Nr. 10 3>I(xtJlrir{c H CtiI crhat(imgc-bcrla�c. 1898 W e st r o � Von Otto Julius Bierbaum. � ' CNIA) Auf einem Tanze war ich diese Nacht; od. M* Die Röcke flogen, und die Luft war Heist, Die Brüste wogten, und es flackerten Die Augen wie das Feuer im Kamin» Wenn durch den Schornstein niederfährt der Wind. „O Du, o Du, Dich ivill ich! Tanz mit mir! Horch wie der Walzer weht!! Wie Südwind weht!! Horch, was die Geige Heists Worte fingt! Wie Flammen fliegen ihre Töne hell, So Heist, so Heist! O, wie der Walzer brennt! Komm! In die Flammen tanzen wir hinein!" Da schwieg die Geige. Vom Orchester flel, So wie ein Stein in sumpfig Wasser fallt» Dast träge Ringe wellenflach zergehn, Fiel dumpf ein Ton, wie eine Wolke grau, Ein Ton, wir wustten nicht, von wem er kam, Breit, langsam, schwer in unser Tanzgeivtthl. Das gelbe Gaslicht löschte zitternd aus. Eilt nasser Eisivind fegte durch den Saal. Wir blickten auf: In Phosphorlichte stand Der nackte Tod am Dirigentenpult. Er stand verschränkten Arms und lächelte. Dann brach behutsam eine Rippe er Aus feinem Brustkorb, klopfte leise auf And dirigirte, hingegeben ganz Den Tönen, die nur er Vernahin, entzückt. In seinen Hüftenknochen wiegt' er sich And nahm das Tempo langsam bald» bald schnell, Rief bald die unsichtbaren Bläser all, Bald winkte er den Geigern. Hob und senkte sich Auf seinen Knochenbeinen, zierlich, ganz Musik. Wir Alle standen aufgewandten Kopfs, Vor Schrecken starr, und sahn nur ihn, nur ihn. Denn um uns her war aller Nächte Schwarz. Dann aber fuhr in uns des Walzers Geist, Des unhörbaren, und wir wirbelten Im Tanze durch den kalten finstern Saal Und wiegten uns und drehten uns verzückt, Und drückten Brust an Brust uns, flüsterten Von Sehnsucht und von Liebe, lächelten Und kttstten uns im Tanz. Maestro Tod. Im Phosphorlicht am Dirigentenpwlt, Schwang seine Rippe. Toillos tanzten wir. Es war ein Tanz so schön, wie nie vordem Wir einen noch getanzt. Wir kosteten Die Seligkeit des Blattes, das vom Baum In schwanken Kreisen herbstlich niederweht. 74 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Im 3ixn|chcn£)cch. Memoiren eines Auswanderers. Von Johannes Gaulle. tFortsetzung) JJ Der Iivcilt?ag. Sic Iisischeudecksgesellslhast. m meinem arg zugerichteten Schädel einige li Linderung angedeihen zu lassen, begab ich Nlich in den Waschraum. Dieses Reinigungs- institut entspricht durchaus den anderen Eigenthiim- lichkeitcn des Schiffes, und es soll daher nicht nn- erwähnt bleiben. Es ist ein niedriger Raum, dessen kahle Wände durch eine Reihe von Wasserhähnen unterbrochen werden; von weiteren komfortablen Ein- richtungen hat man abgesehen. Seife und Hand- tücher werden als ein überflüssiger Luxusartikel von der Schiffsverwaltmig betrachtet. Obgleich nur ein Theil der Zwischendcckgesellschaft von dieser kulturellen Einrichtung Gebrauch macht— die„Schlowaken" verhalten sich meistens durchaus ablehnend gegen jede Berührung mit dem Wasser— ist der Raum Morgens stets überfüllt. Man vergegenwärtige sich nun dies Bild: balbentklcidete Menschen, schlaftrunken, auf einem schlüpfrigen Fußboden mehr balancircnd als gehend, dann, ein kräftiger Ruck und die ganze Ge- sellschaft liegt auf der Seite, allgemeines Fluchen, die Kleider sind mit Schmutz und Wasser bespritzt— wer nicht eine Lanimesgeduld hat, geht schmutziger, als er eingetreten ist, heraus. Um sieben Uhr gab man den Zwischendeckern zu verstehen, daß der 5caffee zum Abholen bereit wäre, ein Getränk von jener undefinirbaren grauen Farbe, die wohl die helle Freude jedes ultra-impressionisrischen Malers erregen würde, aber wenig appetitreizend auf unser Geschmacksorgan wirkt. Man sagt, daß diese Farbe durch einen charaktervollen Zusatz von Milch und Zucker entstanden wäre. Zu diesem Ge- tränk wurde ein schlvammiges Schiffgebäck, Semmel genannt, verabfolgt. Ueber den Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten, darum griff ich wacker zu — meine knurrenden Magenwände forderten auch energisch dieses Beschwichtigungsmittel— und stürzte mit nicht geringer Todesverachtung selbst den so- genannten Kaffee hinunter. Ueberhaupt gab ich mir redlich Mühe, mich in meine Situation hineinzuleben, und begann damit, die nähere Bekanntschaft meiner Reisekomplicen zu machen— eine zusammengewürfelte „gemischte" Gesellschaft! Nächst den„Schlowaken", deren Nationalität sich selten mit Sicherheit feststellen läßt, waren die Deutschen im Zwischendeck am stärk- sten vertreten, daher sind Anknüpfungspunkte bald gesunde». Außerdem wird im Zwischendeck der Ver- kehr durch die dort bevorzugte volksthiimliche Diktion sehr erleichtert, irgend ein konventioneller Zwang ist verpönt, Standes- und Rassenunterschiede sind mibe- kannte Größen, chauvinistische Regungen Allen gleich verhaßt, in der Anrede bedient man sich stets des vertraulichen„Du"— wehe, wer es wagen würde, diese durch die Tradition geweihten Gebräuche zu ignoriren! Es steckt noch ein ähnliches Stück Poesie im Auswanderungswesm, wie seinerzeit in der Hand- Werksburschenzunft. Trotz aller jener oft unheim- lichen Gestalten des Zwischendecks, denen nian auf offener Landstraße lieber aus dem Wege gehen würde, gewinnt man für die Gesammtheit bald die wärmsten Sympathien. Sind es die gemeinsamen Leiden und Entbehrungen, die ähnlichen Erfahrungen und Eni- täuschnngen und schließlich das letzte, heißersehnte Ziel: Amerika, das zusammen dies Solidaritäts- bewnßtsein schafft? Wahrscheinlich. Dazu gesellt sich noch das instinktive Gefühl der Abhängigkeit von den Elementen, das die Menschen enger zusammen- führt: ein einziger Sturm vermag das stolzeste Schiff in ein elendes Wrack zu verwandeln und den Passa- gieren ohne Unterschied des Ranges und der Herkunft ein einziges weites, nasses Grab zu bereiten!— Mancher der Zwischendecker war mir schon Tage zuvor theils durch seine abenteuerliche Haltung, theils durch andere Absonderlichkeiten aufgefallen. Da wan- derte ein baumlanger Kerl, dessen Haupt ein breiter Eowboyhut zierte, mit der Würde eines Granden umher; im Allgemeinen schien er nicht das Bedürfniß zu enipfinden, sich mit seinen Gefährten näher ein- zulassen, liebte es aber dann und wann, einen der Zwischendecker mit einigen wohlwollenden Worten auszuzeichnen. Er war der Erste, mit dem ich mich befreundete. Wie ich mit ihm bekannt wurde, weiß ich eigentlich nicht— waren wir vielleicht im Zwischen- deck übereinander gestolpert oder hatten wir uns im Waschraum gelegentlich einige Rippenstöße versetzt! — kurz und gut, den Vormittag des zweiten Tages verbrachten wir schon im eifrigsten Gespräch. Er erzählte mir von seinen Reiseabenteuern, den ganzen anierikanischeu Kontinent hatte er abgestromert bis hinab nach Mexiko und Westindien, in allen mög- lichen Metiers hatte er sich versucht, abwechselnd war er Eowboy, Farmer, Seemann und Soldat gewesen, dann hatte es ihn nach der Heimath gezogen, aber das geregelte Leben behagte ihm nicht mehr, und daher wollte er wieder hinaus in die Welt des fernen Westens. Auf dem„P. Ealland" war er kein Fremdling, die Ueberfahrt hatte er vor einem Viertel- jähr auf diesem Schiffe gemacht, und da er sich seiner- zeit mit dem Küchenchef befreundet hatte, so zog es ihn mit unwiderstehlicher Gewalt aus sehr nahe- liegenden Gründen dahin zurück. Wie ich später er- fahren sollte, war mein neu erworbener Freund ein höchst sonderbarer Menschentypus, der in sich chevale- reske Allüren und plebejische Sitten und Gebräuche, Herzensgllte und Rohheit, Intelligenz und Bornirt- heit einheitlich vereinigte, ein Charakter, wie er sich nur unter ganz absonderlichen Lebensverhältnissen entwickeln kann. Nächst ihm erregte meine besondere Aufmerksam- keit ein junges Bürschchen, kaum dem Knabenalter entwachsen, das sich in der Abtheilung der„Kerls" angesiedelt hatte, aber, wie einige Insassen behaup- teten, nicht dahin gehöre, da er deutsch nur gebrochen spreche; Einer wollte sogar gehört haben, daß er in der„Schlowakensprache" gesprochen hätte. Von Vielen wurde er daher nur mit scheelen Augen be- trachtet— später sollte sich auch ein Zwischenfall ereignen, der diese Beobachtung in ihrer ganzen Trag- weite beslättgte. Mit ihm wurde ich auf ähnlichem Wege, wie mit dem Cowboy bekannt, d. h. ich weiß es nicht. Er war von Geburt ein Russe, hatte ein Jahr in London gelebt und wollte nun sein Glück in Amerika versuchen; er machte den Eindruck eines hochintelligenten Menschen, sprach niehrere Sprachen fließend— so auch die englische, in der wir uns unter- hielten— und zeigte sich auch auf anderen Gebieten äußerst bewandert. Anfangs verhielt er sich mir gegenüber zurückhaltend, als ich aber ein näheres Interesse für ihn kund gab, thaute er plötzlich auf und erzählte mir, daß er einer bekannten Nihilisten- familie angehöre, deren meisten Mitglieder in Sibirien geendet hätten; auch seine Eltem waren dorthin ver- schickt; vom dreizehnten Jahre an sich selbst über- lassen, wollte er in der Welt Kenntnisse sammeln, um dann auch einst in den Dienst der„großen Sache" treten zu können. Ein selten friihreifer Mensch, in dessen Kopf sich die Welt wohl noch absonderlich malte, der wie die meisten intelligenten Russen von romantischen Vorstellungen beherrscht war, aber der für die Erscheinungen des Lebens einen offenen Blick hatte. Er hatte sich mit den revolutionären Be- wegungen der meisten Länder verttaut gemacht, hatte ziemlich eingehend den deutschen Sozialismus studirt, aber zugleich hat es ihm auch das Uebermenschen- thum Nitzsches angethan. Sein politisches Ideal war daher der ungeklärte Extrakt der heterogensten Welt- anschauungen, er schwärmte für eine individualistische Gesellschaft aus demokratischer Basis, deren Jnstitu- ttonen er bereits bis in alle Einzelheiten ausgear- beitet hatte. Derartige Anregungen wird Niemand im Zwischen- deck zu finden glauben, der nach einem oberflächlichen Eindruck die Massen beurtheilt, die hier wie die Heerden des Feldes zusammengepfercht leben.— Und welch eine gewaltige Tragödie vollzieht sich Jahr aus, Jahr ein in diesen Räumen, das Elend der ganzen Welt in allen seinen Erscheinungsformen giebt sich hier ein Rendezvous: gebrochene Existeiizeu, po- littsch Verfehmte, denen kein Bleiben in der alten Heimath ist, dazu die Menge der Geächteten, die, um sich dem Militärdienste zu entziehen, freiwillig den Staub des Vaterlandes von den Füßen schütteln; man findet hier Vertreter aller Gesellschaftsklassen, Stadt- und Landbewohner, den gesetzten Großstädter neben dem abgerackerten ostelbischen Bauern und jüdischen Handlungsjnden— sie Alle haben nichts mehr zu verlieren und umsomehr zu gewinnen. Schlechter als in der Heimath kann es ihnen auch „drüben" nicht gehen, so denkt ein Jeder, haben doch schon so Viele in der neuen Welt ihr Glück gemacht, fast ein Jeder hat drüben einen entfernten Verwandten oder Bekannten, der auch als armer Schlucker die Heimath verlassen hatte und dem in Amerika die Millionen nur so in den Schoos; ge- fallen sind. Warum sollten sie denn gerade die Stiefkinder des Glückes sein! In Erwartung der Dinge, die da kommen werden, geben sich die Meisten einer glücklichen Selbsttäuschung hin, die Stimmung ist trotz der physischen Leiden, die ihnen die See- krankheit und die schlechte Verpflegung auferlegt, im Zwischendeck stets eine gehobene. Ich habe selten mißvergnügte Gesichter gesehen, noch empfanden die Leute, wenn man von einigen wehmiithigen Bio- nienten absieht, die von den Dichtern aller Zungen besungene Sehnsucht nach der Heimath, das Heimweh. Unter diesen Betrachtungen näherte sich der Tag seinem Ende, die Abenddämmerung brach ein, von der Küste Englands flammten bereits die ersten Leuchtfeuer auf, gespensterhaft huschten dann und wann an uns Segelschiffe oder ein ferner Dampfer vorüber, sonst vernahm man nichts weiter als das monotone Geächze der Maschine und das Geplätschcr der Wellen, bisweilen nur erfuhr dies eine schrille Unterbrechung durch den grausigen Ton eines fernen Nebelhorns. Wir hatten Kap Lizard erreicht, der westlichste von einem Auswandererschiff wahrnehm- bare Punkt Europas, der letzte Scheidegruß der alten Welt. Immer unklarer werden die Niesen- fener am Kap, dann und wann noch ein kurzes Aufflackern und sie hatten sich unserem Gesichts- kreise entzogen. Der Dampfer hatte den offenen Ozean erreicht, die langgestreckten Wellen ließen uns keinen Augenblick darüber im Zweifel. Tie Passagiere waren fast vollzählig an Bord, so weit sie nicht schon durch die Seekrankheit aufs Lager geworfen waren. Vor der Majestät des gewaltigen Meeres verharrte man in ängstlichem Schweigen oder man sprach nur im Flüsterton. Der offene Ozean! Für die nächsten Wochen gänzlich von der Bienschenwelt getrennt, das Leben einem Kasten anvertraut, der wie eine Nuß- schale auf diesen unendlichen Wassermassen hin und her geschleudert wird, den Elemeuteu ans Gnade und Ungnade preisgegeben— das sind die Gedanken, die sich unserer bemächtigen, wenn wir in den offenen Ozean hinausstcuern— dem Westen zu. Noch einmal läßt nian die Vergangenheit an seinem geistigen Auge vorüberziehen, man gedenkt noch einmal der Heimath, wo Freud und Leid wie die Wogen des Meeres einen beständigen Kampf gekämpft haben. Nun ist Alles vorüber. Der Zukunft entgegen, ein wichtiger Lebensabschnitt ist beendet, ein neuer beginnt. Fast beschleicht es einen wie Neue, wenn man der fernen Lieben im Vaterlande gedenkt, von denen ein jeder Stoß der Maschine uns weiter und weiter entfernt. In der Erinnerung verblassen stets die Qualen, die wir erlitten haben, aber mit verdoppelter Intensität empfinden wir die wenigen Freuden, die uns be- schieden waren. Es war eine herrliche Mondscheinnacht, ein klar- gestirntes Firmament umspannte die endlose Wasser- masse, au Deck war es fast tageshell, man konnte deutlich jede Gestalt erkennen. Aus allem Volk, das»och an Deck die frische, kühle Teebrise einsog, erhob sich um Haupteslänge, Alle überragend, die mächtige Gestalt des„Cowboys", wie ich ihn der Einfachheit wegen kurz nennen werde; er wanderte, die Hände in die Hosentaschen versenkt, rastlos ans und nieder, die Menge mit seinem?ldlerauge messend, als suche er Jemand, den er seines näheren Um- ganges würdigen könne. Am Bug, Ivo ich dem Ge- plätscher der Wellen lauschte, trafen wir zusammen, wechselten einige gleichgültige Worte, bald aber ging er geschickt auf sein Lieblingsthema, ans seine See- fahrten im fernen Westen über. Er verstand inter- essant zu plaudern; man hatte wohl, wie bei den meisten Weltenbummlern, die Empfindung, als wäre r Me Neue A?elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. �rrrrrrrrrrr 75 in ber Erzählung Wuhrheit und Dichtung kühn zu- famiuengewürfelt, über troydeiu hörte mau gern zu. So erging es auch mir, alte' Erinnerungen aus der Jugendzeit wurden in mir geweckt,„Leder strumpf" und„Ter letzte der Blohikauer" uüt ihrem aben- teuerlicheu Gefolge tauchten wieder in meiner Phan- tasie auf, und ich begrüßte sie mit Freuden, die Gefährten meiner Kindheit. Doch die Nacht brach an, schon einmal hatte uns der Schiffscerberus unwillig gemustert, sein Blick sagte mir: nun ist es Zeit zu Bett zu gehen. Mit Entsetzen dachte ich an meine Lagerstätte, um wie viel gräßlicher mußte der Ausenthalt in dieser Be- hausung sein, nachdem die Seekrankheit bereits ihren Einzug gehalten hatte. Ich thciltc meinem neuen Freunde meine schauerlichen Bedenken mit. Er wußte Rath, er wollte mich der Gnade des Küchenchefs empfehlen, in der Küche durfte auch er seine langen Glieder während der Nacht- behaglich von sich strecken. Nach einer kurzen Rücksprache mit dem Küchen- gewaltigen wurde auch mir dieses Privilegium ein- geräumt, ein paar alte Pferdedecken wußte der Eowboy auch auszutreiben, so daß ich mich einiger- maßen vor der lühleu Seeluft schützen konnte. Von 'den Strapazen der vorigen Nacht erschlafft, verfiel ich bald, trotz des harten Lagers,— ich mußte mich direkt ans dem Fußboden betten— in einen tiefen Schlaf. III. üer brüte?ag. flontrnllf. Um vier Uhr wurden wir geweckt. Es war die große Reinigungsslunde des Schiffes. Das gesammte Oberdeck, soivie die darauf befindlichen Räumlichkeiten werden förmlich unter Wasser gesetzt, so daß unseres Bleibens in der Küche nicht länger war. An allen Gliedern zerschlagen, erhob ich mich schlaftrunken von meinem harten Lager, während mein Eowbop-Freund, der. Situation besser gewachsen als ich, bereits tüchtig bei der Reinigung des Schiffes mit Hand anlegte. llebcrhaupt machte er sich überall, wo es etwas zu thnn gab, nützlich und empfahl auch mir diesen Trick tvärmstens, denn erstlich einmal vertreibt man sich so am beste» die Langeweile und verpflichtet dadurch die Maunschast zu mancherlei Gegendienst. Diese Taktik leuchtete mir ein und bald folgte ich dem Beispiel meines welterfahrenen Freundes; ich spülte und fegte das Deck ab mit einer Würde und einem Berständniß, als wäre ich in diesxm Metier ans- gewachsen. Allmälig wurde es an Teck wieder rege, die Zwischendecker machten ihre Friihpromenade, dann ertönte das Signal zum Morgenkaffee, das einen freudigen Widerhall in meiner Magengegend fand. Mein Proviant an Wurst und Käse war nämlich bis ans ein AUnimum zusammengeschmolzen, da die frische Seeluft und die Entbehrungen des ersten Tages meinen Appetit in beängstigender Weise angeregt hatten. Nun war ich vor die bittere Nothwcndig- teil gestellt, an dem Mahl der Zwischendecker mich zu betheiligeu, und da schien es mir von höchster Wichtigkeit, mit jenen nnappctitlicheu Attitüden meiner Reisegefährten, wie ich sie vom ersten Tage her noch in lebendiger Erinnerung hatte, anfznränmen und die Verwaltung der Tafel nach neuen Prinzipien zu regeln. Ich unterbreitete somit den„Kerls" den Vorschlag, das Reinigen der„Frcßcinicr", wie nian diese Behälter schlechtweg nannte, sowie das Abholen der Speisen der Reihe nach zu übernehmen; die Ver- theilnng wollte ich selbst im Zwischendeck vornehmen. Mein Vorschlag fand allgemeine Zustinimnng, so daß schon der Morgenkaffee nach dem neuen Vcrtheilnngs- modus vor sich ging. Um meiner Autorität als Stubenältester eine größere Gclttmg zu verschaffen, bestieg ich stets den Tisch, von welchem erhöhten Standpunkt aus ich die Vcrtheilung der Speisen vornahm. Mit dem Essen selbst mußte man natürlich vorlieb iiehmcu, wie es gerade geboten wurde— doch Hunger ist der beste Koch, er überwindet selbst die komplizirtesten Geschmacksvorstellungen; ob es ein Rehriicken ist, der bekanntlich mit Wein oder Sekt heruntergespült wird, oder ein Gericht Erbsen, zu deren Verdauung man ein Glas Wasser ein- nimmt— für ihn giebt es kciucu Artenunterschicd der Speisen; er berückfichtigt lediglich die Quantität. Von diesem Gesichtspunkt ans haben sich wahr- scheinlich auch die Verwalter aller Massenabfütternngs- anstalten leiten lassen; daher wird man jene raffinirteu Genußmittel einer überfeinerten Kultur nie ans den Tischen der Zuchthäuser, Kaserne» und desZwischendccks antreffen. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Hätte man im Zwischendeck keine Ahnung von höheren kulinarischen Genüssen gehabt, man würde mit einem Tankgebet im Herzen den nach derselben gleichförmigen Methode angefertigten Brei verzehren nach dem Bei- spiel unserer„Schlowakcn", von denen Mancher vielleicht noch heute mit Entzücken au die„Freß- eimer" des„P. Ealland" zurückdenkt. Aber die Unzufriedenheit! Ein kleiner äußerer Zufall, eine unscheinbare Bemerkung schlendert sie in die Massen. In unserem Fall war eine Speise- karte, die von der Kajüte herübergeweht kam, der Erreger der Unzufriedenheit. Ich hatte sie auf- gefangen, dort stand zu lesen: Moktnrtle— Eotelette mit Spargel— Rehrücken— Geflügel— Kompot — Eis— Kaffee mit Gebäck. Man vergleiche damit das Wocheurepertoir unserer Küche: Montag: Rinderknochen mit Reis und Kar- toffeln— Dienstag: Tasselbe mit Speck— wäh- rend der übrigen Wochentage: Erbsen, Bohnen und andere Hülsenfrüchte in ähnlicher Zusammenstellung — Sonntags gab es sogenannten Plumpudding, ein Gemengsel von Pflaumen in aufgeweichten Semmeln und Brot, dazu Fleisch und Speck— im Ganzen ein komprimirtes Memi der Woche. Ich reichte den Unzufriedenheitsbazillns mit einer gewissen diabolischen Freude weiter. Der Effekt blieb nicht aus. Man schimpfte, drohte ballend die Fäuste, Andere belustigten sich über ihre eigene Lage mit tragikomischen Geberden, aber wohl Allen wurde mehr oder weniger deutlich die Erbärmlichkeit ihrer Stellung als Menschen zweiten Ranges klar. Wer die sozialen Gegensätze stndiren will, der begebe sich an Bord eines Auswandererschiffes. Nirgends platzen die Gegensätze nuvermittclter aufeinander als hier, kein Uebcrgangsstadinm, kein die äußerliche Misere wohlthärig verdeckender Firniß der Weltstadtknltur trübt den Blick; hier ist Alles Wirklichkeit, nackte, unverhüllte Wirklichkeit. Im Zwischendeck das Elend in seiner primitivsten Form, in der Kajüte die Eni- falttnig des raffinirtcsten Luxus. Auch ich zählte einst zu den benti possiclentes, meine erste größere Reise konnte ich in der Kajüte zurücklegen. Welch ein Kontrast zwischen meiner einstigen Lebenshaltung und der jetzigen. Diesen Komfort nimmt man dort als etivas ganz Selbst- verständliches hin, ein Menu von sechs Gängen ist einfach ein unumgängliches Lebensbedürfniß, dem sich ' ein Mittagsschläfchen oder eine Partie Whist oder Skat im Spiclsaal anschließt. Dann das Souper, dessen Verdäunug eine musikalische Abcuduuterhaltuug im Salon erheischt oder eine kleine Mondschein- Promenade an Deck, Ivo man Süßholz raspelt oder ans galante Wenteuer sinnt.... „Nicht wahr, meine Gnädige, man hat es doch heutzutage kolossal weit gebracht, die Verpflegung süperb, Bedienung schneidig— man vermißt eigent- lich an Bord nichts mehr von den Wohllhaten unserer Kultur." „Aber diese entsetzliche Seekrankheit," stöhnt die junge Frau, die auf einem Trinmphstnhl hingegossen liegt, das kleine Füßchen ein klein wenig, wie un- beabsichtigt, vorgestreckt.——— Ein Druck auf einen elektrischen, Knopf und herbei stürzen mehrere Domestiken:„Sie befehlen?" „'n Glas Sherry für die gnädige Frau— alte Marke, verstehen Sie!— dazu'» paar Kaviarbrötchen," schnarrt der junge Fant.—„Das wird Ihnen helfen, meine Gnädigste!" Während ich diese Szene rckapitulirte, fällt mein Blick ans eine Familiengruppe. Es scheinen Böhmen zu sein; der Mann platt auf den Boden gestreckt, durch seine Finger gleiten mehrere schmutzige Kupfer- münzen— wohl die ganze Baarschast, die ihm aus dem Erlös seiner paar Habseligkeiten in der Heimath übrig geblieben ist. Tie Reise hat Alles aufgezehrt, nichts weiter als seine Arbeitskraft konnte er in der neuen Welt zu Markte tragen. Neben ihm kauert sein Weib, eine in dielen Bevölkerungsschichten typische Erscheinung: jugendlich matte Züge, ein träges Auge, aus dem zuweilen ein unheimliches Feuer aufflackert, starrend vor Schmutz, an ihrer � welken Brust hält sie einen in Lumpen gehüllten Säugling.---— Diese Kontraste schnürten mir die Kehle zu, ich mußte mich abwenden. Mir entgegen kommt der Schiffsarzt, ein Deutscher, in Begleittnig eines Herrn aus der Kajüte, der, wie es öfter geschieht, der „Wissenschaft halber" das Zwischendeck in Augen- schein nimmt. „Man sollte doch nicht glauben, wie gräßlich verkommen dies Volk lebt—'s ist doch eigentlich ein skandalöser Anblick." „Fangen Sie mal was an mit diesen Leuten," war die gleichgültige Autwort des Arztes. Daun stiegen die Herren die Treppe hinab. „Höchst praktisch eingerichtet,'s ist wirklich wahr, man thut doch alles Menschenmögliche fürs Volk— aber dieser Gestank! Wenn das nur'n bischen Sinn für Reinlichkeit hätte." Die Reihe neuer Eindrücke, die fortwährend auf mich eindrängten, dazu die mangelhafte Ernährung hatten mich allmälig in einen Zustand apathischer Ruhe versetzt, so daß ich selbst nicht mehr die Spann- kraft besaß, den Erzählungen meines Eowboyfreundcs mit dem pflichtschuldigen Interesse zu lauscheu. Dieser besaß nämlich die Eigenthümlichkeit, sobald er nur meiner habhaft werden konnte, mich mit Schwänken aus seinem viclbewegten Leben zu überschütten. Selbst nachdem wir unser Lager in der Küche aufgesucht hatten, murmelte er in Absätzen sein gewöhnliches Repertoir, das in New-Aork einsetzte und in Mexiko endete, mit der Ausdauer eines perpetuum mobile herunter. Mitunter wurde er auch von der Er- iunerung derart hingerissen, daß er sich blitzschnell erhob, um mir irgend eine Episode mit entsprechender Gestiknlatton anschaulich demoustriren zu können. Dann begann er:„Nun kommt aber was, das ich Dir nicht im Liegen erzählen kann." Und aus war er wie der Blitz. Dann stürmte das lauge Gebein im Sturmschritt durch den Raum. „Siehst Du, nun paff' mal auf— so etwa, die Flinte im Arm(in Ermangelung eines Gewehrs griff er zu dem ersten besten Besen)— ich im Anschlag, dann gings los!— Ja, alter Junge, das hättest Du sehen müssen!"— Dann lachte er wild auf und legte sich beruhigt nieder, als wäre ihm ein Stein voni Herzen gefallen. Um welches ivclt- historische Ercigniß sich seine Erzählung drehte, kann ich nicht verratheu, da der Erzähler sich selbst nicht recht klar darüber war und meistens Alles bunt durcheinander würfelte. Eine Biiffcljagd fand oft ihren Abschluß in einem Jndianermassacr'e und eine reguläre Feldschlacht gegen die„Rebellen" löste sich in eine lustige Pirsch auf. Die Miiuchhaustaden meines Cowboys waren mein allabendliches Wiegenlied, das mich in die ewigen Jagdgründe der Mohikaner hinübertränmen ließ. (Fortsetzung folgt.) Utu Mugrr imö feiiif ftirliiflc Mtili. Von H. Mcrinn. (Zu unsere in Bilde.) fl\*4 ist nun über ein Jahrzehnt verflossen, seit in der Knnstwelt die schon oft angeregte -Hsy- Frage wieder auftauchte und lebhaft diskutirt wurde: Sollen wir unsere Statuen bemalen? Wir sind gewohnt, daß unsere Bildhauer ihre Kunstwerke farblos, oder besser gesagt: einfarbig behandeln. Tie Denkmäler ans unseren öffentlichen Plätzen, die Statiten, die unsere Monumentalbauten schmücken oder in unseren Kunstsammlungen und Museen stehen, sind— insofern sie überhaupt aus echtem Material gebildet sind— aus hellem Marmor gemeißelt oder aus dunkelfarbiger Bronze gegossen. Der Künstler sieht dabei von der natürlichen Farbe des dargestellten Gegenstandes ganz ab und giebt in seinem Werke 76 Die Neue ZDelt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. nur den Fluß der Linien und Flächen mit den durch diese bedingten einfachen Licht- und Schattcnwirkungen wieder. Wir waren so sehr an diese farblose Plastik gewöhnt, daß uns farbige Statuen ganz unmöglich schienen. Wohl wußte man, daß das„finstere und rohe" Mittelalter seine Bildwerke vielfach in natiir- lichen Farben bemalt hatte; aber diese Art erschien uns barbarisch und geschmacklos, und viele aus jener Zeit auf uns gekommene derartig bemalten Werke bestätigten dieses harte Urtheil. Besonders aber glaubte man, daß die alten Griechen, die im Alterthum die plastische Kunst zu höchster Bliithe und Vollkommen- heit gebracht hatten, und deren klassische Bildhauer- werke seit der Renaissancezeit(15. und 16. Jahr- hundert) den modernen abendländischen Völkern als unerreichte Vorbilder dienen, ihre weltberühmten Bildhanerwcrke einfarbig gebildet hätten. Es iväre also den großen Meistern unseres Jahrhunderts, einem Ranch, einem Thorwaldsen, einem Rictschel, Schilling, Begas usw. niemals eingefallen, ihre Bild- werke vielfarbig zu behandeln. Ein genaueres Studium des griechischen und römischen Alterthums hat erst in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts in dieser Anschauungsweise einige Wandlung geschaffen und die Frage der Polychromie(Viclfnrbigkeit) in der Plastik wieder in Fluß gebracht. Die seit der Renaissance wieder entdeckten Bildwerke des Alterthnms— in denen wir in den meisten Fällen nicht Originalwerke, sondern Kopien nach Werken berühmter Meister zu erblicken haben— bestanden ja allerdings aus einfachem Marmor oder seltener aus Bronze, aber der llni- stand, daß nach den Berichten der alten Schriftsteller der größte Meister des Alterthnms, der Athener Phidias, seine berühmtesten Statuen, den olym- pischen Zeus und das Athenebildniß des Par- thenon über einem Holzkern aus Gold und Elfen- bei», also aus mehrfarbigem Rlatcrial, geschaffen hatte, hätte den Künstgelehrten und Acsthetikern zu denken geben und ihnen die Verinnthnng nahe legen sollen, daß es mit der absoluten Einfarbigkeit der großen griechischen Plastik vielleicht doch nicht so ganz stimme. Die viel sorgfältiger nnternonimenen Ausgrabungen der neueren Zeit haben uns nun den Beweis dafür erbracht, daß die heitere Vielfarbigkeit in der antiken Kunst eine weit größere Rolle spielte, als wir bisher annahmen, und wir werden uns die griechischen Tempel und manche Bildwerke, die bis- her nur in gespenstigem Weiß in unserer Phantasie lebten, nun wohl im Zauber froher Farben prangend vorstellen dürfen. Und wenn wir uns die Sache recht überlegen, so ist eigentlich das Bemalen der Bildwerke viel weniger merkwürdig als das Absehen von der Farbe. Wir müssen also eher untersuchen, wie die Künstler ans die einfarbige Plastik verfielen; denn als die Freude des Gcstaltens im Menschen erwachte, da suchte er das, was ihm besonders auffiel, nachzu- schaffen, so gut er es vermochte. Dabei gestaltete er natürlich Alles möglichst genau so, wie er es sah. Eine farblose Plastik wäre dem primitiven Menschen ebenso unnatürlich erschienen, wie ein Lied ohne Rhythmus und Melodie, oder wie eine Melodie ohne Tert. Darum sind auch alle Knltbildcr, von den heiligen Götterstatncn der alten Egypter-und Griechen bis zu unseren wunderthätigen Marien- bildern stets bunt(polychrom) behandelt worden, bis auf den heutigen Tag; denn in allen religiösen Dingen ist der Mensch konservativ. Daß später von der Farbe abgesehen wurde, hat nun verschiedene Gründe. Die durch Bemalnng erzielte Färbung ist vergänglich. Bei Bildwerken, die, den Witternngs- einflüssen ausgesetzt, im Freien standen, wurde schon frühzeitig von der Färbung Abstand genommen. Dann wurden ferner nach berühmten polychromen Werken billigere einfarbige Kopien hergestellt, ähnlich wie wir nach einem farbenprächtigen Gemälde einen ein- farbigen Holzschnitt oder eine Radirnng herstellen. Das sind rein äußerliche Gründe. Daß dann ferner Bildwerke, die nicht um ihrer selbstwillen dargestellt wurden, sondern einem Bauwerk als Schmuck, also zu dekorativen Ztvecken dienen sollten, einfarbig behandelt wurden, um die ruhige Ge- sammtwirknng des Baues, der Fassade nicht durch ihre Polychromie zu stören, setzt schon eine ästhe- tische Erwägung voraus. Der eigemliche zwingende Grund, warum die Plastik, um sich zur selbstständigen Kunst entfalten zu können, sich von der Malerei trennte, ist folgender: Als die Fähigkeit des Ge- staltens wuchs und die Künstler in der Schule der Griechen die reinen idealen Formen menschlicher Schönheit nachschaffen lernten, da wurde die Farbe dem Plastikcr nicht nur unwesentlich, nebensächlich, sondern geradezu störend, weil sie durch ihre eigene Sonderwirkung, d. h. dadurch, daß eine Heller ge- färbte Stelle erhabener, eine dunkler gefärbte ver- tiefter erschien, als sie in Wirklichkeit war, die Linien und Flächen der vollendet gearbeiteten idealen Sratne fälschte. Früher fand die ungeübte Hand des Bild- haners eine Stütze an der Malerei, die seinen Fehlern zu Hülfe kam und über seine Ungenauigkeiten hin- wcgtäuschte. Jetzt war sie ihm ein Hemmniß, und er suchte für seine neue, rein plastische Kunst nach einen: möglichst indifferenten und doch edel wirkenden Material, das sich denn auch am trefflichsten im weißen Marmor und in der bildsamen Bronze fand. So mußten die griechischen Künstler später zur Färb- losigkeit gelangen, sobald sie rein plastisch wirken wollten. Wenn die Plastik nun einmal bei der Einfarbig- keit angelangt ist, muß sie nun immer und ewig dabei bleiben? Es wäre pedantisch, der Kunst eine solche Vorschrift machen zu wollen. Eine andere Zeit will Anderes darstellen, andere Ideen aus- drücken, als die Vergangenheit, und wenn ein moderner Künstler heute wieder zu Polychromie zurückkehrt, so darf er das thun, nicht etwa, weil es die alten Griechen auch schon gethan haben, sondern weil es seinem eigenen inneren Fühlen und Denken entspricht, weil er nur so und nicht anders den ihm inne- wohnenden Gedanken zum Ausdruck bringen kann. Tie vorangehende Betrachtung läßt uns aber auch verstehen, mit welchen Schwierigkeiten der moderne Künstler zu kämpfen hat, wenn er zur polychromen Plastik greift. Der moderne Plastiker ist völlig Herr seiner Kunst geworden, deni Drange der Zeit folgend aber möchte er über das Ideale, das All- gemeine, Typische hinausgehe», er möchte schärfer charakterisiren, Jndividnellcrcs schaffe», er möchte den Stein mit dem ganzen Gefühls- und Stinimnngs- inhalt unserer modernen Zeit durchglühen, und so muß er wieder zur Farbe greifen und die getrennten Künste wieder vereinigen. Daß eine solche Wieder- Vereinigung getrennter Künste aber ein Zug unserer Zeit ist, das lehrt auf dem Gebiet der redenden Künste das Mnsikdrama Richard Wagners, das die durch den Entwickelungsgang der Zeit getrennten Schwesterkiinste der Dichtkunst, der Musik und des mimischen Tanzes wieder zu einem Gesanuntkunstwerk vereinigte. Aehnliches wie Richard Wagner auf dem Gebiet der redenden that Max Klinger auf dem Gebiet der bildenden Künste. Die Sehnsucht, der Statue die Farbe des Lebens, dem Gemälde die körperliche Wirklichkeit wieder zu geben, ließ ihn seine beiden berühmten polychromen Bildwerke, die„Salome" und die„Kassandra", schaffen, die sich beide gegenwärtig im Besitze des Museums der Stadt Leipzig befinden. Max Klinger ist einer der eigenartigsten und phantasicreichsten Künstler unserer Zeit. Er wurde am 18. Februar 1857 in Leipzig geboren und be- suchte die Schulen seiner Vaterstadt. Der früh er- wachte Gestaltungstricb führte den siebzehnjährigen Jüngling 1874 nach Karlsruhe zu Karl Gussow, mit welchem er im folgenden Jahre nach Berlin übersiedelte und seine Studien an der Kunstakademie der neuen Reichshauptstadt fortsetzte. Er trat mit einem Oelgcmälde und einem Eyklus von Zeich- nnngen,„Zum Thema Christus", an die Seffent- lichkeit, doch fanden diese Arbeiten keinen Anklang. Besonders die Zeichnungen, die— eine Ironie des Schicksals!— später von der Berliner National- galerie angekauft wurden, stießen auf heftigen Wider- stand. Der Swff schien der damaligen, für falsche Sentimentalität und hohle Theaterpose schwärmenden Zeit zu roh und unwürdig behandelt, und an der Zeichnung der menschlichen Gestalten wußten die Kritiker eine Menge Fehler aufzuzählen. Mit diesen Zeichnungen begann LHingers eigenartiger Entwickelungsgang, der den jungen Künstler, der nicht mehr an Vorbildern, sondern nur noch von der Natur selbst lernen und sich auf nichts Anderes als auf seine eigenen Augen und seine eigene Beobachtungs- gäbe verlassen wollte, und der deshalb Pinsel und Palette bei Seite legte, um in der Kunst ganz von vorn anzufangen, von der Linie zur Farbe und von dieser zur Plastik führte. Klinger griff zur Radirnadel. Wenn er so mit dem scheinbar Einfachsten, mit der Linienkunst, mit der„Zeichmmg" begann, so hatte ihn nicht ein Mangel an Gestaltungskraft, sondern vielmehr der Ueberreichthnm seiner Phantasie dazu getrieben. Er brauchte die rasche, flüchtige Kunst, um der unzähligen auf ihn eindrängenden Ideen Herr zu werden. Er mußte sich die nnge- heuere Stoffmenge, die ihn bedrängte, von der Seele wälzen. Dabei wurde Klinger— vielleicht unbewußt — von dem echt künstlerischen Triebe geleitet, seine Gedanken, auch die weitesten und komplizirteste», durch die denkbar einfachsten Mittel auszudrücken. Es spricht sich in allen Radirungcn Klingers cm starker Gedankengehalt, viel poetisches Träumen und philosophisches Grübeln ans. Diese stofflichen, poetischen oder philosophischen Gedanken sucht er durch das Mittel der Stiinmnng in malerische zu verwandeln, so daß die ursprüngliche Idee nur noch als der erste Anstoß erscheint, der die vom Radirer zu lösenden zeichnerischen Probleme ins Leben ge- rufen hat. Damit erklärte Klinger der öden, illn- strativen Zeichnung den Krieg und erhob die fliadi- rnng wieder zu einer eigenen selbstständigen Kunst, der er durch geschickte Verbindung aller einzelnen Manieren des Knpferdruckes eine ungeahnte Fülle neuer Effektmittel und die höchste Ausdrucksfähigkeit verlieh. Er stellte mit vollem Bewußtsein die zeichnenden Künste(Stiftzeichnnng, Radirnng, Lithographie usw.) als besondere Gattung neben die malenden und setzte in einer anregend geschriebenen Abhandlung:„Malerei und Zeichnung"(Leipzig, Ed. Besold), die bis dahin mit denen der Malerei vermengten ästhetischen Gesetze der Zeichenkunst fest. Klinger ist heute unbestritten der erste Meister der Radirkunst. Leider gestattet es mir der Raum nicht, näher ans sein ungemein reichhaltiges Nadir- werk einzugchen, das über hnndertundfünfzig Blätter umfaßt. Es sind thcils einzelne, für sich bestehende Blätter, theils zusammenhängende Cyklen, gleichsam Erzählungen in Bildern, statt in Worten. Einer der machtvollsten dieser Radir- Cyklen ist„Ein Leben" betitelt und schildert in realistischer, er- schüttcrnder Weise den Lebenslauf einer Gefallenen, die als gemeine Prostitnirte im Straßcnkoth endigt. In„ Eine Liebe" dagegen erzählt uns der Künstler die tragische Geschichte eines freien Liebesverhältnisses. Besonders ergreifend sind die beiden„Vom Tode" betitelten Cyklen, von denen der eine eine Art von modernem Todtentanz darstellt, während der andere sieben allegorische Kompositionen von höchster Kraft enthält. Ich könnte dann noch den genial mit der Tranmphantastik spielenden Eyklus:„Ein Hand- schuh" nennen und die herrlichen Radirunge» zum Schicksalslied und anderen Kompositionen vonJohannes Brahms, die sogenannte Brahmsphantasie. Doch was hilft das Aufzähle» dieser Titel? Einen Be- griff von dem Phantasiereichthum und der Schönheit dieser Blätter kann sich nur Der machen, der sie aus eigener Anschauung kennt. Natürlich griff Mar Klinger auch wieder zum Pinsel, um seine Gestalten durch die Farbe zu be- leben. Er schuf eine Reihe von Oclgemälden, unter denen„Das Urtheil des Paris", eine„Kren- zigung Christi" und das Kolossalgemälde:„Die Einführung Christi in den Olymp" das größte Aufsehen erregten, aber wegen ihrer eigenartigen Malweise und der ganz neuen Auffassung der nackten menschlichen Gestalt auf großen Widerstand stießen und einen heftigen Kampf der Meinungen hervor- riefen. Das„PariSurtheil" und den„Christus im Olymp" hatte der Künstler mit einem selbstgefertigten plassischen Rahmen umgeben; denn Klinger hatte sich neben der 78 J>k Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Malerei und der fleißigen Arbeit mit der Nadir- nadel iinii auch der Plastik' zugewandt. Tie ein- farbige Plastik aber erschien ihm zu todt, so schuf er denn die beiden schon genannten Bildwerke, die „Salome" und die„Kassandra", welche letztere wir zum Schluß an der Hand unserer Abbildung etwas genauer betrachten wollen, nicht mehr einfach weiß, sondern farbig. Wenn Klinger als moderner Künstler farbige Statuen schaffen wollte, so konnte er dabei nicht mehr so naiv vorgehen, wie die Meister des Mittel- alters oder der Frührenaissance, die eine Statue oder Büste aus indifferentem Material schufen und sie alsdann mit grellen Farben so natürlich wie möglich bemalten; er niußte, wenn er nicht gemalte Puppen, sondern lebensvolle Kunstwerke schaffen wollte, vor Allem die oben angedeutete störende Wirkung der Farbe vermeiden. Dies erreichte er dadurch, daß er die Farbe nicht auf die fertige Statue auftrug, sondern wie es schon Phidias in seinen Goldelfenbein-Statuen gethan hatte, die Farbe durch das Material, aus deni er sein Werk schuf, andeutete. Er setzte seine Statuen aus verschiedenfarbigem Marmor zusammen, und wandte Bcmalnng nur da an, wo es nnnmgänglich nothwcndig war, und auch hier nur in diskretester Weise. Am stärksten tritt die Bcmalnng am Haupt- haar und an den Augenbrauen hervor; die Fleisch- theile dagegen sind nur leicht getönt, die Augen aus Bernstein eingesetzt, Ketten, Spangen und Schmuck in geschmackvoller Weise ans Bronze aufgelegt. Wir haben also in der„Salome" und der„Kassandra" keine„bemalten Statuen" im alten Sinne vor uns, keine Werke, bei denen eine Kunstgattung auf die andere hinanfgcpfropft ist, sondern polychrome Plastik, d. h. Schöpfungen, bei denen Farbe und Körperlich- lcit sich gegenseitig durchdringen und stützen, bei denen Malerei und Plastik Eins geworden sind. Beide Statuen sind von verblüffender Lebendig- kcit. Die„Salome" wirkt auf den ersten Anblick fesselnder, pikanter, die„Kassandra" wirkt herber, aber nachhaltiger, größer. Die„Salome" ist viel- leicht frischer empfunden, die„Kassandra" zeigt reiferes Können. Wie trotzig und stolz steht sie da, die Priesterin, die dem ungläubigen Volke Trojas Untergang pro- phczcite. Ihr verächtlicher und doch schmerzlich bc- wegter Blick bannt den Zuschauer sofort. Es zuckt wie ein zorniges Aufbäumen durch die Gestalt. Die rechte Hand, zur Faust geballt, ruht auf dem etwas vorgeschobenen rechten Schenkel, während die Linke sich gleichsam beschwichtigend darüber legt, als wolle sie den rechten Arm hindern, mit der geballten Faust empor zu fahren. Durch diese Armhaltung wird die rechte Schulter etwas herabgezogen, und die dadurch und durch die heraufgezogene linke Schulter bedingte schräge Haltung des Kopfes mit dem nach links ge- wandten schönen Antlitz, erhält etwas ungemein Ver- ächtliches. Ein über die rechte Schulter geworfenes und ans der linken Schulter durch Kette und Spange festgehaltenes Purpurgewand hüllt die Gestalt ein und läßt nur den linken Arm, die linke Brust und den rechten Unterarm frei. Tie Dauer und Haltbarkeit der Farbenwirknng ist durch das echte Btnterial garantirt, das mit großem Geschick ausgewählt wurde. Die Fleischtheile sind ans parischem Marmor, das Gewand aus rothem Alabaster gebildet, der seiner Sprödigkeit und Rissig- kcit wegen mit einer Wachsschicht verschen und leicht getönt werden mußte. Das würfelförmige Posta- ment, auf welchem die Figur ruht, besteht ans grauem, von dunkleren Bändern durchzogenem Marmor, der ans den Pyrenäen stammt. Zwischen der Figur selbst und der ans gleichem Material wie der Sockel gebildeten Drehscheibe fügt sich eine unregelmäßig fünfeckige Basis ans röthlichem nassauischen Marmor ein. Die Kette, die das Gewand hält, ist aus Bronze. Ein noch größeres, gewalligeres polychrom-plasti- sches Werk hat Klinger im farbigen Gipsmodell fertig gestellt, eine sitzende Becthovenstatne, die aus den kostbarsten Materialien hergestellt werden soll und die noch mehr als die bisher geschaffenen Werke die gewaltige Gestaltungskraft Klingers darthnn wird. Klinger steht heute im vierzigsten Lebensjahre, mitten im reichsten Schaffen. Viele und gewaltige Pläne bewegen seinen Geist. Als Meister der Nadirnadel, des Pinsels und des Meißels wirkt er unter uns, wie einer jener großen Künstler der Renaissance, die ebenfalls ans allen Gebiwen der Kunst gleich Großes leisteten. Und wenn ein jetzt Lebender den Namen eines„Michelangelo unserer Tage" verdient, so ist es kein Nachahmer des Alten, sondern kein Anderer als Max Klingcr, der an der Pforte einer neuen Zeit steht und uns schauen lehrt mit neuen Augen, wie Michelangelo die Renaissance schauen lehrte. Der QS ü l( ix erb cm er. Roman von Wilhelm von Polenz. (Fortsehung.) X. *in paar Tage darauf erschien derselbe Herr Schmeiß, welcher den alten Bauern in? Com- ptoir von Harrassowitz abgefertigt hatte, in Halbcnan. Er kam mit Lohngeschirr. Neben ihm auf dem Rücksitz saß eine junge Dame. Während er sich in das Bllttncrsche Gehöft begab, schwänzelte die auffällig gekleidete Person im Dorfe umher, zum Gaudium der Dorfjugend und der Frauenwelt von Halbenau, die so hohe Absätze, eine solche Taille und derartig weite Puffärmel noch nicht gesehen hatten. Edmund Schmeiß, ein mittelgroßer junger Mann mit flottem Schnurrbärtchen und Lockenfrisur, riinipfte die Nase über den Misthaufen, den er im Büttner- scheu Hofe vorfand.„Echte Banernwirthschaft!" sagte er zu sich selbst mit verächtlichster Miene. Sein tadellos gearbeiteter Anzug von hechtgrauer Farbe, sein ganzes Auftreten waren„prima", um seinen eigenen Lieblingsausdruck zu gebrauchen. Kenner hätten vielleicht finden können, daß nicht einmal die äußere Etiguette der Waare besonders fein sei. Seine Manieren waren irgendwoher, wahrscheinlich vom Offiziers- oder jüngeren Beamtcnstande erborgt und nicht immer glücklich kopirt. Tie Lebensstellung des jungen Schmeiß genauer zu umschreiben, war nicht leicht. Harrassowitz be- zeichnete ihn, wenn er von ihm sprach, als einen: „mir ergebenen jungen Mann". Aber auch für Isidor Schönberger„arbeitete" er, ohne daß man genau feststellen konnte, worin seine„Arbeit" eigent- lich bestand. Man pflegte ihn bei Häuser- und Ellterankäufen als Strohmann zu verwenden, bei Zwangsversteigcrnngen trat er als Bieter auf. Wenn ein Kleinkauftnann oder Handwerker in„nionientaner Verlegenheit" war, erschien er als Helfer in der Roth. Er war jederzeit bereit, Wechsel zu diskon- tiren und Geldsuchenden Darlehen von Dritten zu verschaffen, vorausgesetzt, daß der Tarlehnsuchende etwas„opferte", womit er seine Provision meinte, die niemals gering bemessen war. Er reiste für allerhand Häuser, deren Firma nicht eingetragen war, und trat als Generalbevollmächtigter von Konsortien auf, die nicht genannt werden durften, weil sie sich noch im„Entwickelungsstadium" befanden. Er hatte jederzeit mindestens ein halbes Dutzend„feiner Ee- schäfte" an der Hand; kurz, er war Alles in Allem ein äußerst brauchbarer, praktischer,„smarter" junger Mann, in vielen Sätteln gerecht, mit den Gesetzen und der Gerichtspraxis vertraut. Mit Vorliebe legte er sich den Titel„Kommissionär" bei. Edmund Schmeiß also trat um die Atittags- stunde in die Büttncrsche Wohnstube. Er fand die Familie bei Tisch. Er meinte im Eintreten, mau möge um seinetwillen keine Umstände machen. Er selbst machte allerdings auch keine, das mußte man sagen! Ohne Umschweife auf sein Ziel losgehend, fragte er den alten Bauern, in Gegenwart der Seinen, ob er gewillt sei, das heute fällig gclvordene Akzept zu decken. Sie waren Alle aufgestanden. Erstaunt und bestürzt blickten sie ans den fremden Eindringling, der sich so unbefangen gcberdete. Der alte Mann brauchte einige Zeit, che er die Antwort fand: er habe in dieser Sache doch nur mit Herrn Harrasso- witz z» thnn. „Ach was, Harrassowitz!" rief Edmund Schmeiß. „Ich bin jetzt Derjenige welcher! An mich haben Sic zu zahlen. Bitte sich überzeugen zu wollen! Hier das Judossement!" Der junge Mann hielt dem Bauern das Papier hin und hieß ihn die Rückseite beachten. Der Bauer sah, daß dort was geschrieben stand, ein Name, wie es schien. Aber was sollte ihm das! Wie kam dieser junge Mensch, der ihm nie- mals einen Pfennig gegeben hatte, auf einmal dazu, sein Gläubiger zu sein? Er schüttelte den Kopf und erklärte, nur an Harrassowitz zu schulden. Edmund Schmeiß wurde ungeduldig.„Herr Gott! kapiren Sie denn nicht?" rief er.„Sie haben akzcprirt. Hier ist Ihre Unterschrift, nicht wahr?" Der Bauer bejahte, nicht ohne sich seine Unter- schuft noch cinnial sorgfältig betrachtet zu haben. „Bekennen Sie, Valuta richtig empfangen zu haben?— Ich meine, ob Sie zugeben, das Geld, vierhundert Mark, seinerzeit von Harrassowitz per Kassa bekommen zu Habens" „In, jn!'s Geld ha'ch richt'g erHalen vun Herrn Harrassowitz, dohie an diesem salbgen Tische.— Du wceßl's blick) noch, Frau?" Die Bäuerin nickte. „In, ju, lieber Herr!" „Nun sehen Sie also! Harrassowitz hat Ihr Akzept diskontirt.— Man nennt das ei» Dreimonats- akzcpt.— Dann hat Harrassowitz rcmittirt an mich. Folglich bin ich jetzt der Inhaber des Wechsels. Tie Sache ist so klar wie etwas! Sic müßten denn behaupten wollen, daß ich auf ungesetzliche Weise in den Besitz des Akzepts gekommen wäre. Wollen Sie das behaupten?" Der Bauer stand da mit äußerst verdutzter Miene. Er verstand kein Wort von der ganzen Sache. Da aber der Andere so sicher auftrat und so beleidigt drcinblickte, ließ er schließlich ein zauderndes„Nein!" hören. „Darum möchte ich allerdings gebeten haben!" sagte Edmund Schmeiß, machte große Augen und runzelte die Stirn.„Hiermit präsentire ich Ihnen also den Wechsel. Heute ist Verfalltag. Ich frage Sie, ob Sie annehmen?" Der Bauer blickte noch unverständiger drein, als zuvor. Auf den Gesichtern der Seinen malten sich sehr verschiedenartige Gefühle; aber Schreck und Furcht herrschten vor, diesem Fremden gegenüber, der durch jenes Stück Papier Gewalt über den Vater und über sie Alle erhalten zu haben schien. „Ob Sie mir auszahlen wollen, Herr Büttner! Ich dächte, die Sache wäre doch nicht so schwer zu verstehen!" Der alte Mann bat sich den Wechsel noch einmal ans. Er drehte ihn um und um in den zitternden Händen und blickte rathlos drein, die Buchstaben verschwanimen ihm vor den Augen. Er mußte sich setzen. Die Bäuerin trieb jetzt die Kinder aus der Stube, sie sollten den Vater nicht in seiner Schwäche sehen. Nun trat sie zu ihrem Gatten.„Bis ack rnh'g, Alter! bis ack rnh'g!" redete sie ihrem Eheherrn zu. „Jo, Du mei Heiland!" rief der Bauer in heller Verzweiflung, mit hoher, weinerlich klingender Stimme. „Wos snll ich denne? Wos Wullen Se denne von mir, dohie!" „Zahlung! Weiter garnichts! Zahlen Sie mir aus, Herr Büttner, dann ist Alles in Ordnung," erklang die trockene Antwort. „Und's Gald! Wn sull ich denn's Gald har- nahmen? Ich ho's do ue!" Edmund Schmeiß zuckte die Achseln. Ten neuesten Berliner Gassenhauer vor sich hin pfeifend und mit dem Fuß den Takt dazu tretend, sah er sich im Zinnner um. Tie beiden Alten bcriethcn sich inzwischen halb- laut. Einen Rest Geld hatte der Bauer noch im Kasten liegen. Es stammte von dem Korn, das er nun doch vor ein paar Tagen verkauft. Da er aber die Michaeliszinsen und Abgaben davon bezahlt hatte, war nicht viel übrig geblieben. Es langte in keinem Falle zur Deckung des Wechsels. Kalter Schweiß stand dem alten Manne auf der Stirn. Starren Blickes, mit bebendem Unterkiefer, Die Neue Welt. Illustrirte IlnterIalwngsbeilage. 79 auf dem Stuhle zusauiuicngebrocheu hockend, bor er einen kläglichen Anblick. Die Bäuerin redete ihm zu.„No, Alter, no! ha ack Karrasche! Dar Herr werd schun, und ar werd a Briukel Geduld hau." Dann wandte sie sich an den jungen Mann. Mit schmeichlerisch uuterthänigen Blicken und Mienen, streichelte sie ihm ehrfurchtsvoll die Hand:„Ncwohr, lieber Herr, Se wem meenen Mann a Brinkel Zeit lau. Mir versprachen och und mir wern uns Mihe gahn, mir wern Alles abzahlen— mit dar Zeet." Edninnd Schmeiß erwiderte in kühlem Tone: Das kenne er schon. Darauf könne er sich nicht einlassen. Er habe den Wechsel als einen„feinen" gekauft. Harrassowitz habe ihm gesagt, Herr Büttner sei ein solider Mann. Er habe sicher darauf ge- rechnet, heute sein Geld zu erhalten; habe sich mit anderen Geschäften schon darauf eingerichtet. Er müsse daher Deckung verlangen. Falls er sie nicht erlange, sehe er sich genöthigt, den Rechtsweg zu beschreiten. „Se wern uns doch ne verklag'n wnlln?" rief die Bäuerin entsetzt aus. Das sei sein gutes Recht, erwiderte der junge Mann. „Herr Gutt, in Deinem Himmel droben!" rief die Frau. Sie griff sich an den Mund mit zitternden Fingern, jammerte, leise vor sich hin weinend:„Moan, Rioan, was sull denne anu aus uns warn!" Der Bauer stöhnte. Eine namenlose Angst hatte sich der beiden alten Leute bemächtigt. Ihre Begriffe vom Recht waren äußerst verwirrte. Hinter jeder Klage drohte ihnen gleich das Gefängniß. Dem Richter wie dem Ad- vokaten stand man gleichmäßig schutzlos gegenüber. Sie sahen bereits im Geiste den Gerichtsvollzieher ihre letzte Kuh aus dem Stalle führen. Wenn Jener es zur Klage trieb, dann war Alles verloren. Der wackere Büttnerbauer, der in zwei Feld- zügen manche Probe von Beherztheit abgelegt hatte, zitterte wie Espenlaub. Aller Witz schien den sonst besonnenen Mann verlassen zu haben. Mit angst- vergrößerten Augen, haltlos, jeder Würde vergessend, hing er, der Sechziger, an den Mienen und Blicken dieses jungen Menschen, in dessen Wohlgefallen er sein Geschick beschlossen glaubte. Edmund Schmeiß zog eine umfangreiche goldene Zylindenihr, deren Deckel er aufbringen ließ.„Ich muß fort!" rief er,„draußen wartet eine Dame aus mich. Adieu, Herrschaften!" Er wollte zur Thür. Die Bäuerin lief ihm nach, hielt ihn, beschwor ihn, flehte, er möge bleiben. „?lber, bitte, dann etwas plötzlich! Wenn Sie noch was wollen. Zeit ist Geld." Das Ehepaar berieth von Neuem. Der alte Alaun erschien wie schwachsinnig. Er sagte zu Allem, was ihm die Frau vorschlug, ein klägliches„Ich weeß nischt, ich weeß nischt!" „Ich will Ihnen mal was vorschlagen!" meinte der junge Schmeiß,„damit wir mit dieser Sache endlich zu einem Resultate kommen; denn es fängt nachgerade an, mich zu ennuyiren!— Geben Sie mir, was Sie an baarcm Gelde im Hanse haben. Für den Rest schreiben Sie mir ein neues Akzept, verstehen Sie? Der Wechsel mag laufen bis Ultimo Dezember. Dafür nehme ich natürlich Zinsen. Zehn Prozent ist mein Satz bei Dreimonatsakzepten und drei Prozent Provision. Das ist noch sehr koulant, in Anbetracht dessen, daß Ihre Bonität zweifelhaft ist.— Also einverstanden?" Der Bauer hatte nichts begriffen; nur so viel glaubte er zu verstehen, daß er von der Gefahr einer Klage befreit werden sollte. Er eilte nach seinem geheimen Kasten, schloß auf und zählte mit zitternden Händen auf den Tisch, was er an Geld dort vor- gefunden hatte. Es kam um eine Kleinigkeit mehr als hundertnildzwanzig Mark zusammen. Edmund Schmeiß zählte die Reihen blanker Thaler noch ein- mal durch. Den Rest von kleinerer Münze schob er dem Bauern hin.„Nickel nehme ich nicht!" Dann »ahm er einen goldenen Bleistift zur Hand, der an seiner llhrkette befestigt war, und begann, Zahlen niederzuschreiben.„Also hundertundzwanzig Mark ber Kassa erhalten. Bleiben zweihundertundachtzig Mark in Schuld. Nicht wahr, Herr Büttner?" Der Bauer bejahte nach einigem Ueberlegen.„Mit Zinsen und Kosten, Sie verstehen: Provision und Depot- ziusen für Harrassowitz inib mich, Alles in Allem dreihuudertundsechzig Mark. So viel sind Sic mir also nach Zahlung der hundertuudzwanzig Mark noch schuldig. Treihundertuudsechzig. Bitte sich die Zahl zu merken! Nunmehr geben Sie mir ein neues Akzept über die eben genannte Summe— verstanden? Den alten Wechsel vernichte ich dann vor ihren Augen. So, das ist ein klares Geschäft." Er entnahm seinem Tascheubuche ein Formular. „Uebrigens," sagte er, sich scheinbar unterbrechend, „dreihuudertundsechzig Mark, das ist gar keine Summe. Mir fällt da gerade etwas ein. Künstlichen Dünger können Sie ja in der Landwirthschaft immer ge- brauchen. Auch Kraftfutter könnte ich Ihnen preis- Werth besorgen; bei der schlechten Heuernte in diesem Jahre werden Sie das ja sowieso nöthig haben. Ich kann Ihnen gerade noch etwas Erdnußkuchen abgeben.— Schreiben wir sechshundert Mark, also! Für die restirenden zweihundertnudzwanzig Mark,— nicht wahr— liefere ich Ihnen künstlichen Dünger und Kraftfutter. Dann ist die Affaire glatt— nicht wahr?" Der Bauer sah den jungen Menschen mit leeren Augen an. „Verstehen Sie nicht, Herr Büttner? Die Sache ist nämlich furchtbar einfach." Er rechnete dem Alten das Ganze noch einmal vor.„Einverstanden?" Der Bauer bedachte sich eine Weile, dann meinte er kleinlaut, von künstlichem Dünger habe er in seinem Leben nie etwas wissen mögen und Kraftfutter könne er auch nicht brauchen, da er sich mit Hülfe des Grummets durch den Winter zu schlagen hoffe. Er bäte, ihn mit solchen fremden Sachen zu verschonen. „Schön!" sagte Edmund Schmeiß.„Wie Sie wollen, Herr Büttner!" Er erhob sich und knöpfte seinen Rock zu.„Ich glaubte, Ihnen sehr weit entgegen gekommen zu sein. Aber, wenn Sie freilich nicht wollen..." Von Neueni schritt er zum Ausgang, wieder holte ihn die Bäuerin ein, und erreichte mit ihren Bitten, daß er blieb.„Moan, Pauer, bis ack ver- ninftg!" redete sie dem Gatten zu.„Wenn der Herr und ar kimmt Der su entgegen. Nimm ack Ver- stand an und greif zu, was er Der gahn werd." Der Büttnerbauer saß mit gesenktem Haupte da, keine Widerrede kam mehr von seinen Lippen. Die Bäuerin eilte geschäftig, das Tintenfaß herbeizuholen. „Werd Sie och die Feder rächt sein," fragte sie in einschmeichelndem Tone den jungen Mann, um seine Gunst und Huld mit dem Lächeln ihres alten, zahn- losen Mundes buhlend.„Se missen entschuld'gen, bei uns werd ne ofte wos geschrieb'n." Edmund Schmeiß füllte eines der Formulare aus. Sowie der Biitttierbauer seineu Namen darauf geschrieben hatte, zerriß er das alte Akzept und reichte dem Bauem die Stücke; das sei nunmehr erledigt. Dann ging er. In der Thür noch rief er: „Die Maaren erhalten Sie in der nächsten Zeit in Natura geliefert, Herr Büttner. Natürlich prima! — Empfehle mich." Draußen auf der Dorfstraße erwartete ihn seine Freundin mit Sehnsucht. Sie hatte inzwischen die Sehenswürdigkeiten von Halbenau in Augenschein ge- nommen: Kirche, Pfarre, Schule, das Armenhaus, das Spritzenhaus. Weiter gab es nichts zu sehen hier draußen. Die Gemeiudepfütze war schmutzig von den Gänsen, die dort Tag ein Tag aus ihr Wesen trieben, die Häuser meist klein und ärnilich, die meisten nur mit Sttoh gedeckt. Und die Kinder, welche dort im Straßenstaube spielten, ungekämmt und ungewaschen, mit laufenden Nasen, waren nach Ansicht der Dame höchst ekelhaft zu nennen. Ein paar Frauen kamen vom Felde herein. Breithacken auf den Schultern, Henkelkörbe darüber. Junge Burschen folgten. Schon von Weitem faßte man die fremdartige Erscheinung aus der Dorfgasse ins Auge. Die Mädchen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen, die Burschen lachten und stießen Jene an. Die Städterin war entrüstet über die dörfische Zudringlichkeit und ließ den Schleier herab. Nun kam der Trupp heran. Die jungen Männer blickten der Fremden ins Gesicht, die Mädchcu gingen mit unterdrücktem Kichern vorbei.„Saht ack! Die hat a Mickennetze!" rief Jemand. Daraus allge- meines Gelächter. Als Edmund Schmeiß die Freundin einholte, fand er sie außer sich vor Empörung über die Roh- hcit des Dorfpacks. XI. Gustav Büttner hatte zum letzten Male Dienst gethan. Ein schwermüthiges Gefühl überfiel den jungen Mann, als er seine„Kastanie", die braune Stute, die er als Remoute zugeritten hatte, in ihren Stand zurückführte. Er wies den Stalldienst zurück, der dem Unteroffizier das Pferd abnehmen wollte, sattelte und zäumte die Stute selbst ab und legte ihr die Stalldecke mit besonderer Sorgfalt auf. Während er das Pferd versorgte, suchte das Thier an seinen Rocktaschen schnuppernd nach dem Zucker, den er ihr jeden Morgen aus der Kantine mitzubringen pflegte. Sie stieß ihn ordentlich an mit dem Maule, als wolle sie ihn mahnen, daß er ihr die fälligen drei Stückchen Zucker endlich herausgeben solle. Heute war es eine ganze Düte voll. Er verfütterte den Zucker laugsam, Stück für Stück. Die Braune schniefte vor Wonne in lauggezogenen, tiefen Tönen, blähte die Nüstern und trat vor Vergnügen und gieriger Wonne von einem Beine auf das andere, während er daneben stand und ihr den Hals klopfte, mannhaft gegen die Thränen ankämpfend. Der Abschied von dem Pferde war das Schwerste. Auch von einzelnen Kameraden trennte sich Gustav ungern. Aber, im Großen und Ganzen— das merkte der junge Manu zu seinem eigenen Befremden beim Abschiednehmen— waren die Bande doch sehr lockere und leichte gewesen, die ihn an die Truppe und das Soldatenleben geknüpft hatten. Der Herr Rittmeister war auf Urlaub. Das that dem Unteroffizier von Herzen leid. Bor diesem Manne, der für ihn das Ideal eines Vorgesetzten gewesen war, für den er willig sein Leben gelassen hätte, würde Gustav gern noch einmal stramm gestanden haben. Der würde auch sicher zu Herzen gehendere Worte beim Abschied gefunden haben, als der Premierlieutenaut, welcher erst vor Kurzem zur Eskadron gekommen und ohne jene verttautere Be- Ziehung war, wie sie bei längerem gemeinsamen Dienen sich wohl auch zwischen Vorgesetzten und Untergebenen entwickelt. Seine Extrauniform hatte Gustav an einen neu- gebackenen Unteroffizier verkauft; er behielt nichts zurück als die Miitze, ein paar Knöpfe und einen Faustriemen zur Erinnerung an die Dienstzeit. „Mit dem Reservistcustocke", wie es im Licde heißt, trat er die„Heimathrcise an". Die Nacht durch lag er auf den verschiedenen kleinen Bahn- strecken, die er benutzen mußte,»in von der Provinzial- Hauptstadt in diesen entlegenen Winkel zu gelangen. Dann wanderte er ein Stück zu Fuß und traf am Morgen in Halbenau ein. Das Dorf trat ihm allmälig ans den Herbst- nebeln entgegen, welche die Flur umfangen hielten: Dach um Dach, Zaun um Zaun, Baum um Baum. Er kannte sie alle. Ein wunderliches, ihm selbst unbekanntes, wehmiithiges Behagen überkam den jungen Menschen. Fünf Jahre hatte er in der Kaserne gelebt, hatte ein Heim nicht mehr gekannt. Freilich, mit der Stadt ließ sich das hier ja nicht vergleichen; aber diese Strohdächer, diese Lehm- wände, die bretterverschlageneu Giebel hatten doch etwas in sich, das keine Pracht städtischer Häuser- fronten zu ersetzen vermochte: es war die Heimath! Nun bog er in den Weg ein, der nach dem väterlichen Gute führte. Schon von Weitem blickten ihn die Dachfenster des Wohnhauses wie große, schwermllthige Augen an. Aus der Küchenesse wirbelte gelblicher Rauch in den grauen Herbsthimmel hinaus. Die Mutter kochte also bereits das Mittagbrot, womöglich sein Lieblingsgericht ihm zu Ehren. Hier kannte er nun jedes Steinchen, jedes Aestchen, jeden Riß und Fleck im Mauerwerk. Eine geringfügige Reparatur, die der Vater am Dachfirsten hatte vor- nehmen lassen, fiel ihm sofort als eine Veränderung auf. Je näher er kam, desto mehr beschleunigte er seine Schritte, bis er schließlich fast im Trabe in das Gehöft einlief. 60 Die Heue Hielt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Er fand die Frauen im Hanse. Vater und Bruder wurden aus dem Schuppen herbeigeholt. llebertriebeue Zärtlichkeit herrschte nicht beim Wieder- sehen. Nur die Mutter ließ sich etwas von der Freude anmerken, welche sie empfand, ihren Liebling wieder ganz im Hause zu haben. Gustav frühstückte, zog seine guten Kleider ans und machte sich dann, trotz der überstandenen Reise, gemeinsani mit Vater und Bruder an die Arbeit. Gesprochen wurde dabei nichts zwischen den Männern. Gustav hatte zwar manche Frage auf dem Herzen iiber den Stand der Guts- und Geld- angelegenheitcn, iiber die er seit seinem letzten Urlaub zu Ostern nichts wieder vernommen hatte— denn Briefeschreiben war nicht gebräuchlich unter den Büttners— aber er bezähmte seine Neugier einst- weilen. Er kannte den Vater zu genau, der das Gefragtwerden nicht liebte. Wenn sich etwas Wichtiges inzwischen ereignet hatte, würde er es schon noch erfahren. Beim Mittagessen fiel dem eben Zurückgekehrten die gedrückte Stimmung der Seinen auf. Kaum, daß gesprochen wurde iiber Tisch. Halblaut flüsternd, mit scheuen Blicken nach deni Vater hinüber, der finster und wortkarg in seiner Ecke saß, langten die Kinder sich von den Speisen zu. Die Mutter sah bekümmert drein. Karl machte sein dümmstes Gesicht, ließ es sich aber, wie gewöhnlich, ausgezeichnet schmecken. Therese sah noch gelber und verärgerter aus, als früher. Bei ihr konnte Gustav es darauf schieben, daß er zurück gekommen war. Er kannte die Gesinnung der Schwägerin nur zu gut.— Toni gefiel dem Bruder garnicht. Es fiel ihm auf, daß sie ihm nicht gerade in die Augen blicken konnte. Ernestine allein schien nicht angesteckt von der allgemeinen Nieder- geschlagenheit. Das Ntädel blickte dreist und keck drein mit ihrem spitzen Näschen und den pfiffigen Augen. Irgend etwas war hier nicht in Ordnung, das mußte sich Gustav sagen. Nach dem Essen erklärte er dem Vater, er wolle sich Stall und Scheune be- sehen. Er meinte im Stillen, dem Alten würde es Freude machen, ihm die Thiere und Vorräthe per- sönlich zu zeigen, wie er bisher nur zu gern gethan hatte, wenn der Sohn aus der Fremde zurück kam. Aber der alte Mann brumnite etwas Unverständliches zur Antwort und blieb in seiner Ecke sitzen. Gustav ging also allein. Späterhin kam ihm Karl nach. Gustav fragte den Bruder, was eigentlich los sei mit dem Alten. Karl machte den Mund zwar ziemlich weit auf, brachte aber nicht viel Gescheites heraus. Gustav verstand nur so viel aus den unzusammenhängenden Reden des Bruders, daß in der letzten Zeit Herren ans der Stadt beim Vater gewesen seien, von denen er viel Geld bekommen habe, und über Kaschelernsten habe der Bauer gesagt, er solle sich in Acht nehmen, wenn er ihn nial unter die Fäuste bekäme.— Gustav nahm die erste Gelegenheit wahr, wo er sich mit seiner Mutter unter vier Augen sah, um sie zu befragen. Da erfuhr er denn das Unglück in seiner ganzen Größe. Ihm war im ersten Augenblicke zu Muthe wie Einem, der einen Schlag vor den Kopf bekommen hat. Daß die Vermögenslage des Vaters eine miß- liche sei, hatte Gustav ja gewußt, aber daß er geradezu vor dem Zusainmenbrnche stehe, das war eine Nachricht, die ihn wie ein Blitzstrahl ans heiterem Himmel traf. Auch das ein Unglück selten allein kommt, mußte der junge Mann an sich erfahren. Die Mutter verhehlte ihm nicht, in welchem Zustande sich Toni befinde. Gustav gerieth außer sich vor Zorn. Was ihn am meisten ergrimmte, war, daß die Seinen es verabsäumt hatten, den Atenschen, von dem sie das Kind unter dem Herzen trug, zur Rechenschaft zu ziehen. Nun war der Lump nicht mehr im Dorfe. Alan wußte nicht einmal genau, wohin er gezogen sei. Die Aussicht, ihn zu belangen, war gering. Und in solche Verhältnisse hinein sollte er eine junge Frau bringen! Er hatte ja in der letzten Zeit von nichts Anderem geträumt, als von dem Plane, seine Jugendliebe, Pauline Katschner, heimzuführen. Er hatte sich gedacht, fllr's Erste könnten sie auf dem väterlichen Hofe wohnen, bis sich für ihn ein selbstständiger Lebenserwerb gefunden haben würde. Und nun drohte hier Alles, was eben noch so sicher geschienen, znsamnienzubrechen.(Fortsetzung folgt.) Aus öfiii Papierkorb der Zeit. Die Kntstel)rttrg der Zeitung. I. In der Reihe der modernen Kulturfaktoren steht wohl die Zeitung obenan. Sie ist für den auf der Höhe der Bildung feiner Zeit Stehenden unentbehrlich, wie sie andererseits die einzige Brücke ist, die den Ungebildeten oder in seinen literarischen Bedürfnissen Anspruchslosen mit dem geistigen Leben verbindet. Das gesamnite, so vielgestaltcte und bunte Leben und Wissen der Zeit findet seinen vollendetsten Ausdruck in jener Hochfluth bedruckten Papiercs, die täglich und stündlich in die weite Welt hinausgeht! die Zeitung ist das erste und wichtigste Glied in der Kette der inodernen Verkehrsmittel. Trotz der hohen BcdeuNmg der Zeitung als eines der ersten Verkehrs- und Bildungsmittel lvaren die An- fange des ZeiKingswesens bis vor nicht zu langer Zeit in Dunkel gehüllt. Erst den Forschungen Büchers, an die wir uns im Folgenden vornehmlich anschließen, und mehrerer anderer Gelehrten verdanken wir eine erschöpfende Darstellung der Geschichte der Zeitung. Wie der Brief und das Zirkular ist auch die ZciMng aus dem Bedürfniß der Nachrichtenvcrmittclung und der Verwendung der Schrift zur Bcstiedigung dieses Be- dürftiisscs entsprungen. Während sich jedoch der Brief an einzelne, das Zirkular an mchrcre bestimmte Personen tvendct, ist die Zeitung für viele unbestimmte Personen bestimmt. Die Einrichtung der Zeitung als einer rcgel- mäßigen Sammlung und Versendung von Nachrichten setzt ein räumlich weit verbreitetes Interesse an den öffentlichen Dingen oder ein größeres Verkehrsgcbict mit zahlreichen wirthschaftlichcn Beziehungen und Interessen- Verknüpfungen voraus. Es liegt auf der Hand, daß beide Voraussetzungen erst in später Zeit eintrafen. Weder auf die acta diurna populi Romani(Tagesberichte des römischen Volkes) noch auf die aeta Senatus(Protokolle der S euatsverhandlungen) läßt sich der Zvitungsbegriff anwenden. Das Wort Zeitung kommt im vierzehnten und fünf- zehnten Jahrhundert auf. Ursprünglich bedeutet es,„was in der Zeit geschieht", also ein Erciguiß der Gegenwart, in übertragenem Sinne sodann eine Nachricht über ein derartiges Ereigniß. Insbesondere lvaren damit gemeint Berichte über die politischen Zeitläufte, wie sie die städti- scheu Kanzleien von anderen Städten oder einzelnen Rathspersonen, zu denen sie Beziehungen unterhielten, in Briefen oder Beilagen zu solchen empfingen. Diese Berichterstattung lvar freiwillig und beruhte auf Gegen- seifigkeit. Gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts fand brieflicher Austausch von Nachrichten zivischen hoch- gestellten Personen des öffentlichen Lebens und der Wissenschaft bereits in größerem Umfange statt. In der Folgezeit machte sich bald das Bestreben, Nottzen plan- mäßig zu sammeln, kund. Aus den großen Verkehrs- Mittelpunkten, namentlich den Handelsstädten, wo Nach- richten und Neuigkeiten aller Art zusannncnströmten, gingen Briefe und Bricfbeilagen mit diesen Neuigkeiten als„Zeitungen" und„neue Zeitungen" in alle Welt hinaus. Diese Briefe trugen noch privaten Charakter und drangen nichl ins Volk: sie waren vornehmlich au Fürsten, Staatsmänner, Universitätslehrer, Geistliche, Börsenmänner usw. gerichtet. Als Quellen der Zeimngcu kamen zumeist die Berichte von Landsknechten und Brief- boten, die Mittheilungen von durchreifenden Fremden, besonders Kaufleuten, Studenten, Gesandten u. dergl. in Betracht. Bald war eine größere Reihe von Städten zu Sammelpunkten fiir die verschiedenen Arten von Nach- richten geworden; vielfach walteten dort ständige Kor- respondenten von Fürsten, großen Kaufherren usw. ihres Amtes. Eine besfimmtc Form und durchgreifende Organisation nahm eine derartige Nachrichtenvermittelung zuerst in Italien, doch auch schon früh in Deutschland an. Bereits im fünfzehnten Jahrhundert ließ der Rath von Venedig Zusamnienstellungen von Berichten über wichfige Vorgänge anfertigen und in Zirkulardepcschm seinen auswärtigen Beamten schicken(fogli d'avoisi. Später ließen angesehene Venetianer von diesen offiziellen Be- richten Abschriften nehmen und versandten diese an ihre Geschäftsfreunde und sonstigen Bekannten; im sechzehnten Jahrhundert hatte sich auf dem Rialto in Venedig ein be- sonderes kaufmännisches Nachrichtenbureau gebildet. II. Mit der Ausbildung der Botenkunst, der Einrichtung der Post von den österreichischen Niederlanden nach Wien nahm auch in Deutschland der Nachrichtendienst eine be- mcrkenswerthe Organisation an. In der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts waren bereits an verjchie- denen Orten Korrespoudenzenburcaux eingerichtet, wo Nachrichten gesammelt, redigirt und regelmäßig an die Abonnenten versandt wurden. In diesen Zeitungen, von denen sich mehrere Sauinilungen au» Weimar, Leipzig und anderen Städten erhalten haben, herrschten die poli- tischen Nachrichten vor; über Handel und Verkehr wurde Weniges und nur selten berichtet. Die großen Handels- Häuser organisirteu bald ihren Nachrichtendienst selbst und richteten eigene Zeitungen ein. Auch hatten Fürsten und Städte ihre eigenen Avisenschreibcr(Zeitunger, Novellisten). Daß diese— durchtveg geschriebenen— Zeitungen bei ihren natürlich ziemlich hohen Preisen in das Volk gedrungen sind, ist nicht anzunehmen. Einen erheblichen Aufschwung nahm das ZeitungS- wefen in Paris. In den unruhigen, vom Kriegslärm erfüllten Zeiten des sechzehnten und siebzehnten Jahr- Hunderts bildeten sich dort besondere Zirkel, die Neuig- leiten aller Art austauschten und erörterten. Mit der Zeit orgauisirten sich diese nouvellistes, veranstalteten regelmäßige Zusamnienkünfte, richteten besondere Redak- tions- und Kopirbureaux ein und getvanuen zahlreiche Abonnenten in der Stadt und in den Provinzen. Auch diese nouvslles k la main, die bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts dauerten, wurden nicht gedruckt; nur von einzelnen Nummern, die für weitere Kreise bestimmt lvaren, veranstaltete man Eiublattdrucke. In Deutsch» land nannte man diese Berichte Nsvrv Zeitunge. Zuerst kommt die Bezeichnung Zeitung für derarfige gedruckte fliegende Blätter 1505 auf; daneben finden sich die Namen: Mär, Brief, Relation, Kurier, Fama, Aviso usiv. Oft war der Titel mit vielen reklamehaften, wunderlichen Zusätzen versehen. Hauptquelle dieser Druckblätter waren lange Zeit hindurch gesckiriebene Neuigkeitsbriefe. Ten ersten gedruckten periodischen Nachrichtensanimlungen be- gegnen wir im sechzehnten Jahrhundert. Besondere Er- wähnung verdienen die sogenannten„Postteuter", Jahres- Publikationen nach Art der politischen Jahresiibcrsichteu in den Volkskalendern. Daneben druckte man halb- jährliche Nachrichlenzusammcnstellungen(rolationes soins- stralss) und„Meßrelafionen", von denen die Frankfurter, später die Leipziger weiteste Verbreitung fanden. Tic erste gedruckte Wocheuzeifiuig kam in Straßburg heraus. Mit dem Beginn tc» dreißigjährigen Krieges vermehrte sich die Zahl der gedruckten Wochenschriften aufs Schnellste. Das erste Land, in dem in regelmäßigen Fristen erschei- nende gedruckte Zeifiingen erschienen, war Teutschland; England folgte im Jahre 1622, Frankreich im Jahre 1631. Die Geschichte der Zeitung ist kurz; sie umfaßt nur wenige Jahrhunderte. Eine kleine Spanne Zeit hat genügt, einen Kulturfaktor ins Leben zu rufen und all- seifig auszubilden, dessen gewaltigem Einfluß sich auch der dem öffentlichen und geisfigen Leben Fernstehendste nicht zu entziehen und mit dem sich kein zweiter an Ilmfang und Reichhaltigkeit der Bildungsclemente zu messen vermag. u. — ego S ch n i h c L". Eine der sonderbarsten Anwendungen, die der Mensch von der Venlnnft gemacht hat, ist lvohl die, es für ein Meisterstück zu halten, sie nicht zu gebrauchen, und so, mit Flügeln geboren, sie abzuschneiden. Die Lertheidigung des Mönchthums gründet sich gewöhnlich auf ganz eigene Begriffe von Tugend, denen nicht unähnlich, die Einer von der Wissenschaft hahen müßte, um die Tollhäuser für Akademien derselben zu erklären. Wenn ich je eine Predigt drucken lasse, so ist eS über das Vermögen, Gutes zu thun, das Jeder besitzt. Der Henker hole unser Dasein hieniedcn, wenn nur allein der Kaiser Gutes thun könnte. Jeder ist Kaiser in seiner Lage. Die schönen Weiber werden heutzutage mit unter die Talente ihrer Männer gerechnet. Man muß in der Welt und im Reiche der Wahrheit frei untersuchen, es koste, was es wolle, und sich nicht darum bekümmern, ob der Satz in eine Familie gehört, worunter einige Glieder gefährlich werden können. Die Kraft, die dazu gehört, kann sonstwo nützen. Nachdruck des Inhalts verboten? Alle fiir die Redaktion der„Neuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Berlin, 3VV lv, Beuthsttaße 2, zu richten. «erantworlt. Redattnir: Edgar Stetger, Letpzlg.— Verlag: Hamburger Buchdruclerei u. VerlagS.uistall Auer Si Eo., Hamburg.— Druck: Mar Babing, BerUu.