Sir. 35 SSttxcjltrirlc �CnicrhaUxm�jsbcilagc* 1097 Mächt e. -Zch�-- Von Hcrnilin» Couradi. Das find die Nächte, da die Finsternis Nistit ganz das Licht besiegt. So bleibt durch alle Stunden Ein zarter Schimmer unentschwunden. Es liegt Wie eine keusche Sonnenahnung Die ganze Nacht am Horizont... Wie eine Mahnung: JF wirf nicht alles Hoffen zu den Todken! Hat denn die Zukunft ihre Pfadbereiler Und ihre Heldcnstreiter Nicht schon entboten? Wie dieser Nächte schwarze Tranerflaggen Nicht ganz der Tage leises Licht verhüllen, Also nulf; es sich auch erfüllen: Nicht ganz Wird dieser Geist, der durch die Lande geht, Allorts Verzweiflung und Verwesung sät, In alle Herzen bittre Trübnisz bringt And alle Schnsuchlsflammen niederzwingt, Nicht ganz Wird er den letzten bleichen Glanz, Den letzten Glanben In meiner anserwählten Seele rauben. Sie hält an letzter Hoffnung fest Und schürt In Sabbaihstunden Unüberwunden Des Feuers bargen Nest... So aber wird es sich erfüllen: Zu einem neuen Osterfest Wird dieser zähcntlohte Vrand Dereinst die Menschheit führen. Entriegelt werden alle Thürrn, Und alle Herzen thun sich auf. kiif der Walze. AiiS de» Papieren eines Fechtbruders. Von F. Nicbeck. j■�icbertiolt schon hatte der Altgesell das mir damals noch fremde Wort„Silentium!" ansgerufen, ohne daß Jemand ernstlich darauf zzeachtct hatte. Jeht nahm er ans einem vor ihm stehenden Kasten eine Klinzzel und begann heftig zu läuten.„Silentium!" wiederholte er mit zorniger Stimme.„Wenn ich als Narr dasitzen soll, dann koinliits znm Acnßersten— dann schließ äch die Lade zu!" Diese Drohung wirkte; wie ein Schreck fuhr es in alle Glieder; deiner regte sich mehr: alle Lippen waren verstumint. Der Altgesell hielt eine lltede, die sich ans die Lerpstegung der Kranken, auf die Fordermigen des Arztes und des Apothekers und auf ähnliche Dinge bezog; sie fesselte mich nicht, weil zu viel Zahlen darin vorkamen, und für die Debatte, die sich daran knüpfte, besaß ich kein Ber- ständniß. Ich war dicht an die Wand gerückt, betrachtete meine Umgebung und überlegte dabei, wie ich es anstellcn sollte, um mit Anstand flüchten zu können. Auch beschäftigte ich mich in Gedanken mit der Drohung des Altgesellen, die Lade zu schließen. Ich vermuthete, daß der offene Kasten, der mitten auf dem Tische stand, die Lade sei, und ich betrachtete ihn mit größter Ehrfurcht. Ans meiner Lehrzeit her war mir bekannt, daß die Lade den Gesellen als ein großes Heiligthum gilt; ich hatte einmal erzählen hören, daß ein Gesell aus der Bereinigung ausgestoßen worden war, weil er sich nicht entblödet hatte, mit dem Hute auf dem Kopfe vor die offene Lade hinzutreten. Der vor mir stehende Kasten war ans starkem Eichenholz, und in den Deckel war das Tischlerwappen ein- geschnitzt— ein Hobel, ein Winkelhaken und darüber ein ausgesprcitzter Zirkel. Die Debatte über die Krankenpflege währte nur kurze Zeit; der Altgesell erhob sich, forderte uns auf, in vierzehn Tagen ebenso pünk.lich und zahl- reich zu erscheinen und erklärte die Auflage für be- endet. Der»eben ihm sitzende Schreiber legte die Bücher, das Schreibzeug und die Klingel sorgfältig in die Lade und klappte den Deckel zu; der Altgescll schloß sie ab und steckte den Schlüssel in die Tasche. A!it dem Zuklappen der Lade trat eine lebhafte Bewegung ein; die meisten der Gesellen standen ans, traten in Gruppen zusammen, plauderten, lachten und scherzten, und ich vernahm öfters das Wort „Stiefel". Ich achtete nicht darauf; mich interessirte noch immer die Lade, und als einer der Nachbarn sich zu mir wendete, fragte ich ihn, was in der Lade alles enthalten sei. Er konnte mir keine Auskunft geben, übermittelte jedoch meine Frage dem Alt- gesellen, der uns inst das Gesicht zuwandte, und dieser gab mir bereitwillig Aufschluß. In der Lade befänden sich die Protokollbücher, deren ältestes vor vierzig Jahren geschrieben worden sei; sodann eut- hielte sie einige Urkunden von der Bürgermeisterei, die noch viel älter seien. Das älteste Stück sei ein Becher aus Leder, halb gefüllt mit schwarzen und weißen Steinkugeln. Mit diesen Kugeln werde der Altgesell gewählt. Die Kugeln würden bei der Wahl ansgetheilt; jeder Gesell bekomme eine schwarze und eine weiße, und eine davon werfe er in den Becher zurück. Seien alsdann mehr weiße, als schwarze Kugeln im Becher, so gelte der Kandidat als gc- wählt; überwiege die Zahl der schwarzen Kugeln, so müsse ein anderer Kandidat anfgcstellt werden. In früheren Zeiten habe es auch bei der Aufnahme neuer Mitglieder einer solchen Abstimmung bedurft; jetzt werde jedoch jeder anständige Gesell ohne Weiteres als Milglied aufgcnommc». Er sagte noch, an welchen Tagen der Becher gezeigt werden dürfe lind sprach noch einiges andere; ich aber war nicht fähig, noch länger zuzuhören; ich fühlte mich betroffen von der Ntittheilnug, daß nur jeder anständige Gesell ohne Weiteres als Mitglied aufgenommen werde, und ich zitterte wieder in der Furcht, daß einer der Herren mich genau betrachten und den anderen verrathen könne, daß ich einen höchst unanständigen Rock anhabe. Doch mir blieb keine Zeit znm Versinken in trübseligen Betrachtungen; die neuen Freunde zogen mich wieder in ihre Unierhaltung und einer sragie leis und mit freundlicher Miene:„Wollen Sie den Stiefel heute schon geben?" „Den Stiefel?..." „Wenn nicht, so können Sie ja noch vierzehn Tage warten." „Giebts heute einen Stiefel?" rief lachend ein alter Gesell, der mir von Anfang an durch seine er- schreckliche Magerkeit und seinen laugen grauen Bart aufgefallen war, über den Tisch herüber.„Natürlich giebts einen Stiefel, das seh' ich dem neuen Kollegen schon an!" fügte er hinzu. Aller Augen richteten sich auf mich, und ich stammelte verlegen, daß ich nicht wisse, was die Herren meinten. Währenddem raunte mir der freund- liche Nachbar zu:„An Den drüben kehren Sie sich nicht, der will blas immer innsonst sanfcn!" 274 Die Ilcuc Welt. Illustrirte Uiüerhaltungsbeilage. Ich bat ihn»m Ansliinft, ivas ci» Stiefel sei; da erlönte jedoch die Stiiinne des Jlllgcselleii, und bald vernahi» ich, daß seine Worte mir qallen. Auch der Slltriescll sprach vom Stiefel, doch er kleidete seine Worte in so dentliche Form, daß ich rasch des Räthsels Lösung erfuhr und mir hiinmcl- angst wurde. (5r bedauerte, daß ein Kollege ihm in das Amt gepfuscht habe. Man»löge es in Zukunft dem Altgesellen überlassen, neuen Kameraden die Be- dcntnng des Stiefels zu erklären. Diese Bedcntiiiig sei groß und edel, und mau solle keinen Scherz damit treiben. „Der Stiefel, lieber Kollege, ist bei uns das Zeichen der Lerbrndernng," wandte er sich an mich. „Bei nns herrscht der schöne Brauch, daß wir jede» Mitgcsellen als Bruder betrachten; unser Blind hat den Zweck, daß wir im Nolhfalle Alle für Einen cinlrclcn, daß wir die kranken Brüder verpflegen, die Wittwen uiid Waisen linterstützen und Alle in Freundschaft zusammenhalten. Nun herrscht seit uralten Zeiten die schöne Sitte, daß die Freundschaft durch einen Trunk besiegelt wird. Zu diesem Zivecke ist der Stiefel da. Er wird mit Bier gefüllt, wir Alle trinken daraus, und dann ist die Berbrüderung fertig. Eigentlich soll der Stiefel erst erscheinen, lveuu der neue Kamerad zum dritten Ntale bei uns ist, aber au diese Bestiinmung haben wir uns nicht immer gekehrt. Wenn wirs einem zugereisten Käme- radeu ansehen, daß er ein ordentlicher Biensch ist, so geben tvir ihm»lanchmal das Recht, schon am ersten Tage den Stiefel füllen zu lassen. Ihnen, lieber Kollege, sieht man es auf den ersten Blick an, daß Sie ein anständiger Mensch sind—»nd weiin Sie— und Sie tvollen durchaus, so kamt der Stiefel auf der Stelle kommen. Aber ganz, wie Sie wollen! Soll er also komme», oder tvollen Sie warten? Ter Stiefel kostet anderthalb Mark: davon zahlen Sie aber nur eine Mark; den Rest trägt die Bergnügungskasse." Alle Gesichter waren voll gespannter Erwartung auf mich gerichtet: ich hätte nicht„nein" sagen können— nni keinen Preis der Welt. „Der Stiefel— der Stiefel!" ging es froh- lockend durch die Tischrciheu, und ich sah, wie ein junges, bartloses Kerlchen, offenbar der Benjamin der Gesellschaft, vor Freude ganz närrisch wurde. Wie ein Ouecksilbermännchen bewegte er sich auf seinem Stuhle, klatschte mit seineu Patschhändchen, ivandtc sich mit glückstrahlenden, lachenden Augen bald an diesen, bald an jenen Kollegen und rief und sang in einem fort:„Der Stiefel, der Stiefel, der Stie—Hi— Hisel!" Der possirliche Mensch fesselte meine Aufmcrk- samkeit, und ich freute mich und ivar stolz, daß ich ihn glücklich machen konnte. Zu gleicher Zeit iveinte und ivehklagte meine armselige Seele um den Wochen- lohn, der nun schon wieder dahin war, und inmitten der lnstigen Geselligkeit verzweifelte sie an der Zu- klinft. Tag für Tag hatte sie gerechnet und kalku- lirt, wie der Berdienst eingethcilt' werden müsse, und wie lange es wohl dauern werde, bis er hin- reichte zum Ankauf neuer Stiefel—»nd nun verdarb ihr ein anderer Stiefel das ganze Nechenexempcl. Wie nierkwiirdig! Ich war festen Willens, mit dem Pfennigeifer einer heirathslustigen Dienstmagd zu sparen; ich hatte mir noch nicht das allerkleinste Bcrgiiügen erkauft und hatte noch keinen Groschen auf nützliche Erwerbungen verausgabt— und dennoch schmolz mein Geld beständig hin tvie Eis in der Sonne. War das ein Jammer! Aber ich gab mir keine Blöße. Mit sicherer Hand und ohne meinen Schmerz z» vcrrathen, legte ich eine Btark vor den Altgesellen hin. Blieben mir von meinem Wochenlohn noch vierzig Pfennig. „Mutter, den Stiefel!" rief der Altgesell der Frauensperson zu, die uns mit Bier bediente. „Ist das seine Mutter?" fragte ich meinen frenndlichen Nebcnmaiin, worauf er lachte und meine Frage dem Altgesellen mittheilte. Ich empfand sogleich, daß ich mich blamirt hatte. Tie Scham trieb mir das Blut ins Gesicht; doch ich besaß die Geistesgegenwart, in die wild ausbrechende Heiterkeit einznstinuuen und mich so zu stellen, als habe ich einen Witz leisten wollen. Aber die Kollegen ließen sich durch diesen Betrug nicht täuschen; sie tvußtcn Bescheid und belehrten mich unter Scherzen, daß die Frau die Herbergsmutter sei. Der Stiefel— ein mächtiges, mit Bier gefülltes Glasgefäß in Stiefelform— ließ nicht lange auf sich warten. Die Herbergsmutter brachte ihn herbei»nd setzte ihn mit den Worten:„Wohl gedcihs allerseits!" auf den Tisch. Der Altgescll erhob sich zu einer neiien Ansprache, die wiederum mir galt; er spendete der Bereinigung der Thalunger Tischlergesellen be- geistcrtcs Lob, erzählte mir, daß ich die Ehre hätte, mit Btännern an einem Tische zu sitzen, die zn den höchsten Zierden der Tischlergeselleuschaft gehörten, die allezeit auf gute Löhne gehalten hätten und an Tüchtigkeit den besten Meislern überlegen seien. Bei diesen Worten merkte ich, wie einige verluilterte Gestalten den gebeugten Oberkörper gerade richteten und eine würdevolle Miene anfstecktcn. Besonders der Aiagere mit dein langen Granbart saß steif und stolz und ernst da, wie ein gemaltes Götzenbild. Der Altgesell forderte mich auf, das gute Beispiel dieser tüchtigen Männer nachzuahmen und ihre Rath- schlüge zu befolge», und er suchte mir begreiflich zu machen, daß es eine hohe Ehre für mich sei, als „Bruder" in den„Bruderbund" aufgeuominen zu werden. Er erhob den Stiefel, überreichte ihn mir und forderte mich auf, den„Brnderschluck" zu trinke». Ich ergriff das schwere Glas und trank einen Schluck, dann nahm es der Altgesell, trank gleichfalls und reichte es weiter. Der Stiefel ging von Btaini zu Mann: au den Lippen des stolzen Granbarts aber schien er hangen zu bleiben, und es bedurfte energischer Zurufe und beherzten Zugreifens, ihn loszulösen. Der Benjamin begrüßte ihn mit tviehernder Freude: er machte, bevor er zugriff, mit den Armen ein paar jubelnde Flatterbewegmige»: dann legte er einen Finger an den Bierrand, und nach Beendigung des„Brnderschlncles" sah er nach, wie viel er getrunken hatte.„Zu tveilig!" rief er und ivollte das Fehlende nachholen, der Hintermann entriß ihm jedoch den Stiefel, ivorüber der Benjamin sehr erbost zu sein schien. Für die letzten der Brüder blieben nur wenige Tropfen übrig; sie konnten nur ihre Lippen netzen. Der Altgesell reichte mir die Hand nnd sagte: „Jetzt begrüßen tvir Dich als Bruder; jetzt hast Dit-Jeden von uns zu duzen, nnd wenn Du Einen mit„Sie" anredest, kostet es fünf Pfennige für die Bergnügnngskasse." Alle standen auf und Jeder reichte mir die Hand; ich hatte nun etwa anderthalb Dutzend „Brüder" auf einmal gewonnen, und dieses wonnige Bewußtsein verlieh mir ein reiches Blaß von Zu- verficht. Mochten sie nun die Schuhwichse und die sonstigcii Schandstellen auf meinem Anzüge cnt- decken! Sie waren ja meine Brüder, und bei Brüdern konnte ich mich auf gute Art entschuldigen. Der Altgescll hielt abermals eine Ansprache. Der Ausflug ins Gebirge sei beschlossene Sache, daher müsse an die Bergnügnngskasse gedacht tverden. Er schlage vor, zum Besten der Kasse das schöne Lied„Was blasen die Trompeten?" zu singen. „An die Gewehre! Achtung! Die Losung ist„rei"!" Das Lied begann, nnd ich sang kräftig mit: „Was blasen die Trompeten? Husaren heraus! Er rei—" Hier verstummten die meisten Sänger; nur ich nnd ein Anderer sangen das Wort„reitet" zu Ende. Schadenfrohes Gelächter! Ein Bruder klimperte mit einer Blechbüchse, und wir zwei unachtsamen Sänger mußten Jeder fünf Pfennige zahlen. Der Altgesell nannte eine neue Losungssilbe; der Gesang erscholl und diesmal ereilte das Unglück einige andere Brüder. Ich nahm mir vor, genau aufzupassen, um wenigstens das kümmerliche Restchen meines stattlichen Wochenlohnes zu retten, allein trotz aller Willenskraft erlebte ich eine» neuen Reinfall und mußte einen zweiten Fünfpfennig hergeben. Alles Achtgebe» half nichts; war einmal die Melodie im Schwnnge, so sang man nntvillkürlich über die Grenzsilbe hinaus. Ich hatte nur ein„sch" zn viel gesungen; anstatt bis„mar" zn singen, hatte ich das„sch"»och angehängt, so daß ein„marsch" herauskam, doch das genügte, um„Strafe" zn zahlen. Um ganz sicher zn gehen, beivcgte ich schließlich, während die Anderen sangen, nur die Lippen; der Bruder zu nieincr Linken aber merkte de» Schwindel, deiinnzirtc mich nnd ich mußte fünf Pfennige entrichte», weil ich nicht dentlich gesungen hatte. Dann kam ein neues, ganz entsetzliches Spiel. Im Kreis herum ward bis hundert gezählt, doch mußte die Drei, soivie jede Zahl, die eine Drei enthielt, ausgelassen tverden. Wer eine Drei ans- sprach, mußte fünf Pfennige„piiiken". Der Altgescll sagte eins; sein Nachbar zwei, der Dritte schwieg, der Biertc sagte vier usw. Das Zählen mußte sehr schnell gehen; jede Berlcgenheitspanse, mochte sie auch noch so kurz sein, kostete„Pinke". Zwei Brüder notirten jeden Unglücksfall, und bei der Zahl hundert sprangen sie auf und kassirten die Gelder ein. Ich hütete mich, die Zahl drei auszusprechen, und dennoch kostete mich schon die erste„Tour" zehn Pfennige. Das eine Mal hatte ich in der Hast meine Zahl schon genannt, als die meines Bordermannes noch nicht verklungen war; das andere Mal verwirrte mich das Schweigen des Vordermannes, auf den eine Zahl mit einer Drei gefallen war, und da ich eine kleine Pause eintreten ließ, erfuhr mein Baarvermögen abermals eine schwere Einbuße. Nach der dritten„Tour" betrug mein Besitzstand noch fünf Pfennige, und nun hielt ich die Zeit zur Flucht für gekomnien. Ich griff nach meinem Hut, der hinter mir auf dem Fensterbrett lag, und ivollte entschlüpfen; einige Brüder hielten mich indeß an, nnd ich mußte ihnen vor- lügen, daß ich wiederkomme, sonst hätten sie mich nicht fortgelassen. Im Hausflur begegnete ich der Herbergsmutter, und als ich ihr flüchtig Ade sagte, rief sie mir nach, daß ich»lein Bier bezahlen möge.„Sie haben zivei Glas Bier getrunken, macht dreißig Pfennige," sprach sie, als ich mich er- schrocken umwandte. An diese Schuld hatte ich in meiner Unschuld nicht gedacht. Da ich kein Bier bestellt hatte, ivar ich nicht darauf verfallen, daß ich trotzdem meme Zeche bezahlen müsse; da so viel von einer Ber- guügungskasse die Rede gewesen war, hatte ich an- genommen, das ivährend der„Auflage" getrunkene Bier werde aus dieser Kasse bezahlt. Ich befand mich der Frau gegenüber in einer tödtlichen Ber- legenheit, und ich suchte in den Taschen nach einem Pfände, um sie zu begütigen. Nieine Ehrlichkeit war so groß, daß ich bereit geivescn wäre, der Herbergs- mutter eines meiner iverlhoollsten Güter, nämlich die fertigen Strophen der„Sage von den sieben Galgen" als Pfand zu geben, ich fürchtete jedoch, sie könnte den unbezahlbaren Schatz nicht zu würdigen wissen, und so zog ich es vor, ihr mein schönes Taschenmesser, das mir der Lehrmeister geschenkt hatte, soivie die fünf Pfennig anzubieten. Zugleich stammelte ich Entschuldignngen, wies anf den Kassenbcitrag, auf den Stiefel und auf den Gesang hin und bat sie, nicht schlecht von mir zu denken; ich gelobte heilig und theuer, in vierzehn Tagen tviedcr zu kommen und meine Schuld zu tilgen. Anfänglich verhielt sie sich ablehnend und meinte, schon Viele hätten ihr gesagt, sie tvürden tvieder- kommen, doch an's Worthalten denke selten Einer; endlich aber sagte sie:„Na, Wenns nur ivahr ist!" und nahm Messer und Geld. In diesem Augenblicke traten einige Brüder in den Hausflur. Die Herbergsmutter wandte sich ihnen zu und sagte:„Der Nie» sch kommt wildfrcnid her und hat kein Geld!" Von schrecklicher Scham ergriffen rannte ich fort, bog um die nahe Straßenecke und lief so schnell ich laufen konnte, bis ich mich einsam auf dem Felde sah. Dort warf ich mich ins Gras, verwünschte mein Schicksal nnd iveinte wie ein kleines Kind. Mein ganzer Wochenlohn dahin, Schulden gc- macht und obendrein des Betruges verdächtig! O, daß ich längst gestorben wäre!... In einem anderen Wirthshanse ivar ich noch immer den Teller schuldig, den ich einst zerschlagen hatte, als ich für den Schuster das Abendbrot bezahlen mußte.... Der Schuster— o wenn ich ihn doch fände!... Die llcuc Welt. Zllustrirte Ilnterhaltungsbeilage. 275 Leute käme» des Weges; ich sprang auf und rannte lveiter ins Feld. Tie Sonne mar längst nntci gegangen; die Ferne lag verhüllt iui Nacht- schlcier. Ter linde, trostreiche Abendfricden wirkte beruhigend ans ineiii stürmisches Geniüth, und leise iveineud gelobte ich. fortan die Menschen zu meiden und die freien Sonutägsstunden nur der Dichlknnst zu widmen. In diesem VorsaZ lag etwas wunderbar Beruhigendes, Versöhnendes. Mit friedens- klarcr Seele ivanderte ich heim, stieg in meine Boden- kanuner, nahm aus dem Schatzkästlein einen kleinen Nickel, ging zu einer Kramhändlerin, die im Nachbar- Hause wohnte,»mb erstand einen„Schusterjungen". So nannte man in Thalungen ein billiges knchcn- artiges Gebäck, das in Oberschlesicn den Namen „Strnmpfsohle" führt, und das ein edler Mensch erfunden hat für alle Armen, die sich für fünf Pfennige satt essen ivollcn. Ich verzehrte das zähe, schwärzliche Ting mit gesegnetem Appetit und hätte gern noch einen ziveite» Schusterjungen vertilgt. Aber solche Verschwendung durste ich angesichts der herrschenden Finanzlage nicht treiben. Dann ging ich zn Bett, und»in die finsteren Gedanken zn verbannen, beschäftigte ich mich bis znm Cinjchlafen mit den sieben Galgen. 5!I>nmgeI?»itcs Kcipilet. Der ncne Anzug.„Das kommt von wegen." Endlich der Brief— nach öden Tagen der Heist- ersehnte und zugleich voll Furcht und Beben erwartete Brief! Wie mir das Herz pochte beini Anblick der steilen, scharfcckigcn, unsicheren und doch so klaren Schriflzüge. Ich ivar allein in der Werkstatt und konnte den Brief sogleich lescit. Hastig und in fiebernder Er- rcgnng schnitt ich ihn ans und entfaltete den voll- geschriebenen Bogen. Nim entscheide Dich, mein Schicksal! Glück oder Verdanminiß!... Alles war gut! Himmel, Gold und Gloria, der Anzug sollte kommen! In ivenigen Tagen schon. lind wie liebreich und sanft die Mutter schrieb! Ganz ohne Vorwurf und Klage. Sic habe den Anzug sogleich beim Schneider bestellt, und ich könne vielleicht schon am kommenden Sonntag darin in die Kirche gehen. Ich solle nur recht sleistig beten in der Kirche und innner gut und brav sein. Und den Anzug solle ich recht sauber halten und nie an Kalkivände damit streifen, mich auch nirgends damit anlehnen, denn dadurch würden die besten Anzüge leicht verdorben. Sie verlange ihn nicht von mir bezahlt; der Schneider sei zufrieden, wenn sie jede Woche eine ftleiiiig'eit abbezahle. Mit dem vielen Gelde, das ich verdiene, solle ich nur recht sparsam inngeheil. Da stand ich nun in meiner ganzen Erbärm- lichtest! Den Anzug hatte ich errungen, doch ich mußte mir immer und immer wieder sagen, daß ich zn der besten aller Ntütter tvie der schlechteste aller Söhne gehandelt hatte. Das böse Gewissen aber ist allezeit ohnmächtig gegen die Freude; es qnält den Atenschen immer erst, tvenn er ohnedies leidet, und so war es nicht im Stande, mir das Glück dcs neuen Besitzes zn vergällen. Wenn nur der Anzug bis zum Sonntag käme! Denn einer meiner ersten Gedanken nach dem Lesen dcs Briefes tvar, daß ich mich am Sonntag hoch- fein ausputzen und in den Gcsellcn-Brnderbnnd gehen lvollte. Die Hcrbergsmutter sollte erstaunen und sollte das mir gelvidmcte Mißtrauen bereuen, und den Brüdern lvollte ich zeigen, daß ich nicht der erste beste hergelaufene Galgenvogel bin. Freilich mußte ich dort lvieder Bier trinken und mit singen und zählen; aber darauf sollte mirs einmal nicht ankommen, da doch ein großer Triumph auch etwas Werth war.... Sonnabends kam der Anzug, in Sackleinwand verpackt, an. Mein Frohsinn an jenem Tage tvar grenzenlos; ich arbeitete so lustig und behende, daß deni Btcister, wenn er mich in gewohnter Weise an- feuern wollte, wiederholt das Wort in der Kehle stecken blieb. Er sah nnr verwundert zn, und zum Zeichen seiner allerhöchsten Befriedigung deutete er zum Himmel, der sich verfinstert hatte, und sagte: „Wir kriegen ein Gewitter." Nur wenn er bei vollkommen guter Laune war, pflegte er mich einer freundlichen Ansprache zu würdigen, und so war ich berechligt, mir die Mit- thcilnng, daß wir ein Gelvitter bekamen, als eine hohe Anszeichnnng anzurechnen. Diese Gnade stimnite mich noch heiterer, und so durfte ich mir am Abend mit voller Zufriedenheit sagen, daß dies der schönste Arbeitstag gewesen sei, den ich in Thalniigcn verlebt hatte. Am Abend öffnete ich das Packet und unterzog den Anzug am offenen Kanimcrfenstcr einer Be- sichtignng. Obgleich die Beleuchtung mangelhaft war, ließen sich alle Vorzüge der werthvollen Gabe genau erkennen. Der Tnchstoff war von dunkler Farbe, so, wie ich sie gern hatte, und er war dick und steif, wie Pappcdcckel,»voraus ich den ivonnigen Schluß zog, daß der Anzug lange Jahre aushalten würde. An Schonung sollte es ihm bei mir nicht fehlen. Sonntagnachmittag! Die Werkstatt war anfgc- räumt, der Meister hatte sich zurückgezogen, und ich ivar frei. Nun, hallo, in die Bodenkammer! Das ging bei mir stets sehr flink, und schon nach wenigen Minnten stand ich im neuen Feicrstaat da. Schade, daß ich keinen Spiegel hatte! Aber auch ohne Spiegel glaubte ich zu erkennen, daß mir der Anzug vortrefflich saß. Die Nockärmel waren eine Viertelelle zn lang, die Hosenbeine auch, und hinten stieß mir der Kragen an den Kopf, doch diese Fehler erschiene» mir nicht der Rede Werth. Ich zog die Hosen herauf, so weit es möglich war, und im llcbrigen erschien es mir vornehm, daß sie den größten Theil des Fußes bedeckten. Die Länge der Aermel war schon unbequemer, doch ich hoffte, daß der Stoff mit der Zeit ein wenig„einziehen" werde. Außerdem gewährten mir die Aermel den Vortheil, daß ich nicht nöthig hatte, mir Handschuhe zu kaufen. Trotzdem der Anzug ein wenig zn groß und weit gcrathen war, fühlte ich mich darin stark beengt, und mir war, als stecke ich in einem schwere» Eisenpanzer. Das lag meines Erachtens an der Stärke und Schwere des Stoffes, die ich bewunderte und die mich z» dem Glanben zwang, daß der Anzug schweres Geld koste. Durch die Länge der Hosen wurden auch die schiefen Stiefelabsätze ver- deckt, und so fehlte nichts zur Vollkommenheit. Mit gehobener stolzer Stimmnng marschirte ich ab, und das einzige Unbehagen bestand darin, daß ich bei jedem Schritt auf die Hosencndcn trat; ich sagte mir, daß die Hosen darunter leiden müßten. Diesmal wich ich den Menschen nicht scheu aus, wie ich es an de» beide» letzte» Sonntagen gctha» hatte; ich wählte sogar einen Bürgcrsteig, ans dem die vornehmsten Leute der Stadt zn promeniren pflegten, und ich ging wiederholt langsam um den Ring, um mich den Mitbürgern in meiner neuen Verfassung zu zeigen. Hatte mich etwa Einer oder der Andere in dem alten Anzug gesehen, so sollte der neue ihn belehren, daß es falsch sei, ein vor- eiliges llrtheil über einen Atenschen zu fällen. In die Herberge kam ich viel zn früh. Noch war kein Gesell anwesend. Die Herbergsmntter kam herbei, blieb überrascht stehen und gaffie mich an, als sei ich eine wildfremde Erscheinung. Sie grüßte erst, nachdem ich ihr einen guten Tag ge- wünscht hatte. „Sie bekommen noch ein paar Pfennige— ich glaube, fünfundzwanzig sinds", sagte ich leichthin, und während ich das Portemonnaie zog und den Betrag bezahlte, suchte ich den Anschein zu erwecken, als verfügte'ich über ein ganzes Vermögen. Die Frau nahm das Geld und holte das Atesser herbei, das ich ihr als Pfand überlassen hatte. Wieder betrachtete sie mich mit verwunderten Augen, und ich empfand das als eine große Genugthnnng. Deut- lich glaubte, ich auf ihrem welken Antlitz die Nene zu lesen über das mir erwiesene Mißtrauen. Das stimmte mich milder, und ich sagte freundlich:„Es giebt heut zn Tage so viele schlechte Mensche», daß man keinem mehr traut. Sie konnten ja nicht wissen, wer ich bin. Ich möchte nun ein gutes Glas Bier trinken." Ohne ein Wort zn erwidern, holte sie das Bier, das ich sogleich bezahlte. Ich deutete ihr Schweigen als übergroße Verlegenheit; gewiß hielt sie mich meines kostbaren Anzuges wegen für sehr reich, und aus meinen Btanieren mochte sie ersehen, daß ich kein Tischlcrgescll gewöhnlichen Schlages sei. Mir fiel es nicht ein, sie dieses schönen Glaubens zn berauben; ich suchte sie vielmehr durch allerlei groß- thnerische Geberden darin zn bestärken, und ich kam mir dabei selbst wie eine gewichtige Persönlichkeit vor. Ein gütiger Strahl der Glückssonne kann be- wirken, daß der armseligste und bescheidenste Narr im Handumdrehen ein vollendeter Protz wird. Er wird es um so leichter, je tiefer er von den Atenschen gedemüthigt worden ist. Protz zu sein ist dann für den Aernisteu eine Wohlthat, eine Wonne— ist seine Jiache.(Fortscyung solgi.) Wohmmgsuche und Umzug. Von Dr. H. S. |ie Sorgen und Kosten, die gar viele, nament- lich weniger bemittelte Menschen bei einem >�9 Wohnungswechsel durchmachen, sind allzuoft so groß, daß die davon Betroffenen das Gefühl haben, als müßten sie ihre Leiden mitfühlenden Seelen klagen, und als wäre die Oeffentlichkeit beinahe verpflichtet, diese Leiden durch ihre Mithülfe zu lindern. Auch ist es nicht immer nötbig, erst durch Schaden klug zu werden; mancher Wink von einer Seite her, wo man entweder auf diese Weise oder anderswie„klug" geworden ist, kann zur richtigen Zeit viel Unheil verhüten und mindestens auf die— in solchen Fällen begreiflicherweise etwas aufgeregten— Gemüther beruhigend wirken. In diesem Sinn sollen hier einige Nathschläge gegeben werden, die theils eigenen Erfahrungen, thcils der lleberlcgnng über das, was dabei hauptsächlich in Betracht kommt, entstammen. In erster Linie kann sich die Frage erheben, ob man überhaupt gut thnt, seine Wohnung zu wechseln. So sehr dies nun ans die besonderen Umstände des jeweiligen Falles ankommt, so lassen sich doch noch etliche allgemeine Grundsätze aufstellen. Zuvörderst der: man solle, wenn es nnr einigermaßen angeht, seine Wohnung lieber behalten als ver- tauschen. Mit Recht sagt ein alles Sprüchwort: „Zweimal»mgezoge» ist einmal abgebrannt"; und wen die Roth zu häufigem Ilmziehen innerhalb kurzer Zeit zwingt, der ist mehr als viele Andere zn bedanern und einer wenigstens geistigen Unter- slütznng Werth. Schon die baarcn Auslagen eines Umzugs sind schwerlich zn überschätzen; denn zu den vielleicht nicht einmal allzu hohen Kosten dcs eigentlichen Umziehens kommen die vielen vorerst kaum übersehbaren Nebenanslagen, die von einer solchen Angelegenheit nicht gut zu trennen sind, auch wenn man diese nicht, wie es meistens der Fall ist, nur als Gelegenheit zu Anschaffunge», Ausbesserungen usw. benützt, die man sich sonst erspart hätte. In- dessen weist gerade dies auch wieder ans Vorzüge eines Wohnungswechsels vor dem Beibehalten der Wohnung hin. Jeder Umzug ist in diesem und noch in manchem anderen Sinn eine Auffrischung des gesammten, besonders des häuslichen Daseins und kann deshalb selbst in gesundheitlicher und moralischer Hinsicht gerathen sein. Nur heißt es erwägen, ob diese Auffrischung wirklich noth thnt und nicht blos ein Lurusbedürfniß ist, ob sie ferner nicht besser anders zu erreichen wäre, und ob sie endlich nicht unter Opferung wichtiger Vortheile geschieht. Man kann auch jenem alten Sprüchwort das neuere Wort entgegenhalten:„Besser zweimal umgezogen als das ganze Jahr hindurch schlecht gewohnt." Außerdem bringen unsere modernen Ver- Hältnisse gegenüber dem früheren Festhalten an altgewohnten Behausungen eine solche Unruhe in unser Wohnen hinein, daß wir uns von vornherein damit wie mit den Auswegen zur Erleichtcrnng dieses UebelstaudeS vertraut machen sollten. 276 Me Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. In zweiter Linie kommt abermals etwas in Betracht, was noch vor den Beriihrnngen mit den zu besichtMiiden und mit der ansgewählten Wohnung liegt: wir meinen die Absichten, mit denen sich der Wohiinuasnchende auf seinen Weg macht. Hier handelt es sich um Zweierlei: einerseits um die allgemeine Beschaffenheit, die Jemand von seiner Wohnung verlangt, also hauptsächlich um ihren Preis, andererseits um den Ort, Ivo er sie zu finden hofft. In jener Beziehung fragt es sich natürlich zumeist nach der wirthschaftlichen und gesellschaft- lichen Höhe, auf der Jemand nun einmal steht. Allein hier wird im großen Ganzen diese Höhe, mithin das Gesammtbndget, nicht richtig in Betracht gezogen. Aermere Leute sind durch unsere Bauver- Hältnisse fast durchgehcnds gezwungen, relativ zu thener zu wohnen? ein llcbclstand, dem sie allerdings nicht selber, sondern die öffentlichen Atächte steuern können und sollen. Sonst aber läßt sich sage», daß für das Wohnen und die damit zu- sanimenhäilgenden Bedürfnisse ver- hältnißmäßig zu wenig ausgegeben, daß hier— gegenüber anderen beliebteren Ausgaben, ja selbst Ver- schwendungen— am unrechten Orte das Geld und die Anfmerksainkeit gespart werden. Allerdings hängt von der Kostbarkeit und Größe einer Wohnung thcilweise der Grad der übrigen Aufwendungen ab, und eine zu vornehme Wohnung kann ihren Besitzer zu Grunde richten. Doch gilt dies eben mir bedingungsweise? und hütet man sich einmal vor dem lieber- schreiten dieser Grenzen, so darf und muß mau sich unbesorgt sagen: Das Wohnen verträgt am wenigsten eine Einschränkung. Zu sparen ist an anderen Dingen: vor Allem an dem in den meisten Kreisen zu üppigen Essen, znmal was die Genußmittcl betrifft, und an den Kosten des sogenannlen Verkehrs, namentlich dessen, der sich nach außen hin ab- spielt. Im Allgemeinen mag auf die WohnungSmiethe, wenn man sein hinreichendes Einkommen hat, ein Sechstel davon gerechnet werden, so daß einem monatlichen Gesaniint- bndget von ZOO Mark eine Mielhe von 50 Mark entspricht. Bei niedrigerer wirthschaftlicher Lage dürfte ein Sechstel schwerlich ge- niigc»; wer monatlich nur halb so viel hat, wird sich voraussichtlich nicht ans entsprechend weniger, sondern etwa ans ein Fünftel, also ZO Mark, einrichten müssen. Die durch eine abgelegenere Wohnung verursachten Fahrkosten können in das Wohnungsbildget eingerechnet werden. Die andere erwähnte Rücksicht war die ans den Ort, der für eine Wohnung ins Auge zu fassen ist. Hier sind vor Allem zwei Grundsätze maßgebend, ein älterer und ein neuerer. Jener sagt: Jeglicher. Arbeiter soll möglichst weit von seinem Arbeitsort entfernt wohnen. Gewöhnlich bevorzugt man das Gegentheil und liebt eine dem Geschäft oder der sonstigen Stelle des Berufslebens möglichst nahe Wohnung. Dies ist jedoch— ausgenommen vielleicht Berufe, die ohnehin an die körperliche Be- wegung viel Anforderungen stellen— aus gesund- heitlichen Gründen unzweckmäßig und führt leicht zu einer„Bersunipfnng" in mannigfachem Sinn. Der andere, neuere Grundsatz kommt mit jenem älteren Genossen einigermaßen nberein? er sagt: Man soll möglichst weit vom Mittelpunkt der Stadt oder des Ortes überhaupt, ans den man angewiesen ist, entfernt wohnen. Auch dieser Grundsatz beleidigt die liebe Gewohnheit und mag anfangs manche Verwunderung erregen. Indessen wird er heute bereits thatsächlich in einem immerfort, wenngleich langsam steigenden Ataß angewendet. Unsere Städte, wenigstens die größeren, umgeben sich bereits in ausgedehnter Weise mit einem Kranz von halb ländlichen Wohnungen? das S.jstem der Cottage- Häuser, der Villenkol inien usw. bricht sich Bahn? die Verkehrsmittel passen sich, allerdings viel zu langsam, diesen Veränderungen an. Noch sind die Vortheile eines solchen freieren Wohnens theils nicht ausgebildet und ausgebreitet genug, theils dem großen Publikum nicht so geläufig, wie sie es sein sollten. Sie können hier nicht erörtert, sondern nur kurzweg ein'fohlen werden.— Schließlich müssen wir noch die Vorliebe der meisten Leute erwähnen, bei einem Wohnnngsivechsel in der alten Gegend zu bleiben. Auch diese Gewohnheit verdient, sofern sie nicht besondere Gründe stützen, bekämpft zu werden Worwihig. Nach dem Gemälde von Hermann Kaulbach. — namentlich weil sie den einen der oben genamiten Vortheile des Wohnungswechsels, die Auffrischung, verringert. In dritter Linie steht nun die Auswahl einer Wohnung unter allen besichtigten und verfügbaren. Daß hier sehr viele und verschiedentliche Rücksichten zu befolgen sind, deren richtiges Zusammenhalten erst eine passende Wahl ergicbt, weiß und beachtet wohl Jeder. Weniger gewußt und beachtet wird hingegen das unterschiedliche Gewicht jeder einzelnen von diesen Rücksichten, die Nothwendigkcit, in Zweifel- fällen die einen den anderen, das kleinere Hebel dem größeren zu opfern. Als die wichtigste unter diesen Riicksichteil läßt sich unbedenklich die gesund- heitliche voranstellen. Sie ist schon deshalb so wichtig, weil von der Gesundheit Derer, die eine Wohnung ständig benützen, so viele andere Ansprüche abhängen. Gesnndheitmangel kostet in weit höherem Maße Geld, als Mangel an Geld einen Gesund- heilniangel kostet. Man achte also in erster Reihe darauf, daß eine Wohnung den hygieinischen An- forderungen entspreche, und vernichte nöthigenfalls lieber auf andere als auf diese Vortheile. Worin sie bestehen, ist bereits oft genug gesagt worden. Zuvörderst kommen Trockenheit, Licht und Luft. Ein neugebantes Hans soll man nach einem bekannten Spruch im ersten Jahre seinem Feind, im zweiten seinem Freund überlassen und erst im dritten Jahre selber beziehen. Bevorzugen wir also ältere Hänser, sofern sie noch nicht baufällig sind. Auch die nächste Umgebung ist zu beobachten? viele Birken z. B. verrathen einen feuchten Boden. Den Werth der ftischen Luft ferner wird man nicht leicht verkennen? Kellerwohnungen, selbst Wohnungen, die gegen enge Höfe gelegen sind, usw. braucht man wohl nicht eigens widerrathen. Weniger leuchtet so Manchem der Werth des Lichtes, ja gerade des unmittelbaren Sonnenlichtes für eine Wohnung ein, so einleuchtend gerade dieses sein sollte. Es kommt geradezu eine Scheu vor sonnigen Wohnungen vor; demgegenüber bedenke man mindestens, daß man gegen zu viel Sonne sich leicht schützen, zu wenig Sonne aber nicht ersetzen kann. Wir ziehen deshalb eine mehr südlich gelegene Wohnung einer mehr nördlich gelegenen vor. Namentlich sollen das Schlafzimmer die Morgensonne und die Wohnräume die Lormittagssonne haben; die Küche und etwaige Nebenräume, selbst das in der gewöhnlichen Lerihcilung der Räume zu sehr bevorzugte Empfangs- zinimer verbleiben der Schattenseite. Immerhin braucht mau nördlichere Wohnungen nicht ängstlich aus- schließen, wenn nur sonst die gesund- heillichen Bedingungen erfüllt sind. Verschiedene andere von diesen werden Dem, der sich einmal gewöhnt hat, auf derlei Dinge zu achten, leicht von selbst in die Aufmerksamkeit fallen. Im Allgemeinen läßt sich noch eine möglichst freie Umgebung, schon um der Bewegung der Kinder willen, als eine Hauptforderung hinstellen. Was nun die hinter der Gesund- hcitsfrage stehenden Rücksichten be- trifft, so ist zunächst eine wichtige Unterscheidung nöthig. In besseren, thenreren Wohnungen und abgesehen davon in mehr städtischen Behausungen erhält der Biicther meistens eine gut eingerichtete Wohnung und kommt dann mit dem Verniiether wenig in Berührung. Anders bei ärm- licheren Verhältnissen und in mehr stadtfernen, gar erst geradezu länd- lichen Behausniigen. Hier hängt die Vervollkommnung der von vornherein meist ungenügend eingerichteten Woh- nmig von den Vereinbarnngen zwischen Mieihcr und Vermiether ab, und später- hin kann Dieser Jenem, namentlich was die Nebcnbcdürfnisse des Wohnens betrifft, ans Schritt und Tritt zur Qual werden— um so mehr, als ein gar großer Theil der Hausbesitzer den weniger angenehmen Gesellschaftsschichtcn angehört. Btan schlage also die Eigenart des Vermiethers mit zu den Eigenarten der Wohnung und bedenke, daß sich manche Fehler dieser durch ein Entgegenkommen des Hausherrn oder der Hausfrau mildern lassen. Eine Er- kundigung bei den früheren Inhabern der Wohnung empfiehlt sich ebenso, wie man sich über einen Dienst- boten bei seinen früheren Dienstherrschaften erkun- digt. Um den Klatsch zu vermeiden, mag man sich darauf beschränken, zu fragen, von wem die Kün- digung ausgegangen ist, und welche allgemeine Art von Gründen— sagen wir:„äußere" und„innere" Gründe— dazu geführt hat. Am letzten unter den Rücksichten, die eine Woh- nungswahl bestimmen können, soll die auf den Prunk, auf die sogenannte Ausstattung der Wohnungen stehen. Wie wenig eine solche, meist nur dein Protz und der Preistreiberei dicncnde„Schönheit" Werth ist, das ließe sich noch sehr eingehend zeigen. Hauptsächlich bedenke man, daß die wahre Schönheit einer Woh- nnng erst ans ihrer Erfüllung mit dein täglichen Leben der Bewohner hervorgeht. Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 277 Kouiiuen wir viertens zum Abschluß des Mieth- Vertrages, so wird es sich im Allgemeiueu empfehle», sich dabei juristisch sicher zu stellen! also alle Be- dingungeu schriftlich festzuseben und den Vertrag in zwei Exemplaren mit der Unterschrift beider Theile auf jedem auszufertigen. Man überschätze jedoch nicht die Bedeutung einer solchen juristischen Sicher- heit. Wer das Scinige nicht thnn will, kommt auch über seine schriftlichen Verpflichtungen hiniveg oder umgeht sie oder rächt sich ans andere Weise; wer hingegen das Seinige thnn will, der thut es auch ohne Gesetz. Die Thalsachen, also hauptsächlich die Persönlichkeit des Äcrmicthers, sind schließlich doch gewichtiger alö die Normiriluge». Ans beide» Gründen reichenden Wagen können nnbercchcnbaren Schaden anrichten und kommen selbst für die direkten Ans- lagen kaum billiger. Sogenannte Bauernwagcn sind durchaus zu vermeiden; ein richtiger Btöbelivagcn ist nnenlbehrlich und verlohnt sich selbst bei hochscheinen- dem Preis. Der Versuch mancher Leute, bei kleinereu Entfernungen„selbst" umzuziehen, straft sich als- bald. Sogar für die Arbeit des Einpackens und namentlich für die des Anfstellcns, Anfhängens usw. verlohnt sich die Zuziehung fachkundiger Arbeitslente. Tie Zeit des UmzngeS ist ebenfalls sorgfältig zu beachten. Aian wähle die bestmögliche Jahreszeit. Die ältere bayerische Einrichtung, ivelche die Zieh- zciten oder„Ziele" auf Ende April(„Gcorgi") „ellvns zu thnn", nicht sobald wiederkehrt. Die bei der gcsammtcn Angelegenheit gemachten Erfahrungen aber mögen gleich Andenken bis zum nächsten Umzug aufbetvahrt bleiben. A n n e d o x e. Skizze von G. Macasy. lbert saß vor deni Schreibtisch und suchte: lange, schmale Schrift, zierliche runde Schrift, CXt1— 1 Buchstaben wie ans dem ABC-Buche. Seine Frau kam herein und sah ihm eine Weile zu, verwundert und forschend. Aber er bemerkte sie nicht. "gTatcr xtn6 aber, aus dem juristischen und ans der Rücksicht auf die Verhältnisse, ivie sie nun einmal sind und sich gestalten werden, ist es dringend gerathen, alle Ver- einbarungen vor Zeugen zu machen, schon wegen des moralischen Eindrucks auf den Vermiether. Plan gehe demnach auf die Wohnungsuche nicht allein. Im Uebrigen kann nicht genug betont werden, wie sehr bei all dem das Persönliche im Vordergrund steht; darum ist auch alles Indirekte, alle Aushülfe durch Dritte, durch Zeitungen, durch Bureaux usw. dem unmittelbaren persönlichen Darangehen weit nachzustellen. Fünftens der Umzug selbst. Für ihn gilt zn- vörderst das Gleiche wie für die Stellung der Woh- nungskosten in ilnsercni Budget: auch hier darf nicht gespart weiden. Ungenügende Verpackung der kleineren Gegenstände, Wahl eines billigen Transporteurs mit ungeschickten Packern und insbesondere mit unzu- Wuttvr ZUglieicH. Vach dem©emaLe von Tot' Pholographievcrlag der Photographischcr Union W Münch- 1. und Ende September l„MichaeIi"> festsetzte, zeigt trotz ihrer heutigen Uubranchbarkeit, daß die Zeit von Oktober bis in den April hinein für Umzüge besser zn vermeiden ist. Ebenso meide man inner- halb eines Tages die Dunkelheit, lasse vielmehr den Umzug möglichst früh am Riorgen beginnen. Auch der Anfang der Vorbcrcitnngeu zum Umzug ist nicht gleichgültig; man dränge die Arbeit nicht auf die letzten Augenblicke zusammen und überlege auch die Besorgungen der letzten Stunde, das Handgepäck usw. bei Zeiten. Die Anfstellnng der Möbel soll vorher durch eine Planzeichnnng mit Hülfe von Ausmessungen festgestellt sein. Ist endlich jene mit Recht gefürchtete Zeit des eigentlichen Umzugs, sozusagen die Krisis, vorüber, so erinnere man sich, daß eine so günstige Gelegen- heit, seine Habe wieder in Stand zn setzen und zn vervollkommnen und sonst noch für die Wohnung E. Roseuthal. „Guten Tag, Albert!" sagte sie leise und legte Hut und Mantel ans den Tisch. Er gab keine Antwort. Die Briefe mit den langen, schmalen Zügen nahm er heraus. Er faltete jeden auseinander und las ihn. Dann ordnete er sie der Reihe nach. Drbei dachte er an Diejenige, die diese Briefe geschrieben hatte: an Annedore. Er dachte an ein kleines Häuschen in der Vorstadt draußen und an ein einfaches Zimmer. In dem Zimmer tvar Alles blank und sauber und Blumen standen an den Fenstern. Dann dachte er an eine alte Frau, die dort in der Fensternische gesessen, und an ein Mädchen mit braunem welligen Haar und braunen Augen. Er sah sie vor sich, die große, schlanke Gestalt mit den weichen Formen und niit den langen, schmalen Fingern. Einstmals ivar dies sein stilles Glück gcivesen. Annedore hatte er geliebt mit jener ruhigen, ver- schwiegenen Liebe, die keinen Taumel kennt und keine Die 2Teuc Welt. Illustrirte Unterhalwngsvcuage. Hilst. Diese Liebe war damals, als die eisten Stürme tobteil in seiner Seele, wie ein sanfter, kühlender Hauch gewesen,>vie ein Nnhcpnnkt, nach dem er flüchtete, wenn Sorge und Schmerz in ihm ihr wirres Spiel trieben. Und Anncdore war ihm treu ergeben gewesen, so, ivie es alle die stillen Frauen sind, die sich selbst vergessen nm eines Anderen ivillen, und die nur diesen Anderen kennen, nur an ihn denken und nur ihn lieben. Fast drei Jahre hatte ihn Anncdore so geliebt, und vielleicht hatte sie die geheime Hoffnung gehabt, daß es immer so bleiben werde. Vielleicht— obwohl niemals davon gesprochen ivorden war. Sie selbst hatte es nie gewagt, es je mit einem Worte anzudeuten, und er, er hatte garnicht daran gedacht. Anncdore aber hatte es für selbstverständlich gehalten, daß sie ihn lieben müsse: auch ohne sein Versprechen. Aber es war eine seltsame Liebe gewesen, die zu Annedore. Er ivar es immer gewesen, der empfing, all das Einte und Wohlthnende, das man in der Liebe nur empfangen kann. Er dachte daran, ivie oft er rauh und verstimmt und tief gedrückt ge- kommen war, und wie sie Alles in ihm geglättet hatte mit ihrer zarten, schlichten Art. Ein Jahr wohl war er täg- lich dort gewesen, und täglich hatten ihn diese braunen, klugen Augen mit milder Freude begrüßt. Hernach waren die Besuche seltener geworden. Nur dann, wenn es ruhelos in ihm war, wenn er sich nach etwas Unbestimmtein gesehnt hatte, war er wiedergekommen. Aber das Leben war immer härter und schroffer an ihn herangetreten, und die Sehnsucht nach Neuem und Großem, die Sehnsucht nach unerreichten Zielen hatte ihn das kleine Hans in der Vorstadt vergessen lassen. Noch ein-, zweimal war er dort gewesen, wenn ihm Annedore selbst geschrieben hatte. Dann hatte er sich plöhlich eingebildet, er hätte lange, lange nach Etwas gesucht— und Das sei es gewesen. Dann aber war er ganz ausgeblieben. Auf einen letzten Brief hatte Annedore keine Antwort erhallen und hatte angenommen, daß er fortgczogen sei und sie nun vergessen habe, und daß er nie mehr wiederkommen werde. So hatte sie angenoinmen, und weil es nun einmal so war, daß ihr Leben keinen Sinn hatte ohne ihn, so hatte sie still ihr Leben abgeschlossen in Einsamkeit und an das gc- dacht, was einmal war. Und diese Erinnernng an eine cutschwnndene Vergangenheit sollte ihr die ganze Znknnft ersetzen.— ** * Aber in den letzten Tagen mußte ihn Annedore gesehen haben, denn es kam ein Schreiben von ihr, in welchem sie ihn bat, er möchte ihr die wenigen Briefe zurückgeben, die er noch von ihr besitze: wenn er sie je noch aufbewahrt habe. Und sie werde selbst kommen, sie zu holen— denn»och ein einziges Mal möchte sie ihn sehen. Sie hoffe, daß er diesen ihren letzten Wunsch nicht übel deuten werde. So schrieb sie und aus jedem ihrer Worte klang es wie stiller Dank. Er sann und sann. Es erschien ihm so seltsam, daß Anncdore noch Dank für ihn haben könne, und er fragte sich, wie er dies verdient habe. Und dann dachte er darüber nach, was er doch thun könne— irgend etwas, wodurch er diesen Dank wirklich vcr- dienen würde. Er empfand, daß es etwas geben iniisse, etwas Stilles, Große?, das eine Eutschädignng und doch ein Abschied sei: und das über die häßliche Art hinwegsetze, mit der er Annedore verlassen hatte. ** * In der Ecke am Kamin saß seine Frau in einem Schaukelstuhl und fror. Sie fragte sich im Stillen, wozu sie so demüthig hier sitze und warte: ans ein freundliches Wort, ans einen freundlichen Blick. Das war es, was ihrlo wundersam und räthsclhaft erschien. Eine gute Weile schon hatte sie eine Frage auf den Lippen und meinte doch, daß sie ihn nicht stören dürfe. Aber dann rnälte sie die Neugier. „Was thnst Du?" fragte sie halblaut. „Ich lese Vergangenheiten," gab er zur Antwort. „Da ist Eine, die war und nicht mehr ist. Eine, die lebt und doch lange, lange begraben ist." Und er dachte darüber nach, ob er sagen solle: „Wie schön Du bist, Anncdore! Wir haben uns lange nicht gesehen." Nein, das nicht. Vielleicht war sie krank gewesen und sah bleich und verkümmert ans. Aber auch sonst: hätte es nicht häßlich geklungen? Wäre es nicht wie ein .Hohn gewesen? Was galt ihre Schönheit nun- mehr ihm? Aber da pochte es schon; leise und schüchtern. Frau Helene rief„Herein!" und sah verwundert das Ntädchcn in schwarzem, schlichtem Kleide an. Albcrt blickte auf: ja, das war sie.„ZLie sonst, wie sonst!" dachte er, stand ans und reichte Anne- dore die Hand. „Ich habe Dich erwartet!" sagte er ruhig und freundlich. Und dann:„Tics ist meine Frau." Annedore zuckte eine wenig zusammen, als sie sich verbeugte, und wurde noch bleicher. Sie sah so schön ans, wie damals, als er sie liebte. Fast schöner noch, denn ihre Züge trugen die stille Glorie des Schmerzes.— Eine Zeit lang sprachen sie von gleichgültigen Dingen und Keines wagte es, die Vergangenheit zu berühren. Dann bat Annedore um ihre Briefe, und Albert zog ein blasses rosa Band um das Packet, das er ihr reichte. „Sich, Annedore," sagte er langsam dazu,„so ist das Leben. Es kommt und glüht und geht und verlischt." Und sein Gesicht hellte sich auf. Er faßte ihre Hand und zog sie zu sich und küßte sie. Dann sagte er zu Helene:„Ihr danke ich drei Jahre Glück." Annedore nickte und lächelte. Ihr Lächeln war wie eine innige, tiefe Versöhnung und leise, ganz leise sprach sie:„Denke stcls gut von mir, wenn Du an mich denkst." Dann ging sie.——— Es ivar lange still im Geniach. Dann wandte sich Albcrt zu seiner Frau. Er beugte sich zu ihr nieder und sprach:„Das Leben kommt und glüht. Das Leben geht und verlischt." Wanderungen durch Zeit und Raum. Von Th. Vverbeckr. VIl. Die Planeten Merkur und Benus. flvei Welten giebt es, welche der Sonne näher stehen als unsere Erde, der Planet Merkur, � dessen Masse nur'/,> der Erinnasse beträgt, und die der Erde hinsichtlich Größe und Dichtigkeit nahezu gleichende Venns; erstcrcr vollendet seinen Umlauf um die Sonne in etwa 83, letztere in 225 Tagen. Sehr gering sind nun unsere Kenntnisse über die physikalischen Verhältnisse des sonnennahen Merkur, denn der kleine Ball mit einem Durchmesser von nur l>71 Meilen entfernt sich nie weil von der Sonne, deren strahlender Glanz der Beobachtung äußerst hinderlich ist. Ntit Bestimmtheit wissen wir nur, daß die Sonncnscheibc vom Merkur ans ge- sehen 7 mal größer als von der Erde ans erscheint und daß infolge der großen Exzentrizität der Merkur- bahn außerordentliche Licht- und Wärmeschwankungen ans ihm zu erwarten sind. Zur Zeit der Sonnenferne erhält der Merkur 5 mal mehr Licht und Wärme, bei seiner größten Annäherung von 6', Millionen Meilen dagegen das Elffache des der Erde Ge- spendeten. Bis in die neueste Zeit war man sogar hin- sichtlich der Notation des Merkur, welche man auf 24 Stunden 5 Miimten angab, im Jrrthum, und erst Schiaparelli in Mailand wies vor einigen Jahren nach, daß dieser Nachbar der Sonne gar keine eigcnt- liche Umdrehung besitze, sondern, analog dem Monde, dem Zentralkörper, in diesem Falle der Sonne, stets dieselbe Seite zukehre. Ob der Bterkur nun eine Lufthülle und Wasser besitzt, ist bis jetzt nicht mit Sicherheit nach- zuweisen gewesen; neuere Beobachtungen machen sogar wahrscheinlich, daß, genau wie bei unserem Btonde, diese Stoffe schon von der Oberfläche auf Niininerwiederkehr verschwunden sind. Sollte dieses jedoch nicht der Fall sein und sollte der Merkur noch eine Lufthülle und Wasser besitzen, so würden die meisten der wunderbaren Zustände, welche auf der uns benachbarten Venns mit nahezu absoluter Sicherheit vorauszusetzen sind, auch auf dem Nierknr vorauszusetzen sein, wenn auch infolge der erheb- lichcn Exzentrizität der Mcrknrbahil mit gewaltig schwankender Intensität. Abgesehen nun von der Größe herrscht überhaupt zwischen den beiden inneren Planeten, Merkur und Venus(man nennt sie innere, weil sie ihren Lauf um die Sonne innerhalb der Erdbahn vollenden), in mehrfacher Hinsicht eine große Aehnlichkeit. Beide leuchten in strahlendem Glänze, zeigen Phasen(Licht- gestalten) wie unser DNond und lassen Details ihrer Oberfläche nur äußerst selten erkennen. Bei dem fernen Merkur wäre letzteres nun durchaus nicht auffallend, aber daß auch die Venns, welche von allen Weltkörpern, mit Ausnahme unseres Atondcs, uns am nächsten kommt und zeitweilig sich uns bis auf 5'/r Millionen Meilen nähert, um sich dann allerdings auch wieder auf 86 Millionen Meilen su entfernen, so sparsam mit Enthüllungen ist, dürfte billig Wunder nehmen. Aber gerade ihr blendender Glanz, offenbar der Nester eines den ganzen Planeten umhüllendeii, dichten Wolkenmantels— man denke an das blendende Weiß irdischer von der Sonne beschienener Wolkenzüge, die Summe von Billionen mal Billionen winziger Spiegel- bilder der Sonne— erzengt auf den Wnndnngen der kleinen Wasserdampfbläschcn, ist das Hinderniß der Beobachtung. Der Erste, welcher Flecken auf derselben erblickte, war um 1670 Dominique Cassini, welcher darnach die Notation der Venus auf etwa 23 Stunden schätzte. Etwa 60 Jahre später(1726) erst wurden dieselben wieder gesehen, nnd zwar von dem röniischen Astro- »omen Bianchini, welcher mitten auf der Vennsscheibe sieben zum Theil zusammenhängende, dunkle Flecken erblickte, welche er wohl richtig für Meere hielt, die ihren Ort aber so wenig veränderten, daß darnach völlig abweichend von Cassini, die Rotation ans 24 Tage 8 Stunde» ermittelt ward. Jetzt nahm der jüngere Cassini die Beobach- tungen seines Vaters wieder ans und glaubte hieraus die Zeit der Umdrehung, in Uebeieinstiiniiinng mit seinem Vater, auf 23 Stunden 15 Minnten ab- leiten zu dürfen. Lange Jahre ward ernsthast über diesen Punkt gestritten, bis 1840—42, zu welcher Zeit de Vico den Streit entschied und zwar zu Gunsten Cassinis und behauptete, daß eine Vennsrotation 23 Stunden 21'/! Minute erfordere. Aber auch dieses war irrig, denn der scharf- blickende Schiaparelli wies in den letzten Jahren»ach, daß die Venusrotation ein volles Vennsjahr er- fordere, da der Weltkörper der Sonne stets dieselbe Seite zuwende. Allerdings versuchte Flammarion in Paris im Jahre 1895 die Ansicht Schiaparellis zu widerlegen nnd die Rotation auf 24 Stunden zu firircn, auch erklärte er, Schneezonen gleich denen des Mars gesehen zu haben, aber bis jetzt haben seine Beob- achtnngen keinerlei Bestätigung erfahren und stehen die hervorragendsten Astronomen, schon aus theo- retischen Gründen, wohl sämmtlich auf Seiten des großen Italieners* * Während dieser Artikel im Druck befindlich ist, gelangt die Nachricht in die Oestentlichkeit, daß die Frage nach der Notation der Venus definitiv und zwar zu Gunsten Schia- parellis entschieden ward, daß daher sämmtliche Schlußfolge- rungen unseres Artikels als wohlbegrüudet zu betrachten sind. Der Astronom Lowell in Flagstaff in Mexiko hat nach den genauesten Beobachtungen fortlaufend bis zum 6. Februar d. I., unterstiltzt durch kräftige Fernrohre und die außer- ordentlich reine Lust Mexikos, 227 Zeichnunien der Venus- oberfläche angefertigt, welche durch ihre Uebereinstiinmung beweisen, daß die Venns der Sonne stets die gleiche Seite zukehrt, daher die Flecken gegen den Vennsrand nur lang- sam sich verschieben, entsprechend der veränderten Richtung zur Erde infoige der Vahnbeweguug der Erde und Venns. Diese wohl kaum noch zweifelhafte Heuiniiing der doch ursprünglich vorhandenen Ziotation der Venus und des Merkur ist nun sicher, wie beim Monde, ebenfalls auf Flnthwellen, aber vou der Sonne er- zeuiste, zurückzuführen, und zivar wohl auf die Zeit, zu ivelcher der Souuenball noch eine geivaltige Aus- dehnniig besaß und daher den beiden kleinen Welten äußerst nahe war. Bekanntlich haben die Funde der versteinerten Reste von Pflanzen heißer Zonen in Spitzbergen den Rachiveis geliefert, daß noch zur Tertiärzeit der Erde der Sonnenball nahe bis zur Merkursbahn sich erstreckte(vgl.„Die Erdpole und das Leben," Neue Welt 189(3). Diese wohl unzweifelhaft als begründet zu be- trachtende Annahme, daß die Venus stets dieselbe Seite der Sonne zuwende, ist nun von außerordent- licher Bedeutung für die Erforschung der nieteoro- logischen und physikalischen Verhältnisse dieses Welt- körpers, da sie, natürlich unter der Voraus- setzung der Richtigkeit der Beobachtungen des scharfsinnigen Schiaparelli, mit ab- solnter Sicherheit eine ganze Reihe von Schlüssen erlaubt, die zu nahezu staunenswertheil Ergebnissen führen und die Venus als eine wunderbare, märchen- hafte Welt erscheinen lassen. Ilnzwcifclhaft sehen wir, trotz mancher Unter- schiede, in der Venus einen Weltkörper vor uns, welcher in mehrfacher Hinsicht der Erde ähnelt, auf dem Luft und Wasser vorhanden, worüb.r alle Astronomen einer Ansicht sind, und der, wie bereits erwähnt, von einem von der Sonne grell beleuchteten, dichten Wolkenmantelumhülltwird. Ein derartiger dicht r Wolken- schleier, wie ihn die Erde in solcher Ausdehnung nicht besitzt, höchstens könnte der Wolkengürtcl der tro- pischen Regenzeit einen Vergleich aushalten, ivcist aber wiederum auf großen Wasserrcichthum, also ausgedehnte Ozeane, und ferner auf wenigstens stellenweise große Wärme hin, welche riesige Wassermassen in Dämpfe verwandelt. Höchst eigenartig, völlig ab- weichend von unseren, sprüchwört- lich'„veränderlichen" irdischen, müssen sich nun infolge der Stel- lnng der Venus zur Sonne die meteorologischen Verhältnisse gc- stalten. Auf der der Sonne stets zu- gewandten Hemisphäre ist eine Stacht unbekannt. Scheinbar fest angeheftet am Firmament strahlt die Sonne, etwa doppelt so groß wie auf der Erde, meistens allerdings, mit Ausnahme desjenigen Ge- bictes, welches sie beständig im Zenith hat, nur durch eine grellhclle Stelle des düsteren Wolkenhimmels angedeutet. Der Mittelpunkt der beleuchteten Hemisphäre hat die Sonne unverrückbar im Zenith, die Raudpartien haben sie ini Horizont, auf der stets»nbelenchtcten Seite folgt anfäng- lich ringförmig eine Dämincrungszone, dann ein kreisförmiges Gebiet ewiger Nacht.(Siehe Abbildung l.) Die fortwährend im Zenith des Btittel- Punktes der Tagseite verbleibende Sonne er- zeugt dort eine Temperaturhöhe der Luft, wie sie auf der Erde, ivenigstens infolge der Besonnung, unbekannt ist. Die Getvässcr und Meere jener Gebiete, dem Siedepunkt nahe, vielleicht ihn erreichend, entwickeln mächtige Wasserdampfmassc», eine mit Salzen stark gesättigte Soole zurücklassend, letzteres, tveil sich an diesem Punkte sämmtliche im Wasser löblichen und vom Wasser er- reichbaren Verbindungen anhänfen werden. Wahrscheinlich befindet sich daher in dieser Region, in der llmgcbnng des Glnthpolcs, ein Kontinent oder doch eine große Insel von Salzen, erzeugt durch die, unendliche Zeiträume dauernde. Heran- schassmig und Anescheidung von Salz, eine Salz- inscl, an welche ein siedendes Meer, konzentrisch von immerwährendem Orkane gepeitscht, brandet. Die hochgradig erhitzte, mit Wasserdämpfen be- 1, 2, 3 Richtung der Sonnenstrahlen. 5S ,» u«: r, t. i, vi* - Abbildung i. Die Zonen und Lustströmungen der Venus. (Die Pfeile geben die Richtung der Lustströme an.) ladcnc Luft steigt hier, von einem Orkane nach- drängender kälterer dnft verdrängt, in einem be- ständigen, rasenden Wirbel empor zu den oberen Avlulomu 2. Londensirmig der Wasserdampfs am Gluthpol der Venus, (Hohlzyliiider, innen von der Sonne beleuchtet, mit von demselben allseitig enteilenden, dem Kältepol zustrebenden Wollenzüge», nach allen Siichiungen Blitze entsendend,) Regionen der Lufthülle, hier durch Kühlung und Verdichtung der mit eniporgehobenen Wasserdämpfe den mächiigcn Wolkenmantel erzengend, anfänglich einen ringförmige», innen von der Sonne grell be- Abbildung 3. Ideales Vegetationsbild der heißen Zone der Venus. lenchieten Schlot eniporwirbelndcr, ans scheinbarem Nichts entstehender, sich kräuselnder Wolken bildend. (Siehe Abbildung l'.) Allseitig von diesem Glnthschacht ausstrahlend, enteilen die gepreßten Liiftmassen, sich fortlvährend abkühlend und, da sie allmälig Platz getvinnen, langsamer strömend und sich über größere Gebiete ausdehnend, den Randregione», darauf der Nacht- seite und dann mit sich steigernder Geschwindigkeit dem Nachtpolc zu, bei welchem sie erkaltet tvieder zur Oberfläche der Venus hinabsteige». Auch dieses Hinabsteigen muß mit sehr beben-, tendcr Geschwindigkeit erfolgen, denn die von allen Seiten dem Nachtpole(Kältepole) zueilenden Luft- massen können diese mit der Annäherung zum Pole sich fortlvährend steigernde Kompression nur durch eine erhöhte Strömungsgeschwindigkeit überlvindcn. Beide Pole, der Wärme- und Tagpol sowohl wie der Kälte- und Nachtpol, sind daher Gebiete immerwährender Orkane, an dem ersten steigen wie in einem Schachte die Lnftmassen erhitzt empor, am anderen stürzen sie erkaltet wieder zur Oberfläche des Wcltkörpers hinab, von diesem Pnnlte ans dann tvieder der Tagseite und dem Gluthpole zueilend. Der ganze Venusball ist demnach von zwei Lnfthohlkngcln umhüllt, deren Strömungen ewig eine genau entgegengesetzte Richtung verfolgen, denn in der der Oberfläche direkt auflagernden, tvolken- losen strömt die Lnft beständig zum Wärmepol, während die niit dichten Wolkenmassen erfüllte, dem Welträume nähere Hohlkngel ihre Luft- und Wolken- massen in gerade entgegengesetzter Richtung zum Kälte- und Nachtpole entsendet. Man glaube nicht, daß diese Schilderungen ctlva phantastisch sind. Würde die Erdrotation einmal gehemmt und die Erde gegen die Sonne fstirt, gleich der Venus, so lvürdcu sofort, dieses tvird kein Physiker bestreiten, auf der Erde genau die gleichen Ber- Hältnisse unabweislich sich ein- stellen. Einen erhabenen Anblick, dem nichts Aehnlichcs auf der Erde an die Seite zu setzen, müssen die am Gluthpol in den höchsten Regionen der Atmosphäre ununterbrochen stattfindenden Ver- dichtnnge» von Wasserdampf(siehe Abbildung 2), die Wolkenneu- bildungen, verbunden mit immer- währenden, mächtigen elektrischen Entladungen darbieten, Gewitter und andere elek- Irische Erscheinungen treten auf der Venns überhaupt unzivcifel- Haft mit einer Gewalt ans, von der uns wohl kaum die mächtigsten elektrischen Entladungen der Tropcnrcgionen der Erde ein schivaches Abbild vorführen. Bedenkt man, daß dauernd eine unverändert beleuchtete, erhitzte, und eine beständig dunkle und kühle Halbkugel vorhanden sind, daß ununterbrochen zwei verschiedene Lufthüllen, eine heiße, mit Wasser- dampf beladcne, und eine kühle, trockene sich berühren und dazu noch in entgegengesetzter Richtung sich betvegen, daß fortlvährend riesige Wassermassen verdampfen und bald darauf kondcnsirt als tvolkenbruchartige Regen tvieder venusablvärts stürzen, daß die oberen, heißen Lüfte sich zwischen dem eisigen Welträume und der kühlen Oberflächcnluft befinden, so kann man mit vollem Fug und Recht die ganze Venus als eine gigantische galvanische resp. elektrische Batterie bezeichnen. Es ist daher auch durchaus nicht unwahr- scheinlich, daß die ewige Nacht der dunllen Hemisphäre durch beständige elektrische Leucht- Prozesse, ähnlich unserem Nord- und Süd- licht oder dem St. Elmsfeuer, und durch leuchtende Wolken, welche auch auf der Erde sich, wenn auch selten, zeigen, ge- »lildert wird. Auf derartige Lichtentivickelung deutet direkt die häufig zu machende Beobachtmig hin. daß die dunkle Seite der Venns, ivährend ein Thcil der beleuchteten Hälfte als Sichel erscheint, im Fernrohr ebenfalls deutlich sichtbar ist und einen aschgrauen Schimmer ausstrahlt, ähnlich der dunkeln Seite unseres, von der Erde'durch reflcktirtes x'SO Aie Neu? Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Sonnenlicht erhellten Mondes znr Zeit seiner Sichelgestalt. Ein refleklircndcr Wcltkörpcr, ein Mond, fehlt ober der Leuns und kann deniiiach der Lichtschimmer mir eigenes Licht und elektrischer Ratnr sein. Ans nllen diesen von den irdischen völlig ab- weichenden Lerhällnifsen ergeben sich nun noch eine Reihe höchst absonderlicher Anstände, welche fiir uns Erdcnbewohner nahezu unfaßbar sind. Die Lennsbewohner, vorausgesetzt natürlich, daß vernunftbegabte Wesen ans der Leuns vorhanden sind, kennen nicht den Wechsel von Tag und Nacht, keine Jahreszeilen, überhaupt keine Zeitrechnnng, denn nur ein kanin incrlbares An-»nd Abschwellen der nieteorologischen Prozesse, sowie der Lebens- thätigkcit der organischen Welt, entsprechend der Sonnennähe und Sonnenferne, bezeichnet ein Jahr. Ein Sternenhimmel ist, vielleicht mit Ausnahme des Kältepoles und sehr hochliegender Gebirgsländcr, unbekannt, da der den Lennsball umhüllende dichte Wolkeiiinantel die Lichtpunkte des Weltraumes verdeckt. Aber auch den wenigen Punkten, welchen ein Blick in den Weltraum vergönnt ist, zeigt sich ein fast unbeweglicher Sternenhimmel. Langsam ziehen die Gestirne vorüber, erst»ach einem vollen Bennsjahr ihren Ausgangspunkt wieder erreichend. Uhren und eine Zeitrechnung würden also für die Leimsbewohner»»bekannte Dinge sein, eine Geschichtswissenschaft hätte dort mit ans der Erde völlig unbekannten Schwierigkeiten zu kämpfen. Wie bereits mehrfach erwähnt, befindet sich die Sonne beständig im Zenith des Licht-»nd Wärme- Poles, dort ist also eine kreisförmige Glnthzone, • welche wegen der Höhe ihrer Temperatur für eine Welt lebender Geschöpfe nicht geeignet sein dürfte. Ringförmig umspannt diese eine heiße Zone, welche, wenn es erlaubt ist, irdische Verhältnisse als Maßstab zu vcrwerthen, von einer äußerst üppigen Begetalion bedeckt sein muß. Schnell wcrdew, da der irdischen ähnliche nächtliche Rnhcpansen, sowie Winter- liche Ilnterbrechnngen fehlen, die Gewächse Höhe- Punkt und Reife erreichen, aber dementsprechend auch schnell wieder zerfallen und absterben. Die große Feuchtigkeit, Wärme und das durch den dichten Wolkcnschleicr gebrochene Licht machen aber nnr die Existenz einer Welt niederer Pflanzen wahrscheinlich, erzeugte doch auch der nimnterbrochene Tag unserer Pole zur Tertiärzeit, welcher ähnliche Lebeiisbedingnngcn bot wie die heutige Veimsober- fläche, ursprünglich ebenfalls vorzu,>s>vcise blüihenlose Pflanzen, üppige Farren und verwandte Gewächse. Ans diese erwähnte heiße Zone folgt, ebenfalls ringförmig, eine kühlere', gemäßigte Zone, welche die Sonne beständig am Horizont oder doch in dessen Nähe hat, mit einer weniger üppigen Pflanzen- weit, entsprechend der geringeren Wärme. Auf der nur durch Lichtbrechung oder garnicht beleuchteten Hemisphäre folgt dann ein Gebiet niit der Annäherung zum Kältepole immer dunkler werdender Dämmerung, welche schließlich in völlige, nnr durch elektrische Lenchtprozesse gemilderte Stacht übergeht. Einiger Verhältnisse müssen wir nun noch ge- denken, welche der Pflanzenwelt ein ganz eigen- artiges Gepräge aufdrücken innssen. Erstens der beständig in annähernd imvcränder- sicher Richtung sich bewegenden Luft- und Wasser- ströme, dann der Finrnng der Licht- und Wärme- quelle, welche das Wachsthnm der Pflanzen nur in ganz bestimmter Richtung ermöglichen. Ein an eine Btärcheiiwelt gemahnendes wunderbares Bild wird daher die Vegetation bieten, dem nichts Irdisches zu vergleichen. Die Pflanzen werden unabivcislich sämmtlich nach einer Richtung wachsen, in der Dämmcrungs- und gemäßigten Zone kriechen, in der heißen dagegen das märchenhafte Bild allgemeiner, gleichmäßiger Schrägslellung, entsprechend dem Lichtreiz und der � Windrichtung, darbieten. Die beigefügte Jdeallandschaft, der wir der Wahrscheinlichkeit entsprechend und da wir nichts Näheres wissen können, eine Flora geben, ähnelnd unserer Krpptogamenwelt, etwa der Steinkohlenzeit der Erde, zeigt das Frappirende dieser allgemeinen Schrägstellung, eines Sonneulultns der Pflanzenwelt. (Siehe Abbildung tl.) Diese Schrägstcllung wird auch ans der Nacht- Hälfte vorhanden sein, falls diese Leben beherbergt, was wohl wahrscheinlich, da Lebensbedingungen, d. h. Wärme und Wasser, vorhanden, hier natürlich lediglich als Folge der ewig gleichen Richtung der Winde»nd Gewässer. Stellen wir nun schließlich die Frage, ob eS wahrscheinlich ist, daß die Venns gleich der Erde intelligente Bewohner beherbergt, so muß darauf erwidert werden, daß, nach irdischen Analogien zu »rthcilen, die ganzen Verhältnisse der Venns einer höheren geistigen Entwickelung nicht gerade günstig sind.— Das ewige Einerlei der meteorologischen Per- Hältnisse, der Mangel eines freien Sternenhimmels, welcher beständig durch eine» düsteren Wolkenschleier ersetzt ist, der Mangel von Zeitunterschieden, die Leichtigkeit der Erlangung der Nahrung bei der vorauszusetzenden üppigen Vegetation, alles dieses sind Faktoren, welche keinerlei Anlaß zu cinein geistigen Emporschwingen geben dürften. Ans Allem erhellt»im, daß die Venns that- sächlich den Namen einer Märchenwelt verdient, deren Verhältnisse, trotz vielfacher liebcreinstimminig mit denen der Erde, unendlich abweichen von allein uns Bekannten. Pia» übersehe dazu nicht, daß alle unsere heutigen Erörtcrinigen nicht etwa Phantasiegcinälde sind, sondern auf höchst einfachen Schlüssen beruhen und unanfechtbar dastehen, falls nnr die Entdeckung Schiaparellis unerschiittert bleibt, woran allerdings kein Fachwann zweifelt. ___ 9 Aus lltin Papierkorb lier Zeit. Vorwitzig.(Zu unserem Bilde.)„Ah, endlich einiiial allein!" mag der Dreikäsehoch gedacht haben, als Mutter ein dringendes Geschäft vom Herde abgerufen hatte. Nun aber rasch die Gelegenheit benutzt und zugeschaut, wie weit der schöne Brei schon ist. Der grobe Holzschemel wird herbeigeschleppt, einige Angenblicle mühselige» Hängens und Würgens, und man steht oben, hoch oben, als Be- Herrscherin der Situation. Keck greifen die beiden dicken Händchen der kleinen Neugierde nach den, laugen Stiel des Kasserolls und ziehen es vom warmeu Herde weg, dicht unter die kleine Stumpfnase, die, vorausgeniestend, begierig de» süße» Tust des weißen Breis einsaugt. Aber eil Es ist doch schwerer zu halte» ans die Dauer, als sich die kleine Köchin eingebildet hatte. Das glänzende Kasserolle fängt an zu wackeln, die Aermchen an zu zittern— und da! ein erster Schwaps und ein Thcil der köstlichen Speise sl>eßt bereits über den metallenen Rand zu Boden, lind die Arbeit der kleine» Fäuste wird immer schwieriger. Soll sie die Mutter rufen? Sie wird sie schelten. Soll sie es nicht? Dann wird es nicht mehr lange daner» und die ganze süßduftende Herrlichkeit liegt ans der Erde. Es ist ein böser, kritischer Augenblick für das kleine pausbäckige Mädel, und doch vielleicht ginz heilsam, sofern es für die Zukunft die Lehre daraus entnimmt, daß es nie gut ist, vor der Zeit in Dinge sein Näsche» hineinzustecken, von denen inair nun einmal noch nichts versteht.— Bater und Mutter zugleich.(Zu unserem Bilde.) Kaum stiehlt der erste bleiche Strahl des Mvrgenlichts sich durch die Ladenritzen hinein in die elende, armselige Kammer droben unterni Dach, da heißt es für ihn auch schon ausstehen, sich fertig machen zu des neuen Tages Last»nd Arbeit. Und doch, so schivcr, so mühselig sie ist, so karg der Lohn, den man ihm dafür zahlt, es ließe sich immer noch ertragen, hätte er daheim nicht sein arnies, krankes Kind, einsam, verlassen, ohne Mutter, ohne Pflege. Er selber hat den Tag über nicht Zeit, nach ihm zn sehe», nach seinen kleinen Wünschen, Beschwerden sich zu erkundigen; dafür ist die Baustelle ja zu weit entfernt, die Mittags- pause viel zu knapp bemessen. Und eine Wärterin oder sonst einen Menschen sich zu halten, das mögen Tie thu», die es darnach haben; sein Geld giel't es nicht her. So muß er sich darauf beschränken, des Abends, wenn er todtmüde heimgekehrt, und des Morgens, wenn er zu neuer Arbeit auszieht, sich um sei» Kind zu kümmern. Aber dann scheint er auch seine Fürsorge, seine Liebe zu verdoppeln. Zärtlich ivie eine Mutter nimmt er sein armes, bleiches Mädel auf den Schooß, und, indem er mit starkem Arm de» schwachen Rücken stützt, führt seine Rechte Löffel für Lössel von der warmen Suppe den sehnsüchtig ge- öffneten Lippen seines Kindes zn. Was würde er nicht darum geben, wenn er ihm eine kräftigere Nahrung biete», wenn er es besser hegen und pflege» könnte! Allein es geht nicht. Heute wenigstens vermag ein Vater, wie er, wenn er auch von früh Morgens bis zum späten Abend seine Hände rührt, auch dem theucrsten seiner Kinder nicht mehr zu biete». Ob es immer so bleiben lvird, so bleibe» muß?— Für den, der stets das Seine thut, der menschlichen Ge- rechtigkeit zum Siege zu verhelfen, gcivißlich nicht. Und wenn so Alle denken. Alle handeln— wird, muß die Gerechtigkeit auch endlich siegen. Gedankrnsplitkrr.<&%- Das Blut(der verfolgten Volks- und Vaterlands- srennde) wird gefordert werden von den Händen der Rathgeber und Cchristslcller, die, in die Anbetung der willkürlichen Macht vertieft, die Fürsten durch Phautas- magorie» ängstigen und dadurch von einem falsche» Schritt zum anderen treiben, die ihren Diensteifer da- durch zeigen, daß sie Harz und Schivcfel in die Glnthen trage». So lange der Fürst sich ein Edelmann denkt(heute sagen wir lieber: dünkt), und leider ist das Überall vcr- fassungsmäßig, ist im Staate kein Civismus(echte Bnrger- lichkeit) möglich; und ohne diesen ist der Staatskörpcr ohne Seele. Ans mühselig belndencn Tagelöhnern der Industrie wolle» wir Alle zn schöne», starken Menschen lverden. denen die Welt gehört, als ein ewig unversiegbarer Quell lchchstcn künstlerischen Genusses. Richard Wagner. Eine sehr zahlreiche stehende Armee ist ein Borlvand zn übermäßilen Auflagen, ein Mittel, den Staat zu ent- kräften, ein Werkzeug, die Bürger zn Sklaven zu machen. Montesquieu. Was den ränkevollsten demagogischen Umtriebe»(kill») unten»immer gelungen iväre, das friedliche und gemäßigte deutsche Volk in allen seinen Elementen und Tiefen ans- zuregen und zn erbittern, das haben Tie, so von oben die Sache bei dem langen Arme des Hebels angegriffen, glücklich zu Staude gebracht. Görrcs. S ch u i h e c.— Das Staatsschiff herbergt seine Ratten, Die werden fett und Habens gut. Wird leck das Schiff auf Fels und Wattcu, Dan» erst vergeht die böse Brut. Wer auch nur Einen knechtet, Ter sei von Allen geächtet. Daß ucau den Geist je könne beschränken, Das können nur Beschränkte denlcii. Das Recht ist zu belachen, Das mau nie kann geltend machen. Ter Ahnen Verdienst wird oft zur Krücke, Woran der Enkel humpelt zum Glücke— Das von hat Vieles zu Wege gebracht, Doch keine» Schiller und Goethe gemacht. Der Geist läßt sich nicht recken und strecken Und beliebig in Uuisormen stecken. Der Arbeit ist es vorbehalten, Uns eine bessere Welt z» gestalten. Worte ohne Thatcu Sind bleierne Soldaten. Wohl haben große Bösewichter Auch großen Hcrrschcrverstand, Doch waschen sie mit der Wellgeschichte Nie rein die schmutzige Hand. Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion bestillimten Sendungen wolle man an Herr» G. Macasy, Leipzig, Oststraße l t, richten. Ver.mlworlltcher Redalteur: Uiustav Macasy ln Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdruckcrcl und VcrlagSanstalt Auer lk Co. in Hamburg.— Druck: Mar Babing in Berlin