Nr. 18 � CiTlcrhai(i(rr0sbcrta0c. 1897 saß Der Zukunft, l'ptt Alle erkämpfen das Licht und den Tag, A)ir ringen in Nacht und Dunkel, Wir wollen vergessen, was hinter uns lag, Wir sehnen den Tag, wir suchen den Tag Von Georg Freiherr von Omptcda.* Wir ahnen, wir fühlen die große Zeit, Wir vergessen versunkene Sorgen, Wir warten aus künftige Herrlichkeit, Wir grüßen, wir feiern die kommende Zeit, Und gehen wir auch, eh' die Sonne geloht, Lche Tag es wird über der Lrde: Wir besiegeln durch unseren freudigen Tod, Daß wir wußten, daß endlich die Sonne geloht, 2)ci ängstlichem Sternengesunkel! Wir singen den dämmernden Morgen. Daß wir ahnten das lösende„Werde!" Wir Uebergangsmenschen, wir wollen das Mahl Den kommenden Klücflichen rüsten! Die leeren im Siegesrausch den Pokal, Die thun sich dann gut am bereiteten Mahl Und leben im.Ernten, in Lüsten! Sie werden einst, wenn sie die Frücht in der Hand, Die wir nur gesehen im Reisen, Unsere Träume von einem Zukunstsland, Unsre Kämpfe, die Feder, den Stift in der Hand, Unsre glühende Sehnsucht begreisen. * Aus der„Gesellschaft", Monatsschrift für Literatur, Kunst und Sozialpolitik, VIIL Jahrgang, Heft 8, 1892, Leipzig, Verlag von WilH. Friedrich. Die WiHiListin. Roman von Sonja Kowalcivska. Aus dem Russtschen übersetzt von Louise FlachS-Fokschancau». I. 'ch war zweiundzwanzig Jahre alt, als ich mich in Petersburg niederließ. Drei Monate vor- her hatte ich eine der ausländischen Universitäten absolvirt und war mit dem Doktordiplom in der Tasche nach Nußland zurückgekehrt. Nach einem fünfjährigen zurückgezogenen, beinahe völlig ein- siedlerischen Leben in einem kleinen Universitäts- städtchen erfaßte mich auf einmal das Petersburger Leben wie ein Rausch. Für eine Zeit lang vergaß ich die Begriffe von analytischen Funktionen, Raum, vier Dimensionen, die noch vor Kurzem meine ganze innere Welt erfüllten, und gab mich mit der ganzen Seele den neuen Interessen hin; ich machte links und rechts Bekanntschaften, bemühte mich, in die ver- schiedensten Kreise einzudringen und verfolgte mit brennender Neugier die Erscheinungen dieses ver- wickelten, im Grunde so leeren, aber auf den ersten Blick so verlockend aussehenden Chaos, das man Leben heißt. Alles interessirte und freute mich jetzt. Es zerstreuten mich die Theater und die Wohlthätigkeits- Soireen und die literarischen Kreise mit ihren end- losen, zu Nichts führenden Disputen über alle mög- lichen abstrakten Themata. Die gewöhnlichen Besucher dieser Kreise waren der Dispute schon überdrüssig, für mich hatten sie noch den ganzen Reiz der Neuheit. Ich gab mich ihnen mit dem Enthusiasmus hin, dessen nur der von Natur gesprächige Russe fähig ist. welcher noch dazu fünf Jahre hindurch aus- schließlich in Gesellschaft zweier, dreier Spezialisten lebte, die von ihrer engen, sie gänzlich ausfüllenden Beschäftigung in Anspruch genommen sind und nicht begreifen können, wie man seine kostbare Zeit mit müßigem Tratsch vergeudet. Das Vergnügen, welches ich an dem Verkehr empfand, thcilte sich auch der llmgebung mit. Indem ich mich selbst hinreißen ließ, brachte ich neue Bewegung und neues Leben in jenen Kreis, den ich frequentirte. Der Ruf einer gelehrten Frau umgab mich wie mit einer Art Aureole; die Bekannten erwarteten irgend etwas von mir, man hatte bereits in zwei, drei Zeitschriften aller- Hand über mich ausposaunt, und diese mir noch völlig neue Rolle einer berühmten Frau hat mich, wietoohl sie mich etwas verwirrte, im Anfang dennoch belustigt. Kurz, ich befand nnch in der seligsten Stimmung, ich durchlebte in dieser Epoche meines Lebens sozusagen den Honigmonat meiner Berühmt- heit; ich wäre bereit gewesen, auszurufen:„Alles ist auf das Beste bestellt in dieser besten der Welten!" Heute war ich besonders guter Laune. Gestern hatte ich eine Abendunterhaltnng in der Redaktion einer neuen, eben erschienenen Zeitschrift niitgemacht; auch ich wurde zum Mitarbeiten aufgefordert Dieses neue Unternehmer beschäftigte alle Mitarbeiter außer- ordentlich, und die Redaktions-Samstage zeichneten sich durch ungewöhnliche Lebhaftigkeit aus. Gegen drei Uhr Morgens kam ich nach Hause; ich stand daher heute spät auf, verbrachte lange beim Morgen- thee und durchflog mit Interesse einige Zeitungen. Ich las die Anzeige von dem Gelegenheitsverkanf eines geschnitzten Bücherschrankes und fuhr hin, um ihn zu besichtigen. Auf dem Wege dahin traf ich in der Pferdebahn eine bekannte Dame, die, wie ich, Coiiiitemitglied der gerade vor Kurzem eröffneten „höheren Frauenkurse" war, ich sprach mit ihr von „Geschäften", besuchte noch zwei, drei Bekannte und kehrte gegen vier Uhr nach Hause zurück; ich saß jetzt ruhig im Stuhl vor dem geheizten Kamin und betrachtete mit Vergnügen mein hübsch eingerichtetes Arbeitszimmer. Nach fünfjährigem Herumwandern in verschiedenen niöblirten Zimmern bei deutschen Wirthinnen war ich jetzt wirklich froh über das mir neue Vergnügen an meinem eigenen, geinüthlichem Winkelchen. Es klingelte im Vorzimmer.„Wer mag das sein?" dachte ich, im Geiste alle Namen nieiner ver- schiedenen Bekannten aufzählend, und mit einer ge- wissen Unruhe warf ich einen Blick in den Spiegel, um mich zu vergewissern, daß meine Toilette in Ordnung ist. Eine hohe, junge Frau in einem ein- fachen Tuchpelz trat ins Zimmer ein. Infolge meiner Kurzsichtigkeit konnte ich nicht gleich unter- scheiden, ob ich diese Person kenne— und ich konnte dies umsoivcniger, als ein schwarzes Kopftuch bei- nahe völlig ihr Gesicht verhüllte und nur ein kleines, regelmäßiges, vom Frost leicht geröthetes Näschen frei ließ. Ich erhob mich, um freundlich, aber mit einem gewissen Erstaunen im Blick dem Gast ent- gegenzugehen. „Entschuldigen Sie, daß ich mich entschlossen habe, Sie zu belästigen, obgleich ich Sie nicht per- sönlich kenne," sagte die Eintretende.„Ich bin Wjera Baranzow. Sie werden sich meines Namens kaum erinnern, obschon unsere Eltern Gutsnachbarn waren. Ich habe von Ihnen in den Zeitungen unlängst gelesen. Ich weiß, daß Sie lange im Auslande studirt haben, und überall erzählt man sich, daß Sie ein guter, ernster Mensch seien. Da fiel es mir ein, daß Sie mir mit einem Rath bei- stehen könnten." Das Alles sprach sie in einem Athem und hastig, mit voller, überaus angenehmer Bruststimme. Ich war verwirrt und geschmeichelt von diesem Beiveis . 133 Zllustrirte Unterhalwngsbeilage. meiner Berühmtheit. Zum ersten Mal hat sich an mich ein Unbekannter um Rath ciemendct. „Ah, ich freue mich sehr! Biite, setzen Sie sich. Legen Sie doch Ihren Pelz ab," stammelte ich freund- lieh und sehr verwirrt. Wjera warf das schwarze Tuch vom Kopfe ab. Ich war erstaunt, eine solche Schönheit zu sehen. „Ich bin allein auf der Welt und hange von Niemandem ab. Plein persönliches Leben ist abge- schlössen. Für mich crivarte und will ich nichts mehr. Aber mein leidenschaftlicher, flammender Wunsch ist, der.Sache' nützlich zu sein. Sagen Sie, lehren Sie niich, was zu tliun," sagte Wjera plötzlich ohne Einleitung sogleich auf den Zweck ihres Be- snches übergehend. Bon jeder Anderen hätte dieser sonderbare, unerioartete Anfang unangenehm, wie eine Effekthascherei berühren können, aber Wjera sprach so einfach, in der Stimme hörte man einen so aufrichtigen, flehenden Ton, daß ich garnicht daran dachte, mich zu wundern. Dieses hohe, schlanke Mädchen mit dem blaffen Gesichte und den sinnenden blauen Augen war mir mit einem Male außerordentlich nah und stzinpathisch. Ich befürchtete nur Eines: daß ich ihr Zutrauen nicht rechtfertigen, auf ihr Ansuchen in nicht entsprechender Weise antivorten und ihr keineu nützlichen Rath werde geben können. Und mein eigenes Leben der letzten drei, vier Mo- nate erschien mir mit einem Plale so leer und un- bedeutend; alle Interessen, die mich erfüllten, ver- loren an Sinn und Bedeutung. Plötzlich schnitten mir Gewissensbisse ins Herz.„Was werde ich ihr sagend Womit ihr helfen?" Da ich nicht wußte, womit beginnen, bat ich Wjera, Platz zu nehmen und ließ Thee bringen. In Rußland kann kein herzliches Gespräch ohne den Samowar geführt werden. Was mich bei Wjera gleich überraschte, war ihre völlige Gleichgülligkeit gegenüber allen, Aeußerlichen. Sie glich denjenigen Hellsehcrinncn, deren Blick von einem einzelnen Gegen- stände so sehr absorbirt ist, daß sie unfähig sind, andere Eindrücke aufzunehmen. Ich fragte sie, ob sie schon lange in Petersburg weile, ob sie in ihrem Hotel gut untergebracht sei? Aber ans alle diese Fragen antwortete Wjera zer- streut, mit einer gewissen Unzufriedenheit. Die Kleinlichkeiten des Lebens haben sie augenscheinlich gar- nicht interessirt. Wiewohl sie noch nie in Petersburg gewesen war, überraschte und iuteressirte sie das hauptstädtische Getriebe nicht. Sie war blas von einem Gedanken ganz eingenommen: einen Inhalt und Ziveck des Lebens zu finden. Es zog mich mächtig zu diesem jungen Mädchen, das so wenig de» Anderen glich, die ich vorher kennen gelernt hatte. Ich bemühte mich darum, ihr Vetrrauen zu gewinnen, in ihre geheimsten Gedanken einzudringen. Auf ihre Frage erwiderte ich, daß ich ihr keinen Rath geben könne, ehe ich sie nicht näher kennen lerne. Ich bat Wjera, mich, wenn möglich, oft zu besuchen und mir ihre ganze Vergangenheit zu er- zählen. Wjera selbst hatte daran gedacht, sich ganz mitzutheilen und antwortete auf alle meine Fragen mit ungezwungener Offenherzigkeit. Nach wenigen Woche» drang ich in ihr Herz ein und las darin so klar, tvic eine Frau nur in dem Herzen einer anderen lesen kann. II. Die Familie der Grafen Baranzow ist eine vor- nehme, obgleich man nicht sagen kann, daß sie sehr alten Geschlechts wäre. Ihr offizieller Stammbaum kann allerdings bis Rurik verfolgt iverden, aber es ist an der völligen Glaubivürdigkeit dieser Urkunden zu zweifeln erlaubt. Ganz festgestellt ist nur, daß ein gewisser Jlvaschka Baranzow als Gemeiner in der Garde Ihrer Majestät der Kaiserin Katharina II. stand; im Gesicht war er Milch und Blut und von Gestalt eine gute Klafter hoch, und er verstand es so gut, der Landesmntter zu dienen, daß er wegen seiner treuen Dienste sofort zum Korporal ernannt und mit einem Grundbesitz von fünfhundert Bauern- seelen und tausend Rubeln belohnt wurde— Seelen waren dazumal billig und das Geld theucr. Seit jener Zeit dalirt die Blüthe deS Baranzow-GcschlcchieS. Mit dem Grafentitcl wnrde er von Alexander I. aus- gezeichnet, an dessen Hof die schöne Gräfin Baranzow einige Zeit eine sehr angesehene Rolle gespielt halte. Ucbrigens sind in den Familienchroniken dieses Ge- schlechtes in den letzten hundert Jahren nicht blos Erfolge zu verzeichnen, es hat auch manches Atiß- geschick erfahren. Alle Baranzows zeichnen sich durch Heftigkeit und Zügellosigkcit im Wünschen aus, und diese Eigenschaft hat sie oft genug in Gefahr ge- bracht. Mehr als ein bedenlcndes Gut, mehr als ein einträgliches Gebiet wurden zu dieser Zeit im Kartenspiel, für Pferde und schöne Frauen vergeudet. Das Glück der Baranzow-Familie begann sich zeit- weilig zu trüben, aber die leichte Wolke hellte sich in der Sonne der kaiserlichen Huld bald auf. Irgend Einer von den Baranzvivs hat es immer so einzu- richten gewußt, daß er zur rechten Zeit seinem Kaiser einen Dienst erivies und dann traten an die Stelle der verschwendeten und verlorenen Güter neue große, so daß im großen Ganzen die Familie eigentlich fortfuhr zu wachsen und zu gedeihen. Wenn aber auch die Güter schnell verschivcndet und wieder erworben wurden, ging dagegen unveränderlich ein kostbares Erbe: die ungewöhnliche, sozusagen die Familienschönheit von Geschlecht zu Geschlecht, vom Vater auf den Sohn, von der Mutter ans die Tochter über. Es hat unter ihnen nicht einen einzigen Ab- stoßenden. Mißgestalteten oder überhaupt Einen ge- geben, der unschön gewesen wäre. Als ob sie einen natürlichen Hang zum Schönen gehabt oder Darwins Theorie vorausgeahnt hätten, heiratheten alle Grafen Baranzvivs Schönheiten, fanden alle ihre Töchter schöne Männer. Demzufolge hat sich der Familien- typns erhalten und ist in der russischen Aristokratie so bekannt, daß wenn man von Jemandem sagen wird:„Er oder sie hat ein Baraiizow-Gcsicht" und in der Vorstellung nicht gleich ein bestimmtes Bild erscheint— eine große, stattliche Gestalt, mattweißes, ovales Gesicht mit durchsichtigen, rosigen Farben ans den Wangen, eine niedere, breite Stirne, mit fein gezeichneten blauen Adern an den Schläfen, wie Rabenflügcl schwarzes Haar und blaue, schwarz bewimperte Augen— so bedeutet das, daß man nicht zu den Aristokraten gehört und in den Dingen, die die obersten Zehntausend in Rußland betreffen, gar- nichts versteht. Dieser Baranzow-Typus ivar stark und zäh; man konnte in der guten, alten Zeit der Leibeigen- schaft an ihm auch die Fähigkeit bemerken, ans die Bauern und das Gesinde der gräflich Baranzow- schcn Güter überzugehen. Es lvar doch merkwürdig! Der Herr oder die jungen Herren brauchten nur auf einem der Güter zu Gast zu sein, so kam nach- her gewiß in der einen oder der anderen Bauern- Hütte— und zwar in derjenigen, wo es junge und hübsche Weiber gab— ein Kind zur Welt niit deni Gesicht eines kleinen Baranzow, mit denselben edlen Zügen der Kinder ini Herrschaftshause. Graf Michail Jwanowitsch Baranzow war ein verdienstvoller Sprosse seiner Familie. Außer seiner Schönheit hatte er das Glück, zu Beginn der llie- gierung Nikolais geboren zu werden, in der Periode der vollen Blüthe der Petersburger Garde. Nachdem er einige Jahre in einem Kürassierregiment gedient, viele Frauenherzen gebrochen hatte, erwarb er sich unter seinen Kameraden redlich den schmeichelhaflen Spitznanicn:„Schrecken der Ehemänner". Noch in jungen Jahren verliebte er sich leiden- schaftlich in eine entfernte Verwandte, Marie Dimi- triewua Kudrawzewa. die auf ihrem schönen, wie von einem großen Künstler gemeißelten Gesicht den deutlichen Stempel des Baranzowschen Geschlechtes trug. Da er Gegenliebe fand, hcirathete er und setzte seinen Dienst fort. Er hätte vielleicht auch einen hohen Rang erlangt, aber zu Beginn der Regierung Alexander II. ividcrfnhr ihm eine kleine Unannehmlichkeit, deren llrsache auch in dem stürmi- scheu Blut der Baranzow und in der verhängniß- vollen Baranzowschen Schönheit lag. Er war auf seine schöne Frau eifersüchtig, forderte einen Garde- offizier zum Duell und tödtete ihn. Die Affaire wurde schlecht und recht vertuscht, aber dem jungen Grafen ward es nach diesem Vor- fall nngcmülhlich, in seinem'Regiment zu verbleiben; er ivar gcnöthigt, um lerne Enriassnng zu bitten und reiste ans sein Gut, das er vom Vater, der gerade gestorben war, geerbt hatte. Das war im Jahre achtzehnhnnderlsiebennndfünfzig. In Peters- bürg gingen schon vage Gerüchte von der Bauern- bcfrcinng umher, aber bis nach Borki, so hieß das Gut des Grafen Baranzow, waren diese Gerüchte nicht gedrungen. Dort ging Alles noch nach der guten, alten Ordnung. Wie groß zu jener Zeit das Vermögen des Grafen Blichail Jwanowitsch war, wußte Niemand genau, am wenigsten er selbst. Das Gut ivar groß, wenn auch nicht mehr von der früheren Ausdehnung. Der Papa seligen Angedenkens liebte es gleichfalls, recht vergnügt zu leben, und unter ihm noch wnrde ein großer Thcil des Waldes aus- geholzt und nicht wenige Dcßjatin* Grund Wiesen verkauft. Michail Jwanowitsch verließ nach ungefähr fünfzehnjährigem Dienst bei den Kürassiren Peters- bürg, selbstverständlich nicht ohne Schulden. Seine Verwaltung begann er damit, daß er zur Deckung alter Sünden noch ein gut Stück Grund verkaufte und auf den Rest des Gutes eine Anleihe machte. Bis nun ließ sich Alles gut einichten und der Graf wnrde nicht beunruhigt. Der Dorfälteste war tüchtig, er verstand es. Alles ohne Lärm zu arrangiren, ohne überflüssige Gespräche: wenn der Herr Geld nöthig hatte, war es immer zur Hand. Zur Zeit ihrer Ilebersiedelung aufs Land hielten sich der Graf Michail Jwanowitsch und die Gräfin Maria Dimitricwna, trotz ihrer drei erwachsenen Töchter, für sehr jung. Sie nahmen weder Sorgen noch Pflichten auf sich, und Niemand bestritt ihnen das Recht, ganz nach Belieben zu leben. Alles nahm hier seinen früheren Lauf, frei und fröhlich. Noch zu Lebzeiten des seligen Herrn lvar das ganze Haus ans großem, herrschaftlichem Fuß geführt worden: dreißig Pferde zum Ausfahren im Stall, ein eng- lischer Garten, Orangerien und Treibhäuser, eine Meiige müßigen und faulen Gesindes. Die einzige Veränderung, welche die jungen Herrschaften mit sich brachten, bestand darin, daß sie zu den Einfällen des alten Stzbaritenthums viele ver- schicdcne hauptstädtische, verfeinerte Liebhabereien hin- zufügten, von denen man sich früher auf dem Lande nichts träumen iieß. In den Paradezimmern waren alle Möbel mit Seidenstoff überzogen, die Fenster und Dielen waren früher unbedeckt, jetzt ivnrden überall Teppiche aufgelegt und Porti ren angebracht. Die Diener trugen früher fettglänzende, von den Herrschaften abgelegte Röcke, jetzt nähte man ihnen Livree». Die Küche übergab man der Verivaltung eines Kochs, der ini englischen Klub gelernt hatte, und in der Gesindestube fügte mau noch zu der Menge der Stubenmädchen, die im Hause aufgewachsen waren und sich mit Nähen, Sticken, Spitzenklöppelci beschäftigten, eine elegante, bezahlte Kammerzofe. Tie junge Herrschaft übte auch mit ihrem Bei- spiel einen wohlthätigen Einfluß auf die Wachbar- schaft aus. Der Gouverneur hat nicht ohne Grund in der Rede, die bei dem Diner zu Ehren der Neu- angekommenen gehalten wurde, gesagt, daß sie ein neues Leben ins Gouvernement gebracht haben. In der That begann mit ihrer Ankunft die Acra der Festlichkeiten, Schmansereieu und Vergnüigniigen. Niemand wollte sich vor den Gästen aus der Haupt- stadt blamiren. Die Gutsbesitzer und Gutsbesitzerinnen schüttelten ihre ländliche Faulheit ab. Die früheren harmlosen Zeitvertreibe, die schwerfälligen Geburtstagstafeln. Kartenspiel und Tanz veränderten sich jetzt zu feineren, sozusagen intellektnellcn Genüssen. Nach Ankunft des Grafen Baranzow auf seinem Landsitz entstanden im ersten Jahr in ihrer Gouvernemcntsstadt ein Tilet- lantentheater, Konzerte mit lebenden Bildern und Kostümabende ans Subskription. Und Michail Jwanowitsch und Piaria Dinii- triewna waren entzückt von dem Eindruck, den sie im Gouvernement machten, und Beide waren von der Bedeutung ihrer sogenannten Zivilisationsmission ganz durchdrungen. Der Graf hielt sogar bei einem offiziellen Diner einen Speech über die Bedeutung der englischen Genlry(Adel) und drückte den Wunsch * R»s[i|>t,cS Fels.lmh 1091/« Ar. Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 139 ans, daß die russischen Gutsbesitzer zu englischen Land- lords werden sollten. Die Gräfin bemühte sich auch nicht wenig um die Veredlung der Provinzsitten. Sie fühlte sich verpflichtet, kostbare Toiletten aus Petersburg zu bestellen. Das Haus der Baranzow war für Gäste immer offen. Das Diner wurde nach städtischer Art spät genommen und alle Hausgenossen mußten sich ror Tische, wie es bei den Engländern geschieht, umkleiden. Zum Dejeuner reichte man nicht ein- fachen Schnaps, sondern Englisch-Bitter. Das Haus der Baranzolv war ein schwerfälliges altes Gebäude mit Steinmauern von zwei Arschin Dicke; äußerlich erinnerte es an einen großen, vier- eckigen Kasten, bei dem man, Gott weiß weshalb, an verschiedenen Seiten phantastische Laternen und kleine Balkons angebracht hatte. Im Allgemeinen war es von jenem ausgesprochenen, obgleich noch in keinem Lehrbuch der Architektur vorkommenden Stil, den man den Stil der Leibeigenschaft hätte nennen sollen. Ueberall war viel Btatcrial verbraucht, aber Alles Ivar plump. Aus Allem ging hervor, daß das Haus zu der Zeit gebaut wurde, als die Arbeit umsonst war und da man Alles mit häuslichen Mitteln bestritt. Die Ziegeln brannte man in der eigenen Ziegelei, die Parqnets verfertigten Leib- eigene aus dem eigenen Holz; selbst der Baumeister, der den Plan entworfen, war ein Leibeigener. Im Innern unterschied sich die Lage der Zimmer im Hanse der Baranzow wesentlich nicht von der Mehr- zahl der Gutcbesitzerhäuser jener Zeit: Oben wohnten die Herrschaften, unten befanden sich die Kinder- zimmer; das Souterrain war für die Küche und die Dienerschaft bestimmt. Ins Souterrain kam die Gräfin nur zum Aufcrstchnngsfest, um niit dem Gesinde die Osterküsse zu tauschen; ins Kinderzimmer aber blickte sie manch, nal auch an gewöhnlichen Tagen, wenn die Zeit es ihr erlaubte, d. h. wenn keine Gäste da waren oder wenn sie keine Besuche machte; das kam übrigens nicht sehr oft vor. In der Kinderstube des Baranzowschen Hanfes wuchsen heran und entwickelten sich drei Fräulein, die unter der Obhut von zwei Gouvernanten standen, von denen die eine, Mlle. Julie, groß, sehr lebhast und eine gesprächige Brünette unbestiunnten Alters, die andere, Mine. Night, eine stattliche Wittib mit einem strengen, monumentalen, von dicken grauen Locken umrahmten Gesicht war. Außer diesen zwei Erzieherinnen umgab überdies nicht wenig anderes Volk die Kinder: die alte Njanja (Kinderfrau), das Stubenmädchen Anisja und ein Lanfmädchen. Kurz, Alles war so bestellt, wie es in einem Hcrrschaftshaus sein soll. Die drei Fräulein waren für ihr Alter groß, hatten herrliches, dichtes Haar, das man des Morgens zu einem Zopf flocht und zum Diner frei wallen ließ, und alle drei versprachen, mit der Zeit Schönheiten zu werden. Die zwei älteren, Lene und Lisa, standen schon sozusagen auf der Schwelle, um bald ans der Kinder- stube in den Salon zu eilen. Die Eine von ihnen war vierzehn, die Andere dreizehn Jahre alt. Beide lauschten mit leidenschaftlichem Interesse jedem Ton, der von den oberen Stockwerken zu ihnen drang, und Beide murrten gewaltig, daß man sie noch kurze Kleider tragen ließ. Das dritte Fräulein, Wjera, noch ganz klein, ein Btädchen von acht Jahren, mit rundem, rosigem Gesicht und mit jenem seltsamen, beschaulichen Blick, der fast immer in den Augen der Kinder vorkommt, die ihr eigenes kindliches Leben haben, murrte bis nun noch gegen nichts. Wie bei allen Kindern, deren Leben regelmäßig verläuft, waren bei ihr die konservativen Instinkte stark entwickelt; sie war Allem, tvas sie umgab, unbcivußt mit der thierischcn An- hänglichkcit eines gepflegten Hausthierchens ergeben, und ihr kam es nie in den Sinn, an dem Verdienst eines ihrer Nächsten zu ztveifeln. Ihre Mutter war die beste der Mütter, ihre Kinderstube die beste der Kinderstuben. Ja, im Hause ging es überhaupt herrlich zu. Ein Jeder kannte seinen Platz und Alle lebten fried- lich und ruhig, wie immer in einer Gesellschaft, wo es zuverlässige Stützen giebt und nicht jede einzelne Persönlichkeit genöthigt ist, mit dem Kopf die Mauer einzurennen, um gegebenenfalls für sich eine» Aus- weg zu suchen. Im Allgemeinen dachte und flüsterte und träumte man nicht wenig von Liebe— sowohl in den oberen wie in den unteren Stockwerken des Baranzowschen Hauses, lind wahrhaftig, außer den Freuden und Leiden der Liebe konnte, wie es schien, nichts den geraden Weg durchkreuzen, der sich vor den drei Fräulein Baranzow eben und glatt wie Leinenfäden ausbreitete. Stach jeder Richtung war ihr Leben vorher be- stimmt und vorhergesehen. Papa und Mama waren fest entschlossen, Lena Rtistino, Lisa Stepino und der jüngsten, Wjera, Borki als Ntitgift zu geben. Der Graf und die Gräfin wußten auch, daß nach drei, vier Jährchen zur rechten Zeit zweifellos i.gcnd ein Husar oder Dragoner erscheinen und Lena holen wird, und übers Jahr wird ein anderer Husar kommen und entführt Lisa, lind dann ist die Reihe an Wjera. Die Kinder werden nicht in Borki wohnen, sondern anderwärts, in einem anderen Hause, nicht Anisja wird sie bedienen, sondern irgend ein anderes Stuben- mädchen; von diesen kleinen Veränderungen abge- sehen, tvird Jede den gleichen Lebenslauf iviederholen, wie die Mutter den Lebenslauf der Großmutter wiederholt hat. Das Alles war sehr einfach und sehr wahr und verstand sich von selbst, ohne daß man darüber nachzudenken brauchte, ettva wie man wriß, was man morgen und übermorgen zu Mittag essen wird. Aber alle diese richtigen und sicheren Pläne wurden durch ein unertvartetes Ereigniß vereitelt, das heißt, thatsächlich kam dieses Ereigniß garnicht so unerwartet, da man schon zwanzig Jahre vorher davon gesprochen, ganz Rußland darauf vorbereitet hatte; aber wie alle großen Ereignisse hatte es die Eigenlhümlichkeit, daß es, als es sich endlich ver- wirklichte. Allen als ettvas plötzlich Dahergeflogenes erschien und Alle unvorbereitet fand. (Fortsetzung solgl.) Wanderungen durch Zeit und Raum. Von Tlz. Vlicvlicdr. II. Das Werden im Weltall. m Anfang schuf Gott Himmel und Erde und die Erde ivar wüste und leer und es war finster auf der Tiefe." Mit diesen einfachen Worten findet sich der Verfasser der Genesis mit der Thatsache ab, daß die Welt nun einmal vorhanden ist. Allerdings kann man der biblischen Schöpfungs- geschichte poetischen Werth nicht absprechen; der Verfasser des ersten Kapitels, tvahrscheinlich ein alter Chaldäer, war für seine Zeit offenbar eine geistig hochstehende Persönlichkeit mit dichterischer Begabung, aber Positives bringt die Genesis nicht. Die ersten beiden Kapitel sind nun so gut wie sicher zusammengestückeltc Werke zweier Autoren, was sich aus Stil und Inhalt nahe zur Evidenz ergtebt, denn nicht allein, daß der Mensch in der Bibel zweimal erschaffen wird, einmal im ersten Kapitel Vers 21 und dann im ztveiten Kapitel Vers 7, spricht dafür, sondern auch der stilistische Unter- schied zwischen dem ersten nebst einem Theil des zweiten Kapitels und dem ztveiten Kapitel von Vers 4 an, der sogar noch in der Uebersetzung charakteristisch hervortritt. Das erste Kapitel nebst Vers 1 bis 3 des 2. Kapitels sind dichterisch gehalten und deuten auf ein tieferes Naturempfinden, offenbar bildet dieser kurze Theil nur ein Fragment einer größeren Arbeit, deren Fortsetzung verloren gegangen ist. Mit dem 4. Verse des zweiten Kapitels jedoch beginnt eine völlig neue Schöpfungsgeschichte, die aber im Gegensatz zum ersten Kapitel unziveifelhaft viel nüchterner erscheint und die Erzählungen vom Erdenkloß, der Rippe und der Schlange bringt, deren der Verfasser des ersten Kapitels mit keiner Silbe gedenkt. Jahrtausende lang hat sich nun die jüdische und christliche Menschheit mit dieser biblischen Schöpfungs- geschichte nothgedrnngen beholfen, allgemein etwa bis zu der das Alte stürzenden Periode, welche die neue Zeit einleitete und sich durch die Erfindung der Buchdrnckcrkunst, großartige geographische Eni- decknngen und eine Reihe ans dem Dunkel auf- tauchender Koryphäen der Wissenschaft, Kopernikns, Kepler, Galilei u. A., sowie die für den Fortschritt ziemlich gleichgültige Reformation markirte. Die neue Zeit stellte jedoch höhere Anforderungen und es hat daher seit der ermähnten Periode eine stattliche Reihe Forscher ihre besten Kräfte ein- gesetzt, das Geheimniß der Entstehung des Alls und seiner Bewohner zu entschleiern. Wenn auch der dunkclen Punkte noch manche vorhanden sind und noch viele Räthsel der Lösung harren, so ist aber dennoch nicht zu bestreiten, daß die Menschheit auf diesen Gebieten großartige Fort- schritte gemacht und daß die verschlungenen Pfade, auf denen der Stoff durch die ihm innewohnenden Kräfte zu seinem Ziele-gelangt, Gebilde zu schaffen und ivieder zu zerstören, in großen Zügen klar- gelegt sind. Ter Erste, welcher im Lichte der neuen Er- kcnntniß eine allumfassende Lehre über die Eni- stehung der Welt aufstellte, war unser berühmter Landsmann, der Philosoph Immanuel Kant zu Königsberg(1755), welche Lehre später(1795) der französische Astronom Laplace in mehrfacher Hinsicht eingehender begründete und ausbaute. Wenn es auch vereinzelte Forscher giebt, tvelche derselben nicht anhängen, so steht die Mehrzahl doch unzweifelhaft auf Seiten von Kaut und Laplace, und es ist auch unbestreitbar, daß die Kant- Laplacesche Hypothese über die Weltentstehung, die sogenannte Nebnlarhhpothese, die einzige Lehre auf ko-?mogeuischem Gebiete ist, welche mit allen bis jetzt bekannten Erscheinniigen des Alls in lieber- einstimmnng sich befindet; ruhig können wir daher auch annehmen, daß sie im Großen und Ganzen das Richtige getroffen und etwaige Fehler höchstens bei nebensächlichen Punkten möglichenfalls in Frage kommen dürften. Diese Nebularhypothese führt nun den ersten Ursprung des Alls, speziell der einzelnen Stern- stffteme, auf zerstreut im Weltall verbreitete glühende Nebelmassen von unendlich hoher Temperatur zurück, welche letzteren ihre Entstehung und Zerstreuung tvicderum dem Untergange alter erstorbener Welten verdanken, welche vor Aeonen ihren Lebenslauf vollendeten. Diese zerstreuten Nebelwolkcn mußten nun, der Attraktion folgend, sich vereinigen, zusammenfallen und größere Bälle bilden, wodurch der Weltenraum auf große Entfernungen sich von gröberen Stoffen befreite. Natürlich bildeten sich bei derartigen Ge- legenheiten viele solcher größeren Stoffballnngen, aber stets in solchen Entfernungen voneinander, daß die gegenseitige Anziehung nahezu oder ganz unwirksam ward. Die sich vereinigenden und fallenden kleineren Nebelbälle nun trafen die anwachsende Hauptmasse, da sie stets durch seitwärts stehende und dem Zen- trum zueilende Massen abgelenkt wurden, fast nie oder nie, genau senkrecht zum Schweipunkt, sondern mehr oder minder seitwärts(tangentiel); das Resultat mußte also nothgedrnngen, nach Beendigung der Ballung, eine Ziotatio», eine Umdrehung des Balles um seine Achse sein. Die erste Folge dieser Rotation war eine Ab- plattung der Polar- und eine Anschwellung der Aequatorialregion, und zwar deshalb, weil die Zug- kraft des Schlverpunktes an den Polen durch den Umschwung des Wcltkörpers, welcher am Aequator am schnellsten ist, am wenigsten geschwächt ward. Mit fortschreitender Abkühlung dieses Urballes, be- dingt durch Wärmeausstrahlung in den eisigen Welt- räum, verringerte sich natürlich auch der Durch- messer desselben, die rotirenden Thcile behielten aber ihre ursprüngliche Gcschlvindigkeit, die Folge war eine Abkürzung der zu durchlanfcndcn Bahn und 140 Die Acne Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Weßr LilHt! Von gelix Ehrlich. dciher eine erhebliche Beschleunigung der Rotations- geschwindigkeit. Sehr schön zeigt diese Verhältnisse ein Versuch mit einem horizontalen Bindfaden, dessen eines Ende befestigt ist. Hängt man nämlich auf diesen syaden einen Ring, erfaßt das freie Ende des Fadens mit der Hand und versetzt nun den Ring nebst Faden in Notation und läßt ihn in einem großen Kreise schwingen, so lvird beim straffen Anziehen des Fadens die rotirendc Be- ivegung sich außer- ordentlich beschlen- »igen und zugleich die nach außen in der Richtung der Tangente ivirkende Schwungkraft sich entsprechend vcr- stärken, wie die dem Gefühl sich bemerk- bar machende Stci- gernng des Wider- standes deutlich an- zeigt. Also mit einer Verringerung des Durchmessers sin- det eine Beschleu- nigung des Um- schwungs.eineVer- stärkung der Flieh- kraft statt, es tritt schließlich ein Mo- mcnt ein, bei dem dieselbe nicht nur der Schwere das Gleichgewicht hält, sondern stärker als letztere wird. Ein Theil der Oberfläche der Aequatorialgcbiete folgt dem sich ab- kühlenden und zu- sammenziehenden Kern nicht im glci- chen Tempo, son- der» bleibt zurück; das Resultat ist ein freischwebender, den Zentralkörper umspannender, rotirender Dunst- ring. Aber dieser hat keine beständige Daner, denn die geringste Ungleich- Mäßigkeit desselben, eine etwas dickere oder schwerere Stelle, lvie sie un- ansbleiblich vor- Händen sein wird, zieht, mächtiger als die übrigen, diese zu sich heran, der Ring zerreißt und rollt sich, da die Jnnentheile des Ringes langsamer rotiren als die äußeren, in kurzer Zeit zu einem neuen rotirenden Balle zusammen, welcher nun in der Entfernung des vorhin dort vorhandene» Ringes den Zentralkörper umkreist. Derartige Ringbildungen, natürlich mit immer geringerem Durchmesser, können sich nur so lange wiederholen, wie der Ball noch aus Gas besteht, auch können die durch die Zerreißung der Ringe entstandenen kleineren Bälle nun ihrerseits Ringe absondern und dadurch Weltkörper dritter Ordnung Ursprung unseres Sonnensystems annehmen.— Ungezwungen erklären sich auf diese Weise erstens der Umlauf und die Rotation sämmtlicher Planeten nm den Zcntralkörper, die Sonne, sowie ferner deren eigene Rotation und die Bahnen der Sieben- Planeten und auch die Erscheinung, daß nahezn diese sämmtlichen Bewegungen annähernd in der Ebene des Sonnenäquators vor sich gehen und dazu von Westen nach Osten gerichtet sind. (Nebenplaneten) ins Dasein rufen. Wenn nun im Laufe der Zeit diese sämmtlichen Körper durch Ab- kühlung sich in glühendflüssige und später starre Bälle verwandeln, so haben wir schließlich ein Gebilde vor uns, welches genau unserem Sonnensystem gleicht, und wir werden uns daher auch nicht sehr iveit von der Wahrheit entfernen, wenn wir, entsprechend der Kant-Lapla eschen Hypothese, einen derartigen Die vorhandenen Ausnahmen, die abtveichende Rotation des Uranus und seiner Monde, sowie die relativ fehlende Rotation von Merkur, Venus und Erdmond, welche drei Körper dem Zentralkörper stets die gleiche Seite zukehren, sind auf spätere äußere Einflüsse zurückzuführen, auf welche wir in einem späteren Artikel noch zurückkommen werden. Höchst bemerkenslverth ist, daß für sämmtliche Eni- Wickelungsstufen, welche die Rebular- Hypothese verlangt, Vertreter im Wel- tenranm vorhanden sind. Gas- oder Siebelballungen, zum Theil noch unregel- mäßig, also noch chaotisch, zum Theil spiralig, also in der Ballung begriffen, oder schon regel- mäßig kugelig oder linsenförmig, also rotirend, sind in großer Menge und von den gigan- tischsten Dimen- sioiien im Welten- ranm zu erblicken. Bei einer großen Anzahl derselben hat die Spektral- analyse den Beweis erbracht, daß sie in hochgradiger Glnth befindlich und dem- nach Temperaturen aufweisen, zu denen es auf der Erde an Analogien fehlt.— Die Photographie zeigt uns heute so- gar an verschiedenen Stellen der- artige glühende Nebel, von denen das Auge noch nichts erblickt, weil deren Temperatur noch eine derart hohe ist, daß die von ihnen zu uns ge- langenden Strah- len, ivenn sie auch chemische Wirkun- gen hervorzurufen im Stande sind, noch nicht als Licht erscheinen, sondern noch in das Ultra- violct des Spek- trumbandes fallen. Die wunder- barste Gestaltung, die Ringbildung, zeigt der Planet Saturn, welcher in seinen Aeguatorial- gebieten von einem System in einer Ebene freischwe- bender Ringe um- geben ist, aus denen über kurz oder lang neue Monde hervorgehen werden, sowie auch unsere Sonne, welche weit draußen im Welträume, aber noch innerhalb der Venusbahn, von einem leuchtenden Dunftringe umspannt wird, welcher uns Erden- bcwohnern als Zodiakallicht erscheint. Das glühendfliisfige Stadium repräsentiren sämmtliche Firsterne und also auch unsere Sonne, halbe Oberflächenerstarrung, wahrscheinlich noch Rothglnth, die Planeten Jupiter und Saturn, welche Glnth Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 141 vor einigen Jahren anf längere Zeit einen großen Theil des dichlen Wolkenmantels, tvelcher den Jupiter nmlnillt, mit glühendem Roth erleuchtete, Vormgs- Meise an einer Stelle der südlichen Halbkugel, Btars und Jupiter, sowie der entferntesten Planeten Uranus und Neptun, erlaubt der augenblickliche Sland der Forschung noch keinerlei sichere Schlüsse. Aber auch Reste von in der Wiederauflösung schütterungen des Erdbodens über der Stadt Madrid platzte, Schrecken und Verwüstung verbreitend, legen Zengniß ab von dem ewigen Kreislauf im Weltall, dem sich nichts entziehen kann, sei es nun der Aer Sieg öes Ilrü�tings. Originalzeichnung von N. Z ick. welcher Fleck die Gesammtoberfläche unserer Erde an Größe vielfach übertraf. Ganze Oberflächenerstarrung finden wir bei Mer knr, Venus, Erde, Mars und den Monden des Mars und der Erde; über den Znstand der Plane- toiden, jener Unzahl ivinziger Weltkörper zwischen begriffenen Welten, die Kometen und Meteoriten, ivelche letzteren, nieistens aus nickelhaltigeni Eisen bestehend, garnicht seilen anf der Erde niederfallend, direkte Grüße aus fernsten Regionen überbringen, von denen ein Riesenexcmplar noch im vorigen Jahre unter furchtbarem Donner und heftigen Er- Niesenball einer Wnnderwelt oder das winzigste Geschöpf, in dessen Innern vorübergehend warmes Leben glüht. 142 Die Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Mtrundzwallzig Kllllden im ilrrtß mit eincr Ei» wl (Schluß.) Ei» loahres Erlebttisj von A. P. �ie hörte mit sichtlichem Interesse zu, nbcr so in der Art, wie etwa, wenn man ihr von 'q/3 einem neu aufgetauchten Perpiipiigsprojekt erzählt hätte. Sie gewann eine sichtlich hohe Atci- nung von meiner„Gescheidtheit" und geberdete sich nbergliicflich, nun eine Frau zu kennen, die Rede» hält, Artikel schreibt, Sozialdemokratin ist und des- wegen eingesperrt wurde. Es war für sie der Reiz der Neuheit, des Uubekannten, dem sie besondere Aufmerksamkeit schenkte. Ucberdies hatte sie gerade kein anderes Vergnügen. Je länger ich mit ihr sprach, desto mehr staunte ich über ihre Unwissenheit. O ja, sie war gebildet! Sic sprach mehrere Sprachen, spielte Klavier und>var im Pensionat erzogen! Sie kannte Vergnügungen, Bälle, Gesellschaften, Soireen — aber daß darüber hinaus noch eine große Welt existirte, das lvußte sie nicht. Ihre Unwissenheit war so groß, daß ich sie fragte, ob sie denn nie Zeitungen und Bücher lese. Das hatte sie nun freilich als Mädchen ab und zu gethan. Auf Maums Salontisch hatten immer die neuesten Romane gelegen, die durfte sie alle lesen, Zeitungen wohl auch, aber weder in den Büchern noch in den Zeitungen hatte sie von den Dingen etwas gefunden, von denen ich ihr erzählte. Ich mochte was immer für eine Frage anziehen, sie wußte nicht Bescheid. Ihr war es ebenfalls neu, daß selbst inmitten bürgcr- licher Frauen sich eine Bewegung mit modernen Ideen zu regen begann. Sie wußte nichts von dem Kampf ums Frauen- stimmrecht, nichts von dem Verlangen nach weib- licheii Aerzten, nichts von den Bildungsbcstrebnugeu der Frauen und nichts von der traurigen Lage der Salon-, Fabrik- und Handarbeiterinne». Als der Aufseher Abends in unsere Zelle kam und sich eine Branutweinatmosphäre verbreitete, bemerkte sie dies mit Abscheu und sprach über die rohen, niedrigen Leute. Ich sagte ihr, daß ich wohl ihren Abschen vor dem Brauntwein, nicht aber ihre Anschauung über das„niedrige Volk" theile. Ich erzählte ihr, daß die Gefängnißaufseher für eine täglich vicrzehnstiindige Dienstzeit einen Gulden Tagelohn bekommen und dafür Staatsdieuer heißen. Da schlug sie freilich die Hände zusammen und wunderte sich, wie man mit einem Gulden im Tage leben kau». Diese Existenzfrage hatte ihre Gedanken auf ihre eigenen Verhältnisse abgelenkt. Sie rang wieder die Hände und rief:„Meine Mama, was wird meine Maina sagen!" Ich erfuhr nun auch, wer sie sei und welch weite„gesellschaftliche" Kluft zwischen uns bestand. Was sie mir erzählte, will ich hier getreu wieder- geben. Sie war die Tochter einer hochstehenden gräf- lichen Familie, Militärs und Höflinge waren aus ihr hervorgegangen. Alice kam mit sechzehn Jahren aus dem Pensionat und wurde von ihren Eltern an einen sehr reichen sechzigjährigcu Mann verheirathet. Sie wurde nach zivei Jahren Wittive und hcirathete bald einen Offizier ans freihcrrlichem Geschlecht. Sie fand auch diesmal nicht das eheliche Glück. Ihr Mann war eine leidenschaftliche, rohe, gewaltthätige Natur und quälte die junge Frau mit lvahusinuiger Eifersucht. Alice fühlte sich ungemein unglücklich und wollte sich von dem Gatten trennen. Sie sagte selbst, sie sei eine ungemein vergnügungssüchtige, leichtsinnige Natur, dabei ebenso gntmüthig, kindlich und von dem Wunsche beseelt, mit ihrer Umgebung im besten Einvernehmen zu leben. Mit leidenschaft- lich erregtem Tone erzählte sie, welche Qualen sie bei dem tyrannischen Gatten erlitten habe. Bisher war die Eifersucht des Gatten unberechtigt gewesen, sie hatte die eheliche Treue nicht gebrochen. Als er aber drohte, sie ins Irrenhaus sperren zu lassen, »venu sie noch einmal von einer Scheidung rede, da gerielh sie auf Abwege. Unerfahren, wie sie ivar, nicht für das Leben, sondern zur Salonpnppe er- zogen, besaß sie keine Meiischeiikeimlmß und bcur- thcilte Alle, die sich ihr näherten, nach dem äußeren Schein. So fiel sie einem Hochstapler zum Opfer. Unter der trügerischen NiaSke eines Offiziers und Barons hatte er im Hause ihres Gatten verkehrt; er bethcuerte der schönen, jungen Frau, sie vor der Eifersucht und den Drohungen ihres Mannes zu schützen und zu befreien. Sie glaubte ihm und ließ sich von dem Hochstapler entführen. Er verstand es, sie für seine gewinnsüchtigen Zlvecke auszunützen; und als die Polizei entdeckte, wer sich unter der Maske des Barons und Offiziers verbarg, kam Alice neben ihm auf die Anklagebank. Sie sollte sich an einer Betrugsaffaire bctheiligt haben. Der Hoch- stapler wurde zu mehrjähriger schwerer Kerkerstrafe vcrurtheilt, Alice aber freigesprochen und nur ivegen unrechtmäßiger Führung ihres Atädchennamens zu vierundztvanzig Stunden Arrest vernrtheilt! Freilich hatte sie einen milden Richter gehabt. Mit Entzücken erzählte sie mir, wie galant und ritterlich sich der Herr Senatspräsident gegen sie benommen habe. „Einen vollkommenen Kavalier" nannte sie ihn. O, ich begriff, woher die Liebenswürdigkeit! Der Vater der schönen Alice war ein hoher Niilitär gewesen und die Btama hatte an den Herrn Präsidenten ge- schrieben. Voll mütterlicher Liebe hatte sie ihn um Nachsicht mit dem„Kinde" gebeten. Und der Herr Senatspräsident hatte Nachsicht und war milde, ja unter vier Augen hatte er ihr sogar das schöne Blond- haar gestreichelt, wie sie mir offen er.ählte. Als mir meine Zcllengenossiu dieses erzählte, fiel mir ein, daß vor einigen Wochen ein Arbeiter vor demselben Präsidenten als Angeklagter stand. Dieser Arbeiter verthcidigte sich so offen und muthig. daß er ans alle Unbefangenen den besten Eindruck machte. Der Herr Gerichtspräsident aber brüskirte ihn wiederholt und verurthcilte ihn schließlich zu einer mehrwöchent- lichen Arreststrafe wegen Uebertretung des Koalitions- gcsetzes. Dieser Arbeiter war im Bewußtsein voll- kommener Unschuld vor Gericht erschienen und wurde schuldig gesprochen. Die geborene Gräfin, die schöne, leichtsinnige, aber vornehme Alice fragte mich mit naiver Neugier, ob ich beim Lesen ihrer VerHand- lung an ihren Frcisprnch geglaubt hätte; sie selbst habe gezittert, da ihr Anwalt sie ans eine sechs- monatliche Verurrheilung vorbereitet habe. Sie wurde freigesprochen. Bei dem unwillkürlichem Vergleich dieser zwei Fälle kamen mir eigemhümliche Ge- danken.--- Alice erzählte mir noch Manches. Als der Hoch- stapler sich noch vor seiner Entlarvung durch die Polizei von ihr abgetveudet hatte, da sie ihm keinen materiellen Nutzen mehr bot, fühlte sie sich sehr un- glücklich und verlassen. Ihre unglückliche, mißrathene Ehe hatte sie zu seinem Opfer gemacht, jetzt stand sie allein mit ihrem Hang zum Vergnügen. Vom Gatten war die offizielle Ehetrennnug erfolgt, bei Btama in der Provinzstadt bot sich ihrem vergniignugssüchtigen Naturell nicht die so sehr geliebte Zerstreuung. In dieser Zeit machte sie die Bekanntschaft eines älteren Journalisten, den sie, wie sie mir sagte, „wahnsinnig liebte".„Aber jetzt hasse ich ihn auch ebenso sehr!" rief sie leidenschaftlich aus! Und sie erzählte mir, daß ihre Liebelei mit dem Journalisten nicht ohne Folgen geblieben sei. Da sie von den Alimenten, die ihr vom Gatten bei der Scheidung zugesprochen wurden, bei der von ihr geübten Lebens- lveise nicht auslangen konnte, ging sie eines Tages in das Bureau ihres Geliebten und klagte ihm, lvie sehr sie von ihren Schulden gequält werde. Der alle Nona war aber des schönen Weibes schon überdrüssig geworden. Statt jeder Autwort nahm er sie beim Arm und geleitete sie zur Thür hinaus. Ihr leicht erreg- bares, heftiges Temperament konnte diese Insulte nicht ruhig ertragen. Es kam ans der Treppe zu einem Skandal, der auf ihren physischen Znstand derartig einwirkte, daß man sie blutüberströmt miilelst Wagens fortschaffen mußte. Nun war durch die Ans- regung Alicens der„unangenehme Zivischenfall" be- seitigt, und der„Weiberfreund ans kurze Daner" konnte sich ohne Mühe aller Verpflichtungen gegen Alice entziehen. Dann kam Alicens Verhandlung und damit die Ursache ihres großen Hasses des vorher „wahnsinnig geliebten" Mannes. Der schamlose, frivole Rons brachte in der Zeitung, für die er schrieb, Sensationsartikel über Alicens Prozeß mit voller Nennnng ihres Namens und allen pikanten Details ans ihrem Leben.-- Mit beispielloser Offenheit erzählte mir meine Zellengefährtin alle diese Dinge; sie selbst war so durchdrungen von ihrem Leichtsinn, daß sie ein um das andere Mal ausrief:„O, ich bin leichtsinnig, so leichtsinnig! Was wird Mama sagen! Und meine Schulden!" Diese mußten sie besonders drücken, wie ich daraus entnehmen konnte, daß sie ihrer am häufigsten gedachte. Gleichsam als wollte sie ihren Ausruf vom Leicht- sinn, nachdrücklichst bestätigen, begann sie gleich lustige Lieder zu trällern. Ein englisches Lied:..I.cm». long ago," das sie mit Vorliebe sang, ist niir be- sonders lebhaft in Erinnerung geblieben. Als wir am nächsten Morgen unsere harten Betten verließen, bot ich ihr den Nkorgengriiß, indem ich ihr sagte, daß sie in einigen Stunden(um halb zwei Uhr Nachmittags wäre ihre Zeit um ge- Wesen) befreit sein werde. Diese Aussicht machte sie eigentlich garnicht heiter; was wird man im Hotel über ihr nächtliches Ausbleiben denken? Dieser Ge- danke bekümmerte sie. Und was noch ärger war, ivie wird sie der Portier empfangen? Sie gestand mir, daß ihre Hotclschuld schon so groß sei, daß ihr der Portier eine gefürchtete Erscheinung war. Sie mußte sehr viel ans das Dekorum halten, mehr als eine Andere, denn der Schein>var für sie das geworden, was für Andere der Inhalt bedeutete! Wohl tröstete sie sich, daß ihr schließlich■Mama wieder helfen werde, aber da mußte sie zu Mama kommen, so wollte es diese, wie sollte sie sich aber vorher der Hotelschuldcn entledigen? Ihrem finan- ziellen Kummer gegenüber verhielt ich mich passiv, da ich ihr natürlicherweise keinen Rath geben konnte. So weit reichte mein von ihr bewunderter Verstand nicht, um in den Schnldenmis ren vornehmer Leute Bescheid zu wissen. Als die schöne Leichtsinnige ihren Kummer wieder vergessen hatte, versicherte sie, wie glücklich sie sei, mich kennen gelernt zu haben. Sie bat mich nm meine Adresse, mit der Versicherung, daß sie mich, wenn ich es erlaube, besuchen wolle. Ich gestehe, so lieb mir ihre Bekanntschaft in der Strafhanszellc war, so wenig sehnte ich mich nach diescin Verkehr außerhalb der Zelle. Ich habe sie allerdings trotz aller ihrer Fehler lieb gewonnen. Ihre Liebenswürdigkeit und Naivetät waren ganz dazu angethan, Sympathien zu erlveckcn. Und ihr Leichtsinn? War dieser eigentlich nicht eine Folge der Btädchencrzichung ihrer Klasse? Aber trotz alledem: Wenn auch die geborene Gräfin und die prole- tarische Sozialdemokratin während des Beisammen- seins hinter Gefängnißmauern die durch gesellschaftliche Einrichtungen bestehende Kluft überbrücken konnten, die zwischen ihrem Denken und ihren Anschauungen bestand, was sollten sie aber in der Freiheit zustim- men, wo der Wirbel der flachen Zerstreuungen die Eine fortreißen würde, während die Andere, mit ernster Arbeit beschäftigt, wedcr Zeit noch Lust fände, sich in diese sogenannte„bessere" Gesellschaft zu schicken? Es war noch nicht nenn Uhr, als der Aufseher erschien und der liebenswürdigen Person bedeutete, sich fertig zu machen, sie werde gleich entlassen. Man verkürzte ihre viernndzwanzigstündige Strafzeit um vier Stunden! Ich gönnte es ihr, dachte aber trotz- dem an meine Gesinnungsgenossen, denen man auch nicht eine Stunde schenkt, selbst dann nicht, wenn ihre Haft nach Monaten und auch nach Jahren zählt! Wir nahmen herzlichen Ahschied voneinander und sie betheuerte nochmals ihre Freude, eine Sozial- demokratin kennen gelernt zu haben. Sie sagte: „Wie angenehm war es mit Ihne»; was wissen Sie nicht Alles z» erzählen! Vielen Dank dafür, ich muß noch mehr von Ihnen hören." Das waren ihre Abschiedsworte.--- Die schwere Eisenthür siel zu und ich war wieder allein!— Allein in meiner Zelle, allein mit meinen Gedanken, sah ich wieder den schrecklichen, einsamen, schlaflos-geängstigten Nächten entgegen. v* K-** Die Acue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 143 Das letzte Fest. Ein Maigesicht von Detlev Roberty. f s war einmal ein Land, reich gesegnet von der Natur, ausgestattet mit allen Schätzen, die das Leben schön und angenehm machen konnten. Und doch waren die, die darinnen wohnten, arme, elende Nienschen. Sticht, daß sie, zn träge, die reichen Schätze ihres Landes zn heben, die Hände hätten»liißig im Schooße ruhen lassen; im Gegen- theil, schon beim ersten bleichen Ntorgengranen zogen sie, ein langer, niiider Zug armseliger Gestalten, aus ihren dumpfen Hütten hin zur gewohnten Arbeits- stätte. Und dort ruhten ihre Hände nicht bis zum späten Abend. Denn hinter ihnen stand, leiblichem Auge unsichtbar, ein hohllvangiger, grausamer Ge- selle, der kein Säumen duldete. Und wer nur ein- mal in der N-agcngegend— denn dort pflegte der unsichtbare Aufpasser am liebsten hinzuschlagen— seine harten, schneidenden Geißelhiebe empfunden halte, der hütete sich, lässig bei seinem Werke zu sein. Allein, was die tausend und abertausend Arbeits- sklaven auch schaffen mochten, es gehörte ihnen doch nichts davon, oder nur so viel, um mühsam des Leibes Nahrung und Nothdurft zu stillen, um ein geguältcs, freudeloses Leben nur eben fortzufristen. Ntüde, abgerackert gingen sie am Abend mit den- selben leeren Händen, mit denen sie am Morgen gekommen ivaren. Die Kostbarkeiten aber, die das Werk ihrer Hände waren, an denen hoffnungslos das schönheitsdurstige, sehnende Auge hing, wanderten, Kraft eines uralten, ewigen Menschenrechts,— wie es hieß— in die Schatzkammern eines Häufleins Menschen, die sich als die glücklich Genießenden und Herren der An- deren, als uothivendigen Faktor der Weltordnung, wähnten und gutwillig kein Titelchen ihrer„Rechte" preisgeben wollten. Ntacht und Reichthum, die Schlüssel zu den schönsten, edelsten Genüssen des Lebens, ruhten in ihrer Hand, und Roth und Elend ivaren ihnen unbekannt. lind doch hatten sie eine Sorge, eine Sorge, die erst klein und unscheinbar, sich mälig mehr und mehr auswuchs, die hier und da wie ein Gespenst vor ihrem Auge vorüberhuschte, oder des Nachts ivie ein böser Alp auf ihrer Brust saß und ihnen bange, schwere Träume wie von einem plötzlichen Ende all ihrer Herrlichkeit eingab. Das Ivan daß mehr und mehr ihr Häuflein zusammenschmolz und schier ins Grenzenlose die Masse jener armseligen, bleichen Gestalten zu wachsen schien, die wie ein dumpf grollendes, dunkles Meer das kleine, einsame Eiland ihrer Herrlichkeit umringte und jeden Augenblick zu verschlingen drohte. Dieser Gedanke aber war auf die Dauer nicht zu ertragen; er vergällte ihnen jede Speise, ver- bitterte den besten, herrlichsten Tropfen Weins und scheuchte selbst den Schlaf von ihrem Lager. Es galt, der Nähe jener unheimlichen, dunklen Masse zu entrinnen, nichts mehr von ihr zn hören und zu sehen. Und so flohen sie— sie, die Herren, die stolzen Btächtigen— heimlich ans ihren glänzenden Palästen und siedelten sich, fern dem Getriebe der Maschinen, dem rauchgeschwärzten Meer von Schloten und Essen — einsam, in menschenleerer, vergessener Oede an. Dort hausten sie nun zusammen in einem präch- tigcn Hause, um tagaus, tagein in üppigen Gastereien und rauschenden Festgelagen die bange Sorge um die Zukunft zn ertödteu. Und tvenn sie, die graue, gespenstige Gestalt, sich hin und wieder doch mit zu Tische setzte, dann artete die erzwungene Fröhlichkeit in wilden Taumel aus; in reicheren Strömen floß der kostbarste Fenerivein, toller jauchzten die In- slrumente zum Wirbeltanz der festgeschmückten Paare "»d heiser nnd immer heiserer mischten sich die brüllenden, gröhlenden Stimmen in die allgemeine Lust. Und erst wenn der Morgen mit bleichen Wangen durch die hohen Fenster blickte nnd sich das wüste Durcheinander der trunkenen Gestalten, der umgestürzten Flaschen und Geräthe betrachtete— dann herrschte für kurze Zeit Ruhe in den nacht- durchschwärmten Räumen, aber es war eine kalte, unheimliche Ruhe, die Ruhe des Todes. * Und wieder war es Nacht. Mitternacht schon vorüber. Wieder glänzten die weiten Säle im Scheine von hundert und aberhundert Kerzen. Glühende, erhitzte Gesichter rings um die schwerbeladenen Tafeln; wildes, ausgelassenes Schwärmen an allen Ecken und Enden. Dazu die kecke» Sprünge und Scherze ge- schminkter Tänzerinnen, die jauchzenden Stimmen der Cymbeln und Geigen, die Alles wie in ein Meer, ein Chaos von Tönen baden. Eine dumpfe, erdrückende Schwüle hat sich all- mälig über dem Saal gelagert. Schon liegen hier und dort besiegte Zecher mit stieren, glasigen Augen an der Erde, indessen Andere, eine trunkene Dirne am Arme, schwankend über die glatte Fläche des Parquets taumeln. Und immer größer, drückender wird die Hitze rings im Saale. „Luft— Morgenluft— Fenster auf!" lallt es hier und dort, und, so schnell als ihn die Füße tragen, wankt einer der Zecher zur nahen Thür des Balkons. In wirrer Hast reißt er die mächtigen Flügel auf und stürzt ins Freie. Aber ivas ist das, was ist das! Ist er verrückt geworden! Ist es ein Trugbild seiner erhitzten Phantasie oder ist es Wirk- lichkeit: dies zahllose Meer menschlicher Köpfe und Gestalten, das aus dem Dunkel der ersten Dämmerung zu ihm empor starrt. Entsetzt, mit wildem Auf- schrei, fährt er zurück. Aber der Schrei hat die Genossen drinnen auf- geschreckt. Berstört, tvie aus tiefem Schlaf erwachend, stürmt Einer nach dem Anderen ans den Altan hinaus — um gleich dem Ersten im selben Augenblick ent- setzt zurückzufahren. Ja, ja, es ist Wahrheit. Das sind die arm- seligen Sklaven der Arbeit; sie haben sich aufgemacht, ihre„Herren" zu suchen, und wie ein dumpf grollen- des, endloses Meer umfluthen sie das Eiland des einsamen Hauses. Aber warum stürmen sie nicht gegen dasselbe an, warum verschlingen sie es nicht? Siein, stumm und ruhig breitet sich die ungeheure finster grollende Masse rings umher. Da, auf einmal, schlägt helllodernd eine Flamme ans dem Innern des Palastes. Wo rührt sie her? Wer hat die Brandfackel geschleudert? Bon Denen da draußen Keiner. Keine Hand hat sich gerührt; kein Laut des Zornes, der Rache kommt auch jetzt über die Lippen dieser harten, stolzen Gesichter. Sie haben es nicht nöthig mehr; die Zeit hat sich erfüllt; sie wußten es, daß die Stunde des sicheren Sieges endlich gekommen sei— und so verharren sie in stolzem, kaltem Schweigen. Und während das Auge die letzten Reste einer untergehenden Welt, die die Verzweiflung selbst in Flammen setzte, in sich zusammenbrechen sieht, erhebt sich fern über den Bergen schon, in majestätischem Glänze, die Sonne eines neuen Tages, um einer neuen, freien Menschheit ihr Himmelslicht zu leihen. KcillcsKranKhcit, Ehcschcidung und Ailder- vcrhcirlithung. Von Dr. Marlin Koffn." uf verschiedenen deutschen Bühnen ist in der 5/Vi laufenden Spielzeit Paul Lindaus Drama: „Die Erste" aufgeführt worden. Das Stück, vom dichterischen Standpunkt aus betrachtet, ganz werthlos, behandelt das Schicksal einer Ehefrau, die nach fünfjähriger Daner ihrer geistigen Umnachtung während ihres Aufenthalts in einer Irrenanstalt von ihrem Manne auf dessen Antrag geschieden wird, da nach Aussage der Aerzte die Krankheit voraussichtlich unheilbar ist. Der Mann heirathet die Schwester der geisteskranken Frau— nach einigen Jahren aber tritt die Genesung„der Ersten" wider Erwarten * Wir geben obigen Aufsatz, der lediglich die biirger- liche Ehe der besitzenden Zilassen von heule im Auge hat, um so lieber ohne allen Aoniineiilar, weil er sehr inter- essante Streiflichter aus gewisse soziale Verhältnisse wirft. Die Redaktion. ein, und sie kehrt nichts ahnend in das Haus ihres einstigen Gatten zurück. Was nun? Im Lindauschen Drama wird der Konflikt dadurch gelöst, daß die erste Frau mit ihrer Tochter und deren Gatten nach Amerika geht— aber es leuchtet ein, daß eine solche Lösung nur in Ausnahniefällen möglich sein wird. Zn derselben Zeit, als der Fall bekannt wurde, der Lindau die Anregung zu seinem Stucke gab, lief durch die Zeitungen die Atittheilnng, daß ein Pfarrer in Oberhessen, den dasselbe Schicksal betroffen,„die Erste" nach ihrer Genesung unter Zustimmung seiner zweiten Frau, seiner Gemeinde und— des Kon- sistoriums wieder ins Haus genommen habe. Es drängt sich angesichts dieser beiden Lösungen die Frage auf: Was wird aus einem Ehegalten, der während der Geisteskrankheit geschieden worden ist und nach seiner Genesung die andere Ehehälfte anderweitig verheirathct findet? Wesentlich ist für die Beantwortung der Umstand, daß der erkrankte Theil natürlich seine Einwilligmig zur Ehescheidung