k l©.. Ueber einen Todten gebeugt.• Von Detlev v. Lilicncron. l2mt will ich Abschied von dir nehmen, Kreund. A)ir tragen morgen dich von diesem Kelsen, Der weit hinausragt in die offne.See, Hinab ans Ufer. Ueber Uies und Nuscheln, Die knirsZ)end unter den Sandalen bröckeln, Auf unfern Schultern, sorglich, tragen wir Dich in den rosenkranzumhangnen Uahn, Und in die Nitte auf den Scheiterhaufen, Den Räucherwerk und feuertrockne Reiser, Hoch über Rank und Bord, umdichtet haben. Im Schlepptau meiner kleinen Danlpfbarkasse Nächst du die letzte Kahrt, aufs hohe Neer. Und wenn die Sonne dann die heiße Stirn Abkühlend eintaucht in die kalte Welle, Berläßt du mich: der Austen wird gelöst; Die Klammen fressen gierig deinen Leib; Sin dicker Äualm steigt auf, das Taggeftirn verdunkelnd, das in diesem Augenblick, Wie du, den Augen schwindet... So wars dein Wunsch, und heilig ist er mir. Der griechische Tempel, seine dorischen Säulen, — Sechs find es nur, in hoheitsvoller Strenge— Die kühle Halle hält dich heute hier. Sin sonderbar Gelüsten deiner Seele: Auf Rordlands Alippen, zwischen Nordlands Tannen, Wo sich im Dämmertag des langen Winters Der weiße Kuchs uiuhertreibt und mißtrauisch Das bronzene Gpferbeckenpaar beschnüffelt, Aus dein du Seus in Gdins Klockenfaal Den Rauch gesandt— ein sonderbar Gelüst: Die Asen zu begrüßen im Glpmp. Dein heitres Herz doch suchte heitren Weg, In finstrer Heimach dich zurechtzufinden Und unter Nenschen, die, hausbacken, nüchtern, Verständnißlos dem Krohfinn gegenüber, Die Stirn zusammenzogen, wenn du lachtest. o 71 l Vw # Raum merklich kraust den Gzean ein Lüftchen. Die Brandung hör ich spielend unten klatschen, Sonst unterbricht selbst einer Növe Schrei Die große Stille nicht— wir sind allein. Wir sind allein— ich beuge mich zu dir: Du glaubtest nicht an Gott, nicht an den Himmel, Richt an Unsterblichkeit und Wiedersehn. Hieb mir ein Seichen: Hast du dich getäuscht? Hat eines Sugels lichtvolle Gestalt Den Arm dir traut gelegt um deinen Racken, !lud führt dich, selig lächelnd, aufwärts zeigend, Sum frohen Palmenwald des Paradieses? Und wandeln deine Kreunde dir entgegen, Sum Willkommgruß die lieben Hände streckend? Hieb mir ein Seichen: Hast du dich getäuscht? Ach, wie der ausgelöschte Käfer liegst du, Nensch— Käfer— den der plumpe Schuh des Todes Erbarmungslos zertrat im Weiterschreiten, Im Weiterschreiten, das kein Hemmniß aufhält. Die Brandung hör ich nur und keine Antwort. Doch... aus der Brandung... ist es deine Stimme, Die mühevoll... nein, nein, die Brandung nur... Ich richte mich empor und rathlos fragt Nein Blick die unbegrenzte Wasserbahn, Die unter wolkenloser Bläue glitzert. Kein Segel, keine Schwinge— Alles leer; In ihrer Urkraft droht mir die Ratur. Nich an die Säule lehnend, eine Stunde Wohl stand ich so, dann wieder bog ich mich, Sum letzten Abschiedskuß, auf meinen Kreund; And während ich die bleiche Stirn berührte, Klog über uns, den Narmelstein beschattend, Sin wilder Schwan in trotziger Lebenskraft. ■ 34 Die Heue A)elt> Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Der IQ ü l£ ix c r b a ic er. Noman von Wilhelm von Polenz. V.(Fortsetzung 1 V�)in Reiter ritt in den Hof des Biittnerschen Bauerngntes ein. Das Pferd war ein alter englischer Volldlntgaul, der bessere Tage gesehen haben mochte. Sattel und Zäumung waren arniee- mäßig. Ter Reiter verleugnete in Haltung und Erscheinung den ehemaligen Offizier nicht. Er war ein hagerer Fünfziger. Seinem wettergebräunten Gesichte gab ein langer, granblonder Vollbart eine wirksame Umrahmung. Die Töchter des Biittnerbauern waren im Hofe mit Mistaufladen beschäftigt. Hochaufgeschiirzt, mit bloßen Füßen, die Gabeln in den gerötheten Händen, standen sie auf der Düngerstätte, neben der ein halb beladener Wagen nnbespannt hielt. „Bin ich hier im Biittnerschen Bauerngnte?" fragte der Reiter. „Hier is Büttners!" antwortete Toni, die Aeltere. „Ist der Bauer zu Hans?" „Der Vater is uf'n Felde mit Karlen. Sc thun de Apern igeln." „Ich möchte mit Ihrem Vater sprechen, in einer Angelegenheit. Am liebsten allerdings im Hause. Könnten Sie ihn holen?" Toni stand da mit offenem Munde und gaffte den Fremden an. Sein großer Bart, die rothen Lederhandschuhe, die Reitgerte mit dem Silberknauf, Alles an ihm kam ihr ungewöhnlich vor. Sie empfand eigentlich Lust, zu lachen. Darüber ver- gast sie ganz, zu antworten. An ihrer Stelle übernahm die jüngere Schwester die Bermittelung dem Fremden gegenüber. Ernestine war die Gewecktere und Lebhaftere von den Beiden. Mit einigen kaum merklichen Griffen hatte sie es verstanden, ihren allzuhoch aufgcschiirzten Rock herab- zulassen, so daß wenigstens die von Mist beschmutzten Waden den Blicken des fremden Herrn entzogen waren. Sie sagte— und gab sich dabei RUihe, Hochdeutsch zu sprechen—:„Wenn Sie den Vater sprechen wollen, wir können ihn rufen; sie sein nicht sehre weit." Damit sprang sie behende von der Diingerstätte hinab und lief zum oberen Thorc. Dort blieb sie stehen, bildete mit beiden Händen ein Schallrohr und rief:„Karle, gich, sag's ack den Vater, er mechte glei aiiial rci kimma.'s wäre Euer dohie, der mit'n raden wußte... Ich kann ne verstiehn!... In, ju! A Reiter. Mit an Paner wullt ar raden, soit ar." Das Mädchen kam von ihrem Posten zurück. „Der Bruder. wird's'n Pauern sagen," erklärte sie, „daß er reinkommen soll." Darauf nahm sie die Mistgabel wieder zur Hand. Ter Fremde dankte ihr. Er war inzwischen abgestiegen, hatte dem Pferde die Zügel über den Kops genommen, die Bügel in die Steigriemen hin- aufgezogen, und locker gegurtet, mit Handgriffen, denen man die alte Hebung und die Liebe für das Thier ansehen konnte. Nun fragte er, ob er irgendwo einstellen könne. Die Mädchen sahen sich eine Weile unschlüssig an, dann erklärte Ernestine, im Kuhstalle sei noch ein Stand frei. Sie lief auch sofort zum Stallgcbände und öffnete die Thür. Ter Fremde folgte ihr, das Pferd am Zügel. Jetzt, wo er sich auf ebener Erde bewegte, kam erst die Größe und Schlankheit seiner Figur zur Geltung. Der Vollblüter scheute vor der niederen Thür und dem Gerüche, der aus dem Kuhstall drang. Mit fliegenden Nüstern und gespitzten Ohren stand der Gaul da und schniefte in tiefen, langgezogenen Tönen. Durch Klopfen und Zureden brachte sein Herr ihn endlich dazu, die verdächtige Schwelle zu überschreiten.„Das Uebrige besorge ich mir schon selbst; danke Ihnen!" rief er dann und verschwand, seinem Thiere folgend, in dem engen Psörtchen. Bald darauf trat der alle Bauer in den Hof. Seine Miene verrieth Aerger. Er war schlechter Laune, daß man ihn von der Arbeit abgerufen hatte. Ernestine erklärte ihm, daß ein Herr zu Pferde da sei. Er sähe ans, wie einer vom Rittergnte, meinte das Mädchen, welches, wie es schien, seine Augen zu gebrauchen verstand. Die Laune des Alten ver- besserte sich durch diese Vermnthnng nicht. Er fluchte und rief den Töchtern zu, ein andermal sollten sie solche Leute wegschicken. Inzwischen kam der Fremde aus dem Stalle heraus, in gebückter Haltung, um nicht an den Deck- stein anzustoßen. Er begrüßte den Bauern, der die Hände nicht ans den Taschen nahm, mit Hut- abnehmen»nd erklärte, er sei der neue Giiterdirektor des Grafen, Hauptmann Schroff. Der Büttnerbauer sah den Mann mit wenig freundlichem Ausdruck an. Einer von der Herrschaft! Von der Seite war ihm bisher niemals was Gutes gekommen. Da der Bauer sich, wie es schien, nicht dazu herbeilassen wollte, zu sprechen, fragte Hauptmann Schroff, ob er ins Hans treten dürfe, er habe mit Herrn Büttner ein Wort unter vier Augen zu reden. Der alte Mann ging, statt zu antworten, auf sein Hans zu. Der Hauptmann folgte. Im Zinnner trafen sie die Bäuerin.„Frau, gieh' naus!" rief ihr der Bauer kurz angebunden zu. Der Fremde unterließ es nicht, sich bei der Frau zu entschuldigen, er habe Wichtiges mit ihrem Ehe- Herrn zu bereden. Der Biittnerbauer hatte sich in seine Ecke gesetzt, und sah von diesem Verließ aus mit mürrischer Bticne den Tingen entgegen, die da kommen würden. Ter Hauptmann holte sich einen Stuhl herbei und setzte sich dem Alten gegenüber. Er schien das ab- lehnende Wesen des Anderen absichtlich übersehen zu wollen. „Also, Herr Büttner!" begann Hanptniaun Schroff, und schlug dabei mit der Reitgerte gegen seine gespornten und gestiefelten Beine, die er lang ausgestreckt hatte,„die Sache ist nämlich folgende: Mein Ehef, der Graf, möchte gerne Ihren Wald kaufen. Es ist ja darüber bereits früher zwischen Ihnen und meinem Vorgänger verhandelt worden, aber ohne Resultat. Ter Herr Graf wünscht nun aber dringend, daß die Sache endlich einmal vor- wärts rückt. Der Erwerb Ihrer Waldparzelle ist uns von ziemlicher Wichtigkeit; ich sage Ihnen das ganz offen heraus. Das kleine Stück liegt gerade wie ein Keil zwischen zwei von unseren Hauptrevieren. Eine Verbindung der beiden Reviere ist ans wirth- schaftlichen Gründen dringend erwünscht, lins be- deutet dieser schmale Streifen die Möglichkeit, bei den Holzfuhren viele Kilometer zu ersparen. Ihnen dagegen nützen diese fünfzig oder sechzig Morgen so gut wie garnichts. Im Gegentheil, der Wald kostet Ihnen höchstens etwas. Das bischen Holz, das darauf steht, ist kaum der Rede Werth. Der Boden ist entiverthet durch die Streunntzung. lind dabei liegen doch Abgaben darauf. Wenn wir es in Regie bekommen, würden wir sofort Kahlschlag machen lassen und neu aufforsten. Dabei werden die Ar- beitslöhne nicht einmal heranskonunen, schlecht ist der jetzige Stand. Sie sehen demnach, Herr Büttner, das Interesse ist eigentlich auf beiden Seiten. Für uns, die Parzelle zu erwerben, für Sie, das Ding loszuwerden.— Also werden wir wohl Handels- einig werden, denke ich, diesmal." „Ich denks ne!" sagte der Bauer aus seiner Ecke heraus. „Aber, ich bitte Sie, bester Herr Büttner!" rief der Hauptmann und kam dem Alten näher auf den Leib, sich mit Hülfe seiner langen Beine auf die Ecke zunickend.„Der Graf will Sie natürlich gut bezahlen, jedenfalls weit über den eigentlichen Werth des Grund und Bodens. Ich habe Vollmacht, Ihnen einen Preis zu bieten, der in dieser Gegend für Waldboden noch nicht bezahlt worden ist." „Ich ha's an Vater vnn Grafen schunstens zweemal soin lassen, ich verkefe meenen Busch ne; und dos gilt a heile noch!" „Aber bedenken Sie doch nur, Lieber, Tie be- kommen dadurch Kapital in die Hand. Ich glaube, Ihre Verhältnisse sind derart, daß Sie das rianz gut gebrauchen können." „Wie's mir crgieht, oder ne ergieht, das geht Niemanden nf der Welt nischt ne an!" rief der Alte; das Zittern seiner Stimme ließ die innere Erregung ahnen. „Herr Gott! Mißverstehe» Sie mich nur nicht!! Fällt mir in« Traume nicht ein, mich in Ihre Ver- J Hältnisse zu mischen. Ich habe nur so viel sagen i wollen, daß Sie, wenn Sie erst mal Ihren Wald| los sind, alle Kraft auf die Verbesserung der Felder j und der Wiesen verwenden können. Ich glaube, da 3 ließe sich noch Manches thun. Ich bin neulich mal t über Ihr Grundstück geritten. Da draußen am| Waldesrande liegt ein ganzer Schlag, auf dem wächst] nichts als Unkraut." Der Bauer rückte in seiner Ecke unruhig hin i und her, da Jener ihn, ohne es zu ahnen, an der| verwundbarsten Stelle traf. Das war ja sein ärgster l Kumnier, daß er das Bllschelgewende schon zum I ziveite Male mußte als Brache liegen lassen, weil I es ihm an Arbeitskräften fehlte. Hauptmann Schroff fuhr unbeirrt fort:„Da j ließe sich sicher noch Vieles bessern. Und vor Allem: 1 Intensivere Wirthschaft, mein Lieber, intensiveres| Düngen! Aber dazu ist Baargcld nöthig. Ich ineine, I Sie sollten mit beiden Händen zugreifen, wenn Ihnen J ein soches Gebot gemacht wird." Der Sprecher 1 merkte in seinem Eifer wohl nicht, wie es in dem i Gesichte des Alten wetterte und zuckte. Das waren 1 ja alles Dinge, die er nur zu gut wußte, die er 1 sich selbst wie oft gesagt, die aber im Munde des| Fremden als beleidigende Vorwürfe wirkten. „Und nun noch Eins!" fuhr der Hauptmann 1 fort,„etwas, das auch wieder das gemeinsame I Interesse illustrirt, welches Sie, wie der Graf, an I dem Handel haben. Aus dem gräflichen Forste tritt I nicht selten das Wild auf die Fluren hinaus, wahr- 1 scheinlich auch auf Ihre Felder..." Jetzt riß dem Alten die Geduld. Die Erwähnung I des Wildes, das ihm seine Saaten zertrampelte und» sein Getreide abäste, wirkte wie ein Peitschenhieb l auf sein bereits hinlänglich gereiztes Gemüth. Hoch- 1 roth im Gesicht fuhr er auf und schrie los:„Wullen I Sie mich etwa» zum Narren Halen! Kummen �e 1 und derzahlen mer vun a Wilde! Dos Ungeziefer| frißt Unsereenen bale ganz uf. Geklogt ha'ch schon, I aber hob'ch denn a Recht gekriegt? Für uns Pauern I giebt's ja keene Gerechtigkeit ne gegen de Grüßen." I Grollend setzte er sich wieder auf seinen Platz, l verschränkte die Arme und sah den Fremden mit i feindlichen Blicken an. Der gräfliche Güterdirektor schien mit bäuer- i lichen Sitten so weit vertraut zu sei», um zu diesem I Zornansbrnch lächeln zu können. Er meinte in be- 1 fchwichtigendem Tone:„Nur nicht gleich so hitzig,! mein guter Büttner! Lassen Sie mich Ihnen das! mal in Ruhe erkläre». Mein Graf will einen Wild- 1 zäun anlegen längs der bäuerlichen Grenze, so ein» zwanzig Kilometer laug und mehr. Dadurch soll! das Uebertreten des Wildes ganz verhindert werden. J Aber dazu brauchen wir Ihren Wald, weil sonst, eine Lücke entstehen würde in dem Zaun, verstehen k Sie!— Also, wie stehts, sind wir handelseinig?"» Der Hauptmann streckte bei diesen Worten dem Alten 1 die Hand hin.„Wenn es hierbei einen VortheilN giebt, so liegt er ganz unbedingt auf Ihrer Seite,! sollte ich denken. Der Blltttierbaner preßte die Lippen aufeinander, j runzelte die Stirn und blickte starr geradeaus, er vermied den Blick des Anderen, wie Einer, der sieb J durch UeberreduiMkiinste nicht irre machen lassen! will. Gänzlich konnte er sich der Einsicht jedoch nicht* verschließen, daß ihm hier ein günstiges Angebot ge- J macht wurde; aber das alt eingewurzelte, bei den» meisten Bauern tief eingefleischte Mißtrauen gegen■■ Alles, was von Seiten der Herrschaft kommt, ver-» hinderte ihn, nüchtern und vorurtheilsfrei zu erwäge».! „Sie sollten Ihren Frieden machen mit der» Herrschaft," sagte Hauptmann Schroff, als ahne er, j was in der Seele des Alten vorgehe.„Vor Allem,» da Tie es jetzt mit dem jungen Grafen zu thn»! haben. Ter Zwist, den Sic mit dem alten Herr»! gehabt, könnte doch fiiglich mit ihm begraben sein.» Ich glaube, es wäre kein Schaden für Sie, wen»: Sie sich mit uns stellten. Die Interessen von Bauer und Ritterschaft gehen vielfach Hand in Hand.» Schließlich sind eS doch verwandte Stände: Grund-! besitzer. Die Größe des Besitzes bedeutet keinen w enormen Unterschied." Die Reue A)clt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 35 Dieser Versuch, ihn mit der Gemeinsamkeit der Interessen zu fangen, machte den Bauer nur auf- stiitzig. Ter Manu da entwickelte ihm viel zu viel Eifer. Nein, so beschwatzen ließ er sich nicht! Daß der Gr«s nicht aus Liebe für die Bauern den Wild- zäun errichten wollte, war klar. Wozu das Gerede! Nur»m so fesler wurde der Alte in seiner Ansicht,. daß er hier wieder einmal betrogen werden solle. „Nahmen Se sich ack keene Mihe wettert" sagte er in mürrischem Tone.„Ich verkefe«lischt vom Gutte weg. Em fir allemal, im ho'ch Se's gesoit!" Ter Hanptmanu hatte die ausgestrecklc Hand wieder zurückgezogen. Tie Sache ging doch nicht so schnell,«vie er sich's gedacht hatte, mit diesein starr- köpfigcn Alten.„Sie werden sichs noch überlegen, Herr Büttner!" meinte er.„Ich kanns ja be- greifen, daß Sie an Ihrem Eigenthum hängen. Vollständig vermag ichs zu verstehen, glauben Sie mir das nur! Man hängt an der eigenen Scholle, ich«vciß das ans eigener Erfahrung, lind das Herz blutet Einem, lieber mochte man sich einen Finger von der Hand hacken lassen, als einen Acker>veg- geben vom ererbten Grund und Boden." Haupt- mann Schroff hielt einen Augenblick inne. Dem trüben Ausdrucke nach zu schließen, den urplötzlich seine sonst heiteren und offenen Züge annahmen, schien eine düstere Erinnerung durch seine Seele zu ziehen. Er schnipste mit den Fingern, ivie um das zu vertreiben, und fuhr fort:„Sehen Sie, man kann darin aber auch zu lveit gehm, ich meine, in jenem Festhalten. Dann lvird eben Starrköpfigkeit und Vernarrtheit daraus. Lieber ein kleines Gm, als ein großes, das man nicht voll bewirthschaften kann. Ich kenne Ihre Lage, Büttner! Ich sage Ihnen soviel, ans meiner eigenen Erfahrung heraus, wenn Sie sich auf Ihren Willen versteifen, ivenn Die auf diesen Vorschlag hier nicht eingehen, werden Sic sich nicht halten können auf Ihrem Gute." � Jetzt hielt sich der Bauer nicht länger.„Ich ho mich gchalen dreißig Jnhre lang, dar Herrschaft zun Trotze! Blich«vardt er ne nffrassen,«viet'r nngsrim Alles ufgefrassen hoat, mich ne! Wenn der Pauer alle lvird, lver is'n dran schuld, wenn ne de Rittergitter? Auf uns Pauern hackt Alles ei, de Beamten wie der Edelmann. Nu solln mer och noch's latzte Bissel hergahn, dos mer hoan. Vun Haus und Hof niechten se uns rnngertreiba, Alles niechten se schlucken, bis mir gar ail Bettel- stabe sein. Dazumal, als se thcelten— reguliren thatcn se's Heeßen—'s is nu schnn an Hordel Jahre har, mei Vater selch Hot nier's derzahlt— do Hot mei Grußvater an dritten Theel min Glitte hergahn missen ans Nittergnt. lind Hernachen wors inuner no nich genug. Do mußte mei Vater selch no ane Rente abzahlen, wie viele Jnhre durch!— Nu sollt ees denka, mer wär frei gewnrn, weil mer nn Hofcdienst mid a Frohndc los sen. Aber ne! nn kimmt a Edelmann su min hinten rim nnd mechte »nsereenein's Gut abluchsen. Aber da giebts nischt! Nlir Pauern sein och nich mehr so tumm. Mir ioin a nimmer de Unterthanen mih mm an gnädgen Herrn. Wenn mir ne Wullen, do brauchen mer ne! Zun Verkefen kann mich Kenner ne zwingen, och der Graf ne!" Der Hauptmann hatte diesen Ausbruch bäner- liehen Selbstbewußtseins mit Verständniß und Theil- nähme angehört. Sowie ihn der alte Mann zu Worte kommen ließ, sagteer:„Ich kann das Alles unt Ihnen fühlen, Büttner! Ich habe auch einmal ein Gut besessen, ein schönes, großes, vom Vater ererbtes Rittergut. Ich habe den Grund nnd Boden, s�lf dem ich geboren lvar, lieb gehabt, so gut wie 2ie Ihr Gut lieben. Genau wie Sie dachte ich damals. Aber die Verhältnisse sind oft stärker, als unser Wille. Was will man machen? Ein paar Mißernten nnd dann die Hypotheken, mein Lieber! die Hypotheken! Das ist der zehrende Fraß, der Mn Griliidbesitzer vernichtet. Das ist schlimmer als Feliersbrnnst, Hagel nnd alle llngewitler znsainmen. Ans überschiildetem Grunde sitzen, das ist, als ob Dir einer eine Schlinge nm den Hals geworfen hätte, mid wenn Du die Füße losläßt, hängst Du drinnen. Da gicbt es keine Rettung. Der größte Fleiß, die größte Svarsamkeit nützen da nichs, Du bist kein freier Mann mehr, Tu hängst von etivas ab, das Du nicht kontroliren kannst, nnd das lähmt Dich.— Mit blutendem Herzen habe ich meinen Besitz fahren lassen müssen. Sequestration, Zwangs- vcrsteigernng, Alles habe ich durchgemacht! Sie sehen, mein guter Büttner, ich kann hier mitreden." Der Hauptnlann schwieg und strich sich mehr- mals erregt den Bart, ihn von oben nach unten durch die hohle Hand gleiten lassend. Er seufzte. „Gott schütze Sie, meiil Lieber, vor alle dem!" Ter alte Bauer lvar stille geworden in seiner Ecke. Die Worte des Anderen hatten Eindruck auf ihn gemacht. Hauptmann Schroff fuhr fort:„Es ist nicht leicht, als älterer Mann ein Stück hergeben von dem, was man durch ein ganzes Leben sich gewöhnt hat, als sein Eigenthum zu betrachten. Sitzt da irgendwo in der Stadt ein Kerl, der hat eine Hypo- thek auf Deinem Gute erworben. Und dieser Mensch, der mit dem Grmid und Boden nicht das Geringste zu thun hat, der nicht ackert, pflügt oder säet, der hat nun Gewalt über Dein Gut. Der kann Dich runtertreiben, wenn es ihm paßt. Wie eine Waare kommt Dein Eigenthum unter den Hannner. Und das, was Generationen gepflegt und knltivirt und gehütet haben, wie ihren Augapfel, wird nun zer- schlagen und zerschlachtet von Fremden. Und draußen sitzen wir! Als älterer Mann mit Familie innß man sich nach Brot umsehe». Das ist nicht leicht, mein Lieber, das ist nicht leicht!" Ter Hauptmann schwieg nnd blickte gesenkten Hauptes zu Boden, als sei dort irgend etwas Jnter- essantes zwischen seinen Stiefelspitzen zu erblicken. Auch der Büttnerbaner sagte kein Wort. Der Mann hatte Recht! so war es, genau so! Wie oft hatte er nicht ebenso empfundeil, wenn er mit Angstschlveiß die Zinsen für seine Gläubiger auf- zubringen sich mühte. Der Maim wußte, wie es zuging, wahrhaftig, der durfte mitreden. Der Hauptmann riß sich aus seinem Nachdenken. „Nun wollen wir aber mal von unserer Sache reden, Büttner! Ich weiß, wie's mit Ihnen steht. Ich gebe Ihnen den wohlgemeinten Rath: verkaufen Sie Ihren Wald! Das ist das einzige Mittel, das Sie noch retten kann. Zahlen Sie von dem Erlöse einen Theil der Grnndschillden ab, sonst bricht Ihnen eines Tages die Geschichte über dem Kopfe zusammen. Es geht Ihnen dann ivie mir, Sie kommen um Alles. Das Angebot, welches Ihnen der Graf inachen läßt, ist kein schlechtes. Nehmen Sie's an! Ich spreche nicht etwa in« Interesse meines Brot- Herrn, ich spreche zu Ihnen geradezu als ein Leidens- gefährte." Der Bauer schwieg eine Weile. In seinem Gesichte arbeitete es, als bewegten ihn die wider- sprechendsten Gefühle. Aber die Feindseligkeit war aus seiner Miene gewichen. Schließlich erklärte er mit gedämpfter Stimme, wenn er auch wolle, die Hypothekenglänbiger würden es garnicht zulassen, daß er das Gut verkleinere. Auf diesen Einwand war der Hauptmann gefaßt. „Natürlich würden die Gläubiger Einspruch erheben, wenn Sie das Pfandobjekt verinindern wollten, ohne ihre Genehmigung. Aiit den Lelttcn muß selbst- verständlich verhandelt werden. Ich denke, wenn man ihnen eine entsprechende Abzahlung znsichert, werden sie sich bereit finden, die Einwilligung zur Dismembratioil zu ertheilen. Es sind ja wohl lauter nahe Verwandte von Ihnen, die Gläubiger? Die werden doch so viel Interesse für die Erhaltung des Gutes beweisen, daß sie sich in diese»othwendigeu Maßregeln finden." Der Bauer schüttelte mit bitterem Lachen den Kopf.„Hau Se ne das Sprüchwort gehert: Bluts- verwandte tut mer Heeßen, die Dich am erschten werden beeßen." „Steht es so bei Ihnen? Ich kenne das Wort! Es liegt was Wahres darin. Aber in Ihrem Falle, dächte ich, müßten die Verwandten ein Einsehen haben, wenn nicht aus Familiensinn, so vielleicht aus Egoismus. Die sind doch schließlich auch daran interessirt, daß das Gut in Ihren Händen bleibt. Denn können Sie sich nicht darauf halten, dann sind auch die Hypotheken gefährdet. Auf über- schnldetem Besitz arbeitet der Eigenthümer that- sächlich nur für die Gläubiger. Sie schinden mid plagen sich, damit Ihre Verwandten den Zinsgennß nngestört haben. So liegt die Sache doch in Wahr- heil, mein Besterl Habe ich Recht?" „Recht hau Se! Aber soin Se mal suwas zu an Gleibiger. Die gähn mer de Einwillignng ne, ich glob's ne!" „Ich will Ihnen mal was sagen, Büttner!" rief der Hauptmann, rückte dem Alten ganz nahe nnd legte ihm eine Hand anfs Knie, lieberlassen Sie die ganze Sache mir! Ich will mit den Leuten verhandeln. Erfahrung habe ich mir ja gekauft in dieser Art Sachen. Ich glaube, ich werde die Ge- sellschaft so weit bringen, daß sie Konsens ertheilen. Es ist ja thatsächlich nur eine Formensache. Nennen Sie mir mal Namen und Adresse der sämmtlichen Hypothekenglänbiger." Der Alte kraute sich den Kopf; er wollte sichtlich nicht mit der Sprache heraus. Schließlich gab er aber doch dem Drängen des Hanptinannes nach. Als der Bauer den Namen„Schönberger" nannte, stutzte der Hanptinanii.„Mann! Wie kommen Sie zu so Einem?" Ter Büttnerbaner berichtete in ninständlicher Weise die ganze Angelegenheit. Die Kündigimg der Hypothek von Seiten des Bruders, wie er sich dann umsonst nach Geld umgethan, bis er schließlich in der Stadt das Nothwendige erhalten habe. Hauptniann Schroff nahm eine bedenkliche Miene an nnd schüttelte unwillig den Kopf.„Tie Sache will mir nicht gefallen, mein guter Büttner!— Schönberger!— Was mag das für ein Menschen- freund sein?" Ter Büttnerbaner meinte, es habe ihm ja lein anderer Mensch das Geld borgen wollen. Herr Schönberger sei gleich bereit dazu gewesen, und allzu hohe Zinsen habe er auch nicht gefordert. „Trotzdem! trotzdem!" meinte der Andere.„Oder vielmehr, gerade deshalb! Aus Menschenliebe thiits diese Art gewöhnlich nicht.— Na, das ist nun iiickit mehr zu ändern.— Also, mal die übrigen Gläubiger!" Der Bauer berichtete, was sonst noch auf dem Gute an Schulden stehe. „Der Hauptgläubiger ist demnach Ihr Schwager Kaschel. Mit einer Hypothek steht er zildem an letzter Stelle. Der wäre also der Wichtigste. Was denken Sie, wenn ich mit dem Manne zuerst Rücksprache nähme? Er wohnt ja hier am Orte; ist Kretscham- wirth, wie Sie sagen." „Da mechte aber Eener Haare nff'n Zähnen hau," meinte der Bauer mit viclsagendein Lächeln, „wer Kaschclernsten kirren wollte. Dos is a Dreimal- genähter. Und a dieser Hund is a Lammel gegen dan, das sag'ch Se glei!" Der Hauptmann meinte, er sei nicht furchtsam von Natur und er wolle es auf den Versuch an- kommen lassen. Er werde gleich einmal nach dem Kretscham hinüberreiten. Der Büttnerbaner sagte nichts weiter dagegen. Sie verließen die Stube. Der Hnnptmann zog sich selbst sein Pferd ans dem Stalle, brachte die Sattelung in Ordnung und stieg auf. „Ich bringe Ihnen Nachricht über den Erfolg, Büttner!" rief er im Abreiten. Der Büttnerbauer sah dem Reiter eine Weile nach, bis er die Dorfstraße erreicht hatte nnd dort hinter Hänsern seinen Blicken entschwand. Es hatte etwas Tröstliches für den alten Mann, daß dieser vornehme Herr alles das durchgemacht hatte, wovon er soeben erzählt. Er war ihm dadurch näher ge- treten. Der Bauer stand da mitten in seinem Hofe, die Hand am Kinn, und simulirte. Was das für eine Welt war! man fand sich bald nicht mehr ein noch aus. Ein Huftmgel lag am Boden. Er beugte seinen alten, steifen Rücken und hob das verrostete Ding auf. Man durfte nichts nmkommen lassen.— Er sah sich ini Hofe nm. Die Holzverschalung am Westgiebel der Scheune war an verschiedenen Stellen brüchig, an einem anderen Flecke fiel der Putz von 36 Die Neue 2l)clt. Illustnrte Unterhaltungsbeilage. der Wand. Kostete wieder Geld, das herstellen zn lassen! Die neue Kuh war auch noch nicht voll bezahlt. Zu alledem rückte der Halbjahrstermin heran, wo wiedermal die Zinsen fcilliq waren. Woher das Geld dazu nehmen? Hafer, Roggen, Stroh, das vorjährige Heu, Alles war schon verkauft, Schüttboden und Banse waren leer. Auf den Feldern standen ja schöne Früchte. Wenn das Wetter weiterhin günstig war, würde er sogar eine ansgezeichnete Ernte machen.— Der Bauer wandte seine Schritte unwillkürlich dem oberen Hofthore zu, von wo aus man die Felder des Gutes in ihrer ganzen Ausdehnung überblicken konnte. Er deckte die Augen mit der.Hand gegen die Sonnenstrahlen. Im klaren Mittagslichtc lagen die Fluren vor ihm. Das Kornfeld wogte wie ein grünlicher See mit silbernen Wogenkämmen. Un- absehbar schien die Wenge der Aehrenhänpter, die sich da im Winde beugten und hoben in lang- gezogenen schwellenden und sinkenden Wellen, lind der Hafer, der eben die Schoßhalme treiben wollte, stand in dichten Beeten, eine dunkelgrüne, lebendige Blatte, von ungezählten schlanken, spitzen Hälmchen. lind die Kartoffeln mit saftigem Kraut, kraftstrotzend, in langen, geraden Reihen, sorgsam gejätet und an- gehäufelt, daß es eine wahre Lust war für das Auge des Landmanns. Das war doch sein Eigenthum! Hundertfach hatte er es dazu gemacht, durch die Arbeit. Da war nicht ein Fußbreit Land, den er nicht gepflegt hätte mit seinen Händen. Sein Acker war ihm vcr- traut, wie ein Freund. Er kannte alle seine Eigen- arten, seine Schwäche» wie Borzüge, bis ins Kleinste hinein. Er stand zn diesem Boden, dessen Sohn er war, doch auch wieder wie die Alntter zum Kinde; er hatte ihm von dem Seinen gegeben: seine Sorge, seine Liebe, seinen Schweiß. lind NUN drohten.sich zwischen ihn und dieses Stück Erde, aus dem er und die Seinen Kraft und Nahrung zogen, nun drohten sich Fremde zwischen ihn und sein Eigenthum zu drängen. Seinem schlichten, nngeschulten Verstände stellte sich die Ge- fahr dar, wie eine Verschwörung teuflischer Mächte, gegen ihn und sein gutes Recht. Von der Macht und Bedeutung des mobilen Kapitals, von jenen ehernen Gesetzen, nach denen ganze Stände und Geschlechter dem lintergange verfallen, Andere empor- hebend durch ihren Sturz, ahnte er nichts. Eines nur hatte er am eigenen Leibe erfahren: er kämpfte und rang durch ein langes Leben gegen eine Last, die auf ihn gelegt war, er wußte nicht von wem. Und je verzweifelter er sich aufbäumte gegen das unsichtbare Joch, desto schwerer und drückender wurde seine Wucht. Konnte ein Meusch das ahnen, der diese lachenden Fluren ansah? Gottes Segen schien auf ihnen zu ruhen. Der Acker wollte seinem Pfleger so gerne zurückerstatten mit Zinsen, was er an Liebe auf ihn verwendet. Der Boden wollte Dem die Treue halten, der ihm treu gewesen war. Halm an Halm drängte sich. Konnte Der, dem solche Ernte in die Scheuer lachte, nicht gutes Mnthes sein? Durfte es denn wirklich eine Blacht geben auf der Welt, die ihm diesen Erntesegen, den der liebe Gott doch für ihn hatte wachsen lassen, streitig machte. Es kam wie ein großes, dunkles Gespenst über die Felder gehuscht, ohne Beine, und doch schnell- füßig— der Schatten einer treibenden Wolke. Es löschte allen Glanz von den Aehrenwcllen, es wischte die Farbenpracht der bunten Fluren aus, es legte sich wie ein düsterer Ton über Alles. Der Schatten eilte iiber Haus und Hof, über die Feldmark in ihrer ganzen Breite, dem Walde zu. ______(Forlsetzung folgt.) Ein deutscher Lnubsiirfl des 16. Jahrhunderts. Von Ernst Wahrmund. auf Friedrich den Großen, der auch bezüglich eines seiner Vorfahren sagt, er sei zn dem Beinamen Nestor gekommen, wie Ludwig Xlll. zu dem des Gerechten, oder wie der Blinde zur Ohrfeige, wie wir sagen würden, d. h.„saus qu'on penötve la raison," ohne daß man den Grund einsieht. Mit solchen ehrenden Beinamen geht es auch heute noch so, und der alte Fritz könnte, wenn er davon vernähme, immer und immer wieder seinen eigensinnigen Kopf schiitteln und sich absonderliche Gedanken machen. Joseph Marie Jacquard. (Zu dem Artilcl:»Auch ew Reoolutionär".) Der geistreiche Schlingel der athenischen goldenen Jugend, Alcibiadcs, der eines Tages seinem Pracht- Hund die Ruthe abhackte und dann zu Sokrates ins Kolleg ging, Weisheit zu hören, gilt im Gesammt- urthcil der Geschichtsschreiber für einen ruhelosen, wankelmiithigen Projektenmacher und unzuverlässigen Kantonisteil. Das mag irgend einen der humanistisch � ndwig Rösel wundert sich in dem Kapitel seines hübschen Buches über Alt-Nürnberg, welches von dem Markgrasen Albrecht Alci- biades handelt, warum dieser auftührerische Fürst den Beinamen Alcibiades führte. Er bezieht sich Jarquardweber. (Zu dem Arttlel:„Auch ein Revolution»?'.) gelehrten Zeitgenossen Albrcchts, die sich und alle Welt gern lateinisch-gricchisch umtauften, veranlaßt haben, den steten Landfriedensbrecher im großen Stil, Albrecht, nach jenem Athener zu benamsen. Rösel nieint, verständlicher ivärc es gewesen, weil» man„diesem wilden Schößling am Stamm der Hohenzollern" einen Beinamen gegeben hätte wie: Höllenbrand, Würgengel, Unhold, Mordbrenner und dergleichen, das wäre bezeichnender gewesen. Rösel, der Alt-Nürnberg behandelt und mit Liebe— ich weiß nicht, ob er sogar ein Nürnberger Kind ist— umfaßt, ist natürlich, ebenso wie seiner- zeit Hans Sachs, nicht ganz unparteiisch. Aber auch der nüchterne, parteilose Geschichtsbetrachter muß seinem harten Urtheil über den hohenzollerschen Raub- fürsten zustimmen. Man ist seitens der offiziösen Hofhistoriker und „objektiven" Geschichtsprofessoren, der zünftigen Ver- treter der„freien deutschen Wissenschaft", schnell daniit bei der Hand, die Laster und Verbrechen von Fürsten und anderen hohen Herrschaften vergangener Jahrhunderte aus den„rauhen Sitten jener Zeiten" .zu erklären und sie nach Kräften weiß zu brennen. Da sind die„Verhältnisse" daran schuld, welche geradezu mit Nothzwang auf die hohen Herren ein- gewirkt haben sollen. Bei etwaigen bedeutenden Thaten derselben Leute aber läßt man die Unistände und Verhältnisse nicht als bestimmend und ausschlag- gebend gelten, da sollen diese Helden„ihrer Zeit vorausgeeilt sein" und durch ihre persönliche Vor- trefflichkeit Alles höchst eigenhändig herrlich ange- fangen und ausgeführt haben. Dann kommt als Entschuldigung von etwaigen Scheußlichkeiten und Schurkereien noch die Staatsraison hinzu, welche die im Grunde so ehrsamen Herren genöthigt hätte, mit blutendem Herzen wider ihr Gewissen und besseres Wissen greifbare Verbrechen und Rechtsbrüche aller Art zn begehen im Dienste des„höheren Interesses". Das konnte Herr von Tansch ebenso gut sagen— hat es auch gesagt und auch Glück damit gehabt und seine Freisprechung erzielt. Der ernste und aufrichtige Geschichtsfteuud und Geschichtsforscher muß sich aber von einer solchen doppelten Buchführung in sittlichen Dingen entrüstet abwenden. Er kann jene Schönfärber auch mit ihrer eigenen Theorie schlagen, nach welcher ja die„großen Persönlich- leiten", wie man sagt,„ihrer Zeit ihren Stempel aufdrücken", wenn das nämlich der Fall ist, so müssen diese Herren auch verantwortlich sein für die Zustände zn Zeiten des Verfalls und der allgemeinen Verlotterung. Albrecht war der Sohn des Markgrafen Kasimir und lö22 geboren; sein Vater starb, als der Junge erst fünf Jahre alt war. Die Mutter und ebenso der Vormund, Markgraf Georg der Fromme,»ahmen es nicht sehr genau mit ihrer Erzieherpflicht. Blau erzog Albrecht mit zwei Grafen von Leuchtenberg zusammen und gab ihm dreizehn Edelknaben zur Bedienung.' Rösel berichtet:„Zum Lernen hatte der junge Herr Anlage genug(wieder ein Zug, den er mit dem athenischen Alcibiades gemein hatte!), Lust dazu jedoch um so weniger, die hatte er blos zum llleitcn, Jagen und Saufen." Seine Hofmeister und wissenschaftlichen Lehrer hatten ihre liebe Roth; einer von ihnen, Beck mit Namen, wurde gezwungen, auf einer fürstlichen Hochzeit sich so voll zu trinken, daß er einige Tage darauf starb. Der junge Albrecht selbst that bei derselben Gelegenheit des Guten so viel, daß er ein Jahr lang siechte. Seine Oheime wollten nun, daß er entweder eine Hochschule besuchte oder nach Polen ziehe, wo die lateinische Sprache zu Hause sei, um dort sich wissenschaftlich- lateinischen Schliff zn holen. Der Herr Neffe zog es vor, keines von Beiden zu thun, sondern wie bisher ritt er mit seinen Genossen im Lande herum, jagte, würfelte und zechte. Gleich und gleich gesellt sich gern; so wundern wir uns nicht, als Albrechts Kumpan den wilden Sigmund von Heßberg genannt zu finden, und seit seiner Miindigkeitserklämng, 1540, den übel genug beleumundeten Wilhelm von Grumbach, den„Helden" der berüchtigten Grumbachschen Händel. Zunächst drang Albrecht auf Theilung des Landes und erhielt das obergebirgische Fürstenthum. Sein Vater Kasimir hatte die Landesschuld seinerzeit verdoppelt, so daß die Einkünfte kaum reichten, die Zinsen zu decken, und selbst die der Kirche bei der so lukrativen Einführung der Reformation abgenoni- menen vierundzwanzigtausend Gulden waren nur ein Tropfen auf den heißen Stein. 1529 schon machten die obergebirgischen Stände den Vorschlag, ein paar Aeniter an die reiche Stadt Nürnberg zu verkaufen, um nur etwas Luft zn bekommen. Unter sothanen Verhältnissen entschloß sich Albrecht, nicht daheim still zu liege», sondern als reislaufender Soldat sein Glück zu versuchen. Zunächst ging der lutherische Markgraf in die Dienste seiner kaiserlich katholischen Majestät Karls V. und bezog als kaiserlicher Feldoberst gegen den Schmalkaldischen Bund monatlich dreißigtausend 37 Gulden. Lorbeeren sammelte er zwar nicht, erlangte aber die Freundschaft des Herzogs Moritz von Sachsen nnd die Gunst des Kaisers. 1547 geriet!) er sogar in Gefangenschaft, aus der ihn erst der kaiserliche Sieg bei Miihlberg erlöste, worauf er mit Karl V. in Nürnberg als Sieger einzog und von da nach Augsburg zum Reichstag ritt, wo er mit Freund Moritz ein wüstes und tolles Treiben begann und seine reichliche Schuldenlast fleiszig vermehrte. Von seinem Sold erhielt er zunächst nur ein Drittel, aber dafür ein paar Herrschaftsgebiete in Franken, die er sammt dem eigenen Lande gründlich aussog. Nun bot er seine Kriegshülfe dem Herzog Albrecht von Preußen, seinem Oheim, au, das Geschäft zer- schlug sich aber. Völlig skrupellos ließ sich dann Albrecht für die FUrsteuverschwörung gegen den Kaiser, der sein Gönner war, gewinnen, um als„in, verpflichtetet" Verbündeter Frankreich in geheimer Sendung, bald �ls Kaufmann verkleidet, bald als Hauptmann von Biberbach auftretend, zu gewinnen. In der That kam im Februar 1552 das Biind- »iß deutscher Fürsten mit Heinrich II. von Frankreich liegen Kaiser und Reich zn Stande unter der Firma: für den rechten Glauben und Freiheit deutscher Nation! 3n Wahrheit spcknlirte Moriv von Sachsen auf die �tisle Atagdeburg nnd Halberstadt, Philipp von Hesse» ans den Besitz von Würzbnrg nnd Mainz, und die Ernestiner-Sachsen auf Erfurt und das Gichsfeld und Nürnberg, das auch Albrecht Alcibiades begehrte. Zunächst zogen die Retter des Glaubens und ber deutschen Freiheit nach Augsburg, von da nach ulm, wo Albrecht den Vorschlag machte, alles Land um Ulm zn sengen nnd zn brennen und zu plündern, me liebste Art der Kriegsführnng dieses„streitbaren, Putschen Helden". Als man auf seinen Barbaren- borschlag nicht einging, that er auf eigene Hand sein Lieblingswerk und steckte an hundert Orte in Brand. Seine„Polittk der freien Hand" wandte Albrecht auch gegen Nürnberg an, das sich Sicherheit und Neutralität durch hunderttausend Gulden von den verschworenen Fürsten erkauft hatte. Albrecht, der sich als Nicht-Mitunterzeichner dieses Vertrages zu nichts verpflichtet fühlte, spielte sich doch als den Verbündeten auf und erlangte vom Rath Nürnbergs die Erlaubniß, gegen ein erlassenes Waffenverkaufs- verbot achthundert Hakenbüchsen und tausend lange Spieße in Nürnberg aufzutreiben. Nun berief sich Albrecht wieder, da er gerüstet war, auf die Artikel- briefe, die er nicht unterschrieben hatte, und wandte sich gegen Nürnberg. Er nahm zunächst Markt und Schloß Lichtenau ein, dann schickte er einen mit den französischen(!) Wappenlilien ausgeputzten Unter- Händler an den Rath zu Nürnberg mit der Forderung, er solle sich dem Bündniß gegen den Kaiser an- schließen. Den Mahmuigcii seiner Verbündeten gegenüber, den Bund durch sein ehrloses Vorgehen nicht zu kompromittiren, spielte sich Albrccht wieder als den Nichtverpflichtctcn auf.„Was konnte ihn, dem die eigene Ehre nichts war, die Ehre der verbündeten Fürsten kümmern."(Rösel.) Albrecht setzte Stein und zwölf andere Niirn- bergcr Ortschaften in Brand, denen weiter noch eine Menge andere folgten, die in Asche gelegt wurden. Wie viele der damaligen deutschen Fürsten, wie schon erwähnt, war auch Albrecht frühe schon ein wüster Trunkenbold. Als einmal eine Mandel ge- fangener Bauern aus Nürnberger Gebiet vor ihn gebracht wurde, zog er in trunkenem Rinthe sein Schwert, raste wie toll herum nnd ließ die Unglück- lichen kurzer Hand hängen, bis auf zwei, denen es glückte, zu entwischen. Am anderen Tage, als er seinen Bombenrausch ausgeschlafen hatte, wußte er gar nichts mehr von deni ganzen Handel mit den Bauern, und als man ihm sagte, wie die Dinge ständen, that er einen greulichen Fluch und sagte: „Sind sie gehängt, so sollen sie auch hängen." Seiner Umgebung aber befahl er: so sie sätzen, daß er „einen Trunk hätte", möchten sie keine Gefangenen mehr vor ihn bringen. In Nürnberg ging während der Beschießung, wenn diese einmal recht arg wurde, das Spriich- wort:„Der Markgraf ist trunken." Niirnbcrgische Gebietsbauern nöthigte Albrecht, als Schanzgräber und Minirer zu arbeiten, so daß die Belagerten ihre eigenen Landeskinder beschießen mußten. „Halb türkisch" nannte Graf Schlick die Kriegs- fuhrung Albrechts in einem Briefe an dessen Vetter, den Markgrafen Hans von Kllstrin. An König Ferdinand schrieb dessen Abgesandter Zasius:„Das erbärmliche Verderben, welches Markgraf Albrecht allenthalben um Nürnberg mit Feuer nnd Schwert anrichtet, ist dermaßen beschaffen, daß es ein steinet- nes.Herz erbarmen möchte. Ich habe gehört, daß die armen Bauersleute in den Wäldern und Hölzern vor Hungersnoth sterben und verderben. Man findet auch todrc Bauern, ivelche das Gras noch in den Mäulern haben. Das Alles gereicht dem Mark- grasen und seinen Leuten nur zn einem Gelächter. Des greulichen, tyrannischen Mordbrennens rühmet er sich selbst, das sei seine beste Kurzweil, das ich selbst aus seinem Munde gehört habe." Oft legte er selbst die erste Hand an bei einer Brandstiftung. „In der Roheit und Bestialität ging der Mark- graf mit bösem Beispiel voran, ein verworfener, gottverlassener Tyrann nnd Bösewicht, ein Charakter, von Natur aus schwankend und haltlos, abenteuerlich und brutal, der sich dann in der Wirrsal, Unbe- ständigkeit und Ruchlosigkeit der Zeit zu jener Exzen- ttizität entwickeln konnte." So urtheilt Rösel. Zwei Städte, drei Klöster, neunzig Schlösser, Mechanische Jarstuaediveberei. 38 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. huiidertundfiebzig Flecken und Dörfer, achtnndzwanzig Mühlen und dreinndzwanzig Hämmer wurden in diesem„Markgräflerkricg" den Nürnbergern ans- geraubt und verbrannt, alle Weiher und Teiche ab- gegraben und dreitausend Morgen Wald eingeäschert. An den unglücklichen Landbewohnern, Mann und Weib, Kind und Greis, wurden von den entmenschten Kriegsknechten, deren Ideal Albrecht war, die bestialischsten Grenclthaten verübt. In ähnlicher Weise suchten Albrechts und des Grumbachs Mordbrennerbanden Bamberg und Würz- bnrg heim. Nach siebenwöchentlicher Belagerung mußte Nürn- berg sich dem Fürstenbund gegen Kaiser und Reich anschließen, auf Schadenersatz verzichten, 20000t) Gulden Kriegskosten zahlen, 6 schwere Geschütze und 400 Zentner Pulver liefern; es hatte einen Verlust, den die Einen auf l 800 000 Gulden, Andere gar auf 2 500000 Gulden schätzen. Wider Recht und Gesetz, wider Landfrieden und kaiserliche ReichSgewalt, wider seine eigenen Bundes- genossen trat so dieser deutsche Neichsfiirst alle Grundsätze der Gerechtigkeit und Menschlichkeit mit Füßen. Dazu verbot in Heller Herzensangst der Rath von Nürnberg allen seinen Untcrthanen, llebles über den Markgrafen zu reden. lim Neste der dem Bischof auferlegten Kriegs- entschädignng einzutreiben, ging dann Albrecht selbst nach Wiirzbnrg, in gleicher Weise„Religion und Freiheit" vertheidigcnd. Dann wurden Mainz, Worms und Speier furchtbar gebrandschatzt. Als Frankfurt von den Bnndesfiirsten freigegeben wurde, nannte Albrecht dies„Verrätherci deutscher Nation"; allein, es zu bewältigen, auszurauben und zu brennen gelang ihm nicht. Er verlegte nun den Schauplatz seiner Hcldenthaten nach Trier und in das Land zwischen Mosel und Saar, überall Schutt und Asche hinter sich lassend auf seinem Wege zum Heere des Königs von Frankreich. Inzwischen hatte der Kaiser die erzwungenen Verträge Albrechts mit Bamberg, Wiirzbnrg und Nürnberg für ungültig erklärt. Albrecht konnte nicht erlangen, was er von Frankreich begehrte, an das eben Rietz vom Adel vcrrathen und verkauft worden ivar. Und das Bierkwiirdige geschah: der Kaiser nahm Albrecht wieder in Gnaden auf, die Zwangs- Verträge Albrcchts wurden für rechtskräftig erklärt und er selbst trat in kaiserlichen Dienst. Nun kämpfte der Mann, der Nürnberg der Achselträgerei beschuldigt hatte, wieder gegen seinen guten Freund, den König von Frankreich, wobei er auch den Herzog von Anmale gefangen nahm, der dann um schweres Geld ausgelöst werden mußte. „Der heillose Landfriedensbrecher und Mord- brenner", wie Kaiser Karl vor Kurzem noch Albrccht genannt hatte, konnte aber in kaiserlichen Diensten auch nicht hindern, daß Metz bei Frankreich verblieb. Der Markgraf wurde mit hohem Lobe, einem Schuld- bricf für rückständigen Sold auf 45 000 Thaler und einem Pensionsbrief auf 5000 Thaler entlassen. Gegen Bamberg ziehend, hielt er sich schadlos durch rasende Brandschatznng. Dann begann der Tanz wieder mit Nürnberg in der altbeliebten Weise des Pliinderns, Sengens und Brennens auf dem offenen Lande, wobei er das Landvolk mit Weib, Kind und Vieh in die Orte treiben und es ver- brennen ließ. Der ohnmächtige Kaiser konnte dem armen Frankenland nicht helfen, aber das Reichskammer- gericht entschied zu Gunsten Bambergs, Wiirzburgs und Nürnbergs, und König Ferdinand, Moritz von Sachsen, die fränkischen Bischöfe, der Herzog von Braunschweig und Abgesandte Nürnbergs hielten zu Eger Rath, wie dem fürstlichen Uebelthäter Albrecht das Handwerk zu legen sei. Der wandte sich nun nach Norden und setzte sein Handwerk in Thüringen und Braunschweig fort. Bei Sondershausen(9. Juli 1553) ward er von seinem ehemaligen Freund Moritz von Sachsen besiegt, welcher seinerseits in der Schlacht fiel. Mit Nürn- berger Geld wurden die Söldner des Braunschweigers bezahlt, die zu Albrecht übergehen wollten, nun aber diesen bei Stauerberg, südlich von Braunschweig, schlugen. Inzwischen fielen die Nürnberger in sein Erbland ein. Er warb in Thüringen neue Mann- schaften und nahm Hof. Von da eilte er auf sein Raubnest, die Plasscnburg. Die Braunschweiger Landsknechte rückten an und Albrecht wurde in des Reiches Acht erklärt. Als dieser die Botschaft davon erhielt, rief er höhnisch und mit wahrem Galgenhumor ans: „Acht und aber(noch einmal) Acht macht sech- zehn! Wir wollen sie fröhlich und in Freuden mit einander vertrinken! Je mehr Feind, je mehr Glück!" Ganz gehener war ihm dabei jedoch nicht, wie der Schluß eines für den Charakter Albrechts kenn- zeichnenden Tagesbefehls an seinen Hauptmann Hieronymus Stöcke! auf Hohenlandsberg beweist, in dem es heißt: „Ihr wollt auf künftigen Christtag oder um Mitternacht, wenn die Pfaffen zur Mette gehen, ein zehn oder zwanzig Ort gen Windsheini, Jps- Hofen und den Grund nach Kitzingen hinab in Brand stecken, und wenn sie in der Mette oder ob dem Christ- braten sitzen, wollet Ihr ihnen ein Feuer anzünden, daß die Kinder im Mutterleib einen Fuß nach sich ziehen oder auch beide! Und wir wollen, ob Gott will(!), hierum auch nit säumen und ihnen zu Neujahr auch ein zwanzig Feuer anzünden; es hilft den Vertrag sehr fördern. Es thut sonst kein Gut mehr!" Weiter wurde dem wackeren Stöcke! befohlen, fleißig auf den Straßen zu wegelagern und zu ranhmorden:„Je mehr Silberkuchen, desto besser! Wenn man mich verdirbt, so sollen andre Leute auch nichts haben!" meinte der erlauchte deutsche Reichsfürst Albrecht. Sein Schicksal war aber besiegelt. Die Nürn- berger nahine» die Bergschlösser auf dem Rauhen Kulm und auf dem kleinen Kulm, Schloß Hohen- landsberg nahmen die Bundestrnppen, endlich, am 22. Juni, fiel auch der letzte feste Platz, die Plassen- bnrg. Auf der Haide zwischen Volkach und Kitzingen wurden die letzten Reste der Albrcchtschcn Krieger zersprengt, er selbst floh zu seinem lieben Freunde, dem König von Frankreich, von dessen Hof ans er vergebliche Versuche machte, wieder eine Rolle in Deutschland zu spielen. 1556 ward auf dem Regensbnrger Reichstag heiß uni die Angelegenheiten Albrechts gerechtet, wobei er mit freiem Geleit selbst seine Sache führen wollte, aber nicht hinkam. Krank, infolge seines wüsten und wilden Völler- und Landsknechtslebens, suchte er in Wildbad im Schwarzwald Erholung. Vergebens; in einer Sänfte brachte man ihn nach Pforzheim auf das Schloß des Markgrasen von Baden-Durlach, wo er am 8. Januar 1557, ver- lassen von allen ehemaligen Biindnern, starb wie er gelebt hatte. Hans Sachs hat seine„Himmelfahrt", d. h. ironisch seinen Einzug in die Hölle der Tyrannen Phalaris, Nero, Heliogabal usw., in bitter ver- wünschenden Versen besungen. Im Blausoleum der fränkischen Hohenzollern aber, in der Kirche des Klosters Heilsbronn, liest man die prächtig geschichtsfälschende Grabschrift: „Hier liegt begraben der durchlauchtige, hochgeborene Fürst, Herr Albrecht der Jüngere, Markgraf zu Brandenburg, der deutsche, streitbare Held, der um die Freiheit deutscher Nation männlich gestritten.(!!)" --- Gerichtsrath Iohnmann. Novelle von G. Mnenstj. -(Forlsetzung> ie Räthin mußte viele Wochen das Bett hüten. Sie hatte schwere Verletzungen und war in Lebensgefahr. Ein dunkles Gerücht von dieser Katastrophe ging in der Stadt umher. Aber Niemand erfuhr etwas Bestimmtes. Ans dem Haus- arzt des Rathes, dem Doktor Gran, war nichts herauszubekommen, und auch die alte Marie verweigerte den Hauslenten gegenüber jede Auskunft. Als die Räthin aufstand, war es ihr, als sei Etwas in ihr geborsten, als sei das Leben aus ihr gewichen. Langsam, sehr langsam erst erholte sie sich, und es vergingen Jahre, bevor die Schrecken jenes Tages in ihrer Erinnerung verblaßten. Aber auch der Rath war nun ein Anderer gc- worden. Scheu und schleichend ging er umher, wich jedem Menschen ans und zuckte bei jedem Geräusche zusammen. Er hatte Furcht: vor den Anderen und mehr noch vor sich selbst. Das Grausen vor dem unheimlichen Gast in seiner Brust war sein steter Begleiter. Er sah gespenstig ans. Sein graues, spärliches Haar stand in starren Borsten empor, seine Wangen waren eingefallen, sein Körper geknickt, seine Augen hatten bald einen schreckhaft großen, bald einen scheuen, lauernden Blick, der nnstät umherirrte. Seine Finger zuckten nervös, als suchten sie sich stets nach Etwas ausznkrallen— so machte er den Eindruck eines bösen Geistes, der wie Gift über dem Leben der Anderen lagert. Im Anite dagegen reckte er sich auf. Dort wurde er sonverain. Die Furcht verschwand und machte einem hohnlachenden, grinsenden Selbstbewußtsein � Platz. Dort entwickelte er nun eine grauenhafte Thätigkeit, dort schuf er sich eine neue Freude, eine Entschädignng für sein eigenes, tiefes Elend. Ob- wohl er einen höheren Rang als Gerichtspräsident in der Provinz hätte erhalten können, verzichtete er darauf und behielt seinen Posten als Untersuchnngs- richter, den man ihm um so bereitwilliger ließ, als er für den erfahrensten und gewandtesten dieses Amtes galt. lind nun fing er zu quälen an. Nicht wie früher, sondern viel ärger. Er quälte die Opfer, die ihm schon wehrlos überliefert lvaren. Er quälte sie, nachdem sie sich schon verloren gaben und die letzte, allerletzte Rettung in dem Geständnisse ihrer That sahen. Er verhinderte dieses Geständniß und schob es hinaus. Heimlich und unvermerkt bot er Denen, die an keinen Ausweg mehr glaubten, eine Handhabe, eine Hoffnung. Er ließ sie anfathmen, ließ sie zur Besinnung kommen. Dann übergab er sie der Einsamkeit der Untersuchungszelle. Dort mochten sie nachdenken, dort mochten sie hangen zwischen Zweifel und Hoffnung, in hiilfloser, ohn- mächtiger Ungewißheit. Mit wundem, krankhaft erregtem Gehirn mochten sie dort suchen,— suchen nach einem rettenden Wort, suchen nach einem ent- lastenden Moment, das nicht da war, das ihnen aber wie eine gleißende Fata Morgana vor Augen schwebte. Und immer wieder trieb er dieses gräßliche Spiel mit Menschenqual und Menschenpein. Und je feiner, je subtiler lind harmloser es schien, je mehr es aber schmerzte und folterte, desto wilder war seine Freude. Insgeheim nannte er dieses versteckte und von Slie- mandem geahnte Spiel die„Seelenfolter". Bis zum Wahnsinn trieb er damit die gehetzten, seiner Grausamkeit preisgegebenen Unglücklichen. In der Seclenfoltcr fand er Zerstreuung und Erlösung von dem unheimlichen Gast seines Inneren. In der Seelenfolter fand er eine Ablenkung und Beschäftigung seines krankhaft überreizten Gehirns.— In seinem Hause aber lastete eine schwüle, lauernde Ruhe, eine Ruhe wie vor einem bangen, erwarteten Ereigniß, eine Ruhe, die den Frieden vergiftete und die Herzen krank und elend machte. Die Gatten gingen schauernd und furchtsam an- einander vorüber. Sie belauschten sich gegenseitig und warteten auf irgend ein achtlos hingeworfenes Wort, das wie Zündstoff in die gefährliche, ruhende Masse gefallen wäre. Sie belauerten ihre Blicke und Bewegungen und hatten Beide die stumme, stets zur Vertheidigimg bereite Furcht. Ein tödtlicher Haß hatte sich um ihre Seelen gezogen, ein Haß, der auch die letzten friedvollen und weichen Gefühle verzehrte. Sie waren Raub- thieren gleich, die sich messen mit gieriger, funkelnder Erwartung, die ihre Kräfte kennen und die wissen, daß ihre Kräfte gleich sind. ** * Unter dieser schweren, bleiernen Ruhe wuchs Gertrud auf. Sie hatte keine Ahnung von dein, was vorgegangen war. Nur das dumpfe, das ge- waltsam Regungslose fühlte sie und meinte, es müsse so sein. Es lagerte ans ihrem ganzen Jngend- leben, schwer, traurig, ohne Freude, ohne Sonnen- glänz und Lebenslust. Die Aeue Welt. Iilustrirte Unterhaltungsbeilage. 39 Tas Einzige, was Gertrud aus der laugen Zeit ihrer Kindheit mitgebracht hatte, war ihre Freund- schaft zu Paula Lehnert gewesen. Anfangs war es nur ein Nebenhergehen gewesen, eine Beziehung aus Aenßerlichtdten. Sie waren von Kindheit auf zusammen gewesen, hatten im gleichen Hause gewohnt und hatten das Gleiche erlebt. Später aber war es tiefer zwischen ihnen geworden. Paula war eine ganz andere Natur als Gertrud, — sinnig, froh, gntmiithig und nachgiebig. Sie hatte nichts von dem Grübelsinn Gertruds an sich und von deren Mißtrauen gegen Alles und gegen Alle. Sie hatte Gertrud verehrt und sich unter ihren Willen gebengt— und Gertrud hatte Etwas gebraucht, das sie lenken und beherrschen konnte. Dies hatte in ihr das Gefühl der eigenen llnfreiheit gemildert, unter dem sie stets zu leiden hatte. Sie war selten herzlich gegen Paula gewesen, und wenn sie sich je vergessen hatte, so hatte sie ihrer Herzlich- keit einen schroffen, überlegenen Ton gegeben. Nur ganz im Stillen und unbemerkt war eine jähe Liebe zu dem sonnigen Kinde in ihr aufgestiegen, eine Liebe, deren sie sich schämte, die sie aber glücklich machte. Paula hatte Freude gehabt an Gertruds tollen und eigenartigen Einfällen; sie hatte ihren kalten und klaren Verstand bewundert. Freilich hatte sie nicht geahnt, daß diese Kälte ein Kleid sei, hinter dem sich wilde und unterdrückte Gefühle verbergen. Sie hatte Gertruds Wesen als etwas Hervorragendes genommen, das ihr fehle und das sie nachahmen müsse. So wurde Gertrud, als Beide heranwuchsen, gleichsam Paulas Lehrerin, diese aber ein Mittelding zwischen Freundin und Sklavin. Da zerstörte der Tod diese seltsame Freundschaft. Paula war sechzehn Jahre alt geworden, da fing sie plötzlich zu kränkeln an und mußte sich eines Tages zu Bett legen. Es war ihre letzte Krankheit. Jni Winter um die Faschingszeit starb sie. Für Gertrud war das ein harter Schlag. Sie stand an dem Sarg ihrer Freundin und konnte nicht begreifen, wie so Etwas möglich sei. Damals er- schien ihr zum ersten Mal das Leben wie ein bitteres Geschick, und sie wäre gerne mit Jener gestorben. Thräncn aber hatte sie für die Verstorbene keine; auch nicht, als man draußen auf dem Friedhof stand und Alle weinten und der blumengeschmiickte Sarg in die Erde hinabglitt. Tie Räthin hatte sie mit erstaunten, bösen Blicken angesehen. Auf dem Nachhauseweg sagte sie: „War Dir Paula denn so wenig Werth?" Gertrud erwiderte kalt: „Sie ist ja doch todt!" Sie meinte, mit Thränen wecke man das junge Leben nicht wieder auf. Die Räthin aber dachte »nt tiefem Grimm für sich, daß ihr Kind häßlich geartet sei, roh und lieblos.— So wie er! dachte sie. Aber es war die Zeit vorüber, wo sie sich noch mit einem Wort an diese Lieblosigkeit gekehrt hätte.—— _ Seitdem wurde Gertrud verschlossener denn je. Tie empfand es als eine Ungerechtigkeit und Sinn- losigkcit des Schicksals, daß es ihr das Liebste ge- wubt hatte, was sie besaß. Warum gerade ihr? Es wollte ihr immer mehr scheinen, als nähme sie knie Ausnahmestellung ein und als laste auf ihr kin trübes und unheimliches Geschick. Sie dachte un Paulas Tod und fragte sich: Wozu hat sie über- Haupt gelebt? War es nicht sinnlos, dieses Leben? Lebt man deshalb, um in der Jugend wegzusterben, — früher, viel früher, als das Leben beginnen kann, das wirkliche Leben der Zukunft? Und sie dachte an ihre Mutter, die alt sei, an diese Frau, mit der sie Nichts verband— und tief in ihr stieg der Wunsch auf, es wäre die Mutter anstatt der Freundin gestorben! Dann wieder erschrak sie über ihr Denken und kam sich schlecht und verworfen vor.———— In all diesen Jahren aber hatte es keinen Kon- skikt mehr im Hause des Rathes gegeben. Allmälig stunipfte auch die Erwartung des Hasses ab— friedlos, aber gleichgültig wurden die Seelen der Gatten. Blau mied sich, weil man sich fürchtete, über die Furcht verlor jede äußere Ursache. Die Räthin widmete alle ihre Gedanken der sorgfältigen Erziehung Gertruds. Es lag keine Freude für sie darin, aber doch jene Linderung, die mit jeder Art von Thätigkeit verbunden ist. Jahre vergingen. Nichts änderte sich. Der Rath hatte sein Amt ausgeben müssen, nicht weil er es wollte, sondern weil es ihm nahe gelegt worden war. Man hatte ihn in der letzten Zeit nur noch seiner rastlosen, unermüdlichen Arbeitskraft wegen geduldet. Aber er war nicht beliebt; bei keinem Blenschen, am wenigsten unter seinen Kollegen. Endlich sah man sich, nachdem seine Dienstzeit voll war, gezwungen, seine Pensionimng zu beantragen. Das war ein schwerer Verlust für den alten Mann, der schwerste, den er hätte erleiden können. Damit fiel Alles in ihm zusammen, was er sich als Sinn und Zweck seines Lebens aufgebaut hatte. Um diese Zeit war es, daß sich Frau Hertha Karst in der Hauptstadt niederlassen wollte. Sie war eine Schwester des Rathes, aber fast um zwanzig Jahre jünger als er. Zwischen der Räthin und ihrer Schwägerin, die in früheren Jahren nur selten zusammengekommen waren, bestand eine stille, uneingestandene, aber tiefe Feindschaft. Einen richtigen Grund dafür wußte Gertrud, die sich auf die Ankunft ihrer Tante sehr fteute, nicht. Aber sie vermuthete, daß es die Ver- gangenheit Herthas sein müsse, an der ihre Blutter Anstoß nahm. Sie hatte hier und da aus den Gesprächen bei Tisch ein Wort aufgefangen und daraus geschlossen, daß Tante Hertha ein seltsames und abenteuerliches Leben geführt haben müsse. Einmal, kurz vor Ankunft Herthas, hatte es eine erregte Szene zwischen den Eltern gegeben, in der die Räthin erklärte, es wäre besser, dieses emanzipirte Weib, diese Weltbeglückerin bliebe dort, wo sie bisher gewesen. Es werfe kein gickes Licht auf die Familie und man niiißte auch Rücksicht auf den Bekannten- kreis nehmen. Mit bösem Blick fügte sie hinzu: „So klein er auch leider dank den Verhältnissen sei." Der Rath, der sonst wenig sprach, hatte diesmal gereizt erwidert: Erstens sei Hertha seine Schwester und er wisse nur zu gut, daß man an seiner Fa- nnlie stets etwas auszusetzen habe. Dann aber habe Niemand das Recht, Herthas Leben und ihre Handlungen zu kritisircn. Mögen nur Andere zu- sehen, wie eS mit ihnen bestellt sei. Auch könne man keinem Menschen verbieten, sich anzusiedeln, wo er wolle. Künftighin aber wünsche er mit solchen Erörterungen verschont zu bleiben. Dabei schlug er auf den Tisch, daß die Teller und Gläser klirrten. Die Räthin wurde ganz blaß. Nach einer Weile fragte sie kalt und höhnisch, ob vielleicht jetzt die Anfälle aus früherer Zeit wieder beginnen wollten. Der Rath gab keine Antwort mehr und ging rasch aus dem Zimmer. Gertrud hatte Alles mit angehört, aber sie wurde nicht klug daraus. Ilm so begieriger war sie, ihre Tante kennen zu lernen. Endlich kam Hertha an. Bei dem ersten Besuche empfing sie die Räthin niit süßlicher, lauter und übertriebener Freundlichkeit, die Gertrud seltsam genug fand. Sie saß still und beobachtend auf ihrem Stuhle und wartete, bis die Umarmungen ein Ende haben würden. Sie betrachtete Hertha und empfand vom ersten Augenblicke an eine tiefe Synipathie zu dieser schlanken, zarten Frau mit den edlen, ansgereiftcn Zügen, mit dem weichen, seidenweichen braunen Haar und den großen, dunklen Augen, in denen so viel Milde und Schmerz und reise, stille Erfahrung lag. Ties war im letzten Frichjahr gewesen. Seitdem hatte sich Gertrud immer inniger an Hertha an- geschlossen. Sie fand in ihr einen reichlichen Ersatz für all das Traurige ihrer Kinderzeit. Es söhnte sie mit dem Schicksal wieder aus und sie empfand in dem Umgang mit Hertha einen tiefen Frieden und ein Gefühl von innerer Sicherheit. Die Uu- ruhe, die sie oft verzehrt hatte, die Unzufriedenheit, die an ihr genagt und ihr jede frohe Stunde ver- bittert hatte, wichen von ihr. Sie wurde sanfter und milder. Und es war ihr, als öffne sich vor ihren Augen eine neue, ungekannte Welt. Sie sah anders, als sie früher gesehen. Sie sah Glück und Freude und Hoffnung dort, wo für sie bisher nur trübe und lastende Trauer war. Sie sah Menschen, die gut und milde sind, froh und stark, Menschen mit lichten, freudigen Seelen. Es kam ein großes Glück über sie: der Glaube an das Leben und an den Werth des Lebens. All die vielen Erscheinungen, die zuvor wirr und ohne Zusammenhang, sinnlos und flüchtig an ihr vorübergezogen waren, all die Erscheinungen, vor denen sie zuvor fragend und betroffen gestanden war, ohne eine Lösung zu finden, vereinigten sich jetzt in ihr zu einem Ganzen, und sie empfand eine große Harmonie in Allem, tvas sie umgab. Das bange und schmerzliche Gefühl aber, das sie früher oft beschlichcn hatte, wenn sie auf Fragen ohne Lösung und Ende traf, machte nun einer stillen und bewußten Ruhe Platz. Klar und offen bot sich ihr nun die Welt dar, die sie stüher nur mit dumpfem Mißtrauen und geheimer Scheu wie von ferne be- trachtet hatte. Hertha, welche diese Uniwandlung in Gertrud hervorgebracht hatte, war viel in der Welt herum- gekommen. Ohne Ziel und unstät war sie nach dem frühen Tod ihres Mannes, eines Wüstlings und Säufers, von Land zu Land geirrt, und was sie erlebt und was sie gesehen, das hatte in ihr ein großes und reiches Weltbild geschaffen. Und sie hatte nach einer kurzen und traurigen Ehe ihr Leben dem Dienste der Btenschheit geweiht, der Mensch- heit, deren Leiden und deren Sorgen, deren Qual und Elend und Unfreiheit sie allerorten gesehen hatte. Es mochte wohl ein geheimer Zusammenhang zwischen Herthas Leben und ihren Handlungen, und dem Leben und den Handlungen ihres Bruders be- stehen. Es war, als wollte die Natur in ihr gut machen, was sie an Jenem verschuldet hatte. Und so war sie draußen in der Ferne zu einer Predigerin geworden, zur Predigerin eines neuen Glaubens, eines neuen Lebens, zur Predigcrin der Befreiung der Menschheit aus den Fesseln einer alten Sitte und einer überlebten Weltordnung. Aber auch zu einer Märtyrerin ihres Bernfes war sie geworden, und das schien es, was ihr die Räthin nicht ver- zeihen konnte.—— Und als sie nun in die Hei- math zurückgekehrt war, um den Rest ihres Lebens in Stille und Einsanikeit zu verbringen, da lernte sie Gertrud kennen, und diese sollte gleichsam die Erbin ihres Geistes und ihres Lebenswerkes sein. Zu all den großen inneren Veränderungen, die Gertrud in kurzer Zeit durchgemacht hatte, kam noch Eins— eine neue Liebe, ein neues Reich: die Natur. Auch dies hatte sie von Hertha. Sie hatte es früher nicht besessen, hatte nicht geahnt, daß es eine solche Liebe geben könne. Ein Stein war ihr ein todter Stein gewesen, ein Baum ein stummer Baum. Sie hatte das Leben darin nicht gesehen und keinen Zusammenhang all dieser Erschcinnngs- formen des Lebens mit ihrem eigenen Denken und Fühlen. Sie hatte nicht begriffen, daß sie sich selbst erkenne in ihrer Erkenutniß der Natur. Nun aber bemerkte sie an Hertha, daß diese jede Blume liebe, daß sie an keinem Stück Natur achtlos vorübergehe. Da erwachte in ihr die neue Empfindung, die neue Liebe. Sie begann in ihrer Umgebung zu sehen, mit hellen, offenen Augen, und sie verlor das Eiusamkeitsbewußtsein in ihrer Betrach- tung der Umwelt. Das Band der Zusammengehörigkeit mit Allem wurde gefestigt und plötzlich empfand sie sich selbst als ein Theil dieser großen, unendlichen Natur, die um sie glühte und prangte in tausend- fältigen Farben und Formen. Aber je reicher und tiefer ihr Empfindungsleben wurde, desto seltsamere Gestalten nahm die Sehn- sucht in ihr an: die Sehnsucht nach dem Unbekannten, Großen, ohne das sie sich die Welt und das Leben garnicht denken konnte, ohne das ihr die ganze Harmonie im Leben wie etwas Zweckloses erschienen wäre,— die Sehnsucht nach jenem Großen, das sie ahnte, von dem sie aber nur wirre und dunkle Vorstellungen hatte.—— Die Räthiu war anfangs über den Verkehr zwischen Gertrud und Hertha empört gewesen. Sie 40 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. hütete sich zwar, es zu erwähnen, denn sie hatte vor Hertha eine gewisse Scheu, die ungebildete Frauen vor jedem höheren und schärferen Äeisle haben, viel- leicht auch die Scheu der Beaintengaltin vor Einer, die dem Volke und dem Leben des Volkes nahe stand. Herthas stolze Ruhe und ihre stets gleiche, stille Freundlichkeit imponirten ihr. Aber um so tiefer war der innere Groll. Sie sah in Hertha nicht blos die Revoluticnärin, wie sie sie nannte, sondern auch eine Rivalin, die ihr ihr K ind streitig machte; sie sah, daß Hertha im Laufe von wenigen Btonaten errungen hatte, was sie in all den langen Jahren nicht zu erringen vermocht hatte: Gertruds Liebe. lind auch ihr Hast gegen Gertrud fand neue Nahrung. Seit sie es aufgegeben hatte, sich mit dem Mädchen zu beschäftigen, seit sie berechtigt zil sein glaubte, das Joch der Erziehung abzuschütteln, empfand sie fast eine geheime Freude daran, zu sehen, dast Gertrud durch den Verkehr mit„Jener" in ihrer Meinung verdorben würde. Sie hatte die Ueberzeugung, daß Herthas Einfluß auf das junge Geschöpf und der neue Geist, den sie ihm einpflanze, nur ein schädlicher sein konnte. Aber es lag ihr nichts daran. Ntochte sie verderben! Sie sah darin zugleich eine Strafe für den Undank ihres Kindes und eine gerechte Strafe der Natur für ihre ver- kannte Mutterliebe. Doch mit jedem Tage gestaltete sich die Freund- schaft der Beiden zu einer innigeren. An den lauen Frühlingsabenden gingen sie oft Arm in Arm durch die weiten Buchenauen an dem Ufer der Donau und begierig lauschte Gertrud auf die Erzählungen ihrer Lehrerin. Hertha erzählte viel aus ihrem Leben. Sie sprach von dem, was sie gesehen und gethan hatte, leise und ohne Prunk. Schlicht klangen alle diese kleinen und großen, traurigen und ernsten und freu- digcn Episoden, die sie Gertrud wie einer Schwester mittheilte. Es lag etwas Stilles und Klares über Allem, was sie sagte, und sie sagte es mehr für sich, als für die Andere.(Fortsetzung soigt.) Auch ein Revolutionär! Von Dettc«. (Zu unseren Bildern.) nf dem Sathonayplahe der südfranzösischen -ladt Lyon erhebt sich die bronzene Figur eines Mannes, dessen Ruhm länger als das Erz des Monnments seine in tausend und aber- tausend Exemplaren über die Welt verbreiteten Werke künden werden. Und dieser Mann, in dem das durch ihn reich gewordene Bürgerthum einen Revolutionär zu ehren sich gezwungen sah, ist Joseph Marie Jacquard. Geboren am 7. Juli 1752, eben i» Lyon, hatte er bereits als Kind hart mit des Lebens Roth zu kämpfen. Im frühesten Alter schon sehen wir ihn in einer Seidenstofffabrik sein täglich Brot verdienen, und wenn wir uns erinnern, in welch unmenschlicher Weise besonders in der ersten Hälfte unseres Jahr- Hunderts die Arbeitskraft zarter Kinder ausgebeutet wurde, so können wir uns ungefähr eine Vorstellung machen, wie es dem kleinen Jacquard damals er- gangen sein mag. Nach diesen ersten Erfahrungen in der Schule des Lebens erlernte der Knabe das Buchbinderei- gewerbe, dem er jedoch nicht treu blieb. Er versuchte sich eine Zeit lang als Schriftsetzer und kehrte schließlich wieder zu seinem ersten Beruf, der Seidenweberei, zurück. Und hier schien er Glück zu haben: denn im Jahre 1772, als Zwanzigjähriger also, gelang es ihm, sich selbstständig zu machen. Allein sein Glück war nicht von langer Daner; Jacquard verlor vielmehr Alles, was er in seinem Unternehmen, Herstellung von gemusterten Seiden- stoffen, angelegt hatte, und wurde so arm, daß er er in einem Gypsbruch in der Nähe Lyons Arbeit nehmen mußte. Dann kam das Jahr 1793 und mit ihm die Kapitulation seiner Vaterstadt vor der sie belagernden Armee des Nationalkonvents. Jacquard, der als Mechaniker an der Vcrtheidigung regen An- thcil genommen hatte, mußte flüchten und thar bis zum Jahre 1795 Dienste in der Rheinarmee. Nach 1795 kehrte er jedoch wieder nach Lyon zurück und widmete sich hier nun ganz dem schon 1790 aufgenommenen Versuche, einen Mechanismus zu schaffen, der die bei den Zngsriihlen für ge- musterte Seidenstoffe nothwendige Hand des so- nannten Ziehjungens entbehrlich machen sollte. Die Aufgabe dieses Ziehjungen bestand nämlich darin, die Schnüre zu bedienen, durch welche die Kettenfäden des Gewebes je nach dem Einschuß, den das Muster erforderte, gehoben, beziehentlich ge- senkt wurden. Das Problem, eben diese Arbeit auf mechanischem Wege zu leisten, fand durch Jacquard nun im Jahre 1802 eine vorläufige Lösung. Denn nachdem Jacquard für die Konstruktion einer Netzstrickmaschine 1804 die goldene Btedaille und zugleich einen Ruf an das Pariser Konservatorium der Künste und Handwerke erhalte», lernte er von dem berühmten französischen Mechaniker Vancanson(spr. Wokanßong) erfundenen Apparat zum Mnsterweben kennen, und wurde durch dessen Idee zu einer völligen llmgestaltung seiner 1802 konstruirten Maschine angeregt. Mehrere Jahren eifrigen Studinnis führten Jacquard, der sich ivohl an Vancansons Apparat anlehnte, aber doch auch wieder völlig selbstständig und originell arbeitete, denn auch schließlich zu einem so überaus glücklichen Ergebniß, daß die 1808 neu- entstandene Maschine bereits vier Jahre später in seiner Hcimath in zirka 18 000 Exemplaren ver- breitet war. Es ist selbstverständlich unmöglich, ohne Tafeln, die den Mechanismus ini Dötail veranschaulichen, hier eine eingehende Schilderung der nach ihrem genialen Erfinder genannten Jacquardmaschinen zu entwerfen. Wie bei allen derartigen Versuchen, komplizirte Mechanismen mit bloßen Worten zu erklären, wäre Denen, die mit dem Herstellungsprozeß von Geweben nicht vertraut sind, wenig oder nichts geholfen. Aber andeuten müssen wir darum das, was die Jacquardsche Erfindung zu einer so epochemachenden für die Textilindustrie gemacht hat, doch. Es besteht dies im Wesentlichen in der Ein- fiignng des sogenannten Harnisches in die bis zu Jacquards Zeit üblichen Schaftmaschinen. Was hat es aber nun mit diesem ans jeden Web- stuhl übertragbaren Apparat für eine Bewandtniß? Es ist ein die ganze Kette, d. h. die Längs- fäden des Gewebes überstehendes Brett(Chorbrett), das so viel Löcher enthält, als Kettenfäden vor- Händen sind, und diese durch jene Löcher hindurch- gehen läßt. Oberhalb des Chorbrctts enden die Fäden, welche gleichzeitig gehoben werden sollen, in stärkeren Schnüren (Korden), die wieder mit den sogenannten Platinen, kleinen aus Holz oder Stahldraht gefertigten, hacken- förmigen Maschinentheilen verbunden sind. In diese letzteren greift alsdann eine, mit dem Ausdruck Messer bezeichnete Schiene ein, die mit dem sie umschließenden Messerkasten mittelst eines Hebelwerkes in die Höhe gebracht wird. Da nun aber bei jedem Muster jeweils nur bestimmte Fadenkomplexe und somit auch Platinen zu heben sind, so müssen andere, sollen sie nicht das- selbe Schicksal erfahren, aus der Schiene ausgeschaltet werden. Um das zu bewerkstelligen, hat man jede ein- zclne Platine durch die Oese einer wagerechten Nadel gesteckt, die mit Hülfe einer Feder die Platine auf- recht, d. h. in einer Lage erhält, bei der sie bei jedem Heben der Schiene mit in die Höhe genommen werden muß. Diese Nadeln aber stoßen mit ihrem einen Ende wieder auf ein sogenanntes Prisma ans, das sie erst jenen Druck ans die Platinen ausüben läßt. Allein nicht alle Nadeln treffen das Prisma wirklich,>veil für verschiedene Löcher auf der Prismen- fläche angebracht sind. Fällt für diese Nadeln somit der Druck fort, so vermögen sie auch die in der Oese steckende Pla- tine nicht mehr in ihrer vertikalen Lage zu erhalten. Die betreffende Platine, die beweglich ist, neigt sich zur Seite, wird von der sich nach oben bewegenden Schiene nicht erfaßt und die Folge ist, daß auch die mit der Platine durch die Korde verbundenen Fäden nicht gehoben werden. An Stelle des gelochten Prismas hat man dann schließlich dnrchlochte Kasten auf die Prismeufläche aufgelegt und, indem man von ihnen eine an die andere reihte und sie an den Nadeln vorübersührte, die Möglichkeit geschaffen, auf rein mechanischem Wege bald diese, bald jene Platine auszuschalten, bald diese, bald jene Fäden der Kette zu heben. Dadurch aber, und besonders weil bei der Jacquardmaschine jeder Faden seine eigene Platine haben konnte, war man nun in der Lage, die ver- schiedensten Muster nicht nur, sondern auch alle be- licbigen Bilder, Figuren, Landschaften usw. her- zustellen. Diese neue Erfindung aber bedeutete natürlich eine völlige Revolution für die Muslerweberei, und es ist nicht verwunderlich, daß Jacquard, der so mit einem Schlage Tausende von Menschenhänden über- flüssig machte, auf Seiten der bisherigen Stuhl- arbeiter einem außerordentlichen Widerstand begegnete. Freilich, so wenig die Zerstörung dcS erste» (Papinschen) Ruderradschiffes durch Mllndener Schiffer (1707) die Entwickelung des Dampfschiffbanes auf- halten konnte, so wenig war auch jener Widersland der Lyoner Weber von Erfolg begleitet. Die Jacqnardschen Maschinen setzten sich, wie wir bereits gesehen haben, in kürzester Zeit durch, und dies, wenn auch zum augenblicklichen Nachtheile Einzelner, doch zum endlichen Segen der Gesammtheit. Denn, wenn auch heute noch die ungeheueren Fortschritte auf technischem Gebiete Millionen und Abermillionen, mit einem Worte, der großen Masse des arbeitenden Volkes nur erst in ganz geringem Maße zu gute kommen, so wird doch kein moderner, aufgeklärter Arbeiter den Standpunkt jener armen Lyoner Weber theilcn. Im sicheren Bewußtsein, daß er in Zukunft nicht mehr Sklave, sondern Herr des heute kapitalistisch betriebenen Produktionsprozesses sein wird, wird er sich vielmehr keiner Neuerung— auf welchem Gebiet auch immer— entgegenstellen und darum auch in einem Revolutionär wie Jean Marie Jacquard alle- zeit einen segensreichen Förderer der menschlichen Entwickelung begrüßen. � Aus dem Uaxierkorb öer Zeit.\:l) 6— Zu unserem Gedicht. Ter Verstorbene, dem der Dichter das ergreifende Lied widmet, ist ein Ungläubiger, ein moderner Heide, der ans Kgend einer Laune— war es Protest gegen das Chriftcnlhnni oder lediglich die Freude am Schönen?— auf nordischer Klippe einen altgriechischen Tempel erbaut yatte. Hier brachte er ans bronzener Opferschale seine Opfer dar, oder, wie da" Dichter sagt, er sandte dem Griechcngolt Jens in Odins, des germanischen Himmelsgottes, Flockciqaal den Ranch empor und begrüßte so gleichsam die Slscn, d. h. die all- germanischen Götter im Olymp, in der Wohnung der hellenischen Götter, d. h. er verschmolz die Tiefe alt- germanischer Ratursnmbolik mit dem Schönheitsknltus der Hellenen. Im llebrigen wollen wir die Schönheiten des Gedichtes, die für sich selbst reden— cS ist wohl das erste und einzige, das eine moderne Leichenverbrennung zum Gegenstände hat— nicht durch Anmerkungen und Erläuterungen verunzieren. Aus öem Iotizbuche eines Ietrachtenöen. Von ZcotuS. Allen, die über den„Willen des Volkes" spotten, muß man entgcgcnrnfen: Wer war es, der das Volk durch Jahrtausende willenlos gehalten hat? Ihr spottet also über die Schandthatcn Eurer eigenen Klasse. Nachdruck des Inhalts verboten? ?lUe für die Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Edgar Steiger, Leipzig, Elisenstraße vu, richte». Veranlwortl. Redakteur: Edgar Stetger, Leipzig,— Verlag: Hamburger Vuchdruclcrei u. Berlagsanstali Auer Sr Go., Hamburg.— Trucl: Max Babing. Berlin.