Nr. 47 H Cii(crhaUxm0c;bci(agc. 1897 KrnteLied. Von Richard Dchmcl. Es steht ein goldnes Gsrbenfeid, Es stvckk der Wind im weiten Land, Es Kommt ein dunkles Abendroth, Das geht kis an den Rand der Welt. Viel Mühlen stehn am Himmelsrand. Viel arme Leute schrein nach Brot. Mahle, Mühle, mahle! Mahle, Mühle, mahle! Mahle, Mühle, mahle! Es hält die Nacht den Sturm im Schoost, Es fegt der Sturm die Felder rein, Und morgen geht die Rrbrit los. Es wird kein Mensch mehr Hunger schrein. Mahle, Mühle, mahle! Mahle, Mühle, mahle! Jas Utsltr illit liem ßtmernen Kriff. Von Charlotte Nisle-Klein. -(Fortsetzung.) as Messer, das schöne Messer! Mein Messer —— ich hielt es wohl verborgen. Stets trug ich es bei mir. Allem nach hatte der Alte sein Abhandenkommen nicht bemerkt, denn bei der Zeugenvernchmniig war stets nur von deni ge- stohlencn Äeldc die Rede gewesen. Auch in den Zeitungsberichten war das Messer mit keinem Worte erwähnt worden.— Ja. ich hatte Gluck, Glück wie immer. — Das Messer gefiel mir mit jedem Tage besser. Wenn ich so Nachts im Bette lag und Emil und niein Bater von dem Leben„drüben" sprachen, drückte ich es an die Brust; fest hielt es meine kleine Faust umspannt. — Wie würden die Indianer schauen!— Drüben tvollte ich es meinem Bater zeigen. Eine eigene Scheu hielt mich ab, dies jept schon-u thun. Aber„drüben!" Ja, dann würde ich es ihm unter die Nase halten; nnd ich freute mich schon ans sein Lachen; ich hörte ihn sagen:„Schau, schau, die kleine Äanaille hat auf eigene Hand Geschäfte gemacht." Aber jetzt?— nein, nein, besser, ich behielt mein Geheinmiß für mich. Mein Bater hätte mir am Ende das Messer genommen, oder mich ge- zwuiige», es in den Fluß zu werfen, wie die schöne eiserne Kassette. Nein, erst in Amerika! Es ging mir aber doch jedesmal ein Stich durchs Herz, wenn ich meinen Bater zn Emil oder der Hansfrau sagen hörte:„Das Gute ist, daß man uns nie was nachiveisen kann,— sollten wir aber dennoch unvorhergesehenes Pech haben, dann leugnen, leugnen, immer leugnen; die Kassette ist gut auf- gehoben, die kann uns nicht verrathen. Man mnß nur fest bleiben." Bei solchen, oft wiederholten Worten wurde mir doch manchmal abscheulich bange zu Muthe, so daß ich einige'Male fest entschlossen war, das Messer in den Fluß zu werfen. Aber ich konnte es nicht übers Herz bringen.— Mein Messer,— und dann— ach was!— dummeS Zeug! Ich hatte Glück, und das ist bei Allem die Hauptsache; dies wußte ich. Mir konnte nichts passiren. Der Geheimpolizist hatte nach einiger Zeit seine Besuche eingestellt; wir athinetcn ans; wir fühlten uns wie von schwerer Last befreit. Seither waren zwei Ntonate verflossen; mein Vater sah keinen Grund mehr ein, die Abreise länger zu verschieben. Wir bezogen ein anderes Quartier, ganz in der Nähe des Bahnhofs. So lange das Haus polizeilich beobachtet worden war, hatte mein Later nicht ge- wagt umzuziehen, geschweige denn abzureisen; jetzt wollten wir aber nimmer länger zögern; in aller Stille wurden die Borbereitnngen getroffen. Ab und zu begab sich mein Bater in den Schnaps- laden, uni der Frau Grüße und Bestellungen von Emil zu übe, bringen. Die Beiden hielten ihre Zusanimcnkünfte bei uns ab. Sie trafen sich alle Wochen ein Mal, an dem Abend, an welchem Emil frei hatte. Immer noch viel zu oft für Emil, der täglich ungeduldiger zu werden begann. Seine Alte da- gegen zappelte vor Verliebtheit, während die Fanny bisweilen bösen Eifersuchtsaufällcn unterlag; sie fiihrte dann schreckliche Szenen auf, heulte,— zornige Thränen liefen ihr über die frische» Wangen, sie tobte, stampfte; ihr hübsches Gesicht verzerrte sich, und sie überhäufte den Emil mit Insulten. Mochten dieser und mein Bater sie auch noch so oft versichern, es sei kein wirklicher Grund zur Eifersucht vorhanden, es half nichts. Im Gegen- theil, sie wurde nur noch ivüthender. Einmal legte sie sich sogar auf den Fußboden; sie ivar zufällig zu gleicher Zeit gekommen, als man die Alte er- wartete und wollte der mit ihrem Körper den Weg versperren: Jeyt lasse sie sich nicht länger belüge», man habe ja das Geld, sie dulde das Berhältniß mit dem alten Sanmensch nimmer— ihr sei Alles Wurst.— Und sie zerzauste sich die schwarzen, dichten Haare vor Aerger und Wuth. Ein ungeberdiges, wildes Ding. Mir gefiel sie aber,— für mich hatte sie etivas Flottes. ** * Für Emil und meinen Vater waren dies keine angenehmen Zustände.— Hohe Zeit, sich aus dein Staube zu machen.— Uns Allen brannte der Boden unter den Füßen. Vor der Alten hielten wir dies Vorhaben äugst- lich verborgen.— Sie an der Nase herumzuführen war gerade keine große 5kuust, ein paar süße Worte von Emil,— einige Küsse w.iter, und sie versank in einen Taumel nnd sah und hörte nicht, was um sie vorging.— Niein Bater schwatzte ihr vor: die Klugheit geböte, noch ein paar Wochen mit der Ab- reise zu ivarteu. Und damit ihr Mann, der schon einige Male über ihr langes Ausbleiben Fragen gethan, keinen Verdacht schöpfe, kein Mißtrauen in ihm aufsteige, iväre es rathsam, daß sie und Emil höchstens alle vierzehn Tage zusammenkämen. Emil widersprach; das halte er nicht aus, wenig- stens ein Btal die Woche müsse er mit seinem Weiberl zusammen sein an seinem freien Abend. Die ganze Zeit arbeiten, und in den paar Freistunden sein Liebstes nicht uinarmen dürfen, das sei mehr, als man von ihm verlangen könne. Mein Vater redete ihm hierauf sehr ernsthaft zu; es wäre ja nur noch kurze Zeit, er svlle doch vernünftig sein, bald gäbe es keine Trennung mehr, und dergleichen. Der Frau standen vor Nührnng die Thränen in den Augen.„Oh, Eecemil, es muß ja sein, so füge Dich eben; schwerer als mir kann es Dir nicht fallen.— Später werde ich Dich tausendfach entschädigen."— Ihr Eeeemil, ihr süßer Eecemil; er hatte sie doch recht lieb— ja, ja! er war eben in letzter Zeit ein bißchen nervös gewesen.— Daher sein oft so eigen kaltes Wesen.— Das treue gute Herz; ihr schöner junger Schatz!— '** * Der Tag der Abreise war nun festgesetzt; die Fanny hatte, wenn auch grollend, der Vernunft nach- gegeben und Emil eine letzte Zusammenkunft mit 370 Die Heue Züelt. Illustrirte Auterhaltungsbeilage. feiner„Alten" gestattet: Sie wolle froh fein, wenn die ekelhafte Komödie ein Ende habe; dies ans- znhalten sei das ganze Lnmpengeld nicht Werth.— Bnimmend fügte sie sich ins llnvermeidliche.„lind das Manl biirst' ich Dir nachher noch exlra ab mit Soda nnd Sei"— Emil umfaßte das freche, zankende Mädel und küßte sie mit ungewaschenem Mund. Es war an einem Freitag Abend; die Laternen brannten bereits, als ich vor dem Hanse stand.— Die ahnungslose Alte war oben; mich hatte man weggeschickt.— Es war der Tag vor unserer Ab- fahrt. Biorgen Vormiitag gings noch einmal zur Schule, Abends in die weite Welt. Auf der Straße herrschte reges Leben; Menschen aller Art hasteten vorbei.- Einige Zeit sah ich dem bewegten Treiben zu, dann begann es mich zn langweilen. Die Frau blieb diesmal aber auch gar zn lange oben. Ich verlor mich in Träumereien; ich dachte an die Znkiinft, an„drüben".— lind ein Pferd würde ich haben— und frei sei man dort; Allerlei fiel mir ein, was mein Vater dem Emil nnd der Fanny erzählt.— Sogar Menschen durfte man tödien; ziemlich unbehelligt— ob ich wohl mit meinem Messer Einen so tief ins Herz stechen könnte, daß er todt wäre, ganz todt, ohne einen Muckser zu thun?— Ja, stark, groß und fest genug war mein Messer; meine Hand befühlte es in der Tasche— und drüben könnte ich es zeigen; was hatte ich da- von, wenn es Niemand bewunderte!— Ich wollte drum beneidet sein; so wie ich den Hansherrn drum beneidet hatte. So was Apartes zu besitzen!— Die Zeichnungen! Ich betrachtete sie im flackernden Schein der Laterne. — lind die Klinge vom feinsten Stahl; wie sie zn- klappt!— das ist so ein fester, eigener, entschiedener Ton— so ein!— ein, zwei, drei Mal lasse ich sie zuschnappe»; klipp!— klapp!— Plötzlich fällt ein Schatten vor mir nieder; rasch verberge ich das Messer. Hinter mir steht ein Herr; wie ich mich wende, begegnen seine Augen den meinen. Mir ist, als müßte ich umsinken; ich erkenne ihn sofort, trotz des schwarzen Bartes, trotz des goldenen Zwickers, der eleganten Kleidung;— es ist jener Man», jener Geheimpolizist, der früher so oft in den Laden gekommen; derjenige, der das Haus beobachtete. Ruhig geht er iveiter; ich stehe starr, mir ist der Schreck in die Glieder gefahren. Ob auch er sich meiner erinnert?— Ob?— Hat er das Messer gesehen?— Und wenn auch, was dann? — Der Hansherr hat das Messer nicht vermißt damals,— vielleicht später!— aber als ihm die Kassette!— nein, ach, da dachte er an nichts Anderes, als an das Geld!— Dennoch befiel mich eine furchtbare Angst. Ich vermochte nicht mehr auf der Straße zu bleibe»; rasch lief ich ins Hans hinein, die Treppen hinauf. Die Frau war eben im Begriff, sich zu ent- fernen; sie schäkerte mit Emil. Dieser sah ziemlich gelangweilt drein, beherrschte sich jedoch gewaltsam; ja, er bedauerte sogar, daß er seinen lieben Schatz den Ivetten Weg allein gehen lassen müsse.—„Es ist besser, die Heimbegleiterei unterbleibt, noch ein paar Wochen und wir segeln auf dem weiten Meere. Vorsicht, Kinder, Vorsicht!" Lachend rieb sich mein Vater die Hände. Meine Angst war vollständig verflogen. Das erhellte Zimmer, die lustigen Nienschen. Ich war doch recht thöricht gewesen, ein feiger Junge, eine Memme; ich schämte mich ordentlich vor mir selbst. — Ueberhaupt, konnte ich mich denn nicht auch ge- täuscht haben?- Vielleicht war es gar nicht der Polizeispitzel gewesen?— Und— wenn ja, von dem Messer brauchte er noch lauge nichts zu wissen.— Der Gedanke, was die Alte für Augen machen würde, wenn sie die Vögel ausgeflogen fände, amüsirte mich riesig.— Das Gesicht!— ich hätte es sehen mögen,— hah, hah!— Der süße Eeeemil, der treue Eeeemil,— hah, hah! In einigen Tagen schwammen wir; bald befanden wir uns in vollster Sicherheit!— Ehe die alte, schwerfällige,— ich gab ihr allerlei liebliche Namen in Gedanken; nie hatte ich sie leiden mögen. Wie aufgedonnert sie heute wieder war; wie sie sich her- ausge.ntzt hatte!— Es war zum Lachen!— Ich gönnte ihr die Enttäuschung, die sie erwartete; ich wurde ganz vergnügt und scherzte mit den Anderen. Von Furcht war keine Spur in mir zurückgeblieben. Ein paar Worte der Frau, und meine Angst erhob sich aufs Nene.— „Und gar nicht eifersüchtig bist Du auf mich, Eeeemil?— wenn ich allein Abends heimgehe?" Neckisch blitzten ihn die kleinen, blassen Aeuglein an,—„heute ist es schon das zweiie Mal, daß mir ein hübscher, stattlicher Herr nachgegangen. Er hat einen wunderschönen schwarzen Backenbart und trägt einen feinen, goldenen Zwicker.— Das letzte Mal muß er sogar unten am Hans gewartet haben, denn ans dem Heimweg folgte er mir wieder.— Vielleicht wartet er auch diesmal." Kokett warf sie den dicken Ko,f in den speckigen Nacken und sah Emil herausfordernd au.— Also doch!— Herrgott!— Endlich war sie gegangen. Ich ergriff eines der halbgeleerten Weingläser, die auf dem Tische standen, und schüttete den Rest hinunter. Btir ivar ganz übel— also hatte ich mich nicht getäuscht!— Es war doch der Spitzel gewesen, der hinter mich getreten, als ich mein Messer be- trachtet hatte. * ❖ Jk Emil und mein Vater besprachen, als die Frau weg war, noch tausenderlei Dinge; sie gaben nicht Acht auf mich. Scheinbar lesend saß ich am Tische, ab und zu eine Seite umschlagend. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen; die Worte meines Vaters drangen wie leerer Schall zu meinen Ohren. Ich bemühte mich, dem Gespräch zu folge»,— aber all das Schöne, die verlockenden Aussichten, die mein Vater entrollte, vermochten nicht meine Sorgen zu verscheuchen. Ntein Vater und Emil waren seelenvergnügt Die Fanny war auch noch auf ein Stündchen da- gewesen; es ging gewaltig fidel zu. Nur an mir nagten quälende Zweifel.— Die Begegnung mit dem Polizeispion,— wenn ich nur das Messer nicht aus der Tasche gezogen hätte!— Warum ich nur so unvorsichtig gewesen, ich war doch sonst so ein verdammt schlauer Strick, und stolz darauf. Ich war mehr als unzusrieden mit mir. Jetzt, beinahe am Ziel, wo jede Gefahr beseitigt schien, mußte mir noch so was passireu— mir! Mein Vater, der in der letzten Zeit meist be- drückt gewesen, war an diesem Abend wie nmge- wandelt; er lachte, scherzte und war voll Vertrauen auf die glückliche Zukunft, der wir entgegen gingen. Er trank viel und sprach sehr erregt; tausend Plaue entwarf er. Emil, der schon seit ein paar Tagen aus seiner Stellung ausgetreten, lag sehr bequem in der Ecke des abgerissenen Kanapees. Die Beine übereinander- geschlagen, rauchte er eine Zigarrette nach der anderen. Ihm erschien es als ganz selbst erständlich, daß Alles gut abgelaufen; er hatte sich nie extra viel Sorgen gemacht, sondern sich auf meinen Vater ver- lassen; der war gerieben, das wußte Emil— und ich hatte Glück, das wußte er auch. Wirklich ein ganz schlotteriger Kerl, der Emil, — unbegrei.lich, daß dem die Weiber alle so nach- liefen; die Fanny gönnte ich ihm schon garnichtl Auf Alles, was mein Vater bemerkte, antwortete er kaum. Der Hauptgedanke, der ihn bewegte, war offenbar: Bin froh, daß ich die Alte los bin. Er sagte dies öfters ganz umnotivirt auf eine Frage meines Vaters. „So gieb doch Acht, das hat ja heute sein Ende gesunden; hast sie ja zum legten Male gesehen." — Mein Vater fing an, sich über die Theilnahni- losigkeit Emils zu ärgern. Dieser fuhr au;: Er sei die ganze Zeit das Opferlamm gewesen, er, jawohl, er— er allein! Mein Bater hätte sich nicht küssen la"en müssen,— ach, und das ewig alberne Ge- schwätz.—„Denk' nur an, hent' Abend wollte mich das alte Mensch gar noch ei ersüchtig machen, und ich war genöthigt mich zu stellen, als ob ich ihr den Schwindel glaubte.— Aber so dumm bin ich doch nicht!"— „Nun ja!"— Mein Vater lallte schon und lachte wie toll, er Halle hoch. Ich kannte seine Zustände. „Nun ja, das glaubt freilich Keiner, daß der noch Einer nachsteigt, dem Erntewagen; der müßte ja blind sein!" Oh, du mein Gott!— ich wußte es besser. (Schluß solgt.) lauöerbnefe über Erziehung. Von Reinhold Eckart. esiebe Nichte! Was doch Hochzeit und Flitter- (Sj& wochen ans zwei verliebten Leutchen machen können! Nimmermehr hätte ich zu denken gewagt, daß sich meine ruhige, klardenkende Nichte unter den süßen Einflüssen männlicher Zärtlichkeit zu solchun lieber- schwall von Schwärmerei und Begeisterung fortreißen ließe! Was ist das für eine Aufführung? Ihr beiden Ehestandssänglinge— so nenne ich, wie Du weißt, die jungverheiratheten Honiglecker— betragt Euch, als ob Ihr mit Liebe und nichtsjils Liebe Brot und Braten alltäglich aus dem Schornstein herauszuzaubeni vermöchtet. Kommt endlich zur Be- sinnung und kehrt heim aus den Gefilden der Liebes- raserei in die Lande des gesunden Nienschenverstandes. Für Leute, die, wie Ihr, den Lebensnnterhalt gleich dem„Schiff der Wüste" mit Schweiß und Schwielen- verdienen müssen, ist es unziemlich, so lange der- gleichen Neigungen nachzuhängen. Jetzt tritt der Ernst des Ehestandes an Euch heran. Seht Ihr nicht, wie vorwurfsvoll ans der Zeilferne von nenn Ntonaten das strenge Auge der neuen Pflicht auf Euch herabschaut?... Junge Frauen sind, wie ich zu Deinem nicht geringen Verdrusse oftmals schon behauptet habe, Zwitterdinge, weder Fleisch noch Fisch, und haben nur insofern Daseinsberechtigung, als sie junge Mütter werden können. Wenn ich die holde Ver- schämthcit, mit der Du jüngst meine Anspielung auf Deinen zukünftigen Mntterberuf beantwortetest, recht deute, so ist es mit Dir in dieser Hinsicht nicht mehr geheuer, und es scheint mir, als sängest Du heim- lich für Dich den alten Bolksvers: O Storch, o Storch, du böses Thier! Aus Null machst Du eins, zwei, drei, vier. Nun beginnt für mich die Helferarbeit, die Du mir, als Deinem getreuen Eckart, an Deinem Hoch- zeitstage zugewiesen hast: Dir Rath zn ertheile» in allen Angelegenheiten, die der Erziehung Deiner Kinder dienen. Du bedarfst dieses Nathes um so mehr, als Ihr armen Ntädcheu in der Schule wohl viel vom Himmelreiche und anderen merkwürdigen Dingen, die schwer zu fassen sind, ersah t, aber nichts von Dem, was Euch als Btädchen, Weib und Mutter von wirklichem Nutzen sein könnte... Du wirst Dich entsinne», daß einst bei Gelegen- heit einer Prüfung der gestrenge Herr Professor einem Prüfling die Frage vorlegte:„Wo beginnt die Verdaunng?" und der witzige Student treffsicher antwortete:„In der Küche, Herr Professor!" Laß mich dies Scherzwort ans unseren Gegenstand über- tragen und gestatte mir die Frage:„Wo beginnt die Erziehung der Kinder?" Als pfiffige Evatochter wirst Du sofort Lunte riechen und mit gewohnter Schlagsertigkeit antworten:„Je nun, wo anders als im Ntutterleibe?" In der That ist diese die erste Erziehnngsanstalt, und der Dichter hat nicht Unrecht, ivenn er ihn die„Wiege der werdenden Mensch- heit" nennt. Tamil er aber nicht zu einer Verziehanstalt wird und Du„unbewußt und ungewollt" in den Ruf einer Rabenmutter kommst, so vernimm, was ich Dir über die Erziehung der Kinder vor ihrer Ge- burt niitzutheilen habe. Ich erbitte mir dazu Deine Aufmerksamkeit um so lieber, als ich mich becechligt glaube zu der Annahme, daß Du Deinem Gatten einen gesunden, kräftigen und wohlgcbildeten Stamm- 1 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 371 hcilter in die vciterlichen Arme lec>en möchtest Was? lieber eine Genossin? Geh, schäme Tich! Pflicht, unerläßliche(Lhepflicht jeder jungen Arbeiterfrau ist es, mit Fleiß und Ausdauer vor Allem für männ- lichen Aachwuchs zu sorgen. Und weißt Dil, warum? Nun, weil die Mädchen immer von selber nach- kommen. Also auch hier immer hübsch Programm- gemäß!— Napoleon I., dieser Wnuderknoten von Unmensch und Uebermensch, hat bekanntlich behauptet, und ich meine, nicht ohne Berechtigung, daß das künftige Schicksal der Rinder zume st ein Werk der Mutter sei. Du erkennst daraus die hohe Bedeutung des Mntterbernfs für das Gesellschafts'eben und darfst Tich mit Stol� zu Denen zählen, die dafür sorge», daß ehrliche und freie Männer nie aussterben. Sicher- lich sind die Berhälmisse, unter denen sich der mensch- liche Reim im Mutterleibe zum Rinde entwickelt, von entscheidender Wichtigkeit für das Gedeihen des jungen Weltbürgers, und oft vcrniag vieljähiige Er- zichcrarbeit nicht auszurotten, was die neunmonatige Berzichung im Mutterleibe an schlimmen Lebens- und Entlvickclu»gs;»stäuden begründet hat. Wie Du Dir denken kannst, ist das sich entwickelnde Rind in Altem und Jedem abhängig von dem Gesund- heitsznslaiide der Mutter, ihrem Wohl- oder tikbel- befinden. Tie gesammte Rörper- und Seclenverfassnng der N! utter ist also maßgebend für das Wachsthum des Rindes, das sie unter dem Herzen trägt. Wie das zugeht, läßt sich schwer cnträthsclu; daß es aber geschieht, kann Niemaud leugnen. Tie Gesund- heitc-forschmig hat nachgewiesen, daß Krankheit, schlechte Ernährung, angestrengte, gesundheitswidrige Beschäf.ignng, Rummer und Sorgen ebenso sehr an den R rasten des Menschenkeimes im Mutterleibe zehren, wie an dem Leibe der Mutter selbst. Je günstiger hingegen die Lebensbedingungen sich ge- stalten, unter welchen die Mutter ihres hohen Be- rnfes warten kann, desto mehr Förderung erfährt das Rind. Daraus wird Dir klar werden, daß die Erziehung des Rindes im Mutterleibe in der Hauptsache gleichbcbentend ist mit der gesundheitlichen Selbstzucht, die die Mutter an sich selbst willens oder an sich zu üben im Stande ist. Zuerst liegt Dir ob, sotveit es in Deinen Kräften steht, dafür zu sorgen, daß Deinem Rinde der er- forderliche Raum zur Keimung und Entwickelung zur Berfügnng steht. Wer gesegneten Lcib.s ist, darf keine„Taille" haben wolle». Ich rathe Dir deshalb alles Ernstes, das modegemäße Atarter- Werkzeug des weiblichen Leibes, Korsett genannt, das Du, meinen ernsten Ermahnungen zuwider, noch immer nicht abgelegt hast, sofort und ohne alle lim- stände in die Numpelkammer oder sonst wohin zu werfen. Oder glaubst Du nicht, daß Dein Kind verkrüppeln muß, wenn Du Dir und damit zugleich ihm die Nerven und Gefäßhahnen unterbindest und die inneren Organe nnnatürlich in ihrer Thätigkeit hemmst? Hüte Deinen Leib vor jeder gewal samen llmschnürung durch Kleider und Bänder, beschütze ihn vor Druck, Stoß und Erschüttcrnng! lind hierzu noch einen Wink! Flüttere noch heute Deinem Männchen ebenso zärtlich wie eindringlich ins Ohr, für die nächsten sieben bis acht Monate etwas weniger stür- misch in ehelichen Liebesbeweisen zu sein, indem Du ihn im Gefühle heiliger Mntterwürde bedeutest: „Unser Junge verträgt das nicht!"— Bedenke zweitens, daß Du jetzt schon die Er- nährerin und Pflegerin Deines Rindes bist und sein mußt. Ist es geboren, nährst Tu es mit Deinem weißen Blute, der Muttermilch; liegt es aber noch in der Hülle wohlverwahrt, wie Hebels Samen- körnlein, so spendest Du ihm rolhcs, lebenskräftiges rolhes Blut. Ist Dein Blut gesund, so bedeutet es Labung für das Kind; ist es mit Krankhcilsstoffen durchsetzt, w wirkt es wie Gift. Deine Hanptsorge sei darum auf Beseitigung schlechten und ans Er- zengnng reinen, gesunden Blutes gerichtet. Ties gelingt Dir vor Allem dadurch, daß Du Dir außer umsichtiger Körperpflege c Reinlichkeit, angemessener Wärme, Bewegung in Luft und Sonne usw.) aus- reichende Ernährung Deines Körpers gönnst. Nähr Dich so kräftig wie möglich mit leichtverdaulicher, bekömmlicher Rost. Da Du für zwei Personen Nahrung zu beschaffen hast, nmßt Du auch für zwei essen, wenn Tu Deine eigene Gesundheit aufrecht erhalten und die Entwickelung des Rindes fordern willst. Wie viel Nahrung Dein Sprößling von Dir erhalten muß, magst Du aus folgenden Angaben ersehen: In der neunten Woche seines Daseins ist der Menschenkcim nur etwa zweiunddreißig Milli- meter groß und wiegt äußerst tvenig, im nennte n Monate dagegen mißt er bereits sechsundvierzig Centimetcr und hat durchschnittlich ein Gewicht von sieben Pfund. Woher soll er die zum Aufbau seines Körpers uöthigen Stoffe nehmen, wenn Du sie ihm nicht gewährst? Daß Du eine abgesagte Feindin des Alkohols in jeder Gestalt Sie erfrieren ja, wenn Sie nichts Warmes bekommen." (Forlseyung folgt.). Umänderungen durch jScit und Uaum. Von Tlz. Overbeck. XI. Das Sonnenstadium der Erde und die Entstehung des Ilrvzeans. §in Weltuntergang, endend mit der feurigen Auflösung zerfallender, während nahezu unendlicher Zeit bestandener Steriiststeme in Atome, hatte vor Aeoneii Theile des Raumes, der endlosen Leere, bis auf schwindelnde Entfernungen mit Easballullgen erfüllt, welche, in furchtbarster Glnth befindlich, das All durchleuchteten und fernen, noch lebenskräftigen Welten als schimmernder Nebels eck sch zeigten«vgl. Das Werden im Weltall, Nr. 18 S. 139). Tie im Universum nie ruhenden Kräfte schufen nun während gewaltiger Zeiträume ans diesem Gluih- chaos durch Konzentrirnng des Stoses an einzelnen, weit voneinander entfernten Punkten eine Anzahl glühender Riesenncbelbälle, darnntcr einen mit einem Durchmesser von> 0 Wii Millionen Kilometern, welcher gleich allen anderen Urnebelbällen infolge ungleich- mäßiger Vergrößerung und Ballung rotirend ward und in einer Zeit, entsprechend etwa<><)<» N) unserer jetzigen Erdentage(Umlanfszeit des Neptun), einmal eine Drehung um seine Achse vollendete. Die fortdauernde Ausstrahlung von Wärme in den endlosen und eisigen Weltraum erzeugte natur- gemäß eine Abkichlnng des Balles, verbunden mit einer Verkleinerung seines Durchmessers, Beschlenni- gung des Umschwunges und schließlich die Abtrennung eines rolirenden tllebelringes in der Aeuiatorialregio». Unvermeidlich sich ergebende Ungleichheiten dieses Ringes schufen jedoch bald Verdickungen an irgend einer Stelle und bedingten Zerreißung des'elben, welcher sich nun zur Kugel ballte und als Planet (Neptun) den sich zusammenziehenden Zcntralball an der Stelle des früheren Ringes umkreiste. Der gleiche Vorgang wiederholte sich mehrfach in Intervallen! der leuchtende und glühende Sonnen- ball verkleinerte sich mehr und mehr, von Zeit zu Zeit Ringe abstoßend, welche sich ebenfalls zu Planeten gestalteten. Ans diesem Werdcprozeß ergiebt sich, worauf hier hingewiesen werden muß, daß die äußeren Planeten die ältesten sind und daß, je näher der Weltkörpcr der Sonne, desto geringer das Alter des- selben ist. Nach der Absonderung des Mars ließ die sich konzentrirende Sonne nun einen Nebclring hinter sich, welcher nach seiner Zusammenballung eine Kugel ergab, die, wie die Entfernung des Mondes von der Erde beweist, uriprünglich einen Durchmesser von über 75t) 000 Kilometer(etwa 100 000 Meilen) besessen haben muß. Die leichtbeivegten, erhitzten Gasmassen dieser Kugel gestatteten auf der letzteren nochmals die Bil- dung eines relativ gewaltigen Ringes, welcher, zer- reißend und sich aufrollend, einen neuen Weltlör..cr, einen Nebenplaneten, unseren Alvnd, ins Dasein rief, der nunmehr, getrennt von seiner Mutter Erde, seine eigenen Wege ging, dabei wegen seiner geringen Masse seiner Erzeugerin bald in der Entwickelung vorauseilte und daher, Ivie wir schon früher sahen (vgl. Unser Mond, Nr. 28 S. 219), heute bereits auf dem Friedhofsstadium angelangt ist, während unsere Erde, wenn auch nicht mehr feuriger Jugend- kraft, so doch immer noch der Kraft des reiferen Alters sich erfreut. Anfänglich durchleuchteten Erde und Blond mit blcndendeni Lichte gemeinsam das All, außer dem Lichte noch Wärme und chemische Energie in ge- waltigen Mengen ausstrahlend, hierbei jedoch infolge der resultirenden Abkühlung sich fortdauernd zu- sammenziehend und verkleinernd und dadurch die Erde und Blond trelinende Kluft vergrößernd. Der kleinere Blond erlosch aber bald, während die achtzig Blal schwerere Erde vermuthlich sogar noch einer höheren, lebenden Welt des Blondes als zweite Sonne leuchtete. Eenan dieselben Erscheinungen, welche wir zur Jetztzeit auf der Sonne beobachten, bot derzeit auch die Erde, natürlich in kleineren Dimensionen. Allmälig verdichtete sich der Gluthgasball zu einer 5i'ngel geschmolzener Metalle und Gesteine, auf deren Oberfläche schwimmende, täglich sich meh- rende Schollen in Erstarrung übergehender Blassen den Erkaltungs- und Erhärtnngsprozeß einleiteten. An den Polen, den Punkten langsamster Rotation, bildeten sich naturgemäß die ersten großen Ansanim- lnngen solcher Schollen und wuchs von hier ans die feste Erdrinde dem Aezuator zu, schließlich bei Be- rührung der Nord- und Südkap. e die Kugelschale der noch rothglühendcn Erdoberfläche schließend. Hiermit war der Zustand erreicht, den ver- muthlich augenblicklich noch die Riesenwelten Jupiter und Saturn repräsentiren. Bei dem schlechten Wärmcleitungsvermögen er- starrter Felsmassen erlosch die äußere Rothgluth jedoch sehr schnell, die den Luftkreis erhitzende, strahlende Wärme ward abgeschnitten, und nachdem dieser Punkt erreicht, sank in verhältnißmäßig kurzer Zeit die Temperatur der weit ausgedehnten Lufthülle durch Ausstrahlung in den Weltraum ganz erheblich. Die sofortige und direkte Folge waren gewaltige Niederschläge des bis dahin lediglich in der Atmosphäre in Dampfform enthaltenen Wassers. Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende dauernde, permanente, mit mächtigen elektrischen Entladungen verbundene Wolkenbrüche stellten sich ein, ein siedender Ozean, dessen Niveau mit dem ununterbrochenen Uebergange neuer Wasserdampfmassen in den tropf- bar flüssigen Zustand langsam stieg, umfluthete de» Erdball. Siedendes Wasser ist aber eins der stärksten Lösungsmittel und dürfen wir uns daher diesen Ur- ozean nicht als eine klare, kochende Fluth vorstellen, sondern wenigstens anfänglich als eine dünne, infolge des derzeit höheren Luftdruckes hochgradig überhitzte Schlammmasse, deren Wasser noch dazu durch reich- lieh beigemengte mineralische Säuren, Salpeter-, Salz-, Schivefel- und Kohlensäure, in höchstem Grade zerstörend auf die Unterlage gewirkt haben muß. Gleichzeitig riß fortwährend die noch dünne Erd- kruste infolge der znnehmenden Erkaltung, gleich den erkaltenden Lavaströmen der Jetztzeit oder den Eis- flächen der Ströme und Seen bei sinkender Tem- peratur, unter rollendem Donner nach den ver- schiedensten Richtungen große Spalten hinterlassend. Die innere Gluth stieg tausendfältig empor und ein wüthender, noch heute nicht ganz beendeter Kam. s zwischen dem Fenermeere des Erdinuern und dem freien, durch die, die heutige weit übersteigende Blond- und Sonnenfluih durchwühlten Wasser der Ober fläche tobte. Daß ein solcher Herenkessel, wie ihn die Erd- oberfläche in dieser ersten Zeit nach der Bildung der Felsenrinde unseres Planeten darstellte, noch völlig ohne eine Welt von Lebewesen war, ist wohl kanm nöthig zu bemerken. Für den Anfschwnng des Stoffes zu einem höheren, organischen Leben war die Zeit noch nicht gekommen, die höchsten Leistungen desselben bestanden noch lediglich in der Einleitung chemischer Prozesse »nd der Schaffung der verschiedenartigsten Krhstall- sormcn, letztere zu betrachten als Hcbergärge von der unorganischen zur organischen Welt, als die Vorläufer des selbstbewußten Lebens; bilden doch die von runden Flächen begrenzten Krystalle des Kohlenstoffes, des Diamanten, ein direktes Ver- bindnngsglied zwischen den geradflächigen Krystalle» der sonstigen Mineralien und den ebenfalls gleich den Diamanten rundflächigen Kr.stalloiden, welche vielfach im Inneren lebender Thiere und Pflanzen sich finden.* Niemals später entwickelte die Natur derartige Energie zur Schaffung immer neuer Verbindungen und Ablagerungen. In keiner jüngeren Bildung finden sich z. B. Bergkrystalle von solchen Dimensionen wie in den Urgesteinen der Erde, in erster Linie in alten Granit- »lassen, welche letztere man bis jetzt, da keine älteren Gesteine bekannt sind, als die erste llrrinde des Erd- balles betrachtet. Gigantisch sind die Ablagerungen von Granit, Gneis, Glimmer- und Thonschicfer, welche diese ersten Zeiten schufen. Die Blächtigkeit der Basis, des Urgranits, ist unbekannt, da letzterer in vertikaler Richtung, dem glühenden Erdkern zu, noch nie durchbrochen werden konnte, weder durch relativ wenig tiefe Bergwerke noch durch tiefe Bohrnngen in dem Felsenkeni der Erde.** Der auf dem Granitmassive ruhende Ilrgneis, das Produkt der Zerstörung des Urgranits, der bis jetzt bekannten ältesten Erdrinde seitens des be- schriebenen, kochenden Ozeans dagegen ist getianer bekannt und erreicht derselbe vielerorten eine Mächtig- keit von über 10 000 Metern in vertikaler Nichtnvg. Dieser Gneis besteht genau ans denselben Stoffen wie der Granit, im Wesentlichen ans Quarz, Feld- sxath und Glinimer, wodurch er als Produkt der Zerstörung des Granits sich erweist. Während aber der Granit ans diesen Stoffen in groben Brocken und krustallisirtem Zustande zu- sammengcsetzt ist und völlig ungeschichtet erscheint, zeigt der Gneis dieselben Materialien zerrieben und in meistens ursprünglich horizontalen, parallelen Schichten abgelagert, hierdurch deutlich auf die nivel- lirende Thätigkeit des Wassers hinweisend, und sich als Wasserbildtlng kennzeichuend. Keine spätere Felsenbildnug erreicht die Mächtig- keit dieses Urgneises, selbst nicht die diesen auf- lagernden gewaltigen Schichten von Glimmer- und Thonschiefer, welche zusammen bis etwa G000 Bieter Dicke aufweisen und ihre Entstehung der Auflösung, Auslangnng und Zerschläinmung der älteren Ge- bilde seitens eines, wenn auch noch sehr warmen, so doch nicht mehr in dem Maße wie früher über- hitzten Ozeans verdanken. Natürlich war die platonische und vulkanische Thätigkeit des Erdballes auch in diesen späteren Zeiten, gegen die Jetztzeit gerechnet, noch von ge- waltiger Ausdehnung und Energie, aber immerhin war der allgemeine Riesenkampf erheblich abgeschwächt. * Derartige Krystalloide, und zwar aus Eiweißstoff de- stehend, entdeckte zuerst der Anatom Reichert im Jahre 184!) im Körper des Meerschweinchens. ** Die tiefsten Bohrlöcher sind die von Sperenbcrg bei Berlin, 1064 Meter, Temperatur 46,5" C., und Schlade- dach bei Leipzig, 1692 Meter, Temperatur 49" C. Die Heue Welt. Illustrirte Anterhaltungsbeilage. 375 Welche Zeiträume erforderlich ivnren, uni die Ilblacieiuiigeil der ermähnten Ilrgebircie* zn schaffen, entzieht sich natürlich jeder genaueren Benrtheilnng; als sicher aber ist anzunehmen, daß diese chaotische Periode, wie man so sagt, eine halbe Ewigkeit ge- dauert hat. Allerdings besitzen wir in der Abplattung der Polarregioneu der Erde ein uraltes, von der Statur selbst ausgefertigtes Dokument, welches gewisse Be- rechnuugen über das Alter des Erdmassivs bis zur Gegenwart zuläßt, aber dennoch können auch die unter Zugrundelegung dieser Verhältnisse ermittelten Werthe nur auf eine sehr allgemeine Gültigkeit An- spruch erheben. Es ist ganz selbstverständlich, daß die durch Achseudrehung hervorgerufene Abplattung nur so lange veränderlich war, wie der Erdkörper in weichem, bildsamem Znstande sich befand. Wir können daher die thaisächlich heule vor- handene Abplattung als das direkte Itesnltat der zur Zeit der Oberflächcnerkaltung und Erstarrung wirksamen Dotation betrachten, nicht aber als das Erzeugniß der jetzigen; die heutige Notation würde, falls die Erde noch weich oder flüssig iväre, nicht eine Abplattung von za.'/ioo der Trehnngsachse, wie sie thatsächlich vorhanden ist, sondern nur eine solche von'/«»o erzeugen. Hieraus erciebt sich, daß die Erdumdrehung zur Urzeit erheblich schneller als heute gewesen sein, also die Tagcslänge von weit geringerer Dauer ge- wesen sein muß. Eine hemmende Ursache des Erdumschwunges haben wir bereits früher(vgl. Unser Mond und Bierknr und Venus) in der gegen die Kontinente brandeildeu Flnthwelle kennen gelernt, welche nach- weislich seit 2000 Jahren die Tagesdauer nm etwa Sekunde verlängert hat. Unter Zugrnndelegntig dieser Verhältnisse crgicbt aber die Berechnung, ivelche auszuführen hier natür- lich zu weit führen dürfte, daß die Zeit, zn ivelcher sich die Erdabplattung fixirte, also die Zeit der ersten Oberflächeilerstarrung, etwa vier Milliarden (■4CXK) Millionen» Jahre zurückliegt! Wo bleiben bei solchen Zeiträumen die za. 6000 Jahre, welche die Theologie unserer Erde als Alter anweist? Allerdings bieten die erwähnten Berechnungen nur Annähcruugswerthe, denn einerseils verringert sich das Resultat durch die infolge der schnelleren Erdrotation der Vorzeit und der damals noch größeren Mondnähe gewaltigere Flnlhwirkung, andererseils vergrößert sich dasselbe dadurch, daß zur Urzeit wahrscheinlich größere Kontinente noch fehlten und das feste ttand ursprünglich nur Jnselland von ge- ringer Ausdehnung war, also der Flnthwelle An- griffspunkte mangelten. Aber auf einige hundert Millionen Jahre mehr oder weniger kommt es bei solchen nngehenreu Zeit- räumen auch nicht an. Trotz des zu jener Zeit weit größeren Durch- messers des Sonnenballes waren die aus dem danipfenden Ozeane emportanchenden, mit Geysern lheißen Spring'ucllen! und gewöhnlichen heißen Quellen übersäten Inseln dennoch in tiefe Dämme- rung gehüllt, denn die weit ausgedehnte Lufthülle war von gewaltigen Wasserdampfanhäufungen und endlosen Wolken vnlkanischer Asche erfüllt, welche einen für den Lichtstrahl undurchdringlichen Schleier während langer Zeiträume bildeten. Einen gewissen Ersatz beten nur die an unzäh- ligen Orten ans hohen und niederen Berggipfeln, sogar vielfach ans dem Meere emporlodernden, vulkanischen Feuer. Die Luft selbst war mit metallischen und schwef- ligen, von den Vul.anen und Lavaströmen ans- gestoßenen Dämpfen, sowie geivaliige» Kohlensäure- menge» verunreinigt, also ebenfalls noch ungeeignet, einer Lebeivelt ein Dasein zn ermöglichen. Langsam erst verringerte sich die Zahl der Vul- kaue und der das Emporsteigeil der inneren Erdglnth " In der Geologie versteht iiian unter„Gebirge" nicht nur eine Ansammlung von größere» Höhen, sondern auch die Felsmaffe» selbst, auch wenn dieselben in ganz ebenem Lande befindlich sind. ermöglichenden Spalten und sank damit die Siede- temperatur der Ozeane auf eine Stufe, ivelche dem Eiweißstoff gestattete, ohne zu gerinueu, sich dauernd zu erhalten, also auf etwa 40" C. Damit war aber die Welt in ein neues Zeit- alter übergetreten, das Licht der Sonne drang sieg- reich vor und das erste Morgenroth verkündete nicht nur den neuen Tag, sondern auch das jetzt aller- orten aufkeimende Leben. Gin eDutran).* Von Julius Schwarten. �u den kultnrentlegcnsten Einöden des„wilden Westens" gehören auch jene uneruießlichen Land- strecken, die von den röthlich-gelben Finthen des Rio Grande und des Eolorado-Flusses nothdürflig dnrchwässcrt werden. Hier iveidet auf unabsehbaren Llanos der Ba giero«berittener Hirtel zahlreiche Heerde» halbwilder Rinder, und in den ost seltsam zerklüfteten Basaltmassen mit ihren tiefen Schluchten und schwer zugänglichen Höhlen sucht der Outlalv seine letzte und gewöhnlich sichere Zuflucht. Meisteiis gesellt er sich vorläufig zu dem einsamen Heerde«- Hüter, der ihn den Spähern nie zu verralhen pflegt, denn besondere Umstände zwingen ihn, dem Ge- ächteten tvohl oder übel ein Verbündeter zu sein, indem er ihm Obdach in seiner Hütte giebt und ihm von seineu Vorräthen mittheilt. Würde er neben dem Wirth auch noch den Spion machen wollen, so wäre sowohl sein wie auch der anderen Vaqueros Leben der Rache aller Outlaws verfallen. Im Gebiete des Gila-Flusses hatten ivir etwa zwanzig Staiionen mit je einem Vaquero, und die Entfernung zwischen einigen von ihnen betrug etwa drei bis vier Meilen, keine waren jedoch näher als zivei. Unsere Hacienda(Landgut mit Viehhaltung) lag ungefähr drei Meilen vom Gila-Flnß entfernt, hatte Verbindung mit der kalifornischen Küste und war mit Vorräthen wohl verschen. Alle Monate wurde von denselben ein beträchtlicher Theil ans zwei Wagen nach den verschiedenen„estriLioiies" gebracht. Als einer der„adrainistradores"(Verwalter) unseres weitläufigen Betriebes hatte ich jede Woche wenigstens einmal jede„astaeion" zu besuchen und über den Zustand der Heerde zu berichten. Was nun die Begehungen zlvischcn den Administratoren und den Outlaws anbetraf, so waren sie zwischen ihnen selten besonders freundschaftlicher Art, denn die Ersteren brachten die Streifer oft auf die Spur der Letzteren, und mancher Inspektor in der Runde Ivar schon ans dem Ritt aus dem Bügel gestürzt, von einem Schuß aus dem Dickicht oder einer Schlucht her getroffen. Bei der Gelegenheit, von der ich zu schreiben im Begriff bin, hatte ich einen Ritt von etwa sechs Meilen gemacht, um Station Pena«Penja gcspr.) zu erreichen, die am Abhänge einer Hügelkette lag, die Iviedernin eine weitreichende Stespenfläche durch- zog. Am Fuß des Hügelgeländcs schlängelte sich ein kleiner Bach entlaug, an dessen Uferseite die Hütte stand. Der Vorrathswagen war hier vor einer Woche gewesen und hatte Alles in Ordnung gefunden. Ich erreichte die Hütte eines Nachmittags dicht vor Sonnenuntergang und fand den Vaquero im Begriff, sie zu verlassen. Ans mein Befragen erzählte er, daß ihn vor zivei Tagen einige Outlaws besucht hältcn, von denen der Eine ihn als einen Zeugen erkannt habe, der vor etwa drei Jahren in San Diego(Kalifornien) ungünstig über ihn ans- gesagt. Der Umstand, daß der Ba uero damals unfreiwillig hatte Zeuge sein müssen, habe ihm das Leben erhalten, doch sei ihm von den Dreien be- fohlen, diese Gegend für immer zn verlassen. Eine Mißachtung dieses Befehls würde seinen Tod be- demet haben. Er mußie also weg, und ich über- nahm die Aufsicht, bis vom nächsten Rancho(Randscho gesin-.)** ein neuer Vaquero geschickt sein würde. lim das später Folgende besser zu verstehen, muß ich zuvor bemerken, daß, während die meisten * Geächteter, außer dein Gesetz Stehender. ** Viehhaltung. Hütten anderer Stationen ans natürlichem Erdboden standen, diese eine sich etwa drei Fmß über demselben erhob und einen Fußboden von gespalteneu Pfählen hatte. Die Erhöhung war infolge der ge- lcgentlichen Ueberschwemmungen des Baches vor- gesehen und von einem Hirten, der sich früher ein- mal in der Tischlerei versucht hatte, in seinen Muße- stunden aufgebaut worden. Als ich mein Abend- essen zubereitet und verzehrt hatte und mich an der warmen Fenerstelle ausstrecken wollte, um einige wohlthuende Züge aus der Pfeife zu nehmen, hörte ich die Hunde in einer Weise anschlagen, die mir kund that, daß Fremde sich näherten. Ich hielt es für das Beste, eine gute Miene aufzustecken und warf die Thür weit auf, indem ich ausrief, ob vielleicht Jemand Obdach wünschte. Fast in dem- selben Augenblick schritt ein Mann aus der Dunkel- heil hervor, begrüßte mich mit einem kurzen„Guten Abend!" und folgte mir in die Hütte. Ich schloß die Thür und sah ihn, niich umwendend, vor dem Feuer stehen. Sofort erkannte ich ihn als einen langgesuchten Verbrecher, berüchtigt unter dem Namen „Big-Bob"(eigentlich:„Dicker Robert"), der schon seit zwei Jahren hier herum sein Wesen trieb und ans dessen Einfangung ein Preis von tausend Dollar gesetzt war. In der Hand hielt er die lange, schwere Büchse und an seinem Gürtel hingen zwei Revolver nild ein Jagdmesser. Er>var ein Mann von nahezu vierzig Jahren, mußte etwa seine hundertsiebzig bis hnndertachtzig Pfund wiegen, und es bedurfte nur eines Blickes, um zu sehen, daß Alles an ihm Muskel und Sehne war. Er hatte einen kurzen Nacken, Unterkiefer gleich einer Bull- dogge und ein Gesicht, wie mau es bösartiger wohl selten sieht. „Freut mich. Eure Gesellschaft zu haben", sagte ich, zugleich einige Scheite Holz anfs Feuer werfend. „Werd' Euch'neu Mund voll Essen in ein oder zwei Minuten besorgen.— Sieht aus, als ob es heut Nacht Sturm gäbe." „Wo ist Antonio"«der verfehmte Vaquero), brummte er, als ich ihm den Kaffee zubereitete. „Hat die Station verlassen, wie ihm befohlen!" „Und Ihr seid ein Inspektor?" „Ja, ich kam gerade heule Abend und werde bleiben müssen, bis ein Mann herausgeschickt sein wird." „Allerdings, ich entsinne mich Eurer, Giles Werner; wie konntet Ihr es wagen, hierher zu kommen?" „Ein Mann, der sich nur um seine eigenen An- gelegenheiten kümmert, kann in diesem Lande gehen, wohin er will," erwiderte ich gelassen, indem ich ein Stück Fleisch zum Kochen aufsetzte. „Plag sein," knurrte er, die Büchse an die Wand lehnend und sich vor dem Feuer niedersetzend; „habt aber wohl den Antonio zugleich beauftragt, die 5zäschcr zu benachrichtigen, daß wir hier herum wieder aufgetaucht seien..." „Haltet mich nicht für einen Thoren," erwiderte ich.„Es ist Pflicht des Inspektors, nach der Heerde zu sehen. Es ist Aufgabe des Sheriffs, die Out- laws einznfangeu. Jeder bei seinem Leisten, hätte ich mich mit der Streiferei eingelassen, so würden einige von Euch es längst hcrausgefnndcn haben." „Btag sein, mag sein," murmelte er, und ich bemerkte, daß seine Züge sich ein wenig aufhellten und seine Stimmung eine etwas bessere zu werden schien. Ich machte ihm ein Abendbrot, so gut, wie ich es selber gehabt hatte, und kein Wort wurde ge- wcchselr, während er aß. Ueberhnngrig schien er nicht zu sein. Nach dem Essen reichte ich ihm Pfeife nebst Tabak und meine Flasche Rum. Er nahm einen mäßigen Schluck, zündete die Pfeife an und rauchte eine Weile schweigend vor sich hin. Er schien nachzugrübeln. Düster blickte sein Auge und hart war der Klang seitler Stimme, als er plötzlich sagte: „Ich würde ein anderer Marni sein, wenn man mich etwas besser behandelt hätte, als ich hier und da den Ansatz machte, wieder ein ehrlicher Kerl zu werden.. Wenn ich daran denke, wie sie mich gejagt und gehetzt gleich einem wilden Wolf, dann möchte ich Jeden tödten, der mir in den Griff kommt." 376 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Ihr hattet ein wenig geschmuggelt damals, nicht wahr?" fragte ich, mich vor ihn hinsetzend. „Nun ja, und was beim? Ein wenig Indiana (Art Baumwollcnstoff) und einige Flaschen Niim. Nicht der Rede Werth, lind dann wars zum ersten Btal. Aber was halfs? Zum Bestechen hatte ich nichts. Ob der Rum abgeliefert worden ist, oder ob die Spitzbuben ihn für sich selber haben rcr- schwinden lassen, weiß ich nicht. Genug, ich bekam „harte Arbeit". Auf dem Transport wurde ich wie ein räudiges Thier behandelt, gestoßen und geschlagen, wenn ich nicht gehen konnte. Bielleicht mochten die Schufte sich ärger», daß der Fang kein größerer gewesen und für sie selber nicht genug abgefallen war— was weiß ich. Bordein war ich ein Btaun, sag ich Euch: seitdem ward ich ein Teufel." „Ich habe gebärt, wie Ihr entflohen," sagte ich, das Feuer ein wenig schürend, um dann ans und ab zu gehen. „Dann wißt Ihr auch, daß ich zwei todte Wächter hinter mir ließ. Sie hatten mich hungern lassen, mich geschlagen und mich verhchnt, bis die Ber- zweiflnng mich packte. Hätten sie mich allein und mich still gewähren lassen, würde ich auch meine Arbeit gethan und mich in Alles gefunden haben. Sie trieben mich zum Word und zu Räubereien, und verbucht seien sie dafür." „Ihr wurdet schlecht behandelt, wie das Gerede geht," warf ich ein, als er aufstand und mich mit wildem Blick anstarrte;„aber wurdet Ihr immer zu dieser Art Leben getrieben?" „Was konnte ich anders thun!" rief er.„Als ein entflohener Sträfling wurde ich sofort verfolgt. Wie lange konnte ich mich vor Entdeckung sichern, hält ich mich nicht in die Wild iß geschlagen, und wovon sollte ich leben? Die Regierung hatte mich bald geächtet und einen Preis auf meinen Kopf ge- seist, und ivenn ich ergriffen werde, ist der Strick gut genug für mich. Da giebts weiter keine Wahl. Ich muß mich wohl so durchschlagen, bis das Ende kommt." „Ihr lest die Zeitungen dann und wann?" „Ja, und ich sehe, daß jedes Verbrechen in den Bergen mir ins Register geschrieben wird. Ich habe deren genug verübt und bedarf keiner Ertrazngabe. Aus einer Galvestoner Zeitung fand ich heraus, daß die Belohnung auf tausend Dollar erhöht worden ist--" „Das ist wohl die Zahl, glaube ich." „Und hättet Ihr nicht Lust, sie zu verdienen?" „Rein, ich will kein Blutgeld. Mir ist erzählt worden, daß man Euch brutal behandelt hat, und ich will Euch über Eure Flucht und die Art, wie Ihr fühlt und denkt, keine Borwürfe machen; aber für Eure Räubereien, die Ihr verübt, verdient Ihr allerdings den Strick." „Nun ja. ich habe Blut vergossen," sagte er, sich wie er setzend.„Manchmal möchte ich mich darüber freuen; manchmal wills mich aber auch niederdrücken. Ich Habs gethan, um mit der Welt quitt zu werden, und man wirds wieder ausgleichen mit dem Strick oder mit'ner Kugel. Ich iveiß es. Indes' en sobald wird es nicht sein. Einige Jahre werd ich wohl noch im Busch zubringen, und dann findet sich auch wohl ein Ende— ob nun gut oder schlimmer für mich." „Ihr werdet schiverlich in dieser Gegend bleiben können. Ich habe den Behörden nie Riittheilungen über Lutlaws zukommen lassen und bin auch eigent- lich nie gefragt w.rde», aber ich weiß, daß zwei neue Wachtstationen eingerichtet werden sollen, und der Gou crncur* hat gesagt, er wolle den Busch säubern, koste es, was es wolle." „Nun, wenns hier zu heiß wird, bewegen wir uns ein wenig weiter, denke ich. Uebrigens werden wir ihnen einen harten Stand machen.— Wißt Ihr, weshalb ich heute Abend hierher kam?" „Wahrscheinlich um nachzusehen, ob der Baquero Antonio sich auch wirklich entfernt habe." „So ist es, und ich hoffte, er hätte eS nicht gethan, so daß ich ihn hätte erschießen können. Ich * J» je einem der Vereinigten Staaten die höchste Regierungsperson. sah Euch bann durchs Gebüsch, hatte den Finger am Hahn und würde Euch erschossen haben, wäret Ihr nicht vor die Thür gekommen." „Der Mann muß ein Satan sein/ der mit dem Gedanken umgeht, Leute in dieser Weise umzu- bringen," sagte ich, ihn fest aitsehend. „Ihr mögt Recht haben," erwiderte er gleich- müthig, doch mit bösem Blick mich flüchtig streifend. „Es giebt Tage, an denen meine schlechtesten Kerle mich fürchten und sich fortschleichen. Auch an diesem Rtorgen drang niirs zu Kopf, so daß Alle das Lager verließen. Bis zu dem Augenblick, als Ihr mir die Pfeife anbotet, halte ich fest die Absicht, Euch — nun, Ihr wißt ja—" „Allerdings, und ich bin Euch sehr verbunden, daß Ihr Euren Entschluß aufgegeben habt; denn ich ziehe es vor, noch etwas weiter zu leben bei vierzig Dollar den Monat und freier Kost. Uebrigens— Ihr habt wohl garnicht daran gedacht, daß ich Euch zehnmal hätte niederschießen können, seitdem Ihr meine Hütte betreten hattet; aber ich wollte Euer Blut nicht an meiner Hand." Eine Minute lang sah er mich mit seltsamen Blicken an, dann siand er auf, hing den Gürtel nebst den Waffen an einen Haken und schien sich dann nach seinem Lager begeben zu wollen. Der Fußboden war mit Schaffellen gut ausgelegt, aber unter denselben befand sich eine Oeffnung— viel- leicht durch einen Zufall gelegentlich entstanden— und ihm passirte es, hier gerade hinzutreten und mit einem Krachen hindurchzubrechen. Sein rechtes Bein saß nicht allein vollständig zwischen den ver- bogeneii Dielen, sondern diese zwängte» es auch der- artig ein, daß er sich nicht allein heraushelfen konnte. Keine Waffe irgend ivelcher Art lag in seinem Bereich. Er war hülfloser als jemals eines seiner Opfer es wohl geweseil sein mochte. Er machte noch drei oder vier verzweifelte Anslrengungen, sich zu befreien, dann sagte er ruhig: „Bielleicht habt Ihr Eure Nieinniig bezüglich der tausend Dollar geändert. Ihr braucht nur eine Axt zu nehmen und ein wenig zu versuchen, wie hart mein Kopf ist, wißt Ihr—" Ich ergriff einen kräftigen Pfahl und bog, ihn als Hebel benutzend, die zujammengeklemmten Dielen auseinander, so daß er sich bald herausarbeiten konnte. Er saß nieder, rieb sich eine Weile das schmerzende Bein und streckte sich dann auf seiner Schlafstätte aus. Kein Wort wurde weiter zivischen uns ge- wechselt. Ich machte noch einige Notizen im Stations- buch und legte mich dann auf das andere Lager, und ich habe nicht eine Nacht so gesund und fest geschlafen, wie ichs nach diesen verhängnißvolle» Stunden geihan. Bei Sonnenaufgang stand ich zuerst auf und hatte bald das Frühstück fertig, als Big-Bob sich auch erhob. Abgesehen von einem„Guten Rtorgen" und einigen Bemerkungen über das Wetter halten lvir bis zur Beendignug des Rtorgenbrots weiter keine Unterhaltung. Als wir dann unsere Pfeifen angestiudet hatten und vor die Thür traten, sagte ich: „Hört mal zu, Bob, ich möchte den Antonio hier wieder her haben." „Ich will sehen, daß ihn Keiner davon abhält," erlviderte er. „Und dann, Bob, mögt Ihr Euren Jungen ge- legenUich einen Wink geben, daß ich mich wenig darum kümmere, auf einem meiner Ritte mal an- geschossen zu werden." „Die werden kein Blei an Euch verschwenden." „Es ist gegen das Gesetz, Euch in Eurer ver- brecherischen Laufbahn zu fördern, aber im Fall eines Unglücks oder einer Krautheit werdet Ihr den Baquero willig finden, zu thun, lvas er kann. Er versteht sich ziemlich auf gebrochene Glieder und hat, glaube ich, auch ein Rtittel gegen das Sumpfüeber." „Wollt Ihr mir die Hand geben?" fragte er rauh— er schien eine Gefühlslvallung nieder- znzwingen— und mich voll ansehend. „Ja, ich möchte wohl, aber nur in der Hoff- nung, daß kein Blut Eure Hand mehr beflecken wird.. Lebt wohl!" Er schritt fort, am Fuß der Hügelkette entlang,. war aber noch keine zwanzig Schritte weit, als er sich lviedcr umwandte und zurückkam. Er ging ge- rade auf mich zu, legte seine beiden gewichtigen Hände auf nieiue Schultern und sagte mit einem verlaltenen Zittern in der Stimme leise und weich:„Ich iverde nie wieder so schlecht sein, wie ich es seither geiveseu. Wenn Ihr gelegentlich von meiner Einfangung hört, dann versucht, mich zu sehe», Giles Werner." Ich versprachs ihm. Dann wandte er sich ab und ich habe ihn nicht wiedergesehen. Ich bin über- zeugt, daß er nicht aufhörte zu rauben, aber von einem Todtschlag in seinem Distrikt hörte ich nie mehr. Ein Jahr mochte seit der geschilderten Begegnung verflossen sein, als das Gerücht von einem Eisenbahn- Überfall in unsere entlegene Gegend drang. Er war von Big-Bob und seinen Genossen ins Werk geletzt worden. Doch hatten der County Marshall und der Sheriff nebst ihrer Schutzmannschaft, die gerade auf einem Streifzug begriffen waren, sich in einem besonderen Wagen befnnde» und den Kamvf mit der Bande aufgenommen. Sie war znni größten Theil vernichtet tvorden. Big-Bob selber hatte, wie man sicher wußte, schwere Wunden empfangen, sich aber trotzdem auf seinem Pferde gehalten und war fort- gestürmt, dem schützenden Dickicht zu. Trotz alles Sncheiis hat man ihn nirgends gefunden, aber später auch nie wieder etwas von ihm gehört. Wahr- scheinlich ist er an seinen Wunden verblutet und einsam in der Wildniß gestorben. Zeit, Das Schicksal.(Zu unserem Bilde.) Der Künstler bringt unS auf unserem heutigen Bilde eine Allegorie: Das Schicksal. Gewiß werden sich noch manche unserer Leser des Reliefs von Joses Maur,„Das Schicksal", erinnern, von welchem sich eine Reproduktion im vorigen Jahrgang der„Renen Weit" befand. Dort, wie hier, hat der Kunst er das Schicksal als die grausame, unerbittliche Göttin aufgefast, die die Loose dcs Rtieiischengeschlechts ver- theilt, unbe Ümniert, ivie es den Einzelnen tressen mag— so giebt sie dem Einen die Kette, an der er ewig zu schieppen hat, dem Anderen den Kranz dcs Glüc.es, ob er ihn ver- dienen wird oder nicht. Hugo Lederer, dessen Gruppe aus der diesjährigen Berliner Kunstausstellung war, hat in seinem„Schicksal" eine neue Idee verkörpert,� und jür ihn handelt es sich nicht um die soziale Seite des Schicksals- Problems, sondern um die Fr ge der Geschlechter. Tie Schicksalsgö.tin, ein starres Weib mit müden, traurigen Augen sch.eppl g eichsai» zwei Menschen ins Leben hinein: ein Mädchen, das sich ivilleulos zerren lägt und stumm, mit geschlosienen Augen, sein Loos erträgt, und einen Jüng ing, der sich in Schmerz und Verzweif.ung wehrt gegeii das ihm aufgezwungene Geschick. Leider sehlt es hier am Räume, näher aus die tiefe Bedeutung dieser Allegorie einzugehen, und es mag jedem Beschauer über- lasse» bleiben, einen Vergleich zwischen der srll cren, ettvas konventionellen, und der heutigen Darstellung zu ziehen. Zum Schlüsse sei noch ein drittes Bild erwähnt, dem die gleiche Schictsalsidee zu Grnude liegt. Es üt das Gemälde von L. Leempoel„Schicksal der Menschheit", das sich im Jahre l�ttö auf der'Ausstehung im Münchencr Glaspalast befand. Es stellt einen starren, regungslosen Männerkops mit ernste», weit geöffneten Auge» dar, den ein ungeheurer Lichtskreis umgiebt— das Schicksal. Und unten aus der Erde strecken die Menschen ihre Arme empor — betend und verzweifelnd, Hossend und hoffnungslos. — S ch n i h e t.— Verehrung hat auch ihre Grenze, Und Flnch der Hand, Die jemals wand Dem Freiheitsmörder Ehrenkränze. Dem Bedürsniß ist es immer noch geglückt, Zu schassen Das, was man unterdrückt. Was Dir nicht selber klar und wahr, Das biet auch keinem Andern dar. Halbgötter giebt es nur in der Sage, Halbmenschen sehen wir alle Tage. Je ungebildeter der Mensch, desto stairer macht er die Gebräuche mit, die ihm autoritativ vorgemacht werden. Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion bestimmten Sendungen ivolle man an Edgar Steiger, Leipzig, Elijenslr. vv, richten. Beramworll. Redalteur: Edgar Stetger, Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdruckeret u. Verlagianslatt Aw-r Lr Co., Hamburg.— Druck: Mar Babing, Berlin.