Nr. 6 �Säufivivic 3Cn£crHaUun0sbcUa0e; 1898 @�=. K e i m a t H. Von John Hcirry Mackay. Hhr klammert Luch in kleinlichen Tedanken Heil Luch!— so mögt Ihr dort Luch auch begraben, An jenes Land, wo Lhifall Luch gebar. Genügsam und zufrieden, klein und klug! And fühlt Luch wohl in seinen engen Achranken. Doch Jene, welche Blut im Herzen haben, Tb menschlich jemals solche Liebe war? Hie fühlen solche Grenzen nur als Kluch! Aie lieben auch die Hcimath, doch sie breiten Aach außen kräftig ihre Arme aus, Und wenn sie heimwärts dann die Achritte leiten, Wird ihnen zum Gefängniß nicht ihr Haus! Der �13 U t Irr er b a u er. Roman von Wilhelm von Polenz. -(Forlsetzung.) |er Bauer ließ die Hand von der Stim sinken; jetzt brauchte er sie vor den Sonnenstrahlen nicht mehr zu schützen. Er wischte mit den: Aermel über die Augen hin und schneuzte sich. Toni kam aus dem Hause und meldete dem Vater, das Essen stehe auf dem Tische. Vom Felde her zog Karl mit den Pferden herein. Der alte Bauer meinte, sie sollten mit dem Essen immer an- fangen ohne ihn, er habe noch mit deni fremden Herrn zu sprechen. Hauptmann Schroff erschien nach einiger Zeit, er blickte mißmuthig drein.„Es war nichts damit!" rief er dem Alten schon vom Hofthore entgegen. »Sie haben Recht behalten, Büttner. Ihr Schwager Kaschel— nun, ich will nichts weiter sagen. Ich bedanre Sie, Mann!— Aus dem Dismembrations- plane kann nun nichts werden. Da bleibt nur noch eins übrig: mein Graf kauft Ihnen das ganze Gut ab, zahlt die Gläubiger aus, behält sich den Wald und läßt Sie als Pächter Zeitlebens auf Hof und Feldern sitzen. Einen anderen Weg sehe ich nicht!" Da verfärbte sich das Gesicht des Alten. Er richtete sich zu seiner ganzen Höhe auf, und seinen knochigen Arm ausstreckend rief er zornig: „Sahn Se den Misthaufen durte? Lieber durt druffe verrecken, aber's Gutt gah' ich nich har!" VI. Frau Katschner und ihre Tochter, Pauline, hatten Scheuerfest. Frau Katschner hielt auf Sauberkeit und Ordnung in ihrem kleinen Hause. Sie war viele Jahre lang als Küchenmagd auf dem Rittergute gewesen. Von daher stammten ihre Manieren oder, wie man in Halbenan sagte, die„Benehmiche", durch w sie sich von den anderen Dorflenten günstig ab« hob. Eine Photographie der Gräfin, ihrer ehemaligen Herrin, hing an der Wand, an besonders sichtbarer Stelle. Ihre feinere Lebensart hinderte die Wittwe jedoch nicht, gewöhnliche Arbeit zu verrichten, wie jede andere brave Halbenauerin. Es war Sonn- abend, der Tag, an welchem in einem ordentlichen Haushalte gereinigt wird. Frau Katschner hatte gleich ihrer Tochter die Röcke hoch aufgebunden, sie schweifte mit einem Hader die Diele. Pauline handhabte, am Boden knieend, die Scheuerbürste. In der Mitte des Zimmers stand ein Holzfaß, dessen Inhalt bereits eine granbraune Färbung an- genommen hatte. Panline wollte eben eine neue Fahrt warmes Wasser aus der Pfanne herbeiholen, als ihr Blick, der sich zufällig durchs Fenster in den Garten gewandt hatte, dort durch etwas Ungewöhn- liches gefesselt wurde. „Mutter! Re, sahn Se ack! Zu uns kimmt a Gescherre nuf, gerade ibern Garten. Ja, Himmel, ich glebe, das sein de Kontessen, Mutter!" Frau Katschner sprang ans Fenster.„De Kon- tessen, Herr Jedelt!— Nu seder aber, Madel!" Sie ließ sofort ihre Röcke herab, fuhr in die Holzpantoffeln, trieb das Wasser, das in einer großen Pfütze auf der Diele stand, mit einem Borstwisch in die Ecke und schaffte das Waschfaß hinter den Ofen. Das alles war das Werk von kaum einer Minute. Schon klopfte es ans Fenster. Draußen hielt ein niedriger Korbwagen, darin zwei junge Damen. Die eine hatte soeben mit dem Peitschenstiel gegen die Fensterscheibe gepocht.„Ist wer zu Hause hier?" hörte man eine helle Stimme rufen. „Ich wer' naus gihn, Pauline!" sagte die Wittwe.„Mach Du Dich derweilen a Bissel zu- rechte, hierst De! Zieh Der Strimpe an, und a frisches Halstichel, verstiehst De! Ich wer se schun su lange Hinhalen— gieh, feder ack!" Panline, die sich merkwürdig befangen und unschlüssig gezeigt hatte, von dem Augenblicke an, wo die Komtessen in Sicht gekommen, folgte dem Winke der Mutter und verschwand in ihrer Kammer. Frau Katschner schob das Schiebefenster zurück, das nach dem Garten hinaus führte. Sie brach in freudige Rufe des Staunens ans:„Re aber! Re so was! De gnädigen Kontessen selber! Ich werde sogleich herauskommen." Die Damen waren aus dem Wägelchen ge- stiegen. Eine von ihnen hatte die Zügel geführt, jetzt warf sie die Leine dem Groom zu, der hinter ihnen auf der Pritsche gesessen hatte. Die Komtessen waren gleich gekleidet, in hellen Stoff, und trugen breite Strohhüte nnt bunten Bändern. Wanda, die jüngere und größere von Beiden, war brünett, mit rassigem Gesicht, in dem adeliges Selbstbewußtsein ausgesprochen lag. Ida, die ältere, ein Mädchen von schmächtiger Gestalt, mit durchsichsiger Hautfarbe und hellem Haar, zeigte weichere Züge. Ihre füllen großen Augen und der feine Mnud klangen zu eigenartig melancholischer Wirkung znsamnien. Frau Katschner erschien in der Thür und machte ihren schönsten Knix, wie sie ihn sich ehemals auf dem Schlosse abgesehen hatte. „Wir wollten Sie mal besuchen, Berthai" rief Komtesse Wanda, welche eben darüber war, mit Hülfe des Grooms den Pony auszusträngen.„Ist übrigens ein eklig schlechter Weg hier herauf. Bei einem Haare hätten wir umgeschmissen.— Kann der Pony hier grasen, Bertha?" Frau Katschner betheuerte unter fortgesetztem Knixen, daß hier Alles den gnädigen Komtessen ge- höre, und daß es ihr eine Ehre sei, wenn der Pony in ihrem Garten Futter annehme. Nun trat sie an die jungen Damen heran und versuchte, ihnen die Hand zu küssen, was Jene aber zu verhindern wußten. 42 Die Aeue Äelt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Ist Pantine zu Haus?" ftagte die ältere Komtesse. „Jawohl, Kontesse Ida! Wenn die Dame« so pädig sein wollen und eintreten... es sieht frei- lich ein wenig iniordentlich aus bei uns." „Kennen wir schon, Bertha! Faule Ausreden!" rief die Jüngere.„Sie behaupten immer, daß es unordentlich aiissieht bei Ihnen; dabei ist es das reine Schmnckkästcheil. Ich wünschte blos, bei uns wäre es immer so ordentlich— was Ida?" „Ach, Tn großer Gott, Kontesse Wando! Die gnädigen Damen müssen nur verzeihen, wenn man eben arm ist!— Ordnung und Reinlichkeit, das kostet kein Geld, sage ich imnier. Auf dein Schlosse, bei der gnädigen Herrschaft, da hatte ichs freilich besser, als jetzt. Das war ein ander Ding— dazumal!" „Ja, sehen Sie, Bertha! Das konimt Alles nur vom Heirathen!" meinte Wando, die unter ihresgleichen berüchtigt war für ihre kräftigen Be- merkungen, und die sich etwas zu Gute that darauf, daß sie Alles heraus sagte, was ihr gerade in den Sinn kam. „Ja, ja! die gnädige Kontesse können schon Recht haben, mit dem Heirathen is es manchmal nich immer was Gescheits. Obgleich ich mich nicht beklagen kann. Mein Mann is eben todt, Gott Hab ihn selig! Aber man hat viel Sorge davon und Aerger noch obendrein. Ne, ne! Wer gescheit is, gnädige Kontesse, da haben Se sehr Recht, der hcirath' sich keenen Mann!" Unter solchen Reden war man ins Haus ge- treten. Hier sprangen ein paar Kaninchen hinter einen Bretterverschlag. Wando wollte eines der Thiere erhaschen, aber das Thierchen war flinker als sie. Frau Katschner, die Paulinens wegen jetzt noch nicht das Zimmer betreten wollte, fand hierin eine günstige Gelegenheit, die jungen Damen noch länger im Hausflur zu halten. Sie öffnete das Ställchen. In einer dunklen Ecke nnter einer Henbucht erblickte man eine ganze Kaninchenhecke. Wanda rief:„Pfui Deibel, wie stinkt's hier!" lief aber nichtsdestoweniger in den Verschlag hinein und zog einzelne Thiere an den Löffeln heraus. Frau Katschner mußte ihr sagen, welches Männchen und welches Weibchen seien. Als das Interesse hierfür erschöpft schien, hielt es Frau Katschner für angezeigt, die Damen in das Wohnzimmer zu führen. Pauline kam jetzt zum Vorschein aus ihrer Kammer, mit gesenkten Augen, über und über erröthend. Ihre Befangenheit war womöglich noch größer, als zuvor. Pauline war in früheren Zeiten ein gelegent- licher Gast auf dem Schlosse gewesen, als Spiel- geführte für Komtesse Ida, mit der sie ungefähr in gleichem Alter stand. Damals war man ver- traut gewesen miteinander, nach Weise von Kindern, bei denen sich der Standesunterschied nicht so stark bemerkbar macht. Frau Katschner hatte der Tochter zwar imnier die größte Devotton gegen die Herr- schaftlichen Kinder eingeschärft, aber beim Spiele ivar die künstliche Schranke der Ettkette oft genug überschritten worden. Inzwischen hatten die beiden Komtessen eine Pension für freiadelige junge Mädchen besucht, aus der sie vor einem Jahre als fertige junge Damen entlassen worden waren. Sie hatten ihren ersten Winter in der Berliner Gesellschaft hinter sich. Seit Jahren hatten sich also die ehe- maligen Spielgefährten nicht mehr gesehen. Auch Ida erröthete bis unter das blonde Haar, als sie Pauline jetzt die Hand reichte. Einen Augen- blick hatte sie erwogen, ob sie das Mädchen um- armen solle. Aber dann fürchtete sie, es könne ge- macht aussehen und wie Herablassung wirken, und so ließ sie es lieber bei einem Händedruck bewenden. Wanda hingegen stellte sich vor Pauline hin und musterte sie von oben bis unten.„Diese Pauline!" rief sie.„Was das für ein Weib geworden ist. Wie eine Frau sieht sie aus, wie die reine Frau! Garnichts vom Mädel mehr!" Paulinens Hals, Wangen und Sttrn färbten sich purpurn. Die Komtesse ahnte nicht, welchen Sinn Jene ihrer Bemerkung unterlegen mußte. Frau Katschners Vermittlertalent half über diesen kritischen Moment hinweg. Sie sprach und fragte, machte auf Dieses und Jenes aufmerksam, forderte die Damen zum Sitzen auf. Sie erzählte aus jetziger und früherer Zeit, wußte ihre devote Gesinnung gegen die Herrschaft in das rechte Licht zu rücken. Mit ihrer Bewunderung für die Erscheinung der Kom- tessen hielt sie nicht zurück. Sie war eine Meisterin in der Dienstbotenschineichelei. Durch gelegentlich ein- geworfene Fragen verstand sie es übrigens auch, die jungen Damen zur Aussprache zu bringen, so daß sie bald allerhand für sie Wissenswerthes in Er- fahrung gebracht hatte. Pauline saß stumm dabei und rührte sich kaum. Auf dem Mädchen schien irgend etwas zu lasten. „Famos ist es hier!" rief eben Wanda.„Ueber- Haupt, die sogenannten armen Leute haben es doch garnicht schlecht!"' Da erhob sich in der Kammer neben ein jämmerliches Ouiecken. Pauline wurde sehr unruhig und selbst Frau Katschner warf einen besorgten Blick nach jener Thür. „Was haben Sie denn da drinne? Junge Katzen?" fragte Wanda. Sie schien große Lust zu verspüren, dein Gmnde des Lärmes sofort nach- znforschen. „Ach, das ist ja das Kind!" rief Frau Katschner. „Gnädige Kontessen müssen entschuldigen!" „Was! Habt Ihr hier kleine Kinder?" Pauline saß wie mit Blut Übergossen, die Augen in den Schooß gerichtet. „Wir wissen eigentlich selbst nicht recht, wie wir zu dem Kinde kommen," sagte Frau Katschner.„Da habe ich eine Schwester, von der is der Mann ge- storben, und da is eine Tochter, die hat geheirathet, und sehen Sie, der is der Mann davongelaufen. So ein Lump! nicht wahr? Na, ich hab's ja vor- her gesagt! Aber, wer nicht hören wollte.... Also, von der is das Kind.— Das anne Ding haben wir derweilen bei uns aufgenommen, weil die sich einen Dienst sucht. Das is der ihr Kind, ja!" Pauline sah ihre Mutter erschrocken an, ob der Lüge. Das Mädchen war auf einmal ganz bleich geworden. Gut, daß Wanda das Gespräch sofort an sich riß und über durchgebrannte Männer und kleine Kinder mit Kennerniiene zu sprechen begann. Pauline schlich derweilen aus dem Zimmer. Gleich darauf hörte man sie in der Kammer das schreiende Kind benihigen. „Na, und sehen Sei" fuhr die Wittwe voll Eifer fort,„was meine Pauline is, die hat Sie das Kind doch nu so lieb gewonnen, als wäre's ihr eigenes. Wie eine zweite Mutter, mechte man sprechen, is das Mädel zu dem Kinde." „Darf man das Kleine einmal sehen?" ftagte Ida. Frau Katschner lief ins Nebenzimmer und sprach dort halblaut ein paar Worte mit ihrer Tochter. Bald darauf kamen beide Frauen ins Zimmer zurück. Pauline trug den Jungen auf dem Arme. Das Kind saß da, einen Finger im Munde, nur mit dem Hemdchen bekleidet, das Aermchen um den Nacken der Mutter gelegt, und blickte die fremden Gesichter fragend und neugierig an. Es war ein dicker gesunder Junge, mit schönen Farben und kenngem Fleisch. Wer Gustav Büttner kannte, mußte dessen Augen wiedererkennen: im Uebrigen sah das Kind Paulinen unverkennbar ähnlich. Die Komtessen verhielten sich sehr verschieden- artig dem Kleinen gegenüber. Wanda war äußerst wortteich, lobte und krittsirte und gab ihrem Miß- fallen Ausdruck, daß der Junge keine geraden Beine habe. Das sei ein sicheres Zeichen für„Englische Krankheit", erklärte sie kategorisch. Frau Katschner hatte zwar noch nie in ihrem Leben von diesem Leiden gehört, der Komtesse zu Gefallen aber that sie, als halte sie das für sehr wahrscheinlich und erkundigte sich, was man dagegen anwenden müsse. Wanda war offenbar nicht ganz vorbereitet auf diese Frage, nach einigem Ueberlegen entschied sie:„Moor- bäder sind das Beste!" Ida betrachtete mzwischen das Kind aufmerksam mit nachdenklichen Augen. Sie lächelte es an, er- griff eines seiner Händchen und versuchte auf diese Weise, Freundschaft mit dem Kleinen zu schließen. Während sich Wanda und Frau Katschner weiter über die Englische Krankheit unterhielten, erkundigte sie sich nach dein Leben und Treiben des Kindes. Pauline thaute dabei ganz auf. Jetzt, wo sie von dem Wichtigsten sprechen konnte, was es fiir sie auf der Welt gab, fand sie ihre gewöhnliche Lebhaftig- keit und Offenheit wieder. Das Eis war gebrochen. Nicht mehr die Komtesse stand vor ihr, sondern eine Frau wie sie, der sie ihr Herz rückhaltlos aus- schütten durfte. Bald mußte Ida Alles über das Kind, seine Angewohnheiten und Liebhabereien. Der kleine Gustav wurde aufgefordert, die paar Worte, welche er angeblich sprechen konnte, auszusagen; wohl aus Acngstlichkeit vor den Fremden versagte er jedoch völlig mit seinen Sprechkünsten. Nach einiger Zeit wurde Wanda ungeduldig, sie zog die Schwester an der Hand; man müsse nun fort. Sie hätten ja noch ein paar„andere Armen- besuche" im Dorfe zu machen. Ida bat Pauline beim Abschiednehmen, sie bald einmal auf dem Schlosse zu besuchen. Dem Kleinen küßte sie die Händchen mit einem innigen Ausdruck in ihren stillen Zügen, wie er kinderliebenden Frauen eigen ist. Der Pony hatte sich inzwischen das Gras des Katschnerschen Gartens schmecken lassen. Wanda legte selbst mit Hand an beim Anschirren. Die Komtessen nahmen im Wägelchen Platz. Wanda ergriff Peitsche und Zügel, der Groom saß hinten auf, und fort ging's den schmalen Weg zur Dorf- sttaße hinab. Pauline brachte das Kind in die Kammer zurück, dann schürzte sie ihr Kleid wieder auf und machte sich schweigend ans Scheuern. Frau Katschner nahm die Arbeit nicht wieder auf, sie beschäftigte sich viel- mehr mit den: Zurechtmachen der Vesper. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick nach der Tochter, forschend, ob die nicht endlich was sagen würde. Pauline bürstete und rieb, als ob ihre Seligkeit davon abhinge, daß die Diele rein würde. Es schwebte etwas Ungelöstes, Schwüles, ein Vorwurf, zwischen Mutter und Tochter. „Willst De ne vaspern, Pauline?" ftagte die Mutter endlich.„Ich ha' der dohie wos zurechte gemacht." „Laßt ack, Mutter! Ich ho' keenen Hunger ne!" sagte das Mädchen und vermied es noch immer, die Mutter anzusehen. Frau Katschner, die am Tische saß, hatte sich ihr Brot mit Quark gestrichen, von Zeit zu Zeit führte sie mit dem Messer ein Stück nach dem Rtunde. Pauline war inzwischen aufgestanden, sie stand jetzt am Ofen, den Zuber vor sich auf der Ofenbank. „Was meenst De wohl, Pauline," begann Fran Katschner von Neuem das Gespräch:„wenn nier's, und mir hätten's den Kontessen derzahlt von Deinen Kleeuen, daß der von Dir is, wos meenst De wohl, wos die fir a Gesichte derzut gemacht haben mechten — haa?" „Ich weeß nich, Mutter!" sagte Pauline nur. Sie wandte der Mutter den Rücken zu und rang mit Aufbietung aller Kraft den Hader aus. „Mit suwas darf man der Art garne kimma. Das verttagen se ne. Do is glei alle. Das kenn' ich. Die Gräfin, su ne hibsche Frau, wie das war, aber wenn a Madel, und se that sich vergossen... ne! Da flog se glei nans. Do gab's nischt uf'n Schlosse. Suwos darf man Denen garnich merken lassen." „De Kontesse Ida is immer su gutt gewast— gegen mich..." meinte Pauline mit stockender Stimme. Das Weinen war ihr nahe.„Nu hon Sie er suwas vurgeradt, Mutter! Ich ho' mich su schämen missen. Su ane Liege! Ne, ich muß mich su sihre schämen, muß ich mich! Grade der Ida, die su gutt is!— Ne, Mutter, das war ne recht vun Sie!" Pauline ließ ihren Thränen freien Lauf. Sie hatte sich auf die Ofenbank gesetzt, die Ellbogen auf die Kniee gestützt und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Frau Katschner war ärgerlich geworden. Sie sei verrückt, warf sie der Tochter vor, sie hält's den Komtessen gleich auf die Nase binden sollen, das mit dem Jungen? Das sei das richttge Mittel, um sich bei solchen Damen beliebt zu machen! Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 43 Komtesse Ida mit ihrer Zimperlichkeit sähe gerade darnach aus, als ob sie dem Jungen dann noch was schenken würde. Und wenn Pauline nächster Tage aufs Schloß gehe, dann solle sie sich nur ja in Acht nehnien mit ihren Reden, daß sie sich nicht etwa verplappere. Pauline hörte kaum mehr auf die Vermahnungen, die ihr die Mutter mit keifender Stinime ertheilte. Schließlich wurde es dem Mädchen zuviel. Sie lief in ihre Kammer, schloß hinter sich zu, nahm den Jungen aus dem Korbe und herzte und küßte ihn ab, unter Thränen. VH. Vor dem Kretscham in Halbenau hielt ein Ein- spänncr. Die Kleidung des Kutschers ließ darauf schließen, daß das Fuhrwerk aus der Stadt komme. Ein rothbärtigcr Mann im grauen Ucbcrzicher und karrirten Hosen stieg aus und befahl auszuspannen. Dann begab sich der Fremde in den Gasthof. In der Schenke befand sich nur Oltilie, die Tochter des Gastwirths. Harrassowitz betrachtete das Mädchen mit jenem spürenden Blick, den er für alle Frauen hatte, mochten sie hübsch sein oder häßlich. „Ist der Herr Papa zu Hause?" fragte er.„Denn Sie sind doch das Fräulein Tochter. Ich bin Samuel Harrassowitz aus der Stadt, Ihr Herr Vater kennt mich." Ottilie zog einen schiefen Mund, was sie immer that, wenn sie verlegen war, und meinte, sie werde nach dem Vater schicken. Sie begab sich in das nebenan gelegene Schnapsgewölbe, wo ihr Bruder Richard mit Umfüllen von Likören beschäftigt war, und sagte ihm, wer da sei.„Ach, Sam!" meinte Richard.„Wer ist denn das?" fragte Ottilie neu- gierig.„Sam is Sani!" erklärte Richard.„Geh, sag mirs doch!"„Thu'n doch selber fragen, dumme Gans!" meinte der liebenswürdige Bruder, streckte dem Miidcheil die Zunge heraus und ging, den Vater zu rufen. Ottilie kehrte ins Gastzimmer zurück. Sie war nun doppelt neugierig geworden, wer der fremde Herr sei. Das Mädchen hatte nicht viel Besseres vor auf der Welt, als sich um Anderer Angelegen- heiteu zu kümmern. Sie war meist unbeschäftigt und hatte Zeit, allerhand Gedanken nachzuhängen, von denen die meisten thöricht waren. Ottilie war groß und mager, mit nnverhältniß- mäßig langem Oberkörper, flacher Brust und heraus- stehenden Hüftkuochen. Weibliche Fülle und Run- dung war ihr versagt. Aber aus ihrer Art, ver- legen zn lächeln, den Kopf bei Seite zu legen und vielsagend dreinzublickcn, sprach Gefallsucht, die, ihrem reizlosen Körper zum Trotze, die Blicke auf sich zu lenken trachtete. Sie hatte wenig vom Bütt- nerschen Blute in sich. Mit ihrer unreinen Haut- färbe, der birnenfönuigen Kopfform und dem fliehenden Kinn war sie eine echte Kaschel. Ottilie machte sich hinter dem Schenktisch zu schaffen. Vielleicht würde der Fremde sie doch noch einmal anreden. Harrassowitz that ihr auch wirklich den Gefallen. „Fräulein, wollen Sie sich nicht ein bischen zu mir setzen: ich bin hier so alleine." Linkisch, mit ihrem scheuen Lächeln, kam Ottilie hinter dem Schenktische vor.„Ich bin so frei!" Damit setzte sie sich an den Tisch. Sam ließ seine Blicke in unverfrorener Weise auf ihrer Gestalt herumkreuzen, während sie mit scheinbar niedergeschlagenen Augen, ihn dabei von der Seite anschielend, dasaß.„Darf ich mir wohl erlauben," sagte er, ihr vertraulich zulächelnd:„Ihre Hand ist noch nicht vergeben?" „Aber ich bitte sehr, mein Herr!" rief sie, von ihm wegrückend, mit einer Miene, der man deutlich absehen konnte, daß ihr die Frage im Grunde genommen garnicht unangenehm war. „Das ist mir eigentlich erstaunlich", meinte er. „Ein solches Fräulein: ledig! Die Tochter des Herrn Ernst Kaschel! Da wüßte ich manchen jungen Herrn..." Zu Ottiliens großem Leidwesen trat hier der Vater ein, und die Unterhaltung wurde an der inter- cssantestcn Stelle unterbrochen. „Guten Tag, Herr Harrassowitz!" „Guten Tag, mein lieber Herr Kaschel!" Die beiden Männer lachten sich an, wie Zwei, die einander genau kennen, und schüttelten sich kräftig die Hände. „Recht lange nicht mehr bei uns gewesen, Herr Harrassowitz." Der Händler blickte dem Gastwirth in die schlauen Augen und meinte, er wolle sich hier draußen nur mal ein bischen nach den„Ernteanssichten" umsehen. — Kaschelernst lachte über diese Bemerkung, als sei das der beste Witz, den er seit Langem gehört habe. Der Wirth schickte Ottilie nach Gläsern, er selbst holte eine Flasche herbei. Den Getreideküinmel müsse Harrassowitz mal kosten, das sei was Extra- feines. Er schenkte ein. Btan sprach über die Feldfrüchte, über Wetter und Viehseuche. Aber das waren Alles nur Plön- keleien. Die Beiden kannten und würdigten sich. Kaschelernst wußte ganz genau, daß der Händler nicht nm Schnickschnacks willen nach Halbenau ge- kommen sei. Einstweilen gefiel es aber Beiden, sich mit solchem Versteckenspielen zu unterhalten. Sam begann endlich ernsthaft zu sprechen, was er dadurch andeutete, daß er näher an den Gast- wirth heranrückte und die Stimme senkte. Kaschel- ernst schickte die Tochter, die sich hinter den Schenk- tisch zurückgezogen hatte, hinaus; nun konnte ein „vernünftiges Wort" unter Männern gesprochen werden. Der Händler erkundigte sich nach den Verhält- nisscn der versasiedeiisten Personen: Bauern, Guts- besitze?, Handwerker. Kaschelernst kramte seine Kennt- nisse aus mit der Miene eines schadenfrohen Menschen. Plan konnte ihm den Hochgenuß anscheu, mit deni ihn Unglück, Fehltritte und Dummheit seiner Mit- menschen erfüllten. Wenn er von einem Bauern erzählte, der vor dem Bankerott stand, lächelte er. Er lächelte auch, als er berichtete, daß ein Anderer Feuer an seine Scheune gelegt habe, lind ausschütten wollte er sich geradezu vor Lachen, als er dem Händler hinter- bringen konnte, ein Stellcnbesitzcr habe sich neulich aufgehängt, weil ihm die Gläubiger die Kuh aus dem Stalle wcggepfändet hatten. Kaschelcrust schien alle Leute in der Runde zu kennen und iibcr die Verhältnisse von Allen Bescheid zu wissen. Harrassowitz lauschte mit größtem Inter- esse, ja mit einer Andacht, als verkünde Jener ein Evangelium, wenn er erklärte: der Bauer Soundso werde sich nicht länger, als höchstens noch zwei Jahre halten, oder Der und Der sei durchaus kreditfähig, da er einer sicheren Erbschaft entgegensehe. Man hatte bereits mehrere Glas von dem Kümmel vertilgt, welcher dem Händler zu schmecken schien. Endlich schien Harrassowitz genug Weisheit ein- gesogen zu haben, er erhob sich. Er habe noch einen kleinen Gang ins Dorf vor, erklärte er. „So, so!" meinte Kaschelernst.„Hier in Halbenau is doch jetzt nischt zu machen für Sie." „Ach doch!— Ich will mir mal'n Bauern- gut ansehen." Kaschelernst spitzte die Ohren. Aber bei Leibe wollte er sich keine Neugier anmerken lassen.„Welches denne?" fragte er scheinbar nebenhin. Sam that, als habe er die Frage überhört. „Es soll ein schönes Gut sein," meinte er.„Felder, Wiesen, Alles prima! Auch die Gebäude im Stande. Natürlich sind tüchtige Schulden darauf. Die Bauern sind ja alle verschuldet. Ich will mir's mal be- sehen," damit wollte er gehen. „Daß Sie sich nur nicht verlaufen in Halbenau, Harrassowitz!" sagte Kaschel, ihm folgend.„Hier giebts viele Güter, große und kleene. Zu wem wollen Se denne?" „Auf das Büttnersche!" Kaschelernst zuckte mit keiner Wimper, als er den Namen seines Schwagers hörte. Harrassowitz fixirte ihn scharf.„Kennen Sie das Gut? Ich interessire mich dafür." Der Wirth zuckte die Achseln und nahm eine geheimnißvolle Miene an. Er diirfe nichts sagen, meinte er, der Besitzer sei sein Schwager. „Ihr Schwager, Herr Kaschel?" rief der Händler mit gut geheucheltem Erstaunen.„Das ist mir ja hochinteressant zu hören! Ich habe dem Manne nämlich Geld verschafft. Das ist mir sehr lieb, daß Sie mit ihm verwandt sind; sehr lieb ist mir das! Nun ist mir der Bauer noch einmal so viel Werth, denn Sie werden Ihren Schwager doch nicht sitzen lassen in der Patsche— was?" Kaschelernst machte ein ganz dummes Gesicht. Es war so dumm, daß man die Pfiffigkeit, die sich dahinter verbarg, leicht merkte. Der Händler lachte hell heraus und der Wirth stimmte ein. Sie hatten einander wieder mal erkannt, die beiden Biedermänner. „Na, ich will mirs mal ansehen, das Gut Ihres Herrn Schwagers," sagte Harrassowitz, ließ sich den Weg beschreiben und schritt dann die Dorfstraße hinab. (Forlsetzung solgt.) 1848-1898. Achtzehnhundert und vierzig und acht, Als i»> Lenze das Eis gel. acht, Tage des Februar, Tage des Märzen, Waren es nicht Prolclarierhcrzen, Die voll Hoffnung zuerst erwacht Achlzehnhundert und vierzig und achte H e r w e g h. �4 VTeun ein Baum fallen soll, muß die Axt an die Wurzeln gefahren sein mit scharfem Hieb; wenn ein Bau stürzen soll, muß das Fundament rissig und bröckelig geworden sei». Die Jahre der Reaktion, welche auf die uapoleo- uischeu„Freiheitskriege" folgte», durch die des Volkes Kraft die Staaten der deutschen Fürsten gerettet hatte aus Roth und Tod, sie waren emsig dazu benutzt worden, die Wurzeln der Volkskraft, die Fundameute des Gesellschaftsbaues zu zerstören. Die Gewalthaber ließen sich wohl gern den ungefügen Riesen Volk gefallen, wenn er fiir sie frohnte, ihnen die Kastanien aus dem Feuer holte! Aber unheimlich ward ihnen der funkelnde Blick seines Auges, der schwellende Muskel seines Armes, die Wucht seiner Fäuste bei dem Gedanken, der blöde Sklave könne einmal all diese Hülfsmittel in seinem ureigensten Interesse verwenden und seine Sklavcukcttc» breche». Sie machten es mit dem deutschen Volke, wie König Nidung der altnordischen Sage mit Wielaud, dem kunstreichen Schmied, dem die Flechsen an den Füße» zerschnitten wurden im Auftrage des Neid-Königs, dem er wehrliche Waffen und herrliche Geschmeide schmieden, aber als gelähmtes Haus- und Nntzthicr in Sklaverei frohudcu mußte, nicht frank und frei hingehen konnte, wohin er wollte, wirken, was er wollte. Das ist das Bild des Proletars im Sklaven- dienste der Btacht und des Besitzes! Aber hüte Dich, König Nidung! Die Fabel geht weiter, wie das wilde Lied vom gewaltigen Schmied Wielaud kündet! Schreckliche Rache hat er genommen an seinem Peiniger, und mit seiner Kunst ein gewaltiges Fliigel- paar sich bereitet und in die Lüfte sich geschwungen in Regionen, wo König Nidungs Macht ein Ende hat! »* * Das alte Lied vom Undank, der der Welt Lohn ist, klingt und singt, und summt und brummt Heuer in Flur und Feld, in Stadt und Land, in Wald und Gebirg. Nicht nur aber von schwarzem Undank singt das Lied, es singt auch von mörderischem Verrath, von blutiger Untreue, wie der grause Volks- sang von Siegfrieds meuchlerischer Ermordung: Er rampf sich bitterliche, als ihni die Not gebot. Er sprach da jämerliche: Mein mordlicher Tod Mag euch wohl gereuen hernach diesen Tagen, Glaubt mir bei meiner Treue: daß ihr euch selber habt erschlagen. Die Theilnchmer und Nutznießer von Hagens und Gunthers Hochverrath an dem Lichthelden Sieg- fried schicken sich freilich schlecht zn Weihepriesteru und Lobsängern bei einem Feste zum ehrenden Gc- dächtniß seiner herrlichen Thaten und unendlich großen Verdienste! Wie kann das Bürgerthum von 1898, voll Beulen des Servilismus, gequält von Gewissens- 44 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. bissen über das, was es in fünfzig Jahren an den einstigen Kampfgenossen und Helfern in grimmer Noth geftevelt hat, herantreten an die Bahre des erschlagenen Siegfried, ohne daß die Wunden beim Nahen der„Mordineilep", d. i. der mit Mordblut Befleckten, von Neuem zu bluten beginnen? Es wiederholte sich vor Kurzem in Berlin das lustige Schauspiel, das weiland mit dem Heine- Denkmal aufgeführt wurde, dem keine Stadt Deutsch- lands gastliche Aufnahme gewähren wollte, Jo daß der Heine-Lorelei-Brunnen des deutschen Künstlers iiber das große Wasser zu den„Gleichheits-Flegeln" des nordamerikanischen Freistaates verschlagen wurde. Wie viel schlaflose Nächte und was für schweres Kopfzerbrechen mag den Stadtvätern von Berlin die„Frage" eines Denkmals für die Märzgefallenen von 1848 ge- kostet haben! Ja, wenn es eine steinerne Allee von Hohenzollern- fürsten gewesen wäre, um die es sich handelte! So aber handelte es sich um Leute, vor deren Leichen ein Hohenzollcr genöthigt worden, den allerdurchlauchtigsten Hut ab- zuziehen: das ist bei Weitem heikler und brenzlicher! Sie möchten gern und wagens nicht, Das helßt dann Recht und Pflicht! Die denlen lönnen, sagens nicht, Die Meisten denlen nicht! Das verfluchte Denken! Die entsetzliche Erinnerung! Wie Lava siedend brennt sie ihnen im Hirn; das Waidsprüchlein von den „Jugendeseleien" will nicht vor- halten, nicht lindern die Pein des Bewußtseins, einstens einmal noch nicht nationalliberaler oder obrig- keitlich approbirter„Freisinniger" gewesen zu sein, sondern Bundes- genösse des ehrlichen, ach, aber so gar„gemeinen", so wenig hoffähigen Proletariers mit der schwiclengeschmückten Hand! Müßte man da vielleicht doch am Ende dem-j-fl- Sozialdemokraten die Hand reichen und ihn— entsetzlich zu sagen!— an das Bruderherz drücken? Ein Grenzjahr ward es auch, bezeichnend einen Markstein, an welchem Bürgerthum und Proletariat — welches letztere zum ersten Male als selbstbewußte aber noch nicht selbstständig handelnde Klasse auf der Weltbühne auftrat— allgemach voneinander sich sonderten und imnier mehr und mehr getrennte Wege verfolgten. Renelos und mit reinem Herzen und reinen Händen können die Nachkommen der Proletarier von 1848 heute auf jenen Malsrein zurückblicken. Höchstens wäre die Gutgläubigkeit, das treuherzige Vertrauen auf die ehemaligen Kampfgenossen Anlaß zu leisem Selbstvorwurf. Die Reue überlassen wir Denen, die da gesündigt haben. Und das sind nicht wir! Brandes sagt mit Recht: „Das Jahr 1348 hat eine ent- scheidende geistige Bedeutung. Es wird in Europa anders gefühlt, gedacht und geschrieben als vorher. Dieses Jahr ist die rothe Tren- nungslinie, welche unser Jahr- hundert literarisch theilt und Epoche macht. Es war ein Jubeljahr, wie das, welches die alte hebräische Gesetzgebung für jedes fünfzigste Jahr stiftete, das, in welchen! über das ganze Land mit Posaunen geblasen, welches heilig gehalten und in welchem„Freiheit für Alle, die darin wohnen", ausgerufen werden sollte.(III. Moses 25, 8 ff.) Es war— dieses Jahr mit seinem schnellen Pulsschlag, mit seiner Alles beherrschenden Jugendlichkeit— wie jenes biblische Jubeljahr, ein Jahr der Zurückerwerbung, der Einlösung, wo„die, welche verkauft waren, losgekauft wurden." Noch heutzutage ist Jugend aus Märztagen, Erfahrung aus seinen Novembertagen zu schöpfen. „Es ist das Jubeljahr, das Trauerjahr, das Grenzjahr." Ja, fürwahr, Brandes hat auch Recht, wenn er bemerkt:„Es gab ein paar Monate, in welchen etwas vom Schönsten in der Menschheit hervortrat und mit überraschendem Glänze strahlte." Das gilt nicht nur von der Literatur und Dichtkunst! Hieronymus Volzschner. Darum bleibt für uns 1848 ein Jubeljahr, dessen fünfzigste Erinnerungsfeicr erhobenen Hauptes und fröhlichen Herzens begangen werden kann. Doch auch freilich ein Trauerjahr. Das Besonnene ist damals nicht zu Ende geführt worden:„die Zeit war noch nicht erfüllet," wie die Bibel sagt. Darum sind freilich Sträuße und Kränze von Veilchen des Märzen 1848 bethaut mit Thränen uud Blut! Aber Dank und Ehre allen Denen, die damals litten und stritten, starben und verdarben, allen Denen auch, die da tren blieben aus dem Bürgerthum, wie Wenige ihrer auch seien, die allzeit zu handeln und zu leiden bereit waren und sind, für gemeine Frei- heit und Wohlfahrt Aller. Ihr aber, Proletarier Europas und der übrigen Welttheile, vereinigt Euch: Ihr seid die Testament- Vollstrecker des„tollen", des erhabenen Jahres 1848. Gerichtsrath Johnmann. Novelle von G. Macasy. -(Fortsetzung., as Leben ini Hause des Rathes verlief lange Zeit eintönig und ohne llnterbrechnng. Einen dürftigen Ersatz fiir seine verlorene Thätig- keit fand der Rath in seinen Sammlungen. Er konnte Stunden lang davor sitzen und ordnen und zählen. Aber bald hatte auch dies den Reiz der Neuheit fiir ihn verloren. Nur die Freude am Besitz blieb übrig und die Begierde, ihn zu vermehren. Aber sein Denken füllte es nicht aus. Da kam der Rath auf eine neue Idee: er träumte von dem, was er sein ganzes Leben gethan hatte. Er träumte von Ver- brechern, die ihm übergeben worden waren und für deren Schuld er die Beweise sammeln mußte. Er ersann sich die schwie- rigsten Fälle, solche, in denen er sich in seiner ganzen Glorie als Seelcnpeiniger zeigen konnte. Er plünderte alle Gebiete des Ver- brechens, der Leidenschaft, des Wahnsinns, und stattete seine Opfer mit aller Klugheit und List aus. Er erschwerte sich seinen imaginären Beruf, damit der Sieg desto ruhmvoller erscheine. Die Seelengualen aber, die er fiir seine Opfer erdachte, dehnte er in das Unermeßliche aus. Langsam glitt er heran und wob das Netz. Langsam zog er die Fäden zusammen und ließ nur so viel Raum, daß sich das Opfer noch ein wenig bewegen konnte und das Gefühl der Frei- heit und Sicherheit hatte. Dann holte er langsam und überlegen zum ersten Schlage aus. Wie das traf! Wie sich das Opfer zuckend wand und die fürchterliche Macht fühlte, in die es gerathen war! Tann aber zog er sich wieder zurück und ließ die Fäden ein wenig locker. Nun wird es hoffen, nun wird es denken! Er malte sich alle die Prozesse ans, die nun i» jenem vor sich gingen. Er verstärkte und ver- tiefte diese Prozesse, um den Reiz des Spieles zu erhöhen. Er zog künstliche Seelenmomente hinzu und dachte sich feine, enipfindsame Naturen, in denen die Krisis schrecklicher wird. Und so nahm er aus seinen! Opfer ein Stück Leben nach deni anderen heraus, er riß und zerrte daran, streifte es ab wie mit glühenden Zangen oder stumpfen, brennendenBiessern, und präparirtedie lebende, zuckende Seele so langsam, langsam, daß ihr kein Atom des wahnsinnigsten Schmerzes erspart blieb, daß sie alle Stadien der Qnal dnrchempfinden mußte. Dann erst, wenn nichts mehr für seine Freude und Grausamkeit übrig blieb, wenn er alle Mittel, das letzte Leben noch und das letzte Bewußtsein zu erhalten, erschöpft hatte, dann versetzte er dem aus allen Wunden der Seele Blutenden den kalten, sicheren Todesstoß. Bei diesen Vorstellungen, in denen ihn oft ein einziger komplizirter Fall für eine Woche in An- sprnch nahm, erregte sich sein Gehirn in fieberhafter Weise. Alle die Qualen, die er für die Opfer seiner Phantasie ersann, mußte er selbst durchmachen; den ganzen Prozeß der Seelenzerfleischung erlitt er an der eigenen Seele. Er stand nun nicht mehr, wie früher, als kalter und lauernder Beobachter da, sondern er spielte alle Rollen selbst. Bald war er der unter grausamer Schadenfteude und wilder T-j Die Neue Welt. Illustrirte Anterhaltungsbeilage. 45 Peinigungssucht leidende Nichter, bald der sich win- dende und krümmende Verbrecher.—— So war der Rath in der letzten Zeit sehr er- regt und unruhig geworden. Halb mit sich sprechend irrte er in der ganzen Wohnung umher und fand nirgends einen sicheren Punkt. Die Räthin bemerkte es mit geheimem Schauer. Sie gab sich alle Mühe, ihm auszuweichen. Sie wog in ihren Gesprächen jedes Wort ab nnd suchte im Verkehr mit ihm eine Art von Gutniüthigkeit und Humor zur Schau zu tragen, die ihr sonst fremd war. Aber die Furcht, die lange Zeit in ihr ge- schlummert hatte, schoß jetzt jäh und gewaltsam hervor. Sie hatte Furcht vor dieser Unruhe, deren Grund sie freilich nicht wußte, deren mög- liche Wirkungen sie aber ahnte. Doch dies Alles ging so rasch, daß sie nicht zur klaren Besinnung dessen konimen konnte, was mit ihr geschah. Im Laufe von wenigen Tagen hatte sich die nervöse Unruhe des Rothes furchtbar gesteigert. Sein Gesicht nahm einen seltsamen Aus- druck von Unentschlossenheit an, in der die Anzeichen für irgend einen Plan, irgend eine That lagen. Die Räthin bemühte sich vergebens, herauszufinden, was er wolle. Sein Inneres, in dein es wogte und gährte, war ihr stets verschlossen gewesen. Manchmal schien es, als quäle ihn die gleiche Furcht, wie sie. Sein scheuer, irrender Blick ver- rieth es. Er ging umher wie Einer, der sich zu retten sucht vor irgend etwas, vor einem Phan- tom, von dem er sich verfolgt glaubt, oder vor einer Gefahr, die er wittert. Er ging umher wie Einer, den seine Gedanken nicht ruhen lassen und der einen Ausweg sucht, einen dunklen Winkel, in den er sich verkriechen könnte— er sah aus wie ein Mensch, den seine eigene Seele verfolgt, der die Qual in sich selber trägt, der aber nicht weiß, wie er sich selber entrinnen kann. Eines Tages saß der Rath am Fenster des Wohnzimmers und schaute in den schmalen, dunklen Lichthof hinab. Plötzlich fing er langsam und halblaut zu zählen an:„Eins, Zwei, drei—-—" Als die Räthin fragte, was er zähle, antwortete er ruhig: „Die Steine im Hofe. Der dritte Stein ist der beste."— Und nach einer Weile:„Vom Fenster links der dritte. Die anderen alle sind rauh und voller Sprünge. Der dritte ist der beste und noch nicht zu weit vom Fenster weg." „Ja, der dritte ist gut!" erwiderte die Räthin, �ie sich daran gewöhnt hatte, auf alle seine Ideen einzugehen, um ihn nicht zu erregen. Und sie wechselte einen raschen Blick mtt Gertrud, die neben ihr saß. Der Rath sah sich eine Weile scharf und höhnisch uach ihr um. Er schien zu überlegen. Plötzlich sprang er wie rasend auf und schrie: „Es dauert Dir wohl zu lange und Du kannst'S garnicht mehr erwarten!"— Gleich darauf aber besann er sich wieder, kehrte zum Fenster zurück und murmelte: „Der dritte!— Rein— eins,'zwei, drei, vier, der vierte wäre noch besser. Aber zu weit vom Fenster weg— man kann ihn nicht mehr erreichen. Wel zu weit vom Fenster weg— ha, da müßte wan tüchtig ausholen."— »Du, Mutter, er redet irr'," flüsterte Gerttud. Die Räthin winkte ihr, zu schweigen. In ihr stieg ein greller Gedanke auf: daß er das ausführen möge, was er plane! Das dachte sie und beugte sich ttefer über die Arbeit, um sich nnt keinem Blick zu verrathen, denn sie fühlte, wie er sie lauernd beobachtete.——— Und seit diesem Tage verließ sie der Gedanke nicht mehr. Beim Wachen und im Schlafen kauerte er neben ihr und bohrte an ihr und saugte sich fest. „Wenn er nur ausführen niöchte, was er plant!" murmelte sie hundertmal am Tage. Es war ihr, als müßte das kommen. Es war ihr, als hätte sie ein Recht, es zu verlangen, daß er sich vom Fenster hinabsttirze— und als sei es eine Entschädigung für sie— sein Tod eine Ent- schädigung für ihr verlorenes Leben.——— Kitter, Tod und Teufel. Kurz darauf lag sie Nachts im Bette und war kaum eingeschlafen, da weckte sie ein Geräusch. Sie zuckte zusammen und lauschte. Sie hörte einen schleichenden, kaum vernehmbaren Tritt, der näher kam. Und sie hörte das leise Knacken der Dielen. Ihr Athem stockte. Regungslos lag sie da und versuchte durch die Dunkelheit zu starren. Sie fühlte, daß sich ein Körper langsam herbewege, und dann vernahm sie den Athem eines Menschen. Plötzlich lag eine Hand an ihrer Kehle. Sie versuchte aufzuschreien, doch eine andere Hand preßte sich auf ihren Mund. Und die Hand fing an sich, festzukrallen. Nichts sonst regte sich; sie fühlte nur die entsetzliche Hand, die würgte und drehte und sie in die Kissen nieder- drückte. Da raffte sie ihre letzte Kraft zusammen, erfaßte den Arm und riß sich los. „Was willst Du?" keuchte sie halb erstickt. Und die Stimme des Rathes flüsterte heiser und wild zu ihr: „Sterben sollst Du, Hühnchen! Du sollst vor mir sterben. Du sollst Dich nicht freuen über meinen Tod."— Dann zitterte sein wildes, leises Gelächter durch das Gemach. Die Räthin richtete sich im Bette auf und stieß ihren Mann zurück. „Ich rufe Gertrud zu Hülfe!" schrie sie. Da ließ sie der Rath los. Langsam und geräuschlos entfernten sich die schlürfenden Tritte. Später hörte die Räthin die Thür zur Kammer knarren. Nun sprang sie auf und ver- suchte bebend, Licht zu machen. Zitternd an allen Gliedern, ging sie zu Gertrud hinüber und weckte sie. Ein Traum hätte sie geschreckt, sagte sie. Und sie blieb am Bette Gerttuds sitzen, bis der Morgen graute.--— Am Tage nach dieser Begeben- heit ging der Rath wie sonst durch die Zimmer, setzte sich ans Fenster und kramte in seinen Sammlungen. Er war stiller als sonst, doch die große Unruhe schien von ihm gewichen zu sein. Bei der Mahlzeit sprach er kein Wort, aber manchmal lächelte er ver- gniigt vor sich hin, als freue ihn ein guter Gedanke. Sein Blick hatte etwas Starres, in sich Gekehrtes. Gegen Abend wurde er wieder unruhig. Die Räthin war in die Stadt gegangen. Dort hatte sie eine lange Unterredung mit Doktor Gran. Gertrud war allein zu Hause. Plötzlich hörte sie ein seit- sames Geräusch im Arbeitszimmer chres Vaters. Sie ging hinüber und durch die halb geöffnete Thür sah sie den Rath, einen Stuhl im Arm, in: Zimmer herumtanzen. Dazu sang er mit hohen, quickenden Tönen:„Komm, Kröte— wir wollen tanzen— ho!" Und immer schneller wirbelte er und zählte im Takte— eins, zwei, drei, flink Kröte— eins, zwei, drei, flink Kröte! Gertrud wagte sich nicht zu rühren. Das Gesicht des alten Mannes war furchtbar entstellt. Die Augen waren weit aus den Höhlen getreten, sein Mund war zu einem ekelhaften Grinsen verzerrt— so tanzte er mit wahnsinniger Schnelligkeit umher und keuchte und zählte und lachte und kicherte— da bemerkte er im Unidrehen Gerttud und schrie jubelnd auf, während er sich mit hocherhobenem Stuhle auf sie stürzen wollte. Er schien sie nicht zu erkennen. Eben holte er zu einem fürchterlichen Schlage aus— da trat die Räthin mit Doktor Grau ein. Man hatte den Rath in der Irrenanstalt unter- gebracht. Nach der letzten Szene war er ganz ruhig und scheinbar vernünftig geworden. Beim Anblick des Doktors hatte er den Stuhl weggeworfen und sich unter den Tisch im Wohnzimmer geflüchtet, wo inan ihn ohne Mühe hervorzog. Er hatte sich willig fortbringen lassen. Die Räthin hatte darauf bestanden, man möge 46 Die Neue A)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. ihn in die Anstalt schaffen. Solche Menschen ge- hören ins Irrenhaus. Niemand sei seines Lebens sicher und sie habe keine Lust, sich im Schlafe er- würgen zu lassen. Ihr ganzes Leben habe sie diesem Menschen geopfert, ihr ganzes Leben habe sie unter ihni gelitten. Sie sei vergiftet worden, langsam vergiftet; ihre Jugend, ihre Freude, Alles, Alles sei ihr von ihm vergiftet worden. Und so hatte auch Doktor Grau dafür gestimmt, obwohl er erklärte, das; der jetzige Zustand des Rathes nicht andauern könne. Es müsse eine Krisis ein- treten. Woran der alte Mann leide, das sei eine fixe Idee. Wenn er unter scharfer Bewachung sei und in völliger Abgeschiedenheit und Ruhe, so werde sich Alles in ihm wieder klären.——— Nun saß der Rath vor einem vergitterten Fenster. Er schaute auf einen weiten, lichten Hof hinab, in dem einige halb von der Sonne verbrannte Akazien standen und den eine hohe, weißgetüuchte Mauer umgab. Es war Somnier und die Sonne stand hoch im Mittag. Das Pflaster im Hofe unten glänzte und glühte und der Rath wunderte sich darüber, daß er bei dun Doktor Grau wohne. Er hatte sich gutwillig in alle Veränderungen gefügt. Nur gegen das Gitter am Fenster hatte er anfangs heftig protestirt. Wozu er ein Gitter brauche? Wolle man ihm das Bischen frische Luft abschneiden? Wolle man ihn in einem Kerker halten? Was habe er denn eigentlich verbrochen? O— er sei gesund— so gesund! Der Doktor suchte ihn zu beruhigen. In seiner ganzen Wohnung seien Gitter an den Fenstern, meinte er. Und plötzlich schien dem Rath etwas durch den Sinn zu fahren. Ja, es sei besser so, erklärte er. Und er sprach von einer Zelle, von Abgeschiedenheit, in der sich die Qualen des ge- marterten Gewissens verstärken, und von eincni alten Falle, wo ein Gefangener durch das Fenster in den Hof des Gefängnisses hinabgesprungen sei. Sein Gedächtniß schien vollständig geschwunden zu sein. Er brachte Alles durcheinander und sprach von einem Verbrechen, das er in alter Zeit begangen habe, und für das jetzt die Sühne komme. Dann warf er sich vor dem Doktor auf die Kniee und bat ihn, er möge ihn wenigstens vor dem Untersuchungsrichter bewahren. Sonst begehre er nichts. Er wisse, daß es keine Gnade mehr für ihn gebe. Aber nur dies Eine, das Schrecklichste von Allem, möge nian ihm ersparen. Als aber dann der Wärter kam, wurde er wieder rasend. Er brauche keine Bewachung, brüllte er. Es falle ihm garnicht ein, zu entfliehen. Nur das nicht! Nur keine Belvachung! Das seien Augen, die ihn anstarren würden, fürchterliche Augen, die ihni die Gedanken aus dein Hirn fressen würden. Er leide! O, wie er leide an diesen Augen! Ob mau denn nicht aufhören werde, ihn zu quälen? Dann jammerte er: wenn es doch wenigstens Joachim wäre! An den hätte er sich gewöhnt. Joachim kenne seine Eigenheiten, Joachim sei gefällig und zuvorkommend. Joachim hatte sein Diener im Amte geheißen. Da gerieth der Doktor ans einen Einfall. Er versicherte dem Rath, daß es Joachim selbst sei. Er solle doch zusehen— wo er doch seine Augen habe? „Der Bart! Der Bart!" murmelte der Rath. Den Bart habe sich Joachim in der letzten Zeit wachsen lassen, versicherte Doktor Grau, seit er aus dein Amte fort sei. Doch wenn der Rath durchaus wolle, so könne man den Btann ja wieder fort- schicken. Heute nicht, aber morgen. Es sei eigent- lich blos eine Gefälligkeit gewesen und eine kleine Ueberraschung. Dies beruhigte den Irren. Joachim möge nur bleiben, sagte er und musterte ihn. Wahrhaftig, es sei Joachim, nur hätte er sich sehr verändert. Der Bart sei es, der ihn so verändert hätte. Warum er sich einen solchen Bart zugelegt habe? Wenn er noch im Ainte wäre, würde er das nicht dulden. Dann fragte er ihn nach allem Möglichen: wie es dort drüben jetzt aussehe, und ob man ihn denn so ganz entbehren könne. Es gehe abwärts mit der Gerechtigkeit, meinte er. Diese müsse man Hand- haben wie ein geschliffenes Schwert. Jetzt gebe es wohl keine ordentlichen Richter mehr. Einen Ver- brecher müsse man halten wie ein wildes Thier, das gebändigt werden solle. Und gar die Unschuldigen — die seien die Gefährlichsten— o! er habe seine Methode gehabt— eine feine Methode!— Dann fing der Räch wieder zu zweifeln an: ob er denn wirklich Joachim sei? Joachim sei größer gewesen— wie? Er sei nicht größer gewesen? Nun, dann sei er's ja wohl. ** * In den: Vorstadthause war es still geworden. Seit der Erkrankung ihres Mannes war die Räthin noch schroffer und verbissener. Mürrisch ging sie im Hause umher, mürrisch versah sie die Wirthschaft. Sie sprach selten ein Wort, aber wenn sie es that, so geschah es mit Bosheit und Gehässigkeit. Sie schien sich im Voraus rächen zu wollen für all die traurigen Monate und Jahre, die ihr vielleicht noch bevorstanden. Gertrud wich sie aus. Sie schänite sich vor Gertrud, weil sie glaubte, daß diese ihr alle ihre Gedanken ablese. Sie vermied es, mit ihr zu sprechen, sie vermied es, ihrem Blick zu begegnen. Sie haßte das Ntädchen, sie haßte es um so mehr, als sie keinen Grund für ihren Haß entdecken konnte. Wozu ist sie da? war ihr Gedanke. Aber sie fand auch, daß Gertrud von Tag zu Tag schöner und lieblicher wurde. Und darum haßte sie sie am meisten. Sie suchte in ihren Zügen die Aehnlichkeit mit ihren eigenen Zügen aus ihrer Jugend— sie sah alle die Merkmale, aber unendlich zarter und feiner. Dies trieb ihr oft das Blut in die Wangen. Und auch Züge vom Rath entdeckte sie, in dem seltsamen großen Blick, in den weichen, ein wenig schmerzlichen Linien um den Mund. Und das erbitterte sie. Sie hatte das Gefühl, als sei Gertrud nicht ihr Kind; als hätte sie nichts Gemeinsames mit ihr. Im Stillen nannte sie Gertrud einen Bastard, Blut von seinem Blute, nicht von dem ihrigen. Auch daran dachte sie, daß Gertrud vielleicht glücklich werden könnte. Das gönnte sie ihr nicht. Sie dachte an ihre eigene glücklose Jugend, an ihre eigene traurige Ehe. Warum sollte es Jene besser haben, als sie? Ihren tiefsten Haß erweckte aber die andauernde Freundschaft mit Hertha. Darum versuchte sie es manchmal, vorsichtig und aus weiter Ferne, auf Gertrud durch hämische Worte und un- sichere Bemerkungen einzuwirken. Aber dies scheiterte an Gertruds starrem Sinn. Sie schien nichts von den bösen, verdächtigenden Anspielungen der Mutter zu hören. Und als diese einstmals, gleichsam trium- phirend bemerkte, daß„jenes Weib nicht blos einmal im Gefängnis; gewesen sei," da antwortete Gertrud ruhig, sie wisse es und sie achte und verehre ihre Tante deswegen um so mehr. Zuletzt gab die Räthin ihre fruchtlosen Be- miihungen auf. Mit Schrecken erkannte sie, daß sie ihrem Kinde nicht mehr gewachsen sei. Am meisten hatte unter der üblen Laune der Räthin Marie, die alte Magd, zu leiden. Diese nannte sie eine Faullenzerin und Hunger- leiderin, ein altes Scheusal, das nichts thne und sich von fremdem Brot mäste. Zwanzig Jahre sei dies ihre einzige Beschäftigung gewesen. Zwanzig Jahre hätte man mit ihr Geduld und Nachsicht gehabt. Ihre ganze Gemüthsrohheit sprach aus dieser Art, wie sie das gutmiithige Geschöpf behandelte. Dies und noch Schlimmeres mußte die Magd nihig anhören. Sie durfte es nicht wagen, ein Wort zu erwidern. Jede Erwiderung reizte die Räthin zur höchsten Wuth. Dann vergas; sie sich und schlug in der Küche niit Geschirren und Möbeln herum wie eine Tobsüchttge. Marie, die in diesem Hause auf- gewachsen und alt geworden war, die keine Aussicht mehr hatte, einen anderen Posten als Magd zu er- halten, und trotz alledem an der Familie hing, ertrug die Rohheiten und Schmähungen der Räthin geduldig, „um des lieben Friedens willen," wie sie zu Gertrud sagte. Ja, sie entschuldigte den erregten Zustand der Räthin noch mit der Bemerkung: Sie ist eben unglücklich. Nur manchmal, wenn sie mit Gertrud allein war, klagte sie dieser ihr Leid und weinte sich aus.— Die Ursache von all dem eben war: die Räthin hatte Angst. Seit jener Nacht hatte sie wieder Angst, so sehr sie es auch zu verbergen suchte. Oft saß sie Stunden lang regungslos und lauschte und zuckte bei dem leisesten Geräusch zu- sammen. Jetzt kommt er! dachte sie und fühlte schon, wie sich eine Hand nach ihrer Kehle auskralle. Ihr steter Gedanke war: Jetzt entschlüpft er— jetzt-- Dann schämte sie sich wieder ihrer Angst, indem sie sich sagte, daß es dem Rath unmöglich sei, aus dem Jrrenhanse zu entfliehen— und sie verbarg ihre Gefühle hinter einem höhnischen und boshaften Be- nehmen. Dies zerstreute sie und nahm ihr-die Furcht. Aber es währte nicht lange, so kehrte die Angst zurück, und sobald sie allein war, irrte sie unstät vom Wohnzimmer in das Besuchszinimer, von dort in die Küche— aber nirgends fühlte sie Ruhe und Sicherheit. Kamen Bekannte, so war sie mürrisch und zer- streut. Sie meinte, die Leute müßten ihr die Angst und Unruhe vom Gesicht ablesen. Oft gab sie ver- kehrte, oft gar keine Antworten, und dann, wenn sie sich besann, entschuldigte sie sich mit heftigen Kopf- schmerzen. Manchmal lachte sie, wenn gar keine Ursache dazu war, ein anderes Mal erregte sie sich über ein harmloses Wort. Zuletzt brach sie allen Verkehr ab. Sie sei alt und kränklich, sagte sie zu ihren Bekannten: man möge es ihr nicht übel nehmen, wenn sie keine Be- suche mehr erwidere. Und dies sagte sie in einem Tone, der die Leute abschreckte. Es kam Niemand mehr. Aber darüber war sie froh. tForlsctzung folgt.) �Tiobernc 15S>itnbcr. Naturwisscnschaflliche Plaudereien von Dr. B. Borchardt. IV. Dir elektrischen Eisenbahnen. �M�Tcun der Bewohner der Groß- oder auch der Mittelstadt durch die Straßen geht, so sausen neben dem Gewirr von Droschken, Omnibussen, Pferdebahnen, Lastsuhrwerk aller Art auch eigcnthiimlich gebaute, im Ganzen den Pferde- bahnwagen ähnliche Gefährte an ihm vorüber, ohne daß eine treibende Kraft sich durch ein sichtbares Zeichen verräth. Der biedere Bauer, der die elck- irische Bahn zum ersten Male in der Stadt erblickt, ahnt wohl, daß der über ihr hinziehende Draht, zu dem von dem Wagen eine Stahlstange emporführt, in irgend welcher Verbindung mit der Triebkraft stehen müsse; fehlen aber, wie es öfter vorkommt, auch noch diese Drähte, dann läuft der Wagen vollends wie durch Zauberkraft aus seinem Schienen- Wege auf der vorgeschriebenen Bahn. Wer das Wesen der elektrischen Kraftübertragung kennt, für den verliert auch die elektrische Bahn einen großen Theil des Wunderbaren; zwar bleibt das innerste Wesen des elektrischen Stromes ein unerforschtes Geheimniß, aber man kann sich doch von dem Zu- sammenwirken der einzelnen Theile einer solchen Bahn ein anschauliches Bild machen. Es ist klar, daß jeder Wagen einen Motor be- sitzen muß, also eine Dynamomaschine, der in irgend einer Weise elektrischer Strom zugeführt wird, wodurch der Eisenanker der Maschine in Umdrehung versetzt wird, wie wir es in dem vorigen Artikel über„Elektrische Kraftübertragung" auseinander- gesetzt haben. Der Anker kann entweder mit den Rädern eine gemeinsame Are haben, odet seine Be- wegung wird durch ein Zahnrad oder eine Kette auf Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 47 die Axe der Räder übertragen, die somit ebenfalls in Umdrehung versetzt werden. Bei der Strom- erzeugung und Stromzufiihrung sind nun verschiedene Methoden in Gebrauch, so daß man verschiedene Systeme elektrischer Bahnen unterscheidet. Das Gebräuchlichste ist, daß der Strom in einer großen Zentralstation erzeugt und durch eine be- sondere Leitung den einzelnen Wagen zugeführt wird. Hierbei wäre es natürlich am rationellsten, als Be- triebskraft das stromende Wasser zu benutzen, falls es in genügender Bienge vorhanden ist; dies ist z. B. für die nordamerikanische Stadt Buffalo der Fall, die etwa dreißig Kilometer von den berühmten Niagara- fällen entfernt liegt. Von den dort befindlichen Elektrizitätswerken erhält die Stadt den Strom zu ihrer Beleuchtung sowie auch den zum Betrieb ihrer Straßenbahnen. Wo das nicht der Fall ist, wie in den meisten Städten Teutschlands, werden die Dynamos in der Zentralstation durch große Dampf- Maschinen angetrieben; so besitzt die Budapester Zen- tralstation elf Dampfmaschinen von etwa viertausend Pserdekräften; die beiden größten haben allein je acht- hundert Pferdekräfte. Drei weitere große Dampf- Maschinen von je siebenhundertfünfzig Pferdekräften sind für den Betrieb der unterirdischen elektrischen Bahn noch hinzugekommen. Die Art, in welcher der in der Dynamomaschine erzeugte Strom den einzelnen Wagen zugeführt wird, ist sehr verschieden. Die erste einem größeren Publi- kum vorgeführte elektrische Bahn war die von Siemens und Halske auf Veranlassung von Werner Siemens gebaute kleine Lokomotive, die 1879 auf der Ber- lim GeWerbeausstellung ausgestellt und in Betrieb gesetzt wurde, wobei sie mehrere kleine mit Personen besetzte Wagen zog. Diese Lokomosive, die später auch in Düsseldorf, Frankfurt a. M., Wien, Breslau, sowie in Paris ausgestellt wurde, erhielt ihren Strom mittelst einer zwischen den Fahrschienen lie- genden Kupferröhre, die mit der Dynamomaschine der Zentralstation in Verbindung stand. In ihr bewegte sich ein Schlitten, von dem ein Draht durch einen Schlitz an der Oberseite der Röhre zu dem am Untergestell des Wagens befindlichen Motor führte; nachdem er diesen durchlaufen, kehrte er durch die Fahrschienen zur Zentralstation zurück. Zwei Jahre später wurde die erste elektrische Bahn dem öffent- lichen Verkehre übergeben; sie führte vom Anhalter Bahnhof in Groß-Lichterfelde bei Berlin bis zur dortigen Hauptkadettenanstalt; bei ihr führte die eine Fahrschiene den Strom dem Motor zu, die andere leitete ihn wieder zur Zentralstation zurück, ein System, das keine Nachahmung gefunden hat und bei der späteren Erweiterung dieser Bahn nicht wieder angewendet wurde. Einerseits verursacht die noth- wendige Jsolirung der beiden Schienen erhebliche Kosten, andererseits ist dieses System auch für Menschen und Thiere, die den Bahndamm über- schreiten, nicht ungefährlich, da bei einer zufälligen Berührung beider Schienen der volle Strom durch den Körper gehen würde. Achtzehnhundertzweiund- achtzig stellte Siemens Versuche zwischen Westend und dem Spandauer Bock bei Berlin an; hier befand sich auf Säulen neben den Geleisen ein Draht, von welchem der Strom mittelst eines achträdrigen Kontaktwagens zum Motor geleitet wurde, während die Fahrschienen zur Riickleitung dienten. In den nächsten Jahren wurden noch einige weitere elekttische Bahnen aus- geführt, so die Praterbahn in Wien, die Sttaßen- bahn in Mödling bei Wien und die Bahn zwischen Sachsenhausen und Offenbach bei Frankfurt a. M. Dann aber trat eine mehrjährige Pause ein, so daß es fast schien, als sollten die elektrischen Bahnen vereinzelt bleiben und zu keiner allgemeinen Bedeu- tung gelangen. Indessen entwickelten sie sich in dieser Zeit in Amerika zu einer bedeutenden Höhe; hier wurde die erste elektrische Bahn 1883 auf der Aus- stellung in Chicago gezeigt, 1884 wurde der Bau der ersten Strecke zwischen Windsor und Baltimore in Angriff genommen und 1885 dem Verkehr über- geben. Wie rasch dann die EntWickelung erfolgte, mögen einige Zahlen illustriren: 1887 bestanden bereits 21 Gesellschaften, die 137 Kilometer Geleis- länge und 172 Wagen besaßen; in zehn Jahren stieg die Zahl der Gesellschaften auf«98, die elekttisch betriebene Gcleislänge auf 21 750 Kilometer und die Wagenzahl auf 37097. In Europa, wo 1891 eine elekttische Bahn in Halle eröffnet wurde, ging die Entwickelung in den letzten Jahren auch in rascherem Tempo vor sich; doch halten die analogen Zahlen mit den amerikanischen keine» Vergleich aus. Weitaus die meisten elekttischen Bahnen erhalten ihren Sttom durch oberirdische Zuleitung von einer Zenttalstatton aus. Von dieser führt ein meisten- theils von schmiedeeisernen Säulen oder Masten ge- tragener Draht über den Geleisen entlang; an ihm schleift ein metallener Bügel oder läuft eine Draht- rolle, auf die der Strom übergeht, der dann mittelst einer Drahtstange zum Motor des Wagens geführt wird, von wo er durch die Fahrschienen zur Zentrale zurückkehrt. Auf einigen Strecken ist auch die unter- irdische Sttomzuführung angewendet; hierbei wird unter der Erde ein Kanal aus Beton gemauert, der die Leitungsschiene aufnimmt. An ihr gleitet ein Schlitten, von dem der Strom durch eine Stahl- stanze zum Motor des Wagens geführt wird. Der Wagen selbst läuft auf zwei Schienen, von denen die eine die gewöhnliche Rillenschiene ist, während die andere eine Doppelschiene ist, deren beide Theile einen Schlitz von einigen Zentimetern zwischen sich haben. Durch diesen Schlitz geht die Stahlstange zu der Leitschiene in dem ebenfalls geschlitzten Kanal; Die Doppelschiene ruht auf gußeisernen Böcken, die den Betonkanal umschließen und ihm als Stützen dienen. Ein besonderer Vorzug dieser unterirdischen Sttomzuführung besteht darin, daß man ohne erheb- liche Kosten eine zweite, zur Rückleitung dienende Schiene in den Kanal hineinbringen kann; wird so die Rückleitung durch die Erde vermieden, so fallen alle mit derselben verbundenen Unznträglichkeiten, z. B. Störungen in unterirdisch verlegten Telephon- und Telegraphenleitungen fort. Auch kann man eine etwa nothwendig werdende Ausbesserung der Schienen ohne Störung des Betriebes vornehmen, indem man zeitweilig die Riickleitung des Sttomes durch die Erde erfolgen läßt und nur eine der beiden Leitungen im Kanal zur Stromzufiihnmg benutzt. Ein noch seltener angewendetes System ist das der Akkumulatoren. Ein Akkumulator oder Sammler besteht aus zwei Metallplatten, meist Blei und Blei- oxyd, die in eine Säure tauchen; durch solche Zellen oder Elemente läßt man in der Kraftstation einen Sttom gehen, wodurch in der Säure ein chemischer Prozeß hervorgerufen wird, durch den die Metall- platten mit verschiedenen Gasschichten überzogen werden. Verbindet man sie dann unter sich, so geben sie den vorher hineingeschickten Sttom zurück, und zwar hält er so lange an, bis durch den jetzt in umgekehrter Richtung verlaufenden chemischen Prozeß die Metallplatten von den Gasschichten wieder befreit sind; die beiden Vorgänge nennt man das Laden und Entladen der Akkumulatoren. Befindet sich eine in der Kraftstation geladene Sammler- batterie auf dem Wagen, so kann der von ihr ge- lieferte Sttom den Elekttomotor natürlich in Be- wegung setzen. Hierbei hat man den großen Vor- theil, daß alle Wagen von einander und von der Kraftstatton vollständig unabhängig werden; doch ist die Behandlung der Akkumulatoren vorläufig noch immer derartig umständlich, daß sie sich bisher erst auf wenigen Sttecken eingebürgert haben. Dagegen hat ein in Hannover angewendetes gemischtes System, wobei abwechselnd oberirdische Stromzuführung und Akkumulatoren benutzt werden, große Aussicht auf weitere Verbreitung. In den Außenbezirken fahren die Wagen mit oberirdischer Stromleitung; derselbe Sttom, der den Motor des Wagens in Bewegung setzt, ladet aber gleichzeittg die Akkumulatorenbatterie, und die Ladung, die diese erhält, reicht dann aus, um den Wagen in der inneren Stadt zu treiben, bis er wieder in die Vorstadtbezirke zurückkehrt, wo die Batterie während der Fahrt von Neuem geladen wird. Die Vorzüge, die der elektrische Betrieb vor anderen Betriebsweisen voraus hat, sind mannig- facher Art. Vor Allem ist er bedeutend billiger, als der Pferdebahnbettieb: sowie eine Steigung stärker wird, als 1 Meter für 40 Meter Länge, sind Vorspannthiere erforderlich; dabei sind aber Steigungen von 1 Bieter für 25 Meter Länge in unseren Großstädten gar keine Seltenheit. Der Elektromotor dagegen nimmt selbst Steigungen von 1 Meter für 10 Bieter Länge außerordentlich leicht; man braucht nur genügende Widerstände aus der Bahn des Stromes auszuschalten, um hinreichend starke Intensität zu erhalten, lleberhaupt ist die außerordentlich einfache und bequeme Regulirbarkeit der Stromstärke ein Vorzug, den der Elektromotor vor jeder anderen Betriebsart voraus hat. Bei starkem Schneefall im Winter stockt, wenn nicht der ganze, so doch der halbe Pferdebahnbettieb; diejenigen Wagen, die überhaupt fahren, kommen trotz des Vorspannes nur mühsam und langsam vorwärts, auf vielen Strecken fällt die Hälfte aller Wagen ans und an eine Einhaltung des fahrplanmäßigen Be- triebes ist überhaupt nicht zu denken. Also gerade an solchen Tagen, an denen man die Pferdebahnen in erhöhtem Maße in Anspruch zu nehmen wünscht, versagen sie vollständig, und auch an normalen Tagen sind sie völlig außer Stande, in den Stunden des größten Verkehrs in den Großstädten den Verkehr zu bewältigen. Dazu kommt ihre ungeheure Lang- samkeit; 10 bis höchstens 12 Kilometer legen sie in einer Stunde zurück, während die elektrischen Bahnen mit Leichtigkeit auf 20 und 30 Kilometer gebracht werden können. Freilich liegt hier ein wunder Punkt vor: Die elektrischen Wagen können wohl außerordentlich rasch fahren; geht es aber an, sie in einer verkehrsreichen Straße so schnell dahin- sausen zu lassen? Sicherlich muß man auch auf den übrigen Straßenverkehr Rücksicht nehmen und die Geschwindigkeit mäßigen; sollen aber wir, deren Zeitalter doch im Zeichen des Verkehrs steht, des- halb gezwungen sein, unsere kostbare Zeit im Bahn- wagen zu versäumen, anstatt sie nützlich anzuwenden! Wir können daraus nur den Schluß ziehen, daß für den großstädtischen Schnell- und Massenverkehr der schwerfällige Pferdebahnbetrieb durchaus veraltet ist und dem elektrischen je eher, desto lieber Platz machen muß; dieser darf aber nicht im Straßen- planum vor sich gehen, wo er seine Vorzüge nicht entfalten kann, sondern muß einen eigenen Weg oberhalb oder unterhalb der Straße angewiesen bekommen. Natürlich war es die verkehrsreichste Stadt der Welt, der Mittelpunkt des Welthandels, die Niesen- stadt London, wo sich diese Nothwendigkeit am ersten und fühlbarsten bemerklich machte. Da Pferdebahn und Omnibus den Riesenverkehr nicht bewältigen konnten, so schritt man schon in den siebziger Jahren zum Bau von unterirdischen Eisenbahnen; aber trotz des gewaltigen Verkehrs, der auf ihnen herrscht, rentiren sie sich nicht, weil der Bau 9,2 Millionen Mark für jedes Kilometer verschlang. Daher ist man dort in neuerer Zeit zu elektrischen Untergrund- bahnen übergegangen, von denen London zur Zeit drei besitzt; 13—20 Meter unter der Sttaße fahren die Wagen in Tunneln, deren lichter Durchmesser 3,2— 3,7 Meter beträgt. An den Stationen be- finden sich Aufzüge, durch die die Personen auf die Straße herauf und ebenso zur Bahn in die Tiefe hinab befördert werden. Trotz der erheblichen Kosten, die eine solche Anlage verursacht, kostete die Fertig- stellung jedes Kilometers bei zweien der drei Bahnen 4,1, bei der dritten 6,3 Millionen Mark, also er- heblich weniger, als die für Dampfbetrieb ein- gerichteten. Billiger noch sind elektrische Hochbahnen, die allerdings einen Theil der Straße forttichmen; Liverpool besitzt seit 1893 eine solche, deren Bau nur 1,2 Millionen Mark für jeden Kilometer er- forderte. Vergleicht man das mit den.Kosten einer hochgeführten Eisenbahn, z. B. der Berliner Stadt- bahn, die 5,1 Millionen Mark pro Kilometer kostete, so springt der Unterschied in die Augen. Dazu kommt noch der Umstand, daß beim elektrischen Be- ttieb aller lästige Rauch in den Straßen fortfällt, was auch bei den Untergrundbahnen diesem Betrieb gegenüber der Dampflokomotive einen unschätzbaren Vorzug gewährt. Den genannten Bahnen gesellt sich noch eine weitere zu, die ebenfalls unterhalb des Straßen- Pflasters fährt, die schon erwähnte elekttische Unter- pflasterbahn in Budapest. Hier ist dicht unter der Straße— von der Schiene bis zur Straßensohle 48 Die Reue A)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. sind nur 3,8 Meter— ein rechteckiger Tunnel ge- baut, in welchem die zweigleisige Bahn fährt; an den Stationen hat man einen direkten Zugang zum Perron, sodaß die kostspieligen Aufzüge nach Londoner Muster fortfallen; daher stellten sich die Anlagekosten nur auf 1,7 Millionen Mark pro Kilometer. Es ist klar, daß die Sicherheit bei den elektrischen Bahnen, die auf ihren eigenen, von anderen Verkehrs- Mitteln nicht benutzten Schienen fahren, eine außer- ordentlich große ist; denn die Signalgebnng kann automatisch von den aus- tind einfahrenden Zügen selbst besorgt werden. Schnelligkeit und Sicherheit, das ist es, was der moderne Verkehr verlangt. Daher werden unzweifelhaft die elektrischen Hoch- und Unterpflasterbahnen die Wunderbanten bilden, in denen die Menschen des 29. Jahrhunderts mittelst der Zauberkraft der Elektrizität von einem Orte zum anderen befördert werden. Aus öem Waxierkorb der Zeit. Zu unseren Bildern. In„Ritter, Tod und Teufel" und dem Portrait des Wrnberger Patriziers Hieronymus Holzschucr bringen wir unserm Lesern diesmal zwei Proben aus dem schier unerschöpflichen Kunstschatz eines unserer größten, älteren deutschen Meister: Albrecht Dürers. Im Jahre 1471 zu Mrnberg als Sohn eines aus Ungarn eingewanderten Goldschmieds geboren, kam Dürer durch das Gewerbe seines Vaters schon frühzeitig in enge Beziehung zur Kunst, wandte sich jedoch 1486 von dem väterlichen Beruf ab, um in allerhand Zeichnungen und Kupferstichen seine Berufung für höhere Aufgaben zu bekunden. Stach einer vierjährigen Wanderschaft, die den späteren Meister bereits mit Vertretern der italienischen Renaissance bekannt werden ließ, schloß dieser im Jahre 1494 ein Ehe- büudniß mit Agnes Fey, der Tochter eines tvohlhabenden Bürgers seiner Vaterstadt. Ziehen wir hier zunächst nur den äußeren Lebens- gang Dürers in Betracht, so ist als wichtigstes Ereiguiß der Folgezeit die Ende 1606 untemommene Reise nach Venedig zu erwähnen, die auf die weitere Enttvickclung des Nürnberger Malers, Zeichners und Kupferstechers von nachhaltigem Einfluß war. Aber nicht nur mit den Italienern, auch mit dm Niederländern seines Jahrhunderts kam er in innige Berührung. Uin ein von Kaiser Maximilian ihm ausgeworfenes Gehalt auch nach dessen Tode weiter zu erhalten, suchte Dürer im Juli 1620 die Niederlande auf, wo der spanische Karl V. damals verweilte, und aus dem Tagebuch des Meisters erfahren wir, daß ihm hier, und besonders von Auttvcrpener Künstlern, eine chrcitvollc Aufnahme zu Theil ward. Den Rest seiner Tage verbrachte Dürer in seiner Vater- stadt, wo er am Todestage Raffaels, am 6. April 1628, die Augen schloß, die seinen deutschen Zeitgenossen und Nachfahren eine neue Welt ersehen hatten. Tic Größe und Bedeutung eines solchen Künstlers im Rahmen eines kurzen Bildertextes auch nur flüchtig zu skizzireu, ist selbstverständlich ein Ding der Unmöglich- keit, und so wollen wir uns heute nur mit einigen Worten über das eine der von uns tviedergegebenen Bilder, das: Ritter, Tod und Teufel, beguiigen. Im Jahre 1613 als Kupferstich gearbeitet, ist es aus zahlreichen Reiter- oder eigentlich Pserdcstudicu hervor- gegangen, die zunächst nur auf ein genaues Erfassen der thierischen Anatomie gerichtet warm. Später erst, als persönliche Erfahrungen, u. A. der Tod der Mutter, den zu grüblerischer Einkehr in sich selbst veranlagten Künstler auf das Gebiet der damals viel verbreiteten Todtenbildcr und-Tänze lenkten, bekam der auf stolzem Thier einhertrabende Siittcr dm gespenstischen Allbezwinger Tod und den au Phantasien der Apokalypse erinnernden Teufel zu Begleitem. Und doch, trotz der düsteren Stimmung des Bildes und der pessimistischen Phantasie, die es erzeugte, dürfen wir nach der ganzen Art der kräftigen, lcbenbejahendm Natur Dürer? annehmen, daß dieser in der Figur seine? eiscngepanzertm Ritters nicht einen Todtgeweihten, son- dem im Gegmcheil einen sieghaften Helden vor uns hin- stellen wollte. Und so könnte man mit Fug und Recht unter das Bild die Verse setzen, die der große Schweizer Dichter Conrad Ferdinand Meyer in seinem„Huttens letzte Tage" diesen dem Dürerschen„Ritter, Tod und Teufel" gegen- über sprechm läßt. Bon Tod und Teufel nämlich sagt sein Hutten dort: Dem garst'gen Paar, davor den Männern graut, Hab immerdar ich fest in« Aug' geschaut. Mit diesen beiden starken Knappen reit' Ich aus des Lebens Straßen allezeit, Bi« ich den einen zwing mit tapfrem Sinn Und von dem andern selbst bezwungen bin. Aus öem Hotizbuche emes Hetrachtenöen. Von scotiis. Es giebt auch jetzt noch Historiker, welche uns glauben machen wollen, daß die Geschichte der Menschheit eine ganz klare und durchsichtige Reihe von Begebenheiten sei, in der es keine Lücken gäbe und keine unerklärten That- fachen. Aber es ist ftcilich eine billige Art, so in die Vergangenheit zn schauen: zu dieser Methode gehört wenig Scharfsinn und sie ermöglicht es vor Allem, mir spielendem Anstand über die gefährlichsten und wundesten Punkte in der Entrvickelimg der Menschheit hinwegzukommen. Wer aber die Tausende von Jrrlhümeru auf allen Gebieten des Lebens bewachtet, unter denen jetzt noch der weitaus größte Theil der Menschheit zu leiden hat, der muß sich doch ftagm: wie viel von all dem Elend und all der Roth auf Erden ist nicht gerade einer verfehlten Eni- Wickelung in der Vergangenheit zuzuschreiben� Und ver- folgt er nun diese Wege zurück, so muß er zu ganz anderen Schlüssen und Urtheilen über so manche einstige„Kultur- thalcn" kommen und er- verliert vielleicht einen großen Theil der Achtung vor Dingen, die ihm früher hoch und heilig erschienen. Tie Aufgabe des Historikers sollte es sein, dies darzulegen. Aber die Wenigsten haben dm Mich zu einer solchen ernsten Analyse. * Bis zur Gegenwart herab ivarcn es immer die herrschenden Gesellschaftsklassen, die die Moral- lehre und moralische Gesetzgebung handhabten, und man kann heute genau verfolgen, wie sie diese handhabten. Es war nicht Moral für sich, sondern Moral für die Unterdrückten, die sie lehrten. Gerade Tiejeuigeu, welche die Moralgcsctze vorschrieben, erklärten sich selbst in erster Linie für frei von diesen Gesetzen. Man denke an die Inquisition, man denke an die Moral des Jcsuitcnthums. Die Moral war für Jene ein gutes Mittel, jeden Vor- theil über die Uutcrdrücktcu zu erhalten, sie zu Boden zu drücken, ihnen Furcht und Ehrfurcht einzuflößen. Mit Hülfe der Moralgesetze hielten sie die Handlungen der Meitschen in Fesseln, mit Hülfe der Moral vermieden sie jede Auflehnung gegen ihre Gewalt. Wenn Generationen sprechen könnten— die Wahrheit sprechen: wenn die herrschenden Gesellschaftsklassen der Vergangenheit ihre wirklichen, ungeschminkten Absichten verrathen könnten: wie viele Jrrthümer von heute müßten mit einem Schlage fallen. Und auch den Nachkommen und Erben jener „KulNtrhclden" der Vergangenheit würden dabei die Augen aufgehen, und sie würden vielleicht begreifen lernen, daß all Das, ivorauf sie seit alter Zeit stolz sind, Thaten der Niedertracht und Tücke waren. * DaS Barbarmthum, mit welchem die herrschenden Gesellschaftsklassen die soziale Zukunft in Verdacht bringen wollen, fällt aus sie selbst zurück. Wer hat einst barbarisch geherrscht auf Erden? � Damit aus der Geschichte eme emste und vollkommene Wissenschaft werde, sind drei Dinge nöthig: Zuerst, daß nicht die menschliche Eitelkeit und Selbstvergötte- rung die Heldenthaten der Vorwelt besinge; zweitens, daß man ohne Erwartungen, mit kaltem, unbewegtem Auge nach rückwärts schaue; und endlich, daß man auch die Schande der Vergangenheit ohne Schönfärberei darzustellen verstehe. Die herrschenden Gesellschaftsklassen habm es ver- sucht, ihrer Würde und Machlvollkommcuhcit dadurch neuen Glanz zu verleihen, daß sie das Beherrschen und Bevor- munden der Völker als etwas Nochwendiges und zu allen Zeiten Unveränderliches darstclltcu. Es war die Rechts- Methode, mittelst der sie ihrer Herrschaft nicht nur das thatsächlich existirende, sondern auch das nochweudige, dauernde Recht zuschreiben wollten. Allein dies gelingt allenfalls zu einer Zeit, wo man noch an dauemde Fak- toren in der EntWickelung des Menschenchums glaubte. Heute aber erkennt man als Dauerndes nur mehr den Wechsel der Geschicke an: gerade Das also, was gegen jede persönliche Herrschaft spricht. Wollte man das Dauernde aber in einem anderen Sinne, als dem des persönlichen Hcrrschcns nehmm, so kommt man eben zu dem Schlüsse: Daun ist ja gerade die Herrschaft am meisten berechtigt, welche der Sozialismus vorbereiten will die Herrschaft Aller über Alle. Achnlich verhält es sich auch mit einer anderen Methode der herrschenden Gesellschaftsklassen, ihre Gewalt über die'Menge des Volkes wieder zurückzuerobern: mit der Methode, neue Gesetze gegen das geistige und soziale Freiwerden der Menge zu schaffen, verschärfte Gesetze, welche thcils abschrecken, thcils eindämmen sollen und nicht zuletzt einen neuen Nimbus von Gewalt und Würde um die Häupter der Führer in diesem unedlen Wettstreit verbreiten. Aber in all diesen Gesetzen und Vorlagen, welche die Entwickelung des Volkes verhindern sollen, liegt eine gewaltige Macht für Diejenigen, gegen die sie gerichtet sind. Sie geben den Unterdrückten neue An- triebe, sie bringen den Unterdrückten neue Sympathien, sie sind die erste Waffe und der erste Anstoß zu jeder geistigen und sozialen Vefteiung. An ihnen sammelt sich die Begeisterung des Volkes, weil sie das Elend ver- mehren und die Aussichten verdüstern. Denn je uncr- bittlichcr und grausamer eine Verfolgung ist, desto mehr und inniger schaaren sich die Verfolgten zusammen und desto ciftiger sind alle Herzen und Köpfe chätig für das gemeinsame Ziel. * In dem Maße, wie der Unterdrückte und nach Ver- besserung seiner Existenzbedingungen Strebende neue Kräfte gewinnt, fängt auch sein Glaube an die Macht seines Unterdrückers zu wanken au. Das, was er früher siir Stärke au Jenem gehalten hat, sieht er nun als ver- kleidete Schwäche; Das, waS er früher wie eine Roth- wendigkeit genommen hat, erscheint ihm nun als ein aus der Vergangenheit ererbter Schaden. Mit dieser Er- kenntniß der freiuden Schwäche ist aber auch die Freude verbunden, die eigene geistige und siltlichc Kraft an der Schwäche zu messen. Diese Freude des Wachslhums und der Erkenulniß war zu allen Zeiten und ist noch der erste Anstoß zu jedem Kulturkamps. Als bei den römischen Cäsaren die Müdigkeit und der Verfall der Herrschaft begann, übertrugen sie die eigene Macht auf Andere. Sie setzten ihr Vertrauen in die Gewalt ihrer Legionen. Es begann die Herrschaft der Prätoriaucr, die Herrschaft des Militarismus, die noch zu allen Zeiten das erste und bedeutsamste Symbol des inneren Verfalles war. Tie Cäsaren aber begnügten sich damals mit dem Nimbus ihrer Stellung und mit oenl Ausbeuten ihrer höheren Rechte. Die bewaffnete Macht dagegen sollte das lose, zerbröckelnde Staatsgefüge zu- sammeuhalten. Das unsinnige und unzeitgemäße Hervorbrechen der Kräfte ist ein Zeichen der blind wüthenden Naturgewalt; mit ihr aber wird kein Kulwrereiguiß geschaffen. Alles, >vas man heute Kulturbesitz der Menschhcit nennen kann, ist die Frucht einer bewußten und langsamen Wirksamkeit. Drohungen einer Hölle im Jenseits mnß man ver- lachen, Anweisungen auf einen Himmel aber verachten. Denn dort spricht der Fanatiker, hier aber der Spekulant. DaS»vichtigste Degencrationszeichen einer Klasse ist das Zurückgreifen zu alten,»verthlos getvordenen Geistes- gebieten: Rcligiosilät, Romantik, atavistische Moral usw. Der kranke Geist hat das Verständniß für den Werth feiner Waffen verloren und greift zu den unbrauchbarsten im Kampfe um seine Eftstenz, Waffen, die ihm aber glcichmohl die eigene scheinbare Beruhigung wiedergeben können. Eine untergehende Klasse sucht sich eben mit allen Mitteln gegen das Andringen neuer, stärkerer Klassen zu schützen. Aber gerade an der sinnlosen Wahl ihrer Schutzmittel erkennt man ihren Untergang. Schnitzet. Es giebt Verbrechen, die unschuldig, selbst rühmlich durch Glanz, Anzahl und Größe werden; daher kommt es, daß Diebstahl vor aller Augen Geschicklichkeit, und ungerechte Wegnahme von Ländern Eroberung heißt. Die Fürsten»vegen Tugenden loben, die sie nicht besitzen, heißt ihnen ungesttaft Schmähungen sagen. Ein großer Name, statt zu erheben, drückt den nieder, der ihn nicht aufrecht zu erhalten weiß. Ten Ruhm großer Männer muß mau immer nach den Mitteln bemessen,»vodurch sie ihn errangen. De la Rochefoucauld. Wer gesellschaftlich über den Anderen erhaben steht, so daß er vor jebcr scharfen Antwort sicher ist, sollte nie- mals einen verletzcuben Witz machen. La Bruyere. im.wi»»»im» Uli iUiiiiiU ii (Smbanöcl eck cid (mit Jnhaltsverzeichnißj für Die Ileus Welt liefert zum Preise von>4.1.— Buchhandlung„Vorwärts" jSerCm SW. Srukh-Skratzr Er. 2. 4: a i ±7 a''1'' A': A 4 Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Edgar Steiger, Leipzig, Elisenstraße 90, richten. Verantwortl. Redalteur: Edgar Stelger, Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdruclerel u. VerlagSansiali Auer Sc So., Hamburg.— Truct: Map Vading, Verltu.