Neues Zeit-Lied. Von Gustav Macasy. Es hat in so mancher Geistesschlacht Gar oftmals haben vom Bacchanal Und immer wieder standen sie auf, Z)ie Menschheit die Waffen geschwungen, Der Lust sich die Böller geflüchtet, Die Mächte der Nacht und der Tücke, Und hat durch so manche gähnende Nacht Gar oftmals hat sich der Streitenden Sahl Und wollten im rasenden Seitenlauf Sich jubelnd hindurch gerungen. Im.Kampf um das Glück gelichtet. Aufhalten das Rad der Geschicke. Nicht kümmert die Seit sich um Macht und Gebot, Wohin sie der Weg der Sukunft auch bringt, Nicht fragt sie um ewige Rechte! Ihr einzig Gesetz ist des Tages Roth Und das Schicksal das Recht aller Rechte. Und unter dem Zuße der Herrscherin Seit Versanken die Herrlichkeiten Der Vorwelt, zu neuer Herrlichkeit Der Sukunft den Pfad zu bereiten. Und was auch am Snde der Seiten Die Menschheit als letztes Glück erringt Im ewigen Suchen und Streiten: So fern ist das.Ende, so nah noch die Roth, Das Glück und die Sonne so ferne, Und höhnend strahlen auf Roth und Tod Noch die alten, nächtigen Sterne. Aus der Walze. Aus den Papiere» eines Fechtbruders. Von F. Nicbcck. -(Forlsetzuni,., fiii Narr bist du! Ein ganz feiger Narr! Wenn du nicht so schrecklich feige wärst, säßest du jetzt im„Schwarzen Adler"; vielleicht direkt nebe» dein Herrn Stadtsekretär! So aber rennst du wie ein Verrückter hier herum und flennst wie ein Kind und iveißt nicht, was du anfangen sollst. Die Beamten hätten Dich sicher nicht aufgefressen. Du mußt nicht glauben, daß die Beamte» so ungebildet und ungeschliffen sind, wie beispielsweise dein Meister, oder wie der Kirchendiener, oder wie der Herbergsvater, oder wie der Brestrich-Fleischer, der Ochse, der über dein Gedicht wüthend war und dir keine Wurst und kein Trinkgeld gab. Der Herr Stadt- sekrctär wird schon gewußt haben, daß ein Tischler- gesell keinen Frack und keinen Zylinder und keine weißen Handschuhe hat. Du bildest dir nur ein, daß du fortwährend gallebittere Verachtung schlucken mußt; sei nur nicht feige und geh hinauf, so wirst du schon sehen, daß du nicht rausgeschmissen wirst— Eigentlich hats gar keinen Zweck, daß du hinauf gehst! Was hast du davon? Garnichts! Was Anderes, wenn du in Thaluiigen bliebst! Da wärs ein Glück für dich, wenn die feinsten Leute dich kennen lernten; du würdest dann viel leichter berühmt werden.... Aber geh nur hinauf! Wenn der Stadtsekretär hört, daß du in die Fremde gehn willst— vielleicht giebt er dir einen guten Rath— vielleicht kannst du dann in Thaluiigen bleiben... man kann ja nicht wissen! Ein solcher Herr hat großes Ansehen, und wenn er mit einem Meister spricht... wer weiß, was ge- schieht!... Wenn du auch keinen Frack hast— du bist doch ein Dichter, und ein Dichter ist etwas sehr Hohes nnd Großes. Das wissen die Beamten; denn sie sind gebildet. Geh nur getrost hinauf! Solche und andere sterbensbange und dann wieder hoffnnngsheitere Gedanken spann meine flatternde unreife Seele, bevor in ihr der Entschluß reifte, trotz der Fräcke und Zylinder und Handschnhe in den„Schwarzen Adler" zu gehen. Doch ehe der Ent- schluß zur Ausführung gelangte, verging eine lange Zeit. Erst nach schwerem Kampfe gelang es ihr, die eigene Zagheit zu überwinden. Lange stand ich auf der Treppe und lugte ver- stöhlen»ach der Saalthür, jeden Augenblick bereit,' die Flucht zu ergreifen; und ich hätte sie wohl schließ- lich auch ergriffen, wenn nicht ein Kellner gekommen lväre, mich am Arme gepackt und schroff gefragt hätte, was ich ans der Treppe zu suchen habe. „Ich komme zum Feste!" gab ich zur Antwort. „Ich werde Dich schon befesten, daß Dir Hören und Sehen vergeht!" schrie er mich an nnd schüttelte heftig meinen Arm. Zu einem Manne gewendet, der über das Treppengeländer herabsah, fuhr er fort: „Der Hallunke hat was im Schilde! Seit einer Stunde schleicht er hier herum, und sobald Jemand kommt, verduftet er!" „Uebergieb ihn doch der Polizei!" rieth der Mann am Treppengeländer. Schnell wie ein Schatten vor dem Licht war jetzt alle meine Scheu verflogen; mein Stolz reckte sich riesenhaft auf, und indem ich dem Burschen einen wüthenden Fanstschlag auf die Hand versetzte, fuhr ich ihn wild an:„Weg mit der Hand! Ich lasse mich nicht beleidigen!" Dem Mann am Ge- länder rief ich zu:„Holen Sie einmal den Herrn Stadtsekretär, damit er mich in Schutz nimmt!" Der Kellner ließ mich los, packte mich aber bald darauf mit beiden Händen und fragte, wer ich sei. „Das geht Sie nichts an! Ich komme hierher zum Feste und bin eingeladen vom Herrn Stadt- sekretär. Hier ist meine Karte!" Mein Feind sah die Karte und wich betroffen zurück.„Da entschuldigen Sie, bitte; das könnt' ich nicht wissen!" stammelte er und machte einen Bück- ling; ich merkte jedoch genau, daß in seinen Blicken noch ein verdächtiges Mißtrauen gegen mich lag. Um ihn vollends niederzuschmettern, erklärte ich, daß ich Beschwerde führen werde, und schritt stolz- gehobenen Hauptes die letzten Stiegen empor. „Zeigen Sie Ihre Karte!" sagte oben der Man»,' als ich an ihm vorüberschreiten wollte. Er betrachtete sie und geleitete mich an die Thür. „Der Herr Stadtsekretär sitzt ganz hinten, links neben der Bühne! Gehen Sie etwas leiser; es wird auf der Bühne gespielt." Inst als ich eintreten wollte, erschien neben mir der Kellner; er hatte eine klägliche Büßermiene ans- gesteckt und bat zerknirscht um Verzeihung; er könne nichts„davor", und ich möge doch dem Herrn Stadt- sekretär nichts sagen; es trieben sich jetzt so viele verdächtige„Kerle" herum und... „Gut, gut, gut, ich sage nichts!" 3U Die Heue Hielt. Illuslrirte Unterhaltungsbeilage. Ich wehrte ihn smift ab, nickte ihm gütig und gnadig zu, während ich selbst durch den Thiirdieucr in den Saal geschoben wurde. Die elende, sich duckende, beständig vor Fuß- (ritten bebende Kreatur— wie fühlt sie sich gleich von königlichen, despotischen Wonnen dnrchschauert, wenn sie einmal nach einem gelungenen Zlachewerke Gelegenheit findet, großmüthig zu verzeihen! Im Sicgestainncl, und noch erhitzt und erregt von der belebenden Kraft eines gerechten Zornes, stürzte ich mich, ohne mir meines Thuns bewußt zu sein, durch eine krnnime Gasse von schlvarzen Fracks und seidenen Toiletten: erst als ich ein mahnendes„Pst!" ver- nahm und mein Blick ans einige Gesichter fiel, die sich mir mit strafendem Ausdruck zuneigten, und als mir gar ein Herr, ärgerlich über die Störung, zu- rannte:„Wohin denn?" da war mirs, als wäre ich durch einen Backcnschlag ans einem schändlichen Trauuiznslande eriveckt lvorden: ich wich zurück— ich wollte die Thür gewinnen und entfliehen, und ich hatte das schreckliche Gefühl, als verfolgten alle die feinen Herrschaften mich mit wüthenden Blicken, und als würden sie mich wegen der von mir ver- ursachten Störung rauh hinansweiscn, wenn ich nicht freiwillig von dannen eilte. Doch ich ließ mich in meiner ängstlichen Gemüthsverloirrnng durch einen Thürvorhang täuschen und verfehlte die rechte Thür. Der Vorhang verdeckte eine geschlossene Thür; er bot mir einen Ilnterschlnpf, und da ich mich nicht lvciter verfolgt sah, auch nicht durch Blicke, blieb ich dort stehen. Jetzt erst kam ich zur Besinnung, und ich ärgerte mich entsetzlich, daß ich schon ivieder eine unverzeihliche Dummheit begangen hatte. Wie konnte ich nur so ungebildet und rücksichtslos sein, eine Störung zu verursachen, während auf der Bühne gespielt wurde! Die Hälfte meines gesanimten Baar- Vermögens hätte ich darum gegeben, wenn ich draußen gewesen wäre! Aber ich wagte die Flucht nicht— ich hätte mich sonst schämen müssen vor dem Thür- diener und dem Kellner. Die Vorgänge im Saale hatten für mich nicht das geringste Interesse; der Aerger benahm mir alle Lust, beinahe auch das bischen Verstand, und ich beschäftigte mich nur mit mir und der erlittenen Blamage. Wie ein frecher Bube znrecht gclviescn zu lverden— das war doch entsetzlich! Wenn der Herr Stadtsekretär mich gesehen hätte! Wie er es bedanern würde, mich eingeladen zu haben! Ach, ich wußte garnicht, wie ich dazu gekommen war, mich unter die Leute zu drängen! Hinter dem Vorhang hervor lngte ich aus nach dem großen Saale. Auf der Bühne sah ich bald Soldaten, bald Mädchen in weißen Geivändern. Eines der Mädchen sollte die Mutter Germania vor- stellen; es stand auf einem rotheu Sockel, sah starr vor sich hin, nach Art der eg: ptischen Oclgötzen, hielt in der einen Hand einen hölzernen Säbel, in der anderen einen Schild und schien sich vor dem Hcrnntcrsallen zu fürchten. Diese Germania, die so eckig und wackelig aussah und einen sehr breiten Mniid hatte, fesselte unwillkürlich meine Anfmerksam- keit, und ich empfand Mitleid mit ihr.„Wenn sie nun wirklich fiele!" dachte ich— und nnmittelbar darauf widerfuhr ihr thatsächlich ein Unglück. Hinter ihr standen ein paar Mäiincr, die wie Briefträger gekleidet waren und große Fahnen hielten; einer der Männer gerieth ins Stolpern und stieß dabei der Germania die hübsche Papierkrone vom Kopfe. Tie Zuschauer lachten laut; ein Mann, der ans der Bühne, seiiwärts vom rothen Sockel, ein Gedicht vorlas, brach mitten im Satze ab, und die arme Mutter. Germania, die zunächst nur verschämt und verlegen lächelte, doch auf ihrem hohe» Posten ausharren wollte, sprang beim Schweige» des Vorlesers vom Postament, schleuderte heftig die hölzernen Zeichen ihrer Streitbarkeit von sich, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und verschwand hinter einem kleinen Walde von Lorbeer- und Oleauderbäumen. Das Gelächter wurde stärker, schallender, und besonders die Damen schienen außer Rand und Band zu ge- rathen vor Vergnügen. Wie roh, wie abscheulich mir dieses Lachen vorkam! Ich hätte weinen mögen, so leid that mir das unglückliche Mädchen. Von vornehmen Leuten hätte ich solche Gemüthsrohhcit nicht erwartet. Einige klatschten scgar vor Entzücken über das Mißliilgeii des„lebenden Bildes" mit den Händen. Rnse erschollen, Geschrei erhob sich. Die Mutter Germania sollte auf ihren Sockel zurückkehren; der Vorleser sollte seine Aufgabe vollenden. Einige Männer begaben sich hinter die Lorbeer- und Oleander- bäume; sie zerrten die Germania, die nun ihr Ge- ficht mit dem Taschentuch bedeckte, hervor und redeten lebhaft auf sie ein; doch sie schüttelte abwehrend den Kopf, drängte die Herren von sich und entfloh in den Saal, wo sie meinen Angen entschwand. Da ich niich unbeachtet sah, war ich hinter dem Vorhange hervorgetreten, und auf einmal erblickte ich in meiner Nähe den Herrn Stadtsckretär. Jetzt sah er auch mich, und ein heiterer Schimmer ging über sein Gesicht.„Na, da sind Sie ja!" rief er, auf mich zutretend. Jählings aber stutzte er und ließ die Hand, die er mir entgegenstrecken wollte, sinken; seine Angen glitten an meiner Gestalt entlang, und er fragte in verändertem Tone:„Gefällts Ihnen?" Ich nickte bejahend. „Na, Wenns Ihnen nur gefällt!" sprach er, wandte mir den Rücken und ging fort. Ich hatte ihm nicht gefallen, das war mir so- gleich klar; ivas er an mir auszusetzen hatte, wußte ich nicht, dachte auch nicht weiter darüber nach; mir blieb ja die Gennglhuung, daß die feine Gesellschaft auch mir nicht gefiel. lieber den Grund dieses Mißfallens verschaffte ich mir keine Klarheit; ich weiß nur, daß sie mir widerwärtig erschien und daß mich das Ge- fühl einer großen Enttäuschung beseelte. Ich hatte mir gebildete Leute ganz anders vorgestellt! Wie? — das lmißte ich nicht und fragte auch, wie ge- sagt, nicht darnach. Aber meine Ansicht über sie hatte sich vollständig geändert. Da ich öfters den Ausdruck„gebildete Leute" anlvende, muß ich erläuternd bemerken, daß diese Bezeichnnng in Thalnngen zu der ortsüblichen Sprach- münze gehörte. An manchen Orten bildet ein Jeder sich ein, gebildet zu sein, selbst wenn er nicht weiß, ob Eanada eine Insel oder ein Sängethier ist, und wenn er sich seinen Mitmenschen gegenüber der ärgsten Flegeleien schuldig macht; in Thalnngen hingegen verstand mau unter gebildeten Leuten solche, die entweder studirt hatten, oder ein Amt bekleideten, oder steinreich waren und in thenren Kleidern einherginge». Der gewöhnliche Bürger, sogar der Kalifinannsstand, war bescheiden und ein- sichtig genug, die Bildung den„besseren Ständen" zu überlassen, wie bei uns die Reporter und die alten Weiber sagen; und wenn V.'N einem Menschen erzählt wurde, er gehöre zu den Gebildeten, so ge- schal) das allemal im Tone des Respekts. Freilich gabs auch Menschen, die sich in ihrem stark ans- geprägten Selbslbewnßtscin den Gebildeten beizählten, doch von der verstäudnißloscn Menge als solche nicht anerkannt wurden; zu diesen gehörten beispielsweise der Kirchendiener und— ich. Als der Stadtsekcetär mir den Rücken gewendet hatte, brauste mein verletzter Stolz anfs Nene ans, und raschen Schrittes verließ ich den Saal. Kanin daß ich dem Thürdiener eine„Gute Nacht" wünschte. „War das die ganze Ehre?" fragte ich, im Herzen lohnvoll lachend, als ich der Herberge zurannte. „Tie ganze Ehre für den Dichter, der Euch eine Eisenbahn erdichten ivollle? Aber wartet nur, Ihr sollt noch von mir höre»! Wenn mein berühmter Name durch alle Welt erklingen wird, dann sollt Ihr bersten vor Aerger;— bersten, sag ich! weil Ihr mich Hab. ivie einen gepfropften Affen hinter dem Thürvorhange stehen lassen. O, Ihr eingebil- deten Tröpfe, was seid Ihr alle miteinander gegen einen Dichter!"... I» der Herberge kani ich an, als der Schneider das Abendgebet sprach. Er stand breitbeinig am Tische, hob die gefalteten Hände mit einer Wichtig- keit und Gespreiztheit empor, als erfülle er ein hoch- bedeutsames Staalsgeschäft, quarrte schleppend, ein- tönig und halb singend, wie ein wasscrpolackischcr Wallfahrtsvorbcter, sein frommes, ihm geläufiges 5iapitel herunter und ließ dabei seine blöden Kalbs- äugen im Zimmer nmherschivcifen; er mochte in jenen Augenblicken an vielerlei denken— an den Prosit, den ihm die Sonntagsarbeit eingebracht, an all das Bettclgeld, das im Laufe des Tages ans den Taschen der Knuden in seinen Geldkasten gerutscht war; er mochte das Schlafgeld berechnen, oder Eriverbspläne für den nächsten Tag entwerfen, doch sicherlich dachte er nicht an die Zerrivortc, die von seinen Lippen kamen. Das lvar kein Beten; da fehlte jede Weihe, jede Innerlichkeit; das war eine erbärmlich rohe Posse. Er glich dem Leiermanne, der, die Kurbel drehend, seine zwei, drei Stücke herunterleiert und dabei erwartungsvoll hinauf nach dem Küchenfenster schielt. Nach dem Bete» schlug er eines der auf dem Tische liegenden Bücher auf und las einen Psalm. Er kannte ihn ausivendig, denn nur ab und zu widmete er der Schrift einen flüchtigen Blick; viel mehr Anfmerksamkeit schenkte er jetzt der Küchen- thür, wo seine Frau wiederholt erschien und ihm verstohlene Zeichen machte. Den Psalm sprach er mit ganz anderer Betonung als das Gebet; er verzerrte die Worte nicht mehr, er meckerte. Die Kunden standen indeß mit gefalteten Händen an den Tischen und langtveilten sich. Dem Psalm folgte Gesang. Der Herbergsvater vertheilte etliche Bücher und nannte eine Seitenzahl; die Seite ward aufgeschlagen, je drei oder vier Knuden steckten über einem Buche die Köpfe zusammen, und das Kirchenlied stieg. Ans gesangliche Schönheiten ward nicht gcach et; überhaupt schien der Herbergs- Vater kein Freund des Sanges zu sein. Ohne auf seine Mitsänger, die sich nicht rasch genug in sein Tempo zu fügen vermochten, Rücksicht zu nehmen, sang oder schrie er flott eine Strophe herunter und schlug das Buch zu, bevor die nieisten der Kunden das Lied im Buche aufgefunden hatten. Ohne Ziveifcl fand der Gesang nur statt, tvcil ihn die Vorschrift in den christlichen Herbergen gebot und wohl auch heute noch gebietet. Etivas Seelenloseres und Possenhafteres, als diese„Abendandacht", läßt sich schwer denken, und es sei mir gestattet, voraus zu bemerken, daß in den meisten der vielen„christlichen" Herbergen, in die mich das Geschick führte, bei den Rtorgen- und Abendandachten derselbe abgeschmackte, kalte, nichts- sagende Frömmigkeitston vorherrschte. Solche Gebet- Übungen sind vortrefflich geeignet, den Kunden das Beten zu verleiden. Unmittelbar nach der letzten Silbe des Gesanges schrie der Herbergsvater:„Wer noch was verzehren will, muß schnell machen; es geht jetzt zu Bett! Gutes Einfach-Bier ist da, Korn, Käse, Wurst— Alles, ivas das Herz begehrt! Bios Pellkartoffeln giebts nicht mehr; dazu ist's zu spät, da hättet Ihr Euch früher melden müsseil." Obgleich keiner der Kunden sich ans diesen Auf- ruf hin meldete, brachte die„Mutter" hurtig eine Flasche Korn, solvie eine Anzahl Schnapsgläser her- bei; die heiligen Bücher wurden beiseite geschoben und das Tischchen mußte als Schnnpsbüffet dienen. Das gute„Einfach Bier" kam nicht zum Vorschein — nur der Schnaps. „Also will Einer? Die Nacht ist lang, und ins Bett bring' ich nichts gebracht!" Er lachte über diese witzige Woriweiidmig eher als die Kunden lachten, und blickte dabei fragend und forschend im Kreise umher. „Nadierlich drinken>ver an Soroff!" erklärte lustig ein alter Kunde und drängte sich an das Tischchen. „Heute zum Sonntag muß man sich schon ivas anthnn!" ermunterte die Herbergsmutter. Der Schneider füllte sämmtliche Gläser, und keines- wegs vergeblich. Seinen einladenden Blicken folgten nach und nach die nieisten der Kunden; sie suchten ihre letzten Kupfermünzen zusammen, zählten sie sorg- sain auf dem Handteller, schöpften gute Hoffnungen für den nächsten Tag und warfen ihren schäbigen Reichthum dann mit übermüthiger Entschlossenheit dem Saufteufel in den Rachen. „Die Mutter soll leben— prost!" „Der Vater daneben!" „Prost, prost! Wohl bekomms! Aber bcsauft Euch nicht!" Als die Flasche nahezu leer war, erfolgte die Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 315 Bertheiluiig der Schlafmarteii. Ein„Sänstliiig" erster Garnitur kasteie fünfzig, einer zweiter Gar- iiitur dreißig Pfennige. Ich wählte ans Sparsam- est einen der letzteren Gattung und erstand eine Karte zn dreißig Pfennigen. Wollten in einem„Sanft- ling" zweiter Güte zwei Mann genieinsam schlafen, so halten sie jeder nur zwanzig Pfennige zu zahlen. Während des Kartenverkaufs hatte sich ein Mensch eingefunden, der aussah, wie ein zur Arbeit schrei- tcnder Metzger. Er benahm sich auch so. Wie eine zum Schlachten bestimmte Hanunelhcerde überblickte und überzählte er schweigend die Schaar der Kunden, rieb dabei seine wulstigen Hände mit der schmntzigeu Schürze, die seinen Pordertheil zierte, und streifte die Hemd- ärmcl noch höher. Dann begann er die Kunden nach den Karten zn sortiren. Er schob sie, je nach der Karte, mit rauher Hand an bestimmte Plätze und bildete so drei Abtheilungcn: bei dieser Ae- schäftignng verlor er kein einziges Wort, nur knurrte er fortwährend wie ein verdrießlicher Pudel. Wir mußten ihm unsere Legitimationspapicre ans- händigen. Der Verkauf war beendet, die Abtheilnngen standen geordnet da. Der Vater öffnete die Thür und kommandirte lustig:„Erste Eskadron marsch!" Seinem Winke folgend gingen die zwei oder drei Man», die Karten zn fünfzig Pfennigen gelöst hatten, hinaus; die Herbergsmutter folgte ihnen nach. In der nächsten Minute traf uns Dreißigpseunigslcnte das Kommando, und, den Herbergsvater an der Spitze, marschirten wir hinaus und eine Treppe empor. Vor einer Thür wurde Halt gemacht. Der Schneider stellte die Lampe ans einen allen Tisch und rief:„Es wird gedient!" Augenblicklich rissen die Kunden Röcke und Westen herunter, und wer Vorhemd und Kragen trug, enlsernte in Eile auch diese Dinge vom Leibe. Ich folgte dem Beispiele der Anderen und erkannte bald, daß es sich um eine Pein- liche Leibesvisitation handelte. Der erste der Kunden stellte sich an das Licht, und der Herbergsvater durch- forschte mit großer Sorgfalt den Hemdkrageu und die Näthe des Hemdes; er forschte nach dem Vor- handenscin jener nngeflügelten Insekten, von denen in meiner Heimath die Sage ging, daß sie für uns Menschen gesund seien, da sie das Blut reinigen, so ivie eineKröte den Wassertümpel reinige,— nach jenen zarten Thiercheu, die— wahrscheinlich ihrer rastlosen Thätigkeit wegen— von den Kunden als„Bienen" bezeichnet werden, und die ich� später unter dem prunkenden Namen„Deutsche Rcichskäfcr" persönlich kennen lernte. Bei Zlveicn meiner Vordermänner wurden Bienen entdeckt.„Leben Sie recht hübsch wohl!" spottete der Herbergsvater bei der ersten Eist- dccknng und schubste den unreinen Knuden zur �eite. „Uf'm Stroh finden Ihre Gäste Gesellschaft!" Der Kunde ließ sich die Zurückiveisnng schweigend gefallen; doch aus seinem Gesicht sprach ein erbar- inungsiverther Jammer. So mag einem Sünder zu Mnthe sei», wenn er am jüngsten Tage bei dem großen Sehcidnngspro�effe ans die Seite der Böcke Verlviesen wird. Sein Schicksalsgenosse erhob Widerspruch gegen die Znrüclwci nng; er meinte, wenn er Bienen hätte, so müßte er doch zn allererst etwas davon gemerkt haben. Aber der Visitator ließ sich nicht irre machen. „Wollen Sie mich Bienen kennen lernen, hä?" fragte er stolz und beleidigt.„Da kommen Sie bei mir zu spät! Ilf'n ersten Blick sah ich, daß bei Ihnen lvas los is. Das Bett versauen— na wissen Sie, da gicbts nischt bei mir! Da müssen Sie schon ins Hotel gchn!" „Aber wie sollt' ich denn zn Bienen kommen!" „Vielleicht sein sie zn Ihnen gekommen!" lachte der christliche Herbergsvater, dem solche Antworten bereits geläufig zn sein schienen. Die sauberen Kunden lachten pflichtschuldig mit, und der Schneider fühlte sich sichtlich geschmeichelt in dem Bewußtsein» daß er ein großer Witzbold sei. Die Reihe ivar an mir. Ich ivvllte, da bei mir das Bienen überflüssig war, am Schneider vor- beigehen und meinem Hintermanne Platz mache», doch er packte mich an der Hosenschnalle und zog mich mit den Worten zurück:„Halt nur, Bruder, halt! Wir ivosten uns erst Dein Hemd mal ansehn!" „Ich komme doch ans der Arbeit, nicht von der Reise!" „Ganz egal! Bei mir gehts sauber zn! Wenns bei Ihnen anders is, kann ich nicht dafor!" „Bei mir gehts auch sauber zu!" rief ich erregt. „Nu da, da! Man sollis nicht for möglich halten!" Er lachte über diese Verhöhnung, die komisch wirken sollte, und die Knuden lachten mit. „O, Du erbärmlicher Filz! Du dnmmer Holz- klotz, was bist Du mir gegenüber! Mich kannst Du garnicht bele digen!" Diese unfeinen Worte sprach ich nicht laut; ich dachte sie nnr zn meiner Beruhigung; denn mir war, als müsse mir die Galle überlaufen. Der rohe Mensch nntcrsnchte niich so eingehend, wie er die Anderen untersucht hatte, und es schien, als ivollte er in meinem frischen Sonntagshcmd durchaus eines der nichtswürdigen Thicre ermitteln, denen sein heißer Forschungseifer galt. Ich mußte alle Kraft zn- sammcnnehmen, um standhaft zu bleiben bei dem Gefühl schmachvoller Erniedrigung, das mich über- mannen ivollte. Heimgekehrt aus dem angesehensten und elegantesten Gesellschaftskreise der Stadt, ward ich, wie ein Haderlump, ans llngeziefer untersucht! Ein König im Reiche der Kunst, die Seele geschwellt von erhabenen Empfiiidnngen und Gedanken, und hier in den Augen des christlichen Schneiders und der Kunden ein elender, gemeiner Hansnarr! In solchen Augenblicken lernt man begreifen, daß der Mensch im Leben allemal so hoch steht, als er sich selbst stellt. Wer diese Pfcnnigweizheit zur rechten Zeit zur Hand hat, dem ist sie plötzlich hundert Kronen Werth; sie verleiht ihm die hohe Kraft, seine Widersacher zu verachten, oder zu bemitleiden. Als endlich der Bienenjäger seine Krallen von mir abgelassen hatte, trat ich in das niedere Schlaf- zimmcr, in das die Lampe nur spärliches Licht warf. Zu beiden Seiten des Raumes standen Betten, ans der einen Seite langhin an der Wand, ans der anderen quer über das Zimmer. In dem sehr schmalen Gange, den die beiden Bettreihen bildeten, standen ivartcnd die als„rein" befnndeneii Knuden; durch wiederholte Zurufe untersagte ihnen der„Vater" streng, selbst- ständig eine Lagerstatt zu Ivählen. Die Visitation ist beendet; er tritt mit dem Lichte in den Raum, zählt die Betten ab, die uns zur Vcr- fügung stehen, und ermahnt uns, nichts zn rniniren; „denn die Betten sein nicht gestohlen, sie kosten Geld!" Nicht einmal ein Stuhl ist vorhanden, ans den man seine Sachen legen kann! Kein Rechen an der Wand, kein Nagel! Die Kleider müssen unter das Bett ans den Fußboden gelegt werden. Aber der Fußboden ist„reene", ivie uns der Herbergsvater belehrt;„er wird alle Tage ausgekehrt." Während wir uns entkleiden, kommt die Zwanzig- pfcniiigkolonne anmarschirt, und sie wird von ihrem Führer„gedient". Der Vater unterstützt hierbei seinen Assistenten, und so geht die wichtige Arbeit flott von statten. Auch diese Knuden legen sich zn Bett, allen Weisungen folgend, die ihnen der Her- bergsvater im Befchlshabertone ertheilte. In jedes Bett zwei Mann. Aber die Ruhestätten reichen nicht ans; zwei Mann sind überzählig. Der Schneider weiß Rath.„Einer hierher, der Andere dorthin!" befiehlt er, und sogleich schiebt ein bereits entkleideter Kunde seine Habsclig'eitcn unter mein Bett, drängt mich ungestüm zur Seite und legt sich zn mir. Ich richte mich auf und ivill mein erivorbenes Anrecht auf die Alleinbenutznng des Bettes wahren; allein der Herbergsvater erwidert grob, daß er keinen Skandal dulde und daß Jeder zu gehorchen habe, und mein fremder Bettgenoß offenbarte seinen licbens- würdigen Ehara'ter, indem er mir einen Puff ver- setzte und sagte:„Halts Maul, ich will Ruhe haben!" Der andere Dreißigpfennigmann, dem ein Zwan- zigpfcnnig'ollcgc zucrtheilt worden war, prvtestirte gleichfalls gegen die Maßregel und forderte außerdem den zuviel gezahlten Betrag zurück; doch es erging ihm nicht besser als mir— er ward einfach zur Ruhe geivicscn; wenn es ihm nicht passe, könne er draußen auf der Wiese schlafen. Es ging wirklich sehr christlich zn in der christlichen Herberge! Da mein Mitschläscr entsetzlich ans dem Munde roch, wandle ich ihm den Rücken zn, lauschte einigen Kunden, die von ihren Fechterfolgen erzählten, und schlief bald ein. Als der„Vater" am anderen Morgen iveckcn kam, hatte ich bereits mein Bündel znrecht- geschnürt und meine Rcisctoilette vollendet. Ich ging hinunter und forderte meine Papiere.„Die müssen erst eingeschrieben werden," erwiderte mir die Mutter;„trinken Sie nur erst Kaffee!" Eigentlich lvar es meine Absicht, so rasch als möglich und ohne Frühstück aus der mir verhaßten Bude zu entrinnen, doch die„M'ntter" brachte mir Kaffee, und ich nahm ihn an, obgleich ich ihn nicht bestellt hatte. Dringend bat ich sie, mir die Papiere schnell zu besorgen. Trotz dieser Bitte mußte ich noch eine lange Weile warten. Noch konnte ich nicht zur Stadt hinaus mar- schiren— noch gab es einen schweren Gang zn thun. Plein Arbeitsbuch mußte die polizeiliche Weihe ein- pfangen, und ich scheute mich, nochmals vor den Sladtsekrctär hinzutreten. Doch dieses Ungemach blieb mir erspart; nachdem ich eine ganze Stunde gewartet hatte, da die Herren noch nicht zur Stelle lvaren, wies mich endlich ein Poli.eidiener in eine Kanzlei, in der ein mir nnbekanntcr Beamter saß. Er drückte den Polizeistcmpel in mein Buch, kritzelte unleserlich seinen Namen darunter, und ich eilte er- leichterten Herzens von damien— über den Ntarkt hinweg, zu einer schmalen Gasse hinaus und auf einem Feldwege nach der Chaussee. Keine mir be- kannte Seele traf ich unterwegs, und das erschien mir als ein Glück. Die Trümmerstadt meiner zerschellten Hoffnungen, meines zerfallenen Glaubens liegt hinter mir.... VhalNIIgeil, leb lvohl!(Forlsevung folgt.) ötreihüge dllrdj das Mj der bildcaden Kunst. Von Scotus. I. S cr fcß cr S n e i d e r. m Einzelnen Vieles lernen, am Kleinen das Ganze erkennen: dies sollte das Motto bei der Betrachtung von Kunstwerken sein. Von der bildenden Kunst der Vergangenheit bis zu der der Gegenivart ist ein ungeheurer Weg, und dem Einzelnen ist es kaum möglich, ihn völlig zu durch- wandeln. Aber diese oder jene Etappe ans dem Wege ist Jedem zugänglich und an diesem oder jenem Künstler oder Kunstwerk ans der bunten Reihe kann man oft leichter und unbeeinflußter das Gebiet der gesanimten Kunst bcurthcilcn, als bei dem mühsamen und langivierigen Durchackern des nngehcucrcn Feldes. Ten Lesern der„Neuen Welt" ist der junge Künstler Sascha Schneider nicht mehr ganz unbekannt. An einigen seiner in schneller Folge erschienenen Bilder:„Das Gefühl der Abhängigkeit,"„Judas Jicharioth",„Der Gedanke an das Unendliche" und „Der Triumph der Finsterniß" haben sie Gelegen- hcit gehabt, sich annähernd ein Urtheil über die Eigenart und den künstlerischen Werth Sascha Schnei- ders zn bilden. In unserer heutigen Nummer bringen wir nun zwei neue Werke Schneiders:„Eine Vision" und„Um eine Seele". Bei diesem Anlasse seien uns einige Worte zur Einführung in die Persön- lichkeit des Künstlers und die Art seines Schaffens gestattet. Vor Kurzem ist in einem vornehm und geschmack- voll ausgestatteten, verdienstvollen Sammellvcrke: „Mcisterlvcrke der Holzschneidekunst"* auch eine Mappe mit zwölf Holzschnittkartons von Sascha Schneider erschienen. Außer den bereits angeführten Arbeiten enthält sie noch:„Der Anarchist,"„Eins ist noth,"„Ein Wiedersehen,"„Jesu in der Hölle," „Der Mammon und sein Sklave,"„Der Gram" und„Der Herr der Erde". Was uns an allen Bildern Sascha Schneiders am ersten in die Augen fällt, das ist das All- gemeine und Typische seiner Stoffe. Wir * Bei I. I. Weber, Leipzig. 316 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. treffeil nirgends blos ein kleines Stück des Lebens ausgeschnitten, nirgends einen Einzelfall, der Bezug Hütte auf die ersten und nächsten Interessen des Tages. Es sind fenmb gelegene, theils der Biythe und der Bibel, theils der abstrakten Spekulation cnt- lehnte Stoffe, die auf den ersten Blick fesseln, gerade weil sie so frenid und entlegen aninnthcn. In zlvci oder drei mythischen Gestalten, Menschen oder visio- nären Figuren, verkörpert der Künstler irgend einen großen, das tiefe nnd geheininißvolle Wesen der Welt durchdringenden Gedanken. lind in zlveiter Linie bemerken ivir eine, man möchte sage», bis zum Uebertriebenen geführte Ein- fach h ei t der Darstellung. Auf keinem der Bilder ist irgend ein nicht unbedingt zum Ganzen genug dazu und als fürchte er beim Suchen der Formen und Ausdrncksmittel die Idee selbst zu ver- lieren. Und diese Hast im Suchen nach Ideen und nach möglichst schneller und primitiver Bcrköipernng ist dnrchivcgs unverkennbar und es liegt in diesem Suchen ein großes Theil jugendlichen Ungestüms, der schnell Gedanken zu finden iveiß, aber auch schnell mit der Berwirklichung fertig sein möchte. Gehen wir zur Betrachtung der heutigen Bilder über. Das Bild„Eine Bision" hat einen biblischen Gegenstand zum Ursprung. Ein in einem Buche, vielleicht der Bibel, lesender Jüngling, der von der Lektüre aufblickend ein seltsames Gesicht hat. Tie betreffende Stelle im Propheten Hesekiel, die die Herrlichkeit Gottes versinnlichen soll, lautet:„Ein stelluug des Bibeltertes, bedeuten soll, bleibt un- klar. Je näher man das Ganze betrachtet, desto verschiedenartiger könnte man es auslegen, ohne daß vielleicht eine einzige Auslegung die Absicht des Künstlers treffen iviude. Ganz anders nnd viel ergreifender ist das zweite Bild. Der Kampf der Finsterniß gegen das Licht um eine Menschcnseele. Ans dem dunklen Hinler- gründe heraus grinst das gierige Gesicht eines Un- geheners, vielleicht den Teufel darstellend. Es streckt die langen Krallen nach dem Sterbenden aus, über den es sich fast ganz hingcwülzt hat. Und die großen, leuchtenden Augen schauen voll gehässiger Gier nnd siegcssichcrer Schadenfreude nach einer Lichtgcstalt hinunter, die in Haltung und Ausdruck Ein? Visum. Lach einem Karton von Sascha Schneider. Phoiographievcrlag von Max Levit in Berlin. gehöriges Moment. Aengstlich rerinieden sind zum Beispiel alle landschaftlichen Znthateu, selbst dort, wo sie vielleicht die Plastik der Darstellung erhöhen nnd verschärfen würden. Und gerade diese schroffe Einfachheit der Mittel soll es sein, die dem Be- schauer die Idee jedes Bildes umso eindringlicher vorführt. Gerade dadurch, daß ihm der Künstler nur die nothdürftigste äußere Gestaltung verleiht, tritt der kahle und ungeschmückte Gedanke des Bildes um so ernster hervor.— Auf der anderen Seite möchte man Schneider in dieser Beziehung, was die künstlerische Beriverthung der Stoffe betrifft, einen Verschwender nennen, in sofern, als er es vermeidet, seine Stoffe technisch ausznnutzen nnd durch die Geivalt und Größe der Formen der Geivalt nnd Größe der Idee nachzukommen: alle äußerlichen Mittel, wie Farben und Dimensionen, läßt er bei Seite liegen. Es macht den Eindruck, als nähme er sich nicht Zeit nngestümer Wind kain daher mit einer großen Wolke von Feuer, das allenthalben glänzte. Und in der lichten Helle des Feuers war es gestaltet wie vier Thiere und jedes hatte vier Flügel nnd vier Auge- sichtcr, das eines Menschen, das eines Löiven, das eines Stieres nnd das eines Adlers. Wie gewaltige Wasser rauschten die Flügel nnd wie ein Getöne des Allmächtigen, nnd iveiin sie niedersanken, so donnerte es über ihnen im Himmel."— Mit diesem Stoffe ist der Künstler ganz frei umgegangen. Ans einem weiten iveißen Lnftkreis heraus läßt er die Gestalt eines Mannes mit uugehenren Flügeln schweben, ganz nah über dem Kopf des Jünglings, der ihn greifen kann. Bon dem Erschütternden und Grausigen, wie es die biblische Mythe berichtet, ist hi:r nichts mehr zu finden. Es liegt wie unendliche Ruhe über dem Ganzen, wie eine nie endende Vision. Was das Bild, abgesehen von einer einfachen Dar- vielleicht die schönste und innigste ist, die Schneider liehcr geschaffen hat. Es ist ein rein symbolisches Bild nnd in drei Figuren ist der ewige Kampf und das ewige Ringen der Schicksalsmächte in der Menschheit zusammengefaßt. Bezeichnend ist— nnd wir iverden noch weitere Beispiele hierfür finden— mich in diesem Bilde die Wiederkehr derselben sinn- lichen Formen für verschiedene Sujets bei Sascha Schneider. Die Gestalt des bösen Geistes hier er- innert in Haltung nnd Ausdruck, in der ganzen Durchführung an das Ungeheuer ans dem Bilde „Gefühl der Abhängigkeit", und zum Theil auch an den in Affengestalt auftretenden Teufel auf dem biblischen Bilde„Eins ist noth". Auch das Schaffen von Halbgestalten, aus Menschen nnd Thiercn gebildet, findet sich bei Schneider öfters. Es ist zumeist das Bestreben, in diesen Symbolen die Bedeutung der Idee an- Die Neue Welt. Illustrirte Anterhaltungsbeilage. 317 schmilicher zu mncheu: ein Bestreben, das nicht innner gut geheißen werden kann. Von geradezu iinschöuer Wirkung ist es ans dem Bilde„Der Mannnon und sein Sklave". Die aufrechtstehende Gestalt eines Mannes in herrischer Haltung hat an Stelle des menschlichen Kopfes einen von einem Sonnenkreis umgebenen Vogclkopf. In der einen Hand hält die Gestalt eine Geißel drohend vor, die andere Hand senkt eine Kette zu Boden, lind vor der Gestalt zu Boden gesunken, mit der Stirne den Boden berührend, liegt der Sklave des Mammons mit deniiithiger, unterwürfiger Haltimg. Die Gestalt des Mainnions ist es, die unschön wirkt, wenngleich die Gier und Habsucht durch das Symbol des Geier- kopfcs besser zum Änsdrnek kommen.?lber durch die wachen, steht ein nackter Jüngling, der eine schon rauchende Bombe auf dem Kopfe trägt, nm sie in das Innere des Palastes zu schleudern. Die Idee ist klar: die letzten Ausflüsse der letzten Kultur sind den ersten Herrlichkeiten der ältesten Kultur auf Erden gegen- übergestellt. Das Prinzip der Zerstörung in Menschen- gestalt tritt an die kalte und fast nnzerstörbare Pracht der Vorwclt heran.— Auch hier wieder begegnen wir der Vorliebe Schneiders für symbolische Halb- gestalten, die er diesmal der historischen Wirklichkeit entlehnt. Die Köpfe der geflügelten Stiere sind die Köpfe assyrischer Könige, niit der Tiara geschmückt. lind diesem assyrischen Typus begegnen wir noch zweimal auf Schneiders Werken. Zuerst auf dem Bilde„Der Herr der Erde". geschmückt, aus der die Hörner des Kopfes hervor- treten. Hinter ihm der Tod, halb als Skelett, halb als Mensch, mit den Händen die Sense um- klammernd und auf dem Haupte ebenfalls eine abenteuerliche Krone, lind zu Füßen des Höllen- fürstcn seine Geister, die sich erschreckt niederducken und zu fliehen trachten. Links vom Beschauer in ähnlicher Grnppirung die Schaaren der Verstoßenen, die ans dem Feuerschluiid emporringen und an ihren Ketten zerren, lind in der Mitte, in einen weiten Lichtkreis gehüllt, Christus, der den Kopf der Schlange zertritt und seine Arme erbarmend den Sündern znstrcckt.— Sowohl in der Idee als auch der Ansführnng ist dieses Bild nach den alten und ältesten Schablonen gearbeitet; nirgends darin, UlN eine Seele. Lach einem Kzrkon von Sascha Schncidcr. Photographtoverlag von Max LovN in Berlin. seltsame und unorganische Verbindung geht die Wir- kung ivieder verloren. Wie viel ausdrucksvoller und trotz der Phantastik natürlicher erscheinend ist der Adlerkopf ans der visionären Figur unseres heutigen Bildes. Auch auf diesem Bilde aber zeigt sich die völlige Einfachheit der Mittel zum Zweck der Ver- schärfnng der Idee. Was die Idee selbst betrifft, so ist sie genau dieselbe ivie ans dem Bilde„Gefühl der Abhängigkeit". Es ist auf beiden das ohn- mächtige Sichfügen in eine dunkle, höheie Gewalt, das tiefe, erniedrigende Belvnßtsein der eigenen Hüls- losigkeit vor einem finsteren, nnabtveislichen Schicksal. Beide Bilder sind Symbole des Sklaventhums der Menschheit. Von viel größerer unmittelbarer Wirkung und Einfachheit ist„Der Anarchist". Vor dem Portale eines assyrischen Königspalastcs, dessen Eingang zwei ungeheure geflügelte Stiere mit Männerköpfen be- Es stellt einen assyrischen König dar, in aufrechter, selbstbewußter Haltung vor seinem steinernen Throne stehend, lind mit seinem Fuße tritt er das Kreuz Christi, gleichsam als Sieger der brutalen Herrscher- gewalt über das Prinzip der Nächstenliebe und der Religion des Friedens. Die Idee dieses Bildes ist nicht ganz klar: nicht die Pracht und Herrlichkeit jener Barbarcnknltur der Vorwelt hat über die Klnltnr des Christenthuins gesiegt, sondern dem Christenthum mußte die Pracht und Selbstherrlichkeit der Vortvelt weichen. Das ziveite Mal begegnen ivir dem assyrischen Typus— und hier ist er am reinsten ausgeprägt — in der Gestalt des Teufels auf dem Bilde „Christus in der Hölle". Zur Rechten des Be- schauers ans einem abcntenerlichc» Throne, nm den sich die Schlange ringelt, der Teufel, in tückischer, spähender Haltung, mit einer phantastische» Krone von einigen bizarren Aenßcrlichkciten abgesehen, verräth sich die Eigenart Schneiders, seine Stoffe tiefer und ursprünglicher zu durchdenken. Die ganze Anlage des Bildes hat etwas Theatralisches und auch die Figur Christi verrätl� äußerliche Pose. Aber umso- mehr zeigt Schneider gerade hier in der Ausführung der einzelnen Figuren, in der ganzen Oekonomie der Ranninnsnntzung und in der wirkungsvollen Bcrtheilnng von Licht und Schatten seine meistcr- hafte Technik, lind gerade hier kann man besser als an einem anderen Werke erkennen, daß die Sucht des Künstlers nach primitiven Formen keines- wegs im technischen Unvermögen liegt. Von ungleich tiefer verinnerlichter und ergreifen- derer Wirkung ist ein anderes biblisches Bild, be- titelt:„Ein Wiedersehen". Auf einem niederen Stuhle in vorgebeugter Haltung sitzt Christus, die Hände ans dem Schooß gefaltet, und schaut mit 318 Aie Reue Welt. Illustrirte Rnterhalwngsbeilage. ernstcm, fest veistmiduibloseiii Blick auf den ver- ziveifclt lior ihm kiiieciiden Judas, der ihm dcu Säckel mit den Silberlingen entgegengestreckt. Die Gestali des Verrälhcrs umgeben zivci Figuren: im Hintergründe der Teufel, wieder in Gestalt eines affenähnlichen llngethnnis mit Zlederinansflügcln, und ein Engel mit lichten Flügeln und einem ans syni- metrisch gesetzten Augen gebildeten Kleide. Die Stziubolik bringt hier wenig Acnes zur Idee. Das ganze Interesse ist ans die beiden Hanptgcstalten gerichtet, auf die liesiuuere Seeleuruhe und Uncr- schnttcrlichkeit Ehristi und ans den wahnsinnigen Ver- zweiflnngsschinerz des Judas Jscharioth. l ud in dieser Art von Darstellung ohne jegliche Ilebertriebenhcit der äußerlichen Momente ist Sascha Schneider Meister. Das Gleiche in Bezug ans Ebenmaß und einfache Wurde läßt sich von dem nächsten Bibelbild:„Eins ist noth" sagen. Ans einem niedrigen Hügel steht ein lichtes, in den dunklen Nanm hineinragendes Kreuz. Das Kreuz trägt die Worte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die Msnng, die einst die nngehcncre französische Revolution begleitete, lind an das Kreuz gelehnt steht Christus aufrecht und predigt zu der Menge, die vom Fuß des Hügels horchend, doch ohne Bcrständniß zu ihm emporschant. Hinter dem Kreuze aber klettert der Teufel als Affe mit Fledermaus- flügcln empor und grinst über den Lncrbalken hin- ivcg. Es ist die Predigt der Liebe und Freiheit, die Predigt des Mensehenthnins, den Menschen gegen- über, die von Freiheit und Liebe nichts zu fassen vermögen, lind hohnlachend lauert im Hintergründe das Symbol der Niedertracht und Tücke und lacht über den Prediger der Menschlichkeit und zeigt in seiner eigenen Affcngcstalt, wie vergeblich das Wort der Freiheit, der init Blut und Schmerz errungenen Freiheit, zu einer stumpfeil und blöden Masse ist. Gerade dieses Bild Sascha Schneiders ist eines von den wenigen, das in großen Zügen eine immer wiederkehrende Wahrheit veranschaulicht. So wie die hier angesührten Stoffe zumeist der Sage und der Bibel entnommen sind, findet man ans allen immer wiederkehrende gleiche Züge und Figuren. Man kann sagen, daß es im Ganzen stets nur ein kleiner Jdeenkreis ist, den Sascha Schneider bisher bearbeitet hat, aber auch, daß er durch neue Art der Behandlung und neue Auffassung diesen Jdeenkreis zu vertiefen und durchdringen gc- sucht hat. Die Borliebe, stets dieselben äußerlichen Formen und Figuren zu bcnutzen, bringt wohl in die zerstreuten Ideen eine gewisse äußere Einheitlich- keit, erinnert aber auch an eine Ait von Manirirt- heit, die in der Knust nur zu oft zu finden ist. Es gemahnt gleichsam an die Begleiiung in der Musik, die oft dieselbe bleibt, während das Thema wechselt. Die größte Kunst ist die, welche ihren Gestalten stets ein»encs Gewand zu verleihen weiß. Aber den wirk- lichen Grund für diese Manirirtheit bei Sascha Schneider hat man anderswo zu suche»; und hiermit kommen wir ans das eigentlichste Wesen seiner Persönlichkeit. Sascha Schneider ist kein Künstler des wiik- lichen reellen Lebens. Er vermochte es bisher nicht, die Natur in ihrem großen Wechsel, in ihrer Mannig- faltigkeit und das Leben in seinen bunten Kon- trasten zn zeichnen: gleichwie er noch nicht vermochte, das Landschaftliche in der Natur zn schauen und wiederzugeben. Sascha Schneider ist im innersten Wesen bisher ein Grübler, man möchte sagen, ein metaphysischer Grüblern Er sucht fast überall daS letzte Weltwese», er sucht fast überall Erklärungen für das letzte Weltwese». Bilder, wie„Der Anarchist", „Das Gefühl der Abhängigkeit",„Der Gedanke an das Unendliche" beweisen es. Ferner ist Sascha Schneider kein Erotiker, ein Nkomcnt, das sehr in Betracht kommt. Alle Kunst jedweder Art hat znm Theil als Zweck, zum Theil als Niittcl die Erotik nöthig. Die tiefe Sinnlich- keit, die das Wesen alles Lebens ausmacht, um die sich alles Leben und Treiben auf Erden dreht, die ernste Sinnlichkeit, an die sich alle Schmerzen und alle Hossnnngen der Menschheit knüpfen,— sie ist Sascha Schneider bisher ein fremdes Element. Be- weis dafür: wir finden keine Frauengestalten auf seinen Bildern, wir finden nirgends ein Thema der Liebe, nirgends auch nur die leiseste Erinnerung an das, was das menschliche Leben treibt und be- wcgt. Ja noch mehr: wir finden nirgends Be- wegnng und Wechsel. Schneiders Kunst gemahnt an den Stein, sie ist unerschütterliche Nnhe. Wir haben an dem Bilde„Eine Bision" bemerkt, daß selbst das Schattenhafte und Hn'chende eines Traum- gcsichtcs unter der Hand Schneiders znm ewig lllilhendcn wird. Man sage nicht, daß dies das Erbtheil aller bildenden Kunst sei,— eine Frühlingslandschaft Hans Thomas' athmet Bewegung, man ahnt den weichen wehenden Hauch der Früh- lingslüfte, man ahnt das Keimen und Sprossen der Natur. In der„Sphinx" von Franz Stuck wird selbst der Stein znm lebendigen Weib und man hat das tiesinnere Gefühl, zn schauen, wie es sich niederbeugt. Und wo wir nns innblicken in der bildenden Kunst, entdecken wir Leben und Bewegung. Und wo wir uns umblicken in den Werken Sascha Schneiders, entdecken wir steinerne Nnhe und Leb- losigkcit. Und gerade deswegen hat die Knust Schneiders einen eigenthümlichen Neiz: den Reiz des Monumentalen, trrtz der primitiven Mittel, und den Neiz der kalten Askese. Daran knüpft sich auch ein drittes Moment, das nns durchwegs bei Sascha Schneider in die Augen fillt: Sascha Schneider hat keinen Humor. Ich meine nicht den Sinn für die Lächerlichkeiten und komischen Auswüchse des Menschenlebens, sondern die innere Freude, dieses Gefühl des ruhevollen Betrachtens und Bcgreifens aller Wandlungen und jedes Wechsels, diese Freude an Leben und Be- wegnng, die die starre Kunst erst mit schimmernden Lichtern nmgicbt. Sascha Schneiders Gestalten sind ohne Ansnahnie ernst und feierlich. Sascha Schneiders Gestalten sind Menschen oder Phantasicgebilde, die »nr denken, gleichwie der Künstler, der sie schuf, nur denkt. Sascha Schneiders Gestalten sind aber auch leidenschaftslos. Wenn wir die Reihe der hier besprochenen Bilder durchgehen, wir finden nur zwei Leidenschaften ausgeprägt: Die Gier und den Haß auf der einen Seite, den Schmerz und die milde Bersöhnlichkeit auf der anderen Seite— wir finden nur Engel und Teufel. Und daneben finden wir wieder starre, schauende, denkende Menschen. Auch hierfür giebt es einen, wenn auch flüchtigen und nebensächlichen Beweis: Sascha Schneider ver- meidet es, wo er kann, die Gesichter seiner Personen zn zeigen. Auf zwei Bildern:„Gefühl der Ab- hängigkeit" und„Der Anarchist" sind die Personen direkt abgekehrt. Ans dem Bilde„Der Mammon und sein Sklave" hat die eine Figur einen Bogel- koif, die andere Figur hält ihr Gesicht zn Boden. Ans dem Bilde„Der Gedanke an das Unendliche", das ein neuer Beleg für die metaphysische Grüblerei Schneiders wäre, hat die Figur fast gar kein Gc- sieht. Es ist ein halb abgekehrter, lichter Kopf, in dem nichts ausgeprägt ist. Dagegen zeigen sich die Gesichter, in denen Haß»nd affenartige Instinkte wohnen, stets voll, und Gesichter, in denen Gram und Schmerz und sonstige lebendige Momente verkörpert werden, fast nur von der Seite. Wohl aber sucht der Künstler diesen Mangel mit Pracht- voller Technik durch die Haltung seiner Gestalten zn ersetzen, ja, man kann sagen, daß er dadnrch vielleicht mehr von dem Seelenznstand auszudrücken weiß, als es ihm durch den Ausdruck des Gesichtes gelungen wäre. Sascha Schneider ist gegenwärtig sechsundzwanzig Jahre alt. Er stammt von dentschen Eltern, hat aber seine Jugend in Rußland verlebt. Diese Eindrücke, welcher Art sie auch gewesen sein mögen, prägen sich unverkennbar in seinen Werken ans. All das Ab- strakte. Innerliche, Melancholische, Grüblerische möchte man ans die seltsame Mischung von Germanen- und Slaventhnm zurückführen. Wir haben in großen Zügen die wichtigsten Momente bei Betrachtung der Kunstwerke Sascha Schneiders angeführt. Neben vielen Vorzügen wenige, aber ernste Niängel. Und gerade die cigenthümliche Vertheilnng von Mängeln und Borzügen hat dem jungen Künstler einen so raschen und wohlverdienten Ruhm eingetragen. Möge seine Weitereulwickelung eine so glückliche sein, wie seine Anfänge waren. ,-Sb erb(Itj et) an k en. Von Tor Hcdbcrg. Deutsch von Wilhelm Thcl. enn der Herbst sich naht und die Tage schon kürzer werden, dann scheint die Natur von dein glühenden Verlangen erfaßt zn werden, sich noch einmal in all ihrem Glänze zn zeigen. Eine Art Fieber treibt den Saft in den Pflanzen, die Blätter trinke» das Licht, färben sich purpurn, und das rnhige. glückliche Grün verwandelt sich in eine unklare, bewegliche Masse, die in zitternde, warme Farben getaucht ist. Der Wald ist dann schöner, reicher als je, aber auch trauriger, denn unter dieser Farbenpracht verbirgt sich eine Ahnnng der Hinfälligkeit und des Todes. Still und schweig- sani wächst diese Ahnnng. Das Fieber, das die gelb gewordenen Blätter verbrennt, verzehrt sie, und der Herbst rückt unerbittlich näher. Endlich kommt ein Tag, da der Himmel blaß- blau, ohne die geringste Wolke sich zeigt; die Luft ist kälter, durchsichtiger, und ans diesen Tag folgt eine eisige Nacht. In dieser hellen Nacht liefert die Natur ihre letzte Schlacht, sie kämpft gegen ihren Todfeind: die Kälte. Am Morgen, wenn die rothe Sonne am Horizont aufsteigt, glitzert der Frost ans Gras und Blättern.... Dann ist der Kampf beendet, das Fieber erloschen, und die Blätter fallen ohne Gnade eins nach dem anderen. Dieser erste Frost hatte sich über der Landschaft gelagert, doch während des folgenden Tages war die Luft milder geworden, die Sonne hatte die leicht gehärtete Erde wieder weich gemacht. Zn dieser Stnnde verschwand sie hinter dem Fichtcngehölz; die Dämmerung sank langsam hernieder und man fühlte durch die Atmosphäre fast einen Frühlingshanch streichen. Doch durch das Schweigen hörte man ei» endloses Geräusch, ein geheininiß.wlles Rauschen, wie ganz schwache Seufzer, wie die Klage unsichtbarer Elfen, die sich in der Luft schaukelten; das waren die Blätter, die sich von ihren Zweigen loslöste» und zur Erde fielen. Karin ließ ihre Arbeit ans die Knie sinken»»d blickte hinaus. Plötzlich fühlte sie sich von dem niederdrückenden, beängstigenden Eindruck der Traurig- keit der Natur ergriffen. Sic hatte dem Börnicke» der Jahreszeit von einem Tage znm andere» zn- gesehen; sie hatte Schritt für Schritt den Leichenzug beobachtet, und doch war es ihr, als entdeckte sie je. st zum ersten Mal, daß der Herbst drohend, nn- erbittlich vor der Thür stand. Ein unerklärliches Gefühl bemächtigte sich ihrer; die vertraute Land- schaft nahm in ihren Augen ein seltsames Aussehen an. Man hätte glauben können, der weite Raum zwischen diesen kahlen Zweigen vergrößere, erweitere sich, und ganz im Hintergründe las sie eine gehcimniß- volle Frage. Sie dachte darüber nach, denn sie ivar nicht sicher, sie auch verstanden zu haben, doch es quälte sie die Ileberzcngnng, daß sie nicht wußte, was sie darauf antw.rten sollte. „Es giebt keine Antwort darauf", miirmelte sie vor sich hin. Der Ton ihrer eigenen Stimme entriß sie ihrer Trännicrei, über die sie mit blassem Lächeln spottete. Aber einen Augenblick später schalt sie sich ans, daß sie gelächelt... und nun... nun hatte sie die eigenthiimliche Empfindung, daß sie sich selbst ein Räthsel war; sie erkannte sich nicht mehr; ihre Seele erschien ihr als eine unbekannte Welt— wie diese Landschaft vor ihrem Fenster— eine Welt voller Unklarheiten, an die sie nicht zn rühre» wagte und die sie doch anzog, obivohl sie Furcht davor empfand. Das war ebenso, als wenn sie ans ihren Spaziergängen durch den Wald ans einen Fußpfad kam, den sie noch nicht betreten hatte; es war die- selbe unklare Anziehungskraft, dieselbe unbestimmte Furcht. B!it der Lebhaftigkeit eines Kindes ging sie einige Schritte ans dem ihr unbekannten Pfade; dann wurde sie plötzlich von einer gleichgültigen Mattigkeit ergriffen, dachte:„Vielleicht finde ich den Weg nach dem Hanse nicht mehr wieder?" und drehte, ein wenig seufzend, wieder um. In diesem Ilugenblick ging nichts Anderes vir sich; sie machte einige Schritte in sich selbst hinein sozusagen und Acue Weit. Illustrirte Ilnterhaltlingsbeilage. iclirie, von der Furcht bchrrrscht, ihren Wcg nicht mehr wiederzufinden, mit einem Seufzer um. Wieder nahm sie ihre Arbeit zur Hand und bcczann von Neuem zu nahen. Ihre Kinder spielten in dem Wohnzimmer. Ihr Atann lani aus seinem Kabinct, ging in der Stube ein paarmal ans und ab, blieb neben ihr stehen und streichelte ihr, seiner Gewohnheit gemfifj, die Haare, wie er es immer that, wenn ihn eine Idee beschäfiigte. Er sagte, das beruhige ihn. Karin erhob die Augen und nickte ihm frcnndschafllich zu, wie innner. Er ging wieder in sein Zimmer zurück. Als er die Thür schloß, brach sie beinahe in Thrmien aus, ohne zn wissen, warum, und mit Ntühe unterdrückte sie die Thränen in einem stnmmeii, zitternden Schluchzen. Ter Lärm der Kinder ivurde stärker. Ein Streit hatte sich erhoben, der in eine„Schlacht" aiisznarten drohte. Endlich riß der Aelteste heftig die Thür ans, steckte den Kopf hindurch und sagte:„Mama, wie alt bist Du?" Karin zitterte, als hätte man sie geschlagen. Daun antwortete sie kurz, mit harter Stimme: „Dreißig Jahre." Die Thür schloß sich wieder und man hörte eine der Kinderstimmen die andere triuniphirend überschreien. Karin hatte sich in großer Hast erhoben. In ihrer Seele herrschte eine solche Aufregung, daß sie nicht mehr ruhig sitzen bleiben konnte. Es ivar iyr, als fühle sie etwas in sich wachsen und aufspringen: sie halte die Empfindung, als müßte ihr die Brust zerspringen. Sie drückte sie mit beiden Händen so heftig, daß sie sich wehe that, nur um diesen Schmerz nicht mehr zn fühlen, der sich wie eine scharfe Stal)lspitze in ihr Herz bohrte. Vor dein Spiegel blieb sie stehen, schob die Haare aus der Stirn und betrachtete sich lange Zeit. Sie suchte nicht, ob Runzeln sich an den Augenwimpern zeigten, ob ihre Stirn weniger weiß, iveniger rein als früher war; sie beobachtete nicht an ihren Schläfen das Erscheinen des ersten grauen Haares. Ihre weit aufgerissenen Augen befragten ängstlich das Bild, das sie da im Spiegel betrachtete, als wollte sie in den Tiefen einer Seele lesen. Dann fuhr sie langsam, streichelnd mit den Händen über ihr Gesicht, ihren Hals, ihre Taille, um sie gleich wieder muthlos sinke» zu lassen. lind lvieder trat das Wort auf ihre Lippen: „Es gicbt keine Antwort!" Was wollte sie sagen? Sie wußte es kaum. Sie ivnßte nur, daß etivas Großes und Schönes, das Kostbarste, was sie besaß, langsam, von Jahr zn Jahr, von Tag zu Tag vertrocknet war: doch jetzt Ivar es auferstanden und klopfte mächtiger denn je an die Thür ihrer Seele, weinte, bat und befahl. Sic ivnßte auch, daß sie eifrig nach einem uncr- rrichbaren, übermenschlichen Ziele strebte... Nach welchem Ziele? Sie hätte es nicht zn sagen ver- macht, es war gleichsam eine Offenbarung, eine Stimme aus der Ferne, die ihr den Frieden, den Trost brachte und ihr sagte:„Ich liebe Dich!" Mit kurzem, bitterem Lachen wandte sie dein Spiegel den Rücken. In diesem Augenblick hörte sie, wie sich ihr Mann der Thür näherte. Bevor er noch die Hand auf die Klinke gelegt hatte, ivar Karin in das Entreeziininer gestürzt, hatte Hut und Mantel ergriffen und lief die Treppe hinunter. Als sie im Hofe war, zog sie den Mantel an und setzte den Hut auf, den sie aber sofort wieder abnahm und in der Hand behielt. Mit kleinen, schnellen Schritten wandte sie sich dein Walde zu. Sie dachte daran, ivie oft sie ihm vor zehn Jahren gesagt hatte, daß sie ihn liebe, ihm, den- selben Manu, vor dem sie heute floh. Liebte sie ihn damals wirklich? Dieser Zweifel schoß ihr durch den Kopf, doch sie verjagte ihn. Seit zehn Jahren waren sie verheirathet; sie hatte ihm vier Kinder geschenkt, und doch floh sie heute vor ihm, wie man flieht, um sein Leben zu retten. Sie suchte dafür keine Erklärung; sie faßte die klare, deutliche, schroffe Wirklichkeit ins Auge. Nu» zeigte ihr ihre Phantasie, wie es sein ivllrde, iveiin sie ihre Häuslichkeit in derselben Stunde für immer verließ und durch die Welt zog, inn... Um das Glück zn suchen? fragte sie sich zuerst lachend, dann sehr ernst. Ihren Autheil am Glück! Sie wußte wohl, daß es sich um einen leeren Traum handelte, doch sie bemühte sich trotz- dein, ihn zn durchleben; wie ein richtiges Kind ver- senkte sie sich, närrisch glücklich, in denselben; denn sie ahnte, daß sie am Schlüsse des Tramnes irgend etivas erlvartcte, etivas Schmerzliches, Ernstes, Feier- lichcs; vielleicht mußte sie Allem, was ihr thencr war, auf immer Lebewohl sagen. Sie hatte den Wald erreicht. Sie ging zwischen den weißen Birken hindurch; die trockenen Blätter knisterten unter ihren Füßen und hörten nicht ans, eins nach dein anderen unerbittlich um sie herum zu fallen. Karin hatte das Fieber, ihr Puls schlug heftig; sie empfand jene Beklemmung, die den wichtigen, entscheidenden Handlungen vorangeht... lind doch wußte sie wohl, daß sie nicht handeln, daß Alles Ivie vorher bleiben würde. Doch als dieser Gedanke sie mit der Stärke einer Gewißheit traf, fühlte sie sich von einer solchen Verzweiflung erfaßt, daß sie zu sterben glaubte. Wieder versenkte sie sich in ihren Traum, durch die Welt zu ziehen und das Glück zn suchen. Plötzlich war es ihr, als bemächtige sich ihrer eine eisige Ruhe; sie blieb stehen, setzte sich dann auf einen Stein und lehnte sich an einen Birken- stamm. Sie war müde; ein Bleigelvicht lähmte ihren Körper, ihr Kopf fiel auf die Brust zurück; sie schloß die Augen. Von Neuem murmelte die ge- hcinmißvolle Stimme ihr ins Ohr:„Ich liebe Dich!" Ein heftiger Sturm von Reue und Bedanern drohte, ihre Brust zu sprengen; ihre entflammte Phantasie beschränkte sich ans ein fieberhaftes, glühen- des Sehneu nach dem Glück, der Liebe, der Frendeu der Jugend, nach Allein, was ihr Denken und ihre Träume jemals an Großem und Schönem herauf- beschworen hatten, nach dem Leben, dem wahre», vollen, vollkommeiieu Leben, das nian niemals kennen lernt, und das doch existireu muß, da mau ja stets darnach strebt.... Gleichzeitig fühlte Karin, wie das andere Leben, das wirtliche, ernste und uuvermeid- liche Leben zn ihr herabstieg und lvieder ganz und gar von ihr Besitz ergriff. Und sie weinte, weinte, wie sie nie geweint hatte; stürmische, endlose und so bittere Thränen, daß man glauben konnte, SIlles, was ihrem Leben irgend welchen Werth verleihe, fließe mit ihnen dahin. Eins nach dem anderen lösten sich die Blätter von dem Birkenbaume und fielen auf die Erde. Einige bedeckten Karins Kleid, die an der Erde saß, ihren letzten Kampf lieferte und ihrer Jugend Lebewohl — das letzte Lebewohl sagte. Die Kinder lagen schon im Bett, als Karin nach Hause zurückkehrte. Ihr Manu las die Zeitung. Sie nahm ihre Arbeit und setzte sich an den Tisch, an ihren geivöhnlichen Platz. Er las noch einige Augenblicke, dann ließ er plötzlich das Blatt fallen und fragte sie:„Wo warst Du hingegangen?" Karin autivortete nicht. „Waruni bist Du ausgegangen?" fuhr er nnge- duldig fort.„Zn welchem Zweck?" „Zn keinem," erwiderte sie kurz. „Man muß für Alles, was man thnt, stets einen Grund haben." Das ivar seine Licblingsmarime. Karin sah ihn mit seltsamem Ausdruck an und erwiderte:„Ich habe die Idee gehabt, Dich und die Kinder zu verlaffen." Der Gatte brach in lautes Lachen ans; doch plötzlich schwieg er und wurde sehr bleich. Auf- merksam betrachtete er seine Frau; plötzlich begriff er, daß das Leben doch nicht so einfach ist, als er bisher geglaubt und ivie er es in seinen Reden gern behauptete. Er wurde von einer so tiefen Erregung erfaßt, daß die Zeitung seinen zitternden Händen entfiel. Und noch lange Zeit nachher passirte es ihm, daß ihn dieselbe Furcht erfaßte, und er zog dann die Hand zurück, mit der er die Haare seiner Frau streicheln wollte. Tann betrachtete er sie bestürzt, als wäre er nicht ganz sicher, daß das auch wirklich seine kleine Karin war. 3iö anc. der Fferne. Von O. jialt-Ncnlcaiix. I. In den Farnwäldern Australiens. Mti�iele, welche Jahre lang in Australien gelebt und ivohl auch nicht nubedeutende Touren in den Kolonien dieses Erdtheiles unter- nommen haben, berichten, daß die Szenerie des australischen Urivaldes durchaus ein nionolones Ge- präge trage. Will inau gerecht sein, so kann man dieses Urlheil nur theilweis bestätigen und voraus- setze», daß jene Berichterstatter entivedcr nie solche Plätze besucht oder achtlos daran vorüber geschritten sind, wo die australische Natur in einer nie geahnten tropisch erscheinenden Pracht sich entfaltet. Wie die todte, einförmige Wüste ihre srnchtbringenden, er- quickenden Oasen, so hat die australische Waldes- natur ihre geheimen Schlnpsivinkel, in ivclchen sie das Schönste verborgen hält, was zu erzeugen sie fähig ist— und dies sind ihre Farnbauni-Schlnchten. Der Botaniker ivie der Entomolog folgt nicht der breiten ivegsamen Ebene, die der Wanderer der Be- qnemlichkeit halber nur so ungern verläßt; ihm er- öffnen die dunkeln, feuchten Schluchten, die ver- worrenen, fast unzugänglichen„noolcs"(Winkel) der hohen Gcbirgspartien Schätze, die ihm reichlich alle gehabten Mühen lohnen, und hier erst öffnet sich dem Naturfreunde ein Tempel, in welchem er gern als dienender Priester weilen möchte. Besuchen wir eine solche Schöpfung! Unsere Pferde sind nach einem guten Tagesritt müde, und da die Sonne sich dem Horizonte der weiten Ebene hinter uns schon sehr genähert hat, so ist es besser, zu rasten und morgen die Tour fortzusetzen, um in die hinteren Schluchten des vor uns sich erhebenden Gebii ges einzudringen. Bald ist eine passende Stelle zum Nachtlager gefunden, die ringsum von grünendem Gebüsch eingeschlossen, während ein schmaler aber klarer Wasseifaden, vom Gebirge kommend, unfern von uns melodisch vorüberriesclt. Wir schnallen die w.llenen Decken(unser Buschbctt) ab, entsatleln die Pferde und koppeln oder ketten die Vorderfüße jedes einzelnen. Bald lodert ein mächtiges Feuer, lebhaft ge- nährt von den massenhaft umherliegenden todten Aeslen und Ziveigen der Bäume. Da wir dieses Feuer hart an einem gefallenen Baumstamm an- geschürt und der Abeiidzng die Flamme gegen den Stamm treibt, so glüht derselbe an dieser Stelle bald in hochdnnklem Purpur, und wir haben keine weitere Ntühe, das Feuer ivährend der Nacht zu unterhalten. Unser mit klarem Gebirgsivasser ge- füllter Pot(verzinnter Kochtopf) sprudelt über, und eine Hand voll Thce, die wir hineinwarfen, ver- breitet einen aromatischen Geruch, einladend für er- schöpfte Reisende. Einem frugalen Male von Brot und Speck oder Schinken folgt das dampfende Pfeifchen; die Decken iverdeu ausgebreitet: man wickelt sich hinein und streckt sich aus, den Sattel als Kopfkissen bc- nutzend. Die Nacht ist dunkel, aber über den Kronen der Bäume entfaltet sich die Sterneupracht der süd- lichcn Hemisphäre, und es leuchtet hernieder von tausend fernen, klaren Sonnen. Leise rauscht es im Walde; einige Nachtvögel mit schioerem Flügelschlag und schrillem Gekreisch unterbrechen die geheimniß- volle Ruhe, und man ist mit seinen Gedanken allein noch ivach. Aber wie herrlich ist dieses Gefühl der Freiheit! Man sehnt sich immer wieder darnach und kann es nie im Leben lvieder vergessen. In den Bäumen knispert und klappert es, und Stücken von Ziveigen oder abgestorbenen Aestchen fallen her- nieder. Es sind Opossums, die ihre nächtlichen Wanderungen beginnen und sich von Blättern und Blüthen der Eukalypten(Giimniibäume) nähren. Man lauscht noch ans Dieses oder Jenes, aber immer unklarer iverdeu die Sinne; eine neugierige Känguruh- ratte, welche, angelockt vom Gerüche des Brotes, vorsichtig näher komint und„Männchen" macht, findet endlich die ganze Gesellschaft in tiefem Schlafe und hüpft mit einer geraubten Brotrinde in das Dunkel zurück. 320 Die IIcuc Welt. Illustvirte IlnterhaltungsbeilagS. Plötzlich erivachen wir. Natiirstiiiiiiieil fallen in unser Ohr. Der Magpie(australische Elster» orgelt sein liebliches Morgenlied; die Pferde schnauben und springen mit gefesselten Vorderfnßeii unweit von uns heruiu, sich des Morgenthanes sn erivehren, der stark und kühl herabfällt. Wir öffnen die Augen lind blicken in den dämmernden Morgen hinein. Unsere Decken fühlen sich naß an und liegen schwer ans uns; aber der halbdnrchbrannte Baiimstainm glüht noch lustig im Inneren fort und verlangt nur einiges trockenes Holz, um sofort wieder aufzuflackern. Wir springen aus unseren Decken und jodeln nach Herzens- lnst in den Wald hinein, die fanleren Schläfer weckend. Da erschallt plötzlich lautes Lachen Über uns, rings um uns. als seien wir von Dämonen umringt. Es sind nicht zwei oder drei Stinnneu, es sind Dutzende. Das sind die Langhing Jackasses oder Lachvögel, die schon manchem Wanderer in der tiefen Einsamkeit des Urwaldes ein unheimliches Frösteln durch ihr dämonisches, aber menschenähn- liches Lachen verursacht haben. Thee und Frühstück ist eingenommen; die getrock- liefen Decken sind wieder zusammengerollt und fest- geschnallt, und die Pferde stehen gesattelt bereit. Wir besteigen die Pferde, und mit munterem Trott ans hartem Waldesgrunde reiten wir in dem jungen, duftenden Morgen dem nahen Gebirge zu, dessen wilde Schluchten unser Ziel sind. Die Gegend hebt sich immer mehr und bald gewahren wir hier und da schon vereinzelte Farnbänme, die gleich ausgestellten Wächtern mit ihren Wedeln uns entgegen- winken; nach einiger Zeit aber fällt das Gebirge so schnell ab, daß wir absitzen und die Pferde am Zügel führen müssen. Jetzt beginnt das Steigen. Die Kronen der hohen Bäume um uns halten die Strahlen der Sonne nicht ab, die immer sengender werden, und wir sehnen uns nach einem kühlenden Trnnke. Hier aber ist kein Wasser zu finden; der Waldgrund ist hart und steinig, und ehe wir nicht den Kamm des Gebirges überstiegen und die Schluchten der anderen Seite erreicht haben, ist keine Aussicht ans eine Labung, wenn wir solche nicht mit uns führen. Ein stärkender Schluck Rum oder Kognak muß gegen Durst oder Ermattung helfen, und ohne Sänmniß geht es weiter hinauf, indem wir die Pferde am Zügel nach uns ziehen. Papageien in wunderbarer Farbenpracht, Kakadus mit stolz gespreizter Haube und schrillem Gekreische umfliegen uns, ohne scheu zu sein. Biete andere Stimmen lassen sich noch per- nehmen; aber wir schenken ihnen jetzt wenig Auf- merksamkeit, da dieselbe nach dem Kamme des Ge- birges gerichtet ist, der für uns scheinbar öfter sichtbar war, aber sobald wir einen gewissen Punkt erreicht, sehen wir uns stets getäuscht, und das Steigen beginnt von Neuem. Endlich aber sind wir oben und blicken nun in eine Schlucht hinab, die, verhüllt von üppigster Vegetation, dem Auge nicht einzudringen erlaubt. Wir nehmen daher unseren Weg mehr rechts, nui den Anslanf dieser Schlucht im Thalc zu erreichen, und lavirend, um Mann und Roß nicht zu gefährden, geht es nun hinab. Die Mittagssonne brennt jetzt sengend ans uns hernieder; kein Lüftchen weht; kein Blättchen regt siel»; kein Käfer siimmt. Die Bögel haben sich zurückgezogen nach schattigen Plätzen. Alles ist wie ausgestorben und tiefes Schweigen herrscht rings umher. Nur einzelne, sich regelmäßig wiederholende Töne, scheinbar ans weiter Ferne kommend und genau den metallischen Artklängen beim Behauen der Balken auf einem Zimmerhofe gleichend, fallen in unser Ohr. Diese Töne haben schon manchem müden Wanderer frohe Hoffnung und neuen Btuth ins Herz gesenkt, der mm sicher glaubte, einer Ansiedelung in der ihn umgebenden Wildniß nahe zu sein. Aber die Täu- schnng war um so schrecklicher, je nothdürstiger seine Lage war, denn keine Lichtung des Waldes zeigte sich. Sein weitschallendes„Loo-ob!"(Buschruf) wurde nicht beantwortet, und doch hallten die venueintlichen Ajtfläuge fort und fort. Diese Laute gehören einem Frosche an, aber seine Anwesenheit bedingt nicht das Vorhandensein von Wasser— eine neue Tänschnng für den verschmachtenden Wanderer! Wir haben uns nun so weit an dem Berge nach rechts hingezogen und sind dabei dem Thale so nahe gekommen, daß wir den Auslauf der Schlucht vor uns haben, die in das breite, grüne Thal mündet. Dort, hinter einem Vorsprnnge unseres Berges, kräuselt sich eine blaue Nanchwolke empor und läßt uns eine Ansiedelung vermnthen, die wir in der That auch bald vor uns haben. Solch ein Anblick erfrischt. Bald betreten wir die gastliche Hütte und erfrischen uns an Brot und würziger Milch, wie das Euter der Kuh sie spendet. Unsere Pferde werden wieder abgeschirrt und gekoppelt und bald sehen wir sie nach dem klaren Büchlein wander», das, von dem Gebirge kommend, dieses grüne Thal durchschlängelt. Wir greifen wieder zu unseren Stöcken und, geführt von einem Knaben der Ansiedlerfamilie, be- ginnen wir die nur kurze Wanderung nach der Farn- banmschlncht. Eine Beugung des Thales— und vor uns liegt sie in ihrer nie geahnten Schöne, in einer Ueppigkeit, die das Auge blendet, und zieht sich meilenweit fort, von Gebirgen an beiden Seiten eingerahmt. Wir treten ein und wandeln unter grünen Hallen der stattlichen �.lsopliila australis und Dicksonia antarctica von zehn bis dreißig Fuß Höhe, deren jede einzelne ihre Palmenwedel nach allen Seite» über uns ausbreitet»nd grünende Dächer neben- und übereinander wölbt, die uns ab- zuschließen scheinen von der Welt und allem Leben darin. Die Stämme oder Säulen dieser Hallen sind wiederum geschmückt mit allen möglichen-Moose», Pilzen, Flechten und kleinen Farnarte», welche, Schmarotzern gleich, sich am Stamme eingenistet haben und von ihm ihre Nahrung ziehen. Dazwischen hängen Schlingpflanzen in Festons herab, oft von einer Stärke, daß wir uns getrost in ihnen schaukeln dürfen. Die vom Alter gefällten Stämme bilden die schönsten Ruhekissen, denn mau fällt in ein Moos- und Farnpolster von einhalb Fuß Stärke und darüber. Die reizenden Arten von Ilz'mkiiopdz-Uum, I�copolli»,», Trichornanos und Grammitis wuchern hier dicht gedrängt und überziehen Stamm und Steine. Aber Alles ist feucht, und die Lnst ist die eines geheizten Treibhauses, aber dennoch kühl gegen die Atmosphäre außerhalb. Die verwelkten und abge- fallenen Wedel der stattlichen Farnbänme bedecken überall den Boden und geben den lebendigen Nah- rimg und Stärkung. Ein krhstallklarer Wasserstreifen, sich jetzt in viele Rinnchen theilend, jetzt wieder sich zu einem Miniaturbächlein vereinigend, rieselt, ott gänzlich überwuchert, in der tiefsten Höhlung dieser Schlucht hin. Und über uns glüht die australische Mittagssonne von einigen vierzig Graden Röaumur, aber wir fühlen sie nicht; ihre Macht wird gebrochen von den Fächern der mächtigen Wedel, die, gegen die Senne gesehen, saphirgrün erscheinen und dem Dunkel unter ihnen eine grüne Färbung verleihen. Was können Worte leisten, wo das Auge schwelgt! Diese grünen Hallen, diese lebendigen Gnirlanden, diese weichen Sammetpolster machen uns glauben, wir betreten das Heiligthnm einer Fee. Wir ahnen die Gegenwart der Drhaden und würden nicht erstaunen, träte plötzlich Oberon mit seiner Titania hervor. Aber weiter, weiter! Die Schlucht wird enger und in ihrer Riitte oft ungangbar; wir müsse» uns an den Seiten entlang winden und blicken nun in die Palmenkronen der ans der Tiefe herauf strebenden Farnen. Plötzlich überspannt die Schlucht eine mächtige Brücke. Ein kolossaler EucalypUis liegt entwurzelt quer über und reicht von der einen Berges- lehne hinüber nach der anderen. Aber in welche Pracht ist auch er gekleidet! Von seiner moosigen Decke hängen Schlingpflanzen in zierlichen Windungen herab und machen uns glauben, er sei eigens ge- fallen zur Verschönerung der ganzen Waldszenerie. lind welche Szenerie! Zu unseren Füßen die Krone der Farnbänme, die mit ihren breiten und gefranzten Wedeln jeden Blick in die Schlucht selbst vereiteln, und um uns und gegenüber riesige Enkalhplen und üp, ige Sassafrasbäume, deren voller glänzender Blätterschmuck reizend hervortritt vom Dunkel des Hintergrundes. Die Einsamkeit, die uns in der Schlucht nmgab, wird belebter; wieder umflattern uns Vögel, oder eine bunte Eidechse schlüpft behend an uns vorüber. Immer wilder, immer nnzngäng- sicher, immer steiler wird ez vor uns; aber das hindert uns nicht. Wir winden uns durch dichtes linterholz, geschmückt mit seltener Vlnmenpracht, klettern über gefallene und bemooste Bäume und arbeiten uns durch verworrene und umstrickende Schlinggewächse, bis wir endlich gesiegt»nd die Höhe erreicht haben, von wo ans wir eine freie und weite Aussicht genießen. Die dunkelbewaldeten Häupter der nahen und fernsten Gebirge, eins über oder neben dem anderen sich erhebend, gleichen den erstarrten Wogen eines weiten Meeres, und wir fliegen im Geiste der Zeit voraus, die vielleicht nicht zu fern ist, wenn Städte und Dörfer zu Füßen jener Berge blühen; wenn hohe ranchende Essen die Monotonie des Urwaldes unterbrechen und von der Industrie der Mcnscheil auch hier Zengniß geben; wenn breite Straßen wie lichte Bänder sich über diese Höhen ziehen oder das dampfende Roß sich keuchend zwischen ihnen hindurch ivindet.-- Dann aber, du stilles prächtiges Thal, ist es vorüber mit deinem Frieden; deine schönen Palmen werden fallen— und Niemand wird ahnen, daß einst hier die Natur einen Versteck hatte, in welchem sie ihre üppige Schönheit profanen Augen entzog. -H3> Aus dtiu Papierkorb der Zeil.<�4- Tic Entstehung der Oper. Trop aller Beniühimgen, die Entstehung der Oper, dieser komplizirteste», aber anch wirkiiiig'Zvollgen und vollendetste» j> nnstjorm der Musik, ans einen bestimnite» Zeitpunkt festzusetzen, sind die ersten Anfänge des»»isikalische» Bnhnendranias noch immer i» Dunkel gehüllt. Vielfach hielt man die Erfindung der Oper für das Verdienst einer um das Jahr 1580 in Florenz ziisaniineugetreteuen Vereinigung von Gelehrten und Kuustsreuiideii, die nach einer Erneuerung des alten griechischen Dramas, uiiter Mitwirkung der Musik, strebte und ans diesem Wege das musikalisch dramatische Kunst- ivcrk fand. Die Fäden, die das iiioderne Musikdrama mit de» musikalisch. dramatischen Cpielen der Vorzeit ver- binden, reichen jedoch in eine weit frühere Zeit zurück. Bon den Tragödien der Alten, mit ihren gesungene» Chören, dürfen wir zwar billig absehen, doch haben wir bereits in den altchristlicheu Mysterien, die die Geistlichkeit mit besondere»! Eiser pflegte, um deni Volke bei dessen unverwüstlicher Vorliebe für theatralische Darstellungen einen annehmbaren, aber edleren Ersatz für seine rohen mimische» Spähe zu geben, die erste» Ansänge oder doch wenigstens Vorläufer der Oper zu suche». Vis z»»i zwölften Jahrhundert traten diese Mysterien nur ver- einzelt aus, von da an wurden sie ininier mehr Kunst- bedürsnih des Volkes; bereits im Jahre 1318 wurden in Paris große Theatergebäude für die Ausführung der Mysterien, die mit Gesaug, Tauz und Pantomime ver- bunden waren, errichtet. Einen entschiedenen Fortschritt ans dem Wege zur Oper bedeuten die gieux(Spiele), in denen sich die französischen Troubadours im dreizehnten Jahrhundert versuchten. Es ivaren dies kleine dialogislrtc Stücke mit eingestreuten Gesängen, die jedoch nicht dem mnsikalischen Schatze des Volkes entnommen ivaren, sondern für jedes dieser Oiederspiele besonders komponirt ivurden. Namentlich dürfen wir manche der gisux von Adam de la Haie als kleine Opern init Dialog betrachten. In seinem Spiel„Robin und Marion" treten elf hau- delnde Personen auf; in den Dialog sind Couplets, Einzelgesänge und sogar dialogisirte Gesänge eingestreut. Die Gesäuge sind srijcki und lebendig und namentlich rhythmisch interessant; das Ganze erinnert ein klein ivenig an das hübsche Singspiel„Bastian und Bastienne" des jungen Mozart. Ob die Gesänge dieser Liederspiele be- g'citet gcivcsen sind, wissen>vir nicht; vielleicht wurden sie zur Laute gesungen. Die gisux haben ihren einfachen Charakter nicht lange behalten. Da sie vielfach zur Unter- Haltung au den Königs- und Fürstenhöfen bestimmt waren, suchte mau einander durch Glanz und prunkvolle Ans- stattung zu überbieten»nd bald arteten die musikalisch- dramatischen Spiele, in denen fortan das musikalische und poetische Elemeut hinter dem Streben, möglich viel Pomp und leeres Schaugepränge zu bieten, zurücktrat, gänzlich ans. Trotzdem finden wir in diesen Spielen, die bald unter Mitwirkung der Instrumente vor sich gingen, fast sämmtliche charakteristische Eigenschasten der moderneu Oper vor. Die im Jahre 1594 von Ottavio Iiiuurrini gedichtete, von Carrini und Pen in Musik gesetzte traztickia per musica„Taphne", die man ge- meiniglich als erste Oper— das Wort„Oper" selbst kam erst um>610 in Italien auf bezeichnet, darf keinesfalls als das erste Muster ihrer Gattung bezeichnet werde»: die altfranzösischen Liederspiele und diese ersten „Opern" umschlingt dasselbe Band. l. Nachdruck des Inhalts verboten? Alle für die Redaktion bestimmteil Sendungen wolle man an Edgar Steiger, Leipzig, Oststr. 14, richten. ii.eranlworlNcher S.cdalleur- wuslav Macasq in Veipjig.— ivcctag: Hainbur�er Üiuchdruclmi»nd iiieUaasanslail Auer& Cid. in Hamdurg.— leuci: Max Bading in Berlin.