Nr. 44 �Uxiftvivie �1 tili er h a( cib ci( a0C, 1897 - Der Steinktopfer. Von Franz Evcrs. Er slhk am Weg und Klopft die Harken Steine... Im schmalen Schatten einer Pappel ruht Die Straße staubt iu weißer Sounenglukh... Sein stilles Weib, den Sohn an junger Brust Rein Mensch ist nahe. Und athniek leise. Eintönig hallt sein harker Hammerschlag. Nur manchmal schaut er stumm auf seine Beiden Mit nasser Stirn... Aber aus seinem Klopfen klingt viel Glück. Aus der Walze. Ans den Papieren eines Fechtbruders. Von F. Nicticrf. (Fortsetzung., lle Leute dachten damals, sie würden alle Beide sterben," sprach eine der Erzählerinnen. „Unkraut verdirbt nicht," bemerkte die Andere. „Und das Fräulein ist gestorben?" fragte ich. „?lm Nervenfieber," lautete die Antivort.„Vor- her hat sie, halb im Fieber, noch schockmal erzählt, >vas der Kaplan im Beichtstuhl zu ihr gesagt, und wie sie den Hund umgebracht hat." „Die blutigen Augen hat sie nicht vergessen können, daran ist sie zu Grunde gegangen." „Ist die Frau noch immer so fromm, wie früher?" „Fromm?— Sie geht alle Tage in die Kirche, sie betet den ganzen Tag, sie besucht die Geistlichen und— sie kujonirt uns und erstickt nächstens vor Geiz. Auf heilige Atessen langts, aber..." Tie Sprecherin hielt erschrocken inne, weil von den Ziminern her heftiges Klagegeschrei erscholl. „Er ist todt!" sagten wir uns, und nnwilllür- lich falteten wir die Hände zum Gebet. Dann griff ich nach Stock und Berliner und eilte hinaus. An einer offenen Thür, an der ich vorbeigehen muffte, standen die Frau Oberst und die Nonne. Die Eine schluchzte und jammerte, als sei sie untröstlich: die Andere stühte sie mit den Armen und sprach ihr Muth zu. „Verzagen Sie nicht! Danken Sie Gott, daß er ausgelitten hat!" Ich ging schnell vorüber, doch ich gewahrte noch, lvie mir die alte Dame unter Thränen hervor einen bösen Blick zuwarf. Fürchtete sie, daß ich zu viel Kaffee getrunken, oder daß ich den Kaffeelöffel eingesteckt hatte?... ** * So untröstlich auch die Geschichte von Btathildc und ihrem Hunde lvar und so sehr sie mich anch erregte und noch lange Zeit in Gedanken beschäf- tigte, so wirkte sie doch in einer Beziehnng wohl- thälig und befreiend auf mein Geiniith. Oft noch nach jenen erschütternden religiösen Jnnenkämpfen und Zweiselsvialen, die ich in Thalungen erduldet hatte, tauchten ans verjährten Gründen meiner Seele dämonische Atahner empor und peinigten mich mit der Drohung, daß keine Bnffe den Frevel tilgen könne, den ich begehe, indem ich mich den Sahungen der heiligen kalholischcn Kirche nicht füge. Und niehr als einmal versuchte ich, meine Abneigung gegen das Zeremoniell dieser Kirche zu bezwingen; mehr als einmal war ich im Begriff, reuniüthig zu beichten und mich dadurch zu befreien von den quälenden Nachtgespenstcrn; doch die Versuche miß- langen, iveil meine Abneigung seit früher Jugend mit mir groß und dadurch nnüberivindlich gelvorden lvar. Die Erzählung der Btägde lvirkte nun, bei all ihrer Tragik,>vie eine Erlösung auf mich. Indem ich bedachte, daß die Frau Oberst trotz ihres unedlen Wesens bei den Priestern als eine gute Dienerin der Kirche galt, während ihre herzensreine Tochter durch einen gransamen Bnßbefehl in Verzweiflung, Wahnsinn und Tod getrieben wurde, erschien mir die Geschichte wie eine glänzende Nechtfertigung meines religiösen Verhaltens. Sie wäre vielleicht geeignet gewesen, mich für immer zu schützen gegen Ziveifelsanfälle der aiigc- deuteten Art, wenn ick fähig gewesen wäre, unter der Gewalt ihres ersten Eindruckes über mein Ver- hältniß zur Kirche nachzugrübeln und dabei die ganze Beweiskraft des Vorganges für mich auszunützen. Allein in meiner jammervollen Lage hatte ich so viel für den Leib zu sorgen, daß die Seele dabei zu kurz kam. Zz.chtrmdztx'cmzigl'tes Kcrpitek. Eine Penn e. Dreizehn— o die Unglückszahl!— dreizehn Pfennige betrug mein Vermögen, als ich, spät Abends bei schrecklichem Sturmwetter die sächsische Grenze überschritt und bald darauf in ein sächsisches Städtchen einzog. Ach, ich besaß so ivenig Heldeninnth, so wenig Geist für das Metier eines Stromers! Dreizehn Pfennige— und mindestens an dreißig Thüren hatte ich anzuklopfen gewagt. Die meisten toaren mir, kaum geöffnet, vor der Nase zugeschlagen worden. Völlig geläufig war mir die Theorie des Fechtens; ich hatte sie ja bei meinem Fechtschnl- meister in kurzer Zeit gründlich slndirt, aber die Praüs, die Praxis!... Unverschämtheit ist eben eine Gabe, die man schon vor der Geburt empfangen haben muß; keine gütige Fee kann sie später mehr verleihen. Wer als Hase auf die Welt kommt, bleibt allemal ein Hase. Bald am Eingang des Städtchens befand sich eine Herberge. Ich begab mich hinein nnd ließ rnich in der Nähe der Thür auf einen Stuhl nieder, wobei ich mir vorkam, lvie ein abgeschiedener Sünder, der sich frech ins liebe Himmelreich eingeschlichen hat, aber jeden Augenblick in der Angst lebt, erkannt und in den Pfuhl des elvigen Verderbens geschleudert zu werden. „Nur dreizehn Pfennige!... wie konntest Du wagen, mit einem solchen Lumpengeld in eine Her- berge zu gehen!" erklang es in mir.„Für dreizehn Pfennige giebts kein Nachtquartier... Und gäbs welches, wer zahlt dann Deine Zeche? Du mufft doch etwas verzehren, wie es überall Sitte ist! Die Herbergslente wollen leben; sie haben vielleicht ein Rudel Kinder z» ernähren..." Die Herbergsstube war eng nnd düster nnd schmutzig. Etwa ein Drittel des schmalen Zimmer- raumes lvar von dem übrigen Raum abgetrennt durch einen gebrechlich aussehenden Schanktisch, auf dem, wie ein trauriges lleberbleibsel einer dahin- geschlvundenen Kultnrep.che, eine alte Oelfunzel brannte. Sie bildete die einzige Beleuchtung nnd erfüllte das Zimmer mit Qualm und Gestank. Nebe» ihr standen eine geöffnete Schnapsflasche und etliche Gläser. 346 Die Ticue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Außer mir waren zwei Personen anwesend; der Herbergsvater und ein Knude. Der Erslere, ein starker, stämmiger Mann, mit dunklem Vollbart und b shaft stechenden Augen, lehnte mit verschränkten Armen am Schanktisch und plauderte mit dem neben ihm sitzenden Knuden. Dabei schielte er fast beständig zu mir herüber, und seine Augen sprachen zornig:„Du dort scheinst mir auch der richtige Vogel zu sein, das sieht man Dir schon an! Weshalb thnst Du den Schnabel nicht auf? Kannst wohl nicht singen, weil das Metall fehlt?" Endlich fragte er unwirsch:„Wollen Sie einen Schnaps?" „Ja!"... Ich glaubte ihm diese Antwort schuldig zu sein. „Das soll ntan riechen," brummte er und wech- seile mit dem anderen Kunden einen verständniß- vollen Blick. Cr brachte den Schnaps und ich entnahm ans der Westcutasche mit heimlichem Granen den Betrag von fünf Pfennige». Blieben noch acht Pfennige. „Wenn ich in die Penne komme, ist es das Erste, daß ich mich stärke," sagte der Kunde, der den Blick des Herbergsmannes richtig gedeutet hatte. „Das thut Jeder," entgegnete dieser. „Wenn ich den ganzen Tag tipple und dalfe, muß ich mir Abends was anthnn!" „Nichtig!" sagte der Herbergsvater und schoß mir dabei einen fragenden- Blick zu, ob ich etwa anderer Meinung sei. Als Antwort führte ich mein Schnapsglas an den Mnnd und leerte es mit Todesverachtung... Hnh— wie das brannte, wie ekelhaft das Geiöff war! Die Gesichtsmnskcln zogen sich krampfhaft zusammen und eine Art Schüttelfrost packte mich; doch um mir keine Blöße zu geben, bewahrte ich mit allU Kraft meine ruhige Fassung und setzte ge- lassen, als ob ich einen Schluck Wasser zu mir ge- nommen hätte, das Glas auf den Tisch. Potz Schwefel, war das ein Gift! Mein ganzes Innere revoltirte dagegen. „Noch einen?" fragte der Vater, und ans seinen Teufelsaugen leuchtete ein Schimmer von Wohl- wollen. Ich muß wohl bejahend geantwortet haben, denn er brachte die Flasche, füllte mein Glas und sagte: „Das wärmt!" Ich zählte abermals fünf Pfennige von meinem Baarbesitzthnm ab, und das Entsetzen packte mich. Mit welcher Verächtlichkeit er mein schönes Kupfer einstrich! Nur so mit zwei Fingern schubste er es nachlässig, ohne es anzublicken, in die andere Hand, ließ es in die Tasche gleiten und schnitt ein Gesicht, als sei ihm jede Bewegung leid, die er solcher Bettel- Pfennige wegen mache. Aber das ivar Verstellung, wie ich sogleich ge- merkt hatte. Seine Seele zitterte in Gier nach de» braunen Münzen; sie den Kunden, die in seine Schmutzspelniike geriethen, durch elenden Fusel ab- znlockcn, war die große Mission seines Lebens. In Schmach und Angst hatte ich das schöne Geld mühsam znsammengefochten und jeden Pfennig als eine werthvolle Errungenschaft angesehen; liebe- voll hatte ich seine Prägung, seine Jahreszahl be- trachtet und die Merkmale stndirt, die ihn von anderen Pfennigen unterschieden, und jeder hatte mir ein Quentchen Hoffnung und Trost gespendet. Und nun warf ich meinen armseligen Reichthnm hin für ein Getränk, das mir Granen verursachte,— nein, ich warf ihn hin, um den schwarzbärtigen Bettelmünzensammler zufrieden zu stellen, um ihn in den Glanben zu versetzen, daß auch ich ein „tafter" Kunde sei. „Hier, Sorof her!" rief der andere Kunde. Der Vater schmunzelte befriedigt und goß dem Gaste„Sorof" ein.„Da sieht man gleich, was Raffe ist!" schmeichelte er. „Am Tage dalf ich zünftig und Abends schmor ich zünftig!" erwiderte prahlerisch der Kunde, soff sein Glas mit einem heftigen Zuge leer und ließ es abermals füllen. Ich bewnnderte ihn ehrlich. Er war ein hübsches, flott aussehendes, brünettes Bürschchen von etwa zwanzig Jahren, mit langen, wulstigen Kraushaaren, feinem Schnnrrbärtchen und dnnim-keckcn, herausfordernden Augen. Daß ihm das Fnselgift als eine Wohlthat erscheinen könn e, war unmöglich, aber das Lob, das ihm der schlaue Gifthändler spendete, that ihm wohl und erfüllte ihn mit kindischem Stolz, und so goß er den flüssigen Höllenbrand in die Kehle, um immer mehr des berauschenden Lobes zu erlangen. Nicht wählerisch in dieser Kostsorte, letzte er sich nebenher auch am Eigenlob. „Sie scheinen ein gehenktes Aas zu sein!" sagte der Herbergsvater und lächelte den Knuden zntran- lieh an. „Das bin ich!" sagte dieser, hochbeglückt durch solche Schmeichelei.„Mir kommt»ich bald eener gleich; im Tippeln nicht, im Dalsen nicht und im Schiveechen nicht!" Unter„Schweechen" verstand er das Schnaps- trinken; ich lernte diesen Ausdruck später kennen. Bei den letzten Worten traf mich ans seinen Augen ein feindseliger Blick. Er verachtete mich, weil der Herbergsvater einen verächtlichen Ton gegen mich angeschlagen hatte; er zeigte sich gehässig, wie ein aufmerksamer Hund, der alle Leute anknurrt, die sein Herr nicht leiden mag. Ich fühlte, daß ich bei diesen beiden Menschen ans Erbarmen nicht zu rechnen hatte, und ein schweres Baiigen ergriff mich bei dem Gedanken, daß ich die Nacht unter freiem Himmel verbringen müsse. Draußen hatte es nahezu den ganzen Tag geregnet und dabei regierte eine rauhe Herbstkälte. Ich war dürchnäßt, hungrig und todtmüde und Leib und Seele sträubten sich angstvoll, das schützende Dach zu verlassen. Was anfangen? Die seelische Erregung, die Müdigkeit und die Furcht vor der bösen Nacht lähmten meine Denkkraft. So viel war mir klar, daß ich mit dem Manne über meine Lage reden mußte, nur wußte ich nicht, wie ich anfangen und was ich sagen sollte, denn ans eine Gnade hatte ich von ihm nicht zu rechnen, das lehrte deutlich sein ganzes Wesen. Instinktiv empfand ich, daß dieser Natur am ehesten durch Frechheit, keineswegs jedoch durch Bitten und Flehen beiznkommen sei, und instinktiv handelte ich darnach. Ich tändelte mit dem gefüllten Schnapsglase, und wenn ich mich unbeachtet sah, goß ich Tropfen um Tropfen unter den Tisch. Und dann, als mich zufällig wieder der Blick des Vaters traf, ergriff ich das Glas mit ganzer Hand, that, als sei es noch gefüllt, leerte es ans einen Ruck und beleckte mir die Lippen, als sei es schade um jedes Atom des köstlichen Seimes. „Famoser Schnaps," sprach ich. Der Mann wandte mir das Gesicht zu und ich glaubte, daß kalter Hohn darin zu lesen stand. Ueberzengt, daß er die Unwahrheit meines Lobes erkannt hatte, zuckte ich vor Scham zusammen. Jetzt kam er zu mir her und streckte die Hand nach dem Glase ans, sicherlich in der Absicht, es nochmals zu füllen. Der entscheidende Augenblick war gekommen. „Ich wollte eigentlich das Nest heut Abend»och abkloppen," begann ich,„aber ich war so müde, daß ich erst morgen..." „Wollen Sie noch?" unterbrach er mich, ans das Glas deutend und ohne auf meine Rede zu achten. Die Verlegenheit, in die mich die Frage ver- setzte, brachte mich zu einem mannhaften Entschluß. „Hören Sie, Vater, ich möchte über Nacht bleiben! Ich gebe Ihnen meinen ganzen Berliner als Pfand; ein ganz neuer Anzug steckt drin. Morgen früh kloppe ich das Nest ab." Schon bevor ich ausgeredet hatte, wandte er mir den Rücken und ging zurück an den Schanktisch. Nach einer unheimlichen Pause stieß er ein kurzes Lachen ans und sagte, ohne mich anzublicken:„Ich habe kein Pfandhans." „Morgen bekommen Sie ja Ihr Geld!" rief ich bittend.„Ich will Ihnen zeigen, was ich im Berliner habe..." Er schüttelte den Kopf und erwiderte grob: „Wer in die Penne kommt, muß Zwirn haben, und wenn Ihnen der Zwirn fehlt, haben Sie hier nichts zu suchen!" „Aber, Herr Vater, ich kann doch nicht in dieser Nacht..." „Reden Sie nicht, gehn Sie Ihrer Wege!" „Ich erfriere ja..." „Wenns Ihnen Spaß macht, so erfrieren Sie! Mit Leute», die nicht im Stande sind, den Tag über so viel zusammen zn dalfen, als sie Abends in der Penne brauchen, habe ich kein Mitleid!" Er setzte sich ans die Kante des Schanktisches, verschränkte die Arme und lächelte den anderen Kunden huldvoll an. Ich erhob mich, blieb aber unschlüssig und wie gebannt stehen. Es erschien mir unmöglich, in meinem ermatteten Znstande in die kalte, finstere Negennacht hinaus zu gehen. „Wenn ich Minister wäre, so dürften mir stramme Leute— mir taste Knuden auf die Walze gehn," sagte der andere Kunde. „Ach, ja!" seufzte der Herbergsvater.„Wenn ich bedenke, was die Kerls früher angeschleppt brachten! Das war eine Lust! Zwirn hatten sie, daß sie die ganze Nacht wie die Bürstenbinder soffen, und Pickns— ganze Berge! Heute reichts nicht mehr auf Schlnmmerkies. Man kann dabei ver- hungern— ach ja!" Ein neuer Seufzer entrang sich seinen Lippen. Trotz des eigenen Unglücks fühlte ich Mitleid für ihn. „Ein tafter Kunde hat immer Zwirn," sagte der Andere.„Heute früh lag ich bis Nenn im Sänftling. Zum Frühstück ließ ich mir für anderthalb Bleier drei pflaumenweiche Eier kochen, dann schob ich los. Bis zum Abend hatte ich zwei Flachsen* beisammen. Die schlag ich jetzt todt. Was ich am Tage znsammendalfe, laß ich Abends auf der Penne sitzen. Das ist bei mir Ehrensache." „Das läßt man sich gefallen," entgegnete der Vater.„Wenn sie Alle so wären, wärs gut!" „SoEener bin ich!" sprach der Knude mit stolzem Selbstbewußtsein.„Noch'n Sorof, Peimebos!" „Was warten Sie denn noch?" rief mir der Pennebos unwirsch zu, während er das Glas füllte. „Na meinetwegen, da hol mich der Teufel!" schrie ich voll Zorn und Verzweiflung und riß die Thür auf, um fortzueilen. „Heda, Du mußt auf die Polende gehn!" rief mir der Kunde nach. Ich hemmte den Schritt; ein Hauch der Hoff- nnng berührte mich. „Wo muß ich Hingehn?" „Auf die Polcnde," wiederholte der Knude. „Der weiß garnicht, was die Polende ist," sprach der Pennebos, verächtlich lachend, und zu mir gewendet fügte er erklärend hinzu:„Ans die Polizei müssen sie gehn, zum Bürgermeister!" „Die Polizei darf keinen Kunden erfrieren lassen!" meinte der Kunde. Ich dankte für den Rath und ging hinaus in die finstere, öde Nacht. Hkermimdzrncmzigstes Kapitek. Auf der Bürgermeisterei. Bei meinem Einznge in die Stadt, seit dem kaum eine halbe Stunde verflossen war, hatte ich noch die Schilder an den Hänsern lesen können, und jetzt schon waltete völlige Finsterniß; nicht einmal die Umrisse der nächsten Gebäude vermochte ich zu erkennen. Auf Straßenbelenchtniig schien der hohe Niagistrat kein Geld zu verschwenden, wohl in der weisen Erkenntniß, daß die guten Bürger mit der den Sachsen eigenen Helligkeit sich auch in Mondschein- losen Nächten des rechten Weges bewußt seien. Der Regenguß hatte nachgelassen; doch ein eisiger Sturm- wind fauchte mit rasender Wildheit daher und jagte mir feine Wassertröpfchen mit solcher Schärfe ins Gesicht, daß sie wie Nadelstiche schmerzten. Also zum Bürgermeister! Ich ging stadteinwärts. Nur wenige Fenster zu beiden Seiten der breiten Straße waren erhellt; doch die wenigen genügten, mir den Weg zu weisen. Vor mir regt sich etwas. Eine Gestalt... sie bewegt sich quer über den Weg. * Flachsen— eine Mark. 347 „Verzeihen Sie, wo wohnt der Herr Bürger- meister?" Die Gestalt bleibt stehen; ich trete noch an sie heran, sehe mit angestrengten Augen ein dicht ver- innittiiitcs weibliches Wesen, das mit beiden Händen einen gros en Topf schleppt. Da ich keine Antwort erhalte, wiederhole ich meine Frage. „Da gleich!" erwidert jetzt das weibliche Wesen, macbt eine bezeichnende Kopsbewegnng und zieht ängstlich ihr Uinschlagetnch über den Kopf. „Da drüben?" „Ja, das große Fenster, das ist seins." „Vi.lcn Tank!" Sie verschwindet in der Finstcrniß und ich tappe ans das große Fenster zn. tss befand sich in einem Gebäude, das etliche Schritte weiter von der Straße entfernt war als die anderen Hänser; mir war, als rage es hoch über diese hinaus, als stände es trotzig da, wie ein gransamer Despot neben seinen Vasallen. In seiner ungeheuren, finsteren Massenha tigkeit, die wohl zum großen Thcil nur ein gigantisches Gebilde meiner snrchtsamen Phantasie war, machte es einen nnhe mlichen, abschreckenden Eindruck auf mich, und mein gepeinigtes, kleinuiüthiges Herz ward so be- lloininen, daß ich am liebsten in Sturm und Regen und Frost und Rächt weiter gewandert wäre. Aber in solcher Nacht zn wandern, das ging doch nicht— nein, das ging nicht! Das wäre ja eine Wanderung in Krankheit und Tod gewesen! Ich war gar zu entkäftetet, gar zn hungrig! Dann doch lieber zum Bürgermeister, als hinaus ans die Landstraße. Und wie hätte ich in dieser egyptischen Finstcrniß den Weg finden können!.... Ist denn kein Wächter in dieser Stadt?... Vielleicht kann ich mich an einen Wächter wenden und um Ra h bitten! Ich gehe ein Stück weiter auf der Straße. Ich lausche. Kein Laut zn hören; nicht einmal ein Hund bellt. Den wüthcndcn Sturmstößen folgt jetzt ein neuer Negcnslroin. Müde bin ich und erschlafft— znin Hinfallen. Für den Regen und die Kälte Hab ich kaum noch ein Empfinden; nur das nnbestimmte Gefühl beherrscht mich, hinziisinken und zn rasten— wärs auch die ewige Rast... Sterben, ja, das wäre das Beste!... Ich passe nicht in die Welt; meine Mutter, die das einst sagte, hatte ganz recht; sie kannte mich schon... Da stand ich nun in schrecklicher Wetternacht inmitten einer christlichen Stadt— ich, einer Mutter Sohn, ein ehrlicher Bursche, ein gedruckter Dichter sogar— und keine Thür that sich ans,»m mir Einlaß zn gewähren; nicht der elendeste Schlupfwinkel war übrig für mich. Wie einen räudigen Hund hatte mich der Pennebos hin- ausgetrieben in diese entsetzlichste aller Hcrbstnächte... wie ein räudiger Hund sollte ich nun umkommen... o Mensch, du elende Bestie!... Aber wer weiß denn in dieser Stadt, daß du hier umkommst? ertönt eine andere Stimme in meiner Seele. Der Pennebos mag eine Bestie sein, aber weshalb gehst Tu nicht zum Bürgermeister, du Hasenherz? Er ist verpflichtet, dir ein Unterkommen zn gewahren— er darf dich nicht jämmerlich zn Grunde gehen lassen, denn du bist doch schließlich anch ein Mensch! Deine erbärmliche Feigheit ist die Ursache deines Unglücks! Hättest du tüchtig ge- fochten, wie andere Knuden es thnn, so säßest Du jept in der warmen Herberge! Sei wenigstens jetzt kein Feigling, sondern geh hinauf! Ich blicke empor nach dem hohen, erleuchteten Fenster. Dort sitzt der Gcwalii.e vielleicht am Schreibtisch bei den Akten und schreibt Strasbesehle. Wie wird er mich empfangen?... Einerlei! Nur Muth und— vorwärts! Wider mein Erwarten war die Pforte nicht verschlossen. Ich gelangte in einen weiten, matt erleuchteten Flur, von dem aus eine brcile, alter- thümliche Treppe emporführte. Im ersten Stock wohnte— eine Porzellantafel verkündete es— der Herr Bürgermeister. Langsam legte ich die Hand an den Klingelzug; sie zitterte heftig und za'te, doch ein beherzter Griff und— drinnen schlug die Glocke an. Bald vernahm ich Schritte; dann erscholl eine kräftige Frauenstimme:„Wer ist da?" „Ein— ein Fremder! Ich möchte gern den Herrn Bürgermeister sprechen." „Der ist nicht da! Was soll er Sie?" Bei dieser Frage ging die Thür ans und eine ältliche, nmfangi eiche, bärbeißig aussehende Dame ward sichtbar. Sie maß mich mit strengen, seind- seligen Blicken, und in ihren Augen lag so viel Kälte, daß mein bischen Mnth ans der Stelle einfror. „Was soll Sie der HerrBergermeester?" wiederholte sie schroff. „Ich komme her, wegen.... weil ich mir keinen anderen Rath mehr wußte... Der Herbergs- Vater sagte, ich solle mich an den Herrn Bürger- mcister wenden," stieß ich stammelnd hervor. Ihr gebieterischer Blick sorderte eine nähere Er- klärnng, und so redete ich weiter:„Ich bin ein reisender Tischlergcscll, und ich wollte in der Her- berge über Nacht bleiben, weil aber mein Geld nicht ans Nachtquartier reichte, hat mich der Herbergs- Vater fortge'agt; er sagte, ich solle mich an die Polizei wenden." Ihre runde Gesichtsschcibe verfinsterte sich noch mehr und kündete einen Wetterzorn an, doch das Wetter brach nicht los; sie schien vor Ueberraschnug keinen Ton hervorzubringen. Wieder nahm ich das Wort:„Draußen ist es schrecklich kalt und es regnet; ich würde umkomme»! Und ich bin so müde, und da wollt ich herzlich bitten..." „Und da sein Se so frech und komme betteln?" platzte sie, mich unterbrechend, los.„Zum Herrn Bürgermeister komme Se, wo alle Leite schlafe?" „Ich will nicht betteln!" rief ich stolz und ge- kränkt.„Ich komme nur melden, daß ich lein Nacht..narti.r habe und daß ich draußen in der schrecklichen Witterung umkommen müßte. M'ir ist gesagt worden, ich solle mich an den Herrn Bürger- mcister wenden!" „Heilloses Bettelgelichtcr!" schimpfte die massive Dame wüthend und schlug die Thür zn. Schnell aber riß sie die Thür wieder ans und schrie:„Wenn er doch da wäre, der Herr Bergermcester, daß er Sie einlochen kennte! Nu gehn Sie aber fip, sonst kommt er noch und derwischt Sie!" „Ach, liebe Fran, lassen Sie mich nicht um- kommen! Haben Sie ein Herz..." Krachend flog die Thür ins Schloß, und ich hörte, wie das erbarmungslose Weib drinnen einer anderen Person im Tone der Entrüstung mittheilte: „A Fagebund, wie a Raibcr sieht er ans, will Nachtquartier haben bei uns! So was Freches giebts nich wieder! Warum schaffen wir»ich'n Hund an!" Da ergriff mich ählings die Verziveiflungswnth, und ich brüllte, meiner Sinne kaum noch mächtig: „Ihr seid selber Hunde— Hunde; herzlose Hnnde, aber keine Rtenschen!... Bestie» seid Ihr, Tiger, Panther, Wölfe, aber keine Menschen!... Pack seid Ihr— verfluchtes Pack, aber keine Ntenschen! ... Als anständiger Mensch komm' ich her, und da tverd' ich beleidigt und soll mit Hunden hinaus- gehetzt werden... O, ihr miserable Lumpen- bände!" Während ich so in heiliger Unvernunft nieinen Gefühlen freien Lauf ließ, entfaltete sich drinnen ein reges Leben. Ich vernahm vielstimmiges Geschrei und Gepolter und Tritte, und dann erschollen dicht an der Thür die Worte:„Ich erschieß ihn!" Im nächsten Augenblick sah ich den Lauf einer Flinte, und dieser Gegenstand besiinfligck mich mit solcher Geschwindigkeit, daß ich kein Wort mehr verlor. Mit einem Sprunge war ich ans der Treppe, und dem Zuruf:„Halt, Bandit!" leistete ich keine Folge, sondern begab mich mit der Kühnheit eines Lnftspringcrs die Stufen hinab. Nie wieder habe ich einen solchen Treppenweg in so kurzer Frist zurückgelegt, und ich wundere mich noch heut, daß die Reise ohne Genicktruch von Statten ging. Unter- wcgs nahm ich mir nickt einmal Zeit, den Schützen, der das Gewehr ans mich angelegt hatte, näher ins Auge zn fassen; ich sah ihn nur flüchiig nnd weiß, daß er ein alter Herr mil kurzem, grauem Bart war. Unten im Hausflur erlangte ich die Sprache wieder, beschränkte mich aber in der Eile ans ein einziges Wort, nnd das lautete:„Mörder!" Darauf ertönte von oben eine Antwort; doch ich achtete nicht darauf, sondern lief hinaus ans die Straße, wo der eiskalte Regen mein erhitztes Blut schnell abkühl e. Der Zorn verdampfte, doch ein hoher Muth erfüllte mich. Mein Weg führte nach der Herberge. Wohin sollte ich mich sonst wenden? Jetzt war ich besser bei Stimmung als vorher— jetzt fühlte ich mich herzhaft genug, mit dem Pennebos ein kräftiges Wort z» reden. Ich, der es fertig gebracht hatte, den Bürgermeisterslenten zu sagen, daß sie Hnnde und Bestien seien, glaubte mit einem lumpigen Her- bergsvater bestimmt fertig zu werden. Ich wollte mir Quartier ertrotzen.... Bteine Furcht, die Herberge könnte inzwischen geschlossen worden sein, bestätigte sich nicht. Ich trat in die Stube.„Guten Abend!" Der Gruß blieb unerwidert. Noch lehnte der Pennebos am Schankiisch, nnd ncch saß der Kunde beim Schnapsglase. Beide blickten mich forschend an. „Ich war beim Bürgermeister," begann ich „Zum Abendbrot?" fragte höhni ch der Pennebos. „?ta, wissen Sic, an das Abendbrot wird er denken!" sprach ich voll Erregung weiter nnd be- richtete alsdann kurz über mein Abenteuer, wobei ich den beiven Zuhörern eine hohe Meinung von meiner Kühnheit einzuflößen suchte.„Ersckießen ließ ich mich nicht," schloß ich,„dazu ist mir mein Leben zn lieb. Aber daß er ein Mörder ist, Hab ich ihm zngeschrien." „Da mache» Sie nur schleunigst, daß Sie fort- kommen, sonst krieg ich wegen Ihnen noch die Polende ans den Hals!" rief der Pennebos. Ans eine solche Wirkung meines Berichtes war ich nicht vorbereitet. Doch der Fehler, den ich be- gangen hatte, ließ sich nicht verbessern. Jetzt kam es darauf an, den Maiiii von seiner Furcht vor der Polizei zu befreien. „Der Bürgermeister wird sich hüten, die Polende herzuschicken!" sprach ich.„Der hat vollständig genug von mir!" „Gehn Sie, gehn Sie! Ich nehme nur Leute ans, die bezahlen können!" unterbrach mich der Iln- mensch. Das kaum abgekühlte Blut begann an's Nene zn sieden. Ich mnßte nur Gewalt anthnn, um meine Fassung zu bewahren. „Ich sagte Ihnen, daß Sie morgen Ihr Geld bekommen!" entgegnete ich schroff.„Ein taftcr Kunde, der den Berliner voll nagelneuer Sachen hat, wird doch wohl den Schluinmerlics eine Stunde länger schuldig bleiben können. Ich bin doch schon viel in der Welt herunigetippelt, aber so was ist mir noch nicht passirt." „Gehn solln Sie!" schrie er und kam mit er- hobener Faust auf mich zn.„Alle Rippen brech ich Ihnen, wenn Sie nicht machen, daß Sic hinaus- kommen!" Ich wich zurück, von der Thür ans erklärte ich jedoch feierlich, daß ich in aller Welt verkünden wolle, was ich in dieser Penne erlebt habe.„Sie sollen Ihren Fusel allein saufe»! Adjc!"... Stürmisch erregten Gemiithes rannte ich fort in die Sturninacht. Noch keine zwanzig Schritte war ich von dem Hause des Scheusals entfernt, da erscholl hinter mir ein Ruf. Ich wandte mich um und horchte. Ein Mensch trat ans mich zn. „Wenn Du mir den Zwirn morgen bestimmt wieder gie st, will ich für Dich berappen." Ich erkannte in dem Sprecher den Knuden aus der Herberge. Beinahe wäre ich i'm vor Freude nnd Dankbarkeit um den Hals gefallen. „Ich verpfände Dir meinen Berlincr!" sprach ich. „Den will ich nicht, aber den Zwirn will ich wieder haben. Ganz bestimmt aber!" „Ganz bestiinit! Ach, weißt Du, in dem Wetter..." „Aber es muä ganz bestimmt sein!" wiederholte er nochmals, als wir in das Haus traten. „Ich halte Wort!" Noch glaubte ich nicht fest an die Rettung, sondein vermnihete, der Pennebos werde mich aber- mals hiuansweiscn, aber er redete z» meiner Per- 34k -Die Hcuc Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Iviliiderung kein Wort mit mir. Ich sehte mich iiebeo meinen Retter und oersicherte ihm cmf sein fortwährendes Frtige», ob ich auch wirklich ein ehrlicher Kerl wäre, wohl noch dreißig bis fünfzig Mas, daß ich ein ehrlicher Kunde sei. „Es gicbt zu viele Schnbiake!" sagte er zum Penncbos. „Ra und ob!" sagte dieser und lächelte so niederträchtig boshaft, als sei er felsenfest überzeugt, daß ich meiner Verpflichtung nicht uachkomnien würde. (Forl>e!>ung solgl.) Wanderungen durch �eit und Raum. Von Tlz. Overberki. X. Vagabunden dcS Weltalls. ��Im�Tährenb langer Zeiten, etwa bis in die z!veite Hälfte unseres Jahrhunderts hinein, ward in wissenschaftlichen Kreisen dnrchivcg als feststehende Tha fache betrachtet, daß da? Wellall, wen» auch die einzelnen Systeme und Körper im Laufe der Zeiten langsamen Veränderungen unter- worfen seien, dennrch im Großen und Ganzen stabil (feststehend, unerschütterlich) sei und daß geivalt ame Katastrophen, z. B. Kol.isionen oder Znsammenstöße zweier Weltkörper, völlig unmöglich wären. In erster Linie stützte sich diese Anschanung ans die augenblickliche Stabüüät unseres Souncnststems, dessen Glieder in dera tigen Bahnen sich bewegen, daß Kollisionen völlig ausgeschlossen erscheinen. Man vergaß jedoch hierbei, daß selbstverständlich alle diejenigen Elemente bezw. Weltkörper, welche gefahrdrohende Bahnen ursprünglich rerfolgten, sich selbst durch Kollision und darauf folgende Vereinigung mit dem Gegner oder auch durch Vcrstäubuilg in alle Winde, bald vernichten und ausmerzen mußten, so daß schließlich nur eine Zahl harmloser Genossen übrig blieb. Man kann diesen einfachen Vorgang völlig richtig einen Kampf ums Dasein im Weltenraniue nennen. Die jetzige Stabilität unseres Sonnensystems ist daher nicht etwa ein Wunder, das Werk eines all- weisen Schöpfers, sondern lediglich die selbstverstand- liche Folge höchst einfacher Verhältnisse. Die Teleologie(Zweckmäßigkcitslehre, Welt- anschanung, nach der Alles von vornherein vorbedacht und ziveckmäßig eingerichtet sein soll) ist demnach auch hier wie allerorten in einer ganz geivaltigeu Selbsttänschnng befangen; lediglich die absolute Kennt- »ißlosigkeit ihrer Anhänger erklärt derartige Fehl- schlüsse. Unterstützt ward diese irrige Anschauung durch die praitische Beobachtung, welche Katastrophen in dieser oder jener Weise nicht zu entdecke» vermochte. Aber auch das bisher negatioe Resultat der direkten Beobachtung ist völlig bedeutungslos wegen der Kürze der Beobachtnngsdaner, denn knapp zweihundert Jahre Observation kann mau als zuverlässig bctrachle», und was besagt eine solche winzige Zeit- spanne gegen das Alter der Weltkörper!— An Spuren ehemaliger Katastrophen fehlt es doch schon in unserem Planetensystem nicht, wie wir im vorigen Artikel gesehen haben. Besonders lehrreich ist die abnorme Rotation des Uranus, ivelche nur durch einen tangentialen, ge- wältigen Stoß auf die Polarregion dieses Welt- körpers erklärlich ist, welcher eine derartige Wendung des Balles erzwang, daß die llranuspole bis über die Lage der ehemaligen Aegnatorebene hinaus ver- legt wurden. In grauer Vorzeit muß diese llranuskatastrophe stattgefunden haben, zu einer Zeit, als die Monde noch nicht e,istirte» und der Weltkörper im Wesent- lichen noch einen glühenden Gasball darstellte. Ob nun ein sich mit dem Uranus vereinigender Gasball, mit Kollision erzeugender, gefahrdrohender Bahnlage, oder ein Niesenmeteor die Ursache der Aenderung des ursprünglichen Znstandes war, entzieht sich natürlich jeder Beurtheilung. Zwei Gattmigen von Stoffanhäusnngen gicbt es nun, welche bis ans einzelne i! rer vcn der Sonne eingefangene Mitglieder im Gegensatz zu den stabilen Wellkörpern scheinbar regellos das All durchsti eisen als richtige Vagainn en, die Kometen und die Me- teore, letztere je nach ihrer scheii. baren Größe Feuer- kugeln oder Bolide und Sternschnuppen genannt. Kometen, jene meistens unerwartet ans dem Dunkel des Alls anftaucheiideii ncbelartigcn Gebilde. die größeren meistens mit einem einfachen oder auch mehrfachen Schweif versehen, sind schon seit den ältesten Zeiten beobachlct worden. Die ältesten Beobachtungen von Kometen verdanken wir den Chinesen, die eine sorgfältig auf- gestellte Liste besitzen, ivelche Eduard Biot aus der Sammlung von Ma-t»an liu bekannt machte. Dieselbe umfaßt in zwei Abschnitten die Stellung aller Kometen von dem Jahre 61 n vor unserer Zeitrechnung bis zum Jahre 1644 nach derselben. Doch auch die klassischen Völker der Mittelnteer- länder hinterließen Berichte über erschienene große Kometen. Schon die Ehaldäer lehrten, daß die Kometen ans großer Ferne auf langer, geregelter Bahn peiiodijch aufstiegen; Ztenokrates und Theo», der Ale andriuer, nannten sie wandernde Lichtwolken, Aristoteles brachte sie in eine sondcibare Vetbindnng mit der Milchstraße, welche nach seiner Ansicht eine sich selbst entzündende, leuchtende Masse ausschied, ans ivelchcr Kometen entstanden, und er betrachtete die Milchstraße als einen großen Kometen, welcher sich immer von Neuem erzeugte. Die meisten Kometen erfülle» ganz riesenhafte Räume und sind hinsichtlich ihres Rauminhalts die gewaltigsten Körper unseres Sonnensystems zu nenne». Wenn in dieser Hinsicht auch bei älteren Be- richten mancherlei Uebertreibnngcn mit uiiterlanfeu mögen, so fehlt es doch auch aus neuerer Zeil nicht an Belegen für ihre mehrfach fast unglaubliche Größe. Der Schweif des Kometen von!tt6i erreichte z. B. eine Länge von 40 Millionen, der des Donati- sch.m Kometen von 1858 eine von 80 Millionen, und der des Kometen von 1843 entwickelte sich am 20. März sogar bis zu 300 Millionen Kilometern. Auch ihre Lichtstärke ist oft erstaunlich. Ntögen mich kie Schilderungen einiger älteren Schriftsteller, nach denen Kometen nicht nur den Glanz de; Mondes, sondern sogar das Licht der Sonne verdnukelt haben sollen, sich deutlich als Uebertreibungen keuuzeichuen, so bleibt aber trotzdem noch die immense Lichtstärke mancher zu bewundern. Sind doch in unserem Jahrhundert schon zwei Kometen erschienen, welche am hellen Tage dicht »eben der Sonne mit freiem Auge zu sehen waren, es sind dieses der bereits erwähnte von 1843 und der Komet von 1882. Nicht alle Kometen zeigen den imposanten Schweif. Den kleineren, nur im Teleskope sichtbaren, fehlt er meistens ganz; diese bestehen fast ausnahmslos nur aus dem helleren Kern(Nu.leus), welcher jedoch auch zuweilen fehlt, und dem diesen umhüllenden kugelförmigen Dunstmantel«Koma). Die größeren mit nnbeivassnetem Auge sichtbaren dagegen sind stets mit Schweif versehen. M'it größerer Annäherung au die Sonne erzengt die geivaltige Sonnenstrahlung in den Kometen kernen die stürmischsten Umwandlungen, welche das Bild der Kerne oft schon in ivenigen Stunden vollständig verändern. Allem Anscheine nach spielen elektrische, durch die nahe Sonne ausgelöste, gigantische Kraftentwickelungeu bei diesen wilden Konvulsionen und der Schweif- bildimg eine erhebliche Rolle. Das Spektroskop wies Kohlenwasserstoffe, also die Grundlage der Fette und Oele, in den Kometen- kernen nach, dann aber auch metallische Dämpfe, in erster Linie das Natrium. Die Bahnen der Kometen nin die Sonne weichen nilll ganz erheblich von den Bahnen der Planeten ab. Während letztere nahezu kreisförmig sind, be- ivcgen sich die Kometen zum Theil in Niesenettipsen, manche vermnthlich sogar in parabolische» Bahnen. In letzterem Falle, bei parabolischer Bahn, wird der Komet vermnthlich nie wieder zur Sonne zurück- kehren, sondern in andere Iststernsysteme hinüber- schweifen, bei elliptischer Bahn dagegen nach bestimm- teu Zeiten wiederkehren. Natürlich hat bei der Schtvien Jeit der Bcob- achtmig we'tgcstrcckter, anscheinend parabolischer Konietcubahneu nicht mit Sicherheit ermittelt werden können, ob die Bahn thatsächlich eine Parabel bildet, oder ob der Kernet nicht doch nur eine unendlich weit gezogene Ellipse durcheilt. Ans verschiedenen Gründen ist jedoch als wahrscheinlich zu betrachten, daß es wirklich unter den Kometen umherschweifende Epeinplare giebt, welche den Weltenraum durchirren und abwechselnd in den Bereich verschiedener Fix- steine gelangen, hierbei schließlich ihre Selbstständig- keil einb ßend, vielleicht gar der Vernichtung durch Vereinigung mit anderen Weltkörpern verfallend. Einige vollenden ihren Umlanf in wenigen Jahren, z. B. der nach dem Astronomen Enkc benannte, welcher in 3�n> Jahre» zur Sonne zurückkehrt und nur etwa bis zur O. fachen Marswcite von der Sonne sich entfernt, andere dagegen tauchen auf schwindelnde Fernen in das Dunkel des Alls. So vollendet nach Enkes Berechnung der schöne Komet von 1680 seinen Umlauf um die Sonne in 8«>n> Jahren, nähert sich zur Sonnennähe der Sonnenoberfläche bis ans 232 000 Kilometer(etwa 30000 Meilen, steht also der Sonne noch erheblich näher als der Blond der Erde) und entfernt sich alsdann innerhalb 4400 Jahren bis auf> 26 8>»0 Millionen Kilometer, also bis auf die 28fache Ent- feruung des Neptun. In dieser Sonnenferne strahlt die Sonne ihm nur noch wie ein Heller Firstern, etwa wie der Sirius, eine Erwärmung und Beleuchtung ist also kaum noch wahrnehmbar, zur Zeit der Sonnennähe dagegen erhält er das 25 80« stäche dcs L chtcs, der Wärme und der chemischen Kraft, welches««ufere Erde e«iipfäilgt. Es herrscht also dann ans ihm ci««e Hi.e, Ivelche den Schinelzpnnck unserer schivcr- flüssigsten Metalle mehrere tausendmal übersteigt. Im Perihel(Souneiinähe) durcheilt er in einer Sekunde 530 Kilometer,«vürde also in 40 Sekunden den Erdagnator umkreiseii, während er im Aphele (Souneiiferne) niir»och mit einer Gcschwindig'.eit von 4 Metern in der Sekunde dahinschleicht. So gewaltig nun die räumliche Ansdehnnng dieser wunderbareii Gebilde zur Zeit der Sonne««- nähe, so gering ist ihre Masse, welche, selbst bei den größte««, gegen die Blaffe der Erde gerechnet, nahezu verschwindet. Ii» AUge«neinen würde also eine Begegniliig, ein Zusammenstoß mit einem Kometen für die Erde, als Gesaninitheit aufgefaßt, ziemlich harmloser Natur sein, wenigstens, was den Schweif anla«igt,«nid ist thatsächlich unsere Erde in diesem Jahrhundert z>vei- mal durch Kometenschweife hindurch gegaugeu. Ein Zusammentreffen mit dem Kerne, dem cigc«it- lichen Körper der Kometen dagegen würde, ive«in auch gefahrlos für die Erde als solche, doch für die direkt betroffenen Theile ihrer Cbersläche durchaus nicht harmlos sich erweisen, sonder» durch das Herabstürzen großer Bleiigeu von Bleteorsteincn und Meteoreisen äußerst gefährlich für die Lebewelt der in Milleidenschast gezogenen Gebiete werden. Der berühmte Italiener Schiaparelli«vics nämlich nach, daß Kometen und Meteoriten gleicher Natur und die Komctenkerne lediglich Schwärme zahlloser Meteore sind, also das Weltall durcheilende Heere von Stein- und Eisenbrocke» darstellen. Bei den gewaltigen Konvulsümen, welche in den Konietenkernen in der Sonnennähe durch die Sonnen- ivirknng hervorgerufen werden, trennen sich stets zahllose solcher Brocken von dem Hanptschivarn«, zerfiel ja sogar der Bielasche Komet linter de» Augen der Astronomen in den Jahren>845 und 1646 in zwei nahezu gleiche Theile und verschwand dann in« Jahre 1852 völlig, ebenso trennte sich in ähnlicher Weise von dem Kometen Eoggia im Juni 1874 ein großer Theil des Schtveifes ab. Durch diese ZerstrenniigZvorgänge füllt sich die ganze Bahn eines Kometen nach und nach mit Trümmern, bildet also schließlich eine die Sonne niiispannende EUip'e, zusammengesetzt aus zahllosen dahinschicßenden Meteoren. ü 350 3>ie Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Kreuzen i»ui Planeten, z. B. unsere Erde, eine solche Koinetenbahn, so werden zahllose Äteteore er- scheinen und ans die Erde niederfallen und zwar, da eine solche Kreuzung der Koinetenbahn zu gewissen Zeiten sich wiederholt, an ganz bestimmten Tagen bezw. in gewissen Jahren. Auf diese Weise erklärt sich die Regelmäßigkeit des Wiedcrerscheinens großer Aiengen von Rtcteoren, der sogenannten Sternschnuppcnschwärnie. Die Perioden, welche sich vorzugsiveise durch massenhaftes Auftreten von Meteoren auszeichnen, sind nun folgende: 1. bis Z. Januar, 19. bis 23. April, 26. bis 29. Juli, 9. bis 13. August (Thränen des heiligen Laurentius nach der Legende), 19. bis 25. Oktober, 13. bis 14. November, 27. bis 29. November und 6. bis 13. Dezember. Da nun einige dieser Sternschnnppenschivärme ganz prächtige und überraschende Erscheinungen boten, war zu vermuthen, daß auch die Geschichte darüber berichten würde. Angestellte Nachforschungen ergaben nun ganz überraschende Resultate. Der Aprilschwarm, heute nicht mehr bedeutend, war in früheren Zeiten eine glanzvolle Erscheinung, und kann man sein Erscheinen in alten Geschichts- quellen zurücfvcrfolgeii bis zum Jahre 687 v. Ehr.; über den Laurentiusstrom finden sich Berichte bis zum Jahre 830 n. Chr. Seit etwa hundert Jahren entfaltet nun der Schwärm vom 13./1 4. November von allen Schwär- inen die größte Pracht und zeigt er ziemlich deutlich alle 33 Jahre ein Marimum. Hervorragend schön zeigte er sich am 12. No- vember 1766 und 1799, 12./1 3. November 1823 und 1832, dann am 14. November 1866. Die zahllosen fallenden Sternschnnppcn gewährten oft den Anblick eines brillanten Fenerlvcrks, denn mehrfach fielen die Feuerkugeln und Meteore stundenlang, scheinbar so dicht wie Schneeflocken. Am 15. November 1899 gegen Morgen ist der- selbe ivieder zu erwarten, und es bietet sich dann die Gelegenheit, das Phänomen gründlich zu studiren. Es ist nun gelungen, für einige dieser M'eteor- schwärme die diese erzeugenden Kometen festzustellen. Der Aprilschwarm ist zurückzuführen aus den ersten Kometen von 1861(415 Jahre llmlanfszcit), der Laurentiusstrom(August) auf den dritten Ko- mcten des Jahres 18>2(Unilaufszeit 121 Jahre), der Strom vom 13. bis 15. November auf den ersten Kometen von 1866(Umlaufszeit 33 Jähret und der Strom vom 27. bis 29. November auf den Bielaschen Kometen, welcher, wie schon erwähnt, im Jahre 1852 sich völlig auflöste und jevt nur noch ans einer etwa 150 Millioiieii Kilometer über die Jupiterbahn hinausreichenden, aus zahllosen Ntcteoren gebildeten Ellipse besteht. Aber was sind denn nun die Kometen und Meteore ihrer eigentlichen Natur nach? Die Kometen sind, wie bereits erwähnt. Schwärme, Anhäufungen zahlloser Meteore. Die Meteore, Feuerkugeln und Sternschnuppen aber sind größere oder kleinere Brocken, deren Ma- terial Stein oder auch Metall, meistens nickelhnltiges Eisen ist. Dieselben sind identisch niit den Aero- lithen oder Meteorsteinen, welche schon unzählige Btale aus dem Weltenraume auf die Erde herab- fielen. Außer den Anhäufungen der Meteore, den Ko- niete», wird der ganze freie Weltenranm durchfurcht von unzählbaren isolirten Meteoren der versch eden- sten Größe, vom kleinsten Ständchen bis zur Blasse von>0 000 Fuß Durchmesser; mehrfach sind schon Feuerkugeln von derartigen Dimensionen gemessen worden. Ganz selbstverständlich ist, daß noch iveit größere solcher unheimlichen Gesellen das All durchirren, auch schon auf die Erde herabgefallen sein mögen, aber weil sie in unbewohnten Gegenden oder über dein Meere niedergingen, nicht gesehen wurden, oder auch schon zu einer Zeit fielen, aus der keine llebcrliefer- ungen zu uns gekommen. Mir ist ein Fall bekannt, daß initten in der Sndsee in den Tropen die Schiffswache und der wachhabende Offizier eines Segelschiffes des Nachts gegen Morgen eine gewaltige schwarze Masse nieilenhoch über den Häuptern dahinziehen sahen, welche lautlos in der Ferne rerschivand. Die noch lebenden Angcnzeiigen verglichen die scheinbare Größe des Blcteors mit der des Felsens von Helgoland, letzterer aus zivei Seemeilen Ent- fernung gesehen. Da die Masse nicht glühte, sondern nur von einer Wolke begleitet war, ist anzunehmen, daß sie sich noch außerhalb des Bereichs der Erdatmosphäre befand, welche, Ivie die in 80 Kilometer Höhe mehr- fach beobachteten leuchtenden Wolken und Meteore in 135 Kilometer Höhe beweisen, sich etwa bis 150 Kilometer Höhe erstrecken dürfte. Nimmt man diese Höhe als die des gesehenen Meteors an, so würde dasselbe einen Durchmesser von ungefähr 5 deutschen Meilen(also etwa 40 Kilometer) besessen haben, also ganz erheblich größer als der kleinste der Planetoiden, die Russia(20 Kilo- meter Durchmesser), gewesen sein.— Natürlich sind dieses nur äußerst rohe Schätzungen, denn möglichen- falls befand sich das Meteor noch höher als>50 Kilo- meter. Natürlich ist dieses Meteor nicht auf die Erde gefallen, sondern an derselben vorübergegangen. Aehnliche Dimensionen wie das erwähnte muß auch ivohl dasjenige besessen haben, über welches die Annale» der Abtei Fulda berichten. Die Trümmer dieses Bieteors tödteten im Jahre 823 in Sachsen viele Menschen und sehr viel Bich und setzten 35 Dörfer in Brand. Vielfach wird von ähnlichen Meteorfällen be- richtet, ivelche zum Thcil gewaltige Massen zur Erde sandten, von denen hier nur einige erwähnt tvcrden mögen. Im Jahre 1511 am 4. September ward bei einem gewaltigen Steinregen ein Frater zu Crema von einem Meteorstein erschlagen, ebenso kamen im Jahre 1650 ein Btönch in Mailand und im Jahre 1674 zwei schivedische Matrosen auf einem Schiffe auf gleiche Weise ums Leben. Da die Aerolithe» durchweg bei dem Eindringen in unsere Erdatmosphäre zerspringen, so sind die herabfallenden Brocken meistens nur klein oder von mittlerer Größe, aber dennoch sind einige bedeutendere Masse» bekannt. Der im 10. Jahrhundert in den Fluß bei Narni bei Spoleto gefallene ungeheure Acrolith ragte, wie ein von Pertz anfgcfnndenes Dokument bezeugt, eine volle Elle aus dem Wasser hervor.* Jetzt ist er verschwunden, wahrscheinlich von dem Strom unterwühlt in den Schlamm gesunken. Nach einer mongolischen Bolkssage soll nahe bei den Ouellen des Gelben Flusses im westlichen Ehma in einer Ebene ein 40 Fuß hohes schwarzes Fels- stück vom Himmel gefallen sein.** Am 7. November 1492 fiel bei Ensisheim im Elsaß eine große Eisenmasse vom Himmel, welche 276 Pfund wog und dem Wiener Museum über- geben tvard. Pallas fand im Jahre 1794 in Sibirien eine Meteoreisenmasse, ivelche 1270 Pfund wog. Zahllos sind die in neuerer Zeit beobachteten Aerolithcnfälle, namentlich die kleineren Brocken, von denen wir nur den großen Steinregen bei TAigle im Departement de l'Orne(26. April 1803) er- wähnen wollen, bei dem zahllose heiße, aber nicht mehr glühende Steine, darunter einer von 17'/2 Pfund über eine Fläche von 1\a Meilen Länge und'/r Meile Breite ausgestreut wurden. Ans neuester Zeit ist noch das Meteor in frischer Erinnerung, welches vor etwa zivei Jahren unter be- täubendem Donner und erdbebcnartiger Erschütterung des Erdbodens über Madrid zersprang und Hänser zum Einsturz brachte, wobei eine große Anzahl von Personen verletzt und auch getödlet wurde, sowie die 792 Kilogramm schwere Stein- und Mctallmasse, welche weißglühend am 14. April 1896 beiEaen nieder- ging und sich jetzt im Museum zu Eaen befindet. Die Geschwindigkeit, mit welcher diese Massen den Weltraum durcheilen, ist eine enorme, es wurden schon Geschwindigkeiten von 235 000 Fuß in der Sekunde gemessen. * Humboldts„Kosmos", Bd. 1, oaz. 124. ** Humboldts„Kosmos", Bd. t, pog 397. Unsere Erde bewegt sich in ihrer Bahn aber nur mit einer Geschwindigkeit von etwa 94 000 Fuß, die Meteore übertreffen sie also in dieser Hinsicht ganz bedeutend. In dieser rasenden Geschwindigkeit liegt nun aber der Hanplschntz der Erdoberfläche gegen diese Ein- dringlinge. Tie etwa 150 Kilometer tiefe Lufthülle der Erde bildet nämlich gegen diese Geschosse des Weltalls einen schü. enden Panzer. Das eindringende Nieteor preßt die Luft so ge- waltig vor sich zusammen, daß letztere schließlich undurchdringlich für dasselbe wird. Die Bewegung wird also gewaltsam gehemmt, die dadurch sotvie durch die Reibung erzeugte Wärme bringt dann regelmäßig das Nietcor znin Glühen und zum Zerplatzen, die kleineren Sternschnuppen zerstäuben meistens völlig und fallen als Nteteorstaub langsam zu Boden, die Reste der größeren aber er- scheinen als Aerolithen oder Meteorsteine, langen an der Erdoberfläche aber nicht niit ihrer nrsprüng- lichen Geschwindigkeit, sondern mit der Fallgeschwin- digkeit, entsprechend dem Orte des Zcrspringens an. Da nun zu normalen Zeiten, also außer der Zeit der großen Meteorströme nach reher Schätzung 7—10 Millionen SNeteore täglich in den Lnftkreis der Erde eindringen, so tritt die Bedeutung des Lnftpanzers, welcher die meisten dieser Eindringlinge abweist, in Helles Licht. Aber dieser Luftpanzer würde uns nicht schützen, wenn die Bewegung der Bteteore eine erheblich lang- samere wäre, denn bei langsamer Bewegung würde das Erglühen und Zerspringen dieser Sendboten des Weltenraumes nicht eintreten, sondern sie würden sämmtlich ungestört auf der Erdoberfläche anlangen. Während jetzt Unglücksfälle, hervorgerufen durch Meteore, zu den größten Seltenheiten gehören, würden dann die fortwährend locker auf die Erde niedersausenden Steingeschosse täglich die größten Verheerungen anrichten und das Leben eines Jeden ständig bedrohen. Je größer und schwerer das Meteor, desto ge- ringer ist natürlich der Schutz des Luftpanzers, der bei meilengroßen Boliden, ivelche zum Glück äußerst selten sind, ganz versagen würde. Aber woher stammt diese rasende Geschwindig- keit der Meteore, gegen welche die Bewegung der Weltkörper im Weltenraume sogar zurücktritt? Offenbar haben wir es hier ursprünglich nicht mit einer Rotationsbeivegung zu thun, sondern mit fallenden Körpern, die als Trümmer zerstörter oder zerfallender Welten ans endlosen Fernen, der Gravi- tation gehorchend, nach der Sonne fallen, und erklärt sich hierdurch ihr rasender Flug. Da aber die anziehende Sonne kein ruhender Körper ist, sondern dieselbe ihren Platz im Welten- räume schnell verändert, so ändert sich auch fort- dauernd die Anziehungsrichtnng. Das Resultat wird schließlich sein, daß die fallcpden Körper meistens nicht direct in die Sonne stürzen, sondern das Ziel etwas verfehlen und dann durch die Sonne die Fallbeivegnng sich in eine Ellipse verwandelt. Die ursprünglich fallenden Massen erscheinen dann als kreisende Kometen. Kanin kann es noch einem Zweifel unterliegen, daß wir in den Meteoren und deren Anhänfnngen, den Kometen, thatsächlich Bruchstücke und Trümmer von Weltkörpern vor uns haben, ivelche vor Aeonen, gleich unserer heutigen Erde als gewaltige Bälle den Weltranm durchfurchten und dann nach Voll- enduiig ihres Entivickelnngsganges zerfielen. Eine Unterstichnng dieser Trümmer ist daher von höchstem wissenschaftlichen Interesse. Die meisten Bteteore bestehen aus Eisen mit einem geringen Nickclgehalt, ivas darin seine Er- klärnng sindet. daß nahezu sämmtliche Weltlörpcr, ivie ihr Geivicht beweist, im Wesentlichen aus schiveren Metallen, die Kerne der Welten vorwiegend ans Eisen bestehen. Diese Eisenmeteore sind nun die weniger intcr- effanten und ihr wissenschaftlicher Werth steht weit hinter denjenigen der sogenannten Chondritc zurück, welche im Wesentlichen aus Gcsteinew bestehen, also Di den Oberflächeiitheile» der zerfallenen Welten cnt- staiiimen. In diesen fand man iin» die verschiedensten Stoffe, sogar schon ivinzigc Diamanten und 5tohlc, also die Bcdingnngen einer Lcbcwelt, möglichenfalls direkte Neste einer solchen. Ein Naturforscher, l>r. Otto Hahn, untersuchte eine große Anzahl solcher Chondrite und fand unter diese» 18 Meteorsteine, welche anscheinend fast ganz ans versteinerten Organismen bestanden, zum Theil Pflanzcngcbilden, Algen und Farnen ähnelten, deren eines nach dem deutschen Kaiser ünuiiu Guilielmi benannt ward.* Außer diesen Pflanzengebilden fand Hahn auch korallenartige Bildungen u. A. in einem am 9. Juni 1866 zu Knyahiuga in Ungarn gefallenen, 27 Pfund schweren Meteorsteine ein Gebilde, welches die größte Achnlichkeit niit einer in den ältesten Schichten unserer Erdrinde sich fiudendeil Koralle(Favosites) ansiveist. Wir hätten also in diesen Meteoreinschlüssen den direkten Beweis der Existenz einer Lebeivelt auf anderen Wcltkörpcrn in Händen. Leider sind diese Entdeckungen Hahns aber noch nicht ganz spruchreif, die Gebilde sind allerdings thatsächlich vorhanden, aber hinsichtlich der Deutung derselben herrschen in Fachkreisen noch ganz ver- schicdene Meinungen, indem viele die organische Natur der Gebilde anzweifeln und darin Krystallisationen anorganischer Natur zu erblicken glauben. Der Streit ist noch nicht endgültig entschieden, wenn auch Hahns Gegner dieses behaupten; ein jeder Unparteiische wird die frappante Achnlichkeit der Gebilde mit Organispien nicht bestreiten. Sollte der Entdecker schließlich Recht behalten, so iväre seine Entdeckung unzweifelhaft eine wissen- schafiliche Errungenschaft allerersten Ranges und die besprochenen Lagabunden des Alls hätten eine neue Bedeutung gewonnen. In öfr Maktion tiner Arbtiterzeilung. Skizze von R. Tesselaar. (Schluß.)- fi:i vornehm gekleideter, wohlgenährter Herr hatte geioartet, bis sämmtliche Rathsuchende abgefertigt waren. Den linken Ellenbogen ans die Stuhllehne, den Kopf in die linke Hand gestützt, hatte er die ganze Zeit dagesessen und gedankenvoll vor sich hingeschaut. Ein angenehmer Geruch nach Kleidcrparfüm verbreitete sich im Zimmer, als er letzteres jetzt betrat. Er mochte ungefähr fünfzig Jahre alt sein. Seine Kleidung, die goldene Brille, die schivere goldene Uhrkette, der Diamant- ring am kleinen Finger der linken Hand, wie über- hanpt sei» ganzes Aeußere ließen auf Wohlhabenheit schließe». Sein von einem wohlgepflegten Barte und den, glattgekämmten Kopfhaar umrahmtes Gesicht machte einen angenehmen, liebenswürdigen Eindruck. „Sie gestatten," sagte er mit einer leichten Per- bengung, ließ sich gelassen auf den bereitstehenden Stuhl nieder und zog ein kleines Bündel Schrift- stücke ans seiner Brusttasche. „Btein Name ist Helmer," begann er dann im ruhigen Tone,„bin Privatier und wohne in der L.-Straße. Ich will Ihnen einen Fall erzählen, der für Ihre Zeitung von Interesse sein dürfte. Ich gehöre nicht zu Ihrer Partei, wenigstens bis jetzt nicht. Doch das thut ja nichts zur Sache! Ich habe, ach nein, ich hatte einen Sohn. Er starb vor einigen Tagen— beim Militär. Er war unser einziges Kind und, was Sie sich wohl denken können, meine Fr»de, mein Stolz, meine Hoffnung. Ich ließ ihn Kaufmann lernen, und er war sehr fleißig und brav. Er war wirklich ein lieber Junge, vielleicht etwas verzärtelt, aber gut erzogen. Er liebte keine laute Gesellschaft, spielte Bioline und Zither und widmete sich im Uebrigen ganz seinem Berufe. * Pergl.„Die Metcorile und ihre Organismen" von 1>r. Ollo Hahn. • Neue N)clt. Illustrirte Unterhaltungsbei Vorigen Herbst kam er zum Militär nach B. Er ging nicht gern, aber er gab sich alle Blühe, um seine Pflichten zu erfüllen. Jedoch das Leben in der Lläserne, der rohe Ton vieler seiner Bor- gesetzten und die Kränknngen, die man ihm zufügte, machten ihn bald melancholisch. Er wurde schweig- sam und forderte damit den Aerger der Unteroffiziere heraus. Oft klagte er mir über schlechte Behand- lung, ich suchte ihn zu trösten und zu ermnthigeu, und er versprach mir auch, daß er ruhig aushalten werde.„Die Zeit geht vorüber," nieinte er. Jedoch die Klagen wiederholten sich in allen seinen Briefen, hier sind sie alle, Sie können dieselben nachher lesen. Bor vierzehn Tagen erhielt ich seinen letzten Brief. Er sagt Alles, ich will denselben vorlesen: Meine lieben, guten Eltern! Verzeiht mir, was ich Euch heute berichte. Ich kann es nicht langer ertragen, ich kann nicht, ach, ich kann nicht! Ihr wisset, ich liebe Euch so sehr und Ihr liebet ja auch mich, aber ich kann es nun nicht länger über mich ergchen lassen. Ich habe Euch noch nie Alles erzählt, ivie es mir oft erging, auch nicht, daß ich sogar schon geschlagen ivnrde. Ich ivollte Euch, liebe, gute Eltern, stets den Kummer ersparen. Aber es geht jetzt nicht mehr anders, verzeiht mir, ach, verzei t mir. Liebe, herzensgute Eltern! Gestern hatten wir Exerzire». Es regnete tüchtig, und ich war durchnäßt bis auf die Haut. Schon auf dem E.erzirplatz fühlte ich mich umvohl, fror und hatte keine Aufmerksamkeit. Ich hatte ein paar Fehler gemacht und mußte deshalb eine Stunde nache�erziren. Da mußte ich nun so lange ans einem Beine stehen und das andere vorstrecken, bis ich umfiel. Dann packte mich der Unter- offizier jedesmal an der Nase und schüttelte meinen Kopf hin und her.„Sic Kopfhänger," sagte er, „ich will Sie munter bringen!" Aber das ist noch nicht Alles! Heute hatten wir Felddienstübung. Mir war heute morgen so unwohl, mich fror wieder so und ich hatte einen so heißen Kopf, daß ich wirklich glaubte, ich sei ernsthaft krank. Ich meldete mich beim Hauptmann. Aber da kam ich schön an! Ich sei ein„Drückeberger" sagte dieser, beim Marschiren würde ich schon munter und warm werden. Als wir im freien Felde waren, regnete es wieder so sehr, und wir mußten uns da noch in einen nasse» Graben legen. Ach, liebe Eltern, ich konnte fast nicht mehr, ich war zum Zusammen- brechen. Da habe ich nun zu meinen Kameraden eine unwillige Bemerkung gemacht. Das hat ein Unteroffizier gehört, der es dem Hauptmann meldete. Nun soll ich dafür acht Tage in Arrest! Gute Eltern, ich kann nichts dafür, ich war so krank, ich zittere jetzt noch am ganzen Körper. Morgen soll ich in Arrest. Das kann ich nicht überleben. Zürnet mir nicht, verzeiht mir, ver- zeiht mir! Wenn Ihr diesen Brief erhaltet-- Liebe, gute Eltern, ich kann nicht anders, ich kann nicht anders! Euer unglücklicher Sohn K. Sie können sich denken, wie mir war! Meine Frau hat seit dieser Stunde das Bett nicht mehr verlassen. Ich reiste sofort nach B. Plein Sohn lebte noch, lag aber im Lazareth. Es war nicht so weit gekommen. Man erzählte mir, daß er Abends sehr verstört ausgesehen und im Bette ge- fiebert und irre Reden geführt habe. Im Lazareth, wohin man ihn sofort brachte, wurde eine heftige Lungenentzündung konstatirt. Ich hatte nun wieder Hoffnung, dachte, der Brief, der garnicht in dem gewöhnlichen Stile meines Sohnes geschrieben ist, sei im Fieber geschrieben und reiste nach Hanse. Vier Tage später erhielt ich ein Telegramm, mein Sohn sei gestorben. Plein Schmerz war unermeßlich. Ich reiste natür- lich ivieder nach B. und begab mich ohne Weiteres zum Hauptmann, in seine Wohnung. Ich weiß nicht, es trieb mich förmlich zu ihm. „Was wollen Sie!" schnautzte mich dieser an. Da stand ich nun in meinem grenzenlosen Schmerze, 351 mit meinem blutenden Herzen und statt der Trost- Worte, die ich erwartete, dieser Empfang! In meiner begreiflichen Erregung, in meinem furchtbaren Schmerze kam es mir unwillkürlich über die Lippen:„Sie haben mir mein Kind gemordet!" „Mensch," schrie der Hauptmann und packte mich fest am Arm,„ich werde Sie auf der Stelle ver- haften lassen, wenn Sie nicht augenblicklich schweigen und machen, daß Sie fortkommen!" „Ach so herzlos, so roh!———" Der unglückliche Blann biß die Lippen zusammen, um seine Gefühle zu unterdrücken. Zwei Thränen lösten sich von den feuchten Augen und rollten über die gerötheten Wangen. Nun vermochte er sich nicht mehr zu halten. Pom Schmerze überwältigt, brach er in ein so lautes und heftiges Weinen ans, daß es seinen ganzen Körper erschütterte. Die beiden Redakteure im anstoßenden Zimmer schlichen ans den Zehen herbei und umstanden feuchten Auges den sich seinem Schinerze hingebenden Blann, der, wie aus einer fteniden Welt, zu ihnen, den armen Proletariern, gekommen>var, um die Theilnahme und Hülfe zu finden, die er bei seinen Klassengenossen vergeblich gesucht hätte.— Zu seinem großen Schmerze hatte der Blann noch eine Anklage wegen Offiziers- beleidigung erhalten.———————— Eine tiefe Stille herrscht im Zimmer. Den heißen Kopf in die linke Hand gestützt, sitzt der Redakteur unthätig vor seinem Schreibtische. Er gedenkt der armen Leute, denen man die geliebten Kinder genommen, des alten Blannes, der sein tadel- loses, mühevolles Leben nun im Gefängniß beschließen soll, des armen Weibes, das heute mit ihren vier Kindern auf die Straße gesetzt wird, und der nn- glücklichen Ellern, die ihren einzigen Sohn beim Militär verloren haben. Es klingelt. Der Redakteur ist allein, seine Kollegen sind bereits weggegangen. Er geht und öffnet die Vor- saalthür. Ein etwa fünfundzwanzig Jahre alter Mann stürzt heftig herein. „Ach, könnte ich noch den Redakteur sprechen, es ist so dringend!" rief er und die Thränen schössen auch schon aus seinen Augen..„Ich ivnrde aus- gewiesen, ich soll morgen schon die Stadt verlassen," begann er heftig und erregt zu erzählen,„und ich habe Frau und Kind. Ich bin hier geboren, habe stets hier gelebt und nun soll ich fort! Ich Hab mir mal etwas zu schulden kommen lassen, eine Urkundenfälschung. Dafür erhielt ich sechs Blonate, die Hab ich verbüßt, vor acht Tagen Hab ich das Gefängniß verlassen. Meine Frau und das jetzt ein Jahr alte Kind waren so lange bei den Schivicger- eltern. Jetzt Hab ich sie wieder hierher kommen lassen, habe eine Wohnung gemiethet und habe auch Arbeit — und trotzdem werde ich ausgewiesen! Ich muß Frau und Kind im Elende lassen und ein Vagabnnd werden. Könnt ich hier bleiben— Alles lväre wieder gut geworden!" Er weinte heftig und trippelte ungeduldig auf dem Porplatze umher. „Weinen Sie doch nicht, weinen Sie nicht!" rief ihm der Redakteur zu, der von den Aufregungen der letzten zwei Stunden sehr nervös geworden war. „Gehen Sie zum Polizeipräsidenten und bitten Sie ihn, aber, hören Sie, Sie müssen bitten, das Wörtchen„bitte" gebrauchen. Wenn das nicht hilft, ——— dann kommen Sie wieder her!"—— Der Redakteur nahm Hut und Stock und öffnete die Thür, um fort zu gehen. Er erschrak. Ei» großer, kräftiger Mann mit aufgeblähtem, gerötheten Gesicht starrte ihn mit seinen großen, hervorstechenden, glasigen Augen an: Ein Irrsinniger. Ohne auf die Einwände des lltedakteurs zu achten, schritt derselbe, bei jedem Schritte mit seinem Spazier- stock haftig auf den Boden stampfend, in den Porsaal. Der Redakteur wich, rückivärts gehend, zurück in das Zimmer, wohin der Geisteskranke folgte, ununterbrochen kichernd und plaudernd:„Hi, hi, hi, hi! Ha, ha, ha, ha! Eine hooochwichtige Sache muß ich Ihnen erzählen, hooochwichtig! Ja, ja! Ja. ja!" b52 Die Äcue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. - Im Zimmer angekommen erzählte er dann:„Ich bin ini Siechenhaus. Ja, ja! Gucken Sie nur nicht so! Ich bin nicht verrückt! Bin ich verrückt? He, he? Ha, ha, ha, ha! Ja, ja! Ihr Freund, der alte Christian, de» kennen Sic doch, he? he? Der ist auch im Siechenhans. Der hat mich hierher ge- schickt. Ein alter, guter Kerl, Sie kennen ihn doch, he? Der ist auch nicht verrückt, ach was! Wir sind alle nicht verrückt! Ha, ha, ha, ha? Bin ich ver- rückt? He? Ich bleib nicht mehr im Siechenhans, ich ivill raus. Die können mich doch nicht halten, he? he?——— „Heute Hab ich meinen Ausgehtag. Ich will Ihnen eine hochwichtige Sache erzählen, hochwichtig! Aber es bleibt unter uns, he? he?"—— Er packte den Redakteur am Arm, zog ihn an sich und schrie ihm aus vollem Halse ins Ohr:„Der König Friedrich August lebt noch!" „Ja, ja!" erzählte er dann weiter,„der ist nicht todt, bewahre! Hi, hi, hi, hi! Ich weiß es, ja, ja! Drum hat man mich ins Siechenhans gesteckt, ich weiß es! Ja, ja! Ich war früher Vorsitzender im katholischen Gesellenvereine. Da Hab ich mal in seiner Wohnung geschrieben, da hats der Bischof einem Freunde erzählt, aber ich Habs gehört, ja, ja! Dafür haben sie mich ins Siechenhaus ge- steckt. Aber jetzt bleibe ich nicht mehr! Ich will raus! Bin ich verrückt? He, he?" Er stampfte mit seinem Stocke fest auf den Boden, dann begann er ivieder:„Ich war früher Tischler- meister. Hören Se, hören Se--— Er ging dichter an den Redakteur heran und starrte Ihn mit seinen glasigen Augen fest an, dabei fortfahrend:„Die Pfaffen, ja, wissen Se, die Pfaffen, Alles genommen haben sie mir. Alles! Meine Frau, ha, ha, meine Frau! Aber gesehen Hab ichs! Einen Knß hat ihr der Pfaff gegeben, gesehen Hab ichs!" Seine Augen traten noch weiter hervor, er hob seinen Stock mit der rechten Hand in die Höhe, ballte die linke Hand zur Faust und schritt langsam auf den Redakteur zu, dabei laut schreiend:„Der Pfaff, der Pfaff, der Pfaff!" Dem Redakteur lief der Schweiß von der Stirne herunter, langsam wich er bis zum Fenster zurück. Hier klopfte ihm der Irrsinnige mit der linken Hand auf die Schulter, kicherte und bemerkte dann ganz ruhig:„Nichts für ungut! He? he? Es bleibt doch unter uns? He? Ich nehme mir'n Rechts- anwalt, ich will raus, ich bleibe nicht im Siechen- Hans! Ich wills den Pfaffen schon zeigen!" Dem Redakteur kam ein rettender Gedanke, uni sich des Geisteskranken, der keineswegs ungefährlich war, zu entledigen. Er bedeutete ihm, daß er jetzt eilig gehen müsse, sonst treffe er keinen Rechtsanwalt mehr an. „Ja, ja, ich gehe! Nichts für ungut!" Damit wandte sich der Kranke um und ging. In der Vorplatzthür blieb er stehen und tvollte nochmals umkehren. Er habe noch was Hochwichtiges zu erzählen, meinte er. Jedoch der Redakteur hatte genug; er schlug die Thür zu und eilte die Treppe hinunter. I cr m m e r. Von Willy Wach. f s ist Vormittags gegen elf Uhr. Der Welt- stadt brausendes Leben durchrollt die Adern Berlins, seine Straßen, und über dem ge- schäftig hastenden Getriebe ruht der milde Sonnen- schein eines klaren Herbsttages. Slnch in die Potsdamerstraße, im Viertel der Vornehmen, ergießt die allgütige Segenspenderin ihre lauen Lickchvelle». Das ivelke, dem Tode verfallene Laub ler großen Bäume am Slraßenrande erschauert noch einmal wonnig unter dren liebevoller Benihrnng und es erglänzt in den wunderbarsten Farbenmischnngen. Leis, ganz leis umsäuselt die Luft die Wanderer all, die zwischen den großen Steinhaufen der Häuser hindnrchfluthen, die aber achten das nicht. Vorwärts— immer vor- wärts! ist ihr rastlos Streb». Rur lier und da halten sich Einige auf, zur Befriedigung ihrer Wünsche und Begierden, oder um den Anslrag Anderer ans- zusühren, die sie zu ihrem ivillenlosen Werkzeug ge- macht. Dann geht es beflügelten Schrittes von Neuem weiter, oder zurück den Weg, den sie ge- kommen. Nervöse Hast spiegelt sich auf der Stirn der Meisten, das Zeichen der Zeit, der sie angehören. So geht es die Straße hinauf und hinab, ruhelos, voller flüchtiger Reibungen, aber ohne besondere Störung. Ein ewiger Wechsel der Gestalten: Be- amte, Handiverker und Arbeiter, Handlungstreibende und Offiziere, Frauen und Mädchen aller Stände. Auch Leute, denen des Lebens bittere Sorgen fremd sind, die an den Freuden des vorigen Abends nicht genug hatten und die erst jetzt den Weg aus den Annen der Venus vul-rivagn zum eigenen Heim fanden. Und inmitten dieser Brandung ein Mensch, den sie nicht berührt, der das frendig-freiwillige oder gezwungene leidige Hasten längst verlernt zu haben scheint. In sich zusamniengesnnken, den Kopf vorn- über geneigt, als wollte er sich von der Außenwelt abschließen, so lehnt er am Gitter eines Wein- restaurants. Aus den kurzen Aermeln seines schäbig dünnen Jackets, das Ordenszeichen zieren, gucken dürre Arme fast bis zur Hälfte hervor. Spuren irdischer Vergänglichkeit trägt auch die Beinumhül- lung, und ihr gleicht auch das Schuhwerk. Dazu ein Hut, dessen ursprüngliche Farbe nicht zu erkennen, ein fester Stab zum Stützen, und um den Hals ein Ledertäschchen gehängt, wie es vor langer, langer Zeit einmal modern war. Vor sechzig Jahren und mehr mochte die Tasche schon dem Urahn des Mannes gedient haben. Verwittert, wie das Kostüm, so auch die Gestalt. Sie hängt mehr an dem Eisen zäune, als sie daran lehnt, und zeugt so davon, daß ihre Kraft die Glieder längst verließ. Das Antlitz voller Runen, wie sie nur körperliches und seelisches Leid mit unbarmherzigem Griffel hineinzuzeichnen vermögen. Halb beschattet vom Hute, erscheint es noch fahler und vergrämter. Da küßt es sacht ein Sonnenstrahl von der Seite, aber vergeblich müht sich der heitere Geselle, Energie, Lust zuui Leben, in dem Welt- fremden hervorzuzaubern.— An ihm vorbei drängen die Menschen. Nur Einer bleibt stehen, als sein Blick ihn streift, wie festgebannt durch eine unsichibare Gewalt. Unbemerkt von Jenem, unbeachtet von der Menge. O— er kennt ihn, den Todtmüden, der dort lehnt; er kennt ihn, und doch hatte er ihn vor nicht viel mehr als einer Sjiinde zum ersten Male gesehen. In dem Prachtbau ans Sandstein ivar es, der un- weit stolz und in vornehmer Ruhe emporragt zwischen Privatgebäuden mit Vorgärten, und der dazu dient, Heim zu sein einem der vielgepriesenen Wunderwerke sozialen Schaffens: den: Reichs-Versicheriliigsmiite. Sein Hirn vibrirt in unnennbar schnellen Schwin- gnngeii und zaubert ihm blitzschnell das Bild vor Augen, das er dort ivieder einmal vom menschlichen Leide gewonnen. Fernher, ans der Provinz, ist der Unglückliche da drüben gekommen, ein Opfer der Arbeit, sich die verweigerte Unfallrente zu sichern. Man hatte ihn in der ziveiten Instanz abgewiesen; des Gesetzes Wortlaut sollte der Bewilligung entgegenstehen. Es sollte kein„Unfall beim Betriebe" vorliegen, denn sein Arbeitgeber hatte ihn just zur Unfallzeit in der Hansivirthschaft arbeiten lassen. Dann hieß es auch, die Gebrechlichkeit des Mannes in ihrer ganzen Ausdehnung sei keine Unfallfolge. Entweder wäre sie eine Krankheit für sich oder— simnlirt. Boller Vertrauen hatte er nun an die hohe Reichsbehörde appellirt, ihm sein Recht zu geben. Mit Thräiien in den Augen und bebender Stimme, die Worte halb verschluckend, lehnte er sich auf gegen den Vorwurf, fein Leiden zu erheucheln. Sein Leben wäre Mühsal und Arbeit gewesen, nie aber habe er sich vor der Arbeit gescheut. Stets hätte er auch dem Staate treu gedient— und er wies auf die militärischen Ehrenzeichen an seinem Rocke. Und dann kamen bittere Anklagen über seine Lippen; Anklagen gegen die Behandlung der Aerzte, Anklagen gegen das ihm unbegreifliche Vorgehen der Berufs- genossenschaft. Nicht vermochte er zu begreifen, wie man ihn gerade ausschließen könnte von den Wohl- thate» der Versicherung, von denen er so viel gehört hatte. Er bat sie! entlich, man möge doch seine Familie nicht in Roth und Elend nmkomnien lassen. Ihm selbst kön e ja Niemand mehr helfen, er könnte ja ruhig zu Grunde gehen. Darauf wurde das Gutachten einer Antori.ät aus dem Gebiete der Nervenhcilknnde verlesen, das noch vom Amte ein- geholt worden war. Es gab Aufschluß über sein eigenartiges Leiden. Direkte Folge des Unfalles fei es nicht, aber doch indirekt zurückzuführen darauf; psychisch wäre es zu erklären, es sei mehr nervöser Natur. Der Kläger, ein seelisch empfindsamer, gcmüthvollcr Mensch, habe nicht robuste Kraft genug gehabt, den Einwirkungen seiner bedauerlichen Lage nach dem Unfälle zu widerstehen. Trostlos und öde sei ihm damals seine und seiner Familie Znknnst erschienen. Der Streit um ein angeblich vorenthaltenes Recht hätte ihn verbittert und in seiner Vorstellung die vorhandenen Schmerzen riesig verschärft, ihn auch da solche empfinden lassen, wo thatsächlich keine waren. Verfall der Körpers und Schwächung der Nerven seien schließlich nnansblei.lich gewesen. Ohne die unbeabsichtigte Selbslbceinstnssnng wäre er jetzt allerdings ein arbeitsfähiger Aiann, aber jene Auto- suggestion sei nur im Znsammenhange mit dem Un- fall denkbar. So günstig die Feststellung des berühmten Psychiaters auch war, der Arme wurde doch ab- gewiesen. Der Präsident verkündete, sichtlich bewegt, über den Wortlaut des Gesetzes komme der Gerichts- Hof nicht fort. Der sage nnr für Unfälle beim Betriebe eine Rente zu, hier aber sei das Unglück in der Hansivirthschaft des Arbeitgebers über den Verletzten gekommen. Gebrochen ivankte dieser hinaus. Während draußen leise säuselnde Winde riesige Kastanien ihrer absterbenden Blätter beraubten, da hatte man ihm der Hoffnungen letzte genommen. Der Beobachter am Straßenrande spürt von Neuem den Schmerz schneidend seine Seele durch- zucken, den ihm der Nothschrei des Einsamen im hohen Genchtssaale bereitet hatte; doch wie vorhin, kann er auch jetzt nicht helfen. Nicht einmal trösten kann er Jenen, denn auch er muß weiter, immer weiter! Es ruft ihn die Pflicht des Bernfes. Und was nützt auch der Trost ohne Hülse! Wäre er hier nicht blutiger Hohn, müßte er nicht abprallen au all dem namenlosen Jammer, der sich vor ihm aufthat? Nein, nicht quälen; vorwärts, nur— vorwärts! Noch einmal umfaßte er die Gestalt mit seinen Blicken, so inbrünstig, als tvollte er das geschonte Elend ganz in sich aufsaugen. Dann tauchte auch er unter in dem großen Strome der Vorübertvallenden.— -A-s- Zu unserem Bilde.<�4- Charon.(Zu unserem Bilde.) Erst dem diistercu, weltflüchtigen Glauben des Christenthnius ist es gelnugen, der großen Menge der Kulturvö.ker das Erdendasei» lediglich als eine Priisungs- und Borbereitnngszcit für ein ewiges Leben im Jenseits darzustellen; die unbeschreibliche Herrlichkeit des Paradieses soll des Gläubigen, die nie endende Qual und Marter der Hölle des Verworfenen harre». Dem schönheitsdurstigen, freudetrunkenen hcl- lenischen Altcrthnin war das Leben Ein und Alles; das gleiche Düster der Unterwelt deckte Gerechte und Ungerechte. Wie trübe klingt nicht die Klage, die Homer selbst den« Schatten des Nationalhelden Achill in den Mund legt! Eine charakteristische Szene aus der griechischen Unter- welt führt uns unser Bild vor. Charon, der unter- irdische Fährmann, führt die Seelen einer Anzahl Ab- geschiedener in seinem Boote über die Ströme der Unterwelt in das Reich der Schatten. Stille Ergebung, Staunen und Verwunderung und finstere Berzweisluug male» sich in den Mienen der Bootinsasseu. Um das Fährboot schwimmt mit Gcberde» düsterer Apathie oder verzivciselter Wnth eine Reihe weiterer Seele»; es sind dies jene, denen keine mitleidige Hand einen Obolus, das Uebersahrtsgeld sür den Fährmann, mit auf den Weg gegeben und denen darum der Eintritt in die Unterwelt so lange versperrt ist, bis sie den starren Sinn Charous erweicht haben. Nachdruck des Inhalts verboten? Alle für die Redaktion bestimmte» Sendungen wolle man an Edgar Steiger, Leipzig, Elisenstr. 90, richten. Veranlwortl. Redalreur: Edgar Stetger, Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdruclerei n. Verlagsansiali Auer sr Eo., Hamburg.— Trucl: Max Badiug, Berlin,