Nr. 9 �Siiufivtvic H Ciii t? r 1 1 a Kimcj s b cri ag c 1898 .-�S lii'n mein TCsoi k.__ Von Ludwig Lessen. on T'enen wird Dich keiner retten, Von jenen bleichen, glatten Herrn, Die Dir von Freiheit und von Retten Heut singen, weil es just modern!— Kein Linzelner wird Dich erlösen, JDird Dich von Zwang und Krohn befrein!— Bald schlägt die Stunde allen Bösen!... Du selbst wirst Dein Messias sein! 35™; 3 im|ch cn l) eck. Memoiren eines Auswanderers. Von Johannes Gaulle. I. vie Abfahrt und der rrRe Tag an Lord. Julie aufgehende Friihlingssonne sandte ihre ersten Strahlen ans die- weithin sichtbare Fläche des \ Znidersees, von dessen Gestade sich die alte Handelsstadt Amsterdam in malerischer Gruppirung abhebt. Ein leichter Morgennebel umhiillte noch die einzelnen Gegenstände, nur einige altersgraue Zinnen und THiirme der Stadt traten deutlich hervor. Für die Großstädter schien der Tag noch nicht angebrochen zu sein, während im Hafen bereits ein äußerst leb- Haftes Getriebe sich entfaltete. Dort rüstete sich ein altes holländisches Segelboot, das uns neben den modernen, mit allen Errungenschaften der Technik ausgestatteten Ozeandampfern wie eine Reliquie aus alter Zeit erscheint, zur Ausfahrt. In den Masten und Wanten sieht man Matrosen mit der Behendigkeit von Eichkätzchen umherklettern, vom Steuer ver- nimmt man die sonore Stimme eines alten Seebären, des SchiffskapitänS; er blickt auf feinen Chrono- meter, dann zum Himmel, kein Wölkchen ist sichtbar. Eine leichte Brise schwellt die Segel, er kann das Signal zur Abfahrt geben. Dazwischen drängen sich Fischerboote, deren Bemannung die Vorbereitung zum Fischfang trifft; die Netze sind bereits vom Trocken- stand hereingenommen, noch wenige Minuten, ein kräftiger Ruck des Steuermanns und das Fahrzeug treibt in die offene See. Das regste Getriebe herrschte aber an Bord des„P. Calland", eines der ältesten Auswanderer- schiffe der Niederländisch-Amerikanischen Gesellschaft. Weithin ist ein dumpfes Rollen und Schnaufen zu vernehmen, die Maschine ist in voller Thätigkeit, ein riesiger Haufen von Kauffahrtei- und Passagier- giiteni muß in wenigen Stunden im Rumpf des Schiffes verstaut werden. Arbeiter rollen auf Hand- karren die Stücke bis an das Schiff, dann setzt sich Auel) nicht auf Jene darfst Du hören, Die Dich mit hohler Litanei verhetzen wollen und bethören! Volk! mach von dieser Brut Dich frei! Du kennst den Weg, den Du wirst wandeln! Du weißt die Ziele, die allein Die Kraft Dir geben, kühn zu handeln! Du selbst wirst Dein Messias fein! Laß rechts und links es um Dich wanken!— Dein Weg geht vorwärts durch die Nacht! Du stolzer Kämpfer der Eedanken! Du ßeind von List und Niedertracht!— Hern graut der Tag... und eine Nöthe Wächst groß in Deine Nacht hinein!... Bald naht das Lnde aller Nöthe: Du selbst wirst Dein Messias sein! das Hebelwerk in Bewegung, eine Kette senkt sich nieder, daran werden die Ballen und Kisten be- festigt, um in den Lagerraum transportirt zu werden. Dieses Spiel wiederholt sich unaufhörlich. Dazwischen ertönen allerhand Ausrufe, mehrere Arbeiter wälzen einen Riesenballen heran, in kurzen Intervallen stoßen sie nnartikulirte Laute auS; andere sind mit dem Zählen und Signiren der Gegenstände beschäftigt. Auf dem Dampfer laufen die Offiziere in geschäftiger Eile hin und her, die Mannschaften sind zum Theil in den unteren Räumen beschäftigt, andere arbeiten an Deck oder in dem Maschinenraum; sie Alle bilden nur einen Theil des riesigen Organismus, gewisser- maßen das animale Nervensystem eines modernen Auswandererschiffes. Inzwischen beginnt auch die Einschiffung der Passagiere. Am Vorderdeck ist eine steile Treppe angelegt; von allen Seiten drängen die Menschen heran, ein Jeder trägt ein Bündel auf dem Arm oder dem Rücken, die einzigen Habseligkeiten der Auswanderer, von denen man sich ungern trennt. Bessersituirte sind auch mit Betten und Tüchern be- laden. Vielerlei altes Gerümpel schleppt man hinein, ein altes Mütterchen, einen Knaben an der Hand führend, umklammert mit der anderen krampfhaft ein Bündel, aus dem neugierig ein Spinnrocken, eine Kaffeemühle und ein dreibeiniger Kochtopf her- vorlugen. Dann folgt ein Trupp junger Leute in etivas animirter Stimmung, sie singen das bekannte Liedlein:„Muß i denn, muß i denn zum Städtlein hinaus", ein Feldeisen und ein Wanderstab bilden ihre ganze Habe. Ihnen schloß ich mich mechanisch an, während die sonderbarsten, vorher nicht gekannten Empfindungen mich beschlichen; ich hätte aufschreien können vor Schmerz, Wnth und Entrüstung, als ich die Treppe, die zum— Zwischendeck führt, bestieg, und wiederum schnürte es mir die Kehle zu angesichts dieser elenden Umgebung. Unten angelangt, wurden die Bettstellen, die übereinander geschichtet sind, belegt. Ein iviistes Durcheinander entsteht in den schwach erleuchteten Räumen, überall stolpert man über Menschen; man vernimmt ein Fluchen und Schimpfen in allen Sprachen, dazwischen das Gekeife von Wei- bern und Gewimmer von Kindern. Immer neue Passagiere drängen herein. Die oberen Räumlichkeiten, das Jnnggesellendeck, sind schon bis auf den letzten Platz belegt. Der Strom wird dann eine Treppe tiefer gelenkt. Hier herrscht selbst an klaren Tagen ein Dämmerlicht, nur in unmittelbarer Nähe des Lichtschachtes, der beide Etagen in der Mitte durchschneidet, ist man im Stande, Gegenstände von einander zu unterscheiden. Die untere Etage des Zwischendecks ist speziell als Familienraum ausersehen, hier sind in kleineren Abschlägen, die vier bis acht Betten fassen, alte und junge Leute beiderlei Geschlechts untergebracht. Wer einen Platz erobert hat, eilt wieder auf Deck. Hier bilden sich bald Gruppen, die lebhaft über die bevorstehende Reise diskntiren oder Re- miniscenzeu zum Besten geben, Andere, ganz im Banne der neuen Umgebung stehend, lungern mit offenem Munde umher. Plötzlich ein Glockenschlag! Es war das Signal zur Abfahrt des Dampfers. Die Stricke wurden eingezogen, die Barrieren ge- schloffen und die Trittbretter abgestoßen. Ein dumpfes Schnaufen und Zischen aus dem Maschinen- räum, der Dampfer setzte sich langsam in Bewegung. Ein hundertfältiges„Auf Wiedersehen" vernahm man in vielen Sprachen von beiden Seiten. An der Anlegestelle hatte sich eine vielköpfige Menschen- menge angesammelt, theils waren es Angehörige der Auswanderer, theils jene gewohnheitsmäßigen Müßig- gänger, die sich stets dort einfinden, wo es etwas zu sehen giebt. In die Abschiedsrufe mischten sich die Klänge einer Schiffskapelle, die dem Dampfer das Geleit gab, da der alte„P. Calland" keine eigene führte. In majestätischer Würde durchschnitt der Dampfer im Festgewand das Wasser, auf dem Vordermast wehte das Sternenbanner, auf dem Hinteren die Flagge der Schiffsgesellschaft, während am Steuer die holländische Flagge aufgehißt wurde. Unbekümmert um das Getriebe der Menschen, gleichsam als regierten ihn höhere Kräfte, die allen menschlichen Regungen 66 Me Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. imzliflänglich sind, bewegie sich der„P. Calland" schneller und schneller, der Zwischenraum zwischen ihm und dem Ufer wurde von Sekunde zu Sekunde Größer. Die Schiffskapelle war auch schon bei dem letzten Stück ihres Repertoires angelangt: zuerst hatte sie ein melancholisches Volkslied vorgetragen, dann ein holländisches Nationallied und zum Schluß folgte ein Galopp, der in größerer Schnelligkeit, als gerade erforderlich, herunter gespielt wurde. Darauf packten die Leute eiligst ihre Sachen zusammen, um vielleicht an anderer Stelle etwas zur Erbauung ihrer lieben RHtnienscheii beizutragen. Auch die Zu- rufe verstummten von beiden Seiten allmälig, da man sich nicht mehr vernehmen konnte; dafür winkte man aber um so anhaltender mit allen zur Ver- fiigung stehenden Tüchern. Das war der letzte Abschiedsgruß der Auswanderer an die Heimath. An Bord hatten sich die Passagiere auf die Backbordseite zusammengedrängt, die Augen starr auf das verschwindende Gestade des Zuidersees ge- richtet; noch immer genoß man einen wunderbaren Fernblick auf die alte Handelsstadt, die von einem Walde von Masten und Dampferschornsteinen ein- gerahmt ist; ans ihrem Häusermeer erhoben sich noch weithin sichtbar zahlreiche Kirchthürme und mächtige Profanbauten älterer und neuerer Zeit, und hoch am Himmelsgewölbe stand die Frühlings- sonne und strahlte ihr Licht auf diese abwechselnngs- reiche Szenerie aus. Nach kurzer Zeit wechselte der Dampfer seinen Kurs und steuerte in den Schiff- fahrtskanal, der den Zuidersee direkt mit der Nordsee verbindet. Diese Gegend weist wenig interessante Punkte auf, eine gleichförmige, unbewaldete Hügel- kette zieht sich an beiden Ufern entlang, nur einige kleine Ortschaften bringen einige Abwechselung in die monotone Landschaft. Nach einer Stunde hatten wir den letzten Hafenort erreicht, wo der Dampfer anlegte, um die geeignete Meeresströmung abzuwarten. Die Passagiere empfanden einen großen Verdruß über diese Unterbrechung der Fahrt, ein Jeder er- wartete mit Sehnsucht das offene Meer, an dessen äußerstem Ende das Land ihrer Wünsche lag. Ziellos schlenderte man an Deck umher, Einige streckten auch im süßen Nichtsthun alle Viere von sich, oder man schwätzte über die kommenden Ereignisse, die See- krankhcit und ihre bösen Folgen. Am besten ver- standen die zahlreichen Italiener sich über diese Ein- lönigkeit hinwegzusetzen. Einer der gebräunten Söhne der Abruzzen, ein baumlanger Kerl, holte aus seinem Reisesack, der alle seine Herrlichkeiten barg, ein Tambourin und schlug eins jener melodischen, kraft- strotzenden italienischen Volkslieder an. Bald sam- melte sich eine Schaar seiner Landsleutc um ihn, die gestikulirend und tanzend in den Gesang mit einfielen. Um sie herum hatte sich eiu Kreis gaffender Zuhörer gebildet, die äußerst freigebig ihren Applaus spendeten. Recht heimathlich berührte mich der Zwischenruf eines Berliners:„Horch doch, Mutter, die schöne Mnsike, wie bei Schippanowskin!" Die Italiener ließen sich aber durch die verschiedenen Intermezzos nicht in ihrer künstlerischen Thätigkeit stören. Von nah und fern ströniten auch die Be- wohner des Städtchens, durch den Gesang angelockt, herbei und äußerten ihre Freude über den uner- warteten künstlerischen Genuß durch laute Zurufe, Mancher spendete sogar den edlen Sängern kleinere Geschenke. Dann fiel auch eine Münze unter die singenden Italiener und ans war es mit einem har- monischen Zusammenwirken der fahrenden Künstler, ein Jeder haschte nach der Münze, woraus sich eine reguläre Katzbalgerei entspann. Dies Schauspiel amiisirte die Zuschauer erst recht, und unaufhörlich flogen kleine Kupfermünzen an Bord, um deren Besitz jedesmal ein Kampf zwischen den leicht erreg- baren Söhnen des Südens entbrannte, bis schließlich die Dazwischenknnft eines Schiffsoffiziers dem Treiben ein Ende bereitete. Unwillig zerstreuten sich die Italiener und lagen bald im äolce far niente in allen Schiffswiukeln hingestreckt. Auch der anderen Passagiere bemächtigte sich eine gewisse Schläfrigkeit, man ärgerte sich, daß der Dampfer nicht vom Flecke konnte. Wenn man nur erst in das offene Meer, von dem der Europamüde instinktiv neue Kraft und Anregung erhofft, hinaussteuerte! Ich schlenderte mittlerweile ins Zwischendeck, um mich mit den Oert- lichkeiten näher vertraut zu machen. Dort wogte noch Alles wüst durcheinander, die wenigen Tische und Bänke waren über und über mit Gegenständen bepackt, ebenso die Bettstellen. Die Platzfrage war immer noch nicht gelöst, man zankte und keifte in allen Sprachen: dies Getriebe schien kein Ende nehmen zu wollen, bis schließlich der Obersteward, eine kräftige Seemannsgestalt, die Sache in die Hand nahm. Erst in holländischer, dann in deutscher Sprache brüllte er uns die Worte entgegen:„Alle .Schlowakeitt hier her, die anderen Kerls'niiber!" Wie ich bald erfuhr, waren unter dem Gatttings- begriff„Schlowakcn" alle Herrschaften, so da ent- stammen den Steppen Rußlands und Polens und die da wohnen an den Ufern der Wolga bis hinab ans schwarze Meer, ferner die gluthäugigen Söhne der Abruzzen und die Völkerschaften des fernen Orients, zusammengefaßt, während man die volks- thiiniliche Bezeichnung„Kerls" auf die einer höheren Gesittungssttife augehörenden Repräsentanten der ger- manischen Stämme anzuwenden beliebte. Tie Sonderling der Rassen sollten wir„Kerls" — welche Bezeichnung ich der Einfachheit wegen für unsere Abtheilung auch ferner beibehalten werde— bald als eine wohlthuende Situation zur Aufrecht- erhaltung der Ordnung schätzen lernen. Selbst die Widerspenstigsten fügten sich den Anordnungen des Oberstewards, der seiner Autorität, wenn nöthig, mit einigen gelinden Rippenstößen Geltung verschaffte. Bald hatten sich auch die„Schlowaken" in Erkenntniß ihrer Interessengemeinschaft und der gleichartigen, durch keine Konvenienz angekränkelten Lebensgcwohn- heiten, trotz ihrer verschiedenen Sprachen, zu einer kompakten Masse den„Kerls" gegenüber zusammen- geschlossen. Nach dieser Sonderung der Nationen wies der Steward den Einzelindividuen einen be- stimmten Platz an, soweit man sich noch nicht auf den« Wege der friedlichen Uebereinknnft über die Wahl der Betten geeinigt hatte. In unserem Zwischendeck kann sich jeder Nörgler, der an der Staatsantorität zu rütteln wagt, von dem wohl- thätigen Einfluß einer überlegenen Persönlichkeit, wie es unter den gegebenen Umständen der Ober- steward lvar, persönlich überzeugen: wo por wenigen Minuten noch ein wüster Haufe auf- und nieder- wogte, sah mau jetzt friedliche Menschen mit der Anordnung ihrer Raritäten beschäftigt, und nicht lange währte es, da hatte das Zwischendeck fast den Charakter eines mit eiserner Disziplin verwalteten Kasernenbodens angenommen. Hiernach ging es an die Vertheilnng des Geschirrs, ein Jeder erhielt eine Schiissel und eine Blcchkanne, und soweit der Vor- rath reichte, auch einen Löffel zugewiesen, mit der wenig appetitreizenden Anfförderung, die Geräthe in dem Bett zu verbergen, mn Jrrthümern aus dem Wege zu gehen. Der Steward gab uns zu ver- stehen, daß die„Schlowaken" wie die Raben stehlen!--— Endlich!— ein leises Aechzen und Stöhnen aus dem Innern des Eisenkolosses, die Flnth war eingetreten, der Dampfer setzte sich in Bewegung. Bkit lautem Freudeugeschrei stürzte Alles auf Deck, mit Ausnahme einiger„Schlowaken", die auf ihrem Lager ausgestreckt, keine'Notiz mehr nahmen von den Dingen, die um sie her geschahen. Eine kurze Strecke, und der Dampfer hatte die schützenden Moolen verlassen. Weithin dehnte sich eine un- geheure Wassermasse aus, auf der leicht gekräuselte Wellen gleich Wasservögeln ihr muthwilliges Spiel trieben: das Meer! So hatte man es sich nicht vorgestellt, es glänzte und blitzte wie ein vielseitig geschliffener Diamant in tausend Farben, wie Silber- streifen erschienen die plätschernden Wellen, sie kamen und verschwanden wieder, eine ununterbrochene Be- wegung, und in majestätischer Haltung durchschnitt das Auswandererschiff die Wogen, als hätte es die Elemente sich unterthänig gemacht. Ein lautes„Ah!" entfuhr dem Munde, dann bemächtigte sich der Ge- sellschaft ein feierliches Schweigen; man blickte in die Fluthen, nur vorwärts. Als man den Hafen von Amsterdam verließ, waren alle Blicke rückwärts gerichtet, nun achtete Keiner mehr auf den Streifen Land, der allmälig in Nebel zerrann. Ein monotones Geläut der Schiffsglocke. Es war das Signal zum Mittagessen. Tie Zwischen- decker wurden angewiesen, ihre Rationen in Empfang zu nehmen; zu dem Zweck wurden verschiedene Eimer verabfolgt, einer für die„Kerls", ein anderer für die„Schlowaken", und mehrere dieser höchst sinn- reichen Futterbehältcr wanderten ins Familirudcck, zugleich wurden uns auch Kaffeekannen in ent- sprechendem Umfang übergeben. Der Nächststeheude nahm das kostbare Geschirr in Enipfang, ließ es in der Küche füllen und zog damit, von einer Eskorte gefolgt, ins Zwischendeck. Auf den Tischen wurden die gefüllten Eimer, die ganz den Eindruck machten, als hätten sie bereits iveniger appetitlichen Zwecken gedient, niedergesetzt, und ein Jeder holte mit seiner Schüssel so viel heraus, wie er fassen konnte. Diese extrem kommunistischen Allüren meiner Schiffsgenossen ließen das peinliche Gefühl des Ekels in mir aufkeimen, das sich fast zu einem gewaltsamen Ans- bruch steigerte, als einer der„Kerls" ohne Ilm- schweife einen Riesensnppenknochen aus dem Eimer zerrte und, nachdem er die wenigen Fleischtheilc mit den Fingern abgeschält hatte, mit größter Noncholance in denselben zurückwarf. Mit dieser Gepflogenheit konnten sich auch Andere unserer Ge- sellschaft nicht einverstanden erklären und wir ver- ließen unter energischem Protest die Mittagstafel. Bei den„Schlowaken" war von derartigen ästhe- tischen Anwandlungen nichts zu bemerken; hier saß man friedlich um den Futtereimer gruppirt und löffelte in ttauter Harmonie darin herum, die nur dann und wann durch die Jagd nach den Fleischresten eine unliebsame Unterbrechung erfuhr. Ich ging auf Deck. Für den heutigen Tag hatte ich das Gefühl des Hungers vollständig über- wunden. Während ich mir die kulinarischen Genüsse, die meiner auf der Reise noch harrten, im Geiste ausmalte, vernahm ich vom anderen Ende einen leb- haften Tumult, ich wandte mich dorthin, um mich über die Ursache der Heiterkeit zu unterrichten— und was erblickte ich?— Kaum traute ich meinen Augen.— Ein mit Seitengewehr ausgerüsteter preußischer Krieger! Wie kam der Mann an diesen, für einen preußischen Soldaten etwas ungewöhnlichen Ort? Wer seine Geschichte hören wollte, dem theilte er sie bereitwilligst mit. Des Soldatenlebens müde, hatte sich der unfreiwillige Vaterlandsvertheidiger, der in einer Grenzstadt garnisonirte, auf holländisches Gebiet hinübergeflüchtet, um von dort nach Amerika zu entkommen, wo er seinen bürgerlichen Beruf wieder aufnehmen wollte. Das war der einzige Beweg- grund seiner Handlung. Wie er weiter nicht ohne eine gewisse Selbstgefälligkeit bemerkte, hatte er Uni- form und Säbel als Andenken an die Soldatenzeit mitgenommen. Seine tollkühne That fand den leb- haften Beifall aller Zwischendecker, und Mancher bedauerte, daß er es nicht auch so gemacht hatte; ich entdeckte in der Menge auch nicht Einen, der etwas Unehrenhaftes in der Handlung des Deserteurs erblickt hätte und unwillkürlich fiel mir das Sprüch- wort ein: Vax popnli, vox dei! Nur auf dem Kajütendeck sah man einen älteren Herrn ob dieser unerhörten Profauifirung der Uniform lebhaft gestiku- liren und mit dem Kapitän einige Worte wechseln. Doch dieser zuckle bedauernd niit den Achseln und empfahl sich. Die Menge, die den Deserteur wie einen Heros betrachtete, ließ es an unwirschen und höhnischen Bemerkungen nicht fehlen, als sie sah, daß man in der Kajüte sich über den Fall entrüstete. Dann erschien der Zahlmeister auf der Bildfläche, trat an den Vaterlandsvertheidiger heran und for- derte mit höflichen Worten den Säbel zur Auf- bewahrung ihm ab, da das Schiffsreglemeut das Tragen von Waffen nicht zuließe, auch ersuchte er ihn in Rücksicht auf die gereizte Stimmung in der Kajüte, die Uniform einstweilen abzulegen. Damit endete der Zwischenfall.— Welch ein Wechsel der Rollen! Mit ivelchen Gefühlen mögen die Patrioten der Kajüte diese Szene verfolgt haben! An Bord eines holländischen Dampfers behandelte man einen Deserteur, dem im Vaterlande das Zuchthaus winkte, wie einen Gentleman— unerhört! Aber dieses Intermezzo, so lächerlich die Maskerade des Deser- teurs auch war, lehrt uns. auf wie schwachen Füßen Die Neue ZDelt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. alle menschlichen Institutionen stehen und wie alle konstruirten Rechtsbegriffe stets an Raum und Zeit gebunden sind. Sobald diese Momente überwunden sind, fallen sie in ein inhaltloses Nichts zusammen. An Bord eines modernen Auswandererschiffes läßt man vorgefaßte, auf traditionellen Vorstellungen be- ruhende Bleinungen oft erstaunlich schnell fallen. Hierin giebt sich der Einfluß kund, den die moderne Völkerwanderung, die in der Bildung eines neuen Menschengeschlechts jenseits des großen Wassers ihren Abschluß findet, auf Jeden ausübt, ohne daß ihm die Veränderung recht zum Bewußtsein gelangt. Der erste Tag verging ohne iveitere Auftegungen, ivenn ich von der Abendmahlzeit, die unter striktester Beobachtung derselben lieblichen Formen vor sich ging, absehe. Das Meer war ruhig und der Gesundheits- zustand der Passagiere daher fast durchweg ein guter, nur hin und wieder sah man Jemand mit gesenktem Kopf und trübseliger Miene einherwandem, ein untrügliches Zeichen, haß bei ihm die Seekrankheit im Anzüge war. Die anbrechende Dämmerung ver- anlaßte mich, die Lagerverhältnisse einer eingehenden Revision zu unterziehen. Ich stieg die enge, schlecht beleuchtete Treppe hinunter, ein furchtbarer Brodem wehte mir entgegen, ein undefinirbarer Geruch, die menschlichen Ausdünstungen waren mit jenem an Heringslake erinnernden charakteristischen Schiffs- genich eine Verbindung eingegangen, dazu gesellte sich jenes penetrante Odeur, das allen Knoblauch verzehrenden Völkern anhaftet. Wer jemals im Zwischendeck den Ozean durchkreuzt har, wird dieses grausige Gemisch der intensivsten Gerüche aller Art nie ganz aus seiner Vorstellung verlieren, ferner Stehende können sich aber die Wirkung dieser ver- pesteten Atmosphäre auf unser Geruchsorgan nicht veranschaulichen, da der Sprache die bildliche Dar- stelluugskraft nach dieser Richtung hin vollständig fehlt. Es kann der Dichter die äußere Erscheinungs- Welt, die Gluth der Farbe, die Größe und Kraft der Elemente, den Donner, die Detonation des Meeres vor dem Leser schildern und mittelst seiner nwhr oder weniger gestaltungsreichen Sprache ähu- liche Empfindungen in ihm hervorrufen, aber ebenso wie der Ekel niemals das Objekt einer dichterischen Bearbeitung gewesen ist, versagt auch die schöpferische Gestaltungskraft, wenn es sich um die Schilderung jener penetranten Ausdünstungen handelt.— Ob ich mich gerade diesen oder ähnlichen Reflexionen hin- gegeben habe, als ich die Treppen zum Zwischendeck hinunterstieg, kann ich nicht mehr feststellen, nur weiß ich, daß mich damals das Gefühl der gänz- lichen Jsolirtheit ergriff, ich fühlte mich als ein Verstoßener in dieser Höhle menschlichen Elends nnd physischer Verkommenheit. Ich mußte auf dem halben Wege umkehren, hinaus in die frische Abendluft. So verlief mein erster Akklimatisirungsversuch in meiner neuen Umgebung. Ich überlegte, was nun zu thuu wäre, ohne aber zu einem Entschluß zu gelangen; rastlos wanderte ich an Deck auf und nieder, bald war ich hier der letzte Gast, aber was kümmerte es mich! nur nicht zurück in die Pesthöhle! Aber der Mensch denkt und eine höhere Macht lenkt, in diesem Falle war der Lenker meines Geschicks der Schiffscerberus, der Obersteward, er offenbarte mir in seiner gerade nicht höflichen, aber durchaus ver- ständlichen Sprachweise, daß ich mich zu Bett zu scheeren hätte, um elf Uhr müßte er das Deck„säu- Kern", für Nachtpromenaden sei dies überhaupt nicht der rechte Ort. Was blieb mir weiter übrig, als den gefürchteten Weg wieder anzutreten, dabei wurde ich von dem Höchstkonimandirenden des Zwischendecks scharf aufs Korn genommen, der sich überzeugen wollte, ob seine Befehle auch respektirt würden. Mit dem Muthe der Verzweiflung stürzte ich mich auf mein Lager, unansgekleidet, denn Decken gab es im Zwischen- deck nicht; diese schienen von der Schiffsverwaltnng als ein gar überflüssiger Luxus betrachtet zu werden. In meiner Nachbarschaft ging es noch recht lebhaft her, in dem einen Revier wurden„Witze" er- zählt, am Tische saßen mehrere„Kerls" und spielten 5?arten, die sie mit der allen Ungebildeten eigenen Wucht nuter großem Geschrei hinwarfen; ans dem gegenüberliegenden Massenlager der„Schlowaken" vernahm mau fast durchweg ein gesundes Schnarchen, nur Wenige debattirten noch eifrig, Andere dagegen untersuchten die Futtcreimer auf etwaige zurück- gebliebene Speisereste. Etwas abgeschwächt drang auch das Geschrei der Säuglinge aus der unten gelegenen Familienkabine zu uns. Ich versuchte zu schlafen, das Gesicht tief in den— Strohsack ge- wühlt, so daß die von penetranten Gerüchen ge- schwängerte Atmosphäre nicht direkt mein Geruchs- organ treffen konnte. Vergebens. Morpheus wollte mich nicht umfangen. Dann stellte sich ein inten- siver, einseitiger Kopfschmerz ein, und dazu gesellte sich ein nagender Hunger, denn ich hatte seit dem Morgen keinen Bissen zu mir genommen, obgleich ich mehrere Würste und einen holländischen Käse mein eigen nannte. Fast entschloß ich mich, meinen Handkoffer zu öffnen, der diese Herrlichkeiten barg, aber sobald ich meine Umgebung ins Auge faßte, versagte mir sofort wieder der Appetit. So wälzte ich mich apathisch von einer Seite zur anderen, immer in zusamniengekauerter Haltung, da der Koffer noch ein Stück der an sich schon kurzen Bettstelle ein- nahm. Allmälig verstummte das Getöse und eine schwüle Ruhe breitete sich über den Raum aus, die von Zeit zu Zeit wieder durch die unartikulirten Laute des ersten Seekranken unterbrochen wurde... Endlich verfiel ich u einen von wüsten Träumen unterbrochenen Halbschlummer. Mir träumte von der trockenen Guillotine, von der ich irgendwo ein- mal gelesen hatte, dann sah ich mich selbst an einem Galgen hängen und konnte nicht sterben. Plötzlich änderte sich die Szenerie, ich befand mich auf einein Schlachtfetde, wo gräßlich verstümmelte Leichen umherlagen, die einen widerwärtigen Geruch aus- dünsteten, dann erhob sich eine und warf nach mir mit dem weichen Schmutz der Landstraße.--- Mein Nachbar hatte die Seekrankheit, nur einen Augenblick, und ich begriff meine prekäre Lage. In rasender Eile stürzte ich die Treppe hinauf, eine Lichtwelle flnthete mir entgegen— Luft, frische Luft, herrliche Gabe der Natur. Am Horizonte tauchte die Sonne in majestätischer Pracht auf, als ginge sie das Getriebe der Blenschen nichts an. Das Meer war bewegter als Tags zuvor, es schimmerte in einem liefen violetten Grün, zahlreiche Segel von Fischerbooten wurden sichtbar, in weiter Ferne konnte man mehrere Dampfer erblicken, wir befanden uns im Kanal, aus dem Morgennebel erhob sich die Küste Englands.(Forlseyung Ein kaiserlicher Satiriker gegen den Cäsarismus. Von Spartacus. fS ist eine merkwürdige aber häufige Erscheinung derLiteraturgeschichte, daß die schärfsten Satiren � gegen die Kirche und ihre Bläugel, Gebrechen und Sünden der Feder geistlicher Herren entflossen sind. Die Satiren der Art des Mittelalters haben zum größten Theil Mönche oder Priester zu Ver- fassern. Für die neuere Zeit nennen wir nur zwei Namen von Satiren schreibenden Theologen: fllabelais, den Pfarrer von Bleudon, und Swift, den Dechant von Sankt Patrick zu Dublin. Es ist begreiflich, daß diesen Schriftstellern bei ihren kritisch-satirischen Werken ihre genaue Sachkenntniß des Faches und aller einschlagenden Verhältnisse ganz wesentlich zu Statten kam, so daß ihre wohlgezielten Hiebe die wundesten und gefährlichsten Stellen trafen. Dasselbe gilt auch von einer anderen Gruppe polemisch-satirischer Autoren: ich meine diejenigen, welche die Großen und Mächtigen der Erde, die Herren und Herrscher der Völker hechelten und selbst zu dieser Menschenklasse gehörten. Um auch für diese Gruppe von Schriftstellern einen allgemein bekannten Vertreter anzuführen, nenne ich Friedrich den Großen von Preußen, den Verfasser des Anti- Blacchiavells, zu dem freilich bemerkt werden muß, daß bei dem absolutistischen Preußenkönig Theorie und Praxis zwei sehr verschiedene Dinge waren. Noch schärfer wendet sich Friedrichs Satire gegen die seinerzeit regierenden Fürsten in einer„Codicill" überschriebeuen Arbeit. Darin führt er diese Herr- schaften wie die Thiere einer Menagerie als unfähige, zuni Theil ganz elende Blenschen der Reihe nach vor, nicht in unbefangenem Spott, sondern mit gallenbitterer Feindseligkeit— freilich waren die von ihm Geschilderten zum Theil seine Konkurrenten! Zum Schlüsse dieses„fürchterlichen Gedichts", wie man es genannt hat, heißt es:„So fahrt denn, Ihr Könige, dahin! Zur höchsten Würde steige Wahnsinn auf! Die Dummheit steure Euch auf gut Glück und Euer Schiff zerschelle!" Das römische Alterthum weist ebenfalls einen gekrönten Safiriker auf, mit dem sich die folgenden Blätter beschäftigen sollen: Julian, den Abtrünnigen, wie ihn die Christen zubenannt haben, der 361—363 n. Chr. regierte. Er zählt in der griechisch ge- schriebenen Literatur zu den unstreitig bedeutenden Erscheinungen. Vorwiegend ist seine schriftstellerische Thätigkeit kampflusfig-satirischer Natur, und er wird oft init dem ihm nahe verwandten Lukianos aus Samoseta zusammengestellt. Man wird die Eigenart Julians am besten be- merken, wenn ich eine, und zwar seine bedeutendste, Schrift, eben die Cäsarensatire, eingehender schildere. Interessant sind mehr oder minder alle seine Schriften, seine Streitschrift gegen die Christen, seine religious- philosophischen Versuche zur Vertheidigung und Wieder- Herstellung des Heidenthums, seine Satire gegen die üppigen Bewohner der Stadt Antiochia u. a. Das Werkchen über die Cäsaren führt uns zu- nächst ein Zwiegespräch zwischen Julianus und einem vertrauten Freunde vor. Man befindet sich in der Zeit des Karnevals der alten Römer, der Saturnalien, die man mit Beschenkung von Verwandten und Freunden und allerlei geselligen Vergnügungen und Lustbarkeiten festlich zu begehen pflegte. Liebhaber der schönen Wissenschaften und Künste thaten dies, indem sie sich gegenseitig geistige Genüsse zu bereiten suchten, Schöpfungen alter und neuer Dichter, auch eigene Werke einander vorlasen, über allerlei gelehrte und ästhetische Fragen disputirten und dergleichen mehr. Das thut denn auch Julianus, der, seinem Naturell und seinen Neigungen folgend, sich viel mit Philosophie und Rhetorik befaßt hat sein Leben lang. Er erzählt seinem Freunde eine Fabel, um ihm eine angenehme Unterhaltung zu bereiten. Er knüpft au den Cäsareukultus, die göttliche Verehrung der verstorbeneu Kaiser, an und berichtet: Einst, als gerade auch die Saturualien gefeiert wurden, veranstaltete der erste römische König und Gründer der später die Welt beherrschenden Stadt Romulus, der als Gott Ouirinus titnlirt ward, ein Festmahl, zu dem er alle Götter, auch die aus Herrschern Roms zu Göttern erklärten und als solche verehrten Kaiser einlud, für die in einem kleinen Abstand tiefer unter der Gasttafel der alten Götter das Mahl bereitet ist. Ten Eintritt eines jeden Cäsars begleitet Silenos, der Erzieher nnd stete Begleiter des Bacchus, der sozusagen den lustigen Rath der Götter spielt, niit irgend einer komischen oder satirischen Bemerkung. Zuerst tritt der Meuchler des römischen Frei- staats, Cajus Julius Cäsar, ein, nach dem sich alle folgende» Herrscher Cäsaren(woraus unser deutsches Wort Kaiser entstanden ist) nannten. Mit stolzer Haltung und kühnem Blick schreitet er einher, und Silenos ruft dem Vater und.König der Götter und Menschen, Zeus, zu:„Da kommt ein recht kecker Bursche, der nicht übel Lust zu haben scheint, Dir die Weltherrschaft abzunehmen. Sieh, wie groß und schön er ist, ungefähr so wie ich, wenigstens gleicht sein Kopf dem meinen." Silenos schont, um Lustigkeit zu erregen, auch sich selbst nicht in dieser Bemerkung, denn seine Bildung bei Dichtern und Künstlern des Alterthums ist nicht eben schön; man stellte ihn vor als einen dickbäuchigen, stumpf- näsigen, glatzköpfigen Alten, oft trunken, mit Trau- ben, einem Weinschlauch oder mit seinem Reitthier, eineni Esel, dar. Die Glatze aber war auch ftir Cäsar kennzeichnend; um ihretwillen soll er vom römischen Senat das Vorrecht sich erbeten haben, auch bei anderen Gelegenheiten als bei Triumph- ziigen nach siegreichen Kämpfen einen Lorbeerkranz zu tragen, um seinen Mangel an Haaren zu verbergen. 08 Auf Cäsar folgte Octavianus Augustus, dem die reife Birne der Einherrschaft in den Schooß fiel, über deren vorzeitigem Pfliicfversuch Cäsar unter den Dolchen von Verschworenen sein Leben lassen mußte. Auf dem Antlitz des Octavianus wechseln schnell die Farben; zuerst erscheint er bleich, dann dnnkelroth, dann schwarz, dunkel und düster, und endlich klar und heiter.„Man hätte ihn"— sagt Julianns— „für ein Chamäleon halten können." Tie Schauspieler- natur des Gründers der römischen Monarchie, der sich nach den Quellen bei seineni ersten Auftreten von Cicero mit Wohlbehagen als Heiland der Republik feiern ließ und wenige Monate darauf blutig wisthcte gegen die Republikaner, der so viele sich wider- sprechende Eigenschaften in sich vereinigte und so klug und verschlagen stets seine wahre» Absichten so lange zu verbergen verstand, bis er sie erreicht hatte— läßt sich nicht treffender kennzeichnen. Silenos warnt auch die Götter, daß sie sich nicht ein i' für ein II vormachen lassen sollen von dem Erzkomödianten, der selbst bei seinem Tode zu de» Umstehenden gesagt haben soll:„klatscht mir Beifall, ich habe nieine Komödien- rolle doch vortrefflich gespielt!" Niebuhr, der große Geschichtsschreiber und Erforscher der römischen Ge- schichte, hat die Verstellung seine ausgezeichneteste gegeben sind, die ihn bei Lebzeiten völlig beherrschten und ohne die er hier eine gar zu traurige Rolle spiele. Nun tritt Nero ein, mit dem Lorbeerkranz auf dem Haupte und der Leier im Arme. Silenos ruft dcni Apollo zu:„Sieh, da ist Einer, der Dich nach- ahmen will!" Apollo, dem Gotte des Gesanges, war der Lorbeer heilig. Der Angeredete aber meint, Nero sei eher ein Zerrbild von ihm selbst, reißt ihm den Lorbeer vom Haupte und läßt ihn in die Unter- welt abführen. Tie kurz regierenden Kaiser Vindex, Galba, Otho und Vitellius fertigt Silenos kurz ab. Jupiter zeigt seinem Bruder Serapis(diesen egyptischen Gott hatte der römische Katechismus ebenso wie manchen anderen fremden adoptirt) den Vespasianus, den er als Geizhals, aber auch als Wiederhersteller der von dem„Mordbrenner" Vitellius verbrannten Bauren des Kapitals, der Stadtburg Roms, be- zeichnet. Titus wird schnell abgethan und von Silenos zu seineu Liebsten geschickt; Domitianus wird mit dem sizilischen Tyrannen Phalaris verglichen und gefesselt. Der würdige, greise Nerva findet Gnade vor dem Spaßmacher der Götter; dieser fragt, warum die Götter dem elenden Tomilianns fünfzehn ValerianuS und sein Sohn, der schwelgerische Gallienns, wurden abgewiesen. Claudius II., Gothicus, von dem Julianus selbst abstammte, wird sehr freundlich aufgenommen; da die römische Monarchie kein Erbreich war, ist es begreiflich, daß Julianus seine früheren Vorgänger nicht eben schonnngsvoll behandelt, hier aber regt sich das Blut. Den Kaiser Probus lassen die Götter gelten, nur allzu große Strenge weiß ihm Silenos vor- zuwerfen. Carus und seine Söhne Carinus und Numerianus werden von der Nemesis wieder ab- geführt. Es folgt Diocletianus mit den beiden Maxiuüinailen und Couftantius Chlorus, die ehrenvoll angenonimeu werden, außer dem einen Maximiuian, der„irgend wohin" auf die Erde entweicht. Ten Liciuius jagt Nemesis alsbald fort. Den Schluß macht C o u st antin us mit seineu Söhnen, und nun beginnt das Festmahl. Bei demselben wird die Frage aufgeworfen, welchem der Sterblichen ein eben erledigter Platz in: Götterhimmel zugesprochen werden solle. Als Bewerber treten auf Cäsar, Octaviau, Trajan, Marc Aurel und von Heracles eingefiihrt der Macedonicr Ans KtU'ischen Jagdgründen. Von Ernst Otto. Geisteskraft genannt. Der Sonnengott Apollo jedoch, zu dem die Hof-Lcgcnde den Augustus gern in Be- Ziehungen zu bringen pflegte, nimmt sich des Octavianus Augustus au und überweist ihn dem Philosophen Zeno zur veredelnden Ausbildung. In der That murmelt der zur Stelle befindliche Zeno dem Augustus etwelche weise Sentenzen zu, durch die Jener sofort ein weiser und inaßvoller Mensch wird. Nach Augustus tritt Tiberius ernst, feierlich und stolz heran. Aber wie konttastiren damit die Narben und Spuren von allerlei medizinischen Opera- tionen in seinem Rücken, welche seine Laster und Ausschweifungen nöthig gemacht hatten! Der immer heitere Silenos verliert bei dem Anblick Tiberius' seine gewöhnliche gute Laune und schlägt vor, diesen Men- scheu nach seinem Liebliugseilaud Capri zu entsenden, ivohin er bei seinen Lebzeiten in seinen menschen- feindlichen Geniüthsstimmungen sich gern zu ver- graben pflegte'. Beim Eintritt Caligulas ergreift die Götter ein wahres Entsetzen, und Nemesis, die Göttin der Rache, überweist das Scheusal ihren Dienerinnen, den Furien, die ihn in die Unterwelt stürzen. Silen, der über Caligulas Anblick geradezu die Sprache verloren hat, findet sie erst wieder beim Nahen des Kaisers Claudius, den er einen Dumm- köpf und hohlen Schwätzer iicuut, und den Romiilus dafür tadelt, daß ihm nicht seine Lieblinge, die Frei- gelassenen Pallas nnd Narcissus, sowie Messalina bei- Regierungsjahre geben konnten, und dem Nerva nur eins. Beim Eintreten des Trajanus, der mit der Beute aus seinen siegreichen Fcldzügen gegen die Taker und Parther gcschmiickt sich naht, ruft Silenos, man solle den Mundschenken und seine Becher vor diesem Nienschen in Sicherheit bringen. Darauf naht sich Hadrianus,„der Sophist, Vielwisser und Schönredner auf dem Throne," der erste barttragende Kaiser der Römer, der auch in Musik nnd Astronomie Tilettantenrolleu gab. Silenos meint, er suche wohl hier seinen Geliebten Antinous, aber der sei nicht hier; der Mensch möge sich nur trollen. Dann folgt Antoninns Pius, den Julian, abgesehen von seinen galanten Abenteuern, einen ver- ständigen Man», Silenos aber einen„Kümmel- spalter", d. h. einen Kleinigkeitskrämer, nennt. Beim Anblick des Marcus Aurelius(oder Antoninus Philosophus) und des Lucius Berus schweigt Silenos; den erbärmlichen Sohn des Commodus, aber würdigt er auch keines Wortes. Pertin ax wird schnell abgethan. Nun folgt der harte Soldat Septimius Severus, vor dem den Silenos graut; er meint, mit dem sei nicht gut Kirschen essen. Geta, Caracalla, Macrinus und Ela- gabal werden gleich fortgeschickt als Unwürdige; Severus Alexander Syrus aber zugelassen, doch nicht ohne daß ihm Silenos den Vorwurf macht, daß er immer am Gängelbande seiner Mutter ge- hangen habe. Alexander der Große, bei dessen Eintrete» Silenos dem Romulus, dem Gott gewordenen ersten König der Urgeschichte Roms, zuruft:„Nimm Dich in Acht, Ter da überwiegt alle Deine Römer!" Ein Nedekampf nach allen Regeln der Kunst entspinnt sich, endlich wird dem Marc Aurel die Siegespalme zu Theil, die übrigen Bewerber erhalten die Erlaubniß, an der Seite ihrer besonders geliebten Götter zu verweilen; Alexander bei Heracles, Octaviau bei Apollo, Cäsar bei Venus und Mars, Constantin bei der Göttin der Ueppigkcit nnd Ausschweifung, Trajan schlägt sich zu Alexander, dem tapferer- Krieger und Zecher, Marc Aurel, der Sieger, zu Saturnus, dem Altvater der Götter. Das ganze Werk ist über und über gespickt niit allerlei bissigen Anzüglichkeiten. Auch den großen Constantin schont Julianus nicht, allzu viel Gutes hatte er von ihm nicht erfahren und haßte in ihm vornehmlich auch den Freund oder doch klugen Be- nutzer des Christenthums, der seinen Soldaten das Christenkreuz für die Feldzeichen und Fahnen ver- liehen hatte— eine Art antiker Cocardenverleihung. Um sich diese Satire lebendig zu machen, wäre es gut, wenn der Leser irgend einen Leitsaden der römischen Geschichte zur Hand nähme und nachläse. Ich denke mir die Leser unserer Literatur überhaupt gern von rühmlichem Lerntrieb erfüllt, welcher sie bestimmt. Alles, was sie hören und lesen, zum An- knüpfungs- nnd Ausgangspunkt eigenen Studiums Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 69 durch Nachdenken und weiteres Nachfragen und Nach- lesen zu machen. In unseren Tagen scheint mir die Geschichte der römischen Cäsaren wieder einmal ein recht zeit- gemäßes Thema. Darum hielt ich es für an- gebracht, einmal einen damaligen Kaiser redend und urtheilend über Seinesgleichen vorzustellen. In einem Lande des allgemeinen Stimmrechts— ich will einmal den thatsächlich nicht richtigen Ausdruck gelten lassen—, in welchem jeder Stimmberechtigte berufen ist, mit Geschichte zu machen, ist es an- gezeigt, daß Jeder sich geschichtliche Kenntnisse und Einsicht in das geschichtliche Geschehen (wenn ich so sagen darf) aneignet. Dazu an- zuregen ist der Zweck auch dieser Skizze. verzweifeln wollen, stieg die tiefgesunkene Hoffnung aufs Neue. Kein Stand ist ja so auf das Hoffen angewiesen, wie dieser. Von dem Auswerfen des Samens bis zum Bergen der Frucht schwebt der Landmann zwischen Furcht und Hoffnung; jeder Tag ist von Bedeutung für das Gedeihen, und jede Stunde kann Alles zerstören. Auf das vielversprechende Frühjahr folgte im Sommer Kälte und anhaltende Nässe. Die schnell aufgeschossenen Halme stockten plötzlich im Wachs- thum. An vielen Stellen lagerte sich das Getreide. Die Kornfelder sahen aus, als sei eine Riesenwalze über sie dahingefahren. Licht und Luft fehlte der Aehre, eine mangelhafte Bestäubung fand statt, von unten wuchsen Disteln und allerhand Unkraut durch das Getreide hindurch. Nur hier und da richtete haltend. Nach alt bewährter Bauernregel ließ man sich jedoch durch den Regen nicht vom Hauen ab- halten. Einmal mußte es ja doch mit Gießen auf- hören; der liebe Gott konnte doch unmöglich wollen, daß der Segen, den er hatte wachsen lassen, so in Grund und Boden verdürbe. Aber die himmlischen Schleußen schloffen sich nicht. In der Kirche wurde eifrig für gutes Ernte- wctter gebetet— es regnete unbekümmert weiter. Sieben Wochen lang mußte schlechte Witterung bleiben; es hatte ja am Siebenschläfer geregnet. Als es endlich doch aufhörte, da war es gerade um acht Tage zu spät. Das Heu war zwar aus weiser Vorsicht in große Schober gesetzt worden; aber die Nässe war doch durchgedrungen. Als man die Haufen öffnete, dampfte und stank es. Dumpfe Vol' über! Nach einem Gemälde von Th. Matthen(Pholographicverlag der Pholographtschci, Union w Miliich-n.) Der"Wirttrrer�cvuer. Roman von Wilhelm von Polenz. lFortsetzung.) IX. y yTer Sommer hatte nicht gehalten, was das mrj jähr versprochen. Die Herbstsaaten waren zwar >t durch den Winter gekommen und hatten sich ährend eines milden Frühjahrs kräftig bestockt. uch die Sommerung war prächtig aufgegangen, >ß es im Mai eine Lust war, über die Haferfelder ld die Kartoffelbeete hinwegzublicken. Regen und wnnenschein folgten sich in gedeihlicher Abwechselung. 'as Korn trieb zeitig seine Schoßhalme. Ansang um sah es aus, als ob es eine ausgezeichnete rnte geben müsse. In der Seele manches Landwirthes, der über e schlechten Erträge der letzten Jahre schier hatte der Wind die Geknickten wieder auf. Die Nehren standen nicht in freier Luft aufrecht, dem Lichte zu- gekehrt, wie es iiöthig ist für die Entwickelung jeg- licher Kreatur und jeglicher Pflanze; sie senkten sich deni dunklen, feuchten Erdreiche zu, das ihren Wurzeln wohl Nahrung zum Sprießen, ihren Häuptern aber nicht Wärme, Licht und Bewegung zu gewähren ver- mochte. So kränkelten die Körner, das Wachsthum war ohne Saft und Kern. Da gab es viele leere Hülsen und leichte Früchte, und schädlicher Rost fraß die welken Körner an. Auf den Wiesen hatte prächtiges Gras gestanden. Selbst auf den feuchten und sumpfigen Flecken wuchsen hener, begünstigt durch das trockene Frühjahr, bessere Kräuter, als sonst; die sauren Gräser hatten nicht die Oberhand gewinnen können. Infolge der häufigen Regenschauer war überall ein dichtes Bodengras ge- wachsen. Zu Beginn der Heuernte regnete es an- Gährung hatte sich darin entwickelt. Manches Heu war wie verbrannt. Kein Vieh wollte das ver- dorbene Futter mehr anrühren. Statt auf den Heu- boden, wanderte es auf die Düngerstätte oder in den Stall zum Einstreuen. Nun schien die Sonne durch volle vierzehn Tage herrlich.„Der alte Gott lebt noch!" sagte der Pfarrer vou der Kanzel,„seht, wie hat Er es so herrlich hinausgefllhret!" Die Bauern hörten sich das mit an; dem Herrn Pastor durfte man ja nicht widersprechen. Aber in ihren geheimsten Gedanken war nicht viel von Ergebenheit in die Rathschlüsse des Höchsten zu finden.„Wenn die Roth am größten, ist Gottes Hülfe am nächsten" und„Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand ge- baut." Das waren ja alles sehr schöne Sprüche, aber manchmal sah es wirklich darnach aus, als ob man ini himmlischen Rathe— ebenso wie bei der 70 Aie Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. irdischen Obrigkeit— recht wenig Verständnis; für das besäße, was dem Landmanne frommt. Wie konnte es sonst geschehen, daß jetzt ununterbrochen schönes Wetter war, wo ein solcher Tag, vierzehn Tage früher, Alles gerettet hätte. Nun war das schöne Heu zu Niist geworden. Mancher schüttelte den.stopf; wirklich, es ging zu verkehrt zu iu der Welt! Man wußte nicht mehr, was man denken sollte. Die Kornernte begann. Stroh war viel da, so- viel stand fest. Und wo kein Lager gewesen, konnte nian auch mit den Nehren leidlich zufrieden sein. Aber wo sich das Getreide zeitig gelegt hatte und nicht wieder aufgestanden war, da sah es trostlos ans. Jetzt erst beim Mähen merkte man, was das für ein Fitz und Filz geworden war. Kaum daß die Sense durchdringen konnte. Noch einmal soviel Zeit, als sonst, brauchten die Schnitter. Allerhand Ilebelstäude zeigten sich. An manchen Stellen war das Getreide zweiwiichsig geworden durch die an- haltende Nässe. An den Nehren fand sich reichliches Mutterkorn. Der Rost und andere Krankheiten hatten vieles verdorben. Ten August hindurch blieb trockene, milde Witterung. Soviel Einsehen hatte der liebe Gott doch, daß er die Roggencrnte wenigstens nicht auch noch verregnen ließ. Den Lästerzungen und Nörglern ivar dadurch einigermaßen der Mund gestopft, und Mancher, der durch die frühere Heimsuchung vor den stopf gestoßen worden, machte wieder seinen Frieden mit dem lieben Gott. Ja, der Herr Pastor durfte von der Kanzel herabsagen: soviel der Güte und Treue hätten ivir garnicht verdient.— Es war nicht Alles verloren. Die Grummet- ernte stand noch aus, vielleicht mochte sie ein wenig die Lücke ausfüllen, welche das Verderben des Heues in die Futtervorräthe gerissen hatte. Der Hafer stand nicht schlecht. Streifenweise hatte ihn freilich die Zwergcikade arg mitgenommen. Die Kartoffel stand iippig, die Knollen ivaren zahlreich und gut einwickelt. Wenn der September sie nicht verdarb, mußte es eine gute Kartoffelernte gebe». Ter Büttnerbaner hatte angefangen, sein Korn zu schneiden. In diesem Jahre bildete Roggen seine Hauptfrncht. Ein Schlag, wo er besonders dick ge- säet hatte, war ihm gänzlich durch Lager verdorben; an anderen Stellen, wo das Getreide weniger dicht gestanden, hatte es der Wind zum Theil wieder aufgerichtet. Es war eine große Sache darum, wenn der erste Sensenhieb ins Korn gethan wurde. Schon mehr- fach in den letzten Tagen hatte der Büttnerbauer die Felder umgangen oder war auch in der Wasser- furche ein Stück hineingeschritten, um die Aehren auf ihre Reife hin zu prüfen. Farbe des Strohes und Löslichkeit der Körner wollte ihm noch immer nicht gefallen. Endlich, eines Abends, gab der Alte die Losung: morgen beginnt die Kornerute! Karl dengelte die Sensen bis in die sinkende Nacht hinein. Am nächsten Morgen bei Tages- graucu ging es hinaus. Das große Stück dicht am Hofe, welches seiner geschützten Lage wegen zuerst gereift war, kam zuerst daran. In einer Reihe traten sie an, ohne besonderen Befehl. Ein Jedes kannte seinen Platz von früheren Jahren her. Der Vater au erster Stelle, hinter ihm zum Abraffen der Aehren Toni. Darauf Karl, dem seine Frau beigegeben war. Ernestine hatte die Strohseile zu drehen für die Garben. Die Bäuerin blieb ihres Leidens wegen zu Hause. Die Sensen sirrten. Bald lag eine ganze Ecke des Feldes in Schwaden. Als arbeite eine Maschine, so regelmäßig flog die Sense in der Hand des alten Bauern in weiten. Bogen. Ganz unten am Boden faßte sein kräftiger Hieb das Korn und legte es in breiten Schwaden hinter die Sense. Karl konnte es nicht besser als der Alte, trotz der dreißig Jahre, die er weniger auf dem Rücken hatte. Der Abstand zwischen den beiden Männern blieb der gleiche. Der Sohn trat dem Vater nicht auf die Absätze, wie es wohl sonst geschieht, wenn ein junger und kräftiger Schnitter einem alten folgt. Die Frauen hatten genug zu thun, die Aehren hinten den Sensen ab- zuraffen und auf Schwad zu legen. So hatte man bereits eine halbe Stunde ge- arbeitet und der alte Mann hatte noch nicht den Wink zu einer Ruhepause gegeben. Toni fing an, Zeichen von Müdigkeit an den Tag zu legen. Die Arbeit war dem Mädchen nie besonders von der Hand geflogen; in ihrem jetzigen Zustande wurde ihr jede Anstrengung doppelt schwer.„Tritt ack aus, Toni!" raunte ihr der Bruder zu,„ich wer's Ernestinel ruffen. Mach Du ack Strohseele." Toni hielt inne. Es war die höchste Zeit; sie war in Schweiß gebadet, blauroth im Gesicht. Karl winkte Ernestine heran, die an Stelle der Schwester ein- trat. Die Reihe hatte sich geschlossen, ohne daß der alte Bauer, der mit allem Sinnen und Denken bei der Arbeit war, etwas von dem Wechsel gemerkt hätte. Ernestine war eine rührige Arbeiterin. Man sah es den schlanken Gliedern der Sechzehnjährigen nicht an, was für Zähigkeit und ausdauernde Kraft darin steckte. Als der Büttnerbaner Halt machte im Hauen, weil seine Sense gegen einen Stein geschlagen und er die Scharte auswetzen mußte, bemerkte er, daß seine älteste Tochter nicht mehr in der Linie war. Sie saß im Hintergrunde und drehte an Eruesnnens Stelle Strohseile. Das Gesicht des Alten verfinsterte sich; er begriff sofort den Grund ihrer Entfernung — aber er sagte nichts. Tie Anderen benutzten die Gelegenheit, um sich zu verpusten, während der Vater die Sense schärfte. Dann gings von Neuem ans Werk. Noch war es nicht acht Uhr des Morgens und schon brannte die Sonne versengend auf die Schnitter hernieder. Die Bäuerin kam vom Gute her, sich mühsam mit einem Korbe schleppend. Sie brachte einen Krug dünnes Bier und Butterschnitten. Bald saß die Familie auf dem Feldraine, zum Frühstück vereinigt. Nicht immer in neuester Zeit bot die Biittnersche Familie einen so friedlichen Anblick. Oesters gab es jetzt Zwist und Streit. Mit Sammetpfötchen hatte der Bauer die Seinen niemals angefaßt. Er war stets Herr in seinen vier Pfählen gewesen und hatte von den Rechten des Familienoberhauptes, nach der Väter Sitte, Gebranch gemacht. Wenn seine Art auch rauh und schroff war, ein willkürlicher und grausamer Herrscher war er nie gewesen. Schlichte Gerechtigkeit hatte er walten lassen in Allem. Neuerdings war das anders geworden. Nie hätte er sichs früher beikommen lassen, seiner Ehehälfte aus ihrem Leiden einen Vorwurf zu machen, jetzt hielt er ihr gelegentlich ihre Gebrechlichkeit vor, wie eine Schuld. Er zeigte sich hart und ungerecht gegen die Kinder. Die Bäuerin hatte bereits einer Nachbarin geklagt, daß man ihr den Bauer aus- getauscht habe, daß am Ende gar ein Feind ihn be- sprochen haben müsse. Niit seinem Aeltesten konnte der Biillnerbauer garnicht mehr auskommen. Karl war langsam im Denken, wie im Zugreifen. Das war immer offen- kundig gewesen; aber der Alte schien es jetzt erst zu bemerken. Er fluchte und verschwor sich, die Wirth- schaft gehe rückwärts, und daran sei Karl mit seiner Faulheit schuld. Er drohte ihn zu enterben, wenn das nicht anders werde. Karl ließ dergleichen ziemlich ruhig über sich ergehen; Ehrgefühl und Stolz waren nicht gerade stark bei ihm entwickelt. Aber Therese nahm die Sache des Gatten um so eifriger auf, ver- focht sie mit der Leidenschaft des gekränkicn Weibes. Es gab Szenen, wie sie das Haus noch nie gesehen hatte. Eines Tages kam die Bäuerin bleich und an allen Gliedern zitternd, zu Karl aufs Feld hinaus- gehumpelt, er solle sogleich hereinkommen, der Bauer und Therese rauften iu der Familienstube. Auch dem Gange der Wirthschaft war anzu- merken, daß verhängnißvolle Wandlungen vor sich gegangen waren. Ein unstätes Wesen machte sich in Allein geltend. lieber Gebühr zeitig mußte aufgestanden werden, so daß die überangestrengten Menschen des Abends todt- müde waren und ohne Lust und Liebe am nächsten Tage sich zur Arbeit erhoben. Am unrechten Flecke wurde gespart. Der Bäuerin warf der Bauer Ver- schwendung vor, wenn sie reichlich und gut kochte; die Folge war, daß fortan mageres Essen auf den Tisch kam und daß sich die Seinen hinter seinem Rücken satt aßen. Auch dem Vieh wollte er vom Futter abknappsen. Tie Pferde, welche Hafer kaum mehr zu sehen bekamen, sollten noch doppelte Arbeit leisten. Er, der früher bekannt gewesen war als Heger und Pfleger seines Viehes, mußte es erleben, daß ihm, als er mit den abgetriebeneu Mähren durchs Dorf fuhr, das verfängliche Wort„Pferde- schinder!" nachgerufen wurde. Dabei gönnte er sich am wenigsten Ruhe von Allen, plagte und schand sich in gottserbärmlicher Weise. Hohläugig und ausgemergelt lief er einher, daß es ein Jammer war, anzusehen. Manchmal überfiel ihn, besonders bei der Mahlzeit, eine Schlaf- sucht, der er nachgeben nmßte, er mochte wollen oder nicht. In der Kirche, wo er früher stets zu den Auftnerksanlsten gehört hatte, schlief er jetzt schon im ersten Theile der Predigt ein. Des Nachts dagegen wachte er oft, erschreckte die Bäuerin durch Selbst- gespräche und wildes Aufschreien. Jemehr er seine Kräfte nachgeben fühlte, desto verzweifelter versteifte er sich darauf, seinen Willen durchzusetzen. Plötzlich überkam ihn eine Art von Zwangsvorstellung. Da warf er sich mit allen Arbeitskräften, die ihm zur Verfügung standen, auf die Urbarmachung einer Halde, die von einem ein- gegangenen Steinbruch zurückgeblieben war. Tie Seinigen hielten ihm vor, daß man ja genug Acker- land besitze und daß die Arbeit zur Zeit an anderen Stelleu brennend nothwendig sei. Aber mit solchen Einwänden durfte man ihm nicht kommen. Wuth- entbranut wies er jede Widerrede zurück. Eine ganze wichtige Woche im September wurde so auf das Wegräumen von Schutt und Sprengen von Steinen verschwendet, lind erreicht war damit nichts weiter, als daß ein Stück Land mehr da war, das un- brauchbar blieb für die Bestellung. Mit aller Welt gerieth der Büttnerbauer neuer- dings in Zwist. Ein einziges Wort konnte ihn der- artig aufbringen, daß er alle Besinnung verlor und den Streit vom Zaune brach. Eines Tages ritt Hauptmann Schroff über das Biittnersche Gut. Er traf den Bauern bei der Feldarbeit, hielt sei» Pferd an und redete den Alten in freundschaftlicher Weise an. Der Alte that, als habe er den Manu noch nie in seinem Leben gesehen, geschweige denn in vertraulicher Weise mit ihm verkehrt. Als der Haupt- mann sich nach der Lage des Bauern erkundigte, ihn dabei an das Gespräch erinnernd, das sie im Frühjahr gehabt, da brach gänzlich unerwartet und nnvermittelt aus dem Munde des Alten ein Schimpfen und Wettern los, Verwünschungen und Beschul- digungen gegen die Herrschaft, die ihm den Garaus machen wolle, so beleidigend und verletzend, daß der gräfliche Güterdirektor seinem Renner die Sporen gab, daß er von dem alten Jsegrimm wegkam. Mit Gemeinde und Behörde war der Büttner- bauer neuerdings ebenfalls zusammcngerathen, und auch nicht zu seinem Vorlheil. Der Dorsweg führte ein Stück entlang der Büttnerschen Grenze. Der Bauer hatte nahe am Wege eine Kiesgrube angelegt, aus der er seinen Bedarf an Sand zu Bauten und Wegebesseningen entnahm. Im Laufe der Zeit hatte sich durch Sandholen und Nachstürzen vom Rande das Loch vergrößert. Es drohte Gefahr, daß Fuß- gänger und Geschirre, namentlich bei Dunkelheit und Schneeverwehung, in die Grube stürzen und Schaden nehmen möchten. Die Gemeinde hatte daher das sehr begreifliche Verlangen an den Besitzer der Kies- grübe gestellt, er möge zwischen Weg und Grube ein Geländer errichte». Ter Büttnerbaucr kehrte sich überhaupt nicht an dieses Ansinnen, das er als einen Eingriff in sein gutes Recht auffaßte. Dar- auf Beschwerde von Seiten der Gemeinde beim Land- rath. Das Amt dekretirte, der Bauer habe das Geländer bis zu einem bestimmten Zeitpunkte her- zustellen. Der Bauer ließ den Zeitraum verstteichen, ohne einen Finger zu rühren. Hierauf Sttafver- fügung von Seiten der Behörde. Der Bauer schimpfte und tobte; aber hier half all sein Sperren nichts. Er hatte sich selbst ins Unrecht gesetzt. Das An- befohlene mußte schließlich ausgeführt werden und Strafe hatte er obendrein zu zahlen. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 71 So that er in Allem gerade das,>vas ihn am meisten schädigen mußte. Es mar, als ob der Teufel den alten Mann geblendet hätte. Die Bäuerin hatte nicht so gan; Unrecht mit ihrer Klage, daß ihr Bauer behert tvorden sein müsse. Es gab in der That ein Schreckgespenst, das dem Bauern im Rücken saß, ein Wehrwols, der ihn ritt, daß er halb wahnsinnig, nicht mehr wußte, wo ein und aus. Seit er dem Händler den Wechsel unterschrieben, hatte der Büttncrbauer keine ruhige Stunde mehr gehabt. Kaum war Harrassowitz zum Hause hinaus gewesen, hätte er ihn zurückrufen mögen, ihm sein Geld zurückzugeben. Dabei hegte er keinerlei bestimmten Verdacht gegen Harrassowiv. Er hatte den Händler nicht anders als freundlich und zuvorkommend kennen gelernt. Aber das Bewußtsein, daß es einen Menschen ans der Welt gab, von dem er abhängig war, der einen Zettel besaß, auf dem sein Name stand, und der durch diesen Fetzen Papier sein Schicksal in Händen hielt, das war der Alp, der auf dem Manne lastete, das war das unheimliche Gespenst, das des Tages plötzlich vor ihm auftauchte, ihn besaß, wo er ging und stand, nnd ihn des Nachts vom Lager auf- scheuchte. In der ersten Zeit, als der Verfallstermin noch in weitem Felde stand, hatte er sich der Hoffnung auf einen guten Ausgang nicht verschlossen. Wenn die Ernte gut ausfiel, wenn hohe Preise wurden! Er hatte doch in anderen Jahren manchmal aus dem Roggen allein an zweitausend Mark erzielt. Warum sollte denn das nicht auch in diesem Jahre eintreten, wo Korn seine Hanptfrucht war? Stroh konnte auch verkauft werden, und vielleicht auch einige Fuder Heu. Auf diese Weise konnte hübsches Geld zu- sammenkommen, allein aus der Winterung, lind die Sonimersrüchle behielt er dann zur Deckung des Winlerbedarses und zum späteren Verkauf. . So rechnete der Bauer im Frühjahre. Dann kam der erste Rückschlag durch die verregnete Heu- ernte. Mit dem Heiwerkaus war's also nichts; man mußte ja das Wenige, was man gerettet hatte vordem Verderben, aufheben für den Winter. Die Korn- ernte war inzwischen beendet. Der Büttnerbaucr hatte eine Menge Puppen setzen können; sein Feld hatte voll ausgesehen. Das Getreide war ttockcn in die Scheune gekommen. Der Bauer besaß eine kleine Dreschmaschine und einen Göpel auf seinem Hofe. Das meiste ließ er fteilich im Winter mit dem Handflegel ausdreschen, nach alter Sitte; das Stroh blieb beinr Handdrusch besser, und dann liebte er auch nicht die Neuerungen. Maschine blieb Maschine, wenn es auch nur ein einfaches Göpelwerk war. In diesem Jahre aber ließ er gleich niehrere Tage hintereinander niit deni Göpel dreschen. Er mußte ja Korn haben zum schleunigen Verlans. Der alte Bauer stand ani Siebe, während Karl die Garben hineinschob und Therese draußen das Pferd antrieb. Der Bauer nahm selbst das Getreide ab und inaß es nach. Seine Miene wurde düsterer und düsterer,„'s schüttet ne,'s will ne schütten!" erklang sein ver- zweifelter Ruf. Was nutzte ihm das viele Stroh, wenn der Körnerertrag so gering warl Und dabei hatte er das Hauptkorn in diesem Jahre auf vor- jährigem Kartoffcllande gebaut, das noch reich an Dünger gewesen. Er hatte es an Sorge und Fleiß nicht fehlen lassen, und trotzdem kein Erfolg! Es waren die kalten Tage und Nächte im Anfange deS Soinmers gewesen, die den Landwirth um den Er- trag seiner Mühen betrogen hatten.— Schließlich lag das gcsammte Ergebniß der Korn- ernte in einem stattlichen Körnerhaufen, durchgesiebt und dnrchgcworfen, von Spreu und Unkrautsamen sorgfältig befreit, auf dem Schüttboden. „Wenn's nu ack an Preis hätte!" sagte der BUttnerbauer und schickte den Sohn in den Kret- schäm. Karl sollte dort ein Glas Bier trinken und bei der Gelegenheit im Krcisblatte nachsehen, was der Roggen jetzt gelte. Karl kam mit der Nachricht zurück, daß Roggen pro erste Septemberwoche neunzig stehe. Kaschelernst habe gemeint, der Preis werde in nächster Zeit noch viel tiefer sinken an der Börse,„von wegen dcr ansländische» Einfuhr," so berichtete Karl wörtlich, ohne zu verstehen, was das eigentlich heiße.„Wer klug handeln wolle, der hielte sein Korn bis zum Frühjahr, da werde es schon Preis bekommen," habe Kaschelernst gesagt. Der Büttnerbauer konnte sich schon denke», mit welch treuherziger Nlienc sein Schwager das gesagt haben mochte.„Halten bis zum Frühjahr!" Der Schnft! Als ob der nicht ganz genau wisse, daß der Bauer verkaufen mußte unter allen Umständen und zu jedem Preise. Und derselbe Mann, der ihm hier so freundlichen Rath ertheilen ließ, war es, der ihm die letzte Hypothek Knall und Fall gekündigt hatte. Ter alte Bauer griff sich an den Hals und schluckte, als säße da etwas, was nicht hinunter wollte. Der Büttncrbauer machte sich darauf ans Rechnen. Das war stets als eine geheimnißvolle Sache von ihm behandelt worden. Eine eigentliche Buchführung kannte er nicht. Das Wichtigste behielt er im Ge- dächtniß. Er wußrc Ausgaben und Einnahmen, die er gemacht, von vielen Jahren her auf Heller und Pfennig anzugeben. Aber obgleich er für gewöhn- lich nichts buchte, so machte er von Zeit zu Zeit doch einmal einen Abschluß. Dann gab es ein höchst umständliches Rechnen mit Kreide auf einer Tisch- platte oder einer Thür. Die Sache nahm Stunden in Anspruch. Lauge Zahlenreihen wurden auf- geschrieben, alle vier Spezies bemüht. Den eigcnt- lichen Sinn aber dieser ganzen Rechnerei verstand nur der Büttnerbauer allein. Es war ein Vorgang, der auch äußerlich wie ein Geheimniß behandelt wurde, denn er duldete nicht, daß Jemand während der Zeit sich im Zimmer aufhielt. Die Seinen lvußten das. Wenn es hieß:„Der Vater rechnet!" hielt man sich wohlweislich fern, denn dann war nicht gut Kirschen essen mit dem Alten. Auch diesmal hatte er eine verzwickte Rechnung angestellt. Das Ergebniß war ein sehr einfaches und in seiner Einfachheit bestürzendes: Achthundert Mark! Auf inehr kam er nicht. Das war nicht annähernd genug zur Deckung des Wechsels und zur Bezahlung der Michaelis-Zinscn. Ter alte Plann ballte die Faust. Er wußte selbst nicht gegen wen. Wer war es denn, der die Schuld daran trug, daß ihm nicht der Lohn seiner Arbeit wurde? Sollte er den lieben Gott dafür verantwortlich machen, oder sollte er die Menschen bei deni lieben Gott verklagen? Wer war der Feind, wo die Macht, die ihn um das Seine gebracht hatte? Der Bauer drohte in die leere Luft hinaus. Das war nicht zu fassen, für seinen Arm nicht zu erreichen: die Mächte, die Einrichtungen, die Menschen, welche Schuld hatten, daß sein Schweiß umsonst geflossen war. Irgendwo da draußen, unfaßlich für seinen ungelehrten Verstand, gab es ungeschriebene Gesetze, die mit eherner Nothwendigkcit auf ihm und seinesgleichen lasteten, ihn in unsichtbaren Ketten hielten, unter deren Druck er sich wand und zu Tode quälte. Das Exempel stimmte mit fürchterlicher Genauig- keit. Wenn er den Wechsel bezahlte, langte es nicht zu den Zinsen; bezahlte er die Zinsen, langte es nicht zum Wechsel. Die einzige Hoffnung blieb jetzt, daß Harrassowitz Stundung gewährte. Noch che der Verfalltag eintrat, fuhr der Büttner- bauer in die Stadt, er wollte mit dem Händler sprechen. Als der Bauer das Produktengcschäft von Samuel Harrassowiv betrat, wurde ihm gesagt, der Chef sei noch nicht im Comptoir. Er ging daher fort und kam nach Verlauf von einigen Stunden wieder. Tiesmal wurde ihm mitgetheilt, Herr Harrassowitz sei zu sehr beschäftigt, um ihn anzunehmen. Der Büttnerbauer ließ sich nicht so leicht abweisen dies- mal. Es sei etwas sehr Wichtiges,„ane grüße Sache", wie er sich ausdrückte, wegen der er mit Herrn Harrassowitz zu sprechen habe. Der Comptoirist, mit dem er bis dahin verhandelt hatte, rief einen anderen herbei, den er„Herr Schmeiß" nannte. Der junge Schmeiß schien bereits eingeweiht in die Angelegenheit, denn er fragte den Bauern, sowie er dessen Namen gehört, ob er etwa wegen Stundung seines Akzepts komme. Ter alte Manu be- jahte, envas verwundert über die hochfahrende Art dieses Jünglings. Alan solle doch ein paar Atonale Geduld haben, bat er, bis er seinen Hafer rein habe und sein Korn vortheilhaft verkauft haben werde. „Harrassowitz wird sich schwer hüten," meinte Schmeiß darauf.„Nicht wahr: damit Sie inzwischen Zeit gewinnen, die einzigen pfändbaren Objekte zu Geld zu machen, daß er dann das Nachsehen hat. Wir kennen das! Stundung giebts nicht. Wenn Sie nicht rechtzeitig zahlen, müssen Sie die Kon- sequenzen auf sich nehmen, mein Lieber!" Mit diesem Bescheide ließ er den verdutzten Alten stehen. Der Büttnerbauer blieb de» ganzen Rest des Tages in der Stadt. Er hoffte Harrassowitz noch persönlich zu treffen. Er konnte nicht glauben, daß diese Antwort von dem Händler ausgehe, auf dessen gutes Herz er baute. Aber Sam blieb heute un- sichtbar für ihn. Dann kam er auf den Gedanken, zu dem Bankier zu gehen, der ihm neulich das Geld für die Hypo- thek gegeben hatte. Aber auch Herr Isidor Schön- berger ließ bedauern, ihn nicht annehmen zu können. Unvcrrichteter Sache, schwerer denn je mit Sorgen belastet, fuhr der Büttnerbauer am Abend nach Halbenau zurück.(Ao«sevu»g soigi.) Der JünKholz-Haro». Eine Münchener Silhouette. Von Ernst Krcowski. �S�iindhölzchen! Kauft Zündhölzchen!"—„Ach, der Herr Baron!" riefen einige Stamm- tischler im Pschorrbräu. „Baron?" Verdächtige Benamsung. Jedenfalls ein Spitz name. Oder so was Aehnliches. Der Angeredete ttat aus dem Schatten heraus zum Tische. Nun konnte man ihm ja voll ins Gesicht sehen. Ein langer, dürrer Kerl mit noch dünneren, hoch aufgeschossenen Säbelbeinen. Der abgeschabte Kittel, das sah man auf den ersten Blick, hatte„Pariser Schnitt" und wurde von abgewetzten Tuchknöpfen in den ausgcfranztcn Knopflöchern über der Brust zusammengehalten. Von einer Weste darunter oder gar von einem Hemde schien keine Spur zu sein; denn der nackte Hals mit dem vorne beim Sprechen auf- und abglucksenden Kehlkopf, vul�» „Saufknoten", war von dem aufgeschlagenen schmic- rigcn Rockkragen bedeckt. Besondere„aristokratische" Gesichtszüge mochte man schwerlich entdecken, aus- genommen etwa die spitze, vorne geröthete Hakennase und der martialische Schnauzbart darunter. Ueber das Alter des„Barons" hätte inan seinem reduzirten Aussehen nach kaum anderer Meinung sein können, als daß man einen starken Fünfziger vor sich sehe. Dem war aber nicht so. Dieser Mann steckrc erst in den Dreißigern. Nur das schüttere, ergrauende Haar, welches um eine blanke Schädelglatzc flatterte, die tief aus den Gesichtshöhlen unheimlich hervor- flackernden Augen mit den verqnollcnen, röthlich- blanen Augendeckeln nnd triefenden Thränensäcken davor, überhaupt die Verlebtheit, Abgegriffenheit des ganzen Menschen gab ihm ein älteres Aussehen. Man sah es deutlich: Der„Baron" war ein „Boheme", eine jener modernen Gestalten, die ihr Leben aufs Nichts gestellt, die heute verthun, was sie morgen noch nicht haben, die, Abschaum und Geißel der sogenannten„Gesellschaft" zugleich, ohne Grundsätze, ohne Zweck und Ziel dahin vegetircn im Qualm der Schänken, kurz, den Stempel voll- ständigster Verlotterung und Verrottung aller phy- fischen und geistigen Kräfte offen auf der Stirn tragen. Daß fteilich eigenes Verschulden und zügelloser Leichtsinn sehr oft die traurige Ursache dieses Lebens sind, ist ja wahr. Aber in den meisten Fällen war es Roth- Verkettung, Vereitlung aller Hoffnung, jedweden ernsten Me Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Strebens, fortgesetztes Scheitern aller Existenz- bcdingungen, getäuschte Freundschaft, betrogene Liebe, unheilbares Siechthum an Leib und Seele... Das legt sich wie Mehlthau lähmend ans den Organismus, das bringt die Oede, das ertödtet die Energie. Und dann kommt die Verzweiflung an Allem, an sich selbst: dann kommt die Resignation, die Gleichgültigkeit. Man empfindet das Dasein als furchtbare Last— und hat doch nicht den Muth, ihm durch resolutes Zusammenraffen aller Kräfte eine bessere Wendung zu geben, oder aber durch frei- willigen Tod ein plötzliches Ende zu machen... In diese trostlose Oede springen dann am Ende die Panther der Begierden, die lauernden Dämonen des Lasters, der Leidenschaften— da ist kein Halt mehr. Da frommt kein Gewissensmahner, kein Vor- satz, kein Wille zur Selbstbefreiung. Man der- sumpft, man versinkt im schwellenden Brodein des thierischen Lebens— und die Gefängniffzelle, wenns gut geht, das Armenasyl oder gar die Jrrenstation winkt als letzte Etappe der Erlösung... Der„Baron" war keiner von diesen Unglück- lichen, Beklagenswerthen. Und als er nun, aufgefordert von jenen fröh- lichen Zechkumpanen aus der Studentenschaft, Platz nehmen durfte am Tische, war er plötzlich ein Anderer. Mit peinlichster Grandezza verneigte er sich, faltete seinen schmierigen Filz zusammen, um ihn zwischen die spitzen Kniee zu klemmen, strich mit den langen, seinen Fingern den Schnauzbart zurecht, zupfte den Rockkragen ordentlich in die Höhe und griff zum dargereichten Bierkruge. „Mit Erlaubniß, meine Herren, Prost—• ex..." Als er den Leeren abgesetzt hatte, blickte er siegs- bewußt kollegial nach allen Seiten... Jeder Zoll „Baron"! Und dann stimmte er mit krächzender Kehle das Goethesche„Lrxo bibarnus" an. Alle lachten nnbändig. Unser„Baron" zwickerte und kniff mit dem rechten Auge, so als trüge er darüber ein Fenster- glas, recte rnonocle, wie ehemals und verzog die Mundwinkel zu einem sehr distinguirten baronlichen Lächeln. „Ja, meine lieben Colenrbriider..." Neues Lachen und„Oho". „Rmlon, meine Herren! Aber man fühlt sich doch nun einmal unter dem Illebs misera eontribueus nicht heimisch. Man kann, Sie wissen das sehr ivohl zu würdigen, seinen Stammbaum nicht ver- leugnen. Geburtsadel— Kanaille bleibt doch Kanaille, meine Herren! Präsentirt mir irgend so'n lumpiger Plebejer ein Gläschen oder'ne Zigarre, nun da bin ich gerade kein Unmensch und akzeptire. Aber mit welch' kannibalischem Widerwillen! Mit welch' pyra- midaler Verachtung! Man hat nun einmal blaues Blut in den Adern, meine Herren! Und das Ge- schlecht Derer„von Röcknitz", das mir— unser „Baron" warf sich dabei mit der gespreizten Rechten stolz in die Brust— anzugehören die Ehre hat, war niemals meiner unwürdig..." „Bravo! Bravissimo! Der„Baron" hat Recht!" scholl es von allen Seiten. Und mancher der fidelen Conleurbriider hielt sich sein feistes Bierbäuchlein vor Vergnügen, als der Herr„Baron" etwas indignirt aufstand und sich einpfehlen wollte. „Hollah, Barönchen, noch ein Schächtelchen Wachszündhölzer!" Der Angerufene griff instinktiv in seine Rock- taschen und überreichte die Gewünschten nach ver- schiedenen Seiten— gegen gnädigste Empfangnahme von einem Silberzwanziger natürlich, ivorauf er stolz hinausschritt.... „Scheint ein närrischer Kauz zu sein, dieser Baron," ließ sich jetzt ein junges Fiichslein ver- nehmen. „Total verbummeltes Genie!" schnarrte mit sonorer Baßstimme ein bemoostes Haupt.„Uebrigens, den kenn' ich schon manch' Semester. Und seine Lebensgeschichte kenn ich auch. Hat mehr wie sechzehn Semester Universitäten gebummelt. Kolleg natürlich immer geschwänzt. Fabelhaftes Rindvieh, das. Aber überall bekannt wie'n Pudel. Sekt und Rothspon floß in Strömen. Weiber, Pferde, Kommerse, Diners kosteten immenses Geld. Na, war ja der einzige Junge— und sein Alter hatt' es reichlich. Schließ- lich that der ihm noch den Gefallen, ins Grab zu beißen. Kolossale Erbschaft! Nun fing erst recht das Leben an. Erbgüter wurden pkn ä peu versilbert. Berlin oder München heute, Monte Earlo oder Ostende morgen. Hazardspiele, Weiber, Pferde- sport. Und dann hatte der Kerl fabelhafte Passionen. Ließ sich nie von deutschen Schneidern seine Anzüge bauen.„Kanaillen" das! Aber Pariser Mode, ja das wäre ganz was Exquisites, Vornehmes! Fuhr immer extra nach Paris, sich neue Kleider anmessen zu lassen. Dito Anprobe in Paris. Na, Pariser Pflaster kostet schwer Geld. Und dann in Deutsch- land zahlreiche Freunde, die auf des Barons Un- kosten lebten, sybaritische Schlemmerfeste, mit Weiber- Dekoration natürlich, Vier-lang-fahrcu— anders that ers nicht. Na und eines Tags war die ganze Herrlichkeit zum Teufel— unser Baron saß auf dem Pflaster.... Aber nicht lange, hatt' Euch der Kerl den Ein- fall,'nem armen Teufel ein Loos der preußischen Klassenlotterie abzukaufen. Und, denkt Euch, ge- winnt er den Haupttreffer! Daß nun der Tanz von vorne anging, ist selbstverständlich. Und das Geld rasch an den Mann zu bringen, dazu besaß der Mensch eine pyramidale Virtuosität— bald saß er wieder auf.... Es mag nun unglaublich erscheinen, aber der Lotterietcufel warf ihm zum zweiten Male einen Haupttreffer in den Schooß.... Nun war der Mann verloren. Dies Glück machte ihn blind und taub gegen alle Vernunft. Er vermaß sich darauf, wie der Graf in Uhlands„Glück von Edenhall"— da kam's nicht mehr wieder. Von Allen, die mit ihm gepraßt hatten, verlassen, sank er von Stufe zu Stufe— und für den adeligen Namen Derer„von Röcknitz" giebt kein Versatzamt einen rothen Heller!— Canis a non canendo*... Prost!"— ** * Seit Jahren ist der„Zündholzbaron" eine lächer- liche Figur unter der Studentenschaft. Man uzt und äfft ihn, man treibt allerhand Muthwillen und Schabernack mit ihm. Vollends in der Karnevalszeit! Da muß er den Bajazzo machen. Ach, das wär ja so lustig— wenns nicht doch gar so traurig wäre! Aber unser„Baron" empfindet nicht mehr die Tragik, welche mit ihm Komödie treibt. Ja, er bildet sich noch was darauf ein: er ist stolz aus das Epitheton„Zündholzbaron", welches ihm einst ein bekneipter Bruder Studio in paniphletistischer Absicht an den Rockschooß geheftet und das nun an seinem Namen hängen blieb... Er mußte doch irgend einen Erwerb treiben— der lieben Polizei wegen. Also handelte er mit Zündhölzchen. Nicht, daß er dabei eine jämmerliche Existenz fände. Aber dies traurige Scheingewerbe hielt ihni doch alle Polizei- liche Belästigung vom Nacken. Und dann hatte es ihn doch in studentische Kreise geführt, wo er nun seit Gedenken als Pilz ans ihren Bier- und Speisen- resten wucherte, und wo er heimisch geworden war — aus Tradition und studentischem llebermuthe... Was liegt auch dem an voller Tafel prunkenden Leben daran, wenn sich ein Auswürfling an den Tropfen und Schaumblasen erlabe, die es vom gährenden Kelche achtlos übermiithig verspritzt! Was fragt überhaupt das Leben nach Leben? Was fragt der blühende Weizen nach dem lln- kraut, das an ihm herumschmarotzt? Was kümmert eS Mutter Natur, wenn eins ihrer Individuen zur sachlichen Nummer, die nicht mehr zählt, heruntersinkt? Und die Erde ist barmherzig: sie liebt den Edlen, den Höhenmenschen, wie den Unhold und lieber- zähligen mit gleicher Liebe. Ach, und sie zahlt mit gleichem Maße: Was uns vom Leben iibrig bleibt nach dem Tode, das bettet sie sorglich in ihrem weichen, kühlen Mutterschooße, das giebt sie einst als Staub- und Aschenhänfchen zurück, welches vielleicht als schillerndes Sonnenstäubchen vor dem lachenden Auge unserer Enkel auf- und niederschwebt und um deren Freudenbecher als stummer Mahner kreist---- j-. 9__ 0�. Aus öem Iapierkorb öer Heit. 6--------- g Zu unseren Bilder«.„Hol' über!" tönt es laut und vernehmlich von den Lippen der jungen, kräftigen Baucrndirne, die gewiß schon eine geraume Zeit nach dem braun gebrannten Burschen im breiten Stechkahn ausgeschaut und gerufen hat. Aber jetzt hat er sie auch verstanden, und das frohe Schwenken der Mütze scheint zu sagen, daß er sie doppelt so schnell und sicher zum anderen Ufer bringen wird. Freilich, ob die Ucbcrfahrt für sie darum auch so billig werden wird, tvic für jeden xbeliebigen Dritten? Ihren Slickcl wird er ihr zwar gewiß gerne schenken, aber— aber es giebt auch noch anderen Fähren- zoll, den solch ein junger Schifferknecht erheben könnte und der ihm viel werthvoller dünkt, als der schnöde Mammon. Wird sie ihm den alsdmm verweigern, jetzt, da Alles ringsumher nach neuem Licht und Leben drängt, da der Frühling wieder über die Berge gesttegen ist und auch die Menschcnbrust aufs Neue ein unbestimmtes Sehnen nach Sonnenglanz und Glück und Liebe schwellt? Ach! und wie bald, wie bald ist Jugendkraft und Jugendzeit entschwunden; wie schnell hat alles neue LenzeStteiben im Sommer sich ausgereift und ausgeblüht, und, ehe wir's vermuthen, rauscht, wie auf unserem anderen Bilde, aus den entlaubten Zweigen uns der Herbst entgegen. Sei er uns darum eine Mahnung, nicht den hübschen Kehrreim des bekannten altvaterischen Volksliedes zu vergessen, der da lautet: Freut Euch des Lebens, Weil noch das Lämpchen glüht, Pflücket die Rose, Eh' sie verblüht. Schnitzel. Im Stadtrath zu Glasgow sprach sich das älteste Mtglied gegen Gründung von Volksbibliotheken aus. Er meinte, er habe nur einen Menschen in seinem ganzen Leben kennen gelernt, dem eine solche Bibliothek genützt habe. Dieser habe dort einzig Das gelernt, wie man Schnaps destilliren könne, ohne Steuer zu zahlen. Alles Gute wird mir im Kampfe errungen, und nur das erkäinpfte Gute ist ein Gut. Ein Mensch, der viele Schulden machte, sagte, es gäbe vielerlei Liebhabereien: der Eine sammle Münze», der Andere Schmetterlinge u. s. f., er lege sich eine Samm- lung von Kontos(Rechnungen) an. Ich möchte was darum geben, genau zu wissen, für wen eigentlich die Thaten gethan worden sind, von denen man öffentlich sagt, sie wären für das Vaterland gethai. worden. Ich kann fteilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll. Das Sprachrohr und der Mnnd. Man würde dich gewiß nicht auf ftinfhundert Schritte hören, sagte das Sprachrohr zum Munde, wenn ich nicht den Schall zusammenhielte.— Und dich würde man nirgends hören, versetzte der Mund, wenn ich nicht spräche. Wiedergeburt. Wo immer Verwesung ein Saatkorn düngt, Die Welt sich wieder neu verjüngt. Gefährliches Spiel. Jene, die des Fortschritts spotten, Gleichen den Motten. Sie glauben zu spielen niit dem Licht, Daß die Flamme mit ihnen spieft, ahnen sie nicht. Einst und jetzt. Seit man die Frommen im Lande schätzt, Ist Mancher zum Beten erbötig: Einst hat der Glaube Berge versetzt— Jetzt— hat er's nicht mehr nöthig I st. T. Nachdruck des Inhalts verboten! * Hund wird„canis" genannt, weil er— nicht singt(non canit). Alle für die Redaktion der„Neuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Berlin, 8W 19, Benthstraße 2, zu richten. Berantworll. Redakteur: Edgar Steiger, Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdructerei u. Verlagsanstall Auer&(So., Hamburg.— Intel: Mar Babing, Berlin.