Nr. 8 �äuflvivic H Crri er h a eil a�c. 1898 Im Spiel des Lebens. Inf und nieder Schwankt die Waage Deiner Tage, Wie sich füllen Ihre Schalen, Diese hoch und jene tief. Last sie sinken, Last sie steigen, Diese hoch und jene tief... Du nur zwischen beiden stehe Unbeirrt in deinem Aich Stark und fest, als Halt und Träger, Als gerechter Gleicher und Wäger, �roei Lieder. Von Cäsar Flaischlen. Still und ruhig, über ihrer Gaben jede Stunde wechselnd- Leisem Auf- und Niederspiel! Einem Kinde. jÜglei nicht traurig, Sei nicht traurig— Ts ist heute nur So trübe, Ls ist heute nur So schwer! Morgen blitzt die Sonne wieder, Leuchten Rosen weiß und roth, Und das Lcrchcnlicd der Hoffnung Jubelt in den hellen Morgen, Jubelt in den blauen Himmel, Siegreich über Leid und Roth!... Äuillt und schwillt mit jungen Kräften, Äuillt und schwillt mit junger Lust Lebenwarm dir in die Brust, Weckt und wappnet deine Seele Glaubensroh zu neuer Wehr!... Sei nicht zag drum, Sei nicht traurig— Es ist heute nur So trübe, Es ist heute nur So schwer! Gerichtsrath JoHnnmnn. Novelle von G. Macasy. -(Schluß) m Tage nach diesem ersten verunglückten Ver- U suche, sich aus dem Fenster stürzen, ging 34—' der Nath in Begleitung Joachims im Garten ter Irrenanstalt spazieren. Er schien die Ereignisse von vorher ganz vergessen zu haben und war stied- licher und guter Laune. „Vergiß die Alten nicht!" sagte er zn Joachim. „Nein, Herr Rath!" Eine Weile schwieg er und ging nachdenklich vor sich hin. Dann sagte er:„Und die Deklination! Alan sagt: die Kröte, der Kröte—. Besonders der Singular ist wichtig. Das vertreibt die Angst. Alan kann aber auch andere Worte gebrauchen— der Hals, das Messer— eine Menge. Auch im Plural kann man sie gebrauchen. Aber das erfordert viel Nachbellten. Am besten eignet sich Kröte. Kröte ist ein gutes Wort." Inzwischen setzte oben der Schlosser ein neues Gitter ein. Als der Nath in sein Zimmer zurückgekehrt war, untersuchte er in einem Augenblicke, wo er unbewacht war, das Gitter. „Seltsam!" dachte er.„Ich habe es durch- gefeilt, ganz durchgeseilt. Die Stäbe unten und Zwei Ouerstäbe. Und jetzt ist es wieder ganz." Er stand lange und überlegte. Er rüttelte an den Stäben, aber sie gaben nicht nach. Dann dachte er:„Nein. Ich habe es nicht durchgefeilt. Ich wollte es erst durchfeilen. Die Feile, der Feile, der Feile— ich luolltc es durchfeilen, aber ich fand die Feile— Akkusativ— nicht. Aber ich werde mir jetzt die Feile holen." Er trat zur Thür, die verschlossen war. Eben kam Joachim herein. „Was suchen Sie, Herr Nath?" „Nichts. Ich dcklinire." Verlegen drehte sich der Rath um und murmelte: „Die Spinne, der Spinne." Seit jenem Tage aber machte er keinen Versuch mehr, das Gitter zu durchfeilen. Der Sommer verging. Der Nath war ganz ruhig und friedlich ge- worden wie ein Kind. Stillvergnügt saß er tagaus, tagein am Fenster und schaute über die Mauer hinüber in den Garten, dessen Laub sich immer röther und fahler färbte. Und er freute sich, wenn er die Vögel singen hörte. Er lauschte auf jeden Ton und fand Melodien heraus aus imaginären Musikwerken. Oder er ging umher und dcklinirte leise vor sich hin. Er suchte sich ein Wort und deklinirte es. Wenn er ein Geräusch an den Dielen hörte, deklinirte er: die Maus, der Maus. Und er fand, daß es ein gutes Wort sei. Wenn ihm Joachim beim Anziehen half, deklinirte er seine ganzen Kleider, und bei jedem Stück fand er, daß es ein gutes Wort sei. Eines Tages sagte Doktor Gran, der oft ins Hans kam, zur Räthin:„Nim ist alle Gefahr vorüber. Er wird schwachsinnig bleiben und ganz zum Kinde werden. Aber er wird immer gut und harmlos sein. Man brauche ihn jetzt garnicht mehr zu bewachen." Und er rieth ihr, den Rath aus der Anstalt zu nehmen und ihm den Wärter zu behalten. Aber die Räthin wollte nichts davon wissen. Sie dachte:„Ich lasse mich nicht betrügen. Er verstellt sich. Er merkt, daß er dort seinen Plan nicht ausführen kann. Er verstellt sich nur, inn endlich zum Ziele zn gelangen." Und sie blieb dabei, daß er in der Anstalt bleiben solle. Ein anderes Mal sagte Doktor Grau:„Haben Sie keine Sorge mehr! Er läßt sich lenken wie ein Kind. Er kennt keinen Widerspruch. Wenn Sie ihm sage», er soll essen, so wird er essen. Er wird die schlechtesten Speisen gut finden. Wenn Sie ihm befehlen, er soll zu Bette gehen, so wird er sich ohne Murren niederlegen. Wo Sie ihn hinsetzen, wird er sitzen bleiben. Am besten ist es, ihn ganz sich selbst zu überlassen, er fühlt sich wohl und glücklich." Endlich überredete der Doktor sie, daß sie den Rath wenigstens einmal besuche. Sie that es wider- willig. Aber sie ging doch mit dem Doktor. Als sie eintraten, fanden sie den Rath, ans dem Boden sitzend, damit beschäftigt, einen Knäuel Wolle aufzuwickeln. Er beachtete sie kaum und war ganz in seine Arbeit vertieft. Als ihn der Doktor ans seine Frau aufmerksam machte, sah er sie an und nickte ihr frenndlich zu.—— Die Neue IPdt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 58 Und so willigte schließlich die Räthin ein, daß man den alten Btann wieder nach Hanse schaffe. Als er seine Zimmer wiedersah, lachte er und freute sich.„Hier sei es doch viel besser," nieinte er. Er ging überall umher und besah sich die alten Btöbel und streichelte sie und grüßte sie lächelnd. Doktor Grau hatte ihm einen Hampelmann mit- gebracht. Darüber hatte er eine kindische Freude. Er nannte ihn Jule, weil, wie er behauptete, jeder Hampelmann Jnle heißen muß. Und mit diesem spielte er den ganzen Tag. Er zog ihn ans und ab und stellte ihn vor sich hin und lehrte ihn de- kliniren. Auch schleifte er ihn an einer Schnur durch alle Zinnner mit sich und setzte sich irgendwo in einem Winkel ans den Boden, um seinen Hampel- mann zu streicheln und aufzuziehen. Oft kam er in die Wohnstube herüber und nahm in seiner gewohnten Ecke am Fenster Platz. Dort saß er Stunden lang und ließ seinen Hampelmann baumeln und lachte dazu. Die Räthin schien er gar- nicht zu bemerken. Bel den Mahlzeiten, die er nun wieder am Fa- milientisch einnahm, saß er still und friedfertig in sich versunken und aß ruhig, was man ihm vorlegte. Aber es mußte ihm geschnitten werden, denn er aß nur mit dem Löffel. In lichteren Augenblicken zeigte er am meisten Spmpathie für Gertrud. Einmal streichelte er zärtlich über ihr.Haar und sagte: „Kleines Krötchen, Tu siehst blaß aus!" Und er sah sie gutmiithig und besorgt an. Aber es war nur wie ein Reflex ans früherer Zeit. Er dachte sich nichts dabei.—— Aber all dies benahm der Räthin nicht ihre ent- schliche Furcht. „Er verstellt sich doch!" sagte sie bei sich. Und sie forschte in seinen Mienen, in seinen Blicken. Sie beobachtete ihn unausgesetzt und war stets wie zur Bcrtheidigung ihres Lebens gerüstet. ** * An einem Nachmittage im Spätherbst saß die Räthin am offenen Fenster in der Wohnstube und überlegte. Gertrud war zu ihrer Tante gegangen und die Magd hatte die Räthin selbst fortgeschickt, um Ein- käufe in der Stadt zu besorgen. Sie saß lange und wartete auf das Herein- brechen der Dunkelheit. Ihr einziger Gedanke war: Heute mußt dn's ausführen. Als es ganz finster geworden war, erhob sie sich und ging in das Zimmer des Rathes hinüber. Der Rath saß, wie gewöhnlich, am Boden und spielte mit dem Hampelmann. Die Räthin sagte zu ihm:„Komm!" Er stand ans und folgte ihr. Sie kehrten in das Wohnzimmer zurück. „Willst Tu etwas haben?" fragte die Räthin. „Nein." „Willst Du Zucker haben?" „Ja." „Aber Tu mußt thun, was ich Dir sage. Willst Du das thun?" „Ja." „Gut. Dann bekommst Du Zucker. Stell Dich hier auf das Fenster." Der Rath gehorchte ihr und kauerte sich auf die breite, niedrige Fensterbriistung. Er sah seine Frau ganz verwundert an. Tie Räthin, die mit Mühe ihre Aufregung be- herrschte, sagte ruhig:„Du bekommst Zucker, wenn Du in den Hof hinunter springst. Willst Du?" „Ja." „Nun, so spring!" Nach einer Weile sagte der Rath:„Ich habe Furcht." „Spring, sag ich Dir!" Die Räthin trat zu ihm hin. Der Rath schaute in den Hof hinab und sagte dann verzagt:„Ich habe Furcht." Dann klammerte er sich mit einer Hand an das Fcusterkreuz und jammerte:„Ich habe Furcht. Du machst so böse Augen." „Spring!" schrie die Räthin heiser. „Nein! Nein!" wimmerte der Irre.„Tu machst solche Augen!" Da wurde die Räthin rasend. Sie riß den an einer Schnur herabbaumelnden Hampelmann an sich und schlug damit auf die Hände des Ruthes los. Schreiend und wimmernd ließ dieser das Fenster- kreuz aus den Händen und wollte von der Brüstung herab in das Zimmer springen. Da stieß die Räthin mit dem Aufgebot all ihrer Kraft nach seiner Brust, so daß er das Gleichgewicht verlor. Ein gellender Aufschrei, dann ein dumpfer Fall und es wurde still. Die Räthin horchte. Keuchend, wie zuni Sprunge bereit und halb geduckt, stand sie da und horchte. Es wurden Stimmen laut. Menschen versammelten sich im Hofe. Die Räthin flüchtete in die Küche. »* * Als Gertrud heimkehrte, fand sie die Wohnung offen und auf der Treppe und unter der Thür standen die Menschen. Im Wohuzimmer lag die Leiche des Rathes. Weinend und klagend kam ihr die Mutter entgegen und umarmte sie. Dann zeigte sie auf den Tobten. „Gräßlich!" sagte sie und schluchzte. Doktor Grau kam. Er konnte garnicht begreifen, wie das möglich gewesen war. Unter Thränen versicherte die Räthin, sie sei noch fünf Minuten früher in seinem Zimmer gewesen und da hätte er ruhig gespielt. Es sei entsetzlich. -st-st -st Mit eiserner Energie hatte die Räthin den letzten Ereignissen Trotz geboten. Sie hatte nur den ein- zigen Gedanken, der sie ganz in Anspruch nahm: nur jetzt nicht unterliegen. Ohne fremde Hülfe hatte sie alle Anordnungen für das Begräbnis; des Rathes getroffen. Sie hatte die zahllosen Menschen empfangen müssen, die sich jetzt des Rathes erinnerten, während sie ihn Zeit seines Lebens gemieden hatten. Tie größte Pein waren ihr diese Leute mit ihren Fragen, und immer wieder mußte sie erzählen, wie das gekommen sei. Am Abend nach dem Begräbnis; aber war ihre Kraft zu Ende. Ein heftiges Ncrveilficber ergriff sie und sie mußte zu Bett gebracht werden. Gertrud pflegte sie. Tag und Nacht saß sie au dem Krankenlager der Mntter und hörte sie in dem Fieberdeliriuni sprechen, lind Alles, was Gertrud bisher im Leben ihrer Eltern nicht begriffen hatte, das wurde ihr jetzt klar. Ein ganzes Leben von Haß und Verbitterung, von kleinen Kränkungen und wilden, tief iWborgeneil Trieben rollte sich vor ihr ab. Sie lernte die erste Zeit der Ehe ihrer Eltern kennen, und das ganze darauf folgende trostlose Dasein, und sie erfuhr, daß ihre Mütter zur Mörderin geworden war. Kein Laut kam über ihre Lippen. Sie vermied es, andere Leute und selbst die alte Riagd an das Krankenlager treten zu lassen.— Und diese lange, einsame Zeit war die Zeit ihrer Prüfung. Ihr bis- heriges Leben erschien ihr wie ein Traum, aus dem sie jetzt zur tiefsten, düstersten Wirklichkeit erwachte. Ihre Seele reifte sich in diesen langen Winternächten ans. Es trat etwas in sie, was sie früher nicht gekannt hatte, weil sie keine Ahnung von dem ganzen Zusammenhang gehabt: das große Mitleid mit allem Menschlichen. Und mit diesein Mitleid überkam sie auch eine neue Ruhe: die Ruhe der sicheren Er- kenntniß. Sie sah die Tansende von Nothwendig- leiten im Menschenleben und erkannte, daß Schuld und Schicksal keiner Willkür des Einzelnen unter- liegen.— Aber auch eine große Aufgabe wurde ihr nun völlig klar— die Aufgabe, zu welcher ihr Hertha die Bahn geebnet hatte.——— Lange Zeit hatte man für das Leben der Räthin gefürchtet. Aber ihre Natur wußte auch diesen Schlag zu überwinden. Langsam erholte sie sich.— Als sie genesen, war der Winter vorbei. Als sie zum ersten Male aufstand, da merkte man erst die ent- setzliche Veränderung, die sie erlitten hatte. Sie war zur Greisin geworden. Ihr Körper war zusammen- geschrumpft, ihr Haar silberweiß geworden. Langsam, langsam kehrte die Erinnerung in sie zurück. Und sie stand vor einem Räthsel. Sie konnte nicht herausfinden— wie das gekommen war. Aber das Bewußtsein des Geschehenen verstärkte sich und umklammerte ihre Seele. „Das habe ich gethan! Das habe ich gethan!" murmelte sie leise vor sich hin. Aber sie empfand es nicht als eine Schuld, sondern als etwas Seltsames, Unfaßliches. Sie bemühte sich, nachzudenken, wie sie dazu gekommen sei, aber sie fand den Zusammenhang nicht. Gegen Gertrud wurde sie freundlich und zärtlich, wie nie zuvor. Oft ruhte ihr Blick auf dem Mädchen und sie suchte nach einem guten, herzlichen Wort, das sie Gertrud sagen könne. Aber nicht aus Angst und Schuldbewußtsein war sie so, denn sie hatte die Ueberzeugung, daß Gertrud nichts von dem Ge- schehenen wissen könne. Gertrud sah diese Veränderung und begliff sie. Jetzt, nach alldem, war sie ihrer Mutter näher ge- kommen, als je zuvor. Das Mitleid zog sie zu jener Frau, die sie als Kind nie geliebt hatte. ** * Ter Frühling war ins Land gezogen. In den schmalen Lichthof stahlen sich die ersten Strahlen der Frühsonne und die Räthin saß in dem Lehnsttihl ihres Mannes am Fenster. Ihre einzige Beschäf- tignng war, dort hinanszuschauen auf die schimmern- den Scheiben im Hinterhause, auf die Blumenstöcke au den Fenstern und auf die Leute, die ab und zu dort hinter den Gardinen sichtbar wurden.— Sie war fast immer allein. Gertrud ging nun wieder oft zu Hertha, und oft auch sagte die Räthin selbst: „Geh doch, Kind, ich bleibe gern allein." Gegen Hertha hegte sie keinen Groll mehr. Sie ließ sie grüßen und einmal sagte sie:„Hertha sollte doch auch dann und wann zu mir kommen." Und die Zeit der Einsamkeit benutzte die Räthin, um über ihr Leben nachzudenken. Das, was sie nie gethan hatte, that sie jetzt. Sie hielt Abrech- nung mit allen ihren Handlungen von Jugend ans, und sie sah, daß ihr ganzes Leben ein verfehltes gewesen sei, und daß die Schuld, daß Alles so ge- kommen, auf ihrer Seite liege. Unerbittlich forschte sie nach Allem, was sie gethan hatte, und sie fand, daß sie so wenig recht gethan. Sie sah, daß sie alt geworden war und daß das Unheil ihr treuester Begleiter war. „Wenn man sein Leben noch einmal leben könnte!" dachte sie oft.„Wenn man Alles so anders machen könnte, als man es that!" Aber es lag etwas von friedlicher Resignation in ihrem Denken. „Geschehen ist geschehene Und nun ist Alles vorbei." Dann stieg das Bild Gertruds vor ihr auf und sie sah auch hier ihr verfehltes Wirken. Sie begriff, warum sie die Liebe ihres Kindes nie erworben hatte, sie fühlte Mitleid mit dieser Jugend, die so traurig war. Aber mit guten Worten, das sah sie ein, ließ sich der große Fehler nicht gut machen. Und sie dachte darüber nach, was sie thun könnte. Eines Tages fiel ihr ein:„Wenn ich nicht mehr sein werde, wird Gertruds Leben ein besseres sein. Sie wird mich nicht entbehren und wird doch frei sein." Diese Idee verließ sie nicht mehr und sie wünschte, daß sie in dieser letzten Krankheit gestorben wäre. „Wenn ich nicht mehr sein werde!" sagte sie bei sich. Und sie dachte daran, ihrem Leben frciivillig ein Ende zu machen. Es lag viel Trost für sie darin, aber wäre es nicht ein neues Unheil für Gertrud gewesen? Ein letzter Schicksalsschlag zu allen früheren? Nein, um Gertruds willen durfte sie es nicht thun. Daun aber dachte sie:„Wie, wenn ich fort wäre? Irgendwo, wo ich in ihr Leben nicht mehr eingreifen kann?" Seit langen Jahren war es die erste Freude, die sie empfand. Und sie blieb an diesein Gedanken hängen. Sie überlegte Alles. Und der Zufall war ihr günstig. Me Neue A)elt. Illustrirte Unterhalwngsbeilage» 69 Der Doktor hatte ihr gcrathen, sie möge eine Reise unternehmen, unter anderen Menschen, in anderer Luft leben. Ja, das wollte sie thnn. Sie theilte Gertrud mit, daß sie auf das Land gehen werde. Gertrud wollte sie begleiten. „Nein, nein!" sagte sie.„Tie alte Marie wird mit mir gehen." „Und ich?" Die Räthin streichelte ihre Tochter und sah sie zärtlich an. „Du bleibst bei Hertha, Kind! Willst Du? Ich bin alt und kränklich. Ich wäre Dir nur eine Last." Gertrud willigte ein. Gs wurden alle Vorbereitungen getroffen. An einem schönen Maitage verließ die Räthin die Wohnung, in der ihr Leben vor sich gegangen. Auf der Bahn nahm man Abschied. Die Räthin sprach noch lange und ernst mit Hertha. Gertrud ahnte, daß sie von ihr spreche. „Lebe wohl, mein Kind!" sagte die Näthin und küßte Gertrud auf die Stirn. Das war das letzte Wort, das Gertrud von ihrer Mutter hörte. Einige Tage später kam ein Brief, in dem die Näthin Gertrud ihren Entschluß mittheilte. Sie wolle sich irgendwo in der Fremde niederlassen, um dort ihre letzten Tage zu beschließen. Gertrud solle sie nicht wiedersehen. Sie sei alt und werde nicht mehr lange leben, aber sie sehne sich nach dem Frieden. Gertrud aber sei jung und das Leben liege vor ihr. Sie wolle nicht länger ein Hinderniß für dieses junge Leben sein, lind Gertrud habe ja in Hertha eine Freundin, eine treuere Freundin, als sie an ihrer Mutter je besessen. Und so nehme sie Abschied von ihr für immer. Möge sie glück- licher werden, als ihre Mutter es gewesen. -i- Gertrud hat ihre Mutter nicht wieder gesehen. Ihre ganze Jugend mit all den traurigen und freud- loscii Tagen lag hinter ihr. Doch vor ihr lag das Leben mit seiner Pracht und seinem Glänze, das Leben mit seinen geheimnißvollen Verheißungen und all seiner Glnth und seinem Licht. £ Wanderungen durch Zeit und Raum. Von Th. Overbeck. XIV. Die Lcbcwclt der älteren Perioden der Erde. lDiM enn mich die ältesten Gesteine der Primor- Ml I i dialepoche schon organische Substanz, d. h. Kohlenstoff in Gestalt von Graphit ans- weisen, was auf eine Pflanzenwelt, wahrscheinlich ans Tangwälder des Urmeeres deutet, und Ein- lagernngen von durch die innere Erdgluth umge- wandcltem körnigen Kalk das Gebirge des Urgneises durchsetzen, welche Ablagerungen vielleicht ans eine Welt kalkabsondernder Mnschelthiere zurückzuführen sind, so fehlen dennoch erkennbare organische Reste, mit Ausnahme des noch immer etwas zweifelhaften Eozoon, in diesen ältesten Schichten völlig. Vermuthlich waren die Gebilde noch äußerst zarter Natur und traten die inneren Erdkräfte durch gewaltige Gluthausbrüche noch derart verheerend ans, daß an ruhige und ungestörte Ablagerungen nicht zu denken war. Auch die folgenden jüngeren Schichten der Cam- krischen Formation bieten noch äußerst wenig, doch hat man vereinzelt Neste von im Meere lebenden Organismen darin gefunden, am beste» erhalten eine Deetanggattung, nach eineiig Naturforscher Oldham Oldhamia benannt; vielleicht ist das Ganze auch ein im Wasser lebender Polyp; deutlich ist dieses noch »icht zu erkennen. Auch noch diese Schichten zeigen einen Zustand bedeutendster Umwandlung durch Hitze und sind die �ialklager derselben durch halbe Schmelzung unter hohem Druck zu marmorartiger Konsistenz verändert. Nicht zu verwundern ist daher die Zerstörung der Reste der vermuthlich schon vorhandenen Welt lebender Wesen. In der jetzt folgenden Silurzeit tauchen jedoch plötzlich zahllose Organismen auf, meistens Meeres- bewohner, Korallen, Polypen, Muscheln, wundersam gestaltete Krebse und haiartige Fische und Schmelz- schuppcr, von welch letzteren jedoch bis jetzt nur Flossenstacheln, Zähne und Schuppen, aber keine ganzen Thiere gefunden wurden. In neuerer Zeit fand man in diesen Silur- schichten auf Gothland einige Skorpione und in der Normandie eine Schabe, welche Funde unzweifel- Haft beweisen, daß auch schon trockenes Land und dieses bewohnende Landthiere und Landpflanzen vor- Händen waren. Häusigere Spuren von Landorganismen finden sich aber erst in der nun folgenden Zeit, der devo- uischcn Periode. Während dieser Zeit grünten schon üppige Wälder, allerdings vorzugsweise zusammengesetzt aus blüthen- losen Pflanzen(Cryptogamen) und zwar gebildet aus Calamiten(Rohrschachtelhalmen), Farnen und Bärlapp- gcwächscn, denen sich vermuthlich ein Heer von Moosen und Lebermoosen, letztere die Uebergangsform von den tiefstehcnden Algen zu den höher organisirten Farnen darstellend, zugesellten, sogar schon lieber- gangsformen von den bliithenlosen zu den Blüthen- pflanzen, Nadelhölzer, ähnelnd den noch heute lebenden Araucarien, nntermischten sich der im Allgemeinen noch einförmigen Gesellschaft der Cryptogamen. Mit Ausnahme einiger Insekten, ähnelnd unseren Eintagsfliegen, darunter eine Riesenart mit fünf Zoll Flügelspannung, fand man Landthiere in den Ab- lagernngen des Devon bis jetzt nicht, doch waren solche unzweifelhaft reichlich vorhanden, da schon die ältere Silurzeit Skorpione und Schaben besaß, und ist das Nichtauffinden wohl lediglich ein unglücklicher Zufall. Die Fauna(Thierwelt) des Meeres glich annähernd der des Silurmeeres, doch ist eine höhere Entwickclung aller Formen deutlich erkennbar, vor- zugsweise der Fische, von welchen man im alten rothen Sandstein von Schottland und Wales prächtig erhaltene Skelette findet. Drei Hauptformen lassen sich von diesen unter- scheiden, gepanzerte Fische(Ganoidcn und Plaeoidcn), Fische mit viereckigen und solche mit runden Schuppen. Die Ganoiden und die diesen nahe perwandten Placoiden, welche man wohl mit Fug und Recht als die Urahnen unserer ebenfalls, wenigstens thcil- weise gepanzerten Störe betrachten kann, sind zum Thcil ganz wunderbare Geschöpfe, welche der Laie wohl kaum für Fische halten würde. Harte Panzerplatten bedecken oft den ganzen Körper, der Kopf ist unförmlich und breit, und mäch- tige, ebenfalls gepanzerte Ruderflossen sind beider- scits, zwei langen Flügeln ähnelnd, dem Kopfe nahe, angegliedert. Nicht unähnlich sehen verschiedene dieser Thiere, natürlich nur sehr allgemein anfznfassen, hinsichtlich ihrer Körperform einem in unseren Teichen und Wassertümpcln gemeinen, kleinen Insekte, dem Rückenschwimmer oder der Wasserwanze(Notonecta). Eckschuppige Fische sind zur Jetztzeit nahezu aus- gestorben und nur wenige Formen, der Flossenhecht und der Knochenhecht, finden sich noch in afrikanischen und nordamerikanischcn Flüssen, nur die rund- schuppigen Fischgestalten erfüllen im Wesentlichen die Gewässer unserer Tage. Langsam erstand aus den alten Formen des Devon eine neue Welt, welche die Stcinkohlcnepoche benannt ward, weil während dieses Zeitalters der größte Theil der die Existenz der Menschheit heute nahezu bedingenden Steinkohle aus der üppigen Pflanzenwelt jener Zeiten abgelagert ward. In strotzender Ueppigkeit bedeckten die Urwälder der Steinkohlenzeit, begünstigt durch beständig feuchte Wärme, die Formen weisen auf eine Temperatur von etwa 25— 30°C., sowie durch hohen Kohlen- säuregehalt der Luft, die niedrigen Sumpf- und Jnsellandschaften und zwar unter allen Breiten bis zu den Polen hinauf. Das höher liegende trockene Land erfüllten Wälder von Araucarien. Gehiillt in Dämmerung, denn die weit aus- gedehnte Lufthülle jener Zeiten war wohl durchweg von dichten Dünsten erfüllt, erstreckten sich schier endlos und undurchdringlich die Morastwäldcr, letztere belebt von dem krokodilartigen, meterlangen Archego- saurus, kleineren Reptilien, absonderlich gcstal- teten Spinnen, Skorpionen, Schaben und Tausend- fiißern; die trübe, nebelgraue Luft durchflatterten Insekten ähnlich unseren Eintagsfliegen, Frühlings- fliegen und Libellen.— Die süßen Wasser der Sümpfe waren bewohnt von eckschnppigen Fischen und Muscheln, welche den Uuioarten unserer Flüsse und Teiche ähnelten. Fremdartig und völlig abweichend von dem unserer Wälder war nun der Anblick des Steinkohlcnwaldcs. Hoch empor streckten sich die mächtigen Stämme der Baumfamen, deren saftgrünes Spitzengewirr der zart- gefiederten Wedel sich wundersam von dem nebel- grauen Dunsthimmel abhob, welchen der damals noch gewaltig große Sonnenball strichweise in glühendes Roth kleidete.— Dazwischen mischten sich die Stämme der Schuppenbäume und Sigillarien(Sicgelbäumc genannt nach den die Stämme in regelmäßigen Reihen bedeckenden, einem aufgedrückten Siegel ähnelnden, hinterlaffenen Narben der harten, abgefallenen Blätter), diesen Verwandten unserer heutigen kriechenden, nwos- ähnlichen Bärlappgcwächse, welche mit ihren weitver- zweigten Wurzeln die mit Wäldern von Calamiten und Schachtelhalmen erfüllten warmen Moräste durch- zogen. SturmgebrauS erfüllte diesen Urwald noch nicht, höchstens ein melodisches Rauschen, des starren Ge- zweiges der Schachtelhalme durchzog ihn, denn die den Erdball gleichmäßig umhüllende warme Luft gab noch keinerlei Veranlassung zu bedeutenden Gleich- gewichtsstörungen. Trotzdem dnrchtobten ihn häufig die zerstörenden Elemente in Gestalt der ehemals mächtiger auftretenden Springfluthen und gewaltiger, schlämm- beladener Erdbebenwellen, welche letzteren bei der noch dünnen Erdrinde weit häufiger und gewaltiger als zur Jetztzeit sich einstellten. Die Lebewelt des Steinkohlenwaldes ward bei solchen Ereignissen vernichtet und unter Schlamm begraben, dessen gewaltiger Druck im Laufe von Millionen von Jahren das Pflanzengewirr zu Schich- ten zusammenpreßte und in Kohle verwandelte. Wie häufig derartige Erdbebenwcllen und die vorübergehenden Zerstörungen der nach den Kata- strophen wieder emporstrebenden Sumpfwälder waren, beweisen die Kohlenlager, welche z. B. in der Nähe von Saarbrücken bei einer Gesammtdicke von nur 338 Fuß nicht weniger als 164 Unterbrechungen durch zwischengelagerte, ursprünglich horizontale Ge- steinsschichten zeigen, von denen jede das Resultat einer Katastrophe ist. Garnicht selten stehen in den Felswänden der Bergwerke abgebrochene, versteinerte oder verkohlte hohle Baumstümpfe noch senkrecht in dem uralten Waldboden, jetzt natürlich harter Fels, und findet man in den Hohlräumen dieser Stämme sehr häufig Anhäufungen von Skeletten kleiner Reptile und Lurche, vermischt mit Tausendfüßern und Gehäusen von Landschneckcn, welche Geschöpfe offenbar seiner Zeit vor den hereinbrechenden Fluchen in den hoch- liegenden Hohlräumen sich zusammendrängend ver- geblich Schutz suchten. Daß höhere Lebensformen in solcher Umgebung noch nicht aufkommen konnten, weder auf dem Lande noch im Wasser, ist selbstverständlich. Im Meere lebten verschiedene Arten gefräßiger Raubfische, deren ganzer Bau an die gewaltigen Saurier(Reptile, mehr oder minder unseren Kro- kodilen gleichend) gemahnt, welche wieder einen Rück- schlnß auf eine reiche Lcbewelt des Meeres gestatten, denn solche Räuber verlangten Nahrung. Die Schichten der auf die Steinkohlenzeit fol- genden permischen Epoche, benannt nach dem Gou- vernement Perm in Rußland, woselbst sich mächtige Ablagerungen aus dieser Periode finden, zeigt nun ferner erhebliche Aenderung der Verhältnisse. Die Schuppenbäume und Sigillarien der Stein- kohlenzeit sind ausgestorben und ist die frühere Ueppig- kcit der Moorvegetation verschwunden, dementsprechend 60 Aie Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. verringert sich auch die Mächtigkeit der sich auch in diesen Schichten findenden Steinkohlenlager. Prächtige Farrnwälder, jedoch aus anderen Arten als die Steinkohlenwälder zusammengesetzt, grünten auch während dieser Epoche,, doch treten auch Nadel- Hölzer reicher an Arten auf, vorzugsweise eine sehr zierliche, unserer edlen Araucaria excelsa ähnelnde Art Walchia. Höchst merkwürdig war diese Zeit durch gewaltige Ausbrüche von mit gelösten 5?upfersalzen beladenem Wassers, wodurch unzählbare Fische vergiftet und imprägnirt wurden und sich die Kupferschiefer bildeten, welche im Mansfeldischen zahllose dieser vergifteten Fische versteinert enthalten. In der nun folgenden Trias-Epoche� entwickelten sich die Reptilien in vorwiegender Weise und er- reichen mehrere derselben Riesengröße, zugleich auch finden sich die ersten seltenen Spuren von Säuge- thieren, d. h. Kiefer von beutelthierähnlichen Formen. Gewaltige froschartige Reptilien, das Chirotherium oder Handthier und der Mastodonsaurus, drückten ihre Spuren in den Grund der Fluß- und Meeresnfer ein, welche Spuren, in Stein verwandelt, sich vielfach, z. B. im Sandstein bei Hildburg- hausen, finden. Die Ufer des Meeres belebte ein großes gavialartiges Reptil mit mächtigem Gebiß, das Belodon. Außerordentlich reich waren die Meere dieser Zeit auch an anderen Thieren, Krebsen, Muscheln, Schnecken und Polypen, letztere vorzüglich repräsentirt durch sogenannte See- lilien, meistens auf hohem gegliederten Stiele stehende Gebilde von annähernd Blumen- gestalt, die bei mehreren Arten unendlich verästelten Fangarme die Blumenblätter darstellend. Die Reste dieser niederen Thiere bilden, i in Stein verwandelt, ganze Gebirgszüge, Z und geben sie die Veranlassung zu der Be- nennung Muschelkalk. Die Wälder des festen Landes und der i\ Inseln glichen im Großen und Ganzen noch denen der vorhergehenden Periode, wenigstens hinsichtlich der Hauptfonnen, der Farne, Schachtelhalme und Nadelhölzer, von welchen eine schöne Art, Volt?ia heteropliylla, vcr- innthlich große Wälder bildete; auch Zapfen- palinen oder Cycadeen, ähnlich der lebenden Sagopalme, finden sich in den Ablagerungen der Trias. Außerordentlich reich ist die nun folgende, nach dem Juragebirge, welches fast ganz aus Ablagerungen dieser Zeit anfgethürmt ist, benannte Jura-Epoche. Dieselbe zerfällt ebenfalls, gleich der Trias, in drei Haupt- Perioden, den unteren oder schwarzen Jura, auch Lias(Leias) benannt, den niittlercn, braunen oder Dogger, und den oberen oder weißen Jura. Die Säugethiere dieser Periode sind ausnahmslos noch kleine Bentclthiere, von denen bis jetzt nur in diesen Schichten lediglich Unterkiefer gefunden wurden; dieselben gehören fast durchweg Insektenfressern an, nähern sich daher den noch heute lebenden Ameisen- bären und Ameisenigeln. Genaueres über ihren Bau läßt sich natürlich nicht sagen. Merkwürdig ist dieses Weltalter durch das erste Auftreten des Vogelgeschlechts. Allerdings fand man bis jetzt nur eine Art in zwei Exemplaren in dem lithographischen Kalkstein zu Solenhofen; diese Funde repräsentiren aber ein Wundergeschöpf, welches man bei seiner Entdeckung, völlig zutreffend, ein befiedertes Räthsel nannte. Dieses Arebaeopterix macroura(langschwänziger Urflügler) benannte Geschöpf ist nämlich ein richtiges Mittelding zwischen Vogel und Eidechse und kann es als Beweis für die Richtigkeit der Darwinschen Lehre, nach welcher sänimtliche Thier- oder Pflanzen- arten im Laufe der Zeit sich aus anderen Arten entwickelt haben, verwerthet werden. Eine harte Niederlage für die Gegner Darwins war daher s. Zt. die Entdeckung des Archaeopterix. Das etwa rabengroße Thier besaß einen richtigen Vogelkopf, jedoch Neptilienzähne im Schnabel, die Flügel glichen annähernd denen unserer Vögel, ebenso die auch befiederten Schienbeine und.Krallen. Wundersam gestaltet war aber der Schwanz, welcher gleich dein Schwänze der Eidechsen ans einer langen Reihe von Wirbeln bestand, an welchen rechts und links je eine Anzahl langer Federn be- festigt waren. Der Schwanz ähnelte also hinsichtlich seiner Form dem Wedel eines Farrnkrautes oder einer Cycadee. Kein Vogel der Jetztwelt besitzt einen derartigen Schwanz und gleicht der sämmtlicher Vögel einem Fächer. '";.'■'•■W.s £1 K kp.. r'' Vi- MW» * Trias benannt, weil sie aus drei HaupttHeilen, den Ilblaacrimgcn des Buntsandstcm, Muschelkalk und Keuper zusammengesetzt ist. Ikasching der Armen. Die Welt der Reptile und Lurche erreichte zu dieser Zeit den Höhepunkt der Entwickclung und waren Meere und Land mit den furchtbarsten Ge- schöpfen dieser Sippe erfüllt, welche fast ausnahmslos an die Drachen der Sage erinnern. Fischartige Riesensaurier(Ichthyosaurus) und verschiedene Arten Saurier mit langem Schwanenhals (Nothosaurus und Plesiosaurus) belebten als furchtbare Raubthiere die Gewässer, fliegende von mittlerer Größe, der Pterodactylus(Fliigelfinger) und Rharnphorynchus durchflatterten flederniansartig die Lüfte, der gavialartige Tslcosaurus durchstreifte beutegierig die aus Schranbenbänmen(Pandauus), Cycadeen, Farrn und Araucarien gebildeten Wälder der Fluß- und Meeresufer. Riesig sind vielfach die Dimensionen dieser Meer- brachen; so erreicht z. B. der in amerikanischen Ab- lageningen aufgefundene, dem Plesiosaurus(Schwanen- saurier) ähnliche Elasmosaurus platyurus eine Länge von 50 Fuß, dazu besitzt er einen 22 Fuß langen Schwanenhals. Daß diesen gewaltigen Räubern eine reiche Lebe- Welt kleinerer Geschöpfe des Meeres und des. Landes entsprach, von denen wir hier nur die Kopffüßer (Annnonshörner oder Tintenfische), deren Reste als Aninioniten und Donnerkeile in großen Mengen die Felsmassen durchsetzen, sowie Korallenbildungen er- wähnen wollen, bedarf wohl keiner näheren Er- örterung. Merkwürdigerweise hat sich die barocke Form der Schwaneneidechsen(Plesiosaurus) bis in die neuere Zeit im südlichen Amerika erhalten, denn Professor Philippi seu. in Santiago(Chile) fand, wie er mir vor einigen Jahren brieflich nnttheilte, in den oberen Tertiärschichten Chiles noch echte, allerdings nicht sehr große Plesiosauren. Fast noch gewaltiger als zur Jurazeit war die EntWickelung der Saurier in dem auf die Jurazeit folgenden Weltalter der Kreide. Hochbeinige, hinsichtlich ihrer allgemeinen Körper- form plumpe, schnppenbedeckte, Löwen und Tigern ähnliche Ranbsaurier mit furchtbarein Gebiß (der fleischfressende Megalosanrns)* durchstreiften die Wälder des Landes, den bis ele- phantcngroßen, pflanzenfressenden Sauriern, den trotz ihrer Größe harmlosen und wehr- losen Igjuauodon und Hylaeosaurus nachstellend. Der Jguanodon, von welchem voll- ständig erhaltene Skelette in Belgien ge- funden wurden, war ein dickbauchiger Riese von 10 Bieter Länge, mit kurzen Vorder- beinen, relativ kleinein Kopf und schwachen Zähnen, der infolge seines gewaltigen stiitzenden Schwanzes längere Zeit aufrecht stehen konnte, wahrscheinlich sich stets auf diese Weise fortbewegte. Die 6'/- Meter lange Maaseidechse (Jlosasaurus), deren Reste man bereits 1795 im Petersberge bei Mastricht fand, war ein Räuber des Meeres gleich dein riesigen, auch schon in der Juraperiode vorkommenden Elasmosaurus. Von kleincren Thieren beherbergten die Meere der Kreidezeit zahllose Fische der verschiedensten Arten, Korallen, Strahlthiere, Polypen, Tintensische, Schnecken und Muscheln, sowie iniglaubliche Biengen kleinster, dein unbewaffneten Auge unsichtbarer Lebewesen, Foraninnferen oder Lochträgcr, deren nach dein Tode sich auf dein Meeresboden sainnielnden Kalkgehäuse mächtige Felsniasscn, die Kreide, anfthürnite», nach der die ganze Periode ihren Namen erhielt. Die Pflanzen des Landes ähnelten denen der Juraperiode und ist nur das erste Austreten der aus den Zapfenpalmen oder Cycadeen hervorgegangenen Palmen zu er- wähnen, welche schon größereBestände bildeten. Mit der Kreide endet nun die ältere Zeit und das Mittelalter der Erde, nnd werden wir daher in der nächsten Periode eine trotz mancher wundersamer, jetzt längst der Vernichtung verfallener Gestalten eine wenn auch neue, so doch in vielfacher Hinsicht an- heiinclnde, bekanntere Welt erkennen lernen. -X-ö- 'Der Q3ü{ in erb mt er. Roman von Wilhelm von Polenz. - sFortfctzung.i sAauline folgte dein Mädchen. Zunächst ging es durch die geräumige Hanshalle. Ein „S* Raum, der mit Waffen, Jagdtrophäcn und allerhand fremdartigen bunten und blinkenden Gegen- ständen ausgestattet war. Dann die Treppe hinauf! Pauline fühlte ihren Fuß in weichen Teppichen ver- sinken. Das rief ihr mit einem Biale ihre früheren Besuche mit wunderbarer Deutlichkeit ins Gedächtniß zurück; dieses leichte, wohlige Gefühl, das der unter den Füßen nachgebende Pfühl giebt, das sie seit der Kinderzeit nicht wieder gehabt hatte. * Riesenhafte, hochbeinige Ranbsaurier fandm sich auch in der Karroo Südafrikas, welche man meistens der Triasperiode zuthcilte, obgleich sie möglichenfalls auch zur Kreidezeit gehört. Griginatzeichnung von Oeovg Gippel. 62 Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Sie stand schließlich ini Zimmer der Komtesse, ohne recht zu wissen, wie sie dahin gekommen. Ida hatte an ihrem Schreibtisch gesessen. Sowie Pauline eintrat, erhob sie sich und kam auf das Mädchen zu. Heute, wo sie in ihrem eigenen Heim war, ohne Zeugen, umarmte die Komtesse die ehe- malige Spielgefährtin. Dann rückte Ida einen Rohrsessel heran, auf den sich Panline setzen mußte, sie selbst nahm neben ihr Platz. Pauline blieb scheu und suhlte sich befangen, vielleicht gerade wegen des freundlichen Entgegenkommens der Komtesse. Früher, als Beide noch kleine Dinger gewesen waren, die miteinander getollt und in den Büschen des Parkes Verstecken gespielt hatten, war Panline der Anderen überlegen gewesen, nicht blos durch Körperkraft und Geschicklichkeit, auch durch Findigkeit und Mutterwitz. Das Dorfkind, vor dessen Augen kein Geheimniß der Natur künstlich verborgen ge- halten worden, war in tausend Dinge eingeweiht, die der Komtesse räthselhaft waren. Das hatte ihr jene natürliche Schärfe der Sinne und der Instinkte gegeben, wie sie etwa der Wilde vor dem zivilisirteu Menschen voraus hat. Dieses Verhältniß hatte sich nun freilich in den letzten Jahren verschoben. Hier Panline, in ihr Konfirmationskleid gezwängt, mit plumpen Schuhen, unter ihrem neuen Hute, dessen aufdringlicher Bliithen- schmuck ihre bräunliche Hautfarbe schändete, dazu die schlechte Haltung des Oberkörpers, der an das wahr- scheinlich viel zn enge Korsett nicht gewöhnt war, die Haltung der Arme, die wohl zur Arbeit kräftig waren, die sich aber hier im Boudoir ihrer eigenen Kraft zu schämen schienen— und dieser ländlichen Schönheit gegenüber die Andere, nnt ihrem stolzen Gesichtsschnitt, der edlen Kopfform, den verfeinerten, wie gemeißelten Zügen, dem unbewußten Ausdruck von Uebcrlegenheit in Blick und Lächeln, mit durch- sichtigem Teint und schlanken, weißen Händen, Alles gepflegt und gleichsam von Vornehmheit duftend. Die Umgebung paßte zu Komtesse Ida. Dieses Zimmer mit seiner diskreten Besonderheit schien ein Abdruck ihres Wesens zu sein. Da war nichts Prunkhaftes, Kokettes oder Flatterhaftes; uud doch war es das Zinimer eines jungen Mädchens. Dem Blumentische, den Wandbildern, den Photographien auf dem Schreibtische sah man den gewählten Geschmack und die werthende Liebe an, mit der die Besitzerin Alles verschönte, was zu ihr in Beziehung stand. Allmälig wirkte auch auf Panline der beruhigende, erwärmende Einfluß dieser Persönlichkeit. Die theil- nahmvolle Erkundigung der Komtesse nach ihren Schicksalen löste ihr die Zunge. Ida schien mit ihren Worten, die durchaus einfach und ohne jede Feierlichkeit waren, viel mehr zu sagen, als andere Menschen, weil ihre ernsten, milden Blicke jedem Worte noch eine besondere Bedeutung gaben. Panline war es zu Muthe, als säße sie vor dem alten Geist- lichen, der sie konfirmirt hatte. Dem hatte man auch Alles sagen müssen, man hatte wollen mögen oder nicht. Sie hatten von der Kinderzeit gesprochen, von gemeinsamen Erlebnissen, von den anderen Gespielen. Ida hatte Niemanden vergessen. Sie fragte ein- gehend nach den alten Spielgefährten aus dem Dorfe. Fast alle diese Mädchen hatten, wie es sich heraus- stellte, schon geheirathet, waren Mütter. Dann sprang die Unterhaltung wieder zurück auf Paulinens eigenste Lebensweise. Ida meinte, es sei doch solch ein Glück für Panline, daß sie jetzt das kleine Kind ihrer Base zur Pflege da habe. Ein Glück, erklärte die Komtesse, um das sie Paulinen beneiden könne. Kleine Kinder zu pflegen, das müsse das Schönste sein auf der Welt. Freilich, fügte sie mit dem Schatten eines melancholischen Zuges um die Augen hinzu, dazu käme ein Mädchen selten. Der Anderen war das Herz schwer geworden, sobald Ida von dem Kinde zu sprechen begann. Sie kam sich auf einmal so schlecht vor. Die Komtesse ahnte ja nicht, wen sie vor sich hatte. Würde sie nicht aufspringen und sie aus dem Zimmer jagen, sowie sie erfuhr, was aus ihrer Freundin inzwischen geworden sei? Denn diese reine, feine Persönlichkeit konnte doch kaum etwas ahnen von all diesen Dingen und wie es in der Welt da draußen zuging. Und das Geheimniß brannte dem Mädchen doch auf der Seele. War es denn nicht noch viel schlechter, vor Jener, die so gut zu ihr war, eine solche Lüge aufrecht zu erhalten? lind schließlich war es doch das einfachste Ding auf der Welt! Ter Junge war ihr Kind, war denn darin ein Unrecht? Konnte denn Das, was aus Liebe geschehen war, schlecht sein? Etwas, das so glücklich machte, durfte nicht böse sein! Und die Komtesse ivar eine Frau, wie sie. Trotz aller Vornehmheit mußte sie das verstehen! Sie hatte so liebe Augen und eine so freundliche Stimme. Daß sie böse werden, oder gar zanken könne, war ganz unmöglich, sich vorznstelle». Aber es war so furchtbar schwer, den Anfang zu finden. Es klang so entsetzlich, ein solches Ge- ständniß. Panline dachte wie oft: Jetzt wirst Du's sagen! sobald Ida einen Satz zn Ende gesprochen. Und sie verschob es doch wieder. So ging es eine ganze Weile fort, das Mädchen begriff immer dent- licher, daß sie fortgehen tviirde von hier, ohne ihr Herz erleichtert zu haben. Ida begann davon zu sprechen, daß sie es nicht zu begreifen vermöge, wie eine Mutter ihr Kind von sich lassen und einer Fremden zur Pflege über- geben könne. Sie fragte Panline, was denn die Mutter dieses Kindes fiir eine Frau sei, daß sie so etwas iibers Herz gebracht habe. Da fühlte Panline, daß jetzt der Augenblick ge- kommen sei, zu sprechen. Mit kaum vernehmlicher Stimme kamen die paar Worte heraus, die der Anderen Alles sagten. Ida verlor fiir einen Augenblick die Fassung. Da merkte nian auf einmal, was fiir leidenschaftlich jähes Frauengefiihl unter dieser Decke von guter Erziehung und jahrelanger Gewöhnung verborgen lag. Sie war aufgesprungen von ihrem Sitze, stand da bis in die Lippen erblaßt, die Hand anfgcstenunt auf die Tischkante mit den Knöcheln, athmete schwer und hastig, und die weiße Hand zitterte. Keines sprach ein Wort. Panline saß vor Ida gesenkten Hauptes und blickte in den Schoost. Ida betrachtete diese Gestalt mit eigenartig leuchtenden Augen. Einen Augenblick kam es wie ein herber, selbstgerechter Zug in ihr Gesicht. Ihre Nasenflügel flogen, die Lippen schürzten sich verächtlich. Jetzt war sie das hochfahrende Edelfräulein, das die ver- worfene Bauernmagd richten wollte. Aber das war schnell verschwunden. Thränen traten ihr auf einmal in die Augen, um die Riund- Winkel zuckte es. Mitleid war es nun, was aus jedem Zuge sprach, Mitleid mit Panline, Mitleid mit sich selbst, mit ihrem ganzen Geschlecht. Ida stand noch eine Weile schweigend, mit wogendem Busen. Allmälig aber fand sie ihre Gemessenheit wieder. Sie setzte sich, legte ihre schlanke Hand ans Paulinens braunrothe derbe.„Da hast Du wohl rechte Freude an Deinem Jungen, Pauline?" Panline konnte nichts sagen, sie nickte stumm. ** * Ein Brief von Gustav Büttner ans der Garnison war bei Pauline Katschner eingetroffen. Der Unter- offizicr schrieb, daß er die Absicht habe, nicht weiter zu kapitnliren, so sehr ihm seine Vorgesetzten auch zuredeten, bei der Truppe zu bleiben. Die ganze Soldatcnspielerei hänge ihm aus dem Halse heraus. Nach dem Manöver werde er abgehen und nach Halbenau kommen. Panline möchte zn seinen Eltern gehen und ihnen seinen Entschluß mittheileu. Panline war überglücklich. Wie gut Gustav war! Das Mädchen trug den Brief Tag und Nacht bei sich. In unbewachten Augenblicken nahm sie ihn vor und las darin. Jedes seiner Worte war ihr theucr. Sie hatte sich doch nicht in Gustav getäuscht. Wie oft hatte ihr die eigene Mutter abgeredet, sich weiter mit ihm abzugeben, er sei ein Leichtfuß und »verde sie ganz sicher sitzen lassen. Auch Andere hatten sie gewarnt. Gustavs eigenes Benehmen schien eine Zeitlang jenen Warnern Recht zu geben. Die häßlichsten. Tinge waren ihr von Gustav Büttner hinterbracht worden. Sie hatte an ihm festgehalten. Sie konnte ja nicht von ihm lassen. Er war ja der Vater ihres Kindes! Nun war ihr Vertrauen doch nicht umsonst ge- Wesen. In diesem Briefe war es ausgesprochen, zwar nicht mit Worten— das Heirathen war mit keiner Silbe erwähnt— aber zwischen den Zeilen lag es. lind Panline wußte in den Briefen ihres Geliebten zn lesen. Das einfache Mädchen hatte von Natur jene weibliche Gabe mitbekommen, dort ahnend zn wissen, wo ihr Verstehen aufhörte. Gustav verließ im Herbst die Truppe, kam nach Halbenau zurück. Das hieß soviel wie: sie wurde seine Frau. Sie wußte es. Alles Nachdenken dar- über>var nnnöthig. Es war so! Und sie sollte zn den alten Büttners gehen und ihnen seinen Entschluß mittheilen. Sie hatte er zn seinem Boten ausersehen fiir diese Botschaft. Darin allein schon lag Alles ausgesprochen. Die Familie sollte erkennen, daß sie ihm die Wichtigste sei, derer, zuerst von Allen, seine Pläne mittheilte. Am nächsten Sonntag Nachmittag begab sich Pauline auf das Biittnersche Bauerngut. Sie traf die Frauen allein. Ter Bauer und Karl waren ausgegangen. Die Bäuerin hatte die Gelegenheit benutzt, wo ihr Eheherr abwesend war, um für sich und die Töchter einen SonntagSnach- mittagskaffee zn brauen. Ter Biittnerhaner sah nämlich den Kaffeegenuß als Verschwendung an und hatte ein fiir allemal ein Verbot gegen solchen Auf- wand ergehen lassen. Selbst zum Frühstück gestattete er nur Milch und Mehlsuppe, wie sie seit Urgedenkcn seine Vorfahren genossen hatten. Die Frauen waren im Bewußtsein des verbotenen Thuns auf dem Lugaus. Panline wurde daher schon von Weitem erkannt. Vier Köpfe waren hinter den Fenstern des Wohnzimmers, als sie das Gehöft be- trat.„Katschners Panline!" hörte sie rufen, und darauf ein Getuschel von weiblichen Stimmen. Jetzt wurde sie auf einnial zaghaft, beim An- blick dieser neugierigen Fraurngesichter. Bis dahin hatte sie sich tragen lassen von der Begeisterung ihres Entschlusses. Erst in diesem Augenblicke fiel es ihr aufs Herz, daß sie hier ja mit Feinden und Neben- buhlern zu thun haben werde. Trotzdem pochte sie an, wenn auch zaghaft; denn jetzt war an eine Umkehr nicht mehr zu denken. Therese öffnete ihr. Mit bloßen Armen und bloßem Halse stand die unschöne, hagere Frau auf der Schtvelle und musterte Pauline mit mißgünstigen Blicken.„Willst De zu uns?" fragte sie in bar- schein Tone. Panline erklärte schüchtern, daß sie zur Bäuerin wolle.„Se spricht, se wollte zu Sie, Mutter!" erklärte Therese, ihren kropfigen Hals nach rückwärts ins Zimmer drehend. „Nu kimm ack rei, Panline, kimm ack rei!" rief die Bäuerin, bei der die Gntmiithigkeit die wcib- liche Ränkesucht um ein Gutes überwog. Panline trat mit niedergeschlagenen Augen und unsicheren Bewegungen ein. Daß auch gerade Therese sie hatte einlassen müssen! Die Beiden waren nn- gefähr gleichalterig und hatten derselben Klasse an- gehört. Katschners Panline hatte immer eine bc- sondere Stellung gehabt, schon auf der Schule, ihrer Geschicklichkeit und ihres sauberen Aussehens wegen. Vor Allem aber war sie beneidet worden von den Anderen um ihren vertrauten Umgang mit der Koni- tesse. Therese aber, die mit Hülfe anderer Eigen- schaftcn, durch Härte, Kraft und ein früh entwickeltes scharfes Mundwerk eine Rolle unter den Gleich- alterigen gespielt hatte, war stets Paulinens ärgste Widersacherin gewesen. Das Verhältniß zwischen den Beiden hatte sich eher verschlechtert als gebessert, seit Therese den ältesten Sohn aus dem Büttner- scheu Bauerngut geheirathet und Panline die Ge- liebte des jüngeren Sohnes geworden war. Therese hatte nicht wenig dazu beigetragen, die übrige Familie gegen diese Liebschaft einzunehmen und Paulinen jede Annäherung an Gustavs Verwandte bisher nn- möglich zu machen. Das Mädchen schritt zunächst auf die Bäuerin zn, die vor ihrer Tasse mit Tische saß, und reichte ihr die Hand.„Guntag, Bäuerin l" „Guntag, Panline, guntag!" Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. az Taraiif ging- Pauline zu den beiden Mädchen, denen sie gleichfalls die Hand reichte.„Guntag, Toni!— Guntag, Ernstinel!" Die Beiden sahen sie befremdet an, ohne etwas zu sagen. Toni mar ohne Arg. Das schwerfällige, harmlose Geschöpf hatte keinerlei Stellung zu dieser Fainilicnangelegen- hell genommen. Die kleine Ernestine dagegen be- trachtete die Geliebte des Bruders halb mit Spott, halb mit frühreifer Neugier. Trotz ihrer Befangenheit hatte Pauline, mit dem jeder wissenden Frau in solchen Dingen eigenen schnellen Begriffsvermögen, sofort festgestellt, daß das Dorfgerücht wahr sei, welches behauptete, Büttners Aclteste sei guter Hoffnung. Pauline kümmerte sich eigentlich wenig um den Dorfklatsch— sie ging nicht mehr zum Tanz, seit sie den Jungen hatte— aber Nachbarn und Freunde hinterbrachten ihr doch Dieses und Jenes. So war schließlich auch diese Neuigkeit zu ihr gedrungen. Da Niemand sie aufforderte, sich zu setzen, blieb Pauline stehen. Man wartete darauf, daß sie etwas sagen solle, denn, daß sie ohne bestimmten Ziveck hierher gekommen sei, wurde nicht angenommen. Das Mädchen hatte die ganze Zeit über die linke Hand unter der Schürze gehalten. Sie hatte dort Gustavs Brief, den sie vorlegen wollte, falls man ihr etwa nicht glauben sollte. Schließlich mußte sie sich entschließen, zu sprechen. Sie begann mit gedämpfter Stimme, ohne Jemanden dabei anzusehen: „Ich komme, und ich soll och einen schönen Gruß ausrichten von Gustaven an Euch Alle." Die Einleitung wurde mit Kühle aufgenommen von den anderen Frauen. „Und er würde och bald nach Hanse kommen," fuhr Panline fort. „Uf de Kirmeß! Wenn se'n Urlaub gahn!" meinte die Bäuerin. „Ne, ne! Er wird ganz nachHalbena» kommen." „Gustav! derhemdc?" „Er schreibt mirs dohie!" Damit zog sie die Hand unter der Schürze vor und hielt triuinphirend den Brief in die Höhe.„Er hat mers geschneben." .„Dos wäre. Gustav vun Suldaten wag!" „Er hat sich zu sehre ärgern missen niit seinem Wachtmeister. Er will nischt mehr wissen vom Sol- datenleben. Nach'n Manöver will'r nach Halbenan kommen." Die Nachricht verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Bäuerin vergaß auf einmal ganz, daß Panline eigcnt- lich als eine Verfehmte betrachtet wurde in der Familie. Sie holte das Mädchen heran und räumte ihr einen Platz neben sich ein. Gustav, ihr Lieblingssohn, würde nach Hause zurückkehren! Sie wollte dar- über Näheres hören. Pauline mußte erzählen, was sie wußte. Therese stand inzwischen bei den Schwägerinnen in einer anderen Ecke. Sie betrachtete Panline mit wenig freundlichen Blicken und murrte. Die Aus- ficht, daß Gustav auf den väterlichen Hof zurück- kehren werde, war garnicht nach ihrem Gcschmacke. Sie war diesem Schwager niemals grün gewesen. Sie konnte ihm seine Ueberlegenheit über ihren 5tarl nicht verzeihen. Panline war darüber, der Bäuerin eine Stelle ans dem Gnstavschen Briefe vorzulesen. Der Unter- offizier schrieb, daß es dem Vater ivohl auch recht sein würde, wenn er zur Herbstbestellung ein paar Hände mehr auf dein Gute habe. Da hielt sich Therese nicht länger.„Woas!" schrie sie dazwischen und trat an den Tisch,„Gustav soit und er will hier bei uns nei! dan grüßen Herrn spiel'n, hier nf'n Gutte rimkummandiren! das mir Andern uns glei verkriechen mechte»! das kennte uns grade passen! Da mechten mir am Ende glei ganz verziehn, Karle und ich.— Und hier sei Mensch..." damit wandte sie sich gegen Pauline, der sie mit den Fäusten vor dem Gesicht herumfuchtelte,„die denkt am Ende, weil se a Kind vun'n hat, daß se schuusten zur Familie zahlte. Sn schnell gciht das »c! Wenn mer dan sene Frauenzimmer alle»f- nahmen wollte», dohie langte's Hans am Ende ne Zu. Froit ack in der Stadt a mal nach, mit woas für welchen der Jmgang hoat. Oder denkst De etwan, daß der D'ch Heirathen werd? Bis ack ne su tnmm! Der wird a Madcl mit an Kinde nahmen. Lehr' Tu mich Gustaven kennen!— Ihr Zwce kimnit ne hier nei, sovill sag'ch... vor mir ne!"... Ter wiithenden Person ging vor Erregung der Athern aus. Das Letzte war nur noch heiseres Gegurgel gewesen. Pauline saß da, gänzlich erblaßt, mit weit offenen Augen starrte sie Therese an. Zu erwidern wußte sie nichts. Sie war immer so gewesen. Ter Rohheit und Ungerechtigkeit stand sie waffenlos gegenüber. Uebrigens sollte ihr von anderer Seite Hülfe kommen. Der Bäuerin war die Geduld gerissen; besonders daß Therese es gewagt, Gustav schlecht zu machen, hatte ihren mütterlichen Stolz gekränkt. Sowie die Schwiegertochter sie zu Worte kommen ließ, wetterte sie los: Therese solle sich nur nicht einbilden, daß sie hier etwas zu sagen habe. Dem Bauern gehöre Gut und Haus und nicht den Kindern. Sie sollten gefälligst warten, bis die Alten gestorben wären, oder sich aufs Ausgedinge zurückgezogen hätten, ehe sie zu kommandireu anfingen. Therese ließ sich den Mund nicht verbieten und redete dagegen. Die Bäuerin war, wenn einmal aus ihrer gewöhnlichen Ruheseligkeit aufgereizt, auch nicht die Saufteste. So gab es denn ein Keifen und Zetern zwischen der alten und zukünftigen Büttner- bäuerin, daß man es bis weit über das Gehöft hinaus hören konnte. Dabei hatte man ganz die Vorsicht außer Acht gelassen, Ausschau nach dem Vater zu halten. Auf einmal ertönten schwere Fuß- tritte vom Hausflur her. Ätit erschreckten Gesichtern sahen sich die Frauen an. Es war zu spät, das Kaffeezeug noch zu beseitigen, schon erschien der Bauer in der Thür, gefolgt von Karl. Ter Büttnerbauer war sowieso nicht in der besten Laune. Es hatte ärgerliche Verhandlungen gegeben mit dem Gemeindevorsteher wegen eines Geländers, das der Bauer au seiner Kiesgrube anbringen sollte. Heute war ihm nun von Seilen der Behörde Strafe angedroht worden, wenn er den Bau noch länger unterlasse. Das hatte den Alten in seiner Ansicht bestärkt, daß die Behörden nur dazu da seien, den Bauern das Leben sauer zu machen. In hellem Zorn war er zum Ortsvorstcher gelaufen und hatte dort eine halbe Stunde lang gewettert und getobt. Sein Groll war noch keineswegs verraucht, als er jetzt bei seinen Leuten eintrat. Nach einigen Schritten ins Zimmer erblickte er die Kaffeekanne auf dem Tische. In den betretenen Mienen der Frauen las er das klebrige. Dann fiel sein Blick auf Panline Katschner. Er stutzte. Was ivollte das Frauenzimmer hier? Er zog die Augenbrauen zusammen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, an die Liebschaft seines Sohnes erinnert zu werden! Die Bäuerin sah, daß die Lage bedenklich wurde. Erst wenige Tage war es her, da hatte der Bauer erfahren, daß seine älteste Tochter ein Kind erwarte. Ter Auftritt, den es darüber gegeben hatte, lag den Frauen noch in den Gliedern. Die Bäuerin kannte ihren Eheherrn. Die Adern an der Stirn schwollen ihm; ein schwerer Sturm war im Anzüge. Es galt, den Ausbruch zu verhindern. Sie kam zu ihm herangehumpelt und legte ihm die Hand auf die Schulter.„Traugott!" sagte sie, und gab ihrer Stimme den sanftesten Klang, der ihr zu Gebote stand.„Mir han'ch ane Reege Kaffee gekucht; bis ack ne diese! Zu aner Tasse Kaffee an Sunntch Namittage langt's schnn noche! Der Bauer räusperte sich. Sie kannte seine Gewohnheiten genau. Das war eine Art von Aus- holen; wenn man ihn erst einmal losbrechen ließ. dann wurde es furchtbar. Die erfahrene Frau sah ein, daß sie jetzt einen Trumpf ausspielen müsse. „Vater!" sagte sie.„Nlir hau och ene gutte Nachricht für Dich, ane sihre gutte Nachricht von Gustaven. Denk' der ack, ar hat geschrieben, und ar will vun die Suldaten fort. Schnn nf'n kinftgen Herbst will er nach Halbenau zuricke kiinma, dar Gustav! Was sagst De denn anu, Mann! Freist De Dich ne? Nu warn wer unsern Jung'n bale wieder ganz in Hause hau." Die Bäuerin hatte sich nicht verrechnet. Diese Nachricht wirkte bei dem Alten wie ein Tropfen Oel auf erregte Wogen. Gustav nach Halbenau zurück! Tie Hoffnung, die er so lange im Stillen gehegt hatte und die sich doch nicht erfüllen wollte bisher, weil der Junge zn sehr am bunten Rocke hing— und nun wurde es doch endlich! Einen solchen Arbeiter auf das Gut und einen so anschlägigen Kopf obendrein, wie sein Gustav war, da mußte doch Alles wieder gut werden! Die tief gesunkenen Hoffnungen des alten Mannes stiegen mit einem Male lustig in die Höhe, als er diese Kunde vernahm. Der Büttncrbancr machte zwar ein mißmuthiges Gesicht und brummte etwas, was garnicht nach Freude klang. Aber das war nur zum Scheine. Vor der Familie wollte er sich seine Gefühle nicht anmerken lassen. Darum blieb er auch nicht lauge im Zimmer. Nur zum Vorwande stöberte er in einer Ecke, als habe er dort etwas zn suchen, dann ging er zur Stube und zum Hause lsinaus. Unter Gottes freien! Himmel, wo Niemand ihn beobachtete. wollte er sich seiner Freude hingeben. (Forlsetzung folgt.) I rv e r g e. Von Dr. B. L. |n der Frauenklinik in Zürich erblickte im Januar 18% ein Mädchen die Welt, welches nach der Geburt eine Größe von 40 Centi- mcter(also ettvas länger als die Höhe unseres Blattes) hatte und zwei Kilo wog. Das zarte Wesen erfreute sich einer guten Gesundheit, die es mit kräftigem Schreien bethätigte. Seine Mutter wurde 1888 zu Plathe im weltberühmten Pommern als die Tochter des ebenso weltberühmten Zwerges „Admiral Piccolonüni" und zwar gleichfalls als Zwergin, l'/s Kilo schlver, geboren und mißt gegen- wärtig 80 Centimeter. Die Fran des„Admirals" war normal gebaut, überaus kräftig und schenkte ihm sieben Kinder, darunter zwei Zwerge. Der Geburtsfall in der Züricher Frauenklinik ist für die wissenschaftliche Welt deshalb von großem Interesse, weil bis jetzt noch nie eine Zwergin ein lebendes Kind gebar. Menschen von so winziger Größe bilden keine besondere Gattung des Menschengeschlechtes, sondern sind in der Mehrzahl der Fälle als krankhafte Bil- düngen aufzufassen, als alte Kinder mit nur geringen Lebens-Chancen, während ein geringer Bruchtheil sich mehr normalen Verhältnissen nähert, und diese letzteren sind gleichsam verkleinerte Modelle normal gewachsener Menschen. Andererseits kennt man aber auch im Gegensatz zu den großen Individuen bei den verschiedenen Völkern unseres Erdballes, die kleinen Individuen, Zwerge, und kennt somit dank den neuesten Forschungen in der Geographie auch große und kleine Familien und Völkerstämine. In diesem letzteren Sinne spricht man z. B. von Zwergen auf Malakka und Formosa, von Zwergen in den Pyrenäen, den sogenannten„Nanos", in Marokko und besonders in Afrika, wo der Bayago Lieblings- beschäftigung die Elephantcnjagd mit dem Speere ist. Riesen- und Zwergformen kommen auch unter den Säugethieren, sowohl wilden wie zahmen vor. Wir brauchen uns nur daran zu erimiern, daß z. B. auf Korsika alle Hausthiere, besonders aber Pferde und Esel, auffallend klein sind. Auch unter den vor- historischen Nienschen, z. B. im sogenannten Schweizer- bilde bei Basel hat man während der jüngsten For- schlingen Zwerggräber von europäischen Pygmäen aufgedeckt, und diese mahnen daran, daß man nicht überschnell den Sagen jeden Werth für historische Forschung absprechen soll. Die Skelette dieser Nicn- scheu hatten durchschnittlich 1424 Millimeter Länge, also ziemlich genau die Größe der afrikanischen Zwergstämme. Bevor wir zur Besprechung der eigentlichen Zwerge übergehen, erinnern wir uns kurz ihres Gegensatzes, der Niesen. Otte, der Riese von Frei- Waldau(österr. Schlesien), geboren 1858, war der Sohn normal gebauter Eltern. Er wuchs vom 18. bis zum 23. Jahre sehr schnell, maß in seinem 25. Lebensjahre 214 Eentimeter und wog 320 Pfund. (!4 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhalwngsbeilage. Peter Nhyner aus Glarus maß 190 Centimeter und befand sich bis zum 36. Jahre in bester Gesundheit,- dann krankte er acht Jahre bis zu seinem Tode, und während dieser Zeit wuchsen ihm übermäßig Hände und Füße, besonders Finger und Zehen; Blutleere und Ohnmächten ivaren nicht selten. Solche Riesen- formen treten natürlich auch bei Thieren auf. Aus der lebten Landesausstellung in Genf befand sich ein„Niesenochse" des Freiburger Fleckviehes, der bei seiner Geburt bereits 87 Kilo wog. Die Ent- Wickelung ging so rasch vor sich, daß er nur zwei Jahre zur Zucht verwendet werden konnte. Zur Zeit der Ausstellung war er acht Jahre alt und sein Lebendgewicht betrug bei einer Widerristhöhe von zwei Meter 1850 LUlo. Er wurde noch über- troffen von dem 1877 in London ausgestellten, der ein Lebendgewicht von 2000 Kilo besaß. Aus der Betrachtung großer Messnngsreihen von Menschen, also etwa einer Million einer Altersklasse, ergiebt sich mit mathematischer Bestimnitheit, daß eine gewisse kleine Zahl von Zwergen und Riesen vorkommt. Unter 45 421 in 1875 der Ober- ersatzkommission in Bayern vorgestellten Militär- Pflichtigen gab es nur 43 zwerghafte Geslaltcu unter 140 Centimeter, aber nur 4 von auffallender Körper- größe, 3 mit 190, 1 mit 192 Centimeler. Die bekannte Zwergin Miß Millie reichte dem Riesen Thomas Haster nur bis an das Knie, und der Riesin Marianne Wehde Taille war so hoch, wie der Scheitel eines mittelgroßen Mannes. In eiuer Familie im indischen Btadras wuchsen die Knaben stets nur bis zum sechsten Jahre, während die Mädchen sich normal entwickelten. Deshalb glaubte der englische Arzt l>. Graut daselbst, daß die Familie mit Dnchesne's Paralysis(Lähmung) be- haftet war. Eine polnische Adelsfamilie hatte unter ihren Kindern drei Zwerge, zwei Söhne von 34 und 28 Zoll und eine Tochter von 21 Zoll. Roch kleiner war ein 37 Jahre alter Engländer; er maß nur 16 Zoll. Wie sich bei Zwergen Alter, Gewicht und Größe ausnehmen, zeigt das Folgende:„General Mite", 16 Jahre alt, wog 6,57 Kilo, war groß 82,4 Centimeter:„Miß Mülie", 12 Jahre alt, wog 6,6 Kilo, war groß 72 Centimeter;„Prin- zessin Pauline", 9 Jahre alt, wog 4 Kilo, war groß 53 Centimeter. Blanche Zwerge besitzen bei der Geburt normale und erst im Verlauf der Kinderjahre tritt die Wachsthumshemmung ein. Eigemliche Zwerg- familien gicbt es nicht, da bei solchen ausgesprochenen Zwergen die Fortpflanzungsfähigkeit entweder voll- ständig fehlt oder eine sehr beschränkte ist. Kinder ans männlichen und weiblichen Zwergen waren bisher nicht bekannt, und daher ist der anfangs dieses Aufsatzes erwähnte Fall so überaus wichtig. Zum Schluß möchte ich noch eine kurze Notiz über das Nahrungs- bcdiirfniß der Zwerge machen. In dieser Beziehung machten Joh. Ranke und C. v. Voit an dem„General Blite" genaue Studien. Verglichen niit dem er- wachsenen Menschen, erwies sich dessen Nahnings- bedürfniß überaus groß. So geringfügig auch die in 24 Stunden aufgenommene absolute Menge von festen und flüssigen Nahrungsbestandtheilen ist, so übertrifft sie doch, auf gleiches Körpergewicht ge- rechnet, bei Weitem das Quantum, welches ein normal großer Mann genießt. Rednzirt ans jedes Kilo Körpergewicht»ahm der Zwerg beinahe doppelt so viel Eiweiß und zweieinhalb Blal so viel stick- stofffreie Substanz zu sich, als ein normaler Arbeiter. Aus litin �apicrliorti der Zeit. Garne vale.(Zu unserem Bilde.)„In aller Wclt, Mensch, was soll denn das wieder einmal bedeuten?" rief ich aus, als ich gestern Narinmttag bei meinem Freunde Tippet ins Zimmer trat und ihn unter die neueste Aus- geburt seiner Phantasie in zierlichen Lettern sein Cams vale! schreiben sah. „Was das bedeuten soll?" fragte er ganz erstaunt. „Ja, wie soll ich denn das wissen!" „Na, da hört sich denn doch Verschiedenes auf," ent- gegnete ich ihm entrüstet.„Wenn die Herren Künstler von heutzutage glauben, daß sie dem Publikum jedweden Unsinn für geniale Gedankenarbeit anbieten dürfen, kann nächstens jeder Esel zu Pinsel und Palette greifen und seinen Unverstand in Bild und Farben wiedergeben." „Bitte!" „Nein, durchaus nicht. Oder Du mutzt doch wenigstens sagen können, wie Du auf diese neueste, absonderliche Idee gekommen bist." „Aha, wie ich darauf gekommen bin? Siehst Tu, das klingt schon ganz anders. Und diese?„Wie" will ich Dir gern erzählen. „Es war gestern Maskenball, der letzte vor der tristen Fastenzeit, an deren Eingangschor in großen Lettern die trübe Inschrift steht: Garns vale, Abc Fleisch und Fleischeslust! Und wenn ich auch nicht zn jenen Frommen ge- höre, die von heute ab in Sack und Asche Buße thnn, so zog es mich doch ebenso stark wie sie nach den glän- zenden Sälen des„Elysiums", um dort im bunte» Ge- wirr der tausend und abertausend glänzenden Masken für wenigeStundcn nur des Erdendascins Last und Mühsal zu vergessen. Und das war ein Leben, ein Tanze», Springen, Aus- gclasscnsein, daß Einem das Herz aufging, so voll, und der Beutel, so leer er war. Aber gezecht wurde darum doch und getollt bis zum frühen Morgen. Es war gegen sechs Uhr früh, als ich mich endlich einsam und allein auf den Heimweg machte. Rings in den Gassen, die ich heinilich zu meiner Wanderung benutzte, braute dicht über der kalten Erde ein weißer, feuchter Nebel, und weil ich vermeinte, darin wie in einem Moor zn versinken, hob ich ein Bein nach dem anderen hoch empor, daß ich mir endlich einbildete, ein langstelziger Storch zn sein, der bedächtig sein sumpfiges Revier durchschreitet. Und diese Vorstellung wurde so mächtig in mir, daß sie mich bis in meinen langen, schtveren Morgentraum verfolgte. Aber anstatt des Nebels sah ich auf einmal tausend und abertausend weiße Masken mich nmgrinsen; die dehnten sich aus vor meinen Blicken wie der Sand an ferner, einsamer Küste. � Und Der sie in immer neuen Schaarc», in immer dichteren Mengen an den Strand warf,>var ein dunkles, tobendes Etwas— das Meer des Lebens, das nichts weiß von buntem Tand und fröhlich-tollem Maskenspiel. Aber mich kümmerte es nicht; ich stand erhaben über seinem Grollen stolz und gravitätisch da, bis mich auf einmal ein weißes Federvieh— ich glaube eine Gans— ans meinem Sinnen weckte. Tie schnarrte und schnatterte aus mich ein, wie gestern?lbciid meine alte Tante, die außer sich gerathcn ivar, daß ich ans— ans einen Maskenball, zn solch einem sündhaften Vergnügen ausziehen wollte. Aber je mehr die Ticke vor nur zeterte und schimpfte, desto behaglicher wurde nur zu Muthc, und um sie zu ärgern, ließ ich am Ende gar einen Heiligenschein über meinem Scheitel gaukeln. Da wurde ans der Schnatterstimme auf einmal eine wirkliche Mcnschcnstinime, und wie ich erschreckt die Augen anfriß, stand meine dicke, fromme Tante im weißen Morgcnhabil vor mir und schimpfte und wetterte über meine Faulheit. Und nun wußte ich, wer die Gans gewesen war; und Garne vale! schrie ich die Tante an, daß sie sofort auf und davon floh, und sprang ans dem warmen Bett, um meinen tollen Traum zn Papier zn bringen. Und da hast Tu ihn: er mag schon ein Vissel verrückt ausschauen; aber ich denke, den Kindern des.Karnevals, der übennüthigen Faschingslaune wird man denn doch etwas zn Gute halten." Boltaire über die Gotteslästerung. Im vierten Bande seines Dictionuairo philosophique erörtert Voltaire in einem längeren Aufsatz Wesen und Geschichte der Gotteslästerung. Manche von seinen Ansfflhrungcn sind so zutreffend und interessant, wie auch für die milde, vor- urtheilsfreie Denkart einer Zeit, ans die heute so Viele mit Stolz und Verachtung herabblicken zn dürfen glauben, charakteristisch, daß sie wohl die Wiedergabe eines kurzen Auszugs ans dem Aufsatz in freier Uebersetznng zn rechtfertigen vermögen. „Auf die Gotteslästerungen, die in der Trunkenheit, im Zorn, im Uebermulh, im Eifer eines unbedachten Gesprächs begangen werden, sind von den Gesetzgebern viel zu geringe Strafen gesetzt. Ter Verfasser der Instituts au droit criminel bemerkt zum Beispiel, daß die französischen Gesetze eine erstmalige Gotteslästerung mit einer Geldbuße ahnden, die im Wiederholungsfälle, beim dritten und vierten Male verdoppelt, verdreifacht und vervierfacht wird. Beim fünften Rückfall wird der Schuldige an den Pranger gestellt, beim sechsten stellt man ihn gleichfalls an den Pranger und reißt ihm die Oberlippe mit einer glühenden Zange ab. Beim siebenten Rückfall wird ihm die Zunge ausgerissen. So ivill es das Gesetz vom Jahre lutzö, Tic Strafen sind fast stets Ivillkürlich bemessen; dies ist ein großer Mangel in der Rechtsprechung. Jndeß läßt dieser Mangel andererseits der Gnade, dem Mitleid freien Spielraum— und dieses Mitleid verbürgt eine strenge Gerechtigkeit, denn es wäre entsetzlich, eine jugeiid- liehe Aufwallung mit Strafen zn belegen,>vic sie Gift- Mischer und Vatermörder erdulde». Ein Todesurtheil für ein Vergehen, das nur einen Verweis verdient, ist ein mit dem Richtschwert begangener Mord. Es ist ivohl nicht überflüssig, zu versichern, daß, was in dem einen Lande Gotteslästerung tvar, im anderen oft als Frömmig- keit galt. Nehmen wir an, ein Kanfmann aus Tyrns sei in Kanopus gelandet und habe Arrgerniß daran ge- nonnnen, daß mau einen Vogel, eine Katze, oder einen Bock in feierlichem Aufzuge einhergelragen und verehrt habe. Vielleicht hat er auch ungeziemlich von Isis, Osiris oder Horns gesprochen, oder den Kopf weg- gewendet, oder sich nicht beim Aufzuge der Prozession mit dem Phallus auf die.Knice geworfen. Er sagt beim- Essen seine Meinung offen heraus; er singt ein Lied, in dem thrischc Mairosen mit den cghpkischen Albernheiten ihren Spott treiben. Eine Aufivärtcriit hört ihm zu; ihr Geivisscn erlaubt ihr nicht, ein so furchtbares Ber- brechen zu verschweigen. Sie zeigt den Schuldigen sofort bei dem ersten Richter an, der das Bild der Wahrheit ans der Brust trägt. Der Gerichtshof verurthcill den thrischc» Gotteslästerer zn einem schimpflichen Tode und konfiszirt sein Schiff. In Tyrns wird dieser Kanfmann als einer der frömmsten Männer Phöniziens angesehen worden sein! Numa Pampilius weiß, daß sein kleines Häuflein Römer eine Flibnstierbande ist, die rauben, Ivo sie können und was sie finden— Rinder,.Hammel, Geflügel, Weiber. Er theilt ihnen mit, daß er die Nymphe Egeria in einer Grotte gesprochen habe und daß sie ihm Gesetze von Jupiter überbracht habe. Tic Senatoren behandeln ihn zuerst als Gotteslästerer und drohen ihm a», ihn vom tarpcischcn Felsen hinabzustürzen. Numa verschafft sich einen mächtigen Anhang. Er besticht die Senatoren, die mit ihm die Grotte der Egeria besuchen. Sic svricht zn ihnen und bekehrt sie. Sic bekehren Senat und Volk. Bald ist -Numa kein Gotteslästerer mehr: Dieser Name wird denen zu Thcil, die die Existenz der Nymphe bezweifeln. Es ist recht betrübend, daß das, was in Rom, in Loretto, im Bereich der Tomherren von San Gennaro Gotteslästerung ist, in London, in Amsterdam, in Stock- Holm, in Berlin, in Kopenhagen, in Bern, in Basel, in Hamburg, als Frömmigkeit gilt. Es ist noch betrübender, daß man sich in demselben Lande, in derselben Stadt, in derselben Straße gegenseitig als Gotteslästerer behandelt. Gicbt es denn unter den zehntausend Juden in Rom auch nur einen einzigen, der nicht den Papst als Ober- Haupt der Gotteslästerer betrachtet? Und glauben nicht. die hunderttausend Christen, die Rom an Stelle der zwei Millionen Verehrer des Jupiter, die dort zur Zeit Trojans lebten, bewohnen, daß die Inden sich Sonn- abends in ihren Synagogen versammeln, um Gottes- lästernngen auszustoßen? Man klagte die ersten Christen wegen Gotteslästerung an— aber die Bekenner der Religion des alten römischen.Kaiserreichs, die Ber- ehrer des Jupiter, die die ersten Christen der Gottes- lästerung ziehen, wurden endlich unter Theodosius dem Zweiten selbst als Gotteslästerer verfolgt. Tryden sagt: „So wills Parteiengeist! Von blinder Wuth entflammt Verdammst Du heut den Feind, bist morgen selbst verdammt!" — S cß n i{} c T. Der Eigennutz spricht jede Sprache uitd spielt jede Rolle, selbst die der Uneigennützigkeit. Die Verachtung des Reichthums war bei den Philo- sophcn ein verborgener Wunsch, ihr Verdienst, an der Ungerechtigkeit des Schicksals sich durch Verachtung eben der Güter zu rächen, die es ihnen versagte. Es war ein Gehcimniß(Geheimmittel), sich vor den Demiithigniigen der Arunith zn schützen. Es war ein Unnveg, nin zn dem Ansehen zu gelangen, das sie durch Reichthnin nicht besitzen konnten. De la Rochefoucauld. Nachdruck des Inhalts verboten? Alle für die Redaktion bestimmten Sendungen wolle man an Edgar Steiger, Leipzig, Elisenstraße SN), richten. Äerammonl. Redalteur: Edgar Sletger, Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdrutterel». Vcrlagsauslaii Auer& So., Hamburg.— TruN: Max Vadiug. luetuu.