lich überfällt es mich, Daß ich laut muß siugen, Plötzlich überhellt es mich: Welt, du hast cm schön Gesicht, Hast ein lieblich Angesicht, And ich. muß vor Kreuden springen. Ein Lird der Freude. Von Gustav Snlfc. Blumen, die ain Wege stehn, Aluß ich alle pflücken. Aanu es Blumen besser gehn, Als der Freude rothen Glanz Noch mit ihrem rothen Aranz Hell zu überschmücken? And mas mir entgegen tritt, Nuß der Tust erliegen. Hüpf ich, Nadel, hüpfst du mit! Schöner glüht dein Angesicht, Lieblicher dein Angesicht, Wenn wir uns im Neigen wiegen. Nusikantcn, nicht geruht, Geigen und Trompeten. Tirili, tiwit und tut. Küß mich Kind. Noch einmal so. Rosen blühen, wo wir froh And im Ganz die Erde treten. ?l!S Ilfcr mit dem ßniiernrn(kiff. Von Charlotte Nislc-Klei». f s dunkelte bereits; der Hausherr war aus- gestaiilzeu, eine Seltenheit, auf die wir Taste laust gewarlet— ein Kunststück von Emil, der ihn beschwatzt und endlich aus der Höhle ge- lockt hatte. Nun koiiuteu wir eine Probe vornehuien, nun Ware» wir sicher. ** * Beide, die dicke Hausfrau und mein Bater, welche mitten im Zimmer standen, waren anfmcrk- same Zuschauer gewesen.— Auch das Schwerste, das Niederstleiten, war gut von Statten gcstangen. Unhörbar wie eine Schlange kam ich zu Boden: dreimal hintereinander ivar mir schließlich das Ex- periment stelnustcu. Nur ivenu ich den Körper seitlich durchs Gitter schob, ging es. Die ersten Bersnche hatten uns zivar viele Muhe bereitet: es tvar keine Kleinigkeit gewesen. Hätte mich mein Bater nicht mit den Armen ausstesange», ich wäre ins Zimmer hereingestürzt. Blutende Ohren, zerschuudene Hände, das that nicht wohl! Aber nun gerade, es mußte .gehen, ich tvollte es. Plötzlich hatte ich den Bortheil weg. Die Beine ooran, schob ich mich leicht und sicher durch die engen Stäbe, nachdem ich den nnverriegelten oberen Fenster- flügel, über den ein alter, verschossener Nouleaufetzcu niederhiug, anfgestoßen: dann ein Ruck, und mit dcm einen Fuß kaum das innere Feustcrgesimse berührend, auf deni einige Flaschen und ftolbe» standen, sprang ich lanllcs ins Zimmer. Mein Vater fuhr mit seiner Hand über mein kurzgeschnittcites, borstiges Haar und sagte:„Junge, das hast Du gut gemacht," und zu der Frau sich weitdeiid, fügte er hinzu:„er ist seiner Sache sicher, wir könne» uns aus ihn verlassen."—„Ach Gott, ach Gott, lvie Ivird sich mein Eeeemil freuen, mein süßer Eeeemil! Ach Gott, ach Gott, wenn nur erst Alles glücklich vorüber wäre!"— Ihre blöden, abgeblaßten Augen verdrehten sich bei diesen Worten etwas gegen die schmntzig-graue Decke, und ein Seufzer hob ihren übervollen Busen. Darauf wandte sie sich hastig gegen die Thür, den einzigen Ausgang des Hinterzimmers, in dem wir uns befanden. Aber mein Bater ließ sich nicht so rasch abfettigen: er machte mit dem Danmeu und Zeigesinger eine Bewegung, und sein Gesicht nahm einen fragenden Ausdruck an. Langsani griff die Hausfrau in die Ledertasche, welche an ihrer Seite herabhittg, und entnahm ihr ein Fünfmarkstück.„Reicht nicht." Mein Bater sagte es sehr entschieden. Wir stehen nun vor der Entscheidung: übermorgen ist Zieltag— also am Sonntag, oder schon ani Samstag Abend wird es ausgeführt; je eher, je besser. Denken Sie doch darüber nach, wie viel ich riskire— ztvrnizig Mark brauche ich", und als sie noch immer zögerte:„Es kann ja später verrechnet tverden."— Ein Goldstück wanderte in die Hand meines Baters. „Und ich krieg' auch was." Frech trat ich vor das schivamniige Weib hin—„sonst mach ich ein- fach die Geschichte nicht, und ohne mich könnt Ihr es nie fertig bringen." „Schau, schau, die kleine Kanaille!" Mein Batcr lächelte ivohlgefällig. Widerstrebend nur gab mir die Frau einige Nickelstücke, die ich, ohne mich zu bedailken, in meiner Hosentasche verschwinden ließ, und während die Beiden der Thür zuschritten, trat ich übnngshalber den Rückweg wieder durch das Fenster an, durch ivelches ich eingestiegen. Dies ging viel leichter, weil das äußere Gesimse frei ivar. Ein altes, geräumiges Hans, in dem wir wohnten: voller Zimmer, Zimnierchen, Ecken und Winkel. Schmale, duulle Treppen und Gänge.— Unten einige Läden; Alles vermielhet bis zu den Dach- kammcrn. Aber gelegen ivar es vorzüglich, mitten im Herzen der Stadt; in einer zwar engen, aber ver- kehrsreichen Gasse, die auf den Marktplatz mündete. Ter Hansbesitzer betrieb im Parterre einen gut- gehenden Schnapsladen, mit dem Schanlrecht ver- bnnden: er ivar ein alter, griesgrämiger, gei iger Mann, der ans seinem Hause schivercs Geld zog, da er sich die unfreundlichen Löcher ganz gehörig bezahlen ließ. Mein Bater, früher Schreiber, jetzt Winkel- adrokat, und ich, sein kleiner Junge, hatten uns in zwei Zimmern des drillen Stockwcrls eingenistet. Seit ein paar Wochen logirte Emil bei uns, der zur Zeit stellenlos war— ein guter Freund meines Baters und zugleich der Bräutigam meiner Consiue, der schwarzen Fanny, einer h> bscheu, feschen Putz- macheriu.— Emil kampirt« Nachts auf dem Sopha im sogenannten Bureau meines Baters; bei Tage trieb er sich in der Stadt herum. Die alternde Hausfrau halte sich sofort in den blassen, schlotterigen, w hlfrisirteu Kerl vergafft, der, wie die meisten Kellner, über gewisse äußere Formen verfügte und sich im Laufe der Zeit ein höfliches, latzenbuckelndes Wesen erworben Halle. Seine schofle Eleganz imponirte der beschränkten Person riesig. 354 Die Reue lüelt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Emil ließ sich trotz seines Verhältnisses mit Fanny die Annäheruiigsversnche der Frau ruhig ge- fallen, denn es entsprang daraus für ihn ein ziemlicher pekuniärer Vortheil. Manche Flasche Wein, manch guter Bissen tvnrde ihm von dem„alten, ver- liebten Mensch", wie er sie zu nennen pflegte, zu- gesteckt; auch kleinere Gelebeträge erhielt er von ihr. Aber das war dem Emil zu wenig— solch ein Dreck!— Eine abhängige Existenz hatte er überhaupt satt; die ewige Hungerleiderei sollte ein Ende nehmen. Auch mein Vater war seines„schun- digen" Lebens längst überdrüssig. Beide waren sie helle Köpfe; nur hatten sie bis- her keine Gelegenheit gehabt, es zu beweisen, da sich ihnen nie tvas Rechtes dargeboten, und unvor- sichtig wollten sie bei Leibe nicht sein. O, man mußte sie hören, die Zivei, den Emil und meinen Bater. Vor Letzterem hatte ich ge- gewaltigen Respekt, ich hielt ihn für den geriebensten Rienschen der Welt. »* In intimen Momenten hatte Emil durch allerlei Fragen ans der Alten herausgebracht, Ivo ihr Gatte sein Geld aufzubewahren pflegte, daß er aus Angst vor Dieben nie viel im Hanse liegen lasse, sondern eingegangene Gelder so bald wie möglich auf die Bank trage, und nur an den Tagen, wo er die Micthzinsen einnehme, befänden sich einige Tausend Mark in einer kleinen, eisernen, wohlvcrschlossenen Kassette, die er in einem Wandschrank des Hinter- zimmers verberge. Darauf bauten nun mein Bater und Emil ihren Plan. Sie wollten, sobald wieder Geld in der Kassette, sich dieser bemächtigen. Die verliebte Hansfrau war durch Emils schmeichelnde Worte, seine vermehrten Liebkosungen geschmeidig gemacht und hatte bereitwilligst ihre Mit- hülfe zugesagt. Sehnte sie sich doch, ihren geliebten Emil ganz zu besitzen, und sein Borschlag, mit ihm nach Amerika zu fliehen, machte sie glückselig.— Aber dazu benöthigte man Geld, viel Geld!— Und seine Stiefschwester, als welche er die Fanny der Alten vorgestellt, wollte Emil auch mitnehmen; er habe seiner verstorbenen Mutter auf dem Todtcn- bette versprechen müssen, die Kleine nie zu verlassen. Ein guter Kerl, ihr Eeeemil!— Ein treues Gemiith, und so zäärtlich, so fein im Vergleich zu ihrem mürrischen Alten. Mein Vater und ich gedachten mit auszuwandern, denn drüben ließ sich noch was machen; und so bald es mehrere Personen waren, that man sich leichter, konnte Komplizirteres unternehmen; drüben durfte man noch was riskiren, da wurde Einem nicht so höllisch auf die Finger gesehen. Wer weiß!— Mancher war in kurzer Zeit reich geworden.— Aber Pläne schmieden ist leichter, als sie aus- führen. Die Sache hatte bei genauerer Ueberlegung ihre gewaltigen Haken. Sie hatten viel hin und her gesonnen, der Emil und mein Vater; sich ordentlich die Köpfe zerbrochen. Alles überlegt. Es war bei Gott eine verdammt schwierige Geschichte! In Abwesenheit des Hausherrn die Arbeit aus- zuführen, wäre z. B. sehr ungeschickt gewesen, da der Verdacht auf seine Fran hätte fallen müssen, sofort ans die— das war abzusehen. Ueberdies verließ der Alte in den paar Tagen, wo die Zinsgelder im Hause lagen, selten den Laden, ans Furcht vor Dieben. Selten sogar verließ er seinen Posten hinter dem Ladentisch. Letzterer be- fand sich gerade vor dem Eingang zum Hinterzimmer, und der Stuhl stand sozusagen auf der Schwelle. War einer der Schnapsbuddel leer, so trug ihn der Alte ins Nebengemach und holte von dort neuen Vorrath. Wie oft dies geschah, war natürlich nie vorher zn bestimmen. Das am meisten linangenehme. Störende bestand jedoch darin, daß er, von krankhafter Angst und Ruhelosigkeit getrieben, ab und zu nach hinten lief, nur um sich innner wieder zu überzeugen, daß ihm sein Schatz nicht gestohlen. Bei Nacht war schon garnichts zu wollen, denn da nahm er die Kaffette mit hinauf ins Schlaf- zinnner seiner im ersten Stock gelegenen Wohnung. Bei Tage getraute er sich nicht, das Geld oben auf- zubewahren, da seine Zimmer nur durch verriegelte Thüren von anderwärts vermietheten Räumen ge- trennt waren. „Und morden?"— meinte mein Vater—„kann man doch auch nicht wegen ein paar lumpiger Tausend Mark; wär schon der Mühe Werth!"— Es war zu ärgerlich! fltichts Anderes blieb übrig, als von hinten durch den kleinen, schmalen, glas- überdachten Gang, der stets abgesperrt war, ins Gemach zu gelangen. Emil schlug vor, das Gitter zu durchsägen, aber meinem Vater war dies zu ge- fahrvoll erschienen. Auch hätte man kaum Zeit dazu gefunden; und dann das Geräusch! Nein, nein, das ging nicht; es mußte feiner gemacht werden; lieber die Sache ganz fallen lassen. Schon waren sie daran, das Projekt aufzugeben, als mir, der ich bei allen Berathungen aufmerksam zugehört, der Gedanke kam, ob es nicht möglich wäre, durch die vor dem Fenster befindlichen Eisen- stäbe zu schlüpfen.— Ich war ein für mein Alter merkwürdig zarter Knabe, mit auffallend kleinem Kopf, aber gewandt wie ein Affe.— Und wirklich, es war mir gelungen, durch das enge, feste Gitter zn schlüpfen, durch das ein Erwachsener, wenn auch noch so schmächtig von Körperbau, sich nie hätte hindurchzwängen können.— Das war ja herrlich! Mein Vater und Emil jubelten. Mich selbst durch- drang ein Gefühl des Stolzes. Nun war ich ein- mal die Hauptperson; ich allein vermochte die An- gelegenheit zn erledigen. Alles war famos ausgedacht, gut vorbereitet; trotzdem blieb es ein kühnes Wagniß— ein Zufall — und!—„Der Junge hat Glück," beruhigte sich mein Vater—„Wer nicht wagt, gewinnt nicht 's wird schon klappen!"— Das Beste an der Art, wie wir uns die Kassette aneignen ivollten, war, daß auf keinen der Betheiligten so leicht ein Bcr- dacht fallen konnte. Während ich hinten einstieg, um das Geld zu holen, durfte die Hausfrau mit keinem Schritt den Laden verlassen; mein Vater und Emil hatten eben- falls dort anwesend zn sein; darin lag nichts Auf- fallendes, da sie öfters Abends einige Schnäpse oder ein Glas Grog zu sich nahmen. Harmlos wollten sie mit den übrigen Gästen und dem Wirthe plaudern — und wurden dadurch in den Stand gesetzt, später ihr Alibi nachzuweisen, wenn je!— Man konnte nie vorsichtig genug sein. Endlich war man im Reinen; bis aufs Kleinste war Alles angeordnet. Tie Hausfrau mußte den Riegel des oberen Fensterflügels öffnen, über den das zerfetzte Ronlcaustuck hing, und ihn später wieder unbemerkt schließen— ich selbst den Augenblick abpassen, in dem der Alte eben im Hinterzimmer ge- wesen, was jedenfalls eine gewisse Garantie abgab, einige Zeit vor Störung sicher zu sein. Die kleine Nische unter der Treppe bot ein sicheres Ver- steck für den Henkelkorb, in dem die Kassette ans dem Hause befördert werden sollte. Fanny würde in der Nebenstraße auf mich warten, mir den Korb ab- nehmen und in Sicherheit bringen; ich rasch zurück- rennen, in den Laden treten, um womöglich noch vorher anwesend zu sein, ehe mau den Diebstahl entdeckt. O, es war fein und klug ersonnen, es konnte nicht fehlen! Nur Gluck gehörte dazu, viel Glück. Mein Vater legte eine große Entschlossenheit an den Tag— immer und immer wiederholte er, wie um sich selbst zu beruhigen:„Es läuft Alles gut ab, nur kaltes Blut haben, kaltes Blut; der Junge hat Glück!" Die beiden Nächte vor dem großen Tage, dem Tage der That, der Ausführung, beängstigten mich schwere Träume. Bald blieb ich im Gitter stecken, während der Alte herein kam; oder schon die Kassette in den Händen haltend, fühlte ich seine Finger meinen Hals umkrallen— und vor Entsetzen erwachte ich. Bei Tage fürchtete ich mich selten; da war ich meist voll Selbstgefühl; denn Emil und mein Vater behandelten mich wie einen Krieger, der in die Schlacht zieht, und auch die Frau machte mir ein freundliches Gesicht, ja sie schenkte mir sogar Geld, das knickerige Luder.— Ja, ich war eine wichtige Person, gewiß! Alle lobten mich im Voraus, da verflogen leichte Anwandlungen von Schwäche wie Spreu im Winde. „Träume sind Schäume!" und ich hatte ja Glück, mein Vater behauptete es, drum mußte es wahr sein.— Jawohl! Der ereignißvolle Tag war angebrochen. Un- gefähr viertausend Mark ruhten in der kleinen Eisen- kassette. Dies wußten wir von der Fran. Wie dumpfer Druck lag es über uns Allen. Gesprochen wurde nicht viel; eine Stunde floh nach der anderen. Wir fühlten etwas Seltsames.— Nein, darüber konnte man nicht reden— nein, darüber durfte man absolut nicht reden, dies fühlten wir, drin» fchwiegen wir. So verging der Tag; langsaüi, langsam. Die Weinflasche war nicht vom Tische gekommen. Bei Beginn der Dunkelheit gingen die Beiden hinunter, der Emil und mein Vater. Sie saßen schon an dem kleinen, runden Tische in der Ecke, neben dem Fenster, bei einigen Bekannten und spielten Karten, als ich leise über die Straße huschte und, mich in den Schatten der gegenüberliegenden Häuser stellend, meine Blicke hinüber richtete. Unausgesetzt auf denselben Punkt, auf das nur halb verhüllte Fenster. Ein Zeichen hatten wir ausgemacht, wurde mir dies von meinem Vater gegeben, hieß es flugs an die Arbeit gehen— kein Zögern, kein Zeitverlust. Das Gelingen hing vielleicht von einer Kleinig- keit ab; ob mir der Moment günstig, wer konnte es wissen!— Ich mußte mich eben auf den Scharf- sinn meines Vaters verlassen, wenn der es an der Zeit hielt, dann drauf los!— Zehn Minuten und die Sache war erledigt.— Ich brannte vor Be- gicrde, die That auszuführen.(F°rts-vung folg-., Bon K."sSJogcf. ls Jmmermann seinen Münchhansen die ver- D ft., wegene Idee aussprechen ließ, eine Aktien- ��3 gescllschaft zur Fabrikation von Backsteinen ans Luft zu gründen, hat er nicht geahnt, daß etwas Aehnliches sich noch im 19. Jahrhundert verwirklichen wird. Allerdings zn Backsteinen kann man die atmo- sphärische Luft nicht verdichten, aber zu einer klaren, hellblauen Flüssigkeit, die sich literweise„frisch vom Faß" abziehen läßt. Plan kennt wohl seit jeher einige Körper, die ans dem festen in den flüssigen und in den gasförmigen Aggregatznstand übergehen können und umgekehrt. Schon das Wasser ist ein solcher Körper. Aber wie man sich früher von den meisten festen Körpern nicht denken konnte, daß sie in den flüssigen und gasförmigen Zustand übergehen konnten, so nahm man auch von den meisten Gasen an, daß sie nicht in andere Aggregatzustände übergeführt werden könnten, daß sie incoörcibel seien. Viele organische Körper, wie Holz und Stärke, können ja auch erst, nachdem sie durch die Hitze zersetzt sind, in den gas- förmigen Znstand übergehen, und erst die Konstrnk- tion des elektrischen Ofens hat es ermöglicht, daß man nicht nur Eisen, sondern auch Gold, Platin und Kohle verdampfen kann, wozu allerdings eine Temperatur von mehr als 2500 0 C. nöthig ist. Die Wärme ist die Macht, durch die der Aggregat- zustand geändert werden kann. Sie verursacht eine Aenderung in der Bewegung der Moleküle. Die Moleküle, die kleinsten Theilchen, die für sich be- stehen können, sind nicht nntheilbar, sie bestehen aus den Atomen, und die Art und Weise, wie die Atome zu Molekülen grnppirt sind, bedingt deren Eigenschaften. Verbinden sich zwei Atome Sauer- stosf zn einem Molekül, so entsteht der gewöhnliche Sauerstoff der atmosphärischen Luft; vereinigen sich drei Atome Sauerstoff zu einem Ntolekul, so bilden Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 3K5 sie das Ozon, das von dem gen öh, iiichen Sauerstoff sehr abweichende Eigenschaften besitzt und Sauerstoff in chemisch verdichteter Form darstellt. Je»ach der Grnppirnng der Äohlenstoffatome zum Molekül, stellt sich dieser als gewöhnliche Kohle, oder als Graphit, oder als Diamant dar. Der Bau des Btolckiils bestimmt also ebenso wie die Art der Atome, die Eigenschaften des Stoffes. Von der Art der Be- wegung dieser Atome im Molekül ist der Aggregat- zustand eines Körpers abhängig. Diese Bewegung ist am schwächsten in den festen und am tebhaftesten in den gasförmigen 5törpern. Bei der Bildung der festen und flüssigen Körper kommt zu der chemischen Verbindung der Atome zu Molekülen noch die festere oder lockerere Bindung der einzelnen Bioleküle unter- einander, der Cohäsion. Aber die Wärme über- windet, wenn sie eine gewisse Kraft erreicht hat, die Wirkung der Eohäsion, die festen Körper schmelzen und die flüssigen verdampfen, und die von der Eo- häsion befreiten Gasmoleküle und-Atome sind dann bestrebt, sich möglichst voneinander zu entfernen. Daß sie sich trotzdem nicht in den leeren Weltraum stürzen, ivird durch die Anziehungskrast der Erde bewirkt. Bei einer gewissen Steigerung der Wärme wird auch die Verbindung der Atome zu Biolekiilen auf- gehoben. Wasserdampf, durch iveistglühende Röhren geleitet, zerfällt in seine Bestandtheilc: Wasserstoff und Sauerstoff. Die molekulare Bewegung oder Energie wird also durch Wärme bedingt. Wo die molekulare Bewegung ganz aufhört, muß also ein Kältepunkt erreicht sein, der als unterste Grenze der Temperatur nicht weiter erniedrigt werden kann. Man hat denselben durch Rechnung ans— 27.z"C. festgestellt und absoluten Nullpunkt genannt. Ob man denselben je wirklich erreichen ivird, ist ungewiß; ziemlich nahe ist man ihm indeß schon gekommen. Die Krakauer Chemiker Wrvblcwski und Olrzcwski haben bei ihren Versuchen, Argon und Helium zu verdichten, die Temperatur bis ans— 25(5"C. erniedrigen können. Die Wärine, die erfordert wird, um ein Pfund Eis zu schmelzen, würde, mechanisch angewendet, ausreichen, um es ungefähr Kilometer hoch zu heben. Zur Verdampsung dieses Wassers ist noch eine siebenmal größere Wärmemenge nöthig. Die so zur Sprengung der Eohäsion verbrauchte Wärme bleibt im Körper gebunden und wird als latent bezeichnet. Sie ivird bei Verflüssigung des Dampfes und beim Gefrieren des Wassers wieder frei. Die Wärme ist also die Herrin über den Aggregat- zustand, aber bis zu einem gewissen Grade wird ihre Wirkung durch die Cohäsion aufgehoben. Unterstützt kann die Cohäsionskraft durch mechanischen Druck werden. Während im luftleeren Räume Wasser schon bald über 0°R. siedet, kann durch erhöhten Druck der Kochpunkt des Wassers bis auf 4l2"C. getrieben werden. Mit Hülfe des mechanischen Druckes kann man also eine Gasart schon bei einer höheren Temperatur als ihrem gewöhnlichen Siede- punkte zu Flüssigkeit verdichten. Aber es giebt, wie Andrews � gezeigt hat, eine Grenze der Tcmpe- ratnr, über die hinaus auch der allerstärkste Druck nicht im Stande ist, das Gas in den tropfbar flüssigen Znstand überzuführen. Kohlensäure kann bei einer Temperatur über-I-31°C. bei keinem noch so starken Druck verflüssigt werden. JDicse Temperaturgrenze nennt man die kritische Tem- peratur für das betreffende Gas, und den Druck, der bei dieser Temperatur zur Vcrflüssignng nöthig ist, seinen kritischen Druck. Kritische Temperatur(T) und kritischer Druck(?) sind für die einzelnen Körper sehr verschieden. So ist für T? Kohlensäure+ 31° 77 Atmosph. Aethyle»-s- 10° bl„ Stickoxyd— 93° 71„ Grubengas— 82° 55„ Sauersloss— 118° 50„ Kohlcnoxyd— 141° 35„ Stickstoff— 146° 35„ Wasserstoff— 240°? Unter einem Druck von 77 Atmosphären kann man also Kohlensäure noch bei 31" C. in flüssigen * Epr.: Aenndruhs. Zustand überführen; bei gewöhnlichem Luftdruck muß dieselbe aber ans—»0" C. abgekühlt werden, um tropfbar flüssig zu werden. Sauerstoff muß auch unter einem Druck von 50 Atmosphären noch auf —>18"C. abgekühlt werden, um in den tropfbar flüssige» Zustand überzugehen. Bei gewöhnlichem Luftdruck ist sogar dazu eine Abkühlung auf— 182"C. nothwendig. Zur Erzielnng so niedriger Temperaturen hat man sehr umstmidliche Wege einschlagen müssen. Flüssige Kohlensäure erhält man ja auch ohne große Abkühlung unter genügendem Druck, und beim Ver- dunsten flüssiger geht ein Theil derselben in schnee- ariige, feste Kohlensäure über. Läßt man diese feste Kohlensäure, mit Aelhcr vermischt, verdunsten, so sinkt die Temperatur auf— l l 0" C. Bei dieser Temperatur kann man Stickoryd unter entsprechendem Druck verflüssigen. Läßt man dieses dann in luft- verdünntem Räume verdunsten, so erreicht man eine Tcnr araturerniedrigung, bei der man Sauerstoff und Stickstoff verflüssigen kann, und durch Verdampfen des letzteren in geeigneten Apparaten gelang es Olrzewsky, auch Wasserstoff zu einer farblosen Flüssigkeit zu verdichten. Professor Linde in München hat einen anderen Weg gefunden, um Sauerstoff, und Stickstoff zu ver- dichten. Er setzt die Luft zunächst einer bedeutenden Compression(Zusammenpressung) aus, läßt das kom- primirtc Gasgemenge dann plötzlich in einen luft- verdünnten Raum treten, wodurch seine Temperatur wesentlich fällt, komprimirt es dann in seinem sehr sinnreich konstrnirten Apparate von Neuem, läßt es wieder in luftverdünnten Raum und fährt mit dieser Arbeit so lauge fort, bis die zur Verflüssigung erforderliche niedrige Temperatur erreicht ist. Es gelingt ihm so, die Luft kilowcise als klare, bläu- lichc Flüssigkeit zu erhalten, die allerdings sanerstoff- reicher als die atmosphärische Luft ist, weil Sauer- stoff sich schneller verflüssigt als Stickstoff und dieser wieder schneller verdunstet. Mau kann auf diese Weise ziemlich wenig Stickstoff enthaltenden flüssigen Sauerstoff erhalten. Diese für die Wissenschaft hoch bedeutsame Errungenschaft fand auch bald praktische Verwendung. Die Luftschiffer konnten früher über eine gewisse Höhe nicht steigen, wenn auch die Ballons sie höher getragen hätten, weil die dünne Luft in den höheren Schichten nicht mehr so viel Sauerstoff bietet, wie der menschliche Orgauisnius zum Athmen und zum Leben braucht. Indem man Sauerstoff in Stahl- flaschen komprimiren konnte, 1000 oder 500 Liter Sauerstoff in einer Flasche, konnte man sich so viel Sauerstoff mit in die höheren Luftschichten nehmen, um auch dort davon genügend zum Athmen zu haben. Man füllte den Sauerstoff nach Bedarf in Gummi- ballons ab, die mit einem Mundstück versehen sind, und mit deren Hülfe man wissenschaftliche Beobach- tungen in Höhen anstellen konnte, in denen sonst kein lebendes Wesen eristiren könnte. Aber nicht nur in den höchsten Luftschichten fand sich Verwendung für den komprimirten Sauerstoff, auch in den Tiefen der Erde diente er bald dem gleichen Zwecke. Die Verdrängung der atmosphä- rischen Luft, speziell des Sauerstoffs, durch giftige Gase und infolgedessen stattfindende Explosionen sind in Kohlenbergwerken leider oft die Ursache von außer- ordentlich schweren Unfällen, und während der tech- nische Betrieb der Bergwerke eine außerordentliche Vervollkommnung erreicht hat, bleibt die Beseitigung schlechter und die Beschaffung guter Athemluft, trotz vieler zu diesem Zweck konstruirter Apparate, die schwächste Seite der Bergindustrie. Das Vordringen nach den Explosionsherden oder den mit Schwaden angefüllten Oertern und das Retten der Verunglückten ist den Rettungsmannschaften deshalb oft unmöglich. Als nun die Technik dahin gelangte, Sanerstoff in konlprimirtem Znstande in handlichen Stahlflaschen zu dem verhältnißmäßig niedrigen Preise von zirka i Pfg. pro Liter liefern zu können, entschlossen sich einige Bergwerksrerwaltungen, Apparate mit solchem komprimirten Sauerstoff für vorkommende Unfälle vorräthig zu halten, um mit denselben dann die Rettung von Menschenleben zu ermöglichen. Zuerst geschah dies meines Wissens ans den Besitzungen des Erzherzogs Friedrich in Oesterrcichisch-Schlesien, wo ans allen Betrieb-Hellen Stahlflaschen mit kompri- niirtcm Sauerstoff vorräthig gehalten werden und schon mehrfach zur Verwendung gekommen sind. Auch auf der Gabrielenzcche, dem Hoheneggerschacht und dem Frauziskaschacht in Karwin, ans der fis- knlischen Grube„König" in Neunkirchen, ans Zeche Shamrock in Herne und in den fiskalischen Gruben in Königshütte hat man dieselben probirt und auch im Ernstfall angewendet. Bei den Nettungsarbeiten wendet man statt der großen Stahlflaschen tragbare Apparate mit komprimirtem Sanerstoff an, wie sie von Schwann und neuerdings von Walcher ck Gärtner koustruirt worden sind. Der Walchersche„Pncuma- tophor" besteht aus einem luftdichten Athmnngsbentel von 0,25 gm Größe, in dem sich eine kleine Stahl- flasche befindet, die bei 100 Atmosphären Druck <>0 Liter Sauerstoff enthält, und eine Glasflasche in einer Blcchhülse, die mit 400 com Natronlauge gefüllt ist, und ein großmaschiges Barchentnetz, das beim Gebrauch des Apparates die ausgeflossene Natronlauge aufsaugt und eine große Absortions- oberfläche für die ausgeathmetc Kohlensäure dar- bietet. Die Stahlflasche und die Natroulaugeuflasche können von außerhalb des Athmungsbeutcls in Thätig- kcit gesetzt werden. Das Ein- und Ansathmen geschieht mit einem ventillosen kurzen Athmnngsrohr, wobei die Nase ziigeklemmt wird. Bei vorhandenem Rauch erhalten die Angen noch Schutzbrillen. Der zirka 3',2 leg schwere Athmungsbcutel wird vorn auf der Brust getragen und läßt die Arme frei. Zur Beleuchtung verwendet man kleine elektrische Handlaternen, wenn es nicht rathsam ist, als Jndi- kator für Schlagwetter und Kohlensäure Sicherheits- lanipen zu benutzen. Diese Apparate haben vor den v. Bremerschen Tancherapparaten und den Miillersche» Ranchhanben, die die Berliner Feuerwehr bei Keller- bränden benutzt, und denen mittelst eines Schlauches Athemluft von außen zugepumpt werden muß, den wesentlichen Borzug, daß man mit ihnen auf jede Entfernung vordringen kann, von der Thäligkeit der Pumpmannschaft und dem Zustande des Schlauches unabhängig ist und sie viel schneller in Thätigkcit setzen kann. Tie Handhabung des Pneumatophors ist sehr einfach, besonders wenn die Rettnngs- Mannschaften sich damit schon geübt haben, was daher sehr zweckmäßig ist. Man hängt den Beutel um, zertrümmert durch Eindrehen einer Schraube die Natroulangenflnsche, die dann das Barchentuetz be- feuchtet, nimmt das Mimdstiick aus Hartgummi in den Mund, läßt Sauerstoff nur bis zur mäßigen Spannung des Beutels ausströmen und setzt die Nasenklemme und event. die Schutzbrille auf. Wie lange der Apparat reicht, hängt davon ab, eine wie starke Ausströmung des Sauerstoffes nothwendig war, und dies von der größeren oder geringeren An- strengnug bei der Rettungsarbeit. Er reicht wenig- stens eine halbe Stunde, bei geringer Anstrengung aber bis 1'.,2 Stunden. Da man bei der Rettungs- arbeit die Zeit nicht genau abschätzen kann, ist es zur Sicherung des Arbeiters zweckmäßig, demselben einen zweiten Apparat auf dem Rücken mitzugeben. Sobald er dann merkt, daß der erste Apparat er- schöpft ist, öffnet er den zweiten und weiß, daß es dann Zeit ist, den Rückweg anzutreten. Auf dem Franziskaschacht in Karwin verweilte ein Steiger niit einem Pnenniatophor ohne Schaden eine Stunde in einem abgedämmten Brandfelde, dessen Wetter- analyse 5,> Prozent Kohlensäure, 05 Prozent Methau, 24,-. Prozent Stickstoff und 5,, Prozent Sanerstoff ergab, in dem also ein Mensch nicht fünf Minuten hätte leben können. Außer den von ihnen selbst benutzten Athmnngsbeuteln werden die Rettungs- Mannschaften, von denen immer mindestens zwei bis drei zusammen vorgehen sollten, noch solche für auf- gefundene bewußtlose Verunglückte mitnehmen müssen, denen sie die Alhmungsrohre, ehe sie sich mit ihnen auf den Weg au die Ol erstäche machen, in die Nase klemmen, da sie im Munde von den Bewußtlosen leicht zerbissen werden können.— Es kann auch bei einer Gru enkatastrophe nöthig sein, Absperrungen zn niacheu, Wetterthüren zu schließen, vielleicht auch Scparatvenlilationeu(Lutten oder Scheideil eiuzu- richten. Auch zur Vornahme solcher Arbeiten genügt 356 Die Neue Welt. Illustrirte Nnterhaltungsbeilage. die Athmiingsdauer der Piieilinatophore, besonders wenn die Arbeiter»üt mehreren Apparaten ans- gernstet sind oder sich ablösen. Nicht nur bei imterhdischen llnfällcn, sondern auch bei oberirdischen, bei denen Ersticknngsgefahr oder Vergiftung durch giftige Gase droht, benutzt man sehr ztveckinaßig komprimirten Sauerstoff. Im Bicirz 1d<9t> schlugen beim Gichten eines Hochofens in Lesterrcichisch-Schlesien die Gase znriick und be- täubten und verbrannten den Gichter derart, daß er beivußtlos ins Krankenzinimcr geschafft tvurde. Bevor ärztliche Hülfe zur Hand ivar, führte der herbeigerufene Merkchef dem Verunglückten reinen Sauerstoff durch die Nase in die bringe und be- ivirktc damit nicht nur, daß derselbe sofort aus der Betvnßtlosig'eit erwachte, sondern sich bald so erholte, daß er nach Anlegung eines Verbandes an den vcr- brannten Stellen zn Fnß nach Hanse gehen konnte. Im Dezember t»96 hatten in einem anderen Werke vier Arbeiter einen Kessel im Innern mit Anti- corrosivum auszuschmieren. Durch entstandene Dämpfe verloren sie die Besinnung, ohne zuvor noch ein Zeichen nach außen ge'en zu können. Durch die Nuhe im Kessel anfmerksam geworden, drang der Lberkesselwärter in denselben, um nachzusehen, kehrte aber nicht zurück: gleiches Schicksal traf einen anderen Arbeiter, so daß sechs Mann beivnßtlos im Kessel lagen. Zwei Stunden vergingen, bis der herbei- gerufene Betriebsingenieur zwei Sauerstoffflaschen mit je IfiOO Liter Inhalt in den Kessel entleeren ließ. Sofort hörte man das röchelnde Athmen der Verunglückten, und bald darauf krochen vier derselben ans dem Kessel. Die letzten zwei lagen eingekeilt zwischen Kcsselwand und Heizrohr. Um auch ihnen Sauerstoff zu bringen, wurde ein Schlauch bis in ihre unmittelbare Nähe eingeschoben und noch eine Flasche mit 1000 Liter Sauerstoff entleert; bald krochen auch diese Zwei aus dem Kessel. Trotz des fast vierstündigen Aufenthaltes in der giftigen Luft erholten sie sich nach einigen Tagen und alle Sechs konnten bald ihrem Berufe wieder nachgehen.— Bei der Wiener Feucrlvehr ist der Apparat zu einem Geräthstück geworden, das zu jedem Brande mit- genommen ivird und schon vortreffliche Dienste bei Keller- und Stnbenbränden gethan hat. Man konnte mit demselben zum Feuerherde gelangen, was mit der Mlillcrschen Nanchhanbe des dichten Qualmes wegen nicht möglich gctvescn war. Auch bei deutschen Feuerwehren haben solche Apparate schon sehr gute Verwendung gefunden. Man denke nur an das legte Brandnnglück in der Scheringschen Fabrik in Berlin. Ruf der Walze. Ans den Papieren eines Fechtbruders. Von F. Ricbcck. (Fortsetzung.,_ t er Kunde indeß schien endlich an meine Ehr- lichkeit zu glaube»: er bestellte einen Schnaps � für mich, unterließ aber nicht, mich zu er- mahnen, ihm auch die fünf„Poschcr" zuriickzner- statten, die der Schnaps kostete. Ein Stückchen Brot iväre mir zehntausend Btal lieber gewesen. Den Schnaps trank die schmutzige Diele.— Durch den Onalm der Lampe ivar die Luft zum Ersticken dick geworden, und da ich mich vor Müdig- keit und Erschöpfung des Schlafes kaum erwehren konnte, jubelte ich im Stillen, als der Penncbos den Vorschlag zum Schlafengehen machte. Er führte uns in eine Kammer, in der mehrere Betten standen, forschte in unseren Hemden nach„Bienen", blieb mit dem Licht in der Hand an der Thür stehen, bis wir zu Bett lagen, und zog sich dann, uns knurrend eine gute Stacht wünschend, zurück. „Morgen früh will ich meinen Zwirn haben!" rief mir mein Netter zu, als»vir in den Federn lagen. „Wie oft soll ich denn sagen, daß Dns kriegst!" gab ich, der ewigen Mahnerei überdrüssig, ärgerlich zur Antwort. „Aber bis früh um Nenne! Ich verlaß mich darauf!" „Meinetwegen um Nenne." „Aber bestimmt!" Ich fühlte Neigung, ihn zu erdrosseln. Doch das ging nicht an, ich mußte ihm ja dankbar sein. Nach solchen Schrecknissen, Aengsten und Kämpfen, wie ich sie am Abend durchlebt hatte, nach Sturm und Frost und Ncgcn und mit sterbeusmattcn Gliedern in eineni tveichen Federbett zu liegen, das ist ein Genuß, wie ihn kein Millionär mit all seinen Millionen zu erkaufen vermag, und diesen Genuß verdarb mir derselbe Mensch, dem ich ihn zu verdanken hatte. Gräßlich! Daß ich ihn ins Land der Hottentotten verivünschte— wer kann es niir übel nehmen? „Hörst Du nicht? Es muß bestimmt sein!" „Ja, ja, ganz bestimmt! Aber guäle mich doch nicht so schrecklich!" „Du willst wohl Hiebe haben?" fragte er drohend. „Wenn Du mir noch einmal so dumm kommst, steh ich ans und stopf Dir das Ntaul. Mir kommste»ich!" „Ich komme Dir nicht," erwiderte ich mit er- zivungencr Nahe,„aber ich bin ein Mann von Wort, und da kränkt es mich, wenn Du immer nur das Eine sagst." „Ich sage nichts weiter, als daß ich bis Nenn mein Geld haben muß!" rief er grob. Bewahre der Himmel einen Jeden vor solchen Kapitalisten! Ihm das Geld bis zur bestimmten Stunde zn verschaffen, ivar meine feste Absicht: doch bei dem Gedanken, daß ich am anderen Ntorgen in aller Frühe meine Schuld von fünfunddreißig Pfennigen zusammendalfen müsse, überkam mich ein Gruseln und Grausen. Das ivar ja garnicht möglich! Vor nenn lihr kann man in einer Stadt garnicht dalfen: da schlafen ja die reichen Leute noch! Und doch— und doch, es muß möglich sein!... ich muß mein Wort erfüllen!... Jetzt aber will ich das Bett genießen... Wie mollig es ist, wie warm! Btag der Tag bringen, was er will! Es muß eben er- tragen und erduldet werden.... Schon weilt mein Geist an der Grenze von Lebensdämmerung und Traumland— schon gleitet er sacht hinüber in die bunten Wundergesilde des Unbewußten, als er plötzlich wie durch einen Zauber- schlag zurückfliegt in die traurige Wirklichkeit. Eine Hand tastet über mein Gesicht, legt sich an meinen Hals... mich durchzuckt der Gedanke an Ueberfall, an Mord, an den unheimlichen Pennebos, an die Drohung des Kunden... ich schnellte empor, schlage mit den Fäusten gegen den unbekannten Feind— gegen den Mörder, und er prallt zurück... „Sakrement, Du bist wohl verrückt? Bezahl mir jetzt den Tabak!" Das ist die Stimme des Kunden, meines Wohl- thäters. „Was machst Du denn an meinem Bette?" „Hiebe solltest Du kriegen!" erwiderte er.„Ich will Dich einmal schnupfen lassen, da schlägst Du mir den ganzen Tabak aus der Hand." „Nimms nicht übel! Ich wußte nicht, daß Dns bist." Brummend vor Acrger tappte er seinem Bette zu.„Nicht werth biste... nicht Werth... gar- nicht Werth..." hörte ich ihn sagen: dann rief er „Hoppla!" und unmittelbar darauf erfolgte ein Ge- ränsch, das mich auf die Vermuthnng brachte, er sei auf die Diele gefallen. Meine Bcsorgniß, daß er sich heftig geschlagen habe, schivand dahin, als ich die Worte vernahm:„Garnicht iverth... garnicht tverth..." ** * „Zeit, Zeit! Hier muß aufgeräumt werden!" Ich steckte den Kopf aus den Federn. Lichter Tag. In der Thür stand der Penncbos und über- schaute das Zimmer. Wie wird er enden, dieser Tag? O, daß die Nacht so schnell vergangen war!... „Was ist denn das? Schock-Krauttonnen-Ba- taillon, was ist denn das für eine Sauerei?" Und im Anschluß an diese gewichtige Frage ent- sprang seinem Munde eine Sturmfluth wüster Schimpf- reden. Tie schauerlichsten Flüche und Verivünschungen überpurzelten einander, und die gesammte Zoologie, sotveit er irgendwelche Kenntnisse davon besaß, mußte herhalten, ihm Stoff zu bieten zn Titulationen für meinen Genossen, mit dem er am Abend noch die besten Bczichnngen unterhalten hatte. Er stand jetzt am Lager des in Ungnade gefallenen Kunden, ergriff die Zudecke, schlenderte sie ans mein Bett und ließ das Kopfkissen nachfolgen:"»d als ich mich aus der Finstcrniß, in die ich durch das zugeflogene Bettzeug begraben worden war, zum Lichte durchgerungen hatte, flog mein theurer, noch vom Schlafe be- fangeuer Helfer auf Veranlassiing des rasend ge- ivordenen Pennebos auf den Fußboden. Die Ursache der Naserei war mir bald klar ge- worden. Empört über die Zufuhr des widerlichen Fnselgiftcs hatte der Magen des jungen Wandcrs- niannes rcbellirt und sich während der Nacht auf unnatürlichem Wege entleert, und dadurch ivaren das Be!t und der Fußboden verunreinigt worden. Der Penncbos verlangte von dem gemaßregelten Knuden, der sich von seinem Sturze langsam auf- gerafft hatte, fünf Bleier* Waschgcld und befahl ihm außerdem, die Diele zu reinigen. „Da muß ich einen Lappen haben," sagte der Kunde, der bei der ganzen Katastrophe eine merk- würdige Ruhe bezeigte. „Wischen Sie's mit Ihrem Hemde auf; ich habe für Sie keine Lappen, Sie Schweinhund!" schrie der Pennebos und rannte hinaus. Ich war aufgestanden und kleidete mich rasch an. Der Kunde ivandle sich zu mir und sah mich vorivnrfsvoll an. Sein Gesicht hatte über Stacht eine zarte Blässe angenommen. ..Meinen Ztvirn muß ich haben!" stieß er drohend hervor. „Ich ivill gleich losziehn!" erklärte ich kurz, und mir ward dabei wieder himmelangst. „Aber bald! Ich habe nur noch zwei Bleier." „Du willst doch nicht etwa dem Kerl die fünf Bleier bezahlen?" „Was geht Dich das an!" „Es geht mich nichts an, aber er ist doch selber schuld daran. Wenn er solchen elenden Schnaps verkauft..." Der Knude starrte mich mit leeren Fischaugen rathlos an. Die Augen schienen sich während der Nacht ganz verändert zu h be». „Wer solchen Schnaps trinkt, der muß sich übergeben," sprach ich weiter.„Mir ist schon beim ersten Glase ganz schlecht geworden." Immer noch ruhte der ausdruckslose Blick fragend auf mir. „Han'n wir ihn einfach durch; wir sind ja Zwei!" rieth ich, ohne es mit diesem Vorschlage besonders ernst zu meinen. lieber das Gesicht des Kunden aber ging ein verständnißvolles Zucken. Er nickte und beschäftigte sich weiter mit seiner Toilette. Mit flinken, un- gestümen Bewegungen zog er ein Kleidungsstück nach dem anderen an, und als er nahezu fertig ivar, brachte er ein blankes Dolchmesser zum Vorschein, stieß damit ein paar Mal in die Luft und sagte: „Das kriegt er in den Leib, wenn er mich anrührt!" Ich bekam allen Respekt vor diesem Kollegen. Wir gingen in die Herbergsstube und ich ersuchte den Penncbos, der uns finster und aufgeregt ent- gegentrat, um meine Papiere, die ich am Abend hatte abgeben müssen. „Js drin schon sauber?" fuhr er den Kunden an.„Keinen Schritt über die Schwelle, bis nicht Alles in Ordnung ist! Fünf Bleier Waschgeld!" „Ettvas niesen iverde ich Ihnen!" rief muthig mein Kamerad.„Die Papiere wollen wir haben!" „Keinen Schritt über die Schwelle!" wiederholte brüllend der Pennebos und machte eine Schwenkung nach der Ansgangsthür. Da blitzte der Dolch in der Hand des Kunden. „Die Papiere, oder mir ist Alles egal!" Ermnthigt durch diese Energie schrie ich dem Pennebos zu:„Schaffen Sie richtigen Schnaps an für die Kunden, dann wird so was nicht passiren! Wir sind auch Menschen!" Er wich vor dem Dolche hinter den Schanktisch, ergriff dort einen Stuhl und unternahm damit einen Vorstoß gegen uns. Der Kunde, den Dolch gezückt haltend, duckte sich zur Abwehr und zugleich zum * Bleier= zehn Pfennig. 358 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Sprunge auf den Feind, während ich in der Reserve- stellnng niit dein Stock zum Hiebe ausholte Doch der Zusanlinenprall erfolgte nicht? er ward vereitelt durch eine Fran, die mit Angstgeschrci in das Zinimer gestürzt kam, an uns vorbeirannle und sich fest an den Arm des Pcnnebos klammerte. Sie war bereits über den Grund des Krieges unterrichtet, den» sie beschwor ihren Mann, sein Leben zu schonen, und erklärte sich bereit, die Säuberung selbst vorzunehmen. Traten auch die Waffen nicht in Thätigkeit, so währte doch der KriegSlärm weiter, und namentlich der Pcnnebos wetterte, fluchte, drohte und tobte ohne Unterlaß. Von der Frau verlangte er, sie solle die Polizei holen? statt dessen riß sie am Schanktisch eine Schublade auf, nahm daraus unsere Papiere und schlenderte sie uns zu, sodaß die Blätter um- hcrflogcn. „Du bist wohl gar vom Bändel los?" rief sie in kreischendem Tone dem Pennebos zu.„Die Polizei von selber ins Haus holen... man weiß sich ohnedies keinen Rath vor ihr!" Wir rafften rasch unsere Blätter zusammen und ergriffen die Flucht. Bis an die Thür kam uns der Feind, den Stuhl schwingend, wüthend nach- gestürmt. „Hol' Euch der Geier!" schrie er uns nach. Dreißigstes Kerpitek. Der Galgenposamentirer. Im Eilschritt jagten wir durch die kleine Stadt; kaum daß ich mir unterwegs Zeit nahm, einen flüchtigen Blick ans das Haus des Bürgermeisters zu werfen. „Ich hätt' ihn erstochen? ich mach' mir nichts draus!" sagte mein Begleiter. Herzlich gern glaubte ich ihm das und verschivieg ihm auch diesen Glauben nicht? er aber wollte jeden etwaigen Rest eines Zweifels vollständig aus meiner Seele ausmerzen, und so wiederholte er seine Worte immer lebhafter und eindringlicher. Er ivar ein so langweiliger Bruder, daß ich sicher kein Kilometer Weges mit ihm gegangen wäre, wenn mich nicht das drückende Band der Schuld an ihn gefesselt hätte. Und seelenfroh war ich, daß er mich schiveigend von der schweren Verpflichtung entbunden hatte, den Schuldbetrag in dem schrecklichen Stadtneste znsainnien zu fechten. Ans den Dörfern getraute ich mir schon eher dieFcchtkunst auszuüben; da gab es keine„Putze", dem„Deckel" konnte man aus dem Wege gehen, und die Leute waren nicht so vornehm? sie ließen nöthigenfalls ein Wort mit sich reden. Länger als eine halbe Stunde rühmte mein Weggenoß in prahlerischer Weise seine Kühnheit und Kaltblütigkeit. Wenn ihn Jemand ärgere, so steche er ihn einfach nieder, ganz egal, ob er dafür ge- köpft werde. Ihm sei es gleich, ob er einen Hund oder einen Menschen erschlage; und immer wieder bethenerte er, daß er den Pennebos erstochen hätte, wenn die Frau nicht dazwischen gekommen iväre. Wir näherten uns mittlerweile einem Dorfe, und ich fragte ihn, ob wir dort bei den Bauern um Frühstück anfragen wollten. „Ich nehme jedes Kaff und jede Winde mit," entgegnete er.„Bei mir geht es stramm? da wird nichts verschont. Im Dalsen ist mir Keener gleich." Nu» hatte er neuen Stoff, das Lob seiner Tüchtigkeit zu verkündigen, und er unterhielt mich damit, bis wir das Kaff erreicht hatten und gemeinschaftlich in das erste Hans traten. „So früh am Morgen schon!" sagte unlvillig die Hausfrau.„Noch nichts verdient, und da soll man schon wieder in die Tasche greifen." „Wir haben noch nicht gefrühstückt!" sagte ich bittend. „Wir schon lange!" entgegnete sie und reichte uns einen Pfennig.— Binnen kurzer Zeit war jede» Hans deS schmucken Dorfes„abgeklopft", und wir hatten nicht nur Früh- stück bekommen, sondern auch gegen vierzig Psennige Geld eingesamnielt. Mein neuer Freund war wirk- lich ein ausgezeichneter Fechter. Ich sagte ihm dies nnd erwies ihm damit sichtlich eine Wohlthat? er lächelte mich gnädig an, zog seine Birkenholzdose und bot mir eine Prise. Aus seinem Blick und aus jeder seiner Belvegnngen sprach Dünkel und komische Erhabenheit. So mag ein protzenhafter, geistig be- schränltcr Polentat aussehen, wenn er huldvoll einen Orden verabreicht. Seine Rieisterschaft im Fechten ivar grundver- schieden von der meines Fechtmeisters. Dieser er- zielte seine großen Erfolge dadurch, daß er den Wider- stand der Kaffern durch betäubenden Wortschwall brach? mein neuer Held hingegen ivar ein Schweiger. Er stellte sich den Leuten einfach mit den drei Worten vor:„Ein fremder Reisender!" nnd selten nur sprach er einen Ton mehr. Seine Kraft lag in der Art seines Auftretens; forsch und keck und ohne jedes Zeichen von Zaghaftigkeit trat er vor die Person hin, sah ihr fest ins Gesicht, und sein Spruch klang nicht wie eine Bitte, sondern wie ein Befehl. Dazu kam, daß er ein strammer Bursch war, dec durch seine Erscheinung einen guten Eindruck machte, und daß in seinen dummfrechen Gluthaugen etwas sieghaft Gebieterisches lag, das auf die Menschen eine bezivingendc Rtacht ausübte. Hätte ich allein ge- fochten, Haus für Haus, so wäre der Wohlstand des Dorfes uni keine zehn Pfennige verringert worden, denn ich hatte das Unglück, an den meisten Thüren abgewiesen zu werden. Bei dem neuen Kollegen jedoch war es umgekehrt; die Regel war, daß er empfing, und die Ausnahme, daß er abgewiesen wurde. Bemerkt sei noch, daß er die leidige Ge- wohnheit besaß, die Gehöfte, in denen er gefochten hatte, nicht ans dem vorgezeichneten Wege durch das Hofthor zu verlassen? wenn es irgend möglich war, rannte er durch den Garten in das Nachbargrund- stück, und es kam ihm nicht darauf an, ein paar hohe Zäune zu überklettern. Gelang es ihm nicht, ans diesem ungewöhnlichen Wege ein anderes Gehöft zu erreichen, so sah er sich flink nach einigen Hindernissen um, über die hinweg er zurück nach der Straße gelangen konnte? über Düngerhaufen, Blumenbeete, Lastwagen, Zaunhecken, Moräste und Gräben setzte er mit turnerischer Gewandtheit hin- weg. Ich fragte ihn, was das bedeuten solle, und er sagte:„Wenn ich dalfe, dann gchts bei mir immer geradezu, wie im Kriege!" Ich konnte jedoch trotz dieser Antwort für das halsbrecherische Gebahren keinen vernünftigen Zweck einsehen, und so kam ich zu der lieberzeupng, daß die Ursache in seiner Groß- thnerei zu finden sei. Wiederholt geschah es, daß hinter ihm drein wüthend gescholten wurde, und einmal schleuderte ihni ein Bauer, durch dessen Rüben- garten er stampfte, einen Holzpfahl nach; das störte ihn jedoch nicht weiter. Manchmal gelangte er ans seinen ungebahnten Wegen thatsächlich eher an's Ziel, als ich, und er hatte, wenn ich ankam, das Ge- schüft bereits allein besorgt; doch niemals machte er mir wegen des Zuspätkommens einen Borwurf. Das bewog mich, öfter zu spät zu konimen, als es nöthig war. „Du kannst wohl nicht ordentlich dalfen?" fragte er, als wir uns ans freier Chaussee befanden. „So gut wie Du nicht." „So gut wie ich kann überhaupt Keener!" Wir kamen endlich dazu, uns miteinander bc- kannt zu machen. Nachdem ich ihm kurz über meine Persönlichkeit berichtet hatte, sagte er, daß er Eduard heiße und aus dem Posenschen stamme; in Breslau habe er zuletzt„geschenigelt". „Was hast Du für eine Religion?" „Galgenposamentirer," gab er zur Antwort. „Was ist das?... Ich bin nämlich noch nicht lange auf der Walze, und da weiß ich Manches noch nicht." Er schleuderte mir einen niilleidigen Seitenblick zu und sagte, daß er Seiler sei. Auch die nächsten beiden Kaffs wurden nach dem Grundsatz„Winde für Winde" gebrandschatzt? doch legte ich dabei leider eine recht schlechte Tüchtigkeits- probe ab. „Streck Dich hin nnd ruh Dich ans!" sprach der Galgenposamentirer, als wir gegen Mittag ein kleines Nest erreicht hatten. „lind Du...?" „Ich dalfe allein, das ist besser, als wenn Du immer mitläufst! Geh ich rein in die Winde, so bleibst Du eine halbe Meile zurück? komme ich raus, so stolpere ich über Dich. Ich muß Luft haben! Wenn mir Eener beim Dalfen immer im Wege herum trampelt, so geht niirs nicht fir genug. Denn wie ich dalfe, da kann Keener mit— auf der ganzen Welt Keener!" Ich erhob Einwendnngen. Der Mittag war herangekommen; die Schornsteine der Hänser qualmten nicht mehr— das sicherste Zeichen, daß das Essen abgekocht ivar— und nun sollte ich mich unthätig an den Wegrand setzen.... Ich gab ja ganz gern zu, daß ich im Dalfen ein miserabler Stümper war, nnd daß ich mir einen Kampf mit drei Dutzend wilden Katzen iveniger abschreckend und beängstigend vor- stellte, als den Gedanken, ebenso viele Dutzend Winden im Sturnilnuf abzufechten; doch jedesmal um die Mittagszeit ging eine Veränderung mit mir vor. Ich fühlte mich dann als ein leidlich tapferes Heldchcn, das keine Furcht hegte vor bösen Hunden und bösen Gesichtern, frisch ans den Feind losmarschirte nnd ihm dreist entgegentrat. Das mochte verschiedene nnd garnicht fernliegende Gründe haben. Rtit feinem Instinkt hatte ich wahrgenommen, daß die Leute nach dem Mittagessen viel besser gelaunt sind, als vor dem Essen; sodann weiß der Hunger einen vor- trefflichen Muth zu verleihen, und schließlich bittet sichs viel leichter um die Ucberreste vom Mittag- essen, als nm Geld, zumal der Bauer weit lieber ein Gericht Essen wegschenkt, als einen Pfennig Baargeld. „Von jetzt ab bleibe ich nicht zurück!" erklärte ich mit herzhaftem Vorsatz. „Nein, nein!" wehrte der Galgenposamentirer bestimmt ab.„Bei mir gehts über die Zäune, und klettern kannst Du nicht!" „Du wirst sehen, daß ich nicht zurückbleibe!" „Mach mich nicht böse!" rief er.„Wenn ich wüthend werde, ist mir Alles egal!" „Ich habe Hunger," wagte ich kleinlaut zu sagen. „Du wirst kriegen!... Aber ich sag Dir, mach mich nicht böse!" Ein komischer Geist! Ich glaube, wenn ich ihn noch einmal gebeten hätte, mich an seiner Seite dalfen zu lassen, so wäre der Dolch zum Vorschein gekommen.... Man war ja seines Lebens nicht sicher! Sollte ich durchbrennen nnd wieder auf eigene Kappe streiten?... Doch das ging nicht, wenn ich auch gewollt hätte— er führte ja die gemein- same Kasse!... Weshalb auch durchbrennen? Er hatte mir doch nur Gutes erwiesen. Mochte er doch ein ungehobelter Bruder sein— die Hauptsache, daß er auf Kameradschaft hielt und daß ich bei ihm mein Fortkommen fand!...(F°ris°tzung folg,., Deuische Kprachbelustigungen. Siebenle Kampfel. Von ZKcrnfred WitticH. Kcmn die deuische Sprache schnauben, schnarchen, poliern, donnern, krachen, Kann sie doch auch spielen, scherzen, liebeln, güieln, lürmeln, lachen. o pries der schlesische Edle Friedrich von Logau das vieltvnige Instrument unserer Miittcr- spräche in einer Zeit der tiefsten Schande nnd des jammervollsten Elends, zur Zeit des dreißig- jährigen Krieges, während dessen die meist Vater- landslose Gesellschaft der teutschen Fürsten das Reich aus allen Fugen brachte nnd es zu einem bloßen geographischen Begriff niederführte. Die wilde Soldateska aus aller Herren Länder gab sich Stelldichein auf deutschem Boden und ihr Hexcnsabbath hinterließ die grauenvollsten Spuren. Auch das Antlitz unserer Sprache wurde nach fremder Rtode nnd Unsitte mit Schönpflästcrchen und Schminke von allerhand Putz nnd Flitter fremd- sprachlicher Ausdrücke bis zum Nichtivkdcrerkciiueii entstellt. Hatten die gelehrten Deutschverdcrber mit ihrem„Lapperdcin", lvie Hans Sachs das Latein Die Aeue R)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 369 spöttisch nennt, und mit ihren griechischen Brocken nach dieser Richtung schon ihr Bestes oder Schlimmstes— gethan, so schneiten von den Salons der Vornehmen, den Höfen der Fürsten und ans den Feldlagern der allgebielenden Soldateska italienische, französische, spanische, slavische und der Himmel weiß was für fremdsprachige Abschnitzel allerlei Art in die deutsche Sprachschüssel und bildeten da ein lvunder- saines„Leipziger Allerlei", oder soll man lieber sagen Kuddelmuddel? Loga» gehört zu den Männern, die gegen solche babylonische Sprachvertvirrung Einspruch erhoben und die Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit der deutschen Zunge, der„teutschen Haupt- und Heldensprache", wie ein Anderer gesagt hat, immer wieder hervor- zuheben nicht müde wurden. Freilich schütteten auch etzliche unter diesen Eise- reru für deutsche Sprache und deutsches Wesen das Kind mit dem Bade ans und gaben sich oft gar lustige Blößen, wie ich das vor vielen Jahren ein- mal in der„Neuen Welt" ausführlich geschildert habe. Von der Jagd mit Kanonenkugeln auf die Fremd- Wörterspatzen, will ich hier aber nicht reden, sondern die Wahrheit und Berechtigung des oben angeführten Spruches von Logau durch einige Beispiele bestätigen. Wenns zu einem Krach, zu einem Donnerwetter zwischen streitenden Leuten kommt, da regnet es Verwünschungen und Schmähreden, es wird ver- flucht, gescholten und geschimpft.(Merkwürdig ist, daß Schimpf eigentlich früher Scherz, Spaß be- deutete, wie des prächtigen Erzählers Pauli Anek- dotenbuch betitelt ist„Schimpf und Ernst", llvobei Schimpf den Gegensatz zu Ernst bedeuten soll.) Wenns ans Schimpfen geht, so niuß vor Allem das Thierreich herhalten. Der Schamlose wird Hund, Hnudesohn titulirt, im Morgenlande ivie bei uns, dort wohl vorzüglich als Aasfresser, der Unsaubere als Schtvein, die Schwätzerin als Gans, die Falschen und Heimtückischen werden Katzen genannt, die vorne schmeicheln und hinten kratzen. Der träge Esel, das mißgestaltete Kameel, das dem Leithanimel blöd nachdrängende Schaf, alle drei auch Symbole der unendlichen Geduld, sollen die Abwesenheit von Ver- stand, eigenem Urtheil, Selbstständigkeit anzeigen. Affe nennt man den unselbstständigen Nachbeter und Nachtreter berühmter und unberühmter Nhister; Papagei den urtheilslosen Nachschwätzer, der Gimpel, der garnicht so leicht zu fangen sein soll, gilt gleich- >vohl für einen dummen Bogel und als Schimpf- ivort für einen dummen Menschen, der auf jedes Blendwerk, auf jeden faulen Zauber„hineinfällt". Das dickhäutige Rhinozeros muß seinen Namen her- geben, um einen fühllosen, stumpfen Menschen zu bezeichnen. Börne vergleicht die Schafsgednld und Empfindungslosigkeit des deutschen Volkes mit der Widerstandsfähigkeit des Panzers, den das Krokodil von Mutter Natur erhalten hat. Heine spottet über dasselbe deutsche Volk unter dem Bilde des tilgend- haften Pudels Brutus, der schließlich bei aller Tugend doch nicht ganz tugendhaft sei, weil er durch Ver- snchungen anderer Köter so schwach wird, daß er von dem zu apportireüden Fleisch frißt! Eine ganze Ntenge von Schimpfwörtern geben zu ernsten, sozialpolitisch-moralischen Betrachtungen Anlaß, indem sie ursprünglich den Armen, schlecht- bekleideten, mittellosen Menschen bezeichnen. Lump, Lappen sind deutlich genug,' Hallunke wird erklärt als ein wild aussehender, namentlich im Anzug und nach Leibespflege vernachlässigter, nackter, bloßer Mensch. Schuft, ursprünglich eine Befehlsformbildung von schuven und üt, also schieb, wirf hinaus, bedeutet so viel wie Wegwurf, Kehricht, Aas, lln- reinigkeit, der man recht gern entrathen kann, womit wieder die Schimpftvörter Unrath, Unflath, Aas, Luder usiv. zusammenhängen. Die Fastnachtsspiele des 15. und U!. Jahrhunderts, namentlich die derberen, ja manchmal sogar unfläthigeu, würden uns gestatte», ein gar umfang- reiches Gegenstück zu Knigges Ilmgang mit Menschen oder Albcrtis Komplimentirbuch zusammen zu stellen. Neben den Schimpfwörtern aber fehlt es nicht an Verwünschungen und Verfluchungen, die wie ein Donnerwetter oder wie ein Hagelschauer herabprasseln auf den Gescholtenen. So die dichterisch übertrei- benden Drohungen: Ich schlage dir alle Knochen im Leibe entzwei, daß du sie im Schnupstüchel heim tragen kannst! Ich rathe dir, alle deine Knöchelchen zu nnmerire», damit du sie hernach wieder zusammen- findest! Geh zum Henker, hol dich der Teufel, und zur Steigerung, hol er dich vierspännig(da gehts schneller!) oder recht gransam: hol er dich lothweis!— Reich- haltig ist schon die Auswahl solcher unliebenswürdiger Anwünschungen im Mittelalter gewesen, da werben einem das Fieber, die Krämpfe, der Veitstanz(die fallende Sucht, Epilepsie auf Deutsch) und andere Plagen angewünscht. Wir wollen einmal einen Verwünschungsphonographeu aus jeuer Zeit(14. bis 15. Jahrhundert) aufdrehen und sein Sprüchlein herbeten lassen. Also, lieber Leser, sattle dich und steh fest! Daß dich alles Unglück befalle! Daß dich das Herzleid bestehe! Daß dich die Pestilenz ankomme! Daß dich die Franzosen(die Lustseuche) ankommen! Der Gachritteu(das jähe Fieber) gehe dich an! Daß dich die Parle rühre(die Paralysts, der Schlag- aiifall)! Daß dich der Tropf schlage(dasselbe,! Daß dich das höllisch Feuer brenne! Der Teufel führe dich über Osterode weg! Daß du müssest toll, rasend und unsinnig werden! Daß dich Gotts Marter. Straf, Wunden, Sakramente schänden! Ich will dich elementen, man soll dich sakramenten (d. h. so behandeln, daß die Sakramente, und zwar die Sterbesakramente bereit gehalten werden müssen)! Daß dich der Donner erschlage! Die Sucht(Seuche) gehe dich an! Hats genug gedonnert und gekracht? DaS war nur ein kleiner Theil der herrlichen Blumenlese, welche Agriwla(1492—1566) in seiner Sprüch- >vörtersammlung uns aufbewahrt hat: es wird aber, denke ich, vollkommen genügen, um die Leistnngs- fähigkeit unserer trauten Rinttersprache auf dem hier in Frage stehenden Gebiet vollständig auszuweisen. Ans das wilde Fluchen, Schwören und Ver- wünschen der Landsknechte brauche ich wohl nur hinzuweisen, man kennt ja, wie fruchtbar selbst noch uusere modernen Kasernenhöse und Ererzierplätze an phantasiereichen Schimpfreden und Verwünschungen sind. In den Stenogrammen der Reichs- und Land- tagsverhandluugen, in denen Bismarck gesprochen hat, kann man auch noch eine ganz hübsche Botanisir- büchse von Kraftausdrücken, namentlich gegen Oppo- sitionslente von ihn: gebraucht, zusammenlesen, wenn man Lust und Zeit dazu hat. Aber auch seine Treuen und Lieben behandelte er in Redebildern und Vergleichen oft recht drastisch; so, wenn er ein- mal sagte: Ein christlicher Hengst und eine jüdische Stute könnten eine ganz hübsche Zucht geben, und er wisse noch nicht, was er diesbezüglich seinen Söhnen rathen solle. Plan hat ihm ja das als eine besondere national- deutsche Begabung nachgerühmt; freilich, wenn ein Anderer so was sagte nach dem Gewaltigen hin- über, sei es mündlich in Volksversammlungen, sei es in der Presse oder sonstwie, so hielt der teutsche Held seine lithographirten Strafanträge bereit! Er nahm sich die Freiheit, derb deutsch zu reden. Andere aber sollten straffällig sei», wenn sie wieder aus dem Wald Heransriefen, wie es hineingeschrien war! Doch gehen wir zu anderen, zu literargeschicht- lichen Berühmtheiten über. Wie prächtig hat der eislebener Bergmannssohn und Bauernenkel Luther in seinen Predigten, Streit- schriften, Briefen und Tischgesprächen die deutsche Sprache krachen, poltern, donnern, schnauben und schnarchen lassen! Der gewaltige Sprachvirtuos Johann Fischart eben desgleichen! Wir müßten die ganze Literatur durchschweifen und fänden kein Ende, wenn wir alle die Donner- und Blitzschlenderer mit Proben antreten lassen wollten. Nur noch ein paar Himveise auf neuere Gewitterbrauer mit dem Hülfsmittel unserer Muttersprache. Wie donnert, poltert und kracht unser geliebtes Deutsch in Schillers Jugenddramen: Räuber, FieLko, Kabale und Liebe. Roller in den Räubern berichtet von einem in die Luft gesprengten Pulverthurm mit den Worten: Es war ein Krach, als ob dem Himmel- faß ein Reif gesprungen wäre. Ein anderer Räubergefährte Karl Ntoors, Schweizer, sagt von dem jungen Kosinsky, der sehe gerade so drein, als wolle er den Marschall von Sachsen mit einem Rührlöffel über den Ganges jagen. Der Btohr im Fiesko sagt zu seinem Herrn: Enttvischt mir ein Lockenhaar, so sollt ihr meine zwei Augen in eine Windbüchse laden und Sperlinge damit schießen! Fiesko zum Mohren: Ich will dich nicht an die Hörner des Mondes hängen, aber doch hoch genug, daß du den Galgen für einen Zahnstocher ansehen sollst! Die urkräftigen englischen Bilder und Wortspiele Shakespeares vermochten Schlegel und Tieck sehr treffend mit deutschen gleichbedeutenden und gleich kräftigen Wendungen wiederzugeben. lind welche Kraftblüthen hat Christian Dietrich Grabbe im Garten seiner übcrgenialen Dramen und in anderen Schriften groß gezogen! Einem Gegner lvünscht er einmal, er müßte an einem thnrmhohen Rasirmesser in die Höhe klettern; von gewissen Reimschmieden erklärt er, daß sie so dumm seien, daß die Esel im Preis aufschlügen, wenn ein Blatt von ihnen ins Publikum komme. Die Stimmen alter Weibspersonen nennt er so schrill und scharf, daß man ein Stück Brot damit ab- schneiden könne. Der Herzog von Gothland, der Held eines Grabbeschen Dramas, sagt von sich: Ich bin ein Hanfe von zusammengesperrten Tigern, die einander auffressen. Von noch Jüngeren haben eine ganze Menge Satiriker und Humoristen prächtige Bilder kraft- strotzender Klang- und Singfülle geschaffen. Man lese nur Börne, vor Allem aber Heine einmal von diesem Gesichtspunkte aus genauer: man wird staunen über diese schneidenden, blitzartigen Trompetenstöße, krachenden Paukenschläge und durch Rlark und Bein gehenden Posaunenstöße, welche sie der gewaltigen Orgel der deutschen Sprache zu entlocken verstanden haben. Und ob die deutsche Sprache spielen, scherzen, liebeln, güteln/ kürmeln, lachen kann? Wenn man die Liebcslieder der Minnesänger durchläuft, kann man sich ein umfangreiches Wörter- buch von Kosenameu in gar kurzer Zeit zusammen- tragen. Ich will aus dem meinen nur ein paar Proben geben. Die Geliebte wird da genannt: mein lieber Buhle, mein Herz, mein Aufenthalt, du meiner Freuden Ostertag, meiner Freuden Spiegel- glas, meiner Augen Weide, mein Hort, niein Gold, mein Edelstein, trautes Traut, liebes Lieb. Der prächtige, erzgebirgische Paul Flemming nennt seine Geliebte: mein einziges Ein, du mein Ich, Sonne meiner Freuden; Anemone, meine Wonne, Meines Herzens stete Zier, Meine Klarheit, meine Sonne. Und will man noch neuere Proben, so schlage man Goethes Briefe und Billete an die Frau von Stein auf, aus denen ich nur eine kleine Anzahl Kosenamen ausziehe: Süße Unterhaltung meines innersten Herzens, liebe, unversiegende Ouelle meines Glückes, du Einzige unter den Weibern, liebe Be- gleiterin aller meiner Gedanken, lieber Inbegriff meines Schicksals, aller meiner Freuden und Schmerzen, liebe Seelenführerin, süßer Traum meines Lebens, Schlaftrunk meiner Leiden, mein Glück, mein Gold, mein Morgenroth, meine liebe Beichtigerin, meine liebe Sänftigerin. Noch drängt es mich aber, ein altes Beispiel wunderbar feiner Beobachtung von Gefühlen und Empfindungen hier anzuführen. Die Wonne höchster Liebesfteude schildert der Tannhäuser, der ja so viel geliebt und, der Sage nach, selbst in den Venusberg gefahren und kost- barstes Minneglück genossen haben soll, er darf sich kühnlich als Schilderer der Liebe neben Gohfried von Straßburg, der das Ewigkeitslied von der un- seligen Liebe Tristans und Jsoldens sang, neben ■* Giiteln heißt es gut meinen, giitig, gütlich zu reden; kürmeln wird erklärt als lallendes Reden, es ist von Dich- tern gebraucht vom Gurren der Tauben, vom friedlichen Knurren des verliebten Löwen; namentlich bei schlesischen Dichtern findet es sich. S6Ü Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Goethe und Heine stelle». Hören wir eine Probe, die ich, zum Theil freilich, um die Neinie zu wahren, nicht ganz neuhochdeutsch umsetzen kann. Ter Sauger fragt die Geliebte: Wie ist Tie gewesen? Sie antwortet: Das kann Niemand voll lesen Noch ausschreiben, Und wäre das Meer Tinte Und der Himmel Perminte(Pergament) Und alle Sterne daran, Beide, Sonne und der Man(Mond), Gras, Gries(Sand) und Laub, Dazu der kleine Sonnenstaub, Wären die ein Schreiber- und Psaffenhcer*— Ihnen Allen war es zu schwer, Dast sie ausschreiben und auslesen Könnten, wie sanste mir gewesen, Die Zeit däuchre mir nicht lang, Vor meinen Ohren war ein Gesang, Wie wenn Vöglein sängen Und tausend Harfen klängen; Wundersames mir geschah: Vor den Augen wars, als säh ich da Rothen Rosen in dein Thaue In einer grünen Aue. Zu derselben Stunde War mir in meinem Munde Honig und Zuckermehl, Das floß süß durch ineine Kehl. So lang ich in der Freude lebte Wars, wie wenn ich in Lüsten schwebte. Ich hatte nirgend ein Glied so kleine, Nimm die Märe gläubig aus!— Wo nicht, laß ein Fiedler drauf, Und fiedelten Alle den Albleich,� Daß mir mein Sinne gar entweicht(daß ich fast von Sinnen kam), Daß ich nicht hörte mehr, noch sah— So wunderlich mir da geschah! Dos könnte ein heutiger Naturforscher oder ein Professor der Physiologie geschrieben haben. Die Sonneiistänbchen können gut für eine Uebersetznng der Atome gelten, und die kleinsten, in wonnige Schwingungen versetzten Glieder, kann man recht gut mit Nerven übersetzen. Man sieht, daß das angeblich finstere, barbarische Mittelaller schon recht feine Beobachter der Natur besaß. Wie entstehen Kosenamen nnd Schmeichelnanien? Dem Lallen nnd Stammeln der Kmder bilden die Eltern Kosenamen nach; wie die 5linder sich selbst, oder wie die Nesthäkchen die älteren Geschivister oder andere Personen nennen, so nennen im trauten Familienverkehr die Eltern nnd Erlvachsenen jene Personen selbst wieder. So nannte sich und nannten wir alle im Hanse eine Zeit lang ein kleines Mädchen, das Hilde heißt, weil sich das besser sprechen ließ: Dinne. Aus ihrem Bruder Wolfgang ward ein höchst unheimlich klingender Wnivah. Eine kleine Hedwig meiner Bekanntschaft hieß kraft ihrer eigenen Umtaufe Pipig. Liebe nnd Zärtlichkeit des häuslichen Herdes und anderer tranlicher Bereinigung bilden ihr wunder- sames Titclwesen nnd ihr eigenes Zeremoniell aus. Mietz, Micke, Mäuschen, Stift, Mutz, Karlemann, Heinz(von Heinrichs, Fritz(von Friedrich) sind gebrauchsbequeme Abkürzungen, bequem gemacht vom * Die Psaffen hier als die schreibkundigeu Gelehrte» zu fassen. —5� L o w e n r i k t. �— (Zu unserem Bilde.) Wusteuköilig ist der Löwe; will er sein Gebiet durchfliegen, Wandelt er»ach der Lagune, iu dem hohen Schilf zu liegen. Wo Gazellen und Giraffen trmkeii, kauert. er im Rohre; Zitternd über dem Geivaltgen rauscht das Laub der Sicomore. Abends, wen» die hellen Feuer glühu im Hottentotten- kraale, Wenn des jähen Tafelberges bunte, ivechselnde Signale Nicht mehr glänze», wenn der Kaffer einsam schweift durch die Karroo, Wenn im Busch die Antilope schlummert, und am Strom das Gnu: Sieh', dann schreitet majestätisch durch die Wüste die Giraffe, Daß mit der Lagune trüben Flutheu sie die heiße, schlaffe Zunge kühle; lechzend eilt sie durch der Wüste nackte Strecken, Knieend schlürft sie langen Halses aus dem schlämm- gefüllten Becken. Plötzlich regt es sich im Rohre; mit Gebrüll auf ihre» Nacken Springt der Löwe; welch ein Reitpferd! sah man reichere Schabracken In den Marstallkamiueru einer königlichen Hosburg liegen, Als das bunte Fell des Nenners, den der Thiere Fürst bestiegen? In die Muskeln des Genickes schlägt er gierig seine Zähne; Um den Bug des Niesenpfcrtes iveht des Reiters gelbe Mähne. Mit dem dumpsen Schrei des Schmerzes springt es auf und flieht gepeinigt; Sich', wie Schnelle des Kameeles es mit Pardelhaut vereinigt. Lieh', die inoudbeslrahlte Fläche schlägt es mit den leichten Füßen! Starr aus ihrer Höhlung treten seine Augen; rieselnd fließen * Den Kuhreigen, dessen herzbethörende, Heimweh- weckende Kraft später so manchen schweizer Söldner zum „Desertiren" nöthigte, wie das alte Volkslied„Zu Straß- bürg auf der Schanz" so ergreisend berichtet. Alis dciil fflipicrliorß öcr M. An dem braungefleckten Halse nieder schwarzen Blutes Tropfen, Und das Herz des flücht'gen Thieres hört die stille Wüste klopfen. Gleich der Wolke, deren Leuchten Israel im Laude Femen Führte, wie ein Geist der Wüste, ivie ein fahler, luft'ger Schemen, Eine sandgeformte Trombe in der Wüste sand'gem Meer, Wirbelt eine gelbe Säule Sandes hinter ihnen her. Ihrem Zuge folgt der Geier; krächzend schwirrt er durch die Lüfte; Ihrer Spur folgt die Hyäne, die Entivciherin der Grüfte; Folgt der Panther, der des Kaplands Hürden räuberisch verheerte; Blut und Schweiß bezeichnen ihres Königs grausenvolle Fährte. Zagend auf levend'gein Throne sehn sie den Gebieter sitzen, Und mit scharfer Klane seines Sitzes bunte Polster ritzen. Rastlos, bis die Kraft ihr schwindet, muß ihn die Giraffe tragen; Gegen einen solchen Reiter Hilst kein Bäumen nnd kein Schlage». Taumelnd an der Wüste Saume stürzt sie hin, und röchelt leise. Todt, bedeckt mit Staub nnd Schaume, ivlrd das Roß des Reiters Speise. Ueber Madagaskar, fern im Osten, sieht man Frtthlicht glänzen;— So durchsprengt der Thiere König nächtlich seines Reiches Grenzen. Fretligrath. Fürstliches Vergnügen. Johann Kasimir, König von Polen(U>48— 1668), der sich mit der Wittwe seines Bruders Hans, Maria Ludovika, einer Französin, vcr- inählt hatte nnd ganz von ihr beherrscht wurde, berief auf ihren Wunsch eine französische Schanspielerlrnppe an seinen Hof, ivelche Pantomimen unter freiem Himmel vorführte. Eines Tages sielllen diese Leute eine Schlacht zlvischen Deutschen und Franzosen dar, die mit der Ge- Kinde selbst, das den Namen so kürzt, oder von den Eltern nnd Erziehern, die ihm vorarbeiten nach dieser Nichtung. Der Familieufremde selbst wird niit einbezogen in die Familientraulichkeit, zunächst insofern, daß er die Kinder mit freundlichen und ehrenden Namen belegt, um deren Eltern angenehme Musik in die Ohren klingen zu lassen. Da sagt er ivohl von dem kleinen Knirps: Na, da ist ja der Stamm- Halter, der Erbprinz, das kleine Fräulein usw. Vorn Hauch der Fainilienliebe und Hanstranlich- keit werden zum Dank im Plaudern mit dem Kinde auch diese blntfrcmden Leute geadelt, und die männ- lichen Geschlechts zu„Onkeln", die weiblichen Gc- schlechts zu„Tanten" ernannt. Das ist ein prächtiger Ldeiii von allgemeiner Menschenliebe, den das Kind, den die zarte Jugend ausstrahlt nnd uns harte, egoistische, berechnende, erivachsene Menschen ans Augenblicke in das Paradies der kindlichen Unschuld znrückzanbert: ein wonniger Segen für Den, der ihn zu fühlen noch Herz genug hat. Und Mancher, von dem maus nicht glaubte, hats wieder empfinden gelernt unter dem erziehenden Einfluß unschuldiger Kinder, den jeder Bater, jede Mutter sicherlich an sich nachzuspüren vermag, wenn sie nur dranf achten mögen. Wenns keine Kinder gäbe, wären die Menschen ganz gewiß noch tausend Mal schlechter, als leider schon so gar viele von ihnen sind.--- Gelt, lieber Leser, schöne Leserin, der alte Logau hat Recht: Unsere Sprache hat viele Register und Töne, vom Säuseln des Zephirs bis zum Krachen des Donners, vom Zwitschern des Vogels bis zum Brüllen des Leuen! Wie prächtig läßt sich auf dieser Orgel phantasire», jubeln und jauchzen, zürneir. und klagen. Allah braucht nicht mehr zu schaffen! Wir erschaffen seine Welt! fangennahme des deutschen Kaisers endete, denn zu jener Zeit war dieser Monarch bei den Polen nicht gut an- geschrieben. Die Zuschauer, Edellente des Hofes und der Umgegend, saßen bewaffnet zu Pferde. Als der Feind besiegt war und der Kaiser mit Ketten belastet dastand, rief ein Zuichauer. der die Sache für Ernst nahm: „Tödtct diese» Hniidesohn, daniit der König von Frank- reich das Reich erhält und, so Gott lvill, auch König von Polen ivird." Bei diesen Worten nahm er einen Pfeil ans dem Köcher und schoß ihn ans den vermeintlichen Kaiser ab, die anderen Edellente folgten seinem Beispiel und eine Wolke von Pfeilen ergoß sich über die niiglllck- lieben Schauspieler, ivelche, zum Theil erheblich verwundet, schleunigst das Weite suchten. Tie Königin war über diesen tragischen Ausgang des Spieles höchlichst entrüstet, der König aber lachte aus vollem Halse. -K-S> Gedankensplitter.