Nr. 43 �Silujlriri c � t ni e r Iv a( ixm0slT eil a0 c* ino? Es hat a Daxl gar nix g'lernt, Als Belln grad und Kreßn, Hat nix von andri Aünstn gewißt, A)ar aa nit drauf verfeßn, Der Daxl hat a Lcbn g'fnhrt Ja raar und ohni Kumma, In Winter hinter'n(9fa g'fchnarcht And Atuckn g'fangt in Summa; =<»8 Der Daxl und der Pudl. asb.._ Von Franz v. jtobell. Lr is gar fleißi gfüttert worn, Was sollt' er Hunger leid'n, „Hel Daxl, magst halt aa dei Zach, Hast aa so dcini Kreudn."— —£5 hat a Pudel zeiti scho «Kar viel Herstand verrathn, Hat um a jeds Apportl tho, Als waar's der besti Bratn, Dem Pudl hat ma wohl'was zoagt, And hat er's nit bcgriffa, So is ihm Peitsch'» oder Stock Hschwind über'n Buckl'psissa; Alan hat ihm wem z' freßn gebn: „Der Schlangt braucht nix z' freß'n, Denn wur er wampet, thaat er ja Sei Wissnschaft vergeßn!" AAr fallt gar oft der Daxl ei. Den oan, der nix is, thuat mer All's, Der Pudl aa danebn. Den andern nit a bist, Betracht' i, wie so nach Verdienst Dem oan bleibt's Broatl allizeit An diem die Alenschn lebn; Und dem— a laari Schüßl. Auf der Walze. AuS den Papiere» eines Fechtbruders. Von F. Riebeck. Siebenundzvaanzigstes Knpitce. cF-nseyung., I 0 k e r l e. athilde, das einzige und schöne Kind des Hauses, hatte von einem Lieutenant, der JjX&Z ihr eine Zeit lang den Hof inachte, einen lngen Dachshund als Geschenk erhalten. Sie gewann as muntere Thier sehr lieb und fand in ihm einen istigen Spielgefährten, mit dein sie im Garten nmher- illcn nnd ans ihren Spaziergäiigen die drolligsten icherze treiben konnte. Die fromme Fran Sberst bte ein strenges Rcginient Über ihre Tochter: sie «ar eine änstcrst sittenstrenge Daiiie und hielt es ir ihre vornehmste Pflicht, Mathilde vor dem Ter- hr mit Btännern zu schützen. Alle Freier, die sich 1 das Hans ivagteu, angelockt von der Schönheit, nn holdseligen Wesen nnd dem Reichthuin Mathildi iis, itflohen bald mit Entsetzen vor dem„giftigen 'rächen", der den jungfräulichen Schatz behütete. 'ein Oberst mar das Faniilienlebcn durch eben diesen lrachen schon frühzeitig verleidet worden. So lange ' Soldat ivar, lebte er ganz scineil soldatischen iflichten, nnd spater, nachdem er den Ruhestand nioß, suchte er Zerstreuung in dem Studiuni der iflanzenivelt, sowie bei alten Kameraden im Stamm- ub. Das Hauswesen überließ er ganz seiner Fran, il der er sich leidlich vertrug, da er ihr vollstaiidig cien Willen gemährte und ein Feind aller seelischen Anfregnngen ivar. Aber er kam fast nnr bei Tisch mit ihr znsainmen. War er zu Hanse, so ließ er sich in seinem Zimmer nicht stören, uiid merkte er, daß die Frau Besuche emp'ing, so rctirirte er, als sei die Pest ausgebrochen. Die Fran Oberst empfing öfters Gäste, zumeist waren es geistliche Herren und allerlei weltliche Betsippschasten beiderlei Geschlechts. Männer, die nicht beständig den Rosenkranz in der Tasche nnd den lieben Gott ans den Lippen trugen, ivaren der würdigen Dame verhaßt: sie galten ihr saniint nnd sonders als Bösewichte und hochgefähr- liehe Feinde der weiblichen Unschuld. Auch Mathilde rückte gern vor diesen heiligen Leuten ans nnd bewies dadurch, daß sie ein nnge- rathenes Weltkind war, das noch sehr der frommen Zucht bedurfte. Am liebsten märe sie mit ihrem Jokerle über die Felder gerannt, über Gräben ge� sprnngen nnd ans die beivaldeten Felsenhügel ge- klettert; allein sie mußte geduldig nnd demüthig ans- harren nnd sich im Tngciidheldenthnni nnterweiscn lassen. Sie benahm sich dabei wie ein gefangener Fink, der sich anscheinend in stiller Ergebenheit in das Unvermeidliche fügt, aber von seinem Winkel ans mit scharfen Augen nach einer Gelegenheit zum Entrinnen späht. Gelang es ihr, bei guter Zeit zu entwischen, so rief sie ihren Jokerle, riß ihn zu sich empor, liebkoste ihn voll stürmischer Freude und entfloh mit ihm in die sonnentrunkeiie Freiheit. Des Nachts schlief Jokerle in ihrem Bett zu ihren Füßen, zum großen Aerger der Mutler, die das als„unfein" bezeichnete. War sie traurig, so nahm sie Jokerle ans ihren Tchovß, strich mit ihrer kleinen weißen Hand über sein schwarzes Fell nnd blickte ihm in die feuchten Augen, als fände sie dort Berständniß nnd Trost. Der Hund sah alsdann so trübselig drein, als leide er an Lebensüberdruß. Düstere Stunden erlebten die Zwei recht vtt, dafür sorgte in ausgiebiger Weise die Fran Mama. „Die Engel im Himmel meinen, wenn Du lachst!" pflegte sie ihrem Kinde zürnend zuzurufen, wenn es sich einmal in ihrer Gegenivart dem Frohsinn über- ließ. Und genügte dieser Zuruf nicht, die gute Laune des Mädchens zu verderben, so ward sie zornig nnd rief mit puritanischer Härte:„Gott wird Dich strafen, Du böses Geschöpf! Bete lieber, das ist Dir ge- snnder, als Dein gottloses Lachen!" Sie duldete keine Heiterkeit im Hause; mit ihrer finsteren Gottseligkeit verscheuchte sie ihren Mann ans ihrer Nähe nnd raubte ihrem Kinde die Jugend. Unduldsame Personen solcher Art sind in der Regel zärtliche Thier freunde. Auch ein in Bosheit nnd Zelotismus verkommenes Herz kann die Liebe nicht entbehren, nnd wenn sich die Menschen voll Scheu nnd Abscheu von ihm wenden, vergeudet es de» spärlichen Ouell menschlich- schöner Gefühls- regungeil an das unvernünftige Vieh. Die Frau Oberst war verliebt in einen Papagei; sie brachte es fertig, stundenlang mit ihm zu tändeln, und sie überfütterte ihn mit Leckerbissen, bis das arme Thier vor Fettigkeit die Federn verlor und krank wurde. Jokerle hingegen stand nicht in ihrer Gunst; sie haßte ihn mit ganzer Seele— haßte ihn ans Eifersucht. Im Bewußtsein der Unfähig- keit, sich das Vertrauen ihres Kindes z» erwerben, 338 Die Neue Welt. Illustrirte Nuterhaltungsbeilage. grämte sie sich, dcib der Hu») dieses Vertraue» genoß und von seiner jungen Herrin Liebtosnngen empfing, wie sie ihr, der liebenden Mntter, nicht zn Thcil wurden. In einem verborgenen gesunden Winkel ihres ausgearteten Herzens regte sich zniveilen die Sehn- sucht nach einem innig säßen Verhältniß zu ihrer Mathilde. Ach,-niid wie gern wäre das nach Liebe schmachtende Mädchen der Mntter in trunkener Wonne an die Brust gesunken, wie gern hätte es voll in- brünstiger Glnth um Verzeihung, um Verständniß, um Vertrauen gefleht, und wie gern hätte es sich sestgcklammcrt an ihren Hals, festgesogen an ihren Miuid und stille, beglückende, erlösende Seelenzwie- spräche mit ihr gehalten! Doch zwischen diesen Sehn- suchten von Mntter und Kind waltete ein ewig tiennender Zanberbann, der seine Ursache in der düsteren Kirchlichkeit der Frau hatte. Sie war nicht mehr fähig, in der Ursprache des Herzens zn ihrem Kinde zu reden, so sehr ihr Herz auch zuweilen insgeheim nach einer solchen Aussprache begehrend schrie. Die jugendfrische natürliche Vtuuterkcit des Mädchens wirkte verlebend ans das nngesnnde Gc- müth der Mutter i sie schien ihr im Widerspruch zu stehen mit den Lehren des Heils, wie sie ihr von ernsten Bußpredigern verkündet wurden. Wenn Jokerle der Fra» des Hauses begegnete, kniff er furchtsam de» Schwanz ein und suchte so rasch als möglich fortzukommen. Er hatte hiersür seinen guten Grund, denn wenn die Frau Oberst sich unbeachtet glaubte, versetzte sie ihm Fußtritte. In Gegenwart Ataihildens that sie ihm nichts zu Leide; sie war feig und fürchtete den Zorn des Mädchens. Einmal hatte sie ihn so heftig getreten, daß er vor Schmerzen gräßlich schrie. Mathilde, die in der Nähe weilte, ergriff ihn rasch und suchte ihn durch Zärtlichkeiten zu beruhigen. „Immer läuft er mir unter die Füße!" sagte zürnend die Frau Oberst. Diese Worte sollten eine Entschuldigung sein. „Ich Habs gesehen, Mutter!" erwiderte Mathilde. Der eisige Ton dieser Antwort belehrte die Mutter, daß sie von ihrem Kinde auf einer Lüge ertappt worden sei. Um ihre Scham zu verbergen, begann sie zu schimpfen; es sei keine Art, mit einem Hund.' zu thun, als sei er der Herrgott.„Küsse lieber das Kruzifix, daß Dir der gekreuzigte Herr Jesus Deine schweren Sünden vergiebt!" schrie sie.„Ich werds dem Herrn Kaplan sagen, wie Du mit dem dummen Hunde umgehst...." Ein stockfrommer Abruzzenränber und Biädchcn- schänder ist rascher fertig mit seiner Sündenbeichte, als es Mathilde war. Zwölfmal im Jahre und vielleicht öfter noch ging sie auf das Geheiß ihrer Mutter und wohl auch ans eigenem Antriebe zur Beichte, und jedesmal fühlte sie sich tief nieder- gedrückt von der Last ihrer Sünden. „Das ist Sünde.... Versündige Dich nicht wider den heiligen Geist!... Gott wird Dich strafen! ... Bete, bete, daß er Dir Deine schweren Sünden verzeiht!... Solche Sünde kann nicht vergeben werden!..." In der Leichtfertigkeit und Einfalt ihres Herzens pflegte sie diese mütterlichen Zurufe kaum zu be- achten; war sie doch an die tagtäglichen Versiche- rnngen, daß sie eine große Sünderin vor dem Herrn sei, schon von früher Kindheit an gewöhnt, ivie an das Ticken der Uhr. Trat sie aber in das maje- statisch ernste Kirchengewölbe, um sich vorzubereiten zum Empfange des heiligsten Sakramentes, und er- blickte sie den hohen Beichtschrank, in dem der bleiche Kaplan als strenger Vertreter des himmlischen Nichters thronte, dann kamen ihr alle die mütterlichen Er- Mahnungen und Drohungen zum Bewußtsein, ihr schwarzes Gewissen regle sich, und sie fühlte, daß sie das verwerflichste Geschöpf unter Gottes Himmel sei.... Sie hatte alle ihre zahlreichen Sünden gebeichtet und schon die ersten Worte der Schlußformel ge- sprochen, als der Kaplan sie fragte:„Bist Du scheu fertig?" „Ja, lieber Vater!" „Solltest Tu sonst keine Sünden haben?" „O ja, aber ich weiß sonst keine." „Hast Du Dein Gewissen ordentlich durchforscht und den heiligen Geist um Erleuchtung angefleht?" „Ja, lieber Vater!" „Da ist Dir der heilige Geist nicht gnädig gc- Wesen, und das ist ein Beweis, daß Dn recht viel Buße thun mußt, um des Heiles würdig zu werden. — Eine Sünde hast Du vergessen— die aller- schwerste. Sage einmal das vierte Gebot!" „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es Dir..." „Und hast Dn nicht gefehlt gegen dieses Gebot?" unterbrach sie fragend der heilige Mann. „O ja, lieber Vater! Ich habe meine Mutter nicht geliebt, wie ich sie lieben sollte...." „Das hast Tu beieits gesagt. Ein böses Zeichen ist es, meine Tochter, wenn man im Beichtstuhl die schlimmsten seiner Sünden vergißt— jene Sünden, die ewige Höllenstrafeu nach sich ziehen. Du bc- sitzest einen Hund, und Du liebst diesen Hund mehr, als Gott und die Menschen— mehr, als Deine Eltern, denen Du den größten Dank schuldest. Das ist ein Frevel, der zum Himmel schreit um Vergel- tnng; das ist eine Verirrung der Seele, wie sie bis- weilen der böse Feind dort verursacht, wo ihm der Eingang nicht gewehrt wird durch den feste» Panzer des Glaubens; das ist eine Sünde, schlimmer als alle Todsünden."... Er ließ eine Pause eintreten, als erwartete er aus dem Ahmde des Beichtkindes eine Erklärung. Mathilde war keines Wortes mächtig. Der furcht- bare Vorwurf ans Priestermund kam so unerwartet und fuhr ihr mit solcher Wucht in Geist und Ge- bein, daß sie sich gelähmt fühlte an Leib und Seele. „Du bekennst Dich schuldig dieser Sünde?" „Ja!" hauchte sie willenlos und ohne zu wissen, was sie that. Sie war nicht fähig, darüber nach- zudenken und sich Klarheit zn verschaffen, ob sie wirklich den Hund mehr liebe, als Gott und die Menschen.... „Nur e.ne Rettung giebls!" hörte sie den bleichen Eiferer sagen.„Gott verzeiht diese Sünde nur, wei n Du den Hund mit eigener Hand tödtest. Die Strafe ist hart, meine Tochter, doch bedenke, daß Abraham, der fromme Patriarch, auf Geheiß des Herrn bereit war, sogar seinen Sohn mit eigener Hand zu schlachten. Deine Sünde ist größer, als die Sünde Abrahams war. Gottes Liebe ist groß, und ewig sind die Freuden, mit denen er die Opfer, die wir ihm bringen, lohnt.... Befolge den Wunsch des Herrn, so daß Dn würdig wirst des hochheiligen Sakramentes..." Er redete noch manches Wort zu ihr, doch die junge Sünderin besaß nicht mehr die Kraft, ihm zu lauschen. Geschlossenen Auges, betäubt von der schrecklichen Stimme des Gerichtes lag sie auf den Kuieeu, und ihr war, als höre sie immer nur die Worte halten:„Gott verzeiht diese Sünde nur, wenn Du den Hund mit eigener Hand tödtest— mit eigener Hand!..." „Geh mit Gott!" sagte der Priester, und sie erhob sich und ging. Geleitet von der Gewohnheit sank sie am Altar nieder und faltete die Hände. Doch ihre Lippen bewegten sich nicht, wie sonst, zum Gebet; das frühlingsheitere Leuchten ihrer Augen war dahin; mit glanzlosem Blick starrte sie auf das Muttergottesbild; kein Muskel ihres Gesichtes regte sich und verkündete, was in ihrem Inneren vorging; ihr ganzes Wesen schien in Bersteinernng übergegangen zn sein. „Piit eigener Hand...." So kam sie nach Hause. Sie s räch kein Wort, vergoß keine Thräne. Jokerle hüpfte an ihr empor und wedelte freudig mit der Ruthe. Sie sah ihn an— lange, lange, mit nnstälem, gebrochenem Blick, doch sie neigte sich nicht, ihm das Fell zu streicheln. Mit eisiger Gelassenheit ging sie ihrer häuslichen Beschäftigung nach. Als sie bei einer Stickarbeit saß und Jokerle, um eine Liebkosung bettelnd, an ihr emporstrebte, stieß sie ihn sauf. zurück. Der Mutter siel das veränderte Wesen ihres Kindes auf; sie glaubte wahrzunehmen, daß der Hund in Ungnade gerathen sei, und sie erquickte sich an dem Gedanken, ein gottgefälliges Werk voll- bracht zu haben. Worin das Gute ihres Werkes bestand, darüber sann sie nicht nach, zumal alles klare Denken ihrer Natur fremd war,— und regte sich in ihr der Vorwurf, daß sie ihrer Tochter nn- nützen Schmerz bereitet habe, so fand sie schnell Trost und Schutz in dem Bewußtsein, daß ja der Herr Kaplan der lU Heber dieses Schmerzes sei, und daß Alles, was ein geistlicher Herr sage und lehre, den gläubigen Menschen zum Segen gereiche. � Trotzdem sie sich einredete, frei von aller Schuld zu sein, flößte ihr der seltsame Zustand des Miidcheus Furcht ein. Die wenigen Worte, die sie redete, klangen gezwungen, und es mißlang ihr, sich so zu stellen, als merke sie nicht, daß mit Mathilden etwas Bedeutsames vorgefallen sei. So verlebte sie den Tag in Freude und Furcht und zugleich in stiller Besorgniß. Mathilde widmete ihrer Mutter nicht die geringste Aufmerksamkeit. Auf Fragen, die an sie gerichtet wurden, antlvortete sie kurz und anscheinend gleich- mülhig und ohne dabei einen Blick nach der Fragerin hinzuwenden. Zu Tisch erschien sie nicht; sie begab sich in ihr Zimmer, und als der Oberst zn ihr kam und sie fragte, ob sie krank sei, erwiderte sie mit harter Stimme:„Nein, Papa!" Die Frau Oberst besaß nicht den Mnth, sich nach dem Befinden des Mädchens zu erkundigen; sie hielt sich merkwürdig lange in der Küche auf und äußerte lviederholt zu den Dienstboten, sie könne garnicht begreifen, was mit ihrem Kinde los sei. „Sie war heut zur Beichte," sprach sie zur Köchin,„aber davon kann's doch nicht herrühren... Wenn ich blos wüßte..." Als sie am anderen Morgen aus dem Schlafzimmer trat, kam ihr das Stubenmädchen mit ver- störtem Gesicht entgegen. „Gnädige Frau, denken Sie nur, der Jokerle ist todt!" „Der Jokerle...?" Schreckensstarr blickte die Frau auf die Unheils- künderin. Sie öffnete den Mund zu einer Frage, doch es dauerte einige Sekunden, bevor sie Worte fand. „Wie ist denn das möglich?" „Ja, er liegt todt im Garten; die Marie hat ihn gefunden." „Um Jesus Christus willen, da versteckt ihn nur, damit ihn das Fräulein nicht sieht!... Ach, meine arme Tochter!" Ein unklares Gefühl der Schuld ängstigte die Dame; doch kam ihr nicht die leiseste Ahnung, daß sie selbst den Tod des Thieres verschuldet habe. Das bange Schuldgefühl aber hielt sie ab, ihrem Kinde das Geschehniß miizutheilen. Seit langer Zeit zum ersten Viale nahm sie in einer Familienangelegenheit den Rath und die Hülse ihres Gatten in Anspruch. Er sollte dem Mädchen in vorsichtiger Weise den Tod des Hundes melden. Erst am späten Vormittag kam Niathitde znni Vorschein. Sie war leichenfahl im Gesicht und hatte in ihren Zügen etwas so Absonderliches, Uunatür- liches, Todtes, daß die Mntter heftig erschrak. „Guten Morgen!" sagte sie kaum hörbar und reichte der Mutter und dann dem Vater die Hand; ihre todten Blicke jedoch glitten an Mutter und Vater vorbei.... Der Oberst legte beide Hände ans die Schultern des Ntädcheus und sagte in der ihm eigenen drastischen Ausdrucksweise:„Dn wirst nicht ans der Haut fahren, mein Kind, wenn ich Dir sage, daß Jokerle todt ist! Tröste Dich, nichts dauert ewig!" „Ist er todt?" fiel sie ihm rasch ins Wort, und ihre Augen belebten sich plö�lich. „Ja, mein Kind." „Gott sei bedankt!" schrie sie, und die Worte klangen wie ein geller Aufschrei der Freude und der Erlösung. Durch ihren Körper ging ein konvulsivisches Zucken; sie erhob dankend die Hände und den Blick, Die Acne Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 33!) sank ciber mimiUcll'tir darauf gebrochen und niachtlos auf einen Stuhl. Nach ivenigen Zlugenblicken schlug sie die Augen auf, und die Eltern empfingen den Eindrucks als habe sie still geweint. Dann aber ivar es, als bereue sie, ihre Schwäche gezeigt zu haben? das blasse Gesicht nahm tvieder den Aus- druck ruhiger Ltälte an, und ohne ein Wort zu sagen, ging sie, den Kopf hoch aufgerichtet, hinaus. Later und Mutter sahen einander in maßloser Verwunderung an. „Was ist denn los mit ihr?" fragte der Alte. „Sie freute sich ja, daß der Hund todt ist!" Die Mutter aber, immer mehr in Angst versetzt durch das schreckcnsbange Räthsel, in das sie sich vertvoben suhlte, rang die Hände und flehte unter Thräi en:„O Du gnadenreiche, goldene Himmels- mnttcr, steh uns bei!" Mathilde lag, vom Fiebcrkrampf geschüttelt, im Bett. Drei Aerzte hielten geheime Berathungen ab, und iveim sie fertig waren, äußerten sie mit ge- hcimiiißvollen Mienen, daß keine Gefahr vorhanden sei, falls„nichts Anderes" hinzutrete. Sie ver- schrieben Rezepte, und die Frau Oberst, die binnen wenigen Tagen selbst ein leichenähnlichcs Aussehen bekommen ha.te, ivar niit eifriger Sorgfalt bemüht, ihrem Kinde alle die verordneten Essenzen genau nach Vorschrift einzuflößen. Das Fieber ließ nach, und die Aerzte betonten mit Geniigthnung, daß die Medizin genützt habe. Die Fra» Oberst beugte sich über ihr Kind, sah es mit verweinte» Augen liebevoll an und sprach: „Jetzt wirst Du gesund! Sei nur recht ruhig, da kannst Du Sonntag schon in den Garten gehen!" Die kranke, abgezehrte Dulderin schüttelte leicht den Kopf und wandte das Gesicht ab. „Willst Dn schlafen?" Wieder niachte das Mädchen eine verneinende Bewegung. Der Mutter ivar es, als tvolle die Tochter nichts von ihr wissen, als habe sie deren Herz verloren. Sie zag sich zurück, um ihre Onal zu verbergen. Das war nicht mehr dieselbe Frau, die einst in frömmclndcr Unnatur dem heiteren, schuldlosen Mädchen die Süßigkeiten der Jugend vergällte,- das ivar die unerschöpflich und unergründlich liebende Mnttcr, d e, nur für das Kind lebend, ihr eigenes Ich vergab, und an der jeder Nerv und jede Faser für das Glück und Wohl des Lieblings bebte. Eine gewaltige Seelcnerschüttcrung hatte den lief ver- borgenen, längst erstorbenen Lanterqnell der Gefühle gelöst... Mathilde wandte den Kopf und heftete den matten Blick ans das Gesicht der Mutter. Diese trat schnell und hülfbereit h'nzu. Die Lippen der Kranken bewegten sich; sie wollte sprechen, fand jedoch nicht bald die passende» Worte. Endlich fragte sie ruhig und mit dumpf klingender Stimme:„Tu dachtest wohl, der Jokerle ist ein- gegangen?" „Ja, mein Herzchen, ja! Sei nur recht ruhig!" begütigte die Mutter, die den Sinn der Frage nicht richtig verstanden hatte und der Meinung war, das Mädchen phantasire noch immer. „Da hast Du falsch gedacht!" fuhr Mathilde fort.„Mit der Hacke Hab ich ihn erschlagen." „Nicht doch, mein Engel, nicht doch! Komm, ich decke Dich hübsch zu, und Tu schläfst ein!" Die Kranke wehrte mit beiden Händen ab; wieder ging das konvulsivische Zucken durch ihren Körper, und mit einem Tone, der Wort für Wort wie ein schneidendes Wehgcschrei klang, rief sie:„Er hat ja garnicht sterben gewollt— er hat bei mir bleiben geivollt, der Jokerl!... Immerfort Hab ich ge- hauen— immerfort, iniiiiciforl... und er hat mich so angesehen... mit seinen Augen... so angesehen..." Sie sprach nicht weiter, sie schrie nur noch— schrie so entsetzlich, daß alle Dienstboten und auch der Oberst herbeigeeilt kamen. Der Frau Oberst dunkelte es vor den Auge»; ihr war, als klage ihr Kind sie schrecklich an, als schreie es um Rache zum Firmament, und als könne ihre Schuld in alle Etvigkcit nicht getilgt werden. lind sie ivußte immer noch nicht klar, worin ihre Schuld bestand. Sie empfand einen schweren Druck in der Herz- gegend und dachte unwillkürlich, es sei der Tod, der sie berühre: sie fühlte, wie ihr das Blut in den Adern stockte, wie ihre Kräfte schwanden, wie der Boden unter ihren Füßen wich. Ihre Hände tasteten unsicher nach den Schläfen, sie taumelte und sank mit einem Aufschrei nieder... Im nächsten Augen- blick jedoch zuckte die ivnnderbarc Glnthkraft der leidenden Ninttcrliebe durch ihr ganzes Wesen, und frischbclebt und riesenstark fuhr sie empor, umschlang das schreiende Nlädchen mit sanfter Innigkeit und hauchte ihm Küsse auf den schreienden Mund. „Sei gut, sei gut, mein Tildchen!... Ich bin bei Dir!" Mathilde beruhigte sich ein wenig; dann erbebten ihre Lippen tvieder; in den Auge» zitterte ein un- heimlicher Schein; sie stieß die Mutter zurück, und abermals redete sie ron jener finsteren Geschichte, die seit dem Tage der Beichte vollständig ihre Seele erfüllte. „Ich rannte fort... ich dachte, er wäre todt... und da kam er gelaufen, und er sah mich an... mit blutigen Augen sah er mich an... mit blutigen Augen... und wollte mit in das Haus... und da Hab ich wieder geschlagen, immer wieder geschlagen ...und wie hat er geschrien und mich angesehen!..." lind aufs Neue b.ach sie in das gelle, entsetzliche Angstgcschrei ans. Sie war nicht zu befänstigen— sie schlug mit beiden Arme» nm sich, stieß mit den Füßen gegen die Bettwand, schnellte plötzlich, be.wr ihre Lieben es hindern konnten, ans dem Bett und warf sich ans den Fußboden. Der Oberst griff herz- Haft zu und rief die Nlägde, die niit gefalteten Händen an der Thür standen und weinten, durch einen scharfen Zuruf zu Hülfe. Sie überwältigten die Krauie, die sich ivild zur Wehr setzte, und hoben sie ins Bett,>vo alsbald eine große Erschöpfung über sie kam, sodaß sie nur noch zu röcheln vermochte. Tie Blutter, die in jenen Minuten wohl schlim- niere Seelenaualen erlitt, als je ein Mensch erlitten hat, hielt über ihrem unruhvollen Kinde mit milden Händen die Bettdecke fest und beobachtete in fiebernder Angst jede Bewegung, jeden Athemzug ihres Lieb- lings. Dabei kam sie auf die unglückliche Ver- mnthnng, Mathilde habe den Hund aus Bosheit erschlagen, nm Rache zu nehmen an dem Herrn Kaplan und ihr, der Mutter, und sie werde nun von Gewissensbissen gemartert, lind mit dem reinen Wunsche, sie zu befreien von der Geivisscnsmarter, rannte sie dem Mädchen zu:„Sei still, mein Kind! Ich lasse gleich den Herr» Kaplan holen; dem er- zählst Tu Alles, und dann..." Sie hatte den Satz noch nicht beendet, so fuhr die Kranke ans, tvie von einem elektrischen Schlage getroffen, und ihr Kopf stieß hart an den Kopf der Mutter. „Nein, nein!" schrie sie und versuchte mit solcher Gewalt sich aus dem Bette zu befreien, daß alle Anwesenden Mühe hatten, sie daran zu verhindern. „Ich mag ihn nicht— mag ihn nicht!" rief sie in kreischendem Tone.„Er hat mich geheißen... er hat gesagt vom lieben Gott... der liebe Gott wills haben... O, die blutigen Augen... die blutigen Augen... und da habe ich ihn verflucht... verflucht!..." Das letzte Wort— der Fluch gegen den blassen Gottesdiener— ging über in ein gellendes Angst- gckreisch, wie es Mathilde während ihrer Leidens- tage schon wiederholt ausgestoßen hat e. Der Oberst befahl, rasch den Arzt zu holen, schloß in seiner Nathlosigkeit den Mund der Schreien- den mit der Hand und sah sich dabei hülfesnchend rasch nach seiner Frau nm. Sie tveiltc nicht mehr im Krankenzimmer. Nachdem die von der großen Aufregung erschöpfte flsta- thi de die Besinnung verloren hatte und die Mädchen »ach der Küche zurückkehrten, fanden sie dort die Frau Oberst auf eincin Schemel. Sie hielt beide Hände an das Gesicht gepreßt und stöhnte und schluchzte so herzzerreißend, daß die Miidcheu in neuen Schreck verfielen und den Herrn Oberst her- beiriefen. Als er sie anredete, stürzte sie vor ihm auf die Kniee und schrie, die Hände ringend:„Ich habe unser Kind umgebracht... ich... ich und der Herr Kaplan!... Schlagt mich todt!... ich Hab sie umgebracht!"... „Aha, so etwas steckt dahinter!" rief der Oberst mit finsterem Gesicht— und wendete ihr den Rücken. „Verfluchte Bande!" knirschte er im Hinaus- (Fortsetzung folgt.) KozialijW 10# in IrMreich. (Schluß.) Von H. Thnrow. ber der Kampf des zur Besinnung über sich .-> selbst gelangenden Proletariats ist nicht nur ein Kampf gegen den, allerdings sehr verde: blichen, Einfluß der Kirche und der kirchlichen Parteien, sondern er ist ein Kampf gegen alle feindlichen Positionen zugleich, d. h. gegen alle rückständigen Faktoren und Tendenzen, die die Nengestaltnng unserer gesell- schaftlichen Verhältnisse in irgend einer Form er- schlveren. Desgleichen wird die erhoffte Befreiung des Menschengeschlechts nicht nur die Befreiung von den Fesseln religiöser Sklaverei sein, sondern die Enianzipation von allem physschen und geistigen Elend, das heute auf der unendlichen Mehrheit aller Gesellschaftsglieder lastet. Die Harmonie soll an die Stelle des heutigen Jnteressenstreits treten— der Friede an die Stelle des heutigen Raffen- und Klassenkampfes. Was tvir erringen tvolle» und müssen, ist mit einem Wort das Glück, das relativ größere Glück unserer selbst und unserer mitkäm- pfenden und leidenden Genossen. Das Glück? Worin besteht es und worin ist es zu finden? Darüber sind die Meinungen, wenig- stens die offiziellen Meinungen, der Dichter(und zwar meist nach ihrer Klassenangehörigkeit und per- söulichen sozialen Stellung) sehr gclhult. In einem fast fünftausend Verse zählenden Gedicht befaßt sich Sully Prudhomnie mit dem Problem. Sein„Lc bonheur"(Das Glück» betiteltes Werk ist künstlerisch hochbedeutcnd: Die Verse sind von vollendeter Reinheit der Form, die Gedanken sind p' astisch, die Sprache bilderreich; der ganze Gegen- stand ist mit philosophischem Ernste behandelt. Slber cs handelt sich hier um die in der gebotenen Lösung sich tviderspiegclnde Grnndauffassnng des Verfassers, und dieser muß man seine Znstiniinnng versagen: die ist die Auffassung eines weltmüden, alternden Pessimisten. Auf der Erde ist das Glück nicht zu finden. In eivig gleichem Wechsel folgen sich die Geschicke der nacheinander den Ertboden bevölkernden Gene- ratione». Was nützt Liebe, Streben, Kampf? Die Sonne des Glückes lächelt nie herab aus hin»»- lischen Fernen, und bis das letzte in der Onal der Sehnsucht sich verzehrende Herz ausgeschlagen haben wird, wird kein versöhnendes Moment die Mensch- hcit ihrer Bestimmung, dem Glück, näher bringen. Aber der Tod tritt ein; und nach dem Tode kommt dieses endgültige Glück: Es wohnt iin Raum, i» der räumlich unbegrenzten Atmosphäre— auf an- deren Sternen und im Bannkreise neuer Sonnen! Es ist immer betrübend, einen Dichter geistig altern zu sehen. Die vorliegende Dichtung ist, trotz ihrer Bedeutung als Kunstwerk an sich, ein Zeichen von der znnehmenden moralischen Schiväche des Autors. lind nicht dieses Wort allein legt von solcher Schwäche Zeuguiß ab: Sullh Prndhomine, dieser einstige grimme Hasser aller Völkert..raulici, lvnrde auf dem Gebiet der auswärtigen Politik zilin Bewnndcrer der Knute! Anläßlich der Zaren- krönung im letzten Jahr empfand er das Bedürfniß, den Herrscher aller Reußen anzudichten. Beklagensiverthe Wandlung! möchte man ans- rufen. Aber es ist so häufig die Mitgabe des Alters und— der Berühmtheit, hoffähig zu werden. Ein Freiligrath wird in seinen letzten Lebensjahren zum Be- lvnnderer der Deutschen, ein Maurus Jokai znm Ver- Himmler der österreichischen, ein Prndhomine zun, Anbeter der russischen Säbel- und Ränberpoliiik! 340 Die Neue A?elt. IllustrirLe Unterhaltungsbeilage. Die alte heilige Allianz der Dlnasticii findet in eheinaligcii begeisterten Freiheilssäiiger» nachmalige Stutzen und ülertlieidiger. Aber so sind die Alten. Und nicht alle sind sie so! Die Jungen aber vor Allen sind nicht ange- steckt vom Bazillus der Konilpt'on, der in der so- genannten geistigen und künstlerischen(slitc der Ge- sellschaft so manche Opfer fo.dcrt. Sie gehen die Pfade weiter, die jene verlassen. Nicht die Alten in ihrem Alter, sondern die Alten in ihrer Jugend sind ihnen Borbilder— nicht der Prndhonnne von heute, sondern Derjenige dient ihnen als Muster und Wegweiser, der vor zwanzig Jahren in seiner „lustice"(Gerechtigkeit) schrieb: „In deiner Ge'chichle, Frankreich, zahl ich mit Grausen, Was dir a» Opfer gekostet und Unglück dein Ruhm! Doch im Busen dein weist ich die Zukunft sich regen: Wie aus steinigen Landen keimten die Saaten hervor, Wie aus dein Kampf der Arten stieg siegend der Mensch empor, So in deinem Blut formt sich der vollendete Staat!" Der vollendete Staat, das ist die sozialistische Gesellschaft, die allen ihren Gliedern ein höheres Mast ron Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlsein ver- bürgen wird, als ihnen unsere heutige gesellschaft- liche Organisation zu bieten vermag. So wahr es sein mag, daß jegliches Menschenherz von seinen ersten Regungen an prädisponirt bleiben ivird für .Stimulier und Leid, ebenso wahr ist es, daß der Kampf der Individuen mit dem Geschick in erster Linie ein Kampf gegen die dcprimirenden und ver- derblichen Einflüsse des kapitalistischen Milieus ist. L Dil allem Unglück, das seit Jahrtausenden unser Geschlecht heimgesucht, ist immer noch die Armnth das größte; und daß diese in unserer Zeit der wunder- baren Produktivität der Arbeit nicht längst der Ge- schichte angehört, daran ist eben der Kapitalismus mit seiner Klassenscheidnng schuld. Das ist der Standriinkt aller überzeugten Sozialisten und die französische» L.riker des Sozialismus machen darin keine Ansiiahme. „Sag mir, Natur im Fruhüngskleid, Warum, wenn Alles lacht und liebt, Warum's so herbes Dtenschenlcid, So viel verborgne Schmerzen giebt. Ja, sprich, unsterbliche Natur, Warum bei deines Busens Fülle Die Armnth schleicht in Betilerhülle, Wo goldre Ernten trägt die Flur!" Olivicr Son trc, ein unlängst gestorbener und in seinem eigenen Heimathlande ziemlich unbekannt gebliebener Dichter ist es, der in einem„Lenz" b.titelten Liede uns so das Problem der Massen- armnth inmitten des natürlichen Reichthums unserer Ilnigebnng vor Augen führt. In derber und schonnngs- loser Weise kritisirt er unsere-soziale Weltordnnng, in der die arbeitenden Btassen darben und die große Mehrheit aller thätigen Individuen einer Hand voll von Drohnen tributpflichtig sind. Auf, znin Kampf gegen ein derartiges Shstem! Das ist seine und seiner dichteaden Landsgenossen in manchem schlvung- vollen und markigem Po in verkündete Losung. Kein großes politisches oder wirthschaftliches Ereigniß, keine Katastrophe auf dem Schlachtfelde der Arbeit, kein die Oeffentlichkeit beschäftigendes Bei- spiel der»lorastschen und geistigen Degeneration der herrschenden Klassen, das nicht den modernen Freiheits- sängern Akkorde des Rtitleids, der Einpörnng, des Hohns entlockte. Unbarmherzig geht man ins Ge- richt niit dem nach Bolksgunst haschenden und doch das Volk verachtenden Renegatenthum; mit dem profitgierigcn Unternehmerthnm; mit der Eiertanz- und Bogelstranßpolitik der bürgerlich liberalen Par- teicn; mit den Panamaheldcn und Börseuspekillanten. Der Kampf des Proletariats um seine Befreiung ist ein vielseitiger: Muß nicht auch der Dichter jeder Ntaiiifestatioii desselben und jeder Beivegnng im Lager des Gegners seine Anfmerksainkeit zuwenden? Doch über die Gegenwart vergißt man nicht die Vergangenheit. Große geschichtliche, für die Eman- zipationsbeivegnng des Proletariats bedentungsvolle Ereignisse und Momente bilde» noch hente sehr oft den Gegenstand sozialistischer Dichtungen. Welcher neuere, dem Sozialismus huldigende Poet hätte nicht die große Revolution besungen? Wer nicht die Koinmüne? Conininnardenblnt ist Sozialistensaat!" heißt es schon im Refrain eines älteren Prolctaricrgcsangcs und das trifft auch zu, soweit die Entwickelung und das geistige Schaffen nnscrer neuen französischen Dichtergeneration in Frage kommt. Fast alle Ber- treter dieser Letzteren haben den herrschenden Kampf der Pariser Blonsenmänner gegen die Bersailler Ueber- macht zu veranschaulichen, zu rechtfertigen und zu verherrlichen gesucht. Ter Bedeutendste unter ihnen war unstreitig Eng ne Potlier. Nicht mit diesen, jene Pariser Erhebung be- handelnden Gesängen wollen wir uns hier befassen. Sie sind zum Theil Gemeingut des internationalen Proletariats geworden und daher in ihren wichtigsten Erscheinungen auch der deutschen Arbeiterschaft zu- gänglich gemacht worden. Aber eine andere Frage zu behandeln ist hier der geeignete Ort: Wie steht es mit dem Gedanken der proletarischen Jnternatio- nalitüt in den Kreisen des neueren Literatenthums »nd speziell der Lyriker? Ist es wahr, was unsere bürgerliche Presse dem deutschen Arbeiter zum Ueberflusse oft wiederholt: Daß die vom deutschen Proletariate gehegte Idee der iiiternationalen Jnteressensolidarität bei den Ber- tretern der Arbeitersache jenseits der Bogesen keine Gegenliebe fände? Nein und dreimal nein! In Bezug ans das internationale Denken und Empfinden ist gerade in den Kreisen der dichterisch hervortretenden Berfechter einer freieren Weltanschauung eine gewaltige Wen- dung zum Besseren zu verzeichnen. Bor zwanzig und fünsundzwanzig Jahren glaubte jeder Literat dem engherzigsten Patriotismus seine Hnldignng darbringen zu müssen. Wer nicht niit aller Kraft seiner Lungen in das große Revanche- Horn des Deronl de und Genossen hineinblies, halte offenbar seine Bestinimnng verfehlt. Wie wir an einer großen Reihe von Beispielen zeigen könnten, hat jener Chauvinismus einer vernünftigeren und hnmanercn Auffassnng Platz gemacht. Der Hnrrah- Patriotismus wird nur noch von Denjenigen gepflegt, von Denen er bei uns gepflegt wird: Bon den Bc- rufspatrioten. Weshalb dem Nachbarvolk— in diesem Fall dem deutschen Bolk— grollen?„Was sie bei uns gemacht, wir Habens bei Anderen gethan!" So ruft Gabriel de la Salle Denjenigen zu, die eines verlorenen Fetzen Landes wegen und um die angcb- lich verletzte Nalionalehre wieder herzustellen, einen neuen Krieg entfesseln möchten. Der Krieg ist eine Rückkehr zur Barbarei; er nützt nur den Despoten und ist das Grab der Frei- heit. Nieder daher mit dem Krieg und dem Haß, der ihn gebiert: „O Völker, wollt ihr denn immer Tie blöde Heerde sein? Wollt ihr euch nie vom Haffe, Vom blinden Haß besrei'n?" Zu lange und zu oft hat das Volk einer Baga- telle, eines Phantoms ivegen seine Haut zu Markte getragen, lind die bisherige», zum Theil in seinem eigenen Interesse der Bourgeoisie versuchten Anfstände nnd Revolutionen habe» ihm nicht die ersehnte Frei- heit gebracht. Der Nimbus, der diese Nevrlutionen unigiebt, verschleiert zum Theil das endgültige wahre Ziel der proletarischen Beivegnng: Tie Beseitigung der Lohnknechtschaft, und wiegt die Gemüther in eine gewisse verderbliche Lethargie ein. „An diese Kampfe,. Volk, gewöhnst du dich; Wohl kannst dn stolze Monumente bauen, Mit prächt'geii Löwen an der Sockel Enden... So lang du nicht begreifst, daß deine sttechte Sind gleich den Rechten deiner Unterdrücker, So lange wird der Fortichritt nichts bedeuten, Als Wortgcfüge und verworr'nes Läuten!" Als einer der konsequentesten Gegner der kapitalistischen Wirthschaftsweise, als deren nngehenerlichsten Auswuchs er eben den Militarisinus betrachtet, hat G. de la Salle in manchem dichterischen Erzeugniß den Stützen derselben seinen Fehdehandschuh hin- geworfen. Von seinem auf fünf Bände berechneten poetischen Lebenswerk, das den Titel: Die Revol- tirten(las Ucvoltös) tragen wird, ist zwar erst der erste Theil erschienen; aber dieser rerräth Kraft, Begabung und Ueberzcngnng. Weniger kraststrotzend nnd selbstbewußt, doch gleichfalls als energischer Bekänipfer des Mililaris- nins zeigt sich»ns ein anderer Autor: Jean Bas Ii». Der Band Gedichte, den er veröffentlicht, trägt den Titel: Erste Etappe. In einer Reihe von drei- versigen Liedern, die zusammen einen Abschnitt des Buches bilden, schildeit er uns das Schicksal eines im Joch der Arbeit grau gewordenen Bauern, dessen einziger Sohn irgendwo in fernen Kolonien„glor- reich" für das Vaterland gefallen ist. Vor dem geistigen Auge des alten Mannes zieht die Vergangenheit vorüber mit ihren unerfüllten Hoff- iinngcn und Projekten. Ja, er hatte dereinst auch ges.tiw.irmt für die farbenschillerndc Uniform nnd die Lorbeeren des Kriegers— „Doch heule denkt er, daß bei allem Ruhm Und allen Hlimuen, die er mitgesungen, Sein Sohn ihm lieber wär, als Krieg und Schlachtenthum. Der Krieg ist das niigchenerlichste Verbrechen, dessen die Menschheit fähig ist. Zu dieser Einsicht kommen mehr und mehr auch diejenigeli Sänger der Hninanität nnd des gesellsch.ifrlichen Fortschritts, die dem wirlhschaftlichen Kampf des organisirten Pro- letariats noch ziemlich verständnißlos gegenüberstehen. Kaum irgend ein neuerer Dichter ist mit schärferen Waffen dem alle Tage breitspuriger und tyrannischer auftretenden Militarismus zu Leibe gerückt als Rtarcel Reja— ein sehr pessimistischer und skeptischer Autor. Seine unter dem Titel: La vie heroique(Herrisches Leben) veröffentlichten Gedichte bilden einen fort- lanfendcn Protest gegen Alles, was der Domäne des Militarismns angehört. In satirischer nnd zuweilen ziemlich burschikoser Weise zwingt und lenkt er den Blick der Leser eben so sehr ans das Lächerliche wie ans das Tragische in der Erscheinung militäri- scheu Wesens. Er sieht einen Trupp mit vollständiger Ans- rüstuiig versehener Soldaten daherkomnicn. Es ist ein prächiiger Sominermorgen; die Sonne blitzt durch das grüne Gezweig der Bäume. Da hält die Ab- theilung. Der Dichter schildert, wie die Trommel ertönt, und spöttelt über die Wichtigthnerei der Menschen bei militärischen Schaustellungen und über das beifall- wülhige Puvlikttin. Doch der Dichter ist nicht thöricht, dem Ein- zelnen zur Last zu legen, was nur Schuld der Ge sainintheit ist. Es ist warmes, tiefes Mitleid, was ans seinen bald verbitterten, bald höhnischen Versen spricht, die das blutige Gemetzel des Krieges schil- der». Weiß er doch, daß der Einzelne hier keinen freien Willen hat, ja, daß er oft genug durch die glänzende Außenseite dcs kriegerischen Daseins so geblendet wird, daß er jedes Gefühl für die herbe Wirklichkeit der Dinge verliert. Trotz ihrer Gegnerschaft gegen Krieg und Mili- tarisnms sind die französischen Sozialisten natürlich noch keine„vaterlandslose Rotte", obgleich die Parteien des Ehanvinisinns und der Staatserhal- tnng es ihnen gegeniiler an derartigen Titnlationcn nicht fehlen lassen. Der große und erhebende Ge- danke der Jnternationalität schließt nicht die Ber- längnung, noch die Aiißachtung des Heimathslandes ein, znmal wenn das Volk, mit dem man sich durch Geschichte, Temperament und Sprache verbunden fühlt, etwas in die Wagschale zu werfen hatte für die Sache dcs menschheitlichen Fortschritts. Wenn die Vergangenheit des französischen Volkes diesem die Bewunderung nnd die Sympathien aller fremden Kämpser für Recht nnd Gerechtigkeit erobern konnte, dann haben die Kämpfer im eigenen Lande sicherlich keinen Grund, eine antifranzösische, oder— wenn man will— antipatriotische Rtaske zur Schau zu tragen. Das thnn sie auch nicht— und sie be- finden sich im Ein. crständniß mit Denkern wie Lassallc und Mar, wenn sie trotz aller kapitalistischen Fäul- niß ihres Heimathlandes dieses als ein wichtiges, ja nnentbehrliches Instrument des völkerbefrcienden Kampfes in der neueren Geschichtsepoche betrachten. Unter anderen Dichtern ist es namentlich der sehr beliebte Volkssänger Clement, der diesem Ge- danken der Identität lvahrer Vaterlands- und uni- vcrsellcr Nienschenliebe Ausdruck verliehen hat. In seinen„Chansons" findet sich ein Gedicht, welches 342 Ale Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. den Titel:„O mein Frankreich!" trägt. Da es vorzüglich die Meinung der ineisten seiner Genossen über die Mission Frankreichs im modernen Eman- zipationskampf der Arbeit widerspiegelt, seien ans ihm zwei Berse reprodnzirt. Zunächst besingt der Dichter die ftnchtbaren weiten Felder, die goldenen Neben— die schweigenden, dunklen Fichtenwälder. Alte, verfallene Gemäuer, die ihm von vergangenen geschichtlichen Ereignissen — von der Jugend seiner heimathlichen Gegend be- richten, stimmen seine Leier andächtig und wehmuths- voll. Aber er nähert sich der Gegenwart, er sieht Paris; er sieht die Helden der Revolution und die geknechtete, doch wenig zur Revolte neigende arbeitende Menge. Da reiht es ihn fort zu markiger, schwung- voller und begeisterter Hymne auf die Vertreter und Kämpfer der großen Sache der menschlichen Wieder- geburt: „Wie liebe ich sie, die kühn für Wahrheit stritten— Die Denker dein— die Künstler und Poeten! Wie liebe ich deine Legion Proleten, Ii» Schoost der Berge und im Staub der Hütten! Wie lieb ich Jene, die der elv'gen Frohn Dreimal getrotzt im Wechsel der Geschichte— Dreimal getrotzt im Sturm der Revolution! O mein Frankreich!" Aber, Ivie schon hervorgehoben, führt diese— man darf wohl sagen rcvolutionär-vaterländische Be- geisterniig ebensowenig zu chauvinistischem Fremden- Haß, als wie sie ein Produkt derselben ist: „Doch glaubet, daß meine reiche Liebe Nur in der Heimalh sah' ihr Arbeitsscld! Ter gleiche Himmel überspannt die Welt; Der gleiche Pulsschlag zuckt im Wcltgetriebe. Ja, blieb ich kalt und stumm ob fremder Pein, Du selber würdest mich verleugnen— Weil ich nicht würdig war', dein Kind zu sein. O ittein Frankreich!" q- q- Der gleiche Dichter beschäftigt sich auch niit dem Loos des proletarischen Weibes. Ist nicht auch die Last von Sorge und Roth, die speziell ans den Schultern der schwächeren Hälfte des Menschen- gcschlechts lastet, ein monströser Auswuchs der kapitalistischen Organisation unserer Gesellschaft? Ist nicht die Franenfrage ein Stück der großen sozialen Frage? In einem neuerdings sehr populär gewordeneil Po"in: rac fais plus d'enfants" zeichnet uns Eloment den Typus einer braven, ehrlichen, mit Kindern allzu reichlich gesegneten Frau, die nicht mehr weiß, tvie sie mit dem geriilgcn Verdienst ihres Btanues alle hnngngen Leiber füllen soll. Und immer wieder kommt der Klapperstorch und bringt nencn Zuivachs. Da faßt sie einen Entschluß: Geivisser- maßen als Wortfnhrerin aller ihrer tauseilden und hnnderttausenden von Leideiisgenossinnen verlangt sie von ihrem Ehenianne praktischen Malthnsianismus: „In der Woche wird es kommen! Schon spür ich Schmerzen überall. Wie zwingt uns Roth und Elend nieder...! Es bringt uns Beide noch zu Fall! Sechs Mäuler sind wir jetzt am Tische; Und ach, vier Fränklein sind Dein Lohn!— Drum nicht so heißen Kuß, mein Alter: Es sind genug der Göhren schon!" Ob aber diese Mäßigkeit des Geschlechtsverkehrs allein die häusliche Roth beseitigen kann? Wenn sie weiter denkt und grübelt, will es ihr selbst un- ivahrscheinlich vorkommen. In ihre Erwägungen hinein spielen Empfindungen, seltsame, leidcnschaft- liche Empfindungen, die ihre GeschlechtSgenossinnen anderer Klassen nicht begreifen können. Ja, sie ist eben nicht nur Weib, sondern sie ist ein hart- gedrücktes Wesen— ein Proletarierweib: „Wir können lang uns müh'n und plagen; Das Unglück folgt uns aus dem Fuß. Wer wüßte nicht, mit welchen Opfern Man sich sein Recht erkämpfen muß! An jenem Tag folg ich den Braven Und führ all uns're Kinder her—! O, nicht so heißen Kuß, mein Alter! Wir wollen keine Sklaven mehr! llnd auch die Liebe selbst, die wahrste und un- eigennützigste Hingebung ziveier Wesen aneinander, wie oft wird sie pietätlos entweiht und mit Füßen getreten von jenen Mächten der Tisharmoiiie, die auf allen Gebieten menschlichen Strebens ihren zer- setzenden und hemmenden Einfluß geltend machen! Der tedte Besitz gebietet den heiligsten Empfindungen! Sic ist eine triviale Geschichte, die Geschichte von den Liebenden, die sich einander nicht angehören durften und aus Verzweiflung darüber den Tod suchten— trivial, uild doch immer neu; und doch inimer gleich schmerzlich und empörend für die un- freiwilligen Zeugen. Der schon genannte Olivier Sou'tre ist es, der ili einem außerordentlich stimmungsvollen Gedicht einen neuen Beitrag zu diesem alten Thenia liefert. Sie waren Beide jung und liebten sich init der ganzen Gluth ihrer schlvärmerisch-exaltirten Herzen. Aber sie war reich und er besaß nichts— Grund genug, damit der hartherzige Vater deni„sinnlosen Verhiiltniß" dadurch ein jähes Ende bereitet, daß er seine Tochter in ein frommes Institut steckt. Dort soll sie büßen für die heimlichen Zusammen- künfte, die sie dem Liebsten gewährt— draußen, in stiller Nacht, am traumnmwobenen Ilfer der Seine. Er hat sich indessen in seinen Zähmnngs- versuchen getäuscht. Die Taube rückt ihm aus: „Aus dunkler Zelle floh's in später Sttinde; Und als die Wächter schliefen in der Runde, Sah Niemand sie beim letzten Stelldichein... „O Rausch der Liebe, hcilger Quell der Thränen! Verzweislungsqual— durchglüht vom letzten Sehnen! Und letzter Gruß— erstickt von heißem Munde— Ihr Herzensmächte, sagts und gebt mir Kunde: Was wars, das in dein fiebernden Umarmen Des Abschiedskusses trübt de» Geist der Armen? „Denn wie als ob es unten heimlich riefe Nach Lebensmüden, die die Welt betrogen, So neigten sie sich jählings ob der Diese Und stürzten— eng umschlungen— in die Wogen. „Judessen gaukelt in der»ächtgen Ferne Der Wolkenschäser durch das Himmelsall; Verliebten Auges grüßen alle Sterne; ... Im blumigen Flieder sang die Nachtigall." -t--Je * Das sind einige Proben sozialistischer Poesie ans Frankreich. So unvollkommen sie sein mögen, so beweisen sie doch, daß auch die L. rik jenseits des Rheins einen Stab geachteter und talentvoller Ver- trcter auflveist, die in der rücksichtslosen Bekäuipfniig der geistigen und materiellen Sklaverei des Volkes ihre Mission erblicken, lieber den Gcsammtwerth ihrer lyrischen Produktion, ini Vergleich zu den neueren literarischen Erzeugnissen der übrigen Kultur- staaten, läßt sich noch kein abschießendes llrtheil fällen. Aber so viel erscheint sicher, daß, gleich wie die sozialistische Partei, der sie angehören oder nahe stehen, in den letzten zehn Jahren innerlich und äußerlich gewaltig erstarkte, auch ihr Einfluß enorm gewachsen ist. lind nichts ist begreiflicher: Sind sie doch, während die Leier aller Vertheidiger der gegenwärtigen Weltordnung immer noch— um mit Jaur s zu reden— auf das alte Lied des menschlichen Elends gestimmt ist— sind sie doch die Herolde, die von der Zinne der höheren Er- kenntniß herab das nahe Ende der proletarischen Knechtschaft und den Anbruch besserer Zeiten ver- künden. In der Ferne dämmern sie schon hcranf. Ein junger Dichter, Namens Lögois, dessen hübsches Sonett„Zu neuen Gestaden!" wir hier noch folgen lassen, zeigt uns schon den glühenden Schein am Horizont— das Sinnbild der nahenden Ge- rechtigkeit und Menschenliebe: „Ich fühl der Hoffnung Schwingen wundersam sich regen Ins Meer versinkt der Heimath öder Strand;— Dem fremden, unbekannten, fernen Land Trägt unser Fahrzeug Kind und Greis entgegen. Wie schön, wenn bleichend schon des Himmels Sterne Und träumend zieh» am dunklen Aetherzelt, In hohem Lied zu künden dieser Welt: Das Morgenroth glüht purpurn in der Ferne! Wie winken schon die glllcklich-sreien Küsten! In raschem Tempo sliehn die nächtgen Stunden; Und in den Lüsten quillts wie reicher Segen.— Die Ruder hoch, zu markig-kräftgen Schlägen! Die stolzen Wogen lachen ihrer Wunden Und Hoffnungssreudc wallt i» unfern Brüsten! In der Aedaklion einer Arkeiterzeiinng. Skizze von R. Tcssclaar. f§ ist zwölf Uhr Mittags. Von der herrlichen Frühlingssonne warmen Strahlen vermögen keine in den Flnr des vierstöckigen Hauses zu dringen, in dem sich die Druckerei der Arbeiter- zeitung befindet. Es herrscht hier auch um diese Zeit ein Halbdunkel, und nur niit Mühe ist das an der Vorsaalthüre der ersten Etage angebrachte Schild zu lesen: Redaktion der Arbeiterzeitung. Sprechstunde von 12—1 Uhr. Und sehr zahlreich sind die Personen, welche heute— wie fast alle Tage— das Schild lesen, ein Weile sinnend stehen bleiben und dann zaghaft auf den Knopf der Klingel drücken. Frauen und Mädchen in ärmlichen aber sauberen Kleidern und Männer meist in Arbeitskleidern füllen bald den kleinen Vorsaal, der als Wartezimmer dient und von den matten Strahlen einer grünlichen Ampel schwach beleuchtet wird. An den aschgrau getünchten Wänden hängen einige Bilder, Kunst- beilagen aus dem„Wahren Jacob", in einfache, schivarze Leisten gerahmt:„Das Maienfest der Arbeiter";„Ronget de Lisle trägt in Straßburg das erste Mal die Marseillaise vor";„Camillc Desmoulins im Garten des Palais Royal". Auch ein Bild von Karl Marx lugt aus einfachem Rahmen mit seinem mild lächelnden Gesichte auf die sorgenvoll drein schauenden Gestalten, welche, in Gedanken versunken, ans Stühlen dicht gedrängt beisammen sitzen oder, Zerstreuung suchend, die Bilder an der Wand betrachten. Redakteure eilen hastig an den Wartenden vorbei, Manuskript in die Druckerei bringend; Setzerlehrlinge bringen und holen Korrekturbogen. Die Wartenden betreten der Reihe nach ein Redakiioiiszimmer, das höchst einfach ausgestattet ist. Ein Redakteur sitzt vor einem einfachen, lackirteii Schreibtische: Zeitungen liegen verstreut auf einem langen, viereckigen Tische. Gesetzbücher und Le.ika füllen ein hohes Bücherregal, welches die eine Wand gänzlich bedeckt. Ein Bild von Engels bildet neben einer Landkarte den einzigen Schmuck der Wände. Eine Thür führt in ein zweites Zimmer, in welchem zivei Redakteure arbeiten. Von der Straße herauf ertönt der Lärm vorüberziehender Schnlkinder, das dumpfe Gerassel der Wagen und das lästige Ge- klinge! der Straßenbahn. Ein warmer Sonnen- strahl dringt durch das hohe Fenster und zeichnet, spielend, kleine Kringel auf den weißen Bogen Papier, den sich der Redakteur zu Notizen zurecht gelegt hat; in seinem hellen Scheine führen Eintagsfliegen, von der Wärme angezogen, einen ninuteren Reigen auf. Wie sie sich tummeln, die kleinen Thierchen, um die wenigen Stunden ihres Lebens zu genießen! „Aber so erzählen Sie doch, bitte!" Die Frau weint und schluchzt in einem fort. Sie ist ctlva dreißig Jahre alt, schlank, mager; ihr blasses Gesicht mit den hohlen Wangen, den tiefliegenden, veriveinten Augen und den herab- gezogenen Mundwinkeln hat einen bitteren, weh- mnthigen Ausdruck. Um den Kopf hat sie ein altes gehäkeltes Kopftuch gebunden; ihre Kleidung ist äußerst ärmlich. Alles verräth die grauenhafte Armnth, das Elend und den Kummer ihres trau- rigen Daseins. Lange vermag sie keine Worte hervorzubringen; die Thränen rollen ihr unaufhörlich über die Wangen. Plötzlich ringt es sich ans ihrer Brnst wie in Verzweiflung:„Man hat mir meine Kinder weggenommen, Herr Redakteur! Ach, helfen sie mir, helfen Sie mir! Ach, meine armen Kinder! Wie herzlos, wie herzlos!" Und nun weint und schluchzt sie wieder. Nach einer Weile erzählt sie:„Wir wohnen in der M.-straße in der vierten Etage. Mein Mairn ist Tagelöhner. Wir haben zwei Kinder, einen Jungen von nenn und ein Mädchen von sieben Jahren. Das Mädchen ist immer kränklich, auch Die Neue Welt. Illustnrte Nntcrhaltungsbcilage. 3-13 etwas verwachsen. Tie Kinder sind unsere einzicie Lebensfreude. Und wie hangen auch die Kleinen an uns!——— „Ach. wir waren früher so glücklich, wenn wir auch imnier arm waren! Älein Mann ist so brav; nie geht er in ein Wirthshaus. Tag und Stacht hat er oft gearbeitet, damit ja den Kleinen nichts mangeln sollie. Vor zivei Jahren wurde er min arbeitslos und konnte lange keine Arbeit finden. Es ging uns dann sehr schlecht, ich konnte auch nur wenig verdienen. Zu allem Unglück wurde mein Mann noch krank und, denken Sie, ein ganzes Jahr lag er zu Hanse. Ein ganzes Jahr!--- „Mein Verdienst reichte natürlich nicht aus. Was wir hatten, mußten ivir verseven oder ver- kaufen, zuletzt meines Mannes Belt. Aber der Kinder Bettchen behielten wir. Herr Redakteur, ach, kommen Sie doch einmal zu uns, sehen Sie sich das schöne, weiche Bettchen nur an! Nein, die Kinder sollten nicht Roth leiden! Mein Mann und ich haben oft nichts gegessen, nur damit die Kinder satt würden,- nie haben sie lange gehungert, nie!— „Aber, sehen Sie, diesen Winter war es oft so kalt und so naß auf der Straße, und die Schuhe der Kleinen waren zerrissen. Schuhe und Kleider konnten wir eben keine kaufen— wo sollten wir auch das Geld heruchmen! Da konnte ich die Kinder einige-Male nicht zur Schule schicken; die armen Würmchen haben mich so gedauert! Zweimal hat die Polizei die Kinder geholt, und ivcil wir die Strafe nicht zahlen konnten, hat mein Mann einen Tag sitzen müssen. Aber jetzt ist mein Mann iviedcr gesund, hat auch gute Arbeit und AlleS wäre wieder gut geworden, da, da, da—--—" Thränen erstickten die letzten Worte der Unglück- lichcn Frau, welche von ihrem Stuhle aufstand und beide Hände krampfhaft zur Faust ballte. „Die Kinder haben sie mir jetzt weggenommen," rief sie dann, am ganzen 5!örpcr zitternd,„in die Zwangserziehungsanstalt hat man sie gethan! Sie sollen auch einmal gebettelt haben! lind ich kann doch garuichts dazu, ich habe sie nicht geschickt; ich wußte garuichts davon, ganz gewiß nicht! Und zur Schule konnte ich die armen Würmchen doch nicht mit den zerrissenen Schuhen gehen lassen!--- „Aber es ist auch nur Rache, nur Rache, Herr Redakteur. Sehen Sie, der Arnicnvorsteher ist der Kaufmann R. neben uns, und dem sind ivir Geld schuldig— wir wollen es ja gerne bezahlen, aber jetzt geht es nicht, mit dem besten Willen nicht; aber zahlen thun ivir es— der hat mir ein paar •Mal gedroht, daß er die Kinder in eine Anstalt bringen ließe. Und die Kleinen hatten es doch ganz gut bei uns!——— „Von der Schule weg wurden die Kinder geholt! Sehen Sie, nicht einmal mitgetheilt hat man es uns vorher! Ach, ivie herzlos, wie herzlos!"— Von Neuem>veinte die Frau heftig. „Beim Oberlehrer bin ich gewesen," fuhr sie dann, stets weinend, fort,„beim'Magistrat war ich, aber überall wurde ich abgelviesen. Ich solle nur arbeiten, die Kinder waren aufgehoben, sagte man mir. Ich laufe nach der Anstalt; aber dort ist nur Sonntags Besuchszeit. Ich mußte also warten. Nein, diese Oualen! Doch ich wartete! Am Sonn- tag ging ich hin; mein Mann wartete vor dem Thore.—— Nein, nein, nein, das hätten Sie nur sehen sollen! Die Kinder hatten sich fest an mich geklammert und in eincmfort geschrieen:„Wir ivollen bei der Mama bleiben— wir wollen zum Papa gehen!" Ich die Kinder an der Hand nehmen und davonlaufen, war Eins! Draußen nahm mein Mann den Jungen und so liefen wir schnurstracks nach Hanse!——— „Jetzt hat die Polizei die Kinder wieder geholt! Wie herzlos, ivie herzlos!——— Aus den Armen meines•Mannes haben sie die Kinder ge- rissen, mit Gewalt, sehen Sie, mit Gelvalt! lind wie haben die Kleinen geschrieen!—— Ach Gott «ein, meine Kinder! Das Mädchen ist so schivach und kränklich und in der Anstalt haben sie es so schlecht, ach, ich weiß es! Mein Mann ist ganz trostlos! „,Geh einmal auf die Arbeiterzeitung', sagte er, ,geh nur einmal hin!'-- Ach, helfen Sie uns doch, guter Herr, helfen Sie uns, helfen Sie uns!" Und nun schluchzte die arme Frau wieder. Ein altes, spindeldürres Männchen mit schnee- weißen Haaren tritt an den Schreiblisch heran. Aller und Arbeit haben seinen Körper stark nach vorn gebeugt. Kein Wunder auch, er ist schon siebzig Jahre alt und seit fast sechs Jahrzehnten sitzt er tagtäglich von Rtorgens früh bis Abends spät und in die Nacht hinein auf seinem Tische im armseligen Maiisardenstiibchc», die Beine über- einaudcrgeschlagen, wie es eben die Schneider bei der Arbeit zu thun pflegen. Seine etwa fünfundzwanzig Jahre alte Tochter begleitet ihn. Seit langer Zeit ist er schon schwer- hörig, auch vermag sein gänzlich zahnloser Mund die Worte nicht mehr deutlich auszusprechen, sein ganzes Benehmen hat überhaupt etwas Kindisches. Er war schon öfier auf der Redaktion, um sich „'Rath zu holen". Ein hartes Schicksal hat den Mann getroffen. Das trug sich folgendermaßen zu: Vor einiger Zeit ging er nach Feierabend, an einem Sonnabend, von zu Hause fort, um seinen Beiirag zur Krankenkasse zu bezahlen. Dabei trank er zivei Glas Bier. Ans dem Heimwege kehrte er nochmals in der„Deutschen Schänke" ein. Nie ging er sonst in diese Wirthschaft, obwohl sie ganz in der Nähe seiner Wohnung lag. Aber er wollte „noch ein Gläschen miinehmen", ging er doch so selten ans! Bald nachher kam die Polizei in seine Wohnung. Wie er da erschrak! Das war noch nie der Fall gewesen! Sein ganzes Leben hat er nichts mit der Polizei zu thun gehabt; und nun soll er sogar eine Majestätsbeleidigimg begangen haben! Das konnte nicht sein, bei Gott nicht! Er wußte von nichts! Doch die Anklageschrift kam und bald darauf auch die Vorladnng vor Gericht. Der Wirth und ein Fabrikant wollen gehört haben, daß er beleidigend vom König sprach, als er von seinem Sohne erzählte, der im Kriege das Leben verlor. Was thun?! In der Redaktion der Arbeiter- zeilnng hatte man ihm gesagt, er solle nur beruhigt sein, er werde nicht bestraft, unmöglich! Ein Mann von siebzig Jahren, der taub ist, kaum noch sprechen kann, der wieder ein Kind geworden— nein, nein, nci», wie konnte man überhaupt eine Anklage er- heben! � Heute war die Verhandlung. Sie fand unter Ausschluß der Oeffentlichkcit statt. Nicht einmal die Tochter hatte man zugelassen. Einen'Rechtsainvalt hatte man ihm nicht gewährt, Geld hatte er auch keines, um sich einen zu nehmen. „Nun, wie ist es abgelaufen?" frägt der Ne- daktcur. „Denken Sie, Herr Dokter, denken Sie nnr, ein Jahr Gefängniß, ein Jahr!" rief das Rtädchen unter Thränen und drückte dabei ihren unglücklichen Vater sanft ans einen Stuhl. „Ei Jaa," murmelte der Alte und blickte dem sprachlos dastehenden Redakteur blöde ins Gesicht. „Ei Jaa, ei Jaa," wiederholte er mehrmals köpf- schüttelnd. Dann weinte er heftig.— „Ich möcht mir'u guten Rath holen." „Bitte!" Das lleine Frauchen in ärmlichen Tranerkleidern mag etwa achtnnddreißig Jahre alt sein. Auf ihrem linken Arme ruht ein za. nenn Monate altes Kind, das sie mit ihrer rechten Hand sachte an sich drückt. Den»nbedcckten Kopf mit den dunkelblonden Haaren hat sie nach links gebeugt, so daß ihre bleiche Wange sanft das auf ihrer Schulter ruhende Köpf- chen des cingeschlafcnen Kindes berührt. Schüchtern, wie beschämt, tritt sie langsam vor. Sie spricht etivas leise, die Augen stets zu Boden gesenkt. „Ich-- ich soll heut ausgemiethet werden," begann sie,„und ich Hab dch diesen Monat noch bezahlt. Das ist doch nicht recht; nicht ivahr? Das geht doch nicht!" „Sie holte tief Athem, dann fuhr sie fort: „Mein Mann ist vor einem halben Jahre gestorben und da habe ich nun für dieses Onartal die Miethe nicht zusammenbringen können. Für diesen Monat habe ich aber jetzt bezahlt, für das ganze Quartal konnte ich aber das Geld noch nicht schaffen. Das ist doch erklärlich, nicht wahr? Ach Gott, wir wohnen schon fünf Jahre in diesem Hanse und haben immer die Miethe pünktlich im Voraus be- zahlt. Aber dieses Mal konnte ich allein das Geld nicht schaffe», mit dem besten Willen nicht; ich konnte nicht so viel verdienen. Sofort, aber auch sofort hat mich der Hansherr verklagt; heute soll ich auf die Straße gesetzt werden. Ich habe aber doch diesen Btonat noch bezahlt— das geht doch nicht, das ist doch ungerecht! Kann ich denn da nichts machen?" „Sie haben einen gedruckten Vertrag?" „Ja." „Da ist leider nichts zu machen!" „O Gott, o Gott, o Gott! Ich habe vier Kinder! O Gott, o Gott! So ein reicher Mann, der Haus- Herr! Drei große Hänser hat er! Ach Gott, nein! So ein herzloser Mann! Mein ganzes Geld gab ich ihm auch»och für diesen Monat, und trotzdem werde ich auf die Straße gesetzt. Ach Gott, nein! Nun muß ich ins Armenhaus!"——— Sie blieb ruhig stehen, drückte mit ihrer zitternden Hand das immer noch schlafende Kind fester an sich und preßte ihre linke Wange auf die ihres Kindes, als wollte sie sagen: Du armes Kind! Du armes Kind! „Wünschen Sie noch etwas?" „Ich— ich," stammelte sie,„ich Hab hent mit meinen vier Kindern keinen Bissen zu essen!"-- Sie wurde überrvth im Gesichte und wagte nicht aufznsehen- sie schämte sich, daß sie ein Almosen verlaugt hatte. Thränen hatte das arme Weib keine mehr!——— (Schluß folgt.) ZU unserem Bilde,«s-s- Bist d» gliiiklich, Ebenbild Gottes?(Zu unsere»! Bilde.) Es ist ein uraltes, erschütterndes Problem, das sich wohl jeder denkenden und enipfipdendeii Menschen- seele wenigstens einmal aufgedrängt hat, dem die russische Künstlerin in dem Bildenverk, das uiiserc heutige Nummer schmückt, so ergreifenden Ausdruck zu verleihen gewußt hat. Ein wunderlicher Zwiespalt zieht sich durch Leben nud Schicksal des ringenden und kämpfende» Menschen: aus der einen Seite füllt ihm der durch den Glauben ungezählter Generationen gefestigte freudige Stolz die Brust,„zum Ebenbild Gottes erschaffen", Glanz und Krone der Schöpsnng z» sein; auf der andere» Seite predigen ihm Schritt ans Schritt die eigene Schwachheit und Gebrechlichkeit die unumstößliche Wahrheit, daß auch er nur ein Glied in der unendliche» Kette der Lebewesen der Schöpfung und in Allem dem großen Kausalgesetz der Natur unterworfen ist. Bist du glücklich, Ebenbild Gottes? Eine grausame Ironie prägt sich in der kurze» Frage ans, die so grell de» snrchtbaren Gegensatz zwischen dem stolzen Dünkel der Gottähnlichkeit und dem erdrücken- de» Gefühl, mit ehernen Banden an die irdische Scholle gefesselt zu sein, beleuchtet. Eine finstere Wolke liegt auf der gefurchten Stirn des Jünglings auf unserem Bilde: man g'anbt hinter ihr die qualvollen, marternden Gedanken austauchen und sich jagen zu sehen. In der ganzen Gestalt prägt sich die angespannte, vor einem düsteren Räthsel zum anderen eilende Geistesarbeit des vom Gefühl seiner Shninacht gegen die Macht des Schick- sals ergriffenen Menschen ans, die bald in finstere Bcr- ziveiflnng überzugehen droht. Bist du glücklich, Ebenbild Gottes? Die alte und immer neue Frage, wie sie uns mit Donnerworten ans Aeschylos Pr mcthens nud Goethes Faust, ans Michel Angelos Fresken und Beetho- vcns C vierzehnten Bande seines Diotionnairs pKI1osopt,iqris� bringt Vol- taire, Frankreichs größter und universellster Schriftsteller, einen längere» Artikel über Vainpyre. Da inanebeni von unseren Leser» ein Nachtrag zu der Notiz über Baiupyre in Nr. 37 dieses Blattes nicht unwillkoimne» sein dörrte, auch der eben genannte Artikel wohl im Stande ist, als Probe von der geistvollen und witzigen Schreibart des großen SPötters zu dienen, möge ein'Auszug daraus in freier llebersetzung folgen: „Die Vauipyre waren Todte, die zur Nachtzeit die Kirchhöfe verließen, um den Lebenden an der Gurgel oder am Unterleib das Blut auszusaugen, worauf sie sich wieder in ihre Gräber begaben. Die ausgesogenen Lebewesen wurden bleich und mager und verfielen in Auszehrung; die tobten Aussaugcr wurden dick und fett und nahinc» eine blühende Farbe an. In Polen, Ungar», Schlesien, Mähren, Oesterreich und Lothringen ließen es sich die Tobten bei derartigen Schlemmereien wohl sein. In London und Paris hörte man nichts von Bauiphren. Ich muß gestehe», daß es in beiden Städten Wucherer, Stcuerpächter und Geschü'tsleute gab, die dem Volke am hellen, lichten Tage das Blut aussogen, aber sie waren nicht gestorben, wenn auch verdorben; auch wohnten sie nicht auf Kirchhöfen, sondern in recht angenehmen Paläste». Wer sollte glauben, daß der Banipyrisuius zu uns aus Griechenland gekommen ist? Freilich nicht aus dem Griechenland eines Alexanders des Großen, eines Aristo- teles, eines Platon, Epikur oder Temosthenes, sondern aus dem christliche», leider abtrünnigen Griechenland. Die Grieche» sind davon überzeugt, daß diese Tobten Hexenmeister sind; sie nennen sie Brnkolakas oder Brnko- lakas, je nachdem sie de» ziveiten Buchstaben des Alpha- bets aussprechen. Diese Tobten bei den Griechen gehen in die Hänser, um den kleinen Kindern das Blut aus- znsnugen, den Eltern ihre Piahlzeiten zu verzehren und alle Möbel zu zerschlagen. Man kann sie nur dadurch zur Vernunft bringe», daß man sie erwischt und verbrennt. Man muß jedoch die Vorsicht beobachte», ihnen vor dem Verbrennen das Herz auszureißen und dieses besonders den Flammen zu übergeben. Neben der Verleumdung verbreitet sich nichts so schnell wie der Aberglaube, der Fanatismus, die Hexerei und Gespenstergeschichten. Es gab Brnkolakas in der Wallachei, in der Moldau, und bald bei den Polen, die der römisch-katholischen Kirche angehören. Bei ihnen machte dieser Aberglaube keine Geschäfte und zog weiter in das ganze östliche Deutschland. In de» Jahren 1730 bis 1735 hörte man nur von Vamphren sprechen. Man griff sie auf, riß ihnen das Herz aus und verbrannte sie: sie glichen indeß den alten Märtyrern; je mehr man ver- brannte, destomihr wurden ihrer." Im Folgenden führt Voltaire einige Wunder- geschichten aus der Geschichte der christlichen Kirche aus, denen man irgend welche Beziehungen zum Vamphrismus abgewinnen könnte, und fährt dann fort: „So wahr indeß alle diese Geschichte» auch sein mochten—, sie hatten mit den Vamphren, die ihren Nächsten das Blut aussogen und sich dann wieder in ihre Gräber legte», nichts gemein. Man forschte nach, ob man nicht im Alten Testament oder in der Mhthologie einen Bampyr ausfindig machen könnte, den man zum Beispiel hätte nehmen können. Die Schwierigkeit bestand darin, daß man nicht wußte, ob die Seele oder der Leib des Todte» aß. Man ent- schied, daß es beide thäten. Tie seine» und wenig sub- stanliellen Nahrungsmittel wie— hier folgen im Original einige Ausdrücke, mit deren gar zu argen, Cynisuius wir unsere Leser verschone» wollen— ivaren für die Seele, die Noastbeess für den Körper. Die persischen Könige waren, wie erzählt wird, die ersten, die sich noch nach ihrem Tode bewirthen ließen. Fast alle heutigen Könige thnn es ihnen gleich, aber die Psasse» essen ihr Frühstück und Abendbrot und trinken ihren Wein. So sind die Könige in, eigentlichen Sinne des Wortes keine Vamphre. Die wahren Vauipyre sind die Pfassen, die anf Kosten der Könige und Pol er sch'emmen Es ist thatsächlich wahr, daß der heilige Stanislaus, der ein großes Landgut von einem polnischen Edelmanne gekauft, aber nicht bezahlt hatte, und bis zum Könige Boleslaus von seinen Gläubigern verfolgt wurde, den Edelmann aufweckte, aber dies geschah lediglich darum, um sich eine Quittung geben zu lassen. Und es steht nichts davon geschrieben, daß er dem Vcrkänscr auch nur einen Schoppen Wein gereicht habe, der, ohne Speise und Trank genossen zu haben, in die andere Welt zurückkehrt. Man streitet sich über die große Frage, ob man einem im Banne gestorbenen Vainpyr Absolutio» ertheilen könne. Ich bin nicht tief genug in die Geheimnisse der Theologie eingedrungen, um meine Meinung hierüber zu sagen; aber ich würde meine Stimme für die Absolution geben, weil man in allen zweifelhaften Fällen wohl daran thut, sich für das Angenehmere z» entscheide». „Ten Haß dämmt ein, Ter Lieb' zieht wcit're Schranken!" * Pictionnaiie)iliiIosopliiqiie philo ophischcs Wörterbuch heißt das Jammelwerl, in dem Voltaire rn-i feine im Dienst der AuiUcuT.ng des vorigen Jahrhunderts für Tideiois Enchtlopadis (.efchilebcnen Aussage herausgab. Ergebnis! von Alledem ist, daß ei» großer Theil Europas fünf bis sechs Jahre hindurch von Baniprren verheert werden ist und daß es keine mehr giebt; daß wir in Frankreich zwanzig Jahre hindurch Verzückte ge- habt haben und daß es keine mehr giebt; daß wir sieben- zehn Jahrhunderte hindurch Besessene gehabt haben und daß es keine mehr giebt; daß man seit Hippolyte- Zeit immer Todte anferweckt hat und daß man keine mel r auf- weckt; daß wir in Spanien, Portugal, Frankreich und im Königreich beider Sizilien Jesuiten gehabt haben und daß wir keine mehr haben." Voltaire schrieb diese Zeile» um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Wir sind heute anderthalb Jahrhunderte weiter. Wirklich? l. Zur Geschichte der Raufvcrbote. Altdeutsche Rauf- lnst machte schon den obersten Kriegsherren im Mittel- alter schwere Kopfschmerzen. Es lag allezeit nur zu nahe, daß der zum Wasfentragcn privilegirte Stand dieses sein Vorrecht auch zum eigene» Nutzen und in eigener Sache benutzte, um schnelle Justiz durch Selbst- hülse zu üben, statt den immerhin mehr oder weniger Zeit erfordernden Nechtsgang einzuleiten und abzuwarten. Ter ganze Lauf der Politik zeigte deu Wasfenberechtigten, daß Gewalt iiiecht schaffe und ohne die nöthige Gewalt in der Hinterhand jedes Recht krank und ohnmächtig sei. Ein interessanter Versuch, dem Unwesen der Krieger zu steuern, ist das Kriegsgesetz Kaiser Friedrichs I. vom Jahre 1154, das gleich in seinem Eingang von Rauf- Händeln— und weiter sind auch die hochpreislichen modernen Duelle nichts— handelt. Das Gesetz stellt recht gesalzene Strafen in Aussicht, sehr im Gegensatz zu der Art, mit der heutzutage Duellanten, die doch auch lediglich Friedensbrecher und Rcchtsverächter sind, behut- sam und fein säuberlich angefaßt werden. Das Kriegsgesetz des Kaisers Rotbbart hebt folgender- maße» an:„Wir bestimmen und wollen streng beobachtet wissen, daß weder ein Ritter noch ein Soldat es wage, .Streit anzufangen. Wenn einer mit einem Anderen Händel bekomme» hat, soll keiner von Beiden de» Lagerruf schreie», damit dadurch seine Leute nicht zum Kampf erregt werden. Wenn Streit entstände» ist, soll Niemand mit Waffen, d. h. mit dem Schwert, der Lanze, oder mit Pfeilen hinzueilen, sondern den Streit schlichten, gerüstet mit dem Harnisch, dem Schild und dem Helme und nur mit einem Prügel bewassnet sein. Niemand soll den Lagcrruf erschallen lassen, außer, wenn er seine Herberge sucht. Welcher Ritter aber durch Schreien des Lagerrnfs Händel veranlaßt hat, der soll seine ganze Rüstung ver- lieren und aus dem Heere gestoßen werden. Wenn es aber ein Knecht gethan hat, so soll er geschoren, ge- prügelt und am Kinnbacken gcbrandmarkt werden, oder sein Herr kauft ihn mit der ganzen Rüstung los." Man bemerke de» Unterschied zwischen dem„finsteren, barbarische» Mittelalter" und der gesitteten, aufgeklärten Neuzeit. Dort wird der Rechtsbrecher, der in Sclbst- hülfe Händel sucht, der Rüstung, die doch sein Privat- eigenthum ist, verlustig erklärt und schimpslich aus dem Heere ausgestoßen: heute wird de», des Königs Rock und die Angehörigkcit zum Heere abgesprochen, der nicht den Weg rechtsbrecherischer Selbsthülfe betritt. Auch vom Zweikampf ist die Rede, der nicht nur gestattet, sondern vorgeschriebe» ist, aber im Mittel- alter ein Theil des Rechtsverfahrens, ein Mittel zur Beantwortung der Schnldfrage ist, wenn Indizien und Eide sich die Wage halten. Es heißt weiter:„Wer Jemauden verwundet hat »nd dies leugnet, den, soll, wen» der Verwundete ihn durch zwei wahrhaftige, ihm nicht verwandte Zeuge» überführe» kann, die Hand abgehauen ivcrden. Fehle» die Zeugen»nd will Jener sich durch den Ein reinige», so kann der Kläger den Cid zurückweisen»nd mit ihm im Zweikamps die Sache anssechten." Das heißt aber, wie ans dem sonst über den gericht- liche» Zweikampf überlieferte» Mittheilungen zu schließen ist, daß damit zunächst nur die Schuldsrage durch eine Art Gottesgericht beantwortet ist und dann der Prozeß weitergeht und der nun schu.dig befundene Theil seine Strafe erhält, vorausgesetzt, daß er noch am Leben oder, im Falle der Geldbuße, am Vermögen saßbar ist. „Wenn Jemand einen Mord begangen hat und von eine». Verwandten, Freund oder Geführten durch zwei walrhastige, de». Ermordeten nicht verwandte Zeugen ülcrführt wird, so verfällt er der Todesstrafe. Fehlen jedoch die Zeugen und will der Mörder sich durch den Eid reinigen, so kann der Freund oder Verwandte des Ermordeten mit ihm im Zweikampfe die Sache ans- fechten." Das heißt offenbar soviel als, wen» der Kläger an den Reinignngseid des Mörders nicht glaubt und mit Ueberzeugung und ruhige». Gewissen Eid gegen Eid stellen würde, eben der Zweikampf den Ztveck hat, zu erweisen, welcher der beiden Eide echt und welcher„mein", d. h. falsch, Meineid sei. Als normaler Weg, Unrecht aus der Welt zu schassen oder geschehene llebellhat zu strafen, gi t nicht die Selbst- hülse und Justiz auf eigene Hand, sondern die Klage, wie sich ans folgenden Sätze» ergiebt: „Wer einen Anderen eine Kirche oder einen Markt plündern sieht(die erstere stand unter Gastesfriedc», der z, veite unter Königssrieden), soll es verhindern, doch ohne Streit; kau» er es nicht hindern, so soll er die Sache bei Hose klagen." Ferner:„Wer eine Vorrathsgrnbe findet, soll frei sich ihrer freuen. Wenn sie fortgenommen wird, soll er nicht Böses mit Bösem vergelten, nicht seine Beleidigung rächen, sondern es de», Marschall klagen, um Recht zu erhalten." Tiefes„Finden" einer freien Beute war dem Ersten ja nur möglich durch den günstigen Verlauf des Heer- zuges, der nicht sei», d. i. des ersten Finders, Werk und Verdienst allein war, sondern das aller Mitkämpfer. Ter Marschall soll dann befinden, ob durch besonderes eigenes Verdienst der erste„Finder" sich eine» Voransprnch in dem gegebenen Falle erworben hatte, so daß er in der Wegnahme seines Fundes mit Recht eine beleidigende Rechtsbeeinträchtignng gesehen habe oder nicht. Unmittelbar noch in das Gebiet von Ehrver'etznngen i»»lodernem Sinne scheint der folgende Satz ein.»greifen: „Wenn ein Ritter einem andere» Ritter Schimpf- Worte gesagt hat, dann kann er dles mit einem Eid in Abrede stelle»; leugnet er es nicht, so zahlt er ihm zehn Pfund der Münze, die gerade im Heere Geltung hat." Allem Anscheine nach war die EidbereitschaftSerklä- rung, daß der Beleidiger die Scheltrede nicht gethan haben wollte, so gut wie ein Widerruf und eine Ehren- erklärung, falls sie doch in der That ihm in der Auf- regniig entschlüpft sein sollte. Bestand er aber darauf, seine Schelte ausrecht zu erhalten, so wurde das in üblicher Weise mit Geld gebüßt. Enthielt die Schelte einen Vorwurf auf Uebelthat, so ,var sie in eine Klage einzukleiden und vor den zuständigen Richter zu bringen, der festzustellen hatte, ob die ehrenrülrige, den Gegen- stand des Scheltevvrwnrfs bildende Uebelthat wirklich vor de». Gescholtenen gethan worden ivar.— Dieser Kriegsordnung Friedrich Barbarossas ist dent- lich zu entuehmeu, daß sie den Duellwahnsinn garnicht vvrgesunde» haben kann, und daß sie ferner in einem Geiste gehalten ist, der einen solchen Brauch, wenn er vorhanden gewesen wäre, auch nicht im Geringsten Vorschub geleistet haben würde, sondern ihm wahrscheinlich zu Leibe gegangen sei» würde. Künstlicher Kriegsruhm. Die beiden römischen Kaiser Calignla und Domitian machten sich beide gleich lächerlich durch Triuniphfeiern solcher Siege wegen, die in Wahrheit nie erfochten worden waren. Dem Cal'gula fiel es plötzlich ei», daß doch eigentlich auch der Lorbeerkranz des Sieges ihm gut stehen müßte. Deshalb zog er 39 ,,. Ehr mit gewaltiger Heeresmacht an den Rhein, kehrte aber sehr bald wieder um, nahm jedoch etliche Gallier(keltische Ein- geborene des heutigen Frankreich) mit, die in seinem seier- lichen Triumphaufzuge kriegsgesangene Germanen ver- stellen mußten. Ebenso kaufte Domitian in Gallien Sklaven auf, die er nach germanischer Art srisiren und kostümiren und sie im prahlenden Triumphzuge des Jahres 83 n. Chr. die Rolle von kricgsgefangene» Ger- inanen spielen ließ. Ganz Rom, daß diese kaiserlichen Schwindelstückchen sehr wohl kannte, hielt sich deu Bauch vor Lachen. Altrömische Gercchtigkcitspflcge. Als Cajns Marius während des Cinibernkrieges einmal vom Lager abwesend war, ließ sein Schweslersohn, Ca!»s Lusins, der Offizier war„nd der Männerliebe huldigte, einen Rekruten von seiner Kohorte(Kompagnie), de», er schon wiederholt vergeblich unsittliche Anträge gemacht hatte, Nachts zu sich rufe». Ter Jüngling kam,>vi« Plntareh berichtet, da er gegen den Befehl nichts einivenken durste, und wurde zu ihm ins Zelt geführt. Da aber Lnsius Gewalt brauchen wollte, zog er den Degen und stach ihn aus der Stelle nieder.'Als Marius ins Lager zurückgekehrt war, traten Viele als Kläger gegen den Rekruten Trebonins aus, aber Niemand wollte sich seiner annehmen als Ver- theidiger. Trebonius selbst aber benahm sich mit großer Uncrsehrockenhcit; er erzählte den Verlans der Sache»nd stellte Zeugen ans dafür, daß er schon viele Versuche des Lusins abgewiesen und sich für keinen»och so hohen Preis zu schändlichen Tinge» verstanden habe. Marius, voll Bewnuderiing und Freude, ließ sich den Kranz bringe», womit die Rö»ier rühmliche Handluugen zu ehren pflegten, und fetzte ihn mit eigener Hand dem Trebonins aus, iveil er zn einer Zeit, die an guten Beispielen so arm wäre, die schönste That verrichtet hätte. Tie Nachricht von diesem Vorfall kam bald»ach Rom und verhalf dem Marius ganz besonders zu seiner dritte» Wahl zum Konsul. Durch die Blume. Die Vereinigten Staaten Nordamerikas hatten sich öfter bei der englischen Regierung beschwert, weil dieses auf dem Wege der Deportation seine Verbrecher dorthin sandle»nd von dieser Maßregel nicht absehen wollte. Als wieder eine große Sendung Sträflinge in Amerika gelandet Ivar, schickte Franklin dem englischen Minister in einer Kiste einen Knänl Klapperschlangen für den königlichen Garten. Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Edgar Steiger, Leipzig, Elistiislr. 90, richte». g'.etc.i.liuul'.ci.cr S.etüUcnr; Bnflao M« c a s y in Leip-ig.— Verlag: Hamburger Buchdriulerei und Veriag-anstall Auer Sr Co. in Hamburg.— Druck: Mar Babing i» Berlin.