Nr. 31 35I(xi|Irtr{ c Cxxiarhai«00» 1097 Sommersonntagnachmitkag. M unken Menschenschmarms Gewnnmel Unker einen? Soinmerhnmnel, Helles Luchen imd Gesung, Offene Kutschen, kecke Keiler, Kremser, Ziveirud und so iveiker-- Uederull den IVeg entlang. Fernher eines Hornes Schallen, Einer Flinke lustig' Knallen Ziellos in die blaue Luft... Dort am Waldrand, welches Drängen! Zu den braunen Steingehängen Zieht der Wiesen reiser Duft. Von John Henry Mackay. Lässig' Schlendern, wie vergebens... Und ein neues Lied des Lebens Huscht durch meinen ernsten Sinn. Vor dem Wirkhshaus frohe Zecher, Lanker Zuruf, klirrende Becher, Eine schmucke Kellnerin... Kast hier!... auf dem letzten Sitze— „Sie sind'«, Nachbar?— Welche Hitze! Nehmt derweil mein Glas zur Hand!" „Dank' schön!"— Sieh', am Fenster zeigt sich, Tanzerglüht, hinaus nun neigt sich, Ganz noch, halb noch abgewandt, Kch!— ein feines, junges Köpfchen! Welch' zivci braune, trotzige Zöpfchen! Schon im Unmuth kehrt sie sich... Durch die Thür mit einem Sprunge, Staub und Dunst auf heißer Lunge— Wild fang, sieh', schon halt' ich dich! Duften allzu schwül die Kosen? Zärtlich Flüstern, schweigsam Kosen, Herz an Herzen, Schlag um Schlag... Was noch weiter?— Glück, o schweige! Noch ging er nicht ganz zur Neige Dieser Sonnlaguachmittag... Ans der Walze. Aus de» Pnpicre» eiiies Fechtbruders. Von F. Riebcck. sFortsetzungo"jSlierzeßntes Knpitet. Die heilicic Dreifaltigkeit. jeder ein Sonntag! Der dritte, den ich j,, Thalnngcn verlebte. Vormittags ward gearbeitet; nach Tisch lag mir, ivic der Aleister sich ausdrückte, die Ehrenpflicht ob, die Werk- statt anfzuräninen; auch gab es mitniiter Werkzeuge zu heilen, die im Laufe der Woche Schadcn�crlitten hatten. Dann kamen die ersehnten Stunden der Freiheit. O Sonntagfreiheit! Erlöst ist der Sklave, der sechs eivigkeitlange Tage hindurch vom zeitigen Ä!or- gen bis in die tiefe Nacht mit dem Slnfgebot aller M niste schwer arbeitete und dennoch immer durch die moralische Hetzpeitsche gegnält wurde. Im Feier- kleide verläßt er den engen Pferch; die süße Frucht seines Fleißes und Schweißes in der Tasche, schreitet er hinab die enge Gasse; vorbei an geputzten Leuten, die er glücklichen Herzens grüßt, und er tritt in den Dnftbereich blühender Gärten. An Holzzännen, an denen die sonderbarsten Pflanzen üppig und fast- strotzend und in indischer llcberfülle emporwnchern, zieht er ans kühlem, anSgefahrenem Schattemvege dahin; sein Fuß zögert an einer breitmächtigen, dichten Dornenhecke, die im Verblühen ist und oben ihre dunkelgrün polirten Blättchen entwickelt, während die unteren Regionen in unheimliches Sch>varz ge- kleidet sind»nd Schlupflöcher answeisen. die die Phantasie zu Pforten gestaltet, durch die man ans verschlungenen Irrwegen zu gchciinnißbergcnden»nd gefahrvollen Höhlen gelangen kann. Die Gärten schwinden, die Lichtflnth des Frühlingsonnentages ergießt sich über den Glücklichen, und das grün- lachende Feld, die bunte Ferne»nd die lockenden Waldhöhen grüßen ihn, den Fremdling, wie einen alten lieben Bekannten. „Gehen Sie nur in die Kirche, das ist Ihnen am gesündesten!" sagte in brummigem Tone der Meister, als ich mich verabschiedete.„Sie kommen noch gerade znrecht!" rief er mir nach. Ich ging an der Kirche vorbei, vernahm Orgel- klänge und beschleunigte unlvillkürlich meine Schritte. Wie lange schon hatte ich keine Kirche besucht! Wohl ein Jahr und länger war es her. Sogar die Pflicht der österlichen Beichte hatte ich versäumt. Das verursachte mir zuweilen die furchtbarsten Ge- wissensqnalen. Wiederholt schwur ich mir in brcn- nender 3!ene und unter heißen Thränen zu, mich zu bessern, nieine Seele nicht der Hölle preiszugeben, nicht mehr ein finsterer Sünder zu sein. Ich fühlle, daß ich ein Verstoßener war, der kein Anrecht mehr hatte, sich zur frommen Gemeinschaft der Gläubigen zu zählen, und dennoch lebte in mir ein felsenfester Glaube an Gott, an die Menschwerdung des Gottes- sohnes»nd an die heilige» Evangelien. Mit Gott Vater wiißte ich mich nicht recht abzufinden; ich suchte in schlaflosen Nächten sein Wesen und seinen Willen zu ergründen, fand aber keinen sicheren Halt. Besser stand ich mich mit seinem Sohne, den ich über Alles liebte, in dem ich lebte, sann und träumte; der mein steter Gefährte, mein König, Herr und Freund ivar, und vor dem ich oft des Tages»nd stets am Feierabend nnfs Knie sank, in» in vcr- zücktcr, seliger Inbrunst»nd in glühender Vcr- ehrnngsleidenschast mit ihm zu rede». Bete» konnte ich nicht; das widerstrebte mir tiefinnerlich. Ich sagte zwar das Vaterunser her, weil mir gelehrt worden lvar, daß es das Gebet des Herrn sei; allein ich hegte dabei das Empfinden, daß ich die dreicinige Gottheit nicht durch Bitten belästigen, sondern inein ganzes Schicksal ihrem Willen anvertrauen müsse. Mit Jesus Ehristus führte ich oft lange Zwiegespräche, besonders am Abend vor dem Einschlafen. Ich zog ihn zu Rothe über alle meine seelischen Angelegenheiten, legte ihm Rcchnnng über all mein Thun und meine Absichten und lauschte seiner Stimme, die mir bald wie vernehmbarer Wind- hauch ans fernen Sternciiregioncn, bald wie ein milder Klang ans meiner eigenen Seele erschien. Ich suchte seine Stimme zu deuten und Gewißheit zu erlangen, ob ich recht oder unrecht getha» habe, ob es sündhaft wäre, Dies oder Jenes zu thnn, diesen oder jenen Weg einznschlagen, und wie ich es anfangen müsse, sein Wohlgesallen zu erringen. Dabei wälzte ich mich entweder in trunkenem Liebes- tanmel von einer Seite ans die andere, oder ich lag, je nach den Gedanken, die mich beschäftigten, still wie ein beglücktes Kind am Herzen der Mutter. Ehristus, der die Sünden einer ganzen Welt ans sich genommen hatte und aus unendlicher Liebe für seine Mensche» den martervollsten Tod geslorbc» war, erwies sich auch mir als der himmlische Rath- gebcr und milde Verzeiher; ich fand oft Gnade bei ihm, wenn ich ausrichtigc» Herzens zu ihm sprach von meinen Schwäcken, Sünden und Versuchungen, und ich gewann durch ihn eine Scelenlraft, die mir die Erde als einen wuubcrschöncn Gottcegarten er- scheinen ließ. Die Neue Melt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. n Mit diesen reinen, bef, elenden imb glücklichen Ciiipsindnngcn lunr es vvibei, so oft mich die Sucht nbcrknni, über theologische F engen nachzugrübeln. Äicine theologische Weisheit tvnr sehe eng begrenzt, und mein Denken in dieser giichtnng bewegte sich znineist nur nin das Mysterium der göttlichen Drei- einheit. Die drei Personen erschienen mir ihrer Wesenheit nach so grundverschieden von einander, das; ich sie nicht zu vereinigen vermochte, und den- noch sagte ich mir, daß sie eine Einheit bildeten, mit der sich der sterbliche Mensch abzufinden habe. lieber den heiligen Geist war ich mir am wenigsten klar; ich wußte mir das Wunder seines Seins nicht zu deuten und halte mir am liebsten eingeredet, daß er nicht so hochstehend sei, als Vater und Sohn, zumal er immer nur an lehter Stelle genannt wurde; auch war es mir, als nähme er an der Weltregie- rnng und den Schicksalen der Menschen weniger Antheil, als die beiden anderen Personen. Ich konnte mich nicht entsinnen, jemals von einer großen Liebes- that gehört zu haben, die sein alleiniges Werk war, und es drängte sich mir die Veiinnthnng ans, daß sein Wirken ein rein geistiges sei, namentlich wenn ich an die feurigen Zungen ans der Geschichte der Apostel dachte. Doch alle diese Ncrmnthnngen schei- terten schließlich an dem Lehrsatz, daß Vater, Sohn und h iliger Geist eine einzige Person bilden. Meinem kindlichen Verstände erschien es, als müsse hier ein unverzeihlicher theologischer Jrrthnm vorliegen. Aus dem alten Testamente war mir bekannt, daß Gott der Herr sehr oft den Menschen im Zorne erschienen war, daß er Rache geübt und furchtbare Strafe» über die Gottlosen verhängt hatte. Meine ganze Seele sträubte sich gegen die Annahme, daß Gott Sohn an diesen Thaten Theil haben sollte; sie paßten so ganz nnd gamicht zu dem Bilde des Erlösers, zu der unbegrenzten Liebe nnd Duldsam- kcit und Güte des heißgeliebten Heilandes. Das konnte nur Gott Vater gethan haben, und somit konnten Vater und Sohn in Gemeinschaft mit dem heiligen Geist nicht eine einzige Person bilden— es hätte denn eine Person mit drei verschiedenen Sinnen nnd Anschanniigcn sein müssen. Auch hatte ja Ehristns auf seinem Erdenwandel oft den Vater angerufen und noch am Kreuze dem Willen des Vaters an- heim gestellt, ob der bittere Leidcnskelch an ihm vorübergehen solle. Dadurch erschien mir das Vor- handensein zweier verschiedener Willen nnzweiselhaft dargetha». Bei solchem Grübeln regten sich immer größere, schlimmere, furchtbarere Zweifel in mir; so zum Beispiel tvar es mir unfaßbar, tvie alle Sünden der Menschheit dadurch getilgt sein sollten, daß eine Person der dreicinigen Gottheit sich an das Lrenz schlagen ließ. Daß die dreieinige Gottheit die M'cnschwerdnng des Sohnes nnd dessen niarter- vo!e Kreiizignilg als nothwendig erachtet hatte, er- schien mir im Widerspruch zu stehen mit der gött- liehen Allmacht, die meiner beschränkten Ansicht nach eines s.lchen furchtbaren Mittels nicht bedurft hätte. Während ich mir mit zitternder Seele die Dualen des Erlösers zu vcrgegentvärtigeii suchte, rang ich vergeblich»ach Erkcnntniß, um zu begreifen, daß der Vater in der That ans übergroßer Liebe handelte, „indem er seinen eingeborenen Sohn hingab", da- mit ein bestialisches Menschengeschlecht ein gräßliches Blntgericht über ihn halten konnte. Ich suchte meine stürmisch fragende Seele zu betäuben, indem ich be- stiebt tvnr, alle derartige Fragen zu unterdrücken und für Todsünden zu erklären, dieweil der Mensch sich nicht crlühnen solle, die göttlichen Geheimnisse zu ergründen und das göttliche Walten mit mensch- licher Vernunft zu erklären. Doch der Kampf war vergeblich; tvie eine zähe nnd wiithende Meute ans einen flüchtenden Hirsch, so stürmten immer neue Ziveifelfragen ans mich ei»; drei, vier der Bestien streckt er in tödlicher Angst zu Boden; zehn andere indeß springen ihn Ivüthcnd an, schlagen ihr scharfes Gebiß in sein Fleisch und lassen nicht eher von ihm ab, bis er in ein tiefes Wasser springt. Schiviniuiend erreicht er das jenseitige llfer nnd bricht sterbensmüde im finsteren Dickicht zusammen. Aber seine Kraft ist nicht gebrochen, sei» LebenSiinith nicht er- loschen; er rafft sich auf, näßt seine Wunden init dem kühlenden Wasser des Heils, und bald ist aller Jammer vergessen. Doch es kommt ein Tag, an dem die Meute wiederkehrt.... Ich blicke durch mein Bodenfenster znm klaren Nachthimmel hinauf, schaue millione» nnd aber- inillionen Sterne; wie ei» weißschillerndes, breites Band mit nnbestiininten Rändern zieht sich über den Ivciteil Himniclsbogen die Milchstraße, nnd ich habe gelesen, daß sie gebildet werde ans dem vereinigten Glänze unzähliger Sterne. Ich habe ferner gelesen nnd auch in der Schule gelernt, daß die meisten Sterne viel größer seien, als unsere Erde; daß die meisten der Himnielsleuchtcn, die so friedlich und tranlich flimmern, Sonnen seien, und daß jede einzelne Sonne ihr eigenes Planetensystem habe. Alle die Milliarden von Planeten, die sich um die Milliarden von fernen Sonnen drehen, kann das menschliche Auge nicht sehen, da sie viel zu winzige Körperchen in dem ungeheuren Weltall sind, und dennoch sind sie zumeist nnferer Erde an Größe überlegen. All das habe ich gelesen und glaube ich; ich vertraue den Gelehrten, die den Lauf der Ge- slirne und deren Größe ausrechnen, die hundert und tausend Jahre vorhersagen können, wann nnd zu welcher Alinute eine Sonnen- oder Mondfinsterniß stattfindet, wann nnd zu welcher Minute ein Stern hinter den Mond treten wird, nnd wann wir Ge lcgenheit haben werden, einen Kometen zu schauen, der zur.'seit unserer Urgroßeltern zum lebten Male sichtbar war. lind ich konnte nicht begreifen, wie die göttliche Dreieinigkeit dazu kam, ihr Hanptaugen- merk auf unsere winzige Erde zu richte»; der Ge- danke, daß einzig nnd allein dieses Staubkorn, das wir bewohnen, von Menschen, und zwar von sündigen Menschen bewohnt sein sollte, kam mir vor wie eine Frucht des Jrrthnms nnd tvie eine jämmerlich kleine Verkennnng des großen Schöpfnngsplanes; nnd von solchen Borstellnngen beherrscht, zermarterte ich mir mein armes Hirn mit der Frage, iveshalb denn unter den»»gezählten Blilliardcn von Weltkörpern gerade unsere Erde ansersehen war, von der Gottheit das höchste Liebesopfcr zu empfangen, und iveshalb die göttliche Dreieinig eit gerade unsere Erde mit solche» Kreaturen bevölkert hatte, die eines Erlösertodes be- durften, inn nicht für civig in den Höllenpfnhl zu versinken. Weshalb denn, fragte ich weiter, ließ Gott in seiner Allmacht nicht alle Erdbewohner an der unermeßlichen Gnade thcilnehmen? Weshalb schloß er die Türke», die Chinesen, die Inden, die wilden Völkerstäinnie, kurz, alle Heiden und lln- gläubigen ans? Konnten sie denn dafür, daß sie Heiden und Ungläubige waren? Bei diesen nnd ähnlichen Betrachtungen gerieth ich in Gedankenwirrnisse, in denen ich mich nicht mehr zurecht finden konnte; mich überfiel eine Angst, als hätte ich mich in einem finsteren Walde verirrt »nd als lauerten Räuber, Teufel, Kobolde und allerlei höllisches Gesindel, um mich zu überfallen nnd mir den Hals nmzndrehe»; auch war mir oft in Mittcrnachlstundeu, als habe der Böse mich um- garnt nnd verführt, als könne mich keine Macht mehr retten vor der ewigen Verdanimniß. Dann sprang ich ans dem Bette, fiel aus die Kniee nnd suchte die Füße meines lieben Herrn Jesus zu um- klammern, wie ich sie oft des Nachts in himmlischer Verzückung im Geiste»in lanimert hatte, doch der Herr Jesus entwich mir, schüttelte sein bleiches Haupt und sagte todttranrig:„Du hast gesündigt tvider den Vater und wider den Geist!"... Ich schlug mein Haupt an die Wand, ich krallte meine Nägel in mein Fleisch, ich wälzte mich im Wahnsinn auf dem lehmigen Fußboden, ich tveinte, schrie, zerranste mein Haar, rang nach Gebetesworte» blieb endlich halb bewußtlos liegen, empfand weder Kälte, noch die Härte meines Lagers und überließ mich einem stumpfsinnigen, schrecklichen Hinbrüten, i» das'jcdoch zniveilen, wie ein ferner Engelsharfenklang, ein schwacher Laut der Hoffnung drang, daß noch Alles sich znm Gute» wenden nnd der böse Feind weichen iverde. Rosig dämmerte es mir vor meinen ge- schlossenen Auge», wie der milde Glan; der herauf- steigenden Glanbenssonne; leise regte sich in der slurmniiden Seele der Wille, den höllischen Ver- sucher, der mich di ckte, zu bezwingen, und liebreich erbarmte sich meiner der Erlöser Schlaf.... Schon im lebten Jahre meiner Lehrzeit hatte ich einige Male unter solchen Zweifelsanfällen in der Nackt gelitten, doch es waren dies harmlose Er- lcbnisse im Gegensatz zu den entsetzlichen seelischen Erschütternngen und Glaubens., nalen, von denen ich in den ersten Wochen meines Aufenthaltes in Tha- lungen wiederholt heimgesucht wurde. Immer»nr in später Nachistnnde; bei Tage tvar mir alles Leben tvie die verkörperte Güte Gottes, und ich fühlte mich sicher unv beglückt in seiner Hut. Mir tvar dann, als verstünde er mein ganzes Wesen und als sei er zufrieden mit dein merkwürdigen Vcrhältniß, in das ich nach und nach zu ihm gerathen mar; in schlaflosen Nächten jedoch, wenn ich zu grübeln begann. wandte er sich von mir im getvaltigen Zorne und überließ mich den Krallen des Beelzebub.... Einmal fand mich der Aieistcr, der mich Morgens wecken kam, unter dem Bett. Ich war»nr mit dem Hemd bekleidet, irnd das Hemd tvar schwarz geworden von all dem Schnintz, der ans dem iinge- dielten Boden lagerte. Er fragte, als er mich mnnter gerüttelt hatte, in maßlosem Erstanncn, tvas mit mir los sei ob ich an Krämpfen, oder an Mondsucht, oder an einer anderen Krankheit litte. Ich verneinte die Frage, nnd ans all sein weiteres Drängen inn Auskuust schwieg ich. Es tvar mir nninöglich, ein Wort über die Natur des nächtlichen Ereignisses zu reden. Er sckü telte de» Kopf nnd sagte tief- sinnig:„Recht richtig ists mit Ihnen nicht!" I-ünfzekntes Knpltcl'. Der Herr Pfarrer. Scheu nnd hastig ging ich an der Kirche vor- über; düster ward mir zu Sinn, ein Gefühl der Beklemmung legte sich wie ei» ka'ter Eisenring nin mein Herz; doch als ich dein feierliche» Schall der Orgel entrückt war und unter dem luftig-grünen, heiter- schivankendc», sonnenfrvhen Frühlingsgezelt dahinzog, wich der Bann nnd ninkoste mich wieder das stille Glück des Sonntagfriedens. Meine»nüberwindliche Abneigung gegen den Besuch der Kirche suchte ich damals mit dem Gr dankcn zu entschuldigen, daß der liebe Gott überall sei nnd somit auch an allen Orten verehrt w.rdcn könne, nnd daß seine herrliche Schöpfung ei» ein- ziger großer Tenipel sei, den er sich selbst errichtet habe zu seinem Ruhme nnd den Menschen als schöne Stätte ihrer Andacht. Wenn ich jedoch heute mit dem Verstände des gereiften Mannes an jenen Seeletiznstand zurückdenke und nach den Ursachen seiner Entstehnng forsche, so mache ich leicht die Entdecknng, daß ich mich in einem poetisch ver- brämten Selbstbetrug wiegte, und daß etwas von der Art jener Bösetvichter in mir lebte, die alle ihre Lügen nnd Aiissethaten vor dem eigenen Ge- wissen auf die lailterste» Beweggründe zw ückznsühren wissen. Nicht weil mir die weile, sonnige Natur ein viel tvürdigerer nnd besserer Ort der Golt- verehrnng erschien, als der enge, halbdnnkle Kirchen- räum, mied ich die Kirche, sondern weil mir bei dem Gedanken an den Gottesdienst immer das Bild eines herben, finsteren Priesters vor die Seele trat und mich schreckte. Heute empfinde nnd weiß ich, daß dieser Mann es ivar, der mir alle Freude am Kirchenwcsen vergällt hatte. Bis zu nieinein zehnte» oder elften. Lebensjahre war mir die Kirche die Wohnstätte des lieben Gottes, nnd bei ihm weilte ich am liebsten. Ich war ein so überaus sronimes Kind, daß ich, wenn ich damals gestolben wäre, vollen Anspruch darauf gehabt hätte, vom heiligen Vater in Rom auf der Stelle heilig gesprochen zu lvcrdeii. Nicht mir für die Seele, auch für mein neugieriges, farbcntrunkenes Auge und für mein träumerisches Geinülh war nnsere schöne Kirche ein unerschöpflicher Lnell der Befriedigung.?ln großen Wandbildern, die ich schon viele hunvcrt Male ge- schaut und stundenlang angestaunt hatte, entdecke ich immer neue seltsame Farben, neue Wunder. Mir tvar, als müßten einzelne der gemalten oder gemeißelten Gestalten lebendig sein; von Tag zu Tag veränderten sie ihre Stellung, veränderte sich ihr Ge- sichtsansdriick, nnd besonders der heilige Aloysius, den ich sehr lieb Halle, sah mich jedesmal mit. Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 243 ciiidcren Stuncii an; bald lächelte er freundlich und seine Slncicn glänzten, bald wieder waren sie»»iflort und traurig, und dann wieder warf er mir ernste, erniahiiniigsvolle, oft auch strafende Blicke zu. Ich Ivar überzeugt, daß die Kraft des Himmels in dem Bilde waltete und daß St. Aloysius durch sein Bild z» uns Menschen reden wollte. Ich sehnte mich nach einer Gelegenheit, einmal ganz allein und ungestört in der Kirche zu sein; dann wollte ich zu ihm sprechen, und ich wußte im Boraus bestimmt, daß sein blasser Ahmd sich öffnen und mir Antwort geben wurde. Leider kam eine solche Gelegenheit nicht, da die Kirche immer nur wahrend des Gottes- dienstes geöffnet war. Ein Glück war, daß ich ihn auch verstand, ohne laut mit ihm zu rede»! Aber ich hätte gern einmal seine himmlische Stimme ver- iiommeil. Die färben- und gestaltcnreichen Bilder des Kreuzweges gaben mir jedesmal Anlaß, mich in die Leiden des Erlösers zu versenken; ich folgte ihm im Geiste ans seinem Schmerzenswege nach Golgatha, half ihm das Kreuz tragen und hegte dabei den stille» Wunsch, er möge mir alle die Hiebe, die ich vom Herrn Lehrer und auch von meinem Vater alltäglich in reichlicher Menge zu- gemessen erhielt, als Gcißclhicbe anrechnen, wie sie von den bösen Inden während des Ganges nach der Schädelstätte ansgctheilt wurden. Ein immer neues und reges Interesse widmete ich dem riesigen Rokokorahnic» des Hochaltarbildes. Die kühnen gol- denen Schnörkel und Gewinde, die sich in ihrem Verlaufe zu Aesten, Zweigen und unerhört fabelhaften Blättern und Blumen gestalteten, machten ans mich einen majestätisch bezwingenden Eindruck nnd ließen mein schwaches Herz durch ihr stolzes Ilcbermaß von himmlischem Prunk erschauern. Gern klammerte sich mein schancnstriiiikener Blick an eine der mächtig geschweiften, breiten Astlinien und suchte sie in ihrer geschwungenen Bahn um den Altar zu verfolge»; bald aber hielt er erschöpft und betäubt innc und mußte sich abwenden, denn ans dem Hanptstamme gingen immer neue Stamme mit neuen vieltheiligen, gewundenen Blättern und strotzenden Zanberblnmen hervor, und ans allen den Stämmen wuchsen immer neue Stämme, Zweige und Blätter, die sich wieder theilten und neue SchSnheitsivnnder erzengten, während man nicht zu ergründen ver- mochte, wo der ursprüngliche Stamm geblieben war, wo er aufgehört hatte, oder ob er noch weiter wucherte und trieb, und wie man ihn unter den vielen Stamm- verschlingnngen herausfinden konnte. Das Ganze war für mich ein tausendfältiges, unergründliches, überirdisches Blnmenlebe», das»Iis eine Vorahnung dessen gewährte,' was wir einst im Paradiese an Blnmcnpracht schauen würde». Da der Anblick mich verwirrte und oft sogar ängstigte, nahm ich an, daß mir das Auge der Seligen fähig sei, die unendliche Fülle und Schönheit dieser Blnmenherrlichkeit z» erfassen. Wie tiefe mystische Geheimnisse mntheten mich an das mbinrolhe Licht der ewigen Ampel und ein großes Bild, ans dem das Schweißtnch der Veronika mit dem blutigen Haupte des Erlösers zu sehen war. Als ich einmal während der Sonntagspredigt in den Anblick dieses Bildes versnnkc» war und eine Flnlh von heiligen Enipfindnngc» mich durchwagte, kam der dicke Kirchenvater an mich heran»nd verabfolgte mir eine kräftige Ohrfeige. Zuerst sah ich ihn be stürzt an, nm zu ergründen, welches Verbrechen ich begangen habe; da er mir aber kalt den Rücken drehte und sich in seiner Dickleibigkcit nach der Kirchen- vaterbank schleppte, brach ich beschämt am Tanfsteui zusammen, weinte und wagte nicht mehr, die Augen zu erheben. Ich war mir keiner Sünde bewußt, und so betete ich mit tödtlich beleidigtem Herzen zum lieben Gott, daß er mir beistehen, die nngehenre Schmach von mir abwenden und mich in den Augen der Welt rechtfertigen möge; ivollc er aber dies nicht thnn, so solle er mich ans der Stelle sterben lassen. Vtir war, als seien die Blicke der ganzen Gemeinde ans mich gerichtet, und als sei mir eine Schande wider fahren, die sich in Ewigkeit nicht tilgen lasse. Ich überlegte, ob ich den Tod suche» oder meinen Eltern fortlaufen sollte, weit in die SLelt hinein, vielleicht auf ein Schiff, das nach fernen Inseln segelt. Bis zum Schluß des Gottesdienstes litt ich die schreck- lichsten Seclenqnalen: dann beim Verlassen der Kirche suchte ich das dichteste Gedränge auf, um mich den Augen der Leute zu entziehen, nnd draußen ange- langt, drückte ich mich verstohlen zur Seite, zog mich hinter eine Mauer zurück und schlüpfte in die Nische des Blitzableiters, dort wartend, bis die fromme Menge sich verlaufen hatte. Hinter den Zäunen entlang rannte ich alsdann nach Hanse, nnd als ein schwaches Lichtfiinkchcn in der schwarzen Nacht meiner Trostlosigkeit glomm die Hoffnung, daß mein Vater, dessen Platz weit hinten in der vorletzten Bank der Kirche war, die Ohrfeige nicht gesehen habe. Bald aber erlosch das Fünkchen, denn der Vater trat mir mit dem furchtbaren Nohrstock ent- gegen. Das war ein Sonntag, den ich nie ver- gcsse» werde.(Fortsetzung folgt.) Klhuh örr tofii Wcn SchviiiWt. Von vr. K. (Schluß.)__ f s ist nach dem Gesagten klar, daß die Gc- »esting oder Verschlimmerung davon abhängt, ob die Schntzkräste des Körpers oder die Angriffskräfte der Infektion die Oberhand gewinnen. Sind wir denn aber garnicht im Stande, das Ein- wandern des Tnberkelbazillns übeihaupt zu verhüten? Wo lauert den» unserer der Angriff? Trocknet tuberkulöser Auswurf im Freien ein, so wird dies Biaterial bald in alle Winde verstreut und vertheilt sich dadurch ans einen so großen Nanm, daß er- wiesenermaße» selbst im Straßenstaub sich nur ans- nahmsweise einmal ein Tnberkelbazillns auffinden laßt; die Gefahr ist im Freien fast gleich Null. Anders in geschlossenen Räume». Leider haben Tansende von Menschen die unappetitliche Gewohn- heit, in die Stube zu spucken, und so auch sehr viele Tuberkulöse; dieser eingetrocknete, ansteckende Auswurf fliegt beim trockenen Ausfege» zum Theil in die Höhe, um sich eine Zeit lang schwebend zu erhalten und dann wieder herabzusinken; dasselbe geschieht, wenn auch in geringerem Grade, schon beim Hernmgehen; die Mitbewohner solcher Zimmer befinde» sich daher in ständiger Ansteckungsgefahr. Noch schlimmer ist es in Ranincn, wo große Menschenmengen zusammenkommen und ab- und zu- gehen, z. B. in Verwaltnngsgebändcn, Schule» und vor Allem in Trinklokalen aller Art. Die wichtigste Nolle aber spiele» hier die Tanzböden, wo der Liiftstanb oft so massenhaft aufgewirbelt wird, daß man ihn ans der Zunge schmecken kann, und wo gleichzeitig die Lunge durch die angestrengte Athmnng, die Erhitzung und die schlechte Luft in einen Neizziistand versetzt wird, der sie weniger widerstandsfähig macht, und dabei ist nirgends die Veranlassung zum Husten und Ausspucken beim Ge- siillden und erst recht beim Schwindsüchtigen größer als nach heftigem Tanz. Niemand sage, daß ein Schwindsüchtiger nicht tanzt; Hunderte thnn es, die genau wisse», was ihnen fehlt, Tansende, ohne es zu ahnen. Aehnlich liegen die Verhältnisse in Fabri- fen, zumal in solchen, wo reichlicher, die Lungen schon an und für sich reizender Staub in die Luft gewirbelt wird, und noch dazu die Arbeiter dauernd in gebückter Stellung sitzen, in der sich die Lange nicht frei entfalten kann; so z. B. in Porzellan- fabrike», deren Arbeiter sich selbst fast als Schwind- snchtskandidate» betrachten; dort sind die eigentlichen Brutstätten dieser verheerenden Krankheit. Es wäre nun das Ideal der Gesnndhcitspflcge, wenn man die Tubcrkclbazillen ans einmal ans der Welt schaffen könnte. Da dies leider nicht angängig, so müssen wir das infektiöse Material, sobald es aiisgehnstet wird, vernichten. Nicht in die Taschen- tücher, nicht in Hausflur und Lokal darf gespuckt werden, sondern nur in Spncknäpfe, die mit des' infizirendcr Flüssigkeit gestillt sind. Am besten wäre Snblimatlösnng; da dieses aber nicht käuflich ist, so genügt auch eine dnnkelrothe Lösung des überaus billigen übermangansauren Kalis, das infolge seiner rothcn Farbe nnd geringen Gisligkeit zu fahrlässigen Schädignngkii fanin Anlaß gebe» könnte nnd in jeder Drognenhaiiolnng z» haben ist; außerdem hat es den Vorzug, geruchlos zu sein; oder man nimmt irgend ein anderes der zahllosen antiseplischen Mittel. Ans solcher Flüssigkeit können die Tnberkelbazillen nicht in den Liiftstanb übergehen und binnen Kurzem gehen sie zu Grunde. In jedem Zimmer muß ein solcher Spncknaps stehen, in Lokalen an jedem Tisch mindestens einer, in Fabriken einer für je einen oder zwei Arbeiter, so daß es fast ebenso bequem ist, in den Napf als auf den Boden zu spucken; in öffent- liche» Lokalen und Fabriken müßte die Einrichtung ans gesetzlichem oder Verordnnngsivege durchgeführt werden. Binnen Kurzem würde sich Jeder daran gewöhnen, den Spncknaps als die Stelle anzusehen, die dem Auswurf mit ebensolchem lliecht gebührt, wie für den Stuhl das Eloset.— Alle Zimmer, mindestens aber die öffentlichen Lokale, dürsten nicht trocken ausgefegt, sondern sollte» täglich mit einer stark desinsizirenden Flüssigkeit aufgewischt werden, besonders Fabriken nnd Tanzlokale. Mit derselben Flüssigkeit müßte das Geniiille begossen werden. Besondere Sorgfalt sollten Diejenigen answcnden, die in enger Gemeinschaft mit einem Schwind- süchtigen leben. In solchen Hansständc» sind auch die Gefäße und Geräthe, die beim Essen mit dem Mund des Kranken in Berührung komme», sorg- fällig mit Desinfektionsmittel», mindestens aber mit Seife abzuwaschen. Diese Maßregeln allein würden ausreichen. Wünschenswerth wäre es allerdings, wenn Jeder, vorzugsweise aber allgemein schwächliche und brnst- schwache Personen, wenigstens jedes Jahr einmal ihre Lungen nnlersnchen ließen, damit die etwa sich einstellende Tuberkulose in den frühen, heilbaren Stadien erkannt wird. Menschen mit schwacher Brnst oder solche, deren Eltern oder Geschwister Schwindsucht haben, sollten keinen Berns erwählen, in dem sie in staubiger Lust und gebückter Hai nng Massenarbeit verrichten müssen. Turnen, Schwimme» und freie Luft sind der beste Schutz, und Vernunft- gemäße Abhärlnng ist zehnmal besser als Verweich- lichniig hinter dem Ofen. Bei Einführniig und Befolgung aller dieser Maß- regeln wird die Zahl der Schwindsüchtige» von Jahr zu Jahr geringer werden, und schließlich wird die Krankheit vielleicht ganz oder fast ganz von der Bildfläche verschwinde»; heute aber haben wir noch Hnndcrttansende, die ihr verfallen sind; auch bei Manchem, der dies hier liest, hat sie schon, ohne daß er es bemerkt, ihr geheimes Werk begonnen. Tnberkelbazillen, die in die Lunge eingedrungen sind, zu vernichten ohne Zerstörmig der Lunge selbst und ohne das Leben des Betreffenden zu bedrohen, ist unmöglich: in diesem Versteck von GeWebs- iriinimern und käsigen Massen, mit denen sich die Bazillen hier verbarrikadirt habe», ist ihnen nicht beiznkonimen; man hat Einathmnnge» aller möglichen desinsizirenden Gase versucht, von den harmlosesten bis zu den schärfsten— vergeblich! Die Bedentnng des„Kreosot", welches, innerlich genommen, einen günstigen Einfluß haben sollte, tritt mehr und mehr in de» Hintergrund. Im Jahre 1690 erfand 5i'och das Tnberknli», einen Stoff, der, ans den Tnberkelbazillen selbst hergestellt, den schon a» Tuberkulose erkrankten Menschen gegen die Krankheit fest,„immun" machen sollte; mancher Kranke, der sich mit Todesangst an diese letzte Hoffnung anklammerte, mußte sich bitter enttäuscht sehen.— Der Weg freilich, den Koch eingeschlagen hat, ist der allein richtige; nur durch die Stoffe, die die Bazillen selbst oder die der Körper im Kampfe mit ihnen erzeugt, ist die Wirkung der Bazillen ans den Menschen und im Menschen zu beeinflnssen; diese Erkennlniß, die Lehre vom Heilserum, ist ein Triumph der»encre» Wissen- schaft.— Koch ist vor wenigen Wochen mit einem »encn Tuberkulin-Präparat vor die Welt getreten; aber ob dieser Neltnngsanker Stand halten wird, oder ob die Lösung dieses Geheimnisses der Nachwelt vorbehalten bleibt, wer könnte das jetzt schon bc- nrtheilen? Sollte das Mittel das Schicksal seines Vorgängers theilen, dann sind wir mich weiterhin 244 Pic Acue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. dcira»f angcivicscn, dic Schwindsucht dndiirch z» bc- kniiipfen, des; ivir den Körper krnfligen nnd unter- sliieen. Wird die Krankheit in frühen Stadien erkannt, so sind für den Lcriiiögcndc» die Aussichten ans Hcilniisi nünsti�; er kann aufs Land, ins Gc- birge, naäi dein lieblichen Tabvs oder nach Aegypten reise», cdcr kann sich in der Heilanstalt Görbcrsdorf im Waldenbnrger Gebirgskessel, niittcn im Walde nnd rings von Bergen eingeschlossen, bei bester Pflege Ruhe nnd Erholung suche». Anders der, den die Natur stiefmütterlich in die Wiege des Proletariers gelegt. Ihm bietet sich die helfende Hand erst dar, wenn er so krank nnd schwach ist, dast wenig Hoffnung mehr vorhanden,- dann kommt er ins Krankenhaus, um es oft nur auf kurze Lcit oder garnicht mehr zu verlassen. Hier ist der Punkt, wo wiederum die Gesetzgebung eingreifen in»b. Was nützt es, dem armen Schwer- kranken noch ein paar Atonnte das sieche Leben zu sristen? Früher muß die Hülfe kommen, so lange noch Zeit ist: große, öffentliche Heilanstalten müßten entstehen, in die der Schiviudsüchtige im Beginn der Krankheit umsonst aufgenoinnien wird; mitten im Walde, unter bester ärztlicher Leitung, mit Bädern, Turn- und Spielplätzen, müßten diese Ansiedelungen liege»: ein Aufenthalt von wenigen Monaten oder einem Jahr würde meistens genügen, um die bc- ginnende Schwindsucht fast völlig zum Ausheilen zu bringen. Es ist die Frage, ob sich das viel kostspieliger stellen würde, als das jetzige Verfahren: denn der schwindsüchtige Proletarier reift doch all- mälig dem Krankenhans entgegen und ist ans die öffentliche Wohlthäligkcit angewiesen. Wir müssen unseren geplagten Arbeiterstand kräftig und gesund erhalten! Vorlänfig ist das noch ein schöner Traum der Zukunft. Was soll also jetzt der mittellose Schwind- süchtige thnn? Er soll selbst seinen Körper stählen! Wenn er bis spät in die Nacht in staubigen Kneipen sitzt nnd sich ivomöglich die Woche zweimal betrinkt, so wird sich dies bald schwer an ihm rächen. Er innß möglichst lange Schlaf haben, an schönen Tagen jede freie Stunde znm Spazierengehen benutzen und sich auch durch kalte Tage nicht abhalten lassen; in rauhem, feuchtem Wetter soll er dagegen sehr vorsichtig sein. Jeden Morgen und Abend reibe er sich die Brust kalt ab, nehme öfters ein kühles Bad nnd Härte sich ab. Noch schwieriger ist die Frage der Ernährung; es fehlt dem Arbeiter meistens die genügende Eiweißziifuhr; als eiweißreiche und dabei sehr billige Kost ist zu empfehlen: der gewöhnliche Käse, die abgerahmte Milch(Magermilch), von der der ganze Li:cr nur fünf Pfennige kostet, und der grüne Hering. Von pflanzlichen Nahrungsmitteln sind am eiweißreichsten die Erbsen, die man sich allerdings sehr leicht zum Ilcberdrnß ißt. Der Schwindsüchtige muß sich Stunde für Stunde bewußt sei», daß eine Schwächung des Körpers, eine mangelhafte Ernährung, eine Ansschweifnng sehr oft gleichbedenlend ist niit einer Wendung zum Schlimmeren; daß dagegen eine vernunftgemäße Be- köstigung, frische Luft und kaltes Wasser den Körper dem Siege entgegen führen. Diesen Grundsätzen Verbreitung in den weitesten Volksschichten zu vcr- schaffen, ist Aufgabe jedes wohlwollenden Menschen und vor Allem der Presse. Immer nnd immer wieder sollten Belehrungen ausgehen, immer wieder den billigen Fordeinngcn der Gesundheitspflege Aus- druck verliehen werden. -— S ctz n i h e l'.— Manchem König, gras) nnd mächtig, Schns man Säulen, hoch und prächtig, Zu verkünden seine Stärke, Seine Thaten, seine Werke, Doch die Säulen sind gebrochen; Lüge war, was sie gesprochen, Und was lügenhaft und schlecht Stürzt die Zeit � sie ist gerecht. Lcdc sind die Königsgräber heute, Niemand fand sich, der den Bau erneute. Doch, ja doch! tzxA drückt durch aller Zeiten Laus Ihres Landes Fluch als dunkle Säule draus. Pclöfi. H e utsch e Hp räch b e lustig ung en. Sechste Hampfel. Von Zilcmfred W i t t i cH. achträglich zu dem in der letzten Plauderei Vorgebrachten über die höher gewcrthctcn Personen und die ihnen znerkamiten ehrenden Bezcichnngen trage ich hier noch Eins nach. Im 12. Band der Germanistischen Forschungen brachte Franz Schroller eine Arbeit: Zur Charakteristik der schlcsischcn Bauern. Darin findet sich folgende höchst interessante Darlegung: „Eheleute gelten für jüngere llnverheirathete selbst- verständlich als Nespcktspersonen, denen man das ehrenvolle Ihr ziierkennen muß. Diese Auffassung dep, ich möchte sagen, höheren Würde der Ver- hcirathcten ist überhaupt dem Landvolk eigen. Wie man ein unverhcirathetcs Weibsbild noch bis vor einigen Jahrzehnten als das Mensch— bis das Wort einen verächtlichen Beigeschmack erhielt— be- zeichnete, so will man einer nnverheirathetcn Manns- Person heute noch nicht die Bezeichnung Nimm zuerkennen, auch wenn sie schon im Grciscnaltcr steht und Haus nnd Hof, Amt und Würden hat. Man will sie Herr nennen, aber nicht Mann, denn Nimm kann nur ein Verheiralheter sein, lieber diese Ans- fassnug gcrieth ich vor einigen Jahren mit einer Bauersfrau beinahe in Streit, als ich einen öOjährigcn Junggesellen, der seine 80 Morgen Land bcwirlh- schaflete und Gcmcindcschöffe war, als Mann be- zeichnete.„Dos is ka Moan," siel die Frau rasch ein.„Was, kein Mann? Nun, was ist er denn, er ist doch keine Frau?"—„Na, a Kalle(Kerl) is a, aber ka Moan, wenn där a Moan wär, müßt ha a Weib Haan. War ka Weib Hot, is ka Moan. Sulche Leute neuna mir lcdige Kalle." Es liegt aber in dieser Auffassung mehr als Ue Achtung vor dem Verhciratheten, es liegt darin die dem Bauern nnbewnßt innewohnende Anerkennung und Werth- schätznng der Familie, die für ihn ohne die Ehe garnicht denkbar ist. Daher stehen„der Kalle" nnd „das Mensch" als familienlos eine Stufe tiefer als die Eheleute und werden mit Du angeredet, während man diesen das Ihr zukommen läßt."—— Heute wollen wir uns mit einem anderen Gegen- stand, der den Anredeformen am nächsten verwandt ist, mit dem Anreden in Hanptwortform, beschäftigen. „Guten Tag, Herr Müller!" So sprichst Du, lieber Leser, nimmst höflich den Hut ab und nickst dem Nachbar Ntüller freundlich zu und neigst dazu Dein Haupt ein wenig, oder vielleicht sogar ein Stück des Rückgrats mit. Du bist ein Sohn des 19. Jahrhunderts wie nur Einer— aber mit Wort und Geberden hast Du da eben ein Stück mittelalterliches Ritterthnm ans- geführt oder, wenn Du lieber willst: mimisch-plastisch- rhetorisch znm Vortrag gebracht nnd aufgeführt. Das Abnehmen des Hutes ist ein verblaßtes nnd verlümmertes Zeichen der Illiterwcrsnng einem stärkeren, siegreichen Feind gegenüber. Nach mallem Kriegsrecht gehörten alle Schutz- und Trutzwaffcn, die ganze Rüstung des Unterliegenden dem Sieger. Der Helm, der Sturmhnt war nicht das unwcscnllichste Stück; mit seiner Hingabe entblößte man das Haupt, den wichtigsten, edelsten Thcil des menschlichen Leibes, den Wohnsitz des Verstandes, an den zugleich die Werkzeuge von vieren der fünf Sinne: Gehör, Gc- ficht, Geruch und Geschmack, örtlich gebunden sind. Diesen Theil gab der Besiegte tvohl zuerst der Macht nnd Willtür des Siegers preis. Er sagte mit dem Abbinden des Helmes: Ich bin in Deiner Gewalt, Du darfst und kannst mir den Schädel einschlagen, nnd ich muß Dir sogar den Weg dazu frei machen! Thii, was Rechtens! Auf Entwaffnung nnd Unlcrwcrfung deuten alle Formen von Grüßen und Ehrcncrweisungen hin. Das Anlegen der Finger der Rechten an den Helm, wie es bei den heutigen Soldaten üblich ist, dürfte eine Bewcgnng sein, welche das alte Abnehmen des Helms ritterlicher Zeit nur in der bepncmsten Verkürzung sinnbildlich nndcnten soll Auch das Präsentiren des Gewehrs ist eigentlich ein Waffenstrccke», Andeutung der Abgabe der Waffe an den Sieger(hier an jeden Höhergestellte»), dem sie einst von Fanstrechls wegen gehörte. Die alte Art zu„präsentiren" bestand darin, daß man mit der Rechten das Gelvehr faßte nnd den Arm wagerecht seitlich ausstreckte, indem der Kolben ans dem Boden stand; auch das ist offensichtlich eine Sclbstcnlwaffnnng. Von den Persern erzählen die alten griechischen nnd römischen Autoren, wenn sie ihrem Schachiuschah sich nahten, hätten sie die Pflicht gehabt, den rechten Arm in den linken, den linken Arm in den rechten der beiden langen Aerinel ihres Hofgewandes zu stecken, nnd so hätten sie die Arme fest über der Brust verschränkt halten müssen. Das ist eine sinn- bildliche Fesselung der Arme, wie sie einem Kriegs- gefangenen zukommt, und dem Selbstherrscher Pcrsicns gegenüber war jeder llntcrthan nichts mehr. Eine sprachliche Audcutnng der Uiiteriverfnng ist das Wörtlein Herr, ebenso wie das. Abnehme» des Hutes. Ursprünglich ist dasselbe die Steigernngs- form zu dem alten Eigenschaftswort lxK. das dem neuhochdeutschen hehr entspricht;»nd es bedeutet demnach hehrer; althochdeutsch lläroro und dann lißrcro, inittelhochdentsch lieno. Formelhaft redete man den Anderen an: derro min. d. h. eigentlich: Du, der Du höher bist, als ich. Auch diese sprachliche Wendung knüpft an das Bild an, welches ein Kämvfcrpaar nach dem Siege des Einen gab: der Unterliegende am Boden, der Sieger ausrecht stehend oder, wenn sie Beide zu Falle gekommen sind, ivcnigstcns über ihm liegend oder sich schon iviedcr ausrichtend, so daß er höher in ganz sinnfälliger Bedeutung des Wortes ist als der Andere. Aber man gab den Herrentitel auch Leuten, bei denen man nicht erst die Probe machte, ob man ihnen unterliege an Kraft, um damit höflich an- zndente»: wenn wir kämpfen wollten, so würdest Dil nach meiner Ucbcrzengnng siegen. Es ward Anrede des Jüngeren allen Aelteren, des ans der Stände- stttfcnleitcr niedriger Stehenden allen Höherstehenden gegenüber. Wenn Allers- nnd Standesgleichc sich Herr anredeten, so traten sie ans Höflichkeit„mit dem Mnnde" ans der rechtlichen nnd sozialen Standes- glcichheit heraus, um dem Anderen etwas Angenehmes, eine Schmeichelei zu sagen. Im Hildebrandsliede heißt es, wo Vater und Sohn zusammentreffen: Hildebrand redete(nämlich zuerst, denn), er war der hehrere Mauil. Hadubrand überläßt also seinem Vater das Wort zuerst, wie es dem Höheren gegenüber die Sitic erforderte. Ein Dienstvcrhältniß findet zwischen den Beiden nicht statt, eine Kraftmessung hat zwischen ihnen auch»och nicht stattgefiiiiden, und da Hadn brand in seinem Gegner auch nicht seinen Vater kennt, ist diese Anrede auch nicht kindliche Unter- ordnung, sondern einfach die unter das höhere Alter. Diese Vorstellung, daß das Alter an sich höheres Ansehen verleihe, weil Erfahrnng und Ucbnng in allen Lebcnsfcrtigkeitcn niuthinaßlich mit ihm verbunden angenommen tverdcn, herrscht auch in dcni Gebiete der romanische» Sprachen. Das französische Scigncur, das italienische Siguorc, das spanische Senor gehen auf lateinisch Senior, d. i. älter, zurück, das schon im frühen Mittelalter den Sinn: Herr, Gebieter, Herrscher hatte. In dem Berichte eines lateinischen Chronisten über die Absetzung Karls des Einfältigen heißt es: Die Vornehmen der Franken vertrieben ihn, daß er nicht ferner ihnen wäre sonior, d. h. eben, daß er nicht ferner über sie ein Herr wäre. Wie das französische Scignoiir beim Ucbcrgang ins Englische zu Sm-<; zilsammenschrumpfte, so verkümmerte im Mittelhochdentschen die Anrede oder Bezeichnung Herr vor einem Eigennamen zu er. Aus diesem in der Schrift nnrerstandenen Wortwrack machte man später, indem man es fälschlich mit öio, d.i. Ehre, zusammenbrachte, Wendungen wie: Ehren Voß, Ehren Stieber, Ehren Tausch, mit humoristisch- satirischem Anklang. Herr ist in mittelhochdeutscher Zeit die allgcme'ne Anrede an Leute ritterlichen, adeligen Stankes: Die ritterbürtigen Sänger und Dichter, Wolfram von DMMW DWWWDWMWWMIWM» 24« Di» Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Eschciibech, Waltcr tivn der Po�cllvcide usw., werden Herren gcnmint. Es wird aber nnch fnr den In- hiiber der allerhöchsten Sprosse einer gesellschaftlichen Stufenleiter gebraucht: Herr König, Herr Papst; ja sogar für Gott. Da tritt es ein für die ehemals üblichen Worte Frö lind trelitin, welche beide mich wieder Herr und Gebieter bedeuten, letzteres speziell den Kriegsfürste», im Atittelhochdentschen immer nur »och Goit bezeichnend. Ersteres ist noch erhalten in den nenhochdeutschen Worten: Frohne iursprüiiglich cigenschaftswortartig gebraucht und meist in Zu- samnieusetzungeu), der Dienst, welchen der Bauer dem Herrn(frö) schuldig ist, Frohnhof gleich Herren- Hof, Frohnleichnamsfest gleich das Fest, bei dem der Leichnam des Herr»(Christi) in Gestalt eines Sinn- Hildes umgetragen wird, Frohnbote gleich der Bote und Bevollmächiigte eines Gerichtsherrn. Ein Hcrrenwesen weiblichen Geschlechtes hieß in mittelhochdeutscher Zeit frouwe, woraus unser Frau entstanden ist. Als Frau wurden aber nicht nur, wie heute, vcrheirathetc, sondern auch unvermahlte Herrinnen angeredet. Ein Uebcrbleibsel davon noch heute: Frau Äebtissin, an eine K'lostervorstcherin ge- richtet, selbst wenn sie bei ihrem Eintritt ins Kloster bis zur Erlangung ihrer Würde unvermahlt blieb. Die alte Kraft des Wortes Frau wirkt noch nach in den« Gebranch des Wortes im Munde von Dienst- boten, die da sagen:„unsere" Frau, oder die Frau ist ausgegangen, die Herrin ist nicht da, wenn Jemand kommt mit einem Auftrage oder einer Frage, für deren Erledigung sie sich nicht für zuständig und bevollmächtigt halten. Fräulein, um das gleich mit zu erledigen, ist bekanntlich die Verkleinerungsform zn Fran, be- zeichnet also eigentlich eine kleine Fran,»nd dann, wie diese Verkleincrungsforinen alle, dient es dazu, Liebkosung und Schmeichelei auszudrücken. Fnmdin, die mittelhochdenlsche Form für Fräulein, bedeutet aber schon im Miitelalter ebenso wie juncfrouwe, eine zum Dienst einer Fürstin bestellte junge Dame; von dieser Stufe sank das Wort allmälig in nenerer Zeit herab bis zu der Bedeutung eines besser als andere gewöhnliche Dienstboten gehaltenen dienstbaren Wesens;„Stütze der Hansfrau", sagt man ivohl heute dafür. So spricht man noch in kleinen Städlen auch von Ladenfräulein, Schnlfräulcin usw. Bei Fräulein finden wir wieder einen Wider- streit zwischen natürlichem und grammatischenl Ge- schlecht; man sagt von einem Fräulein gleich richtig: „sie ist ausgegangen," und:„es ist ausgegangen," je nachdem man das Eine oder das Andere damit bezeichnen will. In der Zeit, wo französischer Geschmack, fran- zösische Gesellschaftsformen und Formeln bei»ns überhand nahmen, wurden auch die jenseits des Rheins üblichen Anreden moiisiour,»irnlame, inailc- moisclle bis in volksmäßige Kreise hinein üblich. Es ist ein Beweis der Volkskritik, wenn heute noch von einem Mosjöh gesprochen wird, um damit einen anmaßenden Windbeutel oder einen Schelmen leichter oder schärfer tadelnd zu bezeichnen. Das noch vor etwa 20 Jahren sehr verbreitete Anreden von Frauen mit Madam ist heute durch die alte Fori» Fran ziemlich ganz verdrängt und ivohl nur noch in kleinen Landstädtchcn üblich. Ans der Mademoiselle ward bekanntlich Mamsell, das vielfach so noch, wie Fräulein ts. o.) eine bessergestellte Dienerin bezeichnet, die ein Vertrauens- amt mit gewissen Herrschbefngnissen inne hat. So spricht man: sie ist Mamsell auf dem Gute, d. h. Schnfferin, Wirthschaftsführerin an Stelle oder zur Seite der ordentlichen Herrin. Da wir vom schönen Geschlecht nun einmal reden, fügen wir noch ein merkwürdiges Wort hinzu: das Frauenzimmer. Heute hat dieses Wort eben keinen guten Klang mehr. Ich möchte es dahingestellt sein lassen, ob man sich nicht einer erfolgreichen Bc- lcidignngsklage aussetzt, wenn man es einer Zeit- gcnossin gegenüber z» brauchen sich einfallen ließe in unserer klage- und verurtheil»ngslustigc» Zeit. Da hat Eine der Anderen, wie diese wenigstens meint, ein gebranntes Herzeleid angethan und die Beleidigte bricht ans in den Ruf:„Nein, so ein Frauen- zimmer!" In diesmi Zusammenhang und Sachverhalt ist damit nichts weniger als eine Ehrling ausgesprochen, sondern angedeutet, daß die so Bc- zeichnete allerlei,' namentlich geschlechtssittliche Makel an sich habe. Davon liegt ursprünglich durchaus nichts in dem Worte; noch Lessings kreuzbraver Wachmeister Werner tju dem Lustspiel„Minna von Barn- Helm") darf die von ihm so heißgeliebte Zofe, der Heldin des Stückes, Franziska, in allen Ehren fragen:„Was will sie denn, Frauenzimmerchen?" Das Wort bedeutet ursprünglich(ganz wie das durchaus niit ihm übereinstimmende altgriechische gynaikeion) das Zimmer, in welchem die Hansfrau mit dem weiblichen Thcil der Hausgenosscnschaft sich aufhielt. Weiter bedeutet es aber auch die sämmt- lichen Insassen dieses Wohnungstheiles, die Ge- sammthcit der weiblichen Wesen eines Hansstandes, namentlich eines großen. So sagt der prächtige Erzähler nnd Sittenschilderer Grimmelshausen«zur Zeit des 30jährigen Krieges): das Frauenzimmer stund auf und verfügte sich in sein Gemach(also wiederum das Frauenzimmer in seiner ursprünglichen Bedeutung oder jede in ihr eigenes). Auch heute noch nennen wir einen Raum, um die darin weilenden Menschen zu bezeichnen: das ganze Theater brach in Jubel des Beifalls ans, das ganze Land empörte sich, das ganze Haus ist in Alarm, der ganze Hof brach nach Versailles ans, die ganze Klasse erhielt von dem Lehrer eine Strafe usw. lind gerade so wie einst das Wort Burse, Bursche, die Gesammtheit einer Anzahl beisammen wohnender Studenten, auch ein Mitglied dieser Gesellschaft zu bezeichnen diente, so im l«. Jahrhundert auch Frauenzimmer eine einzige Insassin des gynaikeion«. Der äußerste Gegensatz dazu ist der Gebranch der Wendung: das Frauen- zimmer, so daß es sämmtliche Frauen einer Stadt, eines Landes, ja der ganzen Erde bezeichnen soll. Den Schimpfgehalt des Wortes betreffend sei bemerkt, daß unsere meisten Schimpfwörter urspriing- lich diesen Beigeschmack nicht hatten, sondern»r- sprünglich zwicschlächtig, neutral gewesen sind, d. i. kein bestimmtes Urtheil in Lob oder Tadel ans- sprachen, ja zuweilen sogar oft ehrenden Sinn nnd Gehalt hatten. Vom Schimpfen und vom Kosen in unserer Sprache vielleicht ein ander Mal. Das deutsche Handwerk ulid die öffentliche Meinung. Vv» Adolf Lubnow. �or Kurzem hat eine der größten Enqnetcn, die in den letzten Jahrzehnten zur Er- forschnng nnsercr ökonomischen Verhältnisse unlernomme» worden sind, ihren Abschluß gefnnden: die Untersuchungen des Vereins für Sozialpolitik Über die Lage des Handwerks in Deutschland. In nenn stattlichen Bänden liegen die Ergebnisse dieser Untersnchnngen vor: mehr als hundert Mono- graphien, deren llntersuchnng?gebicte sich über das gesammte deutsche Reich' hin verthcilen. Man geht nicht zu weit, wenn man behauptet, das; erst mit dem längst erwarteten Abschluß dieser Enznete das Thatsachenmaterial, das für jede unbefangene Unter- suchnng der Lebensfähigkeit des deutschen Handwerks erforderlich ist, vorliegt. In dem Getümmel der er- bittcrten wirthschaftlichen Kämpfe, die in den Schlag- Worten„Handwcrkerfrage",„Schutz des Handwerks" nnd„Erhaltung des Mittelstandes" ihren Ausdruck finden nnd die auf die völlige Umändernng einer Reihe von wichtigen Bestimmungen unserer Gesetz- gebung abzielen, erscheint es für Jeden doppelt ge- boten, seine Stellungnahme nicht durch die Wünsche nnd Begierden der Parteien, sondern lediglich durch die Einsicht in die thatsächlichcn ökonomischen Vcr- Hältnisse bestimmen zn lassen. Und diese Einsicht wird— man darf sagen, erstmalig— durch die gedachten Monographien ermöglicht, die sich nicht mit der Beibringung trockenen statistischen Materials begnügen, sondern deren Verfasser zumeist bestrebt gewesen sind, den Handwcrksmann in seinem ge- sammten Milien in lcbeuswariner Anschaulichkeit darzustellen. Ob freilich die Resultate der Unter- snchnngen im Stande sein werden, die dichten Nebel zn zerstreuen, die Geschichte und EntWickelung drs deutschen Handwerks bis zur Gegenwart für die Augen Unzähliger verhüllen, erscheint überaus frag- lich. Der bedauerliche Uebelstand, der den weitaus größten Theil des deutschen Handwerkerstandes vcr- hindert, in eigener Sache klar zu sehen, ist nicht sowohl eine Verkenniing der Eigenart seiner ökono- mischen Position, als ein falsches Idealbild von der ehenialigen Größe nnd Herrlichkeit seines Gewerbes, nach dem er alle Wünsche und reformerischcn Pläne zu modeln bestimmt ist. In dieser Auffassung steht der Handwerkerstand keineswegs vereinzelt da: sie wird von der großen Menge des Publikums vollauf getheilt. In weiten Kreisen wird das mittelalterliche Handwerk als eine Art von Paradies gewerblichen Lebens betrachtet; allen Erwerbsthäligcn soll auf der Basis ausgleichender Gerechtigkeit und treuer Für- sorge der Obrigkeit für Alle ein sicherer und reich- licher Verdienst garantirt gewesen sein, die Bande eines schönen, patriarchalischen Verhältnisses sollen Meister, Gesellen nnd Lehrlinge umschlnngen haben. Hingegen soll das moderne Handwerk, zumal in jüngster Zeit, von der Aufhebung der Gcwerbefreiheit an, durch die Schuld einer leichtfertigen nnd über- eilten Gesetzgebung zum Stieflind einer doch für das Wohlergehen aller produktiven Stände verant- wörtlichen Regierung gemacht und in jeder Beziehung gegen Handel nnd Industrie zurückgesetzt worden sein. Die eine Anschaunng ist indeß so falsch wie die andere, llntersnchcn wir zunächst das Idealbild von der Blükhc des mittelalterlichen Handwerks auf die Wirklichkeit hin. Eine richtige Benrtheilung des Handwerls und der ökoi omischeu Eigenarten dieser gcwei blichen Bc- triebsform wird mir durch seinen Vergleich mit den andere» Beiriebsforme» und die Kcnntniß seiner historischen Entwickelung ermöglicht. Nach Büchers neuerlicher Annahme, die den größten Anklang in der nationalökonomischen Wissenschast gefunden hat, haben wir fünf Belriebsformen in der gewerblichen Entwickelung zn unterscheiden, den Hansfleiß, das Lohnwerk, das Handwerk, das Verlags- und das Fabriksystem. Der Hausfleiß herrscht von den ersten Anfängen menschlicher Kultur bis spät in das Mittelalter hinein, etwa bis zur Wende des ersten Jahrtausends. Die Eigenart dieser Wirthschaftsform besteht, kurz gesagt, darin, daß sich der ganze Kreislauf der Wirthschaft von der Erzeugung des Gutes bis zu seinem Vcr- brauch im Rahmen der Hauswirthschaft vollzieht und daß Tausch nur ganz selten und lediglich zum Zweck der Ergänzung von Mängeln der eigenen Wirth- schaft durch die Güter Anderer eintritt. Die Wirth- schaft erstrebte also nichts Anderes, als die Deckung des eigenen Güterbcdarfs: Kapital im privatwirth- schafllichen Sinne war noch nicht vorhanden. Nur langsam vollzog sich der Ilcbergang von dieser, der geschlossenen Hauswirthschaft, zur Stadtwirthschast. Nach der wahrscheinlichsten Annahme voll;og sich dieser liebergang zuerst im Rahmen der Frohnhofs- wirthschaft. Nach diesem Wirthschaftssystcni bewirth- schaftet der Herr den Hof mit Unfreien; die Hörigen, zum Hofe gehörigen Bauern, die nicht Eigenthnm des Herrn waren, waren dagegen— nnd mit ihnen vielfach ihre Frauen— zur regelmäßigen Verrichtung gewisser Arbeiten auf dem Hofe verpflichtet. Die Güter wurden unmittelbar für die Bedürfnisse des Herrn erzeugt, der den Hof entweder selbst leitete oder durch einen Meier leiten ließ. Das Lohn- werk bildete sich nun ans der vielfachen Gepflogen- heil der Frohnlente heraus, in ihren freien Stunden an verschiedenen Höfen der Reihe nach zn arbeiten. Wir nnterschcidcn zwei Formen des Lohnwerks. Entweder verrichtete der Gewerbetreibende seine Ar- beit im Hanse des Konsumente» nnd erhielt dafür Natural-, seltener Geldloh». Diese Form des Lohn- Werks he!ßt Stör. Oder der Gewerbetreibende brauchte zur Ausübung seines Gewerbes einen stehen- den Betrieb. Dann wurde ihm das erforderliche Rohmaterial vom Konsumenten des anzufertigenden Produkts geliefert; den Lohn empfing er nicht als J Pic ZIeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 247 Tmielcihii, sonder» er iviirdc, �»»icist i» Naturnlicii, »nch der Anzahl der augcserligieu Stücke entlohnt. Diese Form des Lohnwcrks wird He im werk ize- naniit. Die nahe Verwandtschaft beider Wirth- schaflsforiiien init denen der geschlossenen Hans- wirthschaft ist unverkennbar. Die Ausbildung der dritten gewerblichen Betriebsform, die des Hand- werks, hängt innig mit dem Entstehen der Städte zusammen. Mit der Entlvickelung der gewerblichen Proditktion über de» uninittelbaren Bedarf hinaus und den ersten Anfängen der Geldivirthschaft macht sich das Bedürfnis nach regelmäßigen Märkten gel- tend. Ties Bednrsniß verursachte im Verein mit der Nothlvendigkcit eines besseren Schlitzes der Be- völkerung die Anlage von befestigten Plätzen, von Städten. Zu stetem Anfenthalt in diesen Städteli, eigentlich„Bilrgcli", waren die„Bürger" berechtigt; die Bauern besaßen das Bnrgrecht, d. h. sie dürf en bei Gefahren ili die Stadt flüchten. Biit den An- f.ingeu der Entlvickelnng des Slädtewcseus tritt eine Schcidnng zlvischen ständigen Gclvcrbctreibcliden nnd Bauern ein: es bildet sich alluiälig in den Städten eili Handwerkerstand. Die Eigenart dieser ge- werblichen Betriebsform besteht darin, daß der Pro- dnzeilt im Besitze sänimtlicher Betriebsmittel ist und sein Produkt uni eilten festen Preis in einem lokal begrenzten Absatzgebiet»ntcrbringt. Der Absatz er- folgt stets nnmittelbar durch den Prodnzellteii an den Koiisnmcuten: kein Mittelglied schiebt sich ein. Für die richtige Würdigung des mittelalterlichen Handwerks ist der Hinweis auf die Thatsache uner- läßlich, daß die Städte im Mittelalter, ans die sich ja die gciverbliche Produktion im Großen und Ganzen beschrälikte, durchweg einheitliche nnd in sich abge- schlossene Wirthschaftsorganisme» bildeten. Im Kreis- lailfe der Stadllvirthschaft erfolgte die Produktion der Güter, wurden diese verlheilt und konsnmirt. Daß eine derartige Wirthschaflsform nur auf der Äasis eines überaus sorgfältigen Ausgleichs der Interessen der Konsmnenten und Produzenten möglich war, liegt auf der Hand. Diesen Ausgleich herbeiznsühren und den gesaminten Produktions- und Konsuintionsprozeß in den Städten bis in die kleinsten Details zu überwachen, war die Ausgabe der Zünfte. Ihne» lag es ob, über Qualität und Quantität der gefertigten Arbeit zu ivachcn, alle Einzelheiten im Verhältniß zwischen Meister, Gesellen und Lehrling zu regeln, soivie alle Unbefugten in dem betreffenden Bezirke von der Ausübung des Gewerbes fernzuhalten. Ein derartiger, straff gegliederter Organismus, der zur Bliithezeit der Zünfte weit über die bloße gewerbliche Produktion der ihm Angegliederten hin- ausgriff, sondern dessen Einwirkung sich auf ihr gesammtes Leben erstreckte, war nur unter den primi tiven wirthschaftlichen Berhältnisse» des Mittelalters möglich. Mit der schnellen Entlvickelnng des Per- kehrswesens, der Erfindung der Eisenbahn und des Telegraphen, mit der Bcrvollkmnmnnng des Güter- nnd Briefverkehrs eröffneten sich der Pro- duktio» in rascher Folge immer neue Absatzgebiete, wnrde ihre Beschränkung ans einen kleinen, lokalen Markt hinfällig. Statt der„Knndenprodnkiioii" des alten Handlvcrkers, der fiir einen festen, ihni per- sönlich bckanntcn Kundenkreis für einen im Einzel- falle besonders vereinbarten Preis arbeitete, trat die Produktion für den Weltmarkt ein, die zumeist eine Reihe von Zwischengliedern zwischen Produzenten und Konsumenten einschiebt und deren Produkte jeder Schivauknng in den Weltmarktverhältnissen unter- ivorfen sind. Die oben genannten Faktoren haben im Berein mit einer Anzahl anderer, so dem raschen, allgemeinen liebergange von der Natural- zur Geld- wirlhschaft, der schnellen Bervollkonimnnng der»laschi- nellcn Technik, der Ansbildnug des Welthandels usw. das Handiverk in der Reihe der gewerblichen Betriebs- forme» in den Hintergrund gedrängt und dafür die Großindustrie geschaffen. Sie, die vor Allem auf dem Besitz eines großen, privaten Kapitals nnd einer ins Kleinste gegliederten Arbcitstheilnng basirt, hat sich in zlvei Formen entwickelt, im Bcrlag nnd in dcr Fabrik. Bei dem Bcrlag ianch Hausindustrie genannt) geht die Produktion zwar in Allem auf handwerksmäßige Weise vor sich, indcß erfolgt der Vertrieb ausschließlich durch Großhändler. Bei dem Fabrikspstem beschäftigt ein Unternehmer eine größere Anzahl von Arbeitern bei möglichst durch- geführter Arbeitslheilnng an demselben Orte; das Arbeitsprodukt durchläuft im Gegensatz z» dem Per- fahren bei den oben genannten Betricbsformcu eine lange Reihe von Händen bis zu seiner Bollendnng; der Handel gewinnt eine ungeahnte Bedeutung für die industrielle Produktion. Die angeführten fünf getverblichen Betriebs- � formen haben sich keincstvegs derart entivickelt, daß die eine die andcre abgelöst hätte: vielmehr bestehen sie alle noch heute nebeneinander, wenn auch die beiden letzte», zumal die Fabrik, den anderen auf dem Weltmarkt den Rang längst abgelaufen haben. Dcr Hansffeiß herrscht»och bei einer großen An- zahl von wilden Bölkerschaften vor; Heimwerk und besonders Stör sind neben einer Reihe von anderen Ländern auch noch vielfach in Deutschland, znmal in gebirgigen Gegenden, anzutreffen. Im größten llmfange und am reinsten hat sich, wenn wir von dem Verfall des Jilnungsivesens ab- sehen, in Prodnktions- und Absatzverhältnissc» das Handiverk gehalten, das freilich seit einer Reihe von Jahren einen erbitterten und, wie wir gleich hinzusetzen dürfen, einen für die große Wehrzahl der Gewerbe völlig aussichtslosen Kampf nm seine Ernst enz führt. Auf die Einzelhereu dieses Kampfes näher einzugehen nnd die Momente, die sür den baldigen, endgültigen Sieg des Großbetriebs fast auf dcr ganzen Linie sprechen, einzeln nnfznzählen, soll in einem späteren Aufsätze unsere Aufgabe sein. Rur so viel sei hier erwähnt, daß schon lange vor dem Erscheinen der Ilntersiichnugeu des Vereins für Sozial- poliiik die Thatsache feststand, daß das Kleingeiverbe zum iveitans grös tcn Thcile unrettbarem lintergange verfallen sei; nicht minder mußte sich freilich auch jedem Ilnlefangenen die l'eberzengnng ausdrängen, oaß dcr Großbetrieb seinen Sieg in keiner Weise der Anwendung verwerflicher, auf dem Wege gesctz- licher Repression zu beseitigender Mittel verdanke, sondern daß es sich»in die nothwcndigen Konfe- quenzen einer nach iinabänderlichen Gesetzen erfolgen- den, jahrhundertelangen wirthschaftlichen Entlvickelnng handle. Leider hat sich der deutsche Hand- iverkerstand mit recht Ivenigcn Ansuahmeil dcr Anschauung, daß in einem Zeitalter der Weltwirih- schast für die getverblichen BetricbSformeu, die in der Periode der geschlossenen Sladtivirthschaft gewiß ihre Berechtigung hatten, kein Platz sei, gänzlich verschlossen nnd sein ganzes Heil auf eine, ans dem Wege gesetzlichen Zwaiiges zu erfolgende Wieder- erlvccknng der alten Znnstherrlichkeit gesetzt. Dieses tvnnderliche Idealbild von der Pracht und dem Glänze der alten Zunftzeit, das heute in den Köpfen dcr weitaus nieiste» Handtvcrker nnd Hand- werksfreunde spukt, pflegt gemeiniglich als schlechtweg „romantisch" bezeichnet z» werden. Pia» kann indcß noch einen Schritt iveiler thnn iitid seine Entstehung in die Periode der Romantik in der deutschen Lite- ratnr, an die Wende des. vorigen Jahrhunderts, verlegen. Die deutsche Literatur hatte in jencr Zeit, des nüchternen Rationalismus nnd dcr unergnick- lichen politischen Zustände in den deutschen Landen überdrüssig, der Gegenivart verdrießlich den Rücke» gekehrt und sich Hals über Kopf in das deutsche Mittelalter gestürzt. Dort glaubte sie Alles, was ihr Herz begehrte, zu finden: aufrichtige Fröunnig- keit, ein vom Geiste ivahrer Poesie geträn tcs Leben bei Vornehm nnd Gering, eine starke Kaiser- und Fürstenmacht nnd einen kräftigen, blühenden Bürger- stand. In dcr ersten Zeit wurde namentlich der Ritterroman knltivirt, bald aber wurde auch das deutsche Handiverk von den zumeist jeglicher wirth- schaftshistorischen Kenntniß baren Schriftstellern der Romantik bei der Wiedererweckung der Mittelalter- lichen Herrlichkeit in Literatur nnd Kunst in den Vordergrund gerückt nnd mit einem leuchtenden, poetischen Nimbus nmgebeu, der sich auch auf die Schilderung der materiellen Verhältnisse des mittel- alterlichcn Handlverks erstreckte. Das Leben des deutschen Handwerkers vom vierzehnten bis zum scch- zehnten Jahrhundert erscheint in fast allen der ge- nannten Li eratnrperiode angehörenden einschlägigen Nomaneil und Erzählungen als ein wahres Schla- rasfendasein. Sein Einkommen ist mehr als reich- lich, seine Wohnung strotzt von köstlichem Geräth aller Art, ein inniges, patriarchalisches Verhältniß verbindet ihn mit seinen Gesellen und Lehrlingen, für die er liebevoll wie ein Vater sorgt. Solche nnd ähnliche in der romantischen Literatur vielfach niedergelegte Anschanungen und Schilderungen des mittelallerlichen Handlverksmanncs, die mehrfach hohen poetischen Werth besitzen— ich erinnere nur � an Eallot- Hoffmanns prächtige Erzählung „Meister Martin nnd seine Gesellen"— haben den größten Einfluß auf die Vorstellung vom mittelalterlichen Handwerk im großen Publikum nnd namentlich in den Handiverkerkreisen selbst ausgeübt. Zudem hat sich die deutsche, nationalökonomische Wissenschaft erst verhältnißmäßig spät mit der Erforschung dcr ökonomischen Zustände im Mittelalter lichen Handwerk zu beschäftigen angefangen: erst in der zlveiten Hälfte unseres Jahrhunderts sind die wichtigsten nnd für unsere Kenntniß der Gewerbe in früherer Zeit grundlegenden Schriften erschienen. Es fragt sich nun, ob die Zustände im mittel- alterlichen Handwerk in der That dazu angeihan sind, den Reid der heutigen Handwerker zu erregen nnd ob eine Ernenernng des alten Zunftwesens selbst weiin diese sich den Fortschritten dcr wirth- schaftlichen Entwickelnng nnbeschadet ermöglichen ließe — erstrebenswerth ist. Wir müssen diese Frage mit einem cnlschiedcnen Nein bcantlvortcn. Nur die Thatsache, daß von de» Ergebnissen der wirthschafts- geschichtlichen Forschung auf dem Gebiete des Ge iverbewesens so überaus wenig in die Tagce presse nnd unter das olk gedrungen ist, kann die noch immer andauernde, maßlose llebcrschätznng des alten Zunftwesens und der Blnthe des mittelalterlichen Handlverks erkläre». Jede, auch nur oberflächliche, Einsicht in die alten JnnnngSbiicher und Zin.ft- Urkunde», wie sie die Archive der meisten älteren deutschen Städte bergen, beweist das Gegen theil von dem vermeintlichen, nngetriibten Glück des Hand- lverkers in früherer Zeit. Wenn man auch mit einer gewissen Berechtigung von einer Bliithezeit der Zünfte sprechen darf, so hat doch diese Bliithezeit nur kurze Zeit geivährt: von der ersten Hälfte des vierzehnten bis zum Ende des fünfzehnten Jahr- Hunderts. Es war dies die Zeit der schnellen Ans- bildung des Städtewcsens nnd des großartigen Auf- schwnngs von Handel nnd Gclverbe, der namentlich den durch die Kreu-züge gewonnenen Beziehungen zu der morgeuläudische» Kultnrwelt zuzuschreiben ist. Ein weiteres Moment, das � Bedeutung nnd Ansehen der Zünfte lvährcud der' Daner dcr gedachten Periode vermehrte, war der siegreiche Ans- gailg ihres seit dem Beginn des vierzehnten Jahr- Hunderts mit der Allbürgerschaft, den Patriziern, geführten Kampfes um die Antheiluahme an der städtischen Verivaltnng. In dieser Zeit vermochte das Handiverk den Erlvcrbsthätigen einen bescheidenen Wohlstand und vor Allem eine gesicherte Eristenz zu verbürgen; Lehrling, Geselle und Meister bildeten aller Orten ein aufsteigendes Verhältniß: Der Lehr- ling wnrde nach Erledigung der vorgeschriebenen Lehrzeit Geselle, jeder Geselle hatte wohlbegrmidete Aussicht, dereinst in den Meisterstand einzutreten. Um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts hatten die Zünfte ihren Höhepunkt erreicht; von jener Zeit ab eilen sie mit schnellen Schritten ihrem gänzlichen Verfall entgegen. Gerade was die Zünfte in früherer Zeit, im Rahmen primitiver Wirthschaflsformen, groß gemacht hatte, sollte nun ihren Untergang herbei- führen; die ehedem heilsame Abgeschlossenheit nnd die auf die Durchdringung des gesaminten Ivirth- schaftlichen Organismus gerichtete Tendenz der Zünfte ivnrde zur Verknöcheriing und Pedanterie, sobald ein frischerer Hauch durch das wirthschaftliche Leben ging. Die Rieistcr sahen längst ihr Heil nicht mehr in fleißiger Arbeit und in der Erzielung technischer Fortschritte, sondern in starrem Festhalten an den überkommenen Verhältnissen und in der brutalen Niederdrückung jeglicher, für das gewerbliche Leben in seiner Äesamnilheir noch so heilsamen Konkurrenz. Der Eintritt in den Pieistcrstand stand bald mir noch den Verwandten der Meister offen: die krasseste ____ Die Neue Welt. Illustnrte Nnterhalturtgsbeilage. Beitcrnmichclci hielt den Zuzug frischen Blutes fern. Die wenigen.Höherstrcbeiideii nnicr der Meisterschaft drückte das Bestreben der Zünfte nieder, in Lehr- lingshaltnng. Umfang und Eigenart der Produktion, Einkauf der Rohstoffe:c. die größtmögliche Einförmigkeit obwalten zu lassen, damit Allen ein gleicher Gelvinn zufiele. So bietet denn das mittelalterliche Handwerk nach kurzer Blüthe einen nichts weniger als erfreu- lichcn Anblick dar. Der Verdienst der Geiverbe- treibenden war zumeist nur gering und genügte gerade zur Bestreitung der Bedürfnisse bei einer so niedrigen Lebenshaltung, wie sie der Handwerker während der zweiten Hälfte des Mittelalters be- saß. Der Einzelne war bis zu einem derartigen Grade Bestandthcil des Zunftorganisnins, daß von einer persönlichen Freiheit— in modernem Sinne— nicht die Rede sei» konnte. Gang und Umfang der Produktion waren dem Meister genau vorgeschrieben; die Bethätigung individueller Eigenart beschränkte sich bei einer langen Reihe von Handiverkcn auf ein Mini»»»». Auf das Verhäliniß zwischen Meistern und Gesellen lassen die Zunftakten in der Regel ein nichts weniger als erfreuliches Licht falle»; viel- fach inachte sich die Spannung»nd Zwietracht zwischen beiden Theilen in langdaneindcn, heftigen„Gesellen- aufständen" Lnft; Streiks sind in der mittelaller- lichen Gewcrbegcschichle durchaus nicht etivas so Seltenes, als man heute gemeiniglich annimmt. Ein genauer Kenner der einschlägigen wirthschaft- lichen Verhältnisse, Viktor Böhmert, trägt sogar kein Bedenken, die Handwcrksgcschichte des gestimmten vorigen Jahrhunderts schlechtweg als eine„Geschichte von Gescllenanfständen" zu charakterisiren(Beiträge zur Geschichte des Zunftwesens S. 49). Das „patriarchalische" Verhältniß zwischen Meister und Gesellen und Lehrlingen ist zumeist nur derart zu verstehen, daß auf Seiten des Erstercn alle Rechte, ans Seiten der Letzteren alle Pflichten waren. Ge- seilen und Lehrlinge standen unter doppelter, strenger Botmäßigkeit der Zunft und des Meisters; sie hießen im ganzen Mittelalter durchweg Knechte. Während in der ersten Hälfte des Mittelalters noch jeder Geselle Aussicht hatte,»ach Ablegung seiner Lehr- und Wanderzeit selbst Bieister zu werden, wurde späterhin durch die Beschränkung der Meisterstellen ein Gesellenstand geschaffen, dessen Lage der der untersten Schicht des heutigen Proletariats nur wenig nachgiebt. Jede Aussicht, selbstständig zu werden, ein eigenes Heim zu gründen, war ihnen benommen; sie waren zum ewigen Gesellenstande, zu steter, drückender Abhängigkeit vom Meister, verdammt. Dies sind in knappen Zügen die hauptsächlichsten wirthschaftlichc» und sozialen Mängel des mittel- alterlichen Hmidtvcrks, wie sie, aus eben dem System hervorgegangen, das unsere Heuligen Zünftler und Zuuftgenossen als erstrebenswerthes Ziel darstellen, in unzähligen Urkunden aus allen Zeiten des Mittel- alters und ans allen deutschen Orten eine so beredte Sprache zu uns führen, lieber das frühere Zunft- wescn deshalb ohne Einschränkung den Stab zu brechen, hieße freilich zu weit gehen. Es ist histo- risch geworden und auf gewerblichem Gebiete der naturgemäße sozial-korporative Ausdruck einer isolirten Wirthschaftsform, während deren Dauer es blühen und mit deren Schwinden es gleichfalls in Verfall gcrathen mußte. Jeder Versuch, unser gewerbliches X eben wieder in die engen Schranke» des mittel- altcrlichen Zunftwesens z» drängen, würde in absehbarer Zeit auch zu ähnlichen Konsequenzen ivie den oben geschilderten führen. Wenn übrigens eine Wiederbelebung der mittelalterlichen Blüthe des Hand- Werks lediglich durch eine den srüheren Zünften analoge Organisation möglich ist, so muß man sich immer wieder von Neuem verwundert fragen, warum der Handwerkerstand nicht schon längst ans eigener Jni- tiative die Schiilte gethan hat, von denen er Ge- snndung aller seiner Uebel erwartet. Aber in der Begründung des neuesten Gesetzentwnrfes über die Abänderung der Gewerbeordnung ist ausdrücklich ver- merkt, es sei den(jetzigen) Innungen nicht gelungen, den größeren Theil der Handwerker in sich zu ver- einen, und vielfach habe sich nur ein kleiner Bruch- theil zum Anschluß au sie bereit finden lassen: nach Maßgabe des vorhandenen statistischen Mate- rials sei nur ein Zehntel der Handwerker den Innungen beigetreten. Inzwischen dürfte sich die Zahl der freiivilligcu Jniiungen angehörenden Handlvcrker eher vermindert als vermehrt haben; um so größere Erfolge hat jedoch in der letzten Zeit die auf den Zusammenschluß sämmt- licher Handwerker zu Zwaugsinnungen abzielende rücksichtslose und in der Wahl ihrer Mittel nnbedenk- liche Agitation unter den Handwerkern zu verzeichnen gehabt. Je heftiger sich freilich das Verlangen des Handwerkerstandes nach der Zwangsinnnng und dem Befähigungsnachweis, dem anderen allheilendcn Mittel, Ausdruck verschafft, um so mehr vermindert sich sein Vertrauen auf die eigene Kraft. So er- klärt sich denn die bedauerliche Thatsache, daß der deutsche Handwerkerstand nicht schon längst den doch so naheliegenden Gründen für seine rasche lieber- flügelnng durch den Großbetrieb nachzugehen bestrebt gewesen ist, sondern neuerdings unter Adoption der Parole des Bundes der Landwirthe:„Schreien, schreien und nochmals schreien!" alles Heil von der Verwirklichung wunderlicher Utopien auf dem Wege gesetzlichen Zwanges erwartet. Aber gewaltige wirth- schaftliche Umwälzungen, die sich im Rahmen der gesammten Weltwirthschaft vollziehen, in einem zwar politisch, aber nicht ivirthschaftlich geschlossenen Gebiet mit einigen Federstrichen vom grünen Tische aus beseitigen zu wollen, ist ein thörichtcs und frevles Unterfangen, das sich an dem Staate, der sich zum Träger derartiger chimärischer Bestrebungen macht, früher oder später furchtbar rächt. Aus önii IfljrierUorlj der Zeit. Nicht heimgekehrt.(Zu»nscrei» Bilde.)„Nicht heimgekehrt", zwei kurze Werte nur,»nd doch welch' eine Welt von Schmerzen, ivelch' ein Meer von Thronen schliesien sie nicht eint Also doch nicht. Wochen lang, seit sie den letzte» Grnsz von ihm empfangen, ist sie ninhcrgelanfen, von der Kommandantur zum Biirgermeisleramt, vom Bürger- meisteramt zur Njegimentsbchörde, nni etwas mir, mir eine kurze, dürftige Kunde über ihn zu erhalten— stets umsonst. Mit fiebernde» Heinde» hat sie die Blätter er- griffen, die von neuen Kämpfen, neuen Bewegungen seiner Truppe berichteten— von ihm stand nichts darinnen. Fünf-, zehnmal hat sie brennenden Auges tagtäglich die Listen der Todten, der Verwundeten durchgelesen, Zeile für Zeile, Wort für Wort— sein Name befand sich nicht darunter. Und nun war es zu Ende, das grauenhafte, blutige Morden in Feindesland, der Friede geschlossen. Mälig kehrte» die Negimenter, stark gelichtet, heim in ihre Garnisonen. Und heute war der Tag, da auch die Schützen mit klingendem Spiel, mit wehenden Fahnen wieder einzogen in die kleine, festlich geschmückte Stadt. Wenn er viel- leicht doch darunter wäre, trotz alledem und alledem l Klopfenden Herzens, mit heijjen Wange» ist sie hinansgceilt, dem Z»g entgegen. Taub für die schmetternde» Weisen der Musik, taub für die jauchzende» Willkomniensrufe der Eltern, Schwestern, Bräute um sie her, ganz, ganz mir Auge, ist sie die Reihen ans- und abgeschritten, zweimal, dreimal... Jetzt sind sie Alle vorüber. Stumm, thräiicnlvs schaut sie ihnen »ach.— Und dann jagt sie noch einmal zurück. Noch einmal will sie es versuche». Hastig, mit keuchender Brust ringt sie sich durch die Masse». Immer entlang dem schier endlosen Zug der Krieger mustert sie noch ein- mal Glied für Glied, Mann für Mann Und wieder— Alles umsonst. Er ist nicht darunter, nicht heimgekehrt! Und jetzt ist sie wieder in der friedliche», stillen Werk- statt. Wie sie die Kraft gesunden, sich bis»ach Haus zu schleppen— sie weist es selber nicht. Aber nun ist sie auch zusammengebrochen unter der Last der Schmerzen. Einsam, verlassenl Nie kehrt er tvieder, nie, niemals. Wo er wohl ruhen mag? Sie weist es nicht und wird es tvohl nie erfahren. Nur Eines weist sie, dast er ihr genommen ist— hingestreckt, getödtet. Wozu? Wofür? Was soll es denn, dieses Morden von Vätern, Söhnen, Gatten? Welch ein Wahnsinn ohne Gleichen dieser Krieg? Was erheben sich ihre Schwestern nicht mit ihr, ein nncrmestlich Heer von Frauen, und werfen sich zwischen die Reihen der Kämpfenden, ihnen die Waffen zu ent- reisten, die sie ein höherer Wille gegeneinander brauche» heistt? O, wenn sie sie kennte, die eivig neu die Gluth des Hasses schüren, die zum Kriege trieben, der ihr den Gatten, den unmündigen Kleinen, die, nichts ahnend, zu ihren Füße» spielen, den Vater, den Ernährer raubten l Wie wollte sie ihnen flnchcn! Freilich, was vermöchte sie denn, sie, ein einzeln schwaches Weib! Und doch, wenn sie auch selber nichts vermag, wird fortan wenigstens ihr Fühlen, Teuken Denen zngchören, die, als Retter der gegnältcn Menschheit, aus ihr Panier in goldenen Lettern den grosten Bruderbund der Menschen, den ewigen. Frieden aller Völker geschrieben haben. Gedankensplitker.<ö=f- Historisch kann man einen R'cchtsgrmidsatz vielleicht erläutern, aber nie begründen. Tie Geschichte führt nur Thatsachen ans und Millionen einseitiger Thatsachen machen nie nothwcndig ein Rcckit, und wenn sie von der Siindstuth in nnnnterbrochencrKette herabgegangen wären. Was die Urbefngnisse der Menschen beleidigt, bleibt ewig Unrecht, und wen» man die Schrift(die Rechtsnrkunde dazu) vom Himmel bricht. Haben Sie die Gnade! heistt wirklich: Ich verdiene zwar das Zuchthaus, aber Sie werden mir schon eine» anderen guten lukrativen Posten geben, den ich nicht verdiene. Dem Himmel darf man Hohn sprechen, der dnldcts, denn er ist grost und seiner Allmacht und Weisheit gewist. Ter Atenschen Dünkel und äffische Göttlichkeit antasten, bringt Kelten und Tod. Den» sie sind klein und suhlen den Uugrnnd ihrer Aninnstungen. Sie schützen also Thor- hcit mit Laster und Laster mit Verbrechen. Unser Zeitalter ist eine Kette von öffentlichen In- famien, die Niemand empören; ein Beweis, dast das Zeit- alter die Infamie selbst ist. Die Kriege sind meistens Vvlkerinsamien, die erst durch die Friedensschlüsse recht liquid(durchsichtig, angt»- scheinlich) werden: oft ans einer Seite, oft auch auf beiden. Der Staat sollte vorzüglich nur für die Aermercn sorgen; die Reichen sorge» leider nur zu sehr für sich selbst. Scume. S ch n i h e t. Die Fanstarbciter sind verschwunden, Es schrieb die Hand der Faust das Recht, Die Hand hat ihre Ritter gefunden, Tic Handarbeiter sind verbunden Mit der Ritter vom Geist uraltem Geschlecht. Eins pflegt Ihr nicht zu bedenken, Ihr lieben Leute: Was gestern gut war, ist es Darum nicht heute. Den„Hund" übertreffen in Hundenatur, Fürwahr, das kann der Mensch doch nur. Und habt Ihr Soldaten, Kanonen und Geld, Die schönsten Erfolge in Gottes Welt, Und wärt Ihr Sieger in jedem Gefecht, So habt Ihr darum noch immer nicht Recht Herren sind ani meisten Ticnern gewogen. Von denen sie am meisten werden betrogen. Hosfmann v. Fallerslebc». Ersatz. Zu füllen die leeren Köpfe Haben sie Prunk und Geld; Zu füllen das ivcitc Herze Hast Du die weite Welt. Und haben sie Glanz und Ehren, Jegliches irdische Gut— So hast Du der himmlischen Schönheit Selig am Busen geruht. Ludwig Pfau. Nachdruck des Inhalts verboten? Alle für die Ütedaktiv» bestimmten Sendungen wolle man an Herr» G. Macasy, Leipzig, Oststraste 14, richten. Verantwortlicher Redalteur: Auslav Macasy in Leipzig.— Verlag: Hamburger Vuchdruckerei»nd Verlagsanstalt Atter& 6«. i» Hamburg.— Drucl: Mar Babing in Berlin.