Nr. 46 �Säufivivie 3 Cri£crHaUurt0ÄbcUc*0c» 1897 Späth Von Gustav �ie Sonne schleicht so fahl durchs gelbe Taub. In trüber Luft die Krähe späht auf Raub. Ts dampft das Keld. In fernen Höhen ziehn Die letzten Schwalben gegen Süden hin. Lintönig schallt ein müder Hammerschlag vom Dorf herüber in den lichten Hag. Stumm lausch' ich dort, gelehnt am dürren Baum, Dem Sterben der Natur wie einem Traum. Aast hör' ich nicht der Drossel kühles Lied, Seh' kaum das Wild, das ruhlos waldwärts flieht. erbst,- Macasy. Der Nebel lastet wie ein dumpf Geschick Mit grauein Arm auf meinem Sommerglück. Doch durch die Stille immer lauter schwillt Der Drossel Sang und wird so weich und wild. Sr brennt sich in mein Herz gleich einem Brand, Mein Athem glüht, es zittert meine Hand. Denn grüßend über Herbst und Nebel winkt Mein Sommerglück und lächelt und versinkt. Dann Ruh! Die Sonne schleicht durchs gelbe Taub. In trüber Tust die Krähe späht auf Raub. Jas Utsser mil drin tmnmml fkiff. (Fortsetzung., Von Charlotte Nisle-Klein. � ange, laiige mußte ich ivarteii, so laiige, daß mir der Gedanke aufstieg, ich hatte am Ende 9�9 das Zeichen übersehen; wie schrecklich!— Doch uciu, das war unmöglich, keine Selniide war mein Blick von den Gestalten drüben gewichen; ich hatte gut anfgepaßt, sehr gut. Hah, endlich!- Ich fühlte, ivie mir einen Moment das Blut zum Herzen schoß.— Das Zeichen, das Signal!— Tie verabredete Bewegung! Eine Bewegung vom Schlaf Erwachender; ein Ausdehnen und Strecken und wieder Znsainmenziehen beider Arme in Hanpteshöhe, mit leichtem Zurück- neigen des Lberkörpers; deutlich sichtbar durch das nur halbverhangte Fenster. Vollste Kaltblütigkeit überkam mich. Lautlos wie eine Katze, nach allen Seiten spähend, schlich ich hinüber gegen das Haus, drückte mich sachte durch den dunklen Flur, der nach hinten führte.— Es begegnete mir Niemand.— Wie prakiisch doch die Filzschuhe waren, die mir mein Vater extra für diesen Zweck gekauft!— Kein Ton!— Als ich an der Treppe vorüber kam, tastete nieine Hand nach dem von mir bereit gestellten Korbe. Ja, ja, er war noch da; Alles in bester Lrdunng. Die kleine, sonst stets verschlossene Thür«, die zum Höschen führte, öffnete sich geräuschlos, denn sie war nur angelehnt: oh, es war Alles vortrefflich arrangirt, zum Freuen! Nun stand ich in dem engen, kaum mannbreiten, glasüberdachten Gängchen, das sich zwischen unserem und dem Nachbarhanse hinzog. Ein modriger, dumpfer Geruch erfüllte den kleinen Raum. Von den defekten Dachrinnen der beiden alten Häuser tropfte es leicht herab durch die theillveise zerbrochenen Glasplatten auf die feuchtgrünen Steine des Pflasters. Diese waren so spipig, daß ich sie durch die weichen Filz- sohlen spürte. Ich wand mich zivischen alten Kisten und mannigfachem Gerümpel zuin Fenster hin. Vor- sichtig lauschte ich zuerst, ob sich was im Zimmer rege.— Durch die trüben, staubbedeckten Scheiben ließ sich nichts unterscheiden; nur der matte Schimmer einer kleinen, offenbar tief»iedergeschraubtcn Petroleumlampe war erkennbar.— Also— in drei Teufels Namen!— Ich stieg auf das niedere Ge- sims, schivang mich empor,— wie sicher ich doch war!— Wie glatt ich durch die Stäbe rutschte, — nachdem ich den oberen Fensterflügel geöffnet,— lvie genau ich fühlte, wo ich Balan e halten mußte, — wie fein ich den Vvrthcil weg hatte beim Herab- gleiten!— Jetzt!— Mit einem Satz stand ich im Zimmer. Nur ein leises Klirren der Flaschen auf dem Fensterbrett. Es ivar gut gegange», famos!— Ich ergriff die kleine Lampe, schraubte höher und näherte mich dem Wandschrank. DaS gelbe trübe Licht fiel auf die Kassette, von der ich die Kleidungsstücke, unter denen sie versteckt gewesen, hinweggeschoben. Schon wollte ich nach ihr greifen; da fielen meine Blicke auf einen Gegenstand, der daneben lag, und blieben wie gebannt darauf haften. Das Messer, das Messer des Hansherrn!— Das hatte mir schon lange in die Augen gestochen; nach dessen Besitz hatte ich getrachtet, seit ich es zum ersten Male gesehen. Das schönste Messer der Welt! Ich kannte es, hatte es sogar einmal flüchtig in der Hand gehalten, als es der Alte im Laden herumgezeigt.— Da lag es,— lag vor mir!— Ein feines Messer von außergewöhnlicher Größe; stark und fest. Das Interessanteste daran war für mich der vergilbte, breite Bcingriff. Mit feinen, schwarz nach- geätzten Strichen war darauf eine ganze Jagd mit zarien Konturen ans Nadiermanier eingegraben. Es ivar ein wunderbarer Griff; wie hingehaucht zogen sich die schwürzlich-braunen, leicht mit Querstrichen schattirten winzigen Figuren über das matte Gelb. — Ein wunderbares, eigenartiges Ntesser. Wirklich wunderbar!— Ich nahm es und besah es genau. Auf der einen Seite befand sich ein Hirsch mit riesigem Geweih; ihm folgte ein Jäger mit Jagd- Horn; dann kam ein Baum und zuletzt eine Meute nachjagender Hunde.— Ans der anderen Seite war eine Wildsau zu sehen, ein Baum, ein Jäger mit Speer und zwei nebeneinander laufende Hasen. Wie verzaubert blieb ich in den Anblick des Messers versunken; ich hatte Alles vergessen, ver- gessen, wo ich mich befand, vergessen die Gefahr, in der ich'schwebte. Plötzlich kam ich zur Besinnung; rasch entschlossen steckte ich das Messer zu mir.— Ich war zu Tode erschrocken; mir fiel ein, wie lange ich mich ans- gehalten, wie viel Zeit ich verloren.— Zum Henker, wie konnte ich doch!— Nun galt es aber!— Schon hatte ich die Kassette ergriffen,— horch!— Ein leises Knarren, das Hereinfallen eines Lichtstreifens; die Thüre hatte sich geöffnet. Zu spät! Zu spät!— Ich wußte es.— Bebend an allen Gliedern, wie versteinert stand ich, die 3G2 Hcuc Welt. Illustrirte Rnterhaltungsbeilag:. Kabelte in der Hand haltend. Toch nein, ich hatte Glück. Glück wie immer, der Spalt schloß sich wieder, der Lichtslreifen erlosch.— Die Stimme meines Malers ivar zu meinen Ohren gedrungen. Er hatte den Alten lachend zurückgerufen.— Lachend allerdings. aber mir klang durch dies Lachen der ver- haltene Schrecken; ich fühlte das Beben der Todes- angst den lustigen Ruf durchzittern. Und mein Bater inustte ja bangen, natürlich! Denn ich hätte schon längst zurück sein sollen. Es ivar die höchste Zeit! — Meine volle Ruhe und Gcistesgcgcnivart kehrten wieder. Im Rh war ich draußen, mit Windeseile. Die Kassette im Korb, schlich ich mich auf die Straße. Da hörte ich schon ein Geschrei im Laden. Zni» Glück ivar Fanny, weil es ihr zn lange ge- dauert, trotz der Verabredung beinahe bis ans Hans gekommen. Ohne ein Wort zu reden nahm sie mir den Korb ab und entfernte sich mit raschen Schritten, während ich zurückrannte und in den Laden trat. Ricmmid nahm Notiz von meinem Kommen; der larnentirende Hausherr hatte wohl kaum meinen Eintritt bemerkt,— der am wenigsten. Nur mein Vater sah mich fragend an,— er mochte genug Oual und Sorge ausgestanden haben; ans seinem Gesicht lag etwas Abgespanntes, Müdes; er erschien mir auf einmal sehr alt. Ich nickte ihm unbemerkt zu, während ich mir den Schweiß von der Stirn wischte.— Donnerwetter, hatte ich Glück gehabt!— Um ein Haar wäre es um niich ge- schchen gewesen,— um ein Haar!— Scheußlich! Ich mochte garnicht daran denken. Es war ein großer Tumult im Laden; die Leute fragten und erzählten durcheinander. Die Haus- frau war auf das Geschrei ihres ManneS, welches er erhoben, als er den Abgang der Kassette ent- deckt, ins Hinterzinimer geeilt und mußte dabei sicher Gelegenheit gefunden haben, die letzte Aufgabe aus- zuführen,— das Wicderschließen des Fensterriegels. Der Alle war so bestürzt in den Laden zurück- gelaufen, daß ihr Zeit dazu blieb, es unbemerkt zu lhnn. Ein Glück für uns; von dieser Kleinigkeit hing viel ab. Es war von großer Wichtigkeit bei der späteren gerichtlichen Untersuchung, ob das Fenster 'von innen geschlossen gewesen. Die kleine Thür zum Höfchen hatte ich selbst nach vollbrachtem Werk zugesperrt und drückte der Hansfrau den Schlüssel heimlich in die Hand.— Diese geberdete sich wie toll; heulte und schrie mit ihrem Mann um die Wette; ja, sie that beinahe noch närrischer und ver- z veifctter, als dieser, der endlich blaß und verstört auf einen Stuhl sank. „Es ist mir unbegreiflich, unbegreiflich!— Vor einer halben Stunde noch!" stöhnte er; aber es half ihm Alles nichts, die Kassette war und blieb ver- s.hwunden. Und aufs Neue fing er das Jammern an. „Es ist Zauberei— Hererei!"— Dann lief er wieder hinein und durchsuchte das ganze Gemach; vor Allem das Fenster.— Wie gut, daß der Riegel vor war!— Wir blieben Alle da; wer im Laden gewesen, blieb. Wir mußten Zeugen sein. Der Alte ließ Keinen hinaus, es war, als wolle er Hülfe bei uns suchen. Endlich kam der Polizeikommissar, nach dem man geschickt. Ter Thatbestand wurde aufgenommen; es fand eine genaue Untersuchung der Oertlichkeit statt. Auch die kleine Thür, die zum glasüberdachten Höfchen führte, ließ sich der Beamte aufsperren. Der Haus- Herr entnahm den Schlüssel eigenhändig dem Schlüssel- lörbche», das in einem offenen Fache des Laden- tisches stand. Unter all den vielen Schlüsseln war er beinahe zn unterst gelegen. Der Kommissar prüfte das Fenster von außen; er rüttelte an den Eisenstäben; sie waren fest eingefügt in die Mauern, sie rührten sich nicht. Das Fenster selbst war unversehrt und von innen geschlossen. „Und Sic behaupten, daß Sie der Einzige waren, irelcher im Verlaufe des Abends das Zimmer be- treten?"- Der Hausherr nickte.—„Und die Kassette befand sich eine halbe Stunde zuvor, ehe Sie das letzte- Mal dort waren, noch an dem ge- wohnten Platze?— Merkwürdig!" murmelte er, und den Hausherrn mit seinen kalten Augen forschend anblickend, murrte er:„Die Sache ist ein bischen verdächtig, mein Lieber; von hinten hätte Niemand einsteigen können, ohne das Gitter ansznbrechen oder durchzufeilen— und das Fenster,— Alles ist unversehrt!— Hören Sie, das ist zum Mindesten kurios."—„Ja, freilich," seufzte der Alte.— „Und Sie selbst wollen nicht vom Stuhle hinter dem Ladentisch weggekommen sein, also quasi den Eingang zum Nebenzimmer bewacht haben?— Wie hätte sich denn da ein Dieb einschleichen können?—" „Ja, das ist ja eben so erstaunlich!" wimmerte der Hausherr. Kopfschüttelnd entfernte sich der Kommissar, nach- dein auch die Anwesenden ihre Aussagen gemacht hatten. Endlich konnten wir»ach oben gehen. Es war sehr spät geworden; die Menschen hatten sich nach und nach entfernt, der Laden wurde zugemacht. Wir Drei, mein Vater, der Emil und ich, be- sprachen droben noch Alles. Sie waren wirklich bange um mich gewesen. Mein Vater hatte alles Ntögliche befürchtet, gräßliche Verniuthnngen waren in ihm aufgestiegen. „Teufelsjunge, warum bist Du denn so lange nicht wiedergekommen?" Ich log mich heraus, so gut ich es vermochte:„Es seien ein paar Leute im Hansflur gestanden; ich glaub,'s war die Marie mit ihrem Schatz: ich kvnnte so lange nicht vorbei." Die Marie war eine der Mägde vom Hanse, und es war bekannt, daß sie sehr verliebter Natur war, so daß meiue Ausrede dem Emil und meinem Vater ganz plausibel erschien. „Das dumme Thier und ihr Kerl wollten gar- nicht weggehen, ich ivar grad dran, vorbeizuschleichen, als sie sich endlich drückten." „Bist eben mein kluger Junge; wenn man Dich mit dem Korbe ans dem Hause hätte kommen sehen, das wäre fatal gewesen, höchst fatal!" „Ein ganz raffinirter Bursche für seine elf Jahre,"— meinte Emil,„aus dem kann noch was werden, es ist schlauer gewesen zu warten, wenn auch recht gefährlich." Mein Vater und Emil glaubten mir die Lüge aufs Wort. Sie waren zn froh, um weiter nach- zuforschen. Das Geld war in Sicherheit, das war die Hauptsache.„Ja, der Junge hat Glück gehabt, Glück wie immer!"— Schon halb schlafend hörte ich meinen Vater noch diese Worte zum Anderen sagen. Alle Nachforschungen der Polizei waren vcrgeb- lich gewesen; alle Niühe umsonst. Die viertausend Ntark blieben spurlos verschwunden, nicht der leiseste Anhalt war gefunden, der auf eine Fährte hinge- wiesen, die zur Entdeckung des Thäters hätte führen können. Ein ungelöstes Räthsel! „Einfach ein unbegreiflicher Vorgang," versicherte der Kommissar, welcher, obgleich der Hausherr den Nachweis geliefert, daß er das Geld am Tage vor dem Diebstahl wirklich eingenommen, seine ganz eigenen Ansichten und Zweifel über die Augelegen- heit zu hegen schien. Wir lebten ganz ruhig weiter wie bisher. Die Kassette war längst erbrochen, der Inhalt oertheilt und au sicheren Orten rerborgen. Die Kassette, ob- wohl an und für sich schwer, war mit Steinen ge- füllt und zugebunden worden. In einer dunklen Nacht hatte ich sie zum Flusse tragen und hinein- werfen müssen. Es war so eine nette eiserne Kassette gewesen; ich hätte sie gar zu gerne behalten, aber mein Vater behauptete:„Nur nie Gegenstände aufbewahren, die verrathen einen zu leicht, das weiß ich ans meinen Erfahrungen als Rechtsauwalt"— bei diesen Worte» warf er sich selbstgefällig in die Brust—,„Geld ist Geld, da kann man sich schließlich immer noch herausreden, wenn es je mal hapert." Emil stimmte bei, und ich ivar gezwungen, es einzusehen. Ich mußte an mein Messer denken, und es über- kam mich ein unangenehmes Gefühl. Aber das war ja doch ein ganz anderer Fall. Der Emil hatte zum Schein wieder eine Stelle angenommen. Mit Ach und Krach hatte mein Bater den buiumeligeu Gesellen dazu überredet. „Es dauert ja nicht mehr lange: Sand in die Augen." Mein Vater war oft ängstlich, ich merkte es ihm gut an. Wir behielten nach außen unsere Gewohnheiten bei; einfach wie zuvor, beinahe schäbig war unsere Kleidung; scheinbar sparsam unsere Lebensweise, ob- wohl wir heimlich einen besseren Tropfen durch die Kehle laufen ließen und mancher Groschen zum Delikatessenhäudler lvanderte. lim sich recht mittellos hinzustellen, machte mein Vater sogar einmal einen Pumpversuch beim Haus- Herrn, wohl wissend, daß dieser nie einen Pfennig verlieh. Er that dies aus Vorsicht.„Plan muß Mauern errichten um sich herum, damit einen der Feind nicht sehen kann."— Ein bischen pedantisch, wie Emil ihn nannte, war mein Vater schon,— ein bischeu sehr langweilig. Da hatte der Emil recht. Der und ich sehnten uns ganz schändlich nach „Drüben". Mein Vater versicherte: es wäre furchtbar ge- wagt, jetzt schon abzn eisen; man dürfe keinen Ver- dacht erregen; erst wenn Gras über die Sache ge- wachsen, könne man es wagen, Europa den Rünen zu kehren. Wie dem alten, verliebten Ding entschlüpfen?— DaS war noch so'ue Frage— aber da komme man auch drum'rum, da finde man schon einen Weg, denn mitnehmen wolle man die doch nicht. Der Emil war den ganzen Tag beschäftigt und kam erst spät in der Nacht zum Schlafen. Die dicke Frau wurde ihm immer lästiger; nur ungern duldete er ihre Zärtlichkeiten, kaum seine Ab- neigung verbergend. „Wäre das alte Mensch nicht so sackdninm ver- liebt in Dich, Dein Betragen hätte sie längst dar- über aufklären müssen, daß Du ihr durchbrennen willst. Bombenelement! Nimm Dich doch ein wenig zusammen und verdirb nicht noch Alles im letzten Augenblick."— Mein Vater wurde oft ganz wüthend. Und der Emil nahm sich zusammen; wir Alle thaten es. Und das kam daher. Mein Vater, der immer aufpaßte, stets auf der Hut war, hatte näni- lich herausgebracht, daß ein Mann, welcher jetzt sehr oft und zwar zn allen Tageszeiten den Schnaps- laden besuchte, ein Geheimpolizist sei. Das war an und für sich nichts Auffallendes nach dem, was sich ereignet; nichts, was uns Anlaß zu direkter Furcht gab.— Und doch— und doch! — Man konnte nie wissen! Unbehaglich war es immerhin. Wieder begann es sich wie ein Alp über uns zn legen. Mein Vater war schlechtester Laune: Der schlotterige Eniil, das verliebte Weib! Er fürchtete Unvorsichtigkeiten.„Plein Junge ist der Einzige, auf den ich mich sicher verlassen kann; aber die Anderen, die Anderen!"— An Ermahnungen ließ er es nicht fehlen. Und so sorglos und leichtsinnig der Emil, so albern die Hausfrau war, sie hielten sich Beide musterhaft, denn das Bewußtsein, daß das Hans beobachtet werde, bedrückte doch Alle mehr, als sie sich gegenseitig zugestanden. Eine merkwürdige Veränderung war mit dem Hausherrn vorgegangen. Er hatte plötzlich aufgehört zu jammern, ja, er legte sogar eine gewisse Lustigkeit an den Tag.„Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist!" meinte er, wenn irgend Jemand auf die gestohlene Kassette zu sprechen kam, „ich lasse mir deshalb keine grauen Haare wachsen", und lachend deutete er auf seinen kahlen Kopf.— „Hin ist hin!— Den kriegt man doch nie, der's genommen hat, ich will lieber garnichts mehr davon hören; thut mir den Gefallen und redet von was Anderem, denn ich will mich nicht mehr ärgern, will nimmer daran erinnert werden." Jetzt pflegte er auch öfters auszugehen, lieber den Verlust mußte er sich hinweggesetzt haben. Das war für uns eine große Beruhigung. (Forlsetzung folgl.) Die Zlcuc Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 363 L)ci�erli.els Von Fred Hood. u den zahlreichen und zum Theil höchst Werth- vollciichcmischeii Stoffen, ivelchedieAlchlimisten K A' durch glücklichen Zufnll ans ihren meist willtiir- lichen Gemengen gewonnen, gehört anch der Phos- phor; seine Entdeckung erregte nicht viel weniger Auf- sehen, als ivare es in der That gelungen, den Stein der Weisen zu finden und das vielbegehrte Gold knustlich zu erzeugen. Allerdings wurde dieser Stoff, der wegen seines merkwürdigen Ursprungs und seiner sonderbaren Eigenschaften wie ein Schaustück aus- gestellt und von aller Welt augestaunt wurde, in den Händen des Entdeckers oder auch seiner Aus- bcnter thatsächlich zu Gold, so lange sie das Ge- heimniß der Phosphorbereituug zu lvahren wußten. Ein Hamburger Kanfmaun, Namens Brandt, versuchte es mit der Alchymie, in der Hoffnung, seinen zerrüttete» Bermögensverhältuissen ans diesem Wege aufhelfen zu können. Er hatte es ivohl nicht besser wie sonst die Goldmacher seiner Zeit getrieben, bis er schließlich ans den sonderbaren Gedanken kam, der Mensch, diese vollkommenste Maschine, müsse die wirksanisten und kostbarsten Stoffe in sich vereinigen und somit in seinem Organismus auch den Stein der Weisen bergen, mit dessen Hülfe man die Um- Wandlung unedler Metalle in Gold bewerkstelligen könne. Er begann nun(1669) mit einem Aus- scheidnngsprodukt des Menschen, dem Harn, zu ex- perimentiren, und zwar mit einem Eifer, der einer besseren Sache würdig gelvcscn wäre. Natürlich waren alle seine Bemühungen ver- geblich; er fand den Stein der Weisen nicht, eut- deckte aber eines Tages einen hellgelben, halb drrchsichtigen Körper von höchst merkwürdigen Eigen- schaften in der Netorte. Die Masse war von wachs- artiger Konsisteuz, von knoblauchähulichem Geruch und eutw ckelte bei normaler Temperatur Dämpfe, die im Halbdunkel des Laboratorinnis leuchteten. Die Hand, mit ivelchcr er den Stoff berührte, begann gleichfalls aufzuleuchten, und aus dem kochenden Wasser, in ivelcheni er das neue Produkt aufznlösen suchte, stiegen Dämpfe auf, die sich zu strahlenden Wollen ballten. Diese Eigenschaft des Leuchtcns, welche man noch bei keinem anderen Körper bemerkt halte, veranlaßte Brandt, den Stoff„Phosphor" (Lichtträger) zu taufen. Bielleicht hätte schon die leichte Entzündlichkcit genügt, den neuen Stoff zu einem für alle Welt inlereffante» Phänomen- zu machen; Thatsache ist, daß die kleinsten Mengen Phosphor mit Gold ans- gewogen wurden. Geschäftskundige Leute reisten mit dem infernalischen Stoff in aller Welt umher, zeigten ihn für Geld und füllten ihre Taschen. In London bezahlte man um>68(1 die Unze mit zehueiuhalb, in Amsterdam sogar mit sechzehn Dukaten. Indessen war schon dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, denn inzwischen hatte ein ge- wisscr Kraft für den bescheidenen Preis von zwei- hundert Thalern das Geheimniß erworben. Er war von Knnckel, dem berühmtesten Ehemiker seiner Zeit, behufs gemeinsamer Ansuntznng dieser Erfindung zu diesem Kaufe veranlaßt worden, hielt es aber, im Besitze des Geheimnisses, für angemessener,„auf eigene Nechnnng" zu reisen. Nun aber ging Kunckel, der wohl lvußte, daß der Phosphor aus dem Harn gewonnen«verde, selbst daran, den Stoff zu finden, und in der That gelang ihm dies. Als nun die Entdecker gegen Zahlung von zehn Thalern Jedem, der das Verfahren kennen lernen«vollte, das Ge- heimniß mittheilten, wurde der Stoff schnell Ge- meingut. Eine große Verbreitung fand er allerdmgs erst, als Jahn und Scheele(1769— 7l) festgestellt halten, daß der Phosphor in großen Mengen aus Knochen gewonnen werden könne, indem man diese verkohlen läßt, mit Schivefelsänre zersetzt und den sich bildenden phosphorsauren Kalk, mit Kohle gemischt, bis zur Weißglnth erhitzt; hierbei wird Phosphor dcstillirt, aufgefangen, in Stäbchen geformt und unter Wasser anfdeivahrt. Bei Berührung mit dem Sauerstoff der Luft«vürde er schon bei geivöhulicher Temperatur verdampfen und unter Rauchbildung zn phosphoriger Säure oxydiren. Er schwilzt bei fünfund.nerzig Grad und verbrennt bei fünfzig Grad unter lebhafter Feuer- erscheinuug mit blcndendivcißcm Licht zu Phosphor- säure. Im Grunde haben wir es hier nur mit dieser letztgenannten Eigenschaft, der Eutzündlichleit, zn thun. Es lag sehr nahe, den Stoff zur Herstellung von Fencrzeugeu zn verwerthen, indessen war das nicht so leicht und einfach,«vie es uns heute er- scheinen will. Man erfand zunächst ziemlich umständ- liche Borrichtnuge»,«vclche allerdings nicht dazu dienten, Feuer zu erzengen, sondern vielmehr die selbstrhätige Entzündung des Phosphors verhindern sollten. Da es also die atmosphärische Luft abzu- halten galt, brachte man den Zündstoff, in«velchem ein mit Schwefel- oder Kampherpnloer bestreuter Docht befestigt lvar, in kleine Glashülsen; es gc- nügte, den kugelförmigen Kopf des Glasröhrchens zn zerbrechen, um lediglich durch diese geringe Rei- bung den Phosphor und zugleich den Docht zu eiitzünden. Natürlich«varen diese und ähnliche Vorrichtnngcn viel zu umständlich und kostspielig, um eine große Verbreitung finden zn können. Alan erkannte bald, daß in der ztveckmäßigen Bereinigung von Schivefel und Phosphor die beste Wirkung zn erreichen sei, aber es dauerte dcch geraume Zeit, ehe man zur Er- sindung der Phosvhorzündhölzer gelangte. Als Bor- läufer derselben sind die Eongrcvcschen Streichhölzer anzusehen, deren Zündkappe im Wesentlichen ans Kalinmchlorat und Schivefelantimon bestand; man entzündete sie durch Reibung zivischen zivei Sand- papierblättchen. Lange Zeit war es zlveifelhaft, lvelchcm Manne die so bedeutungsoolle Erfindung der Phosphorzünd- Hölzer zuzuschreiben sei, da diese im Jahre 1833 fast gleichzeitig in verschiedenen Ländern auftauchte». Es wurden I. F. Kämmerer in Lndwigsbnrg, Preshel in Wien, Moldenhaner in Darmstadt, Walker in Stockron und noch einige Andere als Erfinder ge- naiint; es darf jedoch heute als feststehend gelten, daß diese Ehre allein dem Studenten der Ehcmie Friedrich Kammercr ans Ludivigsburg gebührt. Er lvar>833«vegen Betheiligung am Hambachcr Fest politischer Gefangener auf dem Hohenasperg und hatte dort ein halbes Jahr Festungehaft zu ver- büßen. Der Kommaiidaut, ein alter, Menschenfreund- sicher Herr, suchte dem jungen Manne die Haft zn erleichtern und gestattete ihm, seiner Neigung gemäß, in seiner Zelle zu erperimentiren. Ter junge Chemiker, der sich schon auf der Universität mit Herstellung von Tunkfcncrzeugen beschäftigt hatte, begann jetzt Versuche mit Phosphor anzustellen, und zivar Zweifel- los in der Absicht, die damals bekannten Phosphor- feuerzeuge zn verbessern. Man vermag sich die Freude des Studenten rorzustellcn, als es ihm nach vielen mühevollen Versuchen gelang, einen mit einer Phos- phorlösung bestrichenen Spahn durch einfache Reibung an der Wand zn entzünde». Berechtigte ihn diese Erfindung doch zn den glänzendsten Hoffnungen, da dieses Feuerzeug scheinbar an Wohlfcilhcit und Zu- verlässigkeit nichts zn wünschen übrig ließ. Als sich die Thore des Gefängnisses hinter ihm geschlossen hatten, begab er sich nach seiner Vaterstadt, um so- fort die Fabrikation von Reibzündhölzern und Zllnd- schlvamin aufzunehmen. Seine Hoffnungen sollten aber nicht in Erfüllung gehen. Noch gab es kein Patentgesetz in Deutschland, und so kam es, daß seine Zündhölzer von Ehemikern aller Orten nachgemacht wurde». Aller- dings«väre dadurch seine Existenz noch nicht ge- fährdet worden, als aber 1835 der Bundestag die Vcrlvendung der„höchst gefährlichen" Reibzündhölzer verbot, erfaßte den unglückliche» Erfinder die Ver- zlvciflnng. Jnzivischeu hatte sich auch Walker in Stockton, ein zweifellos sehr geschäfisknndiger Mann, der Erfindung bemächtigt und in aller Welt Ver- biildungen angeknüpft, so daß auch im Auslände für Kämmerer nichts zu holen war. Die Fabrikation wurde zwar später vom Bundestag«vieder freigegeben, inzivischcn hatten aber die Kämpfe und Enttänschnngen die Gesundheit Kämmerers zerrüttet, so daß er sich unfähig fühlte, das Werk von Neuem zu beginnen. Er starb im Jahre 1857 im Jrrenhanse zu Lud- wigebnrg. Die ersten Phosphorhölzer hatten den llebelstand, daß die Zündinasse beim Anreiben zu schmelzen be- gann und glühend umherspritzte, so daß ihre Ver- «vcndung in der That nicht ohne Gefahr«var. Es lag dies an der Veimischung von chlorsanrem Kali, «velcher Sauerstoff entivickclt und so zur llnterhaltung der Flamme dient. Diesen gefährlichen Stoff suchte man nun angemessen zn ersetzen. Trevanh wandte eine Mischung von Mennige und Brannstein an, aber erst durch Einführung des braunen Bleisuperoxyds durch Preshel, und eines Gemenges von Mennige und Salpeter oder Bleisupcroryd und salxelersnurem Bleioxyd durch Bettger nahm die Zündholzindustrie einen bedeutenden Aufschlvung. Weitere Verbesserungen «vurden durch Tränken des Holzes mit Wachs oder Paraffin erreicht; endlich überzog man die Zündkappe mit einer dünnen Lackschicht, um dem Streich- holz ein gefälligeres Aenßere zu verleihen. Auf diese Weise hatten die Zündhölzchen schon einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht, aber noch galt es, einen großen llebelstand zu beseitigen. Der Phosphor ist bekanntlich ein scharfes Gift, und so konnte die schädliche Einlvirknng der Phosphordämpfe ans den menschlichen Organismus natürlich nicht ausbleiben. Unter den Arbeitern der Zündholz- fabriken stellten sich bald die verschiedensten Krank- heitserschciunngen ein, insbesondere Krankheiten des Zahnfleisches und der Kinnlade. Biaii«var lange Zeit bemüht, diesem großen Uebelstandc zu begegnen, aber erst die Entdeckung deS rothen oder amorphen Phosphors durch Schrötter brachte die Lösung dieser Aufgabe. Dieses neue Produkt gewiiint man durch Erhitzen des gewöhnlichen Phosphors auf zlvcihnndert bis zlvcihuudertfünfzig Grad bei Abwesenheit von Luft. Der amorphe Phosphor ist unlöslich in allen Flüssig- keilen, an der Luft unveränderlich, nicht giftig und entzündet sich erst bei zivcihundcrtsechzig Grad. Eine Zeit lang fertigte man Zündhölzchen unter Ver- Wendung dieses ungefährlichen Phosphors, bald aber erwies es sich als zlveckmäßiger, den amorphen Phos- phor zur Herstellung der lltcibfläche» z. B. in einem Gemenge von Schwefelkies und Schivefelantimon zn veriverthen, die Zündkappen aber ganz ohne Phos- phor, und zivar hauptsächlich aus Kalinmchlorat und Kalimnbichromat, zu verfertigen. Diese Erfindung der Sichcrheitszündhölzer, die von Schiveden aus zuerst in den Handel gebracht lvurden und daher anch als„schwedische Zündhölzer" bezeichnet«Verden, verdanken«vir dem Professor Bött- ger in Frankfurt a. M.(1848). Er vcrwendcle als Erster für die Zündkappen ein ans organischen und Sauerstoff abgebenden Körpern bestehendes Gemisch, das sich bei Reibung an aiuerphcm Phosphor ent- zündete. Später«vnrden noch sogenannte Vulkan- zündhölzer in den Handel gebracht,«vclche eine geringe Menge eiplosiver Sioffe enthalten und daher einer besonderen präparirten Reibfläche nicht bedürfen. Es sei uuil gestattet, auf die sehr interessante Fabrikalion der Zündhölzchen etivas näher einzugehen. Daß dieselbe bei der großen Billigkeit des Erzeug- nisses und bei dem nngeheuercn Konsum fast ans- schließlich durch Maschine» erfolgen muß, leuchtet ohne Weiteres ein. Zunächst gilt es, aus den großen Bannistäniinen die kleinen prismatischen Stäbchen zu gelvinnen. Zur Verwendung kominen Tannen-, Fichten- und Espenholz. Die möglichst astfrei ge- wählten Stämme«verdcn in Würfel zerschnitten und dann die Stäbchen mit Hülfe eines eigenthümlich koustrulrten Hobels mit durchlöcherten Schnitteisen ausgestoßen. Da der Block immer«vieder glatt gehobelt werden muß, ist der Holzverbrauch bei diesem Verfahren aber unverhältnißmäßig groß,«veshalb man denn anch schon eine große Reihe anderer Schneid- apparate oder-Maschinen ersonnen hat. Unter An- deren?«verden in Schiveden, ivoselbst fast ausschließlich Espenholz Verlvendung findet, die Stämme in etiva vierzig Eentimeter hohe Blöcke geschnitten, ringsum geschält und zivischeu zivei rolirendcn Spindeln ein- gespannt;«vährend der lebhaften Drehung wird ein scharfes Messer gegen den Block geführt, von«velchem so ein Band von der Stärke der zu fertigenden Hölzchen spiralförmig abgetrennt«vird. Gleichzeitig t eilen scharfe 364 Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage» DJicffer das so entstehende lange Fournicr in schmale Bänder, deren Breite der Länge der Zündhölzchen entspricht. Diese schmalen Holzbänder werden sodann ans einer langen zweckmäßig gestalteten Bank gegen ein rotirendes Nad geschoben, dessen ans scharfen Atcssern bestehende Speichen mit ungeheurer Ge- schwindigkeit die Hölzchen abtrennen, die dann jen- seits des Rades in großen Körben aufgefangen iverden. Am interessantesten ist aber eine bon Krutzsch kon- strnirle Maschine, in welcher das Holz zu runden Drähten gezogen wird. Das Holzstnck wird mit großer Gewalt in der Fascrrichtung gegen eine mit vielen scharfrandigen Löchern durchbohrte Stahlplatte gepreßt und dann von einer kräftigen Zange erfaßt iind hindurchgezogen. Mit Hülfe dieser Maschine erzengt man innerhalb zwei Minuten etwa sechs- tanicnd Stück gleichmäßige Hölzchen, wobei die Her- stcllnng von tausend Stück nicht mehr als einen Pfennig kostet. Ich ivill mir ersparen, des Weiteren auf die Bereitung der Zündmasse einzugehen, zumal sich jede Fabrik eines eigenen erfahrens bedient, welches sie möglichst geheim zu halten sucht, so daß die Zünd- stoffc in der That eine sehr verschiedenartige Zu- sammensetznng aufweise». In vielen Fabriken werden die Stäbchen, be.or sie mit den Zündkappen verschen werden, noch ver- schicdenen anderen Manipulationen unterworfen. I» der weltberühmten Fabrik in Jönköping werden sie z B. zunächst in Kästen nach dem Trockcnranm gebracht, wo sie während vier bis sechs Stunden einer Temperatur von fllnfnndsiebzig Grad Celsius ans- gesetzt sind. Hierauf unterwirft man sie längere Zeit in großen Metalltromiiielii einer heftigen Rotation, wobei sie ihre scharfen Kanten abschleifen und gebrauchsfähiger werden. Das Ordnen der Hölzchen vor dem Betupfen erfolgt durch„Schiittelapparate". Dieselben schütten die kleinen Stäbchen über Holz- siebe mit je tausend trichterförmigen Oeffnungen aus, so daß sie von darunter befindlichen durchlöcherten Platten aufgefangen und durch Klemmvorrichtungen vertikal festgehalten werden. Auf diese Weise erhält man große Holzbürsten, welche zunächst in Schwefel, Paraffin oder Stearin und, sobald sie wieder ge- trocknet, in die breiartige Zündmasse eingetaucht iverden. Die Rahmen mit' den betupften Hölzchen werden hierauf horizontal im Trockenraum aufgehängt, damit sich die weiche Riasse nicht nngleichmäßig vcrtheilt, sondern regelrecht abgerundete, tropfen- förmige Ziindkappen bildet. Man bedient sich häufig noch anderer mehr oder minder sinnreicher Borrich- tnngen, um dieselbe Wirkung zu erreichen, indessen ändert dies den Betrieb nicht wesentlich. Bemerkens- werth ist es jedoch, daß bisweilen auch das Be- tupfen der Hölzchen durch Maschinen geschieht,- eine Farbwalze rollt über die Platten mit den senkrecht eingespannten Hölzchen und überträgt auf diese gleich- mäßig die weiche Zündmasse. Nach dem Trocknen erfolgt das„Ausschlagen" und Verpacken der Hölzchen, und zwar wieder mit Hülfe der verschiedensten Vorrichtungen und Ma- schinen. Höchst sinnreich ist eine Füllmaschine von Lundgren in Stockholm, welche die eingeführten Schachteln selbstthätig öffnet, mit der entsprechenden Atenge Zündhölzchen füllt und zugleich mit dem Phosphoranstrich versieht. Anderen sinnreich er- dachten Rtaschinen wird durch Mcnfchenhand nur das erforderliche Material, nämlich Holzstreifen, Kleister, Papier usw., zugeführt, damit sie die kleinen Schachteln fir und fertig herstellen und dieselben sogleich vermittelst einer Schiebvorrichtnng in bereit- stehende Kästen befördern. Diese ausgezeichneten Maschinen und das bis ins Kleinste durchgeführte Prinzip der Arbeitstheilung erklären den billigen Preis des in ungehenren Blassen erzeugten Artikels. Die Fabriken liefern gute Zünd- Hölzchen zu einem geradezu erstaunlich billigen Preis, sogar schon mit sechs Pfennigen das Tausend. Man vermag sich kaum vorznstellen, welch un- geheure Massen Zündhölzchen jährlich verbraucht werden; in Deutschland rechnet man nicht weniger als hnndertsiebennndzwanzig Stück pro Tag und Kopf der Bevölkerung. Die Fabrikation blüht hauptsächlich in Schiveden, Rußland, Oesterreich und Deutschland. Die bei Weitem größte Fabrik in Jönköping in Schweden fertigt jährlich etwa fünfzehn Milliarden zum Fabrikpreis von dreieinhalb Millionen Btark. Diese Fabrik baut auch ihre sämmtlichen Maschinen und Apparate selbst, wodurch die Unkosten natürlich bedeutend vermindert werden. Die schwedische Konkurrenz hat noch bis in die jüngste Zeit der deutschen Industrie eine große Schädigung bereitet, was nin so bedauerlicher ist, da die Zündholzsabrikation größten- theils bei uns in armen Gegenden betrieben wird. Ilnch war Deutschland durch die Ungunst der Zoll- Verhältnisse meist auf den eigenen Markt angewiesen, während ans dem Ausland billige Zündwaaren in großer Menge eingeführt wurde». Schließlich ist es aber doch der deutschen Industrie gelungen, sich durch Erzeugung von Zündhölzchen gleicher Güte zu mäßi- gerem Preise zu behaupten und gegen die Kon- knrrenz anzukämpfen. Nils der Walze. Ans den Papieren eines Fechtbruders. Von F. Ricbcck. (Forlsetzung.,_ �ch setzte mich an einen Bretterzaun, der sich am Ausgange des Dorfes lang hinzog, und >£> spähte nach meinem Freunde aus. Nur hin und wieder bekam ich ihn flüchtig zu Gesicht; ein- nial huschte er mit großer Geschwindigkeit an einen, Straßenzanne entlang, um alsbald in einem Gehöft zu verschwinden; ein andermal tauchte seine Gestalt in einem Vorgarten auf, und ich sah, wie er sich mit Grazie über einen Zaun schwang, und zweimal sah ich ihn guer über die Straße rennen. Schrägüber von meinem flinheorte befand sich inmitten eines weiten Obstgartens ein lotterig ans- sehendes Wohngebäudc mit so niedcrem Mauerwerk, daß man vom Garten aus mit der Hand aufs Dach reichen konnte. In dieser Hinterwand war ein einziges Fenster, nicht viel größer, als daß zur Roth ein Hund hindurch springen konnte. Als ich von un- gefähr den Blick ans dieses Fensterloch richtete— heiliger Jupiter!— da kam darin der Galgen- posamentirer zum Vorschein. Hastig schob er den Oberkörper heraus, griff nach einem Aste, den ein Pflaumenbaum bis dorthin ausstreckte, setzte erst die Knice, dann einen Fuß auf die Fensterbrüstnng und war darauf im Nu im Garten. Wie war der Mensch nur so schnell in dieses Haus gekommen? Das ganze Königreich Sachsen hätte ich auf die Behanp- tung hin verwettet, daß er noch fünf, sechs Häuser weit oben im Dorfe sei. Und wie war er auf den wahnsinnigen Gedanken gcrathen, den Weg durch ein solches Fenster zu nehmen?... Mir blieb keine Zeit, über das Wunder zu grübeln, denn schon übersprang er den baufälligen Lattenzaun, und im nächsten Augenblick war er bei mir angelangt. Er zog sein braunes Schnupftuch aus der Tasche, in das irgend etwas Feuchtes eingehüllt war, und sagte, das Tuch entfaltend:„Da iß! Aber fix, daß wir weiter kommen!" Er breitete das Tuch ans den Rasen, und ich sah, daß gekochte Btohrrüben darin waren. Ein Gefühl der Rührung ergriff mich bei dieser Fürsorge; bald aber durchlief mich kalter Grans bei dem Ge- danken, daß er im Laufe des Vormittags ofimals geschnupft und dann jedesmal das braune Tuch zum Säubern seines Gesichtserkers benutzt hatte... Die Mohrrüben— ach, wie verlockend schimmeric ihre purpurne Herrlichkeit im milden BUttagslicht, und wie lange schon war mir solche köstliche Atzung nicht zu Thcil geworden!... Mein reger Appetit brachte inich auf die kühne Vermnthung, daß nicht der sämmtliche Inhalt des Tuches mit dem Tuche in Berührung gekommen sei, und daß man die in der Mitte besiudlichen Mohrrüben ohne Schaden verspeisen könne... Allerdings, das Tuch hatte vielleicht seit Monaten nicht die reinigende Kraft frischen Wassers erfahren, und meineni durch das Miß- trauen dreifach verschärften Forschcrblicke entgingen nicht einige dunkle, krustenartige Flecke, die das lockende Speisegericht umgaben und abschreckend wirkten, wie Bestien, die einen schönen Schatz bewachen. „Alach' schnell!" mahnte mein Ernährer aufs Nene.„Solche haben wir immer gegessen, als ich in Krotoschin war. Wir naiiilten sie Messingdrähtc. Sie schmecken gut!" Ich durfte ihm seinen Wunsch nicht abschlagen, das wäre eine gröbliche Beleidigung gcivcsen. So griff ich denn mit innerlichem Widerstreben vor- sichtig zu, klaubte mit zwei Fingern solche Drähtchen heraus, die ich für jungfräulich unbefleckt hielt, und führte sie dem Munde zu. Daß sie mir unter den obwaltenden Umständen als eine Delikatesse erschienen, könnte ich nicht behaupten, ohne mich einer sträflichen Verivegenheit schuldig zu machen; allein ich sagte mir, daß jedes der Drähtchen ein Plätzchen im Magen ausfülle, und das half mir, meine Ab- ncignng besiegen. Ter größeren Vorsicht Halber- brach ich ein steifes Grashälmcheu ab und strich da- mit von den rothen Stückchen solche Partikelchen herunter, die niir als Fremdkörperchen vorkamen. Das gefiel dem Galgenposamentirer nicht, und erfragte ärgerlich:„Tu graulst Dich wohl?" „O nein," gab ich zur Antwort;„aber weißt Du, bei den sächsischen Bauern muß man im Essen vorsichtig sein!" Diese Verlegenheitslüge zog nicht bei ihm; errief im Tone bitteren Vorwurfes:„Vor meinem Tuche brauchst Du Dich nicht zu graulen; aus meiner Nase kommt sonst nichts, als Tabak, und der ist gesund! Sei froh, daß Du noch solches Fressen hast!" „Tabak ist gesund," stimmte ich ihm heuchlerisch bei;„doch ich esse ihn nicht gern; er beißt zu viel auf die Zunge." Inzwischen hatte sich drüben am Gartcnzaune eine alte Frau eingefunden, die eine bedeutende Beredtsamkeit entfaltete. Wir horchten endlich Beide hinüber, und ich vernahm, wie sie in breiter und lärmender Beiveisführnng darthun wollte, daß ihr Flnrfenster kein Verkehrsweg für reisendes Gesindel sei. Mein Kamerad trat ihr einige Schritte ent- gegen, und während er ihr in unfeiner Ausdrucks- weise seinen Grundsatz erläuterte, daß der gerade Weg der beste sei, schüttete ich den Rest meiner Mittagsspeise in ein Weidengebüsch. In dem Graben, an dem ich saß, sickerte ein dünnes, klares Wässerlein. Ich rutschte hinab und machte einen Versuch, das Tafcltuch zu waschen, mußte jedoch alsbald von meiner Wäscherei ablassen, da sonst augenscheinlich eine Revolte im Dorfe ausgebrochen wäre. Tie Bäuerin schrie, ich solle nicht das Koch- wasser schmutzig machen; sie lärmte und zappelte, rannte gleich einer Närrin am Zaune hin und her und rief in das benachbarte Gehöft um Hülfe. Von dort kamen Leute hervorgestürnit, voran ein junger Kerl von etwa zwanzig Jahren, der, im Gegensatz zu den anderen Feinden, nicht erst lange schimpfte, sondern sogleich Steine auflas und sie nach uns schleuderte. Ein Fuhrmann hielt seine Blähre an und bedrohte uns mit dcr Peitsche, und gleichzeitig rückten von allen Seiten„Kasscrn" an. Wir zogen uns langsam und schweigend zurück, zum Dorfe hin- aus, und behielten dabei unsere Gegner, die uns in drohender Haltung nachfolgten, fest im Auge, weil wir auf einen Ueberfall gefaßt waren. Doch sie schienen nicht recht zu wissen, weshalb sie uns ver- folgten, und so begnügten sie sich, uns starke Proben zu liefern, wie in Sachsen geflucht, verwünscht und gezetert wird. Nur der junge Lümmel setzte sein Sieiiibombardement fort, und endlich flog eines der Handgeschosse. Es flog meinem Kameraden ans Bein. Nun reißt ans, ihr Sachsen, sonst fährt Euch der Böse in den Nacken! Reißt aus, der Galgen- posamentirer kommt! Wie ein blutdürstiger Wüthcrich raste Eduard, den Dolch in der Faust, dem fliehenden Stcinwcrfcr nach. Unsere Feinde stoben vor Schreck wie Spreu davon und die Weiber kreischten vor Todesangst; ein Knäblein fiel ans die Nase, und als es sich heulend aufrnffle, blutete es über das ganze Gesicht. Zum großen Glück gelang es dem Verfolgten, in ein Haus zu entwischen, und dcr Galgenposamentirer mußte umkehren, ohne seinen Blutdurst gestillt zu haben. „Der Hund! In kleine Stücke hätte ich ihn Dj>x Nach dem Gemälde von Ernst Zimmermann. (Zox�ri�Iid 1397 bz� Franz Hanfstaengl, München. Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 366 geschnitten, wenn er mir unter die Finger gekommen wäre!" rief er, als er zu mir zurückkehrte. „Es ist besser. Du hast ihn nicht erwischt," sprach ich. „Nicht?" schrie er, blieb stehen und zog den Dolch, den er bereits eingesteckt hatte, abermals hervor.„Wenn Du mich wnthend machst, lauf ich zurück und ermurkse ihn Und wenn er in den Keller kriecht, ich finde ihn!" „Der dumme Junge ists nicht Werth, daß Du Dich an ihm besudelst!" sagte ich, um ihn zu be- säuftigen. Er beruhigte sich ein wenig und wir marschirten weiter. Am Ausgange des Dorfes sammelte sich eine Schaar Landleute, doch kein Btensch folgte uns nach. „Wenn ich ihm die Klinge durch den Leib ge- rannt hätte, ich wäre nicht geköpft worden!" sagte Eduard. „Nein, aber eingesperrt hätten sie Dich!" „Das ist niir Alles egal! Als ich in Breslau im Kittchen steckte, da war Einer drin, der hatte seinen Werkführer mit dem Hammer todtgeschlagen. Ein Jahr hat er gekriegt, mehr nicht. Einfach deshalb, weil ihm der Werkfllhrer vorher eine Ohr- feige'runtcrgehau'n hatte." „Weshalb warst Du in Breslau im Kittchen?" „Weil mir Alles egal ist! Mein Mitgeselle wollte mir Vorschriften machen, weil er schon länger beim Krauter>var, als ich. Da liest ich ihn Blut spucken, denn wenn ich in Wuth konime, ist mir Alles egal!" „.Hast Du ihn mit dem Dolche gestochen?" „Niit dem Dolche, oder mit der Schee: e, oder mit einem Stück Holz— gestochen oder gehauen— Alles ist mir egal!" Und nun prahlte er wieder eine gute Weile lang mit seiner Rohhcit, so daß die stille Scheu, die ich vor ihm empfunden, sich in Grauen verwandelte und ich mir vornahm, bei guter Gelegenheit meinen eigenen Weg zn gehen. Eine solche Gelegenheit bot sich nicht bald, und allmälig wußte ich mich so sehr in sein barbarisches Wesen zu fügen, daß ich mein Vorhaben vergaß; ich freute mich sogar, einen mächtigen Beschirmer in ihni gefunden zu haben. Mit ihm zu ivalzen war kein Vergnügen. Eine kurzweilige Unterhaltung kam nicht zn Stande; für Scherze war er unempfänglich und herzlich fröhlich sein konnte er nicht. Er war ernst und finster und wortkarg, und nur, wenn er ans seinen Dolch zu sprechen kam, oder auf seinen Wagemuth, oder auf seine Meisterschaft im Bettel», gerieth er ins Redefener und brüstete sich in un- ausstehlicher Weise. Im Gespräch mit ihm>var ich gezivungen, die größte Vorsicht walten zn lassen, da er die Gabe besaß, oft die klarsten und unschuldig- sten Worte falsch zn verstehen und zn mißdeuten. Er ertrug keinen Widerspruch, war äußerst jähzornig und dann gefährlich. Dumm war er und stolz zn- gleich, wie ein bekränzter Psingstochs; ans den Weg- zcigcrn konnte er die größten und deutlichsten Zlnf- schriftcn nicht lesen, und wenn ich ihm vorgeredet hätte, Sachsen sei das mächtigste Kaiserreich der Welt, so hätte er in meine Worte keinen Zweifel gesetzt. Er>väre der nichtswürdigste Btensch geivcsen, wenn er nicht nebe» allen den schlimmen Eigenschaften eine große und seltene Tugend in seinem Herzen getragen hätte— eine Tugend, die ich nicht mit Namen zu nennen weiß, da sie, wie jede wahre Tugend, kein Name in ihrer ganzen Bedeutung be- zeichnen kann. Ich lernte sie in der ersten Stunde unserer Bekanntschaft kennen, als Eduard mir an jenem Schreckensabend Obdach und Lagerstatt ver- sckaffte; ich begegnete ihr wieder, als er mir mit Mohrdibe» aufwartete, und sie sollte mir noch manches Mal zum Heile werden. Eduard blieb bei der Behauptung, daß ich nicht dalfcn könne, und das war für mich ein absonder- liches Glück, denn ich brauchte fortan dieses mir in tiefster Seele verhaßte Geschäft nicht mehr zu be- treiben. Er besorgte es ganz allein; ich konnte in- dessen ausruhen und mir einbilden, ich sei ein fahrender Ritter, der sorgenlos die Welt durchzieht und seine» Knappen de» Bauern ans den Hals hetzt, um ihnen den Tribut abzufordern. Eduard ließ mich nicht hungern; er sorgte für mich, ohne sich dessen zn rühme» und ohne Dankbarkeit von mir zn fordern. Er wußte nicht einmal, daß er an einem unglücklichen, unbeholfenen Mitmenschen ein gutes Werk that; er handelte so, wie es ihm seine Natur befahl, und machte sich darüber keine Gedanken. Nachdem>vir am Nachmittag durch kie kleine Stadt Leban marschirt waren, kehrten wir Abends in ein Dorfwirthshaus ein und begannen dort ein wahres Schlennnerlcben. Eduard, der die Kasse führte, sagte, er habe einen guten Tag gehabt, und daher seien wir gezwungen, gut zu leben, denn der ganze Kies müsse drauf gehe»; mir so viel dürfe übrig bleiben, daß der Frühstückkaffee davon bezahlt werden könne. Bleibe mehr übrig, so habe er am anderen Tage keine Lust zum Dalsen und auch kein Glück. Wir speisten gekochte Eier, Wurst und Käse, tranken bayrisch Bier und Korn, und kamen uns bei diesem Gelage im Vergleich zu einigen Ackersleuten, die stumpf und träge bei ihrem Abendschöppchen saßen und mißtrauisch zu uns herübcrschielten, wie Nobel- niänner vor. Nachher mußten wir allerdings mit einem kärglichen Strohlager und ein paar Pferde- decken fürlieb nehme»; doch wir schliefen den süßen Schlaf der Gerechten, und ich war am Morgen so wohlgemuth und unternehmungslustig, wie ich es während meiner ganzen Wanderschaft noch nicht gewesen war. Die nächsten zwei oder drei Tage unserer geniein- samen Wanderfahrt glichen in ihren Hanptzügcn dem ersten Tage. Eduard sorgte für mein leibliches Wohl; für meine geistige lliiterhaltung mußte ich selbst sorgen. Ich that das auf die angenehmste Art, indem ich darüber nachsann, was wohl ans mir werden könnte, wenn ich Glück hätte, und bei diesem Fabuliren spann ich täglich die allcrschönsten Lebensromane aus, die sämmtlich darauf hinaus- liefen, daß ich durch abenteuerliche Schickungen auf den höchsten Gipfel menschlicher Glückseligkeit gelangte. In einer dieser Geschichten ging ich unter die Sol- baten und fand bald Gelegenheit, an einem gewaltigen Kriege gegen die Nüssen thcilznnehmen. Ich war der Tapferste der Tapferen, der Klügste der Klugen, und so konnte es nicht fehlen, daß ich schon nach kurzer Dienstzeit die Tressen erhielt. In einer fürchterlichen Schlacht wurden wir geschlagen, und unsere ganze Armee retirirte in wilder Flucht. Nur ich nicht. Mit meinen zivanzig Leuten, die ich kommandirte, feuerte ich ans geschützter Stellung so wülhend und nachhaltig auf den Feind, daß ich ihn zum Stehen brachte und somit die völlige Auflösung unserer Armee verhinderte. Diese Heldenthat brachte mir den Offiziersrang ein, und von nun an avan- cirte ich infolge der tollkühnen Thate», die ich znui Schaden des Feindes verrichtete, mit solcher fabrl- haften Schnelligkeit, daß ich innerhalb eines Jahres die Würde eines Feldherrn erlangte und somit die Macht besaß, die Russen durch einige geniale An- griffe zu überwinden und aus dem Lande zu treiben. In einer anderen Geschichte setzte ich den ganzen Erdball durch meine Dichtungen in Erstaunen und genoß Ehren, wie sie noch nie einem Dichter zu Theil geworden sind. Am merkwürdigsten war eine Geschichte, in der ich ein Adoptivsohn Rothschilds wurde und auf diese Weise zn uiiermeßlichen Weich- thümern gelangte, so daß ich von Ort z» Ort fahren und allen Armen ein Retter werden konnte. Für die Handiverksburschen begann ein goldenes Leben, denn ich wußte Miitel und Wege zu finden, etliche Millionen aus meinen Schatzkästen unter sie vertheilen zn lassen; auch suchte ich viele Pennen auf und drückte jedem Kunden die Hand voll Zlvanzigmarkstücke. Dabei ergötzte ich mich an dem Erstannen und an der Uebcrraschnng der Beschenkten, die bald die Gabe, bald den Geber zweifelnd anstarrten und über das Wunder gar nicht � hinwegkamen. Wollten sie mir aber danken, dann verließ ich sie schnell, um andere Btenschen aufzusuchen, die des Geldes bedürftig waren. Hinterher schämte ich mich persönlich meines billigen Wohlthäterthnms; aber es war doch eine Lust, viele Rtenschen glücklich zu machen, wenn auch nur in der Phantasie, und so fuhr ich fort, mir das Leben so anszndenken, wie ich es gern gelebt hätte. Jeder dieser Gcdankcnromanc enthielt, wie ein richtiger Roman, eine Licbesgcschichtc, und stets war die Dame Panline Michalska ans.Hamburg die Gliiäliche, die an der Seite des Helden ein- zichen durfte in das irdische Eden, dessen Pforte er mit starkem Geist und forschem Wageninth gesprengt hatte. Mit dieser Pauline beschäftigte ich mich gern in Gedanken. Für mich herrschte lein Ziveisel, daß sie in jeder Hinsicht das vortrefflichste aller Mädchen sei, und unzählige Male zog ich ihren Brief hervor, um mich an seinem Anblick zn crsrenen, wrbei es mir jedesmal leid that, daß er durch das oftmalige Entfalten Risse bekommen hatte und daß stellen- weise ittfolgc darauf gefallener Regentropfen die Schrift verwischt war. So marschirte ich, lieblich träumend, an der Seite eines schweigsamen Begleiters durch ein fremdes Land, ohne nach den Naive» der Orte zu frage», durch die der Weg uns führte, ohne Blick und Sinn für die Landschaft und deren Bewohner, und ohne an einen Zweck und ein Ziel der Wanderung zn denke». Die kalten Regenstürnie hatten schnell nach- gelassen und wir genossen die nunderschönsten Herbst- tage. Unbewußt das Zau'.erglück der sorgenlose» Freiheit genießend, zog ich mit leichter Seele dahin in der milden Sonncnflnth lind dachte nicht daran, mich nach einem Winterquartier ninzusehen. In alle Ewigkeit wäre ich so geivandcrt, wenn mein Per- hältniß zu dem Galgenposamcntirer ewig dasselbe geblieben wäre. Kein Tag verging, ohne daß Krieg zwischen uns Beiden auszubrechen drohte; regelmäßig deshalb, tvcil mein Freund durchaus keinen Widerspruch duldete und sogleich in Zorn gerie.h, wenn ich in irgend einer Angelegenheit nicht völlig seiner Meinung war. Ich gab dann gewöhnlich ans eine halbwegs an- ständige Art nach und stellte dadurch das gute Ein- vernehmen wieder her. Eines Nachmittags sah ich einige Schivalben fliegen.„In anderen Jahren," sagte ich zn Eduard,„sind die Schwalben um diese Zeit schon fort." „Das sind Sandschwalbcn," entgegnete er. „Zieh» die später fort?" fragte ich.. „Ueberhanpt nicht!" lautete die Antwort. „Alle Schwalben zieh» im Winter fort," sprach ich. „Ich muß cS doch besser wissen!" herrschte er mich grob an.„Bei mir zu Hause schlafen sie im Winter in den Sandlöchern." „Das sind vielleicht Fledermäuse," entgegnete ich. „Ich hau' Dir den Stock über den Schädel, wenn Dn's nicht glaubst!" schrie er, hob mit der Rechten den Stock zum Schlage und stieß mich mit der Linken an die Brust. „Du brauchst doch nicht gleich so wüthend zu werden!" rief ich mit Entrüstung. „Da glanbs andermal, wenn ich was sage!" Ich war mächtig empört Über seine brutale Beweissührnng. schwieg jedoch aus kluger Vorsicht und nahm mir wieder cinnial vor, von ihm zu scheiden; nachdem wir aber eine Weile desselben Weges gezogen waren, ich auf der rechten, er auf der linken Straßenseite, verschwand bei den an- genehmen Betrachtungen, denen ich mich fast immer hinzugeben pflegte, mein Zorn und mit ihm auch der Trennnngsvorsatz. Am dritten oder vierten Tage unseres gemein- scha'tlichen Wanderns erlebte ich eine große lieber- raschung. Während Eduard die wenigen Häuser abfocht, erfuhr ich plötzlich, daß wir uns in Böhmen befanden. Ich las es auf der Dorftafel, und»n- mittelbar darauf ging ein Mann an mir vorüber, der eine österreichische Ilm orm trug und mir scharfe, bedrohliche Blicke zusandte. Diese Blicke ließen mich vermnthen, daß er ein Polizist sei. Wie, o du himmlisches Jerusalem, waren wir nach Böhmen gekommen? Wenn wir plötzlich so unvermuthet in der Türkei angelangt wären— mein Erstannen hätte nicht größer sein können. Ich glanbie, wir steuerten immer tiefer in das sächsische Land und müßten bald nach Dresden kommen, und nun befanden ivir uns auf einmal in einem Lande, an das ich»och vor Minuten gar nicht gedacht hatte. Wen» ich kurz vorher gefragt worden lväre, wie weit es nach Böhmen sei, so hätte ich nach reislirber Die Acue Nelt. Illuftrirte Auterhaltungsbeilage. I!ebcr!e;vi»g gcautwortet:„Ach, das ist sehr weit! vielleicht fiiii zig Meilen!" Mir war, als sei ich durch einen Zanberschlag in das schöne Paterland der Wenzel verseht worden. (5'dun d hatte die wichtige Entdeckung, daß er sich in. Auslände be and, durch die Knpferinünzen gewacht, die er in dem Orte einsainnielte. Der Dovpeladler ivar ihm anfänglich verdächtig erschienen, und er hatte geglaubt, die Bauern ivollien ihn durch ungültiges Geld beschiimmeln; nach und nach war er jedoch in seiner Gescheidtheit dahinter gekommc», dasi der Toppcladler in jener Gegend Heimath- berechtigt sei. „Weißt Du schon, daß wir in Oesterreich sind?" riei ich ihm fragend zu, als er sein Hausirertverk vollbracht hatte. „Das schabt nichts, wenns nur gilt!" sagte er, überzählte rasch das in dem Orte erworbene Ver- mögen und ließ es in sein stattliches Portemonnaie gleiten. Der nächste Ort, in den wir gelangten, war das Städtchen Schlackenau. Auf einem weiten Platze— es mag der Marktplatz gewesen sein— standen sechs Handwerksburschen plaudernd bei- sammen. „Ha— Kunden!" scholl es uns freudig ent- gegen. „Kenn!" ertviderten wir vorschriftsmäßig und ich eilte aus die rergnngt lachende Gruppe zu, um sie noch besonders zu begrüßen; Eduard indeß ging raschen Schrittes weiter, und so konnte ich nur einige flüchtige Worte mit den sechs Kameraden wechseln. „Da sein mer ja Alle bei'nander!" rief Einer. „Wir halten Familientag!" setzte ein Anderer hinzu, der eine Brille trug und wie ein Gelehrter aussah. Ich lvurde gefragt, wo ich her komme, und ob die Strecke„heiß" sei. „Nicht schlimm!" sagte ich.„In Sachsen tippelt sichs ganz gut." „Da giebls aber die Grüne." „lind hier die Gelbe. Wir tippeln nach Sachsen!" Auf die Gefahr hin, mich zu blamiren, fragte ich, ivas das für Dinger seien, die Grüne und die Gelbe. Da brachen alle Sechs in ein Gelächter aus, und der Kunde mit dem gelehrten Gesicht und der Brille sagte: „Wenn Du die Grüne kriegst, so zeigen Dir die Deckel den Weg zu Muttern; Du darfst aber nicht daneben treten, sonst stecken sie Dich ins Kittchen. Kriegst Du die Gelbe, so kannst Du fahren, aber in der Knochentonne." Ich mußte fort; Eduard war schon über hundert Schritte voraus. „Ptachts gut!" grüßte ich nach Kundenbrauch und rannte dem Kollegen nach. „Ntachs gut!— Und laß Dich nicht in die Knochentonne stecken!" Ich glaubte den Sinn des Räthscls errathen zu haben. Die Grüne und die Gelbe waren meines Erachtens amtliche Schriftstücke, auf denen solchen Kunden, die auf den„Schub" kamen, die Marsch- ronte vorgeschrieben stand. Wer die Grüne erhielt, mußte zu Fuß nach seiner Heimath laufeli; wem die Gelbe zu Thcil ward, den schaffte man mit der Bahn dorthin. Erst außerhalb des Städtchens holte ich meinen Gefährten ein.„Weshalb läufst Du so schnell!" rief ich ihm, ganz außer Athem, zu. „Ich mache, was ich Lust habe!" erlviderte er rauh. Dieser abweisende Ton verletzte mich wieder so tief, daß ich ihn am liebsten mit einer Grobheit beantwortet hätte; das Gefühl meiner Schwäche gegenüber dem starken, unwirscheu Gesellen befahl mir jedoch Schweigen, und so mußte ich meinen Ingrimm still hiiimiterwürgen. Schier bis zur Unerträglichkeit fühlte ich mich gedemüthigt bei dem Gedanken, daß ich von diesem Menschen abhängig >var, daß ich ihm nachfolgte, wie ein geduldiger Hund, und mich von ihm füttern ließ. Aus Dankbarkeit gegen ihn hatte ich alle seine Rohheiteu und Grobheiten ertragen und entschuldigt; jenes Wort aber konnte ich ihm nicht verzeihen, weil es mich wie ein Berrath an der Kameradschaft berührte. Seit jenem Worte ruhte kein Segen mehr auf uliserem Bunde. Die gewaltige Macht meiner Phantasie, mit der ich so manches Mal die stärksten europäischen Kriege Heere geschlagen, die wildesten Raubihiere gebändigt und die stolzesten Herzen er- obert hatte, reichte nicht hin, den Groll zu tilgen, den ich gegen meinen Gefährten und Wohlthäter empfand. Obgleich er keinen Sinn besaß für den angenehmen Nutzen einer guten Unterhaltung, hatte ich doch hin und wieder versucht, ein freundliches Gespräch anzuknüpfen oder ihn durch lustige Er- zrhluugen zu erheitern; fortan aber widerstrebten mir solche Bersuche, und so geschah es, daß wir den ganzen Tag über und auch am Abend in unserer Nachtstation nur die nothwendigsten Worte zu ein- ander redete». Zu meinem stillen Verdruß merkte er die veränderte Stimmung gar nicht, und meine Schweigsamkeit fiel ihm nicht auf; er sorgte für meinen Unterhalt, trug mir in einem Tüchlein, das ich eigens für diesen Zweck bestimmt hatte und täglich zu waschen pflegte, die Nahrung zu und behandelte mich im Uebrigen, als sei ich Luft für ihn. (Forlseyung solgt.) �liUiioncnirifci. Von A. v. Ende-Chicago. man von Newhork aus mit einem Dampf- g/gCY boot der Old Dominion Linie die atlauti- sche Küste entlang fährt, eine der schönsten Reisetouren im Süden der Bereinigten Staaten, kommt man an den Sea Islands vorbei, einer Inselkette, ivelche die Küste Georgias und Süd-Carolinas um- geben, und die feinste Baumwolle der Welt liefern. Das Klima dieser Gegend ist wundervoll— zu Weihnachten hat man das schönste Frühlingsivetter. Der Golfstrom läßt eine» eigentlichen Winter gar- nicht aufkommen. Man könnte im Februar See- bäder nehmen. Das Harz der Kiefern und das Salz des Meeres würzen mit frischem, belebendem Hauch die vom Dufte halbtropischer Blumen erfüllte Luft. Unter diesen Inseln ist eine, die ihresgleichen in der Welt nicht hat, Jekyl Island, acht Meilen von der Stadt Brunswick in Georgia, ein paradiesisches Fleckchen Erde von elf Meilen Länge und zwei Meilen Breite, auf dem Niemand landen darf, der keine Einladung besitzt. Nicht Blaublut, sondern Gold ist das„Sesam öffne dich!" welches Einem die Wunder von Jekyl Island erschließt. Es giebt an der atlantischen Küste der Südstaaten viele Ortschaften, welche von den amerikanischen Magnaten im Winter aufgesucht werden. Sie kommen dort freilich auch mit Menschen in Berührung, deren Bermögenschiffre kein Gefolge von mindestens sechs Nullen aufzulveisen hat. Jekyl Island hat diesem Uebelstaude abgeholfen. Es ge- hört einem Klub von etiva hundert Millionären. Die Ntitglicdsgebühren reichen bis in die Tausende hinauf. Das Stückchen Land, ursprünglich aus Sandflächen, Sumpf und Wald bestehend, kostete 125 000 Dollars. Viele Hunderttausende wurden für Verbesserungen und Verschönerungen ausgegeben. Wie viele Mal hundert Btillionen Dollars die Mit- glieder zusammen Werth sind, wie es in der Landes- spräche heißt, davon hat man nicht einen annähern- den Begriff. Die Gebäulichkeiten der Millivneuinsel bestehen aus einem Klubhaus, das 100000 Dollars kostete, und aus Villen im Werthe von 15000 bis 00000 Dollars. Das Klubhaus ist ein dreistöckiges Back- stcingebäude mit Dampfheizung und elektrischer Be- lenchlung. Auch eine Art Privathotel ivnrde kürz- lich errichtet. In Folge der strengen Ezklusivität, welche auf Jekyl Island herrscht, ivisscn Uneinge- iveihte von der inneren Ausstattung dieser Winter- asyle amerikanischer Nabobs nichts; doch>vird die- selbe wohl dem in Gold und Onyx getäfelten Bade- zimmer, das der Znckerkönig Claus Spreckels im Hause seiner Tochter in San Francisco einrichten ließ, im Verhältuiß entsprechen. Was die Knust der Landschaftsgältner aus der ehemaligen Wildniß gemacht, das kann Einem auch einen Maßstab für die Prachtentfaltung im Juneren der Villen abgeben. In verschiveuderischer Fülle sind Palmen und seltene Ziersträucher augepflanzt worden. Die Gewächshäuser enlhalteu die prachtvollsten Blumen. Die Ställe des Klubs übertreffen manchen könig- lichen Btarstall durch Zahl und Rasse ihrer Bewohner. Tie meisten Mitglieder des Klubs lassen ihre eigenen Pferde hierher transportiren; aber für zweihundert Dollars den Monat kann mau sich ein Gespann miethen, und für etwas mehr als die Hälfte davon ein Reitpferd! Als ein Paradies dürfte sich die Insel für Nimrods erweisen. Die Verschiedenheit des Bodens begünstigt einen Wildstaud von außerordentlicher Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit. Tie Sümpfe wimmeln von Wildenten und Schnepfen. Die Wälder find voll Hirsche und Wildschweine. Während des Sommers wird das Wild so zahm, daß das Klub- haus von einem Netz umgeben wird, um die Hirsche fernzuhalten. Man sieht sie des Nachts ganz härm- los in den Anlagen der Villen nnihcrstreifen. Es eristirt jedoch eine Verordnung, welche die Zahl, die ein Mann während einer Saison erlegen darf, be- schränkt, sonst würde das Nothivild bald ausgerottet sein. Ouails(amerikanische Wachteln) gedeihen nicht besonders. Sie werde» daher zu Tausenden importirt und dann freigelassen. Die Jagd auf Fasauen und Truthühner ist sehr beliebt. Erstere wurden aus England eingeführt. Das erste Hundert wurde 188» herüber gebracht. Die Eier wurden von gewöhn- lichen Hühnern ausgebrütet und, sobald die Brut flügge war, frei gelassen. Im folgenden Jahre lvurde ein weiteres Hundert herbeigeschafft. Seitdem sind die Wälder voll Fasanen. Auch an anderem Geflügel ist kein Mangel. Des Wildhüters Wohnung ist mit einer reichen Sammlung von Jagd- trophäen ausgeschmückt. Wenn die Wallstreet- Atagnaten von der Jagd um den Mammon erschöpft sind, wenn ihre Frauen und Töchter nach den An- strengungen der vorweihnachtlichen Saison im Opern- Haus, Ball- und Konzertsaal der Erholung bedürfen, dann sieht man sie einige Wochen auf Jekyl Island am Strande liegen, oder auf den prächtigen Straßen dahinkutschiren, oder reiten, angeln und jagen. Hin und wieder finden freilich auch andere Jagden statt. Manches jüngere Mitglied des Klubs sucht in der ungezwungenen Atmosphäre dieses Winterlandaufent- Halts das Herz einer Erbin zu erlegen; und manche harmlose Flirtation endet mit einer„Partie", gegen welche die Eltern beiderseits nichts eimvenden können, da die Vermögenschiffren Harmoniren. Wer die Auserivählten sind, die sich erlauben können, eine Wiutersaison auf Jekyl Island zuzii- bringen? Nun, da ist fast jeder zur amerikanischen Plutokratie gehörende Name vertreten. Da ist z. B. ein Mitglied der Vanderbiltfamilie. Dieser arme reiche Mann, der gelvöhnlich in seiner? acht von Newyork hersegelt, hat eine ausgesprochene Ab- neigung gegen Journalisten, die er sich durch seine Privatsekretäre vom Leibe hält. Da sind die Gontets, da sind die Cuttings. Da ist auch der Oelkönig Rockefeller, dem Chicago seine Universität zu ver- danken hat. Da ist der Eisenbahnkönig George Gould. Da ist der Bundesseuator und Kapitalist Calwin S. Bri.e. Da ist auch der Tabakhändler Pierre Brillard und der im politischen Leben viel- genannte Cornelius N. Bliß. Die meisten von ihnen konimen in ihren eigenen Eiseubahncoupös nach Brunswick und lassen sich dann von dem Klub- dumpfer nach der Insel herüberfahreu. Viele von diesen Leuten sind durch Erbschaft zu ihrem Ver- mögen gekommen. Manche haben sich, wie es heißt, durch Fleiß und Sparsamkeit heraufgearbeitet. Zu diesen gehört Ntarschall Field von Chi.ago, ehemals ein Farmerbursche. Er erwarb seine Millionen im Ellenwaarenhaudel, Grundeigenthums- und Minen- spekulationen. Mau sagt, daß sein Geschäft jährlich fünfundzwanzig Millionen Dollars Umsatz habe. James Hill von St. Paul war in den OOcr Jahren ommis. Jetzt ist er einer der bedeutendsten Eisen- bahnmagnaten des Land.es. Die Great Northern Die Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Balin gehört ihm; er hesitzt einen großen Thcil der Nord Pa.ific-Akiien. Er beschäftigt an zchntansend Menschen und soll genan wissen,>vic viel Lohn jeder seiner?lrbei:er bekoninitl Er kommt jedes Jahr znr Jagdsaison nach Jekgl Island, um sich zu er- holen. I. Pierrepont Morgan von Newrork, ein nicht minder bekannter Gcldfiirst, liebt es, einsam auf der Insel nniherzustreifen, zu Roß oder zu Wagen. Die Mitgliederliste des Millionärklubs weist verschiedene Berufe auf. Auch der JonrnalismuS ist würdig repräfcntirt; nämlich durch Joseph Pulitzer von der„New Sjork World." Einige Wochen vor seiner Ankunft schickt er seine sechs Bftrde voraus, damit sie sich akklimatisircii. Dann kommt er selbst mit Privatsekretär und Tienerschaft. So isolirt die Insel ist, steht Pulitzer mit seiner Zeitung in fast so enger Verbindung, als säße er oben in seinem Sanktum an Eitp.hall Sgnare. Jckyl ist nämlich mit dem Festland durch Telegraphendraht und Tele- phon verbunden. Pulitzers Ausgaben während seines scchswöchcntlichen Aufenthalts daselbst können für die Dnrchschuittskosten als maßgebend betrachtet werden. Seit. zwei Jahren micthet er eine Billa auf sechs Wochen und zahlt für diesen Zeitraum 1500 Dollars! Das macht ungefähr dreißig Dollars den Tag M'iethe. Darnach bemessen ist es gewiß nicht zu hoch gegriffen, wenn man die Ausgaben für Beköstigung usw. auf fünfundzwanzig Dollars den Tag anschlägt. Die jährlichen Besucher der Millioneninsel verstehen jeden- fal.s die Kunst, Geld auszugeben. Daß die amerikanische Geldaristokratie es oariu zu einer schreckenerregenden Virtuosität gebracht hat, das fängt das amerikanische Volk an, selbst eiiizu- sehen. Die Predigten, die von der Kanzel, die Warnungen, die in der Presse ertönen, sind ein- dringlich genug, aber sie verhallen ungchört. Es ist garnichts Neues mehr, von Amerikanern die Be- merkung zu hören, daß viele Er'cheinnngen des amerikanischen Lebens so unamerilanisch, d. h. un- demokratisch sind, wie nur möglich. Der Palast, den der Znckermagnat Elans Spreckels bauen ließ, der Bradlep-Ntartin Ball in Newyork und der Biillionärklub auf Jekyl Island sind Erscheinungen, die tief blicken lassen und zu denken geben. Der Jod öes Doktor Jelsing. Von G. Macasy. t oktor Felsing lag auf dem Krankenbette. Er wußte, daß er nur mehr kurze Zeit zu leben habe. Er war seit Jahren auf diese seine letzte Krankheit gefaßt geivesen. Nun lag er stille und einsam in dem halbdunklen Gemach und lauschte auf das langsanic Ticken der Ilhr. Es war allmälig ruhig in ihm geworden: die Angst vor dem Tode, die ihn so oft gepackt hatte, tvar von ihm gewichen. Nur nachdenklich hatte es ihn gemacht und still. Er sah sein Leben hinter sich und schaute hinüber nach der ewigen Ruhe. Jetzt dachte er an seine Frau und seine Kinder. Tb sie sich ivohl bald trösten werden? Anna ivohl. Sic war seit jeher eine kalte, leidenschaftslose, be- rechnende Natur gewesen und hatte ihn nie geliebt. Sein Glück und sein Unglück waren an ihr vorüber gezogen wie fremde Bilder. Und er blickte zurück in die Zeit seines Brautstandes: kühl, frostig war Alles vor sich gegangen— ein Geschäft. Sie hatte ihn nicht geliebt, aber sie hatte ihn geheirathet, um versorgt zu sein. Warum nicht? Er tvar doch zufrieden geivesen und hatte nie Ursache gehabt, sich über sie zu beklagen. Das war es ja auch, was er wollte. Aber manchmal hatte er sich doch darnach gesehnt, ein Weib an seiner Seite zu haben, das ihn geliebt hätte,— inanchmal. Sein Beruf hatte ihm oft geholfen, die Sehnsucht zu überwinden. Daun tvar Martha in sei» Haus gekommen. Nein, daran wollte er jetzt nicht denken. Er sah, in verschwiimnenden Fernen, ei» Mädchen mit braunem Haar und sanften, stillen Augen. Nein, das nicht! Ein kalter Schauer fuhr durch seine Glieder. Er zog die Decke hoch hinauf: lächelnd über sich nnd seine Furcht. „Gespenster, Gespenster!" dachte er und zwang die Gedanken nieder. Jetzt trat Anna ein. Nur an dem leisen Knarren der Dielen merkte er es, daß sie da war. Lautlos ging sie durch das Zimmer und trat an sein Bett. Er schloß die Augen. Sie beugte sich über ihn, lauschte eine Weile und setzte sich dann ans Fenster. „Wie eine Katze geht sie!" dachte der Kranke. „Ihr ganzes Leben lang hat sie kein lautes Wort gesprochen, keinen lauten Schritt gethan. Wie eine Katze." Und immer dunkler und stiller wurde es im Gemach. Ter Doktor hatte vergessen, daß Anna am Fenster saß. Und wieder sah er das Mädchen mit braunem Haar und ernsten, traurigen Augen. Warum sie so früh gestorben? fragte er sich. Seinetivegen? Das niochte er nicht glauben. Aber der Gedanke ließ ihn nicht in Ruhe. Er setzte sich fest und klammerte sich an seine Seele. Damals! Er besann sich auf jedes Wort und jede That. Und doch schien es ihm, als sei eine Lücke in seinen Erinnerungen und eine Liicke in den Ereignissen. Er erinnerte sich noch des Abends im Winter und wie sie friedlich beisammen gesessen. Atartha hatte über Zahnschmerzen geklagt, schon einige Tage. Dann war er plötzlich zu einem Kranken abgerufen ivorde». Und als er nach einer Stunde heimkehrte, fand er Martha todt und sein Weib in Thränen nnd Verziveiflung. Sie hatte Atartha so sehr geliebt. Stammelnd rief sie blos: Vergiftet! Und sie hatte die Todte geküßt und küßte sie immer wieder. Es Ivährte lange, bis er Alles erfuhr. Sie Hütte sich ein Fläschchen geholt,— den Zahnschmerz zu betäuben. Einen Schluck hätte sie getrunken und sei vom Stuhl gefallen. Todt. Und er dachte über Alles nach, wie es geivesen. Und doch war es ihm, als sei eine Lücke in den Ereignissen. Plötzlich durchfuhr es ihn: Warum hatte Anna das Mädchen geliebt? Warum gerade die Eine, sie, die Niemauden im Leben geliebt hatte? Und warum hatte sie um diese getrauert, sie, die um Niemauden im Leben getrauert hatte? Wieder hörte er das leise Knarren der Dielen. Mit offenen Augen lag er da. Anna beugte sich über ihn: „Soll ich Licht machen?" fragte sie leise. Ja" „vi"- Nach einer Weile ivurde es hell im Gemach. Doktor Felsing sah nach der l.hr. Sieben. „Anna," sagte er halblaut. Sie näherte sich dem Beile. „Komm, setz Dich her zu mir," sprach er. „Wir wollen sprechen." Schweigend ließ sie sich am Rande des Bettes nieder. Es war todtenstill. Der Kranke lauschte und sah nochmals nach der Uhr. Dann überfiel ihn ein neuer Schüttelftost. „Das ist der Tod!" dachte er. Und sein Körper zitterte unter Schmerzen. „Anna!" sagte er mühsam.„In einer Stunde lebe ich nicht mehr. Wir wollen sprechen." Er sah sie an. Ihr Blick ruhte kalt nnd un- beweglich ans ihm. Nach einer Weile sagte sie laugsam: „Sprich nicht, es schadet Dir!" „Doch. Ich muß sprechen. Ich muß wissen, ob Du Martha getövtet hast!" Sie bewegte sich nicht. Keine Miene verrieth, ob die Frage sie getroffen habe. „Sag! Sag, ob Du's gethan hast." „Bist Du verrückt?" gab sie inhig zur Antwort. „Sag, ob Du's gethan hast!" kcuch:e er. „Rein!" „Tu last es gethan." „Rein!" „Du hast sie überredet, daß sie es thiui solle." Sie schwieg. Er richtete sich ini Bette aus. Seine Augen weiteten sich wie im Wahnsinn. „Also doch!" ninrmclte er. Anna war anfgcstauden. Mit herrischem Blick sah sie ihn an. Leise kichernd streckte der Kranke den Arm ans und packle ihre Hand. „Warum," flüsterte er,„warum hast Du dr.s gethan?" „Sie liebte Dich." „Und?" Anna suchte sich losznringeu. Aber der Kranke preßte ihre Hand krampfhaft in seiner. Nochmals wiederholte er: „Und?" „Laß mich!" „Tu sollst sprechen! O,— sieh, ich bin noch stark. Fühlst Du, wie stark ich bin?" Er zog sie zn sich. Er drückte ihren Kopf au seine Brust und sagte heiser: „Wenn Du nicht sprichst, erdrossle ich Dich." Da umfing sie ihn mit beiden Armen. „Ich liebte Dich," flüsterte sie kaum hörbar. „Ich allein. Und Du solltest keiner Anderen an- gehören." Er ließ sie los und starrte sie an. „Das— das——" stammelte er. Anna hatte sich entfernt und sagte nun kühl wie zuvor: „Das ist eine Lüge. Ich habe Dich nie geliebt, und Tu solltest nicht glücklich sein. Auch mit ihr nicht." Und sie lachte kühl und langsam. Dann lauschte sie. •Mit einem dumpfen gurgelnden Laut war der Kranke zurückgesunken. Das blasse, schlanke Weib beugte sich vorsichtig über den Rand des Bettes. „Todt!" flüsterte sie und ging zur Thüre. Äus dem plipierlmb der Zeil. Dcr Geiz.(Zu unserem Bilde.) Mit meisterhafter Hand verkörpert der Künstler auf unserem heutigen Bilde das grauenhafteste und widerwärtigste Laster der Menschen- seele— den Geiz, den unersättlichen, der nie genug be- kommen kann, das erbarmungslose, gesrätzige Ungeheuer, das stets neue Opser braucht. Tausende und Tanseude ins Unglück stürzt, uni seinen Träger zu süttern, und ihn selbst auch, den Geizigen, noch namenlos unglücklicher und elender macht, als alle Die, die er, der Bampyr der Menschheit, aussaugt. Unter allen Leidenschaften, die der Menschengeist in seiner Kultnrentwickelung gezeitigt hat, ist der Geiz eine der seltsamsten. Ein Genusch von Habsucht, Neid und niedrigster, jeder Größe entbehrenden Mitleidslosigkeit, packt er die Seelen mit»nividerstehlicher Gcivalt Und wie sinnlos ist er in seinen Wirkungen! Nicht um Macht zu besitzen, nicht um sich mit Prunk und Glanz zu um- geben, rafft der Geizige seine Schätze zusammen. Nein, er selbst leidet unter der krankhaften Gier. Mit angst- voller, scheuer Vorsicht behütet er das Gold, daS ihm keinen Nutzen gewährt: es sei denn die ekelhafte, feige Freude, die erbärmliche Lust am Haben, die Lust am falten, tobten Metall, in den: er wühlen kann nnd das kein Anderer als er besitzt. Und wie hastt der Geizige Jede», der auch etivas besitzt, wie beneidet er jeden Glück- lichc», dem seine Habe das Leben schön macht und der mit seiner Habe auch das Leben der Anderen verschönt. Wie haßt der Geizige jede» Glücklichen, er, der selbst kein Glück kennt und der einsam, von Allen fern, ivcil er Alle meidet, seilte Tage in Gier und Elend zubritigt, und dem in stillen Nächten der gräßliche Alp der Schuld und des pochenden Gewiffens die Ruhe raubt.«. » — Schnitze t.— Haussuchungen werden Euch nichts entdecken, In den Herzen Eure Femde stecken. Die für die Freiheit haben gestritten, Für Recht und Wahrheit haben gelitten, Tie haben gewöhnlich im Baterland Ihr Tciikmal au der Kerlerwand. Nachdruck des Inhalts Verbote»! Alle für die üiedaktion bestimmten Sendungen wolle man an Edgar Steiger, Leipzig, Elisenstr. 90, richten. Äeranlworll. Redallcur: Edgar Stetger, Letpzlg.— Verlag: Hamburger Vucbdruclcrel u. VertagSanuall Auer sc Eo., Hamburg.— Trucl: Mar Badtng, Berlin.