Mg Das Alte stürzt, ?oiiett. Von HnnS Klimke. �5tit jenem GlVmze, dev dem Süden eigen, Kntüeigt der Mond der Wolken Sitberwagen Wnd teißt vor mir begrcrb'ner Seiten Sergen Arrs nt'ten Gempet'resten crufwärts steigen. � Iremdl'ing, komm! Lcrk dir Wergnng'rres zeigen! Kier stehst dn nngebroeli'ire Seiulen rngen, Die den Werfer ft mit stolzer Würde tragen; Htm sie wand sich des Hpfertarrzes Hteigen. (Servali'ge Kerrfcher fasten auf dem Throne, Sie wähnten sich an ihrer Kotier Stelle; Stuf troh'ge Wacht kam der Werfall zum Lohne. Weg ra den unter nrarmorirenr Ke rolle, Liegt da inr Staube eine gold'ne Krone, Sie einst gestrahlt auf dunklen Kaares Welle. Auf der Walze. Ans den Papieren eines Fechtbruders. Bon F. Nicbcck. (isarlsetzung.)_ f iner iliiperzeililichen Unwahrheit würde ich wich schuldig mache», wenn ich die Mast unter der _ Dornhccke als angenehm bezeichnen wallte. Dornröschen hat jedenfalls bequemer und auch weniger feucht gelegen, sonst wäre das liebliche Kind in kurzer Zeit elend umgekommen, und der priuzliche Ritter hätte es nimnielmehr wachküssen können. Ich hätte aicl lieber auf meinem Strohsack daheim in der Boden- kanimer gelegen, doch ich fühlte mich gezwungen, ein gutes Weilchen in der schauderhaften Lage aus- znharren. Hände und Gesicht schmerzten von den Stacheln, die mir bei dem jähen llntcrschlnpf in die Haut gefahren waren, und bei jeder Bewegung des Körpers hatte ich das Empfinden, als drängen mir immer neue Giftstacheln in's Fleisch. Und dennoch empfand ich es als höchste Wonne, daß es mir gelungen loar, meinen Feinden zu entrinnen. Ich lebte der festen Hoffnung, daß sie mich nicht auffinden würden, denn sie konnten ja nicht wissen, daß ich am Gnrtenzanne entlang gelaufen war, sondern sie mußten annehmen, ich sei in die Stadt geflüchtet. Trotzdem traute ich dem Frieden nicht recht und zog es vor, nicht so bald meine Schutz- höhle zu verlassen. Wie leicht konnten sie irgendwo muf mich lauern, und dann hatte ich durch eigene Schuld mein Glück verloren! Btehie närrische Seele vertrieb sich die Zeit, indem sie allerlei närrische Betrachtungen anstellte, ivahnivipige Gedanken spann und ebensolche Eut- schlüsse faßte. Zunächst bestand für mich nicht der leiseste Ziveifel, daß das ganze Unglück eine Strafe vom lieben Gott war. Ich hätte nicht mit heidnischen Empsindnngcn an der Kirche vorbcieilen, sondern eintreten und ein Stündlein der heiligen Gottes- mntter dienen sollen; dann wäre mir sicher das lang- ersehnte Sonntagsglück zu Thcil gelvorde». Wie dringend hatte ich nach den schiveren Anstrengungen der Woche eines Ruhetages bedurft. Und nun war ich am Tage des Herrn halblodt gehetzt tvordcn und lag da mit erschlafften Gliedern und zerschnn- denem, dorngcspickteni Leibe, wie ein abgeschiedener Sünder in der Lorhölle. Dabei mußte ich dem Himmel tausendfach Dan! sagen, daß die Strafe nicht unsäglich schlimmer ausgefallen Ivar. Wieder hatte ich den klarsten Beweis, daß Gott die Schicksale der Menschen lenkte, das Gute belohnte »nd das Böse bestrafte; doch zugleich hatte er mich erkennen lassen, daß seine Güte und Gnade groß sind, und daß ich noch nicht zu jenen Verwerflichen gehörte, von denen er sein Antlitz abwendet. Er hatte mich für meine Sünde sogleich bestraft, und so durfte ich nicht befürchten, noch im Jenseits Rechenschaft ablegen zu müssen. Das war ein Vor- theil und ein ganz netter Trost. Bei aller Streberschaft nach der Heiligenkroue ivar ich bei Tage ein eingewurzeltes Weltlind, und so wurden die Seelenheilsgcdankeu, die ich ans meinem Schmerzenslager unter dem Dornbüsche spann, bald überwuchert von Betrachtungen über mein irdisches Heil. Den breitesten Raum in meiner Gedankenwelt nahm der Schuster ein. Im Geiste sah ich, wie er suchend umherirrte, in der rührenden Absicht, mir das Geld wiederzugeben, das ich ihm gepumpt hatte, und mich zum Abendessen einzuladen, wie es vereinbart worden war; ich sah, wie er sich grämte, daß er mich nirgends fand, hörte, wie er fluchte»nd mich einen treulosen Menschen schalt... Aber ach! ich wußte trotzallcdem nicht, wo ich ihn finden konnte. Wie gern hätte ich ihn noch am späten Abend aufgesucht, den» auch mir lag viel daran, daß ich zu meinem Gelde kam, waren doch anderthalb Mark für meine Begriffe ein kleines Vermögen. Ich wollte ja sparen und viel Geld sammeln; zunächst bedurfte ich jedoch eines neuen Anzuges, neuer Stiesel und eines neuen Hutes; schon sah ich so zerlumpt aus, daß ich mich beinahe schämen mußte, Sonntags auf der Straße zu gehen. Auch gerieth ich unter dem Strauch ans den Einfall, daß es hohe Zeit sei, wieder an meine Unsterblichkeit zu denken. Mein Erstlingswerk„Das vertauschte Kind", harrte noch der Vollendung,»nd schon war mir im Laufe der Tage eine ganze Anzahl neuer Gedieh. stoffe in den Sinn gekommen, von denen mir vornehmlich zwei als großartig erschienen:„Die Hermannsschlacht" und„Die Sage von den sieben Galgen". Ich war entschlossen, berühmt zu werden und die ganze Welt in Erstaunen zu setzen; ich wollte der Menschheit zeigen, daß auch ein armer Tischlergesell ein großer Dichter werde» könne, wie Friedrich Schiller einer war, und ich wollte die Leute zwingen, mich ans der Straße voll Ehrfurcht zu grüßen»ud mir bewundernd nachzn- schauen. Als ein Jüngling von schneller That be- gann ich, ungeachtet meines Jamnierzustandes, mit allen Kräften zu dichten, und bevor eine halbe Stunde verrann, lagen mir die ersten Strophen der „Hermannschlacht" fix und fertig im Kopfe; sie waren schön und herrlich, wie ans Erz gegossen, und glockenhell klangen die Reime. Namentlich die dritte Strophe war ausgezeichnet gelungen, und ich deklamirte sie unzählige Male still vor mich hin, hin keine Silbe zu vergessen: „Heit'geS demscheö Vaterland, Ich will Dich beschirmen, Daß keines frechen Römers Hand Dich soll mit Macht erstürmen." Die Ileus Welt. Illustrirte Unterhallungsoeiluge» �53 Der Wohllaut dieser Verse berauschte mich fast, und ich trug ei» sehnliches Verlange», den ganzen Gcdichtanfang zu Papier zu bringen, damit auch das Auge des Genusses thcilhaft werden konnte. Das bewog mich, lange vor Eintritt der Dunkelheit aus meinem Versteck hervorzukriccheu. Ich war jedoch so vorsichtig, den Kopf zunächst ganz behutsam über den Grnbeiirand zu erheben und nach meinen Verfolgern auszuspähen, und erst, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß keine Menschen in der Nähe weilten, kroch ich eine Strecke lveil im Graben dahin, um dann an einem Feldraine entlang dem Fußpfade zuzustreben. Sicher fühlte ich mich erst, als ich die Stadt er- reicht hatte. Im Schutz einer kühle» Niancr unterzog ich meine Persönlichkeit einer Untersuchung und fand, daß ich aussah, wie ein gefolterter Märtyrer. Die Hände waren wund und augeschwollen; ich fühlte, daß eine Menge ganz seiner Stacheln in der Haut steckten. Einige davon ließe» sich mit den Fingernägeln herausziehen; andere, die nur für die Nadel- spitze erreichbar waren, mußten darin stecken bleiben. Auch im Gesicht und an anderen Kvrpertheilcn saßen die spitzen Dingerchen, und bei der leisesten Wen- dung des Kopfes fühlte ich im Nacken ein brennendes Stechen. Doch was sind solche kleinliche Schmerze» gegen die seligen Hochgefühle eines schaffenden Dichter- Herzens! Nur schnell nach Hause, schnell zu Tinte, Feder und Papier! Eine große Geistesthat soll vollbracht werden! In der Werkstatt— welch liebliche Kühle! Eine Temperatur, wie geschaffen zum Dichten! Ich rücke den Ofenschemel an die Hobelbank, hole das Schreib- zeug herbei, nehme einen sauberen Briefbogen ans der Schublade und setze mich nieder. Mir ist so wcihvoll, so freudig zu Mnthe, und ich weiß meine Schaffenslust kaum zu zügeln. Der Meister ist nicht ausgegangen: er hat Besuch erhalten, denn ich höre, wie im Nebenzimmer leis gesprochen wird. Was geht es mich an, was Ihr redet! Wegen mir braucht Ihr Eure Worte nicht zu dämpfen; ich beschäftige mich jetzt mit größeren Dingen— ich spinne Ge- danken, die unvergänglich sind. „Die Hermannsschlacht." „Hermann, Deutschlands größter Held Betete aus seinen Knieen.. So weit war mein Werk gediehen, als der Meister die Thür öffnete und den Kopf heraussteckte. Bevor ich ihn richtig gesehen hatte, war er bereits ver- schwundeu. Ohne mich stören zu lassen, schrieb ich weiler: „Bei Teutoburg aus dem Feld, Daß ihm werd' der Sieg verliehen." Die Zeile„Bei Teutoburg auf dem Feld" ge- siel mir nicht; sie klappte nicht richtig. Mit feinem Sprachuerständniß sagte ich mir, daß der Ton nicht auf der Silbe„to", sondern auf den Silben„Ten" und„bürg" liegen müsse. Ich gcrieth auf die Ab- kllrzung„Teut'bnrg" und verbesserte die Verszeile: „Dort bei Teut'bnrg auf dem Feld." Das klang schon besser, allein es erschien mir fraglich, ob eine solche Wortknrzung erlaubt sei. Ich hielt sie für erlaubt, fürchtete jedoch, daß unlvissende Leser anderer Ansicht sein konnten. Auf alle Fälle war es besser, eine neue Zeile zu dichten, und nach vielem Nachdenken kam mir die geniale Erleuchtung, zu schreiben: „Auf dem Teutoburger Feld." Das klang wunderschön und befriedigte lnich so vvUkoinnien, daß mich ein mächtiger Stolz überkam. „Auf dem Teutoburger Feld, Daß ihm werd' der Sieg verliehen." Wie poesievoll, wie großartig! Meine dichterische Selbslschätznng wuchs niit jäher Geschlvindigkeit zu so fabelhafter Höhe, daß ich im Geiste den großen Schiller als Frennd und Kollegen betrachtete. Wieder ging die Thür auf; der Meister erschien im Nahmen, und mit finsteren Augen schoß er Wuth- blicke auf mich los. Uebcr seine Schulter hinweg lugte neugierig ein iveißes Frauengesicht, doch lvenige Sekunden nur, dann fuhr es scheu und erschrocken zurück und verbarg sich. Ich sah den Meister fragend an und erwartete irgend eine Aenßernng; er aber schlug abermals die Thür zu, ohne mich anzureden. Sonderbar! Was hatte ich verbrochen? Wo- durch seinen Zorn erregt? Und was hielt ihn ab, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen? Hatte mich vielleicht Jemand ans meiner Flucht über die Felder erkannt und dem Meister Meldung davon erstattet? Sollte vielleicht gar die Frauensperson, die in seinem Kämmerchen weilte, bei der Verrätherei betheiligt sein? Mir ward bang und unheimlich zu Sinn. Ich vertiefte mich in meine Dichtung, um Vergessen zu suchen im Reiche der Kunst.... Ilbermals flog die Thür auf, und diesmal kam der Meister auf mich zugestürzt. Sein Gesicht war von Wuth verzerrt und sein ganzer Körper bebte sichtbar. Ich sprang erschrocken vom Stuhle und wich zurück— ich fürchtete, er wollte mich zermalmen. „Kerl!" rief er mit gepreßter vibrirender Stimme und hielt mir beide Fänsle an die Stirn;„Kerl, wenn Sie hier laiischen wollen, bringe ich Sie um! Ich lasse mich von Ihnen nicht belauscheu, lieber breche ich Ihnen das Genick!" Ich dachte an den geheimnißvollen weiblichen Gast und begriff plötzlich die Ursache der Anftegnng. Heilig und ehrlich betheuerte ich, daß ich nicht habe lauschen ivollen, sondern gekommen sei, um etwas zu schreiben. „Ich habe schon viel Gesellen gehabt, aber noch keiner hat mir Sonntags auf dein Halse gelegen, wenn Besuch da war!" fuhr er ein wenig milder fort. „Wenn Sie schreiben wollen, gehen Sie in Ihre Bodenkammer!" Ich raffte nieine kostbaren Papiere zusammen und wollte mich empfehlen. Da betrachtete er mich von oben bis unten und fragte giftig, ob ich etwa in eiliem Sanstall gelegen habe.„Sie sehen ja aus, als Hütten Sie sich im Schlamme geioälzt! Wissen Sie, wir iverden nicht alt werden miteinander. Plan muß sich ja schämen, einen solchen Menschen zu haben!" Ich eilte hinaus und ivollte mit meinem Schmerz nach der Bodenkammer flüchten, hatte jedoch ver- gessen, den Schlüssel niitznnehnieli. Da ich mich nicht niehr in die Werkstatt wagte, blieb niir nichts übrig, als wieder ins Freie hinaus zu gehen. Zu- nächst jedoch stieg ich empor zur Dachireppe, um dort in Heimlichkeit zu untersuchen, ob ich wirklich so schauderhaft schlammig aussah, wie der Meister behauptet hatte. Ich zog meinen Nock aus und— o Jammer, welch einen Anblick bot er! Wie schreck- lich unsauber mnß mein Lager unter dem Brombeerstrauche gewesen sein! Und in solcher Verfassung war ich durch die Stadt gegangen! Jetzt erst fiel mir ein, daß die Leute, denen ich begegnet war, mich mit großen Augen angeschaut halten, und jetzt erst schämte ich mich in tiefster Seele. Da ich keine Bürste hatte, fiel die Säuberung meiner Sonntagsgarderobe sehr mangelhaft ans, und ich aus nicht sonderlich nobel, als ich die Straße betrat. Das beioog mich, den wenigen Nienschcn, denen ich auf meinem Wege nach dem Felde be- gegnete, so iveit wie möglich auszuiveichen. Was war ich doch für ein unglückseliger Mensch! Alles, >vas ich that, gereichte mir zum Unheil. Ich hatte den Sonntag in Frieden mit Gott und der Welt und mir selbst verleben wollen, und nun brach ein Schrecken nach dem anderen über mich los. Das Furchtbarste war die Drohung des Nieisters, mich zu entlassen, lveil er sich meiner schäme. Das durfte nicht geschehen!— Ich mußte alle Kräfte aufbieten, um ihn zu versöhnen und zufrieden zu stellen— ivenigstens so lange, bis ich mir neue Stiefel und einen neue» Anzug verdient haben würde. Aber wenn mir das nicht gelänge? Wenn er mir schon am nächsten Tage den Laufpaß gäbe?... Aber ich hatte ihm doch garnichls Böses gethan? Wie hatte ich lvissen können, daß er Sonntags eine Weibsperson— vielleicht seine Braut, oder seine Schwester— in seinem Stäbchen bewirthete und nicht gestört sein wollte? Das hätte er mir ja in aller Freundlichkeit sagen können! Statt dessen schimpfte er mich einen„Kerl", wollte mir das Genick brechen und behauptete, ich wolle ihn be- lauschen.... Zum Verzweifeln wars, und wenn ich nicht die ernste Pflicht gehabt hätte, der Welt einen großen Dichter zu erhalten— ich glaube, ich wäre in die Katzbach gegangen.... Wohlweislich hütete ich mich, jene Feldgegend aufzusuchen, in der ich am Nachmittage das böse Abenteuer erlebt hatte. An den Zäunen schritt ich dahin, bis ich an den letzten Häusern der Stadt vorbei auf die Ehaussee gelangte. Auf ihr ging ich eine kurze Strecke iveiter, und da sie zu staubig und zu belebt war, schlug ich einen Seiteiifahrweg ein, der in den Wald führte. Die Sonne war im lintergehen und der Wald lag in drohender Finsterniß vor mir. Das schreckte mich nicht, ihn zu betreten; Schlini- meres, als mir schon begegnet war, konnte niir nicht begegnen. Hätte ich nur erst meine„Hermannschlacht" und meine„Sage von den sieben Galgen" fertig gehabt und somit meinem Namen die Unsterblichkeit gesichert, dann hätte passireu können, was wollte— selbst vor Räubern und wilden Thiereu wäre mir nicht bange geivese». Unbekümmert um das grausige Düster, ivanderte ich an den schwarze», himmelhohen Tannen fort. Bleine Seele erfüllte sich allmälig mit Lichtgcdanken; ich gedachte meines künftigen RuhmeS, ergötzte mich an der lieblichen Vorstellung strahlenden Dichterglanzes und wie alsdann der Meister sich grämen und das an mir begangene Unrecht bereuen werde. Und damit die glorreiche Zeit bald kommeil sollte, sann ich im Wandern neuen Verswuudern nach. Wohin der Weg führte, war mir unbekannt und war niir gleichgültig; ich wollte nur fern sein von der Stadt und den Menschen, und erst, wenn die Nacht ihren schwarzen Mantel über mein zerschnndeues und be- schandflecktes Dichterkönigthum breiten würde, wollte ich heimkehren in mein bodenkämnierlicheS flieich. Als ich so dichtend dahinschritt, erscholl hinter mir lautes Wagengerassel, Hufschlag und Geschrei, und es dauerte nicht lange, so rasselte eine mit vier Pferden bespannte Feuerspritze an mir vorbei. Diese Begegnung im abcndlich-finsteren Tannenwalde be- rührte mich mit schauerlich-mächtiger Gewalt; ich gedachte der Unglücklichen, deren ganze Habe viel- leicht in Flammen stand, und wie hochherzige Helden erschienen mir die behelmten Männer, die auf dem Spritzenwagen saßen und mit allergrößter Eile der UnHeilstätte zustrebten, um in hoher Nächstenliebe retten zu helfen, was etwa noch zu retten war. Ich verdoppelte meine Schritte, in der unbestimmten Er- Wartung, Augenzeuge eines schrecklichen Natnrschau- spieles zu werden; zum mindesten hoffte ich, am Ende des Waldes angelangt, den Feuerschein zu sehen. Große Brände zur Nachtzeit waren für mich stets die schrecklich-schönstcn und aufregendsten Er- eignisse, und wenn ich gedurft hätte, wäre ich schon als Knabe meilenweit gerannt, um einen Hansbrand in nächster Nähe zu schauen und alle die damit ver- bundenen Schrecknisse über mich ergehen zn lassen. Schneller, als ich erwartet hatte, lichtete sich der Wald, und ans einmal sah ich am Himmel einen hellrothen Schein. Ich rannte nun, so schnell ich konnte, erreichte bald den Ausgang des Waldes niid> erkannte, daß das Feuer in der Nähe tvar. Wenige hundert Schritte vor mir lag das unglückliche Dorf,. in dem das entfesselte Element in blinder Zerstörnngs- wulh raste. Die Flammen selbst sah ich nicht; hohe Häuser und Bänine hinderten den Ausblick; nur Funken flogen hoch empor oder schössen wie prächtige Knatterrakcten lveit über die finstere, mit gespcusti- scheu Lichtreflexen seltsam durchwirkte Landschaft. lieber der Brandstätte wogte es hellglühend wie von flüssigem Eisen, während höher oben die Nauchsäuleu sich zu massigem Gewölk verdichteten, das in den großarligsten Naturfarben beweglich prangte— von der schrecklichsten Gcivittcrfärbnng bis zum sanfteir Schimmer der Abendröthe und zum reinen Silber- schein der flockigen Mittagswölkchcn. Das farbige Jneinanderwogen, das einem Riesenkampfe zivischeir den Engeln des Lichtes und den Dämonen der Finster- niß glich, mochte das Widcrspiel der Flammen sein, die bald in unbündiger Freiheitskraft hoch aitsloderten,. bald wieder, vom feindlichen Wasserstrahl getroffen, knirschend zusammensanken, doch nur, um in erneuter Wuth ihr Vernichtungswerk fortzusetzen. Bis zur Athemlosigkeit raunte ich, um mich so rasch Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 259 wie möglich von ncichstcr Röhe aus an der grauen- haften Pracht ergötzen zu können. Ich gelangte in das Dorf, doch je näher ich an das brennende Ge- bände kam, desto weniger nahm ich von dem Feuer wahr. Das Haus lag nicht an der Dorfstraße. Von dieser ans führte ein schmaler Fußiveg in eine Gartcnwildmß,- dort auf jenem Wege rannten Leute auf und ab? viele trugen rothgestrichene Löschcimer in den Händen. Auch ich betrat den Gartenpfad, in der Meinung, daß er mich an das Ziel führen iverde. Noch hatte ich kein Haus und keine Flammen gesehen, da fühlte ich mich am Arme gepackt nnd rauh fortgerissen: bald darauf reichte mir ein bar- tiger Plann einen Löscheimer und rief nur zu: „Immer antreten, antreten! Maulaffen werden hier nicht gebraucht!" Ich wurde, ohne recht zu wi"eii, ivie mir geschah, vorwärts geschoben und gelangte an ein übel duftendes Jauchcloch, in dem ein paar Männer barfnß und mit anfgestrcifteii Hosenbeinen standen und Jauche schöpften: Andere nahmen ihnen die gefüllten Eimer ab nnd trugen sie weiter. Ich ivnrde— ich weiß nicht, von wem— zum Schöpfen kommandirt, und da ich dabei offenbar keine gute Figur machte, zerrte mich einer meiner Mitschöpfer in die Grube, so daß ich bis über die Kniee in die Fliith gerieth nnd mir die Jauche zu den Stiefel- schäften hineinlief. Mir war recht unbehaglich um die Füße, doch das Unglück war nun einnial ge- schehcn, nnd da es sich um ein Werk der Blenschen- Pflicht handelte, murrte ich nicht, sondern schöpfte so rüstig, wie ich konnte. Wenn nur meine beiden Nachbarn nicht so rücksichtslos gewesen wären! Ich glaube, es geschah aus tückischer Absicht, daß sie mich einige Blale von oben bis unten begossen. Sie bedauerten mich zivar und meinten, ich müsse mich besser vorsehen nnd nicht in den Weg treten, wenn sie die vollen Eimer an das Ilfer reichten: ihr schaden- frohes Gelächter aber besagte mir mehr als genug. Ilm mich zu versöhnen, bot mir Einer seine Schnaps- flasche. Mir graute, denn die Flasche sah ekelhast schmutzig aus; doch ich wollte den Mann nicht belei- digen, nnd so that ich, als nähme ich einen Schluck. Darauf sagte der andere Mann, Jeder, der mittrinke, müsse eine halbe Flasche zum Besten geben. TaZ war eine Botschaft, die mir nicht gefiel, und ich stellte mich, als verstünde ich den Sinn seiner Worte nicht. Allein er mahrite mich bald deutlicher an meine Pflicht: der andere Schöpfer stimmte ihm bei, und auch die Leute am Ufer verlangten stürmisch, daß ich Branntwein holen lasse. Ich entschloß mich nun, zehn Pfennige zn opfern, hatte aber nur ein Fünfzig- Pfennigstück in der Tasche; der übrige Thcil des Wochenlohnes lag zu Hause im Kasten. Auf meine zaghafie Frage, ob mir das Geldstück Jemand wechseln könne, langte ein junger Mensch darnach nnd sagte lachend:„Gieb nur her, Dicker; wir Möllens schon besorgen!" Er entriß mir das kost- bare Besiitzthnm und rannte fort. Eine kurze Weile später schrie Jemand:„Der Wohlthäter soll hochleben!" Die Anderen stimmten gröhlend ei», und unmittelbar darauf, während zivei Flaschen unter der Gesellschaft kreiste», wurden grobe Witze über mich gerissen, die schallendes Gel ichter erregten, mich aber mit Scham und stiller Wuth erfüllten. „Einmal mittrinken darf er!" rief ein widerlich aussehender Mensch niit erheuchelter Freundlichkeit. „Aber paßt ans, daß ihm die Flasche nicht im Munde gefriert!" „Was braucht der'ne Flasche! Er hat ja den ganzen Kübel voll Nasses." „Alles, lvas recht ist, Kinder! Er ist der Wohl- thäter, und ivenn er nichts kriegt, giebt er nichts mehr zum Besten!" Eine der Flaschen lvurde mir zugereicht; ich wies sie zurück und mußte dafür eine neue Fluth von Spotlreden über mich ergehen lassen. Jetzt erhob sich in der Tiefe des Gartens ein heftiger Spektakel, als sei dort eine große Prügelei entstanden. Tie Eimcrlente ließen von ihrer Arbeit ab und eilten neugierig Hinz». Auch ich verließ den Snmpf nnd erkannte, einize Schulte vortretend, daß dort eine Spritze stand. Ans dem Wirrwarr des Zankes entnahm ich, daß Jemand durch Unvorsich igkeit die Spritze zerstört hatte, so daß sie den Dienst ver- sagte. Blich interessirte die Begebenheit sehr wenig: ich hatte überhaupt genug von der ganzen Lösch- arbeit, und da die Gelegenheit günstig ivar, begab ich mich vorsichtig nach der Dorfstraße, und dort angelangt, ergriff ich schleunig die Flucht. Hinter dem Dorfe setzte ich mich an den Straßen- rand, zog die Stiefel aus und entleerte sie ihres feuchten Inhaltes. Die Strümpfe lvarf ich fort— sie hatten so ivie so schon längst ausgedient. Aber mein Anzug... ach, mein Anzug! Er rvar bereits schofel durch nnd durch, als ich nach Thaliingen kam; nach den neuerdings erlebten Stra- pazen aber durfte ich mit einiger Gewißheit annehme», daß es Gotteslästcriing wäre, ihn noch einmal des Sonntags anzuziehen.... Wie sollte ich ohne einen Sonntagsstaat auskoinmen? Hatte mir doch der Meister bereits am Nachmittag gesagt, daß er sich schämen müsse, einen so schinntzigen Blenschen bei sich zu haben.... Ich änstigte mich vor den kommenden Tagen wie ein furchtsames Kind vor dem herauf- ziehenden Gewitter.... Die Waldstraße, auf der ich heimkehrte, war von Blenschen belebt, die nach dem Dorfe rannten, um das Feuer zu sehen. Ich ging ihnen, so gut wie möglich, ans dem Wege, um ihnen nicht den Genuß der frischen Waldlnft zu beeinträchtigen, und im Stillen wünschte ich Allen, daß sie nicht zum Schöpfen kommandirt würden. Vom Brande hatte ich während des Schöpfens so gut wie garnichls gesehen, und jetzt war er mir so uninteressant ge- worden, daß ich mich nicht nach ihm nmschaute. Hunger empfand ich— furchtbaren Hunger! Mit gesegnetem Appetit war ich Blittags im„Deutschen Kaiser" vom Blahle aufgestanden nnd hatte ins- geheim den gefräßigen Schneider verflucht, mich aber im Stillen mit dem Vorsatz getröstet, mir am Nach- mittag Wurst nnd Brot zn kaufen. Nun hatte ich mein Taschengeld— den fünften Theil meines Wochenlohnes— ans Schnaps verthan, ohne selbst einen Tropfen davon zu trinken. O, was war ich doch, trotz meines hohen Tichterthnms, für ein dummer, unglückseliger Mensch!... lind den Schuster hatte ich nicht gefunden! Mein erster Wochenlohn, den ich ihm geliehen, war vielleicht auch verloren.... Der Wirthiu im„Deutschen Kaiser" war ich noch immer das Geld für den zerschlagenen Teller schul- dig. Diese Schuld mußte ich am nächsten Flcischtage tilgen.... Wie herrlich hätte ich zu Abend speisen können, wenn das niederträchtige Feuer nicht gewesen wäre! Nun mußte ich niit gräßlichem Hunger zn Bett gehen, denn der Meister spendete an Sonntagen kein Abendbrot.... Zwar hatte ich noch Geld zn Hanse, aber das wollte ich um keinen Preis angreifen, da ich nothwendig für Kleidung sparen»ilißte. Außer- dem— wo sollte ich mir Abendbrot kanfeil? Ich konnte doch in meinem unselig durchnäßten Zustande unmöglich in ein Wirthshans gehen! Weinend zog ich heim. Zum Glück war die Werkstatt nicht verschlossen, nnd zum Glück traf ich mit dem Meister nicht ziisamnien. Ich nahm den Schlüssel und schlich hinauf in die Kammer. Weinend klagte ich dem himmlischen Heiland auf den Knieen meine Qual: weinend legte ich mich ins Bett und sann lange ans Rettung. War das ein Sonntag! Endlich fand ich einen Rettmigsiveg. Er war rauh, und mein ganzes Empfinden sträub e sich so heftig dagegen, ihn zn beschreiten, daß ich lieber cinen Kampf mit dem leibhafiigen Satan ansgc- fochten hätte. Doch es gab keine Wahl, ich»inßte meinen Stolz besiegen und— meine Mutter um Hülfe anflehen.... Ich mußte zu Grunde gehen ohne Hülfe, nnd sie war der einzige Mensch auf weiter Erde, an den ich mich wenden konnte. O, gute Mutter! ch Glücklicher Ausgang. Sie haben nicht Duell gespielt. Sie schösse» sich ganz gebührlich; Nun haben sie nach dein Hirn gezielt, Da trafen sie nichts— natürlich. Ludwig isfa». Der Kolportagcroman. Eine literar-histarijche Studie. Von Prctorins. olportage-, auch Hintertreppenromane Pflegen wir bekanntlich jene literarischen Erzeugnisse zu nennen, die auf Geschmack nnd Neigung der»nterstcil Volksklassen berechnet sind nnd fast durchweg auf dem Wege des Hansirhandels vertrieben werden. Das Stoffgebiet aller dieser Romane ist das Reich des Abenteiierlichen, Romantischen, Gran- sigen; ihre Darstcllnng stellt die weitgehendsten An- foidernngen an Phantasie und Nerven der Leser. Ten Gebildeten pflegt diese geistige Kost der unteren Volksschichten nur wenig oder garnicht bekannt zn sein. Höchstens zankt die Hausfrau gelegentlich die Köchin aus, wenn sie über der Lektüre eines jener berüchtigten knallrothen oder schnintziggelben dünnen Groschenhefte den Braten hat anbrennen lassen nnd droht ihr an, den„Schundroman" bei der nächsten Gelegenheit ins Feuer zu werfen. Und doch verdient diese Art von Literatur, die für ungezählte Tansende unseres Volkes die einzige Brücke bildet, die sie niit dem Reich des Idealen verbindet, wohl eine eingehende Berücksichtigung aller Derer, die auf die Hebung des geistigen Niveaus unseres Volkes auf literarischem Gebiete bedacht sind— schon aus dem Grunde, um endlich eiiimal klar zn erkennen, warnni die Versuche, Liebe und Verständniß für edlere Rich- tuiigcn der Literatur unter das Volk zu tragen, bisher fast ausnahmslos erfolglos geblieben sind. Der Kolportageroman ist keinesfalls, wie nian vielfach aiiliimmt, ein Erzengniß der jüngsten Zeit, wenn auch keine andere eine so rege Produktion entfaltet nnd sein Stoffgebiet so mannigfach erweitert hat. Wir haben in ihm einen der letzten Anslänfer der romantischen Periode in der deutschen Literatur zu erblicken. Die deutsche Romantik hatte, wie sie ans den Kreisen der Gebildeten hervorgegangen war, so auch unter diesen lange Zeit ihr ausschließliches Publikum gefunden. Die Schmach der politischen Zerrissenheit und der bnrcanlratischen Bevornnindung Dentschlands, und der Ekel vor dem»üchternen Nationalismus, der die Zeit beherrschte, konnte nur unter Denen, deren feineres Empfinden sie die ganze Ohnmacht und poesielose Denkungsart der Zeit fühlen ließ, den Wunsch erwecke», in die Herrlichkeit der deutschen Vergangenheit zu flüchten und sich von ihrem Zauberhanch umwehen zu lassen. Der breiten Masse des Volkes blieben die Klassiker der Romantik fremd; nur die lärmenden Kriegsfanfaren, mit denen ein Theil der späteren romantischen Dichter zum Kamvfe gegen de» gewalligen Korsen aufrief, riefen in seiner Brust ein Echo wach. Von den bekannteren sonstigen Nomantikern sind nur Hauff, Callot-Hoff- mann— Letzterer freilich ausschließlich durch das nervös erregende, stofflich packende Moment in seiner Dichtung— und einige wenige Andere in ein näheres Verhältniß zum Volke getreten, dagegen ist ans den Werken der anerkannten Häupter der Romantik fast nichts in die breite Volksmasse gedrungen. Was sollte ihr auch die nihstisch-roniantische Weltanschanniig eines Novalis, die von der Poesie eine gänzliche Nengestaltnng des Lebens in Staat, Kunst nnd Kirche erwartete? lind mußte nicht jene romantische Ironie, wie sie namentlich in der Dichtung Ticcks ihr Wesen treibt, die den Leser absichtlich heraus- fühlen läßt, daß der Autor mit seinen Gestalten nur ein geistreiches Spiel treibt, ohne selbst a» sie zn glauben, dem Volke von vorherein fremd und unverständlich erscheinen? Auch widerstrebte die snb- jckiive Willkür, mit der gerade mehrere der talcnt- vollsten Romantiker, wie Arnim nnd Brentano, den Stoff gestalteten nnd mit der sie keine einheitliche Stimmnng auf'ommc» ließen, sondern die eine durch die andere zerstörten, dem naiven Einpfinden des Volkes gänzlich. Dagegen hatte die Romantik zwei andere Ele- mente in die deutsche Dichtung eingeführt, die gerade in den unteren Vollsschichten verwandte Saiten zum Anklingen bringen mußten: das Dämonische nnd Gespensterhafte nnd das Ritter- nnd Ränberleben. Den erien Anstoß zur Pflege des Ritter- romans gab freilich nicht die Romantik, sondern Die Acue Welt. Illuftm-te Unterhaltungsbeilage. 260 er mnr schon früher ron oiidercr Seite ansnejtniigcii, und zivar oon keiner epischen Dichtnnc!, sondern von einein Dramn, dein Göh von Berlichingen des jungen Goethe. Doch war es Schriftstellern der Noinautik vordchalten. das von Goethe nur einmal und gelegentlich betretene Gebiet weiter zn kultiviren n»d ans seinem Boden ein selbstständigcs Roman- genre zn schaffen. Ihre Abstanlinuiig von dem Goethe- sche» und einer Reihe anderer Rilterdramen, wie von denen des Grafen Törring und Franz Riaria Bados, haben die populären sliitterromane nie vcr- leugnen können: die dialogisirte Fassung vieler Szenen weist deutlich auf dramatische Vorbilder hin. In ihrer Sprache herrscht ein hohles Palhos und die bombastische Phrase vor. Die Gestalten, von denen manche, wie die cngelreine, von ihrem rohen Gatten mißhandelte Schloßfrau und der biedere Wald- brndcr, nnverkeniibar gleichfalls ans der Ritter- dramatik stammen, sind durchweg tppisch. Allen diesen Ritterromanen wohnt eine platte, hausbackene Moral inne: hatte sich der Bösewicht in ncunnnd- zivanzig Kapiteln in allen erdenklichen Lastern und Grencllhatcn ausgetobt, so verfiel er im dreißigsten der fürchterlichen Strafe der rächenden Gottheit, und die gekränkte Unschuld wurde in feierlichem Aufzuge aus dem untersten Bnrgvcrlicß aus Tageslicht ge- führt, um sich an der Leiche des Rnchloseu vor dem versammelten Romaupcrsonal nud dem Leser in längerer, wohlniemorirter Rede zn verabschieden, die gemeiniglich eine Variante der schönen Schlußworte aus Don Juan war: „Lastcrglück flieht schnell wie Rauch, Wie nia» lebt, so stirbt man auch!" Die ersten Ritterrouiane suchten lediglich durch die grobstofflichen Reize der Handlung, durch eine Fülle erregender Begebenheiten und Abenteuer das Interesse des Lesers wach zu erhalten; wenn sie einer Tendenz Ausdruck verliehen, so ivar es nur das Streben, das Walten eines gerechten und aus- gleichenden Gottes darznthun. In den späteren Romauen tritt dagegen mehr und mehr eine demo- kratisch-revolutionäre Tendenz unverkennbar hervor. Sie sind ans dem dumpfen, mühsam verhalteneu Groll des Volkes über die freche Günstlings- und Maitressenwirthschaft der Zeit, über die schamlose Ausbeutung nnd Aussaugnng aller Volkskräfte her- ans geschaffen, wie er in Schuberts„Fürstengruft" und Schillers„Kabale und Liebe" in flammenden Worten zn uns spricht. Manche von diesen Romanen sind trotz ihrer mittelalterlichen Einkleidung treue Spiegelbilder der sozialen Z'nstände in den deutschen Fiirstenlhümern ans der zivciten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. In ihnen suchte nnd fand das Volk, was es nicht offen auszusprechen ivagen durfte— seinen schneidenden Ingrimm über das unwürdige despotische Regiment, sein inständiges Sehnen und Hoffen auf bessere Zeiten, auf Freiheit nnd all- gemeine Rienschenrechte. Noch unverkennbarer und krasser tritt eine revo- linionäre Tendenz in einer größeren Anzahl der Räilberromane zn Tage, die von den beiden lchten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts an mit den Rilterromanen in ernstliche Konkurrenz um die Gunst des Publikums traten. Während freilich die letzteren in einer fernen Vergangenheit spielten, waren Ort nnd Zeit der Räuberromane zumeist der Gegentvart entnommen nnd dadurch der Kontrast zlvischcn dem Ilebeimuth und der Frivolität der Fürsten nnd Adligen nnd den Leiden der unteren Klasse um so wirksamer herausgearbeitet. Wie für den Ritter- roman, so bildet auch für den Räuberroman den Ausgangspunkt ein Jugcnddrama eines unserer klassischen Autoren, nämlich Schillers Räuber, doch waren es ivieder romantische Schriftsteller, die aus einer gelegentlichen Anregung heraus ein neues Spczialgenrc des deutschen Romans schufen. Mit den Schiltcrschcn Räubern hat eine Reihe von Räuber- romanen in der Erfindung das gemein, daß ein edler und hochstrcbender Geist durch harte Schicksals- schläge nnd Jntrignen aller Art ans seiner Lansbahn herausgerissen nud in eine gewaltsame Kampfes- stcllnng zur bürgerlichen Welt gedrängt wird. Bald genug überivog freilich das Interesse an der bloßen Darstellung nnglanblicher Abenteuer, ungeheuerlicher Grausamkeiten und ivnnderbarer Rettungen jegliche Tendenz. Die späteren fliänberromane bilden nur eine Kette von allen möglichen plump aneinander- gereihten bluttriefenden Begebenheiten, die zumeist mit einem furchtbaren Strafgericht über den Misse- thäter enden. Die größte Beliebtheit unter den Räiiberrromanen dieser Epoche genoß der in vielen Auflagen verbreitete Bulpiussche„Rinaldo Rinal- dini", der auch der heutigen Generation wenigstens noch dem Namen nach bekannt ist. In dem Vnl- piusschen wie in den weitaus meisten anderen Räuber- romanen kommt auch die fade, thränenselige Scnti- Mentalität nnd Naturschwärmerci der Zeit reichlich zu Worte: neben der Darstellung grausiger Mordthatcn stehen sentimentale Landschaftsschilderungen und brei- weiche Frenndschafts-, Liebes- nnd Rührszenen. Auch für den Gespensterroman hat man nach einem Ausgangspunkt in der deutschen klassischen Dichtung gesucht und einen solchen mehrfach in dein 1789 erschienenen Schillerschen„Geisterseher" zn finden vermeint. Doch stammt bereits aus den 70er Jahren eine größere Anzahl von phantastischen Erzählungen, die ihre Vorwürfe dem Reiche des Gespenstischen, Ungeheuerlichen entnehmen; auch bieten die Verfasser von mehreren der früheren Ritter- und Räubergeschichten einen stattlichen Apparat von Geister- nnd Gespcnstercrscheinnngcn auf, zumal wenn es gilt, vor dem letzten Kapitel den Bösewicht durch die fürchterlichsten Halluzinationen und Visionen auf sein kommendes letztes Stündlein gehörig vorzn- bereiten. Die Gespcnsterromane halten sich nicht wie die beiden anderen genannten Romankategorien im Bereich einer bestimmten Gesellschaftsklasse, sondern entnehmen ihre Vorwürfe dem Leben aller Volks- klaffen und Stände; auch scheinen sie nicht an eine bestimmte Zeit gebunden. Während den Räuber- und namentlich den Rittergeschichten nur eine kurze Blüthezeit beschieden war— namentlich erwies sich»ach dem beispiel- losen Erfolg der Scottschen Romane in Deutschland die Nachahmung des großen Schotten für die Roman- fabrikanten erfolgreicher als eine weitere Pflege des fliitterromans—, hat der Gespcnsterroman bis in unsere Zeit hinein wenig von seiner Anziehungskraft auf das große Publikum verloren. Noch heute ist in einem große» Theile unseres Volkes, zumal unter der Landbevölkerung, der Glaube an das„Hinein- ragen einer Geisterwelt in die unsere" tvach und lebendig; jeder Versuch, dem unerschütterlichen Glanben des Volkes an die Riöglichkeit eines sinn- lichen Verkehrs mit Geistern und Gespenstern neue Nahrung zuzuführen, wird ein großes und datik- bares Publiluni finden, besonders wenn er sich in das Gewand einer spannenden Erzählung kleidet. Der alte, aus der heidnischen poetischen Natur- bctrachtnng hervorgegangene Geister- nnd Dämonen- glaube war in unserem Volke nie völlig erloschen. Zwar hatte ihn das Ehrist enlhmn zurückgedrängt, aber es hatte doch nicht verhindern können, daß so manche Gestalt der alten heidnischen Natnrrcligio» unter leiser Veränderung ihres ursprünglichen Charakters nnd unter Anpassung an den christlichen Vorstellungs- lreis im Volk weiter lebte. Im sechzehnten Jahr- hundert hatte der Teufelsglaube der Reformation, in der Folgezeit der aus ihm hervorgegangene schenß- liche Hexenwnhn dem Geister- nnd Wnnderglanbcn des Belkes kräftigen Vorschub geleistet. Wie sehr endlich das achtzehnte Jahrhundert trotz aller Frei- gcisterei und Aufklärung, die sich ja nur auf die oberen Stände beschränkte, mit seinem Mystizismus und Occultismus, seinen geheimen Orden und Ge- sellschaftcn, seinen Rosenkrenzern nnd Jlluniinaten auf eine Verstärkung des Wunderglaubens im Volke hinwirken mußte, liegt nahe. So fand denn die Romantik in ihrem Streben, die geheimsten schlnm- mernden Kräfte der Volksseele in ihren Dienst zu stellen und die Bilder nnd Gestalten der dent'chcn Vorzeit zn neuem poetischen Leben zu erivcckcn, cincn wohlvorbereiteten Boden vor. Namentlich mit der 1790—1799 erfolgten Heransgabe der Veit Weberschen„Sagen der Vorzeit", die das Signal da u gab, alle im Bolksmnnd lebenden Märchen, Geister- und Wnndergeschichten zu sammeln, war das Interesse an der Welt des Ilebernatürlichen nnd Wunderbaren in die weitesten Kreise gedrungen. Stimmnngen und Vorstellungen, die nian im denk- scheu Volksgemüthe längst erloschen geglaubt hatte, wurden mit der Wiederbelebung der alten deutschen Märchen- nnd Sagenwelt tvieder lebendig. Mit der Auffrischung der alten Spuk- und Gespenster- geschichten ging die Entstehung neuer Hand in Hand: um jede verlassene Ruine, jedes einsame Haus, jedes unheimliche und düstere Landschaftsbild woben die mannigfachsten abergläubischen Vorstellungen ihre nnsi.htbaren Fäden. Welcher Art die geistigen Bedürfnisse der mittleren nnd unteren Klassen unseres Volkes um die Riitte der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts waren, hat Wilhelm Hauff in seiner Skizze:„Die Bücher nnd die Leseivelt" in höchst ergötzlicher und launiger Weise geschildert. Der Verfasser hat sich zu einem in seinem Beruf grau geivordenen Leihbibliothekar begeben, schaut sich das bunte Treiben in der Leih- bibliothek an und läßt sich von dem kundigen Alten Vortrag über die literarische Lieblingskost des Publi- kums halten. Noch immer sind Ritter-, Räuber- nnd Gespenstergeschichten die vielbegehrtcsten Artikel, während die Klassiker, Herder, Jean Paul usw., in steter, ungestörter Ruhe auf ihrem Bücherbrett vcr- harren. Daneben wird freilich auch schon Walter S.otts als eines der vielgclcsensten Autoren gedacht. Von den Büchern, die die größte Anziehungskraft auf das Publikum ausübten, mögen einige, deren Namen schon ihren Charakter zur Genüge erkennen lassen, an dieser Stelle genannt werden:„Der Geist Erichs von Sickingen nnd seine Erlösung",„Der Blntschatz",„Die schwarzen Ruinen oder Das unterirdische Gefängniß",„Das Geisterschloß",„Die Auferstehung im Todtengewölbe",„Das feurige Rachcschlvert" usw. usw. Liebhaber von derartigen Titeln, die mit ihrer Fülle von grotesken Bildern und in endlos ausgesponnenen Znsätzen nnd Neben- titeln oft genug das ganze Programm des zn- gehörigen Romans entrollen, finden bei der Lektüre von Leihbibliothck-Katalogen aus dem letzten Viertel des vorigen und der ersten Hälfte dieses Jahr- Hunderts vbllanf ihre Rechnung. Noch ein anderes Hauffsches Werk verdient als charakteristisch für eine oben besprochene Strömung in der damaligen populären UnterhaltungSliteratnr genannt zu werden:„Die Mitthcilnngen ans den Memoiren des Satans". Der Verfasser schildert darin am Schluß des ersten Thciles auf gleich launige Art lvie in der eben aufgeführten Skizze die unheilvollen Wirkungen, die die ausschließliche Lektüre von Siitterromanen auf ein jugendliches Gymnasiastengemüth ausübt. Auch von den dort erwähnten Ritterromanen mögen einige zur äußeren Kennzeichnung dieses Genres geeignete Titel hier folgen:„Der alte lieberall und Nirgends",„Adolph der Kühne, Rauhgras von Dassel",„Die Fahrten Thiodolss, des Isländers". Im Obigen ist die gesammte niedere volksthüm- liche Ilnterhaltnugslitcratur vom letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts an unter dem Kollektiviianien „Kolportageliteratnr" zusammengefaßt morden, obwohl wir von einem Viertel der literarischen Pro- dickte der gedachten Epochen auf dem Wege des Hansirhandels nichts wissen. Trotzdem sind wir zur Anwendung dieses Namens berechtigt, da wir mit dem Ausdruck Kolportageroman stets vornehmlich den Begriff eines ausdrücklich auf einen rohen nnd ungebildeten Geschmack berechnete», plump auf- gebauten, an Onal- und Schauerszenen überreichen literarischen Produkts verbinde». Die Art des Vcr- triebs derartiger Erzeugnisse steht erst in zweiter Reihe. Die nahe Verwandtschaft der Kolporlage- romane des vorigen Jahrhunderts mit jenen der Gegenwart ist nnverkeniibar: sie geht schon ans dem oberflächlichen Vergleich der Titel und in noch höherem Grade der Kapitelüberschriften in den früheren mit den heutigen Kolportageromancn hervor. Wenn oben bemerkt ist, daß der Kolportage- roman im Anschluß an die romantische Bewegung im letzten Viertel des achtzehnten Jahrhnnderls ent- standen ist, so soll damit keineswegs gesagt sein, daß das Volk in der früheren Zeit eine derartige scharf gewürzte literarische Kost entbehrte. Nur ivnrdc ■ C62 ihm diese Kost in weit kleineren und inagereren Portionen znertheilt: sie bestand vornchnilich aus jenen zwei oder vier, selten mehr Seilen enthaltenden „Flug-" oder„fliegenden Blättern", die von neuen, erregenden Begebenheiten aller Art— von furchtbaren Mordthatcn, schrecklichen Geistererscheinungen, grcßc» Kriegoschrecken und slanncnsiverthen Natur- ereignissen— berichteteiu In nächster Berwandt- schaft stehen diese„fliegenden Bl nter" zu jenen bc- druckten Papierfctzcn, die die Aussteller von„Dtori- thalen" an Jahrmärkten und Kirchiveihtagen um einige Kilpferinünzeu feilbieten, und die zumeist die detaillirte Schilderung der letzten Biordthat neben einigen fürchterlichen, darauf verbrochenen Versen enthaltein Erst mit dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts wurde jedoch dem Volle Gelegenheit geboten, seinen Heißhunger nach der Darstellung von unerhörten, wunderlichen und grausigen Vor- gangen durch die Lektüre größerer, breit ausgeführter literarischer Produkte zu stillen. Und mit dem schnell erwachten allgemeinen Interesse des Volkes au der neuen Richtung in der Literatur nahm auch die Produktion für den literarischen Markt solche Di- mensionen an, daß die bloße Aufzählung der Titel dicke Bände füllen würde. Die Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten beherrschen das Gebiet der deutschen Hintertrerpen- literatnr fast ausschließlich bis zur Mitte unseres Jahrhunderts. Von dieser Zeit an Ivi.d das Stoff- gebiet der Kolportageromane durch das llinsi.t, greisen deutscher und ausländischer literarischer Einflnpe bc- deutend reicher und iiianisigfacher. Der Ritterroman tritt von den fünfziger Jahren an fast gänzlich in den Hintergrund, doch läßt noch eine größere An- zahl der„historischen" Romane dieser Zeit nach Aufbau und Charakteristik der handelnden Personen eine bedenkliche Verwandtschaft mit den alten Ritter- geschichten erkennen. Unter den fremdländischen Autoren haben namentlich zwei den deutschen Kol- portageroman entscheidend beeinflußt: Alexander Dumas und Eugen Sue. Der Erstere namentlich durch seinen noch heute viel gelesenen und in im- zählige» Ausgaben verbreiteten„Grafen von Monte Christo," der Zweite besonders durch seine„Geheim- nisse von Paris" und den„Ewigen Juden". Dem Dumasschcn Roman verdankt eine stattliche Anzahl von Abentcnrergeschichten ihr freilich zumeist nur recht kurzes Leben: Der Graf von Btonte Christo ist der Stammvater aller jener heldenhaften Aben- teurer in der Hintertreppeuliteratur, deren Blick kein Atädchcnherz und deren Klinge kein Manncsarni Stand zu halten vermag, die an allen europäischen Fürsten- und Königshöfen unter allen erdenklichen Rainen und Verkleidungen ihr Wesen treiben, die Millionen gewinnen und verlieren und nach einem an märchenhaften Abenteuern überreichen Leben end- lich in den Hafen der Ehe mit einer Herzogin oder Prinzessin einlaufen. Engen Sues Romane, die an Erfolg die Dumassche» auch in Deutschland noch übertrafen, waren die Vorläufer der Kriminalromane in der deutschen Kolportagelitcratur: sie eröffneten den auf den sensationslüsternen Geschmack des Pnbli- kuins spekulirenden Roinanfabrikanten in der Dar- stelluug der Verbrechertvelt ein ganz neues, dankbares Gebiet. Wie groß und nachhaltig Sues Einfluß, namentlich der seines bekanntesten Werkes, der„Ge- Heimnisse von Paris", auf die deutsche Kolportage- literatnr ivar, erhellt am besten daraus, daß in diese mehrere der Sneschen Charaktere einfach herüber- genommen und in ihr typisch geworden sind. Nanient- lich gilt dies von der Fleur de Marie aus Sues Geheimnissen: man kann keinen der deutschen Kol- portageromane, die ihren Vorivurf der Verbrechertvelt entnehmen, aufschlagen, ohne der schönen, tugend- haften Jnnqfran zu begegnen, die unter dem Aus- wurf der Menschheit herangctvachscn ist und doch wie ein gütiger Engel unter ihrer vertvorfenen Umgebung schaltet und ivaltet. �(S(6tu6 Iortschritt. Einst in roherer Zeit, da warf der Krieger de» Säbel In die Waage des Rechts, wenn er das Lösegeld ivog. Jetzt den Geldsack legt ans die Waage der Krämer und wiegt Dein Säbel die Rechtsgewalt zu— das ist die feinere Zeit. Acne Welt. Illllstrirte Unterhaltungsbei (Airi Von K. Iirnnrerurarrn-KirfcHfetd. -(Forlsetzung.) f älschung— ein fürchterliches Wort, und ich kämpfte einen entsetzlichen Kampf; aber als ich meinen Bruder dann kommen sah, den sonst frischen, lebensprühenden Mann, müde und matt wie ein Greis, da sagte ich mir:„GeHolsen muß werden; genug ist an einem, und dir— dir hilft schließlich eine barmherzige Kugel!" „Wir wollen jetzt Deine Angelegenheit regeln," sagte ich ihm ruhig, als er nach eingeholter Er- lanbniß bei mir eintrat. Er sah mich an, als hätte er in mir einen Verrückten vor sich. „Ich spreche ganz ernsthaft und vernünftig," setzte ich darum hinzu und fragte darauf:„Wer sind die Herren, die zugegen lvaren, als Du dem Engländer Dein Ehrenwort gabst? Wer war an- wesend, als Du ini Spiel verlorst?" Riehl Bruder nannte drei Offiziere der Garnison, uns zlvar nicht befreundete Herren, mit denen lvir aber auch nicht in Feindschaft lebten, und noch zloei Zivilisten, die Söhne reicher Grundstücksbesitzer. Ich ersuchte ihn, sämmtliche Herren noch am selben Tage, aber möglichst bald, zu mir zu führen unter der Angabe, daß ihre Anwesenheit aufs Dringendste bei der Regelung jener Spielangelegen- heit nöthig wäre. Binnen drei Stunden waren die Herren sämmt- lich bei mir. Sic hatten alle ziemliche Summen an den Engländer verloren, und jedenfalls trieb sie die Hoffnung zu mir, über den angeblichen Engländer etlvas zu erfahren, etwas, das auch ihnen von Nutzen sein könnte. Nun, vorläufig wurden sie enttäuscht. „Sie lvaren zugegen, meine Herren, als mein Bruder an den Engländer eine sehr hohe Summe verspielte?" fragte ich, als mein Bruder uns vcr- lassen hatte. Die fünf Herren bejahten. „lind wenn ich Ihnen sage, daß nicht mein Bruder, sondern daß ich an jenem Abend der Spieler war, ich mein Ehrenwort gab?" Alle gaben Zeichen des Erstaunens. „Lassen Sic uns offen sprechen," sagte ich darum.„Sie wissen jedenfalls schon, was heute geschehen ist, daß ich mit meiner Carriöre fenig bin. Das wissen Sie vielleicht aber noch nicht, daß mir und meinem Bruder es nnmöglich ist, achttausend Tha'er aufzutreiben, und daß ihm daher nichts Anderes übrig bleiben wird, als sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn nicht in anderer Weise Rath geschafft wird. Ich will Rath schaffe»; ich sage, es ist nicht nöthig, daß zwei Offiziere zu Grunde gehen; an einem ist vollkommen genug, und nun frage ich nochmals: Hätten Sie noch Grund, zu behaupten, daß nicht ich, sondern daß mein Bruder der Verlierer war?" „Aber die Handschrift—", sagte Einer,„man hat zwar nicht gesehen, daß Ihr Herr Bruder eine solche ausstellte, aber der Lord sprach davon." „Wenn es sein muß: Die Handschrift meines Bruders ist von mir gefälscht!... Einen Rteineid brauchen Sie deslvegen nicht zu leisten, nieine Herren; denn der Herr wird sich hüten, mit dem Dokument vor Gericht zu gehen. Alles, was ich von Ihnen verlange, ist nur, daß Sie zu meinen Angaben und denen, die etwa mein Bruder machen müßte, schweigen, und daß Sie, falls es nöthig werden sollte, dieselben auch einmal unterstützten. Ich frage Sie in ernster Stunde: Wollen Sie das thun? Wollen Sie Ihr Ehrenwort geben, also zu handeln?" IM an einigte sich mit mir; wir fertigten ein Protokoll an, in dem sich die Fünf schriftlich bei ihrer Ehre verpflichteten, und übergaben dasselbe dann meinem Bruder. Der wollte es anfangs nicht annehmen, was ich ihm bot; nach längerer Weigerung sah er aber doch ein, daß es das Beste sein würde, so zu vcr- fahren. Wir riethen ihm übrigens, sofort einen längeren Urlaub zu nehmen, den er mit der Sorge PL. um das Gut wohl begründen konnte, und in der Garnison würde man sein Verhalten angesichts meines Falles auch begreiflich finden. Die Herren haben ihr Wort redlich gehalten. Mein Bruder bekam seinen Urlaub und nach einiger Zeit einen ehrenvolle» Abschied. Trotz meines Falles realisirte sich sein Heiralhsplan, und es war ihm vergönnt, das Gut in die Höhe zu bringen. Ich— ich ivanderte auf lange Zeit auf die Festung. Der Engländer ging zivar nicht vor Ge� richt, auch wurde er bald darauf entlarvt; aber so viel hatte er doch zu Wege gebracht, daß ich allgemein als Ehrenwortbrüchigcr und als Fälscher galt. Ich habe das mit dem Bewußtsein meiner Unschuld getragen." Hier endete der Alte, und ich rief den Wirth und bestellte noch einige Flaschen Bier und ans Verlangen meines Gastes einige große Rordhänser und ein kleines Vesper. „Aber das Gefängniß?" fragte ich ihn, als wir wieder allein saßen.„Ja, das Gefängniß." antwortete er mir,„das kommt noch; meine Ge- schichte ist noch nicht zu Ende." Wir saßen und tranken und hingen dabei Jeder seinen eigenen Gedanken nach, bis der Alte endlich seinen Teller von sich schob und sich anschickte, weiter zu erzählen. „Als ich meine Festungshaft abgemacht hatte," begann er von Neuem,„ivar das Erste, zu meinem Bruder zu gehen. Wo sollte ich sonst auch hin; schienen mir doch alle Wege verschlossen. Ans der Erbschaftsiheilnng her hatte ich ja Geld, besaß einige Tausend Thaler; aber ich, der ehemalige Offizier, was sollte ich daniit anfangen! Ich muß sagen, mein Bruder empfing mich gut und bis zu seinem Tode hat er mich gut gehalten; er hat mir den Dienst, den ich ihm erwiesen, nie vergessen. Ich wohnte bei ihm, wurde sein Verwalter. Ich lebte auch wieder auf, etwas von dem frühere» flotten Offizier stellte sich bei mir ein, und gar oft sind wir zusammen ins nächste Städtchen oder auch in die Hauptstadt gefahren und haben dort gelebt und getobt wie früher. Besser für mich wäre es allerdings gewesen, wir hätten das nicht gemacht, sondern ich hätte mich mit meinem kleinen Kapital irgendwo hinbegeben, wo mich Niemand kannte und wo ich hätte ein neues Leben beginnen können. Vielleicht wäre das auch für meinen Bruder besser gewesen. Natürlich kannte man mich noch in der Haupt- stadt, und so konnte es nicht ausbleiben, daß es zu iinliebsamen Szenen kam und schließlich auch einmal zu einem ernsten Zusaninienstoß. Wir waren eines Tages wieder in die Haupt- stadt gefahren, hatten uns recht vergnügt gemacht, und schon wollten wir uns am Abend auf den Heim- weg begeben, als mein Bruder vorschlug, ein be- kanntes und von den besten Kreisen frequentirtes Weinrestaurant noch aufzusuchen. Wir traten ein, ließen uns an einem Tischchen in der Nähe der Thür nieder, und dabei bemerkte ich nicht, daß an einem Ncbentische Jemand saß, der mich kannte, und der dazu noch ein intimer Freund meiites früheren Rittincisters war. Als ich seiner ansichtig wurde und eben meinen Bruder bitten wollte, einen anderen Platz aufzu- suchen, da war es schon zu spät, uuser Gegenüber war brüsk aufgestanden und rief laut dem Kellner zu: „Kellner, machen Sie mir einen anderen Tisch frei!" Mein Bruder stellte den Mann zur Rede, und als der die Dreistigkeit hatte, laut zu bemerken, man könnte doch nicht gut von ihm verlangen, daß er neben einem Fälscher sitzen sollte, da sprang ich auf und schlug ihm mit der Reitgerte ins Gesicht. Seine Zeugen sandte mir mein Gegner indessen nicht; ich war ja nicht satisfaktionsfähig; aber er ließ mich vor Gericht zitiren. Das setzte neue Demüthigungen, rührte die alten Geschichten von Neuem auf, und da, junger Herr, da Hab' ich's altmälig gelernt, das Trinken, Triitkcn bis zur Bewußtlosigkeit. Mein Bruder suchte wieder gut zu machen; er Die Heue Hielt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 263 wollte mich zerstreuen imd arrangirte Jagden, Vcr- gnügniigen und Gesellschaften, ans denen ich nicht der Gefahr ausgesetzt ivar, beleidigt zu werde»; aber bei dieser Jagd nach Vergnngniigen litt die Belvirthschaftnng des Gutes. Nun wurde ich zmu Gewicht an seinem Fuße, das ihn hinabzieheu ninstte, unfehlbar hinabziehen. Allerdings ivar auch inein Bruder schon von Hans ans nicht besonders wirthschaftlich veranlagt; aber ich meine doch, daß Alles anders gekommen wäre, wäre ich nicht bei ihm geivesen. So waren die vierzigtansend Thaler, die meine Schwägerin in das Gut mitgebracht hatte, bald verivirthschaftet, verwirthschaftet wurde auch mein kleines Kapital, soweit es noch vorhanden war, und es ging reißend bergab. Ich allerdings bekümmerte mich noch weniger um die Wirthschaft als mein Bruder; ich wollte vergessen alle Schmach und llnbill, die ich erfahren hatte, ivollte vergessen um jeden Preis; aber daß es sehr schlecht stand, das merkte ich doch an den Abholznngen, die mein Bruder in dem schönen Eichenbestande des Gutes vornehmen ließ. Noch jetzt sind die Spuren jener wüsten Forstwirthschafl nicht ganz verschtviindeu. Endlich konnte ich's nicht länger mit ansehen; ich sprach mit meinem Bruder über die Sache, und da ersah ich den», daß es sehr schlimm stand, schlimmer vielleicht, als ich gedacht hatte. Nicht, daß er ctivas offenbarte, beivahre, aber seine halben Andeutungen sagten genug. „Es wird schon ivicder werden," tröstete er sich selbst, oder versuchte er sich zu trösten,„die Ernte——" Ja, wenn die Ernte nur so glänzend zu werden versprochen hätte, aber das war nicht der Fall; höchstens konnte es eine sehr mäßige Alittelerute werden. Die Zeit verging; es kam die Ernte heran, und trotz meines Zustandes bemerkte ich doch, daß mein Bruder immer gedrückter einherging. Er war stets in Gedanken, gab auf Fragen verkehrte Antworten, ordnete zuiveilen ettvas ganz Unsinniges an, so daß die Leute ihn ganz verblüfft ansahen: es war klar, er brütete über irgend einem Plane. Daß er die Feuerversicherung ganz bedeutend erhöhte, das hätte Anlaß zu Berinuthungen geben können, tvenn solch ein Gedanke auch in. Entferntesten Jemand gekommen wäre, und am allerwenigsten kam er mir.——— Es war Ende Septeniber; da kam ich spät in einer Nacht nach Hause. Ich ivar bei einem uns befreundeten Gutsbesitzer geivesen und hatte mit ihm bis nach Mitternacht zusammen gesessen. Die Nacht ivar stürmi'ch und regnerisch, zudem ivar es für die Jahreszeit sehr kalt, und darum fiel es mir auf, als ich im Schlafziinuier meines Bruders noch Licht bemerkte. Leise trat ich bei ihm ein, und erschrocken fuhr er zusammen.„Ach, Du—— 2Ht," stammelte er dann, und suchte mit Gewalt seiner Erregung Herr zu iverden, ohne daß ihm das gelang. Neben sich auf dem Tische halte er eine Laterne stehen; er war völlig angekleidet, selbst die Mütze hatte er noch auf dem Kopfe. „Na, Ivo bist Du denn noch gewesen?" fragte ich ihn in ziemlich jovialer Weise; denn ich hatte gut gegessen und getrunken. „Ich—— ich," antivortete er und wurde bleich und begann zu zittern,„wo soll ich gewesen sein? Ich bin nirgends geivesen; ich dachte nur... ich wollte... die Laterne steht noch vom Abend her auf dem Tische." Ich legte seiner Erregung keine große Bedeutnug weiter bei, hielt sie für die gewöhnliche, wie er sie sonst gezeigt hatte, und nachdem ich noch versucht, ihn anfznheitern und ihn auf andere Gedanken zu bringen, begab ich mich auf mein Zimmer und ver- fiel bald in tiefen Schlaf. Eine gute Stunde später wurde ich durch laute Feuerrufe getveckt; die große Scheune stand in vollen Flammen. In Hast eilte ich hinunter auf den Hof, auf deni die Leute und auch mein Bruder kopflos durch- einandcrrannlen. An ein Netten der brennenden Scheune war nicht zu denken; es galt nur, die anderen gefährdeten Gebäude zu sichern. Schnell sammelte ich die Anwesenden um mich, ließ alle Knechte und Miigde wecken, auch die Tagelöhner nebst Frauen herbeiholen, die in ihren Kathen einige hundert Schritte entfernt wohnten. Das ziegelgedeckte und massiv gebaute Wohnhaus tvar nicht gefährdet; aber sehr ausgesetzt waren die beiden kleineren Scheunen und der Pferdestall. Zur Borsicht ließ ich die sich wild bäumenden Pferde ans dem Stalle führen, die Wagen ans der Nemise auf einen entfernteren Theil des Hofes ziehen, und auf die gefährdeten Gebäude postirte ich alle vorhandenen Knechte und auch einige Mägde, die die Strohdächer reichlich mit Wasser begießen mußten. Alles Ilebrige trug eifrig Wasser zu und reichte es den ans den Dächern Postirten dar. Wir arbeiteten bis zum Morgen, dann entließ ich die Leute auf ein paar Stunden zur Ruhe, da nichts mehr zu befürchten' war. Nur zwei Knechte blieben auf der Brandstelle zurück. Bon der groben Scheune war auch nichts übrig geblieben, Gebäude und alle aufgelagerten Borrüthe, Alles war ein Raub der Flammen geworden. So lange das entfesselte Element gewüthet hatte, hatte Alles der Sicherung und Rettung gelten müssen; vor dem Denken an diese hatte alle andere Hirnthätigkeit zurücktreten müssen; nun aber das Feuer gelöscht und nichts mehr zu besorgen ivar, tauchte naturgemäß in Jedem gebieterisch die Frage ans: Wie ist das Feuer entstanden? Auch von mir nahm der Gedanke nach dem Entslehen des Brandes ganz und gar Besitz, und in seinem Gefolge erschien eine angstvolle, blasse Gestalt, die ich in der Nacht gesehen hatte, eine Gestalt, völlig angekleidet, die Mütze auf dem Kopfe und eine Laterne neben sich, die bei meiner Harm- losen Frage:„Na, wo bist Du denn noch gewesen?" jäh zusammen gefahren war und vergebens ihre hochgradige Berwirrung zu verbergen gesucht hatt?, — die Gestalt meines Bruders! Ich widerstrebte mit aller-Macht diesem, wie ich es nannte— un- würdigen Verdacht; aber immer mehr und mehr gewann er an Besiimmtheit, wenn ich an das- Be- nehmen meines Bruders während des Brandes dachte. Leichenblaß und an allen Gliedern zitternd war er umhergelaufen, hatte sich um nichts bekümmert, hatte kaum sprechen können. Einen Wassereimer griff er an, ließ ihn dann wieder fallen und lief an eine andere Stelle; einmal hatte er gethan, als ivollte er sich in die brennende Scheune stürzen, so daß ich einem Knecht zurufen mußte, er sollte ihn zurückhalten—— Dazu kam dann noch die Erhöhung der Feuer- Versicherung, seine Gedankenlosigkeit, sein Unstätes Wesen vor dem Brande—— Ich erschrak, als der Gedanke in mir auftauchte: Wenn das Alles der Untersuchungsrichter wüßte! Beim Mittagstische fehlte mein Bruder; er hatte sich entschuldigen lassen, er sei krank. Nach dem Essen ging ich zu ihm in sein Schlaf- zimmer; er lag im Bette. Und als ich da vor ihm stand und diese angstverzerrten Züge sah, über die dann und wann ein irres Lächeln huschte, da wußte ich's: er war der Brandstifter! Und daß ich das wußte, darüber war auch er ohne allen Zweifel klar, denn sonst hätte er nicht die Augen vor meinem forschenden Blick abgewendet. Was sollte nun werden?.. Mir graute selber, wenn ich an die Entdeckung dachte.. Dann die Frau, und die Kinder erst, die Kinder, die meine Lieblinge waren, und die auch mich so lieb hatten! Oder wenn gar ein Unschuldiger in Verdacht kommen, er in Haft genommen, bestraft und ins Gefängniß gesetzt werden sollte! Zunächst aber mußte mein Bruder um jeden Preis ruhiger werden, mußte er die entsetzliche Angst über- winden, durch die er sich selbst verrieth, und so suchte ich ihn denn zu bestimmen, daß er sich mög- lichst verborgen hielt und ich während der nächsten Tage die Geschäfte leitete. Tarin. daß er vor Schreck krank geworden war, konnte Niemand etwas Auffälliges finden, und es siel in der That auch Niemand auf. So groß war das Vertrauen, das der überall wohlbekannte und hochangcsehene Gutsbesitzer genoß, daß, obwohl zwei Personen— ein Knecht und der Chansseehans- Pächter— übereinstimmend bekundeten und dabei auch nur wenig in der Zeitangabe differirten, sie hätten in jener Nacht eine Person mit Licht vom Wohnhause her durch den Garten nach der Scheune gehen sehen und dann nach einiger Zeit wieder von der Scheune zurück in den Garten, wo das Licht erloschen war— daß trotzdem Niemand, auch die Untcrsuchungsbeamten nicht, an meinen Bruder dachten, obwohl bekannt war, daß er etwa ein Vierteljahr vor dem Brande seine Feuerversichernng und namentlich die Versicherung der abgebrannten Scheune ganz bedeutend erhöht hatte. Mich hatte man einmal ins Verhör genommen: aber ich konnte mit Leichtigkeit darthuu, daß ich an jenem fraglichen Abend noch ein und eine halbe Stunde vor dem Brande bei meinem eine gute Stunde entfernten Freunde gewesen war.— Vierzehn Tage waren vergangen, es waren schließ' lieh auch vier Wochen hin, aber noch immer hatte die Untersuchung nichts zu Tage gefördert Einen Knecht hatte man cinnial eingezogen, aber nach vier Tagen schon hatte man ihn zu meiner großen Be- friedignng wieder laufen lassen müssen. Plein Bruder, der nach dem Brande schrecklich gedrückt gewesen war, und von dem ich in den ersten Tagen Halle befürchten müssen, er würde einen Selbst- mord begehen, ivar wieder zuversichtlicher geworden, und auch ich sing an zu hoffen. Zwar hatte man, daß wußte ich ganz genau, in den letzten Tagen der vierten Woche von Seiten des Gerichts an einer Stelle Erknndignngeu über die Verhältnisse meines Bruders einholen wollen, und das gleich im Anschlüsse au eine nochmalige peinliche Untersuchung der Brandstelle, die ein besonders eifriger Kommissar in eigener Person vor- genommen hatte; aber wie gesagt, ich fürchtete nicht gar so viel mehr. Es war also etwa vier Wochen nach dem Brande und vier bis fünf Tage nach jener zweiten peinlichen Dnrchsnchnng der Brandstelle, mein Bruder war in Geschäften nach der. nächsten Stadt gefahren, und ich saß gegen Abend allein in seinem Arbeitszimmer, als jener schon erwähnte Kommissar unter Begleitung von mehreren Beamten vor dem Hanse vorfnhr. Piit nicht gerade angenehmen Gefühlen ging ich ihm entgegen, denn seine aufdringliche Fragerei, seine mißtrauische Peinlichkeit hatte» ihn mir ver- haßt gemacht, und recht unwirsch fragte ich ihn: „Nun, was wünschen Sie denn schon wieder?" „Ihr Herr Bruder zu Hans?" „Bedauere, er ist in der Stadt." Er sah mich scharf an, sagte endlich:„Gut, ich glaube Ihnen. Aber zurückkommen wird er schon noch, und da wollen wir ein wenig auf ihn warten." „Aber Herr— wollte ich auffahren; doch er schnitt mir jede Bemerkung mit dem Befehl an seine Leute ab:„Sie sorgen dafür, daß Niemand, wer es auch sei, den Hof verläßt; Einer geht nach der Käthe und paßt auf, daß auch die dortigen Insassen dem Wagen nicht entgegengehen oder gar in die Stadt laufen, und Sie, Herr," wandte er sich an mich, „Sie muß ich leider auch bitten, nicht von Haus und Hof sich zu entfernen. Auch tväre mir ange- nehm, wenn Sie die Damen auf meine Anordnungen aufmerksam machen wollten." Ich erschrak. Was war vorgegangen? Wie hatte man auf einmal so schwerwiegende Beweise gegen meinen Bruder bekommen, daß man ihn verhaften konnte? Der Kommissar machte sich's im Arbeitszimmer bequem, ich aber lief aufgeregt durch alle Zimmer. Diese Ungewißheit vor dem drohenden Schlage war schrecklich! Und dabei verstrich die Zeit so langsam, und mein Bruder wollte und wollte nicht kommen! Endlich gegen neun Uhr das Rolle» eines Wagens. Die Leute, die bisher flüsternd und angstvoll auf deni Hofe znsanimengestandcn hatten, ohne z» arbeiten, dräiigten in den Flur hinein, Alle in banger Erwartung der Entscheidung. 3G4 Die Nene N)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Was bedeutete das Alles? Was sollten die viele» Polizeibcamte»? Was sollte geschehe»? Diele»»d ähnliche Frage» las nia» auf de» angstvollen Gesichter». Ich stand und kante an den Nägeln und wnrde halb ohnmächtig vor Erregung. Der Wage» hielt, der Kommissar trat in den Flur. „Mein Gott, er wird doch nicht hier?" dachte ich bei mir. Btein Bruder trat ein mit von Wein geröthetem Gesicht; als er aber die Beamten sah und die umher- stehenden Leute, da wurde er kreidebleich und griff krampfhaft nach der Thiir, um nicht zu fallen. Ich trat rasch an den Beamten:„Herr, machen Sie's nm Gottes Willen so unauffällig wie möglich," bat ich leise. Der Kommissar trat rasch ans meinen Bruder zu:„Bitte, wollen Sie mir in daS Zimmer folgen!" Er ergriff meinen Bruder am Arm und zog ihn mit sich fort in sein Arbeitskabinet.„Auch Sie, bitte!" sagte er, sich zu mir wendend, und auf seinen Wink traten mit uns zwei Kriminalbeamte zu gleicher Zeit ein. Nachdem die Thür ins Schloß gefallen war, stellte der Kommissar sich dicht vor uns hin, griff in seine Tasche und hielt mir und meinem Bruder eine silberne Ziindholzbüchse vor Augen, die wir Beide wohl kannten, denn sie gehörte meinem Bruder und ivar ein Geschenk von einem Freunde, und indem er uns forschend ansah, fragte er:„Wie erklären Sie es, daß diese stark durch Fener beschädigte Büchse von mir auf der Brandstelle gefunden iverden konnte?" Mein Bruder wurde aschfahl im Gesicht, sing an zu zittern und fiel auf einen Stuhl. „Sie gehört Ihnen, Herr...?" fragte noch der Beamte. Mein Bruder konnte nichts mehr antworten; er brachte nur noch ein krampfhaftes Schluchzen heraus. „Ich bin leider nun gezwungen, Sie zu ver- haften," sagte darauf der Kommissar, und mir bc- deutete er, daß ich gehen könnte.„Ich thne meine Pflicht," setzte er noch hinzu,„aber ich bin bereit, es einzurichten, daß die Fortführung so unauffällig wie möglich vor sich geht. Sie können also Ihre Leute vom Flur und vor dem Hause entfernen." Völlig zerschmettert lvankte ich hinaus, schritt eilig zur Thür hinaus, nm mich von dem Schreck etwas zu erholen, und dann erst trat ich vor die Leute hin, die flüsternd noch innner im Flur standen. Sie sollten Alle sofort in das Lcutehaus auf dem Hofe gehen, sagte ich zu ihnen; sie würden vielleicht noch vernommen werden müssen. Die Leute gingen, und eine Viertelstunde später fuhren die Beamten mit meinem Bruder davon, der völlig gebrochen schien.— Die Nachricht, daß mein Bruder verhaftet ivordcn war, mußte sich mit reißender Schnelligkeit verbreitet haben; denn am nächsten Abend schon war sein Schwiegervater, der in der Hauptstadt wohnte, auf unserem Gute. Der Alte war außer sich; er tobte und fluchte. Erst mit dem Brnder des Schwiegersohnes die Be- schecrung und nun gar mit dem Herrn Schlvieger- söhn selber.— Ich ersuchte ihn, doch erst das Weitere abzutvarten, ehe er vcrnrtheilte; es half aber nichts. Der Alte fluchte iveiter, die Schwägerin weinte und die Kinder lagen iviinmernd in einer Ecke. Wenn man solchen Jammer sieht, Herr, was soll man machen? Ich lief innerlich zerrissen umher lind halbtoll vor Wnth darüber, daß ich nicht helfen konnte. Dabei fing ich an, in unheimlicher Weise zu trinken, trank das Doppelte als sonst und noch mehr, und dabei zermarterte ich immer und immer mein Hirn mit der Frage:„Wie kannst Du helfen?" Allmälig kam ich auf einen ganz bestimmten Gedankengang. Ich war schon gezeichnet, hatte schon Mchreres ans dem Kerbholz, wenn ich nun auch das noch ans mich nahm? Die Voruntersuchung war diesem Plane günstig; bis jetzt hatte mein Bruder noch immer hartnäckig geleugnet, und ivenn ich nun hintrat und aussagte, daß ich an jenem Abend doch noch in der Scheune war? Mit Licht in der Scheune? Daß ich aus dem Zimnier nieines Bruders, in das ich in meiner Trunkenheit hineingerathen war, und in dem übrigens auch während der?!acht die Schlüssel zu den Scheunen hinge», Laterne und Zündholzbehälter mitgenommen hätte? Daß mir in der Scheune das Licht ausging, ich es neu anzündete und dabei vielleicht achtlos das noch brennende Zündholz weggetvorfen habe und die Büchse verloren? Aus dm der Zeit. Zerstörte Träume.(Zu unserem Bilde.) Wie viele sind ihrer nicht, die, sei es als Erfinder, als Komponisten, Maler oder Dichter, dereinst voll froher, kühner Hosfunng zn hohen, Flug des Geistes Schwingen regten, nm früher oder später ans den ersehnte» Himmelil enttäuscht, ge< krochen wieder zur Erde, in den Stand des Alltäglichen herabzusinken I Ob es geschah, weil sie das Mast ihrer Kräfte überschätzte», weil ihre Zeit sie nicht verstand, oder weil Hast und Neid sie überall verfolgten und sie in Roth und Elend untergehen liesten, gleichviel, die tiefe. Tragik eines solchen Schicksals ist darum die gleiche. Freilich, auch tanscnd, abertausend Andere wissen von Enttäuschiliigen, zerstörten Träumen zn erzählen, und doch scheint mir von Alle» Keiner dem Untergang eines Künstlers vergleichbar, weil dessen Kunst sein Lebe» selbst bedeutet. Das Ende, der erschütternde Znsauimenbruch eines solchen Daseins aber ist es, de» Franz Guillcrp uns i» seinem phantasievollen Bilde, zerstörte Trännie, schildert. Den jäh zerzausten Lorbeer in der Rechten, sehen wir den Ruhm entseelt am Boden liege», während andere Traumgestalten, sei eS das Glück, die Liebe, i» nutzlosen, Ringen sich der sinsteren Mächte des Hasses, der Vcrsolgnng, der Roth, des Elends zu erwehre» suchen. Und inmitten dieser Phantasiegebilde der gequälten Kiinstlerseele erblicken wir den Künstler selbst, verzweifelnd, hoffnungslos zn- saminengcbrochen über seiner Arbeit. Es ist mit ihm zu Ende nun, und Alles, Alles ans. Schon hat ein finsterer Gast an seiner Seite Platz genommen; beim matten Schein der Lampe grinst ans hohle» Auge» neben ihn, der Tod. Freilich, er wird dem Elend, der Verzweiflnng»u» ein Ende machen, wird de». Gequälte» selbst ein Retter, ein Erlöser scheinen. Anders uns, für die dem Untergange dieses Lebens darum nichts von seiner Gransamkeit genommen wird. Tast dies aber auch nicht die Absicht unseres Malers ist, ersehen wir daraus, daß er den Tod nicht etwa als holden Genins, der still des Lebens Fackel auslöscht, sondern als Glnnben mußte man mir schon, und die Zeit konnte noch immer stimmen; denn den Weg von einer Stunde abgerechnet, blieb noch immer eine gute halbe Stunde, die ich vor dem Brande auf dem Gute ge- wesen sein mußte. Dann konnten auch einige Ar- beiter schließlich bezeugen, daß sie gleich nach Aus- brnch des Feuers mich völlig angekleidet hatten auf den Hof stürzen sehen; ausfüllig und für ein Schuld- bewnßtsein sprechend konnte auch die fieberhafte Thätigkeit sein, die ich während des Brandes ent- wickelt hatte, kurz, es ivar genügend Belastendes vorhanden. Ich rechnete weiter. Wenn mein Bruder ver- urtheilt wnrde, woran ich übrigens garnicht zweifelte, konnte ihm die Geschichte ein paar Jahre einbringen; er konnte für ehrlos erklärt werden; mit mir dagegen war es etwas Anderes. Bei mir mußte man eigentlich doch fahrlässige Brandstiftung annehmen, und dazu kamen noch mildernde Umstände in Betracht, denn ich konnte durch Zeugen nachweisen, daß ich sehr stark an dem Abend angetrunken war, daß ich überhaupt sehr stark trank. Und nur fahrlässige Brandstiftung deshalb, weil ich als Verwalter des Gutes gewissermaßen doch die Pflicht hatte, Abends vor dem Zubettegehen noch einmal die Runde zn machen. Und ein Betrunkener, nun, der hat doch manch- mal eigene Einfälle; kann er da nicht auch mit einer Laterne in die Scheune gehen, um nachzusehen, ob etlva Strolche sich eingeschlichen haben, die nun die Nacht darin zubringen wollen? Auch war in den letzten Tagen vor dem Brande mehrmals auf dem Gute gestohlen worden, und außerdem konnte ich auch das durch Zeugen nach- weisen, daß ich in der Trunkenheit zu Extravaganzen neigte. Hatte ich doch einmal Nachts um ein Uhr die Vichställe revidirt, hatte die Knechte gclveckt und ivar mit ihnen ans den Kornboden gegangen, wo ich das Korn wollte umschaufeln lassen. Ich redete mich so in meinen Plan hinein, daß ich schließlich bald selber glanbte, ich wäre der Brandstifter gewesen, und eines schönen Tages setzte ich mich auf und fuhr in die Gerichtsstadt. (Schluß folgt., den finsteren, nnerbittlichen Würger schildert, der kein Erbarme» kennt und uns die Tragik jenes Künstlerschicksals in seiner ganzen Tiese sllhlen läßt. Schiller und die Kriminalistik.„Jena in der Ostcr- messe 1732. F. Schiller" ist. die Vorrede zn einein Werke unter.eichnet, von den, es im Allgemeine» nur Wenige» bekannt ist, daß der Marbacher Dichter ein ganz beson- dercs Interesse dafür bezeigte. Es ist die unter dem Titel„Merkwürdige Rechtsfälle als ein Beitrag zur Gescknchte der Menschheit" erschienene Rcnbearbeitnng merkwürdiger Kriminalfälle(causes celebres et interessantes) des sranzösische» Rechts- gelehrten Franpois Gapot de Pitaval(spr. Pitawall). Schiller selbst sagt von ihr:„Man findet darin eine Auswahl gerichtlicher Fälle, welche sich au Jntcresse der Handlung, an künstlerischer Verivickclnitg und Mannig- faltigkeit der Gegenstände bis zum Roma» erheben und dabei noch den Vorzug der historische» Wahrheit voraus haben Man erblickt hier den Menschen in den ver wickeltsten Lagen, welche die ganze Erwartung spannen und deren Auflösung der Divinationsansgabe des Lesers eine angenehme Beschäftigung giebt. Das geheime Spiel der Leidenschaft entfaltet sich hier vor unseren Angen und über die verborgenen Gänge der Jntrigne. über die Machinationen des geistlichen sowohl als weltlichen Be- trnges ivird mancher Strahl der Wahrheit verbreitet. Triebfedern, welche sich im gewöhnlichen Lebe» dein Auge des Beobachters verstecken, trete» bei solchen Anlässen, wo Leben. Freiheit und Eigenthnin ans dem Spiele stehen, sichtbarer hervor, und so ist der Kriniinalrichter im Stande, tiefere Blicke in das Menschenherz z» tlnin........ Dieser wichtige Gewinn für Menjchenkenntnist und Menschen- behandlnng ist für sich selbst schon erheblich genug, um diesem Merk zu einer hinlänglichen Enipfehlnng zu dienen." Diesem Interesse für die Pspchologie des Verbrechens und Verbrechers begegnen wir übrigens bereits in einer früheren Arbeit Schiller's; es ist dies die 1785 im zweiten Heft der Zeitschrift„Thalia" erschienene Erzählung vom „Verbrecher ans verlorener Ehre", in der der Dichter den Eutwickelnngsgang eines nnglücklich veranlagten und unter unglücklichen Verhältnissen aufgewachsenen Mensche» bis zum unerbittlichen Feind der Gesellschaft gleichsam als nothwendigc» darznstellen sucht. Es ist unstreitig ein ganz moderner Zug, der sich in diesem Bestreben knndgiebt, und doppelt interessant, wenn wir mit ihn, den Geist vergleichen, der heute durchgängig noch die Praxis unserer Kriminalisten, unserer Richter und auch Geschworenen, die in Strafsache» zn »rtheilen habe», beherrscht. Allein, so wenig man auch leider annehmen darf, daß dieser rein fcrmalistische Geist der Richtung weichen wird, die heute— in der Theorie wenigstens— eine Venrtl, wi lung des Verbrechers vor Allein»ach Naturwissenschaft- lichen, pstichologischcn, sozialen Gesichtspunkten verfangt, so sehr können Rechtsfälle, ivie die von Schiller heraus- gegebene» Pitaval'schen doch ein Gutes wirke». Ich meine die Einsicht in die oft unglaubliche Unzulänglichkeit der Unterlagen, der Beweisgründe, auf denen sicl, heute so manches Urtheil ausbaut, das für den tiefer Blickenden, den Psychologe» einfach nnfastbar ist. De» Lesern unseres Blattes gegenüber diese Thatsachc» noch mit Beispielen zu belegen, habe ich wohl nicht nöthig Und es hätte nach dem Schillcrichen gar kein neuer Pitaval heraus- zukommen brauche»,»in darzuthnn, wie in zahllose» Fülle» die angeblich geschlossene Beiveiskettc in der That nicht geschlossen war. Mehr als ein Urtheil unserer Tage— mag es auch mit bestem Wissen und Gewissen abgegeben sein— hat sich nachträglich schon als interessantes Beispiel für eine neue Saniinlnng merkwürdiger Rechtssälle der Gegenivart herausgestellt.' d. Nachdruck des Inhalts Verbote»? Berantwortlicher Redalteur: Äustav Macasy>» Lewzifl.— Vertag: Hamdurger B»chdr»cteret und Verlagsanflalt Auer s-«la. tu Hamburg.— Druck: Mar Vadlng tu Berlin.