Die reue Welt Nr. 23 Bllustrirte Unterhaltungsbeilage. Landung. Von Richard Dehmel. Mein weißer Schwan vor mir: so ziehn wir beide Auf dunkler Fluth durch unser Morgengrauen, And ziehn zur Ferne, wo die Wolkenkreise Dem jungen Tage hoch entgegenblauen. And lassen tragen uns und weiter fragen, And golden wird der dunkle Wasserbogen, Bis wir die seligen Inseln sehen ragen Im Glanz der Früße aus den tiefen Bogen. Der Wulchik. Von F. M. Dostojewski. Deutsch von Wilhelm Thal. swar am zweiten Osterfeiertage. Die Luft war warm, der Himmel blau, die Sonne stand hoch und strahlte, nur in meiner Seele war es düster. Ich irrte hinter der Kaserne herum und betrachtete die Gitter, die den Gefängnißhof schlossen. Seit zwei Tagen herrschte eine festliche Stimmung im Gefängnisse; die Verbrecher arbeiteten nicht. Die meisten unter ihnen waren betrunken. Die Zimmer hallten von den Schimpfworten, den Bänkereien und den gemeinen Liedern wieder. Auf den Pritschen spielte man Karten. Mehrere Männer, die von ihren eigenen Kameraden halb todt geschlagen worden waren, weil sie zu viel Lärm gemacht, lagen auf ihren Betten. Man hatte sie mit ihren Mänteln zugedeckt und wartete nun darauf, daß sie wieder zu sich kamen. Mehrmals waren schon die Messer gezogen worden. Und das ging nun so seit zwei Tagen. Ich war förmlich krank davon. Uebrigens habe ich eine betrunkene Menge nie ohne Ekel ansehen können, be= sonders aber an einem solchen Orte. Zwei Tage lang waren die Vorgesetzten nicht im Gefängniß erschienen. Die Untersuchungen waren unterbrochen worden, man prüfte nicht mehr, ob Weinflaschen unter den Betten versteckt waren. Unsere ,, Herren" sahen ein, daß man selbst Verbrecher einmal wenigstens im Jahre sich„ amüsiren" lassen muß, weil das das beste Mittel ist, schlimmere Ausschreitungen zu vermeiden. Mich aber ergriff der Zorn. Ich traf den Polen Melawsky, einen politischen Gefangenen. Er warf mir einen verzweifelten Blick zu; seine Augen leuchteten, seine Lippen bebten. " Ich hasse diese Banditen!" sagte er zähne knirschend zu mir mit halber Stimme und ging weiter. 1897 Da wirst du losgeknüpft von meinen Zügeln, Der Nachen säumt, wir sind am Heimathlande, Da dehnst du dich mit ausgespannten Flügeln And steigst hinauf mit mir zum hellen Strande. And durch die Tiefen wird ein Klingen wehen, Die Bahn zum Sicht zu weisen auch den Brüdern, And durch die Höhen wird ein Singen gehen Von großem Glück: aus meinen Schwanenliedern. Viertelstunde wie ein Wahnsinniger daraus entflohen war, als sich sechs Mann, sechs starke Muschits, alle auf einmal auf einen Tartaren Namens Gazin gestürzt hatten, um ihn zu packen und zu schlagen. Sie hatten ihn windelweich geprügelt; solche Schläge hätten ein Kameel umbringen können. Doch der Tartare war ein Herkules und darum schlug man furchtlos auf ihn ein. Als ich wieder eintrat, be= furchtlos auf ihn ein. Als ich wieder eintrat, bemerkte ich ihn in einem Winkel auf seinem Bett; wie todt lag er da. Man hatte ihn mit einer Tulupe* zugedeckt, und die Sträflinge gaben sich Zeichen, wenn sie an ihm vorbeigingen und ver mieden es, ihn zu berühren. Dabei war man über zeugt, er würde am nächsten Morgen schon wieder zu sich kommen, doch wer wußte es denn? Von solchen Schlägen konnte ein Mensch auch sterben? Ich schlich mich an meinen Platz, einem vergitterten Fenster gegenüber, legte mich auf den Rücken, schob die Hände unter meinen Kopf und schloß die Augen. Ich lag gern in dieser Lage; ein Mann, der zu schlafen scheint, bleibt gewöhnlich unbehelligt, und man kann auf diese Weise träumen und nachdenken. Doch ich war recht unruhig. Mein Herz schlug hastig und rief immer stärker mir die Worte Melawskys in die Ohren:„ Ich hasse diese Banditen!" Warum sollte ich übrigens meine Empfindungen schildern? Noch jezt träume ich manchmal davon, ohne daß mich das geringste unangenehme Gefühl beschleicht. Vielleicht hat man bemerkt, daß ich bis zu diesem Tage fast nie von meinem Leben im Zuchthause gesprochen habe. Vor zehn Jahren habe ich unter dem Namen einer erfundenen Persönlichkeit das„ Todtenhaus"** geschrieben. Mein Held ist ein Verurtheilter, der seine Frau getödtet hat. Ich will bei dieser Gelegenheit noch bemerken, daß viele Leute noch heute glauben und behaupten, ich wäre verschickt worden, weil ich meine Frau ermordet hätte.... * Langer Mantel. ** Dostojewsky: Memoiren aus einem Todtenhaus, Ich weiß nicht warum, aber ich kehrte sogleich in die Kaserne zurück, obwohl ich erst vor einer Neclam. Nach und nach beruhigte ich mich und versenkte mich halb unbewußt in meine Erinnerungen. Während meiner vier Zuchthausjahre habe ich nicht aufgehört, an meine ganze Vergangenheit zu denken, und es ist mir, als habe ich hier durch die Erinnerung mein ganzes todtes Leben von Neuent durchlebt. Ganz von selbst treten die Ereignisse früherer Zeiten vor mich hin. Selten beschwor ich sie durch Willensanstrengung herauf. Das begann mit irgend einem Punkte, mit einem kaum wahrnehmbaren kleinen Zuge und nahm nach und nach die Umrisse eines großen Gemäldes an, während die Eindrücke sich verstärkten und vervollständigten. Und ich interessirte mich selbst dafür, fügte längst verschwundenen Ereignissen neue Züge hinzu, verbesserte sie und gab ihnen unaufhörlich, je nach Bedürfniß, Licht und Schatten. Das war meint einziges Vergnügen. Diesmal war es ein unbedeutender Vorfall aus meiner frühesten Kindheit, der mir ins Gedächtniß aus der fernen Zeit, als ich neun Jahre zählte, kam. Ich glaubte ihn vergessen zu haben. Doch zu jener Zeit waren es namentlich die Erinnerungen meiner ersten Kindheit, die ich mir gern zurückrief. Ich dachte an unser Dorf. Es war an einem Augusttage. Ein trockener, klarer, etwas kalter Tag; es wehte ein scharfer Wind. Der Sommer ging zu Ende, und wir sollten bald nach Moskau abreisen; einen ganzen Winter mußte ich mich wieder mit dem Studium der französischen Sprache abquälen. Wie leid that es mir, daß ich das Land ver= lassen sollte! " Ich begab mich hinter die Scheune, sprang in den Graben und stieg den„ Lost“ hinan.( So nannte man bei uns einen dichten, auf der anderen Seite des Grabens belegenen Hochwald, der sich bis zu einer Lichtung hinzog.) Ich dränge mich nun in das dichteste Gestrüpp und höre in einiger Entfernung, etwa dreißig Schritt, auf dem Felde einen Muschit, ber die Erde bebaut. Ich weiß, er arbeitet auf dem Abhang eines Hügels und sein Pferd muß es beim Pflügen recht schiver 178 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. haben. Von Zeit zu Zeit höre ich den Ruf:„ Hüh, hüh!" Ich kenne fast alle unsere Muschiks, doch ich weiß nicht, welcher in diesem Augenblick pflügt, und außerdem ist es mir auch gleichgültig. Ich bin von meiner Beschäftigung ganz und gar in Anspruch genommen; denn auch ich arbeite. " Ich schneide mir eine Ruthe aus Nußbaumholz, um die Frösche damit zu schlagen. Die Nußbaumruthen sind so hübsch und biegsam. Das ist ganz etwas anderes, als die aus Fichtenholz. Die Krabben. und die Kröten und die Maifäfer interessiren mich; ich habe eine Sammlung und sehr schöne Eremplare" darunter. Auch die kleinen, flinken Eidechsen, mit der schönen gelblich rothen Farbe und den kleinen Flecken habe ich gern. Nur vor den kleinen Schlangen habe ich Furcht. Glücklicher Weise sind die Schlangen weit seltener als die Eidechsen. Es giebt wenig Pilze im Walde; unter den Fichten wachsen fie; dorthin will ich gehen. Ich liebe nichts so sehr auf der Welt als den Wald mit seinen wilden Früchten, seinen Käfern, seinen kleinen Vögeln, seinen Igeln und seinen Eichhörnchen und diesem süßen, weich lichen Duft fahler Blätter. Noch in der Stunde, da ich diese Seiten schreibe, fühle ich diesen Duft unserer ländlichen Fichten. Solche Eindrücke verfolgen uns durchs ganze Leben. " Plötzlich vernehme ich, mitten im tiefsten Schweigen, flar und deutlich den Ruf:„ Der Wolf! der Wolf!" Ich stoße einen Schrei des Entseßens aus, außer mir vor Angst, laufe ich, fortwährend schreiend, auf den Muschik zu, der noch mit Pflügen beschäftigt ist. Es war unser Muschik Marey. Hieß er wirklich so? Wenigstens nannte ihn alle Welt so; ein Muschif von fünfzig Jahren, start, groß von Gestalt, mit vielen weißen Haaren in seinem langen dunkelblonden Bart; das war Marey. Ich kannte ihn sehr gut, doch bis dahin hatte ich noch nie mit ihm gesprochen. Als er mich schreien hörte, hielt er sein kleines Pferd an. Bald stand ich neben ihm und flammierte mich mit der einen Hand an seinen Aermel und mit der anderen an den Karren. Er bemerkte mein Gutsezen. " Der Wolf!" rief ich, ganz athemlos. Er erhob schnell den Kopf und blickte sich un= willkürlich um, denn er glaubte mich wirklich verfolgt. Wo denn?" " " Man hat gerufen. der Wolf!" stammelte ich. " Was hast Du denn? was hast Du denn? Was für ein Wolf? Wie kann denn ein Wolf hierher kommen?" fragte er, seine Stimme mildernd, um mich zu beruhigen. Doch ich zitterte noch immer und klammerte mich noch stärker an seinen Kaftan. Ich mußte wohl sehr bleich ausschauen. Er betrachtete mich aufmerksam und schien besorgt, daß ich mich in so aufgeregtem Zustande befand. Dich doch nicht vom Wolf packen lassen," fügte er mit seinem seltsamen mütterlichen Lächeln hinzu. Christus beschütze Dich! Geh!" " Er machte das Zeichen des Kreuzes über mich und befrenzigte sich dann selbst. Ich ging, wandte mich aber alle zehn Schritte um, und so lange ich noch zu erblicken war, so lange blieb Marey unbeweglich bei seinem Pferde stehen, er sah mir nach, wie er es mir versprochen hatte, und nickte mir, wenn ich mich unwandte, mit dem Kopfe zu. Ich schämte mich ein wenig wegen meiner Furcht, das gestehe ich offen ein. Troßdem aber war sie noch nicht ganz vorüber. Sie hörte vollständig erst in dem Augenblicke auf, als ich das audere Ende des Grabens, ganz in der Nähe des ersten Gebäudes, erreichte. Dort fam unser Wachhund Woltschok auf mich zugelaufen. Mit Woltschof zur Seite war ich ganz beruhigt. ganz beruhigt. Nun drehte ich mich zum letzten Male nach Marey um. Ich konnte sein Gesicht nicht mehr unterscheiden, doch ich errieth, daß er mir noch immer mit dem Kopfe zunickte und zärtlich lächelte. Ich machte ihm ein Zeichen mit der Hand, er antwortete mir ebenso und peitschte auf sein Pferd los... Wieder hörte ich in der Ferne: Hü! hü! und das kleine Pferd begann von Neuem, den Pflug zu ziehen... Woher kam mir plößlich diese Erinnerung? Wer weiß es. Die einzelnen Punkte traten mit er= staunlicher Klarheit vor mich hin. Ich richtete mich auf meiner Pritsche auf und erinnere mich, das Lächeln über diese süßen Reminiscenzen ziemlich lange auf meinem Gesicht bewahrt zu haben. Dann wollte ich noch ein Weilchen die von dieser Stunde meiner Kindheit in meinem Gedächtniß zurückgelassene Spur verfolgen. Als ich Marey verließ, hütete ich mich wohl, mein Abenteuer irgend Jemandem zu erzählen. Und was für ein Abenteuer! Uebrigens vergaß ich Marey bald. Oft traf ich ihn in der Folgezeit, doch ich machte keinen Versuch mehr, mit ihm vom Wolf, noch von irgend etwas Anderem zu sprechen. Und jetzt plötzlich erinnerte ich mich in Sibirien, nach zwanzig Jahren an diese Begegnung mit einer seltsamen Klarheit bis zum kleinsten Punkte. Wieder sah ich das zärtliche, mütterliche Lächeln eines armen leibeigenen Muschit, seine KreuzesJemand hat gerufen: zeichen, wieder hörte ich sein Nein, was der Kleine für Furcht hat!" Und ganz besonders sah ich den dicken, mit Erde beschmierten Finger, mit dem er mit schüchterner Zärtlichkeit und dabei so sanft und lind meine zitternden Lippen berührt hatte; allerdings ist Jedermann geneigt, ein Kind zu beruhigen. Doch bei diesem Zusammentreffen lag die Sache doch wohl ganz anders. Ich hätte sein eigener Sohn sein können, er hätte mich nicht zärtlicher und liebevoller ansehen können. Und was veranlaßte ihn dazu? Er war unser Leibeigener und ich war doch immerhin sein kleiner Herr. Niemand konnte wissen, wie gut er zu mir gewesen war. Eine Belohnung hatte er nicht zu erwarten. Vielleicht liebte er die kleinen Kinder; das ist möglich. Auf jeden Fall fand die Begegnung auf einem öden, weiten Felde statt, und Gott allein konnte von oben herab sehen, von welchem tiefen Gefühl menschlicher Zärtlichkeit, von welcher feinen, und fast weiblichen Zärtlichkeit das Herz eines leibeigenen, plumpen und wilden Muschits erfüllt, der damals keine Ahnung davon hatte, daß er bald freigelassen werden würde. ,, Ach, wie er sich fürchtet! Ach Gott!" meinte er, den Kopf schüttelnd. Muth, mein Kind! Muth, Kleiner!" Er streichelte mir die Wange und fuhr fort: " Beruhige Dich doch. Christus verläßt Dich nicht. Mache das Zeichen des Kreuzes." Doch ich konnte nicht das Zeichen des Kreuzes machen. Meine Lippen zitterten, und das schien ihn am meisten zu beunruhigen. Er streckte langsam seinen dicken, ganz mit Erde bedeckten Finger mit einem ganz schwarzen Nagel aus und berührte leicht meine Lippen. " Siehst Du, so!" Dann sah er mich mit einem langen, fast mütterlichen Lächeln an. „ Mein Gott! aber was ist denn? So beruhige Dich doch!" Endlich begriff ich, daß gar kein Wolf da war und daß der Ruf, den ich gehört, einfach eine Täuschung des Gehörs gewesen.( Ich hatte schon öfter ähnliche Laute gehört. Später verschwanden diese Hallucinationen mit der Kindheit.) ,, Nuu gut, ich gehe!" sagte ich, ihn mit schüch= ternem und fragendem Blicke ansehend. " Ja, geh! Ich werde Dir nachsehen. Ich werde Als ich mich von meiner Pritsche erhob, warf ich einen Blick auf meine Umgebung und fühlte plößlich, daß ich diese Unglücklichen jezt ganz anders betrachten konnte, als ich es vor einigen Minuten gethan hatte; durch eine Art Wunder waren der Haß und der Zorn vollständig aus meinem Herzen entschwunden. Ich ging einige Schritte und be= trachtete die Gesichter, auf die mein Blick fiel. ,, Dieser da," so dachte ich,„ dieser rasirte Muschik, dieser betrunkene Paria, der sein Lied mit so heiserer Stimme brüllt, ist vielleicht Marey! Und wenn ich in seinem Herzen wühlen könnte Am Abende traf ich wieder Melawsky und be= flagte ihn. Er hatte keinen Marey in seiner Erinnerung und sein Ausspruch:„ Ich hasse diese Banditen!" war ganz natürlich und verständlich. Und dann hatten diese Polen auch mehr gelitten, als wir... Die Nibilistin. Roman von Sonja Kowalewska. Aus dem Russischen übersetzt von Louise Flachs- Fokschaneann. ( Fortsetzung.) ür Wjera war der Schlag so unerwartet, so niederschmetternd, daß sie davon ganz be= täubt war und nicht auf einmal die ganze Da man Tiefe ihres Unglücks erfassen konnte. Wasilzew ihr ganz, für immer wegführte dieser Gedanke war so unfaßbar schrecklich, daß er in ihrem Kopf garnicht Platz fand. Was nach seiner Abreise geschehen würde, daran dachte sie nicht. Dieses Später" fam ihr wie ein schwarzer, bodenloser Abgrund vor, in den man ohne Schwindel nicht einmal blicken konnte. Gegenwärtig bestanden ihre Besorgniß und dringendste, quälendste Angst Hauptsächlich darin: daß er nicht etwa verreise, ohne sich von ihr zu verabschieden. Ihn nur noch einmal sehen, wenigstens eine Stunde, eine Minute dann mag was auch immer geschehen! Es schien ihr zuweilen sogar, sie brauchten einander blos zu sehen, dann würde Alles wieder gut, dann ließe sich Alles auf die eine oder andere Weise wieder einrichten. All ihre Wünsche, all ihre Gedanken, all ihr Streben konzentrirte sich jetzt auf Eines: Ihn sehen! Aber eine Zusammenkunft zu veranstalten, war nicht leicht. Man hielt während dieser Tage Wasilzew selbst= verständlich in seinem eigenen Hause unter strenger Aufsicht der Gendarmen gefangen. Auch Wjera wurde scharf beaufsichtigt. Die ganze Familie hatte sie im Verdacht, daß sie einen verzweifelten Schritt zu begehen beabsichtige; deshalb wurde über sie eine Art Hausarrest verhängt. Tagsüber ließen die Mutter und Schwestern sie nicht einen Schritt allein thun; mit der Bewachung während der Nacht war Anisja beauftragt. Zwei Tage waren bereits verstrichen und es war Wjera, so sehr sie auch ihren Geist anstrengte, noch immer nicht gelungen, heimlich das Haus zu verlassen. Sie hatte nicht einmal die kleinste Nachricht von Wasilzew, da der Dienerschaft der strengste Befehl gegeben worden war, selbst einen Hund vom Nachbargut nicht in den Hof einzulassen. Es blieb blos noch eine Nacht. Morgen mit ist Tagesanbruch wird er weggeführt und dann Alles zu Ende. Bei dem Gedanken daran glaubte Wjera wahnsinnig zu werden. ,, Anisja, meine Theuere, Täubchen! Laß mich zu ihm! Für ein Stündchen, ein Stündchen! Niemand wird es erfahren!" flehte sie die ihr zuge= theilte Dienerin an. " Was fällt Ihnen ein, Fräulein! Daran dürfen Sie nicht denken!" Anisja erschrak darüber und wehrte sogar mit den Händen ängstlich ab. ,, Anisja, erinnere Dich an Deine Jugend! Du haft mir selbst oft erzählt, wie schwer Ihr es früher, zur Zeit der Leibeigenschaft hattet. Und bedenke doch für Euch, für die Bauern leidet doch Stepan Michailowitsch!" " Ach, mein armes Fräulein, sprechen Sie garnicht! Ich weiß es selbst, daß der Nachbar ein guter Herr war. Und uns Dienstboten thut er leid, glauben Sie es nur, bis zu Thränen leid! Und auch Sie, Fräulein, bedauern wir. Das wird aber ein Pärchen sein, dachten wir. Oft genug freuten sich unsere Herzen, als wir Euch ansahen! Aber was läßt sich thun! Des Herrn Wille!... O, mein liebes Fräulein, was fällt Ihnen ein! Sie haben den Verstand verloren, Täubchen! Sie wälzen sich zu meinen Wjera hatte Füßen, vor der niedrigen Dienerin!" sich in ihrer Verzweiflung vor Anisja auf die Knice geworfen und füßte ihr die Hände. Anisja, wenn Du mich nicht fortläßt, so wisse, daß Du mein Leben auf Deinem Gewissen hab: 11 wirst. Hier... das Kreuz, daß ich Hand an mich Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. lege, wenn es mir nicht gelingt, ihn vor seiner Abreise zu sehen." Anisjas Herz war nicht von Stein. Unter vielen Seufzern, mit vielem Jammer versprach sie endlich, das Fräulein etwas später, wenn sich Alles im Hause zur Ruhe begeben wird, durch das Hinterthor hinauszulassen. Es war bereits Nacht, als sich Wjera in Anisjas Kleidern, einen schwarzen abgetragenen Shawl über dem Kopf, aus dem Hause stahl. In den letzten Tagen war es wieder kälter geworden, und obgleich tagsüber die Sonne heiß brannte, erhob sich gegen Abend sogar ein leichter Frost; die Pfügen auf dem Wege waren von einer dünnen Eiskruste bedeckt, die unter Wjeras Füßen fuisterte. Ein leiser Schauer lief durch ihre Glieder. Da der Bach, der die beiden Güter von einander trennte, jest tobend aus den Ufern trat, konnte man nicht den gewöhnlichen Weg über den Abhang nehmen und mußte einen Umweg von zwei Werst machen. Niemals bisher war Wjera Nachts allein auf dem Felde gewesen. Der bekannte Weg kam ihr jetzt ganz anders als während des Tages vor. Alle Dinge hatten sich plötz lich verwandelt und waren nicht zu erkennen. Wjera schritt, ohne sich umzusehen, vorwärts. Sie empfand weder Furcht noch Aufregung; selbst die Trauer über Wasilzews bevorstehende Abreise legte sich. Leichter, aber nicht unangenehmer Kopfschwindel umhüllte wie mit einem Nebel ihre Sinne. Ihre Füße wurden mit einem Male so leicht. Sie fühlte nicht den Körper. Sie ging wie im Traum und erwachte knapp vor dem Thor des Wasilzewschen Hofes. Dort war Alles schon finster; man merkte, daß Alle bereits schliefen. Blos an einem Fenster schimmerte unter dem herabgelassenen Vorhang ein schwacher Lichtstreifen. Wjera klopfte ans Thor, zuerst leise, zaghaft. Niemand zeigte sich. Dann begann sie stärker und stärker zu pochen. Zwei Hunde sprangen beim Thor hervor und erhoben ein wüthendes, betäubendes Gebell. Endlich hörte man Schritte. Die verschlafenen Gendarmen, die nackten Füße in den Stiefeln, die Uniform nachlässig um die Schulter geworfen, famen mit Laternen herbei, das Thor zu öffnen. " " Was ist los? Wer treibt sich da Nachts herum?" brummte der Eine von ihnen verdrießlich.„ Eh! Eine Mamsell!" Sein Unwille verwandelte sich in Erstaunen. „ Ich muß zum Herrn!" sagte Wjera kaum vernehmbar. Sie zitterte am ganzen Körper, empfand aber keine große Furcht. Der Gendarm hob die Laterne hoch, damit das Licht gerade auf Wjeras Gesicht falle und begann sie unverschämt zu mustern, ohne sich gerade zu be= eilen. Wahrscheinlich ein Dienstmädel!" entschied er im Stillen, Sein Gesicht wurde heller und heller. " 1 „ Hör' mal, Schöne! Dir scheint der Weg zum Herrn in der Nacht sehr gut bekannt zu sein!" sprach er endlich lächelnd. Aber heute, siehst Du, wird es ein wenig schwer sein, zu ihm zu gelangen," fügte er hinzu, indem er plößlich den Ton veränderte und wieder mürrisch wurde. ,, Lassen Sie mich, um Christi Willen!" flehte Wiera. Den Worten des Gendarmen entnahm sie, daß man sie nicht zu Wasilzew lassen werde und fie wieder fort müsse, ohne ihren Freund gesehen zu haben. Ihre Stimme flang so flehend, so verzweifelt, daß der Gendarm, von Natur dem weiblichen Geschlecht gegenüber schwach, nicht widerstehen konnte. Nun, uun, plärre nicht!" beruhigte er sie gut müthig.„ Werden sehen, womit wir dienen können aber dem Oberst muß es doch berichtet werden!" fügte er hinzu, indem er ein wenig überlegte. Er ließ Wjera ein, führte sie durch den Hof und hieß sie im Vorzimmer warten; er selbst ging hinter die Scheidewand zum Obersten, der sich schon zur Ruhe begeben hatte, bei dem Lärm aber erwacht war. Dieselbe entsetzliche Starre, dieselbe völlige Gleichgültigkeit gegen Alles, wie auf dem Wege hierher, bemächtigte sich wieder Wjeras. Ganz unbefangen hörte sie, wie der Gendarm seinem Vorgesetzten hörte sie, wie der Gendarm seinem Vorgesetzten meldete, daß Wasilzews Geliebte gekommen sei, sich von diesem zu verabschieden. Sie vernahm, wie der Oberst ein loses Späßchen auf ihre Kosten vom Stapel ließ und sich erkundigte, ob das Mädel auch sauber sei. Alles das streifte blos ihr Ohr und machte auf sie nicht den geringsten Eindruck, als ob es sie garnicht auginge. " Zum Teufel! Laß sie! Mag er sich zum letzten Male gütlich thun!" entschied endlich der Oberst. Der Gendarm öffnete die Thür zu den inneren Näumen und Wjera stürzte pfeilschnell hinein. " Sieh mal, welches Feuer!" sagte der Gendarm Aber höre einmal, Du, wie heißt Du, lachend. Herzchen? Und vergiß unser auch nicht ein andermal, wenn Dein Herzliebster verreist!" rief er ihr nach. Aber Wjera hörte nichts. Athemlos lief sie durch zwei, drei Zimmer, die sie von einer ge= schlossenen Thür trennte, durch deren Nizen ein schwaches Licht hervordrang. Wasilzew saß im Schlafzimmer, das ihm auch als Arbeitsraum diente. Er hatte sich noch nicht entkleidet und war mit dem Ordnen seiner Bücher und Papiere beschäftigt. Das geräumige Zimmer hatte jetzt jenes traurige, unordentliche Aussehen, das gewöhnlich vor einer Abreise zu bemerken ist. Im Winkel des schmalen Eisenbettes mit der zurückIm Winkel des schmalen Eisenbettes mit der zurück geschlagenen Decke waren Wäsche, Mappen und Hefte aufgestapelt. Papierschnitzel, zerrissene Briefe, alte Rechnungen lagen auf dem Boden umher. Zwei große Kisten waren mit Büchern vollgepfropft. Die kahlen Fächer längs der Wand sahen wie entblößte Sfelette aus. In der Mitte des Zimmers lag ein geöffnetes Felleisen, aus dem Wäsche, Kleider und ein Paar Schuhe hervorschauten. Als Wjera die Thür öffnete, überfiel sie zum ersten Male, seit sie von Hause fortgegangen war, eine so heftige Erregung, daß es ihr einen Augenblick vorkam, ihr Herz habe zu schlagen aufgehört. Sie blieb auf der Schwelle stehen und war nicht im Stande, einen Schritt nach vorwärts zu machen oder ein einziges Wort auszusprechen. Wasilzew saß mit dem Rücken gegen sie gekehrt, über den Schreibtisch gebeugt und war so sehr in seine Arbeit vertieft, daß er sogar das Knarren der Thür nicht bemerkt hatte. Als er sich aber im nächsten Augenblick zufällig umwandte und mit einem Male die bleiche, schlanke Erscheinung Wjeras in der Thür erblickte, drückte sein Gesicht kein Erstaunen, sondern blos eine unendliche Freude aus, als ob er sie erwartet habe und sicher gewesen sei, daß sie kommen werde. Er eilte auf sie zu und einige Sekunden standen sie einander gegenüber, indem sie sich schweigend ihre Hände drückten, wie wenn Beiden die Kehle durch einen Krampf zugeschnürt sei. Mit ersticktem Schluchzen trat Wjera endlich näher au ihn heran. Hinter der Thür hörte man ein Geräusch von Tritten. Man spürte plötzlich im Zimmer die unsichtbare Anwesenheit einer fremden Person. Ein nervöser Schauer, wie ein physischer Efel, lief Wasilzew über den ganzen Körper. Wjera, meine Freundin, beruhige Dich... um Gotteswillen! Wir sind nicht allein. Wir werden be! auscht. Lassen wir es nicht zu, daß sich diese Schurken an unseren Qualen ergößen," flüsterte Wasilzew zwischen den Zähnen. Seine ganze Selbstbeherrschung kehrte mit einem Male zurück. Er faßte sie an der Hand und setzte sich mit ihr auf den Divan, indem er einen ganzen Stoß Bücher zur Seite schob. Sein Gesicht war sehr bleich; um die Mundwinkel lief von Zeit zu Zeit ein Zucken, und blaue Adern schwollen ihm wie Strähne an den Schläfen auf. Aber er sprach dabei ruhigen, sanften Tones über nebensächliche Dinge. ,, Hier in diese Kiste, Wjera, lege ich die Bücher, die ich Ihnen zurücklasse. Ich habe mit Ihnen Spen.er zu lesen begonnen. Sie finden da einige Anmer= fungen mit Bleistift, die ich für Sie machte...." Sie saß unbeweglich, wie erstarrt, auf dem Divan; sie hielt ihre Hände so fest ineinander ge= preßt, daß sich die Fingernägel der einen Hand in die andere fest eingruben. Seine Worte gingen an ihr vorbei wie unflare Töne ohne bestimmten Sinn. 179 Wenn er sich mit einer Frage an sie wandte, antwortete sie mit einem mechanischen Kopfnicken oder einem leisen, traurigen Lächeln; zu sprechen entschloß sie sich nicht, da sie fühlte, daß sie beim ersten Wort in Schluchzen ausbrechen würde. Das Schlagen des Pendels der Wanduhr er= tönt gleichmäßig und dentlich. Eine große Hummel fliegt mit lautem, zeitweilig unterbrochenem Summen im Zimmer herum: einen Augenblick bleibt sie still, dann beginnt sie wieder voll Wuth an die Decke und das Fenster zu schlagen. Wjera hatte gleichsam das physische Gefühl, daß die Zeit wie eine Flüssigkeit aus einem gesprungenen Gefäß Tropfen um Tropfen verrinne: es bleiben immer weniger von den kostbaren Tropfen zurück. Die Trennung rüdt näher und näher, die Trennung für viele Jahre, vielleicht für immer. Und fein herzliches Wort, keine Zärtlichkeit. Wie Fremde sizzen sie einander gegenüber, und im anstoßenden Zimmer das leise Geräusch. Die Flamme der Stearinferze wurde auf einmal gelb, das Fenster mit dem herabgelassenen Vorhang, früher einem großen schwarzen Frack ähnlich, erhielt einen blau- violetten Schimmer. Draußen frähte Iaut der Hahn; die Sperlinge begannen zu zwitschern, die Kühe brüllten Alles die gewohnten Vorboten eines Frühlingsmorgens auf dem Laude. Eine kalte, stumpfe Verzweiflung beherrschte Wjera. Sie begriff jetzt, zum ersten Male vor der bevorstehenden Trennung, die ganze hoffnungslose Wirklichkeit. Bis nun lag noch immer zwischen ihr und dem Ende das erwartete Glück dieses letzten Wiedersehens; die unsinnige, unklare Hoffnung auf irgend etwas Unbestimmtes war so mächtig, daß sie den eigentlichen Gedanken an die Trennung ver= dunkelte; jetzt aber blieb garnichts mehr übrig. Alles war zu Ende. Wasilzew erhob sich vom Divan, zog den Vorhang in die Höhe und öffnete das Fenster. Die ersten Strahlen des herrlichen Frühlingsmorgens brachen garbenförmig herein. Licht, Lärm, FrühAlles lingsduft der Blumen, Frühlingslieder drang auf einmal freudig, triumphirend, grausam ein. Mit einer raschen, unwillkürlichen Bewegung schlug Wafilzew das Fenster zu und ließ das Nouleau herab. Er warf sich auf den Divan und Seine hohe, kräftige Gestalt schluchzte laut auf. bebte vor Schluchzen. Mit einem Saz war Wjera bei ihm; sie ließ sich zu seinen Füßen nieder und, sich mit ihrem ganzen Körper an ihn schmiegend, bedeckte sie ihn mit Küssen: Mein Lieber! Meine Freude! Reise nicht allein! Mein Leben! Nimm mich mit Dir!" " Wasilzew erdrückte sie fast in seinen Armen. Jezt dachte er nicht daran, sie zu beruhigen; er erwiderte ihre heißen Liebkosungen, er preßte sie immer stärker an sich; ihre Lippen begegneten sich zum ersten Male in einem langen, leidenschaftlichen Kuß. Plöglich kam Wasilzew zu sich. Nasch, fast brüst stieß er Wjera von sich, erhob sich und ging im Zimmer auf und ab. Allein vor dem Divan auf den Knien, weinte Wjera lange still und bitterlich. Als Wasilzew wieder auf sie zuging, war sein Gesicht plößlich wie nach einer langen, schweren Krankheit abgezehrt. " Wjera, mein Täubchen, vergieb mir!" hörte man seine Worte. Viel Kummer habe ich Dir verursacht, mein Armes! Wie soll ich Dich mit mir nehmen? Kann ich Dich frisches, junges Wesen an das alte, halbvollendete Leben fetten! Ja, selbst wenn ich wollte wird man das denn zulassen? Werden Dich denn Deine Eltern nicht mit Gewalt zurückbringen?" Seine Stimme war dumpf, gebrochen. Wjera weinte nicht mehr; sie wußte jest, daß thatsächlich das Ende für Alles gekommen war. Es war jetzt ganz hell geworden. An der Thür bernahm man rasches Klopfen. Der Gendarm fam mit der Meldung, daß in einer Stunde aufgebrochen werde. ,, Wjera, wird es für Dich nicht besser sein, jetzt zu gehen?" sagte Wasilzew mit leiser, dumpfer 180 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Stimme; aber sie schüttelte schweigend den Kopf, sie wollte bei ihm bis zu Ende bleiben. Eine seltsame Erstarrung, das Gefühl, als ob die Umgebung nicht eristirte, überkam sie wieder. Wasilzew ging umher und sprach gleichfalls wie im Traume.... Alle seine Hausgenossen, die alte Köchin, der Dorfälteste, die Bekannten unter den Bauern kamen nacheinander, um von ihm Abschied zu nehmen. Ins Zimmer tretend, befrenzten sich die Männer vorerst vor dem Heiligenbild, dann gingen sie auf den Herrn zu und füßten ihn, nachdem sie sich zuerst den Schnurrbart abgewischt hatten, dreimal erust, feierlich, als wollten sie eine religiöse Handlung vollführen. Einige Weiber mit den Kindern auf dem Arm standen vor dem Thor und drückten ihren Schmerz durch Weinen aus, ähnlich wie bei den Klagegesängen um einen Verstorbenen. Wjera sah mit trockenen Augen zu, wie diese Leute kamen, sprachen, seufzten, weinten; sie erschienen ihr wie Automaten, die eine wunderliche, verwickelte Vorstellung gaben. Der Gendarmerieoberst frühstückte im Nebenzimmer, indem er aus dem Fläschchen eifrig nachfüllte. „ Auch Ihnen, Bäterchen Stepan Michailowitsch, könnte es nicht schaden, wenn Sie sich vor der Reise stärkten!" sagte er mit gutmüthigem, aufmunterndem Tone. Durch die halboffene Thür warf er verstohlen einen neugierigen Blick auf Wjera keinen direkten Blick, da er vermuthlich errieth, daß sie feine gewöhnliche Dienstmagd sei. Das Dreigespann des Tarantaß fuhr bei dem Thore vor. Der Oberst setzte sich zu Wasilzew; einer der Gendarmen nahm auf dem Bock neben dem Kutscher Plaz, der andere blieb noch vor dem Hause zurück. He! Mit Gott!" Die Pferde zogen an und der Tarantaß fuhr, auf dem fumpfigen Weg sich wiegend, fort. Er verschwand bald bei der Biegung hinter dem Birkenwäldchen. Das Geflingel der Schellen wurde von Minute zu Minute schwächer. Endlich verhallte es gänzlich. Man hörte nichts mehr als die gewöhnlichen melodischen Töne des Frühlingsmorgens auf dem Lande. Wjera ging still, gesenkten Kopfes, ohne sich umzublicken, nach Hause. Die Blüthen der Ahlkirsche besäeten sie mit weißen Blättchen, große duftende Thautropfen fielen auf sie von den Zweigen herab. Ein junger Hase sprang über die Wiese, hockte sich auf einen moosbewachsenen Hügel und begann mit den Vorderpfoten zu trommeln, womit er die Häsin zu sich rief; aber als er plötzlich ein menschliches Wesen erblickte, legte er die langen Ohren zurück und entsprang mit einem Sazz in den Wald. Der Himmel funkelte und strahlte, wie wenn die Sonne sich in den azurnen Aether ergossen und das ganze Himmelsgewölbe überfluthet hatte. Aus der Höhe ertönte von einem kleinen schwarzen flatternden Punkte ein mächtiges Lied von Glück und Liebe, das die ganze Atmosphäre erfüllte.... VIII. Still und langfam verrinnt die Zeit. Tag auf Tag schleicht dahin, einförmig, schwer, von grauer, bleierner Schwermuth erfüllt. In der ersten Zeit nach Wasilzews Abreise war Wjeras ganzer Organismus von dem erlittenen ner= vösen Schlag derart erschüttert, daß sie selbst die große Trauer nicht empfand; jede Fähigkeit, voll zu leben und sich zu erregen, erstarb in ihr. Das vorherrschende Gefühl war eine tiefe, niederdrückende Erschöpfung. Ganze Tage verbrachte sie wie im Schlafe, der geringsten Gedankenthätigkeit unfähig. Es kam auch vor, daß sie mitten in einem Gespräch plößlich einschlief. In dieser seelischen Apathie tauchten für einen Moment gleichsam physische Erinnerungen an die letzten Minuten auf, die sie mit Wasilzew verbracht hatte. In ihren Ohren erklang seine weiche, zärtliche Stimme; auf den Lippen spürte sie noch etwas von dem glühenden Stuß. Ueber ihren ganzen Körper lief ein Schauer der Erregung. Und seltsam, nach jeder solchen Minute kam plötzlich über sie eine ge= wisse Beruhigung, die unerschütterliche Ueberzeugung: " So kann es nicht enden! Wir werden uns wiedersehen!" Die Zeit verging, und inzwischen kehrten ihre physischen Kräfte zurück und machten sie für tieferes Leid empfänglich. Mit der Wiederkehr zu der ge= wohnten Beschäftigung äußerte sich auch das Bedürfniß, Wasilzew zu sehen ein immer dringenderes und qualvolleres Bedürfniß, aus einer drei jährigen, täglichen Gewohnheit entstanden. Jede Kleinigkeit, jedes nichtige Ding erinnerte sie grausam an ihn; er hatte auf jeden Gegenstand ihrer Umgebung gewissermaßen seinen Stempel aufgedrückt; was sie auch thun, was sie beginnen mochte sie stieß unvermeidlich auf irgend Etwas, das lebhaft die Erinnerung an die Vergangenheit, an die glücklichen Minuten, an die kleinen bedeutungslosen Episoden erweckte, denen sie damals nicht die geringste Aufmersamkeit schenkte aber die Erinnerung daran steigerte jetzt noch ihre heiße, tiefe Verzweiflung. Am schlimmsten war das Erwachen am Morgen. Sie hatte jetzt so wunderliche, deutliche Träume: fie zärtliche Ergüsse; es war klar, daß Wasilzew sich vor Augen hielt, es könnte der Brief in fremde Hände gerathen. Allein nie hat wohl je der längste Brief, das leidenschaftlichste Schreiben eine größere Freude hervorgerufen, als dieses kleine Stück Papier. Wjera kam vor Glück beinahe um den Verstand! Wie es stets geschieht, wenn ein Mensch schon viel gelitten hat, so freute auch sie sich bei der ersten Erleichterung so sehr, daß es ihr vorkam, als sei Alles vorbei; der Schmerz als ob er niemals gewesen wäre. Das Wichtigste war, sie besaß Nachricht von ihm. Am schrecklichsten war ihr der Gedante gewesen, er sei plötzlich irgendwo zu Grunde gegangen, gleichsam unter die Erde verschwunden, so daß keinerlei Verbindung mit ihm zurückgeblieben. Jetzt zeigte sich doch wenigstens die Möglichkeit zum Briefwechsel, seine Abfahrt ward zu einer gewöhnlichen Abreise, die Trennung von ihm erschien wie eine vorübergehende Unannehmlichkeit, nicht mehr als solch ein niederdrückendes, aussichtsloses Unglück wie vorher. ( Fortsetzung folgt.) sah ihn so greifbar, so lebendig, fühlte mit ihrem Altes und Neues aus dem Reiche der Tonkunft. ganzen Wesen seine Nähe; und dann ging Alles so thatsächlich vor sich, war Alles mit einer Menge fleiner getreuer Details ausgestattet, gauz wie in der Wirklichkeit, daß es ihr sogar widerfuhr, im Traum voller Freude zu sagen: Nein, jezt ist das aber fein Traum! Jetzt ist es Wahrheit!" Und auf einmal, wie wenn der Schleier gerissen wäre, verwandelt sich Alles und verschwindet und zerriunt sofort, eine starke Erschütterung geht durch ihren ganzen Organismus, und es ist nichts mehr da; sie ist wieder allein, im Bett; wieder wird sie von dem qualvollen Bewußtsein ihrer Einsamkeit erfaßt. Wieder liegt sie da und windet sich und zerfließt in hoffnungslose Thränen. Und mit jedem Tage wird es ärger, die Schwermuth immer tiefer. Wjera hatte sich auch früher von ihren Hausgenossen ferngehalten, jezt aber wurden ihr die Gesellschaft der Schwestern, ihre kleinlichen Interessen, ihr leeres Gerede unerträglich. Alles erschien ihr farblos, abgeschmackt. Traf sie mit Jemand zusammen, so dachte sie blos daran, je rascher, je lieber davonzugehen; es schien ihr, sie müßte allein sein, um ernst denken zu können, nur wenn man sie in Ruhe ließ, begann sie wirklich auch sofort zu denken, rasch, leidenschaftlich zu träumen. Ihrer Phantasie erschienen die unsinnigsten Bilder: Sie hat so oft schon im Geiste die Szenen durchlebt, wie sie entflieht, nach Wasilzew sucht, wo immer es sei, auch auf dem Meeresgrund. Die Träume ver= schafften ihr für wenige Minuten Erleichterung, aber plötzlich taucht von irgend woher ein falter, ernichternder Gedanke auf:" Ich habe keine Kopeke Geldes und bis nach Wjatka sind es dreitausend Werst! Ja, und wohin gelangt man ohne Paß in Rußland? Von der ersten Station wird man per Etappe zurückgeschickt." Die Träume verflogen und ließen einen bitteren, widerlichen Nachgeschmack zurück. Nicht die kleinste begründete Hoffnung war vorhanden. blieb nur der vage Glaube an ein Wunder. && Anfangs, als der Schmerz sie überwältigte, stellte sich ein Gefühl der Empörung ein.„ Man kann nicht so leiden! Das muß ein Ende nehmen!" Allein das Ende kam nicht. Das Leiden wurde zur normalen, alltäglichen Sache. Nun vergrößerte sich bei jedem Parorysmus die verzweifelte Bitterfeit des Momentes noch durch die Erinnerung an das Gestrige und die Gewißheit, daß auch morgen dasselbe sein wird. Und da, als sich Wjera schon gänzlich der Hoffnungslosigkeit hinzugeben begann, als die trübe, stumpfe, bleierne Schwermuth zur beständigen Stimmung wurde, schimmerte mit einem Male ein Strahl von Glück: sie erhielt von Wasilzew einen Brief. Er konnte ihr nicht in üblicher Weise durch die Post schreiben: die Briefe wären von der Polizei oder den Eltern unterschlagen worden; aber er richtete es so ein, daß er ihr die Nachrichten durch einen bekannten Kaufmann sandte, der mit Wjatka in Handelsbeziehungen stand. Der Brief war kurz, sehr zurückhaltend, ohne D Von Adolf Lubnow. I. Der moderne Gassenhauer. er bekannte Musikschriftsteller Eduard Hanslick theilt im fünften Bande seines Werks über die moderne Oper ein hübsches Wort des Aesthetikers F. Th. Vischer mit:„ Unter den Künſten zwingt die Musik am wenigsten, die Gedanken zusammenzuhalten, darum ist die Mehrzahl musikliebend. Alle Menschen sind eigentlich Wiener." Wenn dieser Ausspruch je Geltung gehabt hat, so trifft er für unsere unruhige, nervös überreizte Zeit zu. Dent weitaus größten Theil unseres Publikums, das sich nach dem erregenden Drängen und Hasten der Tagesarbeit nach einem Kunstgenuß sehnt, fehlt die Ruhe und Sammlung, sich in die Betrachtung eines Kunstwerks der Malerei oder Skulptur zu vertiefen oder bei der Poesie Trost und Erhebung zu suchen. Die genannten redenden und bildenden Künste ermöglichen eben keinen mühelosen Genuß, sondern verlangen redliche Hingabe und Anstrengung des Geistes. Anders die Musik. Ihre Kunstwerke fordern von der großen Menge ihrer Hörer feine Konzentration der Geistesfräfte auf ein bestimmtes, scharf umrissenes Objekt: bei dem bunten, ewig wechselnden Spiel der Töne bleibt es den Gedanken unverwehrt, nach Gelüst spazieren zu gehen und in den schillernden, gaukelnden Toureihen immer von Neuem die wonnigsten Bilder und Vorstellungen auftauchen und verschwinden zu sehen. Die Mehrzahl unseres musikliebenden Publifums fühlt sich, wie Guzkow einmal impertinent treffend von sich sagt, von der Musik lediglich anMan vergenehm hinter die Ohren gefrabbelt. gleiche nur das Verhalten des Publikums in einer Gemäldegalerie oder bei einer ernſten dramatischen Vorstellung mit dem Gebahren des größten Theils unserer Konzert- und Opernbesucher. Hier andachtsvolles Schweigen und ernſtes Bemühen einer kleinen Gemeinde, in den Geist des Kunstwerks einzubringen, dort fröhliches Plaudern und heiteres Schwelgen im mühlosen Genuß einer dichtgedrängten Menge. Die Musik hat sich längst zur allgewaltigen Alleinherrscherin in unserem Kunstleben aufgeschwungen. Das Klavier hat sich auch in der bescheidensten Behausung Eingang zu verschaffen gewußt, ein unentwirrbares Netz von Musikvereinen jeder Art spannt sich über die Länder, und in allen unseren größeren Städten ist die Oper das verhätschelte Schooßkind Aller geworden, während sich das gesprochene Drama allmälig in die Rolle des Aschenbrödels hat finden müssen. Der rasche und glänzende Sieg der Musik im Wettstreit der Künste, der sie zu einer Großmacht gemacht hat, deren Einwirkung wir uns in feiner Lebenslage zu entziehen vermögen, hat einmal eine ins Ungemessene gesteigerte Produktion auf dem Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. musikalischen Markt, dann aber auch eine unendliche Fülle und Mannigfaltigkeit der musikalischen Kunstformen erzeugt. Die Zahl der Formen in der älteren Vokal wie Instrumentalmusik ist bis in unser Jahrhundert hinein eng begrenzt. Mit der gegangen ist, ohne der Komposition die Wege in neue, unbekannte Gebiete zu bahnen. Als die beiden Kunstformen, die die Grenzsteine in der unendlichen Spezialisirung in der musikalischen Produktion bezeichnen, dürfen wir wohl heute das 181 unedlen Instinkte und den lärmenden Beifall des Gassenpöbels spekulirt. Es ist schwer, den Begriff des Gassenhauers in furzer, erschöpfender Definition niederzulegen. So jung der moderne Gassenhauer ist wir sprechen nur von diesem, und lassen den wachsenden Bedeutung und Popularität der Tonkunst erschließen sich ihr jedoch in rascher Folge immer neue Ausdrucks- und Schaffensgebiete. Es sei hier nur, um eine einzige, dazu eine der komplizirtesten Kunstformen herauszugreifen, an die letzten hundert Jahre in der Geschichte der Oper erinnert, an der in diesem Zeitraume tein Jahrzehnt vorüberMusikdrama oder, wenn wir von der musikalischdramatischen Kunst absehen, die sinfonische Dichtung, und andererseits den Gassenhauer nennen. Hier das reichste Prachtgewand, in das der musikalische Künstler seine tiefsten und hehrsten Gedanken zu kleiden vermag, dort das Bettlerkleid, in das sich kleiden vermag, dort das Bettlerkleid, in das sich eine entartete Kunst hüllt, die nur auf die rohen, von ihm grundverschiedenen Begriff des Gassenhauers in der älteren Musik gänzlich bei Seite so hat er doch schon eine so stattliche Reihe von Wandlungen durchgemacht und so verschiedenartige„ poetische" und musikalische Elemente in sich aufgenommen, daß eine knappe, erschöpfende Definition fast unmöglich erscheint. Immerhin ist allen diesen entarteten Kindern Pfingstmorgen. Von O. Ahrweiler. 182 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. der Muse Eines gemeinsam: eine bald in sentimentaler Gefühlsduselei, bald in roher Laszivität schwelgende dichterische Unterlage, der eine lüderliche, bis zur Trivialität einfache, aber darum sich dem Ohr sofort einprägende, zumeist rhythmisch prägnante und daher vorzugsweise sich in Tanzformen bewegende Komposition entspricht. Aus der gehaltlosen, aber Aus der gehaltlosen, aber sinnfälligen und markanten Melodik des Gassenhauers erklärt sich seine ungemein schnelle Verbreitung und Popularität, aus der starken Betonung des rhyth= mischen Elements, seine stets mangelhafte Dekla= mation und die Inkongruenz zwischen Wort- und Tonaccent. Der Gassenhauer bedarf durchaus nicht der Mitwirkung der menschlichen Stimme, um seine volle Wirksamkeit in den Kreisen, in denen er sein Publikum sucht, auszuüben. Schon an dieser Stelle sei als überaus charakteristisch für das eben gedachte Moment ein hübscher Scherz aus einem der älteren Jahrgänge des„ UI*" angeführt: eine Deputation von Berliner Schusterjungen entbietet Ludolf Waldmann, dem bekannten Großmeister der Berliner Gassenhauerkompositeure, im Namen ihrer Berufsgenossen ehrfurchtsvollen Gruß und erklärt feierlichst die Kleine Fischerin" für die„ pfeifbarste" Melodie. Der moderne Gassenhauer, wie er uns in Gestalt von unzähligen" pfeifbaren" Melodien aus jedem Winkel, aus jeder Gasse entgegenschallt, ist ein Produkt der neuesten Zeit, der letzten drei Jahrzehnte. Daß einzelne Gesangsmelodien bereits in weit früherer Zeit allgemeine Popularität erlangt haben, ohne, was das Entscheidende ist, Volkslieder im eigent lichen Sinne dieses Wortes zu werden, ist freilich nichts Neues. Eine durchaus nicht geringe Anzahl von Melodien aus den Werken unserer Klassiker ist dem musikalischen Hausschatz unserer Vorfahren einverleibt und aller Orten gesungen und geträllert worden, ja, hat sogar auf dem Wege mechanischer Vervielfältigung weiteste Verbreitung ge= funden. Das Briefduett aus" Figaros Hochzeit" und das Duett: Bei Männern, welche Liebe fühlen" aus der„ Zauberflöte" sind Mozartsche Melodien, die gleich nach ihrem ersten Bekanntwerden, losgelöst vom verbindenden Bande der Opernhandlung, Eigenthum der gesammten musikliebenden Welt geworden sind. Wie sehr in den zwanziger Jahren ganz Berlin im Banne des:" Wir winden dir den Jungfernfranz" aus dem Weberschen Freischütz" stand, hat H. Heine in seinen Reisebildern überaus ergötzlich geschildert. Selbstverständlich haben diese Melodien mit dem modernen Gassenhauer nichts als ihre PopuIarität gemein. Eine weit nähere, bedenkliche Verwandtschaft mit unserem Gassenhauer zeigen gewisse Säße der Meyerbeerschen und der modernen italienischen Oper. Als in allen deutschen Gauen populärste Opernmelodie kommt in der Zeitfolge dem Weberschen Brautlied die als Gassenhauer geradezu prädisponirte Siziliana: Ach, das Gold ist nur Chimäre" aus der Meyerbeerschen Oper Robert der Teufel" am nächsten. Rein musikalisch betrachtet Vollblutgassenhauer, der sich auch in unserer Reichshauptstadt darum eine ungeschmälerte Popularität bis heute bewahrt hat, ist der Schattentanz aus der Oper„ Dinorah" desselben Tondichters, an dem sich der Berliner Volfswig in einer Unzahl von der Melodie mehr oder weniger entsprechenden Tertunterlagen erprobt hat; noch heute wird die grausame Melodie in Berlin nach den Worten: " Auf einem Omnibus Saß ein Mechanikus, Der hatt' Lackstiebeln an 2c. gesungen. Als die Meyerbeersche winselnde und abgehackte, aber nicht mit Unrecht auf den Ohrenkizel des musikalischen Pöbels spekulirende Melodik ihren Vernichtungszug durch die nachroſsinische italienische, namentlich Verdische Oper angetreten hatte, war der Boden für den modernen Gassenhauer, was das spezifisch Musikalische anlangt, bereits vollauf geebnet. Die lüderliche Polka- Mazurka- Kanzone: Ach, wie so trügerisch" aus Verdis Rigoletto", die sich bis heute einer beispielslosen Popularität erfreut und noch immer eine der dankbarsten Nummern auf dem Repertoire unserer Leierkastenmänner bildet, ist, um nur ein Beispiel namhaft zu machen, gewiß nicht " " spurlos an der Bildung des musikalischen Geschmacks unseres Publikums vorübergegangen. Der entscheidende Anstoß fam jedoch von anderer Seite. Das deutsche Volkslied hatte, befruchtet von der Liedkomposition unserer großen Romantiker, namentlich Schuberts und Webers, in den ersten vier Jahrzehnten unseres Jahrhunderts eine erfreuliche Nach blüthe gezeitigt, der freilich kein langes Dasein beschieden war. Die allgemeine Verflachung und Verrohung des musikalischen Geschmacks, die mit den schnellen Siegeszuge der neueren italienischen Oper schnellen Siegeszuge der neueren italienischen Oper durch Deutschland eintrat, blieb nicht ohne Rückwirkung auf die Liedkomposition. Die weichliche, schmachtende, aber doch noch vielfach edle und origi= nelle Melodik Bellinis und Donizettis wurde unter den Händen Abts, Kückens, Prochs, Gumperts und so mancher anderer einst hochgefeierter Liedkomponisten zur unleidlichen Sentimentalität und krassen nisten zur unleidlichen Sentimentalität und krassen Trivialität. Und als vollends die moderne Operette, die Schöpfung des leichtfertigen und frivolen, aber immer geistreichen und originellen Spötters Offenbach, über die Grenzen Frankreichs hinaus drang und in den weitaus meisten der wie Pilze nach dem Regen emporschießenden deutschen Singspiele eine maßlose Verwässerung und Karrifirung fand, waren die weitesten Kreise des Volkes der einfachen und kräftigen Nahrung der alten und neuen Klassiker überdrüssig und dem Gassenhauer der Weg gebahut. " Die große Mehrzahl der in den beiden letzten Jahrzehnten populär gewordenen Gassenhauer stammt aus Berlin. Nicht nur für das moderne Schauspiel, sondern auch für den modernen Gassenhauer ist es längst zum guten Ton geworden, seine Feuertaufe in der Reichshauptstadt zu erhalten. Dazu ist ein großer Theil der ersten Gassenhauer direkt Operetten, die ihre Zugkraft gleichfalls zuerst in Berlin zu be= währen pflegen, entnommen. Zuerst war es die banale, aber einschmeichelnde Melodik gewisser Operettenstellen, die ihnen zu schneller Popularität erst in der Hauptstadt, dann in den Provinzialstädten, dann im ganzen Lande verhalf. Dann aber begann der Volkswiß, der zumeist saft- und kraftlosen Diktion der Operettenterte überdrüssig, für seine Lieblingsmelodien Operettenterte überdrüssig, für seine Lieblingsmelodien eigene Tertunterlagen zu schaffen. Dem Gaseigene Tertunterlagen zu schaffen. Dem Gasparonewalzer wurde durch den„ Koaksmann" ein unverfälschtes Berliner Kolorit verliehen, der Madonna Teresa aus Dellingers Don Cesar" wurde flugs in einer stattlichen Anzahl von Parodien statt der spanischen Mantille das Mäntelchen der Berliner Konfektioneuse umgehangen. Ein großer Theil der populärsten Gassenhauer, die allmälig aus dem Nahpopulärsten Gaffenhauer, die allmälig aus dem Nahmen der Operette heraustraten und sich offen als Gesangswalzer und sonstige Tanzlieder gaben, hat Gesangswalzer und sonstige Tanzlieder gaben, hat freilich seinen ursprünglichen Charakter einer lüder lichen, verschwommenen Sentimentalität im leiernden Dreivierteltaft beibehalten. Da wird bald der„ himmelblaue See" angeschluchzt und beweglich darüber ge= flagt, daß er nicht„ Herzeleid und Weh" des Sängers kenne, bald wird mit Emphase versichert, wie süß" trene Liebe ist, bald das holde Liebchen zu„ süßen Träumen" aufgefordert, oder mit der Erzählung kurioser Träume unterhalten, in denen Elfen und Feen höchstpersönlich auftreten, von denen freilich Steine so wie sie" ist. Unter den Tageskomponisten hatte sich schnell eine besondere Spezialität von Gesangswalzern- und sonstigen Tanzliedkomponisten sangswalzern- und sonstigen Tanzliedkomponisten herangebildet, die ihr überaus einträgliches Geschäft zumeist in Kompagnie mit ihnen ebenbürtigen Dichtern betrieben. Die größte Beliebtheit und weiteste Verbreitung haben wohl die Kompositionen Rudolf För sters und des oben genannten Ludolf Waldmann erlangt. Allein die heute längst vergessene Kleine Fischerin" Waldmanns brachte ihrem Stomponisten das hübsche Sümmchen von achtzigtausend Mark ein. Mozart erhielt für den„ Don Juan" hundert Dukaten! Die große Mehrzahl der gegen das Ende der siebziger und den Anfang der achtziger Jahre kompoziger und den Anfang der achtziger Jahre kompo nirten Gaffenhauer trug, wie gesagt, sentimentalen nirten Gassenhauer trug, wie gesagt, sentimentalen Charakter. Entweder wurde das Mutterglück besungen, oder die Untreue der Geliebten beklagt, oder die holde Natur angeschwärmt. Gegen die Mitte der achtziger Jahre hin wurde das Repertoire bc= deutend reichhaltiger. In Sonderheit sind es jetzt gewisse Erscheinungen und Eigenthümlichkeiten des " " 1 " " 1 Berliner Lebens, die der tertlichen Unterlage der Gaffenhauer ein besonderes Gepräge verleihen. Diesem Genre gehören der noch heute bekannte ,, Nirdorfer" und die ebenso berüchtigte Holzauktion im Grunewald" an. Von derselben Zeit an beginnt sich der Gassenhauer auch mit gewissen Auswüchsen der Mode, die nirgends so sehr die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermögen, als in dem kritisch veranlagten, spottsüchtigen Berlin, zu beschäftigen. Das Leben des beneidenswerthen Gigerls wird zum Gegenstand eines flotten Marschkouplets, und als Pendant hierzu darf die durch eine Unzahl von Parodien und Variationen noch bekannter gewordene Gigerlkönigin gelten. Wohl den tiefgreifendsten Einfluß hat indeß auf die tertliche und auch musikalische Umgestaltung des Gassenhauers in den letzten zehn Jahren das Variété ausgeübt, das sich in dieser Zeit in unserem Kunstleben zu einer Großmacht heraugebildet hat, die in absehbarer Zeit in manchen Orten den Fortbestand der dramatischen Schaubühnen ernstlich ge= fährden dürfte. Entspricht doch nichts so sehr dem Ledürfniß des modernen Menschen nach erregenden, abwechselungsvollen Genüssen als gerade das Variété. Gesangsvorträge und Schaustellungen aller Art, Wunder- und Zauberspuk, dressirte Thiere, üppige Weiber das vermag auch den verwöhntesten Geschmack zu befriedigen, die schlaffsten Nerven zu kizeln. Das moderne Bariété ist, wenn auch nichts weniger als ein Kunsttempel, so doch die stolzeste und anspruchsvollste Vergnügungsstätte unseres Großstadtpublikums geworden, und nichts erinnert mehr an seinen Ursprung aus dem alten Tingeltangel, wie er heute nur noch an wenigen Crten, zumal in Norddeutschland, fortbesteht. Wo ist sie geblieben, die Zeit, in der aller Orten die Harfenistinnen im kurzen, verschossenen Kleidchen ihr Schleswig- Holstein meerumschlungen" und die Letzte Rose" sangen? An ihre Stelle ist die fesche Kostümsoubrette getreten, in deren Kehle der auf den Geschmack des Variété Publikums zugeschnittene Gassenhauer in unseren Tagen zuerst seine Zugkraft zu erproben pflegt. Die wenigsten Gassenhauer der letzten Jahre können ihren Ursprung, das moderne Variété, verleugnen: sie alle find den Kostümsoubretten unserer Variétés auf den Leib geschrieben und bauen ihre tertliche Unterlage auf mehr oder minder gewagten pifanten Situationen auf. auf. Eine kurze Wanderung durch das Repertoire unserer beliebtesten Kostümsoubretten, von denen so manche lediglich als Gassenhauersängerin einen über die Grenzen ihres engeren Wirkungskreises weit hinausreichenden Ruf erlangt hat es sei uur an die wird das Berlinerin Paula Menotti erinnert " " Gesagte bestätigen. Gesagte bestätigen. Welche Rolle gäbe einer nur einigermaßen in den Künsten raffinirter Spekulation auf die Sinnlichkeit des Publikums erfahrenen Variét sängerin willkommnere Gelegenheit, ihre körperlichen Reize in das rechte Licht zu setzen, als die im modernsten, dem des männlichen Modeferen nachgebildeten Kostüm, einhertrippelnde Gigerlkönigin? Wie kokett und verführerisch läßt sich nicht das Komplet von der direkt vom Souper kommenden Schönen vortragen, und welchen Effeft kann nicht das flüchtige, diskrete Enthüllen einer wohlgeformten Wade hervorrufen, wenn von dem bösen Tischnachbar erzählt wird, der das entschlüpfte Strumpfband wieder binden wollte, und noch dazu über dem Knie". Und muß es nicht die Nerven des blasir= testen Lebemannes unwiderstehlich fizeln, wenn ein in die Farbe der Unschuld gekleidetes Kind vom Lande verschämt vor die Rampen tritt und in treuherzigem Tone dem lieben Schaffner Vorwürfe macht, daß er sie nicht nach Amsterdam, sondern nach Berlin in eine geschlossene Gesellschaft gebracht habe, in der es nicht gerade fein, aber um so gemüthlicher zugeht. Die starke Wendung der Gassenhauer der letzten Jahre ins Pikante und Nerventi elude spiegelt sich auch vielfach in dem musikalischen Theil, in Sonderheit in der Rhythmik, wieder. Schon oben ist erwähnt worden, daß der moderne Gassenhauer sich zumeist in Tanzrhythmen bewegt. Bis gegen das Ende der achtziger Jahre herrscht das Walzertempo vor, dem zwar im Vergleich zu den meisten anderen Tänzen farbige, abwechselungsreiche Rhythmik ab Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. zugehen pflegt, aber dafür mehr sinnfällige, sich dem Ohr sogleich einschmeichelnde Melodik zu eigen ist. In der Folgezeit tritt das Polfa- und Rheinländertempo mehr in den Vordergrund, dessen scharf poin= tirte, rhythmische Einschnitte eher eine scharfe, deutliche Deklamation ermöglichen und zum Ausdruck überraschender, pikanter Tertwendungen, zumal im Refrain, vorzüglich geeignet sind. Als Muster einer derartigen beispiellos leichtfertigen, aber scharf pointirten und darum einen ausdrucksvollen Sprachgesang ermöglichenden, für das musikalisch ungeschulte Ohr wirkungsrollen Deklamation sei die Gigerlkönigin genannt. Wir sind am Ziele unserer Wanderung angelangt. Die Eindrücke, die wir auf ihr gewonnen haben, sind wenig tröstlich. Die musikalische Kost weitester Streise unseres Volkes ist herzlich fade und unschmackhaft, und doppelt trübe muß uns diese bedauerliche Thatsache stimmen, wenn wir bedenken, daß der Gassenhauer die einzige Brücke ist, die das Bedürfniß Unzähliger nach musikalischem Genuß mit der Tonkunst verbindet. Die Pflege des deutschen Volksliedes von der Hausmusik ganz zu schweigen ist längst im steten Rückgang begriffen, nicht zum mindesten deshalb, weil der veränderte Zeitgeschmack auch eine starke Rückwirkung auf die deutsche Liedkomposition ausgeübt hat. Auf welchem Wege und mit welchen Mitteln eine Besserung aller jener Streise unseres Volkes zu erhoffen ist, die ihr Kunstbedürfniß aus Mangel an gesunder, kräftiger Kost mit dem Abhub von der reichbesetzten Tafel der deutschen Tonkunst zu befriedigen genöthigt sind, soll an anderer Stelle in diesem Blatte dargethan werden. Pfingstplauderei. Von Detlev Roberty. nd als der Tag der Pfingsten, des Schabuoth, des jüdischen Ernte festes sich erfüllete, waren die Jünger des als Hochverräther und Gotteslästerer gefreuzigten Nazareners alle einmüthig beieinander. Und es erhob sich ein Brausen wie von einer gewaltig dahinfahrenden Windsbraut und er= füllete das ganze Haus. Den Jüngern aber war es, als sähen sie feurige Zungen, einer auf des anderen Haupt, und, ge= trieben vom Geiste, der in ihnen war, fingen sie an zu reden, ein jeder in einer anderen Zunge. Es war aber um diese Zeit viel Volks beisammen in Jerusalem, aus aller Herren Länder, und als es das Brausen vernommen hatte, eilte es herbei und war verwirrt, denn es hörte ein jeder seine eigne Sprache reden. Und es waren da beieinander Parther und Meder und Elamiter, und Leute, die in Pontus und Asien, in Egypten und Lybien wohnen, und Leute aus Rom und aus den Gegenden des Euphrat und Tigris, und alle standen da und fragten einer den anderen erstaunt:„ Was soll doch das bedeuten?" Andere aber machten sich lustig über sie und sprachen spöttisch:" Sie sind voll süßen Weines." * So etwa schiltert der Verfasser der Geschichte Der heiligen zwölf Apostel" die Gründung der Kirche, deren Anhänger sich Christen nennen. Und heute noch feiern diese in Dom- und Kirchenhallen die Ausgießung des Geistes, der die Anhänger des Nazareners hinaustrieb, aller Welt, allen Armseligen und Unterdrückten, allen Mühseligen und Beladenen die frohe Botschaft von der endlichen Erlösung und Befreiung zu verkünden. Das war vor nun bald zweitausend Jahren. Und heute?- Auch heute noch, auch noch im Jahre Eintausendachthundertsiebenundneunzig treibt Männer im Talare jener Geist, um von den Kanzeln und Altären die Botschaft jener Tage zu verkünden, zu ihren Glaubensidealen die Menschheit zu bekehren. Aber die Masse der Mühseligen und Beladenen, der Elenden und Unterdrückten, wo ist die geblieben? Strömt sie noch heute wie vor zweitausend Jahren, voll gläubigen Vertrauens den Kündigern Jahren, voll gläubigen Vertrauens den Kündigern der Christenbotschaft zu? Nein, nein, und sie wird es niemals wieder. Denn mit mächt'gem Brausen, gleich jener Windsbraut, von der der gläubige Chroniſt erzählt, ist längst ein neuer Geist ins Land gezogen, die Menschheit aufzurütteln, die Köpfe zu erhellen, mit Muth und Hoffnungsfreude die Herzen zu erfüllen. Und dieser neue Geist ist's, dem die Menge der Mühseligen und Beladenen allein vertraut. Mensch sein und leben, leben!" das ist der Sehnsuchtsschrei, der sich der Brust von Tausenden, Millionen hent entringt, und leben hier, auf dieser schönen Erde, die sich aufs Neue wieder in bunte Festgewänder kleidet, zu seligem Genießen der tausend Güter lockt, die Allmutter Natur in reicher Fülle unseren Augen ausgebreitet. Und so geplagt, ermattet und verhärmt auch die Millionen sein mögen, die heute noch unter schwerem Sklavenjoche seufzen, das Menschenthum, der Wille, als Mensch sich auszuleben, ist nicht ertödtet worden. So dünn das Blut auch sein mag, das den Gequälten noch durch Hirn und Adern kreist, es ist doch warmes rothes Menschenblut und anderer Art als das, das die Kanäle des weltentfremdeten, lebensfeindlichen Asketen durchrinnen mag. Aus dieser Erde quillen meine Freuden, Und diese Sonne scheinet meinen Leiden. Dies Denken und Empfinden ist es, das heute wieder mächtiger denn je die Welt beherrscht; und das sehnende Verlangen, sich diese Quellen zu er= schließen, aus denen erst noch wenige Mächtige selbst= süchtig unermeßlich schöpfen, das ist es, was den Unterdrückten Muth und Kraft verleiht zum Kampfe um die höchsten, edelsten Güter des Menschenlebens. Und dieser Kampf tobt noch, wogt heftig noch herüber und hinüber. Und wieder will es scheinen, als sollte doch der alte Feind das Feld behaupten. Schwer lastend ruht die Eisenfaust der Reaktion auf allen Landen, und finstere, mittelalterliche Gestalten und Gespenster gehen um. Sie schleichen durch die Säle der Gerichte, sie huschen über die öden Korridore der Gefängnisse, und in menschlichem Gewande siten sie neben uns am Tische, mit gierigen Ohren jedes Wort erlauschend, das über unsere Lippen tommt. Und während draußen Feld und Wald in zartem jungen Frühlingsgrün, in neuer Lebensfrische prangen, indeß ein warmer, blauer Himmel auf die Erde herniederlächelt, die Vögel, die einzig freien Sänger unserer Zeit, aufs Neue ihre fröhlichen Weisen rings ertönen lassen, sizt so manch anderer, der sist so manch anderer, der zu keck gesungen, der im Kampfe für einen neuen Frühling auch der Menschheit zu kühn des Geistes Schwert geschwungen, ein stiller Mann, einsam, verlassen hinter schwarzen Eisengittern. Und doch, so viele ihrer auch hinter den stummen, düsteren Mauern des Sterkers noch verschwinden werden, so rauh und fest die Hand der Mächtigen zufassen mag, der Mächtigen, die nichts vom Hauche einer neuen Zeit verspüren, die, gleich jenem übermüthigen Tyrannen von Babylon, nicht die Flammenzeichen ihrer Zeit zu deuten wissen, der Geiſt ist stärker doch als sie, ihn können sie nicht fesseln, nicht in Bande schlagen. Und gleich dem Geiste, von dem der gläubige Chroniſt der Geschichte der heiligen zwölf Apostel" Chroniſt der Geschichte der heiligen zwölf Apostel" zu erzählen weiß, der, einer Windsbraut gleich, das Haus der Jünger erfüllete, so fährt auch dieser Geist Haus der Jünger erfüllete, so fährt auch dieser Geist des ausgehenden Jahrhunderts mit mächtigem Brausen durch die Lande und packt und ergreift die Apostel des neuen Menschheitsevangeliums, daß sie laut und vernehmlich reden vor allem Volfe, und jeder in vernehmlich reden vor allem Volfe, und jeder in einer anderen Zunge. Und alle, als da sind Franken und Germanen, und Russen und Italiener, und Leute, die in Japan und Asien, im fernen Westen und auf den Inseln der heißen Meere wohnen, sie eilen herzu und hören ein jeder seine eigene Sprache. Andere aber, die nichts verstehen von diesem neuen Geiſte, sie spotten ihrer und sagen:" Sie sind voll süßen Weines." 183 Und wenige Jahrhunderte nach dem Tage, da in Jerusalem Parther und Meder und Elamiter und Leute, die in Pontus und Asien, in Egypten und Lybien wohnen, das neue Wort vernommen hatten, war eine alte Welt in Trümmer gesunken und eine neue Welt erstand an ihrer Statt. Deutsche Sprachbeluftigungen. Vierte Hampfel. Von Manfred Wittich. och ein paar Nedensarten, wenns gefällig ist, will ich den Lesern zu erläutern suchen, die so schlechthin wohl kaum Einem, der sie braucht oder der sie von Anderen anwenden hört, verständlich sind. Da hat der dumme Junge einen tollen oder ungezogenen Streich gemacht, so daß der Vater zornmuthig ein fühlbares Strafgericht zu halten sich anschickt. Da fällt ihm zu seinem Verdruß die sanftere Mutter des Uebelthäters in die Arme und er läßt von dem Delinquenten ab, indem er dazu brummt:„ Du mußt dem Burschen auch immer die Stange halten!" " Wir wollen unsere Leser nicht mit den vielen falschen Muthmaßungen und Erklärungsversuchen für diese sonderbare Redensart aufhalten, sondern ihm gleich die zweifellos richtige darlegen. Die Wendung ist dem Verfahren des gerichtlichen Zweikampfes entnommen. Bei demselben war jedem der Kämpfer ein Helfer beigegeben( wie man noch heute den Duellanten einen sogenannten Sekundanten zur Seite stellt), welcher die Aufgabe hatte, bei einem regelwidrigen Zwischenfall die Kämpfer zu trennen. Zu diesem Zweck ward ihm eine Stange, ein Baum" gegeben, welche er vor seinen Schußbefohlenen stellte oder hielt, wenn dieser etwa gestolpert und zu Fall gekommen war. Im Sachsenspiegel lautet die diesbezügliche Rechtsvorschrift: Ihr jeglichem( jedem der Zweikämpfer) soll der Richter einen Mann geben, der einen Baum trage.. ob ihr einer( wenn einer von ihnen) fällt, oder ob er gewundt wird oder des Baumes bittet( wenn er verwundet wird oder um den Schutz des Sekundanten durch den Baum bittet). In einer zu München gefundenen Handschrift wird dieselbe Sache beschrieben mit den Worten: Ihr jedwederen soll der Richter einen Mann geben, der eine Stange trage, die soll der über den haben ( halten), der da fällt usw." ( halten), der da fällt usw." Da haben wir die Wendung in voller lebendiger Klarheit! Der Sekundant hält seinem Schußbefohlenen die Stange! Er hat davon auch einen gut deutschen Namen, man nannte ihn Stanger oder Stängler. Der Familienname Stängler oder Stengler findet so seine lebensvolle Erklärung. Krieg und Kampfspiel lieferten überhaupt der Umgangssprache eine große Menge von bildlichen Ausdrücken und Wendungen aller Art. Auch vom Kampfspiel des Turniers her sind viele Redensarten entnommen; der oben angeführte Ausdruck Stängler wird bei Wilwolt von Schaumburg gebraucht von Sekundanten bei einem solchen. Vom Turnierplaz sind die Nebensarten entnommen: Für Einen in die Schranken treten, für Einen eine Lanze brechen, d. h. ihm geradezu die ganze Arbeit des Kampfes mit seinen Gefahren abnehmen, für ihn mit eigener, ganzer Person eintreten, ihn vertreten, wie man auch sagen kann. Vom Ueberwundenen im Wortgefecht oder im Rechtsstreite sagt man noch heute, er ward aus dem Sattel gehoben, auf den Sand gesezt, also schwebt dem bewußt das Bild anwendenden Redner ein Turnier zu Noß mit Lanzen vor, bei dem der Besiegte ganz wirklich durch den Lanzenstoß des Gegners genöthigt wird, den Sattel zu räumen oder sich in den Sand zu sezen. Dieselbe Sache, welche mit der Wendung: Einem die Stange halten, bezeichnet wird, kann man auch bezeichnen mit der anderen: Einem die Brücke treten. Rudolf Hildebrand erklärt die Redensart so, daß mit dem Treten die aufgezogene, den Zu 184 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. gang zur Burg schließende Brücke herabgelassen wurde durch einen Tritt. Er zieht den Mechanismus der Schlagbäume an Chausseehäusern und Ei enbahnübergängen zur Erklärung heran; er faßt die Brücke als den einen langen Arm einer Waage, deren furzer anderer, mit schweren Lasten dem langen gleichwichtig gemacht, durch einen leichten Druck des Thor oder Brückenwärtels bewegt, den ersten Arm, d. i. die Brücke zum Niedergehen(!) nöthigt. Dazu ist aber sicher nöthig, daß der Tritt einen Hebel in Bewegung setzt, der den beschwerten kurzen Arm zum Hochgehen, den anderen langen, die Brücke, zum Niedergehen bringt. Möglich, daß solche Mechanismen bestanden haben. Mir scheint eine andere Erklärung näher zu liegen. Jemandem die Brücke, sei es eine Waagbrücke oder, was wohl die häufiger vorkommende Form gewesen ist, eine Zugbrücke, gangbar machen kann man auch, indem man auf die Brücke selbst tritt und sie mit den Gewichte des eigenen Körpers in fester, gangbarer Lage hält. Nehmen wir an, ein Feind will in die Burg einreiten; da sucht sofort der Thorwart die Brücke aufzuziehen. Die Knappen und Fußkämpfer des Reiters aber erpassen den rechten Augenblick und treten auf die Brücke an dem nach außen liegenden Ende derselben, so verhindern sie das Aufziehen und der Reiter erreicht durch ihre Hülfe seinen Zweck, die übrigen stürzen im Sturme nach und ihr Gesammtgewicht macht es dem Thorwart erſt recht unmöglich, Brücke und Thor unpassirbar zu machen. Der oder Die, welche die Brücke treten, helfen Dem, für den sie sie treten, gegen eine andere Macht, gegen die Belagerten oder ihren Brückenwart. Dieses Moment der Hülfe gegen eine andere Kraft fehlt fast ganz bei der Eildebrandschen Auffassung, es sei denn, man nähme an, in der belagerten Burg sei ein Verräther, der dem Feind die Brücke tritt, d. h. gang ar macht und ihn einläßt wider den Willen des Playhalters. Viele Redensarten lassen recht wohl eine mehr fache Ursprungserklärung zu. Eine der Art ist die: Sich um des Kaisers Bart streiten. Hegel in seinem Buche: Wie der Deutsche spricht, erklärt sie: streiten um unnüße, geringfügige, nicht zu entscheidende, auch wohl garnicht vorhandene Angelegen heiten". Zur Entstehungsgeschichte führt er zwei Möglichkeiten an. Der Kaiser, um dessen Bart es sich handelt, sei nach der ersteren Karl der Große. Man habe sich nämlich um Echtheit von Urkunden gestritten, je nachdem das Bild des Kaisers auf dem Siegel desselben einen Bart gehabt habe oder nicht. In der That aber sind Bildnisse Karls mit und solche ohne Bart vorhanden; um die Echtheitsfrage also zu beantworten, müßte noch festgestellt werden, zu welcher Zeit die bärtigen und die unbärtigen Siegelbilder rechtliche Geltung hatten. Das aber wäre an sich unter Umständen je nach dem Belang der Streitfrage eben keine unerhebliche Kleinigkeit. Die andere Lesart über die geschichtliche Begründung der Redensart geht dahin, daß es sich bei ihr um die Frage gehandelt habe, ob die römischen Kaiser einen Bart getragen hätten oder nicht. Auch hier beweisen Büsten und Münzen altrömischer Kaiser, daß die einen der Bartmode, die anderen der Nasirmode, ja einzelne in verschiedenen Perioden ihres Lebens bald der einen, bald der anderen huldigten. Woher Geibel den Gedanken hat, in einem seiner Gedichte drei lustige Gesellen um die Farbe des faiserlichen Bartes streiten zu lassen, ist mir unbekannt. Wustmann zieht in seiner Bearbeitung und Erweiterung des Borchardtschen Buches:" Deutsche Redensarten" solche Wendungen aus fremden Sprachen heran, welche dasselbe besagen wie die deutsche von müssigent, nuglosem Streit um des Kaisers Bart. So das Streiten um den Schatten des Esels bei Griechen und Römern, das seinen Ursprung hat in einem alten Schwanf. Ein athenischer Jüngling hatte sich, wie die Anekdote meldet, zu einer Neise nach Megara einen Esel gemtethet und ging nun mit dem Thier und seinem Besizer seines Weges fürbaß. Als die Sonne sehr heiß zu scheinen begann, wurde der Esel an einen Baum gebunden, und nun stritten sich Vesizer und Miether des Esels um den Genuß des Schattens, den der angebundene Esel warf. Der Besizer erklärte, nur den Esel, aber nicht seinen Schatten mitvermiethet zu haben, während der Miether erklärte, für die Dauer des Miethsvertrages habe er den Esel sammt der Nußnießung, auch seines Schattens, erworben. Wieland hat in den Abderiten", einer Satire auf die deutsche Kleinstädterei und Philisterei, die Geschichte dieses Prozesses sehr ergößlich ausgesponnen. Bei den Römern wird solch müssiger Streit um Unerhebliches, ein Streit de lana capri, b. i. um die Haare des Ziegenbocks, genannt; genau ebenso sagen die Italiener: dispentare dèlla lana caprina, die Engländer: to content about a goats wool. ( Schluß folgt.) Aus dem Papierkorb der Zeit. Pfingstmorgen.( Zu unserem Bilde.) Fern dem Geräusch der Menschenwelt, breitet sich der einsame Weiher in behaglicher Ruhe vor unseren Blicken aus. Inmitten ausgedehnter, frühlingsgrüner Wiesen, von breiten, schattigen Laubbäumen eingefaßt, harrt er der Sonne, die in Kurzem die zarten Nebel ganz vom jungfräulichen Angesicht des jungen Morgens weggezogen haben wird, um dem vieltausendfältigen Leben, das in der Tiefe und auf der glatten Fläche webt, neues Licht zu spenden. Behaglich plätschern schon die Enten im kühlen Wasser, das breite, grüne Binsenflächen wie kunstvolle Teppiche bekleiden. Heute fühlen sie sich sicher, die bunten, schnatternden Sumpfbewohner, denn auch der Waidmann, der sonst vielleicht hier reiche Beute macht, läßt seine Büchse ruhig in der Ecke lehnen. Es ist ja Pfingsten heute, Pfingstmorgen! Da strömt Alles, was Beine hat, Groß und Klein ins Freie hinaus, um sich in der frischen, fühlen Morgenluft Herz und Geist gesund zu baden, des stillen Friedens sich zu freuen, der über der frühlingsgrünen, sonnigen Erde ausgebreitet liegt. Ob der Eine oder Andere auf seinem Spaziergang auch dem einsamen Weiher einen kurzen Besuch abstatten wird? Ich weiß es nicht. Aber nichts lohnt sich mehr, als die Natur gerade in ihren intimsten, stillsten Winkeln zu belauschen. Cäsarenwahnsinn. Jeder der verrufenen Despoten ( auf dem Kaiserthrone Alt- Roms) war einer eigenthümlichen Thorheit oder einem für ihn charakteristischen Laster ergeben. Caligula hielt sich für eine Gottheit, Nero glaubte ein Sänger von unvergleichlicher Begabung zu sein, Vitellius war ein ungemein leistungsfähiger Eßkünstler, Commodus, der Gladiator( Miethsschaufechter). Er ist 735 mal als Kunstfechter aufgetreten; diese Vorstellungen richteten den Staatsschap zu Grunde, denn er ließ sich für jedes Auftreten aus den für die öffentlichen Spiele ausgeworfenen Mitteln je 250000 Denare(= 207500 Mark) bezahlen, und da diese Kasse dadurch schnell erschöpft wurde, mußte man zu den Geldern des öffentlichen Schapes greifen. Diese Kämpfe waren für Commodus natürlich durchaus gefahrlos, denn sie wurden so eingerichtet, daß der kaiserliche Fechter von den Waffen seiner unglücklichen Gegner und Schlachtopfer nichts zu fürchten hatte. Ebenso konnte er unbedenklich mit den wilden Thieren kämpfen, die ihm oft nur in ihren Käfigen gegenüber gestellt wurden. Am liebsten spielte er den Gott Herkules, der für ihn allerdings nur die Gottheit der rohen Kraft bedeutete Er ließ die Kennzeichen dieses Gottes, Keule und Löwenhaut, vor sich her durch die Straßen tragen; im Theater stellte man diese Dinge auf eine vergoldete Stufe, so daß er sich ihrer zuweilen bedienen konnte. Zuweilen wurde er wahrhaft furchtbar: so ließ er einmal in Rom eine Menge Leute, die durch Krankheit oder auf andere Weise des Gebrauchs ihrer Füße beraubt waren, zusammenbringen, ihnen allerhand Schlangengestalten um die Füße winden, und gab ihnen dann Schwämme statt der Steine zum Werfen, damit sie sich wehren sollten, wenn er auf sie, als wären sie Giganten( schlangenbeinige Riesen, mit denen, nach der alten Götterlehre, Zeus zu kämpfen hatte), mit seiner Keule eindringen würde. Verse und Aussprüche von Giordano Bruno. Wie an Dunkelheit gewöhnte Verbrecher, welche, aus finsterem Burgverließ befreit, an das Licht heraustreten, so werden viele Anhänger der landläufigen Philosophie und manche Andere sich vor Dir scheuen, stugen, und aus Unfähigkeit, die neue Sonne Deiner hellen Gedanken zu ertragen, gegen Dich aufgebracht werden. Die Schuld liegt nicht am Licht, sondern an ihren Augen. Je schöner und herrlicher die Sonne an sich selber ist, um so verhaßter und widerwärtiger wird sie den Augen der Nachteulen. Es ist das Zeichen eines unsauberen Charakters, mit der Mehrzahl zu denken, blos weil es die Mehrzahl ist; die Wahrheit wird durch die Meinungen der Menge und die Behauptung Vieler doch nicht geändert, und Niemand sollte sich selbst deshalb für flug halten, weil er von Anderen dafür angesehen wird.... Wo es sich freilich nicht um Wahrheiten handelt, sondern um gesetzliche Institutionen, um Aeußerlichkeiten der Religionsfulte und um alles, was sich auf das Zusammenleben der Völker bezieht, da mag man immerhin soweit Gott selbst( für G. Bruno der Begriff für die höchste Einheit", das einzig Seiende", nämlich die Wahrheit) es uns erlaubt des Volkes Stimme für Gottes Stimme( also der Wahrheit Stimme) halten. " Schon Mancher, dem gestern noch drohte der Henker, Ward am folgenden Morgen des Staates Lenker. Der Geistespöbel. Fürwahr, Du bist sehr reich, denn Du empfindest Die Armuth Deines Geistes nicht; auch dies Will ich Dir zugestehn, Du bist gesund, Sofern Du selber keine Krankheit spürst. Der Reichthum. O Göttin des Reichthums, du bist es, um derentwillen das Urtheil hinkt, das Gesetz schweigt, die Weisheit verachtet, die Klugheit unterdrückt und die Wahrheit gefnechtet wird, indem du dich selbst zur Gesellin von Schuften und Nichtswissern machst, indem du alle Thorheit begünstigst, indem du die Seele in Lüsten entzündest und verdirbst, indem du der Gewaltsamkeit die Schleppe nachträgst und der Gerechtigkeit auf den Fuß trittst, und sodann schaffst du auch selbst dem, der dich besitzt, nicht weniger Sorgen als Aunehmlichkeiten, nicht weniger Häßlichkeit als Schönheit, nicht weniger Rohheit als Zierde, und nicht du bist es, die den Sorgen und dem Elend ein Ende macht, sondern du veränderst und verwandelst sie nur in andere Formen! Gut bist du nur in der Meinung Anderer, in Wahrheit aber niederträchtig und schlecht, von Ansehen bist du lieb, in Wirklichkeit aber falsch, in der Einbildung bist du nüßlich, aber in Wahrheit voll von schädlichen Folgen! Bist du es doch, die, wenn du dich dem Schlechten zugesellst und für gewöhnlich treffe ich dich nur in den Häusern der Schurken, sehr selten einmal in der Nachbarschaft ehrenwerther und guter Menschen- die Wahrheit aus den Städten in die Wüste verbannt, die der Klugheit die Beine gebrochen, der Weisheit die Schamröthe der Entrüstung ins Gesicht gejagt, dem Geseze den Mund verschlossen, dem Urtheil allen Muth genommen und sie allesammt zu Feiglingen gemacht hat. Geiz, Habsucht, Knickerthum. Der Geiz spricht:„ Besser reich sein, denn für liberal und dankbar gelten." Die Habsucht:„ Schaffts mir nicht Ehre, so schaffts doch Profit." Das Knickerthum:" Willst du Hungers sterben, um ein Gentleman zu sein?" Es giebt keinen Sklaven, der nicht von ehemaligen Hörigen, feinen König, der nicht von ehemaligen Sklaven abstammte, da ja der Zeitlauf und das Schicksal alle menschlichen Verhältnisse durcheinander schüttelt und rüttelt. Brunos legtes Wort an die Richter der Inquisition Yautete: Mit größerer Furcht vielleicht verkündet ihr dies Urtheil, als ich es empfange." Auflösung der Kombinations- Aufgabe in Mr. 22: Salpeter Rosmarin Uhlenhorst Marathon Dragoner Eßlingen Aschbecher- Niederwald Nehemir. Sudermann. Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Herrn G. Macasy, Leipzig, Oststraße 14, richten. Berantwortlicher Redakteur: Gustav Macasy in Leipzig.- Verlag: Hamburger Buchdruckerei und Berlagsanstalt Auer& Co. in Hamburg. Druck: Mar Bading in Berlin.