Nr. 20 c � CnicrHa(inrr0sbcUa0(?* 1897 Ü�er Sturm hat seine Schlangen losgelassen, In langen Wogen zischen Gras und Rohr Und keucht der See ans Tand; die silberblassen, Serwühlten Weiden seufzen laut empor. .Empor, empor. Dort, wo die Riefern sausen, Auf kahler Höhe will ich einsam stehn Und meine ferne Heimath dammern sehn Und hören, was die dunkeln Wolken brausen. Wergpfakm. Von Richard Dchmel.' Siehst du den Änalm mit dicken Fäusten dröhn Dort überm Wald der Schlote und der Essen? Auf deine Reinheitsträume fällt der Hohn Der Arbeit, sühl's: sie ringt, von Schmutz zerfressen! Du hast mit deiner Sehnsucht blos gebuhlt, In trüber Gluth dich selber nur genossen; Schütte die Kraft aus, die dir zugeflossen, Und du wirst frei vom Druck der Schuld! Ihr grauen Pilger über mir: wohin?! V könnt ich mit euch, ziellos, ohne Stocken, Dies dumpfe Sehnen ohne Ulaß und Sinn Ausschütten in den Sturm wie Aebelflockcn! 9 meine Heimath! Silbern grüßt der Kluß Und glänzt zum Himmel aus dem Blau der Bäume, Und aus dein Sauberwald der Rinderträume Winkt hell der Nutter Blick und Ruß. Was weinst du, Sturm?— Hinab, Erinnerungen! Dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz! Es grollt ein Schrei von Nillionen Hungen Aach Glück und Krieden: Wurm, was will dein Schmerz! Richt sickert einsam mehr von Brust zu Brüsten Wie einst die Sehnsucht, nur ein stiller Gncll; Heut stöhnt ein Volk nach Klarheit, wild und gell, Und Du schwelgst noch in Wehmuthslüsten? * Aus„Lebensblätter", Gedichte und Anderes von Richard Dehiuel. Und blutig glüht es um die zackigen Thürme, Ein Dornenkranz umstainmt die Stirn der Stadt, Ein goldner Kächer scheucht die Wolkenstürme, Hernieder strahlt ein Sonnenpalmenblatt. 9 Herz der Weltstadt, Nillionenstimme, Die gell nach Brot vor Seelenhunger schreit: Hinqnillt wie Heilandsblut in diese Seit, Die Tiebe quillt aus deinem Grimme! Den Kelch des Schweißes seh ich geistverklärt, Das Kreuz der Nühfal blüthenlaubumflattert— Was lacht der Sturm!? Im Rohr der Aebel gährt, Die Kiefer knarrt und ächzt, ttlcin Nantel knattert: Empor aus deinem Rausch! Nitleid, glüh ab! Laß dir die Kraft nicht von Gefühlen beugen! Hinab! laß deine Sehnsucht Schöten zeugen! Empor, Gehirn! Hinab, mein Herz! Hinab! Berlin, Schuster& Locffler. Die WiHiciliin. Roman von Sonja Kowalewska. Aus dem Russischen übersetzt von Louise Alachs-Fokschaneaun. (Fortsetzung-) ni- kj i|! adj der Bauern-Emanzipation hat sich mit Wffi einem Male Alles im Hause verändert. Die Einnahmen des Gutes verringerten sich derart, daß man die ganze Haushaltung auf einem anderen Fuß führen mußte! Der Dorfälteste hat sich plötzlich aus einem tüchtigen Mann in einen Schuft verwandelt,- er wurde mit seinem Herrn grob, er machte bei Allem Schwierigkeiten und brachte das Geld nie rechtzeitig. Man war genöthigt, ihn zu entlassen und einen Anderen aufzunehmen, allein niit deni Neuen ging es noch schlimmer. Fast täglich wuchsen wie aus dem Boden alte Schuldscheine und Verpflichtungen hervor, die der Graf schon vor so langer Zeit ein- gegangen war, daß er ihrer sogar vergessen hatte. Beim Anblick eines neuen Wechsels geräth der Graf außer sich, schreit über Fälschung, aber gezahlt muß doch werden. Es erwies sich als unbedingt noth- wendig, Betino, Stipino, die Wasserwiesen und den Wald zu verkaufen; das einzige Borki mit einem unbedeutenden Stück Grund blieb zurück. Die größte Unannehmlichkeit bestand darin, daß sich jetzt wenige Käufer für die Güter fanden und Alles zur Hälfte des Preises abgegeben werden mußte. Ein großer Theil des Gesindes mußte entlassen werden und die Dienstboten, die im Hause blieben und seit ihrer Kindheit das Faulenzen und den Btüssiggang ge- wohnt ivaren, murrten jetzt auch vom Morgen bis in die Nacht, daß man ihnen neue Arbeit aufgebürdet habe. Und die Herrschaft ärgerte sich— das Aergern und„Uebelgelauntsein" war jetzt der normale Zu- stand der Herrschaft geworden. Sie zankten auch immer untereinander, aber der Streit glich diesmal so wenig den früheren, wie ein kalter, dichter Herbst- regen einem schönen Frühlingsguß gleicht. Nicht aus Eifersucht zankten jetzt der Graf und die Gräfin, sondern nur wegen Geldangelegenheiten. Jedesmal wenn die Gräfin Geld für die Haushaltung ver- langte, überhäufte sie der Graf mit Vorwürfen über 154 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Verschwendung, Nachlässigkeit und Mangel an Ord- nnng. 5dcilie einzige Besteltung eines neileil 5tlcides fiir sie oder die Töchter ging ohne häusliche Szenen vorüber. Andererseits brauch'e der Graf nur etwas von einer Fahrt in die Stadt oder zn einem der Nachbarn verlauten zn lassen, nnd sofort tanzten auch schon die Nerven der Gräfin; aber sie fürchtete seht nicht die hübschen Nachbarinnen, sondern nur, daß der Gatte das Geld im Kartenspiel oder anderweitig vergeuden werde. Täglich ging es schlechter. Man mußte sich einen Wunsch nach dein anderen versagen nnd das Geld reichte doch nicht hin. Wie alle un- praktischen Menschen, ließen der Graf und die Gräfin die Sparsamkeit nicht am rechten Platze walten; an den häuslichen Ausgaben sparten sie das Nothwendige, kargten sie ängstlich jedes Stück Zucker, jeden Stumpf Talgkerze; aber alle großen Ausgaben für Haus nnd Gut blieben die gleichen. Der Dorfälteste, der Per- Walter, die Beschließerin, der Koch, der Kutscher— alle diese bereicherten sich wie früher auf Kosten der Herrschaft, blos mit dem Unterschied, daß früher Jeder doch noch mit Maß und sozusagen mit Nach- ficht gestohlen hatte.... Jetzt gab es häufig für nichts und wieder nichts Vorivürfe. Fortwährend wurde den Schuldigen und Unschuldigen mit Ent- lassung gedroht, und so wurde die Dienerschaft nur noch feindlicher gesinnt; die Meisten beeilten sich, noch vor dem Weggehen so viel als möglich zn- sainmenznraffen, und das herrschaftliche Gut wurde in frecher und boshafter Weise geplündert. Alles ini Hanse trug jetzt den ungemüthlichen Stempel des Knickerischen. Durch die täglich vor- kommenden Streitigkeiten nnd Unannehmlichkeiten kamen der Graf nnd die Gräfin gleichsam auf ein- mal herab. Wenn Wjera in der Folge sich ihrer Mutter erinnerte, hatte sie immer die Vorstellung von zwei verschiedenen und einander garnicht ähn- lichen Frauen: die eine— jung, schön, lebensfroh — ist die Mutter ihrer Kindheit, die andere— launenhaft, zanksüchtig, nachlässig, sich und den Anderen das Keben verbitternd— das ist die Mutter der letzten Periode. Ganz so ging es bei allen Nachbarn zu. Die Gutsbesitzer verloren den Boden unter den Füßen und begriffen nicht, was mit ihnen vorging. Von Vergnügungen»nd Belustigungen war keine Spur mehr. Wenn zwei, drei Gutsbesitzer irgendwo zusammentrafen, erleichterten sie ihre Herzen in Klagen über die Bauern und die Regierung. Die Jüngeren und Energischeren ließen die Wirthschaft laufen nnd reisten nach Petersburg, um Stellniig zu suchen. Auf den Gütern blieben nur die Alten zurück. Lena und Lisa waren jetzt erlvachsene Fräulein. Beide vergingen vor Langeweile und murrten gegen das Geschick. Es hat ihnen in der That einen bösen Streich gespielt. Was ist aus allen ihren glänzenden Hoffnungen gelvorden? Ihre ganze Jugend, ihre ganze Erziehung waren sozusagen nur eine Vor- bereitiing auf jenen glücklichen Tag, da man ihnen ein langes Kleid anziehen und sie in die Gesellschaft einführen sollte, lind nun ist dieser Tag gekommen und hat nichts gebracht außer Langeweile. Wjera lebte auch nicht sonderlich froh. Die erste Maßregel der Sparsamkeit der Familie Baranzolv bestand darin, daß man das ganze Personal der Kinderstube entließ. Mnie. Night wurde unter einem passenden Vorwande verabschiedet. Rille. Julie wurde es langweilig nnd sie reiste freiwillig ab. Die Eltern waren der Ansicht, daß es ihren Biitteln nicht ent- spreche, für Wjera allein eine Gonvernante zu halten. In der Gouvernementsstadt wurde gerade um diese Zeit ias erste Mädchciigtzinnasinm eröffnet; aber dahin kamen zimieist Bürgerliche, die Töchter kleiner Beamten und Kaufleute, nnd die Gräfin Baranzolv halte von allein Anfang an einen Widerwillen gegen diese Anstalt. Es wurde beschlossen, Wjera ins Sniolua-Jnstitut zu bringen. Darüber lvnrde fast ein Jahr gesprochen. Endlich schrieb die Gräfin einer alten Frenndin nach Petersburg nnd ersuchte sie, sich genau um die?liif- nahinSbedingungen zn erknndigen; sie erhielt aber bald die unerwartete nnd ärgerliche Antwort, daß Wjera nicht mehr in dem Alter sei, um im Smolna- Institut Ausnahme finden zn können. Der Graf trug jetzt Lena nnd Lisa auf, sich mit der Erziehnng der jüngeren Schwester zn beschäftigen. Aber dieser Beschluß war garnicht nach dem Gcschinacke der jungen Fräulein.„Hat man uns zn Gouvernanten erzogen?" inurrten sie, und gingen unwillig an die Sache. Nach ihrer Ansicht war Wjera diimm nnd faul nnd wenig intelligent. Keine einzige Lektion verging ohne Thrünen. Lehre- rinnen und Schülerin benützten jeden Vorwand, die Stunde abzukürzen, nnd da die Eltern die unselige Erziehnngsfrage ihrer jüngsten Tochter sichtlich bald vergaßen, hörten die Lektionen bald nach und nach auf nnd nit vierzehn Jahren war Wjera vollständig auf sich selbst angewiesen. Im Sommer ging es noch an. Ganze Tage verbrachte sie in dem verivildcrten Park oder lief in den Feldern und Wäldern umher. Die Bauern- kinder gingen ihr scheu ans dein Wege, nnd die Wahrheit zn gestehen, halte sie vor ihnen dieselbe Scheu. Wenn sie zufällig durchs Dorf ging, schien es ihr immer, als lachten sie sie Alle ans. Es entstand in ihr ein inslinlliv feindliches Gefühl gegen die Bauern. Im Winter lebte Wjera noch schlechter als im Sommer. Sie lief in den großen, leeren Räumen von einem Winkel in den anderen herum und fand keine Beschäftigniig. Vor Langemeile begann sie im Bücherschrank zu wühlen, aber da gab es blos französische Romane und Wjera hatte die französische Sprache, in der sie mit fünf Jahren so gut zu plaudern verstand, bereits ganz vergessen. Das Aller- schlimmste lvar, daß?llle im Hanse inimer schlechter Laune waren. Wohin sie sich auch immer wenden mochte, gab es Streit, und vor Allen wurde Wjera ausgezankt. Sah sie die Schivestern an, so stritten sie wegen einer Kleinigkeit, eines Fetzens wegen, den sie unter sich nicht thcilen konnten. Stimmten sie wider Erwarten einmal gütlich überein, dann klagten sie gewiß Beide über die Eltern:„Laß gut sein, die haben nicht so gelebt, als sie jung waren. Das Vermögen haben sie verschwendet, und wir hocken und langweilen uns jetzt auf dem Lande." Kam Wjera zur Mutter, so stieß sie auf einen Auftritt mit den Stubenmädchen oder mit der Be- schließerin. lind in der Gesindcstnbe ging es noch weit schlimmer zu. Kurz» es schien, als ob Alle nur dazu da seien, um sich gegenseitig zu quälen nnd aneinander zu zehren. Die Einzige im Hause, die Niemanden quälte. Niemanden stichelte nnd über nichts klagte, war die alte Njanja(Kinderfrau). Sie hatte nur eine Sorge auf ihrer Seele: daß das Läinpchcn vor dem Heiligenbild im Winkel ihres Stübchens nicht erlösche. Sic lvar glücklich und zufrieden, wenn man ihr einige Kopeken gab, um Oel zu kaufen Tie beinahe erblindete Alte, die nicht mehr im Dienst stand, halte man im Hause belassen, aber es schien, daß Alle sie hinter der Bretterwand, wo sie sich aufhielt, vergessen hatten; tagelang sah man nicht nach ihr, nur die Magd erinnerte sich manchmal nnd brachte ihr etwas zn essen, oder ihr ehemaliger Liebling Wjera kam Abends zn ihr. Beim Eintritt in die winzige Kammer der Njanja, wo immer ein eigener Geruch— ein Gemisch von Weihrauch, Leinöl und Kampher— zu verspüren war, überkam Wjera jedesmal ein seltsam friedliches Gefühl. „Es ist langweilig, Njanja," sagte sie und ließ sich traurig auf den niederen Stuhl nieder, ihren Kopf an den einfachen Holztisch lehnend. „Warum sich langweile», Schätzchcn! Man miiß zu Gott beten," antwortete die Njanja ruhig, zärt- lich, mit demselben Ton, mit dem sie Wjera zuzu- reden pflegte, als diese fünf Jahre alt war. Und Wjera befolgt wirklich den Rath der Njanja nnd beginnt zn beten. Sie betet heiß, lcidenschaft- lich, mit Jnbrnnst. Tie Begeisternng für die Re- ligion, für ihre äußerlichen Gebräuche beginnt nach nnd nach das niüssige, langweilige Leben des sich selbst übcrlassenen Kindes ansznsüllen. In diesem Jahre hielt Wjera drei Wochen vor Weihnachten stwmg das Fastengebot ein nnd selbst an dem Tag des Christabends aß sie nichts, bis die Sterne sichtbar waren. Deshalb fühlte sie, als zu Beginn der Dämmerung wie geivöhulich die Popen kamen und vor dem in cinein Winkel des Speise- zjmmcrs improvisirten Altar den Nachtgottesdienst zu verrichten begannen, eine so angenehme Schwäche in allen Gliedern, als ob sie keinen Körper mehr hätte nnd jeden Augenblick im Stande wäre, sich von der Erde zu trennen. Blaue Rauchwolken, die aus dem Räuchcrfaß aufstiegen, erfüllten das Zimmer mit dichtem Onalni, die Flammen der Wachskerzen schimmerten nur matt hindurch. Der penelrant süßliche Geruch des Weih- rauchs verursachte Kopfschivindel. „Ruhiges Licht! Heiliger Ruhm," stimmten die Sänger an und Wjera glaubte den Gesang aus der Ferne zu vernehmen. „Nichts, nichts mehr wünsche ich auf der Welt, als nur Dir zu dienen, Herr!" denkt sie voll Rüh- rung. Ihre Seele ist erfüllt von einer wnnderbareil, hellen Freude, ein Schluchzen der Eztase entringt sich ihrer Brnst. An demselben Tage hat sich an Wjera ein Wnnder vollzogen sie selbst hat es iveiiigstens als Wunder erkannt, was sich mit ihr zugetragen. Obwohl die alte Njanja iveder lesen noch schreiben konnte, bewahrte sie bei sich als Heiligthum einige Bücher religiösen Inhaltes und bat manchmal ihr kleines Fräulein, ihr laut vorzulesen. Unter diesen Büchern befand sich„das Leben der vierzig Blärtyrer und der dreißig Märtyrermneir". Wjera war, als sie zu lesen begann, davon so hingerissen, daß sie sich das Buch von der Njanja erbat und stunden- lang darin las. „Warum bin ich nicht zu jener Zeit geboren?" dachte sie oft mit Bedauern. Da widerfuhr ihr an demselben Ehristabend, als sie in der Seele das Gelübde gethan, das ganze Leben Gott zu weihen, etwas gar Seltsames: sie saß des Ilbcnds allein im ehemaligen Klassenzimmer nnd ihr Blick siel von ungefähr auf eine alte Nummer der„Kinderlektüre", die man in früheren Jahren für ihre Schwestern abonnirt hatte. Ans Langeweile begann sie zu blättern und das erste, Ivas sie aufschlug, lvar die rührende Erzählung von den drei englischen Missionäre» in China, die von den ergrimmten Heiden auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Und das geschah vor kaum fünf, sechs Jahren.„In China gicbt es noch Heiden! Dort kann man sich jetzt die Mär- tlrerkrone erwerben. Gott, das hast Du selbst für mich ersonnen! Tu selbst zeigst mir den Weg und rufst mich zn einer Heldenthat!" In der Erregung nnd Extase ivarf sich Wjera auf die Knice. In der Thatsache, daß die alte Zeit- schrift ihr gerade heute wie eine Antwort auf ihr heißes Gebet zur Zeit des nächtlichen Gottesdienstes in die Augen fiel, sah sie die nnzweifelhafte Bc- stätigung der göttlichen Vorsehung. Von diesem Tage an war in ihren Augen ihr Schicksal be- schloffen. Alle ihre Träume nahmen eine bestimmte Form und Richtung an. Alles, was China betrifft, interessirt sie lebhaft und die Röthe steigt ihr ins Gesicht, wenn zufällig beim Diner die Rede darauf kommt. Blos eines befürchtet Wjera: Wenn nur China sich nicht vorher zum Christenthum bekehrt, che sie ganz erlvachsen ist. IV. Das Hans der Baranzolv stand auf einer An- höhe; gegen Norden senkte sich der Hügel zn einem großen Teich herab, der selbstverständlich von den Händen der Leibeigenen gegraben lvar. Hier war ein Garten angelegt, im Stile von Versailles mit geraden, kiesbedeckten, kleinen Wegen, mit Bluincn- bosquets in Form von Vasen oder Herzen und mit einer Anzahl von Jasniin-, Flieder- und Birken- lanbe». Einst hätte diese Seite des Hauses den Blick cincs jeden Liebhabers der zugestutzten Natur fesseln können, jetzt aber, da statt des ehemaligen Gartenkünstlers mit einem ganzen Stab Gchülien der Garten nur von einem Bauern, einem Auto- didakten, nnd zwei Burschen in Stand gehalten wurde, bot er einen traurigen, verkommenen Anblick. Der Teich lvar schlammig und diente unzähligen Geschlechtern von Mücken als Niederlassung; die Lauben drohten einznstürzcn; auf den Pfaden sproß das Gras hervor. Es giebt nichts Traurigeres, Die Neue Welt. Illustrirte Nnterhaltungsbeilage. 155 als den ungepflegten Ziergarten eines Gutsbesitzers. Dafür war es aber auf der anderen Seite, um die mau sch weniger bemühte und wo die Natur sich selbst überlassen war, noch jetzt sehr schön, lln- mittelbar an das Haus schloß sich ein Eichcnwäldcheii, hinter dem der Berg steil zum Bache abfiel. Dieser rauschte und schäumte bei hohem Wasserstand, zur Zeit der Trockenheit wurde er zu einem saitdigen Graben, in dessen Blitte ein dünnes, schmales Wasser- äderchen sickerte. Der ganze Abhang war mit dichtein Gestrüpp bewachsen; im Frühling!var er von den weiße», duftigen Blüthen der Ahlkirschbäume wie mit Wilch übergössen und ringsum erklangen die Lieder der Goldamseln, Grasmücken, Lanbzeisige und verschiedener anderer kleiner Bögel. Manchmal flogen auch Nachtigallen herbei. Im Herbst gab es eine Menge Haselnüsse und wilde Himbeere». Im Winter häufte sich dort so viel Schnee ans, daß der Ab- hang eine abschüssige, feste Masse bildete, aus der hier und dort schwarze Weidenzweige hervorragte». Mit dem Abhang schloß ans dieser Seite der Besitz der Baranzow ab. Auf dem gegenüberliegenden llfer des Baches lag schon das Gebiet eines anderen Gutsherrn, Slepan Michailowitsch Wasilzcws. Dieser hatte die Grafen wenig behelligt, da er niemals ans seinem Landsitz lebte. Sein einstöckiges Holz- haus stand immer mit geschlossenen Thüren und Läden da, und der verwahrloste Garten verwandelte sich in eine grüne, schallige Einöde, ans der unlcr dem Schalten alter Linden in ungeheurer Menge lülcttcu wuchsen und die flanmigen Köpfchen der Butterblumen überall zwischen den kleinen Blüthen verwilderter Glockenblumen und Nelken weiß hervorschimmerten. Bon Wasilzcw erzählte man sich, daß er ein sehr gelehrter Mann sei. Im Winter lebte er in Petersburg, wo er Professor am technologischen Institute war; während des Sommers, zur Ferien eit, verreiste er gcivöhnlich ins Ausland und vergaß, wie es schien, gänzlich sein nicht allzu großes, vom Bater ererbtes Gut. Aber in diesem denkwürdigen Winter blieb vor dem Thor des Wasilzeivschcn Hauses einmal ein Postschlitten mit kleinen Schellen stehen; im Schlitten saßen zivei Gendarmen und zwischen ihnen der Besitzer des Landgutes selbst. Die Sache war sehr einfach. Wasilzcw galt schon lange als liberal und stand bei vielen einfluß- reichen Persönlichkei.en schlecht genug angeschrieben. Während dieses Winters veranstalteten die Pro- fessvren und Studenten des technologischen Instituts anläßlich einer Jahresfeier ein Banket, dem auch der Großfürst, der hohe Protektor der Anstalt, bei- ivohnen sollte. Seine Hoheit ließ merken, daß es ihm nicht erwünscht sei, mit Wasilzew zusammen zu treffen; man verständigte diesen davon, er aber antwortete: Wenn es sich so verhält, möge man ihm ein offizielles Verbot, an dem Banket theil- zinichmen, zuschicken; er betrachte sich gerade so ivic jeder andere Professor als Gastgeber. Ein offizielles Verbot erfolgte natürlich nicht, und an dem fest- gesetzten Tage nahm er neben den anderen Pro- fcssoren ruhig seinen Platz an der Tafel im Fest- saal des Instituts ein. Zwei Tage nach diesem Borfall erschien bei ihm der Chef der geheimen Polizei und schlug ihm freundlich vor, seine Demission ein- zureichen und auf seinem Familienlandsitz Ausent- halt zu nehmen mit dem Versprechen, ihn niemals zu verlassen. Zur größeren Sicherheit theilte man ihm für die Fahrt zwei Schutzengel in Gendarmen- uniform zu. Unter solchen Umständen vollzog sich die Nieder- lassnng Stepan Michailowitsch Wasilzews auf dem väterlichen Landgut. Man kann sich leicht denken, ivelche Sensation dieses Ereigniß in der ganzen Umgebung erregte. Ucber den Neuangekommenen und über die Ursachen seines unerwarteten Erscheinens knrsirten sofort die unsinnigsten und übertriebensten Gerüchte; Viele argivohnten in ihm einen gefährlichen Verschwörer. Dieser Argwohn umgab ihn mit einein geheinmiß- vollen, gleichzeitig erschreckenden und anziehenden Nimbus; in Rußland empfinden nämlich auch die Menschen konservativer Richtung, wofern sie nur nicht unmittelbar zur geheimen Polizei gehören, doch innner eine unfreiwillige, instinktive Verehrung für jeden politischen Verbrecher. Die Baranzow waren Wasilzews nächste Nachbarn. Es ist also nicht zu verwundern, daß sich bei den zwei älteren Fräulein, Lena und Lisa, das Gefühl eines gewissen natürlichen Eigenthnnlsrechtes ans den interessanten Nachbar, der ihnen vom Himmel selbst geschickt ivurde, geltend machte. Er war Junggeselle und obwohl er, die Wahrheit zu sagen, nicht für einen jungen Mann gehalten werden konnte, da er über die Vierzig hinaus ivar und schon deshalb kaum den Ruf eines Adonis haben konnte, so durfte er doch bei dem gegenwärtigen Mangel an Bräutigamen eine gute Partie genannt werden. Wasilzcw würde sich wahrscheinlich nicht wenig gewundert haben, iven» man ihm gesagt hätte, ivelche Rolle er in den Gc- sprächen und in den Plänen der zwei Mädchen spielte. Durch einen seltsamen Zufall konnte er im Laufe des Sommers kein einziges Ntal ausgehen, ohne Lena oder Lisa zu begegnen, und was noch seltener war, ohne sie stets in wunderlichen Kostümen und ungewöhnlich malerischer Situation anzutreffen. Da steßt er plötzlich ans die muthwillige Lena, die wie ein Eichhörnchen auf einen Baum geklettert ist und s l elmisch durch das dichte Laub ans ihn hinabsieht; hier ivieder erblickt er die schmachtende Ophelia, L sa, träumerisch sich zum Bach neigend, einen Ber- gißmeinnichtkranz in den Händen. lind man hätte nur anhören müssen, wie graziös erschrocken die Fräulein aufschrien, wenn man sie so unvermuthct antraf. Aber alle diese Begegnungen führten zu nichts. Wasilzew grüßte steif und kalt und machte sich ans deni Staub. Zu einem Gespräch kam es nicht. Es ist also nicht zu verwundern, daß die Fräulein endlich zu dem Schluß gelangten, daß es solch einen ungeschlachten Bären wie ihren Nachbarn ans Erden nicht mehr gebe. Kam aber die Bekanntschaft zwischen Wasilzciv und den beiden Schwestem nicht zn Stande, so wurde er dagegen mit Wiera ans eine sehr einfache, gar nicht poetische Weise ziisammen geführt. Der Sommer näherte sich dem Ende; der schmutzige, regnerische Herbst mit den zeitig dunklen Abenden begann. Die nngewolmte Langeivcile des einförmigen Landlebens jagte Wasilzew doch zum Thor seines Hauses hinaus und zwang ihn, in weiten Spazier- g ingen Zerstreuung zu suchen. Aber ivie alle Nten scheu, die noch nicht in einem russischen Torf gelebt haben, stieß er ans seinen Wegen oft auf Schivicrig- leiten und gerieth in, wie es ihm schien, große Gc- fahren. In den Proscssorcnkrcisen, in denen Wasilzcw bis jetzt verkehrt hatte, würde es den Wenigsten ein- gefallen sein, ihn der Feigheit zu zeihen; im Gegen- theil, die Kollegen befürchteten immer, daß mau sie wegen seiner übelangebrachten Widerspenstigkeit zur Verantwortung ziehen könn'e. Als seiner Professors- Kam ce ein unerwartetes Ende bereitet wurde, äußer- ten sich selbst die Tapferste» seiner Freunde mit Be- dauern und einstimmig:„Das war unvermeidlich! Kann man denn mit so einem ungestümen Kopf, wie der des Wasilzew, in Rußland leben!" Stepan Michailowitsch hielt sich im Innern für einen sehr verwegenen Menschen. Er liebte es, sich in seinen geheimsten Tränmen— in den Träumen, die man selbst seinem intimsten Freund nicht anvcr- traut— in verschiedene, nngewöhnlichc Lagen zn versetzen, und nicht selten nahm er— in seinem Arbeitszimmer— an der Vertheidignng von Barri- laden theil. Obivohl Wasilzeiv von seiner Tapferkeit ganz durchdrungen mar, hegte er, was eingestanden werden muß, einen großen Respekt vor den Dorfhnnden, von denen es hieß, daß sie vergangenen Frühling eine vorübergehende Bettlerin zerrissen hätten, und vor dem Stier, der schon zlveimal mit den Hörnern den Hirten in die Luft geworfen hatte, und so ging er jeder näheren Bekanntschaft mit ihnen aus dem Wege. Einmal traf es sich, daß er sich ziemlich weit vom Hanse entfernte. Die Landstraße blieb seitwärts liegen. Er ging wie getvöhnlich mit den Händen auf deni Rücken, mit gesenktem Kopf in Gedanken ver- tieft, ohne des Weges zu achten. Als er ausblickte, sah er sich in einer ziemlich schwierigen Situation: eine sumpfige Wiese, auf der der Fuß, den schmalen Pfad verlassend, bis zum Knöchel in lockeren Schlamm versinkt; vor sich ein ziemlich breiter Bach und hinter sich die stampfende und brüllende Viehheerde des Dorfes. „He, Hirte, halt' Dein Vieh an!" rief Wasilzew. Der Hirte aber, ein Junge von fünfzehn Jahren, schwächlich und blöde— den man zum Hirten ge- macht hatte, weil er sich für nichts Anderes eignete — murmelte als Antwort etwas ohne jeden Zu- sammenhang und lachte dumm wie ein Idiot. Wasilzew stand unschlüssig da. „Springen Sie über den Bach!... Er ist nicht tief!" erschallte plötzlich eine junge, beinahe kind- liche, das Lachen unterdrückende Stimme. Wasilzew sah nach der Seite, woher ihm der Rath gekommen war, und erblickte ans dem kleinen Hügel des gegenüberliegenden Ufers, etiva zwanzig Schritte iveit, ein Mädchen von fünfzehn Jahren, ivelchcs einen mit einem verblaßten Bändchen ans- geputzten Hut und ein Kattunklcidchen trug, da? über der Brust zn eng, an den Aermeln und unten zn kurz war. Wjera, die auch von der Langeweile hierher gc- trieben lviirde, beobachtete schon längst diesen hageren, drolligen Menschen, der sich solcher Kleinigkeiten wegen so sehr ängstigte. „Springen Sie nur mnthig!" rief sie noch ein- mal, aber Wasilzew konnte sich noch immer nicht entschließen. Da lief Wjera vom Hügel herab, stieg nncr- s.hrocken mit den alten Slieselchen in den Sumpf, brachte ein Brett und ivarf es rasch ancr über den Bach, ivobei sie ihre weißen Strümpfe und die grauen Hosen ihres Nachbarn arg mit Schmutz bespritzte. (Forlscvuitz fuiut.J r*» fyj Mit unbewaffneten Augen. Ein Rückblick rvn Friedrich Thiemc. (vk�ic Naturwissenschaft ist die Mutter der modcr- / neu Kultur. Ein zeitgenössischer Schriftsteller �5?(H. Maser) hat nicht so ganz Unrecht, wenn er der Meiniuig Ausdruck giebt, daß wir, sobald ivir uns die Errungenschaften der naturwissenschaftlichen Forschung, die Erfolge der Technik in neuester Zeit und die Spuren ph. sikalischen Denkens aus dem Leben der Völker hinwegdcnken, wieder zurück in Barbarei und Aberglauben fallen. Ich sage:„nicht ganz Unrecht," denn ganz Recht hat er auch nicht. Er Übersicht, daß Politik und Philosophie auch schon vorher wunderbare Ergebnisse in der Gut- Wickelung der Menschheit gezeitigt haben, und daß ivir schon im Alterthnm stannenswerthe Vorbilder geordneten Staats- und Kulturlebens vor uns er- blicken. Das Christenthum erst hat der weitere» Entwickelnng ebenso einen Damm entgegengesetzt, wie die Reformation die beginnende Aufklärung um rund zweihundert Jahre zurückgedrängt hat. Selbst die Naturwissenschaft weist in jener Blülhc- Periode des Allerthums bereits eine Reihe hochachtcns- werther Resultate auf, und der beste Beweis für meine Behauptung, Christenthum und Reformation betreffend, ist gerade, daß die wiederauflebende Forschung über das ganze Mittelalter und die erste chustlichc Periode zurückgreifen und den Faden ihrer Arbeit an denjenigen der alten heidnischen Forschung ank. lüpfen mußte. Noch jetzt stehen wir unter dem Einflüsse der alten Heiden und klammern uns mit unseren hnmanistischen Gymnasicii und ähnlichen Bildungsanstalten so zäh an ihnen fest, daß wir damit dem Fortschritt genau dieselben Hindernisse in den Weg legen, wie wir sie dem dunkeln Mittel- alter zum Vorwurf machen. Wenn wir erwägen, daß die Gelehrten des Alterthums aller jener Hülfs- mittel entbehrten, mit denen unsere modernen For- scher zu arbeiten gewohnt sind(als Fernrohr. Mikroskop, Photographie u. s. w.), so werden wir durch die von ihnen erzielten Ergebnisse geradezu überrascht. Sie besaßen nichts als ihre beiden 156 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Augen und fünf gesunde Sinne, aber lvas sie mit Hülfe dieser einfachen Mittel bereits entdeckt und nor- geahnt haben, verdient unsere höchste Bewundernng. Es dürfte von allgemeinem Interesse sein, einmal die ivescntlichsten dieser Ergebnisse näher zu betrachten. Wir begegnen ihnen schon frühzeitig, in Perioden, welche weit vor der historischen Zeit liegen. Aus dem grauen Nebel einer versunkenen, wohl 5000 Jahre zurückliegenden Kultur taucht majestätisch das größte und höchste Bauwerk der ganzen Welt vor uns ans: die Ehcopspyrainide. Ihre£)öhe betrug 14G, ihre Breite an der Basis 233 Meter. Auf geivaltigcm Felsengrunde ruhend, erheben sich die 203 Steinschichtcn des Nicsenbaues, welche zusammen über 2 300 000 Steine von je 40 Kubik- fuß Inhalt in sich schließen und aus denen man eine Mauer, 24 Fuß hoch und 6 Fuß stark, von !'0 deutschen Meilen Länge herzustellen vermöchte. D'» �.Jne, deren jeder einzelne 3000 Pfund und mancher fast das Dcppclte tviegt, mußten aus den entfernten Steinbrüchen von Thorrs hergeschafft und zum größten Theil in die Höhe getvinidcn werden, die oberen bis 400 Fuß. 100000 Menschen ar- beitetcn zwanzig Jahre lang an diesem Werke. Doch was uns hier vor Allem interessirt: die Kanten der ungeheuren Pyramide, deren Fcstigkeii dem Sturme von 5000 Jahren getrotzt hat, sind genau nach den vier Himmelsgegenden gerichtet! Der Unkundige tvird meinen, dabei sei weiter nicht viel, deshalb sei daran erinnert, daß es selbst heute nicht leicht ist, einem Bantverke eine solche Stellung zu geben. Wir müssen deshalb voraussetzen, daß die Egypter damals bereits gut unterrichtete Astronomen gehabt habe». Ebenso die Chinesen, die bereits von der Nc- gierung zu dem ausgesprochenen Zwecke angestellte Gelehrte besaßen, die Sonnen- und Mondfiiistermsse vorher zu verkündigen. Außerdem hatten diese kaiser- lich-chinesischen Hof- und Staatsastronome», von denen uns die Geschichte nicht meldet, ob sie eben- falls zu Geheimräthen und Hofräthen ernannt wurden, über alle außergewöhnlichen atmosphärischen und astronomischen Ereignisse, Äometenbesuche, Wolken- brüche, Getvittcr, Sternschnnppenfälle und ähnliche Erscheinungen, sorgfältig Buch zu führen. Solche Register sind noch heute erhalten. Ob sie dafür gute Gehälter bezogen, ist nicht bekannt, dagegen scheint ihre Anstellung andererseits ihre sehr un- gcmüthlichen Seiten gehabt zu haben. Wie nämlich berichtet wird, büßten zwei Hofastronomen, Hi und Ho, weil sie infolge der Theilnahme an einem fröhlichen Zechgelage es unterlassen hatten, eine gerade stattfindende Mondfinsterniß gehörig zu vermelden, ihre Unterlassungssünde mit dem Tode. So tvaren denn vor mehreren tausend Jahren die For- scher bereits im Stande, Sonnen- und Rtondversinste- rungen zu berechnen, und in späteren Perioden thaten sich sogar Frauen in dieser Art Weissagung hervor. Den theffalischen Hexen schrieb man die Fähigkeit zu, den Moird vom Himmel herunter- znbcschwören, ein Glaube, dem eine von einzelnen klugen Weibern in Szene gesetzte Koniödie zu Grunde liegt. Sie wußten, wie Plutarch erzählt, wann die Bcrsinstcrung des Blondes eintreten mußte, und täuschten ihre abergläubischen Mitbürger mit der Borspiegclnng, sie würden zu einer bestimmten Zeit den Blond vom Himmel weghexen. Die Kunst, oder sagen wir besser die Wissen- schaft der Berkiindigung von Sonnen- und Blond- finstcrilisscn, stammt vermuthlich ans Ehaldäa, Ivo man bereits in alter Zeit den Zyklus von 1805 Jahren, nach welchem die Blondfinsternisse in der früheren Ordnnng wiederkehren, gekannt zu haben scheint. Sicher erscheint, daß man die Periode von 6585 Tagen ( 18 Julianischcn Jahren und Ii Tagen) kannte, nach deren Ablauf die Finsternisse von Sonne und Blond fast genau in derselben Ordnung wieder- kehren, und diese zur Bestimmung derselben benutzte. Oppert entdeckte in einer Keilschrift einen Vorher- sagcr einer Mondfinsterniß ans dem Jahre 523 v. Ehr. Die Ehaldäer erblickten auch im Blonde bereits den der Erde nächsten Stern,- sie wußten, daß die Sonne ihn mit Licht versehe und daß der Erdschatten seine Finsternisse verursache. Ans der Insel Kos hatte ein Priester aus Ehaldäa, Berosos, zu Lebzeiten des für seine Kriegsgrenelthaten mit dem Beinamen „der Große" ausgezeichneten Macedonierköuigs Ale ander eine Schule gegründet, in welcher er astronomischen Unterricht, vor Allem auch in der Kunst der Finstcriiißprophezeiung erlheilte. Tie alten Babylonier kannten aller Wahrschcin- lichkeit nach nnsercn zwölftheiligen Thierkreis; auch die fünf Planeten: Merkur, Venns, Mars, Jnp ter und Saturn waren bereits den Gelehrten einer ge- schichtlich nicht mehr erreich- und nachweisbarcu Zeit vertraut. Besonders zu beachten ist hierbei die Kennt- niß des fast ganz in den Sonnenstrahlen vcrschwin- denden winzigen Planeten Merkur, den sogar von uns Lebenden(die Astronomen natürlich aus- genommen) die Wenigsten je zu Gesicht bekommen. Selbst die erst von Galilei, dem großen Italiener, mittelst des Fernrohrs entdeckten winzigen vier Jupiter- nioiide dürften die Babylonier mit bloßen Augen aufgefunden haben, denn der Gott des Jupitersterns ist in ihrer Alythologie von vier Hunden begleitet gedacht, was doch, wenn es nicht auf diese Weise zu erklären ist. ein mindestens wunderbares Zusammen- treffen genannt werden müßte. Blau darf wohl annehmen, daß gerade die für die Völker beunruhigenden Erscheinungen der Blond- oder Sonnen-Vcrfinsternng die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf die Natnrbctrachtung gelenkt haben. Allmälig entwickelte sich durch fortgesetzte Beob- achtung eine größere Vertrautheit mit den Himmels- erscheinungen, sodaß bereits zum Theil nicht un- tvichlige Hypothesen über Ereignisse und Phänomene aufgestellt wurden, deren genaue Erklärung erst viele hunderte oder gar ein paar tausend Jahre später mit Hülfe großartiger Instrumente gelang. So lehrte bereits Pythagoras die Kugelgestalt der Erde, Thales von Blilct, ein Zeitgenosse des weisen Solo», soll die Natur des Blagncts erkannt nud eine Sonnenfinsterniß vorausgesagt haben. Aristarch von Sanios stellte bereits um 270 v. Chr. die Theorie eines Weltsystems auf, in welchem die Erde beivcgt und der Fixstenihimniel ruhend gedacht war. Ferner suchte er bereits- die Entfernnng des Blondes und der Sonne von der Erde zu ermitteln und kam zu dem treffenden Schlüsse, die Fixsterne müßten unendlich iveiter als die Sonne von der Erde entfernt sein. Heraklit der Dunkle von Ephe- s»s(gestorben um 480 v. Chr.), dessen Philosophie Lassalle in seinem Werke:„Die Philosophie Hcrak- lcitos des Dunklen von Ephesus" behandelt, hat bereits eine Ahnung der fortlaufenden Entwickelimg der Dinge.„Alles fließt", spricht er sich ans,„alles ist in ewigem Flusse der Veränderung, in den das- selbe Wesen nie wieder hineinsteigt." Anaximander von Blilet entwarf bereits eine Land- und Himmels- karte, führte die Sonnenuhr von den Babyloniern ein und nahm einen Ilrstoff an, in dem alle Einzel- dinge unvermischt durcheinander ruhen. Dieser Ge- lehrte warf sogar schon die interessante Frage nach der Art der Entstehung von Lebewesen auf, welche er(nach Kirchner, Philosophie) wie folgt bcant- wortcte:„Ans der Mischung des Warm-Trockenen und Fencht-Kalten haben sich in sumpfigen Orten durch der Sonne Einfluß die Thiere gebildet, die sich mit der Erde zugleich höher entwickelten; selbst der Mensch habe durch Fisch- und Landthiergcstalt hindurchgehen müssen. Aber die Bewegung des Stoffs ist ewig, immer neue Vermischung und Entmischung findet statt, so daß sich ivohl die Eiuzeldinge ändern, aber nicht das Ganze." Anaragoras< gestorben um 425 v. Chr.) erklärte, daß die Sonne kein Gott, sondern eine glühende Mineralniasse(ein glühender Stein) sei, ja Demokritos, der„lachende Philo- soph" geboren um 460 v. Ehr. in dem berüchtigten Abdera), erblickte bereits in der Milchstraße eine Anhänfnng von Sternen. Derselbe Philosoph stellte Grundsätze ans, welche dem Materialismns nahe kommen und noch heute frappirend wirken:„Ans nichts wird nichts; nichts, was ist, kann vernichlck werden. Veränderung bedeutet nur Verbindung oder Trennuug von Theiien. Nichts geschieht zufäll g, alles aus Grund und Nolhwcudigkeit. Das einzig wirklich Exislirende sind die Atome und der leere Raum, alles Andere ist Vorstellung; die Atome sind unendlich an Zahl und Formverschiedenheit; sie fallen beständig durch den Raum, prallen gegeneinander und erzeugen Wirbel, ans denen Welten entstehen: zahllos sind diese Welten, die bald sich bilden, bald wieder zerfallen." Plutarch erzählt schon von dem Schatten der Mondbcrge, arabische Gelehrte entdeckten den größten kosmischen Nebelfleck, die Magelhanische Wolke, während der Grieche Strabo die prophetische Mnth- niaßung kundgiebt, daß sich zwischen Spanien und Indien noch bewohnbare Erdtheile befänden, und dcr Ehor in einem römischen Drama die Erforschung der Erde und das Herannahen eines Zeitpunktes weis- sagt, wo Thüle(wahrscheinlich das heutige Island) nicht mehr das äußerste der Länder sein wird. Diese Beispiele, die ich noch vermehren könnte, werden genügen, meine anfangs ausgesprochene An- schaumig zu belegen. Fast unglaublich erscheint es »ns, wie die Alten zn einem so stannenswerthen Wissen ohne alle mechanischen und physikalischen Hülfsmittel gelangen, wie sie mit ihrer prämitiveu Technik jene gigantischen Kolosse errichten und mit der eng begrenzten Sehkraft der Augen weit in die unermeßlichen Tiefen des Himmels dringen konnten. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß wir das Wissen des Altcrlhums in seinem vollen Umfange möglicher- weise nicht einmal zu würdigen vermögen, insofern als wir von mancher Errnngenschaft seiner Gelehrten gar keine Ahnung haben, ja vielleicht, wie dies bei der Galvanoplastik der Fall war, selbst noch nicht einmal im Besitz derselben sind. Man fand nämlich in Egypten unter den hintcrlassenen Schätzen einer längst versunkenen Kulturepoche hölzerne Lanzen- spitzen und hölzerne Klingen von Schwertern, die durch einen starken Kupferüberzug vor Verwesung geschützt waren. Die Möglichkeit der Herstellung dieses Ueberzugs vermochten sich die Techniker nicht zn erklären; erst als man die Kunst der Galvano- Plastik entdeckte, begriff man das Gehcimniß der Atethode und erkannte nun, daß die alten egyptischcn Weisen bereits im Besitze derselben gewesen sein müssen. Auch andere Erscheinungen im alten Wunder- lande des Nils deuten auf Kenntniß und Anwen- billig der Elektrizität hin. Wahrlich, das sind Schätze, welche sie der bewundernden Stachwell hinterließe», Schätze, fruchttragend in ihrer Wirkung ans Jahr- tausende hinaus, gewaltige Ecksteine im Riesenbau der menschlicheu EntWickelung. Welchen Stutzen haben dagegen die blutigen Greuelthateu eines Alexander nnd Cyrus hinterlasse»? Diese beschränkten Er- oberer haben ihre Völker elend geniacht und sich selbst das Brandmal des Verbrechens auf die Stirn gedrückt. So wird weiiigstens eine Zeit nrtheilen, welche die Geschichte der Vergangenheit im Lichte der Hnimiiiität und Vernunft liest und sich nicht bethören läßt von den Dünsten falschen Weihrauchs uiidderErbärmlichkeiteinesRuhincs, der aufMenschen- elend gegründet ist. Wie ruft doch I. von BinUer treffend ans:„Sceptcr brechen, Waffen rosten, der Arm des Helden verwest, was in den Geist ge- legt ist, ist ewig!" /CW Drei Kraftproben. Eine kulturhistorische Skizze aus dein tzieben Iwans des Schrecklichen. Mll B-miyung aulhcittischer Mltthetlungen Th. v. Lcngc-ifclds. Von Josef Macrtl. (Zchluß.)_ feiger Zar sprach:„Fürst Boris Tnlnpoff! Tu hast Gott Deinen Herrn vergessen und, unsere große Dir und Deinem Geschlcchtc erwiesene Gnade mißachtend, aus unserem Reiche zu iinserem Feinde Sigismnnd August flüchten wollen. Deine Mutler hat Deinen Fluchtversuch unterstützt. Gott hat uns aber Deinen 2 errath geoffcnbart; Du bist ans dem Wege nach Polen zusammen mit Deiner Mutter ergriffen worden nnd hast deshalb eine grau- same Strafe erwirkt. Spießt ihn ans den Pfahl!" „Zar Gosndar!" crwiderie der Venn(heilte ruhig. „ich bin kein Veiräther an Dir, sondern wollte nur Dein Reich aus großer Bekümmerniß verlassen, weil MWA 158 Die Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Du, Zar Gosudar, ohne jegliche Ursache negcn uns Ivülhest und uns ohne alle Schuld von unserer Seile strafst. Wenn ein Hund beständig ohne Ursache ge- prügelt wird, so läuft auch dieser endlich vom Hofe seines Herrn. Jetzt bin ich in Deiner Atacht. Thne mit mir, was Dir gefällt, aber wisse: Dn hast Goit als Richter über Dir— er wird uns rächen!" Tulnpoff wurde auf den Pfahl gespießt. „Du bist nicht der Zar," schrie die Mutter, „Du bist der Teufel in Menschengestalt! Du bist schlimmer als ein wildes Thier, denn dieses mordet doch nur aus Hunger. Martere uns nur! Doch möge der ewige Richter Dich und Dein ganzes Ge- schlecht verderben!" „Ha, ha, ha!" lachte der Zar.„Deine Zunge ist ja außerordentlich beweglich! Du liebst, wie ich sehe, zu scherzen, und sollst daher auch eines lustigen Todes sterben! Kitzelt sie zu Tode! Du, Kudejar, fängst an!" Eine schivere Aufgabe für den armen Kosacken, der den Augenblick verfluchte, in welchem er nach Rtoskau gekoinmen war. Die Fürstin lief wie eine Besessene um den Pfahl herum, auf welchem ihr Sohn die schrecklichsten Lualen erlitt. Kndejar und die anderen Opritschniki verfolgten sie. Vergebens suchte die Aermste sich mit Anstrengung aller ihrer Kräfte den rohen Fäusten ihrer Verfolger zu entiviudeu, gänzlich erschöpft sank sie endlich mit einem ivilden Gelächter zu Boden. Kaum zum Bewußtsein gekommen, wollte sie aber- mals zu ihrem sterbenden Sohne hin, wurde aber von den Opritschnikis ergriffen, auf den Boden nieder- gestreckt und zu Tode gclipelt. Der Zar weidete sich einige Augenblicke an dieser Szene, dann gab er Befehl, die übrigen Schuldigen hereinzuführen. Es wurden elf Edelleute in das Zimmer gebracht, die beschuldigt waren, mit den oben bestraften Großen des Hofes im Einverständniß ge- wesen zu sein. Der Zar befahl. Alle ganz nackt auszuziehen, fünf von ihnen mit siedendein Wasser zu begießen, dreien die Arme und zweien die Füße abzuhauen. Durch Knutenschläge wurden die Unglück- liehen dann ini Saale herumgchetzt, bis sie vom starken Blutverlust erschöpft und bewußtlos zu Boden stürzten und durch Faustschläge vollends getödtct wurden. Ter Zar wandte sich an die Lpritschniki und frug mit lauter Summe:„Ist mein Gericht gerecht�" „Gerecht, Gosudar!" schrien die Günstlinge,„ge- recht wie das Gericht des Himmels!" „Ist niein Gericht gerecht?" frug der Zar den Kndejar.„Gerecht!" antivortete Kndejar— in seiner Seele aber sah es finster ans. Er fühlte, daß er in eine solche Grube gefallen sei, ans ivelcher er unmöglich wieder herauskommen konnte. Er haßte den Zaren, er verachtete sich selbst, aber die heiße Sehnsucht nach seinem Weibe übertönte die Stimnie des Gewissens. „Es ist genug für heute!" sprach der Zar.„Zeit ists, in die Abendmesse zu gehen—" Alle verließen den Foltersaal, der mit seinen un- geheuren Blutlachen, in welchen die halboerbranntcn, verstümmelten Leichname schwammen, einen grüß- lichen Anblick darbot. Ein lebendes Wesen blieb darin zurück, der sterbende, auf den Pfahl gespießte Fürst Tulnpoff, der unter den schrecklichsten Schmerzen auf seine dicht vor ihm liegende todte Mutter schaute. Man läutete zur Vesper. Die Spritschniki verrichteten, wie früher, ihr Gebet mit der scheinbar tiefsten Andacht, während der Zar den zehnten Psalm absang, der mit den Worten anfängt:„Von Gnade und Recht will ich singen und Dir, Herr, Lob sagen." Nach dem Abend- essen befahl der Zar, Kudeiar zu sich zu rufen. „Setze Dich," sprach Iwan freundlich zu dem Eintretenden,„setze Dich und erzähle uns Deine Erlebnisse! Du Aermster hast gewiß viel Kummer erlitten, dafür hast Dn aber auch gewiß viele wunder- liche Dinge gesehen." Kndejar erzählte die Geschichte seiner Gefangen- schaft bei den Tataren. Der Zar hörte mit Alls- merksamkeit zu. Als er von den Leioen sprach, die er im Gefängnisse zu erdulden hatte, unterbrach ihn Iwan öfters mit Senfzern und den Worten:„Ach, die Böscwichter! Ach, die grausame» Menschen- frcsscr!" Kndejar hielt den Augenblick für günstig, von seiner Frau zu sprechen. „Die Aermste! Wie sie sich um Dich gehärmt hat!" „Zar Gosudar!" rief Kndejar ans und warf sich zu seinen Füßen nieder.„Erweise mir Deine Väter- liche Gnade! Ewig werde ich Gott für Dich bitten. Mein Blut will ich für Dich vergießen, wenn Dn es willst, nur erlaube mir, mein Weib zu sehen!" „Du sollst sie sehen"— erwiderte der Zar freund- lich.„Habe nur noch ein wenig Geduld! Eine Prüfung hast Du schon überstanden, noch zwei andere stehen Dir bevor. Nach der drilten sollst Dn Dein Weib sehen. Jetzt erzähle weiter." Kndejar setzte seine Erzählung fort, und als er geendet hatte, befahl Iwan, ihm einen Becher voll starken Meth zu reichen und sagte:„Jetzt gehe zur Ruhe, Kndejar! Dn hast heute einen großen Schritt zu meiner Gunst gethan und Dich auch nicht ivenig angestrengt. Morgen sollst Du wieder Arbeit haben. Geh jetzt mit Gott!" Am Morgen des folgenden Tages erhielt Kndejar den Befehl, mit zwei Opritschniki nach Perejaslawl zu reiten. Auf dem Wege dahin stieß ihm der Ge- danke auf, sich durch Flucht ans dieser Moskowitischen Hölle zu retten. Leicht hätte er dies auch bciverk- sielligen können, doch that er es nicht, weil er sein Weib in der Macht seiner Feinde nicht zurücklassen wollte Nach seiner Ankunft in Perejaslawl erhielt Kude- jar seine Wohnung im Palaste des Statthalters an- gewiesen, der ein Schwager des Zaren war. Am Abend desselben Tages kam auch der Zar in Be- glcitung seiner Günstlinge Niamstnick, Woisemski und Basmanoff an. Eine Schaar berittener Opritschniki bildete das Gefolge. Der Zar nahm seine Wohnung in einem be- sonders für ihn neben dem Palaste des Statlhalters erbauten Gebäude. Am anderen Tage hörte der Zar zuerst die Messe in der Kathedralkirche und begab sich dann mit seinen Günstlingen ans den Platz vor dem Palaste. Torthin ließ er auch Kndejar kommen. Als derselbe er- schienen war, sprach er zum Statthalter:„In jenem Thurme sipen sechzehn deutsche Gefangene. Laß ihnen die Fesseln abnehmen und sie hierher führen. Ihr aber"— und mit diesen Worten wandte er sich a» die Leute des Statthalters—„verschließt sämmtliche Thore der Stadt." Stach einigen Minuten führte Mamstruck sechzehn bleiche Gestalten aus dem Thurme, die vor Schmerz kaum die Füße schleppen konnten, welche ihnen die bisher getragenen Fesseln verursachten. „Deutsche," sprach der Zar,„ich begnadige Euch, schenke Euch die Freiheit und entlasse Euch in die Heimath. Habt Ihr mich verstanden, Deutsche?" Einer der Gefangenen, welcher der russischen Sprache mächtig war, übersetzte die Worte des Zaren. Alle Huben die Arme in die Höhe und schrien: „Hoch lebe der Zar!" Der Kaiser gab, auf die Thore weisend, ein Zeichen, daß sie gehen könnten. Die Gefangenen verneigten sich vor ihm bis auf den Boden und wollten den Platz verlassen. Da rief der Zar Kndejar zu:„Nun kommt Deine zweite Prüfung. Schlage die Nichtchristeil nieder!" Kndejar stürzte ans die Deutschen zu und streckte niit mächtigen Faustschlägen zwei von ihnen zu Boden nieder. Die Ilcbrigen, die garnicht wußten, ivas mit ihnen geschah, versuchten zu entfliehen. Kndejar holte sie jedoch mit leichter Mühe ein und schlug noch zwei von ihnen nieder. Die übrigen zwölf wollten mit vereinten Kräften sich ihres Verfolgers crlvehrcn, doch dieser ergriff den ihm Zunächst- stehenden bei den Füßen und schlug mit dieser lebenden Waffe mit solcher Gewalt auf seine Gegner los, daß in kurzer Zeit alle halbtodt ans der Erde lagen. Ans einen Wink Iwans tödtete sie Kndejar vollends mit einigen Fanstschlägcn. „Ein wahrer Prachtkerl!" rief der Zar ans und befahl, dem Kndejar einen Becher Nteth zu reichen, die Leichname der so schmählich erschlagenen Deutschen aber in den Fluß zu werfen. Darauf speiste der Zar mit seinen Günstlingen im Palaste des Statthalters; nach dem Essen aler reiste er ab und befahl Kndejar, seinem Wagen zu folgen, jedoch nicht ans seinem schönen tatarischen Rosse, sondern rücklings auf einem Ochsen. „Mein Gott!" dachte Kndejar, als er auf diesem seltsamen Reitthiere einhertrottete,„welcher Kummer ist mir noch beschiedcn? Wie viele unschuldige Men- sehen habe ich getödiet und welche Schmach muß ich jetzt erdulden! Alles für Dich, meine theucre Nastja! Alles für Dich, um Dich zu sehen." So tröstete er sich mit dem Gedanken, daß er zwei Prüfungen bereits überstanden habe und daß der Zar nach der dritten ihm endlich seine Frau geben werde. Er wollte sich dann verkleiden und mit ihr nach der Ukraine fliehen. O, welches Glück, wenn er erst das verfluchte moskowitischc Reich hinter sich haben würde. Wie glüalich würde er dann mit seiner Nastja auf seinem väterlichen Chntor leben!„Genug habe ich mich schon im Kriege herumgetnmniclt," dachte er,„jetzt will ich in Frieden als Landwirth leben. Mit wem sollte ich auch wohl Krieg führen? Gegen die Tataren werde ich nicht kämpfen, so lang mein Freund und Wohlthäter in der Krim herrscht. Schickt man mich aber gegen Moskau, so miethe ich mir einen Stellvertreter; wir werden unser ganzes Leben an dem genug haben, was mir der Khan ge- schenkt hat, gehis uns aber nicht gut in der Ukraine, so ziehen wir zu meinem Freunde Deivet." So träumte Kndejar von der Möglichkeit des Glückes und ahnte nicht, welch furchtbare Prüfung ihm noch auferlegt war. Tags nach seiner Ankunft in der Alexandrowschen Slobodc hörte Kndejar in der Kirche den Zaren die sechs Psalmen vorlesen. Nach Beendigung der Messe wurde er in den Speise- saal befohlen, wo er bemerkte, daß der Zar zu An- fange der Mahlzeit Mamstruck zu sich rief und ihm mit einem hämischen Seitenblick auf Kndejar einen geheimen Auftrag crtheilte, worauf sich Mamstruck sogleich entfernte. Der Zar wandte sich darauf zu Kndejar und sprach:„Kndejar! Dir steht nun die driite und letzte Prüfung bevor. Wenn Tu sie gut bestehst, sollst Du mein bester Tiener und der erste Mann im Reiche sein. Heute wirst Dn nicht bei mir speisen, sondern man wird Dich an einen anderen Ort führen!" Kndejar erhob sich und mit ihm Malnta, Bas- manoff und vier Opritschniki. Sie geleiteten Kndejar in eines der Häuschen, welche auf dem Hofe des Palastes standen und in denen der Zar seine vielen Maitresscii unterzubringen pflegte. Hier stand in dem Gastzimnler auf einem mit rothem Tischtnche bedeckten Tische eine zinnerne Schüssel mit Kohlsuppe; neben ihr lag ein Stück Brot; über dem Tische aber hing an einem Haken, der in den Deckbalken ein- gedreht war, der Leichnani eines nackten Weibes, in dem Kndejar— feine Anastasia erkannte. Keine Worte vermögen auszudrücken, was der Unglückliche bei diesem Anblicke empfand. „Setze Dich und iß!" sagte Malnta zu ihm. Im Gehirne Kudejars blitzte der Gedanke auf: „Um mich an dem Mörder Nastasias rächen zu können, muß ich in seiner Gegenivart zugelassen werden; damit dies aber geschehen könnte, muß ich den Willen des Zaren bis zu Ende erfüllen." Er setzte sich daher nieder, ergriff den Lössel und wollte ihn zum Munde führen; dabei stieß er an den kalten Fuß der Todten. Er war nicht im Stande, die Suppe hinunter zu schlucken. Ter Löffel zitterte so stark in seiner Hand, daß die Brühe verschüttet wurde und sich über seinen Bart ergoß.„Seht einmal da," riefen die Opritschniki höhnend,„was es heißt: es floß über den Bart und konnte nicht in den Mund gelangen." Es tvar für Kndejar eine furchtbar schwere Auf- gäbe, sich zu übertvinden. Endlich legte er den Löffel weg und sprach:„Sagt dem Zaren, daß ich seine dritte Prüfung bestanden habe!" „Du hast noch zu wenig gegessen, iß noch mehr!" wandte Malnta ein.„Du könntest sonst hungrig vom Tische aufstehen. Nimm noch ein Stück Fleisch zu Dir!" Kndejar suchte aus der Schüssel ein Stück Fleisch herauszulangen, stieß aber dabei von Neuem an den Die Acue Welt. Iüustrirte Unterhaltungsbeilage. 15!» Fuß ks Leichunins, der durch diese Bewegung in Schwingungen gefegt, ihm um die Lippen schlug. „Ha, ha, ha," höhnte Maluta,„seht mal an! Kudcjar hat sich mit seiner Frau geküßt." „Ziiiiilu Dich in Acht," sagte einer der Opritsch- niki,„daß Du nicht Deine Frau statt des Fleisches aufissest!" „Trink jetzt ans die Gesundheit des Zaren!" rief Malnta. Kudejar trank ans einen Zug den vor ihm stehen- den Becher Weines ans. „Nun, wo Du jetzt zur Genüge gegessen und gctriiiikcn hast, wollen wir gehen und dem Zaren Bericht erstatten. Mit seiner Grlanbniß wirst Tu dann Dein Weib mit ans Dein Lager nehmen können." Sie verließen das Hans. Malnta ging voraus, dem Kaiser seine Meldung zu machen. Kudejar blieb mit den Opritschniki auf dein Ho'e zurück. Seine Augen ivaren trocken; ein solcher Schwerz, wie er ihn fühlte, kennt keine Thränc. Schweigend und mit erkünsteltem Gleichmnlhe blickte er in die Ferne. Nach einigen Minuten kehrte Maluta zurück und sagte:„Kudejar! Ter Zar ruft Dich. Geh nur kühn hinein! Der Zar wird unsäglich gnädig sein."— Man führte Kudejar durch prächtige, mit rothem Saffian austapezierte Säle in ein Eckzimmer, in welchem der Zar, auf sein Szepter gelehnt, am Fenster stand. Der Thür gegenüber, durch welche Kudejar ein- trat, standen Wäsemski, Basmanoff und Wasil Gräsni. „Nun, mein guier Kudejar!" redete ihn der Zar freundlich an,„Du hast ja auch die dritte Prüfung ausgezeichnet bestanden!" „Und ivcrde nun zu meiner vierten schreiten!"— unterbrach ihn Kudejar und stürzte mit erhobenen Fäusten auf Iwan los; in demselben Augenblick aber senkte sich der Boden unter ihm und er stürzte in ein Kellerverließ, welches sich zwei Klafter tief unter dem Zimmer befand. „Ha, ha, ha!" rief der Schreckliche.„Du Hund hast vergesse», oder wohl garuicht gewußt, daß Gott überall seine Gesalbte» unter seinen gnädigen Schutz nimmt. Seinen Engeln hat er befohlen, daß ihr Fuß an keinen Stein stoße."— In dein Augenblicke, als Kudejar sich auf den Zaren stürzte, hatten Wä eniski und Basmanoff das Laufbrett himvcggezogcii, welches die Oeffnnng des Bodens versah. Alles war vorher mit Vorbedacht so angeordnet worden, denn man hatte genau das erwartet, was auch wirklich erfolgt war. „Deckt den Boden wieder zu," sprach Iwan der Schreckliche und verließ das Zimmer,„mag er dort vor Hunger steibcn." Das geschah jedoch nicht, denn Kudejar ivar so tapfer, sich durch Erhängen eher in ei» besseres Jen- sei.s zu befördern, ehe er Hunger fühlte. Mit einer wahren Niesenkraft hatte er ein B.ett aus dem Fuß- baden gesprengt, dieses an die Wand gelehnt und sich an einem Strick, den er aus seinem Hemde ge- dreht halte, daran aufgeknüpft. „Bon jetzt an wird Jeder, der dort hinunter- kommt, vorerst nackt ausgezogen!" brummte der Zar, als er bereits am nächsten Morgen den eigenmäch- tigen Tod Kudejars erfuhr, und so geschah es. Gar Viele kamen hinter Kudejar noch hinunter, und ihr Gewininicr und Jammergeschrei dünkte Iwan eine wahre Engelsinusik; er fühlte sich in diesem Zimmer so wohl, daß er es sogar als Schlafgemach benutzte. um sich nächtlicher Weile an dem Stöhnen der Vcr- hungernden laben zu können. Ans dieser Skizze, mein lieber Leser, die keineswegs der Phantasie eines bösivilligen Verleumders entsprungen ist, sondern den wahren(sharaktcr dieses Blntmenschen erscheinen läßt, kannst Du das Gefühl der Dankbarkeit des russischen Volkes für jenen Meuchelmörder ermcsscn, der die gekrönte Bestie nach siebenundzlvanzigjähriger Ne- gicrung in einer Osternacht erdolchte. Ter heisere Richter. Co leise solltest Tu zeitlebeii'? sprechen müsse», Tan», Herr Iusli.rcith, sprächst Tu just wie Tciu Gewisse». Fr. Chr. Wei ser. Peckinpaws Pillen. HunioreSke von Frank Crane. Aus dem Englischen übersetzt von Bruno Sylvester. f s klopfte an meinem Arbeitszimmer, und che ich noch Zeit hatte„Herein!" zu rufen, er- schien ein schmaler Mann mit glattem, schwarze»! Bart, schnellblickenden, stechenden Augen, eingefallenem Gesicht und magerem, kümmerlichem Körper, an dem lose ein abgetragener, schwarzer Rock nach geistlichem Schnitt hing „Pcckinpaw ist mein Name," sagte er,„Eras- mns Pcckinpaw. Danke sehr. Ja, ich will mich setzen. Darf ich meine Tasche dort ans den Tisch legen? Danke! Sie enthält etwas, muß ich Ihnen sagen, was Sie zu Staunen und Bewunderung hin- reißen wird, ivenn ich erst zu Athem gekommen bin. Den Namen Pcckinpaw werden Sie sich merken müssen, denn er wird alle anderen Namen dieses großen, glorreichen Jahrhunderts überstrahlen." „Es ist sicherlich ein überraschender Name, Herr Pcckinpaw." „Das ist das wahre Wort, Vcrehrtester! Und der Tag ist nicht mehr weit, wo er die Welt mit Bewunderung erfüllen wird. „Hochwürden, ich komme zu Ihnen als ein Diener des Herrn, um Ihnen ein Geheimniß mit- zinheilen. Ich weiß, Sie werden keinen ungerechten Vorthcil daraus ziehen und mich meiner wohlver- dienten Ehre berauben, noch weniger sich ein Patent auf meine Idee geben lassen. „Ich habe das Bedürfniß, mich Jemandem mit- zntheilen. Viele Jahre lang, Hochwürden, habe ich über dieser Sache studirt, und endlich ist es mir geglückt. Ich habe meinen Gedanken verwirklicht, und hier bin ich." Herr Pcckinpaiv sah sich rings »in, und ich versicherte ihm, daß das unzweifelhaft ivahr wäre. „Nun. Hochwürden, ich weiß, Ihre Zeit ist kost- bar und ich will Sie nicht lange aufhalten. Darf ich Ihnen meine Entdeckung mittheilen?" „Ich bin ganz Ohr, Herr Peckinpaiv." „Nun, mein Herr, ich könnte nun damit be- ginnen und nachweisen, ivie der große Fluch der Menschheit Unmäßigkcit ist, und so zu dem Punkte fortschreiten, den ich im Auge habe, aber ich halte das für unnütz. Meine Ersindung spricht für sich selbst.— „Hochwürden, Sie sehen vor sich den Mann, der das Essen überwunden hat." „In der Thal!" „Das Essen überivnnden niit all den daran häng'»den liebeln. Anstatt des jetzigen, langwierigen Ernährungsprozesses nimmt die Menschheit von nun an nur eine Peckinpaivsche Pille, und, wie der Dichter sagt,.Das getha». Alles gethanl-— Sie folgen mir nicht. Der Gedanke ist für Sie wie eine Plötz- lich hereinbrechende Helle, für mich ist er die ent- fliehende Dämmerung und der hereinbrechende Tag." Bei diese» Worten schloß mein Besucher seine Tasche auf und zog daraus eine ziemlich große Pille hervor. Er hielt sie mir entgegen. „Für was halten Sie das?" fragte er. „Es sieht Ivie eine Pille ans," erwiderte ich. „Es ist eine Pille, Hochwüiden, ja, aber wie verschieden ist die Bedeutung dieses Wortes Pille für Sie und für mich. Sie verstehen darunter Krank- heit, Doktor, verdunkelte Zimmer, vielleicht sogar Tod. Für mich bedeutet sie Leben und Fortdauer. Es ist eine Pille, aber eine von Peckinpaws Pillen." Bei diesen Worten winde er nachdenklich und starrte auf die Pille, während er sie zwischen Daumen und Zeigefinger vor sich hielt. Stach einer kleinen Weile irrte sein Blick zu mir; er sah mir starr ins Gesicht, dann sagte er mit leiser Stimme:„Es ist jetzt Halbzwölf Bormittags. Sie haben noch nicht zu Mittag gegessen. Wollen Sie diese Pille nehmen?" Ich bat ihn, mich zu entschuldigen. „Schon gut. Hochwürden, schon gut," sagte er, wieder lebhaft werdend;„Sie haben nicht beleidigen wollen, und ich versichere, Sie haben auch nicht beleidigt. Ich kann nicht verlangen, daß Sic gegen Ihre Ucberzcugnng handeln. Ich hatte vergessen, daß Sie die großartigen Eigenschaften meiner Pillen noch nicht kennen. Nun, trotzdem ich nicht viele von diesen habe, so will ich doch eine nehmen, um meine Anseinandersetzniigeu zu illustrircn. Darf ich Sie um ein Glas Wasser bitten? Ah, ich danke Ihnen — da! ich habe nun zu Mittag gegessen. Sie glan- bcn wohl, ich habe irgend etwas Nichtssagendes zu mir genoninicn? Da ist es, was es war." Er nahm ans seiner Tasche ein Packet Karten und reichie mir eine folgenden Inhalts: Peckinpaws Pillen. Pille B 32. Suppe— Ochsenschwanz. Fleisch— Gebratene Ente mit Champignon. Gemüse— Kartoffelsalat, Gurken, Tomaten. Kohl- Neue Kartoffeln. Kaffee. Eis Cränie. Kuchen. Jmportirte Havanna-Cigarren. „Ich verstehe nicht," sagte ich. „Ich meine, mein Herr, daß diese Pille ki 32, die ich genommen habe, den Extrakt der Speisen, die auf der Karte verzeichnet sind, enthält, und mit einem Glas Wasser genommen mein Mittagbrot ausgemacht hat. „Nim, Hochwürden, glaube ich, verstehen Sie mich. Nieine ungehcnre Erfindung hat jetzt an- gefangen, wie eine aufgehende Sonne auf Ihr ver- dnnkeltes Gemüth zu wirken. Einem Manne von Ihren Geistesgaben braucht man nicht erst die vielen Wege zu sagen, auf ivelchcn diese Idee anznwenden ist. „Sinn zum Beispiel bei Pi.uicS. Was für Niiihe macht die Znbereiiung, denken Sie an das Trans- porliren der Körbe, das Anfliegen von Insekten an die Speisen und die Zeit, die zum Essen gebraucht wird und dem Spiel verloren geht. Nun sehen Sie, mit dieser Pille» 23, die ich meine Picnic-Pille nenne, kann Jeder sein Frühstück in der Tasche bequem bei sich tragen. „Denken Sie an die Zeitersparniß bei Geschäfts- lenten und Koniniis. Jetzt brauchen sie eine Stunde oder mehr, um ins Restaurant zu gehe», dort ans ihr Esse» zu warten, und sie verlieren auf diese Weise so viele kostbare Minuten. Sehen Sie, Sie brauchen mir meine Gcschäftspille A 14 mit einem Glas Wasser zu nehmen, und Sie haben kaum von Ihrem Pulte anfznsehen. Nur die Ersparniß dieser einen Stunde Mi.tagszeit würden der Geschäfts- weit Chicagos unzählige Millionen einbringen. „Wir brauchen viel zu viel Zeit zum Essen, wir sind wie Thicre. Die Menschen sind für höhere, geistige Zwecke bestimmt. Pcckinpaw wird die Banketts den Thicre» überlassen. Tie sinnliche Befriedigung unseres Appetits nimmt viel zu viel Platz in unserer Gesellschaft ein. Sogar die Staatsmänner und Minister müssen bei Versainnilnngen wie die Thicre essen. Sehen Sie, Herr, wenn Sie nun meine Bankettpille Ii«3 nehmen, die ist nahrhaft und anregend zugleich, und es bleibt Ihnen die ganze Zeit für wahrhaftes, gesellschaftliches Vergnügen übrig, wie es der Würde des Nienschen entspricht." „Aber," fragte ich,„wie können Sie genug Nährstoff in eine so kleine Dosis einführen, um das Leben zu erhalten?" „Eine praktische Frage, Herr, die ganz klar zu beantworten ist. Sie wissen, daß der größte Theil aller Nahruiigsmittel Wasser ist. Nachdem dieses vollständig entfernt ist, bleibt immer noch ein großer Theil überflüssiger Stoffe, nachdem auch diese be- scitigt sind, können die bestehenden Nährstoffe durch einen von nur erfundene» Prozeß noch komprimirt werden. Sie können in eine kleine Pille den ganzen Nährstoff bekommen, den ein Mensch zu sich nimmt, wenn er zwei Pfund Ochsenflcisch gegessen hat. Die Massen, welche in den Magen komme», und das schwere Gefühl nach einer ordentlichen Biahlzeit ver- Ursache», sind überflüssig. John Wesleh, Sie werden sich erinnern, warnte seine Priester vor dieser Schwere nah dem Essen, und in der That, eS ist die Ursache der so häufigen lockeren Moral. Wie Sie sehen, hat m.ine Enidcckung ihre moralischen Zwecke, und Peckinpaws Pillen werden Revolntioncn in den Gc- 160 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. filden der Ethik hervorrufen. Der Appetit reizt die ivienschen zur ileberscittigung. Wenn erst meine Pillen eingeführt fein werden, wird sie der Verstand leiten, und ob sie satt sind, lverden sie nicht nach ihrem Gefühl, sondern nach den Zahlen des Forinu- lars der Pillen beurthcilen. Darum wird es keine Uebersättigung mit all den unangenehmen Folgen mehr geben. Glauben Sie mir, mein Herr, zwei Drittel der menschlichen Gebrechen kommen von Ueberfüllnng des Piagens her. Meine Pillen lverden Nevolntion in der praktischen Medizm hervorrufen." „Aber wie," fragte ich,„wollen Sie den Leuten genügende Garantie für die Reinheit der Jngre- dienzien geben?" „Der Staat, mein Herr, der Staat. Der Staat muß die Angelegenheit in die Hand nehmen und Pillen fabrizircn, wie er jetzt Geld prägt. Fälschungen müssen streng bestraft lverden. Jede Pille wird ge- prägt und„bl LInribiis ünurn" gestempelt sein. Ist das nicht ein vorzüglich passendes Piotto für meine Pillen, Herr? „Sie werden auch die Arbeiterfrage lösen. „Ich habe eine Pille für Arbeitsleute. Sie ist billig. Niemand wird mehr nach Brot schreien. Wenn mein System schon in Anwendung gewesen wäre, würde eine Wagenladung staatlich garanlirter Arbeiter- Pillen X 60 das ganze Elend in den Hungerdistrikten Rußlands auf einmal beseitigt haben. „Denken Sie an die Vortheile meiner Pillen auf langen Reisen. Sie werden die Entdecknngsreisen revolutioniren. Mit einer Tasche voll Peckinpaws Pillen wird der Entdecker noch die Sterne und Strei- fen* an den Nordpol nageln. Bei langen Seereisen * Amerikanisches Sternenbanner. und weiten Elpeditionen sehen Sie ja den Werth meiner Idee sofort. „Denken Sie, was für ein Segen für Haus- frauen! Die Dicnstbotenfrage ist gelöst wie der gordische Knoten. Pcckinpaw ist größer als Alexander. „Wenn meine Erfindung erst allgemein geworden sein wird, wie es ja kommen muß, lvird sich sogar die Menschheit ändern. Die Zähne sind die Reste der Bestie. Nach jahrelangem Nichtgebrauch werden sie verschivinden. Da nur absolute Nahrung genommen wird, so hört der menschliche Körper ans, unrein zu sein. Die Menschheit wird eines Tages, mein Herr"— und hier stand Herr Peckinpaw auf und streckte seinen rechten Arm in rednerischer Geste aus—„die Menschheit wird eines Tages die Erbschaft der Bestie von sich streifen. Peckin- paws Pillen lverden ihm helfen, den letzten Schritt ans der Leiter der Vollkommenheit zu machen. Das Sinnliche, das Körperliche, das Thierische lvird ver- gessen sein. Wir lverden in dem ewigen Glänze der wissenschaftlichen und geistigen Vergnügungen leben. Ich will nicht profan sein, mein Herr, aber ich muß Sie fragen, ist das, was ich sagte, nicht einleuch- tend? Ist es zu viel gesagt, wenn man die Mis re der Welt ansieht, die Krankheiten, die durch schlechte Nahrung verursacht werden, die Hungersnöthe, die durch Blangcl an Nahrung entstehen, und die Un- ordnung vom Zu-viel-essen, und dann auf der anderen Seite die gemäßigte, dankbare Welt, die Peckinpaws Pillen zu sich nimmt, daß die ganze Menschheit bis heut in Schmerzen und Mühsal geseufzt hat? „Aber ich bin kein Enthusiast," und damit ließ sich Herr Peckinpaw nieder.„Diese erhabenen Ge- danken sind wohl verständlich für Sie als einen Geistlichen, aber wenn Sie dieselben dem Volke mit- tbeilen, werden Sie einfach für verrückt gehalten. Darum habe ich meine Idee der Zeit angepaßt. Ich bin ein Mann, der sich zu schicken weiß, Herr, eine Seltenheit für einen Erfinder. Zum Beispiel: Hier ist eine ,tm de sieele-Pille X 14', die ist für das lustige, gesellige Blnt. Sie enthält die Essenz von einem Korbe voll Champagner und zweiunddrcißig Zigarretten. „Sie sehen, auch das, was so zu sagen Mode ist, kann für viel lvcnigcr Ausgaben zu haben sein, als durch die kostspieligen Salonbesuche. Dadurch, sehen Sie, revolntionire ich augenblicklich die Salonfrage." Hier wurden wir durch Klopfen an der Thür unterbrochen. „Ach, ich möchte Sic bitten," jammerte Herr Peckinpaw in Verwirrung, indem er hastig Pillen und Formulare in seine Tasche packte,„lassen Sie Nieniand für einen Augenblick herein." „Sicherlich nicht; wer es anch sein mag, wegen eines so außergewöhnlichen Mannes ivie Sie, Herr Peckinpaw, kann Jeder warten." „Danke Ihnen, mein Herr, danke! Aber ver- zeihen Sie, können Sic mir einen Dollar auf einige Stunden leihen? Ich erwarte jeden Augenblick eine Geldsendung von einem Kapitalisten, der sich für meine Idee intcrcssirt, um zwei llhr Nachmittags werde ich wiederkommen und Ihnen das Geld zurückg ben." „Mit Vergnügen!" erwiderte ich. Er nahm Abschied und' den Dollar. Ich schreibe dieses einige Tage später in der Hoffnung, falls es Herr Peckinpaw zu sehen be- kommt, er erinnert werden möchte, wie sehr er von seiner wunderbaren Idee eingenommen war, daß er darüber vergaß, mir meinen Dollar wieder zu geben. UrCxttS l) c in pi er karb der 3eH. 3�5 Der Mutter Todtenwacht.(Zu unserem Bilde.) Eine grausige Stätte, ein Ort der Qualen und des Todes ist es, zu dem uns der Maler unseres heutigen Bildes führt. Kreuz an Kreuz, Marterpfahl neben Marterpfahl sehen wir errichtet, und daran angeheftet die Unglück- lichen Opfer grausamer menschlicher— nein, unmensch- licher Rache. Freilich, es sind vergangene, längst vergangene Zeiten, denen der Künstler seinen Stoff entlehnte, und die Staaten, die wir heute— oft nur zu Unrecht— Kultnrstaaten zu nennen pflegen,— sie kennen die grausaine Marter des Kreuzestodes nicht. Nur hüte mau sich ja, zu glauben, dast unsere Gegenwart darum schon himmelhoch über der Barbarei entschwundener Epochen, des„finsteren" Mittel- alters etwa oder noch früherer Perioden, erhaben sei. Wer auch nur einen flüchtigen Blick in die blutige Chronik moderner Kolonialgeschichte, der sogenannte» Kultur- arbeit zivilisirter Völker in Ländern der heißen Zone gethan hat, wird sich kaum zum Lober seiner eigenen Zeit berufen fühlen. Und nicht einmal in die Ferne braucht der Blick zu schweifen. Nein, inmitten der zivi- lisirten Welt, des zivilisirten Europas selbst, bieten sich unserem Auge— und das am Ausgange des 19. Jahr- Hunderts— Greuelszenen dar, die die Kreuzesqualen unseres Bildes noch in den Schatten stelle». Oder in was unterscheiden sich von diesen die Folterwerke, wie sie die Schergen des christlichen Spanien vor den Augen des gesammten Europa in unseren Tagen erst vollbrachten!? Doch kehren wir zu unserem Bild zurück; denn die Darstellung nur dessen, was die Bestie im Menschen vermag und vermochte, war sicherlich nicht das Motiv, der Beweggrund unseres Künstlers. Das ist vielmehr, den namenlosen, starren Schmerz der Mutterliebe zur Anschauung zu bringen, wie sie die weibliche Figur der Mittelgruppe uns verkörpert. Das Weih, das wir dort verzweifelt über der Leiche ihres Sohnes hocken sehen, angstvoll bemüht, das schwärz- liche Gesindel hungriger Aasvögel zu verscheuchen,— das ist der eigentliche Inhalt des grausigen Bildes, das die Hand des Künstlers vor uns entrollt hat. Und wen sollte dieser Anblick nicht aufs Tiefste packen und erschüttcrnl Schön, schön nicht nur im althergebrachten Sinne, ist dieses Werk gewiß nicht, allein, daß es eine grandiose Schöpfung künstlerischer Phantasie ist, das, glauben wir, wird keiner unserer Leser zu bestreiten wagen. Aristides von Athen erhielt von seinen Mitbürgern den Beinamen„der Gerechte." Und nicht mit Unrecht. Denn unter allen Tugenden, die er besaß, machte sich seine Gerechtigkeit bei der Masse der Bevölkerung am meisten benierklich, weil ihre Früchte am dauerndsten und allgemeinsten sind. So konnte ein armer und bürgerlicher Mann sich einen Beinamen erwerben, den kein König und selbst kein Gott glänzender zu haben ver- möchte:„Ter Gerechte!"— Es ist dies ein Beiname, welchen von allen Fürsten und Machthabern kein Einziger begehrte, während sie sich dagegen„Eroberer" und„Sieger" recht gerne nennen ließen,- indem sie den Ruhm der Geioalt und Macht ganz augenscheinlich dem Ruhnie der sittlichen Größe vorzogen. In der That ein großer Unverstand! Denn ein Leben in Macht, in hohem Glück und Herr- schaff wird nur durch die Gerechtigkeit zu einem gött- lichen Leben, während es durch Ungerechtigkeit zu einem thierischc» herabsinkt! Aver nicht nur dem Gefühle des Wohlwollens und der Gunst, sondern auch der Leidenschast und der Feind- schaff vermochte Aristides, wo es ein Recht galt, auss Kräftigste zu widerstehen. Man erzählt sich z. B. Folgendes: Als er einmal einen Feind gerichtlich verfolgte und nach der Anklage die Richter den gefährdeten Theil garnicht hören wollten, sondern augenblicklich die Abstimmung gegen ihn verlangten, sprang Aristides auf, vereinigte feine Bitten mit denen des Angeklagten und rief:„Man solle denselben doch anhören und ihm zulassen, was ihm gesetzlich gehöre!" Ein anderes Mal hatte er zwischen zwei gewöhnlichen Bürgern zu entscheiden. Der Eine gab an, wie sein Gegner den Aristides schon so vielfach geärgert habe; aber Aristides sagte ihm:„Guter Freund, gieb mir lieber an, was er etwa Dir Böses gethan hat; denn ich bin heute der Richter für Dich und nicht für mich!" Bewunderungswürdig erscheint auch an Aristides die Festigkeit, womit er sich bei allen Wechseln seiner Poliii- scheu Stellniig gleichblieb. Keine Auszeichnung konnte ihn hochmüthig machen, wie andererseits kein unglücklicher Tag seine innere Ruhe und seine Freundlichkeit zu stören vermochte. In allen Lagen— dies war seine lieber- zeugung— müsse er dem Volke seine Dienste widmen, ohne irgend weder an Geld noch an Ehre einen Dank oder Lohn für seine Thätigkeit zu erwarten. Daher kam ohne Zweifel jener Borfall im Theater, als die bekannten Verse des Aeschylus gesprochen wurden: „Er will gerecht nicht scheinen, aber— ist gerecht; Gar tiefe Furchen durch die Stirne zieht er hin, Daraus so mancher edle Rath erwachsen ist!" Bei diesen Worten blickte Jedermann auf Aristides, überzeugt, daß ihm diese Eigenschaften im höchsten Maße zukamen. Aristides, welcher das Amt des Oberschatzmeisters von Athen bekleidete und später die Würde des ersten Archontcn erhielt, hatte nun das Schicksal, daß ihm fein Beiname, nach der anfänglichen Liebe, späterhin nur Haß eintrug. Er wurde in Folge dessen durch ei» Scherbengericht ans seiner Vaterstadt verbannt. Eine Verurtheilnng durch das Slberbengericht war allerdings keineswegs eine Strafe für irgend welche un- sittliche Handlungen, sondern nur eine Demüthiguilg und Schmälerung allzudrückender Gewalt. Tie Einrichtung dabei war im Allgemeinen etwa folgende: Tie Leute kamen von allen Seiten in die Stadt zusammen. Jeder brachte eine kleine Tafel, schrieb denienige» Bürger darauf, dessen Entfernung aus der Stadt er wünschte, und übergab sodann die Tafel an einem bestimmten Ort ans dem Markte, der ringsum mit hölzernen festen Schranken eingeschlossen war. Die Archonten zählten darauf zuerst die ganze Summe der Stimmtafeln zusammen; denn wenn die Anzahl der Abstimmenden unter sechs Tausend betrug, so hatte das llrtheil keine Folgen. Hierauf legten sie jeden Namen besonders; wer von den Meisten aufgeschrieben war, wurde durch öffentlichcti Ausruf auf zehn Jahre vcrivicsen, doch unbeschadet der Nutznießung von seinem Vermögen. Als nun in vorliegendem Falle die Stimmen gleichfalls geschrieben wurden, soll ein Mensch, der eben auch nicht jchreiben konnte und überhaupt ein roher Bauer war. dem Aristides, als dem nächsten Besten, seine Tafel hingegeben und ihn gebeten haben:„er möchte„Aristides" darauf schreiben!" Dieser wunderte sich»iid fragte:„ob ihm denn Aristides etwas Böses gethan habe?"—„Nein (war die Antwort): ich kenne den Mann garnicht; aber es ärgert mich, daß man ihn überall den Gerechten heißt!"— Wie Aristides das hörte, sagte er keine Silbe weiter, schrieb den Namen auf die Tafel und gabs ihni. Bei seinem nunmehr folgenden Abschied aus der Stadt hob er die Hände gen Himmel und ries aus „Es möge niemals eine Zeit über Athen kommen, tvclche das Volk uöthige, wieder an Aristides zu denken!" Als im dritten Jahre darauf der Perser.önig Zlerxes mit einem ungeheuren Heere durch Thessalien gegen Attila und Athen heranrückte, hob man das llrtheil aus utid ertheilte dem Verbannten die Erlaubniß zur Rückkehr. Plularch. ? Räthsel-Ecke. Litercrrifcbes§>tCßon-Htcitkset. Aus folgenden 22 Silben: de, e, gie, go, gramm, hejm, hu, lo, mos,»es, o, or, pi, ra, ri, ro, sen, the, tcll, tho, to, um, sind sieben Wörter zu bilden, deren Anfangs- und Endbuchstaben, von oben nach unten gelesen, den Namen eines bekannten Gelehrten der Gegenwart nennen; die Wörter bezeichnen: I. Lessingsche Bühneufigur. 2. Französischen Schriststeller. 3. Scherz- gedicht. 4. Religiöses Gesangsstück. 5. Berühmten Redner. 6. Fremdwort sür„Richtigsprechen". 7. Lustspieldichter. Nachdruck des Jlchalts verboten? Berantwortl. Redakteur: Edgar Steiger, Leipzig.— Verlag: Hamburger Vuchdrulterei u. PerlagsansiaU Auer& Co., Hamburg.— Track: Map Vaouig, Veruu,