55I(xtjlrrria Qi tiiicrKtxKxin�cbcnia�c Mierter ia C a("f c. Von Richard Delzmel.* (bs rollt und rüttelt und dröhnt und stampft, !lnd klirrt und rasselt und saust und dampft; An kreisenden Feldern vorüber im ßlug, Turch Pommerns Lbne rast der Zug. Ich schaue und horche und weiß es kaum, Ich träume einen stolzen Traum, Wie, Form geworden, der Nenschengeist donnernd um Axe und Axe kreist. "Sa schreit ein Kindchen neben mir Und übertönt das Lisenthier. Ks klang so weh, mein Traum zerrinnt; So blaß, so mager ist das Kind. Im Wagen schwankt die Dämmerung, Und Gaslicht schwankt und Schattensprung; Aus rothgcwürfcltem Bettchen sticht So spitz heraus das kleine Gesicht. von Kisten und Kasten überdrängt, von Säeken und Päcken eingezwängt, Schaukelt die LUutter ihr Kind zur Ruh Und summt ein Wiegenlied dszu. Und rund herum, gedrückt und schwer, Verworrene Worte hin und her; Gesichter furchig, knochig, stumpf, Und LNenschendünste, dick und dumpf. Zusammengeduckt mit Hab und Gut, LMt ihrem letzten Bischen LKuth, Aus Polen und Preußen sitzen sie da Und wollen nach Amerika. Rur wenn das Wörtchen„Drüben" fällt, Grünt eine ferne Hoffnungswelt, Und Alle athmen tiefer dann, Und Alle sehn �ich nickend an. Und durch ihr Seufzen, ihr Geschwärm, Durch Rädcrgcpolter und Kisenlärm, Wie Stimmen der-Erlösung ziehn Der LUutter leise LUelodien. V heiliger Stall von Bethlehem, Dein Wunder ist noch heut zu sehn, Wenn eine Wöchnerin beglückt Ihr Kind in Armuth an sich drückt! Nun schläft's, nun hüllt fie's ein recht warm, Und legt's behutsam aus dem Arm Und lehnt sich müd an ihren Mann Und sieht ihn bang und liebreich an. Und er versteht den Nutterblick voll Sorge, Furcht und Mißgeschick, Und mit der breiten Schwielenhand Zeigt er hinaus ins finstre Land. „Sei ruhig, Marie, Du wirst schon sehn, Da drüben wird Alles anders gehn, Da schaff' ich uns eigen Feld und Vieh, Da wirst Du wieder gesund, Marie. „Du brauchst nicht leben wie ein Hund, Ihr werdet Beide wieder gesund, Und unser Kind hat, wird es groß, Im neuen Land ein besser Loos!" Und Sorge, Furcht und Mißgeschick vergehen in dem einen Blick, Mit dem sich diese Bauernseelen von ihrem Kinde stumm erzählen. Es rollt und rüttelt und stampft und staucht, Und klirrt und rasselt und keucht und faucht; Durch's wirbelnde Dunkel in rasendem Flug Saust weiter und weiter der jagende Zug. Ich horche und horche und weiß es kaum, Ich träume einen gläubigen Traum, Wie Glück begehrend der Mcnschengcist Empor zu neuen Formen kreist. Im Wagen schweigend schwebt die Nacht, Der Schlaf schwingt seine Spindel sacht; Die Bäuerin ist eingenickt, Auf's Knie des Mannes hingebückt. Der sitzt noch wach mit mir allein, Wir gucken uns still in die Augen hinein, Bis uns der Blick die Zunge löst Und hin und her das Flüstern döst. Und er erklärt mir, wie es kam, Daß sie verkauften ihren Kram, Und wie sie der Agent gedingt, Der nun sie in den Urwald bringt. Es war kein neues Wort dabei, Es war die alte Litanei von saurem Schweiß und Hungerlohn. An der nur neu des Jammers Ton. „Und wie dann gar noch Weib und Kind Mir schwach und krank geworden sind, Da haben wir endlich das Schwerste gewagt, Dem Dörfchen Lebewohl gesagt. „Und hat sie auch zuerst geweint, So hat sie doch zuletzt gemeint: Fällt's uns auch schwer, wenn nur das Kind Ein ander Loos als wir gewinnt!" So schwinden Stationen im Fluge vorbei Und Glockensignale und Kellnergeschrei, Und bleicher tanzen die Lichter schon: Der Morgen steigt aus seinen Thron. * Aus der Gedichtsaimiiliing„Ledensblätter". Verlag der Genossenschaft Pan, Berlin 1895, 130 Und um uns her bewegt es sich, Und reckt und dehnt und regt es sich, Und langsam werden Alle wach Und blinzeln in den jungen Tag. £in Tag von jenen, glanzgeküßt, An denen jeder Halm uns grüßt, Und jeder Sonnenstrahl das Herz Zum Lachen zwingt, trotz Roth und Schmerz. Die Kenster nieder, Luft und Licht, Und Alle drängen sich dicht bei dicht Und zeigen hinaus, wo stromumblinkt illit Thürmen und LUasten Hamburg winkt. Die Nutter aber, still im Schwärm, Nimmt sanft ihr Uindchen in den Arm Und nimmt das Tuch ihm vom Gesicht Und— da: was stiert sie und küßt es nicht? Was stiert und stiert sie, daß mir graut? Da löst sich ein erstickter Laut, Da liegt's im Schooß ihr starr und todt, Der Vater stammelt: Barmherziger Gott! Im Wagen, plötzlich, wird es stumm, Die Bauern sehen scheu sich um. Nanch Auge zuckt. Die Nutter wimmert: Wein Uind, mein Uind! Nanch Auge flimmert. Ts kreischt die Naschine, es stockt ihr Lauf, Die Schaffner reißen die Thüren auf. Ich stehe im brausenden Bahnhossraum, Da rast das Leben, es gilt kein Traum. Ts gilt, daß man sich ganz gesteh, Wie unbekümmert um Glück und Weh ßorm begehrend der Nenschengeist Um seine ewige Axe kreist. Mmlildzuilmziii Jluiiöcu im Arreß mit einer Kraßn. Ein wahres Erlebniß von A. P. GlpVe schwere Eisenthiir meiner großen, weiß getünchten Zelle öffnete sich klirrend, der ��9 Aufseher schob eine große, schwarze Frauen- gestalt herein und rief nur zu:„Da haben Sie Gesellschaft." Es war ein recht trübseliger Winternach mittag; schlvere Nebel verdrängten das Tageslicht und hüllten Alles in Dunkelheit. Auch meine Augen vermochten nicht mehr die Buchstaben meines Buches zu ent- Ziffern und gclanglveilt, in recht verdrießlicher Stim- mung, lief ich in der Zelle auf und ab. Zur Ab- wechselung spazierte ich gemessenen Schrittes, jeden einzelnen zählend, auf und nieder. So hatte ich wohl schon ein stattliches Dutzend mal die vierzehil Schritte geniacht, die niir der Längsraum meiner Zelle ge- stattete, als ich in dieser anregenden Beschäftignng durch das Eingangs erlvähnte Oeffnen der Thür unterbrochen wurde. Nach einer Zellengefährtin hatte ich mich immer gesehnt, seit ich das Staatsquartier bewohnte; Menschen wollte ich um mich haben, mit ihnen wollte ich reden. Wiederholt hatte ich den Direktor der Strafanstalt darum gebeten, doch immer unisonst. Man hatte keine passende Gefährtin für niich, die„Politische". Nun endlich erhielt ich doch eine Zellengenossin, mein Wunsch war erfüllt! Aber sonderbar, jetzt standen wir uns Beide gegenüber, und Keine sagte ein Wort. Ich war in meinem amüsanten Gebahren, die Schritte zu zählen, so jäh gestört worden, und so erstaunt, außer meinem Auf- scher und den patrouillirenden Justizsoldaten plötzlich auch jemand Anderen zu sehen, daß ich einen Moment außer Fassung gerieth und kaum den leisen Gruß der Eintretenden erwiderte. Endlich fiel mir auf, daß sie noch immer stand, und ich schob ihr den zweiten Stuhl hin, der sich in meiner für vier Personen bestimmten Zelle befand. Ich begann meine Gesellschafterin zu betrachten. Sie war eine schöne, schlanke, hochgewachsene Person. Ihr Gesicht zeigte zwar nicht mehr die Spuren der ersten Jugend, war aber von ausnehmender Lieblich- keit und Zartheit. Ihre Bewegungen, ihr ganzes Gebahren waren das, was man aristokratisches Ex- tericur nennt. Ihre Kleidung war eine für den Arrest unge- wöhnliche. Sie trug ein elegantes, schwarzes Seiden- kleid, darüber einen kostbaren Pelzüberwurf und hatte Lackschuhe an. Als sie sich Abends entkleidete, fiel mir ihre elegante, seidene Wäsche auf.— Endlich wurde mir dieses stumme Gegenübersitzen peinlich und ich bot ihr meine Bücher an. Sie lehnte aber dankend ab; sie war nicht in der Stimmung, zu lesen. Das angefangene Gespräch konnte nicht fort- gesetzt werden, da die Zeit nieiues Spazierganges herangekommen war. Sie blieb allein in der Zelle und ich ging wie tagtäglich eine halbe Stunde, selten länger, allein zehn Schritte hinter einer Schaar paar- weise gehender Frauen. So war es mir angeordnet worden. Während die Anderen, die vor mir Gehenden, lebhaft plauderten, mußte ich jede versuchte Annähe- rung ablehnen, denn sobald der Aufseher eine solche bemerkte, rief er den Frauen brutale Schimpfworte zu. Mir wurde unter vier Augen bedeutet, mich mit„Denen" ja in kein Gespräch einzulassen. Eigent- lich wußte ich nicht bestimmt: Wollte man mich vor der Berührung mit diesen unglücklichen Frauen, den gemeinen Verbrecherinne», bewahren oder sollten diese vor dem Gifthnuche des Sozialismus beschützt werden! Wie dem auch sei; nach jedem solchen Spaziergang war ich erregt und empfand das Berlangen, mich mit einem menschlichen Wesen auszusprechen. So war es auch heute, und ich jubelte innerlich, daß in meiner Zelle Jemand saß, daß ich reden konnte. Bleine schöne Zellengenossin hatte sich während meines Spazierganges einen Imbiß bestellt, dazu eine Flasche Wein, durch dessen Genuß auch sie ihre gedrückte Stimmung theilweise verlor. Eine sichtbare, nach- haltige Erregung schrieb ich dem Umstände zu, daß sie unter dem Eindrucke stand, im Arrest zu sein. Ich konnte sehr gut nachfühlen, wie schrecklich ihr diese Empfindung sein mußte! War sie doch eine so elegante, augenscheinlich an Luxus gewöhnte Person, daß diese triste Umgebung allerdings geeignet sein mußte, auch ein sonst ruhiges Wesen zu erschüttern. Allerdings meine ich damit nicht, daß an Entbehrung und Dürftigkeit gewohnte Personen mehr Anpassungs- fähigkeit für den Arrest haben! Fühlte ja auch ich die Abscheulichkeit des Gefängnisses im schärfsten Maße und doch hatte ich schon schlechtere, unheimlichere Wohnungen betvohnt, als meine Gefäugnißzelle war. Aber das schreckliche Aufregende am Gefängniß ist das Beivußtsein, trotz Gesundheit und Kraft keinen Schritt weiter machen zu dürfen, als der Zellenraum gestattet; daß die Thür sich nur dann öffnet, wenn der Aufseher oder ein anderes Organ der Strafanstalt sie öffnet. Und das Furchtbarste ist, daß man dieses er- bärmliche Gefänguißleben nicht einmal unbeobachtet ertragen darf! Bei der unbedeutendsten, lvie bei der intimsten Bewegung ist man von dem Gefühl ge- martert: Werde ich jetzt beobachtet? Jeden Augen- blick erwartet man, daß der am Korridor patrouil- lircnde Posten den Schieber von der Thüröffnnng rückt und das Thun und Lassen in der Zelle be- obachtet. Wie peinigend das Gefühl ist, sich bei jeder Bewegung verfolgt zu wähnen, kann nur Der beurtheilcn, der die Eiuzelnhaft erduldet hat. Wohl ist es für Männer viel erträglicher, denn diese werden wieder von Männern, von ihren Geschlechtsgenossen, bewacht, weiblichen Gefangeneu aber ist die Begünsti- gung verwehrt, von Frauen bewacht zu werden. Jeden Nerv fühlt nian beben, wenn man zur Nacht- zeit in der erleuchteten Zelle im Bette liegt und der Justizsoldat mit mehr als nothwendigem Geräusch aus und abgeht. Plötzlich hält der Schritt an der eigenen Thür— ein Ruck des Schiebers, der die Oeffnung von außen verdeckt, und das Auge des Soldaten wird sichtbar. Jedesmal, so oft ich dies gewahr wurde, erfaßte mich ein nervöses Zittern; ich durfte nur den Schritt des Soldaten hören, wenn er sich meiner Zelle näherte, so hielt ich den Athem an und erwartete angstvoll den Moment, wann der Ruck hörbar und das Auge sichtbar wurde. Diese martervollen, aufreibenden Nächte machten mir das Alleinsein in der Zelle so schrecklich. Bei Tage, wo ich mich mit Schreiben, Lesen und Handarbeiten beschäftigen konnte, ertrug ich es leichter. Und nun sollte ich erlöst sein, die angsterfüllten Nächte sollten vorüber sein! Unter deni Eindruck dieser für mich so schreck- lichen Dinge war mir die Erregung meiner nun-- mehligen Zellengenossin begreiflich. Ich wollte sie zerstreuen, sie von ihren Gedanken ablenken und ich begann ihr von meinem Spaziergang zu erzählen. Ich fragte sie, wie lange sie hier bleiben»verde, und erfuhr, nur vierundzivanzig Stunden! Wie be- neidete ich sie! Ich»vünschte mir nichts sehnlicher als den Tag, an dem ich mir sagen konnte: Noch einen Tag und eine Nacht, und es ist vorüber!— Die Unterhaltung hatte begonnen und meine Zellen- gcnossin erzählte mir nun,»velch' peinliche Stunden sie durchmachen mußte, ehe man sie in die Zelle brachte. Vormittags»var sie gekommen, ihre Strafe anzutreten, und drei Stunden vergingen, ehe sie an ihren Bestimmungsort, in meine Gesellschaft, gelangte. Zuerst mußte sie warten, bis sie sich ihrem Senatspräsidenten vorstellen konnte, das andere Mal auf den Direktor der Strafanstalt. Endlich»vurde sie der Frau eines Hausbeamten übergeben, die an ihr die übliche Prozedur des Durchsuchens vornahm. Entrüstung und Empörung sprachen aus dem Ton, leuchtete aus den Augen meiner schönen Gefährtin, als sie mir die Art schilderte, wie das geschah. Sie mußte sich ihrer Oberkleider entledige», und das genügte noch nicht! Rücksichtslos»vurde sie vom Kopf bis zum Fuß von der Frau abgegriffen, ob sie nicht irgend einen für den Arrest verbotenen Gegen- stand eng an den Körper verborgen halte. Geld, Uhr, Schinuckgegenstände, Spiegel und selbst das in Gold gefaßte Lorgnon»vurden ihr abgenommen. Ihr schönes, reiches Blondhaar mußte sie auflösen und die Beamtenfrau wühlte brutal, ob nicht hier irgend ein Gegenstand vorhanden sei. Dieses peinliche Durchstichen ist eines der abstoßendsten Momente für Alle, welche des moralischen Haltes nicht verlustig sind. Auch meine' Zellengenossin kam immer wieder darauf zu sprechen und jedesmal rötheten sich ihre Wangen. Es ist leicht zu errathen, daß»vir uns gegenseitig auch die Veranlassung unseres Hierseins mittheilten. Lebhaft sind mir noch ihre �erstaunten, verwunderten Blicke in Erinnerung, als ich mich als eine„politische Verbrecherin" vorstellte. Als eine Person, welche in Versammlungen spricht und für Zeitungen politische Artikel schreibt. Mit fast kindlicher Neugier fragte sie, warum das alles sei,»velchen Zweck die Versammlungen haben und ivarum mau dcsivegen eingesperrt»verde. Gar große Augen machte sie, als ich sie schließlich fragte, ob sie noch nie von den Sozialdemokraten gehört habe, ich sei eine Sozialdemokratin. Mit reizender Naivetät freute sie sich nun, eine Sozialdemokratin zu kennen. Sie hatte ivohl hier und da von Sozialdemokraten reden ge- hört, aber nie gelvußt, was diese eigentlich seien. „Das verstehst Du nicht, Kind!"„Das ist nichts für eine Dame!"»varen die Antlvortcn, die sie auf solche Fragen immer bekommen hatte. Nun mußte ich ihr erzählen, und ich that es wirklich gerne. (Schluß folgt.) Die Acne Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 131 Die Herjüngung öer HtäSte. Von Hans Isums. (Sä«!«®.)___ Dergleichen wir nun unsere Kultnrvcrhciltnisse init denen fast aller früheren Zeiten, so zeigen sich im Interesse des städtischen Lebens, ab- gesehen von den schon erivähntcn Fortschritten über- Haupt,.lamentlich drei große Unterschiede. Erstens ist die Sicherheit des Lebens gegen früher so sehr gewachsen, daß die ängstliche Enge der Städte und damit auch der schroffe Gegensatz zwischen Städter und Landmann immer unbegründeter wird. Zweitens ist die Uebermacht der Fürsten, des Staates und der Priesterschaft in einer Weise gesunken, die nicht nur den radikalen Politiker, sondern auch den Vertreter dieser Wächte selbst veranlaßt, auf die Beschränktheit ihrer 5� raste hinzuweisen. Dies drückt sich in den Städten u. A. dadurch aus, daß sie in der Neuzeit lange nicht so sehr wie im Mittelalter und Altcrthnm durch fürstliche, staatliche und religiöse Bauten ge- kennzeichnet sind. Endlich drittens der wohl wenigst beachtete, aber vielleicht wichtigste Unterschied unseres Lebens gegen früher: die Trennung der Wohn- und Arbeitsstätten. Für den Städtebau dürfte dies das mächtigste Prinzip der Umformung sein. Aus den genannten drei Unterschieden ergeben sich nun folgende Anfordernngen an die Gestalt der Städte. Die erreichte Sicherheit des Lebens im Verein mit der modernen Kriegstcchnik ermöglicht es, den rnautitativen Ansprüchen an die Städte durch Verzicht auf die Mauern und auf neuere Umschließungen gerecht zu werden:„Sprengung der Gürtel". Das Sinken der Fürstenmacht, lvie der Staats- und 5iircheumacht ergiebt eine Erhöhung der an die Pri- raten, kurz an das Volk, gestellten Ansprüche; es muß Raum für ein selbstständiges Wohnen, Arbeits- treiben und Anderes geschaffen tverden. Die Trennung dieser beiden Thätigkciten endlich verlangt nicht nur mehr Raum überhaupt, sondern auch mehr Unterschied in der Beschaffenheit der Stadttheile. Und alle diese drei Prinzipien zusammen brechen das, was fast sämnitlichcn bisherigen Stadtformen gemeinsam ivar: die einheitliche Konzentrirung auf die Stadtmitte. Nicht nur die Staaten streben(mehr als es scheint und als es gut scheint) nach Dezentralisirnng; auch die Städte verlangen eine Unabhängigkeit von ihrer Metropole, von dem„Zentralkern" oder der„City", also eine Mehrzahl städtischer Zentren, überhaupt eine„Zerstreuung der Knotenpunkte". Mit diesen Anforderungen hätten wir das Ideal eines neuen, achten Stadtüpus vorbereitet; fragt sich nun, wie weit ihm die übrigen Thatsachen ent- sprechen. Die„Sprengung der Gürtel" ist so gut wie überall(auch in orientalischen Städten, wie Teheran) geschehen, und mit ihr haben die vielberufcucn„Stadt- erweiteruugen" begonnen. Die Borstädte wurden dem Kern angegliedert und erweitert, die Vororte werden allmälig ebenso behandelt, kurz die Stadtgrenzcn immer niehr ausgedehnt. An dieser„äußeren" Stadterwei- terung fehlt es iin Allgemeinen nicht. Nun verlangen aber die veränderten Verhältnisse auch eine„innere" Stadterwciterung, eine Lockerung des innen Zu- saiumcngepreßtc». Der Verkehr fordert eine Ver- größernug der gesammten Straßcnflächc, die hygieni- scheu und sozialen Zustände verlangen ein„iveit- ränniigcs" Bauen, ein Abgehen von der„geschlossenen" Bauweise früherer Zeiten. Diese„innere" Stadt- eriveiteruug ist seit Langem das Schinerzeuskind unserer Großstädte. Ein allgenieines Gefühl und Bewiißtsein von der Dringlichkeit energischer Durch- brüche, und immer wieder das Scheitern fast aller Bemühungen an einer ganzen Menge von materiellen und— geistigen Hindernissen. Der Ucbergang von fürstlicher, staatlicher und kirchlicher Vormacht zu der des privaten Treibens in Industrie, Handel, Kunst, Hansleben usw., hat bereits thatsächlich die privaten Arbeits-, Unter- haltungs-, Wohnungs- und andere Anlagen über die fürstlichen, staatlichen und kirchlichen hinauswachsen lassen. Das geschwächte Eigenleben der hier noch wal- tendcn Rtächte, gestützt durch ihr weniger geschtvächtcs .Ansehen, benimmt ihren Aulagen die lokale Ueber- inncht mit allen dadurch ermöglichten Vortheilen für die Stadt und die künstlerische Selbstständigkeit; sie haben keinen eigenen Stil mehr und leben von ver- gangener Kunst. Ihr Ersatz, die privaten Bauten, haben noch keinen eigenen Stil und haben unter der Abhängigkeit von ihren Nützlichkcitszwecken wenig Gelegenheit zu Rücksichten auf das Ganze. Ucbcrall Kompromisse ivegen Raummangels und ivcgen des Aufeiuaudersitzens der verschiedensten Interessen. Denn am schwersten drückt wohl der Mangel einer Durchführung des dritten Punktes, des Unter- schieds in der Beschaffenheit der Stadttheile, und einer Durchführung der Dezentralisation. Selbst die Hausfrauen wissen über die Vernachlässigung der äußeren Stadttheile, über die Abhängigkeit von dem einen Zentrum auch in den Einkäufen usw. zu klagen. Derlei Dinge sind ivichligcr als Straßen- Verbreiterungen, Domfreiheiten und Ausknobeluugcn eines der historischen Stile für die neueste Kirche oder Rathsstube. Ein dunkles Gefühl hat ja bereits angebahnt, was noth thnt, und hat wenigstens die „äußere" Stadterweiterung sammt einigen ihrer Folgcbcdiugnngen, z. B. der Hebung des Stadt- und Vororteverkchrs, gefördert. Aber noch fehlt die Hauptsache: die Einsicht in das Wesen des heutigen Umwaiidlungsprozesses der Städte, durch den sie sich aus altgewordenen Vertretern des vorletzten Typus zu frischen Zeugen des zunächst letzten Typus ver- jüngen und diese Verjüngung um so schneller und unschädlicher durchmache» werden, je deutlicher sie erkannt und begünstigt wird. Um es kurz znsanimeuzufassen: Wir müssen und können den Kern der Stadt auf alles das beschränken, was unbedingt hingehört, auf das zentrale Ver- waltuugs- und Geschäftsleben. Wir müssen als Gegenstück dazu alle äußeren Theile so ausstatten, daß sie für sämmtliche Bedürfnisse ausreichen, die von der Stadtmitte irgeudlvic ablösbar sind. Wir brauchen hier— neben Fabrikgegenden, die allein schon den Zug nach außen zeigen können—, städtisch vollkommene Wohnungen, gruppirt um Zentren zweiten Ranges, die uns bieten, so viel nur möglich. Diese Wohnungen müssen und können aber nicht nur aller Vorzüge städtischer Kultur voll, sondern auch aller ihrer Nachtheile frei sein und das Ideal des länd- lichen Einfamilienhanses anstreben. Wir müssen und könne» diese kleineren Zentren durch„Haupt- Verkehrsadern" mit dem einen Hauptzentrum ver- binden, die garnicht übermäßig breit und genau gerade zu sein, sich hingegen umsomehr durch ihre genügende Anzahl gegenseitig zu ergänzen haben. Wir brauchen endlich die bequemsten und billigsten Fahrgelegenheiten zwischen drinnen und draußen und schließlich einen Verzicht auf die Mittagsruhe der deutschen Arbeitszeit. Bemühen lvir uns in diesen Richtungen weiter, dann werden auch von selbst die kunsttödtenden künst- lichen Geometrien unseres Straßenbaues überflüssig tverden; dem Kunstjammer unseres Städtebaues werden wenigstens keine„praktischen Erwägungen" mehr gegenüberstehen: und will uns das Schicksal tvohl, so fallen uns als Schlußtriumph der gegen- wältigen Verjüngung der Städte nicht nur eine soziale und politische Ausgleichung zwischen Stadt und Land, sondern auch noch zwei neue Baustile in den Schoost: der des freien Wohnhäuschens und der des geschlosseneu oder auch gastfreien Geschäfts- Palastes. SpieLkinöer. Romun von Georg Hernian». (Schluß.)- � alter hatte mir ruhig und aufmerksam zu- gehört. „Sooo—! Jetzt verstehe ich Vieles," sagte er, als ich geendet hatte.———„Also, Du bist es! Du warst es! O, wenn Du wüßtest. wie grenzenlos eisersüchtig ich auf Dich war. Stets hat mir das Miidchen gesagt, daß sie nur Einen liebt, und der wäre jetzt nicht hier, aber sie wisse es bestimmt, er würde noch einmal zu ihr zurück- kommen. Alle anderen Männer würden ihr mehr oder ivcniger gleichgültig bleiben, und sie betrachte sie nur als Spielzeug. Ich sage Dir, Georg, fast zur Verzweiflung hat sie mich damit gebracht.— Na, die Sache ist ja vorbei. „-- Also, Georg, wieviel brauchst Du für Lies?— Dreitausend fürs Erste?" Ich sah ihn erstaunt an.„Aber, Walter, wo Du schon so viel durch das Mädchen verloren hast!" „Also, wenn es nicht genug, dann Viertansend. Wo soll sie denn hin? Nach Arco?" „Nein, Walter! Ich kann es nicht von Dir annehmen, es geht nicht." „Papperlapapp, Quatschkopf!!" „Aber, Walter, wo Dich das Biädchen schon so viel gekostet hat! Wo Du nichts wie Ungelegen- heiten von ihr gehabt hast!" „Die Sache ist verschmerzt, habe ich Dir schon mal gesagt, Georg." „Und, Walter, ich kann ja Lies auch nicht ins Herz gucken. Wer sagt denn, daß sie es wirklich so meint?" „Ich!!" unterbrach mich Walter heftig,„denn ich kenne sie, ich weiß, wie sie an Dir gehangen hat, ich weiß, wie sie Nächte lang nach Dir geweint hat, wenn sie mit mir zusammen war. Später wurde sie gleichgültiger und gleichgültiger. Ich habe sie noch lauge beobachtet, wie ivir schon auseinander ivarcn. Auf Schritt und Tritt bin ich ihr heimlich gefolgt, habe gesehen, wie sie von Stufe zu Stufe gesunken ist. Ich kcnne sie— vielleicht besser als Du. Ich weiß, au dem Weib ist nichts Falsches. — Nicht freiwillig ist sie diesen Weg gegangen, da war ein Anderer dran schuld." „Wer?" „Eugen Salle, der Lump!" „Weißt Du das gewiß?" „Ja, denn glaubst Du, Du hast mir vorhin etwas Neues erzählt? Ich habe den Nienschen ganz genau beobachtet. Ich weiß, wie es kam. Erst hatte er keine Stellung, er fand keine, und die Aintter gab ihm Geld, sind dann wollte er keine finden, und die Mutter gab ihm nichts mchr; er hätte sogar ins Ausland gehen können, nach Odessa an eine Bank, aber er thats nicht, und dann begann er sich von Lies, die einen reichen Freund hatte, Geld aus- zuborgeu, und dann— Schritt für Schritt hat er sie gedrängt, der Lump!" „Ich habe Engen bis heute nicht für schlecht, sondern für leichtsinnig gehalten. Er war doch eigentlich ein ganz begabter Mensch." „Da hast Du Dich vollkommen in ihm getäuscht. Er hat nur von jeher die Unverschämtheit gehabt, über Alles das zu reden, von dem er nichts verstand. „---- Ja— alsooo— unter einer Be- dingung: Du darfst Lies nicht sagen, daß es von mir kommt; willst Du das Geld für sie nehmen?—" Ich schwieg. „Ich bitt Dich darum!—" „ZLalter! Es wäre ein Unrecht. Du---" Er schien meine Gedanken zu errathen. „Nein, Georg, das ist vorbei: Thus mir zur Liebe. Nimm das Geld! Es steht jeder Zeit zu Deiner Verfügung." „Nun ja, Walter. Sowie es mir möglich ist, gebe ich es Dir zurück. Aber ein paar Jahrzehnte wirst Du schon warten müssen." „Das eilt nicht," und er lachte. „Nein, Walter, Du bist doch ein Prachtkerl!" „Und Du ein Qnatschkopf!" Und er lachte ob dieser scharfsinnigen Beobachtung, daß ihm die Thräne» über die Backen liefe». „Ja, aber was soll nun werden, Walter? Hei- rathen kann ich sie doch nicht! Das wäre ja ein Stück aus dem Tollhaus. Sie ist'ne Dirne! Sie ist todt- krank! Ach, weißt Du, ich glaube, ich lverde noch ver- rückt. Ich habe nachgedacht, daß mir die Augen gethränt haben, ich finde keinen Ausweg. Ja, Walter, ich Hab sie von Kind an geliebt, ich liebe sie noch heute, genau so, wie früher. Aber ich darfs ihr doch nicht sagen. Heute, wo sie todtkrank ist, wo sie ein Frauen- zimmcr ist; ich kanus nicht! Ich kauns nicht!! Ich kann mich nicht mit einem Schlag über all das hiutvegsetzen. Und wenn sich auch noch Alles zum 132 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Guten wenden sollte, ihre Vergangenheit wird stets Mischen mir und ihr liegen. Ich glaube, ich könnte sie nicht'ne Minute vergessen. Weißt Du, ich habe solch grenzenloses Mitleid mit ihr, wie es eben nur Liebe haben kann. Ich bin mir heute so niedrig, so gemein vorgekommen, als ich ihr die Bitte ab- schlug: es war mir, als ob ich ihr das letzte Stückchen Boden unter den Füßen wegzog. Aber ich konnte nicht anders handeln. Ich habe ja auch Ehrgefühl!! Ich habe doch auch'nen Funken Stolz in mir!! „Still, Georg. Ein anderes Mal reden wir davon. Vielleicht kann es doch noch gut werden. Komm, wir»vollen fortgehen." „Ich kann nicht. Walter, ich werde verrückt, wenn ich Lärni um mich höre. Ich kann nicht!!" „Ach,— wir gehen ja nur in eine ganz ruhige Weinkncipe!" „Aber nicht lange, ich möchte heim." „Nein, nicht lange." Und wir gingen.--- Als ich— in spater Nacht— heim kam, war Mutter noch ans. Sie hatte die Zeitung vor sich und las. „Rothe mal, Georg, was bo drin steht?" „Wie soll ich das rathen!" „Na, es ist etwas über einen Freund von Dir." „Was Gutes?" „Ja." „Ich weiß nicht, Mutter." „Denk nur mal. Ernst Sauer hat in der kleinen akademischen Konkurrenz den ersten Staatspreis be- kommen. Er ist außerdem auch schon in den acht kunstgeiverblichen Ansschreibnngen als erster Sieger hervorgegangen. Da, hier stehts schwarz auf weiß! Wer hätte das je von ihm geglaubt?!" „Gute Nacht, Mutter." „Was ist Dir denn, Georg?" „Ich bin müde, gute Nacht!" „Na, schlaf Dich nur recht gut aus." Die ganze Nacht schloß ich kein Auge. Lies!! Ich dachte und dachte. Wie sollte das werde», wie sollte das enden? Jetzt stieß ich die Dirne von mir, und jetzt breitete ich sehnsüchtig die Arme aus, um sie zu umfangen. Fortwährend überraschte ich meine zügellose Phantasie auf irgend ciiieni Seitensprung, von dem ich mir keine Rechenschaft geben konnte. Wüste, bedrückende Träume hielten mich umfangen, und doch träumte ich nicht, ich lag ja wach, mit offenen Augen. Ich kniff mich, um mich zu über- zeugen, ob ich nicht schliefe. Nein! ich wachte; und im nächsteil Augenblick dasselbe Spiel meines Hirns. Endlich, gegen Morgen, war meine Widerstandskraft, mein Stolz gebrochen, jetzt niochte es kommen, wie es wollte. Es ergriff mich eine wilde Sehn- sucht, ein wahnsinniges Begehren flammte in niir auf. Ich mußte sie wieder haben— es mußte zwischen uns werden— wie— ehemals und wenn wir auch Beide darüber zu Grunde gingen.— Nein! Nein, es war ja nicht——————— Am Mittag des nächsten Tages ging ich zu Lies. Ich war ruhiger geworden. Fast fröhlich. Es mußte ja gut enden. Ich hatte mich schon nach einem sauberen und luftigen Zimmer bei anständigen Leuten für sie umgethan.— In diesem menschcnnmvürdigen Loch mußte man ja krank werden! Den ganzen Weg über sprach ich zu mir selbst, lvie ich mit ihr reden wollte, so gut, so liebevoll. Ich malte mir aus, wie sie in Dankbarkeit zu mir emporschanen würde, und wie ich sie dann in nieine Arme schließen würde, und auf die Stirn küssen. Ich stürmte die Treppen hinauf. Oben hielt ich. Meine Pulse klopften vor Erregung. Ich wagte es kaum, an die Thür zu pochen. Eine Minute banger Erwartung.— Endlich!! „Ist Fräulein Lies zu Hans?" „Fräulein Lieschen? Fräulein Lieschen wohnt nicht mehr hier." Ich preßte einen Holzstab des Treppengeländers, als ob ich ihn zerbrechen wollte. „Ja, jestern Abend hat sie ihre Sachen jcpackt. Na, wissen Sie, schöner Herr, ville hat ja so'n Mächen nich, hat mir Allens bezahlt nn is weg- jegangen. Als ick ihr nu jefragt habe: ,Aber, Fräulein Lieschen, wo»vollen se denn hin?— Jetzt in de finstre Nacht?' Da hat se nur jemeint, se zieht weg. Nu Hab ick ihr jesagt, halten könnt ich ihr ja nich, ich würde ooch schon wieder ne Andere finden. Ob se vielleicht bei mir mit irgendwas nn- zufrieden gewesen iväre. Ne, hat se jesagt, durch- aus nicht. Aber se müsse fort. Nu Hab ick ihr denn wieder jefragt: Wo se denn hinzöge?! Ja, des wisse se selbst noch nich— und weg war se." Heutigen Tages weiß ich noch nicht, wie ich zu Walter kam. Ach ja, ich erinnere mich sogar, daß ich an einem Spielplatz stehen blieb. Dienstmädchen— Soldaten — Nichtsthuer— Spreewälder Ammen mit ihren kurzen, bauschigen Röcken, dicken Waden, Lackschuhen — Kinderivagen— ein ganzer Haufen sich hetzender, balgender Straßenjungen.— Im Sand spielende Kinder mit kleinen Schippen, Bechern und Löffeln; ach ja, eins von den Kindern hatte schivarze Locken und große, dunkle Augen,— große, dunkle Augen — grnd wie Lies. Aber ich sah das Alles nicht genau— doch— nein— aber es schien mir, als ob sich Alles hinter einem Gazeschleier beivege. Eine Droschke polterte über das holprige Pflaster, eine Lokomotive schrillte, aber das Lärmen störte mich nicht. Es kam mir vor, als ob die Laute ans ivciter,»veiter Ferne herüberklängcn und mir wie Echos an mein Ohr schlügen. Plötzlich hörte ich laut neben mir sprechen:„Was nun? Was nun?" — Ich fuhr ans. Niemand, ich mußte es wohl selbst gewesen sein. „Herrgott! Georg!! Was ist Dir?!! Wie siehst Du ans?!!" „Lies— ist � fort—, Walter!" Eine Minute Schiveigen. Im Nebenzimmer schlug ein Kanarienvogel; auf dem Hof brüllte Jemand: „Kauft Bücklinge, Bückelinge, Bückelinge!"-- * --- Als ich des Abends heim kam, fand ich einen Stellungsbefehl vom Regiment vor. Ich wurde zu einer Uebung einberufen und hatte binnen sechs Wochen in meiner Garnison einzutreffen. Diese sechs Wochen rasten, wie im Flug, an mir vorüber. Die ganze Zeit kam ich nicht einen Augen- blick zur Ruhe. Ich wollte, ich mußte sie finden, ich wollte wenigstens Gewißheit haben, Gewißheit, nur nicht fortwährend diese peinigende Angst. Den Tag über war ich im Geschäft. In den Mittagsstunden auf der Polizei— sie wurde dort als vermißt geführt.— Im Leichenhaus— umsonst, der Strom des Lebens schien sie auch hier nicht auswerfen zu wollen.— Die langen Abende und Nächte auf der Straße. Alle Stadttheile durch- jagte ich; tausendmal ivähnte ich, ich hätte sie ge- funden. Das war ja ihr Gang, ihre Gestalt, genau so pflegte sie den Schirm zu tragen und wenn ich dann der Dirne ins Gesicht sah, blickten mich ein paar fremde Augen bittend an, flüsterte ängstlich eine widerliche Stimme:„Komm mit! Komm mit, Schatz!" Walter, welcher mich die ersten Abende auf meinen nächtlichen Irrfahrten treulich begleitet hatte, hatte es bald aufgegeben, da ich ihm zu schnell ging. Er bat mich oft zum Abendbrot und ich hätte gern seine Aufforderung angenommen, aber ich konnte nicht zu ihm gehen. Ich war fast menschenscheu geworden, ich konnte auch nicht die Abende ruhig sitzen und plaudern, während Lies vielleicht— o Gott, meine -----— in einem schmutzigen Winkel verröchelte. Ich drängte auch Walter zur Abreise. Er war zwar jetzt stets lustig und guter Dinge, aber sein bleiches, gedunsenes Aussehen gefiel mir nicht. Auch traten die Herzbeklemmungen bei ihm häufiger und heftiger auf als früher. Ich sehe Walter noch, wie er an jenem Morgen inr Zug saß. Die Reisemütze auf dem runden Kopf, das breite, blasse, gutmüthige Gesicht nnt den klugen Augen, wie er mir die Hand schüttelte.—„Wenn Du etivns für Lies brauchst, schreib mir nur sofort!" Wie er sich freute; wie seine Augen glänzten. Es war das erste Mal, daß er eine größere Reise unter- nahm. Hinaus! Hinaus in die schöne Welt! Italien! Italien!! Armer, braver Junge! Wenn ich einmal nach Genua komme, will ich auch Dein Grab besuchen. Ich habe mir sagen lassen. daß der Kirchhof dort einer der schönsten der Welt ist, und man von ihm einen herrlichen Blick über die ganze Stadt, den Hafen und das endlose, blaue Meer hat.————————— Nun sollte auch ich Berlin verlassen und noch keine Spur von Lies. Meine Angst steigerte sich zum Fieberwahn, ruhelos, wie ein böser Geist, irrte ich Nachts durch die Straßen. Der letzte Abend. Morgen früh mußte ich fort. Ob ich sie wohl noch jemals wiedersehen würde? Stach acht Wochen, ivenn ich zurückkehrte, war sie ja längst todt, mußte sie ja todt sein. Der Gedanke ergriff mich plötzlich mit seiner ganzen Wucht, er drückte mich zu Boden;»River und»villenlos ließ ich mich auf eine Bank fallen und preßte die Hände an die Stirn, der Kopf schmerzte mich zum Zerspringen. „Bißtc krank? Steh doch uf!"— Es rüttelte »nich Jemand. Ich sprang auf. Eine kleine Dirne von vielleicht einundzivanzig Jahre»» stand vor»nir. „Du wirß Dich erkälten. Ich nach Hauße." Der Ton der Sprache,— die Kleine stieß auf- fallend mit der Zunge an, kam mir bekannt vor. Irgendwo hatte ich ihn schon einmal gehört. Ich sah der Dirne ins Gesicht. Sie»var ab- schreckend häßlich. Krause, braune Zotteln hingen ihr über die niedrige Stirn und beinahe bis auf die breite Stupsnase herab. Rothgeränderte, unendlich gutmüthige Schlitzaugen. Dicke, an fgeivorfcne Lippen. Auch ihre Kleidung»var recht ärmlich und schlumpig. Sic hatte nicht einmal einen Hut auf, sondern nur ein Tuch um den Kopf gebunden. Plötzlich dämmerte es in mir auf. Auch das Gesicht kannte ich, aber ich»mißte es lange Jahre nicht mehr gesehen haben. „Wie heißt Du?" „Srcthe, mein Shatz." „Grelhe Schramm?" „Ja!— Woher kennßte mich denn?" Ich antwortete nicht darauf. „Sage einmal, Grelhe, Du kennst doch auch Lies Weise?" Sie»vnrde verlegen und stotterte.„Jiiich— neiein!" Aber ich ließ mich nicht irre machen. „Kannst Du mir sagen,>vo sie jetzt ist?" „Ne! Det derf ich nich!" „Grethe! Du mußt es mir sagen.—" Ich drückte ihr eine Mark in die Hand. „Ne, ne, ich kann es nich sagen. Ich Hab se ja uf de Polizei»ich anjemeldet." „Sie—»vohnt— bei— Dir— Grethe?!" „Na ja, ich traf se, und da that se mir so leid, det arme Mädchen. Kein Geld hat se ooch nich jehabt, nn keene Bleibe, und krank ist se doch man ooch, und da Hab ich se mit zu mir jcnommcn. N» schläft se eben in de Kammer, nn am Tage macht sc»nir een Bißchen det Zimmer orndlich nn kocht »nir»vas. Et jeht ihr man sehr schlecht, det»vird »voll bald mit ihr aus sind, verdienen kann se schon garni cht mehr—" „Komm, Grethe!" „Wohin»villst Du denn?" „Zu Lies!" „Nee— nee, ich kann nich. Ich muß ja vcr- dienen. Es sind ßu schlechte Szeiten. De Wirthin will ooch ihre fünf Mark for'n— Tag haben." „Da!" ich gab ihr noch etlvas.„Komui, Grethe!" „Aber lauf doch nicht so, Schatz! Da kann ja kecn Mensch mitkommen, wie Du losst." .,---- Lies!!------" Ich kniete vor dem Bett. Da lag sie bleich und hager»vie der Tod, und doch so lieblich»vie eine Ntaiblnme. Sie lonnte kaum noch sprechen. Mit ihren zarten Händen fuhr sie mir liebkosend über Stirn und Augen. „Rtein Junge! Rtein Georg!" Ein Hnstenanfall»varf sie vom Bett hoch. Blut quoll ihr aus Mund und Nase, und sie wurde be- sinunngslos; der Arzt ließ sie in die Charitö bringen. ---------- 134 Als ich nach acht Wochen zurückkehrte, fuhr ich sofort vom Bahnhof zu ihr. Denn man hatte mir zwar Lies' Befinden niehrmals als gänzlich hoffnungs- los dargestellt, mich aber bisher noch nicht von ihrem Ableben benachrichtigt. Diese Angst und Ungewißheit während der langen Fahrt, ob ich sie noch lebend sehen würde! O, vielleicht traf ich sie noch lebend, um ihr zu sagen, daß ich sie immer--- Ich stürmte die breite Treppe hinauf. Eilte durch die langen, zugigen Gänge. Saal einundsiebenzig. Im Augenblick überflog ich die Reihen der Betten. Ja— dort— dort— dort hinten mußte es sein. Mehrere junge Aerzte drängten sich um ein Bett und lauschten aufmerksam den Worten des Abthcilungs- chefs. Krankenpflegerinnen liefen geschäftig hin und her. Lies! Eine Pflegerin rieb ihr die Schläfen. Der Arzt fühlte ihr den Puls. Sie lag da mit großen offenen Augen und es schien, als ob ihre Blicke etwas suchten, denn sie irrten unstät von Gesicht zu Gesicht. Plötzlich verlief eine kaum merkliche Betvegung, ein ganz mattes Lächeln über ihre Züge— sie hatte mich erkannt. Möglich auch, daß dieses Lächeln nur der Todes- kanipf in den Mundwinkeln war, und ihr überhaupt nicht mehr das zum Bewußtsein kam, was sie erblsckte. Der Abtheilungschef ließ die Hand fallen, die schwer auf den Bettraud schlug. „Der Exitus(Tod) ist soeben eingetreten, nieine Herren", sagte er näselnd, indem er sich höflich zu seinen jüngeren Kollegen wandte. Und danil war plötzlich Alles dunkel. —--- Vorüber!—-- Weiter!--- Nachwort. Ich lasse sie noch einmal an mir vorüberziehen, all diese kleinen und großen Spielkinder. Keiner, der die Kraft und den Ahith hatte, trotzig und still seinen Weg zu gehen; Keiner, der sich zur Klarheit rang, Keiner! Alle nur Spiclkinder, ihr Leben lang; Spielkinder, ohne Ernst, ohne Streben. Und nun verzeiht mir. Ich hätte diese Geschichte nicht erzählen sollen. Es verlohnte sich wirklich nicht. Ihr Lebenden, ihr Schaffenden habt und behaltet Recht! Nicht wir Tobten! Männern gehört das Jahrhundert— nicht Spiel- lindern! Är die Mchmg der ZllWffvnlsdirift. Von Dr. Adolf Hcilborn-Berlin. -(i|i nter all den Errungenschaften des mensch- lichen Geistes ist für die EntWickelung der gesammten Kultur keine von so lveit- tragendster Bedeutung geworden, wie die Erfindung der Schrift, ja, man kann getrost behaupten, ohne Schrift sei jede höhere Kulturstufe garnicht denkbar. Denn nur schriftliche Ueberlieferuug vermag alle jene Erfahrungen und Entdeckungen aufzubewahren und zu vererben, die der Mensch im Laufe der Jahrtausende gemacht hat, und deren Gesammtheit wir eben Kultur nennen. Was dem Ohre die Sprache ist, das ist für das Auge die Schrift..Aber noch iveit vollkommener als jene, ermöglicht die Schrift uns eine Berstäu- digung mit Leuten, von denen uns Tausende und aber Tausende von Meilen trennen, giebt sie uns. Kunde von Atenschen, die Taufende von Jahren vor uns gelebt haben. Waren«vir bei der Frage nach der Entstehung der Sprache aus bloße Bermuthuugen augewiesen,* so kennen wir dagegen den Ursprung der Schrift genau und können sämmtliche Stufen ihrer Ent- Wickelung deutlich verfolgen. Als erstes Gesetz gilt hier der Grundsatz: Jede natürliche Schrift ist aus einer Bilderschrift hervorgegangen. Um Begeben- heilen, die füv den Eiuzeliieu oder ein ganzes Volk eine gewisse Bedeutung haben, dem Gedächtniß zu überliefern, stellte man sie bildlich dar. * Bergl. den Aussatz über„Ursprung und Entwickelung der Sprache" in Nr. 3 der„Neuen Well". Dieser Nachahmungstrieb schlummert in allen Btenschen, und wie unsere Jugend immer und immer wieder au den Mauern und auf den Fliesen der Straße die kleinen Ereignisse ihres Daseins zu vereloigen sucht, so üben noch heute fast alle Natur- Völker solche Bilderschrift. In allen Ländern der Erde hat man derartige primitive Btalereieu angetroffen, theils aus Felsivändcn (wie bei den Buschmännern, den Australiern u. s. f.), theils auf hölzernen oder knöchernen Gcräthschaftcu (z. B. bei den europäischen Ureinwohnern, den sibi- rischen Völlerschaften u. s. f.), auf den Zaubertrommeln der Lappländer u. dergl. Beabsichtigt man nun durch Aneinanderreihen mehrerer solcher Bilder eine Folge von Ereignissen darzustellen, einen Gedanken auszudrücken, so ent- steht die ursprüngliche Form der Bilderschrift. Auf dieser Stufe steht die Schrift noch heute vornehmlich bei den Indianern und den Eskimos von Alaska. Auf die Bilderschrift der Letzteren hat neuerdings Adrian Jacobseu unsere Aufmerk- samkeit gelenkt und sehr werthvollcs Belegmaterial dem„Museum für Völkerkunde" in Berlin über- wiesen. Die im Zeichneu so geschickten Eskimos pflegen ihre Knochcugcräthe, besonders den zum Feuerdrillen benutzten Bogen,* mit Bildcriuschrifteu zu schmücken, indem sie mit einem scharfen Stein die Bilder in den Knochen ritzen und die Malerei dann mit Fett und Ruß überwischen, damit die Bilder deutlicher hervortreten. Betrachten ivir einmal zum besseren Verständniß eine solche Inschrift, wie sie sich auf einem der von Jacobson mitgebrachten Feuerbogeu vorfindet. Der aus Walroßknochen gefertigte Bogen ist vierkantig, jedoch nur auf den beiden Breitseiten mit Schildereien verscheu. Diese sind in einer Au- zahl von Feldern(fünf und sechs) angeordnet und von rechts nach links— jede ursprüngliche Schrift ist so geschrieben, vermnthlich weil die rechte Hand des Schreibers der linken Seite des zu beschreibenden Gegenstandes am nächsten ist— zu lesen. Auf den« ersten Felde ist eine Tnuzszene dar- gestellt. Die Männer stampfen mit dem Fuß die Erde und stoßen die Faust in die Luft, iudeß ihr Gesang von der Handtrommcl begleitet wird. Doch einer der Festgenosseu schleicht sich heimlich davon und belauscht(auf dem zweiten Felde) vom Dache einer Schneehütte aus ein zärtliches'1'öt.v-ä-t.öt.e im Innern derselben. Diese Entdeckung muß ihn wohl irgendwie näher angehen; denn auf dem nächsten Felde sehen ivir ihn im Kampfe mit dem Insassen der Hütte. Beiden eilen Verwandte zu Hülfe, ein heftiger Strauß hebt an und fordert bald blutige Opfer. Unser Eskimo kommt jedoch mit dem Leben davon, und um der drohenden Blutrache zu entgehen, wandert er aus. Er packt sein Hab und Gut, vor Allem den kostbaren Kajak (einsitziges Boot) auf den Schlitten und zieht nun (Feld 4) hinaus in die unbekannte Fremde. Auf dem nächsten Felde erblicken wir ihn im Kajak auf hoher See, der neuen Heimath zueilend. Jetzt labt sein Auge ein erfreuliches Schauspiel: iveidende Rennthierheerden, viele, viele Rennthiere und anderes Jagdlvild«Feld 6 und 7). Er erlegt ein Walroß und die Beute an Fellen ist eine reiche(Feld 6 und ll). So beschließt er denn, sich hier nieder- * Es sei bei dieser Gelegenheit gestattet, ein paar kurze Worte über das Feuennachen der Wilden zu sagen. Die einsachste Methode ist die in der Südsce geübte, wo. man aus einer hölzernen Unterlage einen etwa fingerdicken Holz- stab so lange unter einem Winkel von 45" drückend hin und her bewegt, bis sich der sich loslösende, verkohlende Holzstaub in einem Funken entzündet. Die Indianer und 'Neger„quirlen" Feuer, indem sie de» aufrecht stehenden Stab quirlend zwischen den Handflächen bewegen. Die sibirischen Völker„drillen" Feuer, d. h. sie schlingen um den ausrecht stehenden, mit Hülfe einer hölzernen Handhabe fest gegen die Unterlage gedrückten Stab eine Schnur, und setzen durch wechselnden Zug den Stab in rolirende Be- wcgung. Die Eskimos endlich befestigen die Enden der lederne» Schnur an einem knöchernen Vogen, der sägend hin und her bewegt wird. Statt der hölzernen Handhabe bedienen sie sich eines knöchernen Mundstückes, das mit den Zähnen gefaßt und gegen den in einer Höhlung lausenden Stab gedrückt wird. Bei ihnen vermag also eine Person den Feuerapparat zu handhaben, während bei den sibirischen Völkern zwei dazu nöthig sind. zulassen und schreitet zum Bau der Hütte. Und er ist vom Glück sehr begünstigt, denn eines schönen Tages erscheint, wohl durch die reichen Jagdgrmide angelockt, das Schiff des weißen Mannes, und dieser Besuch führte dann vielleicht zur Gründung einer Handelsstation. So redet der Bogen für Jeden, der nur einiger- maßen mit dem Leben und Treiben der Eskiinos vertraut ist, eine leicht verständliche Sprache. Auch die alt-mexikanischen Malereien sind zum großen Theil solch primitive Bilderschriften und unterscheiden sich von denen der Eskimos nur da- durch, daß sie mehrfarbig(wie die indianischen) und sorgfältiger ausgeführt sind. Diese Art der Bilderschrift kuim naturgemäß aber nur so lange bestehe», als der Jdeeulreis eines Volkes noch ein beschränkter, das Bedürfmß nach Mittheilung und Ueberlieferuug noch ein ge- ringcs ist. Mit der Erweiterung der Anschauungen macht sich das Verlangen immer fühlbarer, die Er- eignisse möglichst genau und ausführlich nieder- zuschreiben, und dieses Verlangen führt zur Schöpfung der Zeichenschrift. Eine Zwischenstufe, oder vielleicht richtiger Ueber- gangsstnfe hierzu, bildet die sogenannte„sym- bolische" Schrift, bei der ein Gedanke, be- ziehungsweise ein Satz durch ei» Symbol aus- gedrückt wird. Solcher Art ist noch heut beispiclshalber die Schrift der Jcbu-Neger sau der Sklavcnküste), von der das Berliner Völkerkunde-Aiuscum gleichfalls ein paar sehr interessante Proben besitzt. Es hau- delt sich hierbei um sogenannte Arokes, d. h. sym- bolische Briefe, die aus einem Stückchen Bast bestehen, auf welches ucbeneinander bestimmte Gegenstände gereiht iverden. So zeigt einer dieser Briefe nebeneinander befestigt einen rothen Lappen, einen Knochen, ein Stückchen Leineivand, nochmals einen Knochen und endlich eine Feder. Sein Inhalt ist folgender: Krieg(rothe Farbe); wir haben Todte «Knochen), so viele Todte, daß wir sie nicht einmal alle haben begrabe»(in Leineivand hüllen) können; kommt daher eilends(Feder) zurück. Diese Schrift ist natürlich nur Demjenigen ver- ständlich, der den vereinbarten Werth der einzelneu Symbole genau kennt, und vermag deshalb vor- trefflich als Geheimschrift zu dienen. Auch die berühinten Quipus oder Knoten- schnüre der alten Peruaner waren eine derartige symbolische Geheimschrift, die nur bestimmte Beamte zu entziffern vermochten. Sie glichen in ihrem Aeußern vollkommen einem Franseugürtel und waren von verschiedener Länge und Farbe; man bediente sich ihrer vornehmlich bei Berechnungen, Steuer- erhebungen und dergl. Ein einzelner Knoten be- deutete meist zehn, ein doppelter hundert; je nach der Farbe handelte es sich um Getreide(grün), Soldaten(roth), Gold(gelb) u. s. f. Ganz ähnlicher Knotenschriften bedienten sich auch die alten Chinesen; ein Ouipu war auch jener Ledcrriemen, den der Perserkönig Darius dem jonischen Feldherrn gab, als er über den Helles- pont nach Europa setzte, und in den er sechzig Knoten für sechzig Tage des Wartens geknüpft hntle, ein Ouipu ist es endlich, wenn wir uns zum Ge- denken einen Knoten ins Taschentuch knüpfen, nur uns verständlich, eine symbolische Geheimschrift. Auch die Zeichenschrift ist anfangs nur das Besitzthum einiger Weniger, meist der Priester des betreffenden Volkes; denn es bedarf zu ihrer Deutung nicht nur mehr sozusagen des Errathens der einzelnen Bilder, man muß die Bedeutung eines jeden Bildes genau kennen. Jedes Bild cutspricht ja einem Wort, und seine Bedeutung ist ein für allemal durch Vereinbarung festgesetzt. Allein zur Schreibung aller Wörter, zumal der Eigennamen und der Wörter einer fremden Sprache, reicht diese Btcthode nicht hin. Da fand der menschliche Scharfsinn einen merklvürdigen Ausweg, der für die Entwickelung der Schrift von der größten Bedeutung geworden ist. Man vernachlässigte all- mälig die Bedeutung der Bilder, und betrachtete sie nur noch ihrem Lautwerth nach, ganz so, wie wir es heute bei unseren Bilderräthseln thun. Die Aeue Welt. Illustrirte Anterhaltungsbeilage. 135 Zur näheren Erläuterung wollen wir ein Bei- spiel nach einer alt- nierikanischen Inschrift mit- thcilen. Ein bekannter König führte den Namen „Irzlioatl", zn deu.sch Messerschlange. Dieser Name wird nun einmal in gewöhnlicher Zeichenschrift durch das Bild einer Schlange wiedergegeben, die auf dem Rücken Steinmesser trägt. An anderer Stelle ist er aber durch folgende Bildcrreiye dar- gestellt: über einer messerartigen Waffe ist ein Topf abgebildet und darüber das Zeichen für Wasser an- gebracht. Wollte man nun dieses Bild einfach nach dem Sinn lesen, so erhielte man das Wort: Ntesser-Topf-Wasser, in Wirklichkeit heißt es aber Itzkoatl, indem nämlich jedes der Zeichen nur nach seinem Lautelverth(Messer itz, Topf ko, Wasser= atl)— ich wiederhole nochmal, ganz wie bei unseren Bilderräthseln— zu betrachten ist. Als die Spanier Mexiko im sechzehnten Jahrhundert eroberten, machten ihre Dominikanerniönche sich diese„Rcbusschrift"— wie Brugsch, der beste Kenner der ägyptischen Zeichenschrift dieses System getauft hat— für die Abfassung der lateinischen Gebete zn Nutze. Durch annähernd gleichklingende Laute versuchten die Eingeborenen die für sie natür- lich völlig sinnlosen Worte wiederzugeben. So schrieben sie beispielshalber das Paternoster(Vater- unser) folgendermaßen auf: sie malten ein Fähn- chen(pa), daneben einen Stein(te), eine Kaktus- feige(noch) und wiederum einen Stein(te), so daß man las pa-te noch-te u. s. f. Diesen so bedeutsamen Schritt von der Zeichen- schrift zur„phonetischen" oder Bauschrift haben unabhängig voneinander die Azteken, Chinesen, Assyrier und Aegypter gethan. Aber während die Mexikaner phonetische Schrift nur für Eigennamen und Fremdwörter angewandt haben, führten die drei anderen Völker diese Errungenschaft in ihrem .Schriftsystem ganz durch. Sie wählten nämlich aus dem Vorralh von Bildern eine kleine Zahl aus, für die sie den Lautwerth unveränderlich fest- setzten. Diesen Bildern, von uns Silbenzeichen genannt, wurde dann ein anderes, das sogenannte Dentzcichen, beigegeben, welches erst jedesmal die Bedeutung des Silbcnzcichens angab. So hatte beispielshalber das Bild der Laute im Aegyptischen den Werth des Silbenzeichens nokel, und dem- gemäß wurden alle gleichlautenden Wörter nekel mit Hülfe dieses Bildes geschrieben. So hieß nekel Rekrut, wenn dahinter ein Krieger abgebildet war, Füllen, wenn das Deutzeichen eines Pferdes folgte, Thür, wenn das Deutzeichen eine solche darstellte, Strick, wenn das Bild eines aufgerollten Taus dahinter stand u. s. f. Daß diese Schrcibmethode übrigens nicht gar so unbequem ist, wie sie auf den ersten Blick erscheint, wird man leicht einsehen, wenn man bedenkt, daß in den betreffenden Sprachen fast alle Wortivurzeln einsilbig sind. Aber die alten Aegypter— und sie allein— sind in der Ausbildung ihrer Schrift noch weiter gegangen und babcn damit den Höhepunkt der Ent- Wickelung erreicht: sie schufen ein Alphabet, in- dem sie aus dem Schatz der Silbcnzeichcn eine Schaar von fünfundzwanzig auswählten und ihnen den Werth eines bloßen Buchstabens gaben, so daß z. B. das Bild des Mundes, das ursprünglich Minu bedeutet, dann aber den Lautwerth ro(d. h. Mund) dargestellt hatte, nunmehr nur noch den Konsonanten r bezeichnete, während zugleich im Laufe der Zeit durch schnelles Schreiben die Bilder abgekürzt und abgerundet wurden. Doch in starrem Festhalten am Althergebrachten wandten sie diese neue Buchstabenschrift— im Gegensatz zur hiero- glyphischen Bilderschrift der Priester demotische (volksthümliche) genannt— nicht konsequent an, sondern auf ihren Denkmälern finden sich alle Formen der Schrift in buntem Durcheinander, so dem modernen Forscher die willkommenste Hand- habe zur Entzifferung gebend. Sie verschmähten, wie Brugsch sagt, die Durchführung der so ein- fachen Buchstabenschrift aus dem Grunde, weil ihre Schrift die Schrift der Götter(das griechische Wort IriSrös bedeutet heilig)— mit einem Schlage jenen dekorativen Charakter verloren hätte, der alle ihre Denkmäler so eigenthümlich auszeichnet. Den praktischen Phönikern war es vorbehalten, die von den Aegyptcrn entlehnte Buchstabenschrift noch weiter zu vervollkommnen, und von ihnen haben alle anderen Kulturvölker der alten Welt ihre Schrift überkommen. Jedes die'er Völker suchte nun diese Schriftzeichen seiner Sprache anzupassen, und, sie weiter fortbildend, schuf es die ihm eigen- thümliche Schrift. Auch die Runen der alten Germanen sind durch Vermittelung der italischen Schriftzeichen aus dieser sogenannten ursemitischen Schrift herzuleiten. Freilich besaßen unsere Vorfahren schon früher gewisse Merkzeichen, ähnlich wie heute die Samo- jeden u. A., jene notae impressae(eingedrückte Zeichen) des römischen Geschichtschrcibers Tacitus, die, ein Geheimniß(Run-Geheimniß, noch in unserem Zeitwort„raunen" erhalten) Weniger, in Buchen- stäbchen— daher unser„Buchstabe"— geritzt (writan ritzen, noch im Englischen n nie schreiben) und zu allerlei Prophezeiungen und Zaubereien ver- wendet wurden. Allein diese Zeichen haben mit den Runenalphabeten, in denen die uns erhaltenen Schriften verfaßt sind, nicht das Geringste zu thun. Ds der Knderjluke zweier AelwfutiliNre. (Zu unserem Bilde.) �>�0 könnte man vielleicht am treffendsten die Szene nennen, die der italienische Maler I. Garnelo in unserem heutigen Bilde zu lebensvoller Darstellung bringt. Im Peristylium, dem gewöhnlichen Aufenthaltsort der römischen Familie, erblicken wir Cornelia, die Tochter des großen Szipio Africanns, die verwittwete Gattin des Tiberius Sempronius Gracchus, der einst als Aedil durch seine glänzenden Spiele gewaltiges Aufsehen erregte, dann aber auch als Konsul und Soldat in seinen Kämpfen mit Spanien reiche Lorbeeren gecrntet hatte. Von den zwölf Kindern, die ihm sein Weib geboren hatte, waren nur drei, zwei Söhne und eine Tochter, am Leben geblieben, denen die Mutter nach dem früh- zeitigen Tode des Vaters sich nun mit größter, hingebender Liebe und Sorgfalt widmete. Und so war sie von der Größe und den Pflichten ihres mütterlichen Berufes erfüllt, daß sie selbst die gewiß verlockende Werbung des egyptischen Königs Ptole- mäus rundweg abschlug. Worauf sie aber in edler Uneigennützigkeit ver- zichtete, das sollte in doppeltem Maße ihren Kindern, und von diesen wieder in erster Linie ihren beiden Söhnen, den nachmals so berühmten Gracchcn, zu Gute kommen. Von Hause aus mit den geistigen Schätzen der griechischen Kultur aufs Innigste ver- traut und selbst eine Persönlichkeit von hoher, vor- nehmer Gesinnung, war sie es, die die Keime hellenistischer Bildung und edlen Menschcnthums in die Herzen der beiden Knaben pflanzte. Und herrlich ging die Saat auf, die sie mit nimmer rastenden Händen einst ausgestreut hatte. Freilich zu friedliebenden,„staatserhaltenden" Bürgern hatte sie ihre Söhne nicht erzogen, wohl aber zu kühnen, freiheitliebenden Männer», den höher als Ruhm und Ansehen, höher auch als das Leben, die Größe ihres Vaterlandes, das Wohl des Volkes stand. Wie Alle, die je muthig die Sache der Unter- drückten und Elenden zu der ihrigen machten, sind darum auch sie nicht dem Loos entgangen, das das Geschick Denen, die rücksichtslos gegen die An- maßungen einer herrschsüchtigen Ausbeuterklasse an- kämpfen, aufgespart zu haben scheint. Als der Aeltcre der Beiden, die wir auf unserem Bilde noch als Knaben sehen, war Tiberus Sem- pronius Gracchus auch der erste im Kampf und Tode für die Sache der nothleidenden großen Masse. Nach rühmlichen Kämpfen vor Karthago und in Spanien im Jahre 133 zum Volkstribnn erivählt, war es sein einziges Ziel, das schreiende Mißverhältniß zu beseitigen, wie es sich zwischen Besitzenden und Besitz- losen damals vornehmlich auf agrarischem Gebiete entwickelt hatte. Ein kleiner Haufe reicher, vor- nehmer Bürger, die sich als Räuber und Gauner großen Stils des Staatsackers bemächtigt hatten, stand der Masse der ruinirten Kleinbauern und besitz- losen Bürgern gegenüber, deren Lage noch verschärft und verbittert wurde dadurch, daß die herrschenden Großgrundbesitzer ihre Güter nur mit Sklaven be- stellten und die Erhaltung dieser ihre cinzigcn Pro- duktionskostcn ausmachte. Diesem Zustande mußte endlich ein Ende bereitet werden, und so war es denn der ältere Gracchus, der durch ein Gesetz Nie- mandem mehr als fünfhundert Joch Staatsackers zu besitzen erlaubte und das überschüssige Gebiet zu gleichen Thcilen an die Besitzlosen vergab. Allein mit diesem energischen Eingriff in die bestehende „Ordnung" waren noch längst nicht alle Schwierig- leiten beseitigt, und mußte Sempronius zur weiteren Ausgestaltung seiner Pläne bestrebt sein, auch für das nächste Jahr zum Anwalt für das Volk er- wählt zu werden. Aber er hatte die Rechnung ohne — die Optimaten, die Vornehmen, Besitzenden ge- macht, die schon längst über die gerechten, volks- thümlichen Vorschläge des jungen Volkstribnnen vor Wuth schäumten. Am Tage der Wahl kam es, nachdem von Seiten der Optimaten gegen die, an- geblich ungesetzlichen, neuen Reformen des Gracchus aufs Heftigste protcstirt worden war, zu tumultuarischen Szenen. Der Senat rückte, mit Knütteln bewaffnet, unter Führung des Obcrpriesters Scipio Nastca auf den Plan, und nun kam es zu einer regelrechten Schlacht, in der mit etwa dreihundert seiner An- Hänger auch der unermüdliche Kämpfer für die Rechte des Volkes, Tiberius Sempronius Gracchus seinen Tod fand. Doch schon im Jahre 123 trat als Testamentsvoll- strecker und Rächer zugleich, der neun Jahre jüngere Bruder, Gajus Sempronius in die Schranken. Im selben Jahr noch zum Tribun ernannt, führte er mit fieberhafter Eile— als ahnte er, daß auch ihm ein baldiges Ende beschieden sei— die von seinem Bruder begonnenen Reformen weiter. Ein Getreidegesetz, nach dem jedem römischen Bürger monatlich ein bestimmtes Quantum Getreide zum niedrigsten Preise aus Staatsmitteln verkauft werden sollte, bildete nur den Anfang seiner Thätigkeit, die tiefer und umfassender als die des älteren Gracchus, überhaupt ans einen vollständigen Umsturz der bestehenden Macht- Verhältnisse hinarbeitete. Und schon hatte es den Anschein, als ob der von der Begeisterung und Liebe des armen Volkes getragene junge Revolutionär sein kühnes Werk auch vollenden sollte, da kam das Jahr 121 und mit ihm einer seiner wüthendsten Feinde, L. Opinius zum Konsulat. Das aber war der Anfang vom Ende; denn da Gajus zufolge allerlei listiger Manipulationen der Optimaten nicht wieder zum Tribun erwählt worden war und mau sich bereits anschickte, die ganze Reformgesctzgebung der Gracchen umzustoßen, wappneten sich die Führer des Volkes zu energischem Widerstande. Umsonst. Wie so oft in derartigen kritischen Momenten, hatte auch damals ein auont provocateur in Gestalt eines Liktors die erbitterte Menge gereizt und— es kam, was zn erwarten war. Mit Hülfe kretischer Bogen- schützen rückten die Feinde gegen die Versammlung vor und am Abend deckten die Leichen von dreitausend Volkskämpfern die blutige Wahlstatt. Gracchus selbst, den seine Freunde zur Flucht gedrängt hatten, fand man jenseits der Tiber in einem heiligen Hain als Tobten ans. Er hatte sich, um nicht den Gegnern anheimzufallen, von einem seiner Diener das Schwert in die Brust stoßen lassen.— So endete, gleich seinem Bruder, rfnch dieser kühne Kämpfer für das Wohl und die Freiheit seines Volkes— als ein Mann und Held. Cornelia aber, die in stiller Zurnckgezogenheit den Untergang ihres Hauses betrauerte, konnte, wenn sie voll Stolz von ihres Vaters herrlichen Thaten erzählte, mit Recht von ihren Kindern sagen:„Und dieses Ntannes Enkel tvaren meine Söhne. In den Tempeln und Hainen der Götter ist ihr Blut ver- gössen worden, eine Grabstätte ihrer Thaten iverth. Für das Höchste haben sie ihr Leben eingesetzt, für das Recht des Volkes!" Glücklich jede Mutter, die wie jene große, edle Römerin im Hinblick auf ihre Söhne ein Gleiches sagen darf! Chlorophyll und Hämoglobin, der Fnrbstosf der Pflanzen, des Blattgrüns»nd der Farbstoff des rothen Blutes der meisten Thiere, sind durch neuere Unter- suchnngen des Gelehrten Schunck als Verwandte. Ab- könimlinge einer geineinsamen Muttersubstanz erkannt worden.' Dadurch sind die pflanzlichen und thierischen Organismen der wissenschaftlichen Erkenntnisz noch etwas näher gerückt als es bisher der Fall war, wo man doch schon Organismen kannte, die man ebenso gut zu den Pflanze» wie zu den Thieren rechnen konnte. Die namentlich von den Chemikern Max Ehlewski»nd Ncncki angestellten Untersnchnnge» über diese beiden Stoffe veranlassen Letzteren zu folgender Bemerkung: „Die Entdeckung(eben der chemischen Verwandtschaft beider Stoffe)... ist für die biologische Chemie deshalb von so kapitaler Bedeutung, weil sie uns einen Einblick in die entfernteste Vergangenheit der Ent- wiälnngsgeschichte organisirter Wesen gestattet und auf die Verwandtschaft der so verschiedenen Organismen, wie der pflanzliche und thierische sind..... Die Form der Zellkomplexe, welche die einzelnen Organe bilden, wird beeinflußt von dem Stoffwechsel, an welchen sich die einzelnen Organismen, je nach den änstcren Lebens- bcdingnngen im Kampf ums Dasei», anpassen. Parallel mit der Aenderung der Lebensbedingungen ändert sich nicht nur die Form, sondern gleichzeitig auch die chemische Zusammeusetzung der Zellen und ihr Stoffwechsel." Nencki führt dann in dem Ber, d chem. Ges. weiter aus, daß bei sehr niederen Organismen die größte Mannig- faltigkeit der Stoffwechsel einerseits nach der Art der pflanzlichen andererseits nach der der thierischen Organis- inen stattfindet, die bekanntlich das Schema geben: für die Pflanzen Stickstvsfeinfuhr und Kohlensäureausfuhr, bei den Thieren umgekehrt. Dieses Schema ist nicht mehr zu halten. Chlorophyll finde sich auch bei den Protozoen, den niedersten Thieren. Weiter wird als unzweifelhaft hingestellt, daß es Thiere giebt, welche mittelst eines chlorophyll-ähnlichen, an ihr eigenes Proto- plasma gebundenen Stoffes Kohlensäure zu assimiliren vermögen, und andererseits Bakterien, welche Sauerstoff ausscheiden mittelst an ihr Protoplasma gebundenen rothen Farbstoffes. Erkannt sei, daß es Pflanzen ohne Chlorophyll, wie Thiere ohne rothes Blut, giebt, da ja die rothen Blutkörperchen nur die Aufgabe haben, den Sauerstoff in die Gewebe zu transportiren. Die Chemiker werden sicher auf diesen Grundlagen und Andeutungen weiter arbeiten und es stehen noch gar mancherlei überraschende Entdeckungen zu gewärtigen. Ein antiker Hochstablcr. Unter dem Kaiser Commo- dus(180—192 u. Chr.) wurden die vornehmen, reichen Brüder Condianus Quinctilius und Maximus Quinctilius in kaiserlichem Auftrage ermordet. Dem Sohn des Maxi- mus, mit Namen Condianus Sextus, welcher sich damals in Syrien aufhielt, bangte wohl nicht ohne Grund für sein Leben. Er stürzte sich deshalb absichtlich, vom Pferde und simnlirte einen Blutsturz, sorgte dafür, daß statt seiner ein Widder feierlich begrabe» wurde und verschwand. Seine Majestät Kaiser Commodus aber ließ fleißig nach ihm forschen, und mehrere Personen mußten ihre Aehnlichkeit mit dem Gesuchten mit dem Tode büßen. Als nun Commodus seinerseits ermordet worden war, tauchte ein falscher Condianus auf, der das reiche Erbe der Quinctilicr einheimsen wollte. Er bestand, da er die Familiengeschichte und Familien- Verhältnisse der Ouinctilier sehr genau studirt und sich zu eigen gemacht hatte, alle Vernehmungen vor den Be- Hörde», welche seine Ansprüche zu untersuchen hatten, vorzüglich und glücklich. Unglücklicherweise aber ward die verwickelte Auge- lcgenhcu vor de» Kaiser Pertinax, den nur ein Jahr regierenden Nachfolger des Commodus, gebracht. Dieser, der Sohn eines Kohlenhändlers, eines Freigelassenen, also eines ehemaligen Sklaven aus Ligurien, hatte seinen Lebensplan darauf gerichtet, sich als Schulmeister durchs Leben zu schlagen, ward aber dann, da er dabei keine Seide spann, Soldat und Kavallerieoffizier, er bekleidete mehrere Provinzialkommandos und sonstige hphe Aemter. Pertinax ivar ein grnndvraver Charakter und ver- stand auch mehrere fremde Sprachen. Als ihm der Erbschnftskandidat der Hinterlassenschaft der Quinctilier vorgeführt wurde, kam der ehemalige Schulmeister, der der griechischen Sprache so mächtig war, wie dies auch von dem früher als verschollen betrachteten jungen Condianus bekannt war, auf den Gedanken, mit dem Hochstapler griechisch zn reden. Da stockte der Aben- teurer und ward als Schwindler entlarvt. Kismet! Es ist des Schicksals Wille! Als im Jahre 1860 ein ganzes persisches Heer mit 40 000 Ka- meelen durch die Feigheit und Unfähigkeit der Führer ver- leren ging, wurden diese vor ein Kriegsgericht gestellt, Ivo sie zur Bertheidignng einfach sagten: Wir wollten, aber Gott wollte nicht;— eine Entschuldigung, die auch gutgeheißen wurde derart, daß lediglich auf eine Geld- I rase erkannt wurde. So erzählt Brugsch in seiner„Reife n ich Persien". Eine Kaiserkrone zn versteigern. Dieses erhebende Schauspiel hatte die Welt nach der Ermordung des römischen Kaisers Pertinax, der infolge seiner persönlichen Tüchtigkeit und ernsten Reformabsichten nur 87 Tage lang regierte. Nach seiner Ermordung hieb man ihm den Kopf ab, steckte ihn auf eine Lanze und zog vor die Kaserne der Prä- torianer, der von den Vorgänger» des Pertinax arg ver- hätschelten Leibgarde. Das war am 28. März 193 n. Chr. Eben dorthin war im Auftrage des ermordeten Kaisers dessen Schwiegervater, der Polizeipräsident Sul- picianus, gegangen. Als dieser das Haupt seines Schwieger- sohnes erblickte, hatte er, wie der französische Historiker Durny sich ausdrückt,„die Geistesgegenwart", den wüsten Landsknechten ein bedeutendes Geldgeschenk anzubieten und sich bei ihnen um die Kaiserkrone zu bewerben. Nun lebte damals in Ron, ein steinreicher Senator Marcus Didius Severus Jnlianns, dessen Gattin Manlia Scantilla von gewaltigem Ehrgeiz beseelt war. Als die Geschichte von der„Geistesgegenwart" des Polizeiprä- sidenten Sulpicianus bekannt ward, eilte unser Didius Julianus ebenfalls nach der Prätoriancrkaserne, und bot mehr, als Sulpicianus drinnen den Soldaten versprochen hatte. Die Bote» gingen aus und ein von einem Bieter zum anderen mit der Meldung:„Dein Gegner giebt so viel, was schlägst Du drauf?" Sulpicianus sollte eben den Zuschlag erhalten gegen ein Geschenk von 5000 Denaren— 4350 Mark für jeden Prätorianer. Da bot der reiche Didius Julianus sofort jedem Soldaten 1250 De- uare— 1087 Mark mehr, rief das auch den Soldaten laut zu und verhieß ihnen die Wiederkehr ihrer„guten alten Zeit", wie unter dem Kaiser Commodus, der sie ungemein begünstigt hatte. Damit war Sulpicianus geschlagen. Didius Julianus stieg auf einer Leiter in die Kaserne und nahm die Hul- digung seiner allergetreuesten Leibgarde entgegen, die sich eidlich versprechen ließ, daß der neue Kaiser seinem Weit- bieter keinen Groll nachtragen wolle. Die Kaiserherrlichkeit des Didius Julianus dauerte indeß nur 66 Tage. Sein Leibgericht. Um 1850 grollte man in Galizien der Regierung und noch mehr der Polizei, die, wie man sagte, eine umfassende Erhebung durch Klugheit und Thatkraft im Keime erstickt hatte. Eines schönen Tages erhielt der Polizeikommissar, als eine Art kleiner Don Juan und Schürzenjäger bekannt, von zierlicher Damen- Hand ein Billet zu einem Stelldichein, elegant� und korrekt in Form und Inhalt Ter liebedürstende Polizeikommissar besann sich keinen Augenblick, der Ein- ladnng Folge zn leisten. In einem reizenden Neglige kam das Dämchen ihm entgegen. Diener mit langen Bärtcn servirtcn den Thee und zogen sich dann zurück. Mit schmachtendem Lächeln erklärte jetzt die Schöne, indem sie in die Hände klatschte:„Zum Nachtisch habe im meinem Freund sein Leibgericht aufgespart." Im nämlichen Augenblicke stürzte» vermummte Männer mit einer der von der österreichischen Polizei damals viel verwendeten Prügelbänke herein. Der verliebte Kom- missar wird aufgeschnallt, ein Knebel in seinen Mund gestopft und das berühmte„österreichische Traktamcnt", fünfundzwanzig Stockprügel, servirt. Als die heilige Metternichsche Zahl voll war, ward der Kommissar unter tiefen Bücklingen entlassen. Eine» Augenblick dachte er an Rache, fand aber endlich doch siir gut, vorläufig Über das ganze Abenteuer tiefes Schweigen zu beobachten. Zeugen konnte er nicht angeben, statt Genugthuung nur Gelächter ernten. Abgefertigt. Ter Herr Marquis und Geschicht- schreiber Costa Beauregard, der vor einiger Zeit zum Mitglied der französischen Akademie ernannt worden ist und nach altem Brauch auf den vorhergehenden Inhaber seines Sessels und palmengcstickten Akademikergewandcs eine Lobrede halten muß beim Antritt seiner Würde, hat nach dem„Cri de Paris"(Stimme von Paris) an den Akademiker Jules Barbier geschrieben:„Sie haben Ca- mille Doucet gut gekannt. Sie wissen, daß ich ihn als meinen Vorgänger in der Akademie beloben muß. Kommen Sie doch einmal Morgens zu mir. Ich bin von sieben bis nenn Uhr zn sprechen." Darauf antwortete Barbier: „Er stelle sich ganz zur Verfügung des Herrn Marquis, er sei seinerseits jeden Morgen von vier bis sechs Uhr zu sprechen. Die Ausnahme des Herrn Marquis werde nun statt im nächsten Monat erst im Herbst oder viel- leicht noch später vor sich gehen." Grdsnkensplitkrr.<�4- Hente können wir noch im Leben erfahren, wie der schrecklichste der Schrecken ein einflußreicher Dummkopf ist, dessen Geist allen vorsichtigen, einer genauen Beob- achtniig der Wirklichkeit entspringenden Erwägunge:»nd Abwägungen»nzngänglich, sein einmal gcsißtes Ziel mit blinder und einseitiger Energie verfolgt, nnbecümmert um die Hemmnisse und um den Schaden, den er anrichtet. Vierlandl. Genies und große Talente kann ein Volk nicht zn jeder Zeit haben, wohl aber kann es jedes Geschlecht ernst mit der Kunst nehmen. Bartels. — Schnitzet.— Reaktion. Es bleibt die Nacht des Tags ein Theil, Doch trotz der finster» Mächte, Wir sind im Lenz, mein Teutschland Heil!— Und kürzer werden die Nächte. Der Zweifel. Der Glaube ist zum Ruhme gut, Doch bringt er nicht von der Stelle, Der Zweifel in ehrlicher Männerfaust, Er sprengt die Pforten der Hölle. Wenn der Pöbel aller Sorten Tanzet um die goldnen Kälber, Halte fest: Du hast im Leben Doch am Ende nur Dich selber. Der Lump. Und bin ich auch ein rechter Lump, So bin ich dessen unverlegen. Ein frei Gemüth, ein fromm Gesicht, Herzbruder, sind ein wahrer Segen. Links nehm von Christi Mantel ich Ein Zipfelchen, daß es mir diene, Und rechts— Tu glaubst nicht, wie das deckt!— Rechts von des Königs Hermeline. th. Storni. Der Selbstgerechte. Er wirft den Kopf zurück und spricht: „Wohin ich blicke, Lump und Wicht!" Nur in den Spiegel blickt er nicht. I. Sturm. Fürbitte. Gedenke, daß Du Schuldner bist Den Armen, die nichts haben, Und deren Recht gleich Deinem ist An allen Erdengaben. Wenn jemals noch zu Dir des Lebens Gesegnet goldne Ströme geh», Laß nicht auf Deinen Tisch vergebens Den Hungrigen durchs Fenster sehn, Verscheuche nicht die wilde Taube, Laß hinter Dir noch Achren stchn Und nimm dem Weinstock nicht die (letzte) Traube. H. Ltngg. Der Vielseitige. Beglückt Dich eine Muse still, - So bleib ihr treu in Züchten, Wer aller neun sich rühmen will, Ter kegle statt zn dichten. H. Littauer. Sie schwatzen von Bescheidenheit, Mich dünkt, das ist ein fleckig Kleid! Der hat nach Rechtem nie getrachtet, Der nicht die eigne Arbeit achtet. S. Kinlel. Hofpoet. Von der Nachwelt zu vermessen Sprachst Du, als die Welt Dich las, Doch sie darf den Mann vergessen, Ter zuerst sich selbst vergaß. Menschenfreund. Ein jedes Winkelblättchc» preist, Wenn er den Armen Gutes erweist. Doch flüsternd Hab ich nur vornommen, Woher sein vieles Geld gekommen. E. Edel. Ein dummer Streich. Thorheit behält das Reich, Und Wahrheit wird Verbrechen. Da ist's ein stummer Streich Ein kluges Wort zu sprechen, p. Heys«. Zwischen starrenden Felscnwänden, Zwischen Felsen und Thalgeländen Nirgends klaffen so tiefe Spalten, Wie zwischen Versprechen, Geben und Halten. O. Blumeuthal. Huflösung öes Pilher-Häthsels in Nr. Ili: E l f e n t a n z. Nachdruck des Inhalts verboten? Alle für die Redaktion bestimmten Sendungen wo!!' man an Edgar Steiger, Leipzig, Oststr. 14, richten. Beranlworll. Rewilteur: Edgar Steiger, Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdruckerel u. BerlagSanstall Au-r& Co., Hamburg.— Druck: Max Babing, Berlin. i