rivi c x Cnf crh et iiurxQ&het i agc. 1P,97 'W Ein Abschied. Von Ihrcmz Evers. �:Cn6 ich ging unö ließ die Hnöern lachen, Hlatschenö schlug öer Hegen ans unö sprühte, Ha ich wanöre öurch öie Mächte weiter, Denn ich trug mit mir ein Uaraöies, His zur Htirn mir war mein Hut durchnäßt, And Ihr lärmt unö Haß verbindet Euch, Mnö ich lernte meinen Htolz entfachen, Joch im Innern meine Hede glühte, Hlier ich bin wie ein Hturmgefeitsr, Als öer Oturm mir in den Mantel blies. Die Euch nicht zur Hube kommen läßt. Denn mein Hchweigen überwindet Euch. Ans der Walze. Ans de» Pnpiereil eines Fechtbruders. Von F. Nicbcck. (Forlfetzung.) Irirrftes Kcrpitec. Johann o e r s ch iv i n d e t. ls wir dein Bannbereich der Stadt entronnen 1■ turnen, verloren wir iliiseren Freund Johann. Ein Wagen kam des Weges gefahren, und scherzhaft warfen wir dein Fuhrmann die Frage zu, ob wir mitfahren dürften. Wider Ertvarten lud er uns durch eine Handbewegung zum Aufsteigen ein, fuhr jedoch im Trabe weiter. Wir rannten dem Wagen nach und versllchten aufzuspringen; Franz kam dabei heftig zu Fall und lag auf der Straße, während Johann schon den Wagen erklommen hatte. Er rief nils zu, daß er im nächsten Dorfe auf uns warten wolle. Franz hatte sich aufgerafft, und wir zogen weiter, dem lustig dahin fahrenden Freunde neidisch nach- blickend, bis er vor unseren Augen verschtvand. Im nächsten Dorfe fanden wir ihn nicht, obgleich wir nils sorgfältig nach ihm umsahen. Weiter— einem anderen Dorfe zu! Johann war auch dort nicht zu finden, und nun erfaßte uns die Angst, daß er für uns verloren sei. Wir waren müde geworden und sehnten uns nach einem Stündchen Aast, doch die Hoffnung, daß Johann weiter mit- gefahren sei, als er beabsichtigt hatte, und min irgendwo am Wege auf uns wartete, verlieh uns Urast und Ausdauer. Johann war der Kühnste und Herzhafteste von uns, ihn glaubten wir nicht entbehren zu können. So legten«vir eine weite Strecke Weges zurück, bis Franz stehen blieb, sich an meine Schulter lehnte »nd zu weinen begann. Er konnte nicht mehr weiter, und so ließen wir uns im Chansseegrabcn nieder. Zuständig bat er, ich möge mit ihm umkehren und nach Hanse wandern: er habe sich die Fremde ganz anders vorgestellt. Indem ich ihn tröstete und seinen Miith aufzufrischen versuchte, schöpfte ich ans seinem Kummer und seinein Zagen neue Entschlossenheit. „Sie würden uns auslachen zu Hause," sagte ich. „lind außerdem sind wird schon viel zu weit fort!" „Mich hungert!" stöhnte er. O, mich hungerte auch, ganz entsetzlich sogar! Mein Magen fragte mit entsezlicher Ernsthaftigkeit, ob ich gesonnen sei, ihm sogleich Beschäfiignng zu geben, oder ob ich für immer ans seine Thätigkeit verzichten wolle. Bei dieser Frage war mir zu Muthe, wie etwa einem zum Tode verurtheilten Missethäter, den ein naives Gemüth fragt, ob er nicht lieber seine Schuld dnrch fleißige Arbeit und freiivillige Buße werde tilgen wollen, anstatt sich löpfen zu lassen. Ach, er ivollte schon arbeiten und Buße tlun, wenn nur der Staatsanwalt und der Henker nicht wäre! Obgleich wir Beide vor Hunger kaum noch zu kriechen vermochten, hatten wir keiner ein Wort über diesen Zustand gesprochen, ans Angst, daß dann wieder die Frage erörtert werden müßte, wer von Beiden im nächsten Lrte für Bettelbrot zu sorgen habe. Nach den ersten trostlosen Fechtversuchen war unser Bertrauen in die Ergiebigkeit dieser Kunst tief gesunken, und selbst die stolze, ruhmreiche Thatsache, daß ich einst ein Ei erfochten hatte, vermochte uns nicht ein Fünkcheu Mnlh zu verleihen. Gerade die Erinnerung an jenes Ei war die, die mir stets den bösen Empfang ins Gedächtniß rief, den mir die Bäuerin bereitete, als ich mit gutem, arglosem Herzen biltend vor sie hintreten wollte. Eine solche Ab- Weisung hätte ich nicht wieder erleben mögen, daher meine unüberwindliche Scheu vor dem Fechten. Franz war erst recht ein Hasenfuß; er besaß eher die Fähigkeit, elend im Chanssecgraben zu verHunger», als einen fremden Menschen um eine Gabe anzu- flehe». Diese Eigenschaften steckten bei uns im Blute; das war der anerzogene, nichtswürdige, falsche Stolz, die Eitelkeit des Narren, vermischt mit einer starken Dosis Feigheit und einem llebermaß von Unbeholfenheit. Wir hatten Keiner unseren Hunger verrathen, in der Hoffnung, mit Johann znsaiumenzutreffen und mit ihm gemeinsam auf Erlösung zu sinnen. Nun, da Franz halbtodt am Straßenrande lag, hielt ich mich für moralisch verpflichtet, unter allen Umständen für Nahrung zu sorgen. Btein erster Gedanke war, mit den zwei oder drei Pfennige», die wir noch besaßen, in ein Wirthshans zu gehen und für den Betrag ein Stückchen Brot zu kaufen. Was dann iveiter geschehen sollte, wußte ich vor der .Hand nicht. Nach vielem gütlichen Zureden gelang es mir, den schwergeprüften Freund ans die Beine und auch vorwärts zu bringen. Ein Stück weit führte ich ihn sorgfällig, wie eine zärtliche Mutter ein Kind bei dessen ersten Gehversuchen leitet; allmälig aber gewöhnte sich der schwache Körper wieder an die Bewegung, und Franz schleppte sich ohne ineine Unter- stützung weiter. Bor uns lag eine Ortschaft, in der zwischen niederen Häusern und Gärten eine Anzahl Villen- artiger Gebäude prunkend und srah!erisch emporstrebten. Zu beiden Seiten der Eingangsstraße be- fanden sich mehrere niedliche Landhäuser, bei denen weder Scheunen noch Ställe zu sehen waren, und die daher im Berein mit den Billcnbanten dem Orte ein städtisches Ansehen verliehen. Bielleicht, daß uns Johann hier erwartete. Wir hielten Einzug. Mitten in dem Dorfe oder dem Städtchen wohnte in einem schönen Hanse ein Tischlermeister. Ueber der frischgcstrichenen Hans- thür hing ein mächtiges Schild mit fußhohen Buch- staben. Die Größe dieses Schildes erweckte in mir die Vorstellung, daß in dem Hause ein großer Meister über viele Gesellen herrsche, und plötzlich kam ich ans den Einfall, unterthänigst anzufragen, ob er viel- leicht auch für meinen Freund und mich Beschäftigung habe. Ich theilte Franz meinen Plan mit, imd er ermunterte mich, bei dem Meister vorzusprechen. „Ich werde sagen, daß wir ganz billig arbeiten!" „Ich arbeite umsonst, blos für's Essen," er- klärte mein Freund mit matter Stimme. Für ihn hatte nur noch das Essen W rth und Beiz. Zagenden Fußes trat ich in das Haus. Ein Mädchen zeigte mir die Werkstatt. Leise pochte ich an, und ein scharfes„Herein!" ertönte. Ich öffnete, und ein bärtiger Mann kam mir entgegen. Er hatte schwarze, stechende Augen, und er lächelte mich so kalt und herzlos an, daß mir ein Sch.»er durch die Seele lief. Kanin hatte ich die ersten Worte gestammelt, so drängte er mich mit den Worten: „Hier kommt Jeder'rein, der vorbeilänft; Sic sind hente schon der Zehnte!" hinaus und schlug die Thür heftig zu. Ich ivankte wie im Taumel zurück auf die Straße, Ivo mein Freund mit sehnsnchtssckarfen, fast brechenden Auge» meiner harrte. O, daß ich in die 210 Fremde geMM» war! Hätte ich doch mdlier lieben. fluncii Mutter gefolgt und bii irgend einem elenden Dorflischlcr meiner Hcimnth?lrb>it genommen! Ich liätte. wenn mich wenig Geld, mir doch das Essen verdient- ich hätte nicht eines schauerlichen Hunger- toi es sterben dürfen! O. wie ich mich nun ängstigte vor den Menschen! Mir flimmerte es schwarz vor den Singen; ich sah leine flicttung mehr. Franz fragte, ob„nichts gewesen" sei; ich schiit- telte mit dem Kopfe, und wir schlichen schweigend und willenlos weiter. Scxßsies Anpitet. 11 11 s e r S eh n 1 m e i st e r. Slns einem einsam stehenden Häuschen kam mit tänzelnden Schritten ein junger Mann geraden Weges ans uns zu. Er trug ein rotl eS Halstuch, rolhe Tnchniederschnhe und eine Vallonniiitze, wie sie in jenen Tagen von Fleischergeselleu getragen wurde. Zuerst hielt ich ihn für einen Fleischer, bald aber schloß ich ans dem dicken Farbenschmntz, der an seiner schlotterigen Gewandnng haftete, daß er ein Maler oder Anstreicher sei. „Na, Kunden, wohin?" fragte er uns. Wir schwiegen; einmal, weil wir selbst am wenigsten wußten, wohin wir gingen, und ferner, weil wir glaubten, der Mensch wolle sich aus lieber- mnth einen Spaß mit uns machen. „Na, Donnerwetter, Ihr seid doch Knuden!" ftii.r er heftig fort und deutete ans unser Felleisen. Wir sahen ihn verdistt an. „Kerls, Ihr kommt wohl frisch ans dem Back- ose», daß Ihr die Losung nicht kennt?" „Welche Losung?" „Na, da koof mir Einer a Mäßel gcbackcne Pflaunien! Kennen die Kerls die Losung nicht. .Kennst ist die Losung;.Kenn!' Berstandibns?" Wir nickten bejahend ans Furcht, denn er sah uns sehr bösartig an und schmitzte beängstigend mit einer Haselnnßgerte in der Luft. Ich glaubte, er sei verrückt. Unser zustimmendes Nicke» besänftigte sein Ge- müth einigermaßen, und er fuhr in milderem Tone fort:„Eigentlich ist.Knndr die Losung und.kenist die Gegenlosniig. Wenn, ich Euch also frage, ob Ihr Kunde» seid, wie habt Ihr dann zu antworten?" „Kenn!" sagte ich, denn mir war plöplich klar geworden, daß das nene Wort zu den Schäven der Handwerksbnrschensprache gehörte. „Nichtig! Und wohin tippelt Ihr?" Wohin wir tippeln? Auch dieser Ausdruck war mir nen und luwerständlich. Wieder starrte ich ihn fragend an. „Wohin Ihr tippelt?!" wiederholte er heftig. „Ich glaube, Ihr Affenpintscher ivißt auch noch nicht, tvas tippeln heißt! Das heißt so viel, wie laufen... Na, wartet, ich will Euer Schulmeister sein! Aber aufgepaßt, sonst giebt es ganz verdammte Haue!" Wieder ließ er die Gerte durch die Luft sausen und stieß dabei ein so derbes Flnchwort ans, daß Franz erschrocken zur Seite wich. Ter gute Junge war so sehr mit dem Gedanken an seine Hungers- neth beschäftigt geivesen, daß er ans die Lehren des Schnlmeisters nicht geachtet hatte; erst das Wort „Haue" ivirkte belebend ans ihn ein. „Fürchte Dich nicht, mein Engel!" rief ihm der Schulmeister spöttisch zu.„Haue giebts erst, wenn Ihr nicht lernt.... Könnt Ihr schon dalfen? das heißt so viel wie fechten." Mit dem aufrichtigsten Gewissen konnte ich ihm den Bescheid geben, daß wir dieser Kunst nicht ge- wachsen seien. Ich erzählte ihm von»nseren ersten Fechtvcrsnchcn und suchte mir ein bischen Ansehen zu verleihen, indem ich in umständlicher Weise be- richtete, durch welche Kühnheit ich ein Ei erfochten .hatte; er hörte jedoch nur mit halbem Ohr zu und belhcnerte in einem fort, wir wären oie dümmsten Käfer, die ihm je begegnet seien. Uebcrhaupt bezeigte er für unsere Schicksale nicht das mindeste Interesse. Er ward ärgerlich, so oft ich von unserer Herkunft und unseren Erlebnissen sprach, und er überhäufte uns dann so lange mit boshaften Bemerkungen und Grobheiten, bis ich zur Einsicht gelangte und schwieg. Dagegen schien es ihm Bedürfniß zu sein, uns über seine iverthe Persönlichkeit ausführlichen Bericht zu erstatte» und uns eine sehr hohe Meinung Über sie einzuflößen. Er war seiner„Religion" nach Wagen- schmierer, was zu deutsch Lackirer heiße. Wieder- holt versicherte er inil großem Nachdruck, daß er ein echtes Berliner Kind sei, und da ich leider in meiner geistigen Beschränktheit vergaß, ihm meine Bewnn- derung auszudrücken, bestrafte er mich durch einen langen, durchbohrenden Blick und wicderholie streng: „Ick bin een echtes Berliner Kind, mit Spreewasser getooft!" Nun holte ich das Versäumte schnell nach, indem ich ein ehrfurchtsvolles Gesicht machte und durch irgend einen Grnnzlant meinen höchsten Respekt aus- zudrücken versuchte. Das Wagestück scheint mir ge- hinge» zu sein, denn er war zufrieden und erzählte huldvoll weiter. In Breslau habe er„geschennigelt"— auf Deutsch: gearbeitet; er habe jedoch seinem„Krauter" — auf Deutsch: Meister— den Kram vor die Füße geworfen, denn, wenn die Sonne scheine, bekomme er das Jucken in die Beine.„Ich bin zwar»och riesig jung, kaum dreißig Jahre, aber trotzdem tipple ich schon an die fünfzehn Jahr ans der Geographie herum. Da wirst Du mir zugeben müsse», daß ich mehr von der Welt verstehe, als Du, Du Jrün- schnabel." Er hatte die Gewohnheit, nur einzelne Worte in seiner Berliner Muttersprache z» reden, schien sich also das„Berlinisch" in der Fremde ziemlich ab- gewöhnt zu haben. Berlin war, wie er sagte, seine Mnlterstadt; Breslau jedoch schien seine Baterstadt zu sein, denn im Eifer des Erzählens theilte er mir mit, daß sein Bater ein„oller Breslauer Bürger" sei. Das Gcheimniß dieses Familienznsaninienhanges zwischen den beiden Hauptstädte» ist mir nicht klar geworden. Er rühmte sich, daß ihm sämmtliche Pennen und Pennebosse— aus Deutsch: Herbergen und Herbergsväter— im ganzen Reiche und den um- liegenden Staaten bekannt seien; auch hielt er es für einen ganz besonderen Ruhm, unzählige Male „verschiitt gegangen" zu sein und ans diese Weise die Gefängnisse aller Länder gründlich kennen ge- lernt zu haben. Auch auf der„Drehscheibe"— zu Deutsch: Arbeitshaus— war er schon gewesen. Wir konnten einen besseren Lehrer nicht finden, und mein Respekt wuchs mit jeder Minute— er wuchs allmälig ins Unbegreuzte. Schade, daß Franz in so trauriger Verfassung war und sich außer Stande fühlte, dem Unterricht und den überaus belehrenden Erzählungen und Vor- trägen des Schnlineiflers mit dem nöthigcn Per- ständniß zu folgen! Immerhin hatten sie für ihn das Gute, daß sie ihm ein wenig Zerstreu»ug ge- währten und ihn von seinen schwarzen Gedanken- bildern ablenkten. Wäre der neue Wanderkollege nicht erschienen, so hätte sich Franz sicherlich in den Ehausseegraben gelegt und heilig bethcnert, nicht einen Schritt weiter zu können. Unserem Wundermannc gelang schließlich das Wunder, den zum Tode erschöpsten Jungen durch ein paar Worte frisch und mobil zu machen. Er deutete mit der Haselnnßgerte nach einem Dorfe, das in Sicht kam, erklärte uns, daß ein solcher Ort „Käst" genannt werde, daß demnach die Bauern „Kaffern" seien und daß er uns in diesem Kaff das Dalsen lehren wolle. Als er hinzufügte, daß er gesonnen sei, für uns Drei ein delikates Vesper- essen zu besorge», wurde Franz lebendig; sein tief- gesenkter Kindskopf hob sich, in die trüben Augen kam frische Gluth, ich glaube, er begann zu hüpfen. (Fortsetzung folgt.) Afrikanische Hxriichwörter. Wer das Feld beackert, in der Sonne schwitzt; In dem Schatten lagert, wer das Feld besitzt. Wers zum reichen Mann gebracht, Hat sein Städtchen arm gemacht. Die WiHicistin. Roman von Sonja Kowalewska. Aus dem Russischen uversegt von Loiiise Flachs-Fokschaneamt. (Schluß.)_ �JLeiiie Erlaucht sah mich an und rief sofort: -W f Mein Gott, das ist ja Alma(meine Mutter hieß so), ganz der Alma ans dem Gesicht geschnitten. Und die Erlaucht vergoß sogar einige Thränen. Er begann mich zu segnen, über mich das Kreuz zu machen und ich küßte ihm die Hände und bemühte mich ebenfalls, meinen Augen ein Thräncheu abzupressen. Nun erinnerte sich mein Aller des Vergangenen, wurde weich, und ich bin ja keine Närrin und machte Alles fti seiner Tonart; über die Angelegenheit— kein Wort. Und ich er- zählte ihm fortwährend allerlei Märchen, wie sich meine Mutter stets seiner erinnere, wie sie bete und ihn in vielen Träumen sehe. Wo ich das Alles in jenen Ntomenten hernahm, begreife ich jetzt wirklich selbst nicht! „Seine Erlaucht wurde ganz gerührt wie ein alter Kater, dem man hinter den Ohren kraut. Er begann mir allerlei Gnies zu versprechen, allerhand Pläne für mich zu entwerfen. Er hatte beinahe schon die Absicht, mich bei Hofe vorzustellen. Weißt Du, es gab Augenblicke, da er bereit war, mich als eigene Tochter zu adoptiren— er hdt keine Familie, die Frau und Kinder sind längst todt.... Ich merke, der günstige Augenblick ist da. Ich bin plötzlich in Thränen gebadet und sage dem Grafen: .Ich liebe einen Man», und wenn ich ihn nicht Heirathen kann, dann brauche ich nichts mehr in der Welt." „Nun, wie hat der Graf dieses Bekeuntniß ans- genommen?" fragte ich lachend. „Zuerst verhielt er sich thcilnahmsvoll; dann be- gann er mich zu trösten, daß ich nicht lveine, ver- sprach, sich für mich zu bemühen. „Als er aber erfuhr, wen ich zu hciratheu beabsichtige, ging die Geschichte anders; der Alte wurde wüthend und wollte von nichts wissen. Er ver- änderte den Ton, ging von.Dir plötzlich auf ,Sie über. Er nannte mich nicht mehr Kindchen, noch Engelchen, sondern beehrte mich mit.Gnädige'. .Wenn es sich trifft, Gnädige, sagte er, daß ein anständiges Mädchen einen Unwürdigen liebt, so bleibt ihren Verwandten nur Eines übrig: Zu Gott beten, er möge ihren Verstand erleuchten....' „Na, da sehe ich. lie Sache steht schlecht, ich war schon ganz verzweifelt." Wjera brach im Erzählen plötzlich ab und stockte. „Nun, was denn, Wjera, was ist geschehen? Erzähle doch zu Ende, bitte!" drängte ich. Wjera erröthete. „Siehst Du, ich selbst kann mich jetzt nicht er- inner», wie Alles war und was ich ihm eigentlich sagte... blas... blos... er begriff plötzlich, daß ich Pawlenkow unbedingt Heirathen müßte, damit die Sünde bedeckt und meine Ehre gerettet werde." „Ach, Wjera, Du hast Dich nicht geschämt, den Alten so zu hintergehen!" rief ich vorwurfsvoll. Wjera sah mich erstaniit an. „Den armen Alten hintergehen!" äffte sie mir im Scherz nach.„Hat man denn wessen sich zu schämen? Laß gut sein, er schämt sich auch nicht! In seiner Stellung und bei seinem Einfluß ans den Kaiser... wie viel Gutes, wie viel Nutze» könnte er bringe»! Und er...? Liegt mit der Stirn ans dem Boden... vielleicht wird mau ihm auch im Hinimel ein so warmes Plätzchen verschaffen, wie hier auf Erden. „Und um Andere kümmert er sich wenig. Zu mir verhält er sich freundlich. Warum das? Weil mein Lärvchen nach seinem Geschmack ist; es hat ihn an seine alten Sünden erinnert, sein altes B m in Bewegiing gebracht... der Mühe wertli, ilm dafür zn danken?! Verhält er sich zu den jungen Leuten, die man vernichtet, die in Sibirien verfaulen, etwa gut? Keine Spur! Laß mir gut sein — wie viele Urtheile hat er selbst in seinem Aller unterschrieben!... „Wäre es mir eingefallen, ihn zn betrügen, wenn es möglich wäre, mit ihm menschlich zu sprechen? ü){e Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 211 Aber das kann nian ja nicht; Wenn ich es versucht und ihm einfach gesagt hatte: Netten Sie Pawlen- koiv, iviirde er mir geantioortet haben: Mengen Sie sich nicht in seine Angelegenheit. Gnädige!' lind dann tvärs ans. Wie soll man da nicht be- trugen.. Wjera ging auf und ab und wurde vor Eifer ganz roth.„Nun, fahre fort, bitte!" drängte ich sie.„Wie ivar es weiter?" „Ja, so. Anfangs wurde er schrecklich böse, schritt im Zimmer umher und begann nach Art aller alten Leute, wenn sie aufgeregt sind, für sich durch die Nase zu murmeln, aber so laut, daß ich es hören konnte:.Unglückliches Btädel! Sich bis zu diesem Grade zu vergessen! Aus einer so ansge- zeichneten Familie! Das Mädel ist es nicht Werth, daß man sich für sie bemüht, aber der Mutter tvegen wird man diesen Tangenichts retten müssen. Man wird die Sünde irgendwie verdecken müssen, um nicht die ganze Familie zu beflecken...." So geht er, immer murmelnd im Zimmer herum. Und ich höre das, und mir kommt das Lachen und dabei muh nian ein so zerknirschtes Gesicht machen. Ich sitze mit herabhängenden Armen, wage die Augen nicht zu erheben— mit einem Wort MrctcheM ... nicht anders. „Endlich bleibt er vor mir stehen und sagt in strengem und eindringlichem Ton:„Setze Dich, Wjera, und schreibe sofort an den Kaiser, daß Du ihm z» Füßen fällst und ihn bitlest, er möge Dir gestatte». Deinen nichtsivürdigen Verführer zu hei- rathe». Ich übernehme es. Dein Gesuch zu über- reichen und Alles so einzurichten, daß kein Gerede entsteht.' Ich wollte mich bei dem Alten bedanken, aber er ivehrte ab:... Ich thuc das nicht für Dich, sondern für Deine Mutter! „Ich setze mich hin»nd schreibe nach seinem Diktat, da sehe ich aber wieder ein Hinderniß ent- stehe». Er diklirt und erivähnt dabei mit keinem Wort Sibirien. Und was ist mit Sibirien?' frage ich..Ich gehe mit meinem Mann nach Sibirien!' Mein Alter lachte auf. Nun. das wird man von Dir nicht fordern,' sagte er; die Sünde wird ver- deckt sein— dann lebe, wo Du willst, gleichsam als ehrbares Wittfrauchen/ „Na, bin ich aber erschrocken, als ich diese Worte hörte! Was ist z» thuu? denke ich. Ich habe Angst, ans Sibirien zu bestehen, am Ende erscheint ihm das verdächtig und er beginnt zu ahnen, um was es sich handelt. Ich weiß nicht, wie mich zu verhalten. Aber plötzlich kommt es wie eine Er- lenchtnng. Ich sage ihm, daß ich, um Buße zu thun, meinem Mann nach Sibirien folgen und mich dadurch von der Sünde reinigen will. „Mein Alter verstand mich nun, das war nach seinem Sinn. Er wurde sehr gerührt und sagte: er werde mich daran nicht hindern, das ist Gottes Sache'. Er segnete mich, nahm ein Heiligenbildchen von der Wand und hängte cS mir um den Hals." „Nun und weiter, was geschah weiter?" fragte ich. „Weiter hat sich Alles sozusagen schon von selbst ergeben. Ich gehe nach Hanse und sage Niemandem darüber ein Wort, wo ich war. Aber es vergeht keine Woche, so kommt meine Quartierfran ganz roth und athemlcs zu mir gelaufen, überreicht mir eine Visitkarte und kann vor Aufregung kaum sprechen: .Ein General ist vorgefahren, so ein nobler; er schickte einen livrirten Diener herauf, damit er frage, ob das Fräulein zu Hause sei; er muß Sie dringend sprechen. Er selbst sitzt im Wagen und wartet. Ich sehe auf die Karte und da steht: 80» Excollcnco lo Princc Gelogitzky und darunter mit Bleistift hinzugeschrieben: äo la part du cornte Ralow, Nim, ich errieth sofort, in welcher Angelegenheit er kam. „Ich lasse bitten!" sage ich. Meine Hansfra» verlor ganz den Kopf: ,Ach, mein heiliger Bater, was soll man da thun! Der General ist so heikel und bei uns ist nicht Ordnung gemacht, lind ivie zum Unglück kochen Wir heute Mittag Krantsuppe; im ganzen Hause ist ein Krautgeruch, daß Gott er- barme.'—„Nun, thut nichts!" sage ich, der Ge- neral wird eben wissen, daß wir Krantsuppe esse». Bitle ihn nur herein... ganz einerlei. „Da höre ich schon den General die Treppe heraufkommen und sie ist bei uns so dunkel und schmal, und auch so alterssckwa h, daß sie»nter ihm ächzt; der Säbel bleibt an dem Geländer hängen. Einige Kinderchen aus dem Hause springen herbei, trauen sich aber nicht näher zu treten, sie bleiben stehen, das eine den Finger in den Mund, das andere in die Nase steckend, und starren ihn ivie ein ivildes Thier an. „Der General tritt ei»; er ivar noch nicht alt, so in den mittleren Jahren, stutzerhaft. Der lange, ein wenig graue Schnurrbart steht wagrecht— offen- bar ist er gewichst— und verbreitet Parfüm. In seinem ganzen Leben glaube ich, ist es dem General nicht vorgekommen, ein solches Hauswesen zu be- treten, aber als Mann von Welt läßt er nicht merken, daß er dergleichen nicht gewohnt ist. Die Hauswirthin stellt ihm geschäftig einen Holzfantenil mit gepolsterter Armlehne hin. Er thnt als falle ihm dieser nicht auf, läßt sich ungezwungen wie in einem beliebigen Salon der feinen Welt nieder, legt den Helm auf die Knie, streckt einen Fuß vor, wendet sich mit freundlichem Lächeln an mich»nd sagt: .C'kst bien ä la princesse Vera Rarantzow quo j'ai l'honnenr de parier??—.Ja,' sagte ich,.sie selbst ist es.' Er winkt der Hausfrau, uns allein zn lassen, neigt sich zn mir, nimmt eine vertrauliche Miene an und sagt: der Kaiser selbst habe ihn zn mir geschickt, um z» erfahren, ob es wahr sei, daß ich den politischen Verbrecher Pawlenkow hei- rathen und ihm nach Sibirien folgen wolle?— ,Es ist wahr! antworte ich. Da beginnt er mich zur Vernunft bringen zu wollen. Wie kann sich denn nur ei» so junges, prächtiges Atädche», eine solche Schönheit zn Grunde richten! Ob ich auch bedacht habe, was ich thne! Ich, eine russische Adelige, hcirathe einen getauften Inden, eine» Staatsver- brecher! Meine Kinder werden keinen Name»»nd keinen Rang haben! Diese selbst werden, wenn sie heranwachsen, mir Vorwürfe machen! „.An das Alles habe ich schon gedacht und auch Alles bedacht,' erividertc ich,.und ändere meinen Entschluß doch nicht.' „Der General sieht, daß ich noch immer auf meinem Entschluß beharre. Er faltet sei» gutes väterliches Gesicht, kneift sogar ein Auge zusammen; indem er mich anblickt, faßt er mich an den Händen »nd sagt flüsternd:.Ich bin kein junger Mann und habe selbst Kinder. Ich will zn Ihnen wie z» einer eigenen Tochter sprechen. Je nun, was Alles jungen Mädchen passiren kann! Sie sind nicht die Erste und sind auch nicht die Letzte! Es verlohnt nicht, wegen eines»»überlegten Schrittes sein Leben zu zerstöre». Der Kaiser ist gnädig und der Graf ist Ihnen geneigt; er ist bereit, für Sic Alles zu thun. lind wenn es auch eine Sünde war, so kann man sie auch i» anderer Weise verdecken, wir werden Ihnen auch einen anderen Bräutigam finden!' „Ich thne so, als verstände ich von all dem nichts und wiederhole nur das Eine: Ich ivill den Pawlenkow heirathen, ich will ihm nach Sibirien folgen.' „Der General sieht, daß er nichts ausrichten kann. Er erhebt sich, grüßt und geht; und ich zum Advokaten Pawlenkows, erzähle ihm die ganze Geschichte und sage: Begeben Sie sich rasch zu Ihrem Klienten und theilen Sie ihm mit, welchen Plan wir zn seiner Rettung ersonnen haben. „Nach einigen Tagen traf das Schriftstück ei», welches mir, der Gräsin Barantzow, gestattet, die gesetzliche Ehe mit dem Staatsverbrecher, dem Juden Pawlenkow, einzugehen, nachdem er das Judenthum abgeschworen haben und zur rechtgläubigen Kirche übergegangen sein wird; wir sollen in der Gefängniß- kapelle getraut werden." Wjera schwieg und wurde nachdenklich. Einige Minuten saßen wir da, ohne ein Wort zn sprechen. „Wjera!" rief ich endlich traurig.„Die Sache ist einmal geschehen und es ist zu spät, darüber zu klagen. Du hast Dich kopfüber in den Abgrund gestürzt. Sag Du mir gefälligst, warum bist Du denn vor der Hochzeit nicht ein einziges Bial zu mir gekom- inen? Mir nicht ein Wort von dem zu sagen, was Tu im Schilde führst! Wir betrachten uns doch als Frenndinnen." Wjera nmarmte mich und lachte auf. „Was man Alles verlangt!" rief sie heiter. „Ja, hat man denn überhaupt je gehört, daß die Menschen anders als kopfüber in den Abgrund stürzen? Was glaubst Du? Wenn ein Mensch daran denkt, sich zu erhängen, so muß er, bevor er den Kopf in die Schlinge steckt, von einem Freund zum anderen gehen und von ihnen den Segen erbitten?" „So! Das heißt. Du gicbst zu, daß Du Dich in den Abgrund gestürzt hast?" fragte ich leise. „Siehst Du," sagte Wiera, nachdem sie ein wenig nachgedacht hatte.„Ich werde vor Dir nicht posircn, nicht Komödie spielen. Ich sage Dir offen: In dem Augenblicke, als das Papier kam»nd ich erfuhr, daß jedes Hinderniß beseitigt ist, ich also das Meinige durchgesetzt habe, hätte ich mich doch freuen sollen, nicht wahr? Allein.die Katzen be- gannen in meinem Herzen zu kratzen."" Und dieses Gefühl blieb noch eine ganze Woche— bis zur Hochzeit! Ich hatte mir bereits irgend eine Arbeit, eine Beschäftigung ausgedacht, blos um immer i» Bewegung zn sein und nicht daran zn denken. Nu», tagsüber, so lange ich»nter Mensche» weilte, gings noch an und ich hielt mich tapfer, allein wie die Nacht kam und ich allein blieb, halte ich eine wahre NotH. Es begann am Herzen zn nagen und ich wnrde feige, fürchtete mich. Nun nnd da ging ich den» heule zum Gefängniß. Man ließ mich ein. Eine schwere eisenbcschlagcnc Thür schlug hinter mir lärmend z». Ans der Straße war es warm, die Sonne schien. Hier aber umfing mich plötzlich Dimke. heit, man spürte den Geruch von Feuchtigkeit. Das Herz war mir beklommen. Ich dachte bei mir: Glück und Freiheit und Jugend— Alles ließ ich hinter dieser Thür zurück. Es rauschte mir in den Ohren und es kam mir ans einmal vor, daß man mich in eine» schwarzen Sack gesteckt hätte. Ich mußte Jemandem inci» Dokument vorzeigen. Nian führte mich durch lange,»»endliche Gänge. Zwei Gendarmen be- gleiteten mich, der eine vor— der andere hinter mir. Ans jeder Seitenthür blickten Gestalten in Uniform hervor und»insterte» mich mit frecher Neugierde vom Kopf bis zum Fuß. Wahrscheinlich erfuhr das ganze Gefängnißpcrsonal von der bevor- stehenden Trauung, nnd jeder tvollte die Braut an- sehen. Sie genirten sich nicht»nd machten laute Bemerkungen auf meine Rechnung. Ich hörte wie ein Offizier dem anderen laut sagte: Ce sacres nihilistes nc soiit pas dcgoutes, nia foi! C'est vraiinent dorninage d'accoupler un beau brin de tillettc cornrne e;a ä un brigand de fonjat. Passe eiicorc, si l'on avait le droit du seigneur.** „Der Kamerad erwiderte etwas, was ich nicht verstand, wahrscheinlich etivas Unanständiges, weil sie Beide plötzlich laut auflachten. An mir vorbei- gehend, klirrten sie mit den Sporen, bückten sich und sahen mir frech ins Gesicht, ja so nahe, daß sie mich beinahe mit dem Schnurrbart berührten. Bei jedem Schritt wurde es mir immer enger ums Herz. Ich gestehe es Dir offen— wenn in diesem Moment Jemand gekommen wäre und mir vorgc- schlagen hätte, ich solle von der Eheschließung ab- stehen, ich wäre gern davongelaufen, ohne mich um- zublicken. Endlich brachte man mich wieder in ein Zimmer— leer, mit kahlen, getünchten Wänden, mit zwei Holzstühlcn statt aller Möbel. Hier ließ man mich allein, nachdem man mir gesagt halte, ich solle warten. Ob ich da lange allein saß, weiß ich nicht. Mir schien die Zeit unendlich. In meinem Geiste erhoben sich Zweifel: Thuc ich Recht? Be- gehe ich nicht eine entsetzliche, unverzeihliche Dumm- heit? Und der Gedanke an das bevorstehende Zn- sammentreffen mit Pawlenkow erschien mir immer * Ich habe wohl die Ehre, mit der Baronesse Wjera Barantzow zn sprechen'? * Eine von Russen oft gebrauchte Redewendung slir Rtißinuth. Der Hebers. ** Diese verfluchten Nihilisten haben keinen üblen Ge- schmack, meiner Treue. Es ist wirklich schade, ein so hnb- jcheS Mädel an einen Verbrecher zu verheirathen. Es nwchle »och hingehen, könnte nia» wenigstens das„Herrenrecht" nnsnl'en. w schrecklicher. Ich fürchtete, ich würde ihn am Ende nicht erkennen. Was ivird er niir sagen? Hat er mich vcr- standen?... „Ich bemühte mich, mir sein Bild in Erinnerung zurückzurufen, wie es niir in den vergangenen Tagen erschien: gber lvas ich auch dazu that— es war Alles vergeblich. „Endlich vernahm ich Schritte, die Thür ging ans und zwei Gendarmen brachten Pawlenkow.... Wie er ans- sah, lvas für ein Gesicht er hatte— kann ich nicht sagen. Ich erinnere mich blas, daß er einen grauen Sträflings- mantel trug und daß sein Haar bis zur Haut geschoren war. „Einige Minuten ließ man uns allein, die Gendarmen traten zur Seite und thaten, als beachteten sie uns nickt. „Was sich zwischen uns absvieltc, dessen entsinne ich mich nur wie im Traum. Es kommt mir vor, daß Paw- lenkolv mich an beiden Händen faßte und flüsterte: ,Tank, Wiera, Dank! Seine Stimme versagte: ich konnte auch nichts erwideui. Aber wirst Tu es glauben? In demselben Angenb ick, als er ins Zimincr trat, wäre» alle meine Qualen plößlich verschivunden. In meiner Seele wurde es so heil, so klar— die Zweifel... als ob sie nie bestanden hätten! Ich wußte jetzt, daß ich recht gehandelt halte, daß man nicht anders handeln durste. Man b. achte uns in die Kirche, stellte uns neben- einander auf, der Priester ergriff nns an den Händen und führte nns um das Lesepult herum.... An alt das erin- ncre ich mich wie im Nebel. Eine Minute lang, während sich ein starker Weih- ranchduft verbreitete und der Gesang .Icfaias frohlocke! ertönte, kam wie ein Bergessen über mich, ich dachte, daß nicht Pawlenkow sich neben mir be- finde, sondern Wasilzcw— und ich hörte seine liebe Stimme so klar nnd deutlich! Ich weiß, ich weiß es beslimmt, daß er es billigen würde, daß er sich gefreut hätte, ans mich z» blicke», lind mit einem Male wurde mir Alles klar. Mein ganzes künftiges Leben breitete sich vor mir ans, wie auf einer Land arte: Ich gehe nach Sibirien, ich«verde dort den Bcrschicktcn znr Seite stehen, ich werde sie trösten, ich ivcrde ihnen dienen, ihre Briefe nach der Hcimath befördern...." Die Stimme Wjeras versagte, sie schluchzte....„Und wenn man bctenkt, bedenkt, daß ich den ganzen Winter mit der Suche nach Arbeit vergeudet habe!" sagte sie dann mit voller,»inthiger nnd freudiger Stimme.„Und die Arbeit liegt da... auf der Hand... nnd welche Arbeit! Eine bessere hätte ich mir garuicht ersinnen können. Ich sage es Dir offen, zn einer anderen Arbeit, auch zur revolutionären Propaganda, zur Verschwörung würde ich übrigens vielleicht garuicht taugen. Dazu gc- hören große Klugheit, Beredsamkeit, die Kunst, auf die Menge zu wirken, sie zu beherrschen, und das Alles besitc ich nicht. Und außerdem hätte mich immer die Angst erfüllt, daß ich Andere in Gefahr bringen könnte. So gebe ich denn nach Sibirien— das ist ganz die richtige Thätigkeit. Und wie sich Alles einfach, nnerwarut, wie von selbst gestaltet hat. Gott, Wie glücklich bin ich!" Sie warf sich mir an den Hals nnd wir küßten nns nnd weinten. Sechs Wochen darauf kam ich auf [ Den Bahnhof derNikolajeivski-Eisenbah», um mich von Wjera vor ihrer weiten Steife zu verabschieden. Gleich nach der Trauung hatte man Pawlenkow mit einer Schaar anderer Sträflinge nach Sibirien trausportirt. Sie hatten einen großen Theil des Weges zu Fuß zurückzulegen. Nun war auch für Wjera die Zeit ge- kommen, sich auf den Weg zu mache», und mit ihrem Mann an Ort und Stelle zusammenzutreffen. Sie reiste nicht allein; mit ihr fuhren noch zwei Frauen— die Tochter der einen und der Mann der anderen waren unter den Verschickten. Natürlich benutzten sie die dritte Klasse, aber das war noch eine sehr luzuriöse und begneme Reise im Vergleich zu dein, was sie später erwartete. Damals ging die Eisenbahn nur bis zur Grenze des europäischen Rußland,- dann mußten sie mit Telegas oder im Schlitten fahren. Im günstigsten Fall, das heißt, wenn sich gar kein Hinderniß auf der Reise einstellt, mußte die Reise zwei, drei Monate danern. Und was erwartet sie bei der An- knnft...? Aber alle Drei schienen daran nicht zu denken; alle Drei ivaren sorglos, und ans ihren Gesichtern lag eine feier- liche Freude.'' Die ungewöhnliche Erregtheit, in der sich Wjera die erste Zeil nach ihrem kühnen Schritt befand, hatte sich gelegt, sie ging wieder in sich und wurde von Neuem jenes stille, verschlossene Mäd- cheu, das ich früher kannte. Sie>var blos ein ivenig schmächtiger geivorden und schien älter; aber die blauen Augen blickten noch immer muthig und kühn nach vorwärts und es ivar außerordent- lich rührend anzusehen, mit welcher zärtlichen Fürsorge sie ihre beiden Reise- genossinnen, insbesondere die ältere, um- gab. Diese Drei verband offenbar eine enge Freundschaft; jene Freundschaft, welche blos gemeinsames Unglück zu gründen vermag. Auf dem Bahnhof versammelte sich eine große Menge; Viele kamen ans bloßer Neugierde, Viele aus Theil- nähme; und iver Verwandte oder Freunde in Sibirien besaß, wollte ihnen durch die Abreisenden einen Gruß oder eine Nachricht senden. Die Polizei war selbst- verständlich stark vertreten. Mir gelang es kaum, mit Wjera einige Worte zu tvechseln, da sich um sie Alles schaarte. Aber als das letzte Glockenzeichen ertönte und sich der Zug in Beivegnng setzen sollte, streckte sie mir aus dem Fenster die Hand zum Abschied heraus. In diesem Augenblick stellte ich mir das Schicksal, das dieses herrliche, junge Geschöpf erwartet, vor, mir tvnrde so schtver in der Seele und Thränen strömten aus meinen Augen. „Weinst Du um mich?" fragte Wjera mit einem hellen Lächeln.„Ach, wenn Du wüßtest, wie ich, im Gegen- theil, Euch Alle bedauere, die Ihr zurückbleibet!" Das ivaren ihre letzten Worte. J �ioßseuszer eines Hathsherrn. O Weisheit, rüste mich mit Kraft, Daß»leine Stimme Nutzen schafft I» Kirche, Schul' und Staate; lind da mein Wisse» Stückwerk ist, So gieb, daß ich zu aller Frist Tas Beste wenigsten?— err-thc. P. W. Heuslsr. hriil Wrinätdr von Franz Stuckt :> 1 4 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 5� r cr n I t».e eli. (Zu unserem Bilde.) /[ys** ist schwer, an der Hand eines einzigen Bildes %vg) Anderen eine deutliche Vorstellnng von einer großen knnstlenschen Persönlichkeit zn über- Mitteln, und doch möchten>vir die Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen, über den Schöpfer der machtvollen Allegorie des Krieges etwas mehr zn sagen, als dies im engen Nahmen eines Bildertextes möglich ist. Haben ivir es doch bei Franz Stuck mit einem der bedeutendsten und zugleich originellsten Bialer der Gegenwart zu thun, mit einer Erscheinung von solch urwüchsiger Kraft und Tiefe des Gedaickens, daß ihr erstes Auftreten im Jahre>88» geradezu ein Erciguiß für die Knnstwelt bedeutete. Obwohl erst Biermiddreißiger, hat Stuck bereits den Gipfel des Nnhmes erklommen und ist auch außerhalb der blanivcißcn und schivarztvcißrothen Grenzpfähle ebenso bekannt geworden wie etwa ein B!ar Klinger, Ilhde, Böckliu it. A. Und er iväre es vielleicht noch früher geworden, hätten ihn seinc Verhältnisse nicht in den ersten Jahren vor Allem aufs Geldve. diene» angewiesen. Er wandte sich daher zunächst kunstgewerblichen Arbeiten zn, in denen sich bereits ein anßcrordent- liches Talent und feines Stilgefühl offenbarten. Weiterhin war er als Zeichner, Jllnstrator, besonders der„Fliegenden Blätter" thätig, und so- wohl die hierfür gelieferten Karrikatnren als auch seine lnstigen Beiträge zu allerhand Kneipzeitnngeii Münchener Künstler zeigen ihn uns als frohen, launigen Hnmoristcn, de» man nach»nserem heutigen Bilde, seinem düsteren Gemälde des Krieges, wohl am wenigsten in ihm vermnthen würde. Bon einer weit anderen, größeren Seite als in den zahlreichen zeichnerischen Arbeiten lernen tvir ihn auch in seinen Oelsachen kennen. Freilich finden sich auch unter ihnen solche von rein hnmoristischer Färbung: aber in der Mehrzahl der Fälle ist der vom Künstler behandelte Gegenstand doch ein tiefernster, zum mindesten einer, der mit Scherz und ausgelassener Heiterkeit nichts zu thun hat. Wollen wir dem Maler Stuck auf seinem Eut- wickelnngsgange folgen, so müssen wir mit dem Bilde beginnen, mit dem er auf der Münchener ititer- nationalen Kunstausstellnug im Jahre I88!i zum ersten Male vor das Publikum trat, um bei dessen größcrem Thcile allerdings nur Ausdrücke deo Miß- sallcns, des Mitleids, der Empörung wachzurnfen, bei Anderen aber um so lebhaftere Einpfindnngen der Freude und Bewunderung zu ivecken. Dieses Bild war„Der Wächter des Paradieses", ein Werk, das den Künstler gleich in seiner ganzen Eigenart, in seiner starken Kraft und ernsten Größe erkennen ließ. Es zeigt uns die stolze, glanznmwobene Gestalt eines Engels, der, in heldenhafter Körpcrschöue prangend, mit mächtigem Flammenschwert den Eingang zum Ort der Seligen hütet. Otto Julius Bierbanm hat es einmal ein Abbild der jungstolzen Kunst, ein hohes Lied ans die Kraft genannt, und in der That ist dies der treffende Ausdruck für die Empfindnnge», die Stuck mit seinem Wächter des Paradieses in uns erweckt. Als Gegenstück zu diesem Vertreter des Lichtes sei hier gleich der ein Jahr später gemalte Ln.ifer erwähnt, ein Fürst der Finsterniß, wie er in seiner fas inirtc», dämonischen Gluth sich kaum beschrei- ben läßt. Aber auch milde, weiche Farbentöne zur Schil- derrntg zarter Anmuth und Schöne stehen dem Künstler zu Gebote. Ein Beweis dafür ist seine„Jiinoeeiitia" (llnschitld', ein Bild stiller, reiner Jungfräulichkeit, ausgestattet mit all dem Zauber, der einer jungen, kam» erschlossenen Mädchenknospe eigen. Freilich, im Allgemeinen liegen der Natur Stucks andere, leidenschaftlichere Motive näher: seine nr- wiichsige Kraft, seine lebendige Phantasie treibe» ihn zur Behandlung nionnmentalerer Vorwürfe. Ans diesem Geiste heraus sind denn auch seine meisten anderen Werke geboren: so seinc Vertreibung aus dem Paradiese, seine Krenzignng Christi; die Bilder, die mythologische Figuren und Szenen zum Gegenstände haben, die machtvolle Schilderung der Sphinx, die bekannte„Sünde" und nicht zuletzt seine'große Allegorie des Krieges, mit der ivir uns denn auch etwas näher beschäftige» Ivollen. Was sehen wir? Von nächtlichem Dunkel überschattet, dehnt sich ein ungeheneres Leichcnfeld vor unseren Blicke» ans. In gräßlichem Gewirr, wie sie der kalte Stahl dahingemordet, liegen— bald neben-, bald über- einander— die nackten Körper der Erschlagenen zu Tausenden und Abertausenden am Boden ansgcstrekt. In schrecklicher Krümmung ragen hier und dort erstarrte Arme, schnierzgeballte Fäuste in die Lust; und Ivo ans der Masse der weißen Leiber ein Menschenantlitz hervorblickt, grinst uns aus den vcr- zerrten Zügen fürchterlich die Todesqual der Schlacht- opfer entgegen. Und mitten über sie hinweg sehen wir auf kohl- schwarzem Rosse die finstere Gestalt des Krieges schreiten. Jndeß die sehnige Rechte den Knauf des über die Schulter gelehnten Riesenschwertcs umspannt, schweift das starre Auge des Gottes kalt über die blutige Ernte, die er heut gehalten. Wahrlich, es war ganze Arbeit, die er hent verrichtet hat: selbst das dunkle Thier mit seiner blökenden Zunge, das die Leiber der Tobten uiederstnmpfend, müde einen Fuß vor den anderen setzt— es scheint genug zu haben; denn„auch das Grause» wird zum llcbcr- drnß". lind wie ein Symbol des Todes, der alles Leben auslöscht, ruht undurchdringliche, sternlose, finstere Nacht ans den Gefilden. Ja, das ist der Krieg, der Krieg, wie ihn in seiner ganzen düsteren Größe, in seiner vollen brn- talcn Macht der Zerstörung, in seinem Niedertreten alles Dessen, was Menschenleben, Sitte und Kultur heißt, wohl kein Anderer vor Stuck so packend, so gewallig zn schildern verstanden hat. Trotzdem mag es vielleicht Einen oder den An- deren geben, der an der in gewissem Sinne unrealistischen Art der Darstellung Anstoß nimmt, der fragt, was soll diese völlige Nacktheit sämmtlicher Gestalten, warum hat der Maler nicht ein Bild der Zerstörung. vor uns aufgerollt, wie es unzählige Schlachten unserer Tage hinterlassen haben? So etwa e'ne Schlacht von Waterloo, Königgrätz oder Gravelotte mit ihrem Durcheinander Todter und Verwundeter in ihren bunten, blntgetränkten Uniformen? Dazwischen verendende Thierc, verlassene Geschütze, vcr- lorene Säbel und Gewehre? Darauf ist zu antworten, daß der Maler nur, indem er alle zeitlichen und örtlichen Zufälligkeiten bei Seite ließ, den Gedankennihalt seines Werkes in so reiner, starker Form zum Ausdruck bringen konnte, und daß er gerade durch die Darstellung des nackten menschliche» Körpers und zugleich durch die Häufung der weißen kraftstrotzenden Leiber den Gegensatz zwischen Tod und Leben in seiner vollen Giöße, den Krieg selbst in seiner ganzen Furcht- barkeit zu schildern im Stande tvar. Uebrigens begegne» ivir diesem Mangel streng realistischer Darstellung— nicht Malweise noch bei manch anderen Bildern Stucks. Und doch, trotz seinem fiarkcn Hang zum Phau- tastischcn fällt es dem Künstler uienials ein, sich auf die Wege trockener, nüchterner Allegorie zn verirren; seinc Gestalte», in denen sich irgend eine große, tiefe Idee verkörpert, haben nichts Schemenhaftes an sich; im Gegentheil, es sind innner Gestalten von Fleisch und Blut, nicht selten sogar in ihrer natürlichen Kraft und Lcbensfülle übertrieben. Gerade dies, Stucks Neigung zn übertreiben, ist freilich von der anderen Seite wieder von Manchen getadelt worden; man hat die Befürchtung ans- gesprochen, der Knustler werde sich bald noch zu größeren Maßlosigkeiten versteigen und in einer ge- wissen Manirirthcit ausarten. Ich glaube kaum, daß diese Verninthnug begründet ist; jedenfalls scheinen mir die bisherigen Arbeiten des Meisters keinen Anhalt dafür z» bieten. Und dann besitzt gerade Stuck wie Wenige das, was man Stilgefühl nennt, Verständniß für das richtige Verhältniß von Form und Inhalt, so daß ein etwaiges Abirren von dem bisher eingeschlagenen Wege jeden- falls nur vorübergehend sein würde und wir sicherlich noch eine Menge von Arbeiten erwarte» dürfen, die an Werth und künstlerischer Größe in nichts hinter dem schon Geleisteten ziirückstchen. K** Mcs und ücurs uns dciii Rcichc derMmnfl Von Adolf Lubnow. lV. Ders crvEeitende und die Mufifi. n» er die Geschichte des deutschen Konzert- ' � und Theaterwcsens während der letzte» fünfzehn Jahre anfmcrksai» verfolgt, wird ein stetes, rasches Anwachsen der ausdrücklich für den Besuch der unteren Volksklassen berechneten theatralischen und musikalischen Aufführungen nicht verkennen könne». I» unseren meisten Großstädten werden, wenigstens in den Wintermonate», regelmäßige„Klassikervorstellnngen zu halbe» Preisen", „Bolksthümliche Konzerte" oder„Vortragsabende" veranstaltet.* Ans die Gründe dieser erfreuliche» Erscheinung näher eitizugeheu, würde z» weit führen. Vielfach ist es das Streben weniger Wohlmeinender, nach Kräften dazu beizutragen, daß von den Schätzen unserer Kultur möglichst viel jenen Unzähligen er- schlössen werde, die durch ihre ökonomische Gebunden- hcit von jeder ernsten, dauernden Beschäftigung mit der Kunst ausgeschlossen sind. Vielfach freilich ist es auch das Verlangen, mit einigen kleine» Opfern die Vorwürfe des anklagende» Gewissens zn bc- schwichtige», das nicht dulde» will, daß die höchsten und reinsten Kunstgenüsse»nr einer kleinen, privi- legirten Minderheit zugänglich sind, während Huudert- tanscndc»ach Kunst und Schönheit schmachten. Oft gentig ist es vollends die Absicht, mit solchen und ähnlichen gemeinnützigen Veraitstaltnngen de» breiten Bolksmasseu die treue, liebevolle, auch„auf die Hebung des itttellektneUeu Niveaus" des Volkes ge- richtete Fürsorge der besitzenden Klasse überzcngend darznthun und sie vor allen bösen, emanzipatorische» Gelüste» zu bewahren. Haben nuu die genannten Versuche, dem Volke die Schätze unserer dramatischen Dichtung und Musik z» erschließen, wirklich de» getvnnschtcn Erfolg gehabt? Was die theatralischen Aufführnngen anlangt, so kann man die Frage für eine kleine Reihe von dentschcn Großstädten, wie München, Berlin und manche andere, ttttbedettklicv be ahen. Man hat sich sogar vielfach nicht damit begnügt, dem Volke cittc Reihe von Musteransführnugen klassischer Dramen zn bieten, sondern man hat es sogar mit dem größten Erfolge versucht, an der Hand Ibsens und Hauptmanns Liebe und Verständniß für das»todetne Drama zu erwecken. Dagegen bilden freilich die„Klassikeranfführungen zu halben Preisen" in der Geschichte einer langen Reihe von deutschen Schaubühnen den dnttkel» Fleck. Entweder man vertrat das Prinzip:„Halbe Preise, halbe Leisttingen" und gab den Schaujpielcr» an den gewöhnlich an einem bestinimten Wochentage stattfindettden Aufführungen ivillkontmene Gelegenheit, sich von den Strapazen der übrigen Theater abcnde zu erholen, oder man gab den Aufsührnngctt dttrch die Auswahl der Stücke ein so tendenziöses * Ich bemerke, daß ich mit den genannten„Volks- thstinlichen Konzerten" nur einheitlich und nach einem bestimmten Plane dnrchgesiihrte Miisikauifnhrungen zum Zwecke der Popntarisirnng klassischer Musik verstehe, t'eider scheint ei» nicht unbeträchtlicher Theit unserer Kapellmeister unter demsetbcn Vanten»un den Jnbcgrifs aller jeweilig von der Gasienjugend geträllerten und gepfiffenen Gassenhauer und Tingtttaiiqct Melodien zu verstehen: wer jemals in Leipzig einer ausdrstcklich als„Populäres Konzert" bezeichneten Musikausführung beigewohnt hat, wird niit Schrecken wahr- genommen haben, wie sich die„popiitäre Musik" fast ausschließlich als ein nach dem Rezept„Für das Volk ist gerade das Schlechteste gut genug" zubereitetes Ragout von Tänzen, Märschen und faden Operettenmelodien darstellt. I Die Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 215, t Gepräge, daß auch der Fernstehendste die Absicht nicrkle und verstimmt heimging. Bestlitt man doch vielfach das Repertoir mit SlNfführungen Schiller- scher Dramen, namentlich der„Jnngfran von Lrleans",„Wallcitsteiii" nnd„Tell", und einer Anzahl von historisch- patriotischen Lärnistncken. Nicht viel Besseres ist von den meisten popn- lären Musikaufführnngen zn berichten. Es ist, wie von vornherein bemerkt werden möge, eine bedauerliche Thatsache, daß die Versuche, musikalische Bildung unter das Volk zn tragen, sich fast ausnahmslos auf die großen Fornie» der Instrumentalmusik be- schränkt habein Die meisten Programme unserer populären Konzerte weisen eine stattliche Anzahl, meist acht bis zwölf, Musikstücke auf, die sämmtlich dem Gebiet der Opern- und der reinen Jnstrnmental- uiusik entnommen sind. Immerhin verdienen der- artige volksthümliche Btnsikaufführungen noch immer den Vorzug vor anderen, die sich lediglich als ge- wöhnliche Virtuosen- und Bravourkonzerte zu er- mäßigten Preisen charakterisiren. Zwei oder drei Jnstrumentalstücke, gewöhnlich eine Sinfonie nnd eine Ouvertüre, bilden darin nur den zumeist kaum beachteten Rahmen für die Jonglenrstückchen eines aus weiter Ferne für schweres Geld verschriebenen tiirtuosen, auf dessen„geniale Persönlich. eit", wie es dann zumeist in den Konzertberichten heißt,„sich das Interesse des Abends konzentrirt." Die ganze Nichtigkeit und Seichtigkeit dieser Konzerte, in denen das rein Musikalische weit hinter dem Interesse an der persönlichen Bravour des Solisten zurücktritt, hat Älauke unlängst in einem„Die Musik als wahre Volkskunst" überschriebenen Aufsatz in der „Neuen Zeit" mit treffenden Worten gegeißelt. Man kann Mauke gewiß zustimmen, wenn er energisch „planmäßige Unterdrückung des Virtuosenthnms und Ltächerlichmachung des oberflächlichen Salonstils im Instrumentalen und Vokalen" fordert. Nur, glaube ich, ist es mit einer bloßen Reform des Konzert- Wesens, von der er alles Heil und eine Gesundung des verdorbeneu musikalischen Geschmacks ini Volke erhofft, nicht gethan Die Anzahl der musikalischen Formen, von denen das Konzert, in Sonderheil die Justrnmentalmnsik. Musterbeispiele z» geben vermag, ist nur gering: zudem sind Sinfonie nnd sinfonische Dichtung, die neben der Ouvertüre vornehmlich in Betracht komme», die komplizirtesten Formen der Instrumentalmusik und setzen als solche zur vollen Erfassung ihres künstlerischen Werthes ein schon ge- reifteS Kunstverstäudniß voraus. Keinesfalls darf mit der vorzngsweisen Vor- führung der sinfonischen Meisterwerke unserer Ton- dichter der Anfang bei den populären Konzerten gemacht werden. Beethovens„Neunte" oder Liszts „Fanstsinfonie" werden zwar auch dem musikalisch ungeübtesten Ohre eine» leisen Respekt vor dem Genius ihrer Schöpfer beibringen, aber das Schöne nnd Gewallige in diesen Werken wird doch bei allen Hörern, deren musikalische Bildung sich noch in ihren Anfängen befindet, hinter der Menge des Fremd- artigen und Unverständlichen zurücktreten. Zudem liegt die Gefahr nahe, daß der musikalische Laie, selbst bei einem kurzen Jnstrnnientalkonzert, bei dem eisrigsten Streben, in den Geist der Tondichtung einzudringen, erlahmt und daß sein Interesse er- kältet. Erfordert doch keine andere Musik größere Hebung im abstrakten musikalischen Denken und ver- lockt doch keine andere so sehr den Geist, den Faden der Verfolgung der Entwickelung und Ansspinnung des musikalischen Gedankens zn verlassen nnd seinen eigenen Träumen und Phantasien nachzugehen, als gerade Sinfonie und Ouvertüre, die berufensten Vertreter der reinen Jiistrnmentalmnsik. Der nächst- liegende Ausweg, zlvischen die klassischen Programm- nnmmern Musikstücke leichteren Charakters, wie Märsche, Arrangements von Opernunnimern und der- gleichen einzuschieben, dürfte sich bald als eine sehr zweischneidige Waffe erweisen: das Interesse der Hörer würde sich bald von der klassischen Musik ab- nnd ausschließlich den eingestreuten populären Mnsik- stücken zuwenden. Rlit der jetzt beliebten Gepflogenheit, in unseren großen Konzerten zlvischen die Jnstrumentalnumniern Lieder einzuschieben und derart dem größten Theil des Publikums die gewünschte Abwechslung zn bieten, wird sich der nmsikalisch Gebildete niemals recht be- freunden können. Trotz aller Einwände und Gegeneinwände bleibt es doch eine arge Stilwidrigkeit und zeugt von einem Mangel an ästhetischem Feingefühl, wenn in dem engen Rahmen eines kurzen Konzerts Erzeugnisse der komplizirtesten Miisikfvrin, der Sinfonie, und der ciufachsten, des Liedes, zusammengestellt werden. Es scheint vielmehr gerathen zn sei», eine durch- greifende Reform unseres gewiß an unzähligen Schaden leidenden Konzertwesens nicht als das erste Nüttel zu betrachten, eine Gesundung des musikalischen Ge- schmacks des Volkes herbeizuführen, sondern sie eher als Schlußstein anzusehen. Weit größere Bedeutung ist allen jenen Bestrebungen beizumessen, die die Kenutniß und das musikalische Verständniß im Volke zunächst für die kleineren Formen der Musik zu fördern bereit sind. Vor Allem auf dem Gebiete des Liedes. Namentlich das Chorlied eignet sich durch die verhältnißmäßig leichte Bewältigung der tcchnischeii Schwierigkeiten, durch den Reichthum und die Schön- heit der musikalischen Gedanken, die die Nleister dieser Kunstform in ihm niedergelegt haben, ferner durch die Nlöglichkeit, eine unbegrenzte Anzahl von Mit- wirkenden zur Wiedergabe des musikalische» Kunst- Werkes heranzuziehen, zur Ausbreitung und Ver- tiefung mnsikalischer Bildung. Unter den verschiedenen Formen des Chorliedes müssen wir, zumal in Ansehung des gedachten päda- gogischen Moments, und auch im Hinblick auf den künstlerische» Werth der meisten Kompositionen, dem Liede für gemischten Chor vor dem für den Männer- chor den Vorzug geben. Ein kleiner Theil der Schubertschen und Biendelssohnschen, vor Allem aber die große Menge der Schumannschen Chorlieder ge- hört zu dem Schönsten, was diese Meister geschaffen haben; hingegen ist aus der fast übergroßen Fülle der Kompositionen für Männerchor nur Weniges nmsikalisch interessant nnd werthvoll: die meisten athmen lediglich den Geist einer verwässerten Sen- timentalität oder lärmenden Bierfröhlichkeit. Die Hindernisse, die sich der Einrichtung ständiger ge- mischter Chöre in den Weg stellen, zumal die Schwierigkeit, mit genügender musikalischer Vorbil- billig und dem nöthigen Organisationstalent aus- gerüstete Direktoren zu finden, sind freilich nicht zu unterschätzen. Immerhin bilden die in fast allen größeren Städte» zahlreich bestchenden Arbeiter- gesangsvereine die sichere Basis für die Ausbildung größerer gemischter Gesangschöre. Wo gleichzeitig Diletiantenkapelleu bestehen, deren Leistungen Über das gewöhnliche Niveau hinansgehe», kann dann allmälig der Versuch gemacht werden, das Chor- lied mit Orchesterbegleitnng und das Oratorium, zunächst freilich nur in den technisch einfachsten Ver- tretern beider Musikgattnnge», zu pflegen. Im All- gemeine» kann nicht dringend genug darauf hinge- wiesen werden, daß eine gute vokale Ausbildung von weit größcrem Werthe für de» Gewinn einer gründliche» musikalischeii Bildung und musikalischen Kunstverständnisses ist, als der bloße, wenn auch noch so häufige Besuch von Musikaufführnngen jeg- sicher Art: nur wenige Auserwählte vermögen der Kenntniß der Theorie und Technik einer Kunst bei der Werthung ihrer Erzengnisse zu entrathen. In geringerem Grade als das Chorlied, kommen das für eine einzelne Gesangsstimme bestimmte Kunst- lied und die Klaviermusik in Betracht. Zwar ist das Klavier vor allen Musikinstrnmeiiten längst das po- pnlärste und geradezu Hausinstrnment geworden, wie es in der Vorzeit Laute und Guitarre waren, immer- hin ist die Zahl Derer, deren ökonomische Verhält- nisse ihnen die Anschaffung eines Klaviers erlauben, trotz der in den beiden letzten Jahrzehnten erff Igten starken Verbillignng dieses Instruments und aller Ab- zahlniigsgcschäfte, im Arbeitcrstande überaus gering. Auch erfordert eine nur mittelmäßige Beherrschung der Klaviertechnik ein mehrjähriges, zeitraubendes Stndinni, das nur Wenigen möglich ist. In dem Kunstlied, besonders in dem modernen, in dem das melodische Moment hinter dem deklamatorisch pspcho- logischen zurücktritt, spielt dazu die Klavierbegleitung eine so wichtige Rolle, daß sein Vortrag durch die bloße Gcsaiigsstiuime undenlbar erscheint. In den wenigen Familien aus dem arbeitenden Stande, in denen sich ei» Klavier findet, sollte freilich der Versuch gemacht werden, ob es nicht möglich ist, an Stelle des faden Salongeklimpers nnd der plumpen Arrangements von Operetten- nnd Gassenhauernielo- dien eine gesündere, schmackhafte Kost zn setzen. Fast sämmtliche älteren und modernen Klavierschulen nnd sonstigen klavier-pädagogischen Werke vermitteln dem Schüler die Bekanntschaft mit einer stattlichen Reihe von klassischen Klavierkompositionen, nanient- sich Mozartschen, Beethovenschen und Schubertschen Werken. Gelingt es dem Klavierlehrer, in der leider zumeist.nur knapp bemessenen Unterrichtszeit, seinen Schüler wirklich in den Geist der klassischen Klaviermusik einzuführen, so wird ihn sein ge- kräftigtes ästhetisches llrtheil vor allen Verlockungen der sinnlich reizvollen, aber seichten und gehaltlosen Salonmusik bewahren nnd ihn die betretenen Pfade weiter wandeln heißen. Im höchsten Grade bedauerlich ist es, daß sich, wie schon oben erwähnt, alle Versuche, die»insika- tische Bildung des Volkes zu vertiefen, auf die In- strumeiitalmusik beschränkt, nnd nicht auch auf andere Gebiete, namentlich die Oper, ausgedehnt haben. Der großen Masse des Volkes ist jegliches tiefere Eindringen in de» Geist der musikalisch-dramatischen Kunst schon aus einem äußeren Grunde»nmöglich,- in»nseren meisten Großstädten ist der Beginn der Opernaufführnngen auf sieben oder sogar halb sieben Uhr festgesetzt, also eine Zeit, in der sich mir überaus Wenige von ihren Bernfsgeschäflen freizumachen»nd ihrer Erholung nachzugehen im Stande sind. Fast sämmtliche Konzertanfführnngen in unseren Groß- städten beginnen dagegen erst uin acht Uhr und erinög- liehen wenigstens einem kleinen Theile der arbeitenden Klasse den Besuch. An dem einzigen Tage, an dem dem Volke der Besuch der Opernhäuser möglich ist, am Sonntag, wird zudem auf sein musikalisches Bedürfniß wenig oder gar keine Rücksicht genommen, und auf das Repertoir entweder die Premi reu moderner Opern oder einer Anzahl älterer, söge- nannter Zugstücke gesetzt. In Leipzig kann man zum Beispiel mit großer Bestimmtheit darauf rechnen, jeden Sonntag neben der ersten Wiederholung der Wochenpremi re„Carmen",„Die Afrikanerin",„Tie Hugenotten" oder ein sonstiges Zugstück, am liebsten eine große, in Musik gesetzte Haupt- nnd Staats- aktion auf dem Repertoir zu treffen. Und doch er- scheint die regelmäßige Veranstaltung von populären Opernaufsühriingen ebenso geboten als die von Klas- sirervorslellungen und volkSthümlichen Konzerten. Ihre Zeit müßte auf den Sonntag Vor- oder Nachmittag gelegt werden, das Repertoir eine Reihe von Muster- anfführnngen von Opern Mozarts, Webers usw. bis auf Wagner enthalte». Gerade mit der Kennt- niß der— älteren wie modernen— deutschen Oper ist es, freilich nicht zum mindesten durch das Verschulden»nscrer Theaterdirektionen, im Volke noch recht traurig bestellt. Trotzdem die Zahl der lebensfähigen deutschen Opern fast allein einen voll- ständigen Spielplan füllen könnte, sind doch nur der „Freischütz",„Czar und Zimniermann" und allen- falls„Taiinhäuser" und„Lohengrin" wirklich ins Volk gedrungen. Nur die regelmäßige Veranstaltung von populären Opernabenden könnte dem Volke zeigen, welche Schätze deutscher Kunst es noch zu heben ver- mag; die wenigen Nummern aus der deutschen Oper, die sich in unseren Konzertsälen Bürgerrecht erworben haben, sind wahrhaflig nicht im Stande, auch nur einen schwachen Ersatz für die Bekanntschaft mit dem vollständigen, lebenswarmen, niusikalisch-drainatischeii Kunstwerk zu bieten. Alan denke nur an die fürchter- lichen, für den Konzertgebranch zugeschnittenen Para- Phrasen von Abschnitten aus den späteren Wagner- scheu Ntusikdramen! Am schwersten dürfte es fallen, im Volke Liebe und Verständniß für die intimste Form der Musik, die Kammermusik, zu erwecken. Wenige Musik- gattungen setzen zu ihrem vollen Verständniß eire so gereifte musikalische Bildung und einen den Tages- schöpfungen so abholden Geschmack voraus, als die des sinnlichen Klangreizes zumeist entbehrende,»ach 216 Die Nene N?elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. streng logischen Gesetzen aufgebnnte Kammermusik, die darum mit wenigen Ausnahmen nur von unseren ersten Äteisiern gepslegt worden ist. Nur eine voll- ständige Vertran.hcit mit dem Geiste der klassischen Ainsik Und eifriges Hören wird das Verständniß für diese ebenso eigenartige als bedeutende Atusik- form ermöglichen. Freilich wird jeder Versuch, die Schätze unserer älteren und modernen klassischen Musik dem Volke zu erschließen, erfolglos bleiben, wenn er nicht von einem steten, energischen Kampfe gegen die Aus- gebnrtcn des durch und durch verdorbenen musikali- scheu Tagesgeschmacks begleitet ist. Dieser 5�ainpf ivird vor Allem passiv geführt iverden müssen; wer tvirk- lich bestrebt ist, seine musikalische Bildung zu fördern und an den Meisterwerken unserer ersten Künstler zu vervollkoinmnen, wird jeder Gelegenheit, schlechte Mobemufit zu hören, sorgsam aus dem Mege gehen und in diesem Sinne auch unter seiner Ilm- gcbnng wirken. Bei dieser Gelegenheit sei noch kurz auf ein Moment eingegangen, das meines Wissens noch in keiner Untersuchung darüber, wie die allgemeine musikalische Bildung gehoben und der schlechten Geschmacksrichtung mit Erfolg entgegengetreten tverden könne, die verdiente Berücksichtigung gefunden hat. Es sind dies die mechanischen Ntnsilwerke, die söge- nannten Biusikantomaten, in ihrer jetzigen Gestaltung bekanntlich eine Erfindung der letzten f. nfzehn Jahre. Auch in früherer Zeit wurden mechanische Musikiverke unter dem größten Aufwände von Zeil und Mühe augefertigt, aber es waren dies auch Meisterwerke von höchstem künstlerischen Werthe und individuellem Gepräge: ein Mozart verschmähte es nicht, für ein derartiges Instrument eine Komposition zu schreiben. Die vielen Tausende von Musikmitviimte», die heute in alle Lande Hinansgehen, dienen aber leider zu- meist nur dazu, den niedrigsten Schund von Operetten- und Tingeltangelmelodien zu popularisiren und den musikalischen Geschmack selbst der Landestheile, in denen sich eine wahre Volksmusik lauter und rein erhalten hat, zu verderben. Bereits vor vierzig Jahren schrieb ein deutscher Denker, der wie kein zweiter in die Tiefe der deutschen Volksseele geschaut hatte, und wußte, was ihr frommte und schadete, W. H. Riehl, in seinen„Knltnrstndien":„Mau spricht von unverdauter Musik, die vielerlei Volk gedankenlos weitersiuge. Der Ausdruck trifft; denn solche musi- kalische Formen und Gedanken, die dem Organismus einer Volksgruppe fremdartig, von Außen ihm ein- getränkt werden, unverdaute und unverdauliche Stoffe, sind allerdings, wie jeder Doktor iveiß, höchst nii- gesund." l.nd ferner:„2sto eine nnverdante städ- tische Modemusik ans dem Lande das Feld gelvounen hat, da ist auch der Bauer verdorben." Geben ivir zum Schlüsse der Hoffnung Ausdruck, daß es auf deni oben angegebenen Wege recht bald gelinge, dem herrschenden Modegeschmack überall mit Erfolg entgegenzutreten und einer reinen, wahren Volkskunst die Bahnen zu ebnen. Aus kitin Witrkorö kitr Zcit. Schiideltaplizitatcu 511 messen bediente man sich bis in neuerer Zeit der Glasperle», der Erbsen, des Sandes oder kleiner Schrot örner. Ende vorigen Jahres nun ivnrde in der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnographie und Urgeschichte die Methode angeführt, ivelche ein Herr Poll anivendet, hin den Inhalt einer Schädelhöhle zn messen. Er führt eine Kantschukblase i» den Schädel ein, welche dünn genug ist, um sich allen Formen des Schädclinnern anzuschmiegen, und andererseits den Druck des Wassers, das er nun in den Schädel hinein läßt, zu ertragen vermag. Dann läßt er, wen» alle Thcilc des Schädels mit Wasser gefüllt sind, dieses in ein Meßgesäß einlaufen und vermag aus diese einfache und sinnreiche Weise die Schädclkapazität jedesmal in zehn bis zivöls Minuten festzustellen, sowie denselben Schädel beliebig oft darnach zu messen. Die Arbeit eines Blitzstrahles kann in der Weise gemessen iverden, daß man bestimnit, eine ivie große Menge Eisen von dem Blitz geschmolzen werden kann. Darnach entspricht die von einem Blitz geleistete Arbeit durchschnittlich 700V Pserdekrästen in einer Sekunde. Gedankensplitter.<�4- Ein Autodidakt(ein Mensch, der sein eigener Lehrer ist, sich durch Selbststudium Kenntnisse erivirbt) kann ein- seilig sein, aber meist bewahrt er sich besser das Leben und das Feuer der Begeisterung, llebrigens ist am Ende Jeder mehr oder weniger Autodidakt. Ich gestehe, daß mir die Vorlesungen an der Universität sehr ivenig genutzt haben; kaum daß sie mir Anregung gaben. Freilich kann man auch auf die Universitäten Hamlets(Prinzen von Dänemark, Helden eines Shakespeareschen Dramas) Wort anwenden, daß etivas jaul sei im Staate Dänemark. Lotheifsens Tagebücher. Vom frevelhaft herbeigesührten Duell bis zum überdachten Mordanfall ist nur ein Schritt. Ist das qualvolle Hasten, der unaufhörliche llampf umS Dasein, der den Menschen heut auferlegt wird, ein Vorzug der Gcgcnivart? Ist die stetig wachsende Gewalt des Staates, der das Leben seiner Bürger von deren erstem Lcbens'ahre an regelt, der sie gleichmäßig erzieht, drillt, polizeilich bewacht, und durch diese gutgemeinte Vorsicht jede Originalität zu verbannen droht— ist sie auch ein Segen? Bei der Beurtheilung früherer Jahrhunderte müssen wir uns bemühen, die Vorurtheile. die uns die Erziehung, ivie das Leben eingeflößt haben, so viel als möglich abzulegen. Ganz wird uns das freilich nie gelingen. So brüstet man sich in unserer Zeit gern mit der Freiheit, die der Staatsbürger errungen, ivobei er zunächst an das Recht des Volkes denkt, durch ge- wähltc Vertreter seinen Willen kund zu thun, an der Ausarbeitung der Gesetze zu helfen, die Steuern zu be- willige» und Aehnliches mehr. Dieses lliecht besteht, gleich ivie die Freiheit, mehr scheinbar als wirklich; wirklich aber ist die Unechtschast, welche der Staat seinen Bürgern auferlegt, und die wir schon oben erwähnt. Wir halten uns frei, weil wir von Zeit zu Zeit an die Wahl ur»e treten dürfen und uns aus eine Anzahl von Ja' reu einige hundert Herren geben. Wir halten uns sür srei, dürfen aber unsere» Söhnen keine andere Erziehung gebe» als sie der Staat in seinen Schulen gewährt, widrigenfalls sie eine Menge von Rechten verliere». Wir hallen uns sür frei, haben aber den Impfzwang, Schulzwang, Re> ligionszwang, Militärzwang, Steuerzwang, und noch vieles Andere ließe sich von solchen Zwangslagen anführen. Lolheissen, Zur Kulturgeschichte Frankreichs im>7. und is. Jahrhundert. Rur in der Mythologie(Götterlehre) ist die Athene (die Güttin der Weisheit) in voller Wassenrüstung aus dem Haupte des Zeus(ihres Vaters, des obersten Gottes des griechischen Götterhimmclsi hervorgegangen. In der Geschichte sind politische Schöpsnilgen von wirklicher Dauer n»d Haltbarkeit gewöhnlich durch die Arbeit von Jahrhunderte» vorbereitet worden. Duruq. Ter einzige Beweis sür die Wahrheit irgend einer „Heilslchre" liegt nach Charron einzig und allein in der Menge der Jahre und der Gläubigen. Wenn man alle Menschen für seine Brüder hält, kommt man aus der Traner nie heraus. Balzac Der beste, klügste und wohlmeinendste Herrscher läuft beständig Gefahr, durch seine Höflinge verrathen, betrogen, ja selbst verkauft zu werden. Kaiser Diocletiau. (Bergs.„Neue Well", Jahrg. isso, Nr. 20.) Wie thöricht sind Nationen, die ihre Größe im Ruhm der Waffen suchen. Eine jede besaß solchen einmal und verlor ihn wieder. Grcgorovius. Ein Mann, der die einzige Ziffer unter Nullen sein will, ist der Ruin seines Zeitalters. Lord Bacon. Nichts erhält die Gesetze so wirksam, als ihre An- Wendung gegen hochgestellte Personen. Tacitus. „Ter Hof! Der Hos! Da liegt das Unglück. Ter Hof ist das Grab der Nation. Serail- Kabalen, in welche» um das Schicksal Frankreichs gespielt wird. O poveretta. Francia!(armes Frankreich!) Alles wird von den Großen und vom Adel geplündert. Ter Adel ist der Rost der Negierung." Argenson über den Hos Ludwigs XV. Als Ludwig XV. von Frankreich noch ein Prinz war, sagte ihm sein Gouverneur(Erzieher), Herzog von Billeroy, an einem Lndwigstag, als das Volk in jubelnder Menge den Platz vor den Tuilerien füllte, indem er seine» Zögling dieses Treiben von einem Fenster aus betrachten ließ:„Sehen Sie diese Masse, diese unzählige Volksmenge— das Alles gehört Ihnen! Sie sind ihr Herr." So berichtet Taint-Simon in seinen Memoiren. Ter Enkel Ludwigs XV. mußte für diese Irrlehre büßen. Von Ludwig XV. ist kein einziger fruchtbringender Ge- danke zu nennen, de» er während seiner fast Halbjahr- hundertlangen Regierung gehabt oder bethätigt Hütte. Unter ihm lernte das Frankreich des l8. Jahrhunderts, seines Königs zu entbehren, wie Lolheissen sich treffend ausdrückt. — ZA S cß n i ß c t*.— Standesgemäß. Mein gnädiger Herr, das können Sie nicht dulden, Daß eine Bürgerstochter Sie verwarf! Euer Gnaden haben ja doch Schulden, Wovor kein Prinz sich schämen darf. I. Brückner. Der Kunstgriff. Wollt Ihr zugleich den Kindern der Welt und den Frommen gefallen? Malet die Wollust— nur malet den Teufel dazu. Schiller. Vater und Sohn. V.:„Das war ein reicher Mann, ei, ei! Da muft Tu sein Dein Hütchen ziehen;"— S.:„Wir kommen bei der Münze»och vorbei, Da muß ich wohl gar niederknien?" I. T. Hermes. An einige Unzufriedene. Ihr klagt den Himmel an, daß Nippel Intendant, üiipvs Kammerrath und Rapps Minister worden ist? Undenkcnde, so wißt: Ties ist Bciveis, daß auch in Eurem Land Gott selbst die Raben nicht vergißt. August»azncr. Vom Herrendienst. Als ärmstes Thier Von allen Thieren, die ans Erden kriechen, Seh ich den wahre» Höfling an, Der seinem Herrn leibeigen Sich hingiebt»in geringen Sold; Das thät ein Esel nicht und wür er srei. Bald dort, bald hier Stich, schlage, raube, Brand auch mußt Tu riechen; Nim», Roß und Wagen, Henn' und Hahn, Den Menschen spare nicht! Bezeigen Wird dann sich gnädig Dir und hold Dein Herr sllx so viel edle Schinderei. Steh jetzt vor ihm, jetzt hinterher, Merk auf den ganzen Tag! J't er ein Fürst, so eilts»och mehr, Daß er Dich sehen mag, lind zu Dir sprech ein freundlich Wort, D» nimmst es für des Himinelsfürslen Hort. OSwald v. Wolkenstein. Rechts Händel. Wer da Tanzen lernen will, braucht nicht fort nach Frank- reich laufen, Tiefe Kunst im fremden Land 11:11 das deutsche Geld zu kaiben. Wer da Tanzen lernen will, fange nur z» rechten(deutsch: zu prozessire») an, Dieses giebt so viel zu lausen, daß man endlich tanzen kann. Johann Grob. Klage. Ach, der junge Herr Baron Spielt init seinen Dorfgcmeinen Die verkehrte Passion: Alle leiden hier für Einen. I. Chr. Fr. Haug. Der Glaube. Zu dem Adler sprach die Taube: „Wo das Denken aufhört, da beginnt der Glaube." „Recht!" sprach jener,„mit dem linterschied jedoch: Wo du glaubst, da denk ich noch!" Ludwig Robert. O glücklich, wer noch Vettern hat, Dem glänzet noch ein Morgenroth; Er wird, wenn nicht Geheimerath, Doch etivas noch vor seinem Tod. Wohl thuts dem arn e.i Adam weh, Daß Gott ihm nicht sein Eden ließ, Er hatte keine Vettern je, Sonst säß er noch im Paradies. N ein! Sagten sie einmal nein! wär ihnen und Vielen geHolsen, Aber das Eselgeschrei schreiet zu Allem: I— a. Hoffmann v. Fallersleben. Nachdruck des Inhalts verboten? Alle sür die Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Herrn G. Marasy, Leipzig, Oststraße U, richten. «cranlwortltcher Redakteur: Gustav Aacasy in Leimig.- Verlag: Hamburger Buchdrnckeret und Berlagsanstalt Auer.V Co in Hamb rg. Trink: Mar Bado:,, in Berlin.