m Es mar des Sommers blaue Zeit; Die Felsen lagen schroff und breit lieber dem Wasser. Tief schlummerte die Welle; Die Lust war lauter Helle, lind über Teils Ua gelle Glühte ein Freiheitsschein. Vierwaldffätter See.---«ch Von J-i-mtj Kvers. Mus hohem Steige blieb ich Itehn; Des Schweizer laudes Freiheitsmehn Kühlte die Stirn mir. Verträumte Winde fuhren Noch durch die dunklen Fluren, lind auf des Tages Spuren Fand sich der Abend ein. Arn Himmel stand ein grüner Stern, lind übern See her von luzern Klangen die Glocken. Das war die Feierstunde, Die hat in weiter Runde Mit lautem Glockenmuude Dem Himmel Dank gebracht. Aus der Walze. Ans den Plipiere» eines Fechlbruders. Von F. Riebeit. (Sortfegimfl.) � ir saßen in der Abenddämmerung auf einein am Wege liegenden Baumstamm nnd hiel- ten Rath. „Ich schlage vor, daß wir unser Geld zusammen- legen und eine gemeinschaftliche Kriegskasse führen," sagte Johann. Franz und ich waren einverstanden, und so suchte Jeder seine gemünzten Schähe hervor. Es kam kein voller Thaler zusammen, trotzdem ich allein ein mütterliches Geschenk von einer Mark und achtzig Pfennigen beisteuern konnte. Dafür hatte ich a»ch die Ehre, zum Schatzmeister gewählt zu werden. „Mein Vormund gab mir ein Thalerstück mit auf die Reise," erzählte Johann,„ich habe jedoch das Meiste davon verkneipt: wenn nian zu viel Geld hat, lernt man nicht fechten." „Wenn ich nicht heinilich durchgebrannt wäre, hätte mir mein Stiefvater vielleicht auch einen Thaler geschenkt," sagte Franz. Ich gedachte in Liebe und Dankbarkeit der Rintter, die mir heimlich ihre letzten Groschen in die Tasche geschoben hatte. Es ivurde dunkel. Wo werden wir die Nacht zubringen? Ich rieth, in einem Ziegelofen oder Strohschober Nachtquartier zu suchen, denn ich fürch- tete, daß man uns in eine», Wirthshause als linge- bctene Gäste betrachten würde. Johann niachte den Einwand, daß wir in einem Ziegelofen oder Strohschober bei der herrschenden Kälte erfrieren würde». und fügte hinzu, daß jeder Gasttvirth verpflichtei sei, fremden Reisenden, selbst ivenn sie Handlverks- burschen seien, Obdach zu gewähren. In später Abendstunde kamen ivir nach der Ortschaft Alt-Grottkau. Zagenden Fußes schritten wir dem Wirthshause zu und baten schüchtern die arnndliche Wirthin, die im Hofe stand und die Kuh- magd ausschalt, um Nachtquartier.„Meinetivegen!" erwiderte sie zu meiner Freude,„aber im„Gast- stalle" schlafen kostet pro Mann einen Böhm."* Bald saßen wir scelenvergnügt an einem alten, eichenen Tische und streckten behaglich die müde», des Wanderns ungewohnten Beine ans. Keineni jeiler alten Römer, die das Glück hatten, an der berühmten Tafel des Feldherrn LmullnS zu speisen, dürfte es einmal so vorzüglich gemundet haben, als uns die Brotsuppe schmeckte und die Pellkartoffeln mit Butter. Auch war uns von der liebenswürdige» Kuhmagd reichlich zngctheilt worden. Nach dem Essen plauderten wir mit den anwesenden Bauern, von denen der eine so herablassend war, daß er uns eine Prise anbot. Der Gesprächsstoff ivar ein sehr interessanter. Einer der Bauern erzählte, daß in einem Nachbar- dorfe eine reiche und angesehene Banernfaniilie durch ein Gespenst an den Bettelstab gebracht worden sei. Fast allnächtlich habe der Geist im Hanse rumort, daß die Töpfe vorn Spinde und die Bilder von der Wand gefallen seien, und fast alle Wochen sei in der Wirthschaft ein Stück Vieh„gefallen", bald ein Pferd, bald ein Rind oder ein Schwei». Der Spuk habe es offenbar auf den Ruin des ganzen Hauses abgesehen gehabt, und sicher wären ihm auch die Nienschen zum Opfer gefallen, wenn nicht der Bauer inii dem kleinen Rest seines Besitzthums das Haus verlassen hätie. „lind wer bewohnt es jetzt?" „Es steht leer— ganz leer. Kein Mensch mag es kaufen, obwohl es neu gebaut ist. Die Schul- junge» haben so lange mit Steinen»ach dem Ge- spenst geworfen, bis keine Fensterscheibe und kein Dachziegel mehr ganz blieb." „So ganz leer steht das Haus doch nicht," sagte ein Anderer.„Die Muhme Kathrin erzählte, daß ein früherer Knecht des Bauern, ein Kerl, den * Zeh» Pseiviige. Der Ausdruck Böhm ist in Schle- sien üblich; er rührt aus den Zeiten her, in denen dort böhmisches Geld gangbare Münze war. er von der Landstraße aufgeklaubt hatte, zurückge- blieben sei nnd ein liederliches Frauenzimmer bei sich aufgenommen habe. Dem Bauern ist das recht und der Gemeinde auch, denn das Haus steht lvenig- stens nicht leer." „Aber so einem lumpigen Gespenst muß doch bciziikoinnien sein! Wenn garnichts hilft, so läßt man einfach den Scharfrichter kommen, der wird dem Dinge schon auf den Pelz gehen." „Alles schon versucht worden. Die Scharfrichter haben dem Bauern ein Heidengeld gekostet. Zuerst ließ ec ciiicn ans Oels kommen, dann einen aus Sachsen nnd zuletzt einen aus Oesterreich— aber es half Alles nichts. Der aus Oesterreich meinte, daß Hererei im Spiele sei; eS müsse irgend ein altes Weib im Dorfe das siebente Buch Mose habe», in lvclcheni geschrieben steht, wie man sich die Teufel und bösen Geister dienstbar machen kann. Zolange diesem Weibe— es könne vielleicht auch ein Mann sein— nicht beizukomnicn wäre, ließe sich nichts machen." „Was mag das für ein Gespenst sein, ein guter oder ein böser Geist?" lvagte ich zu fragen. „Eine arme Seele vielleicht. Ter Großvater vom jetzigen Bauern soll— so erzählen die alten Leute— seine Frau in einen Tümpel gestoßen haben, so daß sie ertrunken ist. Man hat es ihm freilich nicht beweisen können, aber die Leute wußten, daß er gern Wittwer geworden wäre, um eine an- dere Frau mit vielem Geldc heirathen zu können. Wahrscheinlich findet die Seele dieses alten Geiz- kragens jetzt keine Ruhe." „Unsinn!" rief sein Nachbar,„Unsinn, purer Unsinn! Wer heutzutage noch an Gespenster glaubt, ist in meinen Augen ein Dummkopf! Tie Muhme Kathrin glaubt de» Schwindel auch nicht. Sie hat, als sie noch jung ivar, bei einer adeligen Herrschaft gedient und dort sehr viel Bildung gelernt Sie meint, daß der Knecht, von dem kein Mensch weiß, woher und wer er ist, das Gespenst sein mag. Vielleicht halte er den Bauern aus dem Hause verscheucht, Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 194 »Nl selbst darin hallseil zu können.... Wie gesagt, heutzutage glauben nur»och Duinnitöpfc an Ge- spcnster. Seitdem Papst Gregor das Gesindel ver- bannt hat, läßt sich kein Gespenst mehr blicken---- Aber Drachen giebt es und Feucrniänncr, daran glaub ich, denn ich Hab sie mit leibhaftigen Augen gesehen. Ich mar ein Beugel von siebzehn Jahren, da nahm mich mein Vater mit nach Strehlen. Wir kamen Abends spät zurück, und wie wir durch den Wald gingen———" Ich hätte den Pferdeknecht in den Abgrund der Hölle verlvünschen können! Denn gerade, als ich mit gespanntester Anfinerksamkeit ans die Erzählung von Drachen und Feuerniännern lauschte, forderte der Kerl trotzig, daß»vir ihm augenblicklich folgen mußten, lvidrigenfalls wir uns ein Quartier im Ehausseegrabeu suchen könnten. So bin ich um die Erzählung gekommen. ** * Am anderen Morgen wurden wir zeitig geweckt, »nd zwar durch das Geräusch, mit welchem der Pferdeknecht seine vierbeinigen Pfleglinge bediente. Wir verließen unser Nachtlager, machten Toilette, und um vier Uhr waren wir reisefertig. Durch die offene Stallthür grüßte, einen herrlichen Frühlings- tag verheißend, der freundliche Morgenhimmel und mein wanderlustiges Herz entbot ihm fröhlichen Gruß. Bald aber sollte das heiter gestimmte Herz eine betrübende Lehre empfangen— die Lehre, daß ein Wanderbursch sich seinen Stab aus der Hecke schneiden, aber keinen zierlichen Spazierstock mit auf die Walze nehmen soll. Mein mühsam und kunstvoll gearbei- tetes Wanderstäbchen war zur Nachtzeit in fremden Besitz übergegangen; wahrscheinlich hatte der knnst- sinnige Pferdeknecht Geschmack daran gefunden. Ich erinnerte mich, daß dieser beim Schein der Laterne den Stock mit sichtlichem Interesse betrachtet hatte. Alles Suchen und Fragen nach dem Stocke war vergeblich: als ich aber meinen wohlbegründeten Ver- dacht äußerte, geberdcte sich der Kerl wie rasend. Er schimpfte uns„elendes Straßengesindel", drohte bald, die Hunde auf uns zu hetzen, bald, den Groß- knecht oder den Wirth zu rufen, blieb aber stets in respektvoller Entfernung von uns. Meine Freunde schlugen vor, den Burschen zu fangen und durch- znprügeln, ich rieth jedoch zur Milde und zum Ausbruch. Schweigend, und eine Thräne im Auge zer- drückend, verließ ich die Stätte meiner ersten, trüben Neise-Erfahrung. Hinter der Kreisstadt Grottkau nahmen wir unser Frühstück ein, das ich zum Preise von zwanzig Pfennigen in einem Wirthshause erstanden hatte. Butter, Brot und Salz. Franz machte kauend die Bemerkung, daß es eigentlich eine Sünde und Schande sei, wenn sich ein Handivcrksbursche Brot kaufe, und da Johann und ich diese Empfindung ehrlich theiltcn, wurde feierlich der Entschluß gefaßt, im nächsten Dorfe, dessen rothe Ziegeldächer uns bereits aus der Ferne grüßten, zu fechten.... Kaltblütig, stolz und kampfesmuthig, gleich Helden, die entschlossen sind, auf jeden Fall den Feind an- zugreifen, schritten wir auf die Ortschaft z». Bald war sie erreicht. Die Kinder spielten sorglos in der Sonne Ringelreigen und„Klippe", und die Alten gingen geschäftig ihrer Arbeit nach. Keines schenkte den drei Burschen, die am Eingange des Dorfes standen, Beachtung. Keines ahnte, was dem Dorfe bevorstand.... „Nun los... Der Jüngste muß anfangen... Fritz ist der Jüngste... Vorwärts, ins erste Hans!" „Aber es ist noch so früh am Morgen..." „Das schadet nichts; auf dem Lande stehn die Leute zeitig auf. Immer vorlvärts!" „Hier im ersten Hause scheinen arme Leute zu wohnen, der Misthaufen und die Scheune sind sehr klein..." „Dann such Dir ein Gehöft mit größerem Düngerhaufen und größerer Scheune aus..." „Ich konnte in der ganzen Ortschaft kein Ge- höft finden, welches für meinen Zweck geeignet schien. Bald hielt ich die Leute für arm, bald für geizig, bald schreckte mich ein großer Hund ab, in Wahr- heit aber ivar der hohe Muth gesunken bis zur Feigheit. Wir gelangten zum Dorfe hinaus, ohne daß Einer von uns gefochten hätte. Im Freien aber kani es zu einem heftigen Wort- gefecht; meine Freunde meinten, daß ich ein Hasen- fuß sei, und daß es besser für mich gewesen, ich wäre zu Hause bei der Mutter geblieben. Ich ver- sprach, mein Unrecht gut zu machen und im nächst- folgenden Dorfe den Reigen zu eröffnen. Dieses Dorf war eine große Ortschaft mit stattlichen Bauern- gehöften, angesichts derer ich die Ausrede, daß arme Leute darin wohnten, nicht anwenden konnte. So ersah ich mir die Bewohner eines solchen Gehöftes zu Opfern. Es lvar ein schwerer Gang— mir war, als hätte ich Bleiklumpen an den Füßen, aber — frisch gewagt! Ich biß die Zähne zusammen, kniff die Augen halb zu und schritt vorwärts... Ein Köter fuhr niit wüthcndem Gekläff auf mich zu, und ich hatte Mühe, die kleine Bestie mir mit dem Stocke vom Leibe zu halten. Im Hansflur hantirte eine dralle Frauensperson um ein Butterfaß. „Entschuldigen Sie," stammelte ich schüchtern, „ich bin ein fremder Handwerksbursche." „Geh'n Sie zur Frau," raunte sie mir zu und machte eine Handbewegung nach der halboffenen Stubenthür. Die Freundlichkeit der Magd flößte mir Muth ein, und entschlossen trat ich in die Stube. Eine schöne Frau saß am Bettrande und hielt einen Säug- ling an der Brust. Bei meinem Anblick stieß sie eine» Schrei aus, daß die Magd und noch andere dienstbare Geister bestürzt herbeikamen. Ich trat schnell den Rückzug an, und hinter mir drein er- schollen die Worte der Bäuerin:„Das Bettelpack -wird immer frecher! Jetzt kommt es schon bis in die Stube. Von heut ab kriegt kein Mensch keinen Bissen mehr bei uns!" Die Rtagd, die ja eigentlich die Schuld an dem Zorn ihrer Herrin trug, schien Mitleid mit mir zu empfinden, denn in der Hausthür zupfte sie mich am Aermel und forderte mich leise auf, einen Augen- blick zu loarten. Bald darauf drückte sie mir ein— Hühnerei in die Hand. Frohlockend trat ich mit dieser Beute vor meine Genossen. Sie theiltcn meine Freude.„Wenn wir öfters Eier kriegten," meinte Franz,„so würden wir auf der Walze ein ganz vergnügtes Leben führen." Ich ermahnte Beide, nunniehr auch ihre Pflicht zu thnu, da ich die meinige gethan habe, und ermuntert durch meinen Erfolg, stürmte Jeder in einen Bauernhof. Aber traurig kehrten sie zurück; ihre Bitte um„llnterstützuug" war vergeblich gewesen. „Es konimen zu Viele!" hatte Johann zur Ant- tvort erhalten, und Franz war abgewiesen worden, weil es Frühjahr sei, wo es doch Arbeit in Hülle und Fülle gäbe. Leute, die nicht arbeiten möchten, dürfe man nicht unterstützen. Die Lust zum„Fechten" ivar uns gründlich vergangen, und traurig schritten wir unseres Weges weiter. Doch nicht verzweifelt! hatten wir doch einen Schatz erbeutet, das Hühnerei... Was beginnen damit? lieber diese Frage wurde lauge berathschlagt, und als eine Reihe von Vor- schlügen verworfen worden, einigten wir uns dahin, auf einem Feldraine ein Feuer anzuzünden und das Ei so lange darüber zu halten, bis es hart und theilbar geworden sei. Drei Theile— das gab für Jeden nur einen kargen Bissen, aber es war ein Leckerbissen. Wir zündeten Feuer an und hielten abwechselnd unseren Schatz über die Flammen. Da plöplich— ich hielt ihn just in der Hand— zersprang die Schale und der flüssige Inhalt lief in die Asche. Ein dreifacher Weheruf... Johann fand zuerst seine Fassung wieder; er löschte das Feuer aus und suchte zu retten, was noch zu retten ging, indem er die Asche wegblies und Eiweiß und Dotter so gut als möglich aufleckte. Drittes K pitet. Schweinebraten und Breslau. i Das Dörflein, in dessen Gasthause wir am zweiten Abend unserer Wandsrung Quartier fanden, fühlte den duftenden Namen„Schweinebraten". Ein Bauer, den ich nach dem Ursprung des sonder- baren Namens fragte, erzählte mir, daß der Ort vor dem siebenjährigen Kriege anders geheißen habe; der jetzige Nanie sei ihm zu Ehren des alten Fritz verliehen worden, welcher im Wirthshausgartcn höchst eigenhändig ein Schwein am Spieße geröstet habe. Mein Gewährsmann, der auf den Namen nicht wenig stolz zu sein schien, fügte hinzu, daß seit dem sieben- jährigen Kriege in Schweinebraten ein ganz beson- derer Segen auf der Schweinezucht ruhe; wenn sonst nichts gedeihe— Fleisch sei immer da. Wir arnien Schlucker merkten von diesem Segen nichts und mußten mit Kartoffeln und Salz vor- lieb nehmen. Am anderen Riorgen zeigte der Himmel ein trübseliges Gesicht. Als wir eine halbe Stunde ge- wandert waren, öffnete er seine Schleusen und begoß uns mit kaltem Regen. Nun galt es zu laufen, um dadurch dem Froste zu wehren. Im Eilmarsch gings von Dorf zu Dorf, und nur, wenn die Hinun- lischen es gar zu arg trieben, hielten wir kurze Rast unter schützendem Blätterdache. Am Spätnachmittage erblickten wir die Thürme der schlesischen Hauptstadt. Wie klopfte mir bei diesem Anblick das Herz! Alle die Herrlichkeiten, von denen ich in Büchern gelesen und von Leuten gehört hatte, die sich rühmen durften, in Breslau gewesen zu sein, sollte ich mit eigenen Augen schauen. Wer in meinem Heimathsdorfe von den Wundern der Hauptstadt erzählen konnte, von den großen Kirchen, den Denkmälern, dem Rath- haus und der Liebigshöhe, von den breiten Straßen und hohen Palästen, der wurde von uns Kindern und wohl auch von den Alten bewundert, als müsse an seiner Person ein Abglanz all jener Herrlichkeiten haften geblieben sein... Noch eine Stunde, dann sollte ich Breslau mit eigenen Augen sehen. Meine Freunde schienen nicht minder stolz und freudig zu sein.„Wir sind doch schon weit in der Welt!" bemerkte Johann, und Franz fügte selbst- bewußt hinzu:„Wenn wir wieder heimkommen, werden sie schöne Augen machen über uns." Plötzlich aber ließ er in den Becher unserer Freude einen Tropfen Mermuth falle», indem er erklärte, umkehren zu müssen, weil er keinen an- ständigen Rock habe. In seiner alten, abgeschabten Joppe könne er sich unmöglich in Breslau sehen lassen. Ich mußte mein ganzes Rednertalent entfalten, um den braven Kameraden von seinem unseligen Vorsatz abzubringen. Er gab schließlich unter der Bedingung nach, daß ich ihm mein letztes Vorhemd abtreten müsse, damit, wie er sagte, sein Hals wenig- stens eine anständige Kouleur habe. Ich lieferte ihm das Vorhemd aus, und er machte bei strömendem Regen Toilette. Zur Dämmerstunde hielten wir unseren Einzug in Breslau. So viel ich auch meine neugierigen Blicke umherschweifen ließ, sah ich doch vorläufig von den gepriesenen Herrlichkeiten so gut wie gar- nichts. Häuser, Straße», Fuhrwerke— ganz wie in Neisse. Nur die Pferdebahn interessirte unS. Unsere weihevolle Stimmung wich bald prosaischen Gefühlen; Hunger und Kälte peinigten uns, und wir waren bestrebt, unter Dach zu komme». Ein Herr rieth uns, in die„Herberge zur Heimath" zu gehen und zeigte uns den Weg. Schon am Mittag hatte Franz über fürchter- liche Zahnschmerzen geklagt, und nun, auf dem Wege zur Herberge, wiederholte sich der Jammer. Es war herzzerreißend. Den Lippen entrangen sich unarti- knlirte Laute, und über die rothen, drallen Wangen perlten Thränen. Wir ertheilten allerlei gute Rath- schlüge, Franz aber schüttelte traurig den Kopf und erwiderte, daß er alle diese Mittel schon früher probirt habe; der Unhold müsse herausgezogen werden — andere Mittel seien vergeblich. Das Ausziehen wäre allerdings das universellste Mittel gewesen, aber erfahrungsgemäß üben die Die Heue Welt. Illuftrirte Unterhaltungsbeilage. 195 Zcihukiinstler ihre Kunst nicht unentgeltlich aus— und da säst der Haken. Wir zählten unser Ver- mögen nach, und das Resultat war ein höchst be- trübendes. Es war unmöglich, den Zahn ziehen zu lassen, und der arme Junge mnstte weiter dulden. Da erinnerte sich Johann plötzlich, wie ihm vor Jahren einmal ein Dienstknecht einen Zahn mit Bindfaden herausgezogen habe? was ein Dienstknecht im Stande sei, müsse ein Tischlergcselle auch können. So wurde denn beschlossen, in der Herberge den Zahn mit Bindfaden herauszuziehen; unser Dulder fühlte sich sichtlich getröstet. In der Herberge erfuhren wir zu unserer Freude, dast das Nachtquartier weniger kostete, als wir vermuthet hatten, es blieb noch ein Nest für Abendbrot übrig. Wir setzten uns, abseits von den übrigen Gästen, in einen Winkel und be- reitetcn uns zu der großen Operation vor. Die Schlinge war fertig— nun, armer Franz, mach Dich gefaßt! Wenn nur die Anderen uns nicht zugaffen möchten!— Vielleicht gehts, wenn Franz den Kopf unter den Tisch steckt?—— „Nanu," rief plötzlich einer der Gäste,„dort hat wohl ein Kunde Zahnschmerzen?— Du, Rüsselschaber, hier ist Arbeit für Dich. Verdien Dir tvas!" Er richtete diese Worte an einen jungen Mann, der sich sogleich erhob und zu uns trat.„Soll ich den Zahn ziehen?" „Wenns nicht zu viel kostet," erlvidcrte ich zaghaft. „Einen Bleier." „Was ist das?" „Was das ist?— Zehn Pfennige sinds," eist- gegnete der Rüsselschaber spöttisch und schüttelte sich vor Lachen, als ob es gar zu närrisch sei, daß ich nicht wußte, was ein Bleier ist. Ein Bleier— zehn Pfennige! Das war das erste Wort, das wir über die Handwcrksbnrschen- spräche erfuhren. Ein Bleier war noch zu erübrigen, wir ivilligten ein. „Na, da kommt!" Er ergriff einen Stuhl und ging hinaus, wir folgten ihm. Unser Ziel war ein Ort niit der bekannten Aufschrift, die den Besuch desselben nur dem stärkeren Geschlecht gestattet. „Hier setz Dich und fürchte Dich nicht— ein Ruck— und die Sache ist gemacht!" sagte der Zahnkünstler. Der Patient ließ sich furchtsam auf den Stuhl nieder.„M'nth!" raunte ich ihm zu,„ein Ruck— und Du bist erlöst!" Franz besaß keinen Muth; aus seinen Zügen sprach unsägliche Angst. Ein Anzahl Handwerksburschen hatten sich ein- gefunden, um dem interessanten Schauspiel beizu- wohnen. Sie wurden aufgefordert, unseren Freund festzuhalten. Ein Dutzend Arme schlangen sich um den feinen, schlvachen Körper und hielten ihn mit eiserner Ge- walt fest. Der Arzt näherte sich seinem Opfer; er hielt ein eisernes Werkzeug in den Händen, das an Größe und Gestalt viel Aehnlichkeit mit einem Ne- volver hatte. „Nun mache den Mund auf— so weit Du kannst. Welches ist der böse Zahn? Der?— der? oder der?" „Au, huu--!" stieß Franz hervor. „Nur ruhig Blut— jetzt weiß ich schon Be- scheid," tröstete der Andere.„Immer den Mund aufgesperrt, so weit wie's geht." Franz gehorchte. Der„Rüsselschaber" fuhr mit dem eiserne» Dinge hinein,— aber es vergingen wohl fünf Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vor- kamen, ehe er den Zahn gefaßt zu haben schien. Der Delinquent jammerte und stöhnte und stieß ab und zn, wenn das Eisen den Schmerzenszahn be- rührte, einen gellen Schrei aus; er bezeigte angen- scheinlich Lust, auf und davon zu springen und lieber den Zahnschmerz zu ertragen, als solche Marter. „Jetzt aber festhalten— das Instrument sitzt!" schrie der Arzt plötzlich mit Kommandostimme und begann mit aller Gewalt zu ziehen. Franz brach in ein fürchterliches Geschrei ans, suchte sich los- znrcißen und strampelte wie verzweiflungsvoll mit den Füßen.„Los— los— loslassen!" rang sichs zlvischeu dem entsetzlichen Eisen hervor. „Festhalten!" schrie der Arzt,„an den Beinen festhalten! Der Kerl trampelt mir ja meine Beine kapnt!" Franz wurde auch an den Beinen festgehalten. „Donnerwetter, der sitzt fest— aber raus muß er!" Der Unhold setzte mit neuer Kraft an und Franz schrie immer entsetzlicher. Seine verzweifelten Be- niühnngen, sich loszureißen, waren gänzlich erfolglos, trotzdem ich eifrig bestrebt war, ihm zu helfen. Da brach mit lautem Krachen der Stuhl zusammen. Die Handwerksburschen stoben auseinander. Franz fiel znr Erde und— war frei. Wir führten ihn ins Herbergszinimer zurück und freuten uns seiner Ver- sichernng, daß der Schmerz vorüber sei, trotzdem der Zahn noch völlig fest sitze. Der„RTisselschaber" meinte zornig, daß er einen so zimperlichen Menschen noch nieinals unterm Instrument gehabt hätte. Wir beschwichtigten seinen Zorn, indem wir ihm den ver- einbarten Bleier bezahlten. Am anderen Morgen in aller Frühe zogen wir zum Striegaucr Thor hinaus, ohne die Herrlichkeiten der Hauptstadt in Augenschein genommen zu haben.„In Breslau ist für uns kein Boden," sagte Franz. Johann und ich waren derselben Ansicht.- ach der Unterdrückung des polnischen Auf- .y standes, dem mißlungenen Attentat Kara- kosows und der Verschickung Tschernischews- kys nach Sibirien begann in Rußland eine Periode, während welcher es politisch verhältnißmäßig ruhig war. Es ist richtig, auch in dieser Zeit gab es nicht wenige Verdächtige; die häufigen Verhaftungen und Verschickungen dauerten fort. Man kann in jenem Zeitabschnitte nicht eine einzige allgemeine Be- wegung nachweisen. Die Epoche der shstematischen Attentate hatte noch nicht begonnen. Der eigentliche Charakter der revolutionären Propaganda hatte sich wesentlich verändert, nicht ohne ausländischen Einfluß. Früher waren Alle mit dem Gedanken an poli- tische Reformen nnd die Vernichtung des Absolutis- muS beschäftigt; jetzt kam die sozialistische Aufgabe an die Reihe. Die revolutionäre Intelligenz wurde nach und nach der festen Ueberzeugung, daß wesent- liche Resultate, welche sie auch sein mögen, schwer zu erzielen sind, so lange das einfache Volk in Un- wissenheit und Armuth bleiben wird. Um irgend etwas zu erreichen, muß man mitten im Volke arbeite», eine Annäherung mit ihm suchen, „sich vereinfachen". Die Menschen dieser Generation kann man nicht besser darstellen, als es Tnrgenjeff im Roman„Neuland" gethn». Zu der Zahl dieser Naiven und keineswegs verbrecherischen Propagan- disten gehörten auch jene fünfundsicbenzig Beschul- digten, die ich soeben erwähnt habe. Sie arbeiteten nicht mit Bomben nnd nicht mit Dynamit. Die Meisten von ihnen gehörten guten Familien an nnd waren sich keiner anderen Schuld belvußt, als daß sie unter das Volk gingen. Sie legten Bauernkleider an und gingen als Arbeiter in die Fabriken mit der geheimen Absicht, inniitten der arbeitenden Klasse Propaganda zu machen. Aber in den meisten Fällen beschränkte sich die Thätig- keit auf den Besuch der Schänken und Ntärkte, auf revolutionäre Reden und die Vertheilnng der Bro- schüren unter die Bauern. Die Gebräuche des Volkes nnd sogar dessen Sprache nicht kennend, faßten die Propagandisten ihre Misfioii so unpraktisch und ungeschickt, daß sie nach den ersten Versuchen, die„Gährnug unter den Arbeitern her- vorzurufen", von den Fabrikbesitzern und den Schänk- wirthen, nicht selten auch von den Bauern selbst der Polizei übergeben wurden. So gering auch die praktischen Resultate waren, welche die Propagandisten erreicht hatten, so erachtele es die Regierung dennoch für nothwendig, ihnen gegen- über mit großer Strenge vorzugehen, in der Hoff- nung, mit emeni Male jeder weiteren Propaganda ein Ende zu machen. Es war der Befehl ergangen, Alle festzunehmen, deren man nur habhaft iverden kann. Ilm zu den Verdächtigen zn gehören und ver- haftet zu werden, geniigte es, Bauerukleidnng an- zulegen. Die Verhafteten wurden zur Untersuchung nnd Verhandlung nach Petersburg geschickt. Obgleich die meisten von ihnen einander nicht kannten, klagte man sie dennoch als Theilnehmer eines nnd desselben Verbrechens an. So geschah es auch diesmal. Die Behörde wollte durch Klugheit und Energie und durch Strenge der Justiz verblüffen. Thatsächlich wurde die Angelegenheit nicht den Geschworenen, sondern einer besonderen, von der Regierung ernannten Kom- Mission zur Verhandlung übergeben. Es stand aber jedem Angeklagten das Recht zu, seinen eigenen Advokaten zu haben, und der Prozeß sollte bei offenen Thüren geführt werden. Wie es schien, sah die Regierung nicht ein, daß in einem solchen Lande wie Rußland infolge seiner ungeheueren Ausdehnung und des Mangels an Preß- frciheit die politischen Prozesse das beste Mittel der Propaganda sind. Viele junge Leute, welche Wjeras Gesinnungen theilten, hätten im Verlauf einer Reihe von Jahren nicht die Möglichkeit gefunden, der„Sache zu dienen", wenn nicht von Zeit zu Zeit politische Prozesse sie darauf geführt hätten, wo die wirklichen Nihilisten zu suchen. Im Allgemeinen erwecken die Angeklagten in den verschiedensten Kreisen lebhafte Sympathie. Wenn man auch mit ihnen nicht in diiektem Verkehr stehen kann, da sie in den meisten Fällen hinter Riegel und Gitter sitzen, so sind ihre Beziehungen zu den Freunden und Verlvandten doch völlig frei, nnd man beeilt sich, diesen Sympathien zu bekunden. Zwischen den Mitfühlenden und Den- jenigen, denen man das Mitgefühl bezeugt, bildet sich ein gegenseitiges Vertrauen, Einer unterstützt und richtet den Anderen auf. Es ist daher nicht zu verwundern, daß nach jedem politischen Prozeß sich das wiederholt, was in den russischen Sagen erzählt ivird:„Auf einen Riesen folgen zehn." Auch Wjera erfuhr an sich den Einfluß der politi- schen Prozesse. Bei der ersten Nachricht von der bevorstehenden Gerichtsverhandlung hörte sie auf, an alles Andere zu denken. Jede Nummer des„Ne- giernngsboten" wurde für sie ei» Gegenstand des aufmerksamsten Studiums. Sie wußte nicht nur die Namen der Angeklagten auswendig, sondern auch die Vertheidiger, nnd beeilte sich, die erste sich dar- bietende Gelegenheit zu benutzen, um mit den Fami- lien der Angeklagten Bekanntschaft zu macheu. So eröffnete sich für sie das breite Feld der Thätigkeit, wovon sie geträumt: Füufundsiebzig Familien, durch die Verhaftung ihrer Angehörigen in Elend und Verzweiflung gestürzt, bedurften ihrer Theilnahmc. Sie konnte ihnen werkthätige Hülfe erweisen, konnte „der Sache dienen"; und das verschaffte ihr die Möglichkeit, urplötzlich in die Mitte derjenigen Men- schen einzudringen, die ihr den Gefühlen und den llebcrzcugnngen nach nahe standen. Es braucht nicht erst erwähnt zu werden, daß sie, von ihren neuen Freunden völlig in Anspruch genommen, auf einmal den Besuch der Vorlesungen und den Verkehr mit mir abbrach. Wenn sie mitunter auf einen Augen- blick zn mir gelaufen kam, geschah es nur, um meine Hülfe zu begehren und den ihr so theueren Men- scheu einen Dienst zu erweisen. Bald mußte ich einen Sammelbogeii zn Gunsten der einen oder anderen nothleidenden Familie in Umlauf setzen, bald ein ohne Aufsicht verblichenes Kind unterbringen, bald einen der hervorragendsten Advokaten zur Uebernahme einer Vertheidigung veranlassen— mit einem Wort, Wjera scheute weder eigene, noch die Mühe Fremder. Gegen Ende April ivar die llntersnchung be- endet und die Gerichtssitzungen begannen. Von sechs Uhr früh an drängte sich eine dichte Menschenmenge beim Eingang in das Gerichtsgebäude. Bios die Besitzer von Eintrittskarten durften den Sitzungs- saal betreten, die Anderen hietten sich in den Gängen 196 Tlcuc Wclt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. auf, in der Hoffnung, so rasch als möglich von den Vorgängen zu erfahren. Um halb neun Uhr begann der Einlaß des Publikums, und wir befanden uns plötzlich in einem großen Saal zwischen einem Spalier von Gendarmen, die uns aufmerksam ins Gesicht blickten, als wollten sie unser Recht auf Eintritts- karten kontroliren. Ein flüchtiger Blick genügte, um zu erkennen, daß das Publikum aus zwei Kategorien bestand. Die Einen kamen aus Neugierde wie zu einem seltenen Schauspiel. Das ivaren zum größten Theil Leute aus der guten Gesellschaft, denen es nicht schwer fiel, Eintrittskarten zu erhalten. Darnnter konnte man Damen bemerken, welche die erste Jugend weit hinter sich hatten, schwarz gekleidet, wie es der gute Ton verlangt. Viele hielten Operngläser in den Händen. Offenbar befürchteten sie, das geringste Detail des Dramas könnte ihnen entgehen, das sich vor ihren Augen abspielen sollte. Ihre Neugierde ivar so gespannt, daß sie alle gern die Gewohnheit späten Aufstehens und die natürliche Scheu vor jeder Berührung mit dem Volke zum Opfer brachten. Fast alle Männer dieser Gruppe sahen wie hohe Würden- träger aus, der Eine wegen der Uniform, der Andere auch schon wegen eines Ordens. In de» ersten Niinutcn waren Alle vor Spannung ivie erstarrt. Aber bald ivar die feierliche Stille gebrochen. Man fand Be- kannte, es wurden Begrüßungen ausgetauscht. Die Liebenswürdigkeit der Herren kam in dem Wunsche zum Ausdruck, die besten Plätze den Damen zu über- lassen. Nach und nach entspannen sich Gespräche— zuerst flüsternd, dann lauter und lauter. Hätte sich das nicht am frühen Niorgen zwischen kahlen Wänden und Fenstern, auf einfachen Holzbänken zugetragen. so hätte man glauben können, daß man sich in eineni Salon der guten Gesellschaft befinde. Neben dieser Zuschauergruppe war auch eine andere. Diese bestand aus den Freunden und nächsten Verwandten der Angeklagten. Die traurigen, ab- gehärmten Gesichter, die alten Kleider, das trübe, schwere Schweigen, die Blicke, die sich voll Schreck auf die Thür richteten, in der die Angeklagten er- scheinen sollten— Alles in ihnen vcrräth bittere Wirklichkeit, die Vorahnung eines schrecklichen Aus- ganges. Punkt zehn Uhr hört man den gewohnten Ruf: „Der Gerichtshof kommt!" I» den Saal treten zwölf Senatoren, alle greise Männer, die mehr Orden an der Brust als Haare auf dem Kopfe hatten; unter ihnen konnte man jede Kategorie russischen hohen Ranges wahrnehmen. Neben dem aufgeblasenen, selbstbewußten, mit seiner Karriere noch nicht fertigen Staatsbeamten fällt auch ein hinfälliger Greis mit herabhängender Lippe und halberloschenem Blick auf. Sie ließen sich, ohne sich zu beeilen, mit einer gewissen Feierlichkeit auf die Fautenils nieder. Da öffnet sich die zweite Seitenthür und diesmal treten, von Gendarmen geleitet, die fünfund- siebzig Angeklagten in den Gerichtssaal. Diese Ver- brecher haben ein seltsames Aussehen. Die abge- zehrten Gesichter stehen zu ihrer Jugend in grellem Kontrast. Ter Aelteste ist noch nicht dreißig Jahre alt, der Jüngste ist kaum achtzehn geworden. Alle haben etwas bessere Kleidung angelegt. Alle sehen gewissermaßen feierlich aus. Es giebt unter ihnen auch hübsche, junge Mädchen; die Aufregung, die sich ihrer bemächtigt hat, verleiht ihren Augen einen fieberhaften Glanz und bedeckt ihre Wangen mit krankhaften Farben. Lange Monate hatten diese jungen Leute in vollständiger Abgeschlossenheit von der übrigen Welt verbracht und nun ist es ihnen beschieden, ihren Nächsten zu begegnen, die sie in der anwesenden bunten Menge erkennen. Eine nicht z» beherrschende, beinahe kindische Freude drückt sich ans ihren Gesichtern aus. Sie vergessen augenschein- lich die furchtbar erregten, herankommenden Minuten: das bevorstehende Ilrtheil, das llrtheil, das sie auf viele, viele Jahre hinaus jedes Lebensgenusses be- rauben wird. In diesem Augenblicke vergessen sie Alles. Sie sehen voll Freude und Fröhlichkeit blos die Ihren. Ungeachtet des Einspruches der Gendarmen gelang es Vielen, die ihnen entgegengestreckten Hände zu duicken und einige Worte zu wechseln. Die Freunde und Verwandten können sich nicht beherrschen, als sie sie erblicken— sie stürzen sich zu den Schranken mit freudigen Begrüßungen. Ich bin überzeugt. Nie- maud von Denen, die im Gerichtssaal sich befanden, wird diese Augenblicke je vergessen können. Selbst die Herrschaften ans den höheren Kreisen, die längst die Fähigkeit einer starken Empfindung verloren haben, werden von der allgemeinen Stimmung ergriffen. Für einen Moment schenken sie ihre Sympathien den An- geklagten. Später aber, wenn sie nach Hause zurück- gekehrt sind und die Zeit ihre Nerven beruhigt hat, erröthen sie mehr als einmal bei dem Gedanken an ihre Schwäche. Aber jetzt können auch sie sich nicht beherrschen, und viele von diesen ehrenwcrthen Damen schwenken bei dem Anblick dieser schrecklichen Nihi- listen die Taschentücher. Allein all das währt nur einen Moment; es gelingt den Gendarmen bald, die Ordnung wieder herzustellen und die Angeklagten an ihre Plätze zurückzuführen. Die Verhandlung ist in vollem Gange. Der Staatsanwalt hält die Anklagerede. Ungeachtet der Wichtigkeit der darin vorgeführten Thalsachen über- hören die Angeklagte» seine Rhetorik. Sie blicken einander an und Jeder sucht seiner Stimmung, wenn nicht durch Worte, so durch Zeichen Ausdruck zu gebe». Wie groß auch ihr bisher erlebtes Leid ge- wesen sein mag, wie schrecklich das sie erwartende Schicksal werden dürfte, im Augenblick waren sie ganz glücklich, wie wenn der Sieg schon auf ihrer Seite wäre. Der Staatsanwalt war ein junger Mensch, der rasch Karri re machen wollte. Seine Beredsamkeit war daher sehr groß. Mehr als zwei Stunden lang entwirft er vor den Richtern ein düsteres Bild von der revolutionären Bewegung in Rußland. Er theilt die Angeklagten in Gruppen und findet in jeder die Möglichkeit, neue Ilnterabtheilungen zu bilden, und das Alles thut er mit derselben Kühnheit und Schnelligkeit, mit der der Botaniker die Pflanzen seines Herbariums nach Art und Gattung bestimmt. Gegen jede Kategorie erhebt er eine besondere An- klage, aber die giftigen Pfeile seiner Beredsamkeit sind fast ausschließlich gegen fünf Angeklagte ge- richtet. Von diesen fünf waren zwei— Frauen.— Die Eine ist ein ganz junges Mädchen mit einem bleichen, länglichen Gesicht und träumerischen, blau- grauen Augen; das ist die Tochter eines hochstehenden Beamten, die Kameraden nennen sie„die Heilige". Tie Andere ist älter, kräftiger, angeiischcinlich gröberer Natnr; ihr breites, flaches Gesicht ist nicht schön und trägt den Stenipel des Fanatismus und, des Eigensinns. Von den Männern ist Einer ein Arbeiter mit intelligentem Aenßeren, der Andere ein Schnllehrer mit allen Anzeichen der galoppirenden Schwindsucht, der Dritte, ein Student der Medizin, jüdischer Herkunft, Pawlenkow. Dieser ruft den Haß und die Entrüstung des Staatsanwaltes in besonderem Maße hervor. Wenn die Rede auf Pawlenkow kommt, kann der Staatsanwalt seinen Zorn nicht zurückhalten; er schildert ihn als einen leibhaftigen Niephisto. Alle übrigen Angeklagte», behauptet er ferner, sind un- zweifelhaft ein sehr schädliches Volk. Die Gesell- schaft hat die Pflicht, sie im Interesse der eigenen Sicherheit zu beseitigen, allein hier muß man doch mildernde Ilmslände gelten lassen. Wie unsinnig die propagirten Theorien sein mögen, so glauben jene doch an sie, aber bei Pawlenkow kann man das nicht sagen. Ihm ist die revolutionäre Propaganda nur ein Mittel, sich selbst zu erheben und die Anderen in den Schnintz zu versenken. Die Natur hat ihn mit einem außergewöhnlichen Verstand bedacht, er aber benutzte diese kostbare Gabe nur dazu, sich und die Anderen i» den Abgrund zu stürzen. Nach deni Bei- spiel seiner französischen Kollegen schildert der Staats- anwalt Pawlenkows Lebensgang von der frühesten Jugend an. Er schildert uns den Augeklagten als einen ehrgeizigen Burschen, der bei armen Eltern auf- wuchs, die keine Achtung verdienten. Diesen waren, behauptet er, alle moralischen Prinzipien fremd. Und da sie selbst keine hatten, konnten sie dieselben den Kindern auch nicht einprägen, um ihre lasterhaften Instinkte zu bekämpfe». Ein reicher jüdischer Kauf- mann, von der Intelligenz des jungen Samuel ver- blüfft, bringt ihn in eine Schule; Samuel lernt fleißig und erfolgreich, aber das Lernen entwickelt in ihm nicht die moralischen Gefühle. Er bekommt das Matliritätszengiliß und tritt in die medizinische Akademie ein. Das war offenbar für den armen jiidi- scheu Jungen, dessen Brüder und Schwestern noch immer in Lumpen und barfüßig ans der Straße umherliefen, ein unerwarteter Erfolg. Aber staü Gott und seinem Wohlthäter zu danken, begünstigt und entwickelt Pawlenkow jenes böse Gefühl, welches die Armuth und Erniedrigung der Kindheit in ihm hervorgerufen hatten. Ihn ergreift nach und nach ein unbezähmbarer Haß gegen Alles und Alle, die höher als er stehen; er gebraucht seinen Verstand und seine Fähigkeiten dazu, um Einfluß auf die- jenigen Kollegen zu erlangen, die besseren Familien angehörten als er. In seiner Seele pflegt er den Gedanken, wie sie für seine verbrecherische Gesinnung zu gewinnen wären. lind in diesem Sinne spricht der Staatsauwalt ununterbrochen. Er schließt seine Rede mit der Bitte, das Gericht möge bei Pawlenkow die volle Strenge des Gesetzes walten lassen. Mit eineni solchen Verbrecher wie er es ist, hat man kein Erbarmen. Während der Staatsanwalt gegen Pawlenkow loszog, verfolgte ich aufmerksam das Gesicht des Angeklagten. In einem gewissen Sinne war sein Aeußcres interessanter als das aller Anderen. Er schien an Jahren und Erfahrungen älter. Auf seinem Gesicht konnte man keine Spur von jener kindlichen Naivetät finden, welche die Gesichter der übrigen Angeklagten zeigten. Er war brünett, hatte scharfe jüdische Züge. Seine Augen frappirtcn durch Klugheit und Schönheit, aber ein bitteres, sar- kastisches und zugleich sinnliches Lachen entstellte seinen Mund. Seine rothen, dicken Lippen fielen durch ihren Kontrast mit dem oberen feingeschnittenen Theil des Gesichts unangenehm auf. Das Zucken der Gesichts- mnskeln und die raschen Handbewegungen zeugten von Pawlenkows Nervosität. Er war der einzige unter allen Angeklagten, der bei dem Anblick der Genossen nicht die geringste Freude bekundete; auch begegnete er beim Eintritt keinem einzigen thränen- feuchten Blick. Pawlenkow folgte aufmerksam jedem Worte des Staatsanwaltes und machte von Zeit zu Zeit auf eineni Streifchen Papier Notizen. Keine einzige zornige Aeußerung machte ihn außer sich ge- rathen. Und würden sich nicht auf seinem Gesicht die nervösen Zuckungen gezeigt haben, so hätte man ihn leicht für einen gleichgültigen, wenn auch aufmerksamen Zuschauer halten können, der an deni Ausgang der Angelegenheit persönlich nicht be- theiligt ist. Der Rede des Staatsanwaltes folgte eine ein- nndeinhalbstündige Pause. Die Zuschauer und die Angeklagten verließen den Gerichtssaal. Die Sena- toren und Advokaten eilten zum Frühstück und das Publikum begab sich in die nächsten Restaurants. Die Sitzung wird wieder eröffnet und nun treten die Advokaten an. Es ist keine leichte Sache, in einem politischen Prozeß Bertheidiger zu sein. In der That, ein solcher Prozeß ist ein vorzügliches Btittel, hervorzutreten und sich einen Namen zu machen; dagegen braucht der Advokat in seiner Rede blos eine Spur von Feuer oder eine Ueberzengung an den Tag zu legen, und er fällt sofort der Kate- gorie der Verdächtigen anHeim. Viele erinnern sich noch, daß auf eine beredte Vertheidignng einmal die administrative Verschickung folgte. Jndeß kann man zur Ehre des AdvokatenstandeS sagen, daß sich in seiner Mitte stets Männer fanden, die hochherzig genng waren, sich den Angeklagten zur Verfügung zu stellen, nud sogar ohne jede Aus- ficht auf Elitlohnung. Auch in diesem Falle war es so; auch diesmal fanden sich Leute, die gern die undankbare und verantwortungsvolle Rolle des Ver- thcidigers übernahmen. Es siel ihnen nicht ein, ihre Klienten zu entschuldigen und deren Theilnahme l'JS an der revolutionären Vc>vcc,nng zu leugnen. Sie begnügten sich damit, die Biotive ihrer Handlungen ins vortheilhafteste Licht zii stellen; sie entwickelten kühne Theorien und erlaubten sich nicht selten Ans- drücke, die in jedem anderen Prozeß— politische ans- genommen— nicht denlbar wären. Der Vorsihende des Gerichtshofes versuchte es öfter, dergleichen hintanzuhalten. Aber alle seine Bemühungen ivaren vergeblich. Gleich darauf nahmen sie ihre frühere Redeiveise wieder ans und sprachen nur noch kühnere und entschiedenere Gedanken aus. Die Sympathien des Publikums für die Auge- klagten wuchsen stetig. Die Mitglieder der guten Gesellschaft, welche die Neugierde in den Gerichts- saal getrieben hatte, hörten bestürzt Dinge an, an die zn denken sie bislang auch nicht ein einziges Nlal Gelegenheit gefunden hatten: ihr Geist lvar nach dieser Richtung eben wenig geübt. Gerade so >vie Wjcra den Sozialismus für das einzige Büttel zur Lösung aller Fragen hielt, glaubten Jene nach dem Hörensagen, daß alle Ideen der Nihilisten in gewissem Sinne Wahnsinn wären. Sie lernten die beredt erörterten Ideen kennen und sahen, daß diese schrecklichen Nihilisten lange nicht jene Wnnderthiere ivaren, welche ihnen ihre Phantasie oder Borsteltung malte, sondern daß es unglückliche, sich völlig ver- leugnende junge Leute sind; es ist also nicht zu verwundern, daß sich vor den Augen Jener eine neue Welt entfaltete und sie nicht mehr wußten, welche Gefühle für die Angeklagten zu hegen. Von dem früheren mißtrauischen und sarkastischen Ver- halten ivar keine Spur mehr; die Sympathien für sie steigerten sich sogar allmälig und schienen in Enthnstasnius übergehen zu wollen. Bios die Richter bekundeten auch weiterhin ihren gewohnten Gleich- mnth. Die redegewandten Advokaten rührten sie ivenig; sie hatten im Vorhinein ihre Instruktionen erhalten und nian konnte sogar ihr Urtheil vorher- sagen. Man konnte ihnen blos von Zeit zu Zeit Zeichen von Müdigkeit und Apathie ansehen. „Wann wird das Alles ein Ende nehmen?" schienen ihre Lippen zu lispeln. Der Abend bricht an, der Vorsitzende schließt die Sitzung. Am nächsten Tag werden die Debatten bis in die Nacht hinein fortgesetzt. Und so geht es Tag für Tag eine ganze Woche lang. Das Interesse des Publikums nimmt nicht ab, sondern wächst sogar zusehends. Zu den glänzendsten Vertheidigungsreden muß Pawlenkows Rede gezählt werden. Es ist wahr, auch ihm war ein Advokat nicht verwehrt worden, aber Pawlenkow entschied sich, auch von dem Recht der Selbstvertheidigung Gebranch zu machen. In technischer Hinsicht war seine Rede unvergleichlich schlechter, als die vorher gehaltenen. Was ihr aber eine besondere Kraft und Bedeutung verlieh, das war ihre Einfachheit und das Unkünstlerische. Er schloß sie mit den folgenden Worten: „Der Herr Staatsanwalt hat Ihnen gesagt, ich sei ein armer Betteljude, und er hat Ihnen die Wahrheit gesagt; allein gerade deshalb, iveil ich die Armnth kenne und den Reihen der verachteten Nation entstamme, fühle ich mit allen Denen mit, welche leiden und kämpfen. Als ich sah, daß es mir un- möglich war, mit gewöhnlichen Bütteln zu handeln, beschloß ich, zum Aeußersten Zuflucht zu nehmen, ohne erst darüber nachzudenken, ob es gesetzmäßig oder gesetzwidrig ist. Ter Herr Staatsanwalt sagte Ihnen, wegen meiner Armuth sei ich auch strenger als die Anderen zu bestrafen— meinethalben, möge man Alles mit mir machen, was er will. Ich werde nicht um Ihr Mitleid bitten, da ich jenem Volke angehöre, welches gewohnt ist, zu leiden und zu dulden." Nach Schluß der Debatten entfernten sich die Richter behufs Fällung des Urtheils, das Publikum verblieb im Saale. Nach zwei Stunden kehrten die Richter auf ihre Plätze zurück und der Vorsitzende begann leise und feierlich mit der Verlesung des llrtheils. Das ivährte ungefähr eine Stunde. Die Mehrheit der Ange- klagten wurde zur Verschickung nach Sibirien oder in ein entlegenes Gouvernement verurtheilt, blos die fünf erwähnten Angeklagten zn Zwangsarbeit von fünf bis zu zwanzig Jahren. Wie zn erwarten ivar, lvurde Paivlenkow mit einem größeren Straf- maß bedacht. In den Regiernngskreisen wurde dieses Urtheil einstimmig als nachsichtig bezeichnet; Alle hatten eine strengere Lösung erwartet. Aber das im Saale versammelte Publikum dachte nicht so, empfand diesen Urtheilssprnch als einen schweren, betäubenden Schlag. Eine Woche lang hatte es das Leben der Angeklagten mitgelebt, jeden von ihnen persönlich kennen gelernt und war in die verborgensten Winkel der Vergangenheit eines jeden eingedrungen. Es war daher schwer, ihrem Schicksal gegenüber gleichgültig zu bleiben; es war schtvcr, jenen Standpunkt einzunehmen, auf den sich so oft der Leser stellt, wenn er erfährt, daß irgend ein unabwendbares Unglück über eine ihm unbekannte Person hereinbricht. Nach Schluß der Verlesung herrschte im Saal Todtenstille, nur hie und da von Schluchzen unter- krochen. Meine Blicke richteten sich unwillkürlich auf Wjera. Sie stand und hielt sich an den Schranken fest, war weiß wie Leinwand, ihre weit aufgerissenen Augen hatten jenen verwunderten, fast ekstatischen Ausdruck, den man auf den Gesichtern von Märtyrern beob- achtet. Die Menge ging langsam und stumm aus- einander. Draußen begann der Frühling. Von den Dächern rann Wasser herab und floß in raschen Bächen die TrottoirS entlang. Reine, frische Luft drang in die Brust. Alle Erlebnisse der letzten Tage schienen nichts als ein Alpdruck gewesen zu sein, und es hielt schwer, an die Wirklichkeit des Geschehenen zu glauben. Wie im Nebel erschienen die Gesichtskontouren jener zwölf ohnmächtigen Greise, die längst alle Freuden des Lebens genossen und nun voll Ruhe und Be- friedigung das Urtheil gesprochen hatten, welches das Korn des Glückes und der Freude von fünf- nndsiebzig menschlichen Wesen abgemäht hat. Das konnte Jedem nur als bittere Ironie erscheinen. (Fortsetzung folgt.) Altes und Neues aus dem Reiche der Tonkunst. Von Adolf Lubnow. II. WoekscHcrrakter und Tonkunst. sind es gewohnt, bei dem musikalischen Kunstwerk vor den Erzeugnissen jeder anderen Knust einen gewissen Weltbürger- lichen Gharakter zn betonen, ja, die Musik schlechtweg als„internationale" Kunst zu bezeichnen. Vis zu einem getvissen Grade, und namentlich im Hin- blick ans die starke, unmittelbare Wirkung der Musik, die sie auf ihre Hörer in allen Kulturländern gleich- mäßig ausübt, ist diese Anschauung gewiß berechtigt. Die bildenden Künste und vor allem die Poesie sind in ungleich höherem Grade als die Bhlsik an gewisse innere und äußere Voranssetzungen gebunden, um eine allseitige, ungeschniälcrte Wirkung auszuüben. Das poetische Kunsttverk setzt zu seinem vollen Ver- ständniß die Kenntniß der Sprache, in der es ge- schrieben, voraus; auch die beste Uebersetzung vermag bekanntlich ein volles Erfassen des poetischen Gehalts eines Kunstwerks, der ja niit der Sprache anfs Engste verbunden ist, nicht zu vermitteln. Bei einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von Dichtungen aller Zeiten und Völker ist der poetische Gehalt so eng mit manchen, der heutigen Menschheit mehr oder minder nnverständlichen Zügen nationaler Welt- und Lebensauffassung verknüpft, daß ein Erfassen des ersten ohne Kenntniß der zweiten nicht möglich ist. Um die indische„Sakuntala", die griechische„Anti- gone", ans der deutschen Literatur den„armen Heinrich", in allen Einzelheiten verstehen und wür- digen zu können, bedarf es neben der Beherrschung ihrer Sprache noch einer mehr als oberflächlichen Kenntniß der kulturellen Zustände und des Geistes und Gefühlslebens weit entlegener Zeitepochen. Hin- gegen redet das musikalische Kunstwerk eine Sprache, die das Ohr jedes Kulturmenschen versteht und der es mit Freuden lauscht. Es bedarf zu seiner vollen Wirkung keines anderen Vermittlers als der Gesangs- stimme und der Instrumente— beides Ausdrucks- mittel, die den ausübenden Künstlern aller Kultur- länder nicht minder eigen, als dem Publikum ver- traut sind. Freilich ist die Musik die jüngste von allen Künsten: unter ihren noch heute bekannten und beliebten Erzeugnissen reichen toenige über das sechzehnte Jahrhundert zurück. Doch äußern die Ton- sätze der alten italienischen Bteister, die deutschen und italienischen Volkslieder des Mittelalters, die Tanz- und Marschinnsik des siebzehnten und acht- zehnten Jahrhunderts noch heute dieselbe starke Wirkung ans die weiteste» Kreise aller Kulturvölker, wie zur Zeit ihrer Entstehung: sie sind über Raum und Zeit erhaben. Leider hat man über der starken Betonung der allseitigen Unmittelbarkeit und Ursprünglichkeit der Wirkung des musikalischen Kunstiverks vielfach ver- gessen, daß sich diese„Jnternationalität" durchaus nicht auf die Eigenart, den Inhalt des musikalischen Kunstwerks erstreckt, dieser sich vielmehr, und bei- nahe noch mehr in den späteren als in den früheren Epochen der Tonkunst, als getreues Spiegelbild vieler Züge des Nationalcharakters des Volkes, ans dessen Boden das Kunsttverk entstanden, darstellt. Schon in den verschiedenen Formen, in die sich das mnsika- tische Kunstwerk bei den einzelnen Völkern zu kleiden pflegt, treten zumeist gewisse Züge der nationalen Physiognomie stark hervor; ungleich wichtiger ist freilich der Geist und die Individualität, die aus den musikalischen Gebilden spricht. Man hört die Stellung, die die drei führenden Völker in der Geschichte der Btnsik, das deutsche, italienische und französische, einnehmen, vielfach mit dem kurzen Schlagwort bezeichnen: Italien ist für die Geschichte der Bhlsik das klassische Land der Btelodie, Deutsch- laud das der Harmonie, Frankreich das des Rhyth- mns. Schon in dieser kurzen Charakteristik, die freilich in ihrer Allgemeinheit viel zn weit geht, ist eine Reihe von nationalen Eigenthümlichkeiten, wie sie sich in der Musik der genannten Völker wieder- spiegeln, eingeschlossen. Italien ist das klassische Land der Btelodie, der einstimmigen, nnbegleiteten Tonreihe, in der sich Töne nach den Gesetzen des Zeitmaßes zu be- stimmten charakteristischen Gruppen vereinigen. Die unbegleitete Melodie ist der einfachste und urspriing- lichste Ausdruck musikalischen Denkens; in ihr spricht sich das Wesen der Musik am reinsten und vollendet- sten ans. Die Italiener haben die ersten und gültig- sten Muster abgerundeter schöner Melodik aufgestellt lind die musikalische Produktion des Weltmarktes, sowie den Geschmack des Publikums bis in unser Jahrhundert hinein erheblich beeinflußt. Freilich zeugt die italienische Btelodik ebenso sehr von dem Schönheilsgefühl des italienischen Volkes und seiner Vorliebe für das Einfache, edel Plastische in der Kunst— Italien ist vor allen anderen Völkern als Erbe des griechischen Geistes zn betrachten— als sie seinen Mangel an Innerlichkeit»ud Ver- tiefung bekundet. Die italienische Melodik entzückt durch die Reinheit und Schönheit der musikalischen Lin e, sie blendet und bezaubert; aber sie entbehrt gänzlich dessen, was wir Geiniith nennen und dessen Ausdruck wir auch in der Kunst ungern missen. Deutschland ist das klassische Land der Harmonie. Erst die Harmonie, der Znsammenklang der Töne, vermag ans den musikalischen Elementen ein großes, vollendetes Ganzes zu schaffen und neben dem Nach- einander von Tongruppen, wie es die bloße Btelodie bietet, ein Nebeneinander von Tönen und ihre Ver- einignng zn immer neuen, abwechselnngsvollcn Klang- gcbildcn zn bieten. Die vorzugsweise Ausbildung der Harmonie in Deutschland entspricht dem ans die Erfassung eines Dinges in seiner Totalität gc- richteten, grübelnden Eharakter des deutschen Geistes. Gerade in Deutschland ist die reine Jnstrnmental- mnsik, die die meisten harmonischen und polyphottcu Elemente in sich schließt, und in der sich vor allen Die Reue U)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 139 andere» musikalische» Formen abstraktes Denken aus- spricht, zur höchsten Blüthe gelangt. Italien hat zivar gewisse Formen der Musik, in denen Hanno- nische und polyphone Elemente im Vordergrund stehen, wie die Sonate und die Fuge, zu schaffen oermocht, aber Deutschland ist es vorbehalten geblieben, sie auszubilden und zur höchsten Kunstvollendung zu reifen. Die führende Stellung im musikalischen Leben des italienischen Volkes nimmt noch heute das Lied ein, und jene musikalische Kunstform, die in Italien neben dem Volksgcsang namentlich gepflegt ivird, die Oper, stellt sich bis in unsere Zeit lediglich als ein Nacheinander von ein- und mehrstimmigen Gesängen dar, bei deren Begleitung das Orchester eine ganz- lich untergeordnete Rolle spielt. Das Orchester ist in der italienischen Oper nicht Freund und ver- ständnißvoller Theilnehmer an der Handlung, sondern dient nur zur Begleitung der Gesänge: nach seiner Stellung in der italienischen Oper wird es darum häufig nicht mit Unrecht als„große Harfe" charak- terisirt. Wenn man Frankreich endlich als das klassische Land des Rhythmus bezeichnet, so ist hierin schon die Bedcntung des Landes für die Geschichte der modernen Musik angedeutet. Der Rhythmus ist nicht einer der integrirenden Bestandtheile der Musik als eines Ganzen, wie Harmonie und Melodie, son- dern lediglich ein, freilich unentbehrliches, Element der- musikalischen Linie. Frankreich steht unter den um die Entwickelung der musikalischen Kunst ver- dicntesten Völkern erst in zweiter Reihe: seine Be- deutung für die Geschichte der Musik beruht nicht in der Auffindung neuer Kunstformen und in der Erschließung und Bebauung ungekannter Gebiete, sondern in der Entwickelung und Jndividualisirung gewisser Elemente schon ausgebildeter, gereifter Kunstformen. Wir nennen Rhythmus die nach bestimmtcn Gesetzen erfolgende Anordnung und Betvegung der musikalischen Tonreihen im Zeitmaß. Gerade in der französischen Rhythmik kommen gewisse Eharakter- züge, die wir als vorwiegend dem französischen Geiste eigen zu betrachten pflegen, zum vollendeten Ausdruck: die unruhige Nervosität, die leichte Erregbarkeit und Reizbarkeit, das stete Verlangen nach Veränderung und Wechsel. In dem Obigen ist nur ein Theil der Charakter- züge der genannten Völker, wie sie sich in der Musik wiederspiegeln, niedergelegt. Insonderheit ist die deutsche Musik, der hohen Bedeutung entsprechend, die sie seit drei Jahrhunderten für das gesammte Kulturleben unserer Nation hat, das treueste Bild vieler Eigenheiten, freilich auch mancher Wandlungen unserer Volksseele. Vor Allem legt die deutsche Musik, namentlich der beiden letzten Jahrhunderte, von der wunderbaren Fähigkeit des deutschen Volks- charakters, sich fremdländische Formen und Elemente anzueignen, um sie mit dem eigenen Geiste zu durch- dringen und in der Verschmelzung fremder Formen und eigenen Geistes eigenartige, vollendete Kunstwerke zu schaffen, Zeugniß ab. Für die deutsche Dichtung hat diese Erscheinung längst die gebührende Beach- tung gefunden, weniger für die deutsche Musik. Die weitaus meisten Formen, in denen sich die deutsche Musik seit jeher zu bewegen pflegt, sind auf außer- deutschem Boden erwachsen, aber deutschen Künstlern ist es gelungen, ihnen, der ihnen eigenen, fest- stehenden musikalischen Architektonik unbeschadet, das Gepräge deutsche» Kuustcharakters aufzudrücken und sie zu allgemein gültigen Musterbildern ihrer Gat- tung zu stempeln. Ein nicht unbedeutender Theil der Anregungen, die Mozart, Beethoven und Schubert zu ihren höchsten Kunstschöpfungen begeistert haben, geht auf nissische und ungarische Vorbilder zurück. Webers„Preziosa" ist von gewissen Züge» des spa- Nischen Nationalcharakters, wie sie ihren vollendeten Ausdruck in der spanischen Volksmusik, zumal im Tanzliede, gefunden haben, vollauf durchdrungen, und doch„schlägt in diesem Werke die Muse der Weberschcn Kunst zum ersten Male die sinnenden, blauen Augen auf". Eine der eigenartigsten Epochen des deutsche» Geisteslebens, die der Romantik, hat in der dent- scheu Musik einen noch weit vollendeteren Ausdruck gefunden, als in unserer Dichtung. Gerade zur Wiedergabe jenes traumhafteu Lebens und Webcns in der Natur und des fast unbewußten Erfassens ihrer tiefsten Geheimnisse, der Stimmnngcn und Ahnungen jenes wunderbaren Däminerreichcs, das wir mit dem Namen„Romantik" zu bezeichnen pflegen, eignet sich die Tonkunst ungleich besser als das gesprochene Wort. In ihrer unbestimmten und doch so beweg- lich zu Herzen gehenden Sprache vermag sie den geheimnißvollen flleizen der„mondbeglänzten Zauber- nacht, die den Sinn gefangen hält", weit charak- terischcren Ausdruck zn verleihen, als die Wortsprache mit ihren fest ausgeprägten, scharf umrissenen Be- griffen. Dieser romantische Zug ist nur dem ger- manischen, vornehmlich dem deutschen Charakter zu eigen: es ist durchaus nicht bedeutungslos, daß ge- rade jene Kunstwerke in unserer Musik, in denen er sich am reinsten ausspricht, im Auslande nie festen Boden haben fassen können. Trotz der wachsenden, erfreulichen Annäherung der romanischen Kultur- weiten an die unselige, zu der ja gerade das zu- nehmende Vcrständniß für den Geist der deutschen Tonkunst bei unseren südlichen und westlichen Nach- barn so viel beigetragen hat, haben weder Webers „Freischütz", noch Marschners„Vampyr", noch Wagners„Fliegender Holländer" bei romanischen Völkern auch um einen Theil der übergroßen Popularität, deren sie sich bei uns erfreuen, erringen können. Der von dem Alleriveltskomponisten Meyer- beer mit genauer Kenntniß der gerade dem„Roman- tischen" fröhnenden Geschmacksrichtung seiner Zeit ausgeklügelte„Robert der Teufel" ist nur eine ividrige Fratze deutscher Romantik, und zu welcher ungeheuerlichen Karrikatur des Weberschen Meister- iverkes die französische„Bearbeitung" des„Freischützen" wurde, die ihn dem französischen Publikum mundgerecht zu machen versuchte, hat Richard Wagner in seinen Schriften mit Worten herben Spotts und Tadels dargethan. Gewisse Züge des Nationalcharakters sprechen sich auch in der Art der vornehmlich gepflegten Kunstformen in den einzelnen Ländern aus. Deutsch- land lveist seit jeher die größte Zahl und Mainiig- faltigkeit der musikalischen Kunstformen auf. Der deutsche Volkscharakter hat jede, auch die kleinste musikalische Form, nach den ihr innewohnenden Ge- setzen zn ergründen und nach allen Richtungen hin zu vertiefen und auszubauen gesucht. Daß ans diesem Wege auch getvisse Schwächen des deutschen Volks- charakters, vor Allem seine unliebsame Neigung zum Pedantischen, Schulmeisterlichen zum Ausdruck ge- kommen sind, soll freilich nicht geleugnet tverden.— In Italien steht von den höheren Kunstformen noch immer die Oper im Vordergrunde des musikalischen Interesses. Der Italiener ist der geborene Schau- spieler: Gedanken und Enipfindungen, für die uns das gesprochene Wort vollauf genügt, setzt er in Gesten und Geberden um, jeder Gefühlsnüance weiß er einen mimischen Ausdruck abzugeivinnen. Mit dieser Erscheinung steht einer der gerade uns Deutsche überaus empfindlich berührenden Grundmängel der italienischen Oper in engem Zusammenhange: die Vernachlässigung des dramatischen Ausdrucks in der Musik, die vielfach mangelnde Uebereinstimmung zwischen der Situation und dem Dichterwort und der musikalischen Phrase. Der Italiener sieht eben in der Oper kein musikalisch-dramatisches Kunstwerk; er verlangt von ihr kein großes einheitliches Ganzes, in dem sich in allen Theilen Wort und Ton zur vollendeten Wiedergabe des jeweiligen dramatischen Moments vereinen: für den italienischen Sänger— und mit ihm für das Publikum— ist die Oper nur eine Reihe von schönen, formvollendeten, in sich abgeschlossenen, im Uebrigen ziemlich charakterlosen Tonsätzen, in die er erst durch das Feuer seines angeborenen Temperaments und Spiels Farbe und dramatischen Ausdruck hineinträgt. Frankreichs Stellung in der modernen Musik beruht vornehmlich in der Schöpfung zweier neuer mnsikalischer Kunstformen, der großen Oper und der Operette. Beide sind aus der Eigenart des franzö- fischen Volksgeistes heraus geschaffen. In der großen Oper, die ihre Vorwürfe zumeist bewegten, vom Kricgslärm durchtobten Perioden der Geschichte zu entnehmen pflegt, und die in den Hauptwerken Anders, Rleyerbeers, Halevys noch heute ihr dank- bares Publikum findet, kommt der französische Hang am äußerlich Glanzvollen, seine Freude an Pracht- vollen Aufzügen und Evolutionen, seine Begeisterung für die militärische Gloire zum charakteristischen Ans- druck. Aus der französischen Operette, die ihren genialsten Vertreter in Offenbach gefunden hat, spricht die leichte Grazie und anmuthige Beweglichkeit unserer westlichen Nachbarn nicht minder, als ihre pikante Frivolität und feine Spottsncht. Aus der Musik der slavischen Völker, namentlich der Russen und Pole», ist uns in- den letzten Jahr- zehnten ein nicht unbeträchtlicher Theil ihres Melo- dienschatzes, namentlich der Volkslieder, erschlossen worden. Der düsteren Vergangenheit des Volkes, seinen schweren Lebensbedingungen, seiner sklavischen Unterwürfigkeit unter ein despotisches Regiment, seinem ivciblichen, passiven Eharakter entsprechend, entbehrt das russische Volkslied zwar nicht seelenvoller Innigkeit und Wärme, ist aber zumeist rhythmisch ein- förmig und zeugt selten von harmloser Freude und Heiterkeit, sondern nur von trüber Melancholie und schwermüthiger Sentimentalität. Einen gänzlich anderen Eharakter tragen die meisten polnischen Volkslieder. Der muthvolle, euer- gische Eharakter des Volkes, den Jahrhunderte heftiger Verfolgung und Bedrüekung, ja selbst der Untergang des Reiches nicht zu beugen vermocht hat, spricht sich auch in seiner Musik aus. Seine Lieder sind nie sentimental; ein feuriger, stürmischer Geist lebt in ihnen allen, und wenn ihnen auch die gemüth- volle Innigkeit des russischen Volksliedes zumeist abgeht, so strömen sie dafür um so helleren, blen- denden Glanz aus. Selbst die Klagen, in denen der Schmerz eines Volkes um seine entschwundene nationale Herrlichkeit laut wird, tragen keinen resig- nirten, sondern das Schicksal von Neuein keck herausfordernden, ninthigen Charakter. Zum Schluß seien noch einige Worte über die eigenartige Kunst eines viel genannten, aber für uns noch immer in ein räthselhaftcs Dunkel gehüllten Volkes gesagt— die Zigeunermusik. Wenn man von der Kunst irgend eines Volkes behaupten darf, sie stelle sich als getreues Abbild seines Charakters dar, in ihr spiegelten sich alle Regungen der Volks- seele wieder, so ist es die Musik dieses wunderlichen Nomadenvölkchens, das nun schon seit Jahrhunderten unsere gesammte Kulturtvelt rastlos durchzieht. Die Vergangenheit des Zigeunervolks ist der Ausbildung irgend einer nationalen Kunst stets zuwider gewesen. Seit undenklicher Zeit als Auswurf des Menschen- geschlechts Gegenstand allgemeiner Verachtung, er- barmungslos von Stadt zu Stadt, von Land zu Land gepeitscht, hat es weder die nöthige Ruhe und Nhiße finden können, plastische Kunstgebilde irgend welcher Art zu schaffen, noch in der Geschichte seiner Altvordern Momente der Erhebung und heldenhaften Aufschwungs, die es zn poetischer Verklärung hätte begeistern können. So hat denn der ideale Trieb, wie er in jedem Volke schlummert und nach künst- lerischer Verwirklichung drängt, in keiner anderen Form als in der Instrumentalmusik ausströmen können. Sie, von der Liszt in seinem Buche über die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn sagt, daß sie „die Leidenschaften in ihrer eigenen Wesenheit leuchten und schimmern läßt, ohne sich an ihre Versinnlichnng in geschichtlichen oder erfundenen Gestalten zu binden", hat allein das ganze Sehnen und Hoffen der Volksseele in sich aufzunehmen und ihm in Tongebilden von der größten Originalität und dem eigenthüm- lichsten melodischen Reiz künstlerischen Ausdruck ab- Zugewinnen veiniocht. Das ganze Wesen des Zigeuner- volles, sein nnstätes, an keinen Ort gebundenes Wanderleben, seine leidenschaftliche Naturliebe, seine an Entbehrungen und Verfolgungen überreiche Ver- gangenheit, seine an keinerlei Gesetz und Vorschrift gebundene Lebenstveise spiegelt sich in diesen sonder- baren Weisen mit ihren plötzlichen, abgebrochenen Modiilalioiieii, ihren wirren, krausen Verzierungen, ihrer sprunghaften, im steten Wechsel begriffenen Rhythmik wieder. Ziegclträqerinnc» bei Nimwcgc».(Zu unserem VildO Ter Amsterdamer Maler Henry Luyten, der Schöpfer unseres heutigen Bildes, gehört zn Denen, die nicht nur der Technik, sondern auch der Wahl ihrer Stoffe wegen mit Recht den Namen eines modernen Künstlers tragen Gleich einem Max Lieberina»», von dessen Schaffen mir unseren Lesern schon mehrfach Proben gaben, ist auch das Auge Henry Luntens gan.c auf die Gegenivart gerichtet, und die realistische Darstellung un- seres heutigen sozialen Lebens, insonderheit des Arbeiter- lebens, das, was ihn vor Allem reizb Dabei unterscheidet er sich vorihcilhaft von vielen Seinesgleichen, die einseitig nur in der sogenannten „Armeleutmalerei" aufgehen, denen hauptsächlich das Mit- leid mit de» Nöthen und Nachtseiten des Proletariers den Pinsel iülrt, ohne dast sich mit ihm ein tieferes Per- ständnist für die Bedeutung, für die Zukunft des werk- thätigen Volkes paarte. Dies Letztere aber gerade ist es, was ans den Bildern Litytcns zn uns spricht. Wir haben von ihm den Ein- druck einer starken, kraftvollen Natur, die, gleichviel ob beivußt oder unbeivußt, im Geiste einer neuen Zeit wirkt und Ivebt, die zn ahnen scheint, daß die Zukunft allein der Arbeit, der Arbeit der heute ausgebeuteten, unter- drückten Masse gehören wird. Oder wie anders könnten wir uns das Interesse des Künstlers eben an: Leben des werkthätigen Volkes er- klären, wie anders seine Fähigkeit, es mit einer Wahrheit und Sicherheit zu schildern, wie sie auch in unserem Bilde, den Ziegclträgcrinnen bei Niinwege», sich deutlich offenbart. Die drei Frauen, wie sie unter der Gluth eines wollen- bedeckten Augnsthimmels schweigend ihre Arbeit verrichten, mühsam sich Stein für Stein aufladen, uni sie dem nahen Trockenschnppen zuzutragen, die Bewegung der Hände, die Stellung der Beiden, die sich bücken, der müde, resig- nirte Ausdruck in dem Gesicht der Anfrechtsteheuoen— alles Ties ist mit einer Schärfe beobachtet, mit einer Vollkommenheit und zugleich solch liebevollem Interesse iviedergegeben, daß sicherlich bei Manchem unserer Leser der Wunsch entstehen wird, dem Schöpfer unseres heutigen Bildes noch öfter zu begegnen. Bon den wilden Thicren. Die Gefährlichkeit der wilden Thiere wird nach einem Vortrag des Professors Nechiwl Lösche über das Leben in der Wüste stark über- trieben. Es sei, als fürchteten sie den Menschen. Tie beste Schutzivasse sei denn auch— wegen seiner Fremd- artigkeit— der Regeiischiri»,(!) gegen den weder Löwe noch Tiger anspringen.(!) Leute, die wirklich gesehen haben, wie ein Mensch von einem Tiger oder einer Schlange getödtet wurde, seien äußerst selten. Auch die statistische» Zahlen, mit welchen alljährlich der Perlust an Menschenleben durch wilde Thiere in Indien an- gegeben wird, entbehren einer zuverlässigen Grundlage. Dort wird Kopfsteuer erhoben, und wenn der unwifl- komniene Steuereinnehmer erscheint, so rentirt es sich, besonders in entlegenen Dörfern, sehr wohl, eine Anzahl Einwohner als vom Tiger gefressen oder von der Schlange gebissen anzugeben.... Die Gefahr beim Anschießen wilder Thiere ist auch nicht wesentlich größer als bei uns. Wer bei uns ein Wildschivein anschießt und ihm uuvor- sichtig in den Weg tritt, darf sich nicht wundern, wenn er„geschlagen" wird. So ist es auch dort, und im All- genleineii gilt die Regel: Thu nur nichts, ich thu dir nnch nichts. Mehr zn fürchten als die großen Thiere sind die kleinen, die Ueberfälle durch Bienen, die Zecken, Moskitos, Mücken, welch letztere übrigens nicht in den Tropen, sondern in den Tundren(iiiovsbedeckten Sümpfen, Sumpfsteppen) am Eisnceere die schliiiimste Plage sind. Ineköoten von römischen Haisern. Als die Bevölkerung von Alexandria den von den Kaisern Aurelian und Robus hochgeschätzten Feldherrn Satnrninus nöthigten, seinerseits sich zum Kaiser erheben zn lassen, wich dieser dem Ansinnen zunächst aus, indem er nach Palästina ging. Als er aber nicht mehr ividcr- stehen konnte ohne Gefahr seines Lebens, ließ er sich den kaiserlichen Purpur, das„Sterbekleid", anlegen; weinend sprach er dabei:„Was thut Ihr doch? Ihr raubt dem Reiche einen nützlichen Bürgerl Ich habe geholfen, Gal- lien(das heutige Frankreich) für das Reich zurück zn gewinnen, ich habe Afrika gegen die Mauren geschützt, ich habe in Spanien Ruhe und Ordnung wieder hergestellt: was hilft mir das Alles jetzt? Ich verliere an einem Tage Alles, ivas ich seit Jahre» gewonnen habe. Indem Ihr mich mit der Krone schmückt, weihet Ihr mich dem Tode." So geschah es auch. Probus suchte den Satur- iiinus zu schonen, den aber zwangen seine Soldaten, die noch mehr Geschenke von ihm erpressen und unter ihm Beute mache» wollten, seine Stellung zu behaupten. Er kam bei der Eroberung eines festen Platzes um, an den er sich zurückgezogen hatte. Als Kaiser Hadrian, umringt von mehreren Acrzten, zum Sterben kam, sagte er lächelnd:„Die vielen Aerzte haben den Fürsten umgebracht." Kaiser Probus(27V— 282». Chr.) ivar als tüchtiger Soldat enipvrgekommen, neigte aber viel mehr zu sricd- lichei» Walten, wobei er sich auch, z. B. bei seinen Bauten, Urbarmachen von Ledland und Sunipf, Stromregnli- rungen usw. seiner Soldaten als Arbeiter bediente. Ihm lvird das Wort nachgesagt:„Ich hoffe noch die Zeit zu erleben, wo Rom keines Kricgshceres mehr bedürfen wird." Das brach ihm den Hals. Beim Trockenlegen eines Sumpfes in der Nähe von Sirmium(heute Milro- witz) ergrimmten die Soldaten über die in dem Herbste 282 herrschende Hitze und ihre Strapazen bei der Arbeit, warfen die Werkzeuge weg und ermordeten den Probus. Als sie ihn umgebracht hatten, beweinten sie ihn und setzte» ihn« eine höchst ehrenvolle Grabinschrift. Kaiser Dioeletian hielt darauf, daß nicht Furcht vor den Richtern die Unterthanen abhielt, gegen ergangene llrtheile Berufung einzulegen. Er sagte:„Wenn Tu gegen das über Dich ergangene Urtheil keine Berufung eingelegt hast, so müssen wir annchmen, daß Du Dich dabei beruhigt hast; denn Du hättest Dich unserem hei- ligen Hofe ohne alle Besorgniß nähern dürfen." Bitten um Bevorzugung irgend welcher Art ivics der Kaiser zurück mit den Worten:„Es ist nicht meine Gewohnheit, Vorthcile oder Vorrechte zu gcivähren, die Andere nur benachtheiligen können." Eingriffe in den Rechtsgang, etiva durch die beliebten Begnadigungen späterer Zeiten, auch unseres Jahrhunderts, liebte er ebenfalls nicht; er entschied einmal in einem solchen Falle:„Dinge, die kraft eines bestehende» Gesetzes geschehen sind, dürfen nicht durch ein bürgerliches llieskript rückgängig gemacht werden." Selbsterkenntniß. Ein anderer jenerGlückssoldaten, welche die kronenvcrleihenden Kricgsknechte der römischen Kaiserzeit zum Kaiser machten, hielt eine schöne Ansprache an seine„Wähler":„Kameraden, Ihr verliert einen guten General und habt einen schlechten Kaiser auf den Schild erhoben." Freilich ivar es zuiveilen gefährlich, sich der Erhebung zum Kaiser zu entziehen, wenn die Streitmacht einer römischen Provinz einen ihrer Feld- Herrn dazu ausrief. Ein Cäsarenschicksal. Einer jener zahlreichen Ein- tagsfliegen des 3. Jahrhunderts n. Chr., Kaiser Marius, den nur drei Tage der Purpur zierte, einer jener Glücks- soldaten, die entweder durch ihre Kriegsknechte zum Kaiser gepreßt wurden oder die Krone räuberisch an sich rissen, war ursprünglich Grobschmied. Als er Kaiser war, wollte ihn ein Mitgeselle aus der Schmicdewerkstatt von ehemals zünftig und sreundschastlich mit Handschlag begrüßen. Der Emporkömmling wies jedoch diese Vertraulichkeit hoch- fahrend ab. Darüber empörte sich der ehemalige Kamerad dermaßen, daß er den einstigen Probschmied und der- zeitigen Kaiser, Marius, mit einem Schwerte erschlug, das Beide, der Mörder und der Gemordete, in gemein- samer Arbeit hergestellt hatten. Gedankensplitker.<�f- Umsonst werden die Mensche» lieben, umsonst glauben, wenn sie nicht vor Allem gerecht sind. Der große Fehler der besten Menschen, Generationen hindurch, war der, zu meinen, daß den Arme» geholfen werden könne durch das Geben von Almosen, durch das Predigen von Ausdauer und Geduld und durch alle anderen Mittel der Linderung und Versöhnung bis aus— die Gerechtigkeit. Das Land ist das reichste, welches die größte Anzahl edler und glücklicher Menschen nährt; der Mensch der reichste, ivelchcr, nachdem er die Aufgaben seines eigenen Lebens aus das Vollkommenste erfüllt hat, sowohl per- sönlich als durch seine Besitzthümer den weitesten hüls- reichsten Einfluß auf das Leben Anderer ausübt. Das Wesen des Reichthums beruht auf seiner Herr- schaft über die Menschen. Was Reichthum zu sein scheint, ist in Wahrheit viel- leicht nichts als der vergoldete Anzeiger weitreichenden Verfalls; eines Kaperers Handvoll Gold, am Strande aufgelesen, wohin er eine Flotte betrügerisch gelockt hat; eines Marketenders Bündel Lumpen, von de» Leibern gefallener Soldaten zusammengerafft; die Kaufstücke für den Blutacker, worin der Bürger mitsammt dem Fremd- ling begraben werden soll. John Ruslin. lieber„Masestätsbeleidigungen" und„Verächtlich- machuug von Staatseinrichtungen" erließ Theodosius der Große im Jahre 393 folgendes Reskript:„Wir untersagen es, Leute zu bestrafen, welche sich in Lästcr- reden gegen uns oder gegen die zur Zeit bestehenden Verhältnisse ergangen haben. Geschah das aus Leicht- sinn, so soll es mit stiller Verachtung gestraft werden; geschah es aus Albernheit, so wollen wir die Frevler mitleidig bedauern, geschah es aber aus Bosheit, so wollen wir ihnen großmüthig verzeihen." Einst klagte ein Denunziant beim Kaiser Julianns dem Abtrünnigen einen Bürger ehrgeiziger Pläne an, weil er ein Purpurgewand besaß. Julianus verfügte lediglich, itziß der Denilnziant dem Verdächtigten zur Vervollständigung seines Kostüms auch noch Halbstiefel von derselben Farbe liefern mußte. Teni Kaiser Julianus Apostata machte Jemand, während er»och unter Coustantius II. Feldherr war, Vorwürfe wegen seiner milden und gerechten Justiz, und fragte:„Welcher Schuldige wird nicht als unschuldig an- gesehen werden, wenn die einfache Ableugnnng genügt?" Darauf antwortete Julian:„Wieviel Unschuldige werden als schnldig gelten, wenn lediglich die Anklage genügen sollte!" Die Menschen können sicher und bestimmt nur dann geleitet werden, Ivenn man es versteht, ihre besten und ede!sten Gefühle für sich zu erwärmen. Ein Barbarenhäuptling zur Zeit des römischen Kaisers Coustantius II. im 4. Jahrhundert fragte seine Mutter:„Was soll ich thu», um berühmt zu werden?" und erhielt die Antwort:„Zerstöre und tödtel" „... Soll die Regierung besser sein als die Unter- thanen, so muß lediglich das Gesetz, dieser Ausfluß der reinen Vernunft, regieren, nicht aber die Willkür eines Menschen, der möglicherweise nichts Besseres ist, als ein ivildes Thier in einem Palast. Jultanus Apostata, tn einem Briefe an Themistios. Viele Staatsmänner sind wie Adam vor dem Sünden- fall— sie schämen sich nicht, ihre Blößen zu zeigen. Die Deutscheu aber besitzen eine solche Hundedemuth, daß sie sich vor einem Minister beugen, so lange er da ist, und wenn er jortgeht, nennen sie ihn einen Spitzbuben. Grillparzer. In Staaten, wo die Herrscher Alles, die politischen Institutionen Nichts zu bedeuten habe», kann unter.Um- ständen tiefer Fall ganz unmittelbar auf großartige Er- Hebung folgen. Duruy, Geschichte des römisch. Kaiserreichs. Du darfst es mir glaube», mein theurer Vater, ein Kaiser, dem die Wahrheit planmäßig vorenthalten wird, ist sehr übel dran. Er ist nicht in der Lage, sich ganz selbstständig zu unterrichten und sieht sich genöthigt, nicht blos zu vernehmen, ivas ihm vorgetragen wird, sondern auch seine Entscheidungen lediglich nach solchen Berichten zu treffen. Kaiser Sordianus III. an seinen Schwiegervater Timasttheus. S cti lr i tz e t. Geldsäcke lieben— seien wir gerecht!— Nicht minder sich als ihre Nachbarn schlecht. Zum Schacht verdammt, ein gleiches Schicksal harrt Des Sklaven, der da gräbt, und dessen, der da scharrt. John Rustin. Nationalität. Zu Aesops Zeiten sprachen die Thiere, Die Bildung der Menschen war so die ihre; Da fiel ihnen aber mit einmal ein, Die Stammesart sollte das Höchste sein. Ich will ivieder brummen! sprach der Bär, Zu heulen ward des Wolfs Begehr, Mich lüstcts zu blöken! sagte das Schaf, Nur einer, der bellt, schien dem Hunde brav. Da wlirden allmälig sie wieder Thiere Und ihre Bildung der Bestien ihre. Gristparz-r. Oeffentliche Aemter. Ter Aemter Last ist groß, schwer sind die hohen Würden, Drum pflegt man beide gern den Eseln aufzubürden. Daniel Georg Morhof. Steuer. Wie weise man auch sonst den Salomon geachtet, So hat er doch hierin nicht Alles recht betrachtet: Daß zu der Dinge Zahl, die niemals werden satt, Die Steuer er nicht auch noch zugeschrieben hat. Fr. v. Logau. Auf den Selius. Du lebst nicht wie Du lehrst, das ärgert die Gemein, Daß Lehr und Leben nicht bei Dir stimm übereilt. Sie irrt! Du bist im Recht, Du zeigst mit beiden, Durch Lehren, was zu thun, durch Thaten, was zu meiden. Andreas Gryphins. Hinz: Was doch die Großen Alles essen, Gar Vogelnester, eins zehn Thalcr lverth. Kunz: Was— Nester? Hab ich doch gehört, Daß Manche Land und Leute sressen. Hinz: Kann sein, kann sein, Gevattersmann, Bei Nestern fangen die nun an. „Es ist doch sonderbar bestellt," Sprach Häuschen Schlau zu Vetter Fritzen, „Daß nur die Reichen in der Welt Das meiste Geld besitzen." Gotthold Ephraim Lessing. Nachdruck des Inhalts verboten? Alle für die Redaktion bestimmten Sendungen«volle man an Herrn G. Macasy, Leipzig, Oststraße 14, richten. Beraniworliicher Redaltcur: Gustav Macasy in Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdruckerei und Vcrlagsanstall Auer sc Co. in Hamburg.— Druck: Max Babing in vlin.