Dämon Dampf. �s> Von K. Ströket. �ur Heimath fuhr ich. Aus dem-Zuge sah Ich rechts und liuks die schwarzen-Schlote rauchen, And Dörfer, Städte, Schlote fern und nah Sah rußig ich dem fahlen Dunst enttauchen. So grau das Keld, selbst das Getreide stand So müd und grämlich, reglos auf den Halmen. Die Sonne sank mit bleichem, fahlem Brand, Drin schwefelgelb die Wolken Rauches qualmen. Die Sonne sank. Da sah vor meinem Blick Die düstcrn Mauern ich gleich Luft zerfließen, Und sah das Rädern, Stampfen der Fabrik, Die Aolben, Stangen auf- und niederschießen. Die Hebel ächzten, fauchend wich der Dampf, In schwerem Gatte fiel der Hämmer Dröhnen, Und durch der Arbeit fieberhaften Arampf Vernahm ich leis der bleichen Menschen Stöhnen. Die Sonne kam. Und aus dem Aebelmeer Rings dunkelte das Grün der wald'gcn Auppen, Im Morgengolde wogten Saaten schwer, Schmuck lagen Dörfer zwischen Gbstbaumgruppen. Mein Heimathland! Roch raubt dir nicht die Seit Die üpp'ge �ülle deiner grünen Socken, Auf deiner Kluren lachend Blumenkleid Aie fielen noch des Rußes schwarze flocken! Die Sonne stieg. Da sah am Alaldesrand, Wo sonst der Jäger einsam pflegt zu pirschen, Ich hingemäht der Bäume stolze Wand Und hört' die Säge in den Stämmen knirschen. Und an dem Hang, wo sonst die Haide blüht', Die Blindschleich' sich am warmen Steine sonnte, Da lag das Werk, und schwarz der Schornstein sprüht Den Trauerflor, bis fern zuin Horizonte. Y* <#> Und tief im Korst, wo friedlich einst geraucht Vor wenig Iahren noch des Aöhlers Meiler, Gewahrt' ich, wie aus Buchenkirnen taucht' Roth eines Riesenschornsteins Backsteinpfeiler; Selbst das Geländ, wo ehmals blank gewetzt Das Wildschwein wühlend die gcbog'nen Haner, Gelichtet war's, von Gräben quer durchsetzt, Und durch die Stämme blickt der Häuser Mauer. Da ward ich traurig. Wie der Jugend Roth In grüner Wildniß trotzig ich vergraben, Mnßt ich gedenken; wie durch's Abendroth Gleich schwarzer Wolke flog das Volk der Raben, Wie ich dem Rothwildrudel nachgespürt, Bis ich's erspäht im flüstern Grund der Tannen, Und wie der Wind die Radeln leis gerührt Und Träume seltsam meinen Geist umspannen... Dann sah erlöschen ich im fahlen Grau Der Sonne Gold, und durch der Hämmer Dröhnen Srzitterte der Heimatherde Bau, Dazwischen hört' ich leis der Menschen Stöhnen— Doch plötzlich riß der grauen Wolken Wand Jäh in zwei Hälften, die zur Seite wallten, Und purpurn in der Morgensonne Brand Sin Riesenbanner sah ich stolz entfalten! Und hell durch's Hirn schoß mir ein lichter Strahl Und scheuchte fort die quälenden Gesichte— Und wieder späht' ich über Berg und Thal Und sah die Spur der Arbeit der Geschichte. Glückauf zu deinem Werke, Dämon Dampf! Magst du auch mein Idyll in Trümmer schlagen, Du bahnst die Breschen für der Menschheit Kamps Und baust die Brücke zu der Zukunft Tagen! Jfe J8G Die Aeue Welt. Illustvirte Unterhaltungsbeilage. Hie Hüilfhunöertthalerscheine. Von E. Zimiilcriiiami-Hirschfcld. f s war erst kurz nach sieben Uhr des Btorqcns�, doch brannte die Sonne schon heiß auf Markt- platz und Straßen der kleinen ostprenßischen Stadt Liebcmiihl herab, denn es war im Hochsoininer. Eben hatte die alte Nentiore Ziegler, wie sie jeden Morgen und Abend das zu thun pflegte, nach- gesehen, ob ihre fnnftansend Thaler auch noch bei- saninien wären, die sie in wohlgezählten zehn preußischen Fänfhundertthalerfcheiuen in einem ver- schlossencn und bielnials unihiillten Kästchen ans dem tiefsten Grunde ihres Kleiderschrankes, unter Wäsche und Wollsachcn wohl perwahrt, liegen hatte, und da keines der Papiere gefehlt hatte, auch alle dazu gehörigen Konpons vorhanden gewesen waren, inachte sie sich nun befriedigt daran, sich zum Ans- gange ans den Markt bereit zu machen, denn heute war Markttag im Städtchen. Den schwarzen Nock legte sie an und die blaue Taille, band auch eine schtvarze Schürze vor, und den Kopf bedeckte sie mit einem dunkelblauen, wolle- neu Tuche, und nachdem sie sich überzeugt hatte, daß die von Außen in die Küche führende Thür und die Fenster gut geschlossen ivaren, auch nicht vergessen hatte, mit der von der Zunge befeuchteten Hand noch einige Male über Schürze und Rock zu fahren, um etwa darauf haftende Federfleckchen zu entfernen, ergriff sie den großen, braun lackirten Marktkorb und trat aus der Thür ihres Wohn- zimniers. Sofort fuhr sie aber, giftig ausspeiend, zurück; den» eben ging die Betvohncrin der Hinteren Parterre- räume, die Hebamme Quint, vorüber, mit der die Alte, des Gartens auf dem Hofe wegen, beständig im Streite lag. Sie ärgerte sich stets, wenn sie jene Person sah, die stets gespreizt that und an ihr vorbeiging, als wäre sie Lust, warf ihre Thüre ins Schloß, blieb hinter derselben stehen und wartete, bis die Hebamme iveit genug fort tvar. Nun erst trat sie ivieder auf den Flur, drehte zweimal den Schlüssel im Schloß herum und müh- sa»i stieg sie dann die wenigen, ans Pflastersteinen hergestellten Stufen zur Straße hinunter, denn sie war schon schwach auf den Beine». Mit grämlichem Gesicht schob die Alte sich vor- wärts, dem Markte zu. Auf ihrem Wege wurde sie von der verivittwctcn Stenerkontroleurin Chi« eingeholt, einer gcschtvähigen, stets nach Neuigkeiten jagenden Daine, die, ganz außer Athem und nach Luft schnappend, hinter ihr her schrie, ob sie denn schon wisse, daß die letzte Nacht beim Fleischer ein Einbruch verübt worden lväre, daß eine ganze An- zahl Schinken und Würste fehlten, und daß mau von den Dieben noch nicht die geringste Spur hätte. Den Mund aufreißend drehte die Alte sich uni und dann erschrak sie heftig; sie dachte an ihre fünf- tausend Thaler im Kleiderschrank. Obgleich sie beim Gedanken daran, daß sie eben noch Alles in Ordnung gefunden und zudem ihr Geld gut verivahrt hatte, sich etivas beruhigte, blieb doch noch einige Besorgniß in ihr zurück, und auf dem ganzen ferneren Wege klagte sie der Kontra- leurin von den verderbten Zeiten, der verlotterten Jugend und den schlechten Menschen, und diese pflichtete Allein bei, indem sie mit überzeugtem Ernste dazu nickte. Auch erinnerte die Frau Kon- trolenrin an andere Diebstähle, die vor Jahr und Tag im Städtchen vorgekommen waren, und mit einem Seitenblick auf die Alte fügte sie hinzu, daß Der glücklich sein könnte, der kein Geld zu bewahren hätte. Endlich kamen die Frauen auf dem Markte an und mischten sich unter die durcheinander wogende, rufende, schwitzende, schimpfende und handelnde Menge. Da gingen Frauen von Stand zu Stand, be- tasteten das Geflügel, fragten nach dem Preise, machten niedrigere Gebote, gaben die zappelnden Thiere wieder zurück, kamen dann wieder und boten von Neuem; dort betrachteten Andere die Butter, die die Banernfrauen in große, grüne Blätter ein- geschlagen in Körben feilhielten, und die Käuferinnen kosteten die Stücke, indem sie mit dem Nagel des Danniens ein Wenig von der iveichen Masse herunterrissen und es prüfend auf der Zunge zergehen ließen. Noch Andere hielten die Eier gegen das Licht, ließen eine Mandel oder auch zwei sich einpacken, handelten dann und feilschten und drohten endlich, die Waare zurückgeben zu wollen, wen» sie nicht ans jede Mandel ein Stück gratis bekommen würden. Die Alte machte Alles das eben so, denn sie ver- stand sich anfs Einkaufen, und als sie damit fertig tvar, schlenderte sie gleich den anderen Hansfranen noch ein wenig ans dem Markte umher; sie ging„die Waare besehen", wie der Ausdruck dafür lautete. Bei diesen! Bummeln hörte sie überall von dem Diebstahl sprechen, jede der Frauen, die sie traf, erzählte den Vorfall anders, noch mehr ansgcschmückt und mit mehr Einzelheiten, und als die Alte heim- ging, dachte sie an weiter nichts, als an den Dieb- stahl, und fortwährend ninrmelte sie vor sich hin: „Ja, es ist doch schlimm, bestohlen zu werden... das ist schlimm... ist doch schimm..." Zu Haus angekommen, prüfte sie ängstlich Thüren und Fensler; da aber anscheinend Alles so war, wie sie es verlassen hatte, machte sie sich beruhigt an das Bereiten ihrer Mittagsniahlzeit. Dabei fiel ihr ein, daß sie der Lehrersfrau im ersten Stock noch ein Ei schuldete, und sie eilte, es wiederzugeben, vergaß sogar im Eifer, die in die Küche führende Thür abzuschließen. Die Rückkehr verzögerte sich; denn die Lehrers- fran hatte den genanesten Bericht über den Ein- brnch, da des Fleischers ältester Junge bei ihrem Mamie in die Schule ging, und als Fran Ziegler wieder in die Küche trat,»vareii ivohl zwanzig Minuten vergangen. Mit Schrecken nahm sie wahr, daß sie vergessen hatte, die Thür abzuschließen; alle Tiebesgeschichten kamen ihr in den Sinn, und ohne einen Augenblick zu verziehen, stiirzte sie sich ans den Kleiderschrank. Das Kästchen war noch da, Gott sei Dank, aber was tvar das?——— Die Alte zählte ihre Scheine und zählte, zählte, bis ihr dicke Schwcißtropfcii auf der Stirn staiiden, es half nichts, es waren mir noch neun Scheine vor- Händen, einer fehlte, fünfhundert Thaler fehlten! Eine dumpfe Verzweiflung bemächtigte sich der alten Frau; sie war bestohlen worden, bestohlen um fünfhundert Thaler! lind im Geiste sah sie schon den Dieb wiederkommen, sah ihn einen der Scheine nach dem anderen holen, bis sie zuletzt nichts mehr hatte, nichts... bis sie würde betteln müssen.... Sie stöhnte ivild auf, fing an zu schluchzen und schlug sich mit den Fäusten die Stirn. Was sollte sie nun machen, wer würde ihr helfen?... Und sie saß und saß und vergaß das Esicii, und sie zählte und zählte und fing immer wieder von Neuem an.— Aber es half nichts, fünfhundert Thaler waren verschivnnden, es waren nur nenn Scheine noch vorhanden. Tie Sonne verschwand hinter den niedrigen Häusern der gegenüberliegenden Straßenseiten, ab.r noch immer saß die alte Frau wie betäubt, ohne bestimmte Gedanken.... Da kam auf einmal Leben in sie; hier durfte das Geld nicht mehr bleiben. Und nach kurzer lieber- legung schloß sie Thüren und Fenster, setzte sich in die Küche, damit sie von der Straße her nicht be- obachtet werden könnte, und beim Scheine einer Lampe nähte sie die Papiere in den Rock, den sie gewöhnlich trug. Als sie damit fertig war, nickte sie befriedigt; da würde der Dieb das Geld nicht finden. Wenn sie nur den Dieb erst wüßte.... Im Hofgebände des Grundstücks, in dem die Alte wohnte, hatte sich eine Kartenlegerin nieder- gelassen, zu der ging sie in der Dämmernngsstunde. Die legte ihr die Karten und sagte ihr unter Anderem, daß sie durch eine ihr feindliche Dame in allernächster Zeit einen Verlust erleiden tvürde. Die Alte nickte befriedigt. Einen Verlust hatte sie erlitten, und die feindliche Dame war keine andere, als die Hebamme. Sie erinnerte sich nun auch, daß sie hinten eine Thür hatte schnell zuschlagen hören, als sie Mittags die Treppe heruntergekommen war. „So Eine"— murmelte sie vor sich hin, als sie über den Hof ging—„kommt sie ihr das Geld wegnehmen! Aber sie sollte sich schon hüten," dachte sie, und tvarf dabei einen haßerfüllten Blick zu den Fenstern der Hebamme hinüber. Und nun sie einmal Verdacht gefaßt hatte, fraß der Gedanke in ihr weiter wie ein Fencrflämmchen, das in einen Strohhaufen gerathcn ist, und der Haß war der scharfe Windzug, der das Flämnichen zu heller Lohe aufschürte. Ter Haß trieb sie auch in den Garten, als die Stadt zur Ruhe ging, an das Fenster ihrer Feindin, und scharf spähte sie durch den herzförmigen Ausschnitt in der Fensterlade in deren Stube hinein. Sie wußte selbst nicht, wozu dies Beginnen nützen sollte, aber ihr tvar, als könnte das ihr etwas helfen, als tvürde sie dabei ihren Schein wenigstens zu sehen bekommen.... Während sie da so auf der Lauer stand, zitternd wie der unerfahrene Jäger, der das Nahen des Hoch- wildes erwartet, vernahm sie ans einmal von der Seile her eine hämische Stimme:„Na, da iveiß man endlich, wo meine Birnen bleiben!" Die Alte fuhr auf; die Hebamme stand nicht weit von ihr. Und tvie sie die sah und die Beschul- dignng hörte, da faßte sie eine solche Wnth, daß sie kaum zn sprechen vermochte; eine Zeitlang kamen ihr nur unartikulirte Laute aus der Kehle. Dann aber brach sie los. „Sie,"— fuhr sie die Hebamme an,—„sie wollte sie des Diebstahls beschuldigen! Da wäre gerade sie die Rechte!„Und nun ergoß ein Strom von Beleidigungen sich über die Frau. Wie zwei Kampshähne standen die beiden Weiber sich gegenüber; Beschuldigung auf Beschuldigung schleuderten sie einander ins Gesicht; das ganze Haus kam in Aufruhr, und schließlich rannte die Hebamme heulend zum Gendarmen. Der kam im Vollgefühle seiner Wichtigkeit und machte sich sofort daran, den Fall zn„untersuchen". Nene Beleidigungen schleuderten die F.anen ein- ander ins Gesicht; es folgten neue Beschuldigungen und Anklagen und nach Verlauf von einer halben Stunde warf sich der Gendarm endlich in die Brust und erklärte, daß ihm die Erzählung der Allen von den fünfhundert Thalern und der Deutung der Karten- legerin sehr unwahrscheinlich vorkäme, daß dagegen Beleidigungen, schlvere Beleidigungen auf beiden Seiten unstreitig gefallen wären. Wenn die Fran Ziegler aber ihre Beschuldigung aufrecht erhalten ivolltc, dann tvürde morgen eine genauere Unter- suchnng stattfinden. Die Frauen aus dem ganzen Hanse waren zn- sammen gekommen; tuschelnd und flüsternd standen sie beieinander. Als verhöhnten sie sie, kam es der Alten vor, und mit einer vor Aufregung heiseren Stimme schrie sie, daß sie gegen alle Welt ihre Be- Häuptling ausrecht erhielte! Man möchte nur kommen und untersuchen, möchte nur kommen. Sie»mißte, was sie wüßte, hätte Augen zu sehen, und kein Gericht der Welt ivürde sie übertölpeln. Dem Ehr- lichen sähe sie schon an den Augen an, daß er ehr- lich sei. Wüthend fuhr die Hebamme auf; einen Augen- blick stand sie mit geballten Fäusten, als wollte sie sich ans ihre Gegnerin stürzen und ihr das Gesicht zerkratzen, dann spie sie der aber giftig vor die Füße, rannte in ihre Stube und ließ dabei die Thür krachend hinter sich ins Schloß fallen. Die Alte sah ihr nach:„Wir werde» morgen schon sehen!" rief sie drohend hinter der Feindin her und hob die geballte Faust, und dann schoß auch sie in ihre Wohnung. Kopfschüttelnd ging der Gendarm davon. Am nächsten Morgen war er wieder in der Woh- nung der Rentiere, den Thatbestand eingehend z» untersuchen. Er ließ die nenn vorhandenen Scheine sich vorweisen, wozu die Alte nach heftigem Sträuben sich verstand; dann begehrte er den Kasten zu sehen, in dem sie bis gestern Mittag gelegen hatten, und den Ort, an dem dieser Kasten gestanden hatte. Die Alte öffnete beide Flügel am Kleiderschranke, ließ vor demselben auf die Kniee sich nieder und begann auf dem Boden des Schrankes unter den Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 187 dort ciilfgchmiftni Bekleidunns- und WäschcgMii- stönde» nach dcm in einer Ecke verwahrten Kasten zu suchen. Plötzlich hielt sie fast erschrocken imie; ihre Hände hatten etwas Steifes schabt, etwas, das sich aiw fühlte wie ein Slaatspapicr.... Sic zog das hervor, sah es an, immer wieder und wieder... es war der fehlende zehnte Fünf- hmidertlhalerschein. Der Gendarm sah auf die Frau herab. „Na." sagte er,„lvas giebts denn?!" Frau Zicgler ivies lautlos das Papier vor. „Das ist der zehnte?" fragte der Gendarm. Die Frau nickte. „Zum Donnertvetter," fuhr der Beamte»im los,„da niachen Sic einen solchen Skandal, alar- niiren die ganze Stadt, beschuldigen eine ehrliche, »nbescholteue Frau,»nd Sie haben das Geld hier liegen?!... Das ist doch stark! Eine Jnjnrie ohne- gleichen, eine Injurie...." Die Alte sah den Plann noch immer an. Nun lächelte sie eigen, und sagte dann langsam:„Das kennt man. Wenn man erivischt ist, da koinnit man und legt das Gestohlene lvieder an seinen Platz." „ Zum Tonnerlvettcr," schimpfte der Beamte lvieder los,„haben Sie denn die Nacht über die Thür nicht verschlossen gehabt, war der Kleiderschrank nicht ver- schlössen? Wie kann die Frau Onint denn in Ihrer Stlibe gelvesen sein! Gehen Sie lieber zu ihr, bitten Sie sie um Berzeihimg und geben Sie ihr eine Ehren- erklärung im Kreisblatte, sonst kann die Sache für Sie noch unangeiichnie Folgen haben und Ihnen genug Kosten verursachen." „Hin Berzeihnng bitten," sagte die Alte,„sie ilin Berzeihnng bitten, die— und mit verächtlicher Geberde wies sie mit dem Daumen der rechten Hand hinter sich»ach der Wohnung der Hebamme. Das Gericht sollte nur kommeu; sie Würde schon sehen, wer Necht behalten würde? sie kenne die Praktiken, wisse, wie es gemacht wird? das Geld sei gestern fort gelvesen, und kein Anderer als die Hebainnie habe es gehabt. Der Gendarm ging. Er habe iin» nichts mehr hier zu thmi, sagte er? er würde Bericht erstatte», genau so, wie er die Sache gefunden hätte, und sie, die Frau Ziegler, möchte nun zusehen, wie sie mit der Frau Quint fertig würde. Gegen Mittag desselben Tages kam die ver- wittlvele Steuerkontroleurin Ehm zu der Alte». Sie sprach nur im Borbeigehen vor, um sich nach den, Ergehen der„lieben Nachbarin" zu erkundigen, wie sie sagte; in Wahrheit aber war sie gekommen, um ihre Neugierde betreffs des gestrigen Borfalles, der mit mancherlei Ausschnlüefwlgen schon durch die ganze Stadt getragen worden mar, zu befriedigen. Frau Zicgler erzählte denn bald auch Alles haarklein, klagte der„lieben, alten Freundin" das Leid, und wie sie angenscheinlich von dem Gendarm und dem Gerichte keine Gerechtigkeit zu erwarten hätte, lind die alte Freundin gab ihr hierin voll- kommen Recht. Sie müßte sich einen guten Advokaten, einen Sachwalter nehmen, meinte sie dann, dann würde die Sache schon mit dein ordentlichen Ernste behau- delt werden. Einen Sachwalter?— Die Alte horchte auf.— „Ja, wo aber einen erlangen?" fragte se. „Ach, da ist ja mein Bruder," entgegnete Frau Ehm,„der Herr Naudclstacdt, wenn Sie zu dem einmal hingehen ivollteu, liebe Freundin... Der hat so viele Sachen schon, und noch viel schwierigere als die Ihre, zu einem glücklichen Abschlüsse ge- bracht..." Sie wolle sich die Sache überlegen, sagte die Alte, und Frau Ehm meinte:„Ja, überlegen Sic »ur. und dann gehen Sie heut noch hin!" und damit empfahl sich die Dame. Frau Zicgler überlegte nicht lange? schon nach dein Kaffee ivar sie bei dem Rechtskonsulenten. Der hörte den Fall au, strich sich ein paar Mal mit der rechten Hand von hinten über seine kahle Platte, putzte dann die Brillengläser, schob die Brille auf die Nase und schlug einige dicke Bücher auf, in denen er umständlich und langsam nachzuschlagen begann, indem er dabei dann und wann etwas Unverständliches vor sich hin murmelte und dazu eine höchst feierliche Miene aufsteckte und hin und lvieder mit dcm Kopfe nickte. Tie Alte bekam bei diesem Gebühren einen großen Respekt vor dem-gelehrten Manne, war fest über- zeugt von der Wahrheit, als er ihr endlich sagte, daß die Sache sich würde machen lassen, und als er fünf Mark Kostcnvorschuß schließlich verlangte, ivar sie eigentlich recht erstaunt, daß der Plann nicht mehr gefordert hatte. „Es ist ein wohllvollender Herr," sagte sie zu sich selber, als sie auf der Straße stand, und höchst befriedigt ging sie nach Hans. In den nächsten Tagen lief die Alte in der Stadt umher und erzählte Allen, die es hören wollten, daß die Hebamme Quint versucht hätte, sie zu be- stehlen, daß sie es ihr aber eintränken ivollte. Sie hätte jetzt einen Advokaten, und der würde die geschwollene Person schon„in Nummer Sicher" bringen. Der Anwalt der Frau Zicgler, Herr Nandel- staedt, reichte auch wirklich gegen Fran Quint eine Klage ein, natürlich nur wegen Beleidigung? aber das Resultat war, daß die Hebamme, die von den Erzählungen der Frau Zicgler Nachricht erhalten hatte, auch einen Anwalt nahm, der gegen die Renti re auf Beleidigung und Verleumdung klagte. Der Gerichtstag kam; die Alte brachte wieder ihre Erzählung von dem verschwundenen Fünfhundert- thalerschcin, dem Zuschlagen der Thür und der Prophezeihung der Karlenlegcrin an; aber bei den Herren fand sie damit, wie es nicht anders sein konnte, noch weniger Glauben als bei dem Gendarm. Der Borsitzende des Gerichtshofes wusch ihr aber so energisch den Kopf, daß die Alte ganz irre wurde, und als der Spruch gefällt wurde, der unter An- nähme mildernder Umstände für beide Jnkulpaten, der Hebamme für eine einfache Beleidigung fünf- zehn Piark, ihrer Gegnerin aber wegen Beleidigung und Berleunidnng dreihundert Mark Geldstrafe oder sechzig Tage Gefänguiß und dazu noch Tragnng von drei Lierteln der entstandenen Kosten zuerkannte, da war Frau Ziegler wie vor den Kopf geschlagen. Ihr so viel Strafe und der Hebamme fast gar- nichts?... Sollte der Anwalt, den sie gehabt hatte, schlecht gewesen sein?... „Das Gericht sei gegen sie eingenommen gc- Wesen," sagte ihr Herr Nandelstaedt, als sie ans dem Gerichtssaal gingen, und dabei nahm er be- dächtig eine Prise. Das Gericht gegen sie eingenommen, das konnte schon möglich sein... Zustimmend nickte die Alte mit dem Kopfe. „Was ist da zu machen?" fragte sie. „Man muß Berufung einlegen," sagte der Kon- snlent,„an ein höheres Gericht gehen, in die nächste große Stadt. Da kennt man Sic nicht, kennt auch die Hebamme nicht, und man wird gerechter urtheilen. Lb er das thnn solle?" fragte er zum Schlüsse noch. „Sie werde sich die Sache überlegen," sagte die Alte. In Wahrheit ivar sie mit sich schon lange im Reinen, sie legte unter allen Umständen Berufung ei»; aber was sie abhielt, dem Konsuleutcn sofort den Auftrag zu erthcilen, war, daß sie in dessen Fähigkeiten nach dem schlechten Ausgange des Pro- zesses doch einiges Mißtrauen setzte. Sie ging nun zu einem wirklichen Rechtsanwalt, der auch in dem Städtchen vorhanden war. Der ließ für eine Konsultation sich das Honorar vorweg bezahlen, dann ließ er die ganze Angelegenheit sich haarklein berichten, nahm auch Einsicht in die Akten und in die Abschrift des ergangenen Unheils, und endlich rieth er der Alten sehr entschieden, sich bei demselben zu beruhigen, da sie bei weiterem Verfolg des Prozesses nur neue Kosten, aber keine andere Entscheidung zu erwarten hätte. „Sie stecken alle unter einer Decke, die gelehrten Herren," dachte die Alte, als sie auf dcm Nachhause- wcge war, und noch am selben Tage crthcilte sie dcm Konsnlenten Nandelstaedt den Auftrag, den Prozeß fortzuführen. Diesmal mußte sie. einen größeren Vorschuß von dreißig Ptark erlegen, weil es bis an die große Stadt ging, aber sie gab das Geld nach einigem Zögern, hoffte sie doch, an der Feindin sich rächen zu können, die seit dein Gerichtstage triumphirend im Städtchen umherlief. Deni Konsuleuten gelang es auch, etwas im Urtheil zu finden, auf Grund dessen er einen nencn Prozeß in der höheren Instanz anstrengen konnte; er arbeitete eine ganz schöne Rede aus, mit der er die-Strafe für seine Klientin hoffte ein wenig her- unterdrücken zu können? aber er hatte keinen Erfolg, das Urtheil blieb dasselbe. Tie Alte war außer sich; die Heba nnie trinm- phirte. Frau Ziegler verließ schließlich das Hans, in dcm sie seit Jahren gelebt hatte, weil sie mit der Hebamme nicht zusammenwohnen konnte; aber auch in ihrem neuen Heim hatte sie Verdrießlichkeiten. Wenn sie über den Hausflur ging, blieben die Frauen stehen und zischelten miteiiiauder; auf der Straße schrien ihr die Kinder nach. Eines Tages l?atte sie im Korbe Holz geholt, und als sie über die Straße nach Hanse ging, kam die Hebamme Quint mit noch zwei Frauen vorüber. Ihre Feindin sah sie höhnisch an und machte eine Bemerkung zu den beiden Frauen, worüber diese spöttisch zu lachen anfingen. Fran Ziegler ergrimmte darüber so, daß sie ein Stück Holz ans ihrem Korbe nahm und damit nach ihrer Feindin warf, die sie unglücklicherweise an der Stirne traf. Ein neuer Prozeß, neue Strafe an Geld und neue Kosten für die Alte waren die Folge. Nun nannte man in der Stadt die Alte allge- mein die„Prozeß- Zieglern"; Jedermann mied sie und ihre früheren Freundinnen gingen ihr ans dcm Wcge. Selbst Fran Ehm, die Kontrolenrswitlwe, besuchte sie nicht mehr; wenn sie in Gesellschaft war, erzählte sie, die Alte wäre ganz wild gewesen auf die Fortführung des Prozesses, obgleich ihr Bruder ganz entschieden abgerathen hätte, und jedesmal schloß sie dann niit einer bezeichnenden Handbewe- gnng.„lind, sehen Sie, wenn sich Jemand durch- aus zum Schaden sein will, weshalb sollte ein Kon- snlent nicht sein Geschäft wahrnehmen? Mein Bruder war niemals gegen unsere liebe Nachbarin Quint? er und ich niemals— Gott bewahre."... Selbstverständlich fand man darauf allgemein und versicherte es der Fran„Oberstenerkontroleurin" aiiss Bestimmteste, daß sie und ihr„Herr Bruder" sich ganz korrekt benommen hätten;„aber diese Zieglcrn...»ein, so eine Person!"... Frau Ziegler merkte bald, wie sehr sie verein- samt war. Wenn sie zum Biarkte ging und, während sie vorbei ging, gerade eine ihrer früheren Frenn- dinncn aus ihrer Thür trat, dann schoß die gewiß sofort wieder zurück und trat sicher» cht eher auf die Straße, als bis die Renti rc weit vorbei war. Auf dem Biarkte betrachteien die Frauen sie kaum, und wenn sie Jemand„Guten Tag" bot, that man in den meisten Fällen, als hätte man es garuicht gehört. Die alte Renti re grämte sich uinsomehr dar- über, als man früher allgemein sich»m ihre Gunst bemüht hatte, und all das Uebcl, das sie traf, schrieb sie lediglich der Hebamme zu, die ihrer Meinung nach erst die Gerichte und nun die ganze Stadt gegen sie eingenommen hatte. Die Alte wurde mit der Zeit nienschenschen; sie ging zuerst höchst ungern, und schließlich ging sie garuicht mehr aus dem Hanse. Nun sahen sie ihre Mitmenschen wieder mit andere» Augen an? für sie war sie nun nicht mehr die„Prozeßziegleru", sondern sie war eine ganz kuriose Person, ein Sonderling geworden, eine halb Verrückte, die von der ganzen Stadt wie ein Wunder angestaunt wurde. Sobald sie sich am Fenster zeigte, blieben die gerade Vorübergehenden ans der Straße stehen und sahen sie neugierig an, und die Kinder pochten Abends gar ihr gegen die Fensterscheiben, und sie freu en sich ungemein, wenn die Alte dann wüthend»nd mit der Faust drohend an das Fenster gelaufen kani. Keinem von den Großen fiel es ein, die Kinder zu schelten oder sie zu belehren. 788 Die Aeue A)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Die alte Freu nber euipfaiid Alles wie Krän- kuiig und Schimpf; sie nibeitete sich iuimcr tiefer in ihre Btißstimniuiig gegen Gott und die ganze Welt hinein.... Da bekam mau sie einige Tage lang garnicht zu sehen, und als man schließlich an ihre Thür pochte, die verschlossen war, gab Niemand Antwort. Es mußte darauf eine polizeiliche Ocffnnng der Wohnung vorgenommen werden, und da fand man die Alle erhängt an einem Bettpfosten. Auf ihrem Tische aber fand man in einem Porzellanlenchter eine niedergebrannte Talgkerze und daneben lag ein Häufchen Asche. Ein buntbedrncktes Eckchen Papier, das allein übrig geblieben lvar, gab davon Knude, daß in dein Häufchen Asche die Fünfhnndertthaler- scheine zu suchen waren, die nirgends aufgefunden lvnrden. „Ach, die arme Alte," sagten die Leute in der Stadt, und: „Sie hatte schon immer so etwas an sich," meinten die früheren Freundinnen der Frau Ziegler. Ruf der Walze. Ails den Papieren eines Fechtbruders. Von F. Nied eck. tForlsetzungo_ f twa vierzehn Tage hatte ich bei der Mutter gelvohnt, als ich einen Brief vom Meister erhielt, der meine augenblickliche Rückkehr heischte. Da blieb nichts übrig, als zu gehorchen. Am nächsten-Morgen in aller Frühe marschirte ich nach der Stadt. Die Borwürfe des Aleisters lvareii gelinde. Am meisten schmerzte mich die Bemerkung: „Bon Dir hätte ich mehr Treue erwartet." Am Fenster des Wohnzimmers saß Cäcilia und häkelte, anscheinend mit Seelenruhe. Ich grüßte hinauf— sie nickte leicht und vornehm. Es>var also Alles wieder beim Alten, die Tage der Roth und des Schreckens ivaren vorüber, und Cäcilia lvar lvieder die nnnahbare, stolze Herrin... In der Werkstatt befand sich nur Franz; er war dem Rufe des Meisters schon am vorhergehenden Tage gefolgt; „Hast Du gehört, wo der Meister war?" fragte ich. „Ja, ich mußte der Cäcilia gestern in der Küche helfen, da erzählte sie mir, der Meister sei von den Freimaurern mit einer geheimen Mission betraut ivorden, er habe einen Berräther des Ordens von Stadt zu Stadt verfolgen müssen." Ich glaubte diese Geschichte nicht, denn ich hatte mit eigenen Ohren vernonimen, ivie ein Herr ans der Loge der Cäcilia versicherte, daß die Loge keine Ahnung habe, wo der Meister sei. Das gute Wesen wollte uns Stiften neuen Respekt vor dem Rteistcr einflößen und die peinliche Flnchtgeschichte mit dem Schleier der Glorie nmspiunen. Der Meister beauftragte uns, eine Anzahl Pack- kisten verschiedener Größe anzufertigen, und Johann, der Nachmittags eintraf, erhielt die Weisung, uns behiilflich zu sein. Nach Beendigung der Arbeit ivnrde ich ins„Extrazimmer" des Meisters gerufen. Er war festtäglich gekleidet und machte ein sehr ernstes Gesicht.„Fritz", redete er mich in fcicr- lichem Tone an,„Du warst stets ein braver Kerl und ich will Dich dafür belohnen. Du hast zwar noch ein Jahr zu lernen, aber ich will Dich heute schon zum Gesellen machen. Hier ist der Freischein. Gieb mir die Hand darauf, daß Du immer ehrlich und fleißig bleiben und Deinem Lehrmeister Ehre inachcti wirst und daß Du, wenn in der Fremde nach Deinem Lehrmeister gefragt wird, die Antwort geben wirst, daß cr ein tüchtiger Meister und bestrebt gewesen sei, aus seinen Lehrlingen tüchtige Menschen heranzubilden. Versprich mir auch, recht oft an mich zu denken!" Ein solches Glück kam zu überraschend und die Worte des Bleisters waren zu überivältigend, als daß ich beides ruhig ertragen hätte. Ich Geselle! An Rang dem langen Lorenz und dem polnischen Lukas gleich... Keiner sollte mehr ein Recht haben, mich zu ohrfeigen— sie mußten mich mit„Sie" anreden... Der Meister sagte, ich sei ein braver Kcrl!— jetzt, in letzter Stunde, erkannte ich seinen Edelninth nttd ich lvar gewiß nndanlbar gewesen— Ich drückte ihm die Hand— heiß und fest, und zitterte vor Aufregung am ganzen Körper. Und ich glaube, ich habe geweint... „Laß gut sein— setz Dich einen Augenblick!" sagte er.„Wir können nicht länger beisammen bleiben, ich habe die Werkstatt verkauft— an einen Stellmacher." „Ach!..." „Ja, und ich iverde fortziehen von hier. Was Ivirst Du beginnen?" „Ich— ich weiß es noch nicht." „lieberleg Dirs; wenn Du Lust hast, hier zu bleiben, so will ich Dir einen Meister besorgen, bei dein Du noch ettvas lernen kannst. Johann bekommt heute auch den Gcsellenschcin, obwohl er noch ei» halbes Jahr zu lernen hat und ich nicht ganz zufrieden mit ihm war. Franz jedoch besitzt noch nicht die genügenden Kenntnisse; er muß zu einem anderen Meister in die Lehre.— Ich bleibe noch drei Tage hier; so lange kannst Du mein Gast sein, dann reise ich fort— nach Amerika." Als ich das„Extrazimmer" verlassen hatte, machte ich einen so hohen Freudensprung, daß ich fast die Treppe hinabgestürzt tväre. Geselle— Geselle! jubelte und frohlockte es in mir. Geselle! jauchzte ich, als ich in die Werkstatt kam. „Geselle? Bist Du von Sinnen?" fragten die Anderen erstaunt. „Geselle!— hier ist mein Freibrief!" erklärte ich und betrachtete mein Gesicht in dem schmalen Wandspiegel. Ich entdeckte die ersten Schnurr- barthaare... „Weißt Du was, wir gehen in die Fremde," sagte Johann, als er eine Viertelstunde später gleich- falls den Freibrief in der Hand hatte. „Natürlich, in die Fremde." „Ich geh mit— ich geh mit!" rief Franz. „Ich mag nicht weiter lernen." „Du mußt doch Papiere haben, sonst sperrt Dich ja der Gendarm ein." „Das ist mir einerlei," rief cr leidenschaftlich. „Der Ortsvorsteher muß mir ein Zeugniß ausstellen. Er thuts— er hat mich gerne— meine Mutter war als Mädchen seine Liebste..." Wir beschlossen, am dritten Tage gcmeinschaft- lich in die Fremde zu gehen. Vorläufig wanderte ich zu meiner Mutter. Sie freute sich sehr, als ich ihr den Gesellenschein zeigte. Ihre erste Sorge lvar, mir Arbeit bei einem Dorftischler zu vcr- schaffen, und sie lvar sehr traurig, als ich ihr sagte, daß es mein fester Entschluß sei, in die Fremde zu gehen. Sie weinte und klagte und sagte:„Wie wird Dirs ergehen? Wer wird Dich aufnehmen? Du gehst ja zu Grunde in der fremden Welt! Du weißt noch nicht, was es für schlimme Nienschen gicbt..." Ich tröstete sie, so gut ich es vermochte, und versprach ihr, höchstens bis Patschkan, Ottmachan oder Münsterberg zu gehen. lind sie half mir meine Sachen zusammen- packen, und die Thränen rannen ihr dabei über das treue Gesicht. Irvcites Knpitel. Fort aus der Heimath. Das sind die echten und schönsten Frühlingstage, wenn die Hügel und Abhänge noch weithin leuchten im weißen Schncegcwande, die Sonne jevoch all ihre Strahlenpracht entfaltet und sommerliche Glnthcn ausströmt, wenn die Wasser des schmelzenden Eises gleich lustigen, waldfrohen Quellen allüberall plan- dem und rieseln und rauschen und die ersten Staare von der Wanderschaft kommen. Das ist eine Zeit der Ahnungen und Hoffnungen, der Wunder und des Werdens. Ans Schnee und Feuchte heraus dringt ein so unnennbar zartes, sommerfrisches Grün, lvie es kein Spätfrühling und kein Sommer zu zaubern vermögen; am Wegrand zwischen welken Gräsern und verdorten Blülhenstengcln des Vor- jahres entdeckt das staunende.Auge des Wanderers die ersten ncngelvordenen Blätter, gekräuselt noch, und dennoch vollkommen vollendet in der Form und von unendlicher Zartheit und Feinheit. lind nnlvill- kürlich späht das trunkene Auge nach den ersten Blüthen— nach Maßlieb und Schneeglöckchen, nach Veilchen und Schmirgeln und Aiiemonen, es sucht in der Luft nach Schmetterlingen, es sieht in der Weite die klarblauenden Berge und das weiche, schöne, bunte Land, lvelches hinter den fernen Bergen liegt; es weiß, daß jenseils der Berge neue Provinzen und Länder und Reiche liegen, belvohnt von Menschen mit anderen Sitten und Gewohn- heilen und anderer Sprache, und erfüllt von nencn Wunderwerken. Die Wandersncht entfaltet ihre Schlvingcn, das Hätz jauchzt ans in wilder Frei- hcitslnft, der Hut fliegt wirbelnd empor.... Vor- lvärts— vorwärts! Die Welt ist groß und weit und herrlich, und sie birgt des Glückes so viel! Vorwärts, du lenzfrische Jugend! suche dein Glück, stille deinen Erkennwißdrang, erobere, daß du be- sitzest! O, welch ein Segen, in solcher Zeit zn wandern, wo der Frühling seine unveräußerlichen Rechte geltend macht und von Tag zn Tag neue, köstliche Uebcrraschungen bereitet!... Drei blutjunge Handwerksburschen zogen rüstigen Schrittes dahin ans der halbtrockenen Landstraße. Zum ersten Male geschah es, daß sie die Grenze des heimathlichcn Kreises überschritten, und als sie im Vorbeimarsch die Inschrift auf dem Grenzsteine lasen, war ihre Wanderlust ein wenig gedämpft durch Gefühle der Scheu und Bangigkeit. So weit schon fort von der Heimath, ans fremder Straße, ohne Ziel, ohne Obdach!... Wohin ivird sie führen, die Straße? Welche Dörfer und Städte werden die vogclfrcien Wanderer schauen? Geht es dem Glück entgegen oder dem Verderben? In den ersten Stunden des Wanderns hatten sie lustig und übermüthig gesungen; sie hatten sich so schrankenlos frei gefühlt, tvie die Vögel des Himmels, wie die Rehe des Waldcs; jetzt aber ivaren die sangesfrohen Lippen verstummt, und mit der ersten Müdigkeit war die bange Ahnung über sie gekommen, daß das Wandern wohl doch nicht ganz so schön sei, als sie einst in glühendem Frei- heitsdrange getränmt und geglaubt hatten. Es ist ein eigen Ding, zum ersten Biale in der Fremde zn weilen, mit dem Bewußtsein, daß man das licbe Elternhans, in dem mau noch in der vergangenen Nacht geschlafen, lange Zeit, oder vielleicht garnicht niehr wiedersehen soll, und mit dem beängstigenden Empfinden, daß man fortan ganz und gar ans die eigene, noch nicht erprobte Kraft angewiesen ist; daß man unter unbekannten Menschen sein Brot cr- kämpfen und im Nothfall gar cibctteln soll, und daß man alsdann zn dem armen Jagdwild gehört, nach dem von Gendarmen und Bütteln mit Vorliebe gefahndet wild. Die Sonne strömt eine nner- gründliche Belebnngskraft— eine tiefgeheime Macht ans, von der die Menschen nichts wissen und an die sie nicht glauben wollen, obgleich das Wunder sich an allen Sonnentagen millionenfach wiederholt. Nicht weil das heitere Leuchten heitere Stimmungen erweckt und überall Glorienglanz verbreitet und Schönheit zaubert, wohin es dringt, oder weil es den Kreaturen angenehm ist, in der himmlischen Wärme zu wandeln— nicht dadurch allein erwacht in den Gemüthern beim Sonnenleuchten neue Lebens- frendigkeit, sondern die Flutheu der Lebensspenderin üben eine unmittelbare Kraft ans das kreisende Blut aus. Sie bringen es in raschere Wallung, erzeugen Stärke, feuriges Wollen und kühnen Wagcmuth; sie drängen es zu frischer LebeuSbethätigmig und regen es ans bis zur Ermattung— ein einziges Wölkchen aber, das sich vor die Sonne schiebt, kann dieser kraftspcndenden Thätigkeit ein jähes Ende bereiten, lind neigt sich die Tageskönigin zum Nieder- gange, so erschlaffen die strasfgcspannten Segel des sonnigen Mnthes, es beschleicht die Seele ein ele- gisches Gefühl der Ohnmacht und eine wahre Sehn sucht nach Heimath und Frieden und stiller Licbe... Früh iui Ni Dänisch immer Zieht der Wandrer aus, Aber Abends immer Mächt er sein zu Haus. (Fortsetzung folgt.) 190 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Die MHitistin. Noman Vv» Sonja jiowalcwska. Aus dem Russischen übersesit von Louise FlnchS-Aokschnncail». eFortseyung�)-- f bsilcich Wjera schon nach den ersten Minilten Wasilzelvs Brief nicht nur auswendig wußte, � sondern mich sogar sein äußeres Aussehen ihrem Gedächtniß sozusagen eingeprägt hatte, ver- ging doch kein Tag, ohne daß sie dieses kostbare Papicrchen gelesen und ivieder gelesen hätte. In der ersten Woche nach Erhalt des Briefes lebte sie dieser Freude; später galt all ihr Sinnen der Erwartung des Kiinfligcn. Gleich allen Mensche», die ausschließlich einem einzigen Gedanken, einem Interesse leben und sich deshalb nnwillknrlich ans eine passive, zuwartende Nolle zn beschränken gezwungen sind, wurde Wjera ans einmal ungehener abergläubisch. In jeder Kleinig- keit erblickte sie jeht eine gute oder schlechte Bor- bedentnng, ei» gutes oder schlechtes Zeichen. Es zeigte sich bei ihr plötzlich die kindische Gewohnheit, zn errathen. Wenn sie des Morgens erwachte, kam ihr pon migefähr der Gedanke in den Kopf:„Wenn Anisjas erste Handlung beim Betreten des Zimmers sein wird, mich zn begrüßen, so wird das ein Zeichen sein, daß Alles glücklich abgelaufen und bald ein Brief kommen wird; wenn sie aber kein Wort sprechen, vorerst zum Fenster gehen und den Borhang ans- ziehen wird, dann ist dies ein böses Borzeichen." Es brauchte blos ei» so dummer Gedanke anfzn- schimmern, so begann Wjera, gegen ihren Willen aufgeregt, mit pochendem Herzen das Erscheinen der Dienerin zu ertvartcn, und nachher war sie den ganzen Tag fröhlich oder traurig, je nach der Ant- wort, welche ihr Phthia gab. Ungeachtet der Schwierigkeit der Korrespondenz fand Wasilzeiv die Möglichkeit, Wjera im Laufe des Sommers und des folgenden Herbstes drei Briefe zu schicken. Als er sich vergeivissert hatte, daß die Briefe unversehrt an die Adressatin gelangten, begann er immer ungezwungener und inniger zn schreiben. Der letzte Brief war besonders zärtlich und erinn- thigend. Wasilzew klagte allerdings nebenbei über einen hartnäckigen Hnsten, den er ans keine Weise los werden konnte, aber im Allgemeinen schien er anfgeräuniter Stimmung; zum ersten Male berührte er sogar bestimmte Pläne für die Zukunft.„Btan gicbt mir Hoffnung," schrieb er,„daß meine Ver- schicknng ein Ende haben ivird. Aber selbst wenn sich diese Hoffnung nicht beivahrheiten sollte, wirst Du doch binnen zweieinhalb Jahren volljährig, und dann kannst Du selbst über Dein Schicksal entscheiden. Mein thenres Kindchen! Wenn Du nur wüßtest, welchen wahnsinnigen Träumen sich manchmal Dein alter, mürrischer. Dich liebender Freund hingiebt!" Wjera konnte sich vor Freude nicht fassen, als sie diesen Brief erhielt. Jetzt verzweifelte sie nicht mehr an der Zukunft. Zweieinhalb Jahre— keine Ewigkeit; sie vergehen, und dann hält nichts in der Welt sie ihrem Geliebten fern Aber ach! Ans diesen frohen Brief folgten keine andere». Der bekannte Kaufmann verreiste nnglück- lichrrwcise für längere Zeit in Geschäflsangelcgen- heilen. Er versprach zivar, daß in seiner Abtvesen- heit sein Konunis die Briefe übergeben werde, aber eine Woche nach der anderen verstrich— es kam leine Nachricht. Wjera glaubte jetzt so fest an das Glück, daß sie anfangs beim Ausbleiben der Briefe sogar nicht sonderlich besorgt ivar; sie ersann alle möglichen Ursachen, nm hierfür eine Erklärung zu finden. Nach und nach wuchs ihre Unruhe, und bald wurde sie zu einem sie völlig ausfüllenden Ge- fühl. Alle ihre Gedanken richteten sich ans Eines— einen Brief zn erhalten. Tagsüber horchte sie, ob nicht etiva der Kaufmann Jemanden hergeschickt habe; Nachts träumte ihr, man übergebe ihr ein Convert mit der lieben Handschrift. Die Onal dieser vergeblichen, ermüdenden Er- Wartung in jedem Augenblick ward oft so nnerträg- lich, daß es ihr ganzes Wesen erschütterte. Manch- mal zeigte sich bei ihr sogar Bitterkeit und Groll gegen Wasilzew.„Wäre ich ihm nicht begegnet, ich lebte ruhig für mich, wie meine Schwestern leben!" dachte sie mit Bedauern in Anfällen kleinmnthigcr Schwäche. Einmal erhob sich in ihrer Seele ein solcher Sturm einander widersprechender, guälender Gefühle, daß sie in einem Anfalle von Zorn seinen letzten Brief ergriff und in kleine Stücke zerriß. Aber als das weiße, zerrissene Papier die Diele besäete, erwachte in ihr auf einmal Nene und zeigte sich eine Art Ekel vor sich selbst, als hätte sie die Hand er- hoben gegen das, was ihr am Thcnersten war. Eine ganze Stunde verbrachte sie damit, die kost- baren Stückchen zn sammeln und sie auf einem reinen Papicrbogen aneinander zn kleben. Draußen ist ivieder Frühling, und noch immer sind keine Nachrichten da. Bei schönem Wetter be- stieg Wjera den Abhang, von dem sie auf das Nach- bargnt sehen konnte, und saß stundenlang ans der allen, halb zerfallenen Bank in stumpfer, schwer- müthiger Apathie. Einmal saß sie so wie gewöhnlich dort; plötzlich erblickte sie den Posttarantaß, der von der Land- straße her in der Nichtung nach Wasilzelvs Hans zurückkam.„Was bedeutet das? Wohin fährt er?" dachte sie, und ihr Herz schlug heftig»nd rasch. „Fährt er vielleicht vorbei ins Nachbardorf? Nein! Sieh da, er eilt lärmend über die alte, morsche Brücke. Jetzt ist er in die Allee eingebogen. Dort giebts keinen anderen Weg mehr.... Gott, wer ist das?" Die Erregung, die sie ergriff, lvar so stark, daß ihre Füße schlotterten und sie kaum, im Stande war, sich zu erheben. Das Herz that weh von einer krankhaften Ahnung und gleichzeitig lief ein Freuden- schauer über sie.„Ich werde doch wenigstens erfahren... Alles ist besser als Ungewißheit!" Rasch das Tuch nm die Schulter werfend, schlug sie laufend die Nichtung zum Nachbargnt ein. Aber als sie dem Hanse näher kommt, werden ihre Schritte langsamer und langsamer; immer schmerzhafter, aial- voller krampst sich ihr das Herz zusammen. Im hohen Gras vor dem Thore steht der leere Tarantaß. Der Kutscher zieht die Mütze ab, wischt sich den Schweiß vom Gesicht und macht sich an den Pferden zn schaffen. Die Hmiptthür auf der Terrasse, so lange Zeit verschlossen, steht jetzt weit offen. Wjera tritt ins Vorzimmer, in den Salon— Niemand da. Es riecht nach Nässe, nach unbewohnten Räumen; durch die halbgeöffneten Läden fällt schwaches Licht herein. Die Möbel, die Stühle, der Tisch, der Divan stehen ganz so wie am Tage seiner Abreise herum. Tie Erinnerung an jenen furchtbaren Morgen erfaßt sie auf einmal ganz. Ans seinem Arbeitszimmer vernimmt man das Geräusch von Stimmen. Wjera geht hinein, der alte Hansvcrivalter beschäftigt sich mit den Fenster- laden, die nicht nachgeben, weil die Schrauben ver- rostet sind. Die ehemalige Köchin, einen großen Bund Schlüssel in der Hand, trocknet mit der Schürze ihre Thräneu. Im Halbdunkel kann Wjera nur mit Ntühe noch drei Gestalien am Schreibtisch unter- scheiden. In der einen erkennt sie endlich den Kreis- richter, die beiden Anderen— ein Mann und eine Frau— in Reisekleidcrn sind ihr gänzlich unbekannt. Als endlich die Läden geöffnet sind, erkennt auch der Kreisrichter Wjera und geht auf sie zu. „Hier, erlauben Sie, die Herrschaften Goln- Kinski vorzustellen, die Verwandten unseres armen Michail Stepanowitsch. Dieser Tage erhielten sie die amtliche Nachricht, daß ihr Eonsiu in Wjalka an Schwindsucht gestorben ist. Gestern kamen sie zu uns in die Stadt und wandten sich an mich, daß ich sie ans das Bcsitzthnm bringe; nach dem Gesetze gehört das Stammgut ihnen...." Diesmal erwies sich die Natur erbarmuugsvoll für Wjera. Als sie die entsetzliche Nachricht ver- nahm, verlor sie das Bewußtsein. Sie wurde von einem Neroenfieber ergriffen. Wochenlang lag sie im Delirium. Die Genesung schritt langsam fort Wjera kehrte allmälig zum Leben zurück und sie empfand jetzt, wie alle stickonvalcszentcn nach einer schweren Krankheit, im höchsten Grade die physische Freude an der Existenz. Mit dem den Genesenden eigenen Instinkt der Selbsterhaltnng hielt sie jeden wichtigen, ernsten Gedanken von sich fern; alle ihre Sinne und Wünsche konzentrirtcn sich jetzt auf klein- liche Freuden und Leiden, woran das Leben der Kranken reich ist, und diese Kleinigkeiten erhielten in ihren Allgen eine seltsame, unvcrhältnißmäßigc Bedentnng; Alles bekam für sie wieder den Reiz der Neuheit— wie für ein Kind. Sie freute sich, wenn die Bouillon gut zubereitet, und weinte, wenn ihr Kopfkissen nicht so zn echt gelegt war, wie es sein sollte. Es war geradezu ein Ereigniß im Hanse, als ihr gestattet wurde, zum ersten Male wieder das Flügclchcn eines Brathuhns zn essen. Als endlich die Zeit der vollständigen Genesung heran kam und das Leben ivieder den gewohnten Gang annahm, kam ihr die Vergangenheit wie in einer Entfernung, wie unter einem Schleier vor. Einmal, als sie bereits im Bette aufrecht sitzen konnte, brachte ihr der Vater Papiere, die sie unter- fertigen mußte. Wjera zeichnete mit schwacher, zittern- der Hand ihren Namen; in der Ahnnug von etwas Schrecklichem, fragte sie sogar nicht, tvozu dies nöthig sei. Einige Wochen darauf, als sie schon völlig her- gestellt war, theilten ihr erst die Eltern mit, daß Wasilzew vor seinem Tode ein Testament geschrieben habe, demzufolge er ihr einen Thcil seines Vermögens vermachte. Der Valer hielt sich ans Dankbarkeit für ver- pflichtet, ihr den Brief zu übergeben, den ihr Wasilzew vor seinem Tode gesch ieden.„Du warst mir eine Tochter und eine Geliebte, Wjera!" schrieb er ihr, „und jetzt im Sterben denke ich nur an Dich, Du wirst gleichsam eine Fortsetzung von mir sein. Mir selbst gelang es nicht, auf Erden etwas zu vollbringen. Mein Leben lang lvar ich ein müssiger, unnützer Träumer; ich sterbe— und meine Spuren bleiben nicht— wie das Gras auf dem Felde, lvovon in den Liedern die Rede ist, abgemäht und getrocknet wird und man die Stelle, wo es wuchs, nicht mehr sieht. Du aber, meine Wjera, bist noch jung, bist kräftig. Ich weiß, ich fühle, daß Du zn elivas Hohem berufen bist. Das, ivovoii ich nur gelränmt, wirst Du vollbringen, das, was ich nur dunkel geahnt, lvirst Du erfüllen!" Mit einer tiefen, ihr ganzes Wesen erfassenden Andacht las Wjera diese Zeilen, die geschrieben waren von der nun für die Ewigkeit erkalteten Hand. Es schien ihr, laß die Stimme aus jener Welt zu ihr spreche. Sie empfand jetzt nicht die leidenschaftliche, entrüstete Verzweiflung von ehedem; es war ihr, als hätte sich ein schwarzer Schatten über ihr ganzes Leben ausgebreitet und ihr für immer die Möglich- keit jedes persönlichen Glückes abgeschnitten. Wjeras Krankheit halte gleichsam ans einmal die ganze Richtung des Baranzowschen Hauses ge- ändert und der langlvciligen Periode der Ruhe und öden Stille ein Ende bereitet. Nach der Krankheit kam eine Veränderung nach der anderen. Die erste war ein sehr angenehmes Ereigniß, ein solches, das Alle schon längst lvünschten und erlvarteten— Lena wurde Braut. In die Gonvernementsstadt lvar ein neues Negiment verlegt worden, einer der Offiziere lvar der Urheber dieser glücklichen Veränderung. Das junge Ehepaar mußte jedoch bald nach der Hochzeit verreisen, da das Negiment in eine ganz andere Gegend Rußlands versetzt wurde. Lisa lang- weilte sich jetzt noch mehr als früher, fuhr zur Schwester mit der geheimen Hoffnung, unter den Kameraden des Schwagers für sich einen Bräutigam zu finden. Derart vertheilte und zerstreute sich die Familie Barauzolv auf einmal. Die allgemeine Nahe im alten Hcrrschaftshanse erschien jetzt noch eintöniger als früher. Aber dann gab es wieder ein neues, nnerwar- telcs Ereigniß, weit entfernt ein fröhliches zn sein. Der Graf bekam eine Lähmung. Dieses Mal hat der Tod nur ans Fenster geklopft und ist vorbei gegangen, unheilbare Spuren zurücklassend. Dem Grafen wurden die Füße steif und das Gedächtniß schivach. Zum zweiten Ntale wurde er zum Kinde. Er lag in einem großen Voltaire- Stuhl, hatte den ganzen Tag Launen, weinte, verlangte, daß man ihn wie ein Kind zerstreue. Der Umgebung wurde seine Manie, endlose Geschichten zu erzählen, immer liiftinet. Er sprach stundenlang, mit Mühe die Zunge beivegend, die Worte verdrehend, hundertmal ein und dasselbe erzählend und sich bitler gekränkt suhlend, wenn man ihm nicht zuhörte. Blas Wjcra hatte die Eeditld, den kranken Sllten zu Pflegen und wußte flinc immer mehr zusammenhanglos werdenden Reden zu verstehen. Die Siimmnng der Gräfin, iverche sich seit Lcnas Hochzeit ein wenig erheitert hatte, fiel jetzt ganz; sie ivnrde ungeheuer frmniii, umgab sich mit Go tesdieuerii, Mönchen und Pilgerinncn, und tvandte sich von allem Weltlichen ab. Wjcra, die beim kranken Rater Wärterin sein ninßte, konnte jetzt an eigene Thätigkeit nicht einmal denken. Sie winde allmälig von einer ergebenen, hoffnungslosen Apathie ergriffen. Es ivar das Ende ihrer gegen- wärtigen Lebensweise nicht abzusehen, da die Aerzte sich dahin aussprachen, daß der Graf noch zehn Jahre leben könne. Diese Vorhersage hat sich jedoch zum Glücke nicht beivahrheitet. Drei Jahre später erschien eines schönen Tages ganz nnerivartet der Tod. Der Graf schlief einmal ruhiger als gewöhnlich ein; als Wjera, über seinen anhaltenden Schlaf verivnndcrt, den Vater wecken kam, fand sie ihn schon erkaltet. Bei dem Leichenbegängnisse traf die Familie zum letzten Male zusammen und dann ging sie nach ver- schiedcnen Nichtnngen gänzlich auseinander. Die Gräfin berichtete ihren Töchtern, sie habe beschlossen, ins Kloster zu gehen. Der frühere Ver- Walter kaufte das Fmmlicngnt; beim Verkaufe blieb für jede der Töchter ein Kapital von zwanzigtausend Rubeln. Die älteren Schlvestern nahmen das Leben der Offizierssranen ivieder auf. Wjcra blieb jetzt allein in der Welt, vollständig Herrin ihrer selbst. Sic sann nicht lange nach und entschloß sich, nach Petersburg zu gehen nnd dort nach einer Thätigkeit zu suchen. IX. In der ersten Zeit ihres Petersburger Aufent- Haltes erfuhr Wjera nichts als Enttänschungcn. Sie überzeugte sich, daß Nützlichsein viel schwieriger ist, als sie geglaubt hatte. In ihren Augen bedeutete Nützlich sein entiveder persönlich an der Vernichtung des Despotismits und der Tyrannei zu arbeiten oder Jene zii nntcrslützen, welche nach dieser Richtung arbeiten. Sie begriff nicht, daß man auch mit ein- fachen Rtitteln nützlich sein könne. Aber an wen sich ivegen Arbeit, die ihr angemessen wäre, wenden? Ihre Gespräche mit Wasilzeiv haben sie wenig für irgend eitie Thätigkeit vorbereitet; sie trugen unver- ändcrlich den Eharaktcr des Abstrakten, des Idealen. Dank Wasilzew halte Wjcra eine Anzahl revolu- tionärer Publikationen gelesen. Wasilzew hatte ihr in seinen Erörterungen ein erschütterndes Bild des ganzen Elends entworfen, unter dem die Menschheit leidet, und ihr den llrsprnng des Elends in der Thalsache erklärt, daß das zeitgenössische Leben in Unterdrückung nnd Konkurrenz bestehe, nicht aber ivie es sein sollte, in Freiheit und Einigung. Nicht blos einmal hatte er die Rede auf die Märtyrer gebracht, auf alle zeitgenössischen Freiheitshclden, die ihr Leben und Glück für den Triumph der heiligen Sache opferten. Und sie gewann diese Helden leidenschaftlich lieb und vergoß über deren Schicksal manche Thräne. Aber in keinem einzigen Gespräch war davon die Rede gewesen, was Wjera zn thun hätte, um selber jenen Helden ähnlich zu werden. Und in den Jahren, die der Vcrhaftnng Wasil- zcws folgten, in den Jahren einsamen Nachdenkens blieb sie oft bei diesen Fragen stehen. Unaufhörlich verzehrte sie der Gedanke an die nächste Aufgabe, an den Bruch aller Verbindungen mit ihrer Familie, an das Verlassen jenes engen Kreises, in dem sie ihr Leben verbracht hatte. Ihre Unkenntniß der wirklichen Lebeiisbedingungen war eine so große, daß die Nihilisten in ihrer Borstellung als� eine Art regelrecht organisirter, geheimer Gesellschaft er- schienen, die nach einem bestimmten Plane arbeitet nnd ein deutlich vorgczcichnetes Ziel zn erreichen bestrebt ist. Deshalb ziveifelte sie nicht daran, daß sie ein- mal nach Petersburg, in diesen nihilistischen Herd Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbei der Agitation gerathrn— unverzüglich für die große „unterirdische Armee" angeivorben werden nnd in derselben einen bestimmten Posten, wie bescheiden er auch sein mag, bekleiden wird. Das waren die Träume während all dieser Jahre. Nim ist sie in Petersburg vollständig Herrin ihres Lebens, kann thun, was ihr beliebt. Nun und...? Ihr Ziel ist eben so unklar wie ehedem. Sie weiß nicht, wen aufzusuchen, ja sogar, wie die wirklichen Nihilisten zu finden. Eine große Enttänschnng be- reitcte ihr, zu erfahren, daß kein einziger dieser Nihilisten mir persönlich bekannt war, und daß ich sogar au den Bestand einer verbreiteten rcvolntio- nären Organisation in Petersburg nicht glaubte. Das paßte garnicht zn ihren Kombinationen. Sie hatle etwas Besseres von mir erwartet. Nichts- destoweniger erlaubte ich mir, ihr den Rath zu geben, sie möge in Erwartung einer besseren Beschäftigung die naturwissenschaftlichen Vorträge besuchen. Diese Frauenkurse wurden gerade in Petersburg eröffnet. Sie gehorchte mir nnd begann die Vorträge zu frequentiren; allein ihr Geist war nicht nach dieser Seite gerichtet. Es gelang ihr nicht, das Niveau ihrer Kolleginneu zu erreichen, auf deren wissen- schastliche Interessen einzugehen. Die Ntehrzahl dieser Kolleginnen waren junge Atädchen; sie arbeiteten eifrig, ein bestimmtes Ziel im Auge behaltend. Sie bestrebten sich, je eher, je lieber das Examen zu be- stehen, damit sie Lehrerinnen werden und von ihrer eigenen Arbeit leben. Alle ihre Interessen konzen- trirten sich vorläufig auf das Studium und die Pro- fessoren, die Vorlesungen, praktische Berufe bildeten den ausschließlichen Inhalt ihrer Gespräche. Sie litten durchaus nicht an Weltschmerz. In Muße- stunden waren sie nicht abgeneigt, sich zu versani- meln, nnd gelegentlich, das ist, jedesmal, wenn sich Studenten einfanden, konnten sie sich nicht enthalten, zu tanzen und zn kokettiren. Das Alles entsprach offenbar nicht der mclancholi- scheu lleberspannthcit einer Träumerin wie Wjera. Es ist daher nicht zu verwundern, daß Wjera, ob- gleich sie ihnen mit ihrem Geldbeutelchen beistand, sie dennoch gleichzeitig wie Kinder behandelte und sich auch fern genug von ihnen hielt. Auch das Studium beftiedigte sie nicht.„Es wird noch Zeit sein, sich mit der Wissenschaft zu beschäftigen," dachte sie;„man muß vorher durch- setzen, daß der wichtigste Theil der.Aufgabe' erfüllt werde." Deshalb ließ sie mein Zureden, sie solle sich ernster mit ihrem Studium befassen, ohne Antwort. „Ich begreife nicht," sagte sie mir einmal,„wie man inmitten des uns auf allen Seiten umgebenden Elends und uuter dem Eindruck jener Leiden, über welche die Menschheit klagt, darin ein Vergnügen finden kann, die Augen der Fliegen unter dem Mikro- skop zu betrachten; nnd doch hat sich nnser guter Professor W. mit diesem.höheren' Gegenstand eine ganze Stunde lang beschäftigt." Als ich die Ueberzeugung. gewann, daß Wjera an Naturwissenschaften wenig Geschmack findet, rieth ich ihr, sich mit der politischen Ockonomie zn be- fassen. Das Resultat erwies sich als ein gleiches. Die landlänfige» Abhandlungen über politische Oeko- nonne riefen in ihr Ermüdung hervor, ohne in ihrem Kopfe irgend eine Spur zurückzulassen. Indem sie ans Studium ging, war sie schon im Voraus davon überzeugt, daß das die Autoren interessirende Ziel— die Wohlfahrt der Menschheit herbeizuführen, nur dann erreicht sein wird, wenn die Meiischcii Alles unter sich vertheilcn nnd es nicht mehr Unterdrückung, noch Eigenthum geben wird. Sie hielt dies für eine imbestreitbare Wahrheit, an der zu ziveifeln unzulässig nnd für die ein Beweis überflüssig ist. Wozu sich also den Kopf zerbrechen mit allen diesen Fragen von Arbeitslohn, Prozenten, Kredit, nnd mit einer ganzen Reihe so vieler langweiliger und verworrener Dinge, deren einzige Bedeutung darin liegt, den Verstand zn verwirre» nnd die Menschen von ihren wahren Zielen abzulenken. In unserer Zeit hat kein anständiger Mensch das Recht, sich zu fragen:„Welches Ziel setze ich meinem persönlichen Leben?" Er darf sich nur für die Wahl des kür- zcsten Weges interessiren, der zn dem vorgesteckten allgemeinen Ziel führt. Einem Russen kann dieser Ztveck blos die soziale nnd polilische Revolution sein. Und ans diese Fragen giebt kein Lehrbuch der poli- tischen Ockonomie eine Antwort; folglich ist es über- flüssig, sie zn lesen!" So raisonnirte Wjera mit mir. Und ivie sehr es auch befremden mag— wir wurden dennoch Freunde. Unsere Zusammenkünfte wurden hänsiger, nnd in den Gesprächen kam sehr oft persönliche Sym- paihie zum Vorschein. Dies erkläre ich mir durch den seltsamen Reiz, der Wjera eigen war. Ihre Gesichtszüge waren so edel, jede ihrer Be- ivegnngen war so anmuthig nnd harmonisch und es lag so viel Aufrichtigkeit nnd Naivität in ihrem ganzen Gehaben, daß ich mich davon seelisch be- friedigt fühlte. Mit ihr zu debattircn ivar uiimög- lich, nnd es blieb mir nichts Anderes übrig, als zn bedauern, daß ihr Geist zn wenig entwickelt ivar und sie deshalb völlig gleichgültig gegen die er- habenen Errungenschaften der zeitgenössischen Zivili- sation blieb. Wjera zog mich allen ihren Bekannten vor. Allein sie konnte doch nicht begreifen, daß ich mich vollständig der Btathemalik hingab. Es schien ihr, der Mathciiiatiker sei ein Sonderling, der sich mit der Lösung von in Ziffern ausgedrückten Charadcn beschäftigt. Ntan kann ihm diese Manie verzeihen, da sie recht harmloser Art ist, allein es ist schwer, sich einer gewissen Verachtung dieser seiner Schwäche zn enthalten. So sah Jede von uns von der Höhe mit einer gewissen Herablassung auf die Andere. Aber das störte unsere Freundschaft nicht. Inzwischen verstrich die Zeit und Wjera ivard immer aufgeregter und ungeduldiger, als sie sah, daß sie noch nicht einen einzigen Schritt zur Er- reichung ihres vorgezeichneten Zieles gethan hatte. Ihre Gesundheit begann darunter zu leiden, daß ihr seltsamer Wunsch/„sich der Sache zu widmen", nicht Befriedigung fand, die rosigen Farben schwanden von ihren Wangen und der Ausdruck ihrer dunkel- blauen Augen wurde täglich sinnender und trauriger. Ich entsinne mich, wie wir einmal an einem fröhlichen Wintermorgen auf dem Ncwski spazieren gingen. Der Himmel war klar und die Sonne ergoß überall hin ihre hellen, grellen Strahlen. Man hätte denken können, daß irgend ein Wunder uns in dieses lichtvolle Reich versetzt habe, wovon unsere Volks- märchen erzählen. Silbern glitzerte es von den Laden- scheiben, Silber glitzerte unter den Füßen nnd zer- stob um uns herum in kleine Flitter. Es liegt so viel Erfrischendes in der reinen Wiuterlnft, daß man mehr Lust zum Leben bekommt. Ungeachtet der breiten Trottoirs konnten wir uns nur mit Mühe fortbewegen, da wir von allen Seiten von den Passanten gestoßen Ivurden. Rtänner, Frauen nnd Kinder mit hellem Roth auf den Wangen, das Kinn in die Pelze versteckt, athmeten Gesundheit und Fröhlichkeit aus.„Wenn man bedenkt," wandte sich Wjera plötzlich an mich,„daß sich unter diesen Nienschen vielleicht gerade diejenigen finden, die ich so lange suche.... Vielleicht könnte mehr als Einer mir das sage», tvas ich so vergeblich zu erfahren suche. Weißt Du, jedesmal, wenn ich einem sym- pathischen Btenschen begegne, bin ich bereit, ihn an- zuhalten, ihm gerade ins Auge zn sehen und ihn zu fragen, ob er nicht Einer von ihnen ist." „Nur zu, bitte, genire Dich nicht meinetwegen!" antwortete ich im ruhigsten Tone:„Sieh z. B. diesen Offizier mit den glänzenden, goldenen Epanletten, oder diesen musterhaften Advokaten, der Dich so selbstbewußt durch sein Mono.le betrachtet! Wirst Du nicht bei Denen Dein Hernmfragen beginnen? Ihr Aeußeres verspricht viel!" Wjcra zog die Schultern empor und seufzte schwer. Gegen Ende des Winters ereignete sich etwas, das mit einem Male Wjeras Qualen ein Ende bereitete»nd ihr die Möglichkeit gab, zu ent- decken, was sie suchte. Schon Anfangs Januar hatte sich das Gerücht verbreitet, daß an verschie- denen Orten Rußlands bedeutsame Verhaftungen vor- genommen worden seien und es der Regierung ge- lungen sei, eine spitzfindig crsonncne sozialistische 192 Die Neue Welt. Illustrirte Nnterhaltungsbcilage. Lcrfchivöning zu cuidcckeii. Diese Gerüchte wurecu l'nld bestätigt: Im„Regierungsboteu">var ein auit- tichcr Bericht veröffentlicht, in dem den treuen Ilutcr- ttianen mitgctheilt tvurde, die Behörde Hube es z» Wege gebracht, eine ganze Korporation politischer Berbrecher in der Zahl von fnnfundstebzig Personen dingfest zn niachcn. cs-rtf-sung fotgt.) D eutsch e Hx ra ch b e lustig ungen. Vierte Hampfcl. Won Manfred Witt ich. (Sctituß.)_ k ahlreich sind, wie schon einmal nngedentet, die Redensarten, welche dem geistlichen Leben und > öy dessen Borstellungsreichcn entnommen sind. In einem Landsknechtsliede vergleicht der Verfasser des- selbe», der sich Jörg Graff nennt, seine edle Zunft mit einem geistlichen Orden, den Kaiser Maximilian gestiftet habe. Er meint, Fasten und Beten sei bei ihm zwar nicht im Schwang, das sollten Pfaffen und Mönche treiben, wohl aber hielten sie Prozessionen, feierliche Umzüge mit langen Spießen; ebenso hielten sie auch Kapitel(berathendc und beschließende Ver- samnilungen der geistlichen Ordensbrüder) ab, und zwar„mit Spieß und Hellebarden." An anderen Liederstellen wird von den Lands- knechten spöttisch bemerkt, sie verständen sehr gut, ihren Feinden die Beichte abzuhören und ihnen die letzte Oelung zu geben, womit einfach das Todtschlagen derselben gemeint ist. Dieser grausige Humor findet sich schon in der Spiclmannspoesie, welche die Recken der volksthüm- lichen Heldensage zuweilen in burleske, lustige Per- sonen umgestaltet, um der Hörerschaft etlvas zum Lachen zu bieten. Der abgeschlossene Typus dieser humoristischen Figur ist der Bruder des alten Hilde- brand, des Schlvertmcisters des Dietrich von Berne, der Mönch Jlsan, der im Gedicht vom großen Rosen- garten eine bedeutende Rolle spielt; da er eine der ältesten Figuren deutscher hnmoristischer Dichlknnst ist, wollen wir bei ihm einen Augenblick verweilen. Jlsan hat sich, wie mancher Ritter des Mittel- alters gethan haben mag, nach Jahrzehnte langer blutiger Kriegsarbeit in Sorge um sein Seelenheil in das Kloster„Mnnchegezellen" zurückgezogen, aber seinem Lehnsherrn Dietrich von Berne für den Fall äußerster Roth noch eine Kriegsreise mitzuthun gelobt. Diese Gelegenheit scheint nun, zivanzig Jahre nach Jlsans Eintritt ins Kloster, gegeben, da Kriemhild den 5iönig Etzel von Huunenland, bei dem der Berner im Eril lebt, ausgcfordert hat, zwölf Helden in den Rosengarten zu Worms zu senden, um zwölf Bnrgunderhelden, unter ihnen Siegfried, Kriem- Hildens Gemahl, im Zweikampf zu bestehen. Der Preis soll sein ein Kranz von Rosen und„ein Küssen und ein Hälsen" Kriemhildens selbst. Elf Necken hat Dietrich beisammen, nun gilts nur noch Jlsan zu holen. Mit tausend Mann ivird gen„Rtiinchcgezellen" gezogen. Wuthentbrannt heißt der alte Handegen seine frommen Mitbrüder, ihm sein Gewaffen bringen, um gegen die Feinde, für die er Dietrich und die Seinen hält, in den Kampf zu gehen; er will sie alle tausend allein bestehen, es müßte ihm denn das Schlvcrt in der Hand zerbrechen. Auf dem Blachfeld erblickt er Hildebrand, seinen Bruder, und rennt ihn geivaltig an, lvorauf Jener sich zu erkennen giebt— ivohl durch Abnehmen des Helmes— und ihm das An- liegen Dietrichs eröffnet, da Jl an trotzdem mit ihm kämpfen will. Hat Jlsan seinen Bruder schon nm der Wormser Ausfahrt willen einen alten Thoren genannt, so scheut er sich auch nicht, den herbei- kommenden königlichen Dietrich zu schelten, daß er als alter Knasterbart(„du alter grise" nennt er ihn) das Kämpfen und Heerfahren nicht lassen wolle. Er müsse doch ein alter Narr sein, daß er Kriem- Hildens Ausforderung Folge leisten wolle. Auf die Erinnernng an seinen Eid erwidert Jlsan, zu einer nöthigen Bertheidigung Bernes(Veronas) sei er bereit, zu der Wormfer Narrenfahrt aber nicht. Hildebrand mahnt nun Jlsan an seine schuldige Brndertreue, und jetzt stellt Jlsan nur noch die Bedingung, daß der Abt des Klosters ihm Urlaub gewährt. Der alte Katzbalger-Adam erwacht wieder in ihm. „Da schwang er ab die Kutte(die er bis dahin über der Rüstung trug) und ließ sie fallen in das Gras," und so eilt er zum Abt, nm Erlanbniß zur Heer- fahrt nach Worms zu erlangen. Hildcbrand bemerkt. als er das Schwert Jlsans gewahrt: er habe da einen recht„nbelen Predigerstab" als Wehr. Der Abt macht aber Schwierigkeiten, es sei nicht der Mönche Recht, zu fechten und Blut zn vergießen. Jlsan dagegen droht, wenn den Gothenhclden in Worms ein Leid geschehe, müßten es die Kloster- brüder entgelten, dafür werde er, Bruder Jlsan, sorgen. Darüber erschrickt der Abt gewaltig und crtheilt den gewünschte» Urlaub, läßt auch auf Jlsans Wunsch alle Klosterbrüder kommen, von denen sich Jener verabschiedet und sie bittet, daß sie für ihn beten; er wolle ihnen zum Danke von Worms ein gut Theil Rosen mitbringen. Das versprachen sie denn auch. Als aber Dietrich und die Seinen mit Hildebrand fort sind, fluchen sie Jlsan und bitten den Himmel, er möge todtgcschlagen weiden, iveil er sie oft bei den Bärten herumgezogen habe, wenn sie ihm nicht in Allen: zu Willen waren. Unterwegs legt Jlsan seine Mönchskulte wieder an, was dem Fergen Norprecht, der die Helden über den Rhein führt, Anlaß giebt, allerlei höhnende Witze zn machen über diesen reisigen Priester, dessen Schrift- kunst die Seelen von ihren Leibern scheide. Als Fährgeld verlangt er Hand und Fuß der lieber- gesetzten, verzichtet aber darauf, als Hildcbrand, sein Freund von Alters her, sich als Jlsans Bruder vorstellt. In Worms angelangt, beginnen die Zwei- kämpfe, die alle siegreich für Etzels Mmmei: ausfalle». Jlsan wird dem Fiedler und Sänger Volker entgegengestellt, dem er entgegenschreitet im grauen Mönchsgewand über der Rüstung und„in den Rosen wüthet." Als Kriemhild ihm zuruft, ihm stände besser an, zu Ehore zu gehen und Messe zu lesen, beginnt er„sich in den Rosen zn wälzen" und erklärt, er wolle deren so viel sich erstreiten, als er nur zu tragen verniöge. Kriemhild erzürnt darüber arg und auch Volker schilt den Jlsan: der Berner habe ivohl seinen Narren hergeschickt. Jlsan erklärt dagegen, er wolle ihm schon beibringen, ob er ein„Thore" sei und streckt ihn mit einem ungefügen Fanstschlag nieder, daß er in die Rosen fällt. Doch erhebt sich Volker wieder und im weiteren Kainpf schlägt er Jlsan mit seinem Schwert-sjiedelbegcn den„Prediger- stab" aus der Hand. Endlich aber besiegt Jlsan seinen Partner. Kriemhild trennt die Kämpfer und sagt, sie wolle Jlsans Abt klagen, daß er ihm zur Buße harte Fasten auferlegen solle. Jlsan am- woitet ihr, das Fasten«verde er thiin, wen» er wolle. Dagegen sei die Buße, ivelche er und seine Genossen den Kämpfern von Worms auferlegt haben, diesen zn schwer gewesen, die Hälfte von ihnen läge ja schon todt. Des Sieges Preis muß ihm erthcilt lverden und der ungefüge Mönch reibt sie beim Küssen mit seinen Bartborstcn blutig. Dann besiegt er noch 52 Bnrgunderhelden, nm seinen 52 Klosterbrüdern die versprochenen Kränze mitzn- bringen. Nach der Heimkehr verthcilt er die Kränze auch an die Mönche, drückt aber dabei Jedem den dornigen Rosenkranz so derb ans den Kopf, daß Blnt fließt. Er meint, es sei ihm auch nicht leicht gelvorden, die Rosen zn erringen, darum könnten sie ebenfalls deshalb etwas leiden. Nun erklären Jene, Jlsans Blinschuld ans sich nehmen und mit abbüßen zu wollen. Einige widerwillige Brüder knüpft Jlsan mit den Bärten zusammen und hängt sie so über eine Stange, bis auch sie mürbe lverden. Wir haben uns bei der prächtigen Figur des Mönches Jlsan etwas länger aufgehalten, um den Hintergrund aus der deutschen Dichtung zn gewinnen, auf welchem der grimmige Landskncchtshnmor sich verständlich abhebt und erklärt. Wenn Jlsans Stellung im Kloster so ist, daß selbst der Abt ihn fürchtet, so ist das ein Ausnahme- fall. Gemcinlich hält die Anwesenheit des Ober- Hauptes die Brüder in Zucht und Ordnung. Anders ist s, wenn er den Rücken kehrt, oder gar über Land fährt. Da gings ivohl manchmal drunter und drüber, wie man das im Schulzimmer noch heute bei unserer Jugend sehen kann, wenn der Lehrer hinaus ist. Ja, sogar in prenßisch-deutschcn Kasernen- stilben soll in Abwesenheit des„Jonr-Habenden" mancherlei Sonderbares vorkommen. Wenn die Katze aus ist, tanzen die Mäuse, sagt heute in solche» Fällen das Sprüchwort. Dasselbe sagt aber auch das andere:„Der Abt ist nicht zu Hanse." In einem Kinderspiellied ist dieses noch erhalten, das ich als Kind in meiner Jugend auch noch mit- gesiliigen habe und das heute noch lebendig ist. Da heißt es: „Der Abt ist nicht zu Hause, Er ist bei eiuci» Schmause! Wenn er wird zu Hause komm', Wird er schon geklingelt komm'!" Dem katholischen Geistlichen, der einem Stcr- benden die„letzte Wegzehrung" bringt, geht ja der Küster oder Kaplan klingelnd voran, damit sich die ihm Begegnenden vor den heiligen Knltgegenständen verneigen, bekreuzen oder niederknien. Unser Spiel- licd weiß freilich nicht mehr, daß dem Abt wohl nicht vorangeklingelt würde, wenn er blos znin Schmause auswärts wäre. Oder sollen wir dem Urheber des Liedchens die satirische Bosheit zutrauen, daß der Abt einen Anitslveg mit Moustraiiz und Küster nur vorgegeben habe, nm in Wirklichkeit lediglich einer Schmauserei beizmvohnen? Zuzutrauen wäre auch dies der spottfrohen Muse der deutschen Voltspoesie. �(s H-iusi bern �Papier karb der__ Der Sicbcuschliifer.(Zu unserem Bilde.) El, der Tausend! Das ist dcnu doch z» arg. So etwas ist ihnc», den gutmüthlgen, zottigen Wollthieren in ihrem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Während die Sonne bereits hoch am Himmel steht und ihnen schon seit einer Stunde der Magen knurrt, liegt ihr Herr und Gebieter noch ganz gemächlich i» de» Federn und schläft und träumt. Hat er am vergangenen Abend etiva zu lange ge- schwärmt, hat er das„Fensterln" vor der Hütte seines Mädels gar bis nach Mitternacht getrieben? Freilich, die Liebe ist ja etwas zu Süßes, zn Verführerisches, das lvisscil die zottigen Vierfüßler, die sehnsüchtig harrend die Lagerstatt ihres Herrn umstehen, auch. Aber so alle seine Pflichten zu vergessen, das ist denn doch zu arg! Freilich, Freund Tyras scheint darüber anderer An- ficht zn sein; er hat es durchaus nicht eilig und nichts dagegen einzuwenden, wenn er i» seiner privilcgirten Stellung als Bettgenosse seines Herrn gemüthlich»och ein Stündchen der Ruhe pflegen kann. Und einmal wird er ja doch crivachcn, der Herr Gebieter. Laßt die Sonne nur erst ein wenig höher noch gestiegen sein, so daß die blitzenden Strahlen, die neugierig durch die Thürritzen lugen, den jungen Fanlcnzer gerade ins Gesicht teesfen; dann wird er sich schon die Auge» reiben und erschreckt in die Hohe fahren. Also nur noch ein wenig Geduld, ihr lieben Schäf- lein! Lange wird es gewiß nicht mehr danern, dann öffnet sich die Stallthüre wieder und hinaus gehts wie alle Morgen ans die saftig-grüne Weide. Und gerade heute, da ihr so lange warten mußtet, wird euch das Frühstück um so besser munden I -H-S» Gedankensplitter.«S-ä- Ob es einen Gott giebt oder drei— keinen Gott oder zehntausend— liiindcr sollten genug zu esse» haben, und ihre Haut sollte rein geivaschen sein. Das Herz jeder Mutter unter der Sonne sagt es-, wenn sie eins hat. Während man schon lange wußte und erklärte, daß die Armen kein Anrecht auf das Eigeuthnm der Reichen haben, wünschte ich, daß man ebenfalls wisse und erkläre, daß die Neichen kein Anrecht auf das Eigenthum der Armen haben. John Rustin. Nachdruck des Inhalts Verbote«? Alle für die Ziedaktion bestimmten Sendungen ivolle man an Herrn G. Macasy, Leipzig, Oststraße 14, richten. üj-ranliliortttcher Redalleur: ISuslav Macasq in Leipzig.—«erlag: Hamvurger«uamructeret und Berlagsanstalt Auer&(io. tu Hamourg.— Druck: Max«ading in Berlin.