0!r. ßO �Slixiflvivic �1 CiricrHalfxm�isbciI a0c« 1897 -kI- K e r b st. Vo» Vrchlickij. IDclk in den Ataub Raschelt das Laub. Leise schlich sich der Herbst herein, .Kam über Nacht im Nebel gegangen, Aänftigt die Tluthen, dämpft das Prangen, Hardt die Blätter mit goldenem Schein Und welk in den Staub Raschelt das Laub. Ich trat aus dem Park. Da waren Keucht die Kcldcr ringsum und leer, Zwischen den Stoppeln wackelten Schaaren Schnatternder Sänse verstreut umher. Kern dort beim Wald, im silbernen Äualine, Sah einen Schnitter allein ich stehn, Sah ihn die letzten goldenen Halme Still mit der Sense niedermähn. Und mir war's, der Mann in der Kerne Sei der Herbst, der eben erschien, Chränen zu gießen in Blumensterne, Spinnwcb um alle Balken zu ziehn. Leise schlich sich der Herbst herein. Blätter und Bänder aus fernen Tagen Zieht er aus der Erinnerung Schrägen, Uber das Herz hat nicht goldenen Schein, Drin fällt das Laub Welk in den Staub. . Auf der Walze. Aus den Papieren eines Fechtdruders. Von F.!1!icbeck. -(Fortsevung 1 pl wonniger Aufregung stürmte ich von bannen; an einer großen Schaufensterscheibe aber hielt ich inne und that, als betrachtete ich die ans- liegenden Maaren; in Wirklichkeit aber wollte ich wich bespiegeln,»in z» schauen, wie ein gefeierter Dichter in Lebensgröße aussieht. Das Bild be- friedigte mich. Im Weiterschreiten bemächtigte sich meiner eine schivere Besorgniß. Wie wird der Meister mich empfangen? Wie wird sich der Kirchendiener für die Hiebe rächen, die er von mir bekommen hat? Ich befürchtete schlimme Dinge, und nur der Gedanke verlieh mir MntH, daß ich einen hochmächligcn Gönner besaß, auf den ich mich in äußerster Roth berufen und zu dem ich flüchten konnte. Ohne ans den Kirchendiener zu stoßen, gelangte ich an die Bodenkammer. Zu meiner Verwunderung war sie versch'ossen. Was hatte das zu bedeuten? Noch nie, so lange ich in Thalungen weilte, hatte der Meister sich uni das Verschließen der Kanuner gekümmert. Zagen Fußes begab ich mich in die Werkstatt. Der Meister trat mir entgegen, packte mich mit nerviger Hand fest an der Brust und fragte: „Kerl, was haben Sie beim Bürgermeister gemacht?" Seine Augen funkelten schrecklich, sein Gesicht war leichenfahl. Ich gab mir die größte Mühe, ruhig und ge- lassen zu erscheinen. „Beim Bürgermeister war ich nicht; beim Herrn Stadtsckrctär." „2Las haben Sie dort zu thun gehabt? Ich bringe Sie um, wenn Sie nicht reden!" Gr griff auch noch mit der anderen Hand zu und schüttelte mich, daß ich glaubte, das Gehirn wackelte mir im Kopfe. Doch ich bewahrte die Fassung und sagte möglichst ruhig:„Wegen des Sedanfesles Hab ich mit ihm gesprochen. Er wollte, daß ich einmal hinkominen sollte." „Sie tvollcn mich belügen, Sie Schnbiak, Sie? Mich belügen? Nicht lebendig unter meinen Händen kommen Sie fort, ivenn Sie nicht sagen, was Sie dort gemacht haben!" Jetzt stielte ich den Entrüsteten, zog meine Ein- ladnngskarte aus der Tasche und hielt sie ihm unter die Nase. Er betrachtete sie und ließ mich los. Dann nahm er die Karte, las sie mit Aufmerksam- keit, und seine Pantherblicke richteten sich forschend nach meinem Gesicht. „Woher kenneu Sic den Herrn Stadtsekretär?" „Seit ich das Gedicht habe drucken lassen, sind wir befreundet miteinander," log ich. Deutlich sah ich, wie sein Zorn sich legte und sein Gesicht den Ausdruck der Verdutztheit annahm. „Wie konnten Sie sich unterstehen, von der Arbeit fortzurennen?" „Man konnte ja nicht arbeiten vor lauter Menschen- trubel. lind ich wollte nur einen Augenblick bei ihm sein; aber er ließ mich nicht los und erzählte mir, daß der ganze Bcanitenverein von meinem Gedicht begeistert sei." „Waren Sie schon im Beamtenverein?" „Nein; ich will übermorgen erst hingehen— zum Scdanfest." Jetzt erschien der Kirchendiener.„Mein Junge sagt, daß er da ist!" rief er beim Eintritt. Als er mich erblickte, kam er mit den Worten: „Da bist Du ja, Du Früchtel!" auf inich'»gestürzt. Der Meister trat rasch dazivischen und ivehrte den gefährlichen Menschen ab.„Lassen Sie ihn nur, ich werde schon allein mit ihm fertig! Er hats zwar auch hinter den Ohren sitzen, aber so schlimm ist er nicht, ivie der Andere." Anscheinend hatte der Kirchendiener Lust vcr- spürt, auch an mir seine Nohheit auszuüben; allein da er gehindert wurde, begnügte er sich, mir mit seine» ungeheuren Fäusten zu drohen und eine derbe Standrede zu halten. Ich solle mich vorsehen, er- klärte er; denn wenn ich auch so ein verkappter „So ins" iväre, ivie der Albert, dann ivürde rnirs noch viel schlimmer ergehen. Er iv llc fortan ans- passen, ob ich die heilige Kirche besuche. „Sehn Sie sich vor!" Mit dieser Drohung rannte er von dannen. Ich bat den Meister um meine Entlassung. „Wieso denn das?" fragte er überrascht.„Ihre Zeit ist doch erst morgen Abend um!" „Ich möchte hent schon aufhören. Man ist ja vor dem Kirchendiener seines Lebens nicht sicher." „Der wird Ihnen nichts thu»! Er hat Ihnen ja die ganze Zeit über nichts gethan. Machen Sie nur flink, daß Sie an die Arbeit kommen! Wir haben jetzt Zeit genug versäumt." Mir fehlte der Muth zu weiterem Widerspruch, und außerdem erschien es mir vernünftig, zum Schluß noch einen vollen Wochenlohn zu verdienen. So nahm ich denn den Schlüssel zur Bodenkammer, ging hinauf und rüstete mich zur Arbeit. „Da sind Sie ja jetzt ein großer Herr geworden!" sagte der Meister, als ich bereits eine geraume Weile an der Hobelbank stand. „Wieso?" „Na, wenn Sie zum Beamtenverein geladen sind!— Das kostet aber doch viel Geld!" „Der Herr Stadtsekretär sagte, mich koste das Vergnügen keinen Pfennig." „Wer bezahlt denn für Sie?" „Wahrscheinlich der Verein." „So, so! Und Alles wegen des Gedichtes?" „Das weiß ich nicht! Aber durch das Gedicht bin ich mit dem Herrn Stadtsekretär befrenndet worden." „Da können Sie lachen!" Das ivar ein Triumph— süß und berauschend! Ich hätte blind sein müssen, um nicht zu sehen, wie ich durch die Einladungskarte, ans die der Stadt- sekretär seinen und meinen Namen geschrieben hatte, in der Achtung des Meisters gestiegen war. Er ivar vollständig verwandelt; solche Artigkeit hatte ich von ihm noch nicht genossen. Sein verändertes Wesen vermochte ich mir aus einem doppelten Grunde zu er- klären. Zunächst galt der Beamtenverein als der vor- »ehmste Verein in Thalungen, und man war gewohnt, eine Einladung zu einer von ihm veranstalteten Fest- lichkeit als eine hohe Ehre zu betrachten; ferner war mir bekannt, daß der Meister einen gewaltigen Re- spekt vor dem Herrn Stadtsekretär besaß, weil durch dessen Hand die städtischen Arbeiten vergeben lvnr- de». Die Stadt war im Begriff, mehrere öffent- 306 Die Acne Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. liche Gebäude zu errichten, und da suchten viele Haudlverksnicister die Gunst des niachtgebictcudcn Sekretärs zu erringen. Auch nieiuein tvteister ge- liistete es nach städtischen Aufträgen, und da es ihm troh aller Mähe nicht gelungen war, von dem Herrn Sekretär beachtet zu werden, niiißte ihn die That- fache, das; sein Gesell nicht nur die Beachtung, sondern sogar die Freundschaft des großen Herrn gefunden halte, mit Bewunderung erfüllen. Vielleicht reute es ihn bereits, daß er mir gekündigt hatte— vielleicht sagte er sich, daß ich ihm hätte nützlich sein können, und vielleicht hegte er den Wunsch, daß ich bei ihm bleibe. Mein fester Wille lvar jedoch, zu wandern; die Lust, noch länger auf dieser„Insel der Glückseligkeit" zu verharren, war mir durch die au Albert verübte Scheußlichkeit gründlich verleidet tvorden. Lieber in der Fremde umkommen, als noch länger in einem solchen Hause zu verweilen! Am Vormittag des Sonnabends brachte eine alte Frau dem Bieistcr einen Brief. Er las ihn und gab ihn dann niir.„Er ist von dem Audiat, den wir gestern'rausbesorgt haben," sprach er.„Lesen Sie, was er über Sie schreibt!" Albert bat in dem Schreiben um Ilcberscndiing seiner Sachen und des ihm zukommenden Lohnes, falls der-Meister nicht gesonnen sei, ihn weiter zu beschäftigen. Er sei kein Sozialdemokrat und er wisse garnicht, weshalb er so schrecklich geschlagen worden sei. Wahrscheinlich sei er von Friedrich ver- klatscht worden, weil dieser gern seine Stellung be- halten möchte. Kein Abend sei vergangen, ohne daß Friedrich auf den Ateister geschimpft habe, und nun sei der Friedrich Ivieder liebes Kind.... Ich las den Brief nicht zu Ende; der hündische Ton flößte mir zu großen Ekel ein, und die Be- schnldignng, ich hätte den Kameraden beim-Meister verklatscht, war so albern, daß sie mich kalt ließ. Tief dagegen berührte mich die Frage, wie es möglich war, daß ich mich in Albert so bodenlos hatte täuschen könuen. Alles hätte ich daran gelvettct, daß er eine durch und durch edelsinnige Natur sei, und nun offen- barte er sich als der giftigste Wurm, der mir jemals begegnet war. Der Haß, den ich nun für ihn empfand, war stark durchsetzt mit Mitleid, und ich wünschte dem armseligen Teufel, daß ihm der Meister gnädig gestatten möge, weiter zu arbeiten und sich auch noch die unbeschädigten Knochen mürbe schlagen zu lassen. Die Weisheitsschlüsse, die ich aus der anfgelvorfeneu Frage zog, gipfelten in der Erkenntniß, daß ich kein Menschenkenner, wohl aber ein erzdmnmer Kerl sei. Der Meister that ihm nicht den Gefallen, ihn in die Werkstatt zurückzurufen; er sandte ihni mit der alten Frau den Koffer und das verdiente Geld nach der Herberge. Hätte der Meister mich gefragt, ob es wahr sei, daß ich öfters ans ihn geschimpft habe— ich wäre in schwere Verlegenheit gcrathen, denn Albert schrieb in diesem Punkte die Wahrheit. Doch er fragte nichr, und so blieb mir eine peinliche Antwort er- spart. Er war noch freundlicher als am vorher- gegangenen Tage; doch berührte mich seine Sucht, liebeiisivürdig zu erscheinen, unangenehm und widerwärtig, da sie mir erkünstelt vorkam. Der Tag verging in Frieden; der ersehnte Feier- abend kani. Am Tische stand der Meister, schnitt das Abendbrot und füllte die Biergläser.„Holen Sie sich Ihre Schnitte!" Noch ein paar kräftige Stöße mit der Säge, dann„spannte" ich sie ab und hing sie an den Nagel, um sie nie ivieder zu berühren. In Eile steckte ich die Hobel, die Feilen, die Stechbcntcl und Stemmeisen in den Zengrahmen und säuberte mit dem„Vorstcnlvisch" die Hobelbank; ein Anflug von Scheideweh winde schnell verscheucht durch die ge- diegeice Butterstulle, die schier doppelt so groß »nd fett gcrathen ivar, als ihre zahlreichen Vor� gängerinncn. Vollkommen gesättigt und mit dem Wohl- behagen eines Nie» scheu, der nur den lieben Gott läßt walte», ging ich zu Bett und dichtete mich rasch in den Schlaf. Am frühen Sonntagmorgen stand ich, zum Ab- schied gerüstet, vor deni Meister.„Sie wollen geh»?" fragte er verwundert. „Die vierzehn Tage sind ja lim?" „Sie können noch acht Tage hier bleiben." Einen Augenblick ivar ich unentschlossen; der Ge- danke an Albert und den Kirchendiener aber verhalf mir zu der rechten Antwort. „Ich möchte heute schon gehen," sprach ich. „Wenn Ihnen acht Tage zu ivenig sind, können Sie auch noch länger da bleiben— meiuetwegeil über den Winter." Beinahe zwei Wochen lang hatte ich mit wahrer Todesbangigkeit den koinnienden Schicksalen entgegen gesehen, und die Vorstellnng, daß ich obdachlos und hungernd werde in der Fremde umherirre» müssen, hatte mich bis in die Träume der Nacht verfolgt und gemartert; nach den geschilderten Vorkommnissen jedoch betrachtete ich die Vogelfreiheit als eine Er- lösung aus nichtswürdiger Sklaverei. Zur rechten Sekunde criiincrte ich mich an alle die Grobheiten »nd Niederträchtigkeiten, die ich erduldet hatte, und ich fühlte es fast als Wohlthal, daß ich den Ateister zu einer Zeit, in der er meine Hülfe am»öthigsteu brauchte, im Stich lassen konnte. Ich schütlclle zu seinem Vorschlag verneineild den Kopf. „Haben Sie anderswo Arbeit angenommen?� forschte er. „Ich will nach Görlitz wandern." „In Görlitz konimen Ihnen die gebratenen Tauben auch nicht in den Mund geflogen. Bleiben Sie lieber hier!" „Nein!" erklärte ich kurz. „Aber Sic sehen doch, daß ich jetzt keinen Ge- sellcn habe und daß die Arbeit drängt!" In mir jubelte die Schadens! ende.„Btan ist hier nicht des Lebens sicher," sprach ich. lieber sein dunkles Wettergesicht ging der Schatten des Uninnthcs.„Der Herr Stadtsekretär hat Ihnen wohl eine Stelle verschafft?" fragte er lauernd. „Nein, ich geh nach Görlitz. Sind Sie so gut und geben Sie mir den Lohn!" „Sie brauchen mich nicht zu mahnen!" entgegnete er grob.„Mich hat noch kein Ntensch mahnen dürfen!" Er holte das Geld herbei und bezahlte. Ich dankte und bat um ein Enllassungszeugniß. „Wollen Sie wirklich?" „Ja, ich will!" „Wenn Sie denken, daß ich Sie bitten werde, täuschen Sie sich!" Er wandte sich kalt ab und ging in sein Zimmer. Nach einer geraumen Weile brachte er das Zeiigniß. Noch ein Dankeswort und dann ein kurzes„Adieu!" „Adieu!" Geschivind schob ich zur Thür hinans inid rannte zur Treppe hinab, beglückt, daß ich ans leichte Weise losgekommen ivar. „Heda, halt!" erscholl es hinter mir drein. Ich hielt i»ne»nd wandte mich zurück. „Wie können Sie denn so fortrennen! Ich Iveiß ja garnicht, was Sie in der Bürde, die Sie da fortschleppen, Alles mitgenonimcn haben!" „Von Ihnen nichts! Ich bin kein Spitzbube!" gab ich zur Antwort und lief, so schnell ich konnte, zum Hause hinans. Wohl erklang seine Stimme nochmals; doch ich verstand nicht, was er sagte lind kümmerte mich nicht dauim. So schied ich von meinem Meister in Thalungcn. Areiundznn'rnzigstos Kapitel. Die Herberge zur Heiniath. Zur Stadt hinans, auf der Ehanssee fort, nnd dann links ab in den Wald! Derselbe Wald, durch den ich gegangen war, als die Feuersbrnnst mich ins Unglück verlockte. Abseits vom Wege, in einer kleinen Lichtung, fand ich einen stillen Lagerplatz. Beschirmt nnd beschützt von hochragenden Tannen und dichtem Untergebüsch, konnte ich meine Kleider und Papiere ordnen, mein Nänzel schnüren nnd die Sonnmgs- toilette vollenden, die einer besonderen Sorgfall be- durfte, da ich ja berufen war, das Sedanfcst des vornehmsten Vereins der Stadt mit meinem Besuche zn beehren; sie fiel, soweit ich das ohne Spiegel beurtheilen konnte, tadellos aus. Die Mittagsglocke ertönte— so licbvcrtraut. nnd doch ganz anders als sonst; viel reiner und klangvoller, viel lauter und feierlicher. Wohl hemmt das finstere Gemäuer enger Gassen den Klang, der zn Lhren dringen will, und wohl bleibt er nnbe- achtet im Lärm und Getöse der Stadt; allein der freie Sohn der Lüfte dringt ungehindert hinaus in freie Weiten, um in seiner cinlönigen und doch so unendlich reichen und vielseitigen Sprache zn jenen Herzen zu reden, die er einsam auf stillen Wegen und Fluren findet. Zu mir sprach er ivehmüthige Worte. Er erzählte mir, daß jetzt der Meister»ach dem„Deutschen Kaiser" gehe, daß es dort Schmorbraten mit Dämpf- kohl nnd Klößen nnd obendrauf Obstkompot gebe, nnd er bedauerte mich, daß ich nicht mirgehen dürfe, sondern fasten müsse. Er sprach von dem gefräßigen Schneider, Ivie dieser sich ärgern werde, daß er nicht mehr Gelegenheit fand, die Hälfte meiner Portion mit zu verschlingen, nnd er meinte, der M'eister werde bei Tisch nicht günstig von mir reden, damit die beiden Schneider glauben sollte», er habe gute Ursache gehabt, mir den Laufpaß zn geben. Eine solche Schlechtigkeit traute ich dem Meister ganz gern zu, nnd ich wünschte daher sehnlich, die Schneider möchten erfahren, daß ich zn dem großen Feste des Beamtenvercins eingeladen worden sei; sie ivürden dann— so sagte ich mir— nicht mit Verachtung, sondern mit Beivundernng an mich zurückdenken. Doch der hierdurch geive.'.te frische Zorn gegen den Meister hielt nicht lange an; das mir erthcilte Entlassnngszengniß übte einen versöhnlichen Einfluß aus. Ich konnte mit diesem Papier aller Welt be- beweisen, daß ich von Anfang März bis Anfang September zu seiner Zufriedenheit bei ihm gearbeitet halte. Hätte er eine üble Gcsinnnng gegen mich gehegt, so iväre das Zengniß gewiß niigünstiger ausgefallen. Vom Hnnger getrieben begab ich mich»ach der Stadt und strebte auf Schleichwegen der„Herberge zur Heimath" zu. Die geraden Wege mied ich des- halb, weil ich meiii schweres Nänzel nnter dem Arni trug; es wäre peinlich gewesen, wenn mich einer der vornehmen Herren, mit denen ich am Abend, gleich- falls als vornehmer Herr, zusammen in Gesellschaft sein sollte, als reiseferligen Walzbruder gesehen hätte. Der Herbergsraum war ein geräumiges Zimmer im eisten Stock, das zugleich eine Schneiderwerkstatt bildete. Zlvei Kunden und der Herbergsvater ivareii anivesend; der Letztere saß wie ein Türke ans seinem Schneideriische und nähte mit einer Emsigkeit, als müsse er bis zum Abend noch Festkleider allseitigen für sänimtliche Mitglieder des Beamtenvercins. Zn meiner Verwunderung kannte er mich, und er fragte mit einem Tone, der mich lief verletzte:„Nu, hat Sie der Meester fortgejagt?" „Ich laß mich nicht fortjagen; ich geh von se'ber, wcnns Zeit ist," sprach ich, und ich fand hinterher, daß mir die Antivort gut gelungen war. Die Herberge nannte sich„christlich", und daß sie es in der That war, davon zeugte ein Stoß frommer Bücher nnd Zeitungen, der auf einem Tische lagerte; hingegen machte der Arbeilsfleiß des Her- bergsvaters am Sonntag Stachmittag einen weniger christlichen Eindruck. Ich bat um Brot und Käse und Bier.„Gleich!" entgegnete der Herbergsvater nnd schneiderte nnver- drossen weiter. Nach einer Weile rief er mir, nach der llhr blickend, spöttisch lachend zu:„Sie werden ja nicht gleich vcrhnilgern! Es ist ja erst drei Uhr nnd noch lange Zeit zum Vespern!" Hätte er nur meinen Hunger besessen, er wäre vielleicht vor Mattigkeit auf seiner Pritsche umge- snnken. Aber ich sagte nichts, denn ich merkte, daß er in der Arbeit nicht gestört sein wollte. Die beiden Kunden nnterhielten sich im Flüstcr- tone; meine Versuche, ein Gespräch mit ihnen anzn- knüpfen, scheiterten kläglich. Slnf meine Frage, ob Einer von ihnen nach Görlitz reise, erhielt ich den beleidigenden Bescheid:„Nee, nach Bit tehude!" Der Herbergsvater brach i» ein widerliches Lache» ans»nd rief mir schadenfroh zu:„So gehts Einem, wenn man neugierig ist!" Dieser christliche Ton berührte mich äußerst un- angenehm,>vie überhau t die ganze Atmosphäre der Herberge, und ich hätte am liebsten die Flucht Die Neue lüclt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 307 ergrifft». Dcch ich wußte sonst keine» Ort, an dein ich für billiges Geld»bcrnachte» konnte, und so Ivar ich zum Bleiben gezlvnngen. Die beiden Kunden gingen mit dem Bemerken fort, daß sie einen Spazier- gang machen wollien, und das veranlaßte mich, ihrem Beispiel zu folgen. Das Ranzel gab ich in die£bl»it des Herbergsvaters. Frische Lust! Welch ein Heil, daß ich dem dninpfen Bau des christlichen Schneiders entronnen bin! Tie Bäcker- und Fleischerläden stehen offen— ich kann meinen Hunger stillen. Dann ins Feld hin- aus bis zuni Abend! Tie Sonne ivar bereits gesunken, als ich in die Herberge zurückkehrte. Auf der Treppe begegnete ich dem Herbergsvater; er bekundete solche Eile, daß er mich beinahe inngerannt hätte. Tie Bürde ans seinem Arme vcrrieih, daß er einen nene» Anzug forttrug. Meinen Gruß erwiderte er nicht. Das HerVergszimmer war nun mit reisenden Handiverlsb»! scheu nahezu gefüllt. Ich war erstaunt, so viele Kunden in Thalungen zu sehen. Die Herbergsniuttcr, eine kleine, stille Frau, führte die Regierung. Sie stand in einem engen Rebengclaß, das als Küche dieiien mochle, an einem mit Gß- und Trinkwaaren bcladenen Tische, und wer speisen ivvllte, mußte hineingehen und kaufen. Ich verzichtete darauf, denn ich hatte mich draußen schon gesättigt. Der„Vater" blieb nicht lange aus. Er zeigte bei feinem Eintritt ein sehr vergnügtes Gesicht,»nisterte die Gesellschaft und rief heiter:„Das hat Schweiß gekost'l! Heut Abend is'n großes Fest vom Beamten- verein, wo's piksein zngchn wird, und da Hab ich schuften müssen, um fertig zu werden!" Wenn er nur gewußt hätte, daß ich als Ehren- gast, persönlich geladen vom Herrn Stadtsekretär, an diesem pikfeinen Feste theiliiehmen würde! Ich nahm mir vor, es ihm zu sagen; er sollte alle Achtung vor mir bekommen. Ich verlor ihn ein paar Minuten lang aus den Augen und ivar sehr überrascht, als er plötzlich an meiner Seite erschien und mir Käse, Brot und Bier hinstellte.„Sie hätten sichs längst holen können! Wir haben nicht innner Zeit, daß wirs den Leuten zutragen," sprach er vorivurfsroll. „Ich habe ja nichts bestellt!" rief ich vollBer- wnnderung. „Sie haben doch Käsebrot und Bier bei mir bestellt!" sprach er scharf in einem Tone, als hätte ich den Vorwurf des Meineides gegen ihn erhoben. „Das war Nachmittags...." „Na, sehe» Sie! Ich merke mir Alles ganz genau. Jetzt wirds Ihnen auch besser schmecken als vorhin, direkt aufs Mittagessen... Bei uns wird bald bezahlt; es ist hier nicht, wie im Wirthshanse." „Aber ich habe ja schon Abendbrot gegessen!" „Bei uns nicht; das müßte sonst meine Frau wissen. Das ist auch egal— Sie hätten das Käse- brot abbestellen müssen, wenn Sie es nicht wollten." Ich verzichtete, noch länger gegen diese Logik an- znkämpftn, und zog es lieber vor, meine Reisekapita- lien unnütz in Angriff zu nehmen, so dringend sie auch der Schonung bedurften. Aber jetzt, Bruder, sollst Du etwas erleben, dachte ich, und zog rasch meine Einladungskarte aus der Tasche. Jetzt sollst du staunend erfahren, wen du vor dir hast, du armseliger, unverschämter Schneider! „Heut Abend werde ich ivohl ein wenig zu spät nach Hause kommen," begann ich;„wie lange ist die Herberge geöffnet?" „Punkt Zehn wird geschlossen! Wer da nicht drin ist, bleibt draußen!" rief er grob.„Wo wollen Sie sich denn herumtreiben?" Ich frohlockte im Stillen. Dir will ich jetzt anftrumpfenl „Sie wissen doch," sprach ich,„daß wir heut unser Sedanfest feiern, im Beamteuvercin nämlich. Ter Herr Stadlsekretär hat mich gebeten...." „Machen Sie dort Bedienung?" Die Röthe der Scham und Empörung schoß mir zu Kopf— ich fühlte es deutlich. „Ich— Bedienung?" fragte ich, die Rolle des Schwergekränkten spielend.„Hier sehen Sie doch die Einladungskarte an! Vom Herrn Stadtsekretär unterschrieben." „Es wird, glaub ich, ein Theaterstück anfge- führt," sagte er leichthin;„da werden Sie wahr- scheinlich das Zeug, was da gebraucht wird, müssen ausbauen helfen. Lassen Sie sichs nur gut bezahlen, aber wenn Sie nicht vor Zehn hier sind, bleiben Sie draußen!" Mit ein paar echten Schmidersprüngeu war er in der Küche, und mir war zu Muthe, wie einem Heldendarsteller, dem statt des Lorbeerkranzes ein fauler Apfel an die Nase geffogcn ist. O, dieftr Barbarismus unter der Menschheit! Hätte der Mann einen Funken Bildung besessen, so hätte er das berühmte Eisenbahngedicht aus dem Stadtblatt und auch dessen Verfasser gekannt, und dann hätte er sich denken können, daß ich nicht als Bedienter, sondern als gefeierter Dichter an dem Feste theiliiehmen werde. Ich verzehrte mein Käsebrot und mein Bier; doch jeder Bissen und jeder Schluck ivar mit Bitterniß gemischt.... Daß es so schlimm stand mit der Bildung in Thalnngcn, Hütte ich nicht gedacht. Aber weshalb sollte ich mich über cineii dnmmcn Schneider ärgern, da mir doch ein großer Triumph bevorstand! Ich malte mir im Geiste ans, wie die Herren Beamten mich herzlich begrüßen, wie sie sich freuen und mich feiern würden— mich, den Dichter, der dafür eintrat, daß Thalungen die von allen Behörden ersehnte Eisenbahn bekommen sollte... Durchglüht von solchen leuchtenden Gefühlen, säuberte ich verstohlen meine Geivandung und machte mich ans den Weg. Von der Straße ans sah ich, daß der Saal des„Schwarzen Adler" im Lichterglanz erstrahlte. Zögernden Fußes trat ich ein und stieg langsam die Treppe hinauf, fuhr aber erschrocken zurück, als ich oben im Flur vor der Saalthür ein großes Durch- einander von feingeklcideten Nienschen sah. Die Frauen prangten in hellen Gewändern, und ich zweifelte keinen Augenblick, daß Alles au ihnen Seide und Samnit und Gold war; die Männer trugen schivar�e Fräcke, Zylinder und.Handschuhe. Trübselig und tief gedemüthigt schlich ich hinab auf die Straße; ich fühlte, daß ich es nicht wagen dürfe, in solcher anserlesenen Gesellschaft zu er- scheinen. Mein Anzug ivar doch gewiß neu und schön und theuer— aber was bedeutete er einem schwarzen Frack gegenüber! lind ich hatte weder Zylinder, noch Handschuhe.... „Weshalb bist du denn den ganzen Tag in Thalungen geblieben!" klang es mir ivehevoll im Herzen, während ich wie närrisch um den Nkarkt lief. Schon drei oder vier Bteileii konntest du gewandert sein! Nun hast du eine Bienge Geld ver- than, nun mußt du dem elenden Schneider noch das Nachtquartier bezahlen und hast nichls dafür gewonnen, als schweren Aerger und Gram! Ach, wie ist das ganze Leben so schaurig und traurig— übrigens ein hübscher Reim, aus dem sich ein Ge- dicht machen läßt....Alle Ntenscheu sind glücklich; alle tragen die Nase hoch, und selbst die größten Dummköpfe bilden sich ein, daß sie wichtige Per- sollen seien. Jeder hält sich für ein Licht ans dunklem Wege, und du, der du in Wirtlichkeit ein solches Licht bist und, lveiin es mit rechten Dingen zuginge, schon ein ganzes Bische» unsterblich sein müßtest— du wirst so oft ausgelacht, so oft verhöhnt und be- leidigt. Du bist so freundlich zu allen Leuten und meinst es so gut mit ihnen, und dich mag Keiner leiden. Du bist ein Verstoßener, und immer, wenn du glaubst, daß du Freunde, oder Achtung, oder Anerkennung gefundeu hast, mußt du bald wie ein begossener Narr abtrotten. Denke nur an die Tha- lunger Tischlergeselleu!(Fons-tzung s°ig!.) Gaeiano Donizetti. Ein Gedenkblatt zur Feier der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages. Von Adolf Lnbnow. Polnische Hxrüchivörter. Daß ein Versprechen gehalten werde, Mußt Du reiten auf schnellem Pferde. Spricht das Geld, Schweigt die Welt. Wunder der Welt Schafft das Geld. Für kleine Diebe ist der Strick, Vor großen beugt man das Genick. ni 25. September werden es hundert Jahre, seit einer der seinerzeit gefeiertsten und noch hcnle gekanntesten Opernkompoiiisten Italiens, Gaetano Donizetti, in Bergamo das Licht der Welt ei blickte. Bereits seit vielen Wochen rüstet man sich im Vatcrlande des Tondichters, das ja seine Kunstsiege im Auslände fast ausschließlich der Musik verdankt, die Feier aufs Glänzendste zu begehen und zu einem nationalen Festtage anszngestalten; in Bergamo wird eine besondere Douizetti-Ansstcllnng eingerichtet, die bei ihrer außerordentlichen Reichhaltigkeit nicht nur eine iinendliche Fülle von den auf das Leben und Schaffen des Tondichters bezüglichen Gedenkzeichen umfassen, sondern einen Ileberblick über das gesammte Musilleben seiner Zeit geben wird. Auch in Deutschland wird dieser Gedenktag nicht spurlos vorübergehen. So schrn f, ja gehässig sich auch die deutsche Kritik über die Donizettische Kunst seit den Erstaufführungen seiner Opern auf deutschem Boden ansgcsprochcn hat, so ist sich doch die Vor- liebe des dentschcn Pnblikunis für den Komponisten gleich geblieben. Drei seiner Opern,„Lu ia von Lammermoor",„Die Negimcnlstochtcr" und der „Liebcstrank", gehören zum eisernen Repertrir nn- screr meisten Opernbühnen, und mehrere andere Opern, wie der„Don Pas..uale" und„Lukrezia Borgia", tauchen wenigstens sporakisch auf dem Spielplan unserer Bühnen auf und vermögen bei guter Be- setznng ihrer Hauptrollen— am besten durch italienische Sänger— immer noch eine starke Wir- knng auszuüben. Die Popularität einer langen Reilie Tonizettischer Melodien in Teutschland ist bei- spiellos. Wir vermögen fast kein Programm einer Stadt- oder Ntilitärkapelle zur Hand zu uehnien, ohne nicht einer Donizcttischen Ouverlnre oder einem Lperufinale zu bcgcgncu; jede Klavierschule, jedes innsikalische Jugendalbnm bringt ein halbes Dutzend Tonizettischer Melodie»; jeder Leierkasten dudelt das „Zittre, Byzanz", ans„Belisar", die Barkarole ans dem„Liebcstrank", oder die Sterbe-Arie ans der„Ln.ia". Den ffharakter der deutschen Liedkvm- Position hat Donizettis weiche, geschmeidige Melodik Jahrzehnte hindurch beeinflußt. Es verlohnt sich daher ivohl, ein ivenig auf das Leben und Kunst- schaffen des italienischen Tondichters einzngcheu. Gactano Donizetti erlernte die Anfangsgründe der Musik ans dem Lyceum seiner Vaterstadt. Seine Familie wollte ihn zuerst■3111» Juristen, später zum Maler ansbildcn, doch entschied sich der junge Toni- zetli schon früh für die Musik. Seine ersten Kompositionen sind kirchlichen Charakters und lassen den strenge», ernsten Stil der Schule Simon Mahrs erkennen, doch vermochte sich der junge Komponist nicht lange den Verlocknngen, die die Opernkompo- sition gerade in Italien auf den Musiker ausübt, zu entziehen. Bereits im Jahre 1819 brachte er seine erste Oper:„Heinrich von Burgund" auf dem Theater St. Luka in Venedig zur Anfführnng, ohne damit einen sonderlichen Erfolg zu erzielen. Auch unter den neunzehn folgenden Opern, die er in den zehn folgenden Jahren für die Opernbühnen in Rom, Neapel und Palermo schrieb, fand sich kein Treffer. Erst mit dem 1828 in Neapel anfgeführten„Verbannten von Rom" und namentlich mit der 1831 für die Mailänder Bühne geschriebenen„Anna von Boleyn" erzielte der Komponist zivei unbestrittene Erfolge. Unter den in den drei folgenden Jahren geschriebenen Opern befinden sich mehrere Haupt- werke des Komponisten, ivie„Der Liebestrank" (1832),„Lukrezia Borgia"(1834),„Ln.ia von Lammermoor"(1835) und„Belisar"(1836). Im Jahre 1834 wurde Donizetti zum lMaostro di capclla und Konipositionslehrer am Konservatorinm der Musik in Neapel ernannt; 1835 wurde er für Zingarelli stellvertretender Direktor des Konservato- rinms in derselben Stadt und nach dem Tode Zin- garellis im Jahre 1838 dessen Nachfolger. In den Jahren 1840 und 1841 schrieb Donizetti für die 308 Pnriser Oper die kölnische Oper„Die Negimeuts- tochter" und die tragische„Die Favoritin". Beide Opern erreichten fast den glänzenden Erfolg des Rosfinischen„Dell" und der Bteperbeerschen„Huge- notteu". Für Wien koinponirte Donizetti 1841 die mit dem größten Beifall anfgenommene Oper:„Linda von Ehamonnir"; im gleichen Jahre wurde er vom österreichischen Kaiser zum Hofkapellmeister ernannt. Der Erfolg der im Jahre 1843 gleichfalls für Wien geschriebenen Opern„Don Pasgnale" und „Maria von Rohan" übertraf fast noch den der „Linda". Der>844 in der Pariser Oper erstmalig aufgeführte„Don Sebastian" sollte Donizettis letztes Werk sein; infolge seiner übergroßen Anstrengungen und wohl auch eines zügellosen Lebenswandels ver- fiel der Koinponist im Jahre>845 in Wahnsinn, ans dem ihn erst am 8. April 1848 in seiner Baterstadt der Tod erlöste. Donizetti hat im Ganzen nicht weniger als zwei- undsechzig Opern komponirt. Schmi diese fast unge- henerliche Zahl läßt unschwer einen Schluß auf den Charakter der Donizettischen Koinpositionsweise und den künstlerischen Werth der großen Mehrzahl seiner Opern ziehen. Wenn auch Donizetti mit einer geradezu fabelhaften Leichtigkeit koinponirte und arbeitete mehrere seiner Partituren soll er in iveniger als dreißig Stunden instrumcnlirt haben—, so ist doch bei einer derartigen beispiellosen Fruchtbarkeit jeder Gedanke an eine vollendete, künstlerische Ausarbeitung seiner Werke abzuweisen. Nicht Übel charaklerisirt Felix Mendelssohn-Bartholdy in einem seiner 1832 an seine Ellern gerichteten Nciscbriefe die Doni- zettische Schaffenstveise:„Donizetti macht eine Oper in zehn Tagen fertig: sie wird ausgezischt, aber das thnt garnichts; denn er bekommt dafür bezahlt und kann wieder spazieren gehen. Sollte aber seine Re- pntaiion endlich gefährdet werden, so würde er wieder zn viel arbeiten müssen und das wäre nnbegnem. Darum schreibt er einmal eine Oper in drei Wochen, giebt sich zu ein paar Stückchen Mühe, damit sie recht gefallen, und kann wieder eine Weile spazieren gehen und schlecht schreiben!" Um dem Kunstcharakter der Donizettischen wie überhaupt der älteren italienischen Oper gerecht zn werden, dürfen wir indeß nicht von dem freilich nahe genug liegenden Vergleich oer südländischen Oper mit unseren deutschen Musikdramen ausgehen. Die Oper nimmt im italienischen Knnstlcben eine gänzlich verschiedene Stellung ein als das Musik- drama im unserigen. Dem Italiener ist die Opern- bühne weit mehr Vergiiügnngsstätte denn Knnsttenipel; er erwartet von der Aufführung nicht Erhebung und Erbauung, sondern lediglich Ergötzung und Kurzweil. Die Gestalten der älteren italienischen Oper waren für das italienische Publikum nicht Menschen von Fleisch und Blut, an deren Lieben und Leiden es regen Antheil nahm, sondern in ein buntes Kostüm gesteckte Säuger und Sängerinnen, von denen es nur schönen, angenehmen Gesang ertvartete. Ueberaus charakteristisch ist der Ausruf eines Galleriebesnchers bei der Erstanfführung der Rvssinischen nach dem gleichnamigen Shakespeareschen Trauerspiel gearbei- teten Oper„Othello":„Großer Gott, der Tenor ermordet ja die Primadonna!" Das Verlangen der Italiener nach mnhelosem, nngezwuiigeneiii Genuß in der Oper ging in älterer Zeit so iveit, daß man gar keine tragischen Ereignisse mehr auf der Bühne sehe» mochte, weil die Vorführung dieser das Ver- gniigen und die gute Laniie störte; nach der Erst- nufführung der eben genannten Rossinischen Oper setzte es das Neapelcr Publikum durch, daß die aus der Tragödie hernbergenommcne Schlußkatastrophe be- seitigt wurde; Othello iveckte seine Gattin, ließ sie feierlichst ihre Unschuld beschwören, und feierte mit ihr in einem aus irgend einer anderen Nossimscheii Oper entnommenen Walzerduett Versöhnung! Donizettis erste Erfolge fallen in die Zeit des sinkenden Ruhmes Rossinis und der Blüthezeit der Bellinischen Opernkompositi». Man ist heute leicht geneigt, den künstlerischen Werth der Kompositionen beider Tondichter zu unterschätzen und den„italieni- schen Singsang und Klingklang" in Grund und Boden zu verdammen. Ties hieße jedoch die hohe Bedeutnng Rossinis und Bellinis für die Enttvickelnng der italienischen wie der gesammten niodernen Oper völlig verkennen. Die italienische Oper befand sich zur Zeit des plötzlichen, rauschenden Erfolges des Rossinischen„Tankred" in einer Periode völligen Stillstandes und der Erschlaffung. Die Werke der älteren italienischen Komponisten, wie die Paers, Päsicllos, tvareii allmälig von den Bühnen ver- schwunden; man war ihrer süßen, flüssigen, aber doch indifferenten und im Grunde herzlich lang- weiligen Melodik längst überdrüssig ge>vorden. Tie größten italienischen Opernkomponisten um die Wende des Jahrhunderts, Spontini und Cherubini, hatten ihre glänzendsten Erfolge im Auslände geerntet und mit ihrem.Kunstschaffen nie recht ans italienischem Boden Fuß fassen können. Beide waren auch zn sehr von deutschen klassischen Muster»— Chernbini von Mozart, Spontini von Gluck— beeinstnßt, als daß sie die volle Anerkennung und den Beifall des auf die Betonung des nationalen Elements gerade in der Musik so überaus eifersüchligcn Italieners hätten finden lönnen. Rossini war es vorbehalten, die italienische Oper, die gänzlich erstarrt und baldigem lintergange geiveiht zu sein schien, noch einmal zn neuem, blühendem Leben zn erivecken und mit dem raschen Sicgesznge seiner Opern durch alle Länder der zivilisirten Welt das Andenken an die glänzende Zeit der unbestrittenen musikalischen Wellherrschaft der italienischen Kunst heraufzubeschwören. So ver- blaßt und dürftig uns heute auch die Farben des Rossinischen„Tankred" oder„Othello" erscheinen mögen— wir dürfen nicht vergessen, daß sie, gegen die damalige ogera seria gehalten, doch einen ge- ivaltigcn Fortschritt bedeuten, lind Rossinis komische Opern üben noch heute durch ihre ungezwungene Grazie und köstlichen Humor dieselbe bestrickende Wirkung ans wie vor achtzig Jahren. Der viel- gerügte Mangel Rossinis an dramatischem Ausdruck vcrschivindet bei deni Vergleich seiner Partituren mit denen seiner Vorgänger fast gänzlich; sogar in jedem Akte seines geschmähten und in jeder Musikgeschichte als warnendes Beispiel aufgestellten„Othello" pnl- sirt mehr frisches, dramatisches Leben, als in sämmt- lichcn Opernpartitnren Paers. Das Ueberwnchern der Koloratur in Rossinis Opern erklärt sich aus dem Bestreben des Komponisten, dem argen Unfug der Sänger und Sängerinnen, jede Melodie durch eigene, erfundene Schnörkel und Triller zu entstellen, durch feste Fixirnng der Gesangsvcrzierungen ein Ende zu machen. Ebenso bedeutet die Bellinische Oper einen er- heblichen Fortschritt iiber die in den ersten Jahr- zehnten unseres Jahrhunderts in Italien übliche Opernkomposition hinaus. War auch das der Bellini- schen Rkelodik zugewiesene Ausdrncksgebict nur klein und eng begrenzt, so hat doch der Komponist inner- halb der ihm vorgeschriebenen Schranken Toinverke von hoher Ursprünglichkeit und bleibendem Werth zu schaffen geivnßt. Gerade nach deutschen Begriffen ist Bellinis Melodik bei aller Weichlichkeit und Sen- timentalität doch nichts iveniger als unwahr, und daß sein Hauptwerk, die„Norma", auch im dramatischen Ausdruck zu den besten der zeitgenössischen Opern zählte, hat selbst der junge Wagner rück- haltslos eingestanden. Als der junge Donizetti mit seinem„Liebes- trank" sein erstes bleibendes Werk schuf, konnten die mnsikalischen Verhältnisse Italiens dem jungen, strebenden Talente nicht günstiger sein. Italiens größter dramatischer Komponist, Rossini, schwieg bereits seit drei Jahren, seit dem rauschenden Erfolge seines„Tell", seines reifsten und abgeklärtesten Werkes. Sein großer Rivale Bellini rüstete sich be- reits zur Reise nach Frankreichs Hauptstadt, ans der er nicht wieder in seine Heimath zurückkehren sollte; schon im Jahre 1835 raffte der Tod den erst dreiunddreißigjährigen Künstler dahin. Die anderen dramatischen Tondichter Italiens lvaren Sterne dritten und vierten Ranges; Pacinis bedeutendste Werke entfielen zudem schon in die zwanzigcr Jahre, von Menadantcs Opern gefielen sich die einen zn sehr in einer gehaltlosen und langweiligen Berwässerung des Rossinischen Stiles, tvährend die anderen dem italienischen Publikum wegen ihrer angeblichen allzu großen Anklänge an deutsche klassische Muster mißfielen. Donizettis erste Opern, namentlich das Werk, mit dem er zum ersten Male größeres Aussehen erregte, die„Anna von Boleyn", zeigen ihn freilich noch vollständig im Banne Rossinis. Doch ist von der Kraft und Gluth, der üppigen, mclodi- schen Erfindungsgabe des Pesarcsers in diesen Parti- turen herzlich lvemg zu verspüren; mit um so größerer Treue sind ihm seine Schwächen und Mängel, die lärmende und doch wieder eintönige, schablonenhafte Jnstrnmentirnng, das Vorherrschen der Bravourarie, die geringe dramatische Charakteristik abgelauscht. Daneben macht sich der Einfluß des jungen Bellini geltend. Erst von dem„Liebestrank" an zeigt die Piuse Donizettis ihr eigenes Gesicht. Der„Liebes- trank" ist die erste der Donizettischen Opern, die noch heute ans dem Repertoir unserer Opernbühnen erscheinen; neben Rossinis sechzehn Jahre vorher er- schienenem„Barbier" darf er als die populärste, wie künstlerisch werthvollste komische italienische Oper ange- sehen werden. Freilich fließen die melodischen Ouellsu Donizettis nicht so reichlich wie die seines großen Nebenbuhlers, sein Humor ist nicht so originell und wirksam, doch weiß Donizetti in den Szenen senti- mentalen Charakters weit rührendere und zn Herzen sprechendere Töne zn finden als Rossini, der Sitnationen, in denen ein reines, tiefes Gefühl zu Worte kommen soll, entweder aus dem Wege geht oder, wo er sie schlechterdings nicht vermeiden kann, wie in dem Duett zwischen Almaviva und Rosina im„Barbier", sich mit einigen inhaltsleeren, nichtssagenden Floskeln behilft. Dagegen zählt die Oes-äur-Arie Nemorinos im„Liebestrank" mit ihrer edlen, einfachen Sentimentalität zu den schönsten Eingebungen des Komponisten. Schon an dieser Stelle mögen, um die komischen Opern Donizettis im Zusammenhange zu besprechen, einige Worte über die beiden anderen komischen Opern des Tondichters, die an ihrer Lebenskraft bis heute nichts eingebüßt haben, hier ihren Platz finden. Ilneiiigeschränktester Beliebtheit erfreut sich immer noch die„Regimentstochter", und dieses gleicher Weise bei dem Publikum, dessen Geschmack an der flotten, glücklich erfundenen Handlung und der immer frischen, geistvollen Melodik»och immer seine Rech- nung findet, bei den Sängern, denen die gerade in dieser Oper so dankbare und leichte Schreibart des Tondichters Gelegenheit zu wohlfeilen Triumphen bietet, und endlich bei den Thealcrdircktorcn, denen die leicht zn inszenirende, nur zivei Stunden andauernde Oper als tvillkommenster Lückenbüßer er- scheint. Donizetti hat die„Regimentstochter" für ein französisches Publikum geschrieben; es erscheint wunderbar, mit welcher genialen Leichtigkeit der Komponist alle charakteristischen Eigenschaften der französischen Oper, in der gerade in jenen Jahren das nationale Element durch Boicldieu und Auber zu stärkerer Geltung gelangt war, in den Dienst seines geschmeidigen Talents gestellt hat, ohne dabei den Vollblntitaliener zu verleugnen. Die liebenswürdige Grazie, die leichte Beweglichkeit, die kecke, flotte Rhythmik der französischen Musik finden sich in der Partitur nicht minder, wie der holde Mclodienschmelz, die naive Sentimentalität, das üppige, vollsastige Schwelgen im klanglichen Wohllaut der italienischen Tonkunst. Trotzdem macht die Oper nirgends den Eindruck des Zusammengestückelten und Erkünstelten, sondern erscheint harmonisch und ans einem Guß geformt. Die dritte komische Oper Donizettis, der„Don Pasgnale", trägt wieder rein national-italienischeu Charakter. Das Textbuch, das sich der Maestro mit geschickter Hand selbst zusammengestellt hat, zeigt einige Verwandtschaft mit dem Rossinischen„Barbier von Sevilla". Eine junge Witttve, Norina, die sich von zwei Freiern, dem hübschen, jungen Ernesto, und dem alten Hagestolzen Ton Pas uale, umworben sieht, weiß dem Letzteren, nachdem sie ihm einige Hoffnung gemacht hat, die Ehe mit ihr als eine solche Hölle darzustellen, daß er jeden Gedanken an eine Verehclichnng aufgiebt und in die Heirath Norinas mit Ernesto— seinem Reffen— einwilligt. So karg und dürftig die auf drei Akte verthcilte, übrigens durchaus nicht ungeschickt aufgebaute Handlung er- scheint, so ab>vechselnngsreich und reizvoll ist die Musik 310 Die Neue Welt. ZUustrirte Nnterhaltungsbeilage. dnzn. Leider setzt das Wersche» zn einer volleudete», stilczerechte» Ausführung italienische Sänger und Sängerinnen voraus! das schnelle Tempo des gerade im„Don Pas.Mle" einen breiten Z'anin cinneh- inenden reciiaiivo seeeo(nur vom Streich nartett begleiteten Nezitatirs) kann bei einer Anfführnng in dentschcr Sprache unmöglich innegehalten werden. Auch ivetteifern die Partien der Norina und des Don Pasguale in der Häusling vokaler Schwierig- leiten mit jenen des Almaviva nnd der Rosina im „Barbier". Von den tragischen Opern Doni.ettis charakterisirt die„Lukre ia Vorgia" am besten die Domzettische Kunst. Das italienische Publikum, dem noch im zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhnnder.s der veroperte Shakespearesche„Othello" z» tiel des Ermisigeii und Nervenerregenden erhalten hatte, ivar in iveniger als zwei kurzen Jahrzehnten ein anderes geworden.„Tragische Stoffe", so heißt es in einer älteren, anonhnien Charakteristik der Donizetlischcn Oper,„waren vorherrschend geworden; Gist nnd Dolch durften nicht fehlen, Martern aller Art waren zum Hanptthenia geworden, nnd die Neigung dafür erhielt sich im Auslände noch länger als in Deutsch- land. Dazivischen mußten sinnliche Anregungen der Liebe nnd des Weines den Hörer unterhalten. Daß dadurch das Großartige zurückgedrängt nnd in heftige, äußere Reize und Schrecken, die einander ablösen, umgewandelt werden mußte, liegt klar am Tage. Der bunte Wechsel des Grausigen mit dem stark Sinnlichen, den der Inhalt der Fabel erstrebte, konnte nicht ohne Einfluß ans die Musik bleiben." Mit der Häusling von Jiistrninentationscffekten war es unmöglich, dem Graus utid Schrecken der Handlung mnsikalischcn Ausdruck zu verleihen; alle Kunstgriffe einer ebenso prunkenden, rauschenden, effektvollen als freilich im Grunde genonimen ebenso überaus durstigen, armseligett Jnstruiiientirnng hatte bereits Rossini erschöpft. So mußte man denn nach anderweiten Reizmitteln greifen und fand solche in der französischen Harmonik, die namentlich Anber in seinem Hauptwerk,„Tie Stumme ron Portsti", durch manche kühne, neue Akkordsolge bereichert hatte. Doch war auch die Melodik Donizettis seit seiner„Anna von Boleyn" und mancher früheren Oper, in denen die Rührseligkeit und Weichheit Bellinis noch überboten erscheint, mit der fast aus- schließlichen Bevorzugung schrecklicher und grausiger Opernstosse bunter und greller geworden. Die Melodien der„Lnkrczia Borgia" erscheinen im Vcr- gleich zu Donizettis früheren Kompositionen nnd namentlich zur Rossinischen nnd Bellinischen Melodik zwar weniger edel und bestrickend, aber dafür um so lebhafter, farbiger, charakteristischer. Die„Lnkrezia Borgia" scheint zu jenen Werken zu gehören, die das Kunstschaffen Verdis in seiner ersten nnd zweiten Periode endgültig beeinflußt haben; in ihr finden sich bereits alle jene Eigenschaften im Keime vor, die die Verlische Oper vom„Rebukadnezar" bis zum „Maskenball" charakterisiren: die rücksichtslose Aus- benlnng der Singstinnne z» den gröbsten, aber packend- sten vokalen Effekten, die Bevorzugung von manchen Taiizrhhthinen bei dem musikalischen Ausdruck ge- wisser öfiers wiederkehrender dramatischer Situationen, die jäh hervorlodernde, brutale musikalische Leidenschaftlichkeit, die freche, aber doch oft einer geivissen Bravonr nicht entbehrende Bei Wendung des überreichlich besetzten Orchesters, namentlich des Blas- nnd Schlaglörpers, zu den rvhesten Rta'cneffekten. Sanfter und abgeklärter, aber darum nicht leiden- schaftsloser, erscheint die Donizettische Kunst in seiner populärsten tragischen Oper, der nach dem be- kannten Seottschen Roman geschriebenen„Lucia von Lammermoor". Ein wenig von der Sanft- mnth nnd Resignation der stillen Dulderin Ln ia scheint auch in die Melodik der Oper übergegangen zn sein; sogar in der berühmten Wahnsinnsszene. die freilich als dramatisches Gesangsstück belanglos ist, als eine der vollendetste» italienischen Bravourarien aber noch lange Freunde und Bewunderer finden wird, girren und kosen die Bielodien>vie verliebte Schäfer. Ein Seitenstück zur„Lu ia" ist die gleichfalls heute noch nicht vergessene„Linda von Ehaniounir", doch geht der edle, elegische Ton, der über der erst- genannten Oper wie ein zarter Hauch liegt, in der „Linda" vielfach in eine langweilige, marklose Scn- timentalität über. Auch vermag sich das Teptbnch mit dem zur„Lu.ia" nicht zn messen, das doch, trotz des plumpen und ungeschickten Aufbaues der dramatischen Handlung, manchen schönen und fesseln- den Zug aus dem Scottschen Roman herübergerettet hat, und zumal durch die sympathische Figur der Titclheldin steter Antheilnahme sicher ist. Donizettis für Paris geschriebene„Favoritin", in der der Tondichter deutsche musikalisch-dramatische Vorbilder und die französische große Oper zn einem Ganzen znsammenznschweißeii versucht hat, findet Riehl nicht mit Unrecht iniponirend langiveilig. Rur der vierte Akt, in dem Donizctli wieder sein Talent für den musikalischen Ausdruck enipstndsamer, elegischer Sitna- tionen aufs Glänzendste zu entfalten weiß, vermag heute noch ein tieferes Interesse zu erwecken. Lebhaftes Bedanern verdient, daß die für Wien geschriebene„Maria von Rohan" längst gänzlich vergessen ist. Wenn die„Rcgimentstochter" als glückliche Verschmelzung des italienischen und fraii- zösischen Stils im Rahmen der komischen Oper noch heute immer»cne Triumphe feiert, so veroicnt die tragische Oper„Maria von Rohan", in der der Tondichter deutsche und italienische Kunstprinz'pien mit ebensoviel Geschick wie Erfolg zu ve. einigen gewußt hat, ein gleiches Loos. Donizctli hat in der O; er, die das Lockroy nnd Badonsche Tranerspiel „Ein Duell unter Richelieu" zum Vorwurf hat, seine früheren Unarten und schlechten Eigenschaften fast gänzlich abgestreift nnd dafür ein Werk ge- schaffen, das sich nicht minder durch Schönheit nnd Atel der Rtelodik, als durch dramatische Schlag- fcrtigkeit und weise Beschränkung in der Verwendung der Singstimmen und Instrumente auszeichnet. Na- mentlich der dritte Akt zählt zu dem Schönsten, ivas die gesammte neuere italienische Oper geschaffen hat. „Don Sebastian", Donizettis letztes Werk, trägt alle Spuren der nahenden Geistcszerrüttung an sich. Alle Schwächen und Fehler des Kompo- nisten erscheinen in arger Verzerrung tvie in einem Hohlspiegel. Nur der Trauermarsch im dritten Akte reiht sich neben das Beste, was Dvnizetti geschaffen. Zum Schluß möge noch mit einigen Worten ans den Gesamnitcharnkter des Donizettische» Kunst- schaffens eingegangen tverden. Donizetti gehört nicht zn den führenden Geistern im Reiche der Touknilst: er hat weder die Musik um nene Ausdrucksgebiete bereichert, noch im Rahmen der ihm überkommenen musikalischen Formen Kunstgebilde von kraftvoller Eigenart und hohem künstlerischen Werth geschaffen. Ein Zwiespalt zieht sich durch sein gesammtcs Zcha en: ans der einen Seite das Streben, sich selbst zu übertreffen. Kühnes, Neues zn erzengen, ans der anderen Seite das Unverinögen, die überlieferte Schablone der alten italienischen Sirtiiosenoper bei Seite zn legen und sich eigene Wege zn bahnen. So bemerkensiverthe Anläufe der Komponist auch mehrfach nimmt, seiner vorwärts strebenden Individualität freien Lauf zn lasse», für seine oft genug so originellen, reizvollen, sich ans der dramatischen Sitna- tion ungezwungen ergelenden lMelodien die entsprechende musikalisch dramatische Einkleidung zu finden — er vermag sich nach dem Erkliinmen einer ge- tvissen Höhe nicht auf ihr zu erhalten nnd sinkt auf das alte, niedrige Niveau herab. Das Sertett im ziveiten Akte der„Ln ia ron Lammermoor" bildet nach dem Adel nnd Ausdruck seiner Melodien, seiner krastvollen dramatischen Steigerung, einen musikalisch- dramatischen Höhepunkt der Handlung, hin den der Komponist höchsten Lobes würdig wäre; leider leimt er an dieses prachtrolle Ensemblestück ein Finale in leierndem Sech?achlel-Takt, das auf den Hörer tvie eine kalte Douche wirkt nnd die hochgespannten Er- loartungcn tvieder ans das niedrige Niveau der italienischen Dutzend- und Alltageoper zurückschraubt. Auch manche der Don'zetlischeu Jnstrumentalwerke, tvie die Ouvertüren zur„Linda von Chainounix" und zur„Bkaria von Rohan", lassen in ihren ersten Theilen das Beste erwarte», bis der Komponist, tvie von eu.etu bösen Dämon getrieben, den Faden der Ausarbeitung und Ausnutzung seiner piacht- vollen uiusikalischen Gedanken plötzlich abreißt, und was cr eben noch Gutes geschaffen, in den lärmenden Tanz- oder Marschrhpthmen des blcchgcpanzcrten Orchesters versinken läßt. Donizetti hat sich auf fast allen Gebieten der Opernprodllktion der Reihe nach versucht: er hat komische ltnd tragische, bürgerliche nnd.Heldenopern geschrieben, er hat sich die deutsche und französische Stilart dicnsibar zu machen versucht, er hat mit allen Schreibarren und Ausdrucksformen ans mnsi- kalisch-dramatischem Gebiete zu kokettiren gewußt— und doch verdankt ihm die moderne Oper keine Er- rungcnschaft von bleibendem Werthe. Wenn trotz- dem cine stattliche Reihe von seinen Werken noch heute auf lliiseren Spielplänen erscheint— Werke, die einer Kunst angehören, deren Eizengnisse wie die keiner anderen schnell ivelken nnd vom Sturm- hauch des stets tvechsclnden Zeitgeschmacks geknickt werden— so beweist dies, daß doch ein göttlicher Funke das Schaffen des Vielgeschmähten beseelen mußte, lind diese Eigenschaft, die uns immer von Neuem mit der Kunst des Italieners aussöhnt, so Vieles uns auch mit Recht daran veraltet nnd Werth- los erscheinen mag, ist ihre blühende, sinnlich-schönc Melodik, wie sie namentlich in den Sologesängen nnd den kleineren, mehrstimmigen Gesäugen eine so rührende und beredte Sprache zu uns führt. Als Großes, Ganzes, als Kunstwerk ist die ältere ita- lie.nsche Oper längst dem lintergange geweiht; sie war bereits verschieden, bevor noch Wagner seine vernichtenden Streiche gegen sie führte, aber so lange unsere Ohren für den Schtnelz und Wohllaut ein- fachcr, ungekünstelter Melodik empfänglich sein werden, tverden auch die Weisen des liederrcichen Ber- gamasken ihren Weg zum Herzen finden. Mag auch der Griffel der Zeit noch nianche der heute noch lebenden Opern des Koinponisten vom Repertoire unserer Opernbühnen streichen— unzählige seiner Melodien werden nach wie vor das Echo harmloser Freude und sanfter Schwcrmnth in jeder fühlenden Brust wecken. Mt Zenkerin dts Koötspitrrl'. Nach geschichtlichen Quelle». Von Heinrich Lee. (Fort sehung.)--- tie Tribünen applandirtcn. Ans einer Bank saß die Marquise von Fontenay. Znni � dritten Male erkannte sie ihn. Auch die Marcnise klatschte in die ivcißen Hände. Sie schwärmte für die Freiheit. Einige Zeit vorher hatte der Marquis ans seinem Schlosse den Mit- gliedern der Rationalvcrsaminlnng ein Nachtfest ge- geben. Mirabean, Cham fort, Vcrgniand, Robes- pierre nnd Camille Desmoulins erschienen. Man speiste bei Bkiisik und Nachtigallengesang im Park. Ein plötzlicher Windstoß stürzte die Tafel um nnd riß Robespierre die Perrücke vom Kopf. Die Bkar- qnise galt für die Göttin des Festes. Die„Königin" des Festes— das sagte man bereits nicht mehr. ** * Ein Jahr später ging Tallien als Kommissarins nach Bordcanp, nni diese Stadt, die sich gegen den Berg empörte, zn züchtigen. Die Guillotine von Bordeaur arbeitete.„Das Beil wird nicht eher ruhen," schrieb Tallien an den Konvent,„als bis alle Schuldigen ihr Verbrechen gebüßt haben." Sein Gericht tvar beschäftigt, die Berathung über einen Angeklagten durfte nicht länger als fünf Minuten dauern. Ter Berg war mit seinem Komniissarins zufrieden. In demselben Sommer verließen auch der Marquis von Fontenay und seine Gemahlin Paris, um nach Bordeaux nnd von dort mit dem Schiff nach Spanien zu flüchten. Tie Marquise ging nur unwillig. Sie tvar mnthig, sie fürchtete nicht die Gefahr; vielmehr fand ihr abeiitenerlichcr Geist daran Gefallen. Sie liebte ihren Mann nicht mehr, denn jetzt, in der Stunde der Prüfung, zeigte er sich als Feigling. Die Beziehungen des MarqniS z» Baröre nnd Barras, den ehemaligen Gästen seines Salons, hatten ihn bisher beschützt, aber das»ene Gesetz gegen die Verdäch igen trieb den letzten Adel aiiS der Bannmeile von Paris. Wohlbehalten kamen der Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 311 Marquis und die Marquise nach Bordeaux. Am Tage ihrer Aiikmift lag im Hasen von Bordeaux ein englisches Fahrzeug mit dreihundert Passagieren, Aristokraten und Noyalisteu. An dem Fahrpreise, den der Kapitän verlangte und zn dem die Passagiere Alles gaben,>vas sie hatten, fehlten noch dreitausend Franken. Die Marquise trifft in Bordeaux ihren £iikel und erfährt das von ihm. Sogleich ivirft sie sich, ohne ans die Warnung ihres Onkels und ihres Btannes zn höre», in einen Wagen, sucht den Kapitän auf und giebt ihm das Geld. Der Kapitän will ihr eine Onittmig geben.„Nein," sagte die Marquise,„geben Sie mir lieber ein Per- zeichniß Ihrer Passagiere." Der Kapitän schreibt der Marquise in aller Gile zlvanzig der vornehmsten Namen auf, geht nach dem Hafen und erzählt den Voifall. Giuige Jakobiner hören ihn, dringen ans ihn ein und wollen ihn zur Guillotine schleppe». Der Kapitän zieht ein Pistol, verwundet drei, flieht ans das Schiff und sticht mit den dreihundert Passa- gieren in See. Wüthend suchen die Perivnndcten jeht nach der Frau. Der Kapitän sagte, sie war schön. Indessen ging die Nlarquise mit ihrem Onkel Gabarrns und zwei anderen Herrn, heimlichen Giro»- disten, ans dem Theaterplah spazieren und sprach von ihrer bevorstehenden Abreise. Da stürzt der Hanfe auf sie zu.„Das ist sie," schreit er,„die hat die Aristokraten gerettet!" Ein Theil jagt ihre Begleiter die Straffe hinunter, der andere umringt sie und packt sie. Die Mar. uise bleibt ruhig; an ihrem Hut trägt sie die grüne Kokarde der Resolution. „Was wollen Sie von mir?" sagt sie,„ich bin keine Feindin des Volkes. Sie sehen meine Kokarde, ich bin eine Patriotin."„Die List!" brüllt das Volk. Die Marquise merkt, daß sie verrnthen ist. Ein Patron ivill ihr das Mieder abreißen. Blut- roth stößt ihn die Marquise zurück. Darauf zieht sie selbst den Zettel mit dem Berzeichniß hervor. „Hier ist sie," ruft die Marqmse,„wenn Ihr sie habe» wollt, so müßt Ihr mich tödten!" Mit diesen Worten steckt die Blarquise den Zettel in den Blnnd und zerbeißt ihn mit ihren Zähnen. Das Volk brüllt auf. Da kommt Taflien über den Platz. Ans einen Wink seiner Hand weicht die Menge zurück. Er erkennt die Nlar.nise nicht wieder. Er erfährt den Sachverhalt und spricht:„Wenn diese Frau schuldig ist, so gehört sie der Justiz. Ich hoffe. Ihr seid zn großmüthig, einen entivaffncten Feind noch zu mißhandeln, zumal eiuc Frau." In diesem Augenblick erscheint ein Trupp Gendarmen La ombe, der Präsident des Revolutionsgerichts von Bordeaux, hat den Vorfall erfahren und läßt die Mar nise suchen. Die Gendarmen ergreifen die Mar nise und führen sie ins Gefänguiß. Auch ihr Gemahl, der Marquis, wird gefaßt und in Gelvahr- sam gebracht. Eine Stunde später begiebt sich Tallien ins Gefängniß und befiehlt dein Schließer, daß die Gefangene ihm vorgeführt werde. Die Marquise erscheint. Einige Augenblicke stehen sich Beide gegen- über. Tallien ein Mann von vicrundzwanzig, die Nlarquise eine Frau von zwanzig. Tallien deutet ans einen Stuhl, die Nlarquise und er nehmen Platz. „Sie erkennen mich?" fragt die Nlarquise.„Ja, Bürgerin," ertvidert Tallien,„wieso sind Sie in Bordeaux?"„Weil in Paris Alles ins Gefängniß kommt, sogar die Rcpi blikaner, denn ich bin auch Republikanerin."„Wir sind nicht blind," entgegnete Tallien sanfter,„wir bekriegen nur die Feinde der Republik."„Dann ist das Gefängniß blind," lächelt die Marquise,„denn hier und in Paris schinachten die Republikaner in Fesseln."„Wessen sind Sie angeklagt, Bürgerin?" fährt Tallien fort.„Wahr- scheinlich tvcgen alles Möglichen," spottet die Mar- qnise,„weil es nichts giebt, was man mir vor- toerfen kann."„Ich habe gehört, Sie wollten mit dem gewesenen Nlar uis von Fontenah auswandern?" „Auswandeln? Das ist mir nicht eingefallen. Wir wollten nach Spanien. DoiD ist mein Vater." Der Schließer wartet indessen, um die Gefangene wieder nach ihrer Zelle zn bringen. Mit mißtrauischen Augen wacht der Terrorisniiis, auch über den Pro- konsul von Bordeaux. Finsteren Blickes, mit ge- rimzelter Stirn spricht Talticn:„Gut, Bürgerin, ich will vcraiilasscn, daß Ihr Prozeß so schnell wie möglich an das Tribunal kommt. Ist der Bürger Fontenah nnschuldig, so lvcrden auch Sie es sein. Dann können Sie Ihren Vater in Madrid immerhin besuchen." Die Mar piise schreit ans.„Großer Gott! Ich komme vor das Tribunal! Ich, die Tochter eines Grafen, die Frau eines Marquis, mit einer solchen Hand, die nie gearbeitet hat, die nur einmal Charpie gezupft hat für die Verwundeten des zehnten August! Dann bin ich schon verurtheilt. Mit einer solchen Hand!" Mit dieser ihrer Hand berührt sie die Talliens. Tallien zittert.„Sie thnn Unrecht daran, Bürgerin," erwiderte er,„an der Gerechtigkeit unseres Tribunals zn ziveifeln. Wir haben es nicht errichtet, um zu morden, wir haben es errichtet, nm die Republik zu schlitze» nnd die lln'chuld ausfindig zu machen." Das Pathos, selbst im Gespräch, war Mode geworden. Auch gab der Prokonsnl eine Wochenschrift heraus, den„Bürger- freund"; er schrieb nnd sprach im rhetorischen Stil. — Tallien wendet sich jetzt an den Schließer mit einem Auftrag nnd schickt ihn fort. Er ist mit der Gefangenen allein nnd erfaßt ihre Hand.„Wir sind keine Tyrannen," sagt er zärtlich.„Ich nehme an," erwidert die Marquise,„daß, wer mit solcher Bercdtsainkeit den.Bürgerfreund schreibt, daß der auch der Freund der Bürgerinnen ist. O, lassen Sie mich nicht vor diesem verhaßten Tribunal er- scheinen."„Unmöglich, Frankreich beobachtet mich. Berriethe ich meine Pflicht um einer so schönen Frau tvie Sie, so würde mich Robespicrre zerschmettern." „Sie tödten also, weil Sie Furcht haben, getödtet zn werden?"„Was verlangen Sie?"„Sie wissen es, die Freiheit."„Ich iveiß es."„Auch die Frei- heit meines Mannes."„Aber Sie lieben ihn nicht" „In diesem Augenblick bin ich sein Weib."„Aber wenn er schuldig ist und Sie nicht?"„Ich ivill schuldig sein."„Nun, Madame, in unseren Zeiten opfert sich eine Bürgerin nicht mehr ihrem Gatten, sondern der Nation. Wenn ich Ihnen die Freiheit verschaffe, so stelle ich eine Bedingnug. Werden Sie die Egcria des Berges, wie die Roland die der Girondc war."„Ich kenne keinen Berg und keine Gironde, ich kenne nur das Volk, ich liebe es nnd diene ihm. Geben Sie mir ein härenes Kleid nnd ich will in die Hospitäler gehen und die kranken Jakobiner Pflegen."„Als barmherzige Schwester? Nicht übel!" Tallien ergreift ihre Hand nnd führt sie an die Lippen. Dann spricht er:„Nein, Ihre Ausgabe soll größer sein. Ans die Tribüne sollen Sie steigen und allen Denen, die für die Republik noch nicht entflammt sind, das heilige Feuer ein- hanchen. Ich schüre schon den Flamnienbrand Ihrer Rede" Tallien tritt an seine Gefangene dicht heran. „?lbgemacht," sagt die Marquise,„Bürger, nicht wahr? Wir reisen noch heute Abend nach Spanien ab nnd Sie werden niemals wieder etwas von mir hören." Talliens Gesicht verändert sich, er lächelt spöttisch und frostig.„Ich sehe mit Vergnügen, Bürgerin," entgegnete er,„daß, wenn Sie einmal zur Macht gelangen, Sie sehr gnädig sein werden." „Ich möchte auch nur die Nlacht für die Gnade. Ich aber verlange keine Gnade von Ihnen, nur Gerechtigkeit."„Die Gerechtigkeit ist die Sache des Volkes," ertvidert Tallien kalt. Die Marquise blickt ihn stumm einen Augenblick an, dann lächelt sie holdselig.„Es ist wahr, ich täuschte mich. Die Gerechtigkeit wäre auch zu laugsam, die Gnade aber ist schnell! O Gnade! Gnade!" Mit diesen Worten fällt die Marquise dem Prokonsul zu Füßen und umschlingt mit ihren Armen seine Knie. Tallien beugt sich zu ihr hinab, zieht sie empor und drückt sie an seine Brust.„Stehen Sie ans, Nkadanie," flüstert er,„ich setze meinen Kopf aufs Spiel, aber was thnts, Sie sind frei!" In diesem Augenblick ertönt Geräusch, der Schließer tritt ein.„Adieu, Bürgerin," sagt Tallien wieder mit seinein strengen Gesicht,„ich begebe mich sofort zum Eomit.! nnd werde dort den Jrrthnm aufklären, dessen Opfer Sie geworden sind." Der Schließer führte die Nlarquise in die Zelle zurück. Darauf schrieb er dann an Nobes- pierre folgende Zeilen:„Alles verräth die Republik. Der Bürger Tallien begnadigt die Aristokraten." »-l- * Am folgenden Tage wurde der Marquis ans dem Gefängniß entlassen nnd floh nach Spanien. Um seine Gattin kümmerte er sich nicht, die Mar- qnise blieb in Bordeaux. Sie saß im Kabinet des Prokonsuls, dessen Geliebte sie jetzt war, prüfte die täglich eingehenden Listen der Gefangenen und strich die Namen, die ihr darunter gefielen, ans. Sie weinte, daß sie nicht Alle ausstreichen konnte. Tallien war ihr Skla e. Auch die beiden anderen Koni- missarien, Lacombe nnd Isabean, beherrschte sie. Bordeaux athnicte ans. Eine Frau, Therezia Ea- barrns, nicht mehr die Marquise von Fontenay, hielt das Beil der Guillotine in Ruh. Wo sich Tallien mit Therezia zeigte, im Theater, ans den öffentlichen Festen, im Wagen, jubelte das Volk ihm zu. Therezia trug die neue Mode, das griechische Kleid; durch die dnf.igen Falten schimmerten ihre schönen Glieder. Sie war wie eine Göttin der Barmherzigkeit und der Freiheit. Zuweilen begab sich Therezia in die Klubs, ans dem aufgelösten Haar einen Hut mit einem Federbnsch in den Farben der Trikolore, und hielt Vorträge über die Republik, die Freiheit und die Milde. Tallien Ivar in Bor- deanx der Herr über Leben und Tod, aber Therezia Eabarrus war seine Herrin und mit ihm beteten sie an die Geretteten nnd Befreiten. Tallien tvohnte am Platz, wo das Schaffot stand. Therezia empfand ein Granen vor dem Gerüst. Eines Tages sagte sie zu ihm:„Ich komme nicht mehr in Ihr Hans." „Gut," erividerte Tallien,„so werde ich in Ihres ziehen."„Nein," sagte Therezia, ich werde noch kommen. Nicht Sie sollen von hier fort, sondern die Guillotine." � � * Im Anfang des Jahres 17!M berief Nobcs- pierrc, von seinen Spionen über das Benehmen des Prokonsuls fortdauernd unterrichtet, Tallien zurück nach Paris. Mit Tallien kam Therezia Eabarrus. Therezia war seit einiger Zeit von dem Marquis geschieden. Am SS. März wurde Tallien, nnnmehr ein Fünfundzwanzigjähriger, Präsident des Konvents. Vierzehn Tage später, am 5. April, dem Tage der Vernrtheilung Dantons und Camilles Desmonlins, legte er den Vorsitz bereits nieder. Am 24. April hielt Therezia im Konvent eine Rede.„Wehe den Frauen," sprach sie,„die die schöne Bestimmung, zn der sie ansersehen sind, verkennen und die, um sich von ihren Pflichten zn befreien, den falschen Ehrgeiz haben, die Pflichten des Mannes zu übernehmen, die die Vorzüge ihres Geschlechtes so ver- lieren und die Vorzüge des Mannes doch nicht er- reichen. Aber wäre es für sie nicht ebenso schlimm, tvenn sie, gehindert an der Ausübung der bürger- lichen Rechte, sich so in ihrem Vaterlande als Fremde betrachten sollten? In einer Republik muß Jeder Republikaner sein. Ob Bürger oder Bürgerin, Keiner darf sich, wer Ehre hat, von dem Dienst des Vater- laiides ausschließe». Gestaltet, Ihr Gesetzgeber hier, daß meine Schwestern von ihren Bestimmungen und Pflichten durch meinen Mund jetzt sprechen, daß sie Euch sagen, wie ungeduldig sie tvarten, von Euch im Namen des Vaterlandes endlich dazu berufen zu werden. Ihre Hoffnung ist, daß Ihr ihnen eine Stelle im öffentlichen Unterrichtswcscn einräumen werdet. Unzählige ihrer kleinen Gcschlcchtsgcnossinncn hat das Schicksal der mütterlichen Obhut beraubt. Vertraut sie ihnen an, ihren sanften Händen, ihrer freundlichen Stimme. Wer soll sie Scham nnd Sitt- samkeit lehren, wenn nicht eine Frau? Die Znflnchts- stätte der Verlassenen, der Unglücklichen, die Hänser der Waisen und Kranken... Da ruft die Frauen hinein. Hier ist die wahre Schule des Weibes, des heranlvachsenden Akädchcns. Hier lernt es seine Pflichten gegen die Kinder, die es selbst einst haben wird. Reiner nnd herrlicher tvird es sich entfalten, geläutert durch verklärliche Barmherzigkeit. Die Männer sind zu großen Thaten bestimmt, zn den Thaten der Kraft Aber den Kranken und Ver- lassenen klingt ihre Stimme rauh. Das Wort der Frau ist sanft und zart nnd tröstet. Wir stehen im Zeitalter der Freiheit nnd der heiligen Vater- landslicbe. Hört, Bürgerdepntirte,»m was wir Euch bitten. Befehlt, daß alle jungen Mädchen, ehe sie sich verhcirathen, in die Armenhäuser, in die äiä Die Neue N)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Spitiilcr und in die Waisenhäuser gehen, uni sich dort eine Zeit lang in den Tugenden zn üben, die die Gesellschaft berechtigt ist, von ihnen jii verlangen. Und wie viel Bortheile wird die Gesellschaft von einer solchen Einrichtung genießen. Wer kann er- messen, welche Folgen dem allgemeinen Wohl daraus entsprießen werden? Die Frauen und die Sitten werden sich veredeln. Die Spitäler, ihres häßlichen Namens entkleidet, werden Tempel der Nienschenliebe sein. Am Bette des Sterbenden wird ihr Engel stehen, nicht mehr das Granen. Biirgerdeputirte, ich habe gesprochen. Ihr habt uns den Namen Bürgerin gegeben. Laßt llns so nicht blos heißen, laßt es uns auch sein. Alle, selbst die Greise, ge- nießen den ehrenvollen Borzug, als Wächter vor dem friedlichen Hanse des Bürgers zn stehen. Als Wächter steigen sie ans die Mauer, um nach den Gefahren auszuschauen, die unsere Brüder bedrohen. Auch meine Schwestern wollen Wächter sein. Bürger- deputirte, die so zn Euch spricht, ist jung, erst ein- nndzlvanzig Jahr, sie ist Mutter, sie ist nicht nichr vcrheirathet. Ihr ganzer Ehrgeiz, ihr ganzes Glück würde es sein, sich als eine der Ersten diesen thenren Pflichten tvidmen zu dürfen. Hört ihren glühenden Wunsch und«verde er durch Euch der Wunsch von ganz Frankreich!" So sprach Therezia Eabarrns, einst die ver- götterte Königin der Salons, der Feste und der Mode. Die Bersammlung vcrwnnderte sich nicht. Sie verivunderte sich über garnichts mehr. Bei- fällig nahm sie den Antrag auf und verlvies ihn an eine Kommission. In dieser Bersammlung saß auch Robespierre. Er haßte Tallien. Tallien«var groß geivorden und der Diktator«var eifersüchtig. Einen Schlag gegen ihn«vagte er nicht, denn noch murrte das Bolk über die Hinrichtung Dantons. Aber er erkannte an dem Verhaßten ein tödtliche Stelle. Einige Tage später unterzeichnete das Verhafts-Comitä, bestehend aus Nobespierre, Billaud-Barennes, Callot-d'Hcrbois und Barere, folgenden Befehl:„Die sogenannte Cabar- rns, Tochter eines spanischen Bankiers und Frau des sogenannten Fontenay, ist sofort zn verhaften. An ihre Papiere sind die Siegel zn legen." Ans ihrem Schloß zu Fontenay, mitten in der Nacht, lvnrde Therezia von den Emissären Nobes- picrres gefangen genommen. Bist ihr eine Kammer- fran und ein Bedienter. Man brachte sie in das Gefängniß de la Force. Therezia kam in eine Einzel- zelle, ein schlvarzes, vergittertes Loch mit einem Bündel feuchten Strohs. Grcße Spinnen krochen darüber und hinter den Wänden hörte Therezia die Seufzer ihrer Genossen. Am nächsten Tage vernahm Tallien das Ge- schehene. Ziellos durchirrte er die Ehainps Elysocs. In der Ferne folgte ihm ein Mann. Das war ein Spion Robespierres. Gegen Abend schlich er sich vor die Force. Aber an keinen« Fenster erscheint die Gestalt der Geliebten. Therezia blieb im Gefängniß. Eines Abends öffnete der Schließer die Thür und erlaubte ihr, im Hofe spazieren zu gehen. Diese Gunst«vnrde in der Force den Untersuchungsgefangencn sonst nicht zn Thcil. Es«var schon dunkel. Plötzlich fiel zu den Füßen Therezias ein Stein. Sie hob ihn auf. An den Stein«var est« Zettel gebunden. Aber nirgends «var ein Licht. Sie kehrte in ihre Zelle zrirück und dnrchlvachte die Nacht, bis der Morgen graute. Auf dem Zettel standen folgende Zeilen:„Ich«vachc über Sie. Jeden Abend um nenn Uhr«verde«« Sie in« Hof spazieren gehen. Ich bin in Ihrer Nähe." Es waren Druckbuchstabe», aber Therezia kannte den Schreiber. Fiebernd fragte sie den Schließer, als er ihr das Frühstück brachte, gekochte Bohnen und Schivarzbrvt,»ach der Uhr. Der Schließer legte, «vie auf alle ihre Fragen, stumm den Finger an den Mund. Acht Abende lang hintereinander erging sich Therezia im Hof. Tallien hatte in der Nachbar- schaft ein Zimnicr gemiethet. Dort saß er niid verzehrte sich vor Grimm, Liebe und Schmerz. Bon dort ans«varf er seine Stcinchen. Seine Mutter «var ihin behülflich geivesen. Sie hatte sich zu dem Schließer der Force begeben und ihn flehei«tlich ge- beten, der Gefangenen eine Stunde frische Luft zn gönnen, sie«väre leidend und müßte sonst ersticken. Der Schließer hatte ein mitleidiges Weib und der Gefangenen lvnrde die Wohlthat bewilligt. Aber die Spione des Diktators erfuhren, daß Tallien in der Nähe der Force ein Zimmer bezogen hatte. In der Force erschien ein Emissär und führte die Gefangene Äuli h\\ Wtrkork iicr Zeit. Auf der Fährte.(Zu unserem Bilde.) Schon seit drei Togen sind sie auf der Spur des kühne» Flüchtlings, der sich als Kausinann in das Kosakeulager eingeschlichen und sich schnell die Freundschaft der Steppenreirer, die Gunst der Offiziere zu criverbe» geivußt hatte, um dann plötzlich des Nachts zu verschwinden. Nach der türkischen Grenze hin führte seine Spur; lange haben die beiden Kosaken, die der Hetman sofort zur Verfolgung des flüchtigen Spions ansgesandt, mit den Unbilden der Witterung und der rauhen, umvegsame» Steppe kämpfen müssen, bis sie heute endlich dem Entflohenen auf«venige Werst nahe gekommen sind. Wehe den« Unglücklichen, «venu er lebend in die Hände seiner Verfolger fällt! Eine düstere SNordlust blitzt aus den Augen der beiden Krieger; sie«verde«« das beleidigte heilige Rußland an de«n Ungläubigen, der sich ui«ter der Larve des Freundes in ihr Vertrauen gestohlen, zu rächen«vissen. Ein langes Theaterstück. Im Jahre 1409«vnrde von der niederen Geistlichkeit Londons ein Schauspiel ausgeführt,«velches„Die Schöpfung der Welt" hieß und nicht«veniger als vierzig Akte hatte; die Aufsührung nahin volle acht Tage in Anspruch. Dhineslsche Neisheii. Der Mond«vacht bei Nacht, der Hahn hat sein Amt des Morgens,«vie kann man ein Mensch heißen, wenn man nicht ftndirt? Der Seidenwurin spinnt Seide, die Biene erzengt Honig, der Mensch ist«veniger als diese Thiere, wen«« er nicht ftndirt.— Besser ein Hund in Friede», als ein Mensch in Ge- sctzlosigkeit. Ter Edelstein«vird nicht ohne Reibung polirt, noch der Mensch ohne Prüfung vervollkomuliiet. 6 Auf die Frage wegen des Znstandes nach de«» Tode antiv ortete Kong-«u-tse(Confncius), der im sechsten Jahr- hundert vor Christi lebende Weise des hiniinlische» Reiches: „Ich kenne das Leben noch nicht,«vie sollte ich vom Tode«vissen?" Ei» a«idercr Lobsängcr der alten und Bußprediger i«i«d U«iheilvcr!m>der der neue» Zeit erklärt: Herrlich ist es«vohl zn schauen, Wie«vir unser«« Ahnen bauen Schöne Grabdenkmale; Sorglich auch beivahreu«vir Kunst und Wissenschaften Zier Gleich des Himmels Strahle. Alles haben«vir erspäht, Auch zur tiefsten Tiefe geht Unsers Ge stes Forschen; Dennoch ist uns angesagt, Daß de««« Reich ein Morgen tagt, Wo es«vird vermorschen. Denn a«i innerem Gehalt, An des Geistes Urgeivalt Fehlt es»usrem Können; Wie der Has auch zierlich springt, Endlich es de««« Hund gelingt Nieder ihn zu rennen. Ich lieg i«« schiverem Tranme Bon nichts als Fahr(— Gefahr) und Roth. Ich schiveb ans einem Baume, Der stets zu brechen droht; Ill«d nnteu rnigsu««« wache» Mit ausgesperrte««! Rache» Die Tiger und die Drachen, lind«venu ich falle, fall ich in de«« Tod. O könnt ich doch erivachen Als«vie aus einem Traum, ans dieser Zeiten Roth. aus ihrer Zelle nach dem Karmeliterkloster. Ties, jetzt ein Gefängniß, lag an einem alten Garten. Die Zelle, in die der Kerkermeister die Gefangene brachte,«var schon von zivci anderen Fraiiei« besetzt, der Herzogin von Aignillon und einer Frau Josephine Tascher, Witllve des bei der Nheiiiarince gefallcncn Generals Grafen Beancharmais. An den Wänden der Zelle klebte noch das Blut der Seplcmbermorde, auch die Spuren der Pikenstiche und der Säbelhiebe wäre«« noch sichtbar. In einem Winkel, ans ciuen« Hansen Stroh, lag eine Matratze, die gemeinsame Lagerstatt der drei Gefaiigenen. Fran von Aignillon hatte eine Scheere, einen Fingerhut und ein paar Nadeln behalten dürfen, sie nähte. Frau von Bcaucharmais half ihr und las dabei. Therezia plauderte und sang. Mit der Scheere ritzten die drei Frauen ihre Namen in die Mauer, darüber die Worte:„O Freiheit, lvaiin«virst Du aushören, ein lcercs Wort zn sein?" Einige Tage später kam Therezia in ein ai«deres Gemach. Acht Betten standen darin, jedes vom anderen durch einen Verschlag ge- trennt. Sieben Betten«varen schon besetzt. Ties- mal«varen es Frauen aller Stünde. Der Kerker machte die Gefangenen gleich. Wie in allen Ge- fängnissen spielte man zur Unterhaltung Gericht ni«d und Guillotine. Das Spiel begann um Niilternacht, wenn die Gefangenen von den Schließern und»eilen Eingelieferten nicht mehr gestört«vurden. Ans den Betten saßen die Richter. Die Angeklagte stieg auf den Tisch, neben ihr standen der Ankläger und der Gerichtsschreiber. Die Angeklagte«vnrde jedes Mal verurtheilt. Darauf wurden ihr die Hände gebunden, sie lvnrde ans ein Bett gestreckt und empfing mit der Hand den Todesstrcich. Die Gefangenen unter- hielten sich bei dem Spiele«vie die Kinder. Am nächsten Tage«vnrde Wahrheit ans dem Spiel. Fünf ihrer Genossinnen sah Therezia zur Guillotine ab- fahren. Noch«var sie nicht verhört. Aber eines Morgens trat der Schließer herein und befahl Therezia, ihm zn folgen. Sie kamen in ein Zimmer, Ivo ein Emissär sie erivartete.„Geben Sie uns die Bctveise oder bezeugen Sie, daß Tallien in Bordeanr die Republik verrathen hat, und Sie sind frei," sagte der Emissär.„Ich bin cinlindzivanzig Jahre alt," erlviderte Therezia,„lieber aber«vill ich zwanzig- mal sterben."(Schluß ,olgl.) Vom Verfall des Volkes durch Hoffahrt und Ver- sch>vendu«ia des Herrschers singt ein Dichter: Größer«vird der Kopf an« Schafe Durch des Leides Magerkeit; Mich erschreckt das Bild i««« Schlafe Von der arg entstellten Zeit. Ist nicht der Hi«>«niel hoch? Warum Kan«>«»an gedrückten Haupts imt drunter steh»? Tie Erde sest nicht u««« und u:«, Doch kann man nur mit Zittern drüber geh». Lernen bringt Sorgen, und je«>«ehr Gesetze, desto mehr Uebcrtrcter. Wo Heere«veilen, da wachsen Dornen und Disteln. Was Ihr der Welt thnt, das thut sie Euch«vieder. War««»« ist das Meer der Köi«ig der Eeivässer, der alle a«« sich zieht? Weil es sich selber««iedriger hält als sie. Thut Gutes und rechi«et nicht auf Lohn. Die«vahre Erkenntniß besteht immer i» der Welt. Grabe den Brunnen, ehe Du dürstest. In dem Staate. Kommt vom Himniel die gesetzte Zeit, Dann der König zieht nicht»«ehr zn Rathe Tie Geschichte der Vergangenheit, Nicht«««ehr«vill er i«n Geleit Heiliger, von Allen Anerkaunter Satzung wallen; Ja, der Himmel«vill ih«i lassen fallen. Nachdruck des Inhalts verboten? Alle für die Redaktion bestiminten Sendungen«volle mail an Herrn G. Macas>>, Leipzig, Oststraße li, richte». Veranlivorilicher Redalteue: Wustav Macas«) in Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer& Co. in Hamburg.— Druck: Max Babing i«« Berlin.