Nr. 29 �iiufivixie'lllTr{c>rKa({iciT0isber(a0c. 1897 c�g Die Lieder des Volkes. ÄS- Von John Henry Mackay.' Dcts hilft es, die Wucher der Weisheit zu tefen! Die Lieder des Welkes gilt's zu versteh'»: Was ewig Du fein wirst und was Du gewesen, In ihrem Spiegel wirst Du es feh'n. Sie sind so einfach, wie Wlurnen am Maine, So schlicht, wie des Wogels Gesang im Wald— Welausche ste einmal beim Ganz und beim Weine. Welausche sie achtsam, wie süß das schallt! ' AuS„Wiedrrgebnrt", Verlin,©. Fischer, 1896. Du tauchst in ein Mad und kühlst Deine Glieder, Ks lauscht Dein Ghr, weil es lauschen muß— Das sind Deines Wotkes unsterbliche Lieder, Der Weisheit erster und letzter Schluß!"— So sprach er, wie träumend im ruhlosen Schlafe, Wie wehrend hob er die blutende Kand, Wnd schleppte erwachend— ein ewiger Sklave— In ärmlicher Ireude sein Kettengewand... Auf der Walze. AuS den Papieren eines Fechtbruders. Von F. Nicbcck. (Fortsetzung., Zehntes Knpitet. iroße Wendlingen. ch, daß es so gekoininen ivar!— Wir groll- ten unserem Fechtschnlineister nicht; sein Andenke» stand bei uns in Ehren; wir empfanden eine lebhafte Dankbarkeit für ihn und dachten mit Bedauern an die blutige Schlacht und unseren glorreichen Sieg. Denn dieser Wann war nns ein Netter gewesen aus schlverer Noth; wir waren bei der Unfähigkeit, uns einen Bissen Brot zu verschaffen, vielleicht elend zu Grunde gegangen. Er hatte unseren Hunger gestillt und hatte seines freiivillig übernommenen Schulmeisteramtes so gründlich und gediegen gewaltet, daß ich im Zeitraum einer einzigen Lehrstnnde die schwierige Kunst des „Dalsens" begriffen hatte. Wir brauchten nicht mehr zu hungern; wir verstanden es, von den Bauern unseren Tribut zu fordern. Ich war nun selbst Schulmeister, und Franz bewahrte sich als gelehriger Schüler. Freilich, solches Talent und solche Gewandtheit zur Kunst, wie sie der Lackirer besessen hatte, besaßen wir nicht, und wir waren bescheiden genug, uns einzugestehen, daß wir sie auch niemals erlangen würden; nns aber genügte es schon, daß wir unter- wegs unser Brot fanden. Bier oder fünf Tage lang trieben wir uns in Niederschlesien umher und gelangten auch in die Bezirksstadt Liegnitz, wo wir vergeblich bei mehreren Aieistern um Arbeit anfragten. Daß wir nirgend Arbeit fanden, erfüllte uns mit Besorgniß. Wir glaubten, daß wir schon sehr weit von der Heimath entfernt seien und ernstlich daran denken müßten, unserer Wanderung ein Ziel zu setzen. Noch befanden wir uns in der Heimath- lichen Provinz; vor den angrenzenden Landen hegten wir eine heilige Scheu, da lvir der Bieinung lebten, daß lvir noch nicht reif und tüchtig genug seien, uns so weit fort zu wagen. Nachtquartier suchten wir regelmäßig in großen Dörfern. Waren wir auch keine ivillkommene Gäste, so lvies man nns doch nicht die Thür, soildern ge- währte uns llnterkunft— bald im Pferdestall, bald auf dem Strohboden, zumeist aber in der Schänkstube, Ivo ein Lager von Stroh für uns hergerichtet wurde. Einmal in der Abenddäminernng gingen lvir durch einen stillen Wald. Die Luft war niild und aromatisch, wie am Ende eines sonnenvollen Btai- tages. Und ein Frieden war im Walde— so weich, so hcimathlich traut, so erinnerungfiiß, daß mir todesbang nrn das Herz wurde. Im Sturme jauchzt ein Heimathloses Herz; es schwillt in Thatenlnst und faßt in kühnem Drange den heiligen Entschluß, sein Glück, seinen Frieden zu erkämpfen; doch ivenn die Lüfte schlveigen und die Natur in sanfter Feierabend- stille ruht, dann muß es lvcincn. Fern in den Bänmen flötete ein Vogel. Der Frühling ivar nun wirklich gekommen. Franz bückte sich und pflückte ein Kräntlein vom Boden. Zum ersten Male, daß er den Frühling gewahrte, bis dahin war er, immer nur beherrscht von den Sorgen des Tages und von der düsteren Frage, was die Zukunft bringen iverde, achtlos an ihm vorbei- gegangen. Der Frühling ist ein mächtiger Bezwinger; er überlvältigt mit seiner Zauberkraft auch die trost- losesten Gemüther und zwingt sie in seinen Bann. „Wie Alles schon wächst!" sagte Franz.„Das ist ein Blaubeerstranch. Weißt Du noch, im Herbst, wo wir in den Blaubeeren lvarcn?" „Ja, ich lveiß. Deine Schlvestern waren dabei." „Was mögen sie jetzt machen?" fuhr er fragend fort.„Sie denken gewiß an mich. Wenn ich doch zu Hause wäre!" Das Heimweh ergriff ihn mit solcher Urgewalt, wie nie zuvor; er begann laut zu weinen und klagte mich an, daß ich ihn so weit fortgeführt habe. Der Wald lvar zu Ende und der Weg machte eine plötzliche Biegung; lvir schritten an einem grünen Abhänge dahin. Auf einmal blieben wir überrascht stehen. Unseren Blicken bot sich ein seltsam schöner Anblick dar. Drunten im Thale lag, vom Abend- schein umflossen und umkränzt von dunklen Höhen, ein Städtchen. Aus dem bunten Gewirr der Dächer ragten zwei Thürme empor und hoben sich hellfarbig ab von dem schwarzen Hintergrunde des Bergwaldes. Das Ganze bot einen Anblick dar, der mich an ein Bild erinnerte, das ich einst in meiner Kindheit gesehen und das einen gelvaltigen Eindruck auf mich gemacht hatte. Jenes Bild trat mir dentlich vor die Seele. Eine Nachbarin hatte es als Prämie zu einem Lie- fernngslverke erhalten und einrahmen lassen. Das Bild hieß:„Die Insel der Glückseligkeit." Ich weiß nicht, war es der flieiz des Bildes, oder die märchenhafte Unterschrift, oder beides zusammen, was in der Knabenbrnst so seltsame, phantastisch-schöne Empfiudnngen, so unendliche Sehnsucht wachrief. Oft in einsamen Stunden erschien mir das bunt- prächtige Gemälde vor Angen— die hellen Matten, das dunkle Grün, die üppige Bannnvelt, die in allen Farben schillernden Blnmenhecken, die stillen, blauen Wasser und die weißen Häuschen, die gastlich im Hiutergrnnde schimmerten, und ich bevölkerte diese Insel dann mit glückseligen Männern und wunderschönen Frauen, denen alle Erbärmlichkeiten der sonstigen Welt und hauptsächlich meiner dörflichen Heimath fremd waren. Nein, das ivar ein anderes Bild, da« ich nun mit schnsnchtsfeuchten Angen in bezaubernder Wirk- lichkeit sah; andere Farben und Dinge; anderes Licht, anderer Ton und anderer Rahmen, und doch wirkte es mit seiner lockenden Vertraulichkeit und seiner sanften Heimlvehstiminuiig so überwältigend auf die 226 nach einem unbestimmten Friedensgliick bangende ver- lassene Seele, wie jenes Bild der Jngendtage:„Die Insel der Glückseligkeit." Schweigend stiegen wir den Berg hinab, und immer grüßte das Städtchen zn unseren Fuße» und lockte und lachte so freundlich, als ob es sagen ivollte:„Hier müßt Ihr weilen, und Ihr werdet glücklich sein!" Das erste Gebäude, an dem wir vorbeizogen, war ei» prunkvoll aussehendes Gasthans, das den stolzen Namen„Zum deutschen Kaiser" führte. Dann führte die Straße über einen geränmigen, von Häusern umgebenen sandigen Platz hinweg, der wohl zu Ntarktzivecken dienen mochte, und sie leitete uns in eine lange, gekrümmte Gasse. Auf schmalem, alterthümlich unebenem Bürgersteige gingen wir ent- lang an niederen Wohnstätteii, die mit ihren kleinen, aller Prahlerei baaren Schildtafeln den Eindruck erweckten, als würden in ihnen ganz in Gemächlich- keit und solider Gediegenheit allerlei Kleinindnstrien und Handelsgeschäfte betrieben. Die Bewohner hatten schon Feierabend gemacht; sie lehnten in ihrer sehlichten Werktracht in den Fenstern oder standen mit verschränkten Armen, erzählend, schäkernd und uns neugierig betrachtend, in den Hausthüren; unsere Grüße erwiderten sie mit lauter Stimme. Einige Male aber glaubte ich zu hören, daß sie sich lustig über uns machten und besonders über unsere krnmmgelaufenen Stiefel spotteten. Bon nun an erschien mir ihr Grüßen wie Hohn. Das that mir weh und zerstörte ganz das schöne Phantasiegewebe, das sich in meiner Seele zum Ruhme des von der Natur begnadeten Ortes gebildet hatte. Ich ging fortan mitten ans der Straße, senkte die Augen und wollte nichts mehr sehen— weder die Stadt noch die Menschen. Mir war, als hätte ich eine schivere Enttäuschung erlebt, und als sei mein schönstes Hoffen jäh vernichtet worden. Die ganze Welt erschien mir wieder kalt und rauh und herzlos, und es überkam mich jene Todesbangigkeit, die mich schon wieder- holt beschlichen hatte, wenn ich an meine Armuth und Ilmvissenheit dachte und vor dem Kampfe zitterte, den ich in der Fremde um mein elendes bischen Leben zu führen hatte. Ueber einen großen Marktplatz hinweg kamen wir in ein enges Gäßchen; dort stand an einem kleinen Hanse in großen Buchstaben zu lesen:„Her- berge zur Heimath." Franz fühlte sich von dieser Aufschrift heimath- lich berührt und schlug vor, in der Herberge zu übernachten; mein Widerwille gegen die Stadt aber war so groß geworden, daß ich am liebsten erst im nächsten Dorfe um Nachtquartier angesprochen hätte. Franz klagte aber über arge Müdigkeit, und so willigte ich znuächst ein, daß er hineingehe und sich nach den Preisen erkundige; auf Grund des Ergeb- nisses dieser Anfrage sollte dann ein endgültiger Beschluß gefaßt werden. Während Franz in der Herberge war und ich nach einem zu kurzer Rast geeigneten Plätzchen Um- schau hielt, kam des Weges ein Mann, der in den Händen eine Säge, einen Hobel, einen Hammer und einen Stechbentel trug. Auch ohne diese Attri- bnte hätte ich in ihm den Knnstgenossen erkannt, die schiefen Beine, die ungleichen Schultern und die mit Leim und Holzstaub geblümte Schürze verriethen ihn. Er ivar zweifellos ein Meister, und das flößte mir Respekt und Ehrfurcht ein. Ich zog die Mütze niid grüßte höflich. Er blieb stehen, sah mich prüfend an und fragte: „Tischler?" „Jawohl!" „Woher?" „Kreis Neisse." „Papiere?" „Jawohl! Bitte schön, Herr Meister!" „Haben Sie Lust zu arbeiten?" „Jawohl, große Lust!" „Kommen Sie einmal mit; vielleicht werden wir fertig miteinander." Ich folgte ihm nach der in der Nähe befind- lichen Tischlerwerkstatt. Dort las der Meister mein Gesellenzengniß und erklärte ohne Weiteres:„Wenn Sie wollen, so bleiben Sie hier! Dort ist Ihre Hobelbank, und wenn Sie nicht über Nacht in der Herberge bleiben wollen, können Sie auch hier schlafen. Das Bett steht ans dem Boden." Ich jubelte im Stillen. Nun war ich Arbeits- geselle; nun war ich nicht mehr obdachlos und heimath- los! Im Herzen that ich das heilige Gelöbniß, alle Kraft aufznbieteu, um mich des Vertrauens würdig zu zeigen, das der Herr Meister in mich zu setzen schien. Aber mein armer Freund! Was wird er sagen!... Ich bat den Meister um eine halbe Stunde Urlaub und theilte ihm mit, daß draußen mein Reise- genösse harre. „Für heilte ist Feierabend und Sie können machen, was Sie wollen," entgegnete er.„Aber um neun Uhr müssen Sie hier sein, wenn Sie nicht in der Herberge bleiben wollen." Mit dem Versprechen, pünktlich zur Stelle zu sein, eilte ich von dannen. Franz stand ans der Straße und hielt ängstlich Umschau nach mir. Er machte mir Borwürfe wegen meines Verschwiiidens und nannte mir die Herbergspreise; ich aber unter- brach ihn und erzählte ihm mein Erlebniß. In den ersten Augenblicken war er starr vor Schrecken; doch als ich die Bemerkung machte, daß er nun werde allein wandern müssen, brach er in Thränen ans. Keines meiner Trostworte übte eine Wirkung auf ihn aus; er weinte immer heftiger, erklärte, daß er keinen Schritt weiter gehen könne, da seine Füße ganz wund und vertreten seien und bat zuletzt mit gefalteten Händen, ich solle ihm meine Stelle abtreten und statt seiner allein weiter wandern.„Du kommst fort, aber ich nicht," schloß er. Sein Schmerz ergriff mich so gewaltig, daß ich sogleich einwilligte und ihn einlud, mit zum Bteister zu kommen. Er trocknete rasch die Thränen, mir aber ward nachtdüster zu Mnthe; ich sah alle die Himmel, die mir nach langen Leidenstagen endlich die Pforten anfgethan hatten, in Nichts versinken. Wir trafen den Meister noch in der Werkstatt; ich stellte ihm mit bebender Stimme den Kollegen vor und bat, ihn statt meiner als Gesellen anzn- nehmen. Er antwortete schroff und ablehnend und fragte, ob ich etwa zu faul für Arbeit sei. Wenn dies der Fall sei, dann wolle er mir meine Papiere zurück- geben, und wir könnten unserer Wege gehe». Ich wollte mich gegen einen solchen Vorwurf vertheidigen, aber er schnitt mir das Wort ab und sagte:„Ent- weder Sie bleiben hier, oder Sie gehen! Ich habe Sie angenommen und nicht den Andern." Er drehte uns den Rücken zu und öffnete die Thür znm Nebenzimmer; wir aber zogen uns schnell zurück— Franz voran. Ans der Straße sagte er, daß er bei einem solchen groben Manne nicht arbeiten möchte, und er bat, ich möge mit ihm weiter ziehen. Ich zog ihn nach der Herberge; dort bestellte ich Schnaps, für Jeden eine Suppe und ein Stück Käse. Die warme Suppe verlieh dem unglücklichen Jungen neuen Lebensmnth, und nun war es möglich, ein vernünftiges Wort mit ihm zu reden. Ich sagte ihm, daß das Scheiden doch früher oder später eine bittere Nothwendigkeit sei, und ich versprach ihm fest, mir vom Meister einen Vorschuß zu erbitten und ihm den Betrag als Reisegeld zn geben; ich schenkte ihm auch ein paar lederne Arbeitsschnhe und suchte ihm klar zu inachen, daß er in den Schuhen auch wandern könne. Diese Trostgründe halsen; er redete mir nicht länger zu, ihn zu begleiten, sondern fügte sich mit dumpfer Beklemmung in das Unvermeidliche. Nach dem Abendbrot verabschiedete ich mich und lud ihn ein, den anderen Morgen in die Werkstatt zu kommen. Der Meister, der ein Grobian und ein wort- karger Herr zu sein schien, führte mich in eine ge- räumige Bodenkammer, in der ein Bett stand, und übergab mir die Lagerstatt mit den Worten:„Ich hoffe, daß Sie kein solcher Sauigel sind, wie der Vorige; der hat mir das Bett ganz verpestet. Gute Nacht!" Zum ersten Male seit vielen Tagen lag ich in einem Federbett. Gleichviel, ob es verpestet war— ich machte mir darüber keine Gedanken! In wohligem Behagen streckte ich die Glieder unter der warmen Decke, dachte an meine liebe Mutter und vergegenwärtigte mir im Geiste, wie sie sich freuen und wie sie erstaunt sein werde, wenn ein Brief ihr die Kunde bringt, daß ich so weit— so weit in der Welt sei und Arbeit gefunden habe. Ich sah sie mit dem Briefe zu den Nachbarslenten eilen; ich sah, wie der kluge Schuster, in dessen Hanse sie wohnt, die Land- karte hervorsnchte, um die geographische Lage der Stadt, in der ich weilte, festzustellen; ich ließ alle meine Wandererlebnisse an der Seele vorüberziehen, wunderte mich fast, daß ich der Held aller der seit- sarnen Begebenheiten und Abenteuer war, und kam mir als was Rechtes vor— als ein Bnrsch, der in die Welt paßt. Dann faßte ich wieder die schönsten Entschlüsse für die kommenden Tage und für alle Zu- kunft, betete dazwischen in der frommen, inbrnnstigen Weise, wie ich es stets als guter Christ gethan hatte, und glitt langsam und unmerklich hinüber ins stille Tranmland._ Mftcs Kerpitsk. Der Meister. „Heda, soll ich Ihnen etwa das Frühstück ans Bett bringen?" Mit einem Satze war ich ans den Federn heraus, und im Nu steckte ich in den Kleidern.„Ich komme schon, Herr Nteister!" „Ich wills auch hoffen. Bei mir ists nicht Mode, daß ich die Gesellen wecke. Um fünf Uhr früh gehts los." Wie ich mich ärgerte, daß ich verschlafen hatte! Was sollte der Meister von mir denken! Er mußte ja schon von vornherein eine schlechte Meinung von mir bekommen! Ich trat an die Hobelbank. Der Meister machte ein paar Kommoden ans Fichtenholz, und ich mußte ihm behülflich sein. Mit Feuereifer stürzte ich mich in die Arbeit; ich war entschlossen, mir mein Brot redlich zu verdienen. Um sechs Uhr erfolgte die Einladung zum Früh- stück. Der Meister hatte den Kaffee selbst gebraut, und zwar auf einem eisernen Oefchen, das in der Werkstatt stand. Zu meinem Unbehagen wurde der Kaffee bitter getrunken. Ich ivar gewohnt, ihn süß zu trinken, und hatte von jeher eine Abneigung gegen bitteren Kaffee besessen. Wir aßen trockenes Schwarz- brot dazu. Bei der Frühstückstafel wurden wir gestört durch eine Frau, die laut schluchzend in die Werkstatt trat und einen Sarg bestellte. Der Bedanernswerthen war in der Nacht der Mann gestorben. Der Meister begleitete die Frau, um au der Leiche das Btaß für den Sarg zu nehmen. Als er nach einer Weile zurückkehrte, gab er mir den Auftrag, den Sarg zu verfertigen. Ich bekam einen Schreck, den» ich wußte mir keinen Rath, da ich nie eine solche Arbeit ver- richtet hatte. Als ich dies dem Meister zagend ein- gestand, schimpfte er ans meinen Lehrmeister und meinte, Sarg und Wiege seien zwei Dinge, ans die jeder Tischler„eingefuchst" sein müsse, sonst habe er nicht das Recht, sich Tischler zu nennen. Er begreife nicht, wie man einen Menschen zum Tischler- gesellen machen könne, der nicht im Stande sei, einen Sarg zu bauen. Ich sagte ihm, daß in der Werk- statt meines Lehrmeisters nie ein Sarg gemacht worden sei, da dort die Leute die Gewohnheit hätten, ihren Bedarf an Särgen aus den Sargmagazinen zu decken, allein er wich von seiner Meinung nicht ab. Wir machten uns nun daran, gemeinschaftlich das letzte Wohnhaus für den Heimgegangenen Erden- Pilger zu bauen. Im Laufe des Vormittags kam Franz, um Ab- schied zu nehmen. Zag und furchtsam blieb er an der Thür stehen, jeden Augenblick bereit, zu retiriren, falls etwa der Meister grob werden sollte. Aber der Meister begnügte sich damit, ihm keine Brach- tnng zu schenken. Ich bat den Gestrengen um einen Vorschuß von einer Mark, und zu meiner Verwun- dernng gab er mir das Geld, ohne dabei ein Wort zu verlieren. Ich drückte das Markstück dein Freunde in die Hand, worauf er sich, ohne ein Abschiedswort zu Die Neue A)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 227 sagen, entfernte. Die Sprache seiner thränen- feuchten Augen war viel inhaltrcicher, als alle Worte es hätten sein können. Langsam schloß er die Thür und sah mich dabei so starr und bittend an, daß mir der Blick wie ein scharfes Messer in die Seele schnitt. Als ich die Thür noch ein wenig offen hielt und ihm zum letzten Male die Hand drückte, liefen heiße Thränen über seine mageren Wangen und sein ganzer Körper zitterte krampfhaft. „Leb wohl! Schreibe bald! Und wenn Du in Roth bist...« Der Meister hustete; wir erschraken Beide; die Thür klappte zu— und ich hatte keinen Kameraden mehr. Die Stadt hieß Thalungen; wenigstens soll sie hier diesen Namen führen. Der Meister, zu dem mich das Schicksal ver- schlagen hatte, war ein Junggeselle, etwa fünfnnd- vierzig bis fünfzig Jahre alt, und von grämlicher Natur. Er gehörte zu den merkwürdigen Leuten, die nicht lachen können und denen es schiver fällt, ein freundliches Wort zu reden. Schon in den ersten Tagen merkte ich, daß er kein großer Freund vom vielen Arbeiten war, doch bezog sich diese Charakter- eigenschaft lediglich auf seine eigene werthgeschätztc Person. Bon mir verlangte er den allergrößten Fleiß, und er hatte die entsetzliche Gewohnheit, mich fortwährend durch Zurufe anzufeuern. Sein Lieb- lingsausruf war:„Schlafen Sie nicht ein!" und ich bekam diese drastische Ermahnung auch dann zu hören, wenn ich mit dem Aufgebote aller Kräfte und mit voller Hingabe an die Arbeit thätig war. Zur Abwechselung sagte er dann und wann auch: „Fangen Sie keine Gedankenmücken!" oder„Werden Sie mir nicht starr!" oder er fragte höhnisch:„Soll ich Leinöl bringen?" Dieser gcheiinnißvollen Frage gab ich die Deutung, daß mein Quälgeist dabei an das Einschmieren meiner Glieder dachte, um sie gc- lenkiger zu machen. Ungefähr ein dutzendmal des Tages begann er plötzlich mit geradezu wahnwitziger Eile zu arbeiten; der Hobel flog dann mit einer Schnelligkeit und Kraft über das Holz, daß ich glaubte, er müsse Feuer fangen; die Säge ächzte und kreischte vor Schreck, und die ganze Hobelbank gcrieth in tanzende Bewegung. Dabei verwimschte er die„verdammte faule Schlenderci"— was natiir- lich mir galt— und sah mich forschend an, ob ich das großartige Beispiel des Fleißes und der Reg- sanikeit richtig nachahme. Gclvöhnlich eine Minute oder zwei hielt ers ans; dann überwältigte ihn die angeborene Trägheit und er stürzte zum Ofen oder in sein Wohnstübche», als sei ihm plötzlich ein- gefallen, daß er dort wunderwichtige Dinge zu ver- r ichten habe; in Wirklichkeit suchte er nur mit An- stand von der Hobelbank fortzukommen. Weilte er in seinem an der Werkstatt angrenzenden Stübchen, so pflegte er ganz unhörbar die zu solchem Zwecke sorg- fältig eingeölte Thür zu öffnen, in der Hoffnung, mich beim Müsstggange zu überraschen; desgleichen kam er, wenn er von einem Ausgange heimkehrte, ganz leise und behutsam angeschlichen, so daß ich ihn nicht hören sollte, und er riß dann jäh die Thür auf. Zivar gelang es ihni nicht, mich beim Miissiggaiig zu ertappen, da ich ans eigenem Antriebe unermüdlich arbeitete, allein er nwchte sich mit dem Gedanken trösten, daß ich infolge seines lManövers gezwungen sei, stets vor ihm auf der Hut und somit bei der Arbeit zu sein. Zum Ueberfluß prüfte er jedesmal nach seiner Heimkehr genau, was ich in seiner Ab- Wesenheit geleistet hatte, und jedesmal mußte ich den Vorwurf hören, daß ich faul gewesen sei. In den ersten Tagen erschien mir dieser Zustand so nner- träglich, daß ich bereits ernstlich den Gedanken erwog, wieder zum Wanderstabe zu greifen; allmälig aber gewöhnte ich mich daran, ivie ich mich auch an den bitteren Kaffee gewöhnte. Ich halte geglaubt, in Thalungen sei die schöne Sitte, den Trank der Levante durch Zucker zu ver- süßen, unbekannt; allein ich sollte angenehm über- rascht werden. Am Tage des Herrn nämlich, an dem die Christenheit von jeher schwelgerischer lebt, als an Wochentagen, legte der Meister neben jede Kaffeetasse ein Stückchen Zucker von der Größe einer normalen Haselnuß. Am ersten Sonntage warf ich in meiner Unvernunft die süße Gabe in den Kaffee, der dadurch natürlich von seiner Bitternis! nicht viel verlor; an allen darauf folgenden Sonntagen jedoch verwerthete ich sie nach dem Beispiel des Meisters, der sie in den Mund steckte, zwischen Unterlippe und Unterkiefer klemmte und dadurch die großartige Wir- kung erzielte, daß ihm auf billige Art das ganze Frühstück versüßt wurde. cs-rtsevung folgt.) Der Von P. M. Grcmpe. nter den mannigfachen gigantischen Bauwerken, den gewaltigen Leistungen menschlichen Geistes und andauernder Arbeit des neunzehnten Jahr- Hunderts nimmt unzweifelhaft die Herstellung des Snezkanals mit die erste Stelle ein. Der Gedanke, durch eine Verbindung des Rothen Meeres mit dem Mittelmeer eine Verkehrsstraße von eminenter Be- deutung zu schaffen, ist zwar uralt, aber es ist das unsterbliche Verdienst der Kinder unserer Tage ge- wesen, ihn in einer bis dahin kaum für möglich gehaltenen, großartigen Art und Weise zur Aus- führung gebracht zu haben. Die Lösung dieses Problems, das Jahrtausende die Menschheit beschäftigte, wurde nach den Berichten von Strabo und Plinins zuerst von Ramses II, der von 1394— 1328 v. Chr. lebte, versucht, indem er einen Arm des Nils zum Rothen Meere verlängern ließ. Zu dieser Arbeit wurden die Inden in großer Zahl verpflichtet, ebenso zur Erbauung zweier Städte, Pilhem und Ramses, an den Ufern des Kanals. Die infolge solcher Frohnarbeiten entstehende Unzn- fricdenheit gab den Juden Veranlassung zu großen Allswanderungen. Es läßt sich aus den spärlichen Berichten nicht feststellen, ob der König Ramses durch diesen Kanal npr einen Abzug für die Ueberschlvem- mungen des Nils oder eine Bewässerungsanlage be- zweckte; möglich auch, daß hauptsächlich militärische Zivecke, wie der Transport von Truppen und Pro- viant, in Betracht kamen. Die Vermulhnng, König Ramses III. hätte diesen Kanal zu einem großen Verkehrsweg für seine vielhundert auf dem Rothen Meere schwimmenden Kriegsschiffe erweitert, ist bis heute als unerwiesen zu betrachten. Necho II.(009— 595 v. Ehr.) soll nach Herodot den Bau des Kanals abermals begonnen haben; eine Arbeit, bei der angeblich 12()0(X) Egypter das Leben einbüßten. Dem König Darius Hhstaspcs, der hundert Jahre später lebte, wird dann die end- liche Vollendung des Werkes zugeschrieben. Aller- dings bestreiten dieses Strabo und Diodorus Siculus, die anführen, Darius sei durch die Prophezeiung einer Ueberschweuininng des Landes durch das Rothe Rtcer vor der Vollendung des Kanals gelvarnt und zurückgehalten worden. Nach Plinins soll nun Ptole- mäus II. Philadelphus(285—247 v. Chr.) diesen Schifffahrtslveg in einer Länge von 97 Kilometern erneuert, vollendet und mit Schleusen verschen haben. Aehnlich sagt Herodot, man habe eine Fahrt von vier Tagen gebraucht, und die Breite des Kanals habe zwei Dreirudern die Fahrt nebeneinander ge- stattet. Durch archäologische Untersuchungen hat man nun festgestellt, daß die Breite eines solchen Fahrzeuges in der Wasserlinie etiva 4,5 Meter be- trug. Mithin scheint Strabos Angabe, der Kanal sei 100 Ellen breit gewesen, ebenso glaubhaft wie die, daß die Tiefe selbst großen Lastschiffen die Passage gestattet habe. Als aber im Jahre 3 1 v. Chr. Kleopatra nach der Schlacht von Actinm ihre Schätze ans Schiffen durch den Kanal in das Rothe Meer bergen wollte, war er schon so verfallen, daß einige der Fahrzeuge in ihm stecken blieben. Der Kaiser Trojan oder Hadrian, lvie auch der Araber Amru, ein Eroberer Egyptens, ließen ihn um 640 n. Chr. bedeutend verbessern. Jedoch im Jahre 767 wurde auf Befehl des Kalifen Almansor, militärischer und handelspolitischer Interessen wegen, die Znschüttnng des Kanals vorgenommen. Damit war aber den auf der Landenge liegenden Bitterseen die Zufuhr frischen Wassers abgeschnitten. Nach und nach lagerte sich infolge der Verdunstung das Salz dieses See- Wassers in einer Stärke von 5 bis 6 Metern ab, und nahm endlich bei einer Breite von 5,5 Kilo- metern eine Ausdehnung von 1 1 Kilometern an. Ver- geblich planten mehrere türkische Sultane einen Neu- bau des Kanals: ebenso kam das Projekt des kühnen Mamelukenanführers Ali-Bei, das Rothe Meer mit dem Mittelmeer durch eine direkte Fahrstraße ohne Benutzung des Nils zu verbinden, nicht zur Aus- fihrung. Der Scharsblick Napoleons I. erkannte sofort die großen Vortheile des Suezkanals. Auf sein Be- treiben wurde 1798 eine Expedition unter Leitung des Ingenieurs Lep' re zur Erforschung des Terrains ausgerüstet. Aber Widerwärtigkeiten aller Art stellten sich dieser Expedition in ihrer dreijährigen Thätigkeit entgegen. So bot die Beschaffung von Trinkwasser und Lebensmitteln bei dem Mangel geeigneter Trans- portgelegenhciten große Schwierigkeiten, und nicht weniger als sechs Rtal mußte Lep're mit seinen Kollegen infolge mangelnden Trinkwassers oder feind- licher Bedrohungen die Flucht ergreifen. Daher ist es denn leicht erkärlich, daß das Ergebniß ihres Nivellements, welches eine Länge von 193 Kilo- metern umfaßte und einen mittleren Niveauunter- schied von 9,908 Metern feststellte, ein falsches war. Aber damals schon erhoben gegen die Richtigkeit dieses Resultats Männer wie Laplace und Fourier Protest. Die später unter Mchemed-Ali von Metternich vcranlaßte internationale Kommission zur Aufnahme eines neuen Nivellements stellt denn auch eine fast gleiche Höhe der beiden Meeresspiegel fest. Die Nichtigkeit dieses Nivellements wurde durch sieben weitere Expeditionen, die sich bis in das Jahr 1856 hinziehen, bestätigt. Als 1831 der französische Ingenieur Lesseps in Alexandria in Ouarantaine lag, hatte er zufällig die Mittheilungen seines Landsmannes Lep're über den Plan eines Suezkanals in die Hände bekommen und sich schon dainals für die Idee interessirt. Aber erst 1354 erhält er durch die Aufforderung des Vizekönigs Mohanied-Said von Epypten zur Ein- reichnng eines Projekts Gelegenheit, den ersten Schritt zur Ausführung zu unternehmen. Vom Dezember 1854 bis zum Januar 1855 leitet Lesseps in Begleitung der beiden Ingenieure Mongol-Bei und Linant-Bei eine Expedition, die zur Besichtignng und Erforschung des Terrains eine Strecke von 217 Kilonietern zurücklegt. Nachdem die zwei egyptischen Ingenieure im März ihre Vorstudien beendet, unterbreiteten sie ihr Projekt einer mittleriveile aus den bedeutendsten Fachmännern fast aller Nationen gebildeten internationalen Kommission. Diese sandte noch im November desselben Jahres fünf ihrer Mitglieder nach der Landenge von Suez, zur Prüfung des Projekts an Ort und Stelle. Hier wurde zunächst durch Bohrungen, die überall ans einer bestimmten Tiefe Seemuscheln z» Tage för- derten, welche noch heute sowohl im Rothen Meer als auch im Mittelnieer vorkommen, der vorhistorische Zusammenhang der beiden Meere nachgewieseii. Dadurch aber, daß diese Konimission nicht nur die voll- ständig gut erhaltenen Spuren der letzten Expedition unter Lesseps, sondern anch die Lagerstätten einer französischen und österreichischen Brigade vom Jahre 1847 auffand, konnte sie die Unrichtigkeit einer weit- verbreiteten Ansicht»achweisen, welche ein häufiges Vorkommen großer Sandverivehungen auf der Land- enge von Suez annahm. Gestützt auf diese Ansicht wurde damals be- hauptet, der Kanal sei, vorausgesetzt, daß es überhaupt gelänge, ihn fertig zu stellen, immer von der Gefahr allmäliger Versandung bedroht, und die Kosten einer entsprechenden dauernden Ausbaggernng würden zu groß sein, als daß er sich rentireu könnte. Ein weit verbreiteter Jrrthum war auch der, daß der Boden dnrchiveg aus Gestein bestehen lvürde. Da nun der Bohrer Thonarten von Suez bis zu den Bitterseeu und von diesen bis zu der Bucht von Pelusien Sand zu Tage förderte, konnte sich diese Meinung nicht mehr halten. Vielen Vornrtheilen 228 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. wurde durch solche Feststellungen der Boden entzogen und damit dem Unternehmen manches Hinderniß aus dem Wege geräumt. Die internationale Kommission nahm darauf im Großen und Ganzen das Projekt der Ingenieure Btongol-Bei und Linant-Bei an. Jedoch wurde die vorgeschlagene Tiefe von 6,5 Meter auf 8 Bieter und die zwischen 60 bis 100 Meter schwankende Breite des Kanals auf durchweg 80 Meter fest- gesetzt; außerdem verwarf man die in Aussicht ge- uommenen Schleusen bei Suez und Pelusien. Die Richtung des von Suez ausgehenden und bei Pelusien mündenden Kanals änderte man insofern, als die Mündung iveiter ivestlich nach Port-Said verlegt ivurde. Dadurch konnten die Bitterseen, der Timsah- see und, nach Durchschuciduug des Plateaus von El-Guisr, auch der Ballahsce benutzt werden. Er- wähnt mag hier noch werden, daß der Oesterreicher Regrelli schon 1847 eine fast gleichartige Lösung des Problems vorgeschlagen hatte. Dagegen hätte die Ausführung des Kanals nach einem Projekt des Franzosen P. Talabot dem natürlichen Bewässerungs- systein des Nils bedeutenden Schaden zugefügt. Der Kanal des Letzteren würde außerdem eine Länge von 400 Kilometern gebraucht haben, wohingegen diese durch den zur Ausführung gekommenen Plan auf 161 Kilometer rednzirt worden ist. Nach dem Voranschlag waren 74 Millionen Kubikmeter, bei einem Kostcnaufivand von 180 Millionen Francs und einer Arbeitsdauer von sechs Jahren, zu be- wältigen. Die internationale Kommission erhöhte die Anzahl der Kubikmeter auf 96 Millionen und schätzte die Kosten auf 225 Millionen Francs. Am 5. Januar 1856 erhielt Lesseps vom Vize- könig von Egypten eine vom Tage der Eröffnung des Kanals auf 99 Jahre gültige Konzession; außerdem verpflichtete sich dieser zur unentgeltlichen Ileberlassnng des nothwendigen, nicht im Privatbesitz befindlichen Grund und Bodens. Dafür soll der Kanal nach Ablauf der Zeit, gegen eine Ent- schädignng für das Betriebsmaterial:c., in den Besitz der egyptischen Regierung übergehen. Von den seitens der inzwischen gegründeten Gesellschaft für den Bau des Suezkanals zunächst ausgegebenen 400000 Aktien von je 500 Francs übernahm der Vizekönig einen großen Theil und verpflichtete sich endlich noch zur Stellung von 20 000 Fellaharbeitern. Lesseps entwickelte eine großartige Thätigkeit durch Uebernahme der Organisation sämmtlicher zur Ausführung des Unternehmens nothwendigen Institutionen. Schon am 25. April 1859 hatte er alle Vorbereitungen soweit erledigt, daß bei Port- Said mit dem ersten Spatenstich der Beginn dieser giganlischen Arbeit eingeleitet werden konnte. Die Schivierigkeiten der Ausführung waren um so größer, als nicht nur die Kohlen, alles Material und Werk- zeng, sondern auch sämmtliche maschinellen Vorrichtungen ans Europa bezogen werden mußten. Aber auch außergewöhnliche Unglücksfälle erschlverten das Unlernehmen. So scheiterte z. B. ein von Mar- seille kommendes Schiff, das dringend gebrauchte Maschinen bringen sollte. Die Bauverivaltung hatte die schwierige Aufgabe, dafür zu sorgen, daß die Arbeiter in der Wüste mit Nahrungs- und Gennßmitteln, sowie Gebrauchsgegcn- ständen jeder Art versorgt wurden. Sie beschäftigte im Jahre 1862 allein mit dem Transport des »öthigen Trinkwassers täglich 1600 Kameele. Da dieses einen Kostenauftvaiid von 8000 Frmus pro Tag bedeutete, so ivurde versucht, durch große De- stillirmaschincn das Wasser des Menzalchsces trink- bar zu machen. Doch fielen die Versuche ziemlich erfolglos ans, da dieses Wasser nur ungern ge- trunken ivurde. Infolge vielen Regens wurden die den Arbeitern als Wohnung zur Verfügung gestellten Zelte undicht, und man sah sich genöthigt, sie durch Holzbarackcn zu ersetzen. Tic zur Ausgabe der mannigfachen Gebrauchsgegenstände längs des Kanals errichteten Stationen vergrößerten sich durch die Nieder- lassung von Handwerkern und Kanfleuteu zu be- deutenden Städten. Durch den Verkehr von dreißig Schiffen zwischen Marseille und Alexandrien war eine regelmäßige Post eingerichtet, tvelche ihre Er- gänzung für eilige Nachrichten in einer 300 Kilo- meter langen Telegraphenliuie fand. Die Gesellschaft zur Erbauung des Suezkanals hatte auch noch die Verpflichtung übernommen, einen Süßwasserkanal von Suez nach Jsmailia bis zum 29. Dezember 1863 herzustellen. Um diesen Termin einhalten zu können, arbeiteten in der letzten Zeit 15 000 Menschen daran. Bis dahin hatten in Suez drei Eimer Trinktvasser etwa 100 Francs gekostet; nun, da dieses wichtige Lebenselement in genügenden Mengen vorhanden war, stieg die Einwohnerzahl in kurzer Zeit von 3000 auf 12000 Seelen. Wird durch das Zusammenströmen so vieler Mensche»— es wurden im Ganzen 25 000 Arbeiter be- schäftigt— in der heißen Zone schon an und für sich das Ausbrechen epidemischer Krankheiten begünstigt, so nahm es kein Wunder, daß die Cholera im Sonnner des Jahres 1865 auch hier zahlreiche Opfer forderte. Da die egyptische Regierung die gestellten Fellah- arbeiter mittlertveile zurückgezogen hatte, so wurden zu der Zeit etwa 8000 Europäer beschäftigt, von denen der größte Theil aus Furcht vor der gefähr- lichen Krankheit flüchtete. Dieser Zwischenfall traf das Unternehmen um so unangenehmer, als schon der 15. August desselben Jahres als Eröffnungs- termin für den Theil des Kanals von Port-Said bis Jsmailia bestimmt war. Alles wurde aufge- boten, so daß es gelang, die Strecke am festgesetzten Tage zu eröffnen. Ein von Port-Said kommender Kohlentransport fuhr, nachdem er den Timsahsee passirt, mit Benutzung des Süßwasserkanals nach Suez. Damit war die erste Verbindung beider Meere hergestellt. Die erwähnte Zurückziehung der Fellaharbeiter nöthigte die Gesellschaft, durch größere Verwendung von Maschinen den Verlust dieser menschlichen Ar- beitskräfte auszugleichen. Verschiedene Verbesserungen der Bagger erhöhten deren Leistungsfähigkeit so be- deutend, daß jeder der 60 Riesenbagger täglich 1 200 bis 1500 Kilometer ausheben konnte. Im Jahre 1868 wurde durch die Maschinen, unter welchen sich 15 LokomoUven, 60 Lokomobilen, 109 Dampfer, 18 Elevatoren zc. befanden, eine Arbeit von 22000 Pferdekräften geleistet. Am I. Juni dieses Jahres waren erst rund 42 Millionen Kubikmeter bewältigt. Bei Anstrengung aller Kräfte und Nachtarbeit der Bagger gelang es, in den letzten 18 Monaten 32 Ntillionen Kubikmeter zu fördern. Der Vor- anschlag von 96 Millionen Kubikmetern wurde von den wirklich ausgehobenen 74112130 Kubikmetern nicht erreicht, trotzdem aber war die veranschlagte Arbeitsdauer von sechs Jahren bedeutend zu niedrig geschätzt. Die Kosten des Kanals stellten sich auf 427 Millionen Francs. Im März 1869 war man endlich mit den Ar- beiten so weit, daß man mit der Anfüllnng der Bitterseen beginnen konnte. Um eine Zerstörnng der Dämme zu verhüten, waren für die zuerst ans dem Mittclineer als auch später ans dem Rothen Meer einströmenden Wassermassen Regnlirvorrichtungen geschaffen. Dadurch war es ohne Be- schädignngen möglich, in dieses Riesenbassin von drei Ouadratmeilen Flächenausdehnung und 1500 Btillionen Kubikmeter Inhalt im Laufe von fünf Monaten täglich 4—5 Millionen Kubikmeter Wasser zu lassen. Zur Beleuchtung des Kanals wurden in den Bitterseen zwei zwanzig Bieter hohe Leuchtthürme und an vier anderen wichtigen Stationen solche von 48 Meter Höhe aufgestellt. Als am 16. November 1869 die feierliche Er- öffnung des Suezkanals stattfand, trafen sich hier zu der Einweihung dieses gewaltigen Werkes fricd- licher Kultur die Vertreter fast aller Nationen. Heute ist man sich darin einig, daß der Kanal alle berechtigten Erwartungen voll und ganz erfüllt hat. Seitdem elektrische Belenchtnng für die Nacht eingeführt ist, hat sich die Dnrchfahrtsdaner stetig vermindert, so daß sie im letzten Jahre durchschnittlich 16 Stnnden 18 Minuten betrug, 23 Minuten we- niger als im Jahre 1894. Die ganz bedeutende Zeitersparniß ist auch die Ursache, daß die Zahl der Schiffe, die diesen wichtigen Verkehrsweg trotz der hohen Benutzungsgebühren benutzen, im Laufe der Jahre ununterbrochen gestiegen ist. Im Jahre 1895 passirten den Kanal 3434 Schiffe— darunter 314 deutsche— mit 216 938 Passagieren. Die Ein- nahmen betrugen 78 426 000 Francs, 4 299 000 mehr als im vorhergehenden Jahre. Nach Abzug aller Unkosten ic. verblieb ein Reingewinn von 3 172 000 Francs, was für die glücklichen Besitzer der Aktien im Pariwerthe von 500 Francs eine Dividende von 92,5 Francs bedeutet. Qu fpaf. Aus dem Französischen. Von Karpin. f s giebt Erinnerungen, die im höchsten Grade fatal sind, und die wir doch beim besten Willen nicht los werden können. Unan- genehme Situationen, die wir durchgemacht haben, eine gesellschaftliche Taktlosigkeit, die wir uns haben zu Schulden kommen lassen, treten plötzlich wieder vor unsere Seele und zwingen uns die Schamröthe ins Gesicht. Ein Unrecht, das wir begangen haben, taucht nach Jahren wieder in unserem Gedächtnisse auf; noch peinlicher aber wirkt bisweilen die Er- innerung an eine aus irgend einer Laune unter- lassene Wohlthat, namentlich, wenn wir uns bewußt sind, durch diese Unterlassungssünde den Untergang eines Menschen herbeigeführt oder wenigstens be- schleunigt zu haben.„O hilf, so lang du helfen kannst," tönt mir jetzt fortwährend in den Ohren, seitdem ich einen Unglücklichen, der sich an mich als letzten Rettungsanker angeklammert hatte, in einem Gefühle des Atißbehagens von mir gestoßen und in den Tod getrieben habe. Drei Jahre sind nunniehr seit jenem verhängnißvollen Abend verstrichen. Fast täglich erinnere ich mich daran, und lebhafter wie je stehen heute alle Einzelheiten unserer ersten und letzten Unterredung vor meinem geistigen Auge. Ich hielt mich zur Zeit, nachdeni ich verschiedene andere europäische Hauptstädte besucht hatte, zu meinem Vergnügen in Berlin auf. Eines Abends begab ich mich nach dem in der Kaisergallerie-Passage gelegenen Cafö, woselbst meine vorübergehend in der deutschen Reichshauptstadt sich aufhaltenden Landsleute mit Vorliebe zu verkehren pflegen. Ich traf jedoch keinen Bekannten und da die Betrachtung der aus dem gegenüberliegenden Wachsfigurenkabinet aus- und ein- strömenden und vor dem Schaufeustcr sich stauenden Menschenmenge mich allmälig zu langweilen begann, vertiefte ich mich in die Lektüre einer französischen Zeitung— wenn ich nicht irre, war es daS„Journal des döbats". Besonders fesselte mich ein die Privat- wohlthätigkeit behandelnder Artikel, worin vor Be- trllgern, die sich in der Fremde unter der Larve von nothleidcnden Landsleuten an uns herandrängen und das gespendete Almosen zu wüsten Orgien ver- wenden, in eindringlichster Weise gewarnt wurde. „Die wahrhaft Armen"— so lautete das Resüulö der Abhandlung—„sind viel zu peinlich auf die Wahrung ihrer Würde bedacht, um die Hand nach einem Almosen auszustrecken." Das Cafe hatte sich mittlerweile geleert. Ich zog meine llhr heraus; sie zeigte auf Mitternacht. Ich bezahlte meine„Schale Haut" und war im Be- griffe, mich zu entfernen, als das Benehmen eines jungen Mannes mir auffiel. Offenbar hatte er die Absicht, sich mir zu nähern, sah mir auch zu wieder- holten Malen scharf ins Gesicht, als ob er sich erst vergewissern wolle, einen alten Bekannten in mir wiedergefunden zu haben, redete mich aber nicht an. Kaum hatte ich niich jedoch erhoben und war in die hell erleuchtete Friedrichstraße eingebogen, als ich plötzlich dicht hinter mir Jemanden die Marseillaise pfeifen hörte. Ich wandte mich um; mir auf dem Fuße folgte der Unbekannte ans dem Caf?. Aergcr- lich über diese Aufdringlichkeit, beschleunigte ich meine Schritte, Jener jedoch ebenfalls. An dem durch das elektrische Glühlicht wie in ein Flammenmeer ge- tauchten Kreuzungspunkte der Leipzigerstraße holte er mich ein und, indem er mit ausgesuchter Höflich- keit seinen Hut lüftete, redete er mich im reinsten Französisch an:„Ich bitte tausend Mal um Entschuldigung, Sie sind doch aus Sedan, mein Herr?" JVttfiöOtXO. Nach etilem Gemälde von E. Tescheudorf. 230 Die Neue Welt. Illustrirte Ilnterhalwngsbeilage. „Sie täuschen sich, mein Herr!" lautete meine ebenso kurze wie barsche Antwort. „Ach, verzeihen Sie, aber Sie sehen einem Herrn aus meiner Heimath so ähnlich." Anstatt sich nun zu entfernen, begann er, mir von Berlin, seinen Einwohnern, Theatern, Kon- zerten usw. zn erzählen. Er sprach recht fließend und gewandt, ohne jegliche Befangenheit. Ich muß offen gestehen, daß seine elegante und witzige Rede- lveise mich für ihn einnahm. Ich lauschte mit Ver- gnügen den Lauten meiner Muttersprache. Ich ge- ricth in eine recht behagliche Stimmung, während wir so die Potsdamer Straße' entlang schlenderten; es wurde mir ganz warm ums Herz. Da plötzlich erfaßte mich ein Bedenken; der un- angenehme Zeilungsartikel kam mir wieder in den Sinn. Ich beschloß, auf meiner Hut zu sein und mich nicht von dem ersten besten Unbekannten über- lölpcln zu lassen. Der Abenteurer, der mich auf so unverfrorene Weise angeredet hatte, sollte sehen, daß er nicht gerade auf einen besonders leichtgläubigen Landsmann gestoßen sei. Derartige Gedanken durch- kreuzten mein Gehirn. Ich hörte nur noch flüchtig zu. Zu seinem Unglück machte mir der Fremde gerade in diesem Augenblick das Anerbieten, mir als Eicerone bei der Besichtigung von Museen, Schlössern usw., sowie überhaupt als Begleiter bei meinen Streifzügen in die Umgegend zu dienen. Mit schüchterner Stimnie fügte er hinzu:„Ich bitte Sie dringend, gehen Sie auf meinen Borschlag ein. Ich will ja nur für einige Tage zu essen haben, Geld verlange ich garnicht für meine Bemühungen." Ich beobachtete ihn genauer. Die Blässe seines Gesichtes befremdete mich, indeß redete ich mir in meinem Mißtrauen ein, sein augenblicklich so leiden- des Aussehen rühre von einem Reflex des Gas- lichtes her. „Ich brauche keinen Reisebegleiter!" antwortete ich kurz und bündig. Er schwieg einen Augenblick; dann fing er ivieder mit von Thräuen erstickter Stimnie an:„Meine Eltern sind arm. Jeden Btonat schicken sie mir zivanzig Francs zu meinem Unterhalte. Mehr können sie mir nicht schicken. Ich bin der Aelteste von zehn Geschwistern. Diesen Monat habe ich noch nichts erhalten." „Weshalb arbeiten Sie nicht?" fragte ich ihn. „Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe, aber es will mir beim besten Willen nicht gelingen. Privat- stunden zu erlangen. Es giebt zu viel Franzosen hier, die davon leben. Wenn ich nur die Reise- kosten hätte, würde ich mit Freuden in meine Heimath zurückkehren. Vielleicht würden Sie die Güte haben—" „Aha," dachte ich,„auch so ein augenblicklich in Berlegenheit befindliches Individuum, das nur darauf lauert, mitleidige Menschen hineinzulegen. Da soll er gerade an den Richtigen gekommen sein." Da ich nicht antwortete, fuhr er voller Ver- zweiflung fort:„Borgen Sie mir doch nur einige Groschen, damit ich nicht im Freien übernachten brauche und morgen früh meinen Hunger stillen kann. Seit drei Tagen habe ich keinen Bissen im Munde gehabt. Bei meiner Ehre"— bei dieser Gelegenheit nannte er mir seinen Namen, Jacques Baudin—„verspreche ich Ihnen—" Ich wollte nichts weiter hören und mit Riesen- schritten entzog ich mich der Gesellschaft dieses lästigen Menschen. Er rannte mir spornstreichs nach, strauchelte, wie wenn seine Beine ihn nicht hätten weiter tragen können, und lehnte sich an einen Gaskandclaber. Ich hatte mich umgedreht. Einen Äugenblick übermannte mich das Mitleid, aber der verdammte Zeitungsartikel hatte es mir angethan. Ich machte schleunigst Kehrt und begab mich nach Hanse. Ich schlief diese Nacht nicht besonders gut; das todtblasse, traurige Gesicht des armen jungen Mannes verfolgte mich auch im Traume. Am nächsten Tage hatte ich bereits die ganze Geschichte vergessen. Die Nacht darauf träumte ich nicht mehr von meinem Landsmann. Um so schrecklicher war es für mich, als ich beim Morgenkaffee unter„Lokalnachrichten" folgende kurze Notiz las: „Gestern wurde im Thiergarten ein etwa fünf- undzwanzigjähriger Mann an einem Baume auf- gehängt gefunden. Es ist ein Franzose, Jacques Baudin aus Sedan. Gegen Mittag erschien in der bisherigen Wohnung des jungen Mannes, wo dieser, wahrscheinlich, weil er zum Ersten die Miethe nicht hatte bezahlen können, seit Tagen sich nicht hatte sehen lassen, der Geldbriefträger mit einer ans der Heimath Baudins abgeschickten Anweisung auf zwanzig Francs." Die Thier- und Menschensprache. Von W. Knaack. �ormals— allerdings von den Gegnern der Wissenschaft auch noch in der Gegenwart— wurde und wird die Sprache des Nienschen für eine übernatürliche Schöpfung und als ein be- sonderes Gnadengeschenk angesehen. Wer zur Zeit des Giordano Bruno von dem Vorhandensein einer Thiersprache öffentlich geäußert oder darüber ge- schrieben hätte, wäre auch, wie der genannte Ge- lehrte, sicherlich verbrannt worden! Freilich wäre damit die Sprache der Thiere nicht aus der Welt geschafft worden, es sei denn, daß man sämmtliche Thiere dem Götzen Nioloch geopfert hätte. Die Wissenschaft, die dem Glauben an besondere übernatürliche Gnadengeschenke das Grab bereitet, lehrt uns, daß die Sprache ein natürlicher Organis- mus ist, dessen Entstehen, Wachsthum, Veränderung usiv. denselben Gesetzen unterliegt, welche für alle Lebewesen gelten, und wir wissen ferner, daß auch die Thiere ihre Sprache haben. Wäre die Sprache ein besonderes Gnadengeschenk, so müßten wir uns über die ungleichmäßige Gnaden- spende doch sehr wundern; denn es giebt Volks- stämme, deren Sprache sehr dürftig und über ein- fache Lautgeberden nicht hinausgeht. Die Sprache im Allgemeinen ist ein System von Zeichen zur Bezeichnung menschlicher Vorstellungen. Die heutige Lautsprachc beruht also auf Zeichen, welche durch llebercinkunft festgestellt worden sind. Sie setzt eine Art Natursprache voraus, mittelst welcher sich die Menschen über die Bedeutung dieser Zeichen vereinigt haben müssen. Der Naturmensch bekommt Eindrücke von außen und antwortet auf dieselben durch Bewegung aller Art. Die Laut- reflexe find nur eine besondere Art derselben, aus welcher sich allmälig die Lautsprache entwickelt. So verwandelt sich der Aufschrei des Schmerzes in ein Zeichen für den Schmerz, die Geberden des Zornes, der Ausruf des Staunens, der Ausdruck des Zweifels, der Freude, des Nachdenkens usw. in ein Mitthei- lungsmittel für diese Zustände des Menschen. Am ältesten sind wohl die Empfindungswörter: Ah! Jh! Ach! Ahl Au! Ei! Hm! Die Laute stehen hier auf einer Linie mit den Mienen und Geberden. In der Urzeit gebrauchte der Mensch, um sich verständlich zu machen, zunächst die Geberden- und Zeichensprache. Er schüttelte, wie wir noch, mit dem Kopfe(„Nein!"— oder um Staunen damit auszudrücken); nickte mit dem Kopfe(Ja!), wies auf den Mund(essen und trinken), schüttelte dem Anderen die Hand(als Zeichen der Freundschaft und Liebe). Müssen wir uns doch noch so behelfen, wenn wir mit einem Menschen zu thun haben, dessen Sprache wir nicht verstehen, oder wenn wir schwer krank sind und die Sprache uns alsdann den Dienst versagt. Wie viele Sachen sich durch Zeichen und Bewegungen ausdrücken lassen, das können wir jetzt noch bei Auf- führung einer„Pantomime" beobachten. Im Alter- thum gab es besonders geschickte Schauspieler dieser Art. Von einem König, der zur Zeit des Kaisers Nero in Rom war, wird erzählt, daß er nach dem Anblick der wundervollen Nachahmungen eines Pan- tomimcn sich denselben als Geschenk erbat, um ihn bei seinen Verhandlungen mit anderen Nationen, deren Sprache er nicht kannte, gebrauchen zu können. Die Reflelbewegungen nehmen aber weiter den Charakter einer Sprachbildung des Geschehenen und Gehörten an. Durch diese loird anfangs nur irgend eine Erscheinung, später jedoch der Gegenstand selbst, dem diese Erscheinung zukommt, sinnbildlich dar- gestellt, z. B.:„plumps!"—„>vau, wau!"— „miau!" usw. Wir erkennen hieraus, daß wir es auf der einen Seite mit Lautgeberden, auf der anderen mit Laut- bildern zu thun haben. Beide haben die erste Ver- ständigung unter den Naturmenschen bis zu einem gewissen Grade vermittelt und zugleich das Mittel zur weiteren Vervollkommnung der Lautsprache an die Hand gegeben. Mit der weiteren Entwickelung des Menschen hielt die Entwickelung der Sprache gleichen Schritt. Die einzelnen Sprachen verhalten sich ganz wie die organischen Arten: sie sind ebenso wenig starre oder unveränderliche Gebilde, wie die Thier- und Pflanzen- arten. Die Sprachen verändern und differenziren sich unaufhörlich und durchlaufen denselben Wechsel wie die organischen Arten. Auch die Sprachen unter- liegen, wie alle organischen Wesen, den Gesetzen der Entwickelung, des Werdens und Vergehens. Der ausgezeichnete Sprachforscher A. Schleicher beweist uns sehr einleuchtend, daß die Darwinschen Grundsätze auf die Entwickelung der Sprache voll- ständig passen. Fast alle unsere europäischen Sprachen haben einen gemeinschaftlichen Ursprung; trotz ihrer Verschiedenheiten haben sie doch eine große Aehnlich- keit miteinander. Europa hat drei Sprachfamilicn aufzuweisen, und zwar: 1. Die germanische oder deutsche. Zu dieser Fa- milie gehören folgende Geschwistersprachen:„deutsch, holländisch, dänisch, schwedisch, englisch;" 2. die romanische oder lateinische Sprachfamilie. Zu dieser gehören die Geschwister:„lateinisch, griechisch, italienisch, französisch, spanisch usw.;" 3. die slawische oder russische Sprachfamilie. Zu dieser gehören die Geschwister:„polnisch, russisch, bulgarisch usw." Wie schon erwähnt, haben diese drei Sprach- familien miteinander große Aehulichkeit: Die Zahlen 1—100, die Bezeichnungen für Vater, Mutter, Bruder, Schwester usw. sind ähnlich. Hieraus folgert mau, daß die Völker, welche jetzt diese Sprache sprechen, vor geraumen Zeiten einer einzigen Meiischcnfaiuilie augehörten, welche in Indien wohnte: denn die indische(SanSkrit) und die persische Sprache sind ebenfalls mit den europäischen Sprachen verwandt. Diese Völker umfaßt man mit dem gelehrten Namen:„Jndo-Europäer"(Judo- Germanen) oder„Arier". Von diesem Sprachstamme unterscheidet man andere, so den semitischen, zu welchem das Hebräische, das Arabische und andere orientalische Sprachen gehören. Von der Ursprache also haben sich die verschie- denen Sprachen abgezweigt und sich im Laufe der Zeit zu besonderen selbslständigen Sprachen ent- wickelt.— Von der noch sehr dürftigen Sprache mittelst Lantgeberden und Lautbildern erhob man sich allmälig zu immer freieren Vergesellschaftungen zwischen Vorstellungen und Lautzeichen, d.h. zu solchen, bei denen zwischen Laut und Vorstellung kein innerer Zusammenhang besteht; so z. B. entstand statt des Lautansdrucks:„wau, wau" das Wort„Hund" in der deutschen Sprache. So entstanden allmälig Worte für Dinge, Gegenstände aller Art und ebenso auch Namen für abstrakte Dinge. Diese freien Verknüpfungen von Wort und Ding, Name und Gegen- stand kamen jedoch keineswegs in willkürlicher Weise zustande, sie bildeten sich vielmehr auf dem durch Darwin aufgezeichneten Wege der natürlichen Aus- lese. Selbstverständlich bildeten sich beim Werden und Wachsen der Sprache für jedes Ding, für jede Vorstellung die mannigfaltigsten Bezeichnungen, welche miteinander in den Kampf ums Dasein traten, bis endlich die gegenwärtig gebräuchlichen Nanien über die mit ihnen in Wettkampf tretenden Ausdrücke den Sieg davon trugen und zur allgemeinen Auer- kennung gelangten. Wie die Arten der Pflanzen und Thiere, so ver- ändern sich auch im Laufe der Zeit die Sprachen. Wie sich eine und dieselbe Art verändert, beziehnngs- weise sich im Kampfe nms Dasein vervollkommnet, können»vir deutlich wahrnehmen, wenn wir z. B. das Deutsch des Nibelungenliedes mit dem Deutsch Die Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. der Gegenwart vergleichen. Welche Veränderung bezüglich der äußeren Sprachform im Laufe von sechshundert Jahren! Wie sich einzelne Wörter nicht blos dem Laute, sondern auch dem Inhalte nach oft in kurzer Zeit verändern, mögen einige Beispiele zeigen: Das Wort der Gegenwart:„Busen" wurde vor dreihundert- fünfzig Jahren:„bosam," vor sechshundert Jahren: „duofem" und noch früher:„buosam" geschrieben. Das Wort„Bewußtsein" oder„Besinnnug" schrieb Schiller„Besonnenheit". Das Wort:„IIn- eigcnnützigkeit" wurde zu Schillers Zeit„Uneigcn- nutz" geschrieben; ferner: für das heutige:„Hin- oder Zuneigung" gebrauchte man zu Schillers Zeit: „Aneignung," ferner statt:„Theilnahme" gebrauchte man:„Theilnehmung"; statt:„Ereigniß"—„Er- eignung," statt:„Anziehendes"—„Anzügliches", ivelches letztere in der Gegenwart einen ganz anderen Sinn angenommen hat. Man rechnet für die merkbare Umbildung einer Sprache etwa fünfzehn Menschenalter. Innerhalb eines solchen Zeitraumes vollzog sich meistens die Umbildung der deutschen Sprache aus dem Alt- ins Mitteldeutsche und ans dem Mittel- ins Neuhoch- deutsche. Die Veränderung der Sprachen geht mit der geistigen Entwickelung des Volkes Hand in Hand. Je schneller die Bildung eines Volkes fortschreitet, desto schneller verändert sich auch die Sprache, ja die Bedeutung der Worte. Je gebildeter das Volk, desto gebildeter die Sprache, und zwar hinsichtlich der äußeren als auch der inneren Sprachform. Der hörbare Laut einer gebildeten Sprache klingt an- genehmer, lieblicher als der Laut einer unentwickel- ten, rohen Sprache. Die äußere Form steht init der inneren in engster Beziehnng, denn die äußere Sprachform bringt die innere zum Ausdruck, d. h. den Vorstellungsinhalt des Sprechenden. Sprechen ist lautes Denken.— In der Sprache ist ein drei- saches Element eingeschlossen: das Wort, der Ge- danke, das Ding. Worte sind Zeichen der Gedanken und Namen der Dinge. Die Sprache ist also die Fähigkeit des Mensche», seine Gedanken, sein Wollen und Fühlen, wie Einpfindnngen, Wünsche, Hoffnungen, llrtheile usw. durch hörbare Laute auszudrücken und mitzutheilen. Da sich die Thiere untereinander auch verstän- dige», sich gegenseitige Mittheilungen machen, so müssen sie auch eine Sprache haben. Allerdings haben es die Thiere in ihrer Sprache bis jetzt noch »icht zur Phrase, zur bloßen Wortwcisheit gebracht; sie halten sich lediglich an das Thatsächliche und drücken dies mit wenig Mitteln verständlich aus. Nach dem amerikanischen Zoologen Garner, der sich die Ergründung der Affensprache zur besonderen Aufgabe machte, soll dieselbe aus acht bis zehn Hfü'pttöiicii bestehen, die dreißig bis vierzig bestimmte Modulationen annehmen. Es soll sehr ergötzlich sein, die Bestürzung der Affen zu beobachten, tveim ein Mensch ihre Sprache genau nachahmt; auch der Hund urd das Hühnervolk sehen sich erstaunt um, wenu man sich erlaubt, in ihrer Sprache zu reden. Der Hund soll, um Freude, Schmerz, Zorn, Zuneigung usw. kr.nd zu geben, über fünfzehn Töne verfüge», die filmen über vierzehn verschiedene Laute, das Rind über zwciundzivanzig, Tauben und Hühner über zwölf Laute. Die Thiere verfügen also nur über eine geringe Anzahl von Lauten. Aber auch verschiedene niedere Menschenrassen bchelfen sich mit einer sehr wortarmen Sprache. Tennent erzählt, daß sich die Bcddahs auf Eehlou nur durch Zeichen und Gurgeltöne untereinander verständigen. So viel über die Thier- und Menschensprache im Allgemeinen;„über die Aneignung und den Ge- brauch der Sprache, besonders der Mutter- spräche" das nächste Mal. Kevins Geburt unö Koö. Mmim hatte Fürst Levin das Licht der Welt erblickt, So ivar sein ganzes Volk vor Freude ganz entzückt. Es zeigte, da es ihn im Dreißigsten verloren, Sich ebenso entzückt, wie dort, da er geboren. I. S. Nt-d-rmayer. "Die L>eele im Q�chijack. Eine Burleske. Von Ludwig Jsenheim. ie hat mir stets Schlvicrigkeiten gemacht und mich an allen einträglichen Unternehmungen verhindert. Gleichwohl wußte ich nicht, daß sie es ivar, bis ich einmal dahinter kam. Und das ging so zu. Ich bin, ivie Sie wissen tverden, Großhändler und bekam eines schönen Tages eine Schiffsladung Reis. Unglücklichertveise war jedoch dieses Produkt während der letzten Tage derart im Preise gefallen, daß ich die neue Sendung nicht veräußern konnte, ohne sehr empfindliche Verluste an meinen älteren Lagerbeständen zu erleiden. Mein Prokurist kam ins Komptoir und ich fragte, was er meinte, das in diesem Falle am Besten wäre. Zurücksenden, das verboten schon allein die hohen Transportkosten, und einen weiteren Lagerraum mie- thcn, das konnte sich bei dem billigen Preis dieser Waare nicht rentiren. „Aber was thun?" Rathlos sah ich den Prokuristen an und dieser meinte nach einigem Nachdenken:„Hm, das Klügste ist, die ganze Ladung ins Meer zu werfen!" „Ins Nteer?!" rief ich entsetzt. Da fühlte ich ganz deutlich, lvie es mir bis zum Halse herauf- krabbelte, und nun tvußte ich, was es war. Die Blutpumpmaschine, gemeiniglich Herz genannt, war es nichr, die pumpte immer noch ruhig an ihrem alten Platze weiter. Was mir so beängstigend in der Kehle saß, konnte nur meine Seele sein; sie war es auch, wie ich späterhin konstatiren konnte. Ich rechnete ganz genau; für mich war es nur von Nutzen, wenn ich dem Vorschlage meines Pro- kuristen folgte. Wie ich den Mund öffne und ihm zustimmen will, da schwätzte die vorlaute Seele ganz ohne mein Zuthun:„Ach, es ist doch schade um die schöne Waare. Es giebt so viele arme Leute, schenken wir ihnen den Reis." Der Prokurist zuckte die Achseln und meinte in seiner altbackenen Weise:„Wie Sie wollen. Die Folgen sind aber noch viel schlimmer, als wenn Sie ihn verkaufen!" Ich wollte protestiren, aber die Seele hatte schon wieder das Wort ergriffen. „Der Schaden ist so bedeutend nicht, jedenfalls wiegt er die Wohlthat, welche daraus entspringt, nicht auf." Der Prokurist ging und ich blieb ganz Hülflos zurück. Der Verstand schalt mich einen unverbesser- lichen Dummkopf und die Seele schnieichelte mir, daß ich ein braver Kerl sei, mit einem vorzüglichen Herzen, und daß ich ein sehr gutes Werk gethan hätte. Nun; es kam, wie mein Prokurist gesagt hatte. Kein Mensch kaufte mehr Reis, da sie ihn geschenkt bekamen. Ich aber erhielt von meinen Geschäfts- freunden berechtigte Vorwürfe, denn das Geschäft in diesem Artikel war für einige Zeit vollständig zu Grunde gerichtet. Selbstverständlich war ich ärgerlich darüber, or- deutlich wüthend auf meine Seele. Denn ihr gab ich mit vollem Rechte Schuld, daß ich nicht nur dieses Mal, sondern auch schon früher in ähnlichen Fällen Ungeschicklichkeiten begangen hatte, welche mir nicht nur pekuniär schädlich waren, sondern überdies meinen Ruf als Kaufmann schmälerten Meinem Verstand fehlte nichts, er war durchaus klar und berechnete jeden Vortheil, immer aber wenn es zur Ausführung ging, machte mir die vorwitzige Seele einen Strich durch die Rechnung. Wie ich mich von diesem lästigen Dinge befreien konnte, wußte ich nicht, und dachte schon daran, einen Arzt um Rath zu fragen, da kam der glückliche Zu- fall mir zu Hülfe. Sitze ich da im Komptoir und kalkulire, ob ich von einem Artikel zehn oder fünfundzwanzig Prozent Nutzen ziehen soll. Der Verstand natürlich war für fünfundzwanzig Prozent, die Seele, vordringlich wie immer, für zehn. Der Verstand rechnete, daß ich mit zehn nicht bestehen könne und, wenn diese Ge- schäftsweise wie bis jetzt weitergehe, in absehbarer Zeit werde Konkurs anmelden müssen. Mir lief es bei diesem Gedanken heiß und kalt über den Rücken und ich dachte, ganz energische Mittel anwenden zn müssen, da klopfte es. Auf dem Drehstuhl wandte ich mich der Thür zu; es kam ein Mann herein, ein ganz wunderlicher Jude. Vom Kopf bis zn den Füßen ivar er ganz grau und der schäbige Kaftan war ihm viel zn lang, einen Theil desselben schleppte er hinter sich ans dem Boden nach und unter dem linken Arm trug er ein in granwollenes Tuch gehülltes Packet, lieber diesen Eindringling toar ich ungehalten und wollte ihn scharf abfahren lassen, was mir ganz leicht gelvorden wäre, da meine Seele, weiß der Himmel in welchen Winkel meines Körpers, sich verkrochen hatte und sich mänschenstill verhielt, aus Furcht jedenfalls. Der Graue kam rasch einen Schritt näher,»ahm das Tuch von seinem Packet und zeigte nun einen gläsernen Sack her, indem er mit näselnder Stimme fragte: „Haben Sie keine Seele zu verkaufen, gnädiger Herr!?— Ich zahle die besten Preise für getragene Seelen!" „Wa— a—!" Mir blieb das Wort im Munde stecken vor Ueberraschung. Nach einer Weile erst koii»te ich fragen: „Hab ich recht verstanden?— Mit Seelen handeln Sie?— Seit wann sind denn Seelen ein Handels- artikel gelvorden?" Und er: „O, schon seit undenklichen Zeiten! Ich habe aber eine neue Spezialität. Pateutirt in allen Länder». Ich betreibe das Geschäft schon einige Jahre, es geht so ziemlich, und bin in den besten Häusern eingeführt.— Nu? mach mer ä Geschäft?!" Ich überlegte. Hier bot sich wirklich einmal Gelegenheit, die unbotmäßige Seele loszuwerden. „Nun, was bezahlen Sie für eine gute Seele?" fragte ich, und er dagegen mit einem verschmitzten Lächeln auf den dünnen Lippen: „Ae gute?— muß' mer erst mal sehen." „Nun, ich würde nicht zu viel verlangen; nennen Sie einen Preis!" Doch er bestand darauf, sie erst sehen zu wollen, und beruhigte mich auf meine zweifelnden Einwürfe mit der Versicherung, es ginge sehr leicht. Darauf mußte ich den Mund schließen und er faßte meine kräftig entwickelte Nase fest mit der Hand. Etlvas Nieswurz oder dergleichen mochte er mir in die Nase gebracht haben, denn plötzlich mußte ich heftig niesen und: „Hab' sie schon!" rief der Graue, hielt die Hand vorsichtig über eine Glasflasche, welche er dann rasch zukorkte. Als ob ich innerlich vollständig ausgeleert tvorden wäre, so leicht war es mir. Der Grane setzte eine purpurrothe Brille auf die Nase und blickte auf- merksam in die Flasche. „'s ist wirklich ä sehr gute Seele," sagte er, „da kann ich nicht viel geben dafür, wirklich nicht. Solche gute Seelen stehen sehr niedrig im Preise." „Ja," meinte ich verwundert,„können Sic die Seele auch sehen?" „Freilich,— sehr gut! Setzen Sie nur diese Brille auf!" Richtig! Mit der rothen Brille auf der Nase sah ich ettvas Dünnes, Langes sich in der Flasche bewegen, fast wie eine große Raupe anzusehen, welche in ersichtlicher Aufregung sich bald ausdehnte, bald zusanimenzog und mich sehr traurig anblickte. Was der Jude mir bot, war doch viel zu tvenig für nieine gute, solide Seele. Während ich mit ihm um einen höheren Preis feilschte, schlug er nur einen Tausch vor. Das kam mir gerade gelegen, denn ganz seelenlos wollte ich doch auch nicht umher- laufen. Als ich ihm zustimmte, zog er den gläsernen Sack heran und ich sah mit Hülfe der rothen Brille viel hundert Seelen von allen Sorten darin herum- schlängeln. Der Graue erklärte: „Sehen Sie, die ruppige da drunten links, das ist die Seele eines Staatsmannes. Er ist jetzt a. D. und hat sie umgetauscht gegen die Seele eines Ad- vokaten. Sie ist schon sehr abgebraucht, aber immer noch vorzüglich zu verwerthen, es ist mein bestes 232 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. und theuerstcS Stück. Daneben, die wie eine Schnecke zusammengerollte, das ist die Seele einer Betschwester. Mit sünfzig Jahren heirathete sie und hat nun die einer Schauspielerin eingetauscht. Ihre Seele ist schon bestellt; ein etlvas abgelebtes Fräulein will sich dieselbe zulegen, wenn sie nach dem Karneoal noch keinen Gatten haben sollte. Auch die Seele eines Redakteurs habe ich da, doch diese ist wohl nichts für Sie. Dem früheren Besitzer war sie auch hinderlich, sie ist zu aufrichtig und stolz; drum verkaufte er sie, er braucht keine mehr. Aber hier diese Professorseele! Wie?— Meinen Sie nicht auch, daß sie geeignet wäre?— Sie ist sehr ge- schmeidig und anpassungsfähig! Wie?!" Sie sah aus, wie ein großer, magerer Regen- wurm und tvand sich blitzschnell von einer Seite zur anderen. Doch in einem Winkel sah ich eine andere und sagte: „Ach nein, diese paßt mir wohl nicht! Aber was ist die dürre dort für eine, die so faul am Boden hinkriecht?" „Ei, die!— Da haben Sie recht!— Das ist eine Prachtseele und würde sich vorzüglich für Sie eignen.— Nur etwas theucr, sehr theuer. Es ist aber eine Kommerzienrathsseele.— 1 Noch sehr gut auf einige Jahre zu tragen. Der ursprüngliche Besitzer ist kürzlich geadelt worden und hat sie des- halb umgetauscht gegen die eines abgehausten Barons! — Wollen Se se?" Sie loar zwar sehr theuer, baare fünfhundert Mark und keinen Pfennig weniger verlangte der Graue für das häßliche, abgebrauchte Ding und meine gute, schöne Scele noch obendrein. Sie that mir einen Blomcnt wirklich leid.— Doch weshalb war sie immer so vorivitzig. Eine andere Seele mußte ich haben, somit blieb mir keine andere Wahl, als zu zahlen. Vorsichtig, damit ihm keine entweiche, fischte er die verlangte aus dem Glassack, hieß mich den Mund öffnen und schob sie hinein. Bald fühlte ich, wie im Körper etwas Schleimiges herunterkroch, sich ein passendes Fleckchen suchte, wo sie sich jedenfalls niederlegte und schlief; wenigstens wurde ich niemals von ihr belästigt.—«Schluß solgi.) Aus dem löpicrdorß der Zeit. Antigone.(Zu unserem Bilde.) Wohl keine der zcihlreichen altgriechische» Sagen vermag an tief er- schlitternder Tragik sich dem Mythus zu vergleichen, der init dem Herrscherstami» der Labdakiden, dem Königshause der Stadt Theben sich verknüpft. Wie dieses, unaufhörlich verfolgt vom Hast der Götter, im grauenvollen Ende des Oedipus, des Vatermörders und Gatten der eigenen Mutter, seinen tiefsten Fall er- lebte, das ist unlängst an dieser Stelle kurz geschildert worden. Allein mit dem Untergang des Oedipus und seiner Mutter Jokaste hatte sich das Schicksal des Hauses nicht erfüllt. Verflucht vom eigenen Vater, den sie zur Stadt hinausgejagt, waren die beiden Söhne des Oedipus, Eteokles und Polyneikes in wildem Bruderkampf ent- bräunt und Einer durch des Anderen Hand gefallen. Schien nun auch endlich Ruhe und Frieden im lange und schwer heimgesuchten Theben einzuziehen, so wurde doch der Tod der beiden feindlichen Brüder zur Ursache neuen Unglücks. Während nämlich Kreon, der Bruder der Jokaste, Eteokles als König und Vertheidiger der Stadt mit allem Prunk bestattete, verbot er bei Todesstrafe, der Leiche des Vaterlandsverräthcrs Polyneikes die gleichen Ehren zu erweisen. Dem aber widersetzte sich Antigone, die Schwester des Verstorbeneu. Treu dem geheiligten Gebot der Götter, das ihr mehr galt als Menschensatzungen, bedeckte sie den tobten Leib mit Erde und spendete ihm die vorgeschriebenen Weihegüsse. Von Anfang an der Tragweite ihres Schrittes sich klar bewußt, gestand sie, als man sie gefangen vor den hochfahrenden Tyrannen schleppte, darum auch offen ihre That ein. Und stolz, eine echte, hochgesinnte Tochter ihres Vaters, mit dem sie einst freiwillig das Elend und die Trübsal der Verbannung theilte, stieg sie ins Grab- gewölbe ihrer Ahne», in deni der grausame und feige König sie einmauern ließ. Wohl suchte dieser, eingeschüchtert von den dunklen Weissagnugen des greise» Sehers Teiresias, bald das Ge> schehene ungeschehen zu machen, Antigone deni Tode zu entreißen. Umsonst. Es war zu spät. Als man die Gruft er- brochen hatte— war die Gesuchte eine Leiche. Mit ihrem Schleier hatte sie sich aufgehängt und so ihrem an Schmerz und Thräncn überreiche» Leben selbst ein Ziel gesetzt. Kolonialpolitisches. Wenn einmal in späteren Zeiten die Geschichte des letzten Drittels unseres Jahrhunderts geschrieben werden wird, so muß zweifellos die Kolonial- Politik darin einen liervorragenden Platz einnehmen, ins- besondere die politische Theilung des afrikanischen Kon- tinents, die ein besonderes Interesse erregen dürfte. Merkwürdige Dinge spielen sich da vor nnseren Auge» ab. Staaten, die nie an die Erwerbung überseeischer Besitzungen gedacht haben, treten als Kolonialmächte ersten Ranges auf, wenigstens wenn man die Flüche des beanspruchten Territoriums dabei als Mast- st ab annimmt. Der Flächenraum der Ländereien, welche Deutschland im Verlaufe der letzten zehn Jahre(l8g-> wurden diese Sätze geschrieben) theils als Kolonie, theils als Schutzgebiet erworben hat, wird zu etwa 5 V, Millionen Quadratlilometer berechnet, also fast zehnmal so viel, als die Größe des deutschen Reiches beträgt. Das Gebiet des Kongostaates ist mehr als siebzig Aial so groß, als das Königreich Belgien. Die söge- nannte erythräische(ani Rothen Meer gelegene) Kolonie Italiens ist fast ebenso groß, als das Königreich selbst. Spanien macht im nordwestlichen Afrika allein Anspruch anf ein Territorium von 700000 Quadratkilometern. Frankreichs Kolonien in Afrika, Asien, Amerika und in der Eiidsee umfassen 4'/« Millionen Onadratkilometer, davon allein 3'/., Millionen in Afrika: das Mutterland ist etwa 536400 Quadratkilometer groß. Dabei ist ganz abgesehen von den alten Kolonialstaaten Großbritanien, Holland und Portugal, von denen erstercs bei der Thei- lung Afrikas natürlich auch nicht zu kurz gekommen ist. Ter größte Theil dieser Ländcreien ist, wenigstens was Afrika betrifft, nur ganz oberflächlich erforscht; immerhin weisen die Karten dieses Kontinents, im Ver- gleich etwa mit den vor zwanzig Jahren erschienenen, einen ganz bedeutenden und erfreulichen Fortschritt auf. Eigenthümlich berühren nur auf den modernen Karten die zahlreichen bunten Linien und Flächen, welche die Grenzen der Kolonien angeben sollen, Grenzen, die ohne jede Rücksicht auf wirthschaftliche, geogra- phische und ethnographische Verhältnisse, rein zufällig entstanden sind. Wenn ein neuerer For- schungsreisendcr einige Tage früher in eine Gegend kam, als ein anderer, so zog er die Flagge seines Landes auf, und mit einem Schlage hatte sein Vaterland einige Tausend Ouadratmeilen Terrain gewonnen. Freilich, mit der Erhaltung und Entwickelung solcher Flächenräume geht es nicht so schnell, dazu bedarf es vicl'ähriger Opfer an Blut und Geld, und die Herren Aktionäre, die an Kolonialgesellschaften, sowie an Handels- und Plantagennnternehmungen betheiligt sind, müssen wohl recht alt werden, ehe sie Dividenden einstecken können. Die schönen Zeiten der Sklaverei sind eben vor- über, während welcher England, Holland, Spanien und Portugal sich rasch aus ihren Kolonien bereichern konnten. Vieljährige Arbeit und bedeutendes Anlagekapital sind heutzutage nöthig, damit die Enkel die Früchte des Fleißes(?) und Unternehmungsgeistes ihrer Vorfahren genießen können. Ostar Loren,. Gedankensplitter. Zur Ausbildung von gemessenen Lebensformen, dessen, was man Anstand nennt, gehört Zeit, darum haben sie Naturvölker: Araber, Neger, Indianer und— die obersten Fanlenzerklasseii der Vollkulturvölker.— Innerhalb der Vollkultnr ist in dieser Beziehung der Osfizierstand be- sonders bevorzugt, dessen äußere und innere Lebens- Verhältnisse den hier in Betracht kommenden Eigenschaften am meisten entgegenkommen. Vterlandt. Naturvölker und Kulturvölker. Am meisten Unkraut trägt der fetteste Boden. Shakespeare,„Heinrich IV.* Das Wesen des Reichthums beruht in seiner Herr- fchaft über die Menschen. Ruskw. Jeder denkt an sein Haus, Niemand an das Vater- land. Aus selbstsüchtigen Hausvätern entsteht ein schlechter Staat. Wo soll auch Gemeinsinn herkommen in einem Land, wo Jeder mit Privilegien schachert und auf den Nacken des Anderen zu trete» sucht? Wo man einseitig Pflicht aufbürden will und nach Gesetzen richtet, die nicht bekannt gemacht sind, und deren Seele wieder das Vor- recht zum Tode der Gerechtigkeit ist? Ein Glück für die Despoten, daß die eine Hälfte der Menschen nicht denkt und die andere nicht fühlt. Dem Eroberer sind die Menschen Schachfiguren und eine verwüstete Provinz ein Kohlenmeiler. Mit wenigen Ausnahmen sind die großen Helden die großen Schand- flecken des Menschengeschlechts. Selbst Miltiades hat seinen Charakter problematisch gelassen. Die meisten beträchtlichen Güterbesitzer in allen Staaten sind Leute, die keinen Begriff haben von dem, was der Staat ist und was er von dem Bürger und der Bürger von ihm fordern kann und muß. Sie schreiten also grob pleonektisch einhcr und nehmen in ihren An- maßunge» den Stock, den Strick und die Bayonctspitze zu Hülfe, und glauben vielleicht gar, Alles, was sie damit können, sei auch Recht. Das nenne» sie sehr passend ausübende Gewalt; denn von Gerechtigkeit ist selten ein Fünkcheu dabei. Das Resultat der Privilegien daher ist: Ihr sollt Alles thun, damit wir Alles haben; und wir bewillige», daß ihr geben sollt. Seume. Napoleon III. war sehr übel ans seinen Vetter Na- poleon Joseph Karl Bonaparte(auch Plon-Plo», oder der rothe Prinz genannt) zu sprechen. Als daher sein kleiner Sohn Lulu iyn nach dem Unterschied der beiden Worte acaicksiit(zufälliges Ereigniß, unglücklicher Zufall) und rnalheur(Unglück) fragte, antwortete der Herr Papa: „Wenn der Herr Vetter ins Meer fiele, so wäre das ein aacicksnt, wenn er aber wieder herauskäme, ein rnalheur. — S ch n i h e t.— Die Drossel und der Wiedehopf Geriethcn aneinander, Wer wohl im Wald von Beiden sei Der Vogelschaar bekannter. Die Drossel sprach:„Mein Spottgesang Verschafft niir immer Achtung. Du kannst nur hüpfe» und Dein Schopf Kommt da nicht in Betrachtung." Der Wiedehopf erhob das Haupt: „Ich brauch nicht fremde Schminke, Mich kennt der Wald, die ganze Welt— Du fragst warum?— Ich stinke!" Heinr. v. Reder(Lyrisches Skizzenbuchl Der Unglückliche. A.:„Ich Armer bin zum Unglück geboren, Verwandte und Freunde Hab ich verloren. Allein bin ich." B.:„Starben sie Alle zugleich?" A.:„Sie leben, aber sie wurden reich." I. F. Eaftellt. Mittel. Beschwerlich war der Bettler Zahl, Sie klagten über kranke Glieder, Man schickt sie in das Hospital Und Keiner kam zuni Betteln wieder. Abraham Kästner. Die erlaubte Rache. Eine Rache ist süß, die nimni au dem hämischen Tadler: Kränke, wenn Du es kannst, ihn durch ein Meisterwerk todt. K. B. Garve. An Mops. Sei dumm! Das wünsch ich dir zum neuen Jahr! Warum? Weil Dummheit in dem alten Jahr So manchen Esels Glück gebar; Darum Sei dumm! Christian Dan. Schubart. Rechtsstudium. Mein Sohn, Du hast, wie sich's gebührt, Mit allem Fleiß das Recht studirt; Doch um Prozesse gut zu führen, Mußt Du die Richter nun studiren. P. W. Henser. Was hilft es, der Gerechtigkeit die Augen zu verbinden. Umsonst ist da das Band; Wollt ihr sie besser binden, So bindet ihr die Hand. t. N. Söh. Nachdruck des Inhalts verboten? ?llle für die Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Herrn G. Macasy, Leipzig, Oststraße 14, richten. «irantwortltcher Redakteur: Gustav Macasy in Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdruckerei und Beriagsanstalt Auer& Co. in Hamburg.— Druck: Max Babing in Berlin.