Nr. 38 �ttxiflzivie 3 liiicrUallxnic�btn 1 aqre» 1897 «sß Mörder Hob. Von Ernst Kreowski. Habt Ihr den Tod gesehn, den Rnochengreis? Sein Zlatterbart ist flächsern, weich und weiß. In seiner Hand die Sanduhr rinnt und rinnt; In seinem Aug' die �lordgier brennt und sinnt. Aus Rache, daß er selbst nicht sterben kann, Källt wie ein Wolf er jedes Leben an. Wem er das Herz berührt mit frost'gem Hauch, Dem offenbart er bald sich selber auch. Rald hier, bald dort, zugleich an jedem Vrt, Beschreibt er grinsend seine Spur mit Nord. Nit jedem Sensenhieb der Knochenhand streckt er zehntausend Leben in den Sand... And doch! Tb er uns Tag und Rächt umdroht:— Das Leben ist doch stärker als der Tod! .Es sproßt an ihm hervor millionenfach And dröhnt ihm den Triumph des Siegers nach! Auf der Walze. A»S den Papieren eines Fechtbruders. Von F. Riebeck. - sFortsetzung., 'ikrt hatte auch eine eigene Herzcusgeschichte zu erzählen, und er vergoß dabei abermals Thräneu. Mit wehklagender Stimme be- richtete er, daß er ans Thorheit die Liebesantrnge eines hübschen Mädchens nicht erhört habe. Dieses Mädchen, die Tochter eines Gastivirthcs in der Nähe von Hamburg, wäre eine großartige Partie gewesen; sie hätte die' Gastlvirthschaft geerbt, und er könnte nun ein reicher Gastwirth sein. Statt dessen müsse er sich nun von einem Grobian„knranzen" lassen. „Nein, daß ich so ein Esel sein konnte!— so ein Esel, so ein Esel!" rief er kläglich, und die salzige Feuchte lief ihm dabei über die Wangen. Aber er tröstete sich rasch mit dem Bemerken, daß er schon irgendwo noch eine Gastlvirthschaft finden werde, in die er hinein hetrathen könne. Tie Tischlerei ivolle er aufgeben; Gastlvirth werden, sei heutzutage das Vernünftigste; man verdiene sein Geld und brauche sich nicht zu plagen.„Wenn Sie etwa eine solche Gelegenheit finden sollten, Ivo ich hinein Heirathen kann, so sind Sie so gut und schreiben Sie mir," bat er mich. Albert hatie keine Ursache, die Tischlerei aufzn- geben. Er besaß für das Handwerk ein ausgezeichnetes Geschick. Ich fand Gelegenheit, ihn zu bewundern und mir voll Beschämung zu sagen, daß er mir an Kenntnissen und Fertigkeiten weit überlegen war. Aber er gehörte in eine andere Werkstatt— in eine solche, in der es weniger darauf ankam, eine Arbeit in möglichst kurzer Zeit fertigzustellen, als viel- mehr darauf, ein in jeder Beziehung tadelloses und dauerhaftes Werk zu liefern. Albert war ein so- genannter Tiftler. An Arbeiten, die ich mit der beherzten Manier eines Zimmermanns in wenigen Minute» erledigte,„murkste" und„mndelte" er mit seinen zarten Fingern oft eine ganze Stunde laug. Dabei befleißigte er sich der allerpeinlichsten Genanig- kcit, nnd was er schuf, verdiente uneingeschränktes Lob. Unserem Meister war jedoch mit solcher Künstler- schaft nicht gedient; er hatte zwar Sinn für Fein- beiteil und„Akkuratesse", allein erst dann, wenn die Arbeit fertig war und seine tadelnde Kritik begann; bis dahin aber lautete fein Wahlspruch:„Nur schnell fertig!" Albert konnte sich diesem Wahlspruch nicht fügen; seine Natur lehnte sich dagegen ans. Beim besten Willen wäre er nicht im Stande gewesen, sich eine dem Btcister wohlgefällige Arbeitsiveise anzugewöhnen, und so bildete sich zlvischen beiden Seelen ein Zwie- spalt, aus dem heraus tagtäglich die schlimmsten Konflikte erwuchsen. Der Meister wollte seine Er- ziehnngskunst an Albert erproben, und, seinem Wesen entsprechend, hielt er kräftiges Schimpfen für das beste Zuchtmittel. Er tadelte und schimpfte, so lange er in der Werkstatt weilte, und wenn er von einem Ausgange zurückkehrte, sehte er seine Methode fort, indem er in gröblicher Art behauptete, während seiner Abwesenheit sei gefanllenzt worden. Nun besaß Albert die verhängnißvolle Eigenschaft, daß er dem Ateistcr regelmäßig widersprach und sich gegen alle Vorwürfe vcrtheidigte. Das konnte unser Despot nicht per- tragen; jeder Widerspruch reizte ihn, wie den Stier das rothe Tuch, und mindesteus einmal täglich ge- schal) es, daß er wie ein sinnloser Stier zu rasen begann. So ging es fünf Tage hindurch; dann kam es zur entscheidenden Katastrophe. „Mudcln Sie nicht so! Sie tändeln ja wie'n kleenes Kind niit'in Pfroppeu!" rief der Meister meinem Kollege» zu. „Schneller kann ich doch nicht!" bethcuerte dieser halblaut, rührte aber dieser Versicherung zum Trotz seine Hände mit verdoppelter Schnelligkeit. „Geben Sie mir nicht immer Widerpart!" „Ich Hab doch weiter nichts gesagt!" „Mensch, Sie sollen das Maul halten!" „Ich sage ja nichts! Man wird doch wohl..." „Das Atanl sollen Sie halten, oder das Donner- Wetter holt Sie!" Albert vermochte nicht zu schweigen. In seiner Natur lag keine Spur von trotzigem Eigeiisinn; er wollte den Wütherich weder kränken, noch reizen; er lebte in Angst und Deniuth, und dennoch brachte er es nicht fertig, dein Befehl des Schweigens Folge zu geben. Wohl schnürte ihm die Angst die Kehle zu, so daß er kein deutliches Wort mehr hervor- brachte, allein er konnte sich nicht enthalten, weiiigstens ei» paar grunzende Ganmentöue von sich zu geben. Ich zitterte um sein Leben, und wirklich stürzte der Meister wie ein fauchender Tiger auf ihn los... „Einen Laut noch, und ich erwürge Sie!" Der Laut erfolgte natürlich, denn mäuschenstill zu sein, war für Albert in solchen Augenblicken ein Ding der Unmöglichkeit— und so geschah auch das Schreckliche, das ich voraus geahnt hatte. Der Nteister, vollständig zur Bestie geworden, hatte seine plumpen Tatzen um das dünne Hälschen des harmlosen Gesellen gelegt, und in gräßlichem Tone verkündete er, daß er ihn erdrosseln werde. Das Gesichtchen Alberts färbte sich dunkelrvth, die Augen quollen schauerlich aus ihren Höhlen, und die mächtige Oberlippe zog sich so hoch, daß sie nun in Wirklichkeit bis an die Nasenspitze hinanfreichte. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Mit dieser Gcsichtsverzcrrung sah er aus, wie der Delphin am Springbrunnen. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm Hülfe zu 298 Die Aeue Welt. Illustrirte UnterhaltunzZbeilage. lcisten; doch während ich noch überlebte, ob ich mit den Händen angreifen, oder mit einem Stück Holz dreinschlagen sollte, sah ich, wie Alberts rcchie Hand einen Stcchbentel erfaßt hatte und ihn nach dem Arnie des Meisters richtete. Schon hatte das scharfe Eisen die Haut berührt, schon rann ein schmaler Blntstreif über das Handgelenk, als der Meister, die Gefahr erkennend, den Gesellen losließ und feig zurückprallte. „Mörder! Sozialdemokrat!" schrie er und riß die Thür auf, um vor dem Stechbeutel entfliehen zu können. Albert legte die LLaffe nieder, strich sich einige Btal mit den Händen den Hals und begann zitternd zu arbeiten. „Sozialdemokrat!" wiederholte laut schreiend der Meifler;' er trat hinaus auf den Flur und machte lärmend das ganze Haus mobil. Den Hausbewohnern, die erschrocken und be- stürzt herbeikamen, zeigte er seinen blutenden Arm und log ihnen unverschämt vor, ein Sozialdemokrat habe ihn ermorden wollen. Wohl ein Dutzend Menschen, zumeist Weiber, versainmelten sich auf dem Flur, und da meine Hobel- bank der Thür gegenüber stand, konnte ich sehen, ivie sie unter Angst und Beten die Hände rangen und nur von Weitem einen Blick in die Werkstatt zu senden wagten. Der Meister berichtete ihnen in größter Erregung, daß er gleichsam durch ei» Wunder dem schrecklichen Tode entronnen sei. Er habe die Sozialdemokraten stets für gefährliche Kanaillen ge- halten; doch daß sie Mörder seien, habe er erst jetzt erfahren. Der böse Geist müsse ihn mit Blindheit geschlagen haben, als er den Kerl aus der Herberge holte; auf den ersten Blick schon hätte er an dem rothen Shlips und an der Galgenvisage erkennen müssen, daß er es mit einem rothen Teufel zu thun habe. Die Weiber falteten die Hände; sie litten Todes- angst und zogen sich von der Thür zurück in den finsteren Hintergrund des Flurs. Dort befand sich der Zugang zu der Kammer einer Wittwe, und in jene Kammer konnten sie ihr kostbares Leben bergen, wenn es etwa dem rothen Teufel aufs Neue einfiele, seinen Stechbeutel in braves Christenblut zu tauchen. „Gehen wir zusammen in die Fremde!" sprach ich zu Albert. Er gab auf diesen Vorschlag keinen Bescheid, sondern bethenerte mit Flüsterworten, daß er nichts dafür könne; er habe nur verhüten wollen, daß der •Meister ihn erwürge. Während er so sprach, arbeitete er mit einer Hast, als wollte er in einer einzigen Minute die Faulheitsünden seines ganzen Lebens tilgen; auch weinte er verstohlen, wie ein Kind, das Schläge bekommen hat und dem das Weinen bei Strafe verboten ist. Auf einmal brach draußen der Lärm mit er- ncnerter Heftigkeit los. Der im Erdgeschoß wohnende Kirchendiener erschien auf der Bildflächc. „Wo ist der Sozialdemokrater? Was hat er denn gemacht?" hörte ich ihn fragen. Die Weiber umringten ihn, raunten ihm die schauerlichsten Blntmärchen zu und beschlvoren ihn, alle drei Polizeisergcanten zu holen; ihre Worte lvurden übertönt von der Baßstimme des Bteisters, der dem Kirchendiener meldete:„Er wollte nicht Ordre parircn, und als ich ihm ein Wort sagte, nimmt der Halunke einfach den Stechbcutel und ivill ihn mir- in den Arm jagen. Wenn ich nicht flink gewesen wäre, läg ich jetzt als Krüppel in den Hobelspäne». Sehn Sie nur her: ich blute, wie ein Schwein!" „Das ist der Gedichtemacher, der Hund! Das Hab ich mir doch gleich gedacht, daß das ein Sozial- demokrat sein muß!" rief der Kirchendiener. „Nicht doch, der Andere— der Nene!" belehrte ihn der Meister.„Der Gedichtemacher ist noch zu dumm dazu." Ich wagte nicht zu entscheiden, ob diese letzten Worte eine Ehrenbezeugung oder eine Beleidigung für mich waren. Darum schivieg ich. „Den rothen Bruder müssen wir uns einmal genau ansehen!" sagte der Kirchendiener und wollte in die Werkstatt treten. Da sprangen jedoch zwei Weibsbilder— seine Frau und seine älteste Tochter— mit Angstgcschrci auf ihn zu und umklanimerteu ihn. „Jakob, Jakob, mei eenziger Jakob, thus nich! Er dermurkst Dich!" „Vatcle, Vatele, bleib da! Du hast ja im Kalender gelesen, ivie die Demolrater sein." „Laßt mich los, sag ich!" befahl der Kirchen- diener, ein hünenhafter, klotziger Mann.„Laßt mich los! Ich muß dem rothen Hunde auf den Pelz steigen!" Er schlenderte die Frauen beiseite und schritt langsam, ihn mit seinen Glotzaugen anstarrend, auf den in Fieberangst bebenden Jüngling zu. „Batel, Vatel, einzig geliebtes Batet, wenn Dir was geschieht!" „O Du geliebtes Herrgottel im Himmel, helft ihm, daß er nicht umgebracht wird!" Er stieß die beiden Weilspersoncn, die ihn aber- mals festhalten wollten, roh zurück, stürzte dann mit einem Sprunge fluchend auf Albert los, ergriff ihn und sprach die unheilverkündenden Worte:„Nun bist Du unter meinen Pfoten, nun will ich Dir's zeigen, wie ivirs mit Euch Sozialdemokratern machen! Komm nur, mein Brüderchen, komm!" Jetzt entwickelte sich ein Schauspiel voll bestiali- scher Grausamkeit. Die stierblöde Tugendboldigkcit feierte eine schauerliche Orgie. Zllbert flog zu Boden; der klobige Kirchendiener kniete ihm auf den Leib, hielt ihn mit der einen Hand fest und hieb mit der anderen, rohe Flüche ausstoßend, wüthend auf ihn los; der Meister bekam neuen Mnth und trat den Feind mit Füßen; die Weiber kamen herbei, spieen meinem schreienden und ächzenden Kameraden ins Gesicht und mißhandelten ihn gleichzeitig mit Händen und Füßen. Ich trat ebenfalls in Aktion, indem ich ein Richtscheit ergriff und auf den Kirchen- diener loshieb, in der festen Absicht, ihm alle Rippen und schlimmstenfalls auch den Schädel zu zerschlagen. Eine kalte Entschlossenheit war über mich gekommen — mochte nun geschehen, was wollte! Beim zlveiten oder dritten Schlage schnellte der Kirchendiener, brüllend vor Schmerz, empor. In diesem Augen- blicke fielen die Weiber mit entsetzlichem Gekreisch über mich her, und der Meister versetzte mir einen Stoß, daß ich niedertaumelte. Ich sprang auf und wieder griffen mich die Weiber an; sie kratzten mir das Gesicht wund und rauften mir ganze Büschel Haare aus, und obgleich ich wild und toll und rasend kämpfte und Schläge austheilte, an die manche meiner Gegnerinnen ihr Lebtag denken oder gedacht haben iverden, gelang es mir nicht, meinem unseligen Kameraden Hülfe zu spenden. � Plötzlich, in dem wahnwitzigsten Trubel, be- rührten freundliche Laute mein Ohr und ich sah, daß einige weibliche Wesen tapfer bestrebt waren, mir beizustehen. Das waren zwei alte Jungfern, die gemeinschaftlich ein Stübchen im Hause bewohnten und denen ich öfters kleine Dienstleistungen erwiesen hatte. Dann sah ich noch eine dritte alte Jungfer, die bei den beiden anderen öfters als Gast weilte, und die nun auch meine Partei ergriff. Immer mehr Ntenscheii kamen in die Werkstatt; ich glaube, sie waren von den geängstigten Kiildern herbeigerufen worden; der Lärm war betäubend; das Gedränge wurde von Sekunde zu Sekunde ärger. „Wo ist der Sozialdemokrat?" hörte ich eine schnarchende Stimme fragen, und bald darauf sah ich die rothgestreifte Mütze eines Polizisten. Ein Weib schrie:„Ihr bringt ja den Menschen um!" und der Kirchendiener erwiderte, solche Bande müsse mit Strunk und Stiel ausgerottet werden, sonst ginge der Staat zu Grunde. Meine drei alten Jungfern umgaben mich wie ein lebendiger Wall und suchten mit mir die Thür zu erreichen. Die mir feindseligen Weiber ließen ab von mir und drängten dem Zentrum des Schau- spiels zu. Auch ich drängte dorthin und nahm wahr, daß der Kirchendiener seine staatsrettende Thätigkeit eingestellt hatte. Ter Polizist richtete meinen jammervoll stöhnenden Freund auf und band ihni, wie ich aus den Aeußerungen der ihn umgebenden Personen der- nahm, die Hände. Sehen konnte ichs nicht; die Ptenscheninaner, die mich von den handelnden Per- sonen trennte, war zu hoch nnd zu breit, und die drei gütigen Jungfern hielten mich zu fest. Jedoch sah ich ans Augenblicke den Kopf des schuldlosen Dulders, nnd das Herz krampste sich zusammen in Schmerz, Empörung nnd unsäglichem Mitleid bei dem Anblick des blutigen, qualverzerrten �Märtyrer- Antlitzes. Sie zerrten und stießen ihn hinaus; der Kirchendieiler schlug ihm mit der Faust ins Gesicht und erklärte, das sei einer von den Antichristen, die den Glauben und die Religion ans der Welt schaffen wollten. Ein schieläugiges Weib bekreuzte sich und betete laut ein Vaterunser. Auch die drei Jungfern dankten laut dem lieben Gott, daß er das„hochanständige" Hans befreit habe von einem Scheusal; sie meinten, für mich tväre das Glück besonders groß, denn wie leicht hätte ich von dem Kerl angesteckt oder gar umge- bracht Iverden könuen. All das unerhörte, bübische Unrecht, das hier von einer hirnverbrannten, stinkenden Pöbclschaar verübt ward, hatte mein Blut bis zur Siedegluth erhitzt; ich hatte die Nichtswürdigkeit und Gemein- heit moralsüchtiger Schurken zum ersten Male in voller Größe geschaut, und mein ganzes Wesen war bis in die. verborgensten Fasern in zorniges Er- zittern gerathen; die Seele>var übervoll geladen mit heiligem Zorn, und sie befreite sich urplötzlich mit vulkanischer Naturgewalt von dem unerträglichen Druck. Ich schrie den Jungfern zu, der Gesell, den die Schufte halbtodt geschlagen hätten, sei tveder ein Kerl, noch ein Scheusal, sondern der beste Mensch in der ganzen Stadt; das Haus sei nicht hochanständig, sondern eine Schlangenhöhle, ein Nattennest, ein Pestpfuhl, und der Kirchendiener sei kein Diener der Kirche, sondern ein Schinderknecht, ein Bruder des schwarzen Satans. In dieser närri- schen Tonart tobte ich ein gutes Weilchen und geberdete mich dabei wie ein verrückt gewordener Hampelmann. Die Jungfern waren betroffen und verblüfft, und bald entflohen sie mit allen Zeichen eines gewaltigen Schreckes. Ohne allen Zweifel waren sie fest überzeugt, daß mich die Tollivuth des sozial- demokratischen Höllenhundes bereits erfaßt hatte. Sie hatten es so gut mit mir gemeint! IweumdzrvcmzigCes Kapitell. Der Herr Stadtsekretär. Ich lief in die Bodenkammer und legte mir in aller Eile die beste Gewandung an. Die Aermel und Beinhüllen des Anzuges tvaren nicht mehr zu lang; meine Wäscherin hatte sie„eingenäht". Das war sehr praktisch, denn es stand zu ertoarten, daß meine Gliedmaßen im Laufe der Jahre an Länge zunehmen würden, und dann brauchte ich einfach die Näthe aufzutrennen, um wieder einen passenden Anzug zu haben. „Wohin?" rief mir der Meister zu, dem ich an der Hansthür begegnete, als ich im Sonntagsstaate raschen Schrittes das Haus verließ. „Zum Herrn Bürgermeister!" „Was haben Sie dort zu suchen?" Ich gab keine Antwort, sondern verdoppelte meine Schritte. „Hier bleiben!... Heda, Friedrich!" rief er und kam mir nachgerannt. Ich hatte die Straßenecke erreicht und entschwand seinen Blicken. Als ich in die Thür der Bürger- meisterei trat, sah ich ihn an der Ecke stehen und lebhaft ivinken. Ein Polizeidiener empfing mich und erklärte mir auf Befragen, daß der Herr Bürgermeister nicht zu sprechen sei; wenn ich in einer dienstlichen Sliigelegen- heit komme, müsse ich zum Herrn Stadtsekretär gehen. Ich ließ mich zum Herrn Stadtsekretär führen. Er saß in einem geräumigen Zimmer an einem Schreibpult, blätterte gemächlich in einem Buche und rauchte eine Zigarre. Meinen Gruß erividerte er nicht; nachdem er mich mit einem flüchtigen Blick gemustert hatte, blätterte er lveiter. Endlich schien er gefunden zu haben, toas er suchte; er lehnte sich bequem in den Sessel, schlug ein Bein über d.is andere, las und blies Rauchivolken in die Luft, Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 299 Eine Minute nach der anderen verging; ich stand an der Thür und überlegte, ob ich den Herrn an- reden oder geduldig warten solle, bis es ihm ge- fällig sein lverde, mich anzureden. So verging ivohl eine Viertelstunde, ohne daß ich zu einem Entschluß gelangte, und ich kam mir dabei ivie ein regelrechter Narr vor. Dann legte er das Buch beiseite, griff nach einem Papicrbogen und tauchte die Feder in die Tinte. Plötzlich jedoch wandte er mir das Gesicht zu und fragte schroff:„Was wollen Sic?" Ich trat einen Schritt vor und begann:„Vor- hin haben sie meinen Freund eingesperrt und er hat nichts gethan— er ist ganz unschuldig. Ter tilirchen- diener Jakob Kattner hat gesagt, er iväre ein Sozial- dcmokrat und er hätte den Meister ermorden wollen. Das ist aber Alles nicht wahr; es ist meinem Freunde ein ganz schreckliches Unrecht geschehen und..." Der Herr Sekretär schüttelte den Kopf, schlenkerte mit beiden Händen und gebot mir Schweigen. Ich schwieg, und er fragte scharf:„Wer sind Sic?" Ich nannte Name» und Stand. Da betrachtete er mich mit sichtlicher Ilebcrraschnng und fragte in völlig verändertem Tone:„Sie sind doch nicht etlva der Mann, der das Eisenbahngedicht gemacht hat?" „Ja, der bin ich!" „Wirklich?— Na, das ist mir interessant." Ich hob den Kopf höher; ein mächtiger Dichter- stolz regte sich in meiner Brust. Um den von einem dunklen Schnurrbart beschatteten Mmid des Herrn Stadtsekretürs spielte ein freundliches Lächeln. „Nehmen Sie einen Augenblick Platz!" Er deutete auf einen Stuhl, und ich setzte mich nieder. Welch eine Ehre, welch eine große Ehre, daß niir in der königlichen Polizeidirektion und oben- drein von dem zweithöchsten Manne der Stadt ein Stuhl angeboten wurde! Wenn das der Meister sähe! lind wenn alle die Andere» es sähen, die in ihrer Dummheit mein Gedicht und niich selber beschimpft hatten! An dem Herrn Stadtsekretär hätten sie sich ein lehrreiches Beispiel nehmen können, ivie man mit eincni Dichter umgeht! Ob die Mutter mir glauben wird, wenn ich ihr dieses Erlebniß schildern werde? Oder ob sie mich für einen Prahl- haus halten wird? Vielleicht!— Doch was schadet das! Um so größer ist dann die Genngthunng für mich, wenn die Kunde von meinem Dichterruhm in ihre Heimath dringen wird und andere Leute ihr davon erzählen werden. Wenn erst die gelehrten »nd stndirten Leute wissen werden, daß ich ein Dichter bin, dann ist mein Glück gemacht. Nur solche Herren — das lehrt das Beispiel des Herrn Stadtsekretärs— wissen den Dichter und seine Werke zu schätzen.... Eine jähe Sturzwelle von stolzen und hoff- nnngsherrlichen Empfindungen ergoß sich über mein schwaches Seelchcn, und ihr liebliches Rauschen ver- wirrte meine Sinne, so daß ich kaum wußte, was der Herr Stadlsekrctär zu mir redete. Ich wußte nur, daß er von der Eisenbahn sprach, doch den Sinn der Worte vermochte ich nicht zu fassen; sie berührten mich wie süßschmeichelnde Musik. „Meinen Sie nicht auch?" fragte er und sah mich erwartungsvoll an. Ich erschrak, denn ich wußte nicht, was ich meinen sollte; aber ich besaß die Geistesgegenwart, mit dem Kopfe zu nicken und„Ja" zn sagen. Nim war es Zeit, die zerstreuten Sinne zusammenzuraffen. „Die Hansbesitzerpartci will nicht!" fuhr er fort. „Aber sie wird müssen!— Sie haben sich doch nicht etwa über das Gedicht im„Anzeiger" geärgert?" Ich bethenerte, daß ich mich durchaus nicht ge- ärgert habe. „Machen Sie getrost noch ein Gedicht! Im Be- amtenverein haben wir uns über Ihr erstes sehr gefreut.— Wollen Sie übermorgen zn unserem Sedanfest im„Schwarzen Adler" kommen?" Ich fand keine Antwort. Eine neue Sturzfliith von Seligkeiten brach über meine Poetenscele ein. Er deutete mein Schweigen falsch nnd beeilte sich, zn sagen:„Es kostet Sie keinen Pfennig, höchstens das Bier, das Sie trinke». Kommen Sie mir!" Er zog eine Karte ans der Tasche, schrieb etwas darauf nnd überreichte sie mir. Ich stammelte Worte des Dankes. „Nun leben Sie wohl! Ucbermorgen sehen wir uns beim Sedanfeste!" Er bot mir die Hand und geleitete mich zur Thür. „Sie verzeihen, ich wollte meines Freundes wegen mit Ihnen reden. Er ist unschuldig eingesperrt worden und..." „Ach ja, so! Sie erzählten ja vorhin eine wahre Ränbergeschichte. Wer ist denn Ihr Freund?" Ich begann anfs Neue, die trostlose Geschichte zu erzählen, kam aber nicht weit. Der Herr Stadt- sckretär unterbrach mich mit der Frage, wann der Gesell eingesperrt worden sei. „Eine halbe Stunde wirds her sein," erwiderte ich. „Davon ist mir nichts gemeldet worden." Er schlug ein großes Buch ans nnd ließ sich von mir den Zinnien meines unglücklichen Freundes nennen. „Noch keine Meldung da!" sprach er.„Aber wissen Sie," fahr er, auf mich zutretend, fort,„ich lasse Sie rufen, sobald mir der Biann vorgeführt wird. Sie haben eine wichtige Zengenanssage zu machen, wenn ich Sie richtig verstanden habe?" „Eine sehr wichtige!" „Zia schön! Auf Wiedersehen übermorgen! Machen Sie noch ein hübsches Eisenbahngedicht!" Er drückte mir die Hand und schob mich sanft zur Thür hinaus. cs°ris°hung Me Zenkerin des Kobpierre. Nach geschichtliche» Quelle». Von Heinrich Lee. as Atelier der Madame Le Brun war über- füllt. Auch sonst drängte sich in diesen Räumen die große Pariser Gesellschaft. Ma- dame Le Brun galt für die beste Poträtmalerin der Hauptstadt. Mit Vorliebe malte sie Frauen. Sie malte sie nicht, wie sie sind, sondern wie sie zu sein wünschten. Die Alten wurden niiter ihrem Pinsel jung, die Plumpen schlank nnd die Mageren üppig. Noch niemals hat man auf den Bildern von Madame Le Brun eine Häßliche gesehen. Solch ein Bild stand dicht am Fenster auf einer Staffelei. Die Farben glänzten noch frisch und feucht. Krilisirend, plaudernd, lachend, auch mit Kenneraugen, stand die Gesellschaft herum, die Be- rühmtheiten des Adels, der Armee und der Feder. Das Bild stellte einen Franenkopf dar, ein Wunder an Schönheit. Haar und Augen braun, die Nase fein und von griechischer Geradheit, die Stirn ge- wölbt nnd von den Locken, die ein Band zusammen- hielt, halb verdeckt; der kirschrothe Mund klein und schwellend; ebenso winzig das Ohr, das Kinn voll nnd oval gerundet; hinreißend war das Lächeln und der Liebreiz ans dem Gesicht. Umringt von der Gesellschaft stand das lebendige Original des Bildes. Es war unendlich schöner als die Kopie. Riadame Le Brun hatte ihre Unzngäng- lichkeit gefühlt. Sie hatte sich geweigert, diese Frau zu malen. Das Feuer des Südens, die Riilde des NordenL, die Grazie Frankreichs hafteten an ihr, eine wandelnde Natur der Schönheit aller Himmels- striche; sie hatte, was sich sonst nie in einer Hand vereint, die Hoheit, die Ehrfurcht gebietet, und die Zierlichkeit, die verführt; ihr Antlitz war Freude, Poesie und Liebe... so schilderten sie ihre Zeit- genossen. Diese Frau war die Marquise von Fontenay. Biadame Le Brun stellte an diesem Tage das Bild zur Besichtigung ans und darum stürmte die Pariser Gesellschaft herbei. Therezia von Fontenay war geboren zu Madrid nnd war eine Tochter des Grafen Eabarrus: Graf Cnbarrns war ein Finauzgenie. Sein Vaterland stand trotz der Minen in Peru, in Mexiko, in Chile am Abgrund des Bankerotts. Graf Eabarrus er- fand die verzinslichen Staatsschuldschcine, verbreitete seine Erfindung durch ganz Europa und rettete sein Vaterland. Er gab seinen Kindern eine sorgfältige Erziehung. Therezia lernte italienisch, französisch und mit ihre» Brüdern Latein. Noch ein Kind, bezauberte sie Madrid. Die vornehmsten Granden warben um ihre Hand. Graf Carrabns aber ging mit seinen Kindern nach Paris, dort ihre Erziehung zu vollenden. Es war die Zeit, als die Königin Maria Antoniette in Trianon Kühe weidete nnd die SalonS für den Naturzustand nnd die christliche Tugend schwärmten. Auch Paris umfcierte die schöne Fremde. Therezia hatte einen bedeutenden Geist. Sic sprach viel und gut. Sie sang scvillanische Liedchen nnd tanzte, die Castagnetten in der Hand, im Karneval die Jota. Im Hanse der Marquise von Boisgclonp begegnete Therezia dem Marquis von Fontenay. Der Riarquis war Mitglied des Parlament von Bordeaux nnd schon bejahrt, doch war sein Aenßcrcs noch stattlich. Sein Auftreten war ernst und würdig und er erfreute sich der Freund- schaft zahlreicher berühmter Personen. Am Pharaotisch nnd im Kreise schöner Frauen thante er aber ans. Er besaß sehr viel Geist und Witz, die Frauen hatten ihn gern. Der Marquis lernte Therezia kennen und bewarb sich bei dem Grafen Eabarrus, ohne nach der Mitgift zn fragen, um ihre Hand. Gleich- zeitig mit ihm warb um sie auch Fürst Lichtenay. Der Fürst war sehr liebenswürdig, aber sentimental; er langweilte Therezia, während der Marquis sie unterhielt. Im Alter von kaum sechzehn Jahren wurde Therezia die Gemahlin des Riarquis und unter prunkvollen Festlichkeiten wurde auf Schloß Fontenay die Hochzeit gefeiert. Das Paar wohnte abwechselnd auf Schloß Fontenay und in seinem Pariser Hotel in der Rue de Paradies. Die vor- nehmste Gesellschaft, die Blüthe der Kunst nnd der gelehrten Welt verkehrte in dem Salon der Frau von Fontenay, die Montniorrencys, die La Roche- foncanlds, die Lafayettcs, die Ehamforts, die Champcenetz. Das Atelier der Riadame Le Brun lag in der Straße St. Honorö. Einige Tage vorher war durch diese Straße der Pariser Pöbel nach der Vorstadt St. Antonie gestürmt und hatte dort die Reveillonsche Tapetenfabrik zerstört. Man sprach von diesem Ereigniß und von der Revolution. Man fühlte in den Pariser Salons, seitdem der Adel freiwillig auf einige seiner Privilegien verzichtet hatte, eine gewisse Brüderlichkeit für das Volk, das war Mode, man ließ sich deshalb in seinem festlichen Vergnügen noch nicht stören. Man sprach auch von Lonis David. der die neue Zeit verherrlichte. Am lautesten sprach Herr von Rivanol. Herr von Rivanol war ein Edelmann aus dem Languedoc. Er schrieb. Seine Feder war wie seine Unterhaltung witzig und glän- zend. Improvisationen, die schärfsten Epigramme und Bonmots entsprudelten ihm. Sein Stil war geschliffen wie eine Klinge, sein Urtheil fein und treffend, sein Geschmack sehr delikat. Tie Berliner Akademie hatte eine Arbeit von ihm über die fran- zösische Sprache niit dem Preise gekrönt. Doch war er manchmal oberflächlich nnd flüchtig und immer ging er ans den Effekt. Sein Ehrgeiz war, auch in der Gesellschaft der Erste zn sein. Soeben gab er bei Panckoucke, dem berühmten Buchdrucker, ein Blatt heraus, gerichtet gegen die Umsturzbewegnng. Panckoucke druckte gerade den Prospekt, den Herr von Rivanol an diesem Morgen eilfertig hingeworfen hatte.„Fort mit dieser chimärischen Gleichheit," hieß es in dem Prospekt,„denn diese Gleichheit wird stets das Geheimniß der Philosophen sein. Sie wird die Reichen vernichten nnd die Armen nicht bereichern. Statt der Gleichheit der Güter werden wir nur die Gleichheit des Unglücks besitzen." Bon Mirabeau sagte Jean von Rivanol:„Dieser Mira- beau ist für Geld zu Allem fähig, selbst zum Guten." Er führte das Wort. „Sie werden sehen," sagte Herr von Rivanol, „daß diese stolzen Römer, die Herr David mit seinem eisigen Pinsel wieder in die Mode gebracht hat, uns ein Zeitalter des Cato nnd Brutus bescheeren wird. Das ist das Gesetz der Gegensätze. Nach Ludwig dem Feierlichen Ludwig der Ungenirte. Nach der Tafel Sardanapals das Milchbrotfrühstück des Titus. Das französische Volk besaß zn viel Geist, jetzt kommt die Dummheit wieder an die Reihe. Es will sich stählen und härten." „Und Sie bilden sich ein, daß David diese Mode gemacht hat?" sagte Madame Le Brun.„Nicht David! Ich Hab sie gemacht. Ich habe ein griechisches 300 Die Neue A)elt. Illustrirte Nnterhaltungsbeilage Symposion pcinnlt,»icin yat cs zu e!»cr römischcil Orgie verwmidelt. Tie Mode ist weiblich, die Frauen machen die Blodc, hat Gräfin Tnbarry gesagt." „Apropos, haben Sic nicht ihr Bild angefangen?" Diese Worte sprach die Biar�uise von Fontenay. Ihre Stimme klang wie eine Glocke und ihre Angen strahlten wie Diamanten. „Die arme Gräfin!" klagte Madame Le Brun, „ich malte sie, wie sie einen Roman liest in den Armen des Königs. Das ist vorbei!" Später sprach man von de» Sticrgcfechtcn. Fran von Fontenay hatte einige gesehen und erzählte leb- Haft davon. „Auch im Leben muß man sich daran gewöhnen, den Stier bei den Hörnern zn packen," lachte sie. Herr von Fontenay, der viel gelesen und gesehen hatte, zitirte Cicero:„blriulüo gladiatorum spocta- culum haud sie an ita sit." Darauf verbengte er sich vor seiner Fran und sagte:„Die echten Spanier sind alle für dies Vergnügen entflammt. Sie sehen etwas Heldeniniit'iges darin. Die Blicke ihres Fürsten, ihres Vaierlandes, die Angen aller schönen Frauen haften an dem Sticrfechter in der Arena. Ganz wie in Rom. Die Spanier sollte Herr David malen. Das sind die ncncn Römer." Fran von Fontenay neigte dankend den Kopf. In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, ein junger Alaun trat herein. Seine Kleider zeigten, daß er zur Gesellschaft nicht gehörte. Man be- gönnerte das Volk, aber in der Cntfernnng; in den Salons standen sich die Klassen noch so gegenüber wie am Hof der Königin. Der junge Mann rcr- beugte sich. Niemand erwiderte seinen Gruß. Nur Madame Le Brun trat ihm als die Dame des Hanfes mit einem vcrlvnndertcn Lächeln entgegen. Der junge Mann ivar zwanzig Jahre alt, seine Gcstall ivar schlank und kräftig, sein Gesicht schön. „Ich bitte um Verzeihung, Madame, daß ich unangemeldet eintrete," sagte er,„aber ich habe keinen Diener gefunden. Ich suche Herrn von Rivanol." Der Ankömmling sagte das mit einer leichten und furchtlosen Art. Cr hatte etwas Plebejisches und doch auch etwas Edles. Er erblickte Herrn von Rivanol und sogleich trat er ans ihn zn. Auch Herr von Rivanol sah den Ankömmling. Er ent- sann sich, daß cs ein Angestellter seines Druckers Panckoncke ivar und daß er ihn schon einmal in seiner Wohnung aufgesucht hatte. Dennoch erwiderte auch er nicht seinen Gruß. „Herr von Rivanol," sagte der junge Mann, „ich habe Sic in Ihrer Wohnung aufgesucht. Ihr Dienstmädchen sagte mir, Sie seien hier. Die Sache eilt, darum komme ich hierher." „Was gicbt es?" fragte Herr von Rivanol. „Ich komme auf Veranlassung von Herrn Panckoncke. Er druckt Ihren Prospekt. In dem Btauuskript sind drei, vier Stellen, deren Sinn wir nicht verstehen. Herr Panckoncke schickt mich zn Ihne», Sie darnach zn fragen," erwiderte der junge Alaun. „Sie verstehen nicht, Sie verstehen nicht?" fuhr Herr von Rivanol auf. „Nein, mein Herr, wir verstehen es nicht," entgegnete der junge Mann,„weder Herr Panckoncke versteht es, noch unser Korrektor, der doch sonst Französisches ins Französische zu übersehen versteht, noch ich, der ich die lateinischen Zitate sehe." „Ah! Also Sie verstehen es nicht?" spottete Herr von Rivanol,„ich bin ganz untröstlich. Hab ich für die Anderen oder für Sic geschrieben? Mein Lieber, haben Sie lesen gelernt?" „Nicht die Schrift des Herr» von Rivanol," versetzte der junge Mensch sehr schnell. Herr von Rivanol und sein Setzer standen einige Schritte von der Gruppe, die noch immer das Bild der Fran von Fontenay bewunderte, entfernt. Dennoch hörte Alles diese Antwort. Ein Setzer stopfte Herrn von Rivanol den Mnud. Man lächelte. Die Damen erhoben ihre Lorgnetten. Der junge Alaun hatte sehr große, glänzende Auge». Um seine Lippen lag ein Zug von Scherzlnst, Hohn und Leiden- schaft. Kraftstrotzend, läisig wie ein junges Riesen- lind und uugezwnngen loie ein Blargnis stand er vor Herrn von Rivanol, Seine Stimme war sehr weich und angenehm, doch in den letzten Worten klang sie wie leiser Donner. Die Gesellschaft hatte wieder von dem Bild gc- sprochen und tadelte es. Der Mnud Ivar zu groß gcrathen und die Augen zn klein. „Ich glaube nicht ein Wort," sagte Madame Le Brun,„ich bin wie Aloliere, ich will mich nach meinem Dienstmädchen richten. Aber weil mein Dienstmädchen nicht da ist, so werde ich mich mit Ihrer Erlanbniß an diesen jungen Alaun hier wenden. Wie ein Schmeichler sieht er nicht ans. Er wird die Wahrheit sagen. Mein Herr," sprach Madame Le Brun zu dem Setzer,„man sagt mir über dieses Bild so viel Beleidigungen, daß ich wahr- haftig nicht weiß, Hab ich wie ein Künstler oder wie ein Anstreicher gemalt. Was ist Ihre Ateinniig?" Schnell und nicht schüchtern trat der junge Alaun vor das Bild.„Ich will es Ihnen sagen," er- widerte er mit einer gewissen Großartigkeit. Alles wurde still, die Gesellschaft lächelte, sie erwartete von diesem Menschen eine Dnniniheit. Er betrachtete abwechselnd das Bild und die Alarquise, die Mar- quise mehr als das Bild. Frau von Fontenay winde roth bis zur Stirn.„Er hat die schönsten Angen der Welt!" sagte leise zu ihr Madame Le Brun. Er trug keinen Degen wie die anderen Herren. Aber seine Jugend, seine kraftgeschwellte Gestalt, das Feuer in seinen Angen schienen nach einem Degen zu verlangen. „Nun, mein Herr, Ihre Kritik?" fragte Ala- dame Le Brun. „Meine Kritik, Madame?" versetzte der junge Mann.„Nicht wahr, man hat Sie getadelt, weil der Mund zn groß und die Angen zn klein sind? Ziehen Sie das obere Augenlid ein bischen hcr- unter und öffnen Sie ein wenig den Alundwinkel, so werden Sie den Charakter und den Liebreiz dieses Gesichtes schon eher treffen. Die Angen werden lebendiger werden, weil sie ihren Glanz dann auf die Wimpern werfen, wie die Sonne ihr Licht durch Wolken. Der Alnnd wird sich vergeistigen, weil er sich bewegt. Vom Hutrande lassen Sie einen Schatten fallen und über das Gesicht werden die Lichter spielen wie bei Velas'uez. Das ist meine Ansicht." Madame Le Brun, die Alar. uise»nd die übrige Gesellschaft hörten dem Kritiker mit wachsendem Er- staunen zn. „Sie sind der Einzige, der hier etwas versteht, mein Herr!" rief Madame Le Brun. „Gewiß, Sie waren schon selber im Atelier des Velasgnez!" sagte die Atarguise niit einem vcr- legenen Scherz. „Paßt es Ihnen nun, mich zu Herrn Panckoncke zu begleiten?" fragte Herr von Rivanol. Der junge Mann verbeugte sich mit einem spöttischen Lächeln. Die ihm zugehört hatte», be- grüßte er leicht, die Anderen beachtete er nicht. Vor Frau von Fontenay verbengte er sich besonders. Darauf rerließ er mit Herrn von Rivanol den Saal. Niemand in der Gesellschaft kannte ihn. Er hieß Tallien, mit Vornamen Jean Lambert. Alan sagte, er war ein Sohn des Atargnis von Bercy. Wenigstens war er das Pathenkind des Margnis. Der Marquis schickte ihn auf das Colleg. Kanin fünfzehn Jahre alt, schon genährt mit der Philo- sophie der Encyklopädisten, entfloh er dem Colleg. Er wurde ein Spieler, ein Franenjäger, ein Aben- teurer, und haßte Gott, den König und den Adel. Der Ehrgeiz regte sich in ihm. Der Aiann, der als sein offizieller Vater galt, ein Hansmeister des Marquis, drohte ihm mit seinem Fluch. Unentwegt erwiderte der junge Tallien:„Bester Vater, das ist im Theater Sitte, nicht im Leben." Das Regiment führte die Mutter; sie brachte den Sohn zu einem Advokaten. Der junge Tallien lernte die Menschen kennen und die Kunst der R'ede. Des Nachts durch- streifte er Paris, von dem Gassengcwirr am Stadt- Hans bis zum Boulevard de Temple. Wie das Colleg, so wurde auch die Basoche ihm zuwider. Er hatte einen Bekannten, einen Setzer, bei Panckoncke. Er kannte Griechisch und Latein und trat, wie sein Freund, in die Panckouckesche Offizin als Setzer. Ersetzte nur griechische und lateinische Terte, sonst war er auch Korrektor. Mit Leidenschaft verfolgte er die neue Bewegung. Das war der junge Tallien. Auch Frau von Fonlenay erglühte für die neue Zeit. „Ein sonderbarer Knnstkcuncr," sagte Fran von Fonlenay lächelnd zn ihrem Gemahl. Zum ersten Mal bemerkte sie, daß Herr von Fonlenay alt war. * * Einige Zeit später stand die Marqnise mit der Gräfin Charles Lameth auf der Garten-Estrade des gräflichen Hotels. Charles war der Bruder des Grafen Alexander Lameth. Graf Alexander Lameth hatte in Nordamerika für die Freiheit der Kolonien gekämpft, erhielt dann in Paris ein Artillerie- Regiment und wurde vom Adel von Peronne in die Generalstaatcn gewählt. Er gehörte zn den Aristokraten, die sich dem dritten Stand angeschlossen und die den Antrag auf Abschaffung aller adligen Privilegien unterschrieben hatten. Die Alarquise und die Gräfin unterhielten sich von einem Unglücksfall; Frau von Lafayctte hatte am Tage vorher bei einem Spazierritt ein junges Alädchen überritten. Während sie sprachen, kam ein junger Mann die Treppe herauf. Er hatte Briefe in seiner Hand und schien sehr be- schäftigt. Es war Tallien. Er war der Sekretär des Grafen Alexander Lameth geworden. Die Wogen der Reooliition gingen höher und warfen die Existenzen auf zufällige Ufer. „Verzeihung, Frau Gräfin," sagte Tallien, „haben Sie Graf Alexander hier gesehen? Ich suche ihn." „Graf Alexander ist nicht hier," erividerte die Gräfin,„aber da Sie kommen, wissen Sie etwas über den gestrigen Unfall der Fran von Lafayctte?" Tallien erkannte die Alarquise. Er war über- rascht. „Ich weiß mir," entgegnete er,„das junge Mädchen ist eine hübsche, kleine Blumenhändlerin, sie heißt Alanar. Das Abenteuer ist ihr Glück, cs macht Reklame für sie," fügte er mit einem etivas frechen Lächeln hinzu. „Darf ich Sie bitten, weil wir von Blmncn sprechen," sagte die Gräfin,„für diese Dame einen Strauß iveißer Rosen unten zn pflücken?" Frau von Fontenay erkannte Tallien nicht mehr. Tallien ging in den Garten und kehrte mit dem Strauße zurück. Er übergab ihn der Gräfin. „Nicht für mich," lächelte die Gräfin,„haben Sie nicht verstanden?" Tallien ivandte sich zu der Marcuise und reichte ihr die Blumen mit der ihm eigenen, etwas theatra- lischcn Grazie. Dabei fiel eine lose Rose heraus. Er hob sie auf, behielt sie aber in seiner Hand. Schweigend grüßte er beide Damen und ging. Tic Alarquise entsann sich allmälig, ihn schon gesehen zn haben. „Wer ist doch dieser junge Mensch?" fragte sie die Gräfin. „Ter Sekretär meines Schwagers," ciitgcgncte die Gräfin,„ein Bursche, der nicht dumm ist, aber ein Fanllcnzcr mid ein Alädchenvcrführer, lvie Alexander sagt. Er ivartet nur ans die Gelegenheit, ihn zur Thür hinansznirerfen." Die Alarquise blickte nach den Kastanien hin- über, Tallien verschwand dort. * Der 31. August 1792. Tie Tribünen in der Nationalversamnilnng sind überfüllt. Seit dem zehnten herrscht das Proletariat. Seit dem fünfzehnten ar- beitet das Revolutionstribunal und die Guillotine— nur alle zwei Tage fällt ein Kopf. Tie Gewalt hat der Genicinderath. Seit dem achtuiidzwanzigsten stecken einige tausend Aristokraten in den Gefäng- uissen. Bon Verditn kommt die Nachvicht, die Preußen rücken darauf zn. Danton, Robespierre. Marat und Billand geben eine Parole:„Ganz Paris wird Verdnn zn Hülfe eilen, aber vorher vertilge cs die Nattern im eigenen Schooß." Sechzigtansend Piken- inänncr rüsten sich, am nächsten Sonntag die Ge- fangeuen zu schlachten. Pethion, das Haupt der Stadtbehörde, hat gesprochen. In den oberen Reihen, wo der Berg sitzt, steht ein Anderer ans, ein junger Alaun. Sein 302 Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Kopf ist schön, scine Slugen drohen, sie sind fast schrecklich. Er spricht, seine Stimme rollt wie ein Geivitter. Alles hängt an seinen Lippen wie an einem Aiagneten. Die Tribiinen kennen den Redner. Schon zweimal hat er gesprochen. Es ist Tallicn. „Die Waffen, die wir den Bcrdächtigen entrissen haben," so schließt er,„iverden wir in die Hände der Vertheidiger des Vaterlandes legen. Die Ver- räthcr haben wir verhaftet, noch wenige Tage und die Sonne der Freiheit ivird von ihnen nicht mehr verdunkelt werden. Die Bürger ans unseren Tri- bnncn haben uns zu ihren Stellvertretern bestellt! Wer »ns trifft, trifft auch das Volk, das am>4. Juli die Revolution gemacht hat, das sie am>0. August befestigt und das sie aufrecht halten wird. Die Rlänner des zehnten August wollen nur Gerechtigkeit und sie werden nur gehorchen dem Willen des Volkes." lFortsetzung solgt.) K lilpen nus dem Muberlebkii gegen Ende des noiigen Inyryiindelts. Von Jak. Lippmann-Mainz. II. vamian Helsel und Franz Zoseph Streitmatter. f on den Räubern, die am Ende vorigen und zu Beginn dieses Jahrhunderts am Rhein und Biain, auf dem Spessart und Hnns- rücken ihr Gewerbe trieben, ist Schindcrhannes der bekannteste. Gar Viele in Stadt und Land, die nicht wissen, wer Mirabean, wer Rousseau war, denen die Namen eines Stein, eines Scharn- Horst fremd klingen, kennen den Lebenslauf eines Schinderhannes mit allen Einzelheiten, die Wahr- heit und Dichtung von ihm berichten. Doch auch im Räuberleben sind es die Thaten nicht allein, die Unsterblichkeit verbürgen: während der Name Schinderhannes bis in unsere Zeit„leuchtet" und sein Ruhm allem Anschein nach noch in der Zunahme begriffen ist, sind Damian Hessel und Franz Joseph Streitmatter, genannt Weiler, vergessen, trohdem sie ihm in keiner Beziehung nach- stehen, im Gegentheil ihn sogar überragen. Also wäre der Ruhm Schinderhannes unverdient? Ich lasse die Frage unentschieden, kein Blatt will ich ans seinem Kranze pflücken, aber die Gerechiigkcit verlangt, daß auch Damian Hessel und Streitmatter in der Ränber-Walhalla ihren Platz erhalten. Ihre Verbrechen stehen weder an Zahl noch in der Ans- führnng jenen, die Schinderhannes verübte, nach: aber von weit höherem psychologischen Interesse ist die Geschichte ihres Falles. Während Schinderhannes infolge verwahrloster Erziehung, durch Faulheit zur Landstreicherei und schließlich zum Ränberhandwerk kam, war es bei Hessel die Liebe, die ihn ans die abschüssige Bahn lockte. Ich folge im Nachstehenden einem Büchlein, das 1811 in Mainz bei Kupserberg erschienen ist und dessen Titel lautet:„Damian Hessel und seine Nanbgenossen. Akten- in ä ß i g e N a ch r i ch t e n. Z n n ä ch st f ü r gerichtliche u n d Polizeibeamte an den Gränzeu Deutschlands und Frankreichs von einem gerichtlichen Beamten." Laut vorliegenden Taufscheines ist Hes'cl am Z.Mai 1774 in Paderborn geboren. Sein Vater war Tabaksfabrikant. Er besuchte die ersten Schulen, lernte Lateinisch und Griechisch, daher auch sein Beiname:„Bachcrle",„Stndentgcn". Tie erste That, die ihn mit der Behörde in Konflikt brachte, geschah wegen der zwanzigjährigen Karoline, Tochier eines Herrn von P.... der in Hanau lebte. Diese Liebschaft war, seiner Be- thcucr mg nach, ganz platonisch, und außer dem Vergnügen, die schöne Karoline spazieren und dann und wann ins Schanstiel nach Frankfurt zu führen, war ein Kuß der höchste-Preis seiner Zärtlichkeit. Aber Fräulein.Karoline war gern geputzt, hatte große Vorliebe für goldene Uhren— und da Schmalhans Küchen- und Garderobenicister war, versuchte Hessel, „um den Herrn Baron und der Fräulein Tochter zu gefallen(nach seinem Ausdruck),.mehrere Stu- dciitenstückcheii/" Bei einem Ausflüge nach Mainz diente er im Dome zur Messe und fand Gelegenheit, eine» Kelch zu entwenden. Wurde erwischt und in den„Holzthurm" gebracht, das nämliche Gefängniß, von welchem ans er später zum Blutgerüste ging. Mit prophetischem Geiste sagte er bei seinem Eintritt in den Holzthnrni: „Hier ist meiii Alpha und mein Oraesa." Karoline verließ den Geliebten nicht in der Roth. Sie eilte nach Mainz und bewirkte scine Freilassung. Eine Besserung Hessels hatte die kurze Haft nicht bewirkt; er sann ans Mittel, die Reisekosten seiner Geliebten durch neue Gaunerstreiche zu ersetzen. Das Kapuzinerkloster in Frankfurt erleichterte er nm zwei werthvolle Kelche und Schüsselchen. Im Januar 1703 ließ er sich in die Karme- litcrkirche einschließen, und während die frommen Väter bei Tisch saßen, schlich er sich mit einem silbernen Kruzifix durch den Kreuzgang davon. Die Kirchengerüthc wurden versilbert und der Erlös mit Karoline gemeinsam verjubelt. Hessels Spekulationen erweiterten sich, er unternahm Reisen, plünderte in Ketwig an der Ruhr einen Pferdehändler, half dem Pöbel in Mainz beim Ausrauben der Kln- bistenhäuser, bis er in Hanau bei der Erl rechung eines Geldschrankes abermals der Behörde in die Hände siel. Jedoch schon in der zweiten Nacht gelang es ihm, durch das heimliche Gemach zu entwischen. Er lief noch in derselben Nacht nach Frankfurt, wo er sich von den Quetschungen, die er sich bei der Flucht zugezogen hatte, heilen ließ. Seine Karoline besuchte ihn. Als er wieder ausging, be- gegneten ihm Polizcidieuer, die, Fesseln in der Hand tragend, nach seinem Quartier gingen. Unter diesen Umständen fand er es für gut, seinen Aufenthaltsort zu wechseln, er wanderte nach Mainz. Hier wurde er von einem preußischen Qffizier erkannt, verhaftet und nach Hanau zurückgcliefert. Nach etwa vier Wochen, bevor ihm noch der Prozeß gemacht war, entschlüpfte er zum zweiten Male. Er entfloh in die Niederlande, machte die Bekanntschast der Gauner Bayer, Mathias/ Estrich und Anderer, und nun kam er nach seiner eigenen Bezeichnung„in die großen Geschäfte." Von jetzt an bildet sein ganzes Leben eine unnnterbrochene Reihe von Verbrechen, Mord, Raub, Brandstiftnng und Betrug; oft gefangen, wußte er immer wieder zu entweichen, bis ihn endlich die Nemesis ereilte. Vor Gericht leugnete er beharrlich jede Antheilnahme an den vielfachen Morden, die der Bande zur Last gelegt wurden. Und mag auch vielleicht manches Verbrechen mit Unrecht ans seine Nechnnng gesetzt worden sein, so bewiesen doch gar mancherlei Umstände, namentlich die schlaue und unvollständige Art, mit welcher er sich über einzelne Begebenheiten und Zeitpunkte äußerte, daß mehr als ein Mord ans seiner Seele lastete. Dieser tückische, hämische, halbsludirte, lüderliche, einpfindelnde Mensch war feige und grausam.... Seine Lieblings- ncignng, zu prahlen, seine Thaten zu erzählen, lieferte endlich der Behörde das Material, um scine Vcrurtheilnng herbeizuführen. Mit seiner Ge- liebten, die in einem anderen Gefängniß unter- gebracht war, eröffnete er eine Korrespondenz, nachdem er mit vieler Schlauheit sich vergewissert zu haben glaubte, daß dieser Briefwechsel ungestört seinen Gang gehe. Diese ganze interessante schriftliche Beichte ging durch die Hände des Untersuchnngs- richters Brellinger. Aber auch selbst dann noch, als diese schriftlichen Ergüsse gegen ihn zeugten, gestand er nur jene Vergehen z», die thcils verjährt oder nur mit Kerker— nicht mit Todesstrafe— bedroht waren. Er verrielh alle seine Helfershelfer. Mit hämischem Spott genoß er das Vergnügen, seine früheren Kameraden bloßzustellen. Im Ge- fängniß prahlte und scherzte er unbeküniniert, er bramarbasirte:„Ich habe außer den mir zur Last gelegten noch mehr als hundert andere Verbrechen begangen,— aber es weiß Niemand davon." Trotzdem er sehr eifrig die Gesetze„stndirt" hatte, betrachtete er sein Schicksal doch von der günstigsten Seite, er glaubte mit einer Kerkerstrafe davonzu- kommen. Selbst als sich, nm jeden ärgerlichen Auftritt zu verhindern, in schauerlicher Stille Sol- daten mit gezogenem Seitengewehr vor die Auge- klagten stellten, war Hessel noch nicht besorgt,, erst als die Worte„Zinn Tode!" in sein Qhr fiel, waren seine Kraft, sein Trotz gebcochen. Ans dem Wege zum Kerker fiel er in Qhiiniacht, brachte die Nacht iiiiter Lerwünschnngen, Flüchen und vereitelten Versuchen zum Selbstmorde zu, wollte sich zum JndcntHiiin bekehren, verlangte nach einem Rabbiner, drohte dem llnteisnchnngsrichter, wenn noch ein Leben nach dem Tode sei, so werde er ihm um Mitternacht einen unangenehiiien Besuch abstatte», raisonirte über Gott»nd Welt— aber Muth und Sprache verließen ihn, als er zum Richtplatz ab- geholt wurde. Betäubt und fast bewußtlos wurde er ans das Blutgerüst geführt, wo das Haupt des Verbrechers in ewige Nacht sank. Ein ganz anderes Wld bieten die Nachrichten über den zweiten„ansgezeichncten Räuber" dieser Bande, Franz Joseph Streitmatter. Er war der Sohn eincs wohlhabenden Müllers in Bötikon. Nach Aussage aller seiner Gefährten einer der schönsten Männer. Früh(seiner Angabc nach im sechzehnten Jahre) vcrhcirathete er sich mit einer schönen Schweizerin. Die Veranlassung seines Unglückes war ein Buch, das die Anweisung enthielt, Geister zu zitiren. Schätze zu grabe», Gold zu machen, Uni- versalarzneien zu bereiten, die Geheimnisse der Lbcr- und Unterwelt zu erfahren und dergleichen Unsinn mehr. In: Aberglauben erzogen, überzeugt, daß es Geister, Heren und Zauberer gäbe, verführte ihn der Gedanke, sich zum Herrn aller Geister und Schätze zu machen, und selbst die Reize seines jungen Weibes vernicchte» nicht, ihn vom Stndinm der Mystik abzuhalten. Der träumende Streit- matter erfüllte streng alle Bedingungen, die in dem Buche vorgeschrieben waren, er entsagte aller Lebens- frende, vernachlässigte sein Geschäft und sein junges Weib, das seiner Verschlossenheit und seflien nächt- lichen Wanderungen eine schlimmere Auslegung gab, als sie verdienten. Was Wunder, daß die junge Frau schmollte, daß ihre Neigung erkaltete und daß sie endlich Rath und Trost bei jenem Mönch suchte, der ihre Ehe gestiftet hatte Aber auch der Mönch war vom Aberglauben und einem Hang zur Mvstik nicht frei, er erklärte: „Hexerei und böse Leute seien an diesem Unheil schuld, das Ehebett sei verhext, müsse besprochen werden. Er wolle sich, wenn ihr Mann scine nächtlichen Wände- rungen anträte, einfinden und durch heilige Beschwörungen dem Einfluß der Zauberei und den böse» Geistern Einhalt thun." Von nun an zog der schlimmste Dämon in die friedliche Hütte. Streitmatter war damals noch vertrauensvoll, zn wenig erfahren, zu durchdrungen von Ehrfurcht für den Stand des Vermittlers, um zn vermuthen, daß er bald nicht mehr der Einzige war, der wegen der gestörten Ehe sich Vorwürfe zu machen ha'.e. Dazu die Verwirrung seiner wirthschaftlichcn Verhältnisse, die ihn in Wucherer- Hände brachten und seine Verarmung beschleunigten. Von Groll und Gram erfüllt, schied er von seinem Besitzthnine. Nach unklaren und mißverstandenen Grundsätzen Über Bestiiiimniig und Naturrecht hielt er sich nun berechtigt, Anderen zufügen zn dürfen, was ihm selbst widerfahren. Mit Riesenschritten eilte er jetzt unanfhaltsani auf seiner Bahn vor- wärts: erst Spion, dann Dieb»nd Räuber. Diebstähle, Kirchciiränbereien, nächtliche lieber- fälle auf Mühlen wechselten ab mit kurzen, sehr kurzen Einkerkerungen, denn immer und immer wieder wußte er zu entspringen. Keiner seiner Gesellen war ihm gleich an Gewandtheit, Geschicklichkeit und Geistes- gegenwart, kein Schloß war ihm' zu fest, kein Ge- wölbe zn gut verwahrt, der geübteste Schlosser konnte von ihm lernen; aus mehr als zwölf der festesten Gefängnisse ist er entwichen. Nichts Kühneres läßt sich denken, als der in der Nacht vorn 19. ans den 20. Dezember 1805 in Longwy begangene Einbruch, wo die Räuber ans mehreren aneinandergebnndenen Leitern und Balken Die ITcuc Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. ZO'J die eisglatten Wälle, zehn Schritt weit von einer Schildwache, erkliuiniten. Nie verlor bei solchen Gelegenheiten Strei matter seine Geistesgegenwart, mochte anch das Ilnenvartctste ihn überraschen. Bei Ausführung seiner Unternehmen war er der Thätigste, die Vorbereitung und Wegbringnng der Beute überließ er seinen Gesellen, die ihn nicht selten übervoriheiltcn. Latte er Geld, so hatten es alle seine lilameraden; gennßliebcnd, wie er lvar, verschwelgte und vertheilte er, was er besaß. Einen ihm geleisteten Dienst vergaß er nie, aber sein gefahrvoll errniigencs Geld schmolz bei schönen Weilern, in Spiel und Trank ebenso rasch dahin, als er es erbeutet hatte. Zweimal wollte Strcitmattcr die Siänberlaufbahn verlassen und zweimal stieß ein Unfall ihn zurück. Das erste Mal schnitt ihm ein Zigeuner, während er schlief, seinen Gurt mit hundert Lonisd'or ab, das ztveite Mal, er hatte bereits Arbeit in einer Fabrik angenommen, verlor er sein Geld im Spiel und ließ sich von dem berüchtigten Müller zu neuen Diebstählen verleiten. Manch sympathischer Zug leuchtet aus diesem ver- lorcnen Leben. Nie hat er einen Kameraden ver- rathen, nie ließ er einen im Stich. Bei dem Post- diebstahl in Mainz, wo Schön-Mayer-Moses durch einen Schuß in den Kopf schwer verwundet worden war, verließ Streit matter diesen nicht, wie es Hessel und Jtzig Kngler thaten. Er war schon um die Ecke eiitkonimen, sprang aber, troh des Lärms, den der Schuß ans der volkreichen „Großen Bleiche" erregt hatte, zurück, nahm den Verivimdeten auf seine Schultern und brachte ihn, trotz der nachsetzenden Gendarmen, in einstweilige Sicherheit. Nach seiner Gefangennahme hatten die Richter ihm gegenüber einen schweren Stand: kein Geständniß war von ihm zu erschmeicheln oder zu erpressen. Alle kleinen Liste, durch ivclche sich der schlaue Hessel fangen ließ, waren bei Streitmatter vergebens: er prahlte nicht, erzählte nicht und kor- respondirte nicht. Obgleich Liebhaber von gutem Essen und Trinken, widerstand er doch allen Ver- suchnngen. Durchbrechen war sein einziger Gedanke, und ans die kühnste Art ließ er sich hundert Fuß hoch an einem aus zerrissenen Bettüberzügen ge- drehten Seil herab, und als schon die Wache her- beitam, nntcrbrach er seine Operationen nicht eher, bis ihm die Kugeln um die Ohren sausten. Als er sah, daß keine Rettung mehr war, setzte er sich auf einen Stein und sagte:„Ost ajonrnä". Mit Unwillen und Verdruß,„aus diesem elenden Kerker nicht loskommen zu können, nachdem er aus den sichersten Gefängnissen Frankreichs und der Schweiz entflohen fei," gab er sich endlich verloren und gestand Einiges gegen sich selbst, aber lange war er nicht zu beivegen, was er im Ge- spräche gesagt hatte, zu Protokoll zu geben. Unzufrieden über sich selbst, daß ihm Einzelnes entschlüpft war, sagte er zu dem U: tersuchungs- richler:„Ich will und mag nicht mehr mit Ihnen reden, Ihre verdammten Konversa- Honen sind schuld an meinem Verderben. Mit bloßen Verhören hätten Sie nie ein Wort von mir herausgefragt." Aber kein Zureden, keine Versprechung konnten ihn veranlassen, flüchtige Kameraden zu verrathen oder Jemanden anzugeben, den Hessel oder andere Räuber genannt halten. Er war, selbst im Anfang der Untersnchiing, zu einer Zeit, wo die Richter noch keine Möglichkeit einer Todesstrafe für ihn sahen, fest überzeugt, man müsse einen so gefährlichen Menschen, wie ihn, ans der Welt schaffen. Keinen Augenblick täuschte er sich mit leeren Hoffnungen. „Für mich," sagte er,„gicbt es nur Gnade und Verbannung in ferne Gegenden, oder Tod. Jeder Mittelweg würde unheilbringend für mich und den Staat sein. Und auch die bestimmteste Lersichernng der Gnade würde niich nie dazu bringen, ein Wort weniger oder mehr zu reden." Bis zur letzten Minute behauptete er, seine Hände rein von Blut gehalten zu haben:„.. wenn ein Kind we!u:e, ein Hund bellte, so ent- sagte ich den vortheilhaftesten Unterneh- mungen, weil ich die Möglichkeit ahnte, durch unverhoffte Umstände wider Willen Menschen verletzen zu müssen." So sonderbar und befremdend bei einem Hand- iverksmäßigen Räuber und Dieb derartige Aeuße- rinigen sind, so ist es doch tvahr, daß er bei dem Baldowern sich immer sorgfältig nach den kleinsten Umständen der Familien erkundigte, denen er einen Besuch abzustatten gedachte, um nie in den Fall zu kommen, Widerstand zu erfahren.„Ein geschickter Dieb," sagte er,„muß wissen, Ivo die Leute schlafen, ob sie alt oder jung sind, denn alte Leute wachen leicht ans, zumal nach Mitternacht, jungen Leuten hingegen kann man eine Stimde, nachdem sie sich gelegt, ohne Furcht eine Visitc abstatten.." Gefaßt Hörle er sein Todcsnrihcil an, verwies Hessel sein Toben und Rasen. Ruhig speiste er zu Nacht, schlief sanft und lächelnd trat er seinen Todesgang an. Seiner Geliebten, einer Jüdin, gab er die herzlichsten und rührendsten Lehren und Warnniigen, als sie auf ewig von ihm Abschied nahm. Sein Söhnchen wurde mit seinem Willen in der Religion der Bintter erzogen. Als er zum Blutgerüste schritt, blieb kein Auge trocken, nur das seinige. Noch auf dem Schaffst erklärte er mit fester Stimme:„Mein Tod ist verdient, wenn auch meine Hände rein von Blut sind." Seine Worte zu bezweifeln liegt kein Grund vor, denn während der strengen und langwierigen Unter- suchnug ließ er sich nie eine Lüge zu schulden kommen: manche seiner Charaktereigenschaften ließen selbst seine Richter bedauern, daß sie ihm, der so viel Geistesgegenwart, Mnth und Todesverachtung gezeigt, nach den damaligen Gesetzen das Todes- urtheil sprechen mußten. £ 35o(c QfligaL Gin geniater Watnie. Von Androclus. ie Philippinen, Inseln des malaiischen Archi- pels, welche unter spanischer Zivil- und Militär-RUßwirthschaft und Herrschaft stehen und seit länge er Zeit schon im Aufstande gegen ihre Bedrücker stehen, sind im 67. Nachtragsheft zu Petermanns Mittheilungen ethnographisch und geo- graphisch geschildert von dem berufensten Kenner Ferdinand Blumentritt, Realschul-Professor in Lcit- nieritz. Unter den daselbst geschilderten Stämmen von Eingeborenen ist besonders derjenige der Ta- galen interessant: ihm entstammt Jop Rizal, den der oben angeführte Gewährsmann als den beben- tendsteu Rialaien zu bezeichnen nicht ansteht. Jedenfalls werden unsere Leser aus der fol- genden Lebensskizze die l eberzeugung gewinnen, daß die so vielfach behauptete„Inferiorität* der nicht- europäischen Rassen" in das Gebiet der Fabeln zu verweisen ist. Jose Rizal, der Sohn armer Reisbanerslcute, ist zu Calamba in der Provinz La Laguua de Bay auf der Insel Luzon geboren. In der Schule er- regte er die Answer! samkeit eines seiner Lehrer, eines tüchtig gebildeten Theologen, ebenfalls taga- lischcr Abstämmling, und seine erkannte Begabnng bestimulte seine Eltein, ihn auf das Ackeneo»inni- cipal(etwa Gymnasium) von Manila zu schicken. Dort zeichnete sich der talentvolle Knabe durch erfolg- reichen Fleiß in hohem Grade aus, erregte aber auch schon Aergerniß dadurch, daß er bei einer feierlichen Schnlgelegenheit ein von ihm verfaßtes Gedicht vortrug, in welchem er, der Tagale, die Philippinen sein Vaterland nannte. Dazu ist die Erklärung nöthig, daß die Uutcrthanen und Ausbeutungsobjekte der Spanier, die eingeborenen Kreolen, Tagnlen und die üb igen der öl ver- schiedenen Stämme, welche die Philippinen bewohnen, kein Vaterland haben sollen, das haben nur die Herr- schenden Spanier, und jene sollen ihre Heimath nur „ihr Land" nennen— als wenn das noch ihnen gehörte und ihnen nicht von eben diesen Spaniern gestohlen— pardon, wegannektirt worden wäre! * Minderwerthigkeit. Nach beendigter Vorbereitung am Ateneo bezog Rizal die Universität zu Pianila und zwar widmete er sich der Heilkunde. 1882 ging er nach Madrid, um an der Zentralnniversität seine Studien ruhin- voll abzuschließen»nd I.icenciado cn Filosotia y Letras(Doktor der Philosophie) zu werden. Ter dichterisch hochbcanlagte Mediziner vernachlässigte aber auch seine philologischen und ästhetischen Sin- dien keineswegs: er trieb Englisch, Französisch, Jta- licnisch. Deutsch, Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Japanisch, namentlich dem klassischen Drama der Japaner widmete er viele Nächte. Darauf begab er sich nach Paris, auch dort allseitige Studien zu treiben, in seinem Berufsfache zog ihn besonders die Augenheilkunde an. Dann ging er nach Deutschland, studirte fleißig in Heidel- berg, Leipzig und Berlin. Hier schrieb er seinen ge- waltige Aufregung verursachenden politischen Roman: Xoli ins tangere(lateinisch, übersetzt: Rühr' mich nicht an). Rizal hatte schon als Schüler seine spanischen und anderen Genossen aufmerksam beobachtet und war zu dem Schlüsse gelangt, daß Talente und Tugenden nicht an die Abstammung gebunden und etwa nur natürliche Vorzüge der herrschenden Nasse seien. Die Geschichte seines heißgeliebten Vater- landes war ihm genau vertraut, auch die der spani- scheu Besitznahme. Von dieser gefährlichen Wissen- schaft ging sehr viel in seinen Roman über, der in allen spanischen Kreisen größte Unzufriedenheit erregte. Gleichwohl erklärt der mit ihm persönlich befreundete Professor Blumentritt: ein Feind Spaniens ist er nie gewesen. Seine Freunde in der Heimath riethcn ihm, nicht wieder dorthin zurückzukehren. Trotzdem kam er 1887 nach Manila, wo ihm freilich der Auf- enthalt unerträglich gemacht wurde, so daß er wieder nach Europa zu gehen beschloß, und zwar über Japan und Nordamerika. Von da fuhr er nach London, wo er im British Museum eifrigen Studien oblag. Das Haupt- crgcbniß derselben war die Neuauflage und gründ- liche erläuternde Bearbeitung eines äußerst selten gewordenen Werkes des 1),-. Antonio Biorga über die Philippinen, daS 1609 in Mexiko erschienen war. Auch in diesem Werke nöthigte die Wahrheit ihn zu Erklärungen und Notizen, die nicht schmeichel- Haft sein konnten für die Spanier, welche außerdem auch noch durch die scharfgeschliffene geistreiche Fassung des Ausdrucks deren Wnth gegen den gehaßten genialen Tagalen noch mehr erhitzte. Nebenher gingen kleinere philologische Arbeiten über die Rechtschreibung, über die Sprichwörter und die Poetik seiner Piuttersprache. Je gediegener diese Arbeiten waren, nm so wüthender wurde die spa- nische Gesellschaft über den tagalische» Patrioten, der ihre Schwächen»nd Sünden so gut kannte. So ists bei den Spaniern, leistet ei» Eingeborener der Kolonien etwas, so muß er für einen curopä- ffchen Spanier zu gelten trachten, am liebsten in Spanien leben. So gelten eine Menge hervorragende Malaien, z. B. der Bialer Juan Lnna, von dem wir auf deutschen Ansstellnngen Bilder sahen, und Andere für europäische Spanier, in den Katalogen und den Zeitungen werden sie einfach als Spanier bezeichnet. Von London ging Rizal nach Paris, Brüssel und Gent, wo er den zweiten seiner Romane: „Fl Filibusterisrno", schrieb, eine Fortsetzung des ersten und in gleichem Geiste und gleicher Tendenz mit diesem. Er erschien 1891. Obwohl nian Rizal wieder ernstlich gewarnt hatte, nicht nach der Heimath zu kommen, konnte dieser der Sehnsucht nach seinen Philippinen nicht ividerstehen. Er wendete sich schriftlich an den G uvcrneur Despnjols und erhielt die Zusage freien Geleites und persönlicher Sicherheit. Vorläufig wartete er in Hongkong, dem Zufluchtsort aller Philippiner, welche mit den Spaniern in Konflikt gcrielhen. Auf Brilisch-Borneo wollte er eine land- wiithschaftliche Kolonie mit tagalische» Landslentcn gründen, zu der man ihm freilich nicht nur nicht förderlich war seitens der Spanier, s.'ndcr» dis Gegentheil. Noch einmal wollte Rizal nach Pianila, um seine Vermögensverhältniffe zu ordnen: Bauer» 304 Die Heue Welt. Illustrirte Änteryaltungsbeilage. anzuwerben, war ihm freilich nicht gestattet, und doch>var es eben seine Absicht, mit Leuten seines Slamnies Versuche im modernen Bodenbctrieb zu machen und ihre Befähigung dazu zu beweisen. Rizal begab sich in die Höhle des Lölven nach Manila. Auf dem Zollamt wurde gemacht, daß man in seinem Gepäck spanienfeindlichc Flugschriften fand. Man kennt ja auch in Deutschland die Rezepte, wie solche Tänschuiigen der hehren Dame Justiz ins Werk geseht werden bei politischen Ten- dcnzprozcssen. Gouverneur Despujols war über den Vertranensbruch des verhaßten Philippiner-Patrioten augenscheinlich höchst sittlich entrüstet: man brachte I>r. Nizal auf die Insel Btindanao und internirte ihn in Dapitan. Er beschäftigte sich hier wie bisher mit all den von ihm beherrschten Wissenschaften. Er richtete eine Augenklinik ein und stellte seine ärztliche Hülfe überhaupt den Armen der Gegend unentgeltlich zur Bersügnng, den Kindern der Armen richtete er zur nnenlgeltlichen Benutzung eine Anstalt nach Fröbel- schen Prinzipien ein, daneben bemühte er sich. Kennt- nisse in dem Betrieb der Landwirihschaft mit den Mitteln einer fortgeschrittenen Technik praktisch nnd theoretisch zu verbreiten. Eine Untersuchnng über das tagalische Zeitwort ging dazwischen hinein. Europäische Gelehrte suchten ihm durch fleißigen Briefwechsel die Verbannnng erträglich zu machen. llebcrall auf seinen Reisen hatte ja der farbige Sohn der Philippinen Freunde und Verehrer ge- Wonnen durch seine erstaunlichen Kenntnisse, die Liebenswürdigkeit seines Benehmens und die Hoch- Herzigkeit seiner Gesinnungen. Vielfach legte man es Rizal nahe, sich ans dem Staube zu machen: er glaubte, und erklärte, sich sein? Freiheit nicht stehlen zu dürfen. Er vergaß, daß es für einen farbigen Unterthan der Spanier ein Verbrechen ist, Genie zu haben, nnd ein noch größeres, sein Volk und sein Vaterland zu lieben; letzteres nennen die Spanier„separati- stische Bestrebungen", was im Spanischen nach so etwas wie Hochverrath, Umsturz und dergleichen schmeckt. Die klerikale und spanische Presse arbeitete unter- dessen mit Hochdruck in der Absicht, den verhaßten Tagalen, der als Philolog, Arzt, Dichter, Ratnr- forscher, Ethnograph, Historiker usw. die Fabel von der Ungleichwerthigkeit der Philippiner mit ihren spanischen Unterdrückern so glänzend widerlegte. Run hatte man ihn einmal in der Gewalt, nnu lechzte man nach Rache an dem unangenehmen Kenner und Vcrküuder so vieler den Spaniern unwillkommener Wahrheit. Drei Kriegsgerichte wurden mit Rizals Sache befaßt,- von Manila ward er nach Spanien, nach Btont«ich bei Bar.elona, gebracht, während er selbst bei Ausbruch des kubanischen Aufstandcs der Regierung seine ärztlichen Dienste angeboten hatte. Fest glaubte und hoffte er, nach Aufklärung der Mißverständnisse, ans dem Schlachtfelde im Dienste der Menschlichkeit arbeiten zu können. Da brach die Empörung in Btanila ans. Während seiner Fahrt nach Europa nahm der Ans- stand immer iveiteren Umfang an, und die wahn- sinnige Anklage, Rizal habe die Verschwörung in Manila angezettelt, wurde von allen Spaniern kol- porlirt nnd nach Rache geschrieen. Auch jetzt hatte Rizal wiederholt Gelegenheit, sich seinen Feinden zu entziehen: er hielt es für ungesetzlich nnd nicht ehrenvoll, dies zu thnn. Vorläufig und zu Anfang war ein Todes- nrthcil nicht zu erzielen, das Kriegsgericht sprach seine Verbannnng nach einer überseeischen Insel aus. Wegen dieser allzngroßen'„Rtenschlichkeit" erhob sich unter den von den Offiziösen nnd den Mönchen sanatistrten Spaniern ein wahres Wuth- geheul. Das dritte über seinen Fall eingesetzte Kriegsgericht sprach das heißcrsehnte TodeSnrtheil aus. Am 30. Dezember>800 wurde der größte Sohn der Philippinen durch spanische Kugeln er- mordet. Die spanische Regierung hat zn ihren unzähligen Greueln und Verbrechen ein neues gefügt. Ein jedenfalls Unschuldiger, dessen Verbrechen einzig darin bestand, daß er so viele Spanier an Geist und Tugend überragte und daß er sein Volk lieble, ist ein Opfer des fanatischen Rassenhasses und der brutalen Unterdrückungssucht geworden. Man hat freilich erklärt, daß die beiden Romane Rizals für die Geschichte der Philippinen von der- selben Bedentnng seien, wie Ronsseaus Werke für Frankreich nnd die französische Revolution. Es ist allerdings wahr, daß die Wissenschaft, die Wahrheit, das Genie aller und jeder Gewalt- Herrschaft gefährlich sind. Darum ist alle Gewalt- Herrschaft ihrem innersten Wesen nach Wissenschafts- und kulturfeindlich und muß es sein. Da aber die nach dem Wahren, Guten und Schönen strebenden Menschen allen egoistischen Ausbeutern nnd herrsch- süchtigen Naturen ein Dorn im Auge, ein lebendiger Protest gegen die Infamien Jener sind, werden sie gefürchtet. In elenden, despotischen Staaten sind darum Talente nnd Tugenden ihren Besitzern ge- fährlich, oft verderblich. Bon der großartigen Vielseitigkeit Rizals giebt Zengniß die Thatsache, daß er auch als feinfühliger Künstler, als Zeichner und Bildhauer sich bethäiigt hat. Sein Biograph Blnmentritt besitzt von ihm drei Statuen ans gebranntem Thon, von denen er sagt, daß sie füglich als Spmbol seines Lebens betrachtet werden können,- dann schildert er die Werke wie folgt:„Die eine stellt den gefesselten Prometheus dar, die zlveite den Sieg des Todes über das Leben, nnd diese Szene ist besonders originell erdacht: ein in eine Mönchskutte gehülltes Skelett schleppt in seinen Armen ein entseeltes junges Mädchen. Die dritte zeigt uns eine weibliche Gestalt, die ans einem Todlenkopf steht und in ihren hocherhobenen Händen eine brennende Fackel hält: es ist der Triumph der Wissenschaft, des Geistes über den Tod." Vor mir liegt ein mit Schreib- Maschine und in spanischer Sprache geschriebener, begeisterter Nekrolog auf Rizal, welcher in Hong- kong entstanden und in vielen Exemplaren unter den zahlreichen Verehrern Rizals und unter seinen philippinischen Landsleuten verbreitet worden ist. Die grenzenlose Verehrung der Philippiner für ihren großen Landsmann, das innigste Mitgefühl mit seinem traurigen Geschick und die schluchzende Klage über seinen Verlust spricht sich darin herz- erschütternd aus. Auch in Europa, wo Rizals Name bei Sprachforschern, Naturgclchrten, Likcrar- Historikern, Aerzten einen guten Klang hatte, haben viele Blätter Nachrufe ehrendster Art gebracht. Im internationalen Archiv für Ethnographie(Band X, Jahrgang 1897) hat Professor Blnmentritt Rizal, den edlen Menschen und Mann der Wissenschaft, vorzüglich auch nach seinen ethnographischen Ver- dicnsten gewürdigt. Nach ihm hat Professor Ratzel ihn in der wissenschaftlichen Beilage der Allgemeinen Zei ung gebührend gewürdigt. Seinem in einer An- nierknng zn seinem Aufsätze ausgesprochenen Wunsche schließen wir uns an: daß es düngend zu wünschen ist. daß der menschlich und wissenschaftlich dem großen Tagalen am nächsten gestandene Professor Blnmentritt aus seinem Schatze von Erinnerungen nnd Briefen ein größeres Lebensbild des merk- würdigen Mannes, vielleicht mit einer Auswahl aus dessen Schriften, entwerfen möge* * Wie wir inzwischen erfahren, wird das demnächst geschehen. Aus hm Fapicrl'.orli l>tr Zeit. Die Dorfparze».(Zu uiiserem Bilde.) Parzen hat der Maler unseres heutigen Bildes scherzhaft die drei alten Frauen genannt, die mit gewichtiger Miene prüfend den kleinen Weltbürger umstehen, de» die junge Mutter var ihnen glückstrahlend ans ihrem Arme hält. Warum Parzen V Je nun, die drei Alte» würden selbst am wenigste» wissen, wie sie zu diesem Namen der griechisch römischen Cchicksalsgöttinnen kommen, nnd doch, ist das, was sie beim Anblick dieses neuen, kleinen Wesens denke», was sie mit bedeutsam erhobenem Zeigefinger einander zuraunen, nicht auch so eine Art Zukunstdeuten, eine Art Lebens- sadenspinnen? Und das war ja der hohe,' heilige Beruf der grie- chischen Kataklothes(Spinnerinnen), der Nornen der nordischen Sage so gut wie der zahlreiche» anderen gcr- manischen Schicksalssranc», wie wir ihnen noch im denk- schen Märchen ans Schritt und Tritt begegnen. Trotz der vielen mächtigen Götter und Göttinnen ist des Menschen Lebe» znlest doch ganz in ihre Hand gegeben, und sie allein sind es, die über sein Schicksal zu beschließen haben. So weit reicht nun freilich die Macht der trei Parzen ans nnscrem Bilde nicht, aber davon dürfen wir über- zeugt sein, daß eine jede von ihnen fest an Das glaubt, was sie unter wichtigem Stirnrnnzel» aus dem Schatz ihrer reichen, alten Erfahrung dcm kleinen Weltbürger als Prophezeiung mit auf den Weg giebt. Ob sie in ihrem Urtheil wohl einig sind, die Trei? Oder welche von ihnen Recht behalten wird? Ja, wenn man das noch erleben könnte! Aber ach, wie lange noch, dann werden sie fein stille in ihrer letzte» engen Kamnicr schlafen, während der Kleine da als ein Man», nnbeküminert um die Weisheit ans Altweiberinund, seinen Weg durchs Leben nehmen wird. Despotisches. Turgenjew berichtet über den Zar Paul, der in der Nacht vom L3. auf den 24. März 1801 von Mörderhänden(blanblütigenl) erwürgt worden ist, in seinen in einer rnssischen Zeitschrist veröffentlichten Aufzeichnungen: Die despotischen Allüren Pauls trugen schon in der erste» Zeit seiner Regierung den Stempel des Cäsarenwahnsinus, der sich alsbald maßlos steigern sollte.— Schon während der letzten Stunden, als Katharina mit dem Tode rang, hegten Alle die Besorgniß, daß man einer Zeit entgegen gehe, da Niemand werde srei athmen können. Die erste Heldenthat der neuen Regierung war ei» erbitterter, schonungsloser Kampf gegen die schlimmsten Feinde des russischen Staates: die runden Hüte, die Fräcke und die Gilets(spr. Schileh— Weste). Zweihundert Polizeisoldaten nnd Dragoner rannten in den Straßen umher nnd rissen allen Vorübergehenden die runden Hüte ab, den Fräcken wurden die Krügen abgeschnitten, die Gilets in Stücke zerrissen. Wer sich wehrte, wurde mit Faust- und Stockschlügen mißhandelt. Ten Schergen war ausdrücklich eingeschärft, rücksichtslos vorzugehen. Anr ersten Tage seiner Regierung ritt Paul an einem hölzernen Theater vorüber, das Katharina hatte erbauen lassen. Er befahl, es niederzureißen, nnd wenige Stunden später war von dem große» Gebäude keine Spur mehr zu er- blicken. Dieser Vorgang gab mir Gelegenheit, zu erkennen, wie weit sich die Macht der russischen Regierung erstrecke. Die Fülle von Verbannung vom Hofe, ans der Haupt- stadt, über die Grenze nnd nach Sibirien wurden so häufig, daß man schließlich kaum noch darauf achtete. Dein rnssischen Gesandten in London wurde der Befehl ertheilt, keinem nach Rußland reisenden Ausländer eine» Paß zn verabfolgen. Bufurli» berichtet, starr vor Entsetzen, es fei alle Einfuhr ausländischer Bücher verboten worden. Bekannt ist, daß Kotzebue in der Absicht, Verwandte in Esthland zu besuchen, unterwegs in brutaler Weise auf- gegriffen und»ach Sibirien geschleppt wurde. Nach seiner Begnadigung erfuhr er, es sei deshalb geschche», weil er — ein Schriftsteller sei. n H; e 1*. Auf Martin M o l s k i. (1751— 1822.)• Eine Ode trägt Molski auf jeder Seite, Für Hcrodes die eine, für Christus die zweite; Doch vorräthig hat er dreihundert im Schrein, Sie dem Antichrist, wenn er ankommt, zu weihn. Wie auch Polens Loose falle», Molski läßt die Leier schallen. • Ter polnische Dichter Molsli war der Mann und Lob- länger aller Kurse und Negierungen in dem Polen seiner Zeil. Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die'Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Herrn G. Macasy, Leipzig, Oststraße U, richten. ?-eriUltu>or>l!cher Ncdoileur- cpuilav Macasy l» Leipzig.— iverl.ig: Hamburger Buchdruclerei und Perlag-?a.is>alt N jci � cto. i» Hamburg.— Druck: Mar Bad ng in Berlin.