Nr. 2 Bllustrirte Unterhaltungsbeilage. . Was will der Tag? Von Erich Schlaikjer. Was will der Tag? Will er im West verglimmen? Will meiner Jugend schon der Abend sinken? Trüb- grauen Rauch sieht bang das Auge schwimmen, Und Tiefen, die das Licht des Lebens trinken. Wird es schon Zeit? Ich bin noch nicht am Ziele, Da erst die Jugend mir noch kaum entbrannt. Soll ich am Wege sterben, wie so Viele? Verscharrt, verlassen, nur vom Sturm gekannt? Vom Sturm, der irr hin durch die Steppe brauset, Mein Wegefreund in mancher guten Nacht, Die ich, von Einsamkeit so tief umgrauset, Gewandert durch die wilde Wetterschlacht! Ich ging allein ich war ja stets verlassen! Ich mied der Städte eng umzirkte Mauern, Wo Bürger wohnen in den schmalen Gassen, Die stumpf und träge ums Erwerben trauern. Die Steppe war mein Freund, die menschenleere! Wenn Mondschein seinen Silberzauber spann, Im zarten Duft verflog des Körpers Schwere, Durch lichten Hether Märchenzauber rann. Der Büllnerbauer. Noman von Wilhelm von Polenz. Drum traf ich oft in solchen hellen Nächten Zigeuner, die ums Feuer sich geschaart, Die rothen Wein aus Lederbechern zechten, Verwegne Lust und Schönheit kühn gepaart! So tranfen wir, bis wild die Stirne flammte, Die jähe Hand des Gürtels Messer zog Manch junges Blut zum frühen Tod verdammte Der böse Stahl, da uns der Weinrausch trog. Was soll das Blut? Das Leben frech genießen! Manch schwarze Dirne stimmte blizend ein: Verspritztes Blut soll nimmer uns verdrießen, Heiß soll die That und heiß die Liebe sein! Manch schwarzer Dirne hab' ich schon umfangen In süßer Nacht den kazenweichen Leib, Bis uns vom Kuß der Athem schier vergangen Und bebend kam die Flüsterbitte: bleib! Ich ging und ging. Mich trieb ein irres Wandern Durch Graus und Nebel weiter durch den Tag. Nun fand ich Ruh. Weit hinten schon die Andern, Mit denen ich am Lagerfeuer lag. Nun fand ich Ruh! Was soll denn jetzt das Grausen, Das trüb und bang durch meine Seele friert? Konnt ich nur leben auf der Steppe draußen? Und ist es Glück, das hier den Tod gebiert? ( Fortsetzung.) Sauline fing jest an, von ihren eigenen Angelegenheiten zu sprechen, sie erzählte, wie einsam und traurig der letzte Winter für sie gewesen sei, die Mutter wochenlang bettlägerig, dazu fein Geld im Hause, kein Mann in der Nähe, der ihnen geholfen hätte. Sie selbst durch die Pflege des Kindes abgehalten, viel zu schaffen. Und zu alledem habe er nichts mehr von sich hören lassen. Was er denn eigentlich gehabt habe gegen sie, verlangte das Mädchen von Neuem zu wissen. Er wich der Antwort aus, fragte seinerseits, warum sie denn gar nicht mehr aufs Rittergut zur Arbeit ge= gangen sei. Das habe seinen Grund, erklärte sie, und sprach auf einmal mit gedämpfter Stimme, als fürchte sie, das Kind könne etwas verstehen. Der Eleve dort habe sich Unanständigkeiten gegen sie erlaubt, deshalb sei sie lieber aus der Arbeit fortgeblieben, obgleich sie den Verdienst schwer vermißt hätte. Gustav horchte auf. Das war ja gerade die Geschichte, über die er gern etwas Genaueres er= fahren hätte. Mit diesem Eleven nämlich hatte man ihm das Mädchen verdächtigt. Er forschte weiter: Was hatte sie mit dem Menschen gehabt, wie weit war er gegangen? Pauline zeigte sich im Innersten erregt, als diese 1898 Dinge zur Sprache kamen. Sie sprach in den schärf= sten Ausdrücken über den jungen Herrn, der seine Stellung ausgenugt hatte, ihr in zudringlicher Weise Anträge zu machen. Mehr noch als ihre Worte ſagten es ihm ihre Mienen und die ganze Art, in der sie sich äußerte, daß sie ihm treu geblieben sei. Gustav ließ ihr seine Befriedigung durchblicken, daß nichts an dem Gerede sei. Nun erfuhr sie erſt, daß er darum gewußt habe. Deshalb also hatte er mit ihr gegrollt! Wer hatte sie denn nur ihm gegenüber so angeschwärzt? Er sagte ihr nur, daß er's gehört hätte von „ den Leuten". Daß die Verdächtigung aus seiner eigenen Familie gekommen, welche sein Verhältniß mit Pauline niemals gern gesehen hatte, verschwieg er. 10 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Pauline nahm die Sache ernst. Daß er sie in solch einem Verdachte gehabt und noch dazu so lange und ohne ihr ein Wort davon zu sagen, das kränkte sie. Das Mädchen wurde auf einmal ganz still. Sie empfand die Ungerechtigkeit und Erniedrigung, die in seiner Auffassung lag, wie Frauen solche Dinge empfinden, jäh und leidenschaftlich. Sie machte sich im Hintergrunde des Zimmers zu schaffen, ohne ihn anzusehen. Ihm war nicht wohl dabei zu Muthe. Er wußte zu gut, wieviel er sich ihr gegenüber vorzuwerfen hatte. Er blickte verlegen auf seine Stiefelspißen. Es entstand eine Pause, während der man nur die leichten Athemzüge des Kindes, das inzwischen mit seiner Flasche fertig geworden war, vernahm. Plöblich ging Pauline nach dem Bette. Sie nahm den kleinen aus den Kissen.„ Du hast den Jungen noch gar niche uf'n Arm gehat, Gustav!" sagte sie, unter Thränen lächelnd, und hielt ihm den Kleinen hin. Er nahm das Kind in Empfang, wie man ein Packet nimmt. Der Junge blickte mit dem starren leeren Blicke der kleinen Kinder auf die blanken Tressen am Halse des Vaters. ,, Getoft is er och schon", sagte Pauline.„ Ich ha dersch ja damals geschrieben, aber Du hast nischt geschickt dazu. Der Paster war erscht böse und hat tichtig gebissen uf mich, daß mer sowas passirt wor." Gustav war inzwischen ins Reine mit sich gekommen, daß er Kind und Mutter anerkennen wolle. Der Junge streckte die kleine Hand nach dem Schnurrbart des Vaters, Pauline wehrte dem Händchen sanft. Se sprechen Alle, daß er Dir su ähnlich säke, Gustav! Wie aus'n Gesichte geschnitten, sprechen de Leite." " Der junge Vater lächelte zum ersten Male sein Ebenbild an. Pauline hatte sich bei ihm eingehängt, ihre Blicke gingen liebend von Gustav zu dem Kleinen. Der Bengel hatte endlich den Schnurrbart des Vaters erwischt und stieß einen schrillen Freudenschrei aus. So gewährten sie das Bild einer glücklichen Familie. II. Gustav Büttner fam heute viel zu spät nach Haus zum Mittagbrot. Die Familie hatte bereits vor einer Weile abgegessen. Der alte Bauer saß in Hemdsärmeln in seiner Ecke und schlummerte. Karl hielt die Tabakspfeife, die er eigentlich nur während des Essens ausgehen ließ, schon wieder im Munde. Die Frauen waren mit Abräumen und Reinigen des Geschirrs beschäftigt. Die Bäuerin sprach ihre Verwunderung darüber aus, daß Gustav so lange ausgeblieben. In der Schenke siten am Sonntag Vormittag, das sei doch sonst nicht seine Art gewesen. Gustav ließ den Vorwurf ruhig auf sich ſizen. Er wußte wohl warum; seine Leute brauchten garnicht zu erfahren, was sich inzwischen begeben hatte. Schweigend nahm er auf der Holzbank, am großen viereckigen Familientische Play. Dann heftelte er seinen Waffenrock auf, wie um sich Platz zu machen für das Essen. Die Mutter brachte ihm das Aufgewärmte aus der Röhre. Die Büttnerbäuerin war eine wohlhäbige Fünf zigerin. Ihr Gesicht mochte einstmals recht hübsch gewesen sein, jest war es entstellt durch Unterkinn und Zahnlücken. Sie sah freundlich und gutmüthig aus. Gustav sah ihr von den Kinder am ähnlichsten. In ihren Bewegungen war sie nicht besonders flint, eher steif und schwerfällig. Der schlimmste Feind der Landleute, das Reißen, suchte sie oftmals heim. Eine der Töchter wollte ihr behilflich sein, aber sie ließ es sich nicht nehmen, den Sohn selbst zu bedienen. Der Unteroffizier war ihr Lieblingsfind. Sie sezte die Schüssel, die noch verdeckt war, vor Gustav hin und stützte die Hände auf die Hüften. Nu paß aber mal uf, Gust!" rief sie, und sah ihm schmunzelnd zu, wie er den schüßenden Teller abhob. Es war Schweinefleisch mit Speckklößen und Birnen im Grunde des Topfes zu erblicken. ,, Gelt, Dei Leibfrassen, Gust!" sagte sie und lachte den Sohn an. Sie ließ die Blicke nicht von ihm, " während er zulangte und einhieb. Jeden Bissen schien die liebevolle Mutter für ihn mitzuschmecken. Gesprochen wurde nichts. Man hörte das Klappern des Blechlöffels gegen die irdene Schüssel; denn der Unteroffizier ersparte sich den Teller. In der Ecke schnarchte der alte Bauer, sein Aeltester war auf dem besten Wege, ihm nachzufolgen, trotz der Pfeife. Am Ofen, der eine ganze Ecke des Zimmers einnahm, mit seiner Hölle und der breiten Bank, hantirten die jüngeren Frauen an dem dampfenden Aufwaschfaß mit Tellern, Schüsseln und Tüchern. Der Büttnerbauer besaß zwei Töchter. Die dritte Frauensperson war Karls, des ältesten Sohnes, Frau. Die Büttnerschen Töchter zeigten sich sehr verschieden in der Erscheinung. Man würde sie kaum für Schwestern angesprochen haben. Toni, die Aeltere, war ein mittelgroßes, starkes Frauenzimmer, mit breitem Rücken. Das runde Gesicht, mit rothen Lippen und Wangen, erschien wohl hauptsächlich Lippen und Wangen, erschien wohl hauptsächlich durch seine Gesundheit und Frische hübsch. Sie stellte mit ihrem drallen Busen und fräftigen Gliedmaßen das Urbild einer Bauernschönheit dar. Sie Ernestine, die jüngere Schwester, war erst vor Kurzem konfirmirt worden. Sie stand noch kaum im Anfange weiblicher Entwickelung. Sie war schlank gewachsen und ihre Glieder zeigten eine bei der ländlichen Bevölkerung seltene Feinheit. Dabei war sie lichen Bevölkerung seltene Feinheit. Dabei war sie sehnig und keineswegs kraftlos. Ihren geschmeidigen, flinten Bewegungen nach zu schließen mußte sie äußerst geschickt sein. Die Arbeit flog ihr weit schneller von der Hand, als der älteren Schwester. Der Schlummer des Vaters wurde respektirt; man vermied das allzulaute Klappern mit dem Geschirr. Am wenigsten besorgt um den Schlaf des Alten schien Therese, die Schwiegertochter, zu sein. Sie sprach mit tiefer, rauher, etwas gurgelnder Stimme, wie sie Leuten eigen ist, die Kropfansatz haben. Therese war eine große, hagere Person, mit langer, spizer Nase, ziemlich blaß, aber von fnochig derbem Wuchse, mit starkem Halse. Sie ging jezt daran, die abgewaschenen Teller in das Tellerbrett zu stellen. Als sie an ihrem Gatten vorbeikam, dem der Kopf bereits tief auf die Brust herabgesunken war, während ihm die Tabakspfeife zwischen den Schenkeln lag, stieß sie ihn unsanft an. Ihr Mannsen braucht o ne en halben Tog zu verschlofa, weil wir Weibsen uns abrackern missen. Das wär ane verkehrte Welt. Wach uf, Karle!" " Karl fuhr auf, sah sich verdugt um, nahm seine Pfeife auf, die er langsam wieder in Brand ſezte, und blinzelte bald wieder von Neuem mit den Augenlidern. Seine Ehehälfte ging inzwischen brummend und murrend auf und ab. Theresens Wuth war garnicht durch die Schlafsucht des Gatten erregt, an die sie schon gewöhnt war. Vielmehr ärgerte sie sich darüber, daß Gustav von der Bäuerin mit den besten Bissen bewirthet wurde. Sie war ihrem Schwager überhaupt nicht grün. Der jüngere Sohn werde dem älteren gegenüber von den Alten bevorzugt, fand sie. Sie fühlte wohl auch, daß Gustav ihrem Gatten in vielen Stücken überlegen sei, und das mochte ihre Eifersucht erregen. Ganz erbost flüsterte sie den Schwägerinnen zu soweit bei ihr von einem Flüstern die Rede sein konnte sein konnte„ de Mutter stadts Gustaven wieder zu, burna und hinta!" Endlich war Gustav fertig mit Essen. Zur Freude seiner Mutter hatte er reine Wirthschaft ge= macht. Sich streckend und gähnend, meinte er, daß es in der Kaserne so was freilich nicht gäbe. " 1 Inzwischen war der alte Bauer erwacht. War Gustav doe?" fragte er, sich mit leeren Augen umsehend. Als er gehört hatte, daß Gustav bereits abgegessen habe, stand er auf und erklärte, mit ihm hinausgehen zu wollen auf die Felder. Der junge Mann war gern bereit dazu. Er wußte sowieso nicht, wie er den langen Sonntagnachmittag verbringen solle. Karl ging mit Vater und Bruder aus dem Zimmer, scheinbar, um mit aufs Feld zu gehen. Aber, er verschwand bald. Er hatte nur die Gelegenheit benutzt, herauszukommen, um auf dem 63 Heuboden, ungestört von seiner Frau, weiter schlafen zu können. Der Bauernhof bestand aus drei Gebäuden, die ein nach der Südseite zu offenes Viereck bildeten. Das Wohnhaus, ein geräumiger Lehmfachwerkbau, mit eingebauter Holzstube, ehemals mit Stroh gedeckt, war von dem jezigen Besizer mit Ziegeldach versehen worden. Mit dem schwarz gestrichenen Gebälk und den weiß abgepuzten Lehmvierecken zwischen den Balken, den unter erhabenen Bogen, wie menschliche Augen, versteckten Dachfenstern, blickte es sauber, freundlich, altmodisch und gediegen drein. Winterpackung aus Moos, Laub und Waldstreu war noch nicht entfernt worden. Das Haus war wohl versorgt, die Leute, die hier wohnten, das sah man, liebten und schüßten ihren Herd. Nic glei wic get der No löst mit sie Her jede Die Bl Ge gen fris Hie Unter einem langen und hohen Dache waren Schuppen, Banse und zwei Tennen untergebracht. Ein drittes Gebäude enthielt Pferde-, Kuh- und Schweineställe. Scheune wie Stall wiesen noch die althergebrachte Strohbedachung auf. Die Gebäude waren alt, aber gut erhalten. Man sah, daß hier Generationen von tüchtigen und fleißigen Wirthen gehaust hatten. Jeder Riz war zugemacht, jedes Loch bei Zeiten verstopft worden. In der Mitte des Hofes lag die Düngerstätte, mit der Jauchenpumpe daneben. Am Scheunengiebel war ein Taubenhaus eingebaut, welches eine Art von Schlößchen darstellte; die Thüren und Fenster des Gebäudes bildeten die Ein- und Ausfluglöcher für die Tauben. Ein Kranz von scharfen, eisernen Stacheln wehrte dem Raubgethier den Zugang. In dem offenen Schuppen sah man Brett wagen, Leiterwagen und andere Fuhrwerke stehen, die Deichseln nach dem Hofe gerichtet. Unter dem vorspringenden Scheundach waren die Leitern untergebracht. Im Holzstall lag gespaltenes Holz für die Küche, Neisig zum Anfeuern und Scheitholz. Das Kalkloch, der Sandhaufen und der Stein zum Dengeln der Sensen fehlten nicht. Der Sinn für das Niißliche und Nothwendige herrschte hier, wie in jedem rechten Bauernhofe, vor. Aber auch der Gemüthlichkeit und dem Behagen war Rechnung getragen. Ein schmales Gärtchen, von einem Holzstacket eingehegt, lief um die Süd- und Morgenseite des Wohnhauses. Hier zog die Bäuerin neben Gemüsen und nüßlichen Kräutern verschiedene Blumenſorten, vor Allem solche, die sich durch starken Geruch und auffällige Farben auszeichnen. Und um die Pracht voll zu machen, hatte man auf bunten Stäben leuchtende Glaskugeln angebracht. In der Ecke des Gärtchens stand eine aus Brettern zuſammengesezte Holzlaube, die sich im Sommer mit bunt blühenden Bohnenranken bezog. Im Grasgarten standen Obstbäume, von denen einzelne, ihrem Umfange nach zu schließen, an hundert Jahr alt sein mochten. Die Thür des Wohnhauses war besonders schön hergestellt. Drei glatt behauene steinerne Stufen führten hinauf. Die Pfosten und der Träger waren ebenfalls von Granit. Auf einer Platte, die über der Thür angebracht war, stand folgender Spruch eingegraben: „ Wir bauen Alle feste, Ünd sind doch fremde Gäste, Und wo wir sollen ewig sein, Da bauen wir gar wenig ein!" Gustav und der Bauer schritten vom Hauſe, ohne daß Einer dem Anderen ein Wort gesagt oder einen Wink gegeben hätte, geraden Weges nach dem Pferdestall; denn hier war der Gegenstand des allgemeinen Interesses untergebracht: eine zweijährige braune Stute, die der Bauer vor Kurzem gekauft hatte. Zum dritten oder vierten Male schon besuchte der Unteroffizier, der erst am Abend vorher in der Heimath eingetroffen war, das neue Pferd. Er hatte sich die Stute auch schon ins Freie hinausführen lassen, um ihre Gänge zu beobachten; aber ein Urtheil über das Pferd hatte er noch immer nicht abgegeben, obgleich er ganz genau wußte, daß der Alte darauf wartete. Gustav sagte auch jetzt noch nichts, obgleich er prüfend mit der Hand über die Sehnen und Flechsen aller vier Beine gefahren war. Die Büttners waren darin eigenthümliche Käuze. hat ver we ang mit unt St lief der W Do Wi Fe Ba hol wa ein fich spr wa ein bli jun wa auf den die all au 50 uni bli Er gri Ha KI Ha dri Ri ge Ge au ge we un bei im fick fer be -S) sch ein ric Be we de er ge It r e r d It ce 1EAEEEEEEE It It r [= it 5= nnn er ch e, er m 1= ge ft er D. S= er er B h ie r. e. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Nichts wurde ihnen schwerer, als sich gegen Ihresgleichen offen auszusprechen. Oft wurden so die wichtigsten Dinge Wochen lang schweigend herum getragen. Jeder empfand das als eine Last, aber der Mund blieb versiegelt; bis endlich die eherne Nothwendigkeit, oder irgend ein Zufall, die Zungen löste. Es war fast, als schämten sich die Familienmitglieder, untereinander Dinge zu besprechen, die sie jedem Fremden gegenüber offener und leichteren Herzens geäußert haben würden. Vielleicht, weil jedes die innersten Regungen und Stimmungen des Blutsverwandten zu genau kannte und seine eigenen Gefühle wiederum von ihm gekannt wußte. Vater und Sohn traten, nachdem man das Pferd genügend geklopft und gestreichelt und ihm die Streu frisch aufgeschüttelt hatte, wieder auf den Hof hinaus. Hier verweilte sich Gustav nicht erst lange. Es hatte sich in der Wirthschaft sonst nichts weiter verändert, seit er das letzte Mal auf Urlaub ge= wesen war. Die neu aufgestellten Ferkel und die angebundenen Kälber hatte er schon vor der Kirche mit der Bäuerin besehen. Man schritt nunmehr unverweilt zum Hofe hinaus. Das Gut bestand aus einem langen, schmalen Streifen, der vom Dorfe nach dem Walde hinauslief. Am unteren Ende lag das Gehöft. Im Walde, der zu dem Bauerngute gehörte, entsprang ein Wässerchen, das mit ziemlich starkem Gefälle zum Dorfbach hinabeilte. An diesem Bächlein lagen die Wiesen des Büttnerschen Grundstückes. Zwischen den Feldern zog sich der breite Wirthschaftsweg des Bauerngutes, mit alten, tief eingefahrenen Gleisen, holperig und an vielen Stellen von Rasen überwachsen, vom Gehöft nach dem Walde hinauf. Vater und Sohn gingen langsam, Jeder auf einer Seite des Weges, für sich. Heute konnte man sich Zeit nehmen, heute gab es keine Arbeit. Ge= sprochen wurde nichts, weil Einer vom Anderen er= wartete, daß er zuerst etwas sagen solle. Bei den einzelnen Schlägen blieb der alte Bauer stehen und blickte den Sohn von der Seite an, das Urtheil des jungen Mannes herausfordernd. Gustav war nicht etwa gleichgültig gegen das, was er sah. Er war auf dem Lande geboren und aufgewachsen. Er liebte den väterlichen Besitz, von dem er jeden Fußbreit kaunte. Der Bauer hatte die Hülfe des jüngeren Sohnes in der Wirthschaft all die Zeit über, wo Gustav bei der Truppe war, aufs Empfindlichste vermißt. Karl, der eigentliche Anerbe des Gutes und Hofes, war nicht halb so viel werth als Arbeiter und Landwirth, wie der jüngere Sohn. Sie hatten bereits mehrere Stücke betrachtet, da blieb der alte Bauer vor einem Kleeschlage stehen. Er wies auf das Stück, das mit dichtem, dunkelgrünem Rothflee bestanden war. " Sicken Klee hats weit und breit fenen. Haa!-In Halbenau hoat noch fee Bauer su an Klee gebrocht. Und der hoat in Haber gestanda. Haa! Do tann sich in April schun der Hoase drine verstacken, in dan klee!" Er stand da, breitbeinig, die Hände auf dem Rücken, und sein altes, ehrliches, rothes Bauerngesicht strahlte vor Stolz. Der Sohn that ihm den Gefallen, zu erklären, daß er besseren Klee zu Ostern auch noch nicht gesehen habe. Nachdem man sich genügsam an dieser Pracht geweidet, gings langsam auf dem Wirthschaftswege weiter. Nun war das Schweigen einmal gebrochen, und Gustav fing an zu erzählen. Im Manöver und bei Felddienstiibungen war er viel herumgekommen im Lande. Er hatte die Augen offen gehalten und sich gut gemerkt, was er anderwärts gesehen und kennen gelernt von neuen Dingen. Der alte Bauer bekam von allerhand zweckmäßigen Maschinen und Einrichtungen zu hören, die ihm der Sohn zu beschreiben versuchte. Bei Leiba, bei Leiba!" rief er ein über das andere Mal erstaunt aus. Die Berichte des Sohnes flangen ihm geradezu unglaublich. Besonders, daß es jetzt eine Maschine geben solle, welche die Garben bände, das wollte ihm nicht in den Sinn. Säemaschinen, Dreschmaschinen, das konnte er ja glauben, die hatte er ja auch schon selbst wohl gesehen, aber eine Maschine, welche die Garben raffte " und band! Da mechte am Ende Gener och a Ding erfinden, das de Apern stackt oder die Kihe vun selber melfen thut. Ne, das glob'ch ne! dernoa, wenns suweit fäma, da kennten mir Bauern glei gonz eipacken. Si's su schun schlimm genuche mit a Pauern bestellt. Dar Edelmann schind uns, und dar Händler zwickt uns; wenn och noch de Maschinen, und se wullen Alles besurgen, dernoa sein mir Pauern glei ganz hin!" Gustav lächelte dazu. Er hatte in den letzten Jahren doch manches bäuerische Vorurtheil abgestreift. Er versuchte es, den Vater zu überzeugen, daß das mit den neuen Erfindungen doch nicht ganz so schlimm sei; im Gegentheil, man müsse dergleichen anwenden und mußbar zu machen suchen. Der Alte blieb bei seiner Rede. Zwar hörte er dem Jungen ganz gern zu; Gustavs lebhafte und gewandte Art, sich auszudrücken, die er sich in der Stadt angeeignet, machte ihm, der selbst nie die Worte sezen gelernt hatte, im Stillen Freude und schmeichelte seinem väterlichen Stolze, aber von seiner ursprünglichen Ansicht ging er nicht ab. Das war Alles nichts für den Bauern. Solche Neuerungen waren höchstens dazu erfunden, den Landmann zu verderben. Sie waren unter solchen Gesprächen an den Wald gelangt. Hier lief die Flur in eine sumpfige Wiese aus, die in unordentlichen Niederwald überging. Dahinter erhoben sich einzelne Kiefern, untermengt mit Wachholdersträuchern, Ginster und Brombeergestrüpp. Der Boden, durch die jährliche Streunuzung völlig entwerthet, war nicht mehr im Stande, einen gesunden Baumwuchs hervorzubringen. Der Büttnerbauer war, wie die meisten seines Standes, ein schlechter Waldheger. Der alte Mann wollte nunmehr umkehren. Aber Gustav verlangte noch das„ Büschelgewände" zu sehen, da sie einmal so weit draußen seien. Diese Parzelle hatte der Vater des jezigen Besizers an= gekauft und dem Gute einverleibt. Der Bauer zeigte wenig Lust, den Sohn dieses Stück sehen zu lassen, und mit gutem Grunde. Das Stück lag brach, allerhand Unkraut machte sich darauf breit. Der Bauer schämte sich dessen. " Was habt Ihr denn dort stehen heuer?" fragte Gustav völlig arglos. " ,, Ne viel Gescheits! Dar Busch dämmts Feld zu sihre, und a Zeter- Rehe san och allendchen druffe; zu sihre, und a Zeter- Nehe san och allendchen druffe; da kann duch nischt ne gruß warn." Er verschwieg dabei, daß dieses Gelände seit anderthalb Jahren nicht Pflug und nicht Egge ge= sehen hatte. Will denn der Graf immer noch unsern Wald kofen?" fragte Gustav. Der Büttnerbauer bekam einen rothen Kopf bei dieser Frage. " Ich sollte an Buusch verkofen!" rief er. Ne, bei meinen Labzeiten wird suwas ne!' s Gutt bleibt zusommde!" Die Zornader war ihm geschwollen, er sprach heiser. " Ich meente ock, Vater!" sagte Gustav beschwichtigend. Uns nußt der Busch doch nich viel." 11 Der Büttnerbauer machte Halt und wandte sich nach dem Walde zu.„ Ich verkofe och nich an Fußbreit von Gutte, ich ne! Macht Ihr hernachen, wos der wullt, wenn'ch war tud sein. Vun mir friegt dar Graf dan Buusch ne! Und wenn er mir much su vill läßt bietan. Meenen Buusch kriegt ar ne!" Der Alte ballte die Fäuste, spuckte aus und wandte dem Walde den Rücken zu. Gustav schwieg wohlweislich. Er hatte den Vater da an einer wunden Stelle berührt. Der Besizer der benachbarten Herrschaft hatte dem alten Bauer bereits mehr als einmal nahe legen lassen, ihm seinen Wald zu verkaufen. Solche Ankäufe ihm seinen Wald zu verkaufen. Solche Ankäufe waren in Halbenau und Umgegend nichts Seltenes. Die Herrschaft Saland, die größte weit und breit, ursprünglich nur ein Rittergut, war durch die Regulirung und die Gemeinheitstheilung und später durch Ankauf von Bauerland zu ihrer jezigen Größe angewachsen. Das Büttnerſche Bauerngut lag bereits von drei Seiten umflammert von herrschaftlichem Besiz. Der Büttnerbauer sah mit wachsender BeBesiz. sorgniß dem immer weiteren Vordringen des mächtigen sorgniß dem immer weiteren Vordringen des mächtigen Nachbars zu. Seine Ohnmacht hatte allmälig eine 11 grimmige Wuth in ihm erzeugt gegen Alles, was mit der Herrschaft Saland in Zusammenhang stand. Verschärft war seine Gehässigkeit noch worden, seit er bei einem Konflikte, den er mit der Herrschaft wegen Uebertritts des Dammwildes auf seine Felder gehabt, in der Wildschadenersatzklage abschlägig beschieden worden war. Man schritt den Wiesenpfad hinab, am Bache entlang. Von rechts und links, von den höher gelegenen Feldstücken, drückte das Wasser nach der Bachmulde zu. Das dunkle, allzu üppige Grün verrieth die Feuchtigkeit einzelner Flecken. Es gab Stellen, wo der Boden unter dem Tritt des Fußes erzitterte und nachzugeben schien. Der ganze Wiesengrund war versumpft. Gustav meinte, daß hier Drainage angezeigt sei. " ,, Wu sullt at daderzut' s Geld rauskumma, un de Zeit!" rief der Büttnerbauer. Mir warn a su och schunsten ne fertg! Unserens kann'ch mit su was duch ne abgahn. Drainirchen, das is ganz scheen und ganz gutt for an Rittergutsbesizer, oder anen Dekonomen; aber a Pauer... Er vollendete seine Rede nicht, verfiel in Nachdenken. Die ganze Zeit über hatte er etwas auf dem Herzen, dem Sohne gegenüber, aber er scheute das unumwundene Geständniß. " " Es mechten eben a poar Fausten mehr sein fürs Gutt!" sagte er schließlich. Mir sein zu wing Mannsen, Karle und ich, mir zwee alleene. Die Weibsen thäten schun zulanga; aber dos federt ne su: Weiberarbeit. Mir Zwee, Karle und ich, mir wern de Arbeit ne Herre. A Dritter mechte hier sein!" Gustav wußte nun schon, worauf der Alte hinaus wollte. Es war die alte Geschichte. Daß er dem Vater fehle bei der Arbeit, wollte er schon glauben. Denn Karl war ja doch nicht zu vergleichen mit ihm, in keiner Weise, das wußte der selbstbewußte junge Mann recht gut. Der Vater flagte ja nicht zum ersten Male, daß die Wirthschaft zurückgehe, seit Gustav bei der Truppe sei. Aber das konnte nichts helfen, Gustav war nicht gesonnen, die Tressen aufzugeben für die Stellung eines Knechtes auf dem väterlichen Hofe. Ja, wenns noch für eigene Rechnung gewesen wäre! Aber für die Familie sich abschinden, für Eltern, Bruder und Schwestern. Für ihn selbst sprang ja dabei garnichts heraus. Das Gut erbte ja einstmals nicht er, sondern Karl. Er erwiderte daher auf die Klage des Vaters in fühlem Tone:" Nehmt Euch doch einen Knecht an, Vater!" Der Alte blieb stehen und rief mit heftigen Armbewegungen:" An Knacht! Ich full mer an Knacht onnahma? Ich mecht ock wissen, wu dar rauswachsen fillte. Achtzig Tholer kriegt a su a Knacht jetzt im Juhre, unds Frassen obendrein. Und do mechte och noch a Weihnachten sen und a Erntescheffel. Mir hon a su schun zu vills Mäuler zu stopfa, hon mir! Wusu kann ich denne, und ich fennte mer an Knacht halen! Ne, hier mechte Ener har, dar zur Familie geherte, dan wer keenen Lohn ne brauchten zahla. So Ener mechte hier sen!" Der Unteroffizier zuckte die Achseln, und der Vater sagte nichts weiter. Der Rückweg wurde schweigend zurückgelegt. In dem Gesichte des Alten zuckte und witterte es, als führe er das Gespräch innerlich weiter. Ehe sie das Haus betraten, hielt er den Sohn am Arme fest und sagte ihm ins Ohr: „ Ich will der amal a Briefel weisen, Gustav, das'ch gekriegt ha'. Komm mit mer ei de Stube!" " Der Büttnerbauer ging voraus in die Wohnstube. Außer der alten Bäuerin war hier nur die Schwiegertochter anwesend. Therese schaukelte ihr Jüngstes, das an einem durch zwei Stricke am Mittelbalken der Holzdecke befestigten Korbe lag, hin und her. Der Bauer begann in einem Schubfache zu framen. Woas suchst De denne, Büttner?" fragte die Bäuerin. ,,' s Briefel von Karl Leberechten." " Dos ha'ch verstackt!" rief die alte Frau und fam aus ihrer Ecke hervorgehumpelt. Wart ack, wart!" Sie suchte auf der Kommode, dort lag in einem Schächtelchen ein Schlüssel, mit diesem Schlüssel ging sie zum Spind, schloß es auf und entnahm dem obersten Brett ein Buch mit vielen Einlagen " 12 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. und Buchzeichen. In dem Buche blätterte sie eine Weile, bis sie endlich auf das gesuchte Schreiben fam. Doe is er!" 11 Der Bittnerbauer berührte den Brief wie alles Geschriebene mit besonderer Vorsicht, ja mit einer Art von Scheu. Dann schob er ihn dem Sohne hin: Lase a mal dos, Gustav!" Der Briefbogen hatte großes Quartformat und trug rechts oben eine Firma:" C. G. Büttner, Materialwaarenhandlung en gros& en detail." Folgte die Ortsbezeichnung. Gustav sah nach der Unterschrift. Sein eigener Name stand darunter: Gustav Büttner. Der Brief schreiber war demnach sein ihm gleichaltriger Vetter, Kompagnon im Geschäfte des alten Karl Leberecht Büttner. Gustav hatte Onkel und Vetter ein einziges Mal gesehen in seinem Leben, als sie vor Jahren dem Heimathdorfe einen flüchtigen Besuch von der Stadt aus abgestattet. Dieser Karl Leberecht war ein um wenige Jahre jüngerer Bruder des Büttnerbauern. Er hatte Halbenau frühzeitig verlassen als ein großer Thunichtgut. Jahre lang war nichts von ihm verlautet. Dann tauchte er plöglich als verheiratheter Mann und Inhaber eines Grünwaarengeschäftes in einer mittelgroßen Stadt der Provinz auf. Inzwischen hatte sich sein Geschäft zur Materialwaarenhandlung en gros& en detail" ausgewachsen. Die beiden Familien, die eine in der Stadt, die andere auf dem Dorfe, hatten so gut wie gar feine Berührungspunkte mehr. Nur bei der ErbNur bei der Erbschaftsregulirung, vor nunmehr dreißig Jahren, war man einander auf kurze Frist wieder einmal näher getreten. In den letzten Jahrzehnten hatte man nur ganz gelegentlich etwas voneinander gesehen oder gehört. G. Büttner jun. also schrieb im Namen seines Vaters, daß man die Hypothek, welche von der Erbtheilung her noch auf dem Büttnerschen Bauerngute in Halbenau stand, hiermit kündige und daß man den Eigenthümer besagten Bauerngutes ersuche, Zahlung zum Johanni- Termine zu leisten. Als Grund der Kündigung war Erweiterung des Geschäftes an= gegeben. Der Brief war durchaus in geschäftlichem Stile gehalten und enthielt nichts, was darauf hindeutete, daß Schreiber und Empfänger in naher Blutsverwandtschaft standen. Vater und Mutter hielten sich hinter dem Sohne, während er las, und blickten ihm über die Schulter. " Habt Ihr schon was derzu gethan, Vater?" meinte Gustav, als er fertig war mit Lesen. " Wie meenst De?" fragte der Alte und sah ihn verständnißlos an. Ob Ihr schon derzu gethan habt, wegen an Gelde? Am ersten Juli müßt Ihr zahlen." " Siehst De Moann!" rief die Bäuerin.„ Ich ho Dersch immer geseut, De mechtest federn und nach an Galde sahn." " Ich bin o schun, und ich ha mich befrogt im a Gald. Bei Kaschelernsten bi'ch gewast; der spricht, ar wullt mersch ack gahn, wenn'ch' n sechsdehalb Prozent versprechen thäte. „ Das sieht dem Kujon ähnlich!" rief Gustav. Sein Onkel Kaschel war der Inhaber des Kretschams von Halbenau. Er war Wittwer, ehemals mit einer Schwester des Büttnerbauern verheirathet. Er galt in Halbenau, wo Baargeld ziemlich rar war, für den ersten Kapitalisten. " Da mechte aber bald Rath werden," sagte Gustav nachdenklich.„ Sonst werdet Ihr verklagt, Vater!" " " Mei Heiland! Siehste's Moann!" rief die Bäuerin. Ich ho's schun immer geseut iber den Bauer: mir wern noch gepfändt, ho'ch ibern geseut, De werscht's derlaben, Traugott!" „ Nu, dos gleb' ch do ne von Karl Leberechten!" meinte der Alte; aber sein unsicherer Blick zeigte, daß ihm nicht ganz geheuer zu Muthe sei. Die werden wohl nich lange fackeln!" meinte Gustav. ,, Siehste, Traugott, siehste! Gustav meent och su!" rief die Bäuerin.„ Su is er aber nu, der Vater. Er bedenkt sich, und er bedenkt sich, und er thut nischt derzu. Er werd's nuch suweit bringa, daß se' n' s Gut wagnahmen fumma." Der Büttnerbauer warf seiner Ehehälfte einen finsteren Blick zu. Das Wort hatte ihn getroffen. " Halt de Fresse, Frau!" rief er ihr zu. verstiehst denn Du vun a Geschäften!" " Was Die Bäuerin schien mehr betrübt, als beleidigt, über diese Worte des Gatten. Sie zog sich schweigend in ihre Ecke zurück. Gustav überlegte eine Weile, welchen Rath er seinem Vater geben solle. Einen Augenblick dachte er daran, dem Vater abermals vorzuschlagen, daß er seinen Wald an die Herrschaft verkaufen möchte. Aber dann fiel ihm ein, wie dieser Vorschlag den Alten vorhin erbost hatte. Er kannte seinen Vater, den hatte noch niemals Jemand von seiner Ansicht abgebracht. Ich weiß feenen andern Nath, Vater," sagte er schließlich. Ihr müßt in de Stadt. Hier weit und breit is doch keen Mensch mit Gelde, außer Kaschelernsten. In der Stadt, dächt'ch, müßte doch Geld zu bekommen sein." " Das ho'ch och schun gedacht!" meinte der Büttnerbauer mit nachdenklicher Miene. Es trat ein langes Schweigen ein. Man hörte nur das leichte Knarren der Stricke in den Hafen und das Knistern des Korbes, in welchem Therese den Säugling hin und her schaukelte. Jetzt traten die beiden Mädchen ins Zimmer. Toni war im vollen Staate. Ihre üppigen Formen waren in ein Kleid von greller, blauer Farbe ge= zwängt, das vorn etwas zu kurz gerathen war und so die plumpen, schwarzen Schuhe sehen ließ. An ihrem Halse blizte eine Broche von buntem Glase. Ihr blondes Haar hatte sie start pomadisirt, so daß es streifenweise ganz braun aussah. Offenbar war sie sehr stolz über den Erfolg ihrer Toilettenkiinſte. Steif und gezwungen, als sei sie von Holz, bewegte sie sich, denn die Zugschuhe, der Halskragen und das Korsett waren ihr ungewohnte Dinge. Sie ging einher wie eine Puppe. Gustav, der in der Stadt seinen Geschmack gebildet hatte, belächelte die Schwester. Heute Abend sei Tanz im Kretscham, berichtete Toni dem Bruder. Sie hoffte, daß er sie dahin begleiten würde, darum hatte sie sich auch so besonders herausgeputzt, um vor seinem verwöhnten Auge zu bestehen. Der alte Bauer, der allen Puz und unnüßen Tand nicht leiden mochte, brummite etwas von„ Pfingstuchse"! Aber die Bäuerin nahm die Tochter in Schutz. Am Sonntage wolle solch ein Mädel auch einmal einen Spaß haben, wenn sie sich Wochentags. abgerackert habe im Stalle, Hause und auf dem Felde. Das Abendbrot wurde zeitiger anberaumt, damit die Kinder nichts von dem Vergnügen versäumen sollten. Gustav begleitete die Schwester zum Kretscham. Unterwegs erzählte ihm Toni, daß Ottilie, die Tochter Kaschelernsts, des Kretschamwirthes, in den letzten Tagen wiederholt und zuletzt heute früh in der Kirche gefragt habe, ob Gustav nicht zum Tanze in den gefragt habe, ob Gustav nicht zum Tanze in den Kretscham kommen werde. Der Unteroffizier konnte sich eines Lachens nicht enthalten, sobald er nur die Kousine erwähnen hörte. Ottilie Kaschel war um einige Jahre älter als er, aber als die Tochter Kaschelernsts wohl die beste Partie von Halbenau. Gustav hatte sich in früheren Zeiten gelegentlich sein Späßchen mit ihr erlaubt; er wußte ganz gut, daß sie ihn gern mochte, aber der Gedanke an ihre Erscheinung machte ihn lachen. Sie hatten ein Pferd bei der Schwadron, einen alten Schimmel: die „ Harmonika", dürr, überbaut, mit Senfrücken; an den erinnerte ihn seine Kousine Ottilie. Gustav ließ die Schwester allein in den Kretscham treten. Er sagte, er werde nachkommen. Oben im Saale glänzten schon die Fenster, das Schmettern der Blechmusik, untermischt mit dem dumpfen Stampfen und Schleifen der Tänzer, drang auf die Straße hinaus. Gustav lockte das nicht; ihn erwarteten heute Abend ganz andere Freuden. Auf Seitenpfaden, zwischen Gärten und Häusern hin, schlich er sich durch die Nacht. Um nicht angesprochen zu werden, stieg er, als ihm ein Trupp junger Leute entgegenkam, über einen Zaun. Bei Katschners Pauline brannte ein Lämpchen. Sie wartete auf ihn. Sie hatten nichts verabredet heute früh, und doch wußten Beide, was der Abend bringen würde. Er klopfte vorsichtig an ihr Fenster. Da wurde auch schon der Vorhang zurückgeschoben. Eine weiße Gestalt erschien für einen Augenblick hinter den Scheiben. Ein fleines Schiebefensterchen öffnete sich. De Thiere is uff, Gustav! Mach keenen Lärm, de Mutter is derheme." Der Unteroffizier zog sich die Stiefeln aus und reichte sie wortlos dem Mädchen zum Fenster hinein. Dann schlich er sich, mit den Bewegungen einer Kaße, durch die niedere Thür in das Häuschen. Gleich darauf verlöschte das Licht in Paulinens Zimmer. ( Fortsetzung folgt.) Moderne Wunder. Naturwissenschaftliche Plaudereien von Dr. B. Borchardt. III. Die elektrische Kraftübertragung. n den Häusern, die heute gebaut werden und die, wie es in den Ankündigungen in den Wohnungszeitungen lautet, mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet sind, ist eine eigenthüimliche und sehr praktische Beleuchtungsborrichtung anugebracht; kommt man spät in der Nacht nach Hause und öffnet die Hausthür, so flammt im Hausflur eine an der Decke angebrachte elektrische Glühlampe auf und leuchtet einige Minuten, so daß man in hellem Lichte die Treppe hinaufgehen kann. Auf jedem Treppenabsaz befindet sich weiter ein Knopf, auf den man nur einen kurzen Druck auszuüben braucht, um eine Lampe für die nächste Treppe in Thätigkeit zu setzen; auch sie erlischt von selbst nach einigen Minuten, wenn man ihrer nicht mehr bedarf. Auf diese Weise hat man bis in die höchsten Stockwerke hinauf eine außerordentlich bequeme Treppenbeleuchtung, die demjenigen, der ihre Wirkung zum ersten Male erblickt und genießt, fast wie ein Märchen aus " Tausend und eine Nacht" vorkommt. Unsere Altvordern mit ihren primitiven Lampen hätten nicht wenig gestaunt und sicher an Zauberei gedacht, wenn sie eine solche von selbst aufflammende und nach wenigen Minuten wieder verlöschende Lampe erblickt hätten; war doch vor zweihundert Jahren noch die nächtliche Beleuchtung von Berlin z. B. durch ein Edift des großen Kurfürsten vom Jahre 1680 ge= ordnet, in welchem die Bewohner aufgefordert werden, „ eine Laterne, dadrinnen ein brennend Licht steckt, aus jedem dritten Haus herauszuhängen, also daß die Lampen von den liebden Nachbarn abwechselnd besorgt werden." Von dieser jammervollen Beleuchtung, die zudem nur vom 1. September bis zum 30. April angesteckt wurde, bis zu den von selbst aufflammenden elektrischen Lampen unserer Tage welch ein ungeheurer Abstand, welch eine großartige technische Entwickelung! Das wunderbare, selbstthätige Aufflammen ist erst durch die Anwendung des elektrischen Stromes zur Beleuchtung möglich geworden. Eine der am längsten bekannten Wirkungen des Stromes ist die, daß er seine Leitungsbahn erwärmt und dünne Drähte sogar bis zum Glühen erhitzt; aber erst, seitdem durch die neuere Entwickelung der Elektrotechnik elektrischer Strom stets zur Verfügung steht, kann man diese Wärmewirkung in einigermaßen erheb lichem Umfange zur Beleuchtung verwenden. Es ist dies erst möglich geworden, seitdem man den elektrischen Strom nicht mehr in galvanischen Elementen, sondern mittelst großer Maschinen durch Aufwendung von mechanischer Arbeit erzeugt. Es ist ja eines der bekanntesten Naturgeseze, daß man mechanische Arbeit nicht aus Nichts gewinnen kann, sondern daß jederzeit eine Betriebskraft in irgend einer Form Arbeit leisten muß, damit diese dann umgewandelt und als mechanische Arbeit verwendbar werde. Das großartigste Beispiel der Arbeitsumwandlung bot vor der Anwendung der sogenannten elektrischen Kraftübertragung die Dampfmaschine dar; Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 14 was ihr ihre Kraft verleiht, ist die Verbrennung der Kohle im Feuerungsrauin. Jede Verbrennung ist eine innige Vereinigung des brennenden Körpers mit dem Sauerstoffgas, einem Hauptbestandtheil unserer Luft; wenn die Kohle verbrennt, so treten die kleinsten Kohletheilchen mit den kleinsten Theilchen des Sauer- stoffes zusammen und bilden einen neuen Körper, die Kohlensaure, ein unsichtbares Gas, das alsbald in die Atmosphäre entweicht. Es geht also eine chemische Umlagerung der kleinsten Theile, der so- genannten Atome, vor sich, die von einer starken Wärnieentwickelung begleitet ist; die chemischen Kräfte, die vorher in der Kohle und dem Sauerstoff schlummerten, treten bei der Vereinigung beider in Wirksamkeit und bringen die große Hitze hervor. Man kann sich die Sache ähnlich vorstellen, wie bei einem schweren Stein, der in irgend einer Höhe iiber dem Erdboden eine Gleichgewichtslage hat, etwa an einem Strick aufgehängt ist. So lange Alles in Ruhe ist, schlummern gleichsam die zwischen der Erde und dem Stein wirksamen Anziehungskräfte, sie leisten die Arbeit, deren sie fähig sind, nicht, wie auch Kohle und Sauerstoff gegeneinander sich gleichgültig verhalten. Sobald aber die Umstände günstig sind, wenn etwa der Faden reißt oder gelöst wird, treten die Kräfte in Wirksamkeit und treiben den Stein unwiderstehlich zur Erde; die Arbeit, die sie dabei leisten, geht nicht verloren, denn der Stein kommt nicht als todte Blasse am Boden an, sondern hat eine große Geschwindigkeit gewonnen, durch die er beim starken Anprall zurückgeworfen, der Schwere entgegen gehoben wird; wenn er schließlich liegen bleibt, so hat er seine Bewegung an seine kleinsten Theilchen und die der umgebenden Luft abgegeben, wo sie uns durch eine erhöhte Temperatur fühlbar wird. In ähnlicher Weise stürzen auch Kohle- und Sanerstofftheilchen aufeinander zu, vereinigen sich zu Kohlensäure, wobei sie in heftige Bewegung ge- rathen, die von uns als Wärme empfunden wird. Diese Wärme dient zur Verwandlung von Wasser in Dampf, und der sich ausdehnende Dampf treibt den Kolben der Maschine hin und her, wodurch mechanische Arbeit geleistet wird. In letztem Grunde sind es also die zwischen Kohle und Sauerstoff vorhandenen chemischen Kräfte und der infolge dieser Kräfte in ihnen steckende Ar- beitsvorrath(Energie), welcher in der Dampfmaschine nutzbar gemacht ivird. Ganz ähnlich verhält es sich bei den galvanischen Elementen, wo in der Zelle zwischen den Säuren und den Metallen chemische Umlagernngen zwischen den kleinsten Theilchen vor sich gehen, und dadurch eine Arbeit geleistet wird, die in der Form des elektrischen Stromes zu unserer Verwendung sich darbietet. Aber diese Erzeugung des Stromes, die z. B. in der Telegraphie gute Dienste geleistet hat und noch leistet, ist für Arbeits- Maschinen nicht zu gebrauchen, weil die Erzeugung starker Ströme zu umständlich und theuer wäre. An solche konnte erst gedacht werden, als man lernte durch Aufwenden mechanischer Arbeit den elektrischen Strom zu erzengen. Werden nämlich Stromleitungen (Drähte) in der Nähe eines starken Magneten bewegt, so werden die Drähte dabei von elektrischen Strömen durchflössen; dauernd muß man dabei die Kräfte, die zwischen diesen induzirten Strömen und dem Magneten auftreten und die Bewegung hemmen, überwinden und gegen sie arbeiten. Denkt man sich also zwischen den Polen eines großen Hufeisen- förmigen Magneten einen eisernen Ring in schnelle Notation versetzt, so werden in den Drahtspulen, mit denen der Ring umwickelt ist, elektrische Ströme entstehen: diese werden zu Knpferstreifen, die isolirt voneinander auf der Axe des Ringes befestigt sind, geführt, von wo sie durch metallische Schleifbürsten in die Nutz- oder Arbeitsleitung geführt werden. Diese magnet-elektrischen Maschinen riefen jedoch keinen besonders starken Aufschwung der Elektro- technik hervor, weil die Stahlmagnete in ihrer Wirkung beschränkt waren. Heute baut man sie nicht mehr, sondern wendet Dhnamomaschinen an; das sind Maschinen, in denen das sogenannte Dynamo- Prinzip, das Siemens 1867 begründete, zur An- Wendung kommt. Nimnit man nämlich statt der Stahlmagnete weiches Eisen, so wird man bei der Drehung des Ringes auch elektrische Ströme erhalten, wenn auch sehr schwache, da ja weiches Eisen stets ein wenig magnetisch ist; leitet man diese Ströme, bevor sie in die Nutzleitung gehen, in vielen Draht- Windungen um das weiche Eisen, so wird dieses zu einem Magneten, denn jedes weiche Eisen erweist sich, so lange es von einem elektrischen Strom um- flössen wird, als ein starker Magnet. Jetzt rotirt der Ring also in der Nähe eines ziemlich starken Magneten; infolgedessen werden ziemlich starke Ströme in seinen Windungen induzirt, die nun wieder um das Eisen henmifließen und es noch stärker magnetisch machen. Man sieht leicht ein, daß infolgedessen wieder stärkere Ströme induzirt werden, die ihrerseits wiederum den Magnetismus verstärken u. s. f., so daß man auf diese Weise zu den stärksten Strömen ge- langt, die wir überhaupt im Stande sind, herzustellen. Große Dynamomaschinen, deren Ring oder Anker etwa niittelst Dampfmaschinen angetrieben wird, sind es, die in den elektrischen Zentralen der großen Städte den Strom für die Beleuchtung liefern. Doch ist die Lichterzengung nicht die einzige und hauptsächlichste Verwendung der Dynamomaschinen. Sie besitzen eine merkwürdige Eigenschaft, durch die sie für die allerverschiedensten Zwecke brauchbar werden. Bisher haben wir gesehen, daß man durch Auf- wenden von mechanischer Arbeit, indem man den Anker einer Dynamomaschine dreht, elektrischen Strom erzeugen, also mechanische Arbeit direkt in elektrische Energie verwandeln kann. Das Umgekehrte ist aber ebensogut möglich: Leitet man einen elektrischen Strom in die Drahtwindungen einer Dynamomaschine, so beginnt ihr Eisenanker sich zu drehe», die elektrische Energie ist also in mechanische Arbeit umgewandelt worden. Durch diese Umkehrbarkcit hat die Dynamo- Maschine als Elektromotor eine sehr große Bedeutung gewonnen; ein Elektromotor ist ja nichts Anderes, als eine Dynamomaschine, die nicht zur Strom- erzeugung benutzt wird, sondern ihren Strom von einer anderen Dynamomaschine oder einer anderen Stromquelle erhält, wodurch der Anker des Motors in Rotation versetzt wird. Wird die erste Dynamo- Maschine durch Aufwendung mechanischer Arbeit an- getrieben und der in ihr erzeugte Strom durch Drähte in einen oder mehrere Elektromotoren ge- leitet, so spricht man speziell von elektrischer Kraft- Übertragung. Freilich wird man die Frage auswerfen, wozu eine solche Kraftübertragung denn dienen soll? Die Arbeit, die ich zum Antrieb der ersten Maschine ans- wende, werde ich doch aus der zweiten niemals völlig wieder herausbekommen; die Leitungsdrähte, die den Strom von dem Dynamo zum Motor, von der Strom erzeugenden zu der Strom empfangenden Maschine führen, werden dabei stark erhitzt, und die zu dieser Erwärmung nutzlos verbrauchte Energie geht mir doch verloren. Da scheint es doch rationeller, die mechanische Arbeit direkt zu benutzen, als sie erst in elektrische Energie zu verwandeln, um durch Rück- Verwandlung derselben nur einen Theil wieder zu gewinnen. Aber das scheint nur so, in Wirklichkeit ist es garnicht der Fall; da der elektrische Strom durch einfache Kupfer- und Eiscndrähte in der bc- quemsten Weise überall hingeleitet werden kann, so bietet er ein vorzügliches Mittel zur Vertheilnng der Energie dar. Eine Dampfmaschine von hundert Pferdekräften erfordert durchaus nicht das hundert- fache Anlage- und Betriebskapital von hundert ein- pferdigen kleinen Dampfmaschinen. Es ist daher durchaus rationell, eine große Dampfmaschine zum Treiben eines Dynamo zu benutzen, und dessen Stroni dann in hundert kleine Motoren zu leiten; ein prak- tisches Beispiel dafür bilden die elektrischen Straßen- bahnen, auf die wir noch in einem besonderen Artikel eingehen werden. Auf diese Weise ist es möglich, ganz kleine Motoren, selbst bis zu'/>« Pferdekraft und darunter, rationell zu betreiben, ein Umstand, auf dem sich nach der Ansicht mancher wohlmeinenden Leute die Rettung des Handwerks aufbauen wird, das durch diese kleinen Motoren mit dem Großbetriebe konkurrenzfähig werden soll, eine begreif- liche, aber darum nicht minder eitle Hoffnung. Das ergiebigste Feld hat die elektrische Kraft- Übertragung dadurch gefunden, daß es durch sie möglich geworden ist, mechanische Arbeit, die für den Menschen vollkommen nutzlos in ungezählten Millionen von Pfeidekräften von der Natur geleistet wird, auf dem Umwege über den galvanischen Strom nutzbar zu machen, die Kräfte des Wassers. Täglich und stiindlich werden Milliarden Liter Wasser durch die Schwer- kraft von der Höhe der Gebirge zum tiefen Meere herabgeführt; durch die Wärme der Sonne verdunstet das Wasser der Ozeane und wird wieder in die Höhe gehoben, um sich in den Bergen niederzuschlagen und seinen Kreislauf von Neuem zu beginnen. In der Ebene angelangt, fließt das Wasser langsam dahin und kann daher keine große Arbeit leisten; wo aber das Gefälle ein starkes ist, erreicht es eine enorme Geschwindigkeit, und über Felswände stürzt es in brausendem Falle hinab. Von jeher erkannte man die gewaltige 5irastquelle, die die Natur uns in den schnell fließenden und herabstiirzenden Wassern ge- schaffen hat; aber nur in ganz verschwindendem Umfange konnte diese Kraftquelle benutzt werden, Wasserräder und Turbinen wurden kaum anders als zum Betriebe von Mühlen verwendet. Durch Riemen- oder Zahnradübmraguiig läßt sich die Be- wegung eines Rades oder einer Turbine nicht auf weite Strecken fortleiten, und so mußte eine erheb- liche Ausnutzung der Wasserkraft unterbleiben. Das änderte sich durch die Dynamomaschinen in den letzten fünfzehn Jahren ganz gewaltig. Läßt man einen Dynamo durch die Turbine antreiben, so kann man den erzeugten elektrischen Strom in Kupferdrähten viele Meilen weit fortführen; in erheblicher Ent- fernung von dem kraftliefernden Wasserfall wird der Strom dann entweder direkt, etwa zur Beleuchtung oder zur chemischen Arbeitsleistung, verwendbar, oder aber er geht in den Elektromotor, der ihn in mechanische Arbeit, in Drehung seines Ankers, zurück- verwandelt. Freilich, ganz so einfach, wie sich hier das Prinzip der Sache darstellt, ist die elektrische Kraftübertragung in der Praxis denn doch nicht. Zunächst ging durch die Erwärmung in den Leitungsdrähten ein so er- heblichcr Theil, bedeutend mehr als die Hälfte, der in den ersten Dynamo gesandten Energie verloren, und zwar bei verhältnißmäßig geringen Entfernungen, so daß man dieser Kraftübertragung vielfach keine große Zukunft zu prophezeien wagte. Die ersten Versuche wurden auf der Pariser Elektrizitätsansstcllung im Jahre 1381 von Marcel Deprez ausgeführt, wobei es sich um die Uebertragung auf eine Entfernung von 1800 Metern handelte. Aber unermüdlich war gerade dieser Techniker in der Vervollkommnung der Methoden, und 1885 gelang es ihm bereits, vierzig Pferdekräfte 152 Kilometer weit mit einem Nutzeffekt von 50 Prozent zu übertragen. Ohne auf die Methoden selbst einzugehen, soll hier nur bemerkt werden, daß man bei einem elektrischen Strome seine Intensität und seine Spannung unterscheidet und daß es daraus ankommt, in der Leitungsbahn die letztere auf Kosten der ersteren zu erhöhen, an der Ver- brauchsstelle aber die schwachen Ströme von hoher Spannung wieder in stärkere Ströme von niedrigerer Spannung zu verwandeln. Das großartigste Experiment, durch das die Möglichkeit einer elekttischen Kraftübertragung in großem Maßstabe auf weite Entfernungen hin nach- gewiesen wurde, war die berühmte Kraftübertragung von Lauffen am Neckar nach Frankfurt a. M. im Jahre 1891. Es handelte sich hierbei um eine Ent- fernung von 175 Kilometern oder 23 Bieilen; die Turbine zu Lauffen entnahm dem Neckar 197 Pferde- kräfte, von denen 146, also 74 Prozent, in Frank- surt zurückgewonnen wurden. Seitdem hat die Aus- nutzung der Wasserkräfte sehr erhebliche Fortschritte gemacht; in der wasserreichen Schweiz entnehmen selbst viele kleine Orte den kleinen Strömen, an denen sie liegen, die Kraft zur Erzeugung ihres elektrischen Lichtes und zur Betreibung ihrer indu- striellen Anlagen. Das größte Werk ist die Wasser- kraftanlage der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft zu Rheinfelden am Rhein, die im Frühling des nächsten Jahres in Betrieb treten wird; sie entnimmt dem Rhein 15000 Pferdekräfte. Doch ist auch dieses Werk noch verschwindend gegen die Riesenanlage am Niagara in Nordamerika, wo 150 000 Pferdekräfte then von bem zu lich pereere stet öhe gen In hin aber rme in man den ge= dem den, ders urch Be= auf heb Das bten inen man ihten Ent der tung oder rüc in inzip gung Durch O er - der - und 1, so große suche I im vobei nung war der Herzig effett E die merft seine Odaß egtere Verhoher gerer 3 die g in nach gung 7. im Ent ; die ferde Frant Aushritte chmen 1, an ihres induaffer schaft des timmt dieses ce am fräfte Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. nuzbar gemacht werden und ein ganzer Industriebezirk entstanden ist. Man sieht, daß durch die Elektrizität eine Straft in den Dienst des Menschen gestellt ist, die berufen erscheint, die Kohle in ihrer weltbeherrschenden Stellung abzulösen und unser Zeitalter des Dampfes in ein elektrisches zu verwandeln. Patrioten. Ein Stück bürgerlicher Moral. Von Hippolyt Lencon. Autorisirte Uebersetzung von Albert Südekum. Herr Grippelong, sehr feierlich, eingezwängt in einen schwarzen Gehrock von veraltetem Schnitt. Frau Grippelong, in großer Toilette aus schwerer schwarzer Seide, die Taille leicht ausgeschnitten, um den Hals ein Band von gelbem Satin, um die tiefen Runzeln zu verdecken, den Gürtel mit Theerosen geschmückt. Hauptmann Rossicart vom 323. Linienregiment, eben zurückgekehrt aus Madagaskar, und seine Frau, eine Blondine mit zerzaustem Haar, aufdringlich in Benehmen und Haltung. Der Abbé Des Orfrays, immer geschniegelt und ge= bügelt, mit träumerischem Auge. Spielt mit einem Zwicker, um seine weißen Hände zu zeigen. Baron Stupf, ein Bantier, flein, beweglich wie ein Frettchen, eine sehr jüdische Nase in dem glattrafirten Gesicht, das Haar roth und kraus. Herr Duroguin, Zeughändler ,, en gros", eine schlaffe, gewöhnliche Gestalt troß seiner festlichen Kleidung. Die Grippelongs haben ihren Empfangsabend und plaudern mit ihren Gästen vor dem Beginne des Abendbrotes. Die Szene spielt in dem mit Siggelegenheiten und Pflanzen überladenen Salon, unter dem glitzernden Licht der Krystallkrone Herr Grippelong, Hauptmann Rossicart und Baron Stupf führen abwechselnd das allgemeine Gespräch. Aber die anderen Personen hören ihnen nicht zu, sondern bilden Seite an Seite zwei intim plaudernde Gruppen, Herr Duroguin mit Frau Grippelong und der Abbé Des Orfrays mit der Frau des Hauptmanns. * * * Baron Stupf: Na, nu sagen Sie mal, sind Sie denn schon lange zurück, Herr Hauptmann? Der Hauptmann: Keine Spur!.... Ich komme so zu sagen eben an; bin kaum acht Tage hier. Herr Grippelong: Haben ja kaum die Zeit gehabt, sich von den Anstrengungen der Reise zu erholen. Baron Stupf( flopft Rossicart auf die Schulter): Ach was, ein Soldat! Kennen die auch Anstrengungen?! Das ist was für uns arme Geschäftsleute, die immer den Kopf voller Sorgen haben: uns schmeißt die kleinste Kleinigkeit um, aber diese Menschen! Nu fühlen Sie blos mal diese Brust, diese Arme! Das ist ja großartig! Der Hauptmann( geschmeichelt): Ja, troßdem! Ich muß mich erholen.... Ich glaube, ich habe es ein bischen an der Leber.... Die verdammten Kolonien!... Herr Grippelong( mit einem Seitenblick auf den Abbé Des Orfrays): Ach bitte, fluchen Sie doch nicht. Der Hauptmann: Was, wegen dem Abbé? Haben Sie Angst, daß der Anstoß daran nimmt? Na, wenn Sie den auf dem Gymnasium gekannt hätten, wie ich: es gab gar keinen schlimmeren Schlingel wie ihn! Baron Stupf: Heute ist das trotzdem was Anderes. Es könnte ihm doch peinlich sein. zumal in Gegenwart der Damen. Der Hauptmann: Na, na! Uebrigens, ich glaube nicht zu weit gegangen zu sein. Baron Stupf: Sie sind länger als ein Jahr Baron Stupf: Sie sind länger als ein Jahr dort unten gewesen, nicht wahr? Baron Stupf: Man hat mir erzählt, daß die Märsche sehr beschwerlich gewesen wären. Der Hauptmann: Das ist wahr. Die Mannschaften, die an Fieber und Durchfall litten, fielen auf dem Wege wie die Fliegen.... Als wir von Majunga abmarschirten. ( Der Hauptmann, der in sein rechtes Fahrwasser gekommen ist, erzählt mit einer gehörigen Portion fürchterlicher Einzelheiten eine Geschichte des Feldzuges, der seine Zuhörer mit offenem Munde lauschen. Inzwischen geht das Gespräch zwischen dem Abbé Des Orfrays und der Frau Rossicart weiter.) Der Abbé: Vierzehn Monate! Vierzehn Monate sind Sie allein geblieben! Frau Rossicart: Siebzehn, mein lieber Abbé; seien wir genau. Der Abbé: Und Sie haben sich in diese lange Wittwenschaft fügen fönnen?... Das finde ich sehr schön. Frau Rossicart: Zum Teufel! Ich mußte doch.... Wenn's doch nun einmal Krieg giebt Der Abbé: Haben Sie sich denn nicht gar zu sehr gelangweilt? Frau Nossicart: O doch, zum Sterben! Und dabei sind Sie nicht ein einziges Mal zu mir ge= tommen, um mal zu sehen, wie es mir geht! Der Abbé: Ja... ich fürchtete... Denken Sie doch ein Priester im Hause einer jungen Frau... Da kommt man gleich so ins Gerede. Frau Rossicart: Aber! Ihre doppelte Gigen schaft als Priester und als Freund meines Mannes hätte Sie doch vor jeder böswilligen Nachrede vollfommen geschüßt.... Der Abbé: Glauben Sie? Sie lassen mich wirklich meine Bedenken bereuen.... Frau Rossicart: Bemühen Sie sich wenigstens, sie in Zukunft abzulegen... Denn schließlich.. Sie müssen doch auch Augenblicke haben, in denen das Alleinsein schwer auf Ihnen lastet.... Siebzehn Monate sind ja eine lange Zeit... aber immer... Der Abbé: Ach ich ich habe abgeschlossen!. Mein Körper eristirt für mich nicht mehr.... Ich Ich trachte nur noch nach der Glückseligkeit der Seele.... habe ihn Gott geweiht. ... ( Der Abbé und Frau Rossicart betrachten sich einen Augenblick schweigend, indem sie mit demselben brennenden Begehren auf dem Grunde ihrer Augen ihre gegenseitigen Wünsche zu lesen suchen.... Schließlich schlägt die junge Frau ihre Augen nervös nieder. Der Hauptmann erzählt noch immer mit dem Ausdruck des Triumphators die Ereignisse des Feldzuges, von den Fallgruben im Busch, den überraschten und erschossenen Schildwachen, von dem Mangel an Lebensmitteln und Medikamenten, von den mörderischen Scharmügeln.) Frau Rossicart: Wollen Sie nächsten Donnerstag, meinem Besuchsabend, zu mir kommen?.. Ich empfange nur zwei oder drei Freundinnen, und die bleiben nicht lange.... Wollen Sie kommen? Der Abbé: Ob ich kommen will?... Aber mit dem größten Vergnügen. Sie wissen, wie sehr ich Sie verehre....( Er wird unterbrochen durch die Ausrufe Grippelongs und des Barons, die ganz hingerissen sind durch die Erzählung des Hauptmanns.) Herr Grippelong: Ach, es ist unbeschreiblich, mein lieber Freund, so ein Krieg ist doch trotz alledem was Großartiges! Baron Stupf: Ja, und wie war es denn nun bei der Ankunft? fehlte die Hälfte des Sollbestandes.. Solche, die nicht mehr aufkommen und dem Zuge Etappe hatte man einen kleinen Theil zurückgelassen, Der Hauptmann: Bei der Ankunft? Es Auf jeder 15 Baron Stupf: Sie haben wohl auch viele Kameraden verloren? Der Hauptmann: Offiziere? Onein, sehr wenige.... Wissen Sie, für manch Einen viel zu wenig.... Ja, es ist doch nun einmal unser Geschäft, Krieg zu führen. Wenn es niemals einen Krieg gäbe, gäbe es auch kein ordentliches Avancement. Frau Rossicart: Ja, wenn Tonkin nicht gewesen wäre, dann wäre mein Mann mit seinen einunddreißig Jahren noch nicht Hauptmann. Frau Grippelong: Es ist merkwürdig, daß die Offiziere, die doch im Allgemeinen weniger an körperliche Anstrengungen gewöhnt sind, als die gewöhnlichen Soldaten, im Feldzug besser aushalten, wie Jene. Der Hauptmann: O, das hat doch auch seine guten Gründe. Zunächst sind wir Offiziere doch auf den Märschen beritten, während die Soldaten zu Fuß laufen müssen.. und das macht sie Alle kaput, diese furchtbaren Märsche in gebirgigen Gegenden mit achtundvierzig Pfund Gepäck auf dem Rücken... Und dann ist der Offizier ja auch besser genährt, hat ein besseres Nachtlager, wird besser verpflegt, wenn er frank wird.... Der Unterschied in der Sterblichkeit wird dadurch doch auch wohl ein bischen beeinflußt. immer Opfer tostet, so ist es ja schließlich einerlei, Herr Grippelong: Ja, da es doch nun einmal wo Gott sie sich nimmt, hier oder da.... Der Abbé: Sie haben wenigstens den Trost, für den Ruhm und die Größe des Vaterlandes zu sterben!... Baron Stupf: Mehr noch, Herr Abbé! Für das Wohl des Vaterlandes! Denn nehmen Sie mal mich zum Beispiel, der ich so alle die großen Geschäfte aus nächster Nähe beobachte, ich erkläre Ihnen, wenn wir unserem Handel nicht neue Absatzgebiete schaffen, wenn wir nicht das Operationsfeld für unsere Kapitalien vergrößern, dann sind wir ein verlorenes Land.... Blicken Sie doch mal um sich.... Die Geschäfte werden von Tag zu Tag schwerer zu machen; der Zinsfuß sinkt, das Einkommen wird schmäler, die Staatspapiere bringen 23/4 Prozent, bald vielleicht nur noch 21/2 Prozent und schließlich garnichts mehr.... Herr Grippelong: Ach, Baron, wem wollen Sie denn das weißmachen! Baron Stupf: Was? Na, wie wollen Sie denn den Kurs der Papiere heben, wie sollen wir denn anders gegen die furchtbare Krise, die uns be= droht, ankämpfen, als daß wir durch Ausdehnung unseres Kolonialbesizes dem Markte frisches Blut zuführen? Nee, nee, man hat den armen Ferry wegen der Tonkingeschichte beinahe gesteinigt, aber im Grunde genommen war er es, der Frankreich gerettet hat. wahr, daß Tonkin uns so viel Geld gekostet hat? Frau Grippelong: Dann ist es also nicht Baron Stupf: Ja freilich, dem Staate hat es viel Geld gekostet.... Aber dafür hat es der Geschäftswelt Gelegenheit gegeben, sich auszubreiten und zu stärken.... Man hat da unten Importund Exporthäuser errichtet, Banten gegründet, Gisenbahnen gebaut, furz Unternehmen aller Art gedes Landes, das gestern noch unbekannt war, in den schaffen. In fünfzig Jahren werden alle Schäße Der Hauptmann: Vierzehn Monate, auf den folgen konnten und die man garnicht wiedergesehen Händen der französischen Kapitalisten sein.... Und Tag, ohne die Reise zu rechnen. Baron Stupf: Na, da hatten Sie es wohl schwer, was? Der Hauptmann( bescheiden): Ein bischen. Herr Grippelong( indem er auf Frau Rofficart blickt): Ihnen wird dabei doch die Zeit nicht so lang geworden sein, wie Jemandem, den ich kenne.... Frau Rossicart( lachend): Wahrhaftig!... Für mich war das auch ein förmlicher Feldzug. Herr Duroguin( mit einem breiten Lächeln): Wenigstens was die Entbehrungen anbetrifft! Herr Grippelong: Na, da wars wohl immer tüchtig warm? Haben Sie denn viel unter dem Durst gelitten? Der Hauptmann: Manchmal... Da unten giebts natürlich nicht an jeder Straßenecke Wasserleitung. hat... natürlich... Die Anderen kamen übrigens auch in einer traurigen Verfassung in Tananarivo* an: keine Schuhe mehr an den Füßen, die Kleidung in Feßen, die Haare struppig, der Bart langgewachsen. Ach, und die Fieberkranken und diese Ausgehungerten, mit weitabstehenden Ohren und verzerrtem Munde! Sparen Sie mir die Beschreibung...( man wandte sich ab.) Herr Grippelong: Ja, es ist schrecklich!... Aber man ist doch stolz, nicht wahr, lieber Baron, wenn man bedenkt, daß es Frankreichs Söhne sind, die so leiden.... Der Abbé: Der Patriotismus ist das einzig große, edle Gefühl, das sich das Volk bei dem Niedergang des alten reinen Glaubens erhalten hat. Den wird man niemals ausreißen! * Hauptstadt in Madagaskar. was schafft denn, so frage ich Sie, die Macht eines und der blühende Stand seines Handels und seiner Landes, wenn nicht das Wohlergehen seiner Bürger Industrie? Der Abbé: Sehr richtig! Baron Stupf: Sehen Sie, mit Madagaskar da beginnt jezt die Bewegung schon. Kaum waren Sie mit so vieler Mühe und Gefahr bis Tananarivo vorgedrungen, als wir hier bereits begannen, das Land nach unserer Art nußbar zu machen. In dem Imerinagebirge giebt es Platingruben von geradezu unerhörtem Reichthum. Die Erzadern liegen offen zu Tage, man kann das Metall mit den bloßen Händen aufnehmen. Das ist eine sichere und wenig kostspielige Ausbeutung mit einem ganz enormen Gewinn. Na, wir haben eine Konzession von der Regierung erhalten, eine Aktiengesellschaft mit vierzig 16 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Millionen Kapital gegründet, Ingenieure nach Madagaskar geschickt und auf den Boulevards große und prächtige Bureaux gemiethet.... Heute ist unser Geschäft schon im besten Zuge.... Die Aftien sind ein paar Mal überzeichnet worden und wir können nur eine beschränkte Zahl ausgeben... kurz, die Sache macht sich. Hätte nicht diese ganze folossale Geldmacht noch lange in den Koffern oder den Sparstriimpfen geruht, wenn nicht der Feldzug auf Madagaskar gewesen wäre?... Nein, glauben Sie mir, unser altes Europa ist abgegrast; die Zivilisation und die Bedürfnisse des modernen Lebens haben ihm seine letzten Reichthümer herausgequetscht; wir sind gezwungen, uns in neuen Welten auszubreiten, wenn wir nicht auf der Stelle sterben wollen, weil wir unseren Lebensunterhalt nicht mehr gewinnen können.... ( Ein Dienstmädchen kündigt an, daß angerichtet set.) Frau Grippelong: Meine Herren, Sie können bei Tische Ihre schönen philosophischen Diskussionen fortsetzen.... Wir wollen zum Essen gehen.( mit einem Lächeln.) Wollen Sie mir den Arm reichen, Herr Duroguin?( Die Personen gehen durch die offenen Flügelthüren ins Speisezimmer. Der Hauptmann und Baron Stupf sind die Letzten.) Der Hauptmann( halblaut): Sagen Sie mal, Baron.... Ich habe da in dem Feldzug ein paar kleine Ersparnisse gemacht, so'n vier, fünf Tausendfrankscheine.... Könnten Sie mir nicht einen Gefallen thun und sie mir aus Freundschaft... in ihren Bergwerksaktien anlegen?... Baron Stupf: Was, in Aktien der Gesellschaft zur Ausbeutung der Platinminen von Imerina? Der Hauptmann: Ja. Baron Stupf( bleibt einen Augenblick stehen und betrachtet erstaunt den Hauptmann): Ja, sagen Sie mal ganz unter uns giebt es denn wirklich Platin minen dort unten?... Ein Ende. Von L. Lessen. estern war er in das Lazareth gekommen. Er war Matrose. In den Tropen hatte er sich eine unheilbare Krankheit zugezogen. Die Aerzte hatten ihn bereits aufgegeben. In seinem weißen Krankengewande lag er halbaufgerichtet im Bett. Vor ihm stand ein Tischchen mit Papier, Feder und Tinte; er hatte gerade einen Brief an seine ferne Braut geschrieben. Durch das geöffnete Fenster wirbelte vom Garten her grellgelb das Mittagslicht und legte das Fensterfreuz schwarz und schräg auf die braunen Dielen des Fußbodens. Der Matrose lehnte sich mit geschlossenen Augen in die Kissen zurück. In seinen Gedanken ging er noch einmal den soeben geschriebenen Brief durch. Ein trauriges Lächeln glitt über seine wachsbleichen Züge. * * * Der Arzt war in das Krankenzimmer getreten; ihm folgten seine Assistenten und Schüler. An jedem Bette machten sie Halt und erkundigten sich im vertraulichen Tone nach dem Befinden des Kranken. Dann untersuchte man den Puls, besichtigte den Auswurf und verzeichnete auf dem über jedem Bett hängenden Zettel die Krankheitskurve. Jetzt war man an dem Bette des Matrosen angelangt. Die barmherzige Schwester( Rose- Marie hieß sie, eine fleine, zierliche Person) maß die Temperatur des Kranken. Zweiundvierzig Grad! Ein wenig hoch!" meinte sie, sich gegen den inspizirenden Arzt wendend. Der Arzt richtete einige Fragen an den Kranken und überzeugte sich noch einmal durch persönliche Messung von der Richtigkeit der Angabe. Dann befühlte er den Buls und ließ sich die Zunge zeigen. Er runzelte die Stirn und richtete einige Worte über die Krankheitssymptome an seine Umgebung. Dann wandte er sich zur Schwester mit der Bitte, diesen Patienten in ein besonderes Kabinet zu schaffen. Der Kranke richtete seine fieberglänzenden Augen starr auf den Arzt:„ Es wird wohl bald vorbei sein?".. fragte er init schwacher Stimme. Der Arzt suchte ihn zu trösten und ihm Muth zuzusprechen, dann entfernte er sich; wie ein Schatten von Mitleid und Trauer war es über sein Gesicht gezogen, als er von dem Bette des Matrosen fort ging. * * * Vierundzwanzig Stunden weiter!- Die Krankheit war sich gleich geblieben, das Fieber gewachsen und die Abspannung der Kräfte auf das Höchste gestiegen. Seit elf Uhr Abends lag der Kranke da mit großen, offenen, gläsernen Augen; dann waren Fiebergroßen, offenen, gläsernen Augen; dann waren Fieber delirien mit kurzen Unterbrechungen eingetreten; hin und wieder kriimmte sich der Rücken des Kranken in frampfhaften Zuckungen zusammen. Als der Arzt wiederkam, erkannte ihn der Kranke nicht mehr. In wilden Fieberträumen phantasirte er nur von der Heimath, den Eltern und der geliebten Braut. Sein Bett hatte man an das offene Fenster gestellt, damit die frische Luft ungehindert zu ihm Eingang haben könnte. ,, Verlassen Sie ihn nicht, Schwester! Bleiben Sie bei ihm!" murmelte leise der Arzt. Benezen Sie von Zeit zu Zeit seine Lippen! Er wird doch nicht mehr lange machen! Ich werde meinen Rundgang ohne Sie fortsetzen!" Dann ging er hinaus, niedergeschlagen von dem traurigen Bewußtsein, daß seine Kunst hier nicht mehr ausreiche! * * * Schwester Nose- Marie blieb bei dem Kranken, wachte an seinem Lager, nezte seine glühenden Lippen und lauschte den wilden Fiebererzählungen von Heimath und Braut.... Auf einem Holzschemel saß sie vor seinem Bett und hörte die qualvollen Sommerstunden langsam heranschleichen, gleiten und schwinden.... Sommer war es draußen im Garten.. Sommer strahlte aus tausend Blüthen und Knospen. Rose- Marie war jung und vor ihr lag ein junges, sterbendes Menschenleben, das dahingehen sollte, noch ehe sein Sommer gekommen.. Und die Schwester saß am Bette des Sterbenden und träumte von einer ersten Liebe. * * * Mit einem stieren, unheimlichen Todtenblick starrten die Augen des Sterbenden hinaus in eine weite, wesenlose Leere... und die Augen der Schwester, die auf dem Bettrand saß, verloren sich in derselben Richtung... Draußen im Garten hatte sich ein leichter Westwind erhoben. Noch schaukelte er auf den hohen Baumwipfeln, dann huschte er in leichten Stößen hinein in das Krankenzimmer. In der Ferne In der Ferne verschwammen die scharfgezeichneten Linien der Landschaft in einem bräunlichen Ton. Dann kam der Abend, der diese Linien verwischte und das Ganze in ein blaues, dunstiges Kolorit tauchte. Die Baumwipfel wurden graufahl und der rothbraune Kiesweg verschwamm schon nach wenigen Schritten in einen violetten Nebel. Im Osten glommen die ersten Sterne auf... erst blaß und milchweiß... dann immer heller und glänzender, bis fie flirrten und funfelten, glitzernd und golden ant tiefblauen, regungslosen Himmel, der sich wie eine Riesenkuppel über das Ganze spannte.. Und der Kranke träumte wieder und seine Fieberphantasien führten ihn zu der geliebten Braut nach der fernen Heimath. Warum war seine Braut nicht gekommen und saß ihm helfend und lindernd zur Seite, wie hier die Schwester? Seine müden, sterbenden Augen richteten sich Langsam auf die Schwester, die traurig und mitleidempfindend neben seinem Krankenlager saß. Dann kam wieder ein Fieberdelirium:„ Endlich! Da bist Du ja!... Liebste!... Komm doch näher!" Und die Schwester fam näher, richtete sein Haupt mit der rechten Hand empor und neßte dann mit fühlendem Fruchtwasser seine verdorrenden Lippen. ,, Trinken Sie doch, Aermster!" bat sie. Er gehorchte wie ein Kind. ... Dann aber verfolgte er seinen Gedankengang weiter und sie wurde ihm wieder zur Braut, an die er unaufhörlich dachte:„ Sieh doch, Liebste....es dauert ja nicht mehr lange!... Willst Du denn fortgehen... Kannst Du mich denn allein lassen?... Soll ich etwa einsam sterben?... Liebste! Du bist doch meine Verlobte!... Freuſt Du Dich denn garnicht, mich wiederzusehen?... Willst Du .. Umarme mich denn garnicht einmal umarmen?. mich doch!... Es ist ja das letzte Mal!" Rose- Marie riihrte sich nicht; nur ein leises Zittern durchschauerte einen Augenblick ihren jungen Körper. 11 Lügnerin, Lügnerin!" fuhr er heftig fort. Du liebst mich nicht mehr! Sage, willst Du.. oder willst Du nicht... die Meine sein, bevor ich sterbe?" Seine arme Stimme wurde immer schwächer, immer bittender eine unsägliche Angst grub sich in seine Gesichtszüge und verzerrte sein sterbendes Antlig... Rose- Marie saß stumm da. Sie hatte die Hände in den Schooß gelegt und die Augen nieder geschlagen. Dann... zuckte es wie ein wilder Riß über ihr bleiches Gesicht. Es war, als spiele sich ein Riesenfampf in ihrem Inneren ab. Dann wurde sie plöglich sehr roth; sie warf sich quer über das Bett des Sterbenden und drückte leicht, zärtlich und inbrünstig einen langen Kuß auf seine Stirn. Dann kniete sie nieder, preßte ihr heißes Gesicht an seine Hände... ihre Lippen bewegten sich: ,, und vergieb uns unsere Schuld" dann machte sie die Augen zu.. Das Gesicht des Kranken zitterte vor Angst und Seligkeit.. ,, Liebste!... Beste!... Ich wußte es ja!... Rose- Marie!"... murmelte er. Der Priester war eingetreten und sprach die üblichen Gebete. Dann drückten sie ihm die Angen zu. Er war leicht und ohne Schmerzen gestorben. Um seine Lippen lag die Seligkeit eines Todes, der im höchsten Glück eingetreten war. Bu unserem Bilde. Im Schneesturm. Wie oft schon hat der polnische Maler Wierusz- Kowalski uns mit Meisterhand die winterliche Landschaft seines Heimathlandes geschildert! Und doch weiß er dieser, scheinbar unendlich einförmigen, trostlosen winterlichen Dede stets neue Reize abzugewinnen, neite Stimmungen in ihr zu entdecken. Während er heute uns das weite Schneegefilde im hellen Glanz der Sonne mit ihren vielfarbigen Neflere auf der weißen Fläche malt, zeigt er uns morgen, wie mälig der Abend mit seinem düsteren Schleier sich melancholisch auf die Erde niederſenkt. Hier schildert er als einzigen Vertreter des Lebens den hungernden Steppenbewohner, den Wolf, wie er mit funkelnden Augen nach den gelben Lichtern des nahen Dorfes hinüberspäht, und dort giebt er uns ein Bild fröhlicher, der eisigen Kälte Hohnlachender Menschenkinder, die mit dem schnaubenden Gespann der Troika mit Hussafah und Peitschenknall daherstürmen durch das winterliche Reich. Und wieder ein anderes Motiv ist es, das der Maler in unserem heutigen Bilde behandelt. Als wollte er die ganze Welt unter sich begraben, wirbelt der Schnee in wildem Sturme auf die Erde nieder; lawinenartig wachsen rechts und links der Straße die weißen Berge, die beim Schein der gelben Leuchte in tausendfarbener Diamanten pracht sprühen und glitzern. Die Pferde dampfen; weiße Wolken steigen aus ihren Nüstern auf und von Zeit zu Zeit knallt die Peitsche über ihren Häuptern durch die dunkle Abendstille. Denn sie mögen wohl Gile haben, die im warmen Pelz, in dicke Decken eingehüllt im Wagen sigen. Unheimlich tönt aus dem nahen schneebedeckten Tannenwald schon das Geheul der Wölfe an ihr Oh und wenn das Gewehr auch schon geladen in der Ecke lehnt, es ist immerhin kein Spaß, mit jenen ausgehungerten Bestien der winterlichen Dede ein Stelldichein zu haben. Also Hussah, vorwärts!", und wieder knallt die Peitsche und weiter geht es unter dem Schnauben der zitternden Rosse, unter dem Knirschen der Räder in die dunkle Nacht hinein.Nachdruck des Juhalts verboten! Verantwortl. Redakteur: Edgar Steiger, Leipzig. Verlag: Hamburger Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Auer& Co., Hamburg. Druck: Max Bading, Berlin. Gr ich Ge Si abe sch W ſta Th der ſei ſtei der Pe ſet nie zw au To 1111 rie Gr die irg