. Alles wogte, kochte an ihr. Lust, Muth und Kraft pnlsirten in jeder Bewegung. Und jetzt! Die Bewegungen matt und langsam. Ihre Züge waren wieder weich und kind- lich geworden, als ob sie sich um zehn Jahre ver- jüngt hätte. Ihr Gesichtchen war schmal und ließ die großen Augen noch größer und tiefer erscheinen. Die Haut von durchscheinender, bläulicher Marmorblässe. Der trotzige, selbstbewußte Zug um die Lippen, der den Btund so— so— verachtungsvoll verziehen konnte, war gefallen. Der Feind hatte auch dieses'Fort geschleift. Durch Laster und Armuth allein hätte sie in zwei Jahren nicht so sehr herunterkommen können. Lies stand mir noch immer gegenüber, sie sprach kein Wort, aber ihre Augen flehten zu mir empor. Schwerfällig hob und senkte sich ihr Busen. Unterhalb des Backenknochens bildeten sich plötzlich zwei dunkclrothe Flecke.— Ich begriff, wie es hier stand. „Lies!!!" Wieder lag sie in meinem Arm, schmiegte sich an mich, lehnte den Kopf an meine Schulter und schloß die Augen. Meine Schreinen fielen auf ihre Wangen und zogen lange Spuren auf der bleichen Haut. Sie empfand es wie eine Liebkosung und schmiegte sich nur inniger an mich. „Lies," begann ich endlich,„drin ist Engens Mutter, sie möchte mit Dir sprechen." „Ja, ja, Georg, ich komme.—--" 124 Die Acue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Guten Tag, mein Fräulein," sagte Fran Satte und nahm das Tuch von der Nase. „Sehen Sie, mein Fräulein, vor Ihnen sitzt eine arme, nnglnckliche Mutter"— in Seidenkleid, Spitzenkragen und Blninenhut—.„Sie haben gewiß selbst einmal eine Mutter gehabt, wissen, wie eine Mutter empfindet. Mein liebes Fräulein, ich flehe Sie an!!!—" „Bitte, meine Dame, stehen Sie vom Boden ans, wir sind doch hier in keinem Theaterverein?!" „Geben Sic mir meinen Sohn zurück!!" „Jaivohl! Er ivird bald kommen, Sie können ihm dann selbst sagen, daß er mit Ihnen gehen soll. Ich mag nichts mehr mit ihm zu thun haben.— Aber das sage ich Ihnen, belästigt er mich noch einmal irgendwie, oder will er versuchen, Geld von mir herauszupressen, so wahr ich hier stehe, ich über- gebe ihn sofort der Polizei! Ich hätte es vielleicht scbon längst gethan, wenn ich nicht an Sie gedacht nnd mit Ihnen IMitlcid gehabt hätte. Ich kann es Ihnen sagen, ich habe Ihren Sohn einmal lieb ge- habt; aber seit ungefähr einen, Jahre, wo ich da- hinter gekommen bin, was für ein niederträchtiger Lump Ihr Sohn ist, seitdem verabscheue ich ihn, wie Aas!!----- Gnädige Frau! Hätte ich nie Ihren Sohn kennen gelernt, heute wäre ich nicht so Eine, vor der die Menschen ausspeien.— Aeh.— Hm.— Es ist ja nicht Werth, daß man darüber spricht!—-- Und Ihnen kann es ja auch gleich sein, Sie werden nach wie vor Ihren lieben Jungen für einen Ausbund aller Tugenden halten!--- Aber hören Sie auf mich. Das prophezeie ich Ihnen: Ihr Sohn endet im Zucht- haus!--- „Ein Wort von mir genügte, und er wäre schon dort. Nicht meinetwegen, aber er hat noch andere Sachen auf dem Gewissen, die---" Lies hatte sich so erregt, daß sie kaum Luft bekommen und nicht weiter sprechen konnte. Frau Salle fuhr auf: sie ließe sich ihren Sohn nicht verschimpfiren und am allerwenigsten von solch einem gemeinen Niensch. Sie und alle Welt wisse genau, an wem die Schuld liege. „Ist sie da?" erklang plötzlich draußen eine rauhe Stimme und schon öffnete Eugen die Thür. Die Mutter stieß einen Schrei aus, und Eugen wollte sich wieder hinausdrücken. „Eugen, Du bleibst hier und stehst Deiner Mutter Rede!" Ich hatte mich zwischen ihn und die Thür gestellt. „Engen," begann Frau Salle honigsüß.„Sieh, Deine arme, alte Mutter"— in Seidenkleid, Spitzenkragen und Blumenhut—,„was für einen Kummer bereitest Du ihr?! Wenn Du wüßtest, wieviel schlaf- lose Nächte ich Deinetwegen schon durchwacht habe! Eugen, ich bitte, ich flehe Dich an, kehre zu mir zurück!" Eugen sah verlegen auf die Spitzen seiner Lack- schuhe, trat dann vor den Spiegel, um sich die Kra- vatte zu richten, die Haare zu bürsten und den Schnurr- bart zu drehen. „Eugeeen! Sei ein Mann!! Reiße Dich ans den Armen dieses trügerischen Weibsbildes, welches Dich nicht liebt. Deine arme, alte Mutter--" Eugen wandte sich zu Lies.„Hast Du Geld für mich?" „Nein!!" „Ich soll Dich ivohl wieder— wie neulich." „Engen! Höre auf Deine Mutter und geh' mit ihr fort. Wir Beide haben in dieser Welt nichts mehr miteinander zu schaffen. Wenn es aber eine andere Welt giebt, da halten wir Beide Abrechnung. Gott ist mein Zeuge, ohne Dich wäre ich nicht Das geworden, was ich hentc bin. Wenn es noch eine Vergeltung giebt—" Engen machte ein so gleichgültiges Gesicht, als ob Lies vom Wetter spräche. „Eugen!!! Binnen einer halben Stnnde hast Du meine Wohnung verlassen," kreischte Lies,„sonst wahrhaftig— übergebe ich Dich der Polizei, nnd solltest Du noch einmal wagen, zu mir zu kommen — ich— ich— ich—" Plötzlich veränderte sich Eugens Gesicht und die blasse Wuth verzerrte es beinahe teuflisch. „Du gemeiner Dreckfetzen! Du Aas! Du willst mir Vorwürfe machen? Die Knochen im Leibe schlage ich Dir Sau entzwei!!!" Er war auf Lies zugestürzt, welche ängstlich auswich. „Mensch, ich schlag' Dich todt, rührst Du das Mädchen an!!" Schon hatte ich ihn an der Brust gepackt. Blitzschnell grissEugen hinten nach der Hosentasche. „Georg!" gellte es. Lies warf sich zwischen uns.— Plötzlich sehe ich ein Messer in der Luft und an Lies' Oberarm einen rothen Blutfleck, welcher sich schnell auf dem »veißcn Kattun der Blouse vergrößert. Engen erhob die Hand zum zweiten Mal. Aber da erfaßte ich sein Handgelenk und schlug seine Knöchel dermaßen auf den Bettrand, daß er vor Schmerz aufschrie, die Finger öffnete uird das Messer fallen ließ. Nun war ich nicht mehr Herr meiner selbst; mit aller Kraft schlug ich ihn mit der Faust ins Gesicht und warf ihn dann in der Ecke zwischen Bettlade und Waschtisch zu Boden, daß er liegen blieb. Erst jetzt bemerkte ich, daß Fran Salle, welche uns trennen wollte, mir mit den Nägeln eine Schramme vom Ohr bis zum Kinn gezogen hatte. Eugen erhob sich wieder, er hatte einen großen, rothen Fleck im Gesicht, und das Blut rann ihm aus der Nase über den Schnurrbart. „Warte, mein Junge, wir treffen uns noch mal." „Ach, Du Feigling, meinetwegen kannst Du so viel Messer nehmen, wie Du magst. Wenn ich es gewollt hätte, ich hätte Dich ja todtschlagen können, wie einen tollen Hund." Eugen zitterte am ganzen Körper vor Angst oder vor Wuth. Ich war wieder ruhig geworden.„Lies, was ist mit Dir?" „O nichts, Georg!" Ich strich den Aermel ihrer Blouse zurück. Es war nur eine kleine, oberflächliche Hautwunde. „Thnt sie weh?" „Nein!— garnicht!" „Eugen," begann ich, als ob garnichts zwischen uns vorgefallen wäre.„Ich weiß. Du bist ein leicht- sinniger Mensch, aber für einen Lumpen habe ich Dich bisher nicht gehalten, ich glaube es auch jetzt noch nicht, daß Du einer bist. Du bist einfach von Stufe zu Stufe gesunken, und ebenso gut kannst Du ivieder herauf kommen. Du mußt nur in eine Stadt gehen, wo Dich Niemand kennt und wieder zu arbeiten versuchen. Denn sieh'mal, hier hast Du Dich ja doch unmöglich gemacht.-- Und nun etwas Anderes, gnädige Fran.— Lies, würdest Du vielleicht ein- mal herausgehen?! Ich bitte Dich darum. Sie that eS unwillig— aber sie that es." „Ihr Sohn hat Jahre lang mit dem Mädchen verkehrt. Ob er daran schuld ist, daß sie Das ge- worden, was sie heute ist, oder ob es ihr eigener Leichtsinn war, kann ich nicht entscheiden. Ihr Sohn hat von dem Mädchen doch viel Geld empfangen. Sie sagten mir ja selbst, daß sie ihn anshiclte. Sie sehen auch, Frau Salle, wie krank das Mädchen ist." „O, Herr Geiger, da täuschen Sie sich wohl, das Weib ist gesund, wie der Fisch im Wasser!" „Schwindsucht, gnädige Frau, oielleicht noch rettbar— vielleicht." Frau Salle erblaßte.„Eugen, wenn Du Dich nur nicht angesteckt hast!" „Hm— alsooo— Sie sehen ja, gnädige Frau, wie ungern das Mädchen bei diescni Gewerbe ist, nnd wie gern sie es aufgeben würde, wenn man ihr die Hand dazu reichte. Jetzt muß ich Sie bitten. Frau Salle, hören Sie zu, ich selbst habe während meiner Dienstzeit viel zugesetzt und bekomme jetzt ein Gehalt, das kaum für mich selbst ausreicht. Ich kann für das Mädchen nicht so sorgen, ivie ich es gern thnn würde. Wollen Sie dem Mädchen, das heißt mir, sagen wir, monatlich dreißig Mark, leihen'? Ich konnne Ihnen dafür auf. Soviel mir möglich ist, will ich ihr selbst geben, vielleicht kann Eugen, wenn er eine Stellung hat, auch ein wenig bei- steuern, damit sie sich wenigstens für's Erste pflegen kann. Später soll sie ja wieder in ein Geschäft, man wird ihr schon irgend eine Stelle verschaffen können." Eugen stand immer noch am Spiegel. Er hatte noch kein Wort gesprochen. Er kante nur an den Nägeln, wie ein armer Sünder. „O, ich hoffe doch, Herr Geiger," sagte Frau Salle mit freundlichem Lächeln,„es wird nicht nöthig sein. Vielleicht kann das Mädchen gleich in ein Geschäft gehen." „Ja, und binnen einem halben Jahre sterben!" „Gott, Mutter!" höhnte Engen plötzlich,„durch- schaust Du denn nicht seinen Plan? Er will sie nur wieder haben und hat dabei kein Geld, sie zu halten. Er fürchtet, sie könnte ihm sonst wieder— untreu werden." „Lump, niederträchtiger! Glaubst Du, ich werde noch einnial in meinem Leben das Weib berühren, das Du Jahre lang beschmutzt hast, das Du in den Dreck gezogen hast, Du nichtsivürdiger Hallunke?!! Geh, Kerl, oder ich schmeiß Dich die Treppen runter --- Frau Salle, ich brauche Ihre Hülfe nicht, gehen Sie und nehmen Sie Ihren Sohn mit. Hüten Sie ihn aber, daß er mir niemals unter die Fäuste kommt. Ich erschlag ihn!!" Eugen wurde aschfahl, erwiderte kein Wort. Er zog nur den Arm hoch, um einen Schlag im Roth- fall pariren zu können. Das Messer lag noch unter dem Bett und mit ihm Eugens Muth. „Jetzt gehen Sie, gnädige Frau. Bitte!" „Komm, Engen," sie ergriff seinen Arm. Eugen spie aus und ging. „Wart', wir sprechen uns noch, aber anderswo," rief er mir draußen zu. „Glaubst Du vielleicht, daß ich jemals dahin kommen werde, wo Du hin kommst?!!" Hätte Lies mich nicht mit aller Gewalt zurück- gehalten, ich hätte ihn die Treppe heruntergeworfcn. „Nun sind sie fort, hoffentlich fiir immer." Lies schwieg. „Komm, Lies, wir wollen uns jetzt hinsetzen und ein wenig miteinander plaudern." Lies folgte meiner Aufforderung, schwieg aber immer noch. „Nun, Lies?" „Georg, könntest— Du— mir— wohl— wieder— gut sein?" preßte sie endlich mühsam hervor. „Ja, Lies, ich bin Dir gut." „So, wie damals?" „Wie meinst Du das?!!" „So— wie ehemals—, weißt Du, als ich — noch im— Geschäft— war." Ich verstand sie und fuhr erschreckt auf.„Nein, Lies, das ist unmöglich! Das ist aus! Das könnte ich nie mehr!— Ich will Dich stets gern haben; — Ich will für Dich thun, was ich für Dich thnn kann;— aber Das ist unmöglich,, verkehren' können wir nicht mehr miteinander, und wenn Du auch von heut an eine Andere wirst, und das wirst Du, Lies.-- Sieh mal, Kind, da stehen zu Viele zwischen mir und Dir. Denk an all das Schlechte der letzten Jahre und denk an unsere Zeit, wo wir zusammenlebten. War es nicht gerade, als ob wir Mann und Frau gewesen wären, so rein, so glück- lich waren wir zusammen,— Lies, und ivas sollte jetzt aus uns werden? Sollen wir wirklich die schönste Erinnerung unseres Lebens beschmutzen? Du bist nicht mehr das'Mädchen von ehemals, und Lies— ich bin auch nicht mehr derselbe.— Und dann, Du bist krank! Du brauchst Ruhe; Du brauchst Pflege!———" Lies hatte den Kopf auf den Tisch sinken lassen und schluchzte, als ob ihr das Herz im Leibe bräche; plötzlich hob sie den Kopf. Ihre Wangen glühten, ihre Augen flammten in wildem Begehren. „Nein!! Ich brauche Liebe— Liebe, und wenn ich Das bleiben soll, was ich bin!" „Lies, Du— armes— Geschöpf!" „Georg," sie war aufgestanden,„sage mir nur das Eine, was Hab ich sonst noch vom Leben?— Ich bin ja todtkrauk!—" „Nein, Lies, Du wirst gesund werden." 126 „Nie!--- Und die Zeit, die paar Monate, die ich noch lebe, warum soll ich die nicht bleiben, was ich bin? Ich bin im Schmutz geboren— laß mich auch im Schmutz sterben, Georg! Ach, mein lieber Junge," sie nahm meinen Kopf zwischen beide Hände,„wenn Du wußtest, wie ich mich nach Dir gesehnt habe. Ich dachte ja immer. Du würdest noch mal kommen, und jetzt ist es doch zu spät!" „Sei ruhig. Lies, es muß ja noch Alles gut werden." „Nein, Georg!— Georg, ich bitte Dich nur das Eine: Laß mich Das bleiben, was ich bin! Laß mich allein sterben! Du sollst Dich nicht mit mir quälen! Ja, wenn Du mich wieder lieben könntest, wie ehemals—?" „Ich kanns ja nicht. Ich kanns ja nicht. Lies!!" „Sieh, Georg, mein Leben hat doch keinen Werth mehr." „Lies, und wenn ich noch des Nachts hindurch Straßen kehren soll. Dir soll nichts abgehen,— ich will Dich pflegen, wie Deine Mutter!" Lies spie ans. „Und glaubst Du denn, ich würde auch nur einen Pfennig fon Dir annehmen?— Deine Liebe—" —— Die letzten Worte verklangen in einem Röcheln. Aus dem Mundwinkel rann ihr ein rothcr Tropfen. Sie preßte beide Hände vor die Brust. „Gott!! Lies!! Lies!!" „Laß mich! Laß mich! Das Hab ich schon öfter gehabt, das geht vorüber— sooo— siehst Du, ich weiß— ich habe— nur noch— ein paar— Monate zu leben, und warum soll ich diese kurze Zeit nicht glücklich sein? Du bist ja mein Eines und mein Alles--!!" „Aber, Lies, ich kann es ja nicht!" „Ach ja, Georg, Du hast Recht— Du kannst es nicht— ich bin ja— eine—" wieder sank ihr Kopf auf den Tisch, wieder schluchzte sie. „Lies. Schau, Kind, morgen komm ich zu Dir. Hier in diesem elenden Winkel kann ich Dich ja nicht lassen; dann Hab ich Dir ein sauberes, hübsches Zimmer besorgt. Weißt Du— so eins wie Dein früheres, und dann»virst Du gut essen und gut trinken— und vielleicht zum Winter, wenn ich mehr Geld habe, gehst Du nach Italien. — O, dort ist es schön. Lies! Immer Sonnen- schein, und so schöne Schlösser und so schöne Blumen— und wenn Du dann ganz wieder gesund zurückkommst, siehst Du, dann,— ja— dann—" Ich sprach in dem Tone, als ob ich einem Kinde ein Märchen erzähle. Lies schaute auf. „Ja, Georg, ich will es thun," sagte sie müde und gleichgültig,„aber— aeh— ich möchte schlafen, ich bin so matt, ich fühle mich— garnicht— wohl. Konini morgen wieder, dann reden wir— zusammen." „Ja, Lies,"— ich sah sie fragend an; sollte sich vielleicht etwas unter diesen Worten verbergen? Sie beachtete meinen Blick nicht, sondern starrte abgespannt vor sich hin. Nein! Ihr Gesicht war zu müde und zu ruhig, es war keine Spur inneren Kampfes darin zu lesen. „Ja, Lies,"— ich wandte mich ab, weil mir die Thränen in die Augen traten,„dann komme ich morgen. Gute Nacht!" Als ich schon an der Thür war, sprang Lies plötzlich auf, umarmte mich und küßte mich wieder und wieder, als ob sie mich garnicht mehr von sich lassen wolle. „Lies, morgen Mittag komme ich zu Dir. Geh! Schlaf wohl, mein Kind!" „Ja, morgen Mittag, Georg.—" Und ich ging. Draußen dunkelte es schon; es war so recht unfreundliches Wetter. Die Gasflammen, die eben angezündet wurden, schwammen in milchigen Nebelflecken. Einen prickelnden Staubregen schlug mir der Wind ins Gesicht. Alles eilte, um nach Haus zu kommen, nur die Dirnen, die zahlreich in diesem Stadttheil wohnten, liefen, wie gehetztes Wild, trostlos in den Straßen umher. Jetzt wohin? Nach Haus konnte ich nicht, ich war zu erregt. Ich mußte gehen. Es war, als ob nian mir mit kleinen Hämmerchen ans dem Schädel hernmgetrominelt hätte, so schlvirrte es mir im Kopf, so matt fühlte ich mich, so zerschlagen. Ich eilte am Kanal, im Dunkel der Bäume entlang; über das schwarze, gurgelnde Wasser er- gössen sich von drüben her breite Lichtstreifen. Alles verschwamm vor meinem geistigen Auge. Ich vergaß die ganzen Erlebnisse des Nachmittags. Ich sah nur Eines vor mir, und das war— Lies. Ich sah jeden Zug ihres Gesichtes, jede Bewegung der Augenbrauen, hörte jedes Wort, das sie ge- sprochen, noch einmal. Ich verglich sie mit früher, alte Erinnerungen, die ich längst begraben wähnte, entstiegen, gesellten sich zu mir. Damals!— Damals!— und jetzt.— Nein!! Das war ja Lüge, ich hatte sie und mich belogen. Noch liebte ich sie, gradso wie damals, gradso wie ich sie früher geliebt hatte. Ja, sag mir nur das Eine: Was soll nun daraus werden? Wie sollte, wie konnte ich ihr helfen, wo ich mich selbst nicht mehr auskannte? Und dann, was sollte aus ihr, was aus mir, was aus uns Beiden werden? Sollte sie wieder mein Berhältniß werden? Nun gut! auf wie lange? ach! auf wie lange? Sie muß ja doch bald sterben. Nein!— Nein!!--- Ja— ja— doch——— bald— Oder sollte ich sie Heirathen? Albernheit!-- Sie ist ja eine öffentliche Dirne und todtkrank!-- Mir surrte es im Kopf. Ich ging wie im Traum. Plötzlich begann ich Angst vor mir selbst zu bekommen— ich sprach laut, wie ein Fiebernder. Ich glaube, ich sprach von einer Hochzeit— und doch dachte ich an ganz etwas Anderes. Ich lief und lief, der Schweiß stand mir auf der Stirn. Plötzlich fiel mir ein, daß ich ja heute Abend zu Walter gehen wollte. Nein— nein— es war mir nicht möglich.— Ich konnte nicht zu ihm gehen!! Ich lief und lief, und da stand ich vor seiner Hausthür. „Walter!!" Er saß breit und behäbig, wie ein geniästeter Kapaun, aus dem Sopha, hatte eine Flasche Wein und ein gutes Abendbrot vor sich auf dem Tische stehen und sah mich vergnügt an. Er schien heute zwar noch etwas blaß, aber durchaus nicht krank. Sein Gesicht hatte einen selbstzufriedenen, fast glück- lichen Ausdruck. Er blinzelte mich eine Weile schweigend an und kniff dann verschmitzt das eine Auge zu. „Du, Sohn, wo fehlts denn? Wir haben wohl die Rollen getauscht,"' stichelte er gutmüthig lachend. Ich war nicht zum Scherzen aufgelegt und wollte wieder fortgehen. „Na, Sohn, bleib man da! Setz Dich! Hier!" — und er goß mir Wein ein—„da, greif zu!" und er hielt niir einen Teller mit kaltem Aufschnitt unter die Nase.—„Bedien Dich, oder glaubst Du vielleicht, das soll ich auch noch thun,"— und er lachte, als ob man ihn kitzele. � Mit seinem breiten, bartlosen Gesicht glich er heute einem Landpfarrer am Sonntag Abend. „Ja, Walter, sag mir das Eine: Du bist ja heute wie ausgewechselt! Was ist denn passirt?" „Was passirt ist?! Famos!! Zeitungen liest der Pöbel auch nicht." Und er lachte, als ob er bersten wolle. „Da, Hannake," und er warf einige Briefe und Zeitungsausschnitte über den Tisch, mir gerade ins Gesicht. Ich las. Und als ich geendet, lachte ich auf, trotzdem mir wirklich heute nicht zum Lachen zu Muthe ivar. „Ja, Mensch! Walter!! Das ist ja wunderbar!" „Siehst Du— und diese Unverschämtheit von der Bank, damals haben sie geschrien, ich solle ver- kaufen, und ich habe gesagt: ,Jch verkaufe nicht ein Stück, und wenn ich Alles daran verlieren soll' — und das sah auch wirklich so aus, und jetzt, wo ein neues Konsortium hingekommen ist und deutsche Ingenieure und Leiter, und wo die Papiere, die schon anderthalb Jahr nicht mehr im Handel waren, plötzlich wieder honorirt werden und besser wie je stehen, da beglückwünschen sie mich, daß ich damals ihrem Rath gefolgt bin. Weißt Du auch, wer die Papiere damals aufgekauft hat? Die Bank!! Solch eine Lumpenbande!" „Ja, Walter, und was willst Du jetzt thun?" „Jetzt,— verkaufe ich— und lege die Hundert- zwanzigtanscnd in sicheren vierprozentigen Papieren an. Berloren habe ich zwar immer noch Achtzig- tausend an Montanwerthen, aber was ich jetzt habe, genügt mir auch zum Leben. Berheirathen will ich mich ja doch nicht. Fürs Erste werde ich dann wohl einmal auf ein bis zwei Jahre nach Italien gehen und arbeiten." „Arbeiten?" „Ja, Alles will ich kennen lernen, was mir gefällt. Ich will besonders Kunst und Literatur- geschichte wieder treiben, auch ein wenig Entwickelungs- lehre und Pflanzenanatomie." In seinen Augen flammte der alte Wissens- drang, das alte Feuer. „Sag mal, Georg," unterbrach er sich,„ivas ist denn mit Dir? Hat man Dir die Butter vom Brot genommen?" „Ach, Walter, mir geht Alles im Kopf rum, ich bin ganz schwindelig." „Kann ich Dir irgendwie helfen, mein Junge? Hast Du Schulden?" „Nein, Walter." „Ja, wo fehlts denn sonst? Kann ich Dir garnicht irgendwie behülflich sein?" „Hör zu—" und ich erzählte ihm haarklein meine ganze Geschichte mit Lies, von Anfang bis zu Ende, bis zum heutigen Tage. Erzählte, wie wir auseinandcrgekommen, wie wir uns in uns getäuscht. Ja, ich sagte ihm auch offen, daß ich sie noch heute ebenso liebte, wie am ersten Tag, und daß ich jetzt nicht mehr ein, noch aus wüßte. (Schluß folgt.) & Wanderungen durch Zeit und Raum. Von Tff. Vvcvbcck." I. Raum und Zeit, Ewigkeit und Unendlichkeit. ÄW's giebt Worte, welche täglich tausendfach an- gewendet, dennoch hinsichtlich ihres Werthcs und ihrer Bedeutung selten auch nur an- nähernd erkannt werden, deren wirklicher Sinn erfaßt wird, zu diesen gehören Raum und Zeit, Ewigkeit und Unendlichkeit. Für gewöhnlich wird nun behauptet, die Be- griffe Raum und Zeit und die Attribute des Alls, Ewigkeit und Unendlichkeit, seien für uns Menschen unverständlich, unbegreiflich, nnerfaßbar, denn die Kräfte des Menschengeistcs erwiesen sich als un- zureichend zur Erkenntniß dieses Erhabensten. Hat man aber thatsächlich Recht mit diesen Anschauungen, versagt hier wirklich menschlicher Scharfsinn? Unklar sind allerdings für das im logischen Denken ungeübte Gros der Nienschen diese Verhält- nisse, denn nur relativ Wenige giebt es, welche es wagen, in diese Fragen sich ernsthaft zu vertiefen; die Meisten weichen scheu zurück. Es ist dieses im Interesse einer natürlichen Weltanschauung nun sehr bedauerlich, denn bei ernstem Nachdenken gelangt man schließlich doch zu einem Resultate, es fällt dann plötzlich wie Schuppen * Anmerkung. Unter obigem Titel beginnt mit dem heutigen Artikel eine Reihe vorzugsweise naturwissen- schaftlicher Einzelarbeiten, welche den Zweck verfolgt, kurz und verständlich für Jedermann ein klares, prägnantes Bild des Weltganzen, seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zu- kunft zu geben, unter Bevorzugung der kosmischen Physik und der Geologie, der physikalischen Geschichte unseres Erd- Kalles. Obwohl wir nicht in allen Punkten init dem Ver- sasser einverstanden sind, glauben wir diese Aussätze, die jedeusalls zuni Denken anregen, unseren Lesern nicht vor- enthalten zu dürfen. Die Redaktion. Die Aeue Velt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage.' 127 von den Augen; die vorher so duntlen Verhältnisse klären sich unerwartet und in ungeahnter Weise. Um hinsichtlich dieser Fragen Klarheit zu er- langen, ist es in erster Linie erforderlich, die Be- griffe zu Präzisiren, festzustellen, was heißt Begreifen, Erfassen, was Verstehen? Es ist dieses eine unabweisliche Vorbedingung zu einer logischen Lösung. Begreifen, Erfassen, man halte sich genau an den Sinn der Worte, heißt lediglich, Grenzen er- Mitteln, berühren, feststellen und dadurch sich inner- lich ein Bild schaffen. Ob dieses„Begreifen" nun, entsprechend dem Wortlaut, durch das Gefühl milteist der Hände vor sich geht, oder uneigentlich bildlich, durch andere Sinne bezw. durch Ableitung mittelst unserer Ge- danken, bleibt im Großen und Ganzen gleich. Verstehen dagegen, ein vom vorigen in mehr- facher Hinsicht abweichender Begriff, heißt etwas feststellen und dadurch als vorhanden erkennen, wenn auch zuweilen nur als Abstraktum, hinsichtlich seiner Allgemeinheit oder einzelner Theile oder seiner Eigenschaften.— Zum Verstehen ist nicht immer absolut erforderlich, daß sinnlich oder ideell Grenzen ermittelt werden, es genügt bei Materiellem außer der Gewißheit des Vorhandenseins, welche Gewißheit bedingt, daß man das betreffende Etwas sinnlich oder geistig, mehr oder minder klar vor sich„stehen" steht, die Feststellung einzelner oder aller Eigen- schaften; bei Immateriellem, Abstraktem dagegen die Erkcnntniß der Beziehungen zu logischer Gedanken- entivickelung. Selten wird man nun natürlich von einem vollständigen Verstehen sprechen können, denn selten wird man alle einen Fall bedingende Ver- Hältnisse ermitteln. Fast nie wird es möglich sein, sämmtliche Eigenschaften und Zustände irgend eines Objektes zu ergründen. Daraus ergicbt sich aber, daß wir in fast allen Fällen einer absoluten Wahrheit uns nur nähern können, daß von einem alle Ziveifel ausschließcnden Erkennen nur in wenigen Fällen gesprochen werden darf. Merkwiirdigerwcisc gehören nun aber gerade die Verhältnisse, welche unser Thema bilden und die nahezu allgemein als»nerforschlich angestaunt werden, wegen ihrer Einfachheit zu denjenigen, welche in dieser Hinsicht einem tieferen Nachdenken keinerlei ernsthafte Schwierigkeiten bereiten; aller- dings ist erforderlich, etwa vorhandene metaphysische (übersinnliche) Spreu vorher aus dem Kopfe zu entfernen. Aus den vorstehenden Erörterungen ergiebt sich nämlich sonnenklar, daß ivir den Raum und seine Unendlichkeit nicht„begreifen" können und zwar nur lediglich deshalb nicht, weil die zu einem Begreifen unerläßliche Vorbedingung, eine in irgend einer Weise wahrnehmbare Begrenzung, welche erst ein Bild erniöglichen würde, fehlt. Sehr wohl aber können wir verstehen, können wir unziveifelhaft klar darüber werden, daß unter gewissen Bedingungen, d. h. nur bei Vorhandensein von sinnlich wahrnehmbarem Stoff, ein Etivas hervor- tritt, welches wir Raum nennen, daß der Raum, d. h. die Möglichkeit des Nebeneinanderseins verschiedener materieller Objekte, thatsächlich vorhanden ist. Ein einfaches Nachdenken giebt uns dann aber zugleich die Gewißheit, daß dieser Raum, diese Möglichkeit der Placirung von Stoff auch unendlich ist, denn würden wir versuchsweise an irgend einer Stelle eine Grenze festlegen, was wäre dann hinter dieser? Im Besitze wirklicher Grenzen kann einzig und allein Materielles sein, in seiner Gesammtsumme oder in seinen Einzelheiten, der stofflose Raum da- gegen nicht, denn der Raum an sich ist, wie er- wähnt, lediglich eine für die Placirung der Körper- weit erforderliche„Bedingung", also thatsächlich körperlich ein Nichts, nicht aber ein materielles Etwas. Da aber ein Nichts keine Grenzen, kein Ende, keine Dimensionen besitzt, so ist selbstverständlich auch der Raum, es ist hier kein Wortspiel beabsichtigt, unendlich. Wie können wir uns aber unterfangen, etwas zu ergründen, zu ermitteln, was überhaupt nicht vorhanden ist? Man sieht also, das angestaunte Wunder der Unendlichkeit erweist sich bei tieferem Nachdenken als ein Phantom; das Unverständliche sinkt in sich zu- sainmen und höchst einfache Verhältnisse treten zu Tage. Ob nun die Unendlichkeit auch ein Attribut des Stoffes, der Materie des Weltalls ist, wie dieses nahezu allgemein und zivar seit den ältesten Zeiten angenommen wird, ist eine andere Frage, welche aber unbedenklich zu verneinen ist, denn die Hauvteigenschaft des Stoffes ist eben die sogenannte Räumlichkeit. Der Stoff ist ohne Grenzen undenkbar, un- möglich, es würde ohne solche ihm eine Haupteigen- schaft fehlen; ein endloser Stoff, ein unmögliches Etwas wäre eben nicht materiell, wäre kein Stoff mehr. Mag man seine Grenzen in Gedanken noch so weit ausdehnen, mag man die Anzahl der Sterne und Stoffballungen im Weltenranme noch so groß annehmen, mögen thatsächlich Entfernungen vor- handcn sein zwischen Zentrum und Peripherie zu deren Ausdruck unser Zahlensystem sich als unausreichend erweist, dennoch erheischt ein jeder Stoff schließlich eine Grenze, und unmöglich ist es auch, nur zu denken, daß der Stoff der fernsten Weltregionen sich in dieser Hinsicht von dem Stoffe unserer näheren Umgebung unterschiede. Wenn wir täglich von der unendlichen Zahl der Sterne sprechen, so ist damit durchaus nicht bewiesen, daß deren Zahl thatsächlich unbegrenzt ist, sondern ist damit lediglich nur gesagt, daß unseren Sinnen, unserem Gehirn die Kräfte fehlen, die wirkliche genaue Zahl zu ermitteln und auszudrücken. Unser Gehirn hat eben nicht Raum für derartige Objekte, und wäre ein Versuch, dieselben zum Ver- ständniß zu bringen, etwa identisch dem Unterfangen, in einem Räume von einem Kubikmeter Inhalt zwei Kubikmeter placiren zu wollen. Ganz ähnlich wie mit dem unendlichen Räume, verhält es sich nun mit der unendlichen Zeit, der Ewigkeit, auch diese ist nur unverständlich bei ober- flächlicher Betrachtung, auch hier staunen wir ein Wunder an, welches wir erst selbst geschaffen. Die Zeit ist gleich dem Räume an sich ein Nichts. Für gewisse Perioden, nach bestimmten Intervallen wiederkehrende, sinnlich wahrnehmbare Naturerscheinungen, die Bewegungen der Himmels- körper, liefern uns erst die Grundlage, auf welcher der Zeilbegriff aufgebaut ist; ändern sich diese, so ändert sich auch unsere Zeit, würden diese ver- schwinden, so verschwände auch die Zeit. Das Wort„Zeit" ist lediglich ein Ausdruck dafür, daß getvisse Ereignisse in gleichem Augenblicke, also gleichzeitig, andere früher, andere später als die gleichzeitigen eintreten. In uns selbst ist der Zeitbegriff sehr schwan- kend, je nach unserer Gewöhnung und der Art und Dauer der uns betreffenden Ereignisse. Mit verbundenen Augen und isolirt von den Geräuschen und Vorgängen des Tages, würde es uns in kürzester Frist schon äußerst schivierig werden, irgend welche Zeitangaben zu machen, falls nicht etiva das unabweisliche, in bestimmten Intervallen sich einstellende Nahrungsbedürfniß, dessen Regel- Mäßigkeit durch jahrelange Beobachtung sich uns eingeprägt, annähernd Auskunft crtheilen würde. Könnten wir dieses Hungergefühl unterdrücken, so würden wir dann sehr bald hinsichtlich der ver- strichenen Zeit im Dunkeln tappen. Bekanntlich können kurze Zeitspannen unter Umständen äußerst lang und lange kurz erscheinen, je nachdem das Interesse des Beobachters durch die sich abwickelnden Ereignisse mehr oder minder erregt wird. Scheinbar z. B. umfassen die Jahre der Kind- heit, wie sie sich unserem Gedächtniß in der Er- tnnerung einprägen, einen weit größeren Brnchtheil des Gcsammtlebens, als sie nach der Anzahl der Jahre eigentlich dürften. Dieses ist nun lediglich darauf zurückzuführen, daß das Leben des Kindes relativ eyeiguißreicher ist, als dasjenige Erwachsener.— Dem Kinde er- scheint eben Alles und Alles neu und interessant, selbst die an sich gleichgültigsten und unbedeutendsten Vorkommnisse. Tie tägliche Wiederholung vieler Ereignisse ruft dagegen bei dem Erwachsenen schließlich eine Gleich- gültigkeit, eine getvisse Blasirtheit hervor, die dem Kinde fremd ist. Er betrachtet die alltäglichen Vorkommnisse als kaum vorhanden, sein Leben wird ärmer und ärmer an Reizen; trotz oftmals sich einstellender Lange- weile ist das Gesammtresultat beim Rückblick ein scheinbar täglich schnellerer Lauf des Lebens, weil der Fixpunkte, bei denen die Erinnerung Halt macht, täglich weniger werden. Andererseits können für unser Gefühl unter besonderen Umständen wemge Minuten oft Jahre repräscntiren, welcher eigenthümliche Fall sich nicht selten im Traume und bei Sterbenden, Vorzugs- weise bei Ertrinkenden einstellt, welche Letzteren, nachdem das Gefiihl für die momentan sich ab- wickelnden Ereignisse geschwunden, große Episoden ihres Lebens, oft nahezu ihr ganzes Vorleben in meistens angenehmen Hallucinationen nochmals durch- leben. Eine große Anzahl vom Tode des Ertrinkens Geretteter haben über diese eigenartigen Sinnes- täuschungen berichtet. Thatsächlich ist also auch die Zeit, gleich dem Räume an sich, ein Nichts, Eigenschaftsloses und als solches ohne Bewegung solvohl nach rückwärts wie nach vorwärts. Es ist also auch nicht verwunderlich, daß sie für unS unbegreiflich, in roherer soivohl wie in höherer Auffassung erscheint. Da sie als Nichts eben keinerlei Eigenschaften, folglich auch keine Be- grenzung besitzt, können wir, was zu einem Begreifen erforderlich wäre, selbige auch nicht erniitteln. Resnmiren wir also nochmals die einfachen Er- gebnisse der Untersuchungen dieser Fragen, so gipfeln sie in folgenden Sätzen: Raum und Zeit sind thatsächlich Nichts, daher ohne reale Eigenschaften, folglich auch grenzenlos.— Da das Nichts aber jeglichen Realbegriff ausschließt, so ergiebt sich als höchst einfach und selbstverständ- lich die absolute Unbegreiflichkeit beider. Der Stoff dagegen ist etwas Reales, Wirk- liches, besitzt Eigenschaften und daher unabweislich auch Grenzen; täglich daher begreifen und erkennen wir ihn und seine Eigenschaften mehr und mehr; der Stoff, welchen wir sinnlich im Weltenraum wahrnehmen, ist daher ebenfalls begrenzt, also end- lich hinsichtlich seiner Ausdehnung, jedoch endlos hinsichtlich der Dauer seines Daseins. Derselbe repräsentirt daher unzweifelhaft eine ganz bestimmte Größe, mag dieselbe auch die ge- waltigsten Werthe darstellen und daher für unser Begriffsvermögen unerfaßbar sein. Die Annahme eines endlosen Stoffes ist aber eine durch nichts begründete, welcher Vernunft und Logik widerstreiten. & Hie Herjüngung öer Htnöte. Von Hans JsariuS. ir leben seit wenigen Jahrzehnten, zum Theil seit tvenigen Jahren, in einer der interessantesten Umwandlungen, welche die Kulturgeschichte zu verzeichnen hat, und doch scheinen wir sie lange nicht klar genug zu erkennen. Daß unsere Städte sich vergrößern und vergrößern niüssen, wissen wir; daß sie aber zugleich auch ihre Beschaffenheit wesentlich ändern und ändern müssen, dürfte uns nicht ohne Weiteres zum Bewußtsein kommen. Und doch sind die Aeltcren unter uns oft genug in der Lage, ihre eigene Stadt heute beim Vergleich mit ehemals kaum mehr wieder zu erkennen, ja sogar die Stadt ihres Aufenthalts zum größten Theil über- Haupt nicht zu kennen. Verschiedene Kulturstufen und geographische wie nationale Unterschiede haben bereits mannigfache Typen von Städten herausgebildet. Da war die 128 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. assyrische Stadt mit dem Hauptfaktor der königlichen Hoflmrg: eines Terrassenbans, beginnend mit mehr- fachen Umiiiauerungcn, fortgesetzt durch die Residenz des Fürsten mit den vielgenannten„Pforten", die alles das ersetzte, wofür sonst öffentliche Gebciude und dergleichen da sind; darüber noch die fürstlichen Privatpavillons und ganz oben das Grabmal des Stammherrn. Nach diesem Bhister waren sowohl die großen Städte um jene Burg herum, als auch kleinere Burgen und Städte angelegt; jene wieder umgeben von mehrfachen Btauern, deren äußere den Fremdenverkehr mit seinen Kaufstellen zwischen sich faßten. Einen ganz anderen Typus bildete die egyptische Stadt. Was dort der König, das war hier die Gottheit; den« dortigen Hauptfaktor der Königs- bürg steht hier der des Wallfahrtstempels gegen- über. Die erweiterten Wallfahrtsorte, als die sich die egyptischen Städte entfaltet haben dürften, sind in der Hauptsache frei von jeuer assyrischen Konzen- tration auf den Ausenthalt des Despoten; das städtische Leben, dort monarchisch, entfaltete sich hier in einer aristokratischen Weise, die das egyptische Wohnhaus zu einem Ntustcrheim gemacht. Aus diesen beiden Typen setzte sich zunächst der dritte für uns interessante Stadttypus zusammen, der griechische. Dem dynastischen Terrasseubau ent- spricht die griechische Akropolis; allein sie war keinem Despoten, sondern— abgesehen von ihrem Ziveck des Schutzes— den Göttern gewidmet, in denen sich das Boll verherrlichte. Und dieses Volk umgiebt seine Akropolis mit der ganzen reichen Welt seines demokratischen Walteus, mit jenen mannigfachen öffentlichen Bauten und Anlagen, neben denen das Privathaus sich namentlich in der älteren Zeit nur kümmerlich fristete. Die Stadt zugleich der Staat, die Griechen überwiegend ein Stadtvolk. Seit dem Tode Alexander des Großen, besonders aber mit dem Ende des Alterthums, entwickelte sich aus diesem dritten ein vierter Typus, die spätantike Groß- und Weltstadt, wie sie uns namentlich durch das alte Rom vertreten ist. Ein großes Areal um- faßte all das Kunterbunt, das ans der ganzen da- maligen Welt zusammengeströmt war. Weite Strecken, theils unbebaut, theils durch die möchtigen öffent- lichen Bauten dem Privatwohnen entzogen. Eine deutliche Abstufung größerer und kleinerer Straßen, zumal in Rom. Wenige, aber reich gegliederte Wohn- stätten der Wohlhabenden, und daneben ein echt modernes Zusamnienpserchcn der Massen. Und nun kam mit dem Christciithum der fünfte Typus, gekennzeichnet durch die christliche 5lirche. Sie erinnert an das römische Wohnhans. Aber noch wirken weit zurückliegende Eiustüsse nach: auf die Kirche der oströmischcn Welt assyrische, auf die der weströmischen egyptische. Dort der Zentralbau, hier der Langbau; dort die Konzentration im dynastischen Sinn, verkündet durch die Kuppel, hier die Ein- ladnng zur Wallfahrt durch die gastlichen Portale, durch die„Schiffe" der Kirche und durch die Thürnie. Später entwickelte sich aus städtischen Nieder- lassuugen um eine schützende Burg ein sechster Typus in unseren Städten des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit, bis etwa ins 17. Jahr- hundert, die wir zum Theil noch als Kerne der heutigen Städte vor uns haben. Nichts mehr von jenen Naumverschwendungen so vieler antiker Städte, nichts mehr von dynastischer Ucbermacht, nur wenig mehr von dem einladenden Wattfahrtscharakter. Die Unsicherheit der Verhältnisse drängt alles Stadtleben aufs Engste zusammen, auf daß es geschützt sei durch die Mauern, und auf daß Mensch an Mensch, Haus an Haus Schutz finde. Die„geschlossenste" Bau- weise, eine Mitursache der damaligen Volkskrank- heilen. Großbauten, wie namentlich die„Höfe" des alten Wien, erleichtern den Zusammenschluß geist- licher und weltlicher Körperschaften und adeliger Ge- schlechter. Die Häuser mehr als heute auf ihr eigenes und gleichförmiges Leben angewiesen; die Straßen daher nicht wesentlich verschieden, vielmehr ziemlich einheitlich als„Wohnstraßcn" angelegt. Fürstliche Mittelpunkte sind wenigstens in späterer Zeit selten übermächtig; die Dome zahlreicher und allseits eng umschlossen. Das Leben im Uebergang vom Adeligen und Hörigen zum einfachen Bürger und Patrizier, für die Industrie reichen enge Räume aus; von Groß- städten keine Spur, uitd ebensowenig von einem lleberwiegen über das Land, ausgenommen die Be- günstigung der Städte mit mannigfachen Freiheiten. Wie sich seit damals unsere Kultur geistig und materiell wesentlich geändert hat, besonders im Ver- kchrsleben, brauchen wir hier nicht ins Einzelne zu verfolgen. Nur die Anpassung der Städte daran bedarf unserer Aufmerksamkeit. Diese Fortschritte waren in der Hauptsache ebensoviel neuer Inhalt, der in die Städte hineingestopft werden mußte. Matt nahm die neuen Lasten auf sich, so gut es eben ging, änderte aber wenig an der Beschaffenheit der Grttndlage, die solche Lasten tragen sollte. Zumal waren es die alten Befestigutigswerke, zum Theil auch Zollschranken, die eine ivesentliche Umgestaltung hinderten. Als äußerlicher Ersatz des Fehlenden gruppircn sich um die Stadt die sogenannten Vor- städte und Vororte. Im Innern herrschen noch immer unter den Bauweisen die geschlossensten und engräumigsten, unter den Straßen die Wohnstraßen, unter den Gefühlen und Charakteren der Bewohner die Gegensätzlichkeiten gegen das Land vor, und der Gegensatz zwischen Stadt und Land verschärft sich. Die Bevölkerung der größeren Städte wächst an Zahl in beängstigender Weise, sozusagen auf Zinses- zinsen, und entwickelt in sich die bekannten Gegen- sätze unserer Zeit. Fürstliche Uebermacht klingt nur »och nach, am meisten in dem Schematisiren und Systematisiren der Bebauungspläne, das zuerst dem souveränen Willen einzelner Fürsten und später dem Nachfolger dieses Willens, dem Bureautisch, ent- springt. So war unter dem Einfluß der erwähnten Fortschritte, aber nicht in ihrem rechten Sinn, die neuere Großstadt und Weltstadt mit ihren Woh- nungsnöthen und Wirthshausüberflüssen geworden, der siebente der von uns beschriebenen Typen. Er gehört so gut wie ganz dem neunzehnten Jahr- hundert an, eingeschlossen die Abart der besonders dem achtzehnten Jahrhundert zu dankenden, sogenannten „künstlichen" Städte.(Schluß s°igt.) 7H xt s t) cttt HPapr er kcr b l) er 3ci£. Frühlingsidyll.(Zu unserem Bilde.) Nun ist der Frühling ins Land gezogen: der weiche Duft der Blüthen liegt über der Erde und laue Winde wiegen sich in Busch und Strauch.— Das ist die Zeit des Erwachens und ein Jubel von Glück und Hoffnung flattert durch die Seelen der Menschen; das ist die Zeit der Saat, die Zeit der Zukunft. Und Alles, was geworden ist, und Alles, was noch werden wird, war ein Geschenk des Frühlings. Und darum weg mit jedem Grantt Thränen sind Thränen und gehören den Todten. Hier aber jauchzt das Leben in neuen Farben und Tönen, das Leben in neuer Schön- heit und Lust.— So etwa klingt das hohe Lied vom Frühling, das ewig alte und ewig junge. So haben es die emporsteigenden Geschlechter der Vergangenheit ge> sungen, die Sklaven der Vorzeit, trotz Tyranneiiliit und Tyraunendruck. So singen wir es, die Geschlechter der Gegenwart, und unsere Augen glühen dem Morgenroth des Frühlings, des ewigen Menschenfrühlings entgegen, hinter dem keine Winterstürme mehr über den grosteu Frieden der Erde kommen iverden. Und wie jener Friede, jener nur allzuferne Friede muthet uns das Idyll a». Es ist wie ei» Augenblicksbild, auf ivelchem sich die älteste Vergangenheit mit der spätesten Zukunft vermählt. Das Glück des goldenen Zeitalters, wo Mensch und Natur noch Eins waren, jenes Zeitalter, von dem uns die alten Sagen berichten: goldene Zeit, die ohne Schranke und ohne Gesetz Treue und Gesetz behütete!— und das Glück der Zukunft, in der die Menschheit durch die Waffe» des Geistes zur Natur zurückkehren wird, die sie einst im Kampfe mit den Gewalten der Finsternis! und Unnatur verloren hat. Aber über all dem Wandel der Jahr- tausende und der Geschicke schwebt der Frühling mit seinem Frieden und seiner Pracht. Und wieder ist es ein Frühling geworden, wieder ist die Menschheit mit all ihrer Noth und all ihren Sorgen dem ewigen Frieden der Zukunft näher gekommen— um ein Jahr näher der fernen, fernen Zukunft. Ein„ungehorsamer Kaiser". Ter in Frage stehende deutsche Kaiser ist Friedrich III., der am 14. August l 140 ein Landfriedensgesetz erließ, welches auch die heimlichen „Gerichte" der Vehme umfaßte. Er verschmähte es, selbst Freischöffe des ivestfälischen Vehmgcrichts zu iverden, ivorin die Freigrafen eine Zurücksetzung und Beleidigung sahen; sie wußten ja auch, daß der Kaiser ihnen und ihren Gerichten wenig günstig gesinnt war. Oft entzogen königliche Schreiben Angeklagte den Vehmgerichten, wo- gegen man ihm das Recht bestritt, da er nicht Schöffe sei, sich in die Angelegenheiten der Gerichte zu mischen; ja, man erklärte, selbst der deutsche König sei gegen die Freigerichte nicht gefeit, und 1470 luden sogar die Frei- grasen Dietrich von Dietmersheim, Heinrich Schmidt und Hermann Grote den Kaiser vor ihren Stuhl„zwischen den Pforten zu dem Wunneuberg". In der Ladung hieß es, das Ilrtheil sei gefunden:„Euren Kaiserlichen Gnaden zu schreiben, sich noch zu bedenken die vorgenannte Sache noch abzustellen und machtlos zu sprechen und uns zu schreiben, mit diesem gegenwärtigen Boten, daß dieses ge- schehe» sei; wo das nicht geschähe, Eure Kaiserlichen Gnaden zu verkündigen und zu wissen zu thun, auf einem gemeinen Gerichtstag die letzte llrtel und Sentenz über Euer Leib und Ehre zu geben nach des Freistuhls iiiecht, als ob Ihr ein ungehorsamer Kaiser wäret, Gott und dem heiligen Reich mit Abziehung und Benehmung der Freiheiten, so von dem heiligen Pabst Leo und deni heiligen Kaiser Larola M. dem heiligen Christenglauben zu Stärkung und zu Trost aller gläubigen Christenmenschcn geweiht und bestätigt sind, daß weder welllich noch geistlich Schwert dawider nicht schneiden noch thue» kann.... So benennen und legen wir Euren Kaiserlichen Gnaden einen rechtlichen Gerichtstag aus Samstag nach St. Jörgentag... Ihr kommet oder kommet nicht, so muß das Gericht seineu Gang haben, wie sich nach freien Stuhls Recht gebührt. Hierin ivissen sich Eure Kaiserliche Gnaden zu richten, und rathen wir Eurer Kaiserlichen Gnaden getreulich, es nicht dazu kommen zu lassen." Der Ladungsbrief ward wirklich den, Kaiser nach Grab gesandt, der freilich das Kammergericht beauftragte, die Absender zu bestrafen; die aber ivalteten weiter ihres Freischöffenamtes späterhin noch, von anderer Seite gedeckt. Hnihet. �— V ox populi, Volkes Stimme, Gottes Stinimel Wahr ist Eines: Tauben Ohren Gehen beide meist verloren, Wenn sie donnern nicht im Grimme. v. Tschaduschäck. „Aufklärung— aller Uebel Quell!" So heißt es auf mancher Stammburg. Natürlich, Prometheus, der arge Gesell, Ist schuld an dem Brande von Hamburg. Auf dem Boden liegen alle Gaben, Die den gemeinen Sinn beglücke»; Was muß man thun, um sie zu haben?— Bücken I M. Nordau. Für jede Dir gewordene Schicksalshuld Stehst Du in aller Unbeglückten Schuld. B. Paoli. tg- £ k I -e S i vi 05 m i. S .B ö JA •■G 3 W w S e •2 «n-e* S a .— jo % Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Edgar Steiger, Leipzig, Oststr. 14, richten. Berantwortl. Redatteur: Edgar Steiger, LeiVitg.—«erlag: Hamburger Buchdruckerei u. BerlagSanstall Auer«e Co.. Hamburg.— Druck: Mar Babing, Berlin.