Nr. 34 35Kic(lriric � t ili er h ai iitTi�ssb eti a0c. 1897 L l.eb' wohl!— Die Tippe spricht es wohl, Allein das Herz kann's nimmer sprechen, Weil ihm bei diesem.Scheidegruß vom Glück die schönsten Kronen brechen. Ss hat geträumt, gehofft, geglaubt Bis zu der letzten aller Stunden, Daß es nach irrer Tebensfahrt Nun endlich Ankergrund gefunden. Leb' ervig rvoHll! Vo» Ernst Krcowski. Vorbei der Traum!— In Aacht versinkt Der Sukunft lichter Trostgedanke-- Herz, o mein Herz, stoß' ab in's Tieer Auf deines Schiffbruchs letzter Planke! Dem Vogel gleich, dein Wettersturm Das Acst geraubt, irr' hin und wieder; Dem Irrstern gleich aus Sonnenhöh'n Stürz' gluthverhauchend jaä) hernieder! Kein Herz könnt' je verlaff'ner sein, Als sich das meine fühlt verlassen:— Allein! Allein! Kein treues Herz, So mit mir zog' auf meiner Straßen.. So irr' ich ruh'los hin und her, Tb sich das Unglück schwer entlade, Ahasversehnsucht in der Brust, Aicht werth, daß mir eiu Himmel gnade. Ted' wohl!—Tcb' ewig wohl!— Doch nein, Aoch aber glimmt's und glüht's in mir Auf ewig nicht will ich mich trennen. Und Phönix Hoffnung regt die Schwingen! Ts müßte denn mein Lebenslicht Schwand auch dies letzte Hoffen— mag Tlir fürder vor der Seit verbrennen. Das Leben selber rasch verklingen. Aus der Walze. Aus den Papieren eines Fechtbruders. Van F. Ricbcck. (Forlsed»ng.) Siebzehntes Ficipitet. Gott Vater. f s kommt ein Tag, an dem sie wiederkehrt— die Mente der Zweifel. Sie überrascht Dich jäh, wenn Dn am tiefsten fühlst das Glück Deines schwer errungenen Friedens; sie heizt Dich in fremde, unwegsame, schreckhafte Gefilde, sie zer- martert Deine Seele, stürzt sie hinunter in die Höllenschlünde der schwarzen Angst, entreißt Dir Stück um Stück Dein Schönstes— Deinen reinen, beglückenden, starken Kinderglanben. O, was habe ich gelitten unter dem Teufelsspuk der Nächte! Nie vorher so viel, als während meines Aufenthaltes in Thalimgen. Wie oft entfuhr mir ein geller Todesschrei, wenn der Beherrscher der Unterivelt zu mir ans Bett trat, mich mit erbarmnngs- losen Gluthaugen ansah und seine langen, ekelhaften jtrallcn mir um den Hals legte, um mich zu er- würgen! Wie rief ich da in gräßlicher Angst den Namen Gottes, und wie leistete ich im Zeitraum einer einzigen Sekunde die heiligsten Schlvüre, daß ich renmüthig in den Schooß der allein seliginachenden Hirche zurückkehren wollte! Gott stand mir bei; der Böse wich. Und wenn ich dann, von einem tödtlichcn Drucke befreit, mich zu bewegen ivagte und mit de» Augen das Dunkel zu durchdringen suchte, wußte ich nicht, ob ich das Schreckliche wirklich erlebt, oder nur geträumt hatte. Gewöhnlich kam ich dann zu dem Schluß, daß Gott durch solche Trauinerscheiunngen seinen Willen kundgebe und uns Menschen zeige, was wir zu gewärtigen haben, wenn wir hieuiedeu Wege Ivandeln, die nicht die seinen sind. In dieser Erkenntniß gab ich mich dem Gebet und der Nene hin und faßte allerlei fromme Bekehrungs- Vorsätze, die ich, wenn am Morgen die Sonne auf- gegangen war und die Dämonen der Nacht ihr Recht über mich verloren hatten, als thöricht verwarf... Ich weiß nicht, wo ich es gelesen oder gehört hatte, daß Jeder, der sich den stolzen Namen eines Christen beilege, auch verpflichtet sei, nach den Vor- schriften der Kirche zu leben und regelmäßig dem Gottesdienst beiznlvohneu, sonst sei er ein elender Heuchler und schlimmer als ein Heide. Ich iveiß auch nicht, lvie es kam, daß mich diese Behauptung eine geraume Zeit hindurch Tag für Tag, oder viel- mehr Nacht für Nacht beschäftigte und der schlimmste Störer meines Friedens war. Seit meinen Zerwürfnissen mit dem Pfarrer meiner Heimath hatte sich nach und nach in meinem Gemüth ein eigener Glanbensknlt gebildet. Ich hatte mich in das Bewußtsein hineingelebt, daß man dem allgegenwärtigen Gott nicht nur in der Kirche, son- dern an allen Orten dienen könne, wo mau ihn „im Geiste und in der Wahrheit verehre", und ich konnte mich des Empfindens nicht erwehren, daß der geliebte Heiland mit den kirchlichen Bräuchen rein garnichts gemein habe. Oft hörte ich die Leute sagen, daß die eifrigsten Kirchengänger oft die schlech testen und gefährlichsten Menschen seien, und zahl- reiche Beobachtungen, die ich selbst in solcher Be- ziehung gemacht hatte, stimmten mit diesem llrtheil überein. Einen alten, behäbigen Kupferschmiede- meister, der mit meinem Meister in Thalimgen befreundet war, hörte ich einmal in Bezug auf eine reiche Familie sagen:„In der Kirche rutschen sie sich vor unserem Herrgott die Kniee wund und möchten ihm vor lauter Frömmigkeit die Füße ab- beiße»; sind sie aber raus aus der Kirche, so ivissen sie vor Hochmuth garnicht, was sie anfangen sollen, und alle andere Menschen sind ihnen Luft. Blos iveun sie wieder einen Dninmen gefunden haben, der sich von ihnen betrügen und begannern läßt,� thuu sie hübsch mit ihm. Mit solcher Blase bleibt mir hundert Schritt vom Leibe!" Diese Worte gefielen mir; sie entsprachen ganz meinen eigenen Erfahrungen und waren mir eine Bestätigung, daß die priesterlichen Handlungen im Gotteshause, wie überhaupt das Gotteshaus selbst nicht die Fähigkeit besaßen, veredelnd auf das Menschen- herz einzuwirken. Immer fester ward daher meine Ueberzengung, daß der beste und wirksamste Gottes- dienst die Gottverehrnng in der schöne», freien lltatur oder sonst in der Einsamkeit sei. In meinen rcli- giöscn Verzückungen, in denen ich mit Jesus Christus redete, glaubte ich auch dessen Zustimmung gefunden zu haben. Da aber störte meinen süßen Seelenfrieden jenes strenge Wort der Berdaminniß, das da lehrte, daß Keiner ein Christ sei, der nicht streng die Lehren der Kirche befolge. Wohl versuchte ich. dem Worte zu trotzen, allein meiner schwachen Seele fehlte die 2GG Die Neue Welt. Illustrirte Ilnterhaltungsbeilage. Krnst zur Widcrlcgliiisi, inid so verfiel ich in schoner- lichen Griibeluml leu seinem schivirzen Bnnne. Ich erschrak und veblc vor dem Zorn Üiott Vaters: oft N'ea'e mich seine Warneeslimme ans dem Schlafe: oft auch geschah das Aierkivurdige, daß ieh plötzlich ans sesiem Sehlaf mit einem Schrei emporschnellte und dabei Ue Empfindniig hatte, als habe ich mich durch ein jähes Znrnckiveichen vor einem Absturz in einen tiefen Schlund gerettet: manchmal ergriff mich in solchen Augenblicken eine namenlose Furcht vor einem mir unbekannten entsetzlichen Verhängitiß: die Angst lastete ans mir wie ein Vlcikoloß; ich tvagte nicht, mich zu regen, wagte nicht, zu athmen; ich suhlte den kalten Schiveiß ans der Stirn, starrte offenen Auges in die Finsterniß, als müsse es her- vorquellen, das Unbekannte, Grauenvolle, nud mich ivnrgeii— erdrosseln. Manchmal kam es auch, hauchte mich init heißem Athem an, daß ich dem Ersticke» nahe war, tastete nach meinem Halse-- und ich rief den Aamen Gottes, gelobte wieder ein- mal mit aufrichtiger Seele Bekehrung, und der ge- spenstische Schalten wich langsam. So lange es mir möglich gewesen war, einzig nur dem milden Heilande Wecheiisehaft abzulegen über mein Wandeln, Thun und Denke», lebte ich ein ruhiges Seelenleben, und mein Glaube an die All- gegeMvart meines göttlichen Freundes schützte mich vor manchen Thorheiten; erst dann, als ich es für ein Erforderniß meines Seelenheiles hielt, auch den Willen des Vaters zu erfüllen, und als ich diesen Willen zu ergründen suchte, gerieth ich in jenen Urwald von Widersprüchen, in dem mir alle die geschilderten Schrecknisse begegneten. Tie gespenstischen Abenteuer der Nacht hatten ihre schlimmen Folgen für den Tag: ich war matt und schläfrig, so daß derBidster manchmal begründete Ursache hatte, die moralische Hetzpeitsche zu schwingen; ich ivar auch zerstreut und beging unverzeihliche Fehler, wie beistielsweise den, daß ich zwei Tischbeine verdarb, indem ich die Zapfenlöcher in falsche Seiten stemmte. Zum Glück war der Meister nicht zu Hanse: ich fand Zeit, zwei neue Tischbeine herzu- lichten und die verdorbenen zu verstecken, nni sie ge- legentlich z» vez brennen. Hätte er mich bei einem so'chen, allerdings haarsträubenden Fehler erta pt, so wäre ein Höllenspektakel losgebrochen: so aber begnügte er sich bff seiner Heimkehr, nnch boshaft zu fragen, ob ich in seiner Abwesenheit geschlafen habe. Das stand bald fest bei mir, daß ich ein solches Leben nicht weiter führen konnte und durfte. Wenn ich meinen Pflichten und Aufgaben in der Werk- statt gerecht werden und meine Stellnng behaupten wollte, mnßle ich des Nachts ruhen und schlafen. Ich i, lichte mich mit dem lieben Gott auseinander setze», gleichviel auf welche Art. Wie könnt' ich dnnimer Junge damals wissen, daß solche Ansein- andersei. inigen mit dem Höchsten nicht so schnell von statten gehen, wie wenn zwischen zwei in Feindschaft miteinander ge athenen Menschen eine gütliche Aus- spräche erfolgt, sondern daß lange Jahre vergehen, bevor sich der junge nnerfahrene Btensch im Kampfe mit der ihm von seinen Erziehern zuerkannten Gottheit zum Frieden und zur wahren Neligiösität durchringt. Wiederholen muß ich, daß mir die Unholde des Zweifels immer nur des Nachts Entsetzen ein- jagten, obgleich sie nnch des Tages in meiner Seele rumorten. Und da ich nnn aus rein praktischem Grunde mit nüchternen Sinnen bestrebt war, mir die lltiihe der Nacht zu gewinnen, kani mir— wer weiß, wie— der Gedanke in den Sinn, daß Gott garnicht existire, nnd daß die Menschen, die ihn leugne», im Rechte seien. Selbst am lichten Tage erschrak ich vor diesem schrecklichen, welterschütternden Gedanken: ich glaubte nicht daran, fühlte jedoch eine Macht in mir, die mich zwingen wollte, daran zn glanben, und es überkam mich zei weilig ein Gefühl der Freude nnd Genugthnnng, daß e; mir mit einem Male gelungen sei, alle Zweifel zn brechen nnd alle die Qnalen und Aengsle, die mir mein Glaube vervrsachle, zn verscheuchen. Wie oft schon hatte ich davon reden hören, nnd wohl auch gelesen, daß es Ateircheii gäbe, die da sagen, die Welt sei von selbst entstanden, sie habe sich aus dem Ilrnebel ent- wickelt: die Evangelien seien nicht Lffenbarungen Gottes, sondern Nienschenwerke, gemischt aus Sage nnd Tichtnng, nnd Christus sei nicht der Sohn Gottes, sondern ein Mensch gewesen, wie andere Menschen. Ich hatte solche Gotteslängner stets als die schwersten Frevler, als die verabscheunngslvürdigsten Kreaturen angesehen: ich hatte sie für Opfer oder Werkzeuge der Hölle gehalten— nnd nnn war ich selbst einer geworden. Mein Unglaube stand indeß auf schwachen Beinen, und um ihn zn stützen, drängte es mich fortlvährend, nach Widersprüchen zu suchen, wie solche zwischen Natur nnd Kirchenlehre in über- großer Zahl vorhanden sind, und Gründe zn sammeln zum Beweise dessen, daß die sogenannten heiligen Mysterien in das Gebiet der Märchen gehören. Ich fand, ivas ich suchte, in reichlicher Bienge; das ist leicht erklärlich, da ich nicht unter einer Last von theologischem und natnrischem Wisse» zu kenchen hatte, sondern durch meine holde Unwisseuheit befähigt war, mit Gedankenschnelle die sckwersten Hindernisse zn nehmen. Ich verfuhr dabei wie der Hase im Märchen, als es sich um einen Wettlauf über einen hohen Berg handelte: die Ausgabe war ihm zu schwierig, daher leugnete er einfach, daß ein Berg vorhanden sei, lief um den Berg herum und gc- langte als Erster an das Ziel. Da ich Gott nicht zu überwinden vermochte, stellte ich seine Existenz in Abrede; ich umging ihn in meinen Untersuchungen, bewegte mich durch allerlei niederes Gestrüpp, das keinen Fernblick gestattete, nnd konnte dann mit Fug nnd R'ccht behaupten, daß ich Gott nicht gefunden habe. Doch das schändliche Btanöver hatte für mich nur einen Scheinerfolg. Trotz aller Blühen gelang es mir nicht, den fest geivnrzelten, mir unbequem gewordenen Gottesglanben ans»leineni Herzen ans- znrotten. Wie lächerlich nnd kindisch jener Selbst- betrug war, erhellt■ans der Thatsache, daß ich auch in den schwärzesten Stunden meines erkünstelten Atheismus nicht aufhörte, in schwärmerischer Liebe an Jesus Christus zu hangen nnd ihn als den liebenden. Alles verzeihenden Erlöser zn betrachten. Die Frage, ob er göttlichen oder menschlichen Ur- sprungs sei, beschäftigte mich nicht ernsthaft, da sie mir gleichgültig war. Bianchinal jedoch kam mir der Gedanke, es müßte schöner nnd besser sein, wen» er nicht der Sohn Gottes wäie; man hätte dann die Gewißheit, daß es möglich sei, ihm nach- znahmen und ihm an Menschenliebe nnd Dnldermnth gleichznkoninien, während es doch für einen schwachen Menschen allziischwer sein müsse, deni erhabenen Beispiel eines Gottes nachzueifern. Bestehen blieb ja der Trost, daß er unter den seligen Geistern fort- lebte, unter ihnen einen allerersten Rang einnahm und als Geist nicht ermüdete, seine Menschenliebe zu bethätigen. An den Sohn wollt' ich herzlich gern glauben; ihn wollt' ich»m keinen Preis der Welt aus dem Himmel nieiner Seele verdrängen; seine schönen,»lilben klaren Augen leuchteten immer in Berzeihnng nnd Versöhnung, wenn ich ihm eine Schuld zu beichten hatte, nnd er lieh mir Kraft in allen Nöthen und Mühsalen. Nur mit dem Vater, dem gestrengen Droher und lliächer, lvie ich ihn ans dem allen Testamente kannte und wie er mir während meiner Jugendzeit von der Kanzel herab geschildert worden war, konnte ich mich nicht be- srennde»; nur dem Vater, der eine einzige Todsünde, die vielleicht in einer flüchtigen Minute verübt worden war, damit sühnte, daß er den Sünder auf ewig nnd ewig in die Flammen der Hölle schlenderte nnd ihn gänzlich den Teufeln preisgab, galt mein heißer See enkampf. Ihn zn verneinen war ich mit allen Kräften bestrebt. Golt aber ließ sich nicht verneinen. Er trat mir auf Schritt nnd Tritt entgegen nnd zeigte mir überall Werke seiner Allmacht nnd seiner weisen Fürsorge für die Menschheit. Seltsam berührt es mich heute, wenn ich zn.ückdenke an alle jene Be- weise einer gütigen Vorsehung, He sich mir trotz meines Stränbens aufdrängte»; sie bilden heute für mich die Schlüssel znm Verständniß meiner damaligen GeisleSverfassnng— zum Verständniß einer jungen See'e, der es in den engen Verhältni len ihrer dörf lichen Heimath nnd einer inangell.aften Schule an Nniiin nnd Freiheit zn»atnrgemäsjer Enttvickelung fehlte, nnd die in einen starren Glaubenspanzer gezwängt wurde, der ihr ein fester Schutz sein sollte gegen die Aiiseindungen des Bosen, der aber jede freie Bewegung und jedes Wachsthum hinderte, nnd in dem das a nie Ding schließlich elend verkommen u: d erblindet wäre, wenn es sich nicht gewaltsam Lust geschafft hätte. Als das gute Seelchen dann einige der lästigsten Pnnzerschnppen entfernt nnd uameiitlich die Schuppen von seineu Augen losgerissen hatte, erschien ihm die Welt ganz fnnkel- uagelneu und märchenhaft schön; es sah in den kleinsten Dingen die merkwürdigsten Wunder nnd kam in seinen Betrachtungen zu absonderlichen Schluß- folgerungen; es dämmerte ihm eine Ahnung auf von der großen Harmonie des Weltganzen, von Werden, Blühen, Neifen und Vergehen, doch das Seelchen war zu schlvach, um mit seinen Sinnen das Ganze zu erfassen und das Einzelne im Vcrhältniß zum Ganzen zn erklären; es konnte sich nur an das Einzelding klammern nnd daraus seine Schlüsse auf die Gesammtlieit ziehen. Und wo seine kleine Be- griffswelt aufhörte, sah es überall den waltenden Gott, der nach eineni nnerklärlichen Willen alle Dinge geschaffen und gestaltet habe zum Nutzen nnd zum Wohle der Menschen. Ich sah einen Steinbruch. Das Gestein lag schichtweise; große O nadern konnten ohne Mühe ab- gehoben werde». Die Steine wurden znm Bau von Häusern verlvandt, nno ich erfuhr, daß in jener Gegend kein Lehm zu finden sei, ans dem sich Ziegeln brennen ließen. Allsogleich erkannte ich mit Staunen die weise Fürsorge Gottes. Weil in jener Gegend kein Lehm zn finden war, hatte er Steine geschaffen nnd sie quadratisch gestaltet, wie sie eben znm Bauen beschassen sein müssen. Was wußte ich damals von der natürlichen Entstehungsgeschichte solcher Stein- lagernngen! Ich sah nur die Schöpferhand, die für die Bedürsnisse der Menschen sorgte, wie sie auch den Schiefer nur deshalb in flachen Tafeln geschassen hatte, damit die Menschen ihre Dächer damit decken und die Schulkinder mit Schiefertafeln versorgt iverden konuteii. Ich erinnerte mich, irgendwo gelesen zn haben, daß um jede reifende Weintraube eine kleine Spinne ein Netz ziehe, damit die Traube nicht von Insekten zernagt werde. Daß die Spinne vielleicht aus schlauer Mordlnst also handelte, weil die Süßigkeit viele Kostg»ger anlockte, die dann der heimtückischen Blntsaugeri» ins Garn gingen, daran dachte ich nicht; ich sah wieder nur den Gott im Himmel, der voll rührender Güte dafür sorgte, daß die Menschen- linder sich am Weine erquicken sollten. Nach einer sehr verbreiteten Bolkssagc stellen die dnnklen Flecken in der Bioiidscheibe einen Mann dar. der ein Bündel Holz trägt. Ich suchte diesen Mann stets vergeblich; mir erschien der Mond als srenndlichcs Gesicht, nnd die Flecken waren für mich Augen, Mniid nnd Nüst. Als ich mich einmal fragte, wie es wohl k miiie, daß der tobte Weltkörper uns wie ein lebendes Antlitz erscheine, durch- blitzte mich die Erkenntniß, daß Gott den Mond zn einer frenndlichen Erscheinung für die Bienscheii geschaffen habe, zum„Trost in stiller Nacht", wie es im Liebe hieß. Ein solcher Tröster hätte meines Dafürhaltens der Mond ohne Gesicht nicht sein können. Alles das waren Beweise, die meine Ungläubig- keil zn Schanden machte»; nnd indem ich überall in der Natur auf Gott stieß, fand ich, daß sein Wesen gar nicht so düster und streng nnd verdaninieild war, wie es mir im Geiste vorschwebte, und so entschloß ich mich eines Tages kurzer Hand, von meinem schreckliche» Unglauben abzulassen. Doch diese klägliche Niederlage war für mich zugleich ein großer Sieg; ich erreichte einen Frieden, der mir nnendliche Vortheile gewährte. Ich war nämlich zn der lleberzengnng gelangt, daß die Kirche nnd die Geistlichkeit eine gänzlich falsche V rsielli ug von Gctt hatten; ich glaubte an keine Teufel und keine Hölle mehr: ich verm.chte dem liebe» Gott solche Grausanikeiten nicht znzntranen. Mit ihm, dem Schöpfer und Allerhalter, den ich ha te ve> leugnen wollen, suchte ich mich zu ve söhne i, nnd allniälig genau» ich die Ruhe des Herzens wieder, die mir so noth that. Die Acne Welt. Illustrkte Unterhaltungsbeilage. 267 Tic rcligiöseii Jiigci dstüniic hcitic»»och ln»ge nicht ansgctcbt; ich svtlle» ch Schreckliches erlebe». �orlmifig ober herrschte Soiineiischei»»»d Moicil- sliiiininilg i» uleiiicill Gemiilh. AcHtzeHntes Kcrpikcs. Der Brief. Ii» Gescllcnbiiiidc. Ter Montoq glich eineni jener Sommertoge, die von»»erträglicher Schivule sind, an denen kein Windhauch die dnrchhitztc Luft beivcgt und das finstere Wettergeivölk ani Horizont in nnheinilicher Regungslosigkeit verharrt. Die Menschheit will, dnsz es heraufsteige: sie will Blih und st räch und frisches Wehen, will Äühlni.g und Rege»: doch der eigene heiße Wunsch läßt sie erbeben und erfüllt sie mit schwarzer I»>cht, den» ein Geivilter nach solcher Glnth bringt oft Hagelschlag und Verderben... Diese dinnpfe Stimninng herrschte den ganzen Tag über in der Werkstatt. Ter Aicister>var uiiirrisch und verschlossen: er redete kein Wort, nicht einmal w hrend tes Frühstücks, wo er sonst rcgel- mäßig seine Tagesbefehle kinidgab. Ais das sicherste .'seichen, daß eine entscheidende Katastrophe bevor- stand, erschien mir der Umstand, daß er mich nicht, wie s.nst. zili» Fleiß ermahnte, nicht zu fieberhast wilder Thätigkeit hchte. Ich zweifelte nicht, daß ich die Ursache der mcrkiviirdigen Veränderung war, die sich in seinem Gemiuhe vollzogen halte, und ich zitierte in dem Gedanken, daß ein schweres, vcr- nichtendcs Iluivettcr losbrechen werde. Diese Er- lvartmig wirkte beklemmend und lähmend ans meine Seele und machte mir de» Montag zn einem wirk- lichcn Schreckcnstage. Rber Stunde nm Stunde verrann, ohne daß eine Erklärung erfolgte, und auch während des Rbendbrotes wurde das entsetzliche Cchivcigcu nicht gebrochen. Ten ganzen Tag hatte ich im Stillen herzlich geivünscht, das Wetter möge losbrechen, ans die Gefahr hin, daß ich dabei zer- schmettert werde: als ich aber nach Feierabend in meiner stillen Bodenkammer saß, war ich glücklich, daß der grausige Tag in Frieden geendet hatte. Am Vormiltag hatte ich eine Postkarte von Franz erhalte»: er meldete mir in wenigen Worten, daß er in Bnnzlan Arbeit bekommen habe: auch thcilte er mir seine Adresse mit. Bei einem Stümpfchc» Talglicht hockte ich am alten Kleiderkasten und schrieb einen Brief an die Mutter. Dabei horchte ich anjmerksam ans jedes Geräusch, denn es war mir wegen der großen Ienersgesahr streng verboten worden, ein Licht in der Bodcnkainmer nnzuzündeu, und ich durfte mich nicht erwischen lassen. Der Brief, den ich zn Stande brachte, war eine kleine Schuftigkeit— vielleicht sogar eine große, oder eine ganz große. Ich begehrte einen neuen Anzug von der Mutter. Das war sicher nicht hübsch, denn ich wn te, daß ich der guten, lieben Frau mit einem solchen Begehr eine schlvere Ver- legcnhcit bereitete: doch eine Todsünde beging ich nicht, war doch die Mutter das einzige hülfsbercite Wesen, an das ich mich in meiner Drangsal wenden konnte. Das Böse und Bübische bestand vielmehr tarin, daß ich de» Thatsachcn zuwider bchavp cte, ich hätte ein moralisches Anrecht darauf, daß sie mir einen Anzug schenke. Ich bat nicht, ich sor- derte, und zwar in einem Tone, der sie tief ver- letzen mußte.„Jeder Junge, der Geselle wird, bekommt von seineu Eltern cineu Geselleiianzng ge- schenkt:""r ich werde mir niciii ganzes Leben lang sagen müssen, daß ich keinen bekommen habe." So schrieb ich mit erkünstelter Bitterkeit, und um die Hnndssötlcrei und Heuchelei ans die Spitze zn treiben, kritzelte ich mit nieinem schmierigen Galläpfelsaft die giftigen Worte hinzu:„Ich könnte mir selber ciiicn taufen, ich verdiene hier schönes Geld, ich will ihn auch von nieinem Gelde bezahlen, aber es soll doch heißen, ich habe ihn von der Mutter gekriegt." Beim Abschied hatte mir die Mutter schluchzend gesagt, es schmerze sie, daß sie mir keinen neuen An ng schenken könne: sie verdiene so wenig, daß sie das Geld nicht anfzntreiben wisse: ich habe ihr während meiner Lehrzeit gar zu viele Ausgaben verursacht. An diese Worte erinnerte ich mich beim Schreiben, imd dennoch schrieb ich den Brief; ich war mir der Riedertr. chtigkcit mcincr Politik vollauf bewußt; ich empsaiid, daß ich mich eitics schweren Berrathes, einer Herzlosigkeit und Falschheit sonder- gleichen an meiner Mutter schuldig machte: das Gewissen ängstigte mich und mein Herz schiie in Dual— und dennoch brachte ich das Verbrechen folgerichtig zn Ende. Die laut mahnende und heftig anklagende Stimme des Herzens suchte ich durch den sophistischen Einwand zn beschwichtigen, daß ich ja später, wenn ich eine Zeit lang kein Geld ans Klei- dnng brauchen werde, der Mnltcr das Geld zehnfach zurückerstatten könne... Schon oft in meinem Leben habe ich jenes Briefes gedacht, und immer, wenn ich mich stanuend fragte, ivie ich bei nieinem frommen Gemüth einer solchen Schändlichkeit fähig war, und wenn ich dabei Beobachlungeti zn Rathe zog, die ich bei anderen jungen Menschen gemacht hatte, fand ich stets nur die Antwort, daß angeborene Eitelkeit, sofern sich geistige Beschränktheit zu ihr gesellt, in ihrem Drange nach Selbstbefriedigung der gemeinsten Handlungen fähig ist. In meinem Falle kam»och einiges Besondere hinzu. Ich war meiner Mutter mit auf- richtiger, schwärmerischer Liebe zugcthan und mich beseelte das Verlangen, ihr zu beweise», daß sie ciucn tüchtigen Sohn habe. Ich ivollte vorwärts kommen in der Welt, ein hochgeachteter und berühmter Viarni werde», und meine Mutter sollte sich in diesem Glücke sonnen, sollte den Abend ihres Lebens friedlich und sorgenlos in Freude über ihr Kind verbringen.?lus diesem Wunsche heraus erwuchs ein merkwürdiger Ehrgeiz, der nie fremden Menschen, sondern immer nur der Mutter gegenüber in Er- scheinung trat. Vor anderen Leuten konnte ich mich demüthigen, vor der Mutter nicht; in ihren Augen ivollte ich schon frühzeitig kein Kind mehr sein, sondern ei» freier, kühner, kluger Mann. Und ans diesem Grunde ließ eS meine Eitelkeit unter keinen Umständen zn, sie nm den Anzug zu bitten; da ich aber unbedingt eine neue Gewandung haben mußte, wenn ich in Thalnngen bestehen wollte, zwang mich mein eitles Wesen, trotz allen Stränbens meiner besseren Seelenkräfte, jenen Brief zn schreiben, in dem ich mit meinem Geldverdienst prahlte und nie» e Forderung durch eine nichlswürdige Heuchelei zu be- gründen wußte. Der Dienstag begann mit einer angenchinen Ucberraschnng. Ich war zeitig aufgestanden:»in Punkt fünf Uhr schon stand ich au der Hobelbank und hobelte und sägte, was das Zeug hielt. Dabei fürchtete ich, daß die peinigende Spannung, die mir den ganze» Montag verleidet hatte, noch weiter dauern und schließlich zu einer Explosion führen werde. Der M'eister schlüpfte später als gewöhnlich ans seiner Kammer hervor, und er begrüßte mich mit den üblichen Worten:„Biorgen! Und heut'n Bissel Dschnm und Pff!"— womit er den freundlichen Wunsch ausdrückte, daß ich von meinem Fleiße den ganzen Tag über den ansgiebigstcu Gebranch machen möge. Für mich war diese Ermahnung das überraschende Zeichen, daß der Meister anderen Sinnes geworden und der gewöhnliche Znstand wieder hergestellt war. Die Binhnworte klangen mir wie eine frohe Friedensbotschaft, und mein Herz fühlte sich erleichtert. Der Tag verging und die ganze Woche verging, ohne daß nennenswerthe Zwischenfälle eintraten, und da der Meister mit keiner Silbe den uner.iticklichen Vorfall vom Sonntag berührte, bildete sich in mir die Meiming, daß an seiner sonderbaren Veränderung vom M'ontag einzig nur die geheimnißvolle Franen- gestalt schuld war, die in seiner Schlaskammer ge- weilt hatte. Im Laufe der Woche vollendete ich meine groß- artige Dichtung von der„Hermannsschlacht"; mich gedieh die„Sage von den sieben Galgen" nm ein Beträchtliches. So oft ich Arbeiten verrichtete, die keine bedentcnde Aufmerksamkeit erforderten, spornte ich den Geist zn künstlerischer Bethätignng an, und so entstand Vers auf Vers, bis mir allmälig das ganze Werk in herrlicher Vollendung vor der hoch- leglückten Seele stand und nur der Niederschrift harrte. Einzelne Strophen skizzirte ich flüchtig auf Holzklötzchcn und verbarg sie unter der Hobelbank, und dabei freute ich mich kindlich auf den nächsten Sonntag, den ich gänzlich der Pflege meiner dich- terische» Unsterblichkeit zu widmen gedachte. Dieser schöne Plan wurde mir leider durchkreuzt. Der Meister hatte mir schon wiederholt gesagt, ich müsse mich beim Altgesellen melden und mich in die Krankcukasse eintragen lassen, und als der Sonntag Nachmittag herangekomnien war, erklärte er mir, ich müsse unbedingt in die Herberge gehen und die Anmeldung besorgen; es sei die allerhöchste Zeit, anderenfalls müsse ich Strafe zahlen. Ich stieg hinauf in die Bodenkammer, nahm meinen Sonntagsanzng und betrachtete ihn. Tie Augen gingen mir über, und das Entsetzen packte mich bei dem Gedanken, daß ich in diesem Anzngc vor den Altgesellen hintrctcu sollte. Doch der Befehl mußte befolgt werden— da gabs keinen Aueweg. Also holte ich einen Topf Wasser, nahm meine Kleiderbürste, die zugleich als Schuhbürste diente, und begann zu waschen und zu bürsten. Alle Mühe war indeß vergeblich; so wenig wie ein schwarzer Pudel sich weiß waschen läßt, so wenig ließen sich die zahllosen Schandflecken meiner Gewandung aus- merzen. Zum Glück war die Grundfarbe schwärz, und so konnte ich wenigstens die häßlichsten Bleich- stellen, die von meiner Thätigkeit als Feucrlösch- mann herrühren mochten, mit Schuhwichse anfärben. Als ich die Entdeckung gemacht hatte, daß die feuchten Stellen ein frischeres und besseres Aussehen hatten als die dunklen, ließ ich dem ganzen Anzig eine Wasserkur augedeihen, zog ihn an und machte mich schnell auf den Weg zur Herberge. Dort wollte ich mich rasch mcincr Pflicht entledigen, bevor der Anzug zu trocknen begann... Vor der Pforte des Gasthauses, in dem die Her- berge sich befand, tvandte ich mich fragend an ein paar Männer, die dort standen. Einer fragte zurück, ob ich Tischlergescll sei, und auf meine bejahende Antwort hin nahm er mich am Arme und sagte: „Da kommcu Sie nur, es ist schon losgegangen!" Ich folgte ihm in einen düsteren, kellerartigen Nanin, in dem ein dichter Tabaksgnalm herrschte; um eine lange Tafel versammelt saßen etwa zwölf bis fünfzehn Männer. Alle richteten die Blicke auf mich und Einer erhob sich und trat mir entgegen. Ich fragte, ob ich den Herrn Altgesellen sprechen könne. „Der bin ich!" erwiderte er. „Entschuldigen Sic— der Meister schickt mich her, ich soll Krankengeld zahlen." Er begehrte zu wissen, wer mein Nieister sei, wie ich heiße, seit wann ich in Thalnngen arbeite und wo ich früher gearbeitet habe. Nachdem ich alle Fragen beantwortet hatte, setzte er sich nieder, schlug ein großes Buch auf und zeichnete meinen Namen ein. Sodann forderte er mich zu meinem Schrecken ans, eine Mark und zehn Pfennige zn zahlen— fünfzig Pfennig Einschreibcgcbühr, fünfzig fl fern'g Kassenbeitrag und zehn Pfennig für die Vergnügnngs- kasse, wie er sagte. Ich bezahlte das Geld, das nahezu die Hälfte meines Wochenlohnes ausmachte. Ein anderer Mann nahm den Betrag in Empsang: der Altgcsell aber erhob sich, reichte mir die Hand und sagte feierlich:„Willloinmeu in unscrem Ge- sellenbnnde! Ich wünsche, daß es Ihnen gut bei uns gefällt und daß Sie alle vierzehn Tage her- kommen. Alle vierzehn Tage ist Auflage." Darauf tvandte er sich an die anwesenden Ge- seilen, stellte mich als neiicS'Mitglicd vor und forderte sie auf, mich zu begrüßen:-'llle erhoben sich, Jeder reichte mir die Hand und Einige riefen mir, das Bierglas schwingend:„Prosit!" zu. An der Tafel ward mir ein Platz eingeränmt— ein Ehrenplatz sogar, gegenüber dem Altgesellen, und kaum saß ich dort, so erschien eine Frau und stellte ein Glas Bier vor mich hin. Die Herren stießen mit ihren Gläsern an das meine: ich sagte wohl dreißig Mal und öfter „Prosit!" trank einen Schluck nach dem anderen, wurde von drei bis vier Herren gleichzeitig angeredet — hier»m etwas gefragt, dort ans etwas auf- 268 mcrksaiii gcnincTjt; der Nachbar zur Rechten erzählte sogar irgend eine Geschichte, die jedenfalls sehr fesselnd und lehrreich war, von der ich jedoch keine Silbe verstand, weil alle die»cncn unerwarteten Eindrücke zu sinnverwirrcnd ans mich einivirktcn. Drei oder Vier zugleich erkundigten sich nach meinem Meister, und sie lachten dabei schallhaft und machten Be- »icrknngen, so das; ich das Empfinden hatte, als seien sie ihm ungnnstig gesonnen. Die herzliche Freundlichkeit, mit der ich in dem fremden Kreise aufgenommen ivnrde, versacke mich in wahres Eni- zücken; ich dankte dem guten Geschick, daß es mich ans einmal eine Sllienge lieber Menschen, gute Käme- raden und Freunde finde» ließ, und ich fühlte mich nicht mehr einsam und verlassen. Aber in den Dank und Segen inischle sich der furchtbare Fluch, denn ich gedachte meines Anzuges und sagte mir, daß ich nicht würdig sei, in einer so feinen, vortrefflichen Gesellschaft zu verweilen; ich fluchte meinem Schicksal und mir selber, daß ich nicht bald, nachdem ich das Geld gezahlt hatte, davon gerannt war, und ich kam mir vor wie ein Lügner, der sich durch eine schwere Lüge eingeschlichen und die vertrauensseligen Leute durch Wasser und Schuhwichse betrogen hatte. In- folge der herrschenden Düsterkeit und des starken Tabakranchcs hatten sie den Betrug noch nicht ent- decken können; doch der Anzug mußte nun bald trocken sein,»nd dann—— ich mochte garnichl an die Schande denken! So weit als möglich rückte ich meinen Stuhl vom Tische ab, damit die Tischnachbarn nicht meine dem Fensterlicht unbarmherzig preisgegebene Rückenpartie betrachten konnten. Die Furcht vor der Entdeckung, die Angst vor einer schlimmen Deinülhignng war gräßlich; allein die heitere Güte der nencil Bekannten war so hcrzbezivingend und lvohlthnend, daß ich mich bei all meiner Angst- beklemninng diesem Zauber hingab. So ging es in meinem Inneren kunterbunt zu wie in einem Irren- Hanse, wo die Einen vor Vergnügen laut lachen, Andere aber durch schreckliche Wahnvorstellungen gc- peinigt werden,(Fortsetzung solgt.) ;Dcr Kolportageroman. Eine literar-historische Studie. Von Prctorius. (Schlub)_ Itter den deutschen Romanschriftstellern dieses Jahrhunderts hat Hermann Gödsche den 'cfft gaßteii Einfluß auf den Kolportagcroinan ausgeübt. Unter dem Pseudonym„Sir John Ret- eliffc" veröffentlichte dieser beispiellos fruchtbare Autor von der Mitte der fünfziger Jahre ab eine Reihe von dickleibigen Romanen, deren Stoff aus- uahmslos der politischen Geschichte der Gegenwart eiitnoniinen war. Retcliffe ist der Schöpser des zeit- geschichil chen Romans; er selbst gebraucht die etwas unverständliche Bezeichnung„sozial-politisch" dafür. Ret liffc hat fast alle wichtigeren politischen Ereig- nissc aus dem dritten Viertel unseres Jahrhunderts zu Romanen ausgeschlachtet, die er zumeist nur wenige Rlonate nach der„verarbeiteten" Begeben- heil erscheinen ließ. Sein Roman„Sebastopol", der den durch die Einnahme dieser Festung beendeten Krim krieg behandelt, erschien bereits im Jahre 1856, sein„Rena Sahib", der den furchtbaren Sipoy- anfstand in Vorderindien zum Vorwurf hat, in den Jahren 1858—59. Allen diesen Romanen ist weder glühende Phantasie noch glänzende Darstellung ab- ansprechen; im Ilcbrigcn sind sie künstlerisch werthlos und wären Hinterlreppenroinane der ärgsten Art zu »eniien, wenn sie nicht ein Element enthielten, das ihrer Verbreitung gerade in den Kreisen hindernd entgegentritt, in denen der Hintertreppenroman sein Publikum sucht: eine oft überraschend raffinirte Spekulation auf die Sinnlichkeit der Leser. Ret- clifses Phantasie gefällt sich mit Vorliebe in der ins kleinste Detail gehenden Ausmalung von Situationen, in denen Wollust oder Gransamkeit— am liebsten beide- ihre Orgien feiern. Im„Rena Sahib" malt er die Schandthaten der fanatisirten Jndier an Francn und Jnngfranen so breit und mit so grellen Farben> daß selbst abgehärtete Naturen ein Gefühl des Schau- ders und Entsetzens überkommen mag: es ist über- aus charakteristisch, daß der Autor vor dem be- treffenden Kapitel seine freundlichen Leserinnen bittet, es zu überschlagen. Freilich ließen die von ReUliffe behandelten zeitgeschichtlichen Stoffe der Schilderung derartiger Grcnelthaten breiten Spielraum, und so wetteifern denn verschiedene Szenen ans„Sebastopol" und den„Franzosen in Mexiko" an wollüstigem Schauder mit der eben erwähnten.— Dagegen wusen Ret liffes Romane eine Reihe von anderen Eigenschaften auf, die sie zu echten Kolportage- ronianen stempeln: die sprunghafte, fast in jedem Kapitel Ort und Personen wechselnde Darstellung, die maßlose Häufung von erregenden Abenteuern aller Art, die gelegentliche Heranziehung von allen berühmten Namen der jeweiligen Zeitepoche zum Zweck der Spekulation auf die Sensationssncht der Leser, die Opferung jeder, auch der plattesten histo- rischcn Wahrheit durch das Streben, ein kritikloses Publikum iinnierfort durch die krassesten Effekte zu überraschen niid in athcniloscr Spannung zu erhalten. Von den sechziger Jahren an ist die in rascher Folge znnehniende Verbreitung der Kolportagcroniane Hand in Hand mit der skrupellosesten Ansbcntnng der jeweiligen literarischen Neigungen des Publikums gegangen. Von dieser Zeit fängt auch der Vertrieb dieser literarischen Produkte auf dem Wege des Hansirhandels, der sich bis dahin noch in bescheidenen Grenzen gehalten hatte, an, die Norm zu werden. Mit dem heftweisen Erscheinen der Hintertreppen- romanc war auch dem llnbemitteltsten Gelegenheit geboten, sich nach und nach in den Besitz einer kleinen, seinen literarischen Geschmack befriedigenden Bibliothek zu setzen. Der lieferungsweise, ans dem Wege des Kolportagehandels oder durch direkten Bezug vom Sortimenter erfolgende Absatz literarischer Produkte scheint zuerst in England nm sich gegriffen zu haben. So sind die meisten Romane von Charles Dickens, von den„Pickwicliern" an, in Lieferungen und mit Federzeichnnngen geschmückt— gerade Dickens hatte das Glück, mehrere zur bildlichen Wiedergabe seiner originellen Gestalten vorzüglich befähigte Zeichner, wie Phiz und Crnishank, zu finden— erschienen. Die Art des Absatzes ist bei fast sämmtlichen deutschen Kolportageroinanen die gleiche. Der Kol- portcur macht sich mit einer Anzahl von ersten Liefcrungsheften der ihm zum Vertrieb iibergebcncn Romane auf den Weg. Sein Publikum ist mannig- fallig genug: kleine Handwerker, Arbeiter, Lehrlinge, Snbalternbeamte, vor Allem aber Dienstboten beider Geschlechter. Eifer und Gewandtheit des Kolporteurs sind stannenswerth. Treppauf, treppab eilt er; in der cntlegensten Behausung weiß er etwaige Kunden ausfindig zu machen. Wehe dem Opfer, das sich mit ihm in ein längeres Zwiegespräch einläßt! Nichts zeigt sich seiner Ueberrcdungsgabe gewachsen, mit den verlockendsten Farben weiß er den neuesten, natürlich besten bisher erschienenen Roman anzupreisen, für jeden Geschmack weiß er Vorzüge ausfindig zu machen, die ihn vollauf befriedigen. Dazu die nach Abnahme der dreißigsten oder fünfzigsten Lieferung verheißenen Prämien, denen insbesondere kein weibliches Herz zu widerstehen vermag! Da werden kostbare Oel- gemalde, Zinimerdekorationen, Schmnckgegenstände jeder Art in Aussicht gestellt. Erweisen sich alle Ueberrediingskünste und Versprechen des Kolporteurs als fruchtlos, so greift er zu einem letzten Mittel, das selten versagt: er läßt das erste Heft des Ro- maus seinem Opfer mit der Bitte, es bis zum nächsten Tage zu lesen, zurück. Dies erste Heft, bei dem es sich ein wenig zu verweilen lohnt, ist ausnahmslos ein mit dem größten Raffinement hergestelltes Meisterstück von Spekulation auf den litcra- rischen Geschmack der unteren Volksschichten. Es ist gewöhnlich ein wenig stärker als die nachfolgenden Hefte— anderthalb oder zwei Bogen statt eines — und enthält die beiden ersten und den Anfang des dritten Kapitels. Die beiden ersten Kapitel ent- halte» die Exposition; sie machen den Leser mit den leitenden Hanptgruopen der handelnden Personen be- kannt. Gewöhnlich werden im ersten Kapitel die Kinder des Lichts, im zweiten die der Finsterniß geschildert. Das dritte Kapitel enthält in breiten Zügen und unter Aufbietung der krassesten, einen rohen Geschmack fesselnden und packenden Effekte die erste der fürchterlichen Katastrophen, an denen der Roman so überreich ist. Die erste Lieferung bricht nach weiser Berechnung des Autors und Verlegers gerade im spannendsten und nervenerregendsten Mo- ment ab. Diese Katastrophe ist gewöhnlich Gegen- stand des in plumper Holzschnittnianier oder als widrig greller Farbendruck ausgeführten Bildes, das die erste Lieferung ziert. Des Jiitcressaiilen genug bieten die Ilmschläge. Ans der Vorderseite prangt zumeist nur der Titel des Romans, gewöhnlich ein Doppeltitel, wenn man das ominöse„oder" nicht gar zweimal liest; ein Verfassername ist selten ge- nannt. Die Titel geben denen der oben gcnaniitcn Räuber- und Gespenstergeschichten wenig nach: sie häufen mit ihren endlosen Znsätzen und Erlänternngen die kühnsten und grausigsten Bilder. Die zweite Seite des—. fast ansnahmslos in einer schreiend bnnten Farbe prangenden— Titels bringt die genau be- schriebenen Prämien, die des glücklichen Abonnenten nach Abnahme einer bestimmten Lieferung harren. Die dritte Seite enthält eine kurze Einführung in den Roman, die vierte endlich eine reiche Auswahl von Kapitelüberschriften— gewöhnlich in verschieden- artigem Druck; die weniger verheißungsvollen Kapitel- Überschriften«die freilich allein jedem mit diesem literarischen Genre wenig vertrauten Leser die Haare zu Berge stehen lassen könnten) sind mit gewöhnlichen Lettern gedruckt, die pikanteren fett, die ganz pikanten mit Riesenbuchstaben. Die Creme von allen Greuel- und Missethaten, von denen es in dem Roman wimmelt, giebt sich in diesen Kapitelübcr- schriften ein Rendezvous. Die widerstrebendsten Ge- fühle überschleichcn uns bei solcher Lektüre: bald setzt die unwiderstehliche Komik, die in den skurrilen Bildern, den unsinnigsten Vergleichen, der maßlosen Häufung von Superlativen liegt, unsere Lachmns'cln in Bewegung, bald will uns tiefes Rtitleid mit jenen Unzähligen überkommen, die mit pochendem Herzen und glühenden Wangen derartige unverdmiliche Kost als einzige geistige Nahrung verschlingen. Die Ausdehnung dieser Romanc ist geradezu un- gchcnerlich. Die Zahl Derer, die mit der hundertste» Lieferung schließen, ist gering. Oft genug wird die Zahl zweihundert erreicht. Da die Lieferung im Durchschnitt einen Bogen, also sechzehn Seiten stark ist, kommt dies einer Seitenzahl von gleich. Dazu erscheinen die Kolportageromanc mit wenigen Ausnahmen in Großoktav. Die Anzahl der Liefe- rnngen wird dem neugeworbenen Abonnenten natür- lich verheimlicht. Da die Annahme des ersten Heftes zur Abnahme des ganzen Nomans verpflichtet, wäre auch sein Protest, wenn die Schlußliefcrnng mit dem Beginn des dritten Jahres noch immer auf sich warten läßt, vergeblich. Freilich sorgt das Geschick und die Routine des Autors, der den Geschmack seines Publikums genau kennt, ziimeist dafür, daß das Interesse seiner Leser nicht vor der Zeit er- kältet, sondern durch immer neue Verwickelungen und Zwischenfälle wach erhalten wird. Ueberblicken wir das Stoffgebiet der in den letzten drei Jahrzehnten erschienenen Kolportageromane, deren Zahl Legion ist, so erstaunen wir über die unend- liche Fülle der behandelten Materien. So gleich- förmig und nüchtern die Schablone ist, die immer wieder zur Anwendung kommt, so reich und mannig- fach ist das Rtilieu dieser Romane. Wenn wir ver- suchen, den modernen Kolportageroman mit Rücksicht auf seine Stoffe zu klassifiziren, so finden wir zu- nächst einen alten Bekannten, den Gespenster- roman. Zwar läßt sich die Produktion auf diesem Gebiete nicht entfernt mit jener im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts vergleichen, doch beweisen die zum Thcile recht hohen Auflagen der modernen Gespenstcrromane, daß das Interesse an der Welt des Gespenstischen und Dämonischen im Volke noch immer nicht erloschen ist. Als Kuriosum mag verzeichnet werden, daß vor nicht allzulanger Zeit ein nach Anlage und Ausstattung vollkommen waschechter Kolportagcroinan unter dem Titel:„Die Wolfs- schlucht" erschienen ist, der in bandwnrmartiger Aus- dehnung, aber sonst in fast sklavisch treuer Nachbildung den Inhalt des Weberschen„Freischütz" wiedererzählt. Die Neue Nlelt. Illustrirte Nnterhaltungsbeilaae Der Nitterroman wird, wie schon oben er- wiihnt,»on»»scren Kolportcigeschriftstcllern nur wenig knltioirt, um so größerer Belieb heit erfreuen sich die Röiiberromone. Fast eine der beriich- tiglcn Nänl erbest l!cn ans der zweit.n Hö ste dieses Autoren bewährt. Daneben sind auch manche der Rönbergestalten, an deren Leben und Abenteuern die Zeit unserer Großeltern und Urgroßeltern ihr Vergnügen gesunden halte, in den letzten Jahrzehnten zu ncucin litcraiischc» Leben erweckt worden: so sind gegen das Ende der stebenziger Jahre in manchen Gegenden des ostelbischen Deutschlands eine beispiel- lose Popularität genoß, ist die„Geisterglocke um Mitternacht". In der Bütte zwischen dein Ränbcrroma» und JahrhiindertS ist dem Schicksal entgangen, einem Kolportageschriftsleller als Mitlelpmikt einer endlosen, bluttriefenden, an Greueln und Dualen aller Art überreichen Historie dienen zu müssen. Namentlich haben die bekannteren Saminlunge'n von intercssanten Kriminalfällen, wie der von Hitzig und Höring her- ausgegebene„Nene Pitaval", sich als ergiebige Fnnd- grübe für unsere nach sensatioiicllen Stoffen lnsteri.ei: gegen den Anfang der achtziger Jahre neue„zeit- gern ße" Bearbeitungen der Lcbensgeschichte Rinaldo Ninaldinis und des Schinderhainics erschienen und haben ein dankbares Publikum gefunden. Eine größere Anzahl von Kolportageromanen der jüngsten Zeit sucht Ritter-, Räuber- und Gespenster- geschich ten zu einem großen Ganzen zu verschmelzen. Einen der verbreitetsten Noniane dieses Gen es, der dem von Sne in seine»„Mysterien von Paris" und anderen Werken verbrei eten Genre steht der nioderne Lerbrecherroman, nur daß dieser im Gegensatz zu Sne die Unthaten bestimmter, jeweilig im Mittelpiinkt des öffentlichen Interesses stehender Verbrecher behandelt. Dies Genre dürfte wohl die tiefstehendste und verderblichste Abart des Kolportage- romaas darstellen. Plan und Anssührnng der un- Die Acue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. gchciieilichsteii Schaiidthtiteii sind i» diesen Nomaiieil ohne jede Spur sittlicher Eiitriistmig niit einer der- articien fast liebevollen Breite und Aiisfiihrlichkeit geschildert, daß jeden Gebi deten nach kiirzester Lek- tiire ein unwiderstehlicher Ekel anwandelt. Wie ver- rohend eine derartige Lektüre aus nicht sittlich ge- festigte,, zumal jugendliche Geuincher einwirken innß, liegt auf der Hand, ist aber auch in unzählige» Ge- richtsvcrhandlungen beim Befragen der Slnge lagteu, welche Einflüsse und Anregungen bei ihrer verbreche- rischeu That mitgewirkt hätten, erwiesen worden. Mehrfach haben die ins kleinste Detail gehenden Schilderungen von Einbruchsdiebstählen in Berbrecher- ronianen ihren Lesern klare und deutliche Fingerzeige bei der Begehung ähnlicher Delikte gegeben. Der zeitgeschichtliche lllolportageronian ist seit Netcliffe mit ebensoviel Eifer als Glück kultivirt tvorden. Fast jedes der Kriegsereignisse der letzten Zeit hat seinen Niederschlag in einem Hintertreppen- roinan gesunden. Eine neuerdings> iel gepflegte Abart dieser zeitgeschichtlichen Romane möchte ich als„patriotischen Kolportageroman" kenn- zeichnen. Es sind dies zeitgeschichtliche Kolportage- roniane gewöhnlichen Genres, die die Ereignisse eines der letzten deutschen Kriege mit ausgesprochen patrio- tischer und monarchischer Tendenz behandeln, die freilich im Berein mit der gewöhnlichen, ans die llebcrbielnng eines rohen Effektes durch den anderen gerichteten Mache um so widerlicher wirkt. Diesem Genre gehören die heute in Norddeutschland noch vielgelesenen Romane:„Der Krieg von sieben Tagen" oder„Die Hyänen von Köuiggrätz", der die Ereig- nisse des Krieges von i«6t>, und„Ter Spion", der die Ereignisse der Jahre 1870 71 behandelt, an. Eine größere Anzahl ron Kolportageromanen aus dein letzten Jahrzehnt läßt sich in keine der auf- geführten Kategorien einreihen. Sie nehmen als Bor- wnrf irgend einen das große Publikum jeweilig be- schäfligenden sensationellen Borfall aus den höheren und höchsten Kreisen,»anieutlich einen solchen, dein sich eine kriminell interessirende Seite abgewinnen läßt. Da sich das Interesse des Publikums auf derartige Ereignisse zwar auf das Schnellste konzentrirt und jede Bclenchtnng des die allgemeine Aufmerksamkeit be- sch ftigenden Borfalles mit Freuden begrüßt wird, das Interesse aber ebenso schnell wieder erlahmt und sich neueren Zeitereignissen zuwendet, müssen Berleger und Schreiber von derartige Stoffe behandelnden Kolportageromanen stets auf dein Posten und zur sofortigen literarischen Ansschlachtung der ihrer ge- naneren Kemitniß auch noch so fernliegenden Be- gebenheilen bereit sein. Oft muß ein kurzes Zeitnngs- telegrainin geniigen, um in fliegender Eile das vollständige Gerippe eines detaillirten, den ganzen Apparat der Hintertreppen-Literatur aufbietenden Romans zusammenzustellen. Knappe vierundzivanzig Stunden nach dem Tode des unglücklichen Krön- Prinzen Rudolf von Oesterreich waren bereits die Prospekte einer ganzen Reihe von Verlagsanstalten für Kolportageliteratnr mit der Ankündigung eines neuen,„Das Drama von Meyerlinck",„Krone und Liebe" nsw. betitelten Romans auf dein Wege nach allen vier Hininielsrichtungen, und nach drei Tagen kam bereits das eiste Heft des Romans znm Versand. Eine ähnliche Fixigkeit beiviesen die Kol- portage-Romanschreiber bei dem Ableben des Königs Lndivig des Zweiten von Bayern. lieber den literarischen Charakter der Kolportage- roniane ist wenig zu sage». Sie sind alle trotz aller Verschiedenheiten in den behandelten Stoffen nach Anlage, Eutwickelnng der Handlung, Eharakier- zeichunng und Diklion über einen Leisten geschlagen. Die Exposition pflegt eine Ateuge der verschiedenartigsten Tlpe», die mail indeß im Großen und Ganzen nntcr die Rubriken Engel,»»d Teufel unier- bringen kann, dem Leser vorzustellen. Mit ihr be- ginnt schon die Berivickelnng, die oft so frühe und in so maßloser Art eintrilt, daß man das Gefühl hat, es müsse dein Verfasser unmöglich sein, die Fäden, die er mit so kecker Hand durcheinander ge- schlnngen, wieder zu cntivirren. Ties geschieht denn auch in den seltensten Fällen: wenn der Autor allen seinen Scharfsinn in der Ersindniig der gewagtesten Situationen und unerhörtesten Abenteuer erschöpft hat oder ihn sein Verleger, der sein Schäfchen bereits im Trockenen hat, mahnt, dem gransamen Spiel ein Ende zu machen, wild der gordische Knoten kühn durchhauen und über das gcsaniintc Roman- persenal, soweit es der Autor nicht schon vorher verpulvert hat, zu Gericht gesessen: die Bösen werden snmmarisch abgestraft, für die Gilten ivird eine Monstrehochzeil arrangirt. Daß der Slil aller Kolporlageroinane geradezu sträflich ist, bedarf keiner iveileren Bcrsichcrung. Auch in der Diktion arbeitet der Verfasser stets mit den gröbsten Niilteln; er häuft Bilder auf Bilder, von denen das eine ungeheuerlicher ist als das andere: der Dialog ist cntiveder mühsam und nichtssagend oder er ergeht sich in dein hohlsten Schivulst und Bombast. Jedem Versuch einer Charakterisirung der handelnden Personen durch ihre Sprache ivird sorgfällig ans dem Wege gegangen. Die Fülle der Ausrnfnngszeicheil imd Gedankenstriche, mit denen auf den äußerlichen Effekt hingearbeitet wird, wirkt erst komisch, dann ungeinein ermüdend. Ortho- graphische Schnitzer sind durchaus nicht selten. Wie der Zeichnung der Personen und ihren Handlnngcn jede psychologische Motivirmig fehlt, so entbehrt auch der Anfbau jeder künstlerischen Ge- staltung. Der Autor kennt zumeist vier bis sechs, auch mehr handelnde Gruppen, die er mechanisch in einer Kapitelreihe nach der anderen behandelt. Dazivischen iverden große Kapitel eingeschoben, in denen, wie in den großen Ensembles und Finales der historischen Oper, zur Erzielnng nencr, unerhörter Sitnationen und weiterer Berwickelungen Alles, was Beine hat, znsanluienkonimen muß. So konzentrirt sich denn die ganze Arbeit der Autoren auf die plumpe Aneinanderrcihnng einer unendlichen Nteiigc von rein stofflich interessirendeu Begebenheiten und Vorfällen, von denen der eine in höherem Grade iierveureizeiider und phantasieerregender wirkt als der andere. Was man allen diesen Romanen lassen muß, ist ihre gänzliche Sitten- reinheit. Trotzdem in ihnen allen überreiche Ge- legcnheit zur Ansmalnug die Sinnlichkeit erregender Siluationen ist, wird doch nirgends der Versuch dazu gemacht. Der Kolportageroman sucht sein Publikum eben nicht in jenen Kreisen, deren lüsterne Phantasie und überreizte Geschniacksnervc» die breite Ausmalung pikanter serueller Vorgänge verlangen. Ebensowenig ist seinen Lesern freilich mit der maß- vollen, auf die Darstellung tiefer seelischer Konflikte gerichteten, aber stofflich zumeist reizlosen Kunst unserer klassischen Erzähler gedient. Der feine Humor in einer Erzählung von Got.fiied Keller oder die psychologi- sche Feinheit und die unvergleichlich plastische Dar- stellung in einer Novelle von Konrad Ferdinand Me..er werden in den Bevölkeruiigsschichten, unter denen der Kolportageroman bisher sein Pnblikmn gesunden hat und noch findet, ivenig Verständniß und Liebe finden. Der Arbeiter, Handiverker, Land- mann oder Dienstbote, der erst nach vielstündiger, schivcrer Tagesarbeit Gelegenheit zu literarischer Be- schäftignng findet, wird schwerlich an dem eben- mäßigen, ruhigen Fluß in der harmonischen, ab.e- klärten Darste.inng eines der Meister deutscher Erzählungskunst Gefallen finden: seine derben Nerven verlangen nach stärkeren Reizmitteln und kräftigerer Würze. Er erwartet von der Lektüre keine geistige Anregung, keine Bereicherung und Festigung seines ästhetische» llrthcils: er will lediglich aus dem eivigen, öden Gleichmaß seiner arbeitsvollen Tage, seinem stumpfen, reizlosen Milien herausgerissen iverden, und in diesem Streben sind ihm gerade die stärksten und aiiregeiidstcn Reizmittel ivillkomnien. Dies ist die gefährliche Klippe, die bisher keines der literarischen Unternehmen, die die Verbreitung einer edleren Art von Iluterhaltnngslektüre im Volke angestrebt haben, völlig zu umschiffen verm.cht hat. Nur die Hebung des sozialen Niveaus des Volkes, die Befreiung von den drückenden Fesseln der Lohnsklaverei kann die Basis für eine Veredlung und Verfeinerung des ästhetischen und künstlerischen Empfindens der ar- bcitcnden Klasse sein; nur ans dem Boden politischer und wirthschastlicher Freiheit werden die goldenen Früchte einer allgemeinen Lolkskultur und Bildung reifen! ,,, (Arn u m p. Vo» G. Zirnrnornrnnn-Kirschfokd. f(Schlich.) uii'chst ließ ich mich zu meinem Bruder führen. Da ich ihn nur nntcr Aussicht � sprechen durfte, hielt ich ihm eine Rede folgenden Inhalts etwa: „Lieber Ernst, verzeih' mir, daß ich Dich habe unschuldig so lange schmachicn lassen; ich bin der Brnudslifler gewesen." Dann erzählte ich meine ersonnene Geschichte und schloß:„Gleich gehe ich nun zum Untcrsnchnngsrichter, stelle mich selbst, und Du ivirst sofort freigelassen iverden." Mein Bruder, der sehr bleich und abgefallen aussah,»lochte mich ivohl für verrückt gehalten haben, als er mich so sprechen hörte, denn er sah mich ganz sonderbar an, und dann fing er an zu weinen. Bor dein Untersnchungsrichter, dein ich sofort vorgeführt wurde, machte ich dieselbe Aussage, und das Ende war, daß man mich sofort einsteckie und meinen Bruder am nächsten Tage freiließ. Es ging Alles ziemlich so, wie ich es mir ge- dacht hatte, nur war die Strafe doch ellvas unerwartet hoch: denn ich erhielt nenn Monate Gefängniß wegen fahrlässiger Brandstiftnng und allerdings nnter Znbillignng mildernder Umstiii-de noch: aber als strafschärfend fielen dagegen»iciiie Vorstrafen ins Gewicht und die Erwägung, daß ich zu Trunksucht und Ei zessen neigte. Man hatte durch eine höhere Strafe abschreckend auf mich ein- wirken ivollen. Mein Bruder wohnte der Verhandlung bei; bei Verkündigung des Spruches weinte er wieder; aber gesprochen hat er mich nicht; er vermochte es jeden- falls nicht. Ich büßte ineine Strafe ab, und nachdem ich entlassen war, zahlte mir mein Bruder ziveitansend Thalcr ans mit dein Versprechen, noch mehr geben zu ivollen. Die'Versicherungssumme hatte er erhalten und das hatte ihn cinigermaßen auf die Beine ge- bracht, wenn es auch noch viel zu thun gab, um den Hof wieder in die Höhe zu bringen. I'cbcr den Brand und mein Eintreten sprachen wir garnicht, wir gingen Beide schiveigend darüber hinweg. Ich that nun, was ich schon früher hätte thnn sollen: ich ging mit dem Gelde in eine fremde Siadt, nach Brannschiveig. Aber meine Vergangen- heit folgte mir. Tie Kreise, in denen ich zu leben gewöhnt war, verschlossen sich vor mir, und das kränkte mich tief, und als ich geschäftlich thäiig sein ivollte, um mich zu nähren, begegnete ich überall Abneigung und Mißtranen. Ich sollte min einmal ein Lump werden, und schließlich wurde ich mehr und mehr so, wie die Leute mich haben wollten. Zwei Jahre hatte ich in der sremdcii Stadt zugebracht; da wurde ich an das Sterbelager meines Bruders gerufen. Nach dem Borkommnib, das er sich doch mehr zu Herzen genommen hatte, als man ahnte, ivar er nie recht gesnnd gcivescn, und der Gram und die Arbeit und Sorge n»i sein Anwesen, das er in gesichertem Znstande seinen Kindern überlassen ivollte, hatten seine Kräfte erschöpft. Als ich kam, überreichte er mir, glückselig lächelnd, ein Schrifistück. Vor dem Tode hatte er dem Pastor ein Bekenntniß seiner Schuld abgelegt, und dann in dessen Gcgenivart vor einem Notar die Erklärung auSferiige» lassen, durch deren Unter- schrift er mich glän end rechtfertigte. Eine gleich- lautende Urkunde ivnrde dem Archiv des Hauses einverleibt. Zwei Tage darauf starb nicin Bruder, nachdem er noch seiner Fran von seiner Schuld erzählt und ihr das Verspreche» abgenommen hatte, mich nie untergehen zu lassen und meiner stets in Dank- barkeit zu gedenken. Wir begruben ihn, und nun trat die Frage an uns heran, ivas mm werden sollte. Das älteste der Kinder, ein Knabe, ivar erst neun Jahre alt, das Mädchen gar erst sieben, und bis zu der Zeit, da der Junge das Gut selbst über- nehmen konnte, wars noch lange hin. Die Aeue Weit. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 2> l Hätte der Viitcr meiner Schuwqcriii nee!) gelebt, der hätic wohl die Zügel in die Hand»ehinen können, aber der ivar seit einem halben Jahre schon todt, und so blieb nich:s Anderes übrig, als sich einen ältere», lüchligen Aerivaltcr zn nehmen. Ich gab meiner Schwägerin den Rath, und der Verwalter kam. Auf den Wmisch meiner Schwägerin blieb ich aber vorläufig noch auf dem Gute. Damals iniibte ich eine ziemliche Thäligkeit ent- wickeln, und wäre das Verhältnis so geblieben, wer lociB, vielleicht wäre ans mir noch ein tüchtiger Kerl geivorden; aber es war wohl beschlossen im Nathe der Götter, daß ich ein Lump werde» sollte. Nach einem halben Jahre starb der Sohn nicincs Bruders trotz der trenesten Pflege am Scharlachficber, und auch das Atädchen, das von der Krankheit ergriffen worden war, konnte nicht mehr gerettet Iverden. Zivar erholte es sich vom Scharlach; aber es kränkelte weiter nnd starb auch ettva ei» Jahr nach dem Hinscheiden des Knaben. Schon nach dem Tode des Jungen hatten»vir uns von Neuem fragen müssen: Was soll nun werden? Ich wäre berechtigt gewesen, das Gut zn über- llehliien, ivenn die Möglichkeit vorhanden getvesen wäre, daß ich die Ansprüche, die dann meine Schivägcrin stellte, hätte befriedigen können. So kam es, ivie es nicht anders kommen konnte; bald nach dem Tode des Mädchens aus erster Ehe hei- rathete meine Schlvägerin den bisherigen Verivalter. Sie hatte übrigens nichts Besseres thnn lönnen, denn der Mann hatte Geld»»d brachte über dreißigtansend Thaler mit, deren Einfluß auf das Gut sich bald fühlbar machte. Ich lvnrde für meine ernenten Ansprüche ziim ziveite» Male mit Geld abgefnnde», das ich aber nicht erhob, sondern bis auf fünfhundert Thaler auf dem Gute stehen ließ. Ich habe von dem Gelde nichts wieder gesehen.— Es ist eigenthümlich, die Sünden der Vorgänger inüsscn anstecken. Der Verivalter, der vor seiner Verheirathnng ein ganz vernünftiger Mensch gewesen war nnd ganz leidlich geivirthschaftet hatte, fing hinterher genau so an, wie es sein Vorgänger in den Jahren vor dem Brande gemacht hatte. Wir nahmen unsere Fahrten lvieder auf, trieb:» es gar noch toller wie früher mein Bruder nnd ich, und selbst mich, der ich doch an starke Stücke gewöhnt >var, regte es auf, lvenn er manchmal, nm ein Weib vorübergehend zu besitzen, mehrere Hundert Thaler auf einmal hinwarf. Schließlich nahm er mich zu seiiien Fahrten nicht mehr mit. Es war ihm, wie ich erfuhr, an- gedeutet worden, daß in den Kreisen, in die er Eingang suchte, man ihn mit einem Fälscher und Brandstifter zusammen, mit einem Menschen, der im Gefangniß gesessen hätte, nicht aufnehmen könnte. Er allein dagegen iväre sehr willkommen. lleberhanpt tvar seit dem Tode meines Bruders in nieincr Stellung eine sehr große Aendernng vor- gegangen. Ich mnßte so recht die Bemerkung machen, daß alle die Besitzer im Umkreise lediglich meines Bruders ivegen mit mir Ilmgang gepflogen hatten;»nn aber mein Bruder todt war, zogen sich alle allmälig zurück. Sie wissen wohl, wie das bei solchen Gelegen- heiten gemacht ivird, Herr! Man wird eben kühler nnd lühlcr, läßt keine Einladungen niehr zukommen, keine srenndlichcn Anffordernngeu, nnd wenn der Be rcs'ende dann noch nicht fern bleibt, na, da Zeigt man ihm offen, daß man seine Gegenivart »icht wünscht. So machte man es mit mir, nnd es dauerte kaum ein Jahr, da stand ich ganz allein. Auch der Mensch ändert sich bei solchen Aende- rnngen nach nnd nach. Einer hat den paradox klingenden AnSsprnch liethan, daß je nach der feineren oder gröberen Wäsche, die eil, Mensch trägt, seine Auschannngen grober oder feiner würde»,— es liegt ein tiefer Sinn in dicscin Ausspruche. Ich. der ich in den letzten Jahren alles Mögliche hatte dulden müssen, dem die Menschen nach und nach das feine Hemd abgezogen, das frühere sehr scharf ausgeprägte Ehrgefühl stückwnse ans dem Leibe gerissen hatten, ich gewöhnte mich endlich daran, Bclcidignnoen nnd Zurücksetzungen als etwas ganz Selbstverständliches hinzunehmen. Ja, eS waren für mich gar keine Beleicignngen nnd Zurück- setzmige» mehr; der Begriff darüber, was ich unter solchen zn verstehen hätte, hatte sich bei mir voll- kommen nmgewcrthet. So nahm ich es schließlich denn als selbstver- ständlich hin, daß man mich nicht mehr einlud, mich entivedcr ga: nicht beachtete oder doch nur so neben- bei, und schließlich erschien ich auch nicht einmal mehr, wenn der neue Besitzer des Hofes selber eine Festlichkeit veranstaltet hatte. Mir gefiel es nicht mehr unter den Leuten, mit denen ich früher zusammen gespeist, gezecht, mich vergnügt nnd gejagt hatte, und die mich jetzt kaum kennen wollten, auch verlernte ich es mit der Zeit vollständig, mich in solchem Kreise zn be- nehmen; denn andere ivaren jetzt meine Gesell- schafter gelvorden. Der Mensch ist einmal so, er kann gemeinhin nicht allein leben, und der, der die Menschen flicht, er haßt sie, ivcil er sich nicht mit ihnen gesellen kann. Menschenscheu ivar ich noch nicht geivorden, nnd so suchte ich denn die Leute, die jetzt zu mir paßten. Da waren die Verwalter von den umherliegenden Gütern nnd Höfen, ivaren die Großknechte; mit den Leuten verstand ich mich bald, und unter ihnen konnte ich auch noch eine Nolle spielen. Meine fünfhundert Thaler kamen mir zu statten; ich konnte ctivas ausgeben, und iveiin ich nichts mehr hatte, dann forderte ich einfach mehr. So hatte ich bald unter diesen Leuten eine ganze Menge Freunde, und bei ihnen gefiel es mir besser als bei den Herren da drinnen, denen ich nichts er- zählen konnte, nnd die mich garnicht beachten ivollten. „Der Kerl verlumpt immer mehr," sagten diese von mir nnd zuckten mit den Achseln, nnd auch meinem Herrn Gutsbesitzer schien ich allgemach nn- bequem zu iverden. Am liebsten hätte er mich ivohl abgeschoben, aber ihm fehlte das Geld, das ich dann zu fordern berechtigt war, und die Snnlme betrug noch immer über sechstausend Thaler. Jahr verging ans Jahr, und ein Tausend Thaler flog nach dem anderen ans dem Gute, und mit grimmiger Freude sah ich den Zeitpunkt herannahe», da man den alten Philipp wieder brauchen würde. Selbst erneute Abholznngeii begannen schon wieder. Aber der Bursche war ein geschickter Schwimmer; er hielt sich über Wa'er, obgleich es ihin meist bis an den Hals ging. So kam es, daß ich auf dem Gute sitzen blieb und alt und grau wurde, und daß meine sechstausend Thaler auch heute noch unerhoben sind. Ein nettes Sünimchen, was? Und noch die Zinsen dazu, von denen ich früher nicht viel gesehen habe nnd jetzt garnichls zn sehen kriege! Wenn ich nun damit vorträte, he, mit dem Verlangen, ich ivollte mein Geld haben? Wenn ich einen Schein darüber vorlviese, einen rechtsgültigen Schein, he? .. Und wenn ich den Schein nun noch haben sollte, he?... Oder meinen Sie, ich hätte ihn nicht, hätte Ihnen was vorgeflunkert?" Hier endete der Alte, fuhr der Doktor nach einer Pause fort, und hier endet auch seine Geschichte. Wie es mit ihm allmälig tiefer nnd tiefer ging, wie der Sohn des Mannes, der in das Gut hinein- geheiralhct hatte, den Alten noch iveniger leiden mochte als der Vater nnd am liebsten ihn an die Seite gebracht hätte, das kann sich Jeder, der die Natur des Menschen kennt, selber ansmalen. Es bleibt nun noch von den Beweisen zu sprechen, die mir der Alle in der That für seine Erzählung vorlegte, und deren Echtheit ich unbedingt an- erkennen mußte. Als wir an jenem Abend nach Hanse gingen, da vers räch er, in den nächsten Tagen das thnn zn wollen; es vergingen darüber aber doch einige Wochen. An einem Sonntag Vormittag, als der iveib- liche Thcil der Herrschaft in die Kirche gefahren nnd der Gutsbesitzer über Land geritten Ivar, trat der Alte wieder bei mir ein. „Haben mich schon für Schwindler gehalten, he? Für Näubergeschichtcnerfinder?... Wollten damals Beiveise haben; ich tvill sie zeigen, ivenn Sie mit- kommen... Oder wolle» Sie nicht mehr sehen, he?... Interesse verloren, he?..." Auch ohne Beiveise schenkte ich seiner Erzählung vollen Glauben, entgegnete ich dem Alten, wenn er solche aber durchaus vorbringen ivollte, mir vor- zeigen, ich ivollte schon mitgehen. Der Alte srente sich wie ein Kind über das Vertrauen, das ich ihm mit solchen Worten bezeigte. Dann zog er eine alte, vergilbte Photographie ans der Tasche und reichte sie mir hin; es ivar das Bild eines jungen, wunderbar schönen, schwarz- lockigen Weibes. „Das ist sie," sagte er nnd dabei zitterte seine Stimine. Ich betrachtete lange das Bild nnd als ich dann den Alten ansah nnd dachte, daß dieses junge, schöne Menschenkind den nnsanberen nnd vcrkonimenen Maiiii vor mir, vor dem heute jede Banerndirne geflohen sein würde, eiiimal liebkosend umfangen, seine Lippen heiß auf die seinen gepreßt haben niochte, da kam es mir mit erdrückender Wucht zni» Be- wußtsein: Was können die Verhältnisse und— die Menschen zuweilen doch aus einem Menschen machen! Ich ergriff meine Mütze und folgte dann dem Alten. Wie ich erivartet hatte, führte er mich aber nicht in seine Kammer, die neben den Pferdeställen lag und in der er einen schmntzigen Strohsack und einen alten Kasten als Meubleiiient hatte, sondern in die Felder ging der Weg, über die Ehaussee und immer weiter und iveiter in die Haide. Der Winter lag im Verscheiden; der letzte Schnee war gewichen, und ein kräftiger Frühlingsgeruch entströmte der Erde, die schwarz ans den dürren Haidcgräsern hervorsah. Neues Leben neben dem Sterben, und so schritt ich, das frische Leben, neben dem Alten, dem Verscheiden...... Vor mir noch unbekannte Fernen mit lauter lockenden Verheißungen, hinter Jenem eine endlose Wüste voll schmachtender Verzweislnng nnd glühender Reue, in der nur da und dort sich ein dürrer Strauch mit farblosen Blumen erhob,— nnd vor ihm das ersehnte Nichtssein, das Vergessen..... Ob ich auch so würde gehen müssen ivie dieser Alte, ob anders?... Wer vermochte es zu sagen? ... War denn der Mensch noch seines eigenen „Glückes" Schmied?... Und wohin führte mich jetzt der Alte, tvas wollte er?... Der mochte meine letzten Gedanken errathen haben, denn auf einmal sagte er unter heiserem Lachen: „Wundern sich wohl, daß wir hier anfs Feld laufen, he?... Aber meinen Sie, ich würde Denen da"— er wies nach dem Gute zurück— „meine Papiere hinlegen, damit sie mir dieselben wegstehlen?... Glanben ivohl, das thnn sie nicht, he?... Den Schein haben sie niir gestohlen, den mir einst mein Bruder über das Geld gegeben hat, das ich ihm borgte von meinem väterlichen Erbtlieil; denn sie haben wohl gemeint, das wäre der rechte, »ud dann habe ich später noch zivcimal meinen Koffer erbrochen gefunden. Wer soll sonst dran gehen, he?... Aber die beiden Male haben sie nichts gesunden; der alte Philipp ist schlauer gewesen wie die... Der Schein liegt sicher, den ich von seinem Vater habe;.... von dem seinen Vater.... Keiner wird ihn finden... mögen sie nur suchen. Und sie wissen, daß sie ihn nicht finden, und darum die Angst. Oder meinen Sie, sie werden ihn jetzt finden, he?" wandte er sich mißtrauisch wieder an mich. Ich schtvieg nnd ging ruhig iveiter, und er ver- besserte sich auch gleich darauf, seinen grundlosen Verdacht wohl einsehend, indem er hinzusetzte:„Ich weiß, weiß; sie finden ihn auch jetzt nicht." Wir waren an einer zerfallenen Hütte ange- kommen, die mitten in einem wüsten Streifen Haide- land lag nnd früher, als ans dem Gute noch Schafe gehalten wurden, als Schäferhüttc gedient hatte. Wir traten ein. sfa Der Alte ging in eine Ecke, kratzte dort die Erde ans, und dann zog er ein kleines Kästchen hervor, dem er einige Schrvftstncke entnahm. Das eine stammte noch ans den Fnnfziger Jahren: es war das Pro- tokoll, das in Hannover ansgeiiommen worden war, nnd in dem drei Lffiziere und noch zwei Herren sich verpflichteten, ganz so zn Handel», als ob in der Spielsache gegen den englischen Baron nicht der Dberlientenant nnd Gntsbesitzer Ernst N..., sondern sein Brnder, der RottenfnhrerLientenant Philipp R... der Bethciligte sei. Das zweite Schriflstnck war die Erklärnng des Bruders Ernst R..., daß er der Brandstifter ge- wcsen nnd sein unschnldiger Brnder hochherzig für ihn eingetreten wäre� Er bezeuge das vor seinem Tode bei voller Klarheit des Verstandes vor Gott und den Ptenschen, schloß das von einem Geistlichen gegengezeichnete Dokument, das zum Ueberfluß»och die Bescheinigung eines Arztes trug, daß der also sich Erklärende im vollen Besitz„seiner geistigen und Berstandeskräfte" sei. Und mit den Worten:„Und Nim das, he?..." reichte mir der Alte grinsend das dritte Papier dar. Es stammte ans viel späterer Zeit und erkannte an, daß sein Inhaber, der Verwalter Philipp flt..., an das Rittergut Grnuhageu ans nicht erfüllter Ent- schädignng stammend, Anspruch auf sechstausend Thaler habe, welche sechstausend Thaler bis zur Tilgung mit vier Prozent zu verzinsen wären. Ich prüfte das Papier genau: an demselben war nichts zu deuteln. Wie es abgefaßt ivar, konnte der Alte noch jeden Tag mit seinen Ansprüchen vor- treten. Und wenn es wahr war, daß er gar keine oder nur wenige Zinsen empfangen hatte, dann hatte er beinahe das Doppelte zu fordern, Grund genug, daß der Nachkomme des Schuldners das Dokument fürchtete. Denn obwohl ich nichts von der Landwirthschaft verstand und in die Vermögensverhälluisse des der- zeiligen Besitzers nicht den mindesten Einblick hatte, soviel merkte ich doch, daß das Gut sehr stark ver- schuldet sei und sein Eigeuihüiuer Mühe haben mußte, sich i.ber Wasser zu halten. Trat dieser Anspruch an ihn heran, dann brach das Gebäude zusammen. Zwei Be- sitzcr hatten nicht umsonst die großen Hülfsqneüen des großen und sonst nicht armen Anwesens erschöpft. Der Alte grinste, als ich ihm das Dokument zurückreichte. „Da ist nicht an zu deuteln, he?" lachte er---- „Wenn ich nun eininal fordern wollte?... Mit dem vortrete?... Vielleicht glaubt der da, es ist nicht mehr da, ist verloren:... aber er soll sich nur nicht...." Wild richtete sich der Alte ans; dann sank er aber wieder zurück und lachte spöttisch. „Was soll der alte Philipp mit Gold? Soll cr's versaufen, he?...'u Schnaps und Brot, das ist genug... Laß sie weiterleben... Aber kriegen sollen sie's noch nicht... sollen noch Angst haben."... Mit zitternden Händen packte er Alles wieder zusammen, schob de» Kasten in die Höhlung, stampfte die Erde fest, und dann begaben wir uns schweigend nach dem Gute zurück. Mich dancrte der Alte, aber ich mußte sagen: Er hat Recht: was soll er jetzt noch mit dem Gelde! Ihm konnte es nichts mehr nützen, und Jene fristeten ihr Leben davon. Und ich mußte grimmig lachen über die Lannen des Schicksals. Tie eigentlichen Almosenempfänger, die alle Tage von der Gnade des Alten lebten, sie saßen im Herrenhanse nnd spielten sich gegenüber Denen, die da kamen, als die Wohlthäter des Mannes ans, der sie von Haus und Hos jagen konnte! Welch ungehenre Lüge, aber sie hatten sich schon gewöhnt ans Lügen! Und beinahe hätte ich angefangen, den Btann zu betvnndcr», der still so viel Zurücksetzung trug, sich auch noch mißhandeln ließ und doch von seinem Rechte nicht einmal ans Grund seiner fliechtsansprüche eine bessere Behandlung forderte. Aber wenn ich ihn dann wieder stehen sah, wie er Ankommenden vor dem Hanse die Pferde hielt und dabei die gebogene Hand ausstreckte, dann wußte ich, daß ihn der Trunk soweit heruntergebracht hatte, daß er nicht einmal eine Ahnniig mehr von dem Werthe seiner Ansprüche hatte, daß er unfähig war, zu glauben, er könnte noch ein anderes Leben führen wie das, das er zu führen gewohnt war: das Leben ei: es Hundes. Ja, seine Statur hatte allmälig etwas von der Natur des Hundes angenommen. Ans dem Hofe nmherlaiifc», mit Schlägen bedroht werden, das gehörte ihm schon zum Lebe», und wen» er einmal von seinen Ansprüchen Erwähnung that, drohte, mit ihnen hervortreten zu wollen, auch dann war er weiter nichts wie der Hund, der seinen Herrn anbellt, tvenn er ihn einmal zu viel schlägt. Zlbcr er beißt nicht, er iveiß doch, daß es der Herr ist. Eines Tages bellte der?llte wieder. Er war mit dem Herrn in Streit gerat heu, und als der ihn Lump und Säufer schimpfte, ihm vorwarf, daß er nicht einmal daS Futter Werth sei, das man ihm schenkte, da richtete sich der?llte auf:„Wer schrillt hier?" fragte er heiser,„wer schenkt?... Sott ich mir nicht mehr schenken lassen, soll ich einmal fordern?" Der Gutsbesitzer wurde roth vor Wnth.„I, Du Lump infamer," rief er und hob seinen Crock. Ich hatte in der Nähe gestanden, den Streit mit angehört, nun sprang ich hinzu und siel dem Wüthendc» in den Arm. Der drehte sich nach mir um. „Und Sie nehmen für den Lump auch noch Partei, für den Stänker, den infamen Kerl... den... den... den Hund, der verdient, todt- geschlagen zu iverden, der Gott tanken kann, daß er bei mir noch das Fressen hat!?" Ich war entrüstet über diese bodenlose Gemein- heit und Undankbarkeit. „Ich dächte, dem Manne hätten Viele zn danken," sagte ich, ans den Alten weisend,„Ihr Herr Vater und gewiß Sie auch, Sie nicht weniger." Der Gutsbesitzer wurde erst lreideb'eich, der Stock fiel ihm ans der Hand, und dann wurde er dunkelroth, ja, fast blau im Gesicht. Er ließ seinen Stock liegen, machte Kehrt und schoß in das Wohn- Haus hinein. Zwei Tage darauf lag bei mir ein Schreiben ans dem Tische. Es war von dem Herrn Besitzer. Er entließe mich sofort, weil ich gegen die Hans- ordnnng verstoßen hätte, schrieb er; ich könnte morgen reisen. Meinen reftircnden Gehalt ließ er mir am selben Tage durch seine Frau überbringen. Ich stieg nochmals dem Herr» anfs Dach, der wurde nochmals bleich und dann wieder beängstigend dunkelroth im Gesicht, und dann griff er in seinen Beutel und zahlte mir noch das Honorar für die Kündigungsfrist, die ein Vierteljahr betrug. Am nächsten Morgen schied ich leichten Herzens von dem Orte meiner bisherigen Thäligkcit. Von dem Alten, der mich noch bis zur Bahn geleitete, habe ich nichts wieder gehört; aber ich glaube, daß er auf dem Gute gestorben ist. Von seinem Gelde wird er bis zu seinem Tode nichts zn sehen be- kommen haben, das ist sicher. Stoch oft aber, so schloß der Doktor seine Er- zählnng, denke ich an den Alten und an seine Ge- schichte, und wenn ich nun, meine Damen und Herren, einen hernntergekommenen Menschen sehe, dann wende ich mich nicht hochmülhig ab und nenne ihn verächtlich einen Lump, wie-das leider so oft geschieht, sondern ich denke: Was hat diesen Aermsten Schiffbruch erleiden lassen? ,3 e i__ könne» in ihren, Schoos) die Lösung von unzähligen Problemen bergen, deren Aufstellung unserem Zeitalter unmöglich ist. Hat doch die jüngste Vergangenheit mit der märchenhaften Entdeckung der Röntgenstrahlen ein Problem gelöst, das die Vorivelt kaum im Scherz auf- zuwerfen gewagt hättet Tie spottende Verachtung, die Vernes Romane oft Über sich ergehen lassen müsse», ist nichts weniger als gerechtfertigt. Rieseuaufgaben harren noch ihrer Bewäl- tignug durch den menschlichen Scharssinn: seien wir Jedem dankbar, der uns dann und wann de» Ausblick in das gelobte Land menschlicher Geistesarbeit eröffnet. l, P Gedankensplitter.<�1- Je niederträchtiger der Kriechliug sich Macht er- schlichen und erschachert hat, desto drückender übt er sie. Die Gelehrten haben meistens die abgeschlisfenste Gleichgültigkeit gegen Recht und Unrecht, und verniiethcu ihr Bischen ärmliche Dialektik für den schmutzigsten Ge- will» a» den Meistbietenden: aber die Staatsveriveser und Neligionsvorsteher thu» auch alles Mögliche, um aus rechtliche», vernünstigen Leuten Jndifferentisteu(abge- stumpfte Gleichgültige) zu machen. Wir sind verdammt zur Dummheit und Weggcivorfen- heit(heute: Verivorscnheit) durch das Stocksystem und die Privilegien. Seume. Nachdruck des Inhalts verbotet«? Alle siir die Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Herr» G. Macasy, Leipzig, Oststrape l t, richten. QfCu« Kindliche Liebe.(Zu unserem Bilde.) Wahrlich, die haben es gut bei der kleinen Laura, die große, schöne Miezekatze, die sich behaglich ihr zur Seite lehnt, und das kleine, iveitzivollige Läiniuche», das gar einen Kuß von ihr l'ekouimen soll. Da kau» man neidisch iverden; so lieb wird man von kleine», zarten Patschhändchen im Leben nicht so leicht gestreichelt. „Lb sie mir vielleicht auch einen geben wird?" mag Brnder Schaf wohl bei sich denken, indem er durch die offene Thür ganz verduzt hinein in de» kleine», kühlen Raum blickt. Und auch Frau Henne hält ihre Zeit für gekommen. Freilich, um Liebkosungen ist es ihr nicht zu thnn; aber die schönen Speisereste dort in dem Napf am Boden locken sie; jetzt wird sie wohl endlich einmal dazu kommen, eine» leckeren Bissen in Ruhe ganz für sich zu genießen. Oder ob ihn ihr doch die böse Katze abspenstig machen wird? Aber da ist ja dann immer noch die kleine Laura da; und wo die mit ihre» geliebte» Zwei- und Vier- jüßlern zusammen ist, wird sie schon dafür sorge», daß der Friede nicht muthwillig durch eine der neidischen Großmächte gestört wird. ? Jules Verne. Neben Zolas Romanen hat in den letzten dreißig Jahren nichts aus der modernen franzö- fischen Literatur so allseitige Beliebtheit in Teutschland erlangt, wie Vernes phantastische Erzählungen. Freilich läßt Vernes Schriftstcllcrei nicht enisernt den Vergleich mit den Knnstwerken des gewaltigen Realisten zu: ivas er bietet, ist ledig ich Unterhaltungs ettüre, dazu bestimmt, laugwei ige Stunden ans angeneyine, den Geist nicht an- strengende Weise hinzubringen. Ter Charakter der meisten t) e tn apicrkcrb der Veriiesche» Erzählungen ist bekannt: sie bezwecken, dem Leser im Rahmen einer spannenden, abenteuerlichen Er- zählnng die vermuthlichen oder möglichen Fortschritte der technischen Wissenschaften in der Zukunft vorzuführen. Einige verwegene Pioniere der Wissenschaft lassen sich in einer Niesenbonibe aus einer ungeheuren Kanone zum Monde emporschieße», kehren zurück und berichten von den Ergebnissen des„Forschuugsschnsses". Ein von im- rersöhnlichem Hasse gegen die Menschheit erfüllter Kapitän durchquert die Mcerestie'en mit einem, einem gewaltigen Fisch gleiche», unterirdischen Boote. Anderen Wagehälsen gelingt es, die Sonnemvelt zu bereisen oder bis in den Mittelpunkt der Erde zu dringen. Der künstlerische Werth aller dieser Erzählungen ist nur gering: es sind die rasch hingeworfenen Produkte einer freilich beispiellos üppigen und glühenden Phantasie, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln und in atheniloser Spannung zu erhalten weiß. Dennoch müssen wir die weite Verbreitung der Berneschen Romane und die Anregung, die sie ertheile», mit Freuden begrüßen: sie sind im Stande, ein heilsames Gegengewicht gegen de» selbstgeniigsamen Stolz und die jatle lieber Hebung zu bilden, wie sie sich vielfach in Gelehrten- und Laienkreisen auf Grund der in den letzten sünfzig Jahren gewonnenen Bereicherung unserer naturwinenschaftlichen »enntnisse breit machen. Man begegnet nicht allzu selten der im Tone aufrichtiger lleberzeugnng ausgesprochenen Meinung, mit dem neunzehnten Jahrhundert sei die wissenschast iche Forschung in ihren Grundzügen ab- geschlossen: übrig bleibe nur noch die Bertiesnng und Ergänzung des Gewonnenen. Wunderliche Verblendung! Mit der ivissenschastlichen Forschungsarbeit schreitet auch die in ihrem Dienst stehende Technik stetig vorwärts, befruchten sich beide gegenseitig, nimmt auch Arbeitslust und Forschungsdraiig zu. Tie uächsteu Jahrhunderte Veranlworilicher Redalleur: Gustav Macasy in Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer sc Co. in Hamburg.— Druck: Max Bad'»« in Berlin.