Nr. 50 �Hufivivle �CTi(ci'lia(iun0'sbc'Hagc. 1897 V- Monolog des Prometheus. Aus:„Maria. Ein Mysterium." Von Franz Evers. Wem Jahre lang am ungeschwächten Herzen Der Geier Gram mit scharfem Schnabel fraß, Besiegt sein Schicksal unter all den Schmerzen. Der trotzt, wie ich, der geilen Göttersonne tflit ihrem frechen, schwelgerischen Gicht. Bei meinem Herzen! eine höhere Wonne Geuchtet aus feinem harten Angesicht. Was können ihm die goldnen Himmel geben? Ihm, dem die Trde schwesterlich gehört! In seinen Menschen hat er Gicht und Geben, Die mit ihm kämpfen und die mit ihm beben, Mit denen er sich brüderlich empört. Was du nicht hast, das kannst du noch ertrotzen! And wenn der God dir erst Erfüllung bringt— Dann mögen sie erstaunt herunterglotzen Die Seligen, die mit ihrem Gichte protzen, Und die doch auch die große Aacht verschlingt. Wenn sie im Untergänge stehn und staunen, Was erdenstolz ein schenkend Herz vollbringt, Verlieren sie wohl ihre Götterlaunen!— Selig, der Mensch, der fühlt und sich bezwingt! Denn ohne Herz sind Die da oben nichts Als kalte Träger ihres eignen Gichts. Mit Tausenden, die hier im Dunkel glühen, Und die mit Thränen ihren Grain genetzt, Die mit mir wollen und mit mir sich mühen, Hat sich mein Reich der Herzen fortgesetzt— Und wird wie Heuer durch die Rächte sprühen. Teufel« firmer. Novelle von Wladimir Korolcnko. Teiitsch von W. Thal. (Schluß.)-- kn§ willst Du von mir?" „Ich ivollte Dich nur besuchen. Du uiußt Dich doch ollein hier furchtbor laug- weilen." „Ich bin nicht allein, ich bin mit Gott, und in solcher Gesellschaft langweilt man sich nicht. Aber sei troydem willkommen, mein Junge." Als ich abseits stehen blieb, sah er mich auf- merksam an und sagte dann:„Sprich ganz leise, was für ein M'ensch bist Du denn?" „Was soll ich Dir antworten? Ich bin ein ver- loreuer Mensch." „Kann man sich auf Dich verlassen?" „Ich habe nie Jemand betrogen." „Es muß mir Jemand eine Botschaft besorgen und mir die Autwort bringen, willst Du das über- nehmen?" „Wie soll ich denn hinauskommen?" „Das Mittel will ich Dir schon sagen." Er sagte es mir in der That so genau, daß ich, als die Nacht gekommen war, das Gefängniß verließ, wie man die Schwelle seiner Jsba verlaßt. Als ich die Botschaft gebracht und die Autwort er- halten hatte, kehrte ich gegen Tagesanbruch zurück. Ich muß gestehen, als ich mich lvieder beim Gefängniß sah, klopfte mir das Herz. Wozu sollte ich mir wieder den Strick um den Hals legen? Das Gebäude ist am Ende der Stadt, zwischen der Landstraße und dem Flusse gelegen. Das Gras schimmerte im Thau, die reifen Nehren des Getreides wogten hin und her, und auf der anderen Seite des Waldes hörte man ein lebhaftes Zwitschern. Vor inir richtete sich das düstere Gefmigiiiß niis; wie ein gemästetes Uiigeheuer sah es aus. Und lvieder stellte ich mir die unleidlichen Tage vor. die sich da drinnen wie ein langsames, endloses Rad abwickelten. Ein wahnsinniges Verlangen erfaßte mich, davon zu laufen und die frische Luft eiuzu- athiuen; ich dürstete nach Freiheit. Doch jetzt siel mir der Alte ein. Durfte ich ihn täuschen? Ich legte mich ins Gras und blieb einige Zeit liegen, um mit mir selbst Rath zu halten. Dann erhob ich mich plötzlich und eilte nach dem Gefängniß, ohne hinter mich zu blicken. Im Laufe des Tages konnte ich dem Einarmigen die Antwort übergeben, die er erwartete.„Ich danke Dir," sagte er strahlend.„Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, den ich Dir nie vergessen tverdc. Aber sage mir," fügte er verschmitzt hinzu,„hast Du nicht Lust auszurücken?" „Ob ich dazu Lust habe!" „Aber wie zum Teufel bist Du denn zu uns gekommen, weswegen denn?" „Wegen meiner Dummheit, weiter habe ich nichts verbrochen." Er schüttelte den Kopf. „Ist es nicht schade, daß Gott Dir Jugend, Kraft und Gesundheit verliehen hat, und daß Du die Welt nicht verstehst? Siehst Du, Bruder, in der Welt giebt es ivohl die Sünde, aber in der Welt liegt auch das Glück und auch das Heil. Namentlich aber ist die Sünde stark. Ach, das Leben ist etwas Entsetzliches. „Was iveißt Du davon? Erinnere Dich, daß Gott allein ohne Sünde ist und daß der Niensch deshalb mit der Sünde geschaffen ist, um nach Mög- lichkeit Heil zu erlvcrben. Aber um zu bereuen, muß man gesündigt haben, und wenn Du nicht sündigst, so hast Du auch nichts zu bereuen- und wie willst Du Dich dann retten? Ilm aber sündigen zu können, muß man in der Welt stehen, denn in der Welt ist die Sünde. Also was thust Du hier?" Ich gestehe, daß ich nicht gut begriffen hatte, doch ich glaubte, gute Worte gehört zu haben. Dann fühlte ich auch, daß ich nicht wie die anderen Menschen lebte. Ich war hier wie ein Stückchen Unkraut auf einem sorgfältig bebauten Felde. War es da nicht besser, mit der Sünde in der Welt zu leben, als dieses elende Dasein zu führen? Aber ivie sollte ich leben? das ivar die Frage. Und vor allen Dingen, wann wird man mich in Freiheit setzen? „Das ist meine Sache," versetzte der Einarmige, „ich habe für Dich gebetet, und es ist mir gelungen, Deine Seele aus dem Dunkel zu reißen, in dem sie 394 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhulwngsbeilage schmachtet. Wenn Du mir gehorchst, so lverde ich Dir den Weg der Neue zeigen." „Ich werde Dir gehorche»." „Würdest Du das beschwören?" „Ich schwöre es." Er hatte sich vollständig meines Geistes bemäch- tigt. Hätte er mir gesagt, ich solle mich ins Feuer stürzen, ich hätte mich ins Feuer gestürzt; hätte er mir gesagt, ich solle mich ins Wasser werfen, ich hätte mich ins Wasser geworfen. Bald milderte man seine Strafe, indem man ihn in den gemeinsamen Saal brachte. Nichtsdesto- weniger hielt er sich beständig abseits, wie ich. Spötte- reien und Hänseleien entrissen ihm kein Wort. Nur manchmal sah er Diejenigen an, die ihn so neckten, und dann schlvicgen selbst die Frechsten und neigten das Haupt. Dann kam eines Tages der Staatsanlvalt in die Kanzlei, ließ sich den Einarmigen vorführen, und eine halbe Stunde später erschien dieser ivieder heiter und fröhlich, von den Hand- und Fußfesseln frei und neu eingekleidet. Auch der Beamte sah ganz zufrieden aus. „Btan hat ihn also irrthümlich verhaftet," dachte ich,„daß man ihn sobald losläßt." Das stimmte mich traurig, denn ich sollte von Neuem allein bleiben. Er suchte mich mit den Augen und machte mir ein Zeichen, näher zu treten. „Exzellenz," sagte er zu dem Staatsanwalt in heiterem Tone,„ist es nicht möglich, den Fall dieses vollständig unschuldigen Burschen zu beschleunigen?" „Wie heißest Du?" fragte mich der Staats- nnwalt. „Fedor Silin." „Ach ja, ich weiß, er ist nicht zu verurtheilen, denn die Dummheit verurtheilt man nicht. Btan sollte ihn nur vor die große Pforte führen und ihm eine gehörige Tracht Prügel verabreichen, damit er nicht wieder die Nase in Dinge steckt, die ihn nichts angehen. Doch die Untersuchung muß fortgesetzt werden und ich hoffe, er wiid in acht Tagen aus dem Gefängniß entlassen werden." „Umso besser," versetzte der kleine Alte. Dann nahm er mich bei Seite und sagte:„Sobald Du herauskonnnst, verlange in meinem Namen Arbeit bei Jlvail Zakaroff, auf seinem Pachthofe Kildijeff, und vergiß nicht Deinen Schwur." Dieser Zakaroff nahm mich gut auf und stellte mich auf der Stelle ein. „Wo ist der Einarmige?" fragte ich. „Der reist in Geschäften." Das Gesinde war nicht besonders zahlreich. Außer mir war nur noch der Pächter, sein Sohn, ein großer, junger Mensch, und sein Diener da. Es waren Leute von strengen Sitten, sie rauchten keinen Tabak und tranken keinen Schnaps, es waren echte Altgläubige. Was Knzma, den Knecht, anbetraf, so war er ein schwarzköpfiger, blöder Gesell, so dunkel fast wie ein Neger. Sobald er nur auf der Land- straße das Klingeln einer Troika hörte, sprang er ins Gebüsch. Besonders der Einarmige flößte ihm eine große Furcht ein. Kaum bemerkte er ihn von Weitem, als er im Gehölz verschwand, und man niochte ihn noch so viel rufen, er gab kein Lebens- zeichen von sich. Doch man wußte, daß er sich stets an demselben Orte versteckt hielt, und wenn der kleine Greis ihn abgefaßt hatte, dann folgte Kuznia ihm wie ein zahmes Lamm und gehorchte ihm auf einen Wink und auf einen Blick. Der Einarmige kam nicht oft, und wenn er kam, so geschah das nur, um einige Worte mit dem Pächter zu wechseln. Er sah mir einen Augenblick bei der Arbeit z», doch wenn ich näher trat, um ein wenig zu plaudern, dann hatte er niemals Zeit. Ich hatte fast nichts zu thun, wurde sehr gut behandelt und erhielt auch gutes Essen. Selten ließ man mich mit den Reisenden fahren, diese Arbeit besorgte fast immer die Herrschaft mit Knzma bei Stacht, und gerade dieser Mangel an Thätigkeit, diese abspannende Eintönigkeit ließ mich nach und »ach in einen Znstand der Erschlaffung verfallen, und ein dumpfes, tückisches Fieber untergrub meine Gesundheit. So lebte ich seit sechs Wochen, als ich eines TageS, von der Mühle heimkehrend, die Jsba voller Leute sah. Als ich das Pferd abgespannt und in den Stall gebracht, ging ich nach dein gcmeinschaft- lichen Zimmer, als der Herr mir entgegenkam und schnell zu mir sagte:„Komm nicht herein, warte, bis ich Dich rufe." Acrgerlich streckte ich mich auf dem Hafer in der Scheune ans, doch es war mir unmöglich einzil- schlafen. Ich kletterte bis unter das Fenster, reckte mich, so viel wie nöthig ivar, in die Höhe und wollte sehen, was man denn eigentlich im Hanse trieb. Es ivar eine zahlreiche Gesellschaft versammelt. An der Tafel saß der Untersuchungsrichter, vor ihm lag ein Stück Papier, ein Tintenfaß stand dabei, eine Flasche Schnaps, kurz Alles, was man zur Untersuchung braucht. Auf der Bank gegenüber saß der Einarmige, die Arme ans dem Nücken gefesselt, während die Haare bis ans die Wimpern niederfielen; seine Augen glänzten wie glühende Kohlen. Er machte auf mich einen so schrecklichen Eindruck, daß ich mit einem Satze znrücklvich. Es ivar im Herbst, am Himmel zogen die Sterne auf. Der Fluß grollte wüthend, und der Wald schloß sich seinen Zorneslanten an. Ich setzte mich am Ufer nieder, ließ die Beine über das Wasser baumeln, und zitterte vom Kopf bis zu den Fußen. O, diese Augen, dieses entsetzliche Bild! Stach ziemlich langer Zeit kehrte ich trotzdem auf meinen Beobachtungsposten zurück, denn die Neugier war stärker als ich. Es trat Jemand in das Zimmer, es war der Sekretär des Untersuchungsrichters. Als er an dem Einarmigen vorüberging, sagte er in ruhigem Tone:„Guten Tag, Iwan Aleksejeff." Der Andere warf ihm einen wiithenden Blick zu, doch da Zakaroff ihn am Aermel zog, um ihm einige Worte ins Ohr zu flüstern, so schlug er so- fort die Blicke nieder. Der Beamte, dessen Augen bereits im Rausche leuchteten, fragte den Neueintretenden:„Kennen Sie diesen Mann?" Damit stieß er ihn mit dem Ellenbogen an, so daß Alle es sehen konnten. „Nein, es ist das erste Mal, daß ich ihn sehe," versetzte der Gerichtsschreiber. „Ist dieser Mann," fuhr der Richter in ernstem Tone fort,„nicht Iwan Aleksejeff, gebiirtig und wohnhaft in diesem Bezirk, dem man den Beinamen „der Einarmige" gegeben hat?" „Nein, das ist er nicht." Der Beamte kritzelte etivas auf ein Papier, das er mit lauter Stimme vorlas. Er erklärte, er befände sich Iwan Aleksejeff gegenüber, doch keiner seiner Nachbarn erkenne ihn als denselben, und er selbst habe Papiere zur Hand, welche besagen, daß... usw. usw. Nun, ich wußte, was ich zu halten hatte, denn ich wußte auch, aus welchen Leuten sich die An- wesenden zusammensetzten; es waren alles Freunde und Schuldner Zakaroffs, fast seine Leibeigenen. Alle zogen sich zurück und der Einarmige wurde von seinen Banden befreit. „Pferde, schnell!" rief der Beamte, nachdem er noch soeben mit leiser Stimme mit dem Angeklagten geplaudert hatte. Ich schlüpfte schnell in meine Scheune zurück, und endlich versank der Tag wieder in tiefes Schweigen; Alles war schlafen gegangen. Plötzlich ertönte ein Glockenläutcn in der Ferne, das nach und nach näher kam.- Bald fuhr eine Troika in den Hof und ein Kutscher brachte Reisende. Jedenfalls werden sie die Nacht hier zubringen, dachte ich, und schlum- inerte ein. Die Stimnie des Einarmigen und Zakaroffs weckten mich sofort wieder auf. Die beiden Btänner standen am Eingang der Scheune, drei Schritt von mir, und ich hörte, was sie murmelten. „Wo ist denn Knzma?" fragte der Alte. „Sobald er Leute gesehen hat, ist er entflohen; er wird jeden Tag ein bischen verrückter." „Und Fedor?" „Bei seiner Rückkehr ans der Mühle habe ich ihm verboten, die Jsba zu betreten. Er schnarcht wohl in seinem Winkel, ich bin überzeugt, er hat nichts gesehen." „Es wäre Zeit, ihn aufzuklären." „Bist Du seiner so sicher?" fragte der Pächter. „O gewiß, das ist ein einfältiger Mensch, der mir blindlings gehorchen wird. Da ich mich für einige Zeit entfernen werde, so ninßt Du den Burschen vorbereiten." „Ja, weißt Du, er gefällt mir aber garnicht." „Ich wiederhole Dir, ich kenne ihn ganz genau. Er ist ein einfältiger Riensch, wie wir ihn gerade brauchen. Entledige Dich Kuzmas; so wie er ge- worden ist, kann man von ihm keine vernünftigen Dienste mehr verlangen, im Gegenthcil, er kann uns gefährlich werden, und Du wirst njcht bereuen, ihn durch meinen Koloß ersetzt zu haben." Er rief mich, ich wagte nicht zu antworten; da kam er nach meinem Lager und kniff mich in den Arm. „Steh auf, mein Sohn," sagte er in sanftem Tone.„Steh ans und spanne die Pferde an die Telega, Du hast Reisende fortzufahren... Uebrigens, Du erinnerst Dich doch noch an Deinen Schwur?" „Ich erinnere mich." Ohne daß ich wußte, weshalb, klapperten meine Zähne, ein eisiger Schweiß lief mir den Rücken herunter und meine Hände zitterten. „Alach schnell, die Reisenden haben es eilig." Ich zog den Wagen heraus und dann die Pferde und spannte die Troika an. Die Kehle war mir wie zugeschnürt. Der Alte sattelte mit seiner gesunden Hand sein kleines, graues Pferd, das so froinni wie ein Hund war. Tann sprang er in den Sattel, rief Zakaroff ein Wort zu und sprengte nach dem Walde, dessen Baumgipfel der Mond schon mit seinem Lichte übergoß. Sinn stieg in die Troika eine noch junge Frau mit drei kleinen Kindern, von denen das älteste vier Jahre alt zu sein schien, während das jüngste kaum zwei Jahre zählte. Sie ließ mich in der Jsba, ehe sie einstieg, neben sich Platz nehmen, goß mir Thee ein und fragte: „Diese Gegenden sind doch ruhig, oder ist hier etwas zu befürchten?" „Ich habe nie von etwas gehört!" Sie hatte viel Gepäck, bezahlte reichlich und die ganze kleine Familie war sehr gut gekleidet. Wir fuhren ab, doch kaum waren wir auf die Land- straße hinausgefahren, als das Gespann sich bäumte. Es ist Kuznia, der aus dem Gebüsch hervorspringt und hohnlachend ans mich mit dem Finger deutet. Ich versetze ihm einen 5pieb mit der Peitsche und erkläre der Dame, was für ein Idiot dieser Mensch wäre. Sie bernhigt�sich nur halb und ich höre eins der Kinder weinen. Als der Weg sich dem Walde zuwendet, konimt es mir vor, als wenn Katzen sich mir am Herzen krallen. Es ist mir, als höre ich Pferdegetrappel, das mir entgegen- kommt. Ich kann nicht daran zweifeln, es ist das graue Pferd des Einarmigen. Was thut er hier, der Alte, und ivarum hat er mich an meinen Schivur erinnert? Die Dame fragt mich in nervösem Tone, ich antworte ihr nicht, nnd sie schiveigt schließlich, athemlos und bleich. Der Weg wird immer enger nnd undurchdring- licher, rechts nnd links der dunkle Wald, uns gegen- über der Teufelsfinger, der sich drohend einporrcckt und auf den die Troika zufährt. Bei der Wegkrürnmnng erhebt sich kerzengerade im Sattel der Einarmige, und seine Augen starren mich drohend an. Die Zügel fallen mir aus den Händen, und als wir bei dem Pferde angelangt sind, bleibt mein Gespann ganz von selbst stehen, als wäre es schon seit langer Zeit daran gewöhnt und darauf eingeübt. „Fedor," sagt der Alte,„steig ab." Ich steige ab nnd er ebenfalls. Er tritt näher, nimmt mich bei der Hand und führt mich zur Thür der Troika. Dann giebt er mir etwas Kaltes und Schweres— eine Axt, in die Hand und sagt: „Sündige, um bereuen zu können, zuerst die Frau, ein tüchtiger Hieb auf den Kopf." Die Unglück- liche deckte die Kinder mit ihrem Körper und rich- tete ihre großen, flehenden Augen auf mich. Auch die Kinder sahen mich starr vor Entsetzen an. Die Neue A)elt. Illustrirte Unterhalwugsbeilage. 395 Ich wende meinen Blick ab. der auf den des Einarmigen fällt. Ein schrecklicher Zorn steigt in nur auf, und er fühlt das auch und wird blaß. Ich zögere und suche, ob nicht ein leises Biitleid in seiner Seele wohnt. „Gewiß, ich will sündigen, und sollte ich auch nicht bereuen. Gewiß, ein guter Hieb auf den Kopf!" Ich schwenke' die Art aus Leibeskräften, der Mann stürzt nieder, ohne auch nur noch aufstöhnen zu können, und Gott verzeihe mir, ich stoße seinen Leichnam wüthend fort; es ist mir, als räche ich mich auf diese Weise über die Herrschaft, die das Ungeheuer über mich ausgeübt hatte. Zakaroff kam mit verhängten Zügeln und er- hobenem Gewehr herbcigespreugt. Ich stürzte ans ihn zu und hätte ihn auch ivie den Anderen nieder- gemacht, wäre er nicht noch zur rechten Zeit zurück- geritten. Wieder steige ich ans den Bock und peitsche ans die Pferde los, doch sie rühren sich nicht. Das graue Pferd steht noch immer auf der Landstraße und wartet als wohldrestirtes Thier ans seinen Herrn. Ich bekreuzige mich, steige wieder ab und lvill es am Zügel fassen, um es bei Seite zu z chen. Es widersteht, bäumt sich und schlugt ans. „Herrin, verlasse den Wagen, ich habe Furcht, meine beiden Pferde könnten durchgehen." Sie sieigt hastig mit den Kindern aus; ich führe die Troika bis zur Wcgkrümmnng zurück, nehme wieder meine Axt auf und gehe auf das graue Pferd los. Und auch das mitß ich niederschmettern, ein guter Hieb auf den Kopf. Wenn ich daran denke, sträuben sich mir jetzt noch die Haare. Am hellen Tage setzte ich meine Reisenden vor der Bürgermeisterei des nächsten Dorfes ab.„Riacht mit mir, lvas Ihr wollt," sagte ich zu den Be- Hörden,„ich habe eben einen Menschen getödtet." Die Frau mochte Alles noch so schön erzählen, wie ich ihr und ihren Kindern das Leben gerettet hatte; sie mochte sich noch so viel entrüsten, bitten und flehen, inan fesselte mich. In einem Augen- blick, als Niemand ans mich Acht gab, fing sie an, meine Bande zu lockern.„Laß," sagte ich zu ihr, „meine Sache hängt jetzt von der Gerechtigkeit der Atenschen und der Gottes ab. Beide werden über meine Schuld urtheilen." „Nun, was kann denn Dein Verbrechen sein?" „Der Ehrgeiz, der mich trieb, die anderen Menschen zu verachten, der mich unter die Banditen trieb, deren Leben auch ich führen mußte." Sie drückte mir die beiden Hände, bevor sie mich verließ, vergeblich wollte ich mich ihr entziehen, da sprang mir das älteste der Kinder von selbst an den Hals, das jüngere ahmte ihm nach, und sie hob das jüngste in die Höhe, damit seine Lippen meine Wange berührten. Und meiner Treu, ich konnte mich nicht beztvingen, ich schluchzte und heulte. Die gute, kleine Dame ivandte sich ivicder zu mir und sagte:„Wenn es nur ein wenig Gerechtigkeit ans der Welt giebt, so werden Ivir Dich schon aus Deiner Roth befreien. Sei überzeugt, man lvird Dich nicht vergessen." Ach nein, sie vergaß mich nicht, denn hätte sie mit ihrem Manne nicht Himmel und Erde in Be- wegnng gesetzt, ich säße hente noch hinter Schloß und Riegel. Zuerst lenkte es die Aufmerksamkeit auf mich, daß sie mir fünfhundert Rubel geschickt hatten, und der Richter ließ mich sofort in die Kanzlei führen. „Wie viel würdest Du geben, um freigelassen zu werden?" fragte er mich ohne Weiteres. „Alan soll mich nach dem Gesetz beiirtheilen," erwiderte ich empört. „Dummkopf, Du stehst nicht vor dem Gesetz, Du stehst vor der Behörde; Du lveißt doch recht gut, daß ich Dich hinschicken kann, Ivo es mich gut dünkt. Uebrigens, wenn wir uns an das Gesetz halten, so giebt es nur zwei Arten, Deinen Fall auszulegen. Du hast dieser Dame und ihren Kindern das Leben gerettet, das ist gewiß eine gute Hand- lung. Doch die Sache hat noch ein anderes Aus- sehen." „Welches denn?" fragte ich erstaunt. „Nun, sieh Dich doch nur an. Du bist ein Riese und hattest es mit einem Greise zu tynn, der noch schwächer als ein Weib und noch obendrein einarmig war. Wenn Tu die Wahrheit sprichst, daß er Dich zum Verbrechen trieb, warum hast Du Dich dann nicht begnügt, ihm die Hände zu fesseln und ihn der Polizei zu überliefern? Mit welchem Rechte hast Du Dich zu seinem Richter aufgeworfen?" „Nun," versetzte ich,„wenn meine gute Hand- lung mein Verbrechen auslöscht, so lasse man mich frei; ist aber mein Verbrechen stärker als meine gute Handlung, so verurtheile man mich, wie ich es verdiene." „Da Tu die Sache so anffäßt, mein Täubchen, so faule hier und warte, bis man Dich vor Ge- richt stellt." Trotzdem kam eines schönen Tages von höheren Orts ein Papier— von einer Stätte, wo man nicht der Rubel bedarf, um einen Unschuldigen von einem Schuldigen zu unterscheiden, und man mußte mich freilassen. „Und Zakaroff?" fragte ich den Todtschläger. „Ist verschwunden; vor Tagesanbruch hatte er das von den Räubereien erworbene Geld ausgegraben und war in den Wald geflohen. Der Pachthof brannte ab und unter den Trümmern fand man den verkohlten Leichnam des armen Knzma. Der Sohn ist in den Bergwerken... „Doch sieh, Herr, dort geht die Sonne des lieben Gottes ans und wir sind am Ziel. Der Herr sei mit Dir." „Nun, Freund," sagte ich, ihm die Hand drückend, „tröste Dich, mein Junge, Du bist ein braver Mensch!" Er schüttelte traurig den Kopf und versetzte: „Ich bin ein Verdammter, und die Verdammten locken die Raben auf ihr Haupt herbei." IV. Zwei Aionate später mußte ich nach N... zurückkehren. Als ich im Hofe meines alten Freundes, des Posthalters, abstieg, kam auch gerade der Unter- snchungsrichter an und verlangte schleimigst Pferde. In der vorigen Nacht war im„Ten'elsfinger" ein Verbrechen begangen worden, und das Opfer war Niemand anderes als der arme Fedor Silin. Der Beamte willigte ein, mich in seinem Wagen mitzu- nehmen; während die Troika uns der berüchtigten Schlucht zuführte, erzählte ich ihm, was ich von dem Unglücklichen wußte. Wieder sah ich in Gedanken die riesenhafte Gestalt mit de» ernsten Zügen, die alte Leidensfalte zwischen den Brauen, und in den Augen jenes mürrische Träninen. Wieder erinnerte ich mich an die letzten Worte, die der Kutscher zu mir gesprochen hatte:„Der Verdammte beschwört die Raben auf sein Haupt herab." Sie flogen jetzt— die Naben— um seinen armen Kopj herum unter der Wölbung, deren Schatten das ganze Leben Fedors verdüstert hatten. Tie Sonne ging gerade unter, als wir unser Ziel erreichten. Ter ungeheure Felsen reckte sich in den Abendhimmcl empor, die Luft war ruhig, und der Wald schlief in nnbeweglichcm Schweigen, ohne daß ein Hauch das furchtbare Brüllen des unsicht- baren Stromes störte. Einige Mnschiks wachten bei dem Leichnam, doch als sie uns bemerkten, erhoben sie sich von dem Feuer, vor dem sie bis dahin gekauert hatien, und nahmen ihre Mützen ab. „Ihr habt doch nichts angerührt?" fragte der Beamte, den ich begleitete. „Wir haben den Tobten nur ein bischen ge- bettet, doch das Thier haben wir nicht angerührt." Das Thier war das gute, graue Pferd, genau wie das des Einarmigen, ans dem Fedor stets nach Hause zurückritt. Man hob die Decke ein wenig ans, die man über den Leichnam gelegt; die blassen Züge erschienen ruhig und endlich von der düsteren Oual befreit; während die glanzlosen Augen gen Himmel starrten. Der Untersuchungsrichter trat hinzu und ließ das Tuch ganz fortnehmen, und nun sahen wir, daß die Brust nach allen Richtungen von Axthieben durch- setzt war, von denen man ihm die meisten äugen- scheinlich noch nach dem Tode beigebracht hatte. Die Raubvögel hatten ihre Rache an dem Manne, der einst ihren Hauptmann erschlagen, vollauf gesättigt. Der„Teuselssinger" aber streckte sich schrecklicher als jemals empor und schien sich über den Tod des Unglücklichen zu freuen, der seinem gähnenden Schlünde so viele Opfer entzogen hatte. Ein Gedenkblatt zur hnndertjährige» Wiederkehr seines Geburtstages. Von G. Macasy. u allen politisch unruhigen Zeiten hat es Charaktere gegeben, in denen sich der Geist ihrer Zeit anfs Getrcueste wiederspiegelte, Persönlichkeiten, welche gleichsam der Spiegel für alle die großen und kleinen Ereignisse ihrer Zeit waren. Und gerade in solchen Zeiten des Kampfes ist es gewesen, wo die Charaktere über das normale Maß hinauswuchsen und, von den Ereignissen ge- tragen, eine Bedentnug erlangten, die sie in Perioden friedlicherer Entwickelnng vielleicht nicht erlangt hätten, und ihren Werth in Werken kund gaben, die sie zur Zeit des Friedens nie geschaffen hätten. Aber gerade von solchen Persönlichkeiten hat fast stets die Nachwelt ein seltsames und fremd- artiges Bild: ein Bild, das nicht das innerste Wesen Jener repräsentirt, sondern gleichsam den ungeheuren Schlagschatten, den die niedergehende Sonne der Zeit ans Jene geworfen hat. Um so mehr ist aber auch bei einer späten Beurthcilnng solcher Dichter oder Künstler die äußerste Vorsicht geboten, und iver sich eine klare Vorstellung von dem wirklichen Wesen und der wirklichen Bedeutung dieses oder jenes Künstlers der Vergangenheit machen will, muß in erster Linie diese Vergangenheit selbst fragen, wie viel sie dazu beigetragen hat, einen Geist, einen Charakter gerade so und nicht anders zu gestalten. Während bis zur Mitte dieses Jahrhunderts in der deutschen Dichtung die Romantik blühte, während die Dichter, dem Leben und der Wirklichkeit ent- rückt, von alten Ritterburgen träumten, von fahrenden Sängern, zarten Edelfränlcin, blauen Blumen und seltsamen Fabclthicrcn, Drachen, Riesen und Zwergen — während dieser Zeit erhoben sich die Völker Europas gegen den Absolutismus, gegen die Tyrannei, und kämpften den heißen Kampf um die Freiheit. Es war eine schwere Zeit, in der das Licht mit der Fiusterniß rang, eine Zeit des Jubels und der Hoffunngslosigkeit, eine Zeit der Tücke und der siegreichen Zuversicht. Damals waren es zwei deutsche Dichter, Beide Juden, Beide, ans der Heimath vertrieben, in der Fremde lebend, in deren Werken sich der Geist der Zeit und jeder Wechsel der Geschicke wiederspiegclte. Der Eine von ihnen trat erst am Abend seines Lebens in den politischen Kampf, der Andere nahm ihn mit voller Jugendkraft auf. Der Jude Ludwig Börne und der Jude Heinrich Heine. Aber während Jener mit aller Kraft und allem Ernste des Mannes auf den öffentlichen Schauplatz trat und, als er erst seinen inneren Beruf gefunden hatte, diese» bis zum letzten Athemznge verlheidigte und vertrat, wurde der Andere gar bald, statt ein Führer der Ereignisse zu sein, ein Spielball derselben, der, von einem Pol des Denkens und Fühlens zum anderen getrieben, nirgends Ruhe fand, nirgends ein Ziel, an dem er hätte Halt machen könne». Die Stellung Heinrich Heines in der deutschen Literatur ist nur zu oft der Gegenstand der heftigsten Polemik gewesen. Und auch heute noch haben sich die Stimmen nicht vereinigen können. Und selten hat man über einen Dichter von großer Bedeutung so wenig objektiv, so heftig persönlich genrtheilt, wie über Heinrich Heine. Bis ins Maßlose ver- irrten sich Lob und Tadel; und während er Vielen als der größte deutsche Dichter gilt, trotz aller Verirrungen seines Genius, halten ihn ebenso viele für den größten Harlekin der deutschen Literatur, trotz aller Vorzüge seines Genius. Dem ruhigen Betrachter aber muß dieser erbitterte Kampf der Meinungen heute seltsam erscheinen, heute, wo es so leicht ist, alle die sich kreuzenden Fäden aus dem 396 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Leben Heines zusammen zu ziehen, heute, wo Jeder, über den Ereignissen jener Zeit stehend, sich ein langsames und kühles Bild von all Dem machen kann, ivas Heine geschaffen hatte, was er war, >vas er nicht war, und was er jetzt noch und für alle Zeiten ist. Hundert Jahre sind es uuiimehr, seit in Düffel- dorf dem jüdischen Kaufmann Samson Heine sein erstes Kind, Heinrich Heine, geboren wurde. Als Datum gilt der 13. Dezember, lieber das Jahr aber schlvanken die Angaben. Heine selbst gab als Geburtsjahr 1799 an. Aber er hat sich wohl nur des Witzes wegen zwei Jahre jünger gemacht. Seine Jugend verlebte Heine in Düsse.dorf, wo er bis 1814 das Lyceum be- suchte. Nach einer kurzen Lehr- zeit als Bolontär in einem Bank- geschäftc zu Frankfurt a. Bt. be- suchte er 1819 die Universität zu Bonn, 1821 zu Berlin und 1 823 vollendete er seine jnridi- scheu Studien in Göttingen, wo er auch znm Doktor der Rechte proniovirt wurde. Schon im Jahre 1827 erschienen seine ersten„Gedichte" bei Dümmler in Berlin. In diesem Berlage erschien auch zwei Jahre später sein erstes größeres Werk, die beide» Tragödien„Almansor" und„William Rat.liff", sowie das„Lprische Intermezzo". Diese Arbeiten bekmideten schon die bedeutendste dichterische straft, fanden aber wenig Anerkennung und wurden von verschiedenen Autoritäten heftig angegriffen. Als Heine in den Jahren 1 826 bis 1828 auf Reisen ging und das Resultat derselben in zwei Bänden„Reisebilder" und einem Gedich bände,„Buch der Lieder", dem Schönsten, was er je geschrieben hatte, niederlegte, er- warb er sich die uöthige Er- bittcrnng und Feindschaft, um als Dichter zur Geltung kommen zu können. In den Reisebildern bekundete er auch znm ersten Wale jenen wunderlichen Hang, ans der momentanen Laune heraus alle Erscheinungen des Lebens zu betrachten und alle Standpunkte der Beurtheilung zu verrücken. Und hier begann er, jenen überzengnngslosen Spott au Allem zu üben, was ihm mißfiel, ob es hoch oder niedrig, erhaben oder gemein war, jenen ätzenden Spott, mit dem er in seinen späteren politischen Schriften Alles über- goß und Alles parodirte: und nicht zum Wenigsten sich selbst. In den Jahren 1828—1830 erschienen: der dritte Band der „Reisebilder" unddie„Englischen Fragmente". Beide Werke waren nicht darnach, den Haß, den sich Heine im Baterlande zu- gezogen hatte, zu mildern. Und so sah sich der Dichter iö30, veranlaßt durch den Beschluß des Bundestages, der alle Werke der„Jungen Schule" verbot, der auch Heine angehörte, gezwungen, nach Paris zu über- siedeln, das auch bis zu seinem Tode sein bleibender Aufenthalt ivnrde. Dies ivar der bedeutendste Wende- Punkt in seinem Leben, denn von da an nahm Heine den Kampf gegen das damalige Deutschland auf, den Kampf, den er so schmählich führte und in dem er zum Berräther an Allem und an sich selbst winde. Denn in diesem politischen Kampfe hat Heine nie etwas gezeitigt, was wirklich für die Entwickclung und die soziale Zukunft von Bedeutung gewesen wäre, in diesem Kampfe hat er nicht gegen die wirklichen Feinde der Freiheit und des Fortschrittes, sondern, ein Don Ouixote der Literatur, gegen Windmühlen und eingebildete Gefahren gekämpft, und nicht mit den ehrlichen Waffen der Uebcrzeugung gekämpft, sondern mit den Spielzeugen seiner Phantasie, mit den Racketen des Spottes, der Ironie und des Sarkasmns. Er meinte zu tödtcn, wenn er lächerlich machte, er meinte abznwehrcn, wenn er sich selbst hinler allen Aiauern der Doppelzüngigkeit verbarg. Im Jahre 1833 erschienen„Französische Zustände", eine. Anzahl einzelner Artikel, die ein lebendiges, wenn auch unlvahr verherrlichendes Bild von dem politischen Leben in Frankreich unter der Regierung des Königs Louis Philipp gaben. Heine selbst gicbt an, daß seine höchste Absicht dabei gewesen sei, durch Hciinich Heine. Gegenüberstellung Frankreichs die schmähliche Lage Deutschlands zu beleuchten und dadurch zur Be- frciung seines Batcrlandcs beizutragen. Aber so unlvahr die Absicht, so verfehlt der Zweck. Heine war es, trotzdem er die Liebe zum Vaterlande immer und immer wieder in prunkhaften, pathetischen und oft widerlich rührseligen Phrasen kund that, niemals um das Vaterland zu thun. Er liebte Deuischland ebenso wenig, wie er Frankreich liebte: aber er liebte es. sich als Märtprcr für sein Baterland hinzustellen. Seine Rolle in dieser Komödie liebte er, weil sie ihn mit einem Glorienschein umgab, der seine un- geheure Eitelkeit befriedigte. Aber auch das Künst- lcrische an diesen patriotischen Tiraden liebte er, denn er ivar durch und durch Künstler und sah die Welt niemals mit den Augen des kalten Politikers an, sondern mit den Augen des schaffenden Künstlers, der sich seine politische Welt erst gestaltet, um dann in ihr all seine künstlerische Freude, seinen künst- lerischen Schmerz zu empfinden. Und so heuchelte Heine sich selbst ein Reich von Freuden und Schinerzen vor, an das er insgeheim nicht glaubte, in dem seine Seele auch nichts fühlte. Die Welt mit ihrem ganzen damaligen Treiben küntmertd ihn nichts, aber er wollte sich selbst nicht eingestehen, daß sie ihn nichts kümmere. So entstand auch— aus dem Suchen nach Gefühlen und Empfindungen— 1831 der„Salon", 1835 das Werk„Zur Geschichte der Philosophie und Religion in Dentschland", welch letzteres neben den trefflichsten und geistfunkelndsten Betrachtungen die größten, auS bizarrer Laune heraus entstan- denen Geschmaälosig'citen cnt- hält. Hier wie in den späteren polemischen Schriften hat der Leser die bitter unangenehme Empsindmig, als ob Heine, was er eben Warmes und Herzliches geschrieben, sofort wieder bereue und durch einen Spott über diese seine Gefühle unschädlich zu machen suche. Und so verleugnet er nachträglich oft seine tiefsten Empfindungen, sei es, daß er ihre Unechtheit erkennt und sich darum selbst Lügen straft, sei es, daß er sie hinter der Maske der Ironie noch tiefer verbergen möchte. Und so ist er äußerlich von der größten Ehrlichkeit, während ihm innerlich seine Lüge znm Bewußtsein kommt und er die Lüge durch eine neue Lüge verbergen muß, nin ivenigstens mit seiner Lüge für ehrlich zu gelten. Seine Gefühle sind nu- wahr und aus den Gedan en heraus geschöpft, oft aus einer äußerlichen ästhetischen Be- trachtnng heraus, aber er sucht sie wahr zu machen, indem er sie nachträglich verspottet. Aber sie bleibe» unwahr und wahr bleibt nur der Hohn, der an dem Grab seiner Empfindungen s cht und mit verzerrter Miene eine burleske Leichenrede hält. -s Aber mag man diesen Maugel an ernster und ursprünglicher Empfindung bcnrtheilen wie man will: gerade dieser Aiangcl war es, der Heine zum Bewußtsein seiner Seele brachte und stets von Neuem dazu zwang, seine ganze nackte Seele mit all ihrer Größe und Schlväche, mit all ihrer Tiefe und Seichtheit zu o"enbaren, so daß er der erste große Realist geworden ist, der auch die Berstecke seiner Seele aufdeckt und ihr in alle die geheimsten Schlupfwiickel der Menschlichkeit nachfolgt; der große Realist, der sich nicht scheut, seine erlogenen Ideale zu entlarvcu und zu zertrümmern; der große Ziealist, der in seiner Schwäche und Ohnmacht, in seinen tausend nagenden Zweifeln und Widersprüchen, in der ganzen wundersamen Sinnlosigkeit seiner Gedanken- gebände und in den tausend liebliche» Luftschlössern seiner krausen Phantasie, dem Erbe der romantischen Dichterschule, der er eutivachse», seinen Werlh und seine Menschlichkeit erkannt er, der Erste, der es gewagt hat. an den Thoren seiner eigenen Welt- auschannng zu rütteln und in die Eoulissen der eigenen Lebeuskomödie hineinzuschauen. Im Jahre>837 verwickelte sich Heine in einen heftigen Kampf mit Adolf Men.el, dem Bannerträger des Teutschthunis gegen die Franzosen. Das Buch der„Denunziant" war das Resultat dieser Die Neue Welt. Illustrirte Nnterhaltungsbeilage, Fehde. Obgleich es eine iiieisterhaft geführte Polemik enthält, ividert auch hier ivie m einer früheren aber unbcdentendcreil Polemik gegen den Grafen und Dichter Platen der persönliche Ton an, der Heine nur zn oft verleitet, über kleinlichen, ja verlcum- derischen Nebensächlichkeiten das große Ziel zu ver- gessen, das er sich vorgesteckt hat. In die Jahre 1838—40 fallen ztvei neue Werke. Zuerst„Die romantische Schule". Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, nach Laune?lllen Alles ab- zusprechen, und zn»rtheilen, ohne mit normalen Maßen zn messen, sucht sich Heine in diesem Buche in das Wesen und in das Weltbild der Menschen zn versetzen, die er charakterisirt. Und hie bei be- kündet er ein inniges und wahres Vcrslündniß für die oft seltsamen Naturen der Romantiker. Mit Liebe und behutsamer Zartheit, die ihm sonst nur in seinen Liedern eigen ist, sucht er die Seelen der Romantiker ans den scheuen Verstecken ihrer Träumereien und Phantasien hervor und breiter über die Gespräche, die er mit ihnen führt, ein tranliches Dämmerlicht. So aninuthig die Romantische Schule",, der es zwar auch nicht an bitteren, ätzenden und nn- gerechten Seitenhieben fehlt, so widerwärtig das kurz darauf erschienene Brich„Ludwig Börne". Hier giebt Heine in großen Zügen das Leben und die Wirksamkeit seines großen Zeitgenossen. Es erschien nach Börnes Tod und trägt den Stenipel der Gehässigkeit ans der Stirn, Unter der Maske des ehrlichen Ltritikers bemüht sich Heine, die Bedeutung Börnes systematisch zu untergraben, basirend auf 397 einigen sehr tvahrcnd nn ernsten Vorwürfen, die Börne kurz vor seinem Tode über die geistige und politische(lharaktcrlosigkeit Heines gemacht und die die Feindschaft der beiden Männer zur Folge hatten. Blieb damals Börne in den Schranken der vor- nehmsten und überlegtesten Kritik, so artete später Heine jn seiner Polemik ans und scheint von dem & C ä g « %. n Gedanken getragen zu sein, als wollte Börne seinen Ruf und seine schriftstellerische Wirksamkeit unter- graben. Wie immer, giebt er auch hier einer flüchligen und gänzlich unpersönlichen Angelegenheit eine immense und persönliche Bedeutung, die seiner Eitelkeit schmeichelt und einen Nimbus um ihn zu verbreiten benimmt sein soll. Diese Polemik hatte aber auch eine neue niit Gutzkow im Gefolge und beide trugen dem ohnehin verbitterten, kranken und init aller 398 Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Welt zerworfenen Dichter statt des erhofften Bei- falles nur neue, wenn auch ungerechte Verdächtigungen müssiger Feinde ein. In das Jahr 1844 fallen zwei kleinere, poetischsatirische Werke:„Atta Troll" und„Deutschland. Ein Winterinärchen". Im farbenprächtigste» Ge- wände wahrhaft poetischer Kraft sind sie aber nicht viel mehr als politische Harlekins, die die Schellen schlagen und um nichts große Sprunge machen. Wit dem Jahre 1848 begann Heines körperliches Leiden, das ihn von nun ab nicht mehr ver- ließ. Nahezu acht Jahre war der unglückliche Dichter verdammt, die namenlosesten Schmerzen zu ertragen, die seinen Körper fesselten, während sein Geist ungebrochen thätig blieb bis zum Ende/ Mehr als seine unglückliche und fatale politische nnd ge- sellschaftliche Stellung mag wohl Jeden dieses Elend mit einem Manne versöhnen, der schöner nnd harmonischer zu einer anderen Zeit hätte leben können, den aber das Schicksal niemals im Leben zur Ruhe und zum stillen, geläuterten Schaffen kommen ließ, sondern mit Neid, Mißgunst, Ver- lenmdunq und Krankheit verfolgte, gleichsam höhnend über ihn, der Alles verhöhnt hatte. Das letzte ein- heitliche Werk aus dieser Zeit ist eine Sammlung neuer Gedichte unter dem Titel„Romanzcro". Es sind Gedichte aus der„Matratzengruft", wie Heine selbst sein 5?rankenlager nannte. Und das Kainszeichen seiner unheimlichen Krankheit tragen auch die Gedichte des„Romanzero", in dem sich neben den schönsten und rührendsten Liedern die traurigsten Erzeugnisse einer zersetzten Mcnschenseele befinden, das levte und das wahrste aller Werke des großen Künstlers, den schon dreiundzwanzig Jahre vorher Ludwig Börne im hundertneunten der„Briefe ans Paris" so Ivahr gezeichnet hatte,>vie er sich selbst nie zeichnen konnte bis in die späten Tage seines Elends. Dort sagt Börne von ihm: „... Heine ist ein Künstler, ein Dichter, und zur allgemeinen Anerkennung fehlt ihm nur seine eigene. Weil er oft etwas Anderes sein will, als Dichter, verliert er sich oft. Wem, wie ihm, die Form das Höchste ist, dem muß sie auch das Einzige bleiben; denn sobald er den Rand übersteigt, fließt er ins Schrankenlose hinab nnd es trinkt ihn der Sand.— Darum überzeugt er nicht, wenn er auch die Wahrheit spricht, denn man weiß, daß er an der Wahr- heit nur das Schöne liebt. Aber die Wahr- heit ist nicht immer schön.— Wie kann man je Dem glauben, der selbst nichts glaubt? Heine schämt sich so sehr, etwas zu glauben, daß er Gott den„Herrn" in lauter Initialbuchstaben drucken läßt,»in anzuzeigen, daß es ein Kunst- ausdruck sei, den er nicht zu verantworten habe. — Giebt es je einen Menschen, den die Natur bestimmt hat, ein ehrlicher Mann zu sein, so ist es Heine, nnd auf diesem Wege könnte er sein Glück machen. Er kann keine fünf Minuten, keine zwanzig Zeilen heucheln, keinen Tag, keinen halben Bogen lügen. Wenn es eine Krone gälte, er kann kein Lächeln, keinen Spott, keinen Witz unterdrücken, und wenn er, sein eigenes Wesen verkennend, doch lügt, doch heuchelt, ernsthaft er- scheint, wo er lachen, demüthig, wo er spotten möchte, so merkt es Jeder gleich, und er hat von solcher Verstellung nur den Vorwurf, nicht den Gewinn.—" Aber so wahr auch das llrtheil Börnes über Heine ist, so hat er doch die innersten Ntotive zu dem Wesen Heines und seiner Entwickelung nicht begriffen. Diese protensariige Natur, die nichts glaubte und nichts heilig hielt, der sich oft tiefe Aeußerungen der Frömmigkeit entrangen, um sofort in einem Sturzbade kichernder Blasphemien unter- zusinken, diese nie zur Ruhe kommende Natur, die heute den Jakobinern zujubelte und morgen einen Hymnus auf die Aristokraten sang—: sie konnte sich nicht anders gestalten, als sie sich thatsächlich gestallet hat. Gerade weil Heine mit seinem Herzen nie an den Ereignissen der Gegenwart hing, war er im Stande, an allen Ereignissen vorbei- zuslüchten, das Schöne in ihnen hervorsuchend, das Unschöne abstoßend, ein Träumer, der von seinem Welträume nur so viel erzählt, wie ihm in der tjrauen Morgendämmerung davon übrig geblieben ist. Daher der ewige Wandel, daher die fehlende Einheit in ihm und das unentwirrbare Knäuel der heterogensten Ueberzeugungen und Stinimungen. Aber wie tief mußte es den unglücklichen, kranken Dichter erbittern nnd verstinimen, daß nian ihn gerade in diesem, sein innerstes Wesen betreffenden Punkte zeitlebens mißverstand und sein einzigstes Können übel deutete. In seinen Briefen spricht er sich z?ft in rührenden Klagen darüber ans, und diese Briefe sind auch zum größten Theile das schönste ihn überlebende Dokument seines Werihes. Vieles, was uns an seinen Werken unverständlich dünken will, was uns daraus mit hohlen, kranken Augen angrinst und was sich wie ein breiter, tückischer Dämon über das schöne Ganze lagert— dieses große Räthselhafte findet oft in den Briefen seine Lösung. Und wer ihn erst wahrhaft kennen ge- lernt hat, kann ihn nicht mehr verkennen wollen. Heinrich Heine starb am If. Februar>858. lieber seine letzten Tage schrieb seine Wärterin, Catherine Bonrlois, an Gustav Heine: „Herr Heine mußte ganze Nächte im Bette sitzend zubringen.— Mittwoch, de» 13. Februar, arbeitete mein armer Herr volle sechs Stunden, was er bereits eine ganze Woche aus Schwäche unterlassen hatte.— Zu wiederholten Malen äußerte Herr Heine: Ich fühle mich glücklich, daß ich meine gute Schwester»och einmal ge- sehen habe, denn ach, Catherine, ich bin ein todter Btann.— Am Sonnabend verschlimmerte sich sein Uebel noch mehr. Nachmittags zwischen vier nnd fünf Uhr flüsterte er dreimal das Wort: „Schreiben". Ich verstand ihn nicht, aiitworete aber„Ja". Dann rief er:„Papier— Blei- stift!" Dies waren seine letzten Worte. Tie Schwäche nahm zu, der Bleistift entfiel seiner Hand, ich richtete ihn auf. Krämpfe stellten sich ein. Qualvolle Pein malte sich in seinen Zügen und der Todeskampf ging zu Ende. Herr Heine behielt bis zum letzten Augenblicke sein volles Bewußtsein." Ans der Walze. Aus den Papiere» eines Fechtbruders. Von F. Niebcck. Znviunddreifjiszlles Kcrpitet. (»ortfeeung.) Die Rinderpest. tu, Raubmörder, wcnns g'fällig is..." „Sag ihm nur, der Scharfrichter will ihn sprechen!" „Du, hörst, der Scharsrichter will Dir guten Morgen sagen." Der aufmunternden Fußtritte hätte es nicht be- dürft, um mich zum Aufstehen zu bewegen, ich war bereits beim ersten Anruf erwacht und wäre von selbst aus meinem Strohgenist geschlüpft. Durch das ein wenig geöffnete Schennenthor lugte der Morgen und blies ein empffndlich rauher Wind; in der Scheune regierte noch die Finsterniß. Meine sieben Kriegs- leute machten mobil; sie kleideten sich in großer Eile an, jammerten, daß sie vielleicht zu spät kommen könnten, wimmerten dabei vor Kälte und fanden allerlei Ursache zum Fluchen nnd Schimpfen. Einer behauptete, ihm seien die Fußlappen gestohlen worden, ein Anderer fand nur einen Stiefel, ein Dritter beklagte sich in ergreifenden Worten, daß sein Waffen- rock als Fnßsack benutzt worden sei. Ich rüstete indessen gleichfalls und verwandte eine besondere Sorgfalt auf die Verpackung meiner wunden und immer noch schmerzenden Füße. Beim Suchen nach dem fehlenden Stiefel bekam einer der Krieger mein Schuhwerk in die Hände.„Dahie, Seppel, is Dei Latschen!" rief er nnd warf dem Kameraden einen meiner Stiefel zu.„Der Striezi da, der Raub- mörder, hat ihn gemoppelt!" „Ja freilich is dös mei Stiefel!" rief der Kamerad und trat mit meinem Eigenthum an die Thoröffnung, um es bei Licht zu besichtigen. Da mochte ihn einer der klaffenden Risse des Oberleders höhnisch angegrinst haben, denn mit einem wild- schmerzlichen Fluche schleuderte er meinen schuldlosen Tritiling an das Hintere Thor. Die ganze Bande lachte vergnügt und schadenfroh; ich aber mußte über den Strohberg klettern und im Dunkeln herumtasten, und ich war froh, daß ich nicht lange zu suchen hatte. Ein junger Plann kam und lud zum Frühstück ein, und ein Weilchen später waren die Soldaten soweit gerüstet, daß sie der Einladung nachkommen konnte». Ich erhielt Befehl, mitzugehen. Wir traten in eine geräumige, verräucherte nnd schmucklose Bauernstube und wurden von der Wirthin freundlich begrüßt. Sie erkundigte sich, ob uns während der Nacht kalt gewesen sei, und erzählte nochmals, daß „oben" ein Karonsselmann wohne, weshalb sie uns habe kein Zimmer anbieten können. Mir nickte sie wiederholt lächelnd zu; jedenfalls ans Dankbarkeit dafür, daß ich sie während der Nacht nicht ermordet oder ihr nicht die Wirthfchaft angezündet hatte. Sie lud mich auch zu Tisch ein und wies mir einen Platz an. Auf einem großen Tische dampfte eine mächtige Schüssel Suppe; daneben stand eine kleinere Schüssel mit einem Berge appetitlich lockender Pellkartoffeln, auch Brot und Butler war vorhanden, und außerdem verkündete die Hansfrau, daß für Suppcnverächter ein ganzer Tcpf voll Kaffee bereit stände. „Erst die Supp'n, und hernacher a Kaffee," schlug ein Kriegsmann beherzt vor und fand damit allgemeinen Beifall. „Aber nu dreinhaun, Gott verdamm mi, sonst könnnt der Korporal und pfeift!" Wir hieben drein, namentlich ich; denn ich be- fürchtete, daß das österreichische Kaiserreich geneigt sein werde, die an mir begonncnc Entfettungskur im Laufe des Tages fortzusetzen. Das Frühstück war schnell beendet, und als wir n»s dann in Eile verabschiedeten und ausrückten, fühlte ich mich in leidlich guter Verfassung. Die Dorfstraße war von Militär belebt; einzelne Trupps rannten unschlüssig hin und her und fragten, wo sie sich hinzuwenden hätten, andere wiesen nach dem Ausgange des Dorfes und marschirten in der bezeichneten Richtung. Auch unsere Leute waren bezüglich des Versammlungsortes im Zweifel, schlössen sich aber nach einigem Zögern einem anderen Häufchen an und gelangten bald an den richtigen Ort. Außer- halb des Dorfes, unmittelbar hinter� den letzten Häuschen, erfolgte die Aufstellung. Unser Korporal war bereits zur Stelle; er kam uns einige Schritte entgegen nnd erwiderte den Morgengruß mit einem kräftigen Zorngewitter. � Damit der Trompeter nicht wieder unnöthig blase, werde er nächstens ein Schock alte Weiber beordern, auf daß sie der Faulbande die Ohrlöffel einmal gründlich ansschenere. Er mochte wohl nur aus Gewohnheit schimpfen, denn wir waren keineswegs die Letzten auf dem Platze, und wir mußten nahezu eine halbe Stunde dort stehen und frieren, bis endlich als allerletzter Mann der Riese angeschrittcn kam. Von Weitem erdröhnte seine Stimme:„Roch»ich fertig? Sakra, die richtige Knhheerd'!" Und als er mich erblickte:„Was? Ten b schnndnen Brotaffcn da habt Ihr noch»ich anf'ii Ast gehängt? Schmeißt ihn ins Wasser, wenn ka Strick da is! A Schand für uns, so a Sau- vagabnnd l" Er rannte an uns vorüber, und mehrere Sol- baten drehten ihm Nasen oder streckten die Zunge nach ihm aus. Ich hörte sagen, daß er am Abend zu viel„gffoffen" habe und deswegen nun zu spät komme. Der Herr„Lcitnant" dürfte das nicht wisse», sonst würde er ihm derb die„Nasen putzen". Gut, daß wir endlich in Bewegung kamen! Das Stehen in der kalten Frühmorgenluft war zuletzt ganz unerträglich geworden. Das war ja Dezembcrkälte! Wieder marschirte ich inmitten zweier Leibgardisten am Schlüsse des Zuges. Am Abend zuvor hatte ich aus dem Piunde der Soldaten vernommen, daß ich nach Sachsen ausgeliefert werden solle; jetzt er- fuhr ich ans der Unterhaltung meiner Vordermänner, daß in Böhmen und auch in Sachsen die Rinderpest herrsche, und daher die Grenze durch Militär ab- Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 399 eespcrrt iverdc. Sie erzcihltcu das nicht ernsthaft; sie hatten einen billigen Witz entdeckt, den sie, da solche Entdeckungen bei ihnen rar zu sein schienen, viele Dutzend Wale in verschiedenartigen Wendungen iviederholten und belachten, und aus den Worten, die druni und dran gesprochen wurden, erfuhr ich, welchen Zweck der militärische Marsch hatte. Ter Witz bestand darin, daß von jedem Soldaten, der niesen niußte, oder der irgend ein Zeichen des lln- behageus von sich gab, behauptet wurde, er sei von der Seuche angesteckt, und man wisse nim, zu welcher Thiergattung er gehöre. Gern hätte ich auch noch gewußt, weshalb ich an die Sachsen ausgeliefert lveide, doch das ivußteu die Soldaten jedenfalls selber nicht. Zu meiner Beruhigung nahm ich an, daß ich nicht unter dem Verdachte eines Verbrechens, sondern nur deshalb ausgeliefert werde, weil ich keinen Auslandspaß besaß. Ein wenig Baugen flößte mir jedoch die Frage ein, weshalb ich vom Militär an die Grenze befördert wurde, anstatt von der Polizei; ich konnte mir nicht gut denken, wie eine Militärbehörde dazu kommen solle, den Trans- Port eines zur Ausiveisung bestimmten Handwerks- burschen zu libernehmen. Nach etwa halbstündigem Marsche erreichten wir ein Dorf und stießen dort auf eine andere Militär- abtheilung. Sie marschirte ab, als die unsere an- kam, und beide winkten einander Gruße zu. Auf der Dorfstraße erwartete uns ein Offizier. Er gebot Halt, und die Soldaten blieben stramm stehen, bis sie sich auf ein neues Kommando oder Zeichen hin „rühren" durften. Der Offizier sprach einige Minuten mit dem Riese», betrachtete dabei die Rtannschaft und befahl dann den Weitermarsch. Er selbst blieb stehen und musterte die Reihen, die an ihm vor- überzogen. Als er mich sah, trat er an mich heran und fragte:„Wer. sind Sie?" Ich blieb stehen und erwiderte:„Ein reisender Handwerksbursche. Mein Name ist..." „Ach so, das ist der Mensch, von dem ich die Papiere bekommen habe?" wandte er sich an den Korporal, der gleichfalls stehen geblieben war. Der Korporal bejahte die Frage. „Weshalb geben Sie ihm denn zwei Mann Bewachung?" fragte der Offizier unmuthig.„Das ist ja lächerliches Komödienspiel! Lassen Sie ihn frei! Der geht von selbst mit an die Grenze." Meine Leibwache loandte mir den Rücken; auch der Korporal eilte dem Zuge nach, und einsam schritt ich hinterdrein. Da kani der Offizier nochmals an mich heran. Er begehrte zu wissen, weshalb ich ausgewiesen werde. „Das weiß ich nicht!" erividerte ich.„Gern möcht ich wissen, weshalb." „Werden Sie drüben vom Gericht gesucht?" „Nein! Ich vermuthe, daß der österreichischen Polizei mein Paß nicht genügt. Ich habe nämlich keinen Auslandspaß." „Das vermuthe ich auch. Wo sind Sie her?" Ich gab ihm Auskunft, und er stellte noch weitere Frage», weshalb und auf welche Weise ich nach Böhmen gekommen sei, ob ich mich ärgere, daß ich nach Sachsen zurück müsse, und wo ich mich drüben hinzuwenden gedenke. Währenddessen folgten wir, Seite an Seite, der marschireuden Abtheilung nach, ungefähr fünf ehn Schritt von ihr getrennt. Bei der Beautivortung seiner Fragen fügte sichs von selbst, daß ich einzelne Wandererlebnisse erzählte; er schien sie kurzweilig zu finden und ich mußte immer weiter erzählen. Plötzlich jedoch, mitten in einem abenteuerlichen Berichte, überreichte er mir eine Zigarre und rannte davon, zu seiner Truppe. Ich wußte, weshalb er sich so rasch verabschiedet hatte. Wir waren in die Nähe einer Ortschaft ge- langt, und angesichts der Dorfbewohner hielt er es für iviirdiger, vor strammen Soldaten herznmarschiren, als hi»tenan neben einem zerlumpten Kunden. Ich »ahm ihni diese Pcrläugnnng unserer jungen Freund- schast nicht übel, sondern war unbändig vergnügt, in ihm einen mächtigen Gönner gefunden zu haben. Eine Zigarre hatte er mir geschenkt! Potz Hagel- schlag, wie eine solche Ehre ivohlthnt, wie gehoben sich das Herz dabei fühlt! Als ivir eines Sonn- tagS als Stifte auf den Festungslvällcn in Neisse spazieren gingen, trat ein Offizier an uns heran und bat meinen Freund Johann, der schon damals ein leidenschaftlicher Raucher war, um Zigarrenfeuer. Mit einer Ruhe, als sei er an derartigen feinen Verkehr gelvöhnt, bot ihm Johann seinen Tabak- steugel dar und der Offizier setzte den seinen damit in Brand. Wie haben wir in unserer Einfalt den Johann beneidet, und ivie erhaben ist er uns vor- gekomnien! Wie sehr war ihm die Ehre zu Kopfe gestiegen, und wie verächtlich hat er uns an jenem Tage behandelt!... O, wir dummen Jungen!... Da ist es denn doch etwas ganz Anderes, wenn man von cinenl Offizier eine Zigacre dargeboten erhält! Und hier war es sogar ein österreichischer Offizier. Das verlieh dem Ereigniß noch eine be- sonders interessante Bedeutung. Mit vielem Stolz auch redete ich mir ein, daß er unter meiner zer- schlissencn Außenhülle die gebildete Persönlichkeit eut- deckt hatte. Wie hätte er mich sonst so höflich .behandeln und mir eine Zigarre anbieten können! Das Schönste dabei war, daß sich einige Soldaten nach uns umgeschaut hatten und dadurch Zeugen des Schenkungsaktes geworden waren. Mochten sich die beiden ungehobelten Kerls, die mich Tags zuvor auf dem Transport so schauerlich behandelt hatten, an solcher Bildung ein lehrreiches Exempel nehmen! Den Genußwerth des edlen Krautes Tabak hatte ich noch nicht würdigen gelernt. Ich lebte der lieber- zeugung, daß alle Raucher Betrug an sich selbst begehen, indem sie sich wider besseres Wissen ein- reden, daß der Rauch einer Zigarre angenehmer sei, als beispielsweise der Rauch von verbrannter Milch oder von verbrannten Haaren. Meinem festen Glauben nach verdiente keine dieser drei Rauchsorten den Vorzug— eine war mir so entsetzlich, als die andere. Auch ich hatte als Stift meine Rauchstudien getrieben, und ich dachte mit Schrecken daran, als ich die schwarze und seltsam lange Blattrolle, die mir der Herr Offizier geschenkt hatte, zwischen den Fingern hielt und betrachtete. Aber ich faßte auf alle Gefahr hin den Entschluß, die Zigarre zu rauchen. Die Soldaten sollten sich darüber ärgern; sie sollten sehen, daß ich weder ein Raubmörder, noch ein Haderlump war, sondern Anspruch auf Respekt be- saß, und ungefähr dasselbe sollte durch die brennende Zigarre dem am Wege gaffenden Volke gelehrt werden. Ich brauchte ja nicht zu rauchen; der große Zweck war schon erfüllt, wenn sie nur brannte... „Ist vielleicht einer der Herren so freundlich, mir ein bischen Feuer zu geben?" „Feuer willst haben? Schlag' Dir ins Aug', da giebts Funken." „Der Herr Offizier hat mir eine Zigarre ge- geben!" sagte ich stolz, um den Spötter niederzu- schmettern. „Feuer sollst haben! Hier hast' Feuer," sprach ein Anderer und reichte mir eine Zündholzschachtel. „So'u Bettelnazi, der sogar unserm Herrn Leitnant eine Zigarre abbettelt, muß Feuer haben!" „Gebettelt Hab' ich nicht!" rief ich grob. „Nur g'schnorrt!" „Er hat sie mir freiwillig gegeben, und wenn Sie's nicht glauben, will ich ihn herrufen, damit Sie ihn fragen können!" „Halt a Guschen, Spitzbub!" fuhr mich der Korporal an. Btit der brennenden Zigarre im Munde niarschirte ich strammen Schrittes im letzten Gliede. Hageldick prasselten Witze des schlimmsten Kalibers ans mich los, und bis in die vordersten Reihen pflanzte sich die Kunde fort, daß der„Raubmörder" rauche. Der ganze Heerbann lachte, und immer aufs Reue reckten die Krieger, sich uniwendend, die Hälse, um mich zu sehen. Anfangs ärgerte ich mich und war empört, und um meine Männlichkeit darzuthun, paffte ich voll tödtlichcr Verwegenheit in kräftigen Zügen; bald aber hielt ich es für gut, den Leuten den Spaß zu gönnen und mitzulachen. DaS war das Vernünftigste und ich fuhr dabei am besten. Die Witze und Bosheiten ivaren zumeist harmloser Art, und da ich sie willig über mich ergehen ließ, gerieth ich zu den Soldaten in ein neues, recht gemüthliches Berhältniß. Sie betrachteten mich als lustige Figur, die sie nur anzusehen brauchten, um Ursache zu Scherz und Gelächter zu haben; schätzten mich aber gleichzeitig als ein verträgliches Wesen, das schon werth sei, daß man ihm einen Gefallen erweise. Wenn sie sich fortan an der Flasche stärkten, ward auch mir ein Schluck angeboten, und die Antheile, die sie mir von ihren Speisevorrätl.en gewährte», oder gewähren wollten, hätten hingereicht, ein huu- gen des Nilpferd zu sättigen. Als Ivir nach vier- stündigem Marsche in einem Dorfe anhielten und beide Wirthshänser belagerten, wollte sich die Korporal- schast, zu der ich mich zählte, das besondere Ber- gnügen machen, mir einen Rausch einzuflößen. Jeder verlangte, ich solle aus seinem Glase trinken; ich jedoch hatte mit feinem Ohr von ihrer Absicht Kennt- »iß erlangt und hütete mich vor Schaden. Das fiel mir um so leichter, da ich eine natürliche Ab- neignng gegen geistige Getränke jeder Art besaß. Bteine Sprödigkeit brachte mir neuen Spott ein; die Freundschaft aber litt darunter nicht. Daß ich die Zigarre nicht zu Ende geraucht hatte, war ein Segen. Schon die wenigen Rauch- wölken, die ich ihr entlockt hatte, waren meinem Organismus nicht gut bekommen, und wie leicht hätten jene Soldaten Recht haben können, die mir, als sie mich rauchen sahen, furchtbare Dinge prophe- zeiten! (Fortsetzung folgt.) ÖS möe vom Haberfetö. Von Hans Jsarius. �ie oberbayerischen Volksgerichte, genannt das „Haberfeldtreiben", dürften mit ihre» roman- tischen und unromantischen Eigenheiten bereits zur Genüge auf feuilletonislischen Wegen bekannt geworden sein. In ein mehr oder minder geheimniß-.>olles Dunkel waren diese angeblich längst ausgestorbenen, in der That alljährlich wiederkehrenden Vehmgcrichte allerdings gehüllt; allein nun hat auch die Oeffent- lichkcit immer näher an das Geheimniß heran- geleuchtet und theils imponirend große, theils ab- stoßend kleinliche Züge in einer Einrichtung auf- gedeckt, die von unnahbarer Höhe herabgestiegen und gealtert war. Diese Beleuchtung geschah einerseits auf juristischem, andererseits auf schriftstellerischem Wege: jenes durch endlich, nach jahrelanger Vergeb- lichkeit endlich geglückte Verhaftung und Aburthcilung von Treibern, dieses durch eine Veröffentlichung, die vor Allem für unser Interesse die Hauptsache bringt, die verlesenen„Rügeverse". Nachträglich läßt sich jetzt erkennen, was vorher wohl nur die Nächsistehendcn gemerkt haben dürften: daß nämlich die Ausübung jener Sitte seit Längerem von ihrem altehrwürdigen Charakter eingebüßt. Von dem wohlgefügten„Habererbund" mit intimen lieber- lieferungen und Regeln und mit einem oder mehreren Haberfeldmeistern scheint,»ach den Eröffnungen in jenen Prozessen, kaum nichr viel übrig zu sein. Hatte seinerzeit ein solcher engerer Bund jene Volks- thümliche Gerichtsbarkeit ausgeübt, so scheint später die Gesammtheit der orlshcimischen Bevölkerung daran betheiligt gewesen zu sein. Ans jüngerer Zeit stammt die Antwort eines Bauern auf die Frage, wer Alle betheiligt seien:„Jeder, der nicht will, daß ihm getrieben wird." Das ist keine „Vehme" mehr. Die strenge Gebundenheit von früher hatte einer Willkür, das patriarchalische Element, das in der ausschließlichen Betheiligung verheirathctcr Männer lag, dem Uebermuth vor- wiegend von(ledigen) Burschen Platz gemacht. Diese strenge Gebundenheit von früher wird uns aber erst dann so recht erklärlich, wenn wir sehen, wie seinerzeit die Betheiligten nicht etwa einem Drang nach persönlicher Unterhaltung, sondern einer Gewissenspflicht nachzukommen überzeugt waren, und wie das bauerische Haberfeldtrciben doch nichts Anderes war, als ein besonderer Fall einer allgemeinen, weit und unter den mannigfachsten Formen verbrei- teten Sitte, nämlich der des Rügegerichts, vou der wir einen anderen Sonderfall sogar in dem kleinen Strafgericht haben, das über die Kinder als„ein richtiges Kinder-Haberfeldtreiben" am Tage des heiligen Nikolaus ergeht(6. Dezember). In diesem Sinn wird uns die ganze Erscheinung erklärlich 400 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. und cvflärt durch das hübsche Büchlein nou vr. Oskar Pauizza:„Die Haberfcldtreiben im bayerischen Gebirge. Eine sittengeschichtliche Studie. Berlin. S.Fischer Verlag. l»97"(l0� Seiten 8"). In einer Illustration dazu sehen wir eine Schützen- scheide, auf der ein Haberfeldtreibeu nach älterer Art abgebildet ist, mit darnntergeschriebenen Rügeversen. Das Buch selbst stellt seine geschichtliche Betrachtuugs- weise der jetzt üblichen gegenüber, nicht als gleich- berechtigt, sondern als Erweis dafür, welcher Mißgriff jene andere Betrachtungsweise ist. Mit dieser geschichtlichen Betrachtung führt es uns West zurück, und zwar Überast dahin, wo sich die Spott- und Rügelust des Mensche», zumal in schlicht einfachen Verhältnissen, zu besonderen Sitten entwickelt. Das Biciste davon gruppirt sich um den Abschluß der Ernte, und eine weite Bienge von mythologischen Anknüpfungen macht für uns alle diese Sitten, diese Symbole, diese Rügevcrse zu einer eigenen nationalen Welt, die freilich in fremden Kulturen ihre Seitenstiicke hat, einschließlich des französischen„Charivari", dem das deutsche„Crawall" („Grelvöi" bei den Haberern) entspricht. Wotans „Wilde Jagd" lebt in solchen dahinbrausenden Gc- pflogenheitcn weiter, und Wotans Nachfolger im Legendenwesen, Karl der Große, wird von den Haberern als ihr Auftraggeber angerufen. Andererseits hat das bayerische Haberfeldtreiben einen örtlich eng umgrenzten Boden zwischen Inn und Isar. Erst in späterer Zeit hatte eine kleine örtliche Ausdehnung stattgefunden; seit 1894 kamen auch jenseits der Isar solche Treiben vor, wobei freilich nicht leicht zu unterscheiden ist, ob es sich jeweils um ein„echtes" oder um ein„nachgemachtes" Treiben handelt, gleichsam um„Putsche" gegenüber einem Aufstand oder Krieg. Wurde doch sogar in einer ganz anderen Gegend, an der bayerisch- württembergischen Grenze, gegen Ende Februar 1896 ein Treiben„nach allen Regeln" veranstaltet. Mit der unverfälschten Ueberlieferung hingegen haben wir es zu thun, wenn wir höre», wie man seinerzeit jener Sitte entgegengekommen ist. König Ludwig l. hatte 1833„auf Allerhöchst unmitttelbaren Befehl verordnet, daß künftighin eine Einschreitung gegen die alte Sitte des Habcrfeldtreibens nur insofern stattzufinden habe, als solches im Interesse der öffent- lichen Ordnung absolut nöthig ist." Oder wenn wir von der unbedingten Strenge der Geheimhaltung lesen und überhaupt von allen den Opfern, Be- mühnngen und Respektgcfühlen, die dieser„sittlichen Institution" entgegengebracht werden: Das Treiben erscheint so als„keine etwa von den altbayerischcu Burschen separat geübte, besonders gransam aus- gedachte oder regierungsfeindlich genieinte Einrich- tung, sondern es steckt mitten in den altdeutschen Sitten und Gebräuchen drinn, ans denen es mit tausend Fasern herausgewachsen ist und von denen es sich in der Abgeschlossenheit der Berge in ähn- licher Weise erhalten hat, wie auf seinem Gebiet das„Oberammergauer Passionsspiel" aus einer Zeit, da jedes Dorf sein Passionsspiel hatte. Ver- läßliche Gewährsmänner stehen ebenfalls ans dem Standpunkt,„daß erst das Einschreiten der bewaff- neten Atacht den.Landfriedensbruch' herbeiführt, während das Haberfeldtreiben, an und für sich betrachtet, einfach ein Sittengericht ist und bleibt."„Und wie die germanische Religion von dem aufstrebenden Christenthum als Götzen- und Teusels-Dienst, so wird heute im Militärstaat das Haberfeldlreiben als .Berbrechew deklarirt," umsomehr, als es sich hier auch um einen Gegensatz zwischen römischem und deutschem Rcchtsbewußtsein zu handeln scheint. Mit einer Btcnge von„Protokollen", d. i. eben den verlesenen und gedruckt ausgestreuten Rügeversen, schließt jenes Büchlein; hier zeigt sich auch, wie weit es den dabei betheiligten Bauern gelungen ist, ihre eigene Btundart und ihre örtlichen Verschiedenheilen in einer möglichst streng„phonetischen" Schreibart wiederzugeben. Ohne zahlreiche Weglassungen an- stößiger Stellen gings dabei allerdings nicht ab; selbst von einem eigenen, früher vollständig ver- öffentlichten Satz des Autors ist ein gefährliches Stück ausgefallen, so daß nur die Worte bleiben: „Ter Kaiser Karl von Untersberg schüze sernerhin ........... alle muthigcn Männer in Deutschland." Das Buch lvar gerade recht gekommen, um dem Publikum Bescheid in einer Sache zu geben, die nun aus den Anklagebänken einen allmäligen Tod zu finden scheint. Alle behördlichen Bemühungen, einen Haberer zu„erwi'chen" oder ans einem erwischten Haberer die gewünschten Aufschlüsse herauszubringen, waren bisher vergeblich geivesen, trotz aller Wag- halsigkeit der Haberer, die sich z. B. nicht scheuten, einmal in ihren Verinummungen das Dorf auf Fahr- rädern zu durcheilen. Die Jahre 1896 und 1897 haben nun eine größere Reihe von Verhaftungen, Anklagen und Verurtheilungen gebracht. Ein Theil davon betrifft jedenfalls nur unechte Krawalle; ob der andere Theil wirtlich mitten in den Kern der Sache hineingegriffen hat, wird nicht ganz leicht zu entscheiden sein; und zwar schon wegen der vielseitig behaupteten Entartung der Sache in den letzten Zeiten, dann aber auch wegen mancher nicht verläßlicher Zeitungsberichte, die es jetzt ebenso mit den Stärkeren halten, ivie sie es seinerzeit mit anderen Stärkeren gethan. Die Hanptverhandlung vor dem„Laildgericht München ll" fand Ende Oktober 1896 statt uild galt einem größeren Treiben, das vor Jahresfrist bei Sanerlach, also schon nicht mehr im eigent- lichen ältesten Habererkreis abgehalten worden lvar. Angeklagt waren— einschließlich des Bürgermeisters von Sanerlach— zweiundfünfzig Btänncr, darunter nur zehn Verheirathcle, die Bteisten waren„vor- bestraft" und zwar zum Theil wegen eines früheren Treibens. Die einzelnen Züge, die bei der Ver- Handlung zum Vorschein kamen, zeigen zunächst die Bemühung, die Sache in der„kommentmäßigen" Weise, zumal ohne irgend eine Schadenstiftnng, zu erledigen, zeigen aber auch manches Forcirte beim Zustandekommen des Ganzen. Mehrere der Burschen konnten mit den Gewehren nicht umgehen und brachten erst dadurch Gefahr in die Sache. Ilnd nicht blos radikale Stimmen wiesen dabei hin ans das über- lieferte Wesen des echten Haberfeldtreibens, bei dem keinerlei„Anleitung" nöthig sei, das sich nach her- gebrachten Normen vollziehe, und bei dem jeder Theil- nehmer das thne, wozu er von vornherein ent- schlössen ist. Diesen bestimmten und ruhigen Charakter machte das ganze dabei entrollte Bild gerade nicht. Der Staatsanwalt konnte darauf hinweisen, daß manche der Angeklagten sich als Opfer eines B!iß- brauchs betrachteten und durch ihre Bestrafung zu seinem Abkommen beizutragen hofften. Und der eine von den Vertheidigern zählte das Haberfeld- treiben bereits zu den Todten. Die Schwurtreue sei gebrochen, und das Haberfeldtreiben sterbe an seiner Zwccklosigkeit, da heute das Unrecht anderswie an die Oeffentlichkeit zu bringen sei. Für einzelne da und dort vorgekommene Ausschreitungen dürfe aber keineswegs die jetzt überlebte Sitte verantwort- lich gemacht werden. Schließlich wurden fast alle Angeklagten vom Gerichtshof � nicht von einem Schwur- gerichtshof» wegen„Landfriedensbrnch" zu Gefängniß bis zu drei Jahren vernrtheilt, das Reichsgericht verwarf die Revision und die Presse spielte zum Theil mit dem Gefühl des Aufathmens der öffent- lichen Meinung gegenüber den„Verbrechern". Hin- gegen trat die demokratische„Münchener freie Presse" für die„Vertreter der Volksjustiz" lebhaft ein, was eine Vernrtheilung ihres Redakteurs wegen„groben Unfugs" zur Folge hatte. Ende Dezember l 896 kam ein, allerdings ziemlich unechtes. Treiben zur Verhandlung, das im Sep- tember>893 bei Peiß-Aying(nicht weit von der Stätte des vorerwähnten) stattgemndeii hatte. Im Allgemeinen ging die Sache diesmal wie früher. Denkwürdig sind daraus die von den: einen Ver- theidiger zitirten Worte des Hauptverthcidigers bei einer ähnlichen Anklage vor etwa zwanzig Jahren: „Ich iveiß nur Eines: Ich war Biitglied der Gesetz- gebungskommisston, die den 125 geschaffen hat, und es ist uns garnicht eingefallen, das bayerische Haberfeldtreiben unter diesen tz 125 zu subsumiren." Was denn auch damals zu einem sofortigen Frei- sprach— allerdings vor Geschworenen— ge'ührt hatte. Diesmal geschah wieder eine Vernrtheilung zu Gefängniß in ähnlicher Höhe wie das vorige Mal. Nicht viel anders ging Ende Februar 1897 die Ver- Handlung über ein Treiben bei Steinhöring ans, das gleichzeitig mit dem Sauerlacher abgehalten war. Hier wurde von staatsanlvaltlicher Seite u. a. gesagt: „Gerade dadurch, daß verschiedene Schriststeller und Bolksredner ihrer Phantasie die Zügel schießen ließen und diesen Unfug verherrlichten, kam es, daß ihm die Haberer huldigten." Derselbe Vertheidiger, der schon bei den früheren Verhandlungen für eine Er- kenntniß des eigentlichen alten Gebrauchs eingetreten war, kennzeichnete das diesmalige Treiben als eines von den entarteten„modernen". Die Verurtheilungen gingen bis zu ein Jahr neun Btonat.— Mehrere weilere Prozesse fanden noch bis in den Herbst>897 hinein statt, zuletzt der wegen des großen Treibens bei Micsbach im Oktober>89>, bei dem ein Gendarm schwer verletzt worden war. Wahrscheinlich wird zunächst in jenen Gebenden zienilich Ruhe sein. Allein»venu einst die Haberer am Tegernsee das nächste Treiben für dreißig Jahre später angetündigt hatten, dann die Zeil über dort sich ruhig verhielten, schließl ch aber ihre Zusage genau eingehalten haben, so brauchen>vir uns nicht zu wundern, wenn diese todtgesagte Erscheinung Plötz- lich wieder in aller alten Echtheit und Reinheit vor uns stehen wird. �_ -�> Zu unserem Bilde.<�4- Ophclia. Wie eine wel nillthig-ichmerzliche Erinnerung steigt sie vor unserem Geiste aus, diese zarte, selbst in der Nacht des Wahnsinns noch liebliche Gestalt des Shake- speareschen Hamlet. Gleich einer schönen stillen Blume ist sie dein Sunipf. boden eines verkommenen Hofes entsprossen, um schon nach kurzem Blühen, ein unschuldiges Opfer der Ver- Hältnisse, zu sterben, zu verivelken. Hamlet, der jugendliche Kronprinz, hatte für sie, die Tochter des Oberkämmerers, eine rasende Leidenschaft gefasst, mit Liebesschwüren, Geschenketi, Betheuerungen sie verfolgt, geängstigt, und dann auf einmal rauh, au- scheinend ohne Grund, sie von sich gestoßen und zur Zurückiveisung noch Spott und Hohn gesellt. Freilich, sie ahnte ja auch nicht, was i» dem Inneren des Prinzen vor sich gegangen war; sie ahnte nicht, wie diesem sich aus einmal schrecklich das räthselhaste Tunkel enthüllt, das über des Vaters Tod, über der raschen neuen Vermählung der Biutter mit ihres Gatten Bruder schwebte. Mit Grauen hatte er vernoinulen, daß ein Mörder- paar aus Dänemarks Thron saß, und hinfort beschäftigte nur ein Gedanke sein Hirn, der iiämlich, vor dem ganzen Hofe, dem ganzen Volke die königlichen Verbrecher zu entlarven. Ter Abgrund menschlicher Verkommenheit aber, der sich vor Hamlet aufgcthan, ließ ihn überall nur noch schmutzigen Aerrath, Niedertracht, Heuchelei erblicken, so daß auch die liebreizende Ophelia für ihn nur ein Bild der Lüge, der Verstellung wurde. Sie aber, die von alledem nichts ahnte, der wie ein Sturm des Prinzen Leidenschaft das Gemüth aufgewühlt hatte, war mit einem Male aus allen ihren Himmeln gerissen Und kaum hatte sie dieser Schlag getrossen, so folgte ihm auch schon der zweite, der Tod des Vaters, den Prinz Hamlet au Stelle deS vermeintlichen Königs hinter der Tapete erstochen hatte. Seit dieses neue Schicksal über sie hereingebrochen, uninachlete sich ihr Geist; in stillem Wahnsinn wandelte sie einher, bald Blumen zum Kranze windend, bald in lieb- lich-irren Sieden sich ergehend, bis sie der Zufall zu dem Rand des Baches führte, der ihr zum Grabe werden sollte. Doch lassen wir den Dichter selber reden: Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach, Und zeigt im klaren Strom sein graues Laub, Mit welchem sie phantastisch Kränze wand Von Hahnfuß, Nessel», Maßlieb, Purpurblumen. Dort als sie aufklomm, um ihr Laubgewinde An den gesenkten Aesten aufzuhängen, Zerbrach ein falscher Zweig und niedersielen Tie rankenden Trophäen und sie selbst Jus weinende Gewässer. Ihre Kleider Verbreiteten sich weit und trugen sie Sirenengleich ein Weilchen noch empor, Jndcß sie Stellen alter Weisen sang, Als ob sie nicht die eigne Noth begriffe, Wie ein Geschöpf, geboren und begabt Für dieses Element. Doch lange ivährt es nicht, Bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken, Das arme Kind von ihren Melodien Hinunterzogen in den schlamm'gen Tod. Und diese letzten Augenblicke des armen Kindes sind es, die der Künstler unseres heutigen Bildes, D. Crentacoste, in wunderbar schöner Weise im Marmor sestgehaltc» hat. Nachdruck des Inhalts verboten! -äerantwortt. Redalleur: Edgar Steiger, Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Auer& Ed., Hamburg.— Druck: Max Babing. Berlin.