Nr. 22 35I(uJIrirfc 3 tili er K tri{xiax�sb er( a gc. 1897 Die Welk ist schlafen gangen— Batist läfst den Mantel hangen Und weiße Bebel schlingern Gespenstig hin und her. Wie starre TodgrdanKen Die Blätker niederschwanken, Wind harfk mik frost'gen Fingern Vor'm Fenster trag und schwer. -~n/Tsi|p Wotturno. Von Ernst Kreowski. Weiß nicht, was jäh mich weckte— Bur daß ein Traum mich schreckte: Als lag ich unker Leichen, Als roch ich Brand und Blut. Wild dröhnten ins Gedränge Fluchreden, Kampfgesänge, Es fachten Feuerzeichen Des Aufrulzrs Wukh und Glufh... Entweicht, dämonsche Schalken!— Schlaf, bring dem sorgenmatten, O bring dem armen Herzen Bur einmal kurze Ruh: Auf beide Augen gieße Dein Rrüglrin Mohn und schließe Vor allen, allen Schmerzen Der Seele Pforten zu. ! Hie Hacht ö« fSefan«* Novelle nach dem Italienischen des S. di Giacomo. Deutsch von Wilhelm Thal. �as Bett der kleinen Chiarinella stand in der Ecke des Zimmers, die den Soilnenstrahlc» � am meisten ausgesetzt war. Im Winter schlief das Kind, wenn die Sonne gerade schien, in einer Lichtfluth ein, die die auf der Bettdecke ruhenden kleinen blutleeren Hände wärmte. Den ganzen Tag iiber blieb sie allein; man schloß sie im Hanse ein, nahm den Schlüssel mit und überließ sie allein jenen Schrecknissen und Einbildungen, die sich der Kinder bemächtigen, wenn sie Niemanden um sich sehe». In der ersten Zeit hatte sie geweint, den Kopf unter der Bettdecke verborgen, und sich in ihrem Bettchen zu- sammenkauernd, wagte sie nicht den geringsten Schrei auszustoßen, um ihre Angst nicht noch zu vergrößern. Sic empfand eine seltsame Furcht; sie glaubte, wenn sie die kleinen Beine ausstreckte, so würde ein Zauberer oder ein Dämon sie ergreifen und an den Füßen ziehen; sie wagte nicht, den Kopf zu entblößen; wer weiß? vielleicht hätte sie sich dann einem Ungeheuer gegenüber gesehen, das sich über ihr Bett neigte und sie mit glühenden Augen anstarrte. Zeitweise glaubte sie, einen Idioten an die Thür klopfen zu hören, ein schreckliches Wesen, das auf der Straße von schrecklichen Krämpfen befallen wurde und ihr einmal heulend nachgelaufen war. Als die Krankheit sie dann derartig schwächte, daß sie keine Bewegung mehr machen konnte, blieb sie gleichgültig und gedankcn- los, als wenn sie nichts mehr anging, in ihrem Winkel liegen. � p, t In diesem Zimmer, das so ärmlich aussah und unter dem Dache lag, wohnten die Btalia, die Tänzerin an einem Theater war, Frau Bettina und * Besana, aus dem griechischen opipbauiu entstanden, bedeutet im Volksaberglauben eine schwarze, gespenstige Frau die zum Schornstein hereinfährt, die unartigen Kinder schreckt und den artigen Geschenke bringt. ihr Mann. Die Malia ging schon frühzeitig in ihr Theater und ihre Mutter begleitete sie dahin; das junge Mädchen kam, in ihrem kleinen, rothen Shawl fröstelnd, die Hände in einem Muff, den sie sich selbst aus dem Pelz einer schwarz-weißen Katze ge- arbeitet, in der Nacht nach Hause. Frau Bettina trug den Gazerock, das rothe Mieder mit den Gold- franzen und den kleinen Atlasschuhen, die so klein wie die Aschenbrödels waren, in ein Packet gewickelt. Hatte einer der jungen Leute, die das Theater be- suchten, Malia Kuchen angeboten, so warf sich die Tänzerin, sobald sie nach Hause gekommen war, zer- schlagen ans ihr Bett, ohne sich auch nur auszukleiden. Hatte sie nichts gegessen, so suchte sie im ganzen Hanse etwas und wetterte, schrie, sie würde eines schönen Tages mit dem Ersten Besten davongehen, das wäre kein Leben und könne so nicht weitergehen. Dann schrie Frau Bettina:„Geh doch, geh; das wäre das Beste; ein Mund weniger zu ernähren! In der Nacht, während das Lärnpchen vor der Madonna auf der Kommode brannte, rief sie mit halblauter Stimme: „Chiarinella!" Das Kind, das kein Auge geschlossen hatte, ant- wortete ganz leise:„Ja, was denn?" „Morgen wird Mama Dir ein bischen Milch kaufen, hörst Du? Ich werde Dir Gesellschaft leisten, ich gehe nicht in's Thealer." „Ach ja, ach ja," seufzte die Kleine,„geh nicht hin, leiste mir Gesellschaft!... Nicht wahr, Mama?" Die Mutter, die vom Schlummer schon halb besiegt war, murmelte wie in einem Traume:„Schweig! schlaf jetzt... morgen... morgen." Das Zimmer versank in Schweigen; Chiarinella war immer die letzte, die einschlief; sie hörte noch das starke und regelmäßige Athmen der Schwester, die wohl eine Tour hatte da capo tanzen müssen und vor Müdigkeit erschöpft war. Manchmal quälte sie der Durst; sie erhob sich leise und suchte tastend nach einem auf einem Brette stehenden Glase, das ihre kleinen, mageren Aermchen kaum erreichten. An bestimmten Vormittagen besuchte sie die Nun- ziata, die Nachbarin, die ihr Milch gegeben hatte, als keine im Hause war. „Arme Kleine," flüsterte sie;„meine kleine Chiarinella!" Sie brachte ihr eine Orange, setzte sich auf ihr Bett und sing an, die Schale abzuziehen, dann zer- legte sie die Orange in kleine Schnitte, die Chiari- nella gierig und schweigsam aufsog. „Plan möchte sie für eine Taubstumme halten," sagte Bettina, wenn man davon sprach. „Nein, nein, das ist die Krankheit. Geben Sie Acht; damit läßt sich nicht schctzen; sie ist mager wie eine Nadel geworden. Was hat Ihnen der Arzt gesagt?" „Was für ein Arzt? Wie konnte ich ihn denn rufen lassen? Ach, meine liebe Nunziata, Sie kennen mein Unglück nicht!" Nun fing sie an, ihr auf der Thürschwelle zu erzählen, während Nunziata jeden Augenblick fort- lief, um nach ihrem Ragout zu sehen, dessen scharfer Geruch bis in Bettinas Zimmer drang. Großes Unglück! Ihr Mann war nach Palermo gefahren, und wer weiß, wann er zurückkehrte. Geld? Das war nicht da. Und zu Weihnachten hatte er dreißig Lire geschickt, die aber sogleich wie Rauch im Winde verschwunden waren. Malia hatte sich acht Lire genommen, um sich einen goldenen Gürtel zu kaufen, den sie im dritten Bilde von„Orpheus in der Unter- weit" brauchte. Das Haus stak bis obenhin im Elend; eS war nichts mehr da; Malia hatte Alles versetzt; das Leihhaus war voll von ihren Lumpen. „Jesus Maria!" sagte Nunziata zitternd;„wie können Sie nur in solchem Zustande bleiben? Werden Sie doch Aufwärtcri»; die Stellen sind nicht selten." „Und Malia? Soll ich sie allein lassen. Und Chiarinella?" „Nun, die Kleine werde ich, wenn Gott ihr die Gesundheit wieder schenkt, mit meinen Töchtern zu mir nehmen," erwiderte Nnnziata.„Was Malia anbetrifft, so lassen Sie sie doch; sie ist nicht dumm und wird sich allein aus der Patsche helfen." 170 Me Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Ach, nein, allein lasse ich sie nie," protestirte Bettina;„Sie wissen ja, die Welt ist so boshaft!" Aber im Grunde war die wahre Ursache folgende: bei den kleinen Soupers nach dem Theater war sie stets dabei, und oft hatte sie sich ein kaltes Huhn in die Tasche gesteckt, während ihre Tochter die ganze Aufmerksamkeit ihrer Verehrer auf sich zu lenken wußte, die ihr um ihrer schönen Augen willen den Hof machten. Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht. Iii den letzten Tagen des Jahres war Chiarinella unerkennbar geworden. Sie klagte die ganze Nacht, weinte allein und steckte den Kopf in das Loch, das sie im Kopfkissen gemacht hatte. Am Drei- königstage kam Nunziata. um nach ihr zu sehen, und die Thränen traten ihr in die Augen. Sie lächelte ihr zn, die Aermste, und zeigte ihr, ohne etwas zu sagen, die Orange, die sie aufbewahrt und unter der Bettdecke auf ihrem Herzen versteckt hatte. „Höre," sagte Nunziata zu ihr,„ich komme, um Dir Gesellschaft zu leisten; ich habe Dich sehr lieb. Weißt Du, was heute für ein Fest ist? Heut ist Dreikönigstag. Heut in der Nacht kommt die Befana, die die artigen Kinder besucht. Du mußt an das Kopfende Deines Bettes einen Strumpf hängen. Wenn das Kind artig ist, legt die Befana ein kleines Geschenk hinein; ist es aber schlecht, so giebt es nur Kohle. Höre," fuhr sie fort,„ich gehe jetzt und werde die Christinella schicken." Kurz darauf kam Nunziatas Tochter, ein Kind von fünf Jahren, mit lustigem Lachen herein. Sie hielt in den Armen eine Holzpuppe, der sie ihre Schürze umgebunden und eine kleine, gestickte Haube aufgesetzt hatte. „Sieh nur, wie hübsch sie ist," und setzte sich auf das Bett,„gieb ihr einen Kuß!" Damit hielt sie ihr die Puppe an den Mund und Chiarinella küßte sie. „Sie heißt Angelica," sagte Christinella,„und ist meine Tochter." Sie umschlang sie mit ihren Armen, fing an, sie zu wiegen und sang ihr ein Schlummerlied vor. Dann legte sie sie plötzlich auf die Bettdecke und fragte:„Aber was hast Du denn? Bist Du krank?" „Ja!" „Das hat nichts zu sagen, nichts zu sagen," behauptete sie ernsthaft, wie sie es manchnial von ihrer Mama gehört hatte,„einmal ordentlich schwitzen und Alles ist vorbei." Als ihre Freundin nichts sagte, langweilte sich Christinella. Sie öffnete ihren kleinen, rosigen Mund, gähnte lange Zeit und reckte sich auf dem Bette in der Sonne. „Kannst Du in die Sonne sehen?" „Nein!" „Aber ich, sieh nur!" Damit richtete sie ihre Augen, die sich bald mit Thränen füllten, auf die Sonnenkugel. Nachdem sie sich dieselben getrocknet, nahm sie ihre Puppe wieder und erhob sich. „Ich gehe," sagte sie;„ich muß dem Fräulein ihr Bett machen. Ach," rief sie. die Puppe um- armeud,„wie schön Du bist. Komm mit Deiner Mutter mit!" Chiarinella blieb allein. Nach kurzer Pause erhob sie sich, wühlte in einem Winkel herum und fand dort, was sie suchte. Dann schleppte sie sich niit einer Anstrengung, die ihr beinahe Thränen ent- lockte, zu ihrem Bett und befestigte am Kopfende desselben einen kleinen, ganz durchlöcherten Strumpf. Bettina erschien den ganzen Tag über nur zwei- mal im Hause und ging dann von Neuem aus, um Malia zu begleiten, die in„Orpheus in der Unter- weit" die Rolle der Venus spielte. In der Nacht hörte die Kleine im Halbschlummer eine Männerstimme auf der Treppe, der die Stimme Malias antwortete:„Adieu! Auf Wiedersehen! Besten Dank!" Die Nacht des Dreikönigsfestes war kalt, aber klar und bestirnt. Ein tiefes Schweigen herrschte in der schmalen, einsamen Straße, ein noch größeres Schweigen in dem Zimmer, als Malia und Bettina ihre müden Augen zum Schlummer schloffen. Der eine der rosa Strünipfe der Tänzerin hing am Kopf- ende ihres Bettes. Sie selbst hatte lächelnd einen kleinen goldenen Ring und ein paar Strumpfbänder aus parfümirter Seide hineinfallen lassen. Sie war ihre eigene Befana gewesen, denn sie wußte, daß die Befana ihr ihren Strumpf doch leer lassen würde. Die Häuser der Armen betritt sie nicht. Chiarinella schlief und träumte von der Puppe ihrer kleinen Freundin. Am nächsten Morgen erhob sich Malia ftüher als gewöhnlich. In der ganzen Nacht hatten der Ring und die Strumpfbänder ihr ins Ohr getuschelt. Sie näherte sich dem Fenster und fing an, die hübschen Geschenke zu bewundern, indem sie den Ring, der herrlich leuchtete, mit ihrem Schürzenzipfel rieb. „Sehr schön! sehr schön!" sagte Frau Bettina und blickte ihrer Tochter über die Schulter. Chiarinella streckte die Hand aus, machte den kleinen Strumpf los und sah hinein; ihr kleines Herz schlug stärker; doch in dem Strumpf befand sich nichts. Malia machte sich trällernd an ihre Toilette; leichte Schauer ließen ihre schönen, weißen Schultern erzittern. Die Weißblechschüssel füllte sich mit schnee- igem Schaum und die Flocken spritzten umher. Die Sonne war noch nicht in das Zimmer gedrungen, doch durch die Scheiben erschien der blaue Himmel von durchsichtigem Azur, über den die Befana in der Nacht mit ihrem Pfauenfederwedel hin- und her- gefahren war. Der kleine, durchlöcherte Strumpf war auf die Decke des ärmlichen Lagers gesunken, und neben ihm lagen die beiden blutleeren Hände, während zwei große Thränen langsam Chiarinellas Wangen herabrollten. Die WiHUiflin. Roman von Sonja Kowalewska. Aus dem Russischen übersetzt von Louise �lachS-Kokschaiicau». (Fortsetzung.) VI ,- s war Ende April. Der Frühling kam in w diesem Jahre plötzlich. Nachdem die Flüsse eisfrei geworden und der Schnee geschmolzen, hielt die Kälte noch lange an; Alles entfaltete sich langsam, träge, wie unwillig— einen Schritt nach vorwärts, zwei zurück. Es war, als hätte man jedes Gräschen, jedes Pflänzchen in- ständigst bitten und überreden müssen, es möge sich entschließen, den Winterschlaf abzuschütteln und die zarte Spitze des frierenden Blättchens aus der Erde hcrvorzustecken. Einen rechten Frühlingseifer konnte man nicht bemerken. Plötzlich kam über Nacht ein leiser, warmer Regen, und von da an waltete ein Zauber. Wie aus Eimern schütteten sich die kleinen, duftenden Tropfen eines Frühlingsregens auf die Erde. Alles erwachte im Wunsche, zu leben. Ein Jedes beeilte sich, vorwärts zu dringen, das Andere stoßend und drückend, als fürchtete es, die Frist zu versäumen. Keines wollte nachgeben. Jedes sein Recht auf Existenz behaupten. Am nächsten Btorgen erwachten die Einwohner von Borki und staunten. Was ist da Alles in einer einzigen Nacht geschehen! Weder Garten noch Felder und Wälder sind zu erkennen. Gestern Abend war all das schwarz und kahl; jetzt hat es sich in das zarte Grün des kommenden Sommers verwandelt. Und die Luft ist anders als gestern, und es athmet sich so ganz anders. Jetzt ist gerade der Höhepunkt des eiligen, ruhelosen Frühlingsficbers. Die Birken haben sich schon mit zarten Blättchen, durchsichtig wie Spitzen bekleidet. Große aufquellende Pappelknospcn werfen ihre klebrigen, harzigen Hüllen zur Erde, die Luft mit einem würzigen, berauschenden Aroma füllend. Der gelbe duftende Blüthenstanb der Erlen- und Hasclnußkätzchen fliegt mit den weißen Blumen- blättchcn der Ahlkirschen und Weichseln überall herum. Auf den Tannen sprossen große, helle Schößlinge, die kerzengerade stehen und die unter den alten, vorjährigen Nadeln ein seltsames Aussehen haben. Die Eiche allein steht noch kahl und düster, als dächte sie noch garnicht an den Frühling. Vom Süden fliegen jeden Tag neue Gäste zu. Schon vor einer Woche zeichnete sich am Himmel der erste, schivarze, dreieckige Kranichzng ab. Der Specht schlägt im hohlen Stamm der alten Buche. Die Schivalbcn flattern unter dem Balkondach umher, ihre alten Nester suchend, und führen eitlen heißen Kampf mit den Sperlingen, die von dem ehemaligen Eigeu- thum jener schon im Laufe des Winters Besitz er- griffen haben. Aus der Erde steigen warme Dünste auf. Man glaubt zu spüren, wie sich dort unten im Schooß der Erde eine seltsame, geheimnißvolle Arbeit vollzieht. Man kann keinen Schritt machen, ohne auf den Keim eines neuen, jungen Lebens zu treten— eines Pilzes, Grashälmchens oder In- sektes. Im Bach giebt es lebhafte Liebesgeständ- nisse. Jeder Sumpf wimmelt von Milliarden der verschiedensten wunderlichen Daseinsformen: und Alles das bewegt sich. Alles das ist von dem Bewußtsein der Wichtigkeit seines eigenen Ich durchdrungen. Im ehemaligen Klassenzimmer des Baranzow- scheu Hauses sitzt, über den Schreibtisch gebeugt, ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, schlank und groß, mit einem feinen, wie gemeißelten Profil mit sinnenden, blauen Augen, die von schtvarzen Wimpern eingerahmt sind. Vor ihr auf dem Tische liegt ein offenes Buch, ein Bändchen von Dobroljubow, aber man sieht, daß es ihr schwer wird, die Gedanken auf das, was sie liest, zu konzentriren. Sie er- hebt jeden Augenblick den Kopf, lehnt sich in den Stuhl zurück, ihre Hände spielen mit dem Papier- messer aus Bein und in den Augen zeigt sich der erwartungsvolle, gespannte Ausdruck, als horche sie, ob Jemand konime. Es war schtver, in dieser jungen Schönheit die ehemalige, gebräunte, magere, halberwachsene Wjera wieder zu erkennen. Seit der denkwürdigen Aus- einandersetzung mit Wasilzew waren drei Jahre ver- gangen. Aeußerlich verstrichen diese Jahre still, ohne Ereignisse und Erschütterungen, aber für Wjera waren sie reich an innerem Inhalt. Die Freund- schaft zu Wasilzew wuchs und befestigte sich, dafür aber löste sich Wjera von ihren Hausgenossen gänz- lich los. Den Schwestern wurde es langweilig, sie mit dem Nachbar zu necken, und sie machten das Kreuz über sie. Da Wjera Wasilzew schon als kleines Rtädchen näher getreten war, hielten es die Eltern in gewohnter Sorglosigkeit für unnöthig, das jetzt zu hindern, da sie ein erwachsenes Fräulein war. In der letzten Zeit aber fielen die„Aktien" Wasilzews in den Augen der benachbarten Guts- besitzer tief. Man sagte ihm einige sehr wichtige Vergehen nach. Erstens gab er seinen Bauern allen Grund, den sie vorher zinspflichtig besaßen, ohne Lösegeld frei, und dadurch brachte er nicht nur seiner eigenen Tasche einen empfindlichen Schaden, sondern gab auch allen anderen Bezirken ein böses Beispiel; zweitens argwöhnte man, daß er sich in fremde Angelegenheiten einmenge, fremden Bauern unge- betene Rathschläge gebe und manche listig ersonnene Kombination zerstört habe, die bald von diesem, bald von jenem Gutsbesitzer bei der Theilnng mit den ehemaligen Leibeigenen ausgeklügelt wurde. Wiewohl man Wasilzew nichts Gesetzivtdriges bestimmt nachiveisen konnte, ivarcn doch Alle im All- gemeinen darin derselben Meinung, daß er sich gar nicht so betrage, wie es sich in seiner Lage gezieme, und allem Anscheine nach völlig vergesse, daß die Verbannung auf das eigene Gut zu besonderer Vor- ficht verpflichte. Einer der Bekannten hat es schon versucht, ihm den Wink zu geben, daß auch bereits der Gouver- neur seine Zähne nach ihm zu fletschen beginne, allein er beachtete es garnicht. Während die Gutsbesitzer mit Wasilzew schmollten, liebten ihn die Bauern grenzenlos und konnten nicht aufhören, sich seiner Anwesenheit zu fteuen. Die erste Zeit verhielten sie sich in Wahrheit scheu und wollten garnicht an die Rückerstattung der Grund- stücke ohne Lösegeld glauben. Sodann waren sie der Meinung, daß er ein Dummkopf sei. Sie über- zeugten sich allmälig, daß man sein Vorgehen nicht Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 171 mit Dummheit erklären könne. Sie sahen, daß man jedesmal, wenn man sich mit einem Anliegen an ihn wandte, entiveder Hülfe oder einen vernünf- tigen Rath erhielt. Seither konnte er die Bauern nicht los werden. Gab es irgend eine gerichtliche Peti- tion zu schreiben, so zogen sie schaarenweise zu ihm. In der freien Zeit beschäftigten sich Wjera und Wasilzew mit Lektüre und führten mit einander Gespräche,' ihre Unteuedungeii waren endlos, zumeist betrafen sie abstrakte Fragen ohne persönliche Interessen. Wie vor drei Jahren sprachen sie auch jetzt von den zeitgenössischen Btärtyrern; Wjera ist wie früher, nein, hundert mal stärker als früher von dem Eni- schlusse erfüllt, in deren Fußtapfen zu treten. Aber die Rtärthrerkrone winkt ihr nur im Nebel ferner Zukunft: jetzt ist ihr Leben vorläufig Herr- lich, schön und wird mit jedem Tage inhaltsreicher und schöner. Bios die letzten Tage waren ein wenig lang- ivcilig, trübe� Wasilzew mußte in Angelegenheiten der Bauern verreisen; er war zwei Wochen abivesend. Es ist entsetzlich, ivie die Zeit schleicht, wenn keine Hoffnung vorhanden ist, am Abend sich mit dem Freund auszusprechen. Man hat zu nichts Lust, nichts geht einem von statten. Aber, Gott sei Dank, diese Tage gehen zu Ende! Heute Nachmittag kam der Junge vom Nachbargut gelausen und meldete, daß der Herr zurückgekehrt sei und bei ihnen den Thee nehmen werde.„Er wird bald hier sein!" Ein so mächtiger Ausbruch unbändiger Freude erfaßte Wjera, daß sie nicht auf einer Stelle sitzen bleiben konnte; sie warf das Buch weg und ging ans Fenster. Schräge Strahlen der untergehenden Sonne übergössen sie mit einer flammenden Röthe und zwangen sie, die Augen rasch zu schließen. „Wie schön es draußen ist! Noch niemals, scheint es mir, war der Frühling so entzückend, so wunder- voll! Und wie Alles wächst! Es ist eine Pracht! Heute Morgens war der Hügel noch völlig kahl, und jetzt könnte man ganze Hände voll Primeln und Schneeglöckchen pflücken. Als ob sie so, schon blühend, ans der Erde hervorgekommen wären! In den Märchen erzählt man von einem wackeren Jungen, der ein so scharfes Auge hatte, daß er sah, wie das Gras wächst. Ja, im Frühling ist das kein Wunder! Wenn ich nur ein schärferes Auge hätte, könnte ich es auch.... Was ist das? Im Walde hat der Kukuk gerufen, der erste in diesem Jahr.... O, Gott! welche Herrlichkeit! Es ist so schön, daß Einem beinahe das Herz wehe thut und man weinen möchte!" Als Wasilzew endlich eintrat, stürzte Wjera ihm so stürmisch entgegen, daß er seine gewohnte Selbst- beherrschung verlcr. Er faßt sie an beiden Händen und blickt sie zärtlich und entzückt an.„WaS ist mit Ihnen vor- gegange», Wjera? Ich habe Sie auf den ersten Blick garnicht erkannt! Zwei Wochen vorher ließ ich Sie noch als kleines Mädchen und ich finde..." Er sprach nicht zu Ende, aber sein Blick sagte das Unausgesprochene. Wjeras Wangen bedeckten sich mit einem hellen Roth und unwillkürlich schlug sie die Augen nieder. Ihr ist in seiner Nähe so wohl, so freudig zu Rinthe. Diese zwei Wochen haben wirklich eine Veränderung hervorgebracht. In seiner Gegenwart waren ihre Hände früher nie so kalt, ihre Wangen nie so glühend. Sie begann mechanisch die Bücher auf dem Tisch zu ordnen, um ihre Aufregung zu verbergen. „Nein, Wjera, heute tvcrden wir nicht lesen." Er ließ sich auf den Stuhl neben dem geöffneten Fenster nieder und brannte eine Zigarette an. Wjera setzte sich daneben; ihr Herz schlug schnell, schnell wie ein flatterndes Vögelchen. Draußen dunkelte es schon. Der hohe Himmel oben war dunkelblau, gegen Westen hin erhellte er sich allmälig und der Horizont war dort von lichten, bernsteinfarbenen Streifen umrandet. Die Frösche im Bache stimmten einen munteren Chor an. In de» Zimnierecken und an der Decke vernahm man das leise Schwirren der ersten Rtücken, das sich in einen langen, verklingenden Ton verlor. Ein Mai- käfer flog schwerfällig beim Fenster vorbei, die Luft mit seinem Baßgesurr erfüllend. Im Gebüsch, das die Küche vom Garten trennte, schimmerte etwas Helles. Eine Frauengestalt niit einem Tuch auf dem Kopf blieb einen Augenblick unschlüssig stehen und sah sich nach allen Seiten nin, ob ihr nicht Jemand folgte; dann ging sie schnell auf das Wäldchen zu. Nach einer kurzen Zeit hörte man von dort her das zärtliche Geflüster eines Mannes und leises, glückliches Lachen. Aus dem fernen Meierhof erklangen die klagenden Töne des Hirten, des ländlichen Virtuosen aus dem Rohr- Pfeifchen. „Erzählen Sie mir von der Bauernangelegen- hcit. Ich habe heute so viel davon gehört," sagte Wjera plötzlich, aber sie zivingt sich offenbar zu sprechen; die Stimme klingt unnatürlich. Wasilzetv fährt ivie ans dem Schlafe auf. „Ja, ich begreife, daß man mich beschuldigt," sagte er, die Hand über die Stirn führend.„Aber ich zweifle nicht daran, daß ich die gesellschaftliche Meinung zu Gunsten dieser unglücklichen Bauern umstimmen werde. Das Alles will ich Ihnen aus- führlich erzählen, Wjera, aber später. Jetzt kann ich nicht l..." Wieder einige Minuten Schweigen, nur die Mücken schwirren und der Hirte klagt wehmüthig auf der Pfeife. „Wjera, erinnern Sie sich unseres Gesprächs... vor drei Jahren? Ich ivar damals so sicher, daß dies niemals geschehen wird.. und nun... Wjera, sagen Sie, komme ich Ihnen sehr alt vor?" Diese letzten Worte flüstert er mit kaum ver- nehmbarer, zitternder Stimme. Wjera will etlvas erivider», aber die Stimme versagt ihr. Gott weiß, wie es kam, daß ihre Hand sich in der Wasilzcws befindet. Bei dieser Berührung stockt Beiden der Athem. Die Worte bleiben ihnen auf den Lippen, sie stehen regungslos. „Stepan Michailowitsch! Wjera!" vernimmt man Lisas Stimme im Korridor. Wasilzew springt schnell auf.„Auf Morgen, Wjera!" sagte er, steigt durch das niedere Fenster in den Garten und verschwindet in der Dunkelheit. Eine aufregende, duftende Frühlingsnacht, voll geheimen Zaubers und bangen Dämmerns schwebt am Himmel. Die Lichter im Dorfe sind erloschen. Allmälig wird es still und stiller. Die Hirtenpfeife ist längst verstunimt. Die Frösche haben sich be- ruhigt, auch die Rtücken sind ruhig geworden. Von Zeit zu Zeit vernimmt man ein seltsames Rauschen in den Gebüschen, plätschert etwas im Bach oder bringt ein Windstoß vom entlegenen Dorf das klagende Ge- heul eines Kettenhundes, den die Einsamkeit dieser herrlichen, aufregenden Nacht beengt. Wjera kann nicht schlafen. Ihr ist es heute schwül in dem großen, kühlen Schlafzimmer, welches sie, von den Schtvestern getrennt, jetzt allein be- wohnt. Sie verläßt das Bett, öffnet das Fenster und legt die glühenden Wangen an die kalten Scheiben. Aber das erfrischt sie nicht; das Gesicht brennt ihr wie früher und eine süße, ermattende Beklemmung im Herzen, eine unbestimmte, überaus glückselige Erregung bemächtigt sich ihres ganzes Wesens. Wie still es ringsumher ist! Das Wäldchen scheint jetzt groß und tief; die Bäume stehen so groß und dunkel, gerade, als ob sie zusammen- gerückt wären, über etwas zu berathen, ein seltsames, wichtiges Geheimniß zu verbergen. Mitten in der nächtlichen Stille vernimmt man plötzlich ein leise rasselndes Geräusch; das ist die Post-Troika, die sich auf der breiten Landstraße foribeivegt. Die Luft ist so rein, so durchsichtig, daß man das Glockengeklingel schon von Weitem— ungefähr fünf Werst— hört; für einige Minuten verstummt es, offenbar ist die Troika jetzt hinter dem kleinen Berg; bald aber vernimmt man sie deutlich, immer näher und näher; sie scheint schnell zu fahren, in vollem Galopp; jetzt hört man auch das Knallen der Peitsche, die Stimme des Kutschers und das Getrappel der Pferde. Aber nun entfernt sich wieder das Geräusch. Seltsam! als hätte man es erstickt; wahrscheinlich ist die Troika irgendwo in der Nähe stehen geblieben. Wahrhaftig, merkwürdig, wie die Postglocken in der Nacht aufregen! Man weiß ja doch, daß man nichts Interessantes erwartet. Das Wahrscheinlichste ist; Der Friedensrichter ist angekommen oder der Kreisrichter überrumpelt das Dorf, um einen Feld- schaden zu untersuchen. Und doch, so wie man diesen zarten Silber- Hang auf der breiten Landstraße vernimmt, pocht auch schon das Herz stärker, und es sehnt sich irgend Ivohin, in die Ferne nach unbekannten Ländern. „Gott, wie schön das Leben ist!" Wjera faltet unbewußt, mit mechanischer Be- wcgung die Hände wie zum Gebet, Wasilzew nennt sich einen Materialisten und Wjera ist auch mit allen neuen Theorien vertraut und meint im Ernst, daß sie nun garnicht mehr an Gott glaubt. Aber nichts- destoweniger ist ihre Seele in diesem Augenblick von einer leidenschaftlichen, grenzenlosen Dankbarkeit für Jemanden voll, der ihr das Glück geschenkt, und nach der alten, kindlichen unvertilgbare» Gewohnheit wendet sie sich mit einem heißen Gebet an Gott, dessen Eristenz sie nicht anerkennt. „O Gott! Ich weiß, daß es auf der Welt viel Leid giebt, viel Ungerechtigkeit, viel Roth! Ich will den Menschen dienen, ich bin bereit, das Leben für sie hinzugeben! Aber später, später! O Gott! Jetzt sehne ich mich... ich sehne mich so qualvoll nach Glück!" Für eine kurze Zeit findet Wjera in einem un- ruhigen Schlummer Vergessen. „Bis morgen!..." dieser Gedanke streift plötzlich wie ein heller Strahl ihr Bewußtsein und wieder beginnt für sie der matte, süße Schauer, das heiße, glückselige Fieber. Die Rtorgenröthe stand schon am Himmel. Die Hähne hatten schon gekräht, die Sperlinge zwitscherten lärmend und geschäftig unter dem Fenster. Wjera wirft sich noch immer mit glühendem Gesicht und kalten Händen im Bett herum. Erst nach Sonnen- anfgang verfällt sie in einen festen, bleiernen Schlaf. Sie schlief aber auch lange. Es war spät, bald Mittag, als sich ihrer von Neuem das unklare Bewußtsein von etwas seltsam Glücklichem, das sich gestern zugetragen hat, be- mächtigte. Wie schön ist es, nach einer großen, unverhofften Freude am nächsten Tag zu erwachen! Wiera liegt im Bett und reckt und streckt sich. „Aber was thue ich eigentlich!" fuhr eS ihr durch den Kopf. Sie sprang auf und begann sich rasch anzukleiden, sah auf die Uhr, fand, daß es schon zu spät war und dachte, die Lektion sei ohne- hin verloren, es sei nicht der Mühe Werth, sich zu beeilen. Dies bedenkend, legte sie sich wieder ins Bett und schloß die Augen, ihrem künftigen, nahen Glück still zulächelnd. Das Stubenmädchen kani leise auftretend ins Zimmer und sah behutsam nach, ob das Fräulein noch schlafe. „Anisja, Mütterchen, warum hast Du mich nicht früher geweckt?" begrüßte Wjera sie fröhlich. „Ich war bereits fünfmal hier, Fräulein; ja, Sie schliefen so süß; es that niir leid, Sie zu stören!" „Was für ein sonderbares Gesicht sie heute hat!" dachte Wjera. „Und, Fräulein, ein Unglück ist hier geschehen!" sagte plötzlich Anisja mit jener eigenartigen, auf- geregten Stimme, mit der Dienstboten stets wichtige Nachrichten, welcher Art immer sie sein mögen, mit- theilcn. „Was giebts?" schrie Wjera, im Bett auf- springend; sie weiß noch nicht, um was es sich handelt, aber ihr Herz ahnt schon Unheil. „Den Nachbar hat heute Nacht die Polizei über- fallen!" meldete Anisja. Vll. Wie ein Donner lief die entsetzliche Kunde durch das Haus: Heute Nachts hat abermals ein Post- karren mit einem Gendarmerieoberst und zwei Schutz- engeln niederen Ranges vor der Treppe des Wasilzew- schen Landhauses gehalten. Der Oberst zeigte Wasilzew ein mit Staatsstcmpel und-Siegel versehenes Schrift- stück vor. Darin stand, daß der Edelmann Stcpan Atichailowitsch Wasilzew— eine der Ruhe des Landes höchst gefährliche Persönlichkeit sei. Deshalb schlägt ihm der Gouverneur auf Grund der ihm„von oben" verliehenen Vollmacht vor, seinen gegenwärtigen 172 Die Acne Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Wohnsitz niit der herrlichen, allerdings etwas ent- fernteren Stadt Wjatka zu vertauschen. Drei Tage und drei Nächte werden ihm zur Ordnung seiner Angelegenheiten gewährt. Nach Ab- lauf dieser Frist ist er nach dem Befehl an den bestimmten Ort zu befördern. Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck diese Nachricht auf die ganze Familie Baranzoiv hervor- rief. Am nieisten erschrak der Graf. Er besaß die in Rußland nicht gerade seltene Eigenschaft, bei ge- schlossencn Thören den Liberalen zu spielen und sich auf Ziechnung der Regierung die Zunge zu wetze»! allein es brauchte blos ein blauer Kragen am Hori- zont aufzutauchen, so schrumpfte er alsbald zusammen und gab sich als friedlichsten, ergebensten Diener des Reiches. Im vorliegenden Fall niachte er sich daher, feige, wie er war/ die heftigsten Vorwürfe: Wie hat er eine solche Annäherung zwischen seiner Tochter und dem Freidenker zulassen können? Wo hat er seine Augen gehabt? Wasilzcw, gestern noch ein ehrenhafter, wohl- habender Guisbesitzer, eine gute Partie, hat sich heute mit einem Male in einen obdachlosen Baga- bunden, in einen Menschen verwandelt, mit dem bckamit zu sein nicht ungefährlich ist. Von einer Ehe zwischen ihm und Wjera kann jetzt selbstverständlich nicht mehr die Rede sein und das Mädchen ist nun für immer komprvmiitirt. Wie es so oft in allen Schwierigkeiten des Lebens zn geschehen pflegt, beeilte sich auch jetzt der Graf, das Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit durch Vor- würfe für Andere zu ersticken. „Siehst Du, Madame, Du verstehst nur. Dich mit Deinen Nerven zu beschäftigen, nnd auf die Tochter konntest Du nicht Acht geben!" hielt er der Frau vor. Die Gräfin selbst sah genau, welche Schmach dieser Vorfall auf ihre Faniilie werfen lvird, und sie hatte schon jetzt den Vorgeschmack von der Süße der harmlosen Fragen und Beileidsbezeugungen, mit denen die Damen aus dem Gouvernement sie bei der ersten Versammlung in der Stadt überhäufen würden. Im ganzen Hause herrschte jene eigenartige, in- stinktive Panik, die der Anblick einer blauen Uniform in Rußland hervorzurufen im Stande ist. Alle waren in Erwartung eines unvermeidlichen Unglückes. „Die Polizei! Die Polizei kommt zu uns!" Mit dieser Meldung kam einmal das Ptädchen Fenja schreiend gelaufen, als sie auf der Landstraße die Postglocke hörte. Bei dieser entsetzlichen Nachricht verloren Alle geradezu den Kopf. Die Gräfin lief in ihr Schlafzimnier und legte sich ins Bett, als den am wenigsten gefährlichen Zufluchtsort. Der Graf stürzte in Wjeras Zimmer, packte mit beiden Händen ohne Wahl alle Bücher und Schriften, die ihm unterkamen, und warf sie persönlich in den Ofen, in dem zum Unglück grade Feuer brannte. Die Dienerschaft lief auseinander. Es zeigte sich jedoch, daß der Aufruhr umsonst war: ein Steuerbeamter war blos vorbeigefahren. Indessen konnte sich lange Keiner von der durchgemachten Aufregung erholen.(Forlsetzung folgt.) & Ans der Walze. ?l»s den Pnpicreil eines Fechtbruders von Friedrich Riebcck. Krstcs Kapitel. Wie wir Dichter und Gesellen wurden. fjjf?ns war der Meister fortgelaufen. Fürchtcr- j»! liche Erregung herrschte im ganze Hanse. Wff) Die Leute tuschelten einander seltsame Dinge z», und die alle Niarketendersfrau, die in einer eigens für sie hergerichteten Abthcilung unseres Bretterschnppens hauste, behauplete voll heiliger Ueberzeugung, der Teufel habe ihn geholt. Mutter Holilschke glaubte nicht nur an den Teufel, sondern sie ivußte mit voller Bestimmtheit, daß das höllische Scheusal sehr oft durch den Schlund eines feuer- speienden Berges aus der gräßlichen Tiefe empor- steige, um seine Anhänger bei lebendigem Leibe ab- zuholen! sie habe in ihrem langen Leben schon zahl- reiche solcher Fülle miterlebt. Ein heftiger Gegner ihrer Höllcnglänbigkeit war der in unserem Hofe an- sässige Schneidermeister! diesmal aber stimmte er der Mutter Holilschke mit ehrlichem Herzen bei, indem er gleichfalls sagte, unseren Nteistcr habe der Teufel geholt. Er meinte allerdings den Schnldentcufcl. Droben am Fenster des Wohnzimmers saß Eä- cilia, die allmächtige Köchin, bedeckte ihr hübsches Gesicht mit beiden Händen und weinte. Die Aermste! sie hatte alle Ursache, sich dem Jammer und der Trauer hinzugeben. War sie doch die Gebieterin ihres hohen Gebieters gewesen! halte sie doch eine unbeschränkte, tyrannische Herrschaft geübt über sein Herze, über das gcsanimte Haus- wesen und über uns armselige Stifte, die wir Pagen-, Wasserträger- und Küchenjnngeudienste bei ihr zu verrichten halten. Nun war die ganze Herrlichkeit vergangen, und unerfüllt blieb das lieblichste ihrer Traumbilder, Indem sie sich als Frau Meisterin mit ihm vom Standesamt kommen sah. Alles war vor- bei; verlassen und hülflos, ivie eine machtlos ge- wordene Königin, saß sie nun da mit rotbgeweinten Augen... ihre Krone war zerschellt.... Ach, nnd die Schmach— die furchtbare, seelen- zermartcrnde Schmach! Sie wußte, daß die Leute nun mit Fingern auf sie zeigen würden, sollte doch bald die Stunde schlagen, in der sie Ntutter wurde. „Ich geh in die Loge!" hatte er ihr am Sonntag Morgen gesagt, dann war er fortgegangen und nicht wiedergekehrt. Das war nun schon acht Tage her. In den ersten Tagen halte sie geglaubt, er habe in seiner Eigenschaft als Freimaurer von der Loge irgend einen geheimen Reiseauftrag erhalten; einige Logenbrüder aber hatten ihr bestimmt versichert, daß dieser Glaube falsch sei. Als sie bald darauf die Entdeckung machte, daß er Sllles mitgenommen hatte, was er an Geld und Werthsachen und wichtigen Papieren besaß, war sie zu der Ueberzeugung ge- langt, daß er ins Ausland entflohen sei. O, daß er davongegangen war, wie der Dieb in der Nacht! Daß er ohne Abschied gegangen war und ohne ein Wort des Trostes zu ihr zu sprechen! Hätte sie das verdient? In der Werkstatt war Alles außer Rand und Band. Von den fünf Gesellen hatten sich drei empfohlen; nur der lauge Lorenz und der polnische Lukas waren zurückgeblieben. Diese Beiden saßen auf ihren Hobelbänken, soffen„Grunewälder" und fluchten in einem fort auf den verschlvundenen Meister. Der lange Lorenz, der gern und mit großem Stolz in den Erinnerungen einer großartigen Vergangenheit schwelgte, gab unter Fluchen zum so und so vielten Male ein Stück seiner reichen Lebcnsgeschichte zum Besten. Er sei ein großer Kapitalist und Fabrik- besitzer gewesen; er habe sein ganzes Vermögen mit Champagner und Rothwein fortgeschwemmt und sei schließlich betteln gegange», doch für seine Leute habe er bis zum letzten Augenblicke gesorgt, nnd er würde sich sein ganzes Leben lang tief in den Nachen hinein schämen, wenn er damals nach dem gewaltige» Krach feige fortgelaufen wäre. Der polnische Lukas, eine heißblütige Natur und ein Sausbold ersten Ranges, hörte nicht zu, wenn der lange Lorenz erzählte; er beschäftigte sich ans- schließlich mit sich selbst, schüttelte den Kopf, knirschte mit den Zähnen und hieb ab und zu in seineu raschen und kurzen Wnthanfällen mit dem Hammer auf die Hobelbank. Diese Anfälle wurden von Tag zu Tag ärger, und am achten oder neunten Tage nach dem Verschwinden des Meisters ward er plötzlich so wüthend, daß er den Hammer ergriff und das kunst- voll zusammengefügte Gestell eines Ziniiner-Spring- brunnens, das er gebaut hatte, in kleine Stücke zerschlug.„Psakrelo, die Bestie," schrie er,„krieg ick doch nix bezahlt, soll sich holen Diable die ganze verfluchtige Arbeit!.." Uns Stifte ließ die ganze Geschichte so ziemlich kalt. Wir saßen versteckt im Ofenwinkel und dich- teten nach Herzenslust. Wahrhaftig, ivir dichteten! Franz reimte eine Art Elegie, in der er seinen Stiefvater einen Geizkragen nannte und ihm die angenehme Prophezeiung machte, daß er für jeden Nickel Taschengeld, den er ihm, dem poetischen Stief- söhne, auf Erden zu wenig gegeben habe, in jenem Leben ein halbes Jahr lang im Fegefeuer braten müsse. Johann dagegen, der der realistischen Richtung huldigte, beklagte in Versen, daß heutzutage dem Käseleim aus Billigkeitsgrundeu der Vorzug vor dem Kölner Leim gegeben werde. Ich dagegen dichtete eine Tragödie in fünf Akten, betitelt:„Das vcr- tauschte Kind.", Und wie war diese Begeisterung über uns ge- kommen? Durch Zufall ivareu wir in den Besitz eines Bandes von Schillers Werken gelangt. Ich hatte„Die Räuber", den„Ficsko" und die Ge- dichte gelesen. Mit welcher Gier sog ich damals in fliegender Hast Zeile für Zeile auf! Und ivie namenlos glücklich machte mich jenes Buch! Eine ungeahnte Zauberwelt voll strahlender Schönheit erschloß sich mir, und ich>var der Glücklichen einer, die in diesen: Paradiese lustivandeln durften. Au dem Tage, an dem ein Lackirer mir das Buch ge- liehen, hatte ich kaum den Feierabend erivnrteu können. Und als er endlich angebrochen, als die Gesellen die Werkstatt verlassen hatten und meine Gefährten zu Bett gegangen waren, da bedeckte ich die Fenster der Werkstatt dicht mit Brettern, damit von außen kein Lichtschimmer gesehen werden konnte, kroch unter die Hobelbank und las— und las. Ich achtete nicht der Stunden, ivclche die Rathhaus- uhr verkündete, nicht darauf, daß mir die Glieder vor Kälte erstarrt waren, sondern schwelgte mit unersättlicher Wollust im Himmelreiche der Kunst, das sich mir zum ersten Male offenbart hatte. Am frühen Morgen klappte ich das Buch zu, entfernte die Bretter von den Fenstern, zündete Feuer im Ofen an und stieg auf das Dach, um den in der Nacht gefallenen Schnee fortzuschanfeln. Dann gings frischen Muthes an die Hobelbank... Hei, wie lustig flogen die SpZhue aus dem Hobel! Bei jedem Stoße flog mir ein Schillerscher Vers durch den Sinn. Wie wunderherrlich strahlte die Februar- sonne durch die bestaubten Werkstatlfenster. Ein neues Leben pulsirte in mir... Noch von dem naiven Wahne befangen, daß das Schöne, Hohe, Gewaltige bei allen Menschen den gleichen Eindruck hervorrufen müsse, deklamirle ich am nächsten Feierabend meinen beiden Genossen „Die Glocke" und das Lied„An die Freude" und las ihnen darauf die in der Vorrede enthaltene Biographie Schillers vor. Die Vorrede machte Ein- druck, die Gedichte nicht. Daß es Schiller, der Sohn eines armen Rcgimentsarztes— nur durch Gedichte und Schauspiele, sonst durch gar nichts— zum berühmten Btanne, ja sogar zum Professor gebracht hatte, erschien sonderbar und nachahuieus- lverth.„Das Dichten kann doch nicht gar so schwer sein!" meinte Johann. „Aber die Reime müssen klappen und das ist nicht so leicht!" warf Franz dazwischen. Ich für meinen Theil hielt das Dichten auch nicht für allznschwer und wunderte mich nur, daß so wenig Menschen dem Beispiele Schillers folgten und berühmte Niäuner wurden. Wir dichteten also. Der Meister war spurlos vcrschivnnden, unsere Arbeiten hatten wir vollendet— wir konnten dichten vom Morgen bis zum Abend. So lange loderte jedoch das Feuer der Begeisterung nicht. Es wurde durch den langen Lorenz ans hefiige Art gedämpft. Schon war Johann mit seinem Opus beinahe fertig, es fehlte ihm nur noch ein Reim auf„Schrankthürfüllnng"— als der lange Lorenz den struppigen Kopf in den Ofen- winket steckte und uns anschrie:„Bengels, was treibt Ihr für Faxen? Heizt lieber ein, es ist kalt in der Bude!" „Wir haben kein Holz mehr. Herr Lorenz," ent- gegncte Johann als ältester Stist. „Kein Holz mehr? Verbrennt doch das Spring- brunnengestell, und wenn das verbrannt ist, zerhackt Alles, was nur von Holz ist und wenns die Hobel- bänke sind. Zum Erfrieren Hab ich keine Lust!" Plötzlich bemerkte er den Bogen Pap'cr, auf dem Johann seinen dichterischen Erstling entivorfen hatte. Kaltblütig riß ihin der lange Lorenz den Bogen aus der Hand und sagte:„Das Blatt kann„Sie langer Esel! Sie Grobian! Jetzt laß Pfennig Geld. Bon einer instinklioen Ahnung er- ich zum Einioickeln gebrauchen, ich will mir meine ich mich von Ihnen nicht mehr schlagen!" kreischte griffen, schlich ich in die Kammer und goß hastig Filzpantoffeln mit nach Hause nehmen." der unglückliche Dichter, von gerechtem Zorn ent- ein Quantum aufgelösten Schellack in den Politur- In der That wickelte der Unhold die Verse, die flammt, stieß den betrunkenen Altgesellen so heftig, spiritus...„Den trinkt kein Teufel mehr!"... S? c'S *c w f o Z s daß dieser zur Erde taumelte, und flüchtete zur Thür hinaus. Der polnische Lukas lachte über den Spaß, Lorenz aber schimpfte und tobte und goß den letzten „Grunewälder" in die Gurgel.„Besorgt Schnaps!" gröhlte er dann. Keiner von uns hatte noch einen Meine Ahnung hatte nicht getrogen. Der Pole ging nach einer Weile in die Kammer und kehrte mit der Spiritnsflasche zurück, die er gegen die Sonne hielt. Er kostete:„Brr, is sick Schellack drinn!" rief er und schüttelte sich. ihrem Verfasser zu unsterblichem Ruhm verhelfen konnten, um ein Paar alte Filzpantoffeln. Johann stieß einen Schrei der Entrüstung aus. Der lange Lorenz aber wandte sich ruhig um und verabfolgte ihm ob des respektlosen Seufzers eine derbe Ohrfeige. 174 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Schellack? Wer hat den hineingethan?" ftagte der lange Lorenz erstaunt. „Hat sich gewiß gethan Meister verfluchtiges!" entgegnete der Pole. Lorenz erklärte darauf mit feierlicher Miene, er könne in einer„Bude", in der der Bteistcr derart mißtrauisch gegen die Gesellen sei, daß er Schellack in den Politurspiritus mische, keine Stunde länger bleiben. Er packte wirklich seine Siebensachen zu- sammen und zog ab. Der Pole hingegen meinte, gerade dem Bteister zum Trotz niüsse der Politur- spiritus gesoffen werden. Und in der That leerte er im Laufe des Nachmittages die Literflasche neunzig- grädigen Kartosselspiritus; der herbe, widrig schmeckende Schellack schien ihm den Geschmack nicht im Mmdesten zu beeinträchtigen. Dann sank er in die Hobelspäne und begann zu schnarchen. Als Lorenz fort war, fand sich Johann wieder ein. Er sagte, er habe einen Bauern aus seinem Heimathsdorfe getroffen, mit dem er heimwärts fahren werde. Die Sehnsucht nach der Heimath ergriff plötzlich auch Franz und er erklärte, daß er gleichfalls nach Hause reisen wolle. Wir nahmen in herzlichster Weise Abschied und gelobten, uns gegen- seitig unsere dichterischen Erzeugnisse zuzusenden. Am anderen Morgen, als der polnische Lukas leinen fürchterlichen Rausch ausgeschlafen hatte, suchte auch er das Weite. Nun war ich mit Cäcilia allein. Das Dienstmädchen hatte sie als einen überflüssigen Mitesser bereits fortgeschickt. Die Noth gleicht wie der Tod alle Gegensätze aus. Die Köchin, die bisher unS Lehrlingen gegenüber nur die gestrenge Herrin gespielt hatte, kam zu mir in die Werkstatt, drückte mir krampfhaft die Hand und bat, ich möge sie nicht verlassen. Gerührt ob solcher Leutseligkeit erwiderte ich feier- lich, daß ich entschlossen sei, bis zum letzten Athem- zuge bei ihr auszuharren. „Ich danke Dir! Dich Hab ich stets für eine treue Seele gehalten," sprach sie, indem sie sich mit der Schürze die Augen trocknete. In der nächsten Minute kam Cäcilias Mutter. Die beiden Frauen begaben sich hinauf in die Wohnung, und ich setzte mich nieder, um in un- gestörter Ruhe den zweiten Akt meines vertauschten Kindes zu vollenden. Eine halbe Stunde später trat Cäcilia in die Werkstatt und theilte mir mit, daß sie mit ihrer Mutter aufs Land reisen werde. Da sie die Schlüssel mitnehmen wollte, blieb mir nichts Anderes übrig, als ebenfalls sofort abzureisen. Seelenvergnügt schnürte ich mein Bündel und sagte dem stillen Hause, welches Cäcilia als letzte Auswanderin hinter uns verschloß, Valct. Ich wan- derte nach dem zwei Meilen entfernten Heimaths- dorfe zu meiner Mutter.,. „Junge, Du bist doch nicht etwa dem Meister fortgelaufen?" rief die liebe Frau, erschrocken über meine Ankunft. „Nein, Mutter, der Meister ist uns fort- gelaufen!'(Forlftvung solgl.i Wanderungen durch Zeit und Raum. Von Th. Overbeck. IV. Die Fixstern- und Nebelwelt. chon eine oberflächliche Betrachtung des ge- ... stirnten Himmels mit seinen angeblich unzähl- W baren Sternen, deren Zahl auf beiden Hemi- sphären zusammen für das unbewaffnete Auge jedoch nur etwa 5700 beträgt, zeigt, am deutlichsten in mondscheinloscn Nächten, daß zweierlei Stern- formen am nächtlichen Himmel erstrahlen. Die überwiegende Mehrzahl nämlich verändert scheinbar nie ihren Platz und gleicht funkelnden Edel- steinen, welche beständig ein Flimmern und Glitzern, verbunden init momentanem Farbenwechsel, erkennen lassen; fünf dagegen erstrahlen, ihren Platz fort- während langsam wechselnd, in ruhigem Glänze, ohne jegliches Funkeln und Blitzen. Die letzteren sind die uns relativ nahe stehenden, dem unbcivaff- neten Auge erkennbaren Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn; die ersteren dagegen das zahllose Heer der in ungeheuren Entfernungen den Raum durchziehenden Fixsterne(d. h. feststehende Sterne), unserer Sonne mehr oder minder gleichende Welten. Dieses auffällige Funkeln und Glitzern der Fix- sterne ist nun eine eigenartige Erscheinung und dar- auf zurückzuführen, daß die aus Riesenfernen zu uns heranfluthenden zarten Lichlwellen auf dem weiten Wege fortwährend geringe Störungen er- fahren, die bedeutendsten schließlich in unserer, in ununterbrochener Bewegung und Veränderung be- griffenen Atmosphäre, das Licht daher bald auf Momente scheinbar erlischt, sobald zwei Wellen sich ausgleichen, sich bald verstärkt, bald abschwächt; der Farbenwechscl aber ist eine Folge der Licht- bcwegnng in den Wasserdanipfbläschen und flim- mernden Eisnadeln der irdischen Lufthülle. Die Planeten dagegen sind, abweichend von den nahezu unerschöpflich lichtspendenden, für unsere schärfsten Instrumente noch keinen Durchmesser zeigew den Lichtquellen des Weltalls, den Fixsternen, nicht leuchtende Punkte, sondern ähnlich unserem Ntondc, Scheiben, natürlich erheblich kleinere, welche nicht eigenes, strahlendes Licht entsenden, sondern ledig- lich abgeschwächtes, mattreflektirtes Sonnenlicht durch das All verbreiten; derartige matte Scheiben können daher als passive Gebilde auch niemals jene Unruhe zeigen, wie die aktiven Kraftmittelpunkte des Weltenraumes, die Fixsterne oder Sonnen. Wenn nun auch schon vereinzelt seit Jahrhunderten, ja, schon im Alterthum die Ansicht ausgesprochen ward, daß unsere Sonne ein in höchster Gluth be- findlicher Körper sei, umgeben von glühenden Däm- pfen, welcher Licht, Wärme und Kraft ausstrahlt, und daß die Fixsterne dieser unserer Sonne im We- sentlichen glichen, so ward der thatsächliche Nachweis der Nichtigkeit dieser Anschauung doch erst in neuerer Zeit erbracht und zwar durch die bereits im vorigen Artikel besprochene Spektralanalyse. Natürlich hat diese Anschauung von der Gleich- artigkeit nur allgemeine Gültigkeit, und es sind trotz vielfacher Uebereinstimmnng doch auch erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Sonnenstcrnen vorhanden. Nicht allein, daß deren Größe außerordentlich verschieden ist, welche genau festzustellen allerdings noch bei keinem Firsterne gelungen ist,, sondern auch Stärke und Farbe des Lichts erweisen sich als außer- ordentlich abweichend voneinander. Die Lichtstärke des Hauptsternes im Sternbilde des Centauren übertrifft z. B. die unserer Sonne 23/iomaI, das Licht des Sirius überstrahlt unser Sonnenlicht sogar 63 mal. Allem Slnschein nach gehört unsere Sonne demnach zu den Fixsternen geringerer Leuchtkraft. Daß trotzdem der Sirius so bedeutend hinter unserer Sonne am Himmel zurücktritt, zeigt, welche Riesenentfernung uns von diesem Weltkörper trennt. Das Spektroskop hat nun in neuerer Zeit in erster Linie Aufklärung darüber gegeben, daß die sämmtlichen Fixsterne in drei Hanptgruppen oder, richtiger gesagt. Formen zerfallen. Die erste Gruppe enthält die weißen und bläu- lichen Sterne, also die meisten Sterne erster Größe, z. B. Sirius, Wega, Regulus. Diese Sterne, die jüngsten ihrer Entwickelungsstufe nach, besitzen die größte Leuchtkraft; ihre Gluth ist noch so hoch- gradig, daß die in ihrer Dunsthülle enthaltenen Nietalldämpfe nur eine sehr geringe Absorbtion der Spektrumlinien ausüben, also nur äußerst schwache Absorbtionslinien hervorrufen. Höchst merkwürdig ist bei einem Sterne dieser Gruppe, dem Sirius, die geschichtlich nachgewiesene Aenderung der Farbe, welche nur durch eine groß- artige Revolution zu erklären ist. Zu Ptolemaeus Zeiten(150 n. Chr.) war der- selbe nämlich feuerroth, wie aus dem Fixsternkatalog des genannten Astronomen unzweifelhaft hervorgeht, heute dagegen besitzt er ein rein weißes Licht. Später werden wir bei einer anderen Gelegen- heit nochmals auf diesen eigenartigen Fall zurück- kommen. Tie zweite Gruppe, die gelben Sterne, zu denen der Polarstern, Capella, Ariturus und auch unsere Sonne gehört, besitzen bereits, gegen die weißen und blauen Sterne gerechnet, erheblich abgekühlte Gashüllen, daher sie auch kräftige Absorbtionsstreifen erzeugen. Die dritte Gruppe, die rothen Sterne, wie Betcigeu'.e im Orion, Mira Ceti im Walfisch und die meisten veränderlichen Sterne, deren Lichlstärke in bestimmten oder auch unregelmäßigen Zeiträumen oft großen Schwankungen unterworfen ist, sind schon derart abgekühlt, daß in ihren Atmosphären bereits chemische Verbindungen vorkommen können, die Oberfläche mancher vielleicht schon eine in Rothgluth befindliche erstarrte Rinde bildet. Bei diesen hat die Todesstunde der gesammten, doch auch dort ver- muthlich vorhandenen Lebavelt, auf den sie umkrci- senden kleinen Welten enliveder bereits geschlagen oder naht sich mit schnellen Schritten, denn die Licht- und Wärmequelle ist im Versiegen begriffen und die todbringende Kälte des unendlichen Weltraumes bricht von allen Seiten herein. Die chemische Zusammensetzung dieser Glnthbälle aller drei Gruppen, ermittelt durch die Spektral- analyse, hat sich als ähnlich der unserer Erde er- wiesen; sämmtliche irdischen Grundstoffe sind auch im Weltenraume nachgewiesen. Vor allen machen sich Wasserstoff und Natrium bemerkbar. Nur ganz einzelne Elemente sind durch das Spektrum auf fernen Welten ermittelt, welche bis jetzt auf unserem Planeten noch nicht gefunden wurden. Wenn es auch ivohl selbstverständlich ist, daß die meisten dieser ungezählten Sonnenwelten, welche, soweit sie unseren optischen Instrumenten als Sterne erkennbar sind, und soweit unsere Fernrohre reichen, nach freilich sehr roher Schätzung, etwa an Zahl 100 Millionen betragen, gleich unserer Sonne von einem Heere abhängiger Planeten und Kometen um- kreist werden, so wissen wir natürlich aus direkter Anschauung hierüber, wegen der schwindelnden Eut- fernungen, nichts. Aber nicht nur Planeten kreisen um Sonnen, sondern auch selbstleuchtende Firsterne um Firsterne, die Doppel- und mehrfachen Sterne, wobei letztere garnicht selten in den verschiedensten Farben erglühen. Systeme, in denen rothe, grüne, gelbe und blaue Sterne um einen gemeinschaftlichen Schwer- punkt kreisen, zeigen sich im Teleskope den entzückten Blicken. Welch wunderbare Lichteffekte, ivelche neuen Be- dingungen des Lebens müssen auf den dazu gehören- den Planetenschaaren herrschen, wenn am Firmament gleichzeitig in den verschiedensten Farben er- glühende Sonnenstrahlen, von denen bald diese, bald jene durch die Rotation vorübergehend ver- schwindet und dadurch neue Farbentöne sich bilden. Sterne, welche gleichmäßig oder ungleichmäßig ihre Lichtstärke verändern, sind, wie erwähnt, auch schon mehrfach beobachtet worden; davon einer, der nach dem dänischen Astronomen Tycho de Brahe be- nannte, welcher am 1l. November 1572 plötzlich im Sternbilde der Casstopeya aufleuchtete, derart hell strahlte, daß er die bisher hellsten Sterne des Him- Niels an Glanz übertraf, bei Nacht durch die Wolken schimmerte und für ein scharfes Auge selbst am Tage sichtbar war; nach einiger Zeit verblaßte jedoch sein Schimmern mehr und mehr, und verschwand er dem unbewaffneten Auge im Nlärz 1574. Eigenartige Revolutionen, begleitet von den furcht- barsten Folgen für die zugehörenden planetarischen Welten, müssen auf derartigen aufleuchienden Sterne» eingetreten sein. Das Spektrum zeigte stets, daß glühende Wasserstoffmassen bei denselben eine Haupt- rolle spielten. Es würde zu weit führen, jetzt genauer darauf einzugehe», zumal später der Gegenstand, bei der Besprechung der Diluvialablagerungen der Erde, nochmals herangezogen werden nrnß. Daß die Entfernungen der Firsterne voneinander sehr verschieden, jedoch stets ganz ungeheuer sind, ist als bekannt vorauszusetzen. Es mag daher hier nur erwähnt werden, daß der bis jetzt als nächster Stern Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 175 kkmmte Stern Toliinaii, im Sternbilde des Cen- taiiren nuf der südlichen Hemisphäre, 40� Billionen Kilometer, d.h. 275000 mal weiter als unsere Sonne, von uns entfernt ist. Wenn man nun bedenkt, daß eine sogenannte Sternenweite, d. h. die Entfernung, in welcher der Durchmesser der Erdbahn von zirka 40 Btillionen Meilen als eine Bogenseknnde(gleich'/,s»v des schein- baren Durchmessers der Mondscheibe) erscheint, etwa 200000 Sonnenweiten ä 20 Millionen Meilen entspricht, und nun die größte Tiefe der Milchstraße ani Himmel auf 2000 bis 2500 solcher Sternweiten geschätzt ivird, eine Entfernung, welche zu durch- laufen das Licht, welches doch bekanntlich in einer Sekunde 300000 Kilometer durcheilt, etwa 6000 bis 7000 Jahre erfordern würde, so wird man klar darüber werden, daß jede Vorstellung solcher Eni- fcrnungen in sich zerfallen muß. Nach Ansicht aller neueren Astronomen bildet nun die ungeheure Zahl der Sonnen, welche an unserem Firmamente erstrahlen, welche im Bereiche unserer Fernrohre, wie schon erwähnt, auf winde- stens 100 Btillionen geschätzt werden, im unendlichen Raum eine große Anhäufung, ein System ähnlich unserem, gegen dieses gerechnet natürlich unendlich winzigen Sonnensystems. Nicht um eine monarchische Zentralsonne, sondern republikanisch um einen gemeinsamen Schwerpunkt, welcher in der Nähe des Siebengestirnes, des Ple- jaden im Sternbilde des Stiers, etwa bei dem Haupt- stern dieser Gruppe, der Alcyone, zu vermuthen ist, wandeln die ungezählten Schaaren ihre einsamen Wege. Tie scheinbar für alle Ewigkeit festgefügten Sternbilder des Himmels sind daher auch nur ver- gängliche Gebilde, ebenso gut der Auflösung ver- fallen, wie alles Materielle l langsam verschieben und verwirren sich die leuchtenden Punkte und nur das lliiesenhafte der Verhältnisse bedingt, daß ein kurzes Rtenschcnleben nicht genügt, irgend welche erhebliche Aenderungen der Gruppirungen erkennbar zu machen. Die scharf beobachtende und messende Astronomie da- gegen hat diesen Wechsel längst erkannt. Für unsere Sonne, welche dem erwähnten gc- meinsamen Schwerpunkt relativ ziemlich nahe steht, also eine noch verhältnißmäßig kurze Bahn zu durch- laufen hat, hat die Beobachtung nun eine sehr exeentrische Bahn und eine Ilmlanfszeit von entweder 22'h oder 28 Millionen Jahre ergeben; ganz sicher» Zahlen waren wegen der niangelhaften Beobachtung und der großen Schwierigkeit des Objektes bis jetzt nicht zu erlangen.— Wie winzig erscheint gegen ein solches Sonnenjahr das Jahr der Erde, das Zeitmaß der Nkcnschheit. Merkwürdigerweise deutet nun Alles darauf hin, daß die dem Zentrum der großen Sterncninsel nahe- stehenden Sonnen nun nicht, wie unsere Planeten, nahezu in einer Ebene sich beivegen, sondern in den verschiedensten Richtungen den Raum durcheilen, da- gegen die Milchstraßcuregio», wie aus der Gestalt des ganzen Sternhaufens sich zn ergeben scheint, ähnlich unserem Planeten sich verhält. Dieser ungeheure Sternhaufen besitzt nun an- scheinend annähernd die Gestalt einer Linse oder, durch Häufung der Sonnen in der Richtnilg der Schneide, die eines Ringes, und sind daher von uns, vom Zentrum aus gesehen, in der Richtung der Milchstraße die größten Mafsenanhäufungen, die Lichtwolken. Jenseits der Grenzen dieses Riesenringes gähnt der ungeheure Abgrund des eisigen, nahezu stoff- leeren Weltraumes, doch aus dämmernder Ferne schimmern die Ufer anderer Weltcninseln herüber, die zum Theil von ähnlicher Größe und Gestalt ivie diejenigen sind, in der unsere mächtige Sonne und ihre winzigen Anhängsel, darunter unsere Erde, voller Hochmuth und Selbstüberschätzung, als Nichts verschwinden. Wäre es uns vergönnt, einen Blick von dort »ach hier zurückzuwerfen, so würde nur ein schim- inerndes Nebclwölkchen das Vorhandensein von huu- dert Millionen von Sonnen verrathen. In welchem Lichte erscheint bei einem solchen Blick menschliche Eitelkeit, welche sich nicht scheut, weil ein linkischer Zufall einen Menschen vielleicht das Licht der Welt von Reichthum umgeben oder gar in einem Palaste erblicken ließ, sich, im Wider- spruch mit der täglich im Munde geführten christ- lichen Religion, für etwas Anderes und Höheres zu halten als den armen Menschenbrudcr, wie unbe- deutend das Behängen mit glitzerndem Tand und den himmlischen Sternen nachgebildeten Karrikaturen, oder das Brüsten niit nichtssagenden, oft grundlos verliehenen Titeln— und das Alles auf wie lauge? Von einer Vi essung oder auch nur genaueren Schätzung der in Frage kommenden Entfernungen kann natürlich keine Rede sein, nur Vermuthungen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen deuten auf Entfer- nungen, zu deren Dnrcheilung der Lichtstrahl Hundert- tausende, ja viele Millionen von Jahren nöthig hat. Eine große Anzahl solcher Lichtwolken, welche meistens dem unbewaffneten Auge überhaupt uicht sichtbar sind, ist nun durch die Kraft der Niesen- fernrohre in Sterne aufgelöst; aber immer noch trotzen eine erhebliche Anzahl, und zwar darunter die größten, der raumdurchdringenden Kraft unserer Instrumente, z. B. der wunderbare Riesennebel im Sternbilde des Orion. Hier nun haben, wie schon im vorigen Artikel angedeutet, das einfache Spektroskop und auch die Photographie eine noch vor nicht gar langen Jahren ungeahnte Klarheit gebracht, denn sie haben erwiesen, daß viele derartige Lichtwolken, die sich am Himmels- dome zeigen, nicht etwa nur Anhäufungen von Sternen sind, die lediglich infolge der Riesenentfernung als Lichtschimmer erscheinen, sondern daß wir thatsächlich hier unendliche Räume erfüllende, in furchtbarster Gluth befindliche Gas- und Dunstmassen vor uns sehen, die ersten Stoffballungen, zum Theil noch Chaos, zum Theil schon rotirend, die ersten Ent- Wickelungsformen neuer Welten, auf welchen letzteren nach Aeonen von Jahren vielleicht, ja geiviß, vieler- orten ein warmes Leben pulsiren wird, wenn die Herrlichkeit des Nienschengeschlechts der Erde und diese selbst, ja unsere ganze Welteninsel längst in Atome zerstiebt als Meteore das All durchirren, oder in wiederbeginnender Neuentwickelung als glühender Nebel seinerseits das Weltall durchleuchten. Was wir brauchen. Von Hans Ostwald. § elber Nebel lag noch in der Morgenluft, als ich durch die mit Leder beschlagenen Thülen in den Kölner Dom eintrat. Eine weiche Dämmerung lag in den hohen Säulengängen, an deren Ende auf und von den Altaren viele hohe Kerzen schwelend leuchteten. Die Priester, angethan mit violetten, schwarzen, braunen und weißen Talaren, gingen hin und her. Aus den Schwingen der Chor- knabcn quoll der Rauch und legte sich verschleiernd über das Treiben. Die Menge lag in den Bet- bänken auf den Knien, und ein leises Schurren tönte verhallend durch die hohen Gewölbe. Dann setzte die Orgel an, die Chorherren fielen ein mit ihrem Gesang und kamen hervor hinter den großen Gittern. Ich stand abseits bei einer Säule und sah und hörte mit seltsamen Empfindungen der Messe zu. Als die Orgel mit gewaltigen, jauchzenden Tönen den Schluß des Gottesdienstes verkündete und die Menge sich auflöste und hinansstrebte, fielen durch die hohen, bunten Dürcrsckwn Glasfenster volle, helle Lichtstrahlen vielfarbig über diese sich bewegende Masse, auf das graue Gestein der Säulen und des Bodens und auf die nachgebräunten Holzbänke. Mit einer sonderbaren Ergriffenheit folgte ich den Nach- züglern ins Freie, wo jetzt die Hcrbstsonne den Nebel zerstreut hatte und mild und freundlich das bewegte Leben erhellte. Was war es, daß ich so erschüttert wurde von dem Kirchlichen, da ich doch kein Rechtgläubiger war und auch kein Wort von der Andacht, von der Predigt und von den Gesängen verstanden und be- griffen hatte? Draußen in der Sonne, am strömenden Rhein fand ich bald die Antwort. Es war die Kunst,— die Kunst, die auf mich, den Ungläubigen und mit dem Ritus Unbe- kannten, unvermittelt und ursprünglich ihre Wirkung ausgeübt hatte. Welche Wirkung mußte dies erst auf einen Men- schen ausüben, der mit getrübtem Gewissen oder mit anderen Gemüthsschmerzen hierher kam— um Ver- gebung der Sünden zu finden, wie die Gläubigen sagen. Die ganze Zeremonie, diese machtvollen Stim- mnngswirkungen mußten ihn bis ins letzte geheinie Gefühl ergreifen, mußten ihn zermalmen bis zur vollständigen Zerknirschung— um nachher in die Rückwirkung überzugehen, um folgerichtig durch die gewaltige Sinneserregung von dem Niedrigkeitsgefühl in Erhebung, höhere Heiterkeit und eine gewisse Be- friedigung zu führen. Man kennt das Letztere auch unter dem Begriff:„Von seinen Sünden sich befreit fühlen." Für diese Wirkungen aus zweiter Hand, nämlich aus der der Priester, sind wir Niemand weiter Dank schuldig als dem Künstler und dem Künstlerischen. Und ebenso, wie diese Dom-Zeremonien auf die verwöhnten Großstädter wirken, erfüllen die Kirchen- und Kapellendienste der kleineren Gemeinden ihren Zweck. Dazu wird noch beigetragen durch die öffent- lichen Umzüge u. v. A., so daß jeder Katholik stets durch irgend eine Zeremonie an seinen Glauben er- innert und durch die Empfänglichkeit der Sinne auch an ihn gebunden wird. Muß nicht Jeden, und be- sonders die Minderbegüterten, die in engen, dumpfen und ohne Geschmack hergerichteten Zimmern hausen, eine gewisse Andacht überfallen, wenn sie in die hohen, mit Malerei und Schnitz- und Steinarbeit ausgeschmückten Hallen treten, wo Gebräuche, die sie schon in ihren Kinderjahren mit heiliger Scheu zu betrachten angehalten wurden, ihren Bann auf sie ausüben? Dies Alles gilt auch von Protestanten, nur daß die Katholiken die ihnen überlegenen Meister der Stimmungserzeugung sind. Sie haben sich auch darum einen wichtigen Faktor in dieser Absicht mit instinktiver Erkenntniß gewahrt, den sie mit jesuiti- schein Können in eine verlogene, widerwärtige Wider- Natürlichkeit drängen. Es ist der in gewissen Jahren gefährlichste, weil stärkste Haupttrieb: die Sinnlich- keit. Der künstlerisch ausgerüstete Marienkult wie der Heilandskult erfüllen den versteckten Zweck, auf das Geschlecht im Sinne der Kirche zu wirken und durch Verwirrung der Gefühle zur Ausscheidung von wichUgen Verstandeskräften zu führen. Das Alles sind Mittel, deren sich alle Religions- Verbreiter und-Anhänger bedient haben, bald in feinerer Weise, wie die modernen Staatskirchen, bald in roherer Weise, wie z. B. bei den afrikani- schen Völkern die Fetischpriester ihre bunten Götzen- fratzen usw.(Selbstverständlich gehören Wunderglaube und noch mehr Aehnliches auch zu den Mitteln aller Pfaffen.) Alles dies jedoch mehr im Instinkt, als in wohlüberlegter Berechnung. Nun aber hatte ich an dem Herbstmorgen in Köln auch die Lösung gefunden, warum selbst Menschen, deren Verstand schon vollkommen befreit gewesen, sich trotz der Empfindung, daß ihr Verstand das nicht gutheiße, sich dem kirchlichen Wesen zuwenden. Es sind also Menschen, die längst die niedrige Stufe des Wunderglaubens hinter sich haben. Die äugen- blickliche Befriedigung des Gemüths, die Erhebung der Sinne ist es einzig und allein, was sie zu theo- logischen, kirchlichen Wesen macht. Und all das voll- bringt nicht der Glaubenssatz, die Buchstabenreligion, sondern die mit Kunst ausgestattete Zeremonie. Jene sonderbare Epoche der Menschengeschichte, des Menschhcitslcbens überhaupt, in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, wo sich aus der Aufklärungs- zeit, aus der Aufklärungsdichtung die sogenannte Romantik entwickelte, ist nicht anders zu erklären, als dadurch, daß den führenden Geistern ihr Glauben an die Fruchtbarkeit und Verwirklichung ihrer An- schauung an den ungünstigen politischen Ereignissen geraubt ward und sie nicht mehr in diesem Glauben Beftiedigung ihres GemüthS finden konnten. Da 176 Die Neue Welt. Illnstrirte Unterhaltungsbeilage. ihnen der Glaube an eine Wirklichkeitsznkunft fehlte, mußten sie einen Ersatz haben, und fanden den gc- heimnißvollen Romaiitizismus, der sie zum Katholi- zismns führte, wo diese stark sinnlichen Elemente einen gewissen Halt fanden, den sie wegen ihrer Natur, die sie hin und her warf, nicht entbehren konnten. lind der Stand der Dichtung, überhaupt der Kunst ist immer bezeichnend für die jetveiligen Geistes- und Gemüthszustände im Volke. Damals waren es nur Wenige, die eine Bedeutung in der Weltdichtnng erlangen konnten. Kleist, Eichendorff und Ehamisso sind die Einzigen, die Bedeutendes aus jener Zeit hinterließen. Dann erst folgte„Jung-Deutschland" mit Büchner, Hebbel, Heine u. v. A.; in ihnen war auch wieder ein Glauben an eine Zukunft, an eine irdische Zukunft. Denn diesen Glauben an eine Zukunft kann die Nlenschheit nicht entbehren. Er wird zu allen Zeilen das Geniiith ausfüllen und mächtigen Einfluß auf die Gestaltung des Volkslebens finden, je nachdem er sich gewisse Ziele gesteckt hat. Augenblicklich ist der wichtigste Zukunftsglaube der der sozialen Welt- anschaunng, jener Weltanschauung, die ausschließlich ans Verbesserung und Neugestaltung der natürlichen Wirklichkeit, des Wirthschaftslebens, beruht. Diese Anschauung entbehrt aber noch in Vielem des Ge- müthhaften. Ich will nicht etwa sagen, die soziale Bewegnng, der Sozialismus und Alles, was»oth- gedrnngen mit ihm zusammenhängt, das Antiglaiibens- thnm, die nothwendige Höherschätzung des Jndioi- duums u. v. A., entbehrte des Gemüthhaften, denn das Alles ist ja im Gegenthcil von den stärksten Gemüthskräften getrieben und getragen. Aber was nun, wenn wirklich die sozialen Nöthe ans der Welt geschafft sind, was nun mit den seelischen Roth- lagen anfangen, die nicht durch wirthschaftliche Hülfe zu heilen sind, die auch keine Verstandcsthätigkeit beseitigen kann? Denn nur ivenige, seltene Menschen werden ohne Nothlage sein, werden Ilebcrnienschen sein, oder werden auch ihr Geinülh vollständig ihrem scharfen Verstände unterworfen haben. Aber diese Roth, daß»vir von Allem, ivas uns die moderne Zukunftsbewegnng bietet, doch immer noch nicht gänzlich befriedigt sind, hat sich schon oft bemerkbar gemacht, ohne daß mau ihr die ge- nügende Beachtung schenkte. Die moderne Kunst hat ja manche Lücke ausgefüllt, oder ist wenigstens willens es zu thun, ohne daß sie den verdienten Erfolg hat. Auch die Gründer der freien Volks- bühneu hatten diesen Mangel richtig erfaßt, eben- falls ohne den allen Theilen uöthigen Erfolg. Nun zekgt die Kunst aber schon wieder die Neigung zum Romantischen, Geheimnißvollen, Ahnungsvollen, die nur zu deutlich von dem Vorhandensein eines be- beulenden Mißverhältnisses zwischen den Verstandes- und Gemüthserfolgen der modernen Bewegung Kunde giebt. Ans deni gleichen Grunde, nämlich der Nicht- beachtnng des Gemiilhhaftcii, ist es auch nur immer möglich, daß sich sogenannte Ehristlich-Soziale noch eines gewissen Anhanges erfteueu können— ja vielleicht eine Saulus-Paulns-Znkunft haben. Also: Da die Kunst eines von den M'itteln sein kann, das man Ersatz für die Religion nennt, und um uns vor der Heuchelei zu bewahren, als wäre das,>vas wir in der Kirche empfunden haben, Erzeuguiß des Priesters und seines Glaubens, müssen wir der Kunst einen viel größeren Raum in der Zukunftsbewegung zugestehen, ihr mehr Achlung schenken. Der Künstler, der ehrliche Priester muß mehr wirken können, um die neue, eigentlich ur- sprüugliche Religion an die Stelle des Götzendienstes stellen zu können. Das wird seine erneuernde, schöpfe- rische Wirkung auch auf das Verflandeslebcn aus- üben. Die Kunst wird das Volk, und jetzt vor Allem die Zuknnftsbeivegung, vor der Vertrocknniig in Wissenschaftelei und Phraseologie bewahren. Und das ist Alles nöthig; denn wir brauchen nicht nur Wissen, Kleidung, Nahrung usw., sondern auch Er- lösung von Gemüthsbedrückungen— Erhebung, be- freiende Heiterkeit und Tröstung. Aus dem Papierkorb der Zeit. Triumph der Finsternis).(Zu unserem Bilde.) Wir haben unseren Lesern bereits in einer unserer sriiherc» Nummern mit Arbeiten des noch jugendlichen Künstlers Sascha Schneider bekannt gemacht. Deutsch-Nusje von Geburt, vereinigt er in sich die gemüthvolle Tiefe ger> manischen Geistes mit einer gewissen dämonischen Phan- tastik, wie sie dem Slaven eignet, und auch in der vor- liegenden neuen Arbeit des hochbegabten Zeichners sind diese Eigenschaften unverkennbar. Allein so sehr Schneider auch bisher der Alte ge- blieben ist, so wenig gehört er in die Reihen Terjenigeu, die nicht nur in der Manier, sondern auch in den Motiven stets dieselben sind, sich gewissermaßen beständig selbst kopiren. Im Gegensatz zu diesen bekundet sich in Schneiders Kartons ein schier unerschöpflicher Jdeenreichthum und eine Kraft, seine Ideen zu gestalten, die höchstens von deren völliger Originalität noch übertrosfen wird. Tics gilt auch von unserem heutigen Bilde, dem Triumph der Finsterniß. Wie bei den meisten früheren Sachen, hat der Künstler auch in diesem Falle seinem Werke einen religiösen Stoff zu Grunde gelegt, ohne darum ein religiöses Bild in des Wortes eigentlichem Sinne zu schaffen. Vielmehr macht er bei den Religionen und alten Mythologien nur eine Art Anleihe, um diese dann ganz in seinem Sinne zu verwerthen und weiter zu cntwirfel». Stoffe, die unserem Denken und Empfinden längst fremd geworden sind, weiß er mit neuem, modernem Gehalte zu erfüllen, in ihrer Meise beschränkte religiöse und mytho- logische Ideen zu Weltideen zu erweitern, in höheren, gewaltigeren Dimensionen vor uns hinzustellen. Und dies ohne sich in nüchternen, farblosen Allegorien zu er- gehen, die die Gefühlswelt des Betrachters völlig un< berührt lassen. Im Gegentheil sind die Figuren Sascha Schneiders, so hier die Gestalt der Finsterniß. wie der auf kaltem Leichenstciue ausgestreckte todte Christus, von unendlicher Plastik, ist die Wirkung, die von ihnen ausgeht, eine so tiefe, unmittelbare, daß der Beschauer einer besonderen Erklärung kaum bedarf. Und dabei arbeitet der Künstler mit den denkbar ciusachsien Mitteln. Die Gegensätze, die er durch den verschiedenen Verlauf der Linien blas, durch Licht und Schatten auszudrücken vermag, genügen ihm. Die hohe, ausrechte Gestalt der Iinsterniß mit ihren mächtigen schwarzen Flügeln, die gleich der einbrechenden Rächt das Licht des Tages, des Lebens überschattet, drückt de» Triumph brutaler Macht mit einer Kraft aus, die allerlei äußere Symbole des Siegers nicht zu er- höhen veru>öchten. Das aber, was Sascha Schneider hier gelungen ist, die größten Wirkungen mit den denkbar einsachsteu Mitteln zu erzielen, ist das große Geheimniß aller Kunst, ist der höchste Gipfel, den der Künstler zu erklimmen vermag. Gedankensplitter. Wereschtschagin erzählt in seinen Selbstbiographien unbedeutender Leute: Ein nicht eben sehr kluger Mau», der aber Französisch und Deutsch verstand, besaß eine» Leibeigenen aus dem Simbirskischc» Gouvernement als 6— Bedienten, ein Mordwine oder ein Tschuivasche war es. Einmal sagte er ihm:„Du bist ein Dummkopf!" und der Diener erwiderte:„Du bist selber einer! Tu hast ja gekauften Verstand und mein Verstand ist mir von der Natur gegeben." Auf manchem Malerwerk der älteren Zeit steht das Wort„fecit"(er hats gemacht) nebe» einem Namen, der aber nicht der des Malers ist, sondern der Name Desjenigen, der das betreffende Bild bestellt, bezahlt, ge- stiftet hat. Mit den Großthaten der sogeuaunten Helden und großen Männer verhält es sich ähnlich, ihr Name ivird rühmend genannt um gewisser Thaten willen, welche Andere in ihrem Auftrag vollbracht haben, da sie allein es nicht verniochten. Setze in Bewegung, sinne, denke auf das, was ein Bürger und Mann besitzen muß, der gewillt ist, dem durch jämmerliche Zeiten und verderbte Sitten nieder- geworfenen und geknechteten Staat i» die frühere Würde und Freiheit zurück zu versetze».«tceros Briefe. Geschichte darf mau weder beweinen noch belachen — Geschichte muß man verstehen. Spinoza. „Niemand hat es noch vermocht, seinen Nachfolger zu tödten." Das gilt auch von Zuständen und großen Institutionen. Alles was im Geiste und in der Wahrheit als Träger der Zukunft gelten dürfte, hat noch immer schließlich den Sieg über die Vertheidiger einer zum Hin- siechen verurtheilte» Vergangenheit davongetragen. Duruy, Beschichte des römischen Kaiserreiches. — S ch n i h e t.— Viel Klagen hör ich oft erheben Vom Hochniuth, den der Große übt. Ter Großen Hochmnth wird sich geben, Wenn erst die Kriecherei sich giebt. Ade. Frau Politik, sie mag sich fürbaß trollen; Die Schriftzensur ist heutzutage scharf. Was mancher Edle will, scheint er oft nicht zu sollen; Dagegen, was er schreiben soll und darf, Kann doch ein Edler oft nicht wollen. Ich schelte nicht das Titelkaufen. Es würde für denselben Preis Das Amt der Dummkopf leicht erlaufe», Der jetzt sich zu bescheiden weiß. Prognostikon. Vor Fenersgluth, vor Wassernoth Mag sicher fort der Erdball rücken. Wenn noch ein Untergang ihm droht, So wird er im Papier ersticken. Der Edelmann. „Das schwör ich Dir bei meinem hohen Namen, Mein guter Klaus, ich bin aus altem Samen." „Das ist nicht gut!" erwidert Klaus, „Oft artet alter Samen aus." «ottsried August Bürger. Verdächtige Richter. Ist ein Esel zu erstreiten, o, so suche Dir zur Hand Einen Richter, der nicht selber ist dem Esel auverwaudt. Fr. v. Luga». Die blaue Hand. Ein Richter war, der sah nicht wohl; Ein Färber kommt, der schwüren soll. Der Färber hebt die blaue Hand; Da ruft der Richter: Unverstandl Wer schwört im Handschuh? Handschuh aus! Nein, ruft der Färber— Brill' heraus I Auf einen adeligen Dummkopf. Das nenn ich einen Edelmanul Sein Ur— Ur— Ur— Ur— Aelterahn War älter einen Tag Als unser aller Ahn. Lcsstng. Rätlzsel-Ecke. Korrrbirrcrtions- Aufgnbe. I. II. III. Alpe Z- Rest Mineralisches Produkt. Rhone-s- Stuhl Bekannter Vorort Hamburgs. Oder-s- Garn Truppengattung. Segel-s- Sinn Stadt in Württemberg. Norm Z- Isar Pflanze. Tara-j- Mohn Schlachtort des Alterthums. Schach-j- Eber Rauchutensil. Winde Z- Adler Bekannte Landschaft in Deutschland. Ehe Mai» Biblischer Name. Die Vereinigung der Worte in Kolonne I mit denen in Kolonne II soll die in Kolonne III gewünschte» Wörter er- geben. Die Anfangsbuchstaben dieser neuen Wörter nenuen alsdann einen deutschen Schriftsteller der Gegcmvart. Auflösung öer Aiamant-Aufgabe in Ur. 21: D Lea Birne Po l e n t a Moosros en Dcrcrstciuu i Stuttgart F o r c l l e D u in a s M a x i Der erste Mai. Nachdruck des Inhalts verboten? Alle für die stiedaktio» bestimmten Seudungen wolle mau an Herrn G. Macasy, Leipzig, Oststraße II, richten. Perantworlltcher Redalteiir: Bustav Macasi, in Leipzig.— Beriag: Hamburger Buchdruckeret und BerlagsanstaU Auer& Co. in Hamburg.— Druck: Mar Babing in Berlin.