Nr. 11 H Cul c r h all itiiß s b eil a 9 e. 1898 ci tr 3 C i c 6. 's ist wieder Närz geworden- Vom Frühling keine Spur! Tin kalter Hauch aus Norden .Erstarret rings die Klur. 's ist wieder Närz geworden, �Närz, wie es ehdem war: Nlit Blumen, mit verdorrten, Erscheint das junge Jahr. Nit Blumen, mit verdorrten? 9 nein, was soll der Scherz? Gar edle Blumensorten Bringt blühend uns der Marz. Seht doch die„Pfaffenhütchen": Den„Bittersporn", wie frisch! Von den gesternten Blüthchen Bleich farbiges Gemisch! Der �llärz ist wohl erschienen. Doch ward es Krühling? Nein! Ein Tenz kann uns nur grünen Im HreiHeitssonnenschein. Wie üppig die„Nim ose»", Das„Sittergras" im Sand!— Wann kommen„rothe Bosen" Und überblühn das Eand? 55m 3rpi(chcnckvk. Memoiren eines Auswanderers. Von Johannes Gaulkc. (Fortsetzung.) IV. vervintt Tag. Allerlei Zwischrofälle. LieHcriagsschlacht. �er Morgen des vierten TagcZ brach an. Der Himmel war leicht bedeckt, das Meer erregter als Tags zuvor, am Horizont bemerkte man Nebelbildungen, das Zeichen, daß ein Wetterwechsel bevorstehe. An der Schiffsreinigung betheiligte ich mich mit erhöhtem Eifer, mein Cowboyfreund schien eine sichtliche Freude darüber zu empfinden, daß ich mich so gut anließ, und mit verständnißinnigcm Blick reichte er mir zur Belohnung seine Schnapsflasche, die sein steter Begleiter war. Durch den Alkoholgenuß angeregt— vielleicht hatte auch schon die Gewohnheit meine Ansprüche ge- mäßigt— mundete mir der Morgeninibiß vortrefflich, auch wußte ich unserem obligaten Suppenknochen zu Mittag einige schmackhafte Seiten abzugewinnen. Das System der Selbstverwaltung unserer Futter- eimcr, das sich bis dahin vorzüglich bewährt hatte, sollte heute eine energische Anfeindung erfahren. Unserem, von den meisten„Kerls" mit Mißtrauen beobachteten Pensionär, dem jungen Russen, war heute das Reinigungsamt zugefallen. Dieser Kämpe für die„große Sache", der stets ein eifriger Kostgänger unserer„Tafel" gewesen war, wies die Znmuthung, nun selbst einmal praktisch fiir das Gemeinwohl zu wirken, indem er unseren Futtereimer einer Reinigung unterzog, mit dem stolz'en Bemerken zurück, daß er Niemanden bediene, da dies seinem Jndividualitäts- bewußtsein widerstrebe. Während unsere„Schlo- waken" sich bereits den Freuden der Tafel Hingaben, saßen wir noch da mit leerem Magen vor einem leeren Futtereimer. Unser Russe war verschwunden und uns blieb daher nichts weiter übrig, als einem Anderen das Amt zu übertragen. Ueber diese in- dividualistischcn Herrenallüren des jungen Russen brach natürlich ein Sturm der Entrüstung unter den „Kerls" aus, der seinen Höhepunkt erreichte, als der Wackere plötzlich mit seinem Teller erschien und sein Mittagsmahl begehrte. Biel fehlte nicht, und man hätte ihn weidlich durchgeprügelt, vielleicht das rationellste Heilmittel gegen das Uebermenschenthum, das der Russe in die Praxis zu übertragen ver- suchte. Ich legte mich ins Mittel, indem ich den Vorschlag machte, unserem bisherigen Kostgänger die Nahrung zu entziehen, bis er zur Erkenntniß seines Unrechts gelangt wäre, auch empfahl ich, unsere „Schlowaken" von der Resolution in Kenntniß zu setzen, damit der Verurtheilte hier nicht Aufnahme fände. Ein kleiner, beweglicher russisch-polnisch-gali- zischcr Jude, der der Schlowakenabtheilung angehörte und bei allen wichtigen Staatsaktionen zwischen beiden Mächten als Unterhändler fungirte, übermittelte die Resolution. Ein wildes Gelächter, ein wuchtiger Aufschlag mit den Fäusten belehrte uns darüber, daß in diesem Punkte völlige Harmonie zwischen beiden Reichshälften des Zwischendecks herrschte. Das Urthcil war hiermit rechtskräftig geworden und die Abendmahlzeit unterrichtete uns darüber, daß die Vollstreckung desselben von beiden Seiten strikte inne gehalten wurde. Während des Nachmittags bildete diese Affäre das Gesprächsthema im Zwischendeck, ein Jeder gab seiner Wuth auf seine eigene Art Ausdruck. Ich entsinne mich noch auf ein kleines, lustiges Schneider- lein aus Siiddcutschland, das sich mit einem wunder- baren Verständniß seinem Berufe schon äußerlich angepaßt hatte, er humpelte und hatte sich über- dies jene charakteristische Rückenwölbnng zugelegt, die den übrigen Menschen um Haupteslänge über- ragte.„Lausbub vertrackter," fauchte er den In- dividualistcn an,„der Ozean soll Dich verschlingen, der Walfisch ftessen," dabei ballte er seine knöchernen Hände zu einer Faust und wackelte höchst ergötzlich hin und her, sobald er des Russen ansichtig wurde. Der Tag sollte uns noch ein anderes Intermezzo bringen. Aus dem Zwischendeck vernahm man Plötz- lich einen markdurchdringenden Schrei, dann dumpfe Schläge. Ich eilte hinunter und sah, wie die „Schlowaken" einem ihrer Landsleute mit großer Andacht und mit noch größeren Riemen eine weid- liche Tracht Prügel applizirten. Noch sprachlos über diesen ungewöhnlichen Vorgang, trat der kleine Jude zu mir und mit vor Erregung zitternder Stimme erzählte er mir, daß der„Schlowak" seine Uhr ge- stöhlen hätte.„Was würd ich geben, wenn ich se hätt wieder gekriegt auf rechtlichem Weg, es thut mer ja leid um den armen Mann, was hat ge- stöhlen de Uhr. Aber Se müssen wissen, lieber Herr, daß se is'n altes Erbstück vom Großvater seliger aus'm Großherzogthum."— Aus dem Geschwätz unseres Unterhändlers vernahm ich, daß der„Schlo- wak" ihm die Uhr heimtückisch in der Nacht ent- wendet hätte. Mit der seiner Rasse eigenen Ver- schmitztheit ging auch unser Jude ans Werk, um den Thäter aufzuspüren. Er hatte nämlich den „Schlowaken" gedroht, den Fall dem Kapitän mit- zutheilcn, und dann würde sie Alle die Strafe treffen, die auf den Diebstahl steht— und das Schiffsreglenient ist gerade nicht von sentimentalen Menschen erdacht. Die„Schlowaken", von vornherein überzeugt, daß nur einer der Ihrigen den Diebstahl begangen haben könnte, nahmen unter Assistenz des Stewards eine allgemeine Leibesvisitation vor, und so wurde der Thäter schon entdeckt, bevor er noch Zeit fand, die Uhr besser zu verbergen. Von einer Anzeige des Diebes sah man ab, da man in be- rechtigtem Nationalstolz sich nicht seiner Hohcitsrechtc begeben wollte, und so wurde die Sühne in der eben geschilderten Form vollzogen. Doch Leid und Lust folgen einander wie Zwillings- brüder. Gegen Abend sah man den Delinquenten wieder 83 Die Neue A?elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. friedlich mit seinen Richtern Und Strafvollstreckern Karten spielen, nur sein schleppender Gang und die sorgfältige Behandlung, die er jenem arg geschändeten unaussprechlichen Körpertheil angedeihen ließ, deuteten auf eine ungewöhnlich unzarte Behandlung des edlen Organs hin.— Man sieht,»m wie viel bessere Menschen doch die Wilden sind; in der zivilisirten Ge- sellschaft ist jeder llngliicksvogel, der in einer schwachen Stunde die Eigenthnmsbegriffe verwechselt hat, noch lange nach vollstrecktet' Strafe als Aussätziger ge- stempelt; hier unter den„Schlowaken" betrachtet man die Vergehen der lieben Mitmenschen von höheren Gesichtspunkten. Jene neue Erkenntniß der Straf- theoretiker, daß das Verbrechen der Ausfluß einer krankhaften Veranlagung des Menschen sei und die Strafe daher nicht als die Sühne, sondern als eine Art Erziehungsmittel zu betrachten wäre, ist in der Praxis dieser Herrschaften längst zum Axiom ge- worden. Essen und Trinken, Stehlen und Räubern werden als gleich nützliche und angenehme Thätig- keiten empfunden, nur die sich aus ihnen ergebenden Konsequenzen sind mehr oder weniger angenehmer Art für den Thäter. Hierin gipfelt das nioralische Bewußtsein unserer„Schlowaken".— Gegen Abend war das Wetter recht nngemiithlich geworden, so daß„Kerls" wie„Schlowaken" es vorzogen, ins Deck zu gehen, auch übte die heutige Abendmahlzeit eine besondere Anziehungskraft ans die Zwischendecker aus: Pel&wtoffeln und Hering! Dieses Proletariergericht wird als eine ganz besondere Delikatesse im Zwischendeck geschätzt, nur zweimal wird es in der Woche verabfolgt, dann wird eine wahre Treibjagd aus diese edlen Meeresbewohner veranstaltet, ein Jeder versucht so viele wie irgend möglich von ihnen zu erhaschen, alle Bande der Disziplin sind gelockert, selbst meine Autorität als Stubenältester wird nicht mehr respektirt. Da der Hering selbstverständlich im Urzustand verabfolgt wird, d. h. ungereinigt, wie er eben dem Fasse entnommen ist, so ist Jeder, der irgend welche ästhetische Be- denken gegen diese Zubereitung hegt, gezwungen, ihn an der„Tafel" zu reinigen. Alle lleberbleibsel, wie auch die Kartoffelschalen, und selbst ganze Kar- toffeln, die meistens schon stark in Fäulniß über- gegangen sind, fliegen kurzer Hand unter den Tisch. Man kann sich kaum eine Vorstellung von dem Zustande im Zwischendeck nach solch einer Heringsschlacht machen, der Fußboden, bedeckt mit Speiseabfällen, macht den Eindruck, als hätte hier jenes nützliche Borstenthier mit dem garstigen Nanien gehaust. Wer nicht die Behändigkeit eines Tanzlehrers besitzt, läuft unbarmherzig Gefahr, auf diesem Schmutz auszugleiten. Natürlich tragen auch die Heringskadaver, deren eigenartiger Geruch die bereits vorhandenen Odenrs durchströmt, nun auch noch ihr Theil zur Verschlechterung der Atmosphäre bei. Diesem zweifelhaften kulinarischen Genuß folgte die geistige Erbauung, die nur nunmehr mein Cowboy, wie allabendlich, angedeihen läßt. Es war eine stimmungsvolle Szene, wie wir Beide hingekauert am Eingang zum Zwischendeck saßen, der Wind pfiff uns um die Ohren, unheimlich brüllte das Meer, wie das Grollen eines schwer verwundeten Tigers, von Zeit zu Zeit spritzte eine naseweise Welle über Bord, als wollte sie sich erkundigen, wie es den Menschen hier erginge. Der alte„P. Calland" ächzte in allen Fugen, dazwischen mischte sich das monotone„Klipp, Klapp" der Maschine, düstere Rauchwolken entstiegen dem Schornstein, die sich bald in dem aufsteigenden Nebel verloren. Ein größerer Sturm war im Anzüge. Heute war mein Cowboy außerordentlich gut auf- gelegt, er machte den Eindruck, als hätte er der Schnapsflasche mit ganz besonderem Behagen zu- gesprochen. Den übrigen Zwischendeckern gegenüber beobachtete er immer noch eine kühle Reserve, ich war der Einzige, der sich seines Vertrauens und seiner Freundschaft rühmen durste, lind sein Ver- trauen kannte heute keine Grenze, er zeigte mir seine Briestasche— an Bord ein gar gefährliches Be- ginnen—, die von Hundertmarkscheinen und größeren Dollarnoten strotzte, lieber die Herkunft des Geldes erging er sich in allerhand Widersprüchen, einmal sollte es eine Erbschaft sein, die er in Deutschland angetreten hatte, dann wollte er es wieder im femcn Westen erworben haben, in seiner Eigenschaft als Cowboy oder Soldat. So schwankend, wie seine Angaben über seine Thätigkeit, waren auch die über seinen Besitz. Dann ging er ans seine Zukunfts- Pläne über, das Cowboyleben hätte er satt, er wollte nun wieder zur See gehen und sich einen Schmuggler- kutter, wie sie zwischen den westindischen Inseln und dem Kontinent verkehren, zulegen. Ein recht ge- sahrvoller Beruf— in den südlichen Gewässern stehs das Menschenleben bekanntlich nicht zu hoch im Kurs, aber es waren damit auch wieder recht angenehme Abenteuer verbunden, und dann warf das Schmngglerhandwerk einen derartigen Verdienst ab, daß nian reichlich für alle Gefahren entschädigt wurde. Wenn man auch dann und wann einen Menschen „kalt" machen müsse— das wäre Alles nicht so schlimm, so ließ sich mein Cowboy weiter vernehmen, man muß nur erst den Anfang damit machen! Ntir graute vor meinem neu erworbenen Freunde.— Ein durchdringend klagender Ton brach unsere Unterhaltung über dies interessante Thema ab. Gerade nicht in der gehobensten Stimniung suchte ich mein Lager auf, mein Schlaf wurde oft unterbrochen durch das heftige Schaukeln des Schiffes oder durch den grausigen Ton des Nebelhorns, und in meine Träume verwoben sich die Worte des Cowboys: Es wäre garnicht so schlimm, einen Menschen„katl" zu machen.— Ja, die Gewohnheit!— V. ver sünstt Hlld sechste Tag. Her Sturm. Am Vormittag des heutigen Tages setzte das Wetter mit erneuter Heftigkeit ein, die Wellen spritzten in immer kürzeren Zwischenräumen über Bord, das Schiff war in dichten Nebel gehüllt, bald näher, bald ferner vernahm man ein dumpfes Rollen, wie das Geknatter von Tausenden von Musketen. War es ein ferner Donner oder die Detonation des Meeres?— Es war nicht festzustellen. Die Luken des Zwischendecks waren bereits alle geschlossen, nur der Haupteingang war noch zur oberen Hälfte geöffnet, die untere war mit Brettern versetzt. Während des Vormittags hatte ich mich mit dem Cowboy in der Küche aufgehalten, fiir welche Bevorzugung wir zu allerhand kleinen Dienst- leistungen vom Personal herangezogen wurden, als da sind: Kartoffelschälen, Geschirrwaschcn, Aus- fegen usw. Um die Mittagsstunde begab ich mich ins Zwischen- deck, um meines Amtes zu walten, die Abfütterung war bald erledigt, da die meisten„Kerls" wieder von der Seekrankheit gepackt waren. Der Aufent- halt war unter diesen Umständen selbst am Tage kein idealer, und ich machte, daß ich wieder hinaus- kam. Aber, o Jammer, o Graus! Die Eingangsthür hatte nian in Anbetracht des stürmischen Wetters inzwischen fest verschlossen, und ich hatte damit die Auwartschaft, vielleicht mehrere Tage in dieser Hölle zu verbringen. Der Gedanke allein schon ließ mich erschauern. Das Tageslicht drang nur schwach in unsere Räume, daher wurden einige trübe Petroleum- lampen angezündet. Nunmehr bot sich mir die unfrei- willige Muße, alle Sonderabtheilungcn des Zwischen- dccks einem eingehenden Studium unterziehen zu können. Ich stieg die Treppe, die von dem Lichtschacht in die„ Familien"kabine führt, hinunter. Das Elend, das sich hier unverhüllt unseren Blicken entrollt, spottet jeder Beschreibung. Der Brodem, der dieser Pest- höhle entsttömt, betäubte mich fast, die Hand vor Mund und Nase gehalten, wagte ich nur zu athmen, die Junggesellenabtheilung ist im Verhältniß zu dieser Höhle ein paradiesischer Ort. Hier waren Atenschen aller Nationen und Rassen, beide Geschlechter und Altersklassen in kleinen Sonderabschlägen zusamnien- gepfercht. Die Meisten wälzten sich, von heftigen Schmerzen geplagt, auf ihrer Streu umher, Andere saßen, in stumpfer Ruhe den Kopf in die Hände gestützt, vor den wenigen Tischen, ans den umher- stehenden Kisten und Koffem kauerten in Lumpen gehüllte Weiber und waren unablässig bemüht, ihre wimmernden Kinder zu beschwichtigen. Junge Mäd- chen, kaum dem Kindesalter entwachsen, denen diese verruchte Umgebung den Rest des Schamgefühls ge- raubt hatte, trieben ihre zotigen Späße mit halb- wüchsigen Rangen. Alte Weiber warfen dazwischen zynische Bemerkungen, während die Männer fluchten und schimpften oder ihren Unmuth der Schnaps- flasche anvertrauten. Hier fand ich auch unsere Ber- liner Landsleute wieder, denen ich am ersten Tage im Hafen von Amsterdam begegnet war; der Mann hatte während dieser Zeit überhaupt nicht sein Lager verlassen, während seine bessere Hälfte doch dann und wann einen schüchternen Versuch gemacht hatte, das Teck zu erklimmen. Auch den Italienern war alle Lust zum Singen und Springen vergangen. Am grausigsten waren aber die Zustände in der Familienkabine der russischen Inden. Mit dem dieser Rasse eigenen Hang zum Schmutz hatten sie auch hier Alles vermieden, was ihr Elend mildern könnte. In schmutziger Habgier hatten sie in den Betten alle möglichen Speisereste aufgehäuft, neben Heringen, die auch von ihnen als besondere Delikatesse geschätzt wurden, lagen, in Papierfetzen gehüllt, schmierige Fleischstücke und vertrocknete Semmeln, und darüber wälzte sich ein fetttriefender Judenlümmel. Und im weiten Umkreise war die Atmosphäre von einem penetranten Knoblauchsgestank verpestet. Ich ging weiter. Den Juden gegenüber befand sich die„Schlowaken"-Herberge. In dem Halbdunkel erkannte ich jene Familie, der ich am zweiten Tage an Deck begegnet war; der Zustand der Frau war ein erbarmungswürdiger, von der Seekrankheit ge- plagt, umschlang sie krampfhaft ihren winselnden Säugling, aus ihren tiefen Augenhöhlen rannen Thränen. Ich griff mechanisch in meine Tasche, wie zu besseren Zeiten— sie war leer... Ein heftiger Ruck, begleitet von einem durchdringenden Schrei, ein unheiniliches Rasseln der Schraube— der Sturm tobte mit furchlbarer Gewalt. Man konnte sich nur noch tastend weiter bewegen, einige Leute wurden aus den Bettstellen geschleudert, umher- stehende Kisten zertriimmert— ein allgemeines Chaos. Diese grausige Szenerie wurde von den qualmenden Lanipen gespensterhaft beleuchtet. Unaufhörlich schwankte das Schiff, gegen die Wandungen polterten die Wogen, als wenn sie Einlaß begehrten. Auch der Beherzigtsten bemächtigte sich eine stumme Furcht. Ein junges Mädchen, nur nothdürftig bekleidet, mit aufgelösten Haaren, warf sich wild aufschreiend einem fremden Manne an den Hals:„Rette mich... Hülfe!... ich gehe ja unter!"— War die Unglückliche plötzlich irrsinnig geworden? Dann sank sie ohnmächtig zusammen. Mitleidige Menschen trugen sie in ihr Bett zurück. An einem seitlichen Tisch saßen mehrere Burschen, die zuvor der Schnapsflasche eifrig zugesprochen hatten. Unter wüstem Gelächter, mit branntweinheiserer Stimme begleiteten sie diese Szene mit nnfläthigen Redensarten.... Wieder ein heftiger Stoß, die Schraube war über Wasser gehoben und rasselte schauerlich, als wenn das Schiff bersten sollte. Die ganze Gesellschaft flog unter den Tisch und bearbeitete sich gegenseitig. Inzwischen betrat der Kapitän und der Schiffs- arzt das Familiendeck; eS war die Jnspektionsstunde. Letzterer wurde bald von Unglücklichen aller Art umringt. Der Eine verlangte ein Mittel gegen die Seekrankheit, der Andere wollte ins Lazareth gebracht werden, auch beklagte man sich über die schlechte Verpflegung und den Schmutz.„Unsinn", war die kurze, ablehnende Erwiderung. Dann holte der Arzt aus der Westentasche einige Pillen, das Universalheilmittel gegen alle Schäden im Zwischen- deck, und vertheilte sie äußerst freigebig unter den Bittstellern. Nur der Frau mit dem kranken Säug- ling widmete er einige Aufmerksamkeit. Er ver- ordnete ihr eine Exttaration und dem Säugling Milch, zuckte die Achseln und knurrte im Weiter- gehen:„Wenn heute Abend nicht besser, dann ins Lazareth," wovon die Frau kein Wort verstand. Damit verließen die Schiffsgewaltigen das Familien- deck, man schien mit dem Gesundheitszustand der Passagiere im Ganzen zufrieden zu sein. Die Eni- täuschten aber machten sich Luft in wilden Ver- wünschungen; man schimpfte in ohnmächtiger Wuth, stieß Drohungen aus, aber die menschliche Stimme verhallte in dem Getöse der Elemente, kein Hoff- Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 83 nungsstrahl, keine Linderung der Qualen. Dann verfiel die Masse in ein dumpfes Brüten, eine Schwüle breitete sich über den Raum aus; mich beschlichen bisher unbekannte Gefühle... Hier haust das Gespenst der Arnmth, der physischen und nwralischen Verkommenheit und der Verzweiflung, dazu gesellt sich die wahnsinnige Furcht vor einem elenden Untergang, vor dem nassen, kalten Grabe. Das grauenerregende Milieu des sozialen Elends! Von den Menschen zu den Thieren. Unweit der Familienkabine, mehr im Mittelpunkt des Schiffes, finden wir verschiedene Stallungen für das Schlacht- und Federvieh. Welche Gegensätze! Dort ein Ekel erregendes, von den elendesten Menschen bewohntes Verließ, hier ein gut ventilirter, peinlich sauber ge- haltener Raum. Er hatte aber auch die hohe Bestim- mung, das Vieh, das den saftigen Braten für die Tafel der Kajüte liefert, zu beherbergen. Da lohnt es zentriren. Dann versuchte ich mit dem neben mir stehenden Mann, der mit der einen Hand an einem eisernen Träger sich festhielt, während er mit der anderen das Buch hielt, ein Gespräch anzuknüpfen. Er war einer von den wenigen Leuten im Zwischen- deck, die sich von dem Getriebe fern hielten; allen Reisegefährten gegenüber beobachtete er stets eine reservirte Höflichkeit, schien aber nicht das Bedürfniß zu empfinden, sich dem Einen oder Anderen näher anzuschließen; meistens studirte er in englischen Büchern. Heute erfuhr ich, daß ich es mit einem politisch Verfehmten zu thun hatte. Die Polizei- organe hatten ihm das Leben in den verschiedensten deutschen Städten so unerträglich wie irgend möglich gemacht, so daß er, der ewigen Nachstellungen über- drllsfig, freiwillig dem Vaterlande den Rücken kehrte. Er wollte nach Chicago, wo schon viele deutsche Flüchtlinge vor ihm eine neue Heimstätte gefunden Zeichnung finde. Eingeschlossen, der Freiheit beraubt, man wußte nicht, ob man das Sonnenlicht wieder begrüßen durfte.... Wenn sich nur etwas ereignen wollte, etwas Ungewöhnliches, nur nicht hier in dumpfer Einsamkeit von einer tödtlichen Langeweile gegnält werden! Mein Kopf brannte wie höllisches Feuer. Man fragt in diesen Augenblicken nicht viel nach Sein oder Nichtsein. Nur heraus aus dieser Pesthöhle!— den Elementen entgegen.... Wenn er nur bersten wollte, der alte Kasten!— Eine Schiffskatastrophe! Grauenhaft schöner Gedanke! Ich begann, mich an ihm zu berauschen. Wo gab es etwas Größeres, ein Schauspiel von gewaltigerer Tragik?— Ein paar hundert Menschen, die ihr bischen Lebeir den Elementen abringen wollen.— Lächerlich!.... Und ich sah sie, in wahnsinniger Furcht rasend, aus der Kajüte stürzen... Madame im tiefsten Negligöe, der Herr Gemahl im Nacht- Erster Angriff der Kavallerie ans de sich schon der Mühe, dem kostbaren Gut eine sorg- fältige Pflege angedeihcn zu lassen! Für die Flltte- rung und Reinigung dieser bevorzugten Thiere hatten zwei Burschen Sorge zu tragen, während man für die Instandhaltung des Zwischendecks kaum die Arbeitskraft eines Menschen zur Verfügung stellt! Ich kehrte in unsere Abtheilung zurück. Ein ähnliches Bild, nur etwas gedämpfter im Ton. Nur unsere„Schlowakcn" ließen sich das Unwetter wenig verdrießen, mit geringer Ausnahme hatten sie sich auf ihr Lager ausgestreckt, apathisch der Dinge harrend, die da kommen lverden. Die wenigen„Kerls" dagegen, die nicht von der Seekrankheit heimgesucht waren, lungerten im Vorraum umher, der ertrag- lichste Ort des gesammten Zwischendecks; die Stim- mung war durchweg eine gedrückte, selbst die Lust am Karten- und Würfelspiel war geschwunden.— Mich plagte die Langeweile in diesem öden, vom Tageslicht abgeschlossenen Raum. Ich versuchte, dem Beispiel eines Reisegefährten folgend, zu lesen — mir fehlte die Kraft, meine Gedanken zu kon- z unbewaffnete Volk vor dem köttigl. hatten. Von außerordentlichem Thatendrang und Lerneifer beseelt, hatte dieser einfache Arbeiter— er war seines Zeichens Zimmermann— sich einen für seinen Stand erstaunlich hohen Bildungsgrad angeeignet; durch Selbststudium hatte er es zu einem leidlichen Verständniß der französischen und englischen Sprache gebracht, nun wollte er die Ueberfahrt dazu benutzen, das Erlernte wieder aufzufrischen. Zur Ehre der Zwischendcckspassagiere sei es gesagt, daß sie eine große Anzahl der höchsten Intelligenzen in ihren Reihen bergen, rastlos kämpfende Männer, die Pioniere der Kultur für den fernen Westen. Dumpf rollten noch immer die Wogen über Bord, grausig ertönte das Nebelhorn, dann wieder ein Krachen und Stöhnen, wie die Sterbelaute eines Ungeheuers, so oft sich die Schraube über den Wasserspiegel erhob. Diese beängstigenden Geräusche aller Art wechselten in fast regelmäßigen Zwischenräumen bis in die Nacht hinein... eine schauerliche Harmonie, das Präludium zu einer wahnsinnigen Katastrophe... Mich beschlichen Stimmungen, für die ich keine Be- chlvsse in Berlin am IB. März 1848. Hemde und Schlafmütze.— Aber wo lassen Sie die Konvenienz, meine.Herrschaften?—— In dichten Schaaken stürzen sie aus dem Zwischendeck, Männer, Weiber, Kinder. Verzweiflung malt sich in ihren Zügen, Todesfurcht und Wnth; gleich lvilden Bestien. schlagen sie um sich, was nicht mit konnte, wurde zerstampft. Der Starke hat das Recht, lieber den Haufen fällt die Scheidewand, Kajüte und Zwischen- deck, Menschen ersten und zweiten Grades sind über- wnndene Begriffe. Und hoch über Allem thront die Natur, die mitleidslose; wild heult der Sturm, höher rollen die Wogen, ohne Unterschied Alles mit sich fortreißend, Schiffsmasten, Segel, Planken, Menschen- leibcr. Dann hatten sie das Herz des Dampfers berührt.... Wild spritzte die Gischt— ein Knall und Alles ist porüber.... Und immer tiefer sank das Wrack.... Welch eine erhabene Ruhe dort unten! Meine Schläfen pochten nicht mehr.——— Ich schlief. -!-* 84 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Wie lange ich geschlafen hatte, vermag ich nicht festzustellen. In einer Ecke des Vorraums war ich plötzlich von einer mir sonst unbekannten Müdigkeit überwältigt worden. Als ich erwachte, dasselbe Bild: im Umkreise eine schwüle Ruhe, die nur von dem Aechzen der Seekranken unterbrochen wurde; die Monotonie des Raumes wurde von einigen qualmenden Petroleumlampen gespensterhaft beleuchtet. Und wieder begann es in nieinen Schläfen zu hämmern, ein ent- vor Kälte, war ich nicht mehr Herr über mich selbst. Dann verfiel ich wieder in einen wüsten Traum, aus dem ich durch das Getöse der Maschine und die Bewegung des Dampfers aufgeschreckt wurde. Dieser Zustand wechselte während des ganzen Tages, dazwischen drängten sich immer und immer wieder die Bilder von der Schiffskatastrophe. Verschiedentlich versuchte ich, mich zu erheben, aber willenlos sank ich auf mein Strohlager zurück. Meine Reise- Wunderdinge vollbracht— einige meiner Mitgefährten führten allerdings diese schnelle Ueberwindung des Fiebers auf die Universalheilpille zurück, die ich, nebenher bemerkt, garuicht verschluckt hatte— nun, einerlei, die alte Lebenscuergie war zurückgekehrt, und ich fand die Kraft, mich von meinem trostlosen Lager zu erheben. Eine kalte Abreibung im Wasch- räum hatte die Lebensgeister wieder vollends in mir geweckt._,,(Fortsetzung folgt.) sctzlicher einseitiger Kopfschmerz raubte mir fast die Besinnung, dazu eine allgemeine Mattigkeit, und dann erfastte mich eine merkwürdige Angst. Tastend bewegte ich mich nach unserer Abtheilung, nur von dem instinktiven Gefühl beherrscht, mich niederzulegen. Die schlechte Ernährung, die Aufregung des vorigen Tages und die entsetzliche Atmosphäre hatten diesen Zustand hervorgerufen. Aber jetzt achtete ich nicht mehr meiner furchtbaren Umgebung, ich war froh, daß es niir noch gelungen war, mein Bett zu erklimmen. Während des nun folgenden Tages lag ich wie festgebannt; bald in Schweiß gebadet, bald klappernd rusze Barrikade vor dem Ratlzlzause. gefährten, die bald erkannt hatten, in welch einer elenden Lage ich mich befand, nahmen sich meiner auf das Wohlwollendste an; der Eine reichte mir Essen, aber es war mir unmöglich, einen Bissen zn mir zn nehmen; ein Anderer, der es zweifellos noch besser mit mir meinte, holte den Schiffsarzt herbei — mit einer Universalpille aus der Westentasche fand auch mein Krankheitsfall seine Erledigung. Es mag wohl spät Abends gewesen sei», als sich meiner ein wohlthätiger Schlaf bemächtigte. Ich erwachte erst am anderen Morgen, als es wieder lebendig im Zwischendeck wurde. Der Schlaf hatte jlus öni Htrllm WrztlUil I N IS. est der Ansrufniig der Republik anl 24. Februar in Paris war die erwartungsvolle Spannung und das Vorgefühl eine« immer unvermeidlicher erscheinenden Ausbruches auch überall in Deutschland verbreitet. Sehr begreiflicher Weise richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit nach Berlin, der Hauptstadt Preußens, dessen Volk im Kriege gegen Napoleon so viel ftir die Abschüttelung des fremden Joches gethan, dessen Regierung sich am Die Aeue Welt. Illuftrirte Unterhalwngsbeilage. 85 längsten und starrsten wei- gerte, das Volk mündig zu sprechen. Dazu herrschte damals in der Hauptstadt Preußens große materielle Roth und Arbeitslosigkeit. Die Arbeiterftage meldete sich mit Macht als die wich- tigste der neueren Zeit an, freilich, ohne daß die dazu Berufenen ihre Auf- gaben lösen, ihre Gefahren hätten beschwören können. Der alte Apparat versagte den neuen Verhältnissen gegenüber den Dienst; man inußte einsehen, freiere In- stitulionen wie neue Bahnen und Adern des LebenSpro- zesses seien dringend nöthig; vor Allein regte sich das alte Sehnen nach einer Einigung des gesaminten deutschen Volkes in verfassungs- mäßiger Ausgestaltung, d. h. ausgestattet initGrund- rechten und einer den Willen des Volkes rein darstellenden Volksvertretung. Dein König von Preu- ßen, Friedrich Wilhelm IV., schwebte etwas der Art auch vor, freilich nialte er sich das Zukunftsbild wesent- lich anders aus, als sein preußisches, als das deut- sche Volk. Petitionen aus den verschiedenen Provinzen gelangten an den König, Vsrrikadenfzene am Mexandrrplstz. welche Preßfreiheit und ein deutsches Parlament be- gchrten. Ohne daß ein Versamm- lnngsrecht bestand, kamen Versammlungen in dem vor dem Brandenburger Thor gelegenen Vergniignngsort Unter den Zelten zusammen, obgleich nach noch bestehen- dem Recht die Veranstalter der Festnngsstrafe verfallen mußten. Am Abend des 13. März — gegen die Vers ammlimgen und Katzenmusiken, wie sie mehrfach in Szene gesetzt worden waren, waren Ver- böte erlassen, auch seit den letzten Tagen die Truppen in den Kasernen schlagfertig bereit gehalten— versammelte sich wieder eine un- gehener große Menschen- menge. Es war ein Montag, die Handwerker und Arbeiter feierten, man erzähltesich,die Abordnung der großen Ver- sammlmig, welche dem König des Volkes Beschwerden und Wünsche unterbreiten wollten.(was die Stadt- verordnctenmehrheit ihrer- seits abgelehnt hatte), solle nicht empfangen werden, denn zur Berufung des Land- tages fehle es an Vor- lagen. Zensnrfreiheit(nicht Preßfreiheit) stellte man in Aussicht, doch dürfe diese Das Palais des Prinzen von Preuszen zu Berlin am 20. März 1848. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 86 erst mit einem Preßgesetz eintreten, obgleich rings um Preußen bereits Preßsreiheit herrschte. Der König hatte erklärt, er lasse sich nicht drängen, was er gebe, gebe er freiwillig. Starke Truppenposten ans dem Schloßplatz, an allen Straßenecken und Brücken, besonders nach dem Thiergarten zu ans- gestellt, erregten das Volk noch mehr; selbst der Polizeipräsident von Piinutoli hielt das für über- flüssig, ja für einen Fehler. Die Aufregung wuchs immer mehr, aber Ar- beiter selbst bestiegen Stühle und riefen:„Wir wollen Freiheit, vollständige Freiheit, ohne Exzesse!" Die Aufforderung eines Kommissars und eines bewaffneten Gendarmen an das Volk, nach Hanse zu gehen, hatte die Vertreibung derselben bis zur Wache am Brandenburger Thor zur Folge. Aiili- tärische.Hülfe, Leibgarde, Dragoner, Kürassiere, Ulanen, Fußsoldaten rückten an. Sie begnügten sich nicht damit, das Volk zu vertreiben, sie hieben scharf ein. Um Mitternacht trat Ruhe ein. Auch der 14. März verlief ruhig. Die Einberufung des Landtages auf den 25. April war das Ergebniß eines am 13. März gehaltenen Ministcrrathes; Versammlungen wurden neuerdings wieder verboten, daneben in dem königlichen Patent „die Wiedergewinnung der alten Größe Deutsch- lands" und„freie Jnstitntioneu" in Aussicht gestellt. Besonders niißfiel die Vertröstung auf einen in Dres- den abzuhaltenden Kongreß der Fürsten; das Wort Kongreß hatte keinen guten Klang mehr; man dachte dabei sofort an Karlsbad und Wien. Am 15. März Abends kam es wieder zu Zu- sammenstößen zwischen Militärpatrouillen und Volk. Die Aufstellung und Bewegung von Truppenmasscu steigerten gegen sieben Uhr die Aufregung ganz ge- waltig, besonders in der Nähe des Schlosses, wo das wehrlose Volk zu seinem Schutz in den benachbarten Straßen kleine Anfänge von Barrikaden machte. Verwundungen durch das Militär, Hetzjagden auf einzelne Leute, Niederhauen Mehrerer— Zimmermann meldet von sechs— reizten das Volk, mit Steinwürfen zu antworten. Ein friedlicher Hand- schuhmacher, v. Haake, hatte eben seinen Laden schließen wollen, war von einer Patrouille überfallen und mit Säbeln niedergehauen worden. Von Mißhandlungen, Verwundungen, Zer- störnugen von Thüren, Fenstern und Läden durch das Militär am 15. März erzählte nian sich, und die Erbitterung im Volke wuchs mächtig an. Eine versprochene Untersuchung der Vorgänge vom vorigen Tage beruhigte nicht, man glaubte nur sicher zu werden durch Zurückziehung des Militärs. Eine weitere Steigerung der gespannten Stimmung brachte die Kunde vom Sturze Metternichs und den Er- folgen der Wiener Volksbewegung. Schon war in der Nähe des Schlosses längst Fußvolk, Reiterei und viel Geschütz aufgestellt, als das Volk eine Wache am köllnischcn Rathhanse in der Breiten Straße vertrieb. Um sieben Uhr marschirte Infanterie ans dem Schlosse: das Volk warf sich von dem gesäuberten Platz in die nächsten Straßen, flache und scharfe Hiebe fielen, auch von Schuß- Waffen wurde Gebrauch geniacht, während nur ein Theil des Volkes, Arbeiter mit ihrem Handwerks- zeug bewaffnet waren. Tie erste Salve kam aus dem Schlosse, die zweite fiel in der Spreegasse. Selbst ein eben dienst- freier Offizier in Uniform wurde so verwundet, daß er zusammenstürzte. Immer lauter wurde der Ruf nach Waffen. Am 16. März wurde der Antrag auf Bildung einer allgemeinen Bürgerwehr in der Stadtvcrord- netensitzung mit 61 gegen 31 Stimmen abgelehnt. Nun traute der vierte Stand dem Bürger nicht mehr, der auf den„Schutz" des Militärs verwies und Männer mit Stäben und weißen Binden, mit der Aufschrift„Schutzwache", für genügend hielt, die der Berliner Volkswitz„Leicheubitter" benannte, und die vielfach selbst vor dem Militär flüchten mußten. So die vor dem Palast des Prinzen Er- schiencnen, die sich in die Neue Wache flüchteten. Da wird die Trommel gerührt und der Angriff auf die dichtgedrängte Volksmasse erfolgt so schnell, daß ein Sichznriickziehen und Zerstreuen kaum mög- lich gewesen wäre. Man trug das Gerücht um, die Artillerie sei zur Mitwirkung befohlen gewesen. Um sechs Uhr war der Smatsrath zusammen- berufen worden: die amtliche Kunde der Wiener Vorgänge war eingetroffen. Am 17. März wurde die Zensuraufhebung ver- kündigt, am 18. kündigte der König sein Eintreten für Verwandlung Deutschlands aus einem Staaten- buud in einen Bundesstaat mit Freizügigkeit und Ans- Hebung aller Zoll- und sonstigen Gewerbebetriebs- schranken, Maß-, Münz- und Gewichtseinheit usw. an. Die Einberufung des Landtages ward auf den 2. April vorgerückt. Zunächst folgte allgemein eine hoffnungsfrohe Aufregung. Am 18. März Morgens zog das Volk aus einer Versammlung zu den Stadtverordneten, diese beriefen eine allgemeine Biirgerversammlung auf den Schloßplatz für zwei Uhr Nachmittags. Preß- freiheit und Reformen wurden als bewilligt verkündet und erregten einen allgemeinen Freudenrausch, vor dem der König garnicht zu Wort kommen konnte, der auf dem Schloßbalkon erschien. Ter mißliebige Minister Bodelschwingh forderte das Volk auf, heim- zugehen, er, dessen Entlassung gewünscht und in Aus- ficht gestellt war. Möglicherweise gaben gleiche Aufforderungen von Offizieren den Anlaß, daß der Ruf laut wurde: „Zurück nnt dem Militär!" Da plötzlich fielen— wie weiland zu Paris— aus dem Schloßhof, wie man sagt, zwei Schüsse nach der Breitcnslraße zu.„Verrath! Waffen!" rief das Volk, und die alte langverhaltene Erbitte- rung beim Militär wie beiin Volk von den Vorgängen der letzten Tage her brach vulkauartig plötzlich und wüthend aus. Es ist schwer, Momente zu beschreiben, in denen sich in beschleunigter Eile ein Stiick Weltgeschichte abspielt! Dragoner hieben ein, am Rande des Platzes bei der Stechbahn eutivickelten sich Reibereien, aus den Schloßportalen fiel eine Salve ans das fliehende Volk. Der Kamps begann. Barrikaden erhoben sich, in mancher Straße zehn und mehr, im Ganzen etwa vierhundert; man rief und suchte nach Waffen. Die Artillerie ließ ihre Geschütze spielen. Bei der Borsig- scheu Fabrik vor dem Thor nahmen die Arbeiter und Studenten ein paar bespannte Militärgeschiitze, ans denen man auf sie geschossen hatte, als nian sie abzuspannen trachtete. Angst und Wuth steigerten sich von Sekunde zu Sekunde. Männer, Weiber und Knaben von zwölf und vierzehn Jahren kämpften mit Feuereifer, wie Wilhelm Zimmermann in seinem Buche„Tie deutsche Revolution"(2. Aufl. 1881) erzählt. Unter den Leichen, die der Tag aufklärte, fand man Mädchen in Mannerkleidung mit Kugelwunden, die Waffen in der Hand, auf dem Kampfplatz liegen, wie 1813 und 1815 in dem Kriege, den sie Be- freiuugskrieg nannten.„Das Schlachtfeld in der Nacht vom 18. aus den 19. März war ein wahreres Freiheitsschlachtfeld als das von Waterloo und würdiger der weiblichen Todesweihe." Vierzehn weibliche Opfer tödtete die Kugel oder das Bajonnct in dieser Nacht. Nian beklagt, daß damals um den König nur starre Absolutisten gewesen seien, daß besonders Humboldt und General von Radowitz nicht an seiner Seite waren. Am wenigsten schenkte man dem Prinzen von Preußen Vertraue», den man für den schlimmsten Berather seines Bruders hielt. Ab- ordnungen, die um Einstellung des Kampfes und Zurückziehung des Militärs baten, wurden im Schlosse abgewiesen.„Das geht nicht," antwortete der Prinz von Preußen.„Ich bin ein mächtiger 5zerr, meine Truppen werden iibcr die Ruhestörer siegen," ant- wartete der König. Nian sagt, selbst Offiziere hätten einen Friedensschluß gern gesehen, denn auch das Militär hatte stark gelitten; das Volk schlug sich vortrefflich, militärisch gesprochen.„Die allgemeine militärische Dienstpflicht in Preußen hatte militärische Kenntnisse unter allen Ständen verbreitet"(Zimmer- mann). Und die meisten Kämpfer waren Beschwerden gewohnte Arbeiter. „Der Kampf war schwerer als in Paris, dort hatte das Volk von Anfang an Waffen; dort wurde nicht vom Militär mit Kanonen und Kartätschen aufs Volk geschossen." Die Zahl der Opfer schätzte man auf mehr als das Doppelte der in der letzten Pariser Revolution Gefallenen. Im Schlosse scheint man die volle Wahrheit nicht gekannt zu haben, sonst könnte das Schreiben des Königs:„An meine lieben Berliner" in der Nacht vom 18. auf den 19. März nicht von„vermeintlich vergossenem Blute" reden, das die Auf- rührer rächen wollten.——— Es ist vergebliches Beginnen, den Sieg des Volkes in Abrede zu stellen. Ebenso wenig ist in Abrede zu stellen, daß die Soldaten bei Weitem gransamer und rücksichtsloser auftraten, als die Volkskämpfer. Es war am Abend des 18. März, als in der Hitze des Barrikadenkampfes Bürger und Arbeiter auch in der Oranienstraße die Oeffnung der Hänser und die Beleuchtung der Treppen forderten, um von da aus sich gegen die anrückenden Truppen ver- theidigen zu können. Eine Anzahl Arbeiter erzwingt die Oeffnung des Hauses Nr. 67, stürmt die Treppe hinauf und fordert die Oeffnung des durch einen dünnen Glasverschlag verschlossenen ersten Stockes. Kein Kliugelschild giebt den Namen des Bewohners an. Sie klingeln einige Male, es wird nicht ge- öffnet, sie stoßen die Thür ei». Da erscheint ein alter Herr mit weißem Haar und ftenndlichem Wesen. Er ist erstaunt über den großen Besuch. Als er erfährt, was man will, drückte er sein Bedauern aus, daß man die friedliche Wohnung eines nur den Wissenschaften lebenden alten Nkanues vielleicht zuw. Schauplatz kriegerischer Auftritte macheu würde. „Wer sind Sie denn?" fragt ein Mann aus der Mitte des Haufens. Bescheiden antwortete der alte Herr:„Ich heiße Humboldt."„Wie," rief er, „sind Sie der berühmte Mann Alexander von Hum- boldt?"„Mein Name ist Alexander von Humboldt," sagt der Greis. Augenblicklich entblößen Alle ihr Haupt, beklagen, daß kein Klingelschild den Besitzer der Wohnung genannt habe, weil dann Niemand ihn belästigt hätte, und indem sie sich entfernen, machen sie den unten im Hause wohnenden Leuten Vorwürfe, daß man sie nicht benachrichtigt habe, wer da oben wohne. Eine Ehrenbürgerwache stellten die Volkskämpfer vor das Haus Oranienstraße Nr. 67 und die dort- hin Befehligten rechneten es sich zur Ehre an, sie sprachen mit Stolz davon. Solche Züge stellte das Volk auf als Gegen- stücke zu dem, was sich das Militär und voran adelige Offiziere zu Schulden kommen ließen gegen wehr- lose Frauen und Kinder in den genommenen Häusern Berlins, gegen Greise auf den Gefangenentransporten nach Spandau. Spuren sind nachweisbar, daß das siegreiche Volk hätte weiter gehen können, als es ging. Gegen den Palast des Prinzen von Preußen war der Haupt- andrang gewesen, ihn hatte man zerstören wollen. Doch ein Arbeiter, ein Maurergeselle, wies auf die hart daranstoßende Staatsbibliothek und die Ge- fährdung derselben und ihres unersetzlichen Schatzes hin. Da löschte man die Brandfackeln; ein Maler stieg auf eine Leiter und schrieb au Wand lind Thüren:„Eigcnchum der Nation!" „Bürgergut!"„Schont das Eigenthum!" war au allen Läden der Königstraße zu lesen und au Eigeuthumsfrevlern wurde sofort auf der Straße Volksjustiz geübt.„Es gab keinen Pöbel," schreibt Zimmermann. Einem Hoflieferanten, der drei Polen demmzirt und sie den Soldaten überliefert hatte, als hätten sie durch Geldvertheiluug das Volk gehetzt, wurden seine Vorräthe und Möbel ans der Straße verbrannt. Dasselbe widerfuhr einem Geudarmeriemajor a. D., der zwanzig Waffen suchende junge Leute in sein Haus gelockt und den herbeigerufenen Soldaten ausgeliefert hatte.——— Der Volkssieg ist nicht wegzudisputiren. Das Militär zog ab, die Volksforderungen: andere Minister, Preßfreiheit, Anerkennung des Einheits- sttebens aller Deutschen wurden bewilligt; der Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. König legte die deutschen Farben an, er huldigte den Gefallenen des Kampfes;— die Veilchen der Märzhoffnungen standen in vollster Bliithe—— es kam Alles anders.———— Und doch beruht auf dem tollen Jahre 1848 Alles, was dann weiter geworden ist, vornehmlich alles Gute und alle Fortschritte. Die Geschichte ist da, um aus ihr zu lernen, für Alle, Große und Niedere, hauptsächlich aber zu lernen, die unvermeidlich in der menschlichen Gesell- schaft und der menschlichen Natur begründeten Jnter- essengegensätze und-Kämpfe in immer reineren und edleren Formen zu führen. Neue Verhältnisse, neue Klassenlagerungen, neue Interessen haben sich heraus- gebildet. Der 1848 erst in embryonaler Anlage vor- handene Lohnarbeiterstand ist zu einer mächtigen, großen Klasse mit eigenen Lebensgesehen, mit großen Aufgaben fiir die gesammte Kulturentwickelung der Menschheit geworden. Er hat schon vor-fünfzig Jahren Proben abgelegt davon, was er als politischer und kultureller Fortschrittsträger vermag. Immer mächtiger und immer hochgesinnter wird sich das werkthätige Volk entwickeln und alle seine Anlagen und Kräfte entfalten! Eine Schwäche nach der anderen wird es abstreifen und den Gang der ge- sellschaftlichen EntWickelung erkennend, diesen immer nachdrücklicher fördern, wie Goethes Iphigenie das Land der Griechen, so das Wohl Aller, gleiche Rechte und gleiche Pflichten alles Dessen„mit der Seele suchend", was menschliches Antlitz trägt. Der lSiitirier1?cmer. Roman von Wilhelm von Polenz. - cFortsetzung.) ��)auline erwartete Gustav. Er hatte ihr ge- schrieben, daß er in den ersten Tagen des Oktober in Halbenau eintreffen werde. Das Mädchen ließ sich nicht anmerken, daß sie vor Sehnsucht nach ihm vergehen wollte. Sie vcr- richtete ihre Geschäfte und Arbeiten mit der gewohnten Sauberkeit, aber während sie die Nadel führte, am Scheuerfassc stand, oder am Webstuhl saß, schwännten ihre Gedanken hinaus in die Zukunft. In der Phan- tasie hatte sie sich bereits ein trauliches Heim zu- recht gemacht, für sich und Gustav, den Jungen, und — wer weiß, was mit der Zeit noch dazu kommen mochte. Sie war nicht mehr das unbedacht liebende Mädchen, das sich kopflos mit starken Trieben dem Geliebten in die Arme geworfen hatte; die Mutter hatte in ihr die Oberhand gewonnen. Sie liebte Gustav, den Vater ihres Sohnes, den zukünftigen Gatten und Beschützer ihres Kindes mit tiefgewurzelter, warmer, gleichmäßiger Innigkeit. Sie war so glücklich, daß sie ihn nun ganz wieder haben sollte. Die letzten Jahre waren schrecklich ge- wesen, mit ihren einsamen Nächten, den Zweifeln an seiner Treue und der quälenden Sorge, daß sie ihn ganz verlieren möchte. Nun kam er! Da mußte ja Alles gut werden. Allerdings waren sie Beide arm, und Gustav hatte noch keinen Beruf. Man würde einen schweren Kampf zu kämpfen haben; aber fiir Panline be- deutete das nichts. Ihr lag die Zukunft im rosigen Lichte. Wenn sie nur ihn hatte, den Vater ihres Jungen. Darin war für sie das Wohl und Wehe des Daseins beschlossen. Daß sie ihn halten würde für immer, als den Ihren, ihr allein Gehörigen, bezweifelte sie keinen Augenblick. Sie war sich des Schatzes von an- ziehenden Reizen und erwärmender Liebenswürdig- keit, womit die Natur sie ausgestattet hatte, in naiver Weise bewußt. Ganz umstricken wollte sie den Ge- liebten mit ihrer großen Weibesliebe, daß er gar nie auf den Gedanken kommen könnte, sich ein besseres Loos zu wünschen, oder je wieder nach einer anderen Frau zu blicken. Der Mutter hatte sie erst ganz zuletzt und nur mit einer kurzen Bemerkung angedeutet, daß sie Gustav erwarte. Das Mädchen ließ die Mutter überhaupt nicht viel von ihren Gefühlen erblicken. Frau Katschner hatte der Tochter in jener Zeit, Ivo Gustav nichts von sich hören ließ und das Verhältniß so gut wie aufgehoben schien, zugeredet, von dieser Liebschaft zu lassen; ja, sie hatte es Paulinen nahegelegt, sich nach einem anderen Manne umzusehen. Das hatte Pauline der Mutter nie vergessen. Diese Zumuthung hatte sie an der Stelle verletzt, wo sie am ttefsten und zartesten empfand. Jedem anderen Menschen hätte sie das vielleicht vergeben, nur nicht der Mutter; denn die hätte es verstehen müssen, daß es fiir sie nur eine Liebe gab, in der sie lebte, mit der sie sterben würde. Seitdem war eine Entftemdung eingetreten zwischen Mutter und Tochter. Die beiden Frauen lebten zwar äußerlich in Frieden; es gab keine Zänkerei und keinen Hader. Mit Pauline sich zu streiten, war überhaupt schwer, da sie Alles inner- lich abmachte und nur mit Blicken Widerspruch zu erheben pflegte. Aber die Tochter verschloß sich in ihren wichtigsten Regungen und Gefühlen der Mutter gegenüber, mit der sie doch scheinbar im vertrautesten Umgang lebte. Gegen Vormittag kam Frau Katschner aus dem Dorfe zurück. Sie hatte eine Leinewand zum Faktor geschafft und brachte Garn zu neuer Verarbeitung zurück. Sie verkündete die Nachricht, Biittncrs Gustav sei heute früh in Halbenau eingetroffen. Pauline erzitterten die Kniee; der Mutter gegenüber stellte sie sich jedoch an, als ob die Nachricht ihr ziemlich gleichgültig sei.„So!" meinte sie,„da wird er wohl och hierruf kommen in den nächsten Tagen". Mit dieser äußeren Kühle stimmte der Eiser nicht ganz überein, mit welchem sie Vorbereitungen traf für den Empfang des Gastes. Da wurde ge- kocht und geschmort. Frau Katschner, welche von der herrschaftlichen Küche her allerhand besondere Künste mitgebracht hatte, mußte auf Bitten der Tochter einen feinen Kuchen backen, zu welchem Pauline selbst die Zuthaten beim Krämer holte. Dann kam das Kind an die Reihe. Es wurde mit dem wollenen Kleidchen angeputzt, das Komtesse Ida der jungen Mutter kürzlich zugeschickt hatte. Schließlich machte auch Pauline sich selbst zurecht, ordnete ihr Haar und steckte die Grauatbrochc an, die Gustav ihr früher einmal vom Jahrmarkt mitgebracht hatte. Der Nachmittag zog sich hin in Erwartung des Bräutigams. Zum Kaffee wird er wohl kommen, dachte Pauline bei sich; daß er zu Hause bei seiner Mutter essen würde, war anzunehmen. Die Vesper- zeit verging, er war noch nicht gekommen. Frau Katschner hatte den Kaffee selbst getrunken, damit er nicht umkomme, und de» Kuchen weggeschlossen. Es wurde dunkel in der kleinen Stube. Pauline, die sich den ganzen Tag über lebhafter gezeigt hatte als gewöhnlich, war still geworden. Sie entkleidete den kleinen Gustav seiner Festsachen und brachte ihn zur Ruhe in die Kammer. Frau Katschner hatte die Lampe bereits angezündet, als Pauline wieder ins Wohnzimmer trat.„Nu war ar buch ne gekummen. Pauline!" sagte die Mutter halb mitleidig, halb neugierig, was die Tochter nun anstellen werde; jedenfalls war sie nicht ganz frei von Schadenfreude. Panline erwiderte nichts; in ihrer gespannten, trostlosen Miene lag Alles aus- gesprochen. Jetzt hielt sie es nicht mehr der Blühe Werth, der Mutter gegenüber den Schein der Gleich- gültigkeit aufrecht zu halten. Nichts desto weniger besorgte sie Alles, schaffte und ordnete, wie sie es jeden Abend zu thun gewohnt war. Aber als sie allein war in der Kammer bei dem schlafenden Kinde, brach der zurück gehaltene Jamnier aus. Sie saß auf der Kante ihres Bettes. Die Thränen liefen ihr über die Wangen, unaufhörlich. Daß er ihr das anthun konnte! Er war im Dorfe! Seit dem frühen Morgen schon war er da, und zu ihr hatte er den Weg noch nicht gefunden. So wenig hielt er auf sie, so wenig bedeutete sie für ihn. Das hatte sie nicht verdient um ihn!— So saß sie Stunden lang. Das Kind störte sie nicht. Ruhig lag der Junge in seinem Korbe, mit den gleichmäßig leichten Athemzügen des gesunden Kinderschlummers. Die Kälte, welche von allen Seiten eindrang in die Kammer, seit im Nebenraum das Feuer ausgegangen war, fühlte sie kaum. Ihr Blick war durch die kleinen Scheiben des Schiebe- fensterchens hinaus gerichtet in den Garten, der in Hellem Mondschein lag, wie ein Tuch. Tie alten Obstbäume zeichneten mit ihren krüppeligen Aesten verzwickte Schattenbilder darauf. Wie oft in früheren Zeiten hatte sie hier so gesessen, klopfenden Herzens in die Nacht hinein wartend, ob er wohl kommen werde. Sie dachte an jenes erste Mal, wo er vor ihrem Fenster gestanden. In einer warmen Juni- nacht war es gewesen; nur seinen Kuß hatte sie bis dahin gekannt. Wie er sie da um Einlaß ge- beten! welche Worte er da gehabt hatte! welche Ge- bete und Schwüre! Und jetzt, nachdem sie ihm Alles gestattet, Alles gegeben, was sie hatte, nachdem sie ihm ein Kind geboren und ihm durch schwere Zeiten hindurch die Treue gehalten, jetzt brachte er es über sich, nach langer Trennung, einen ganzen Tag im Dorfe zu sein und nicht zu ihr zu kommen. Die Uhr schlug zehn vom Kirchthurme. Sie starrte noch immer in den Garten. Ihre Thränen waren versiegt. Eine Art von Kälte war auch über ihre Seele gekommen. Mochte es sein, wie es war; es war gerade recht so! Sie wollte den bitteren, feindlichen Gefühlen nicht wehren. Es lag ein Genuß darin, das Unrecht, das Einem widerfuhr, auszu- kosten und Den in Gedanken schlecht zu machen, der es Einem zugefügt. So also hielt er seine Schwüre! Das war wahrscheinlich die Art, wie er sie von jetzt behandeln wollte. Jetzt, wo sie das Kind von ihm hatte, wo sie ihm sicher war, hielt ers wohl nicht mehr fiir nöthig, lieb mit ihr zu sein. Oder ob er seine Pläne inzwischen geändert hatte?— Vielleicht dachte er daran, eine ganz Andere heimzuführen. Er plante wohl gar eine reiche Hei- rath!— Da war Ottilie Kaschel, die Tochter aus dem Kretscham, seine Cousine. Die hätte ihn nur gar zu gern gehabt. Diese alte, widerliche Person! — Aber hieran glaubte Panline selber nicht recht. So schlecht konnte Gustav nicht sein! Und außerdem war sie sich ihrer eigenen Vorzüge doch zu sehr bewußt, die im Wettstreite mit der häßlichen Kret- scham-Tochter den Sieg davontragen mußten. Ob sie ihm etwa zu Hause abgeredet hatten? Mit den alten Büttners stand sie sich ja neuerdings besser; aber da war diese böse Sieben: Therese. Vielleicht hatte die irgend eine Vcrläumdung ersonnen, der Gustav Glauben geschenkt. Er war ja überhaupt so mißtrauisch! Alles glaubte er, was ihm von bösen Menschen Schlechtes von ihr gesagt wurde.„Uebelnehmsch" war er auch. Tagelang konnte er wegen einer Kleinigkeit„mukschen". Und seine Eifersucht! Wenn ein Anderer sie nur mit einem Blicke ansah, war er sofort außer dem Häuschen. Pauline mußte lächeln, als sie an einen Vorgang dachte, beim Kirchweihfest, vor einigen Jahren. Da hatte er sie einem Tänzer aus de» Armen gerissen und sie vom Tanzsaale weggeführt, weil er gefunden, daß ihr Partner den Arm zu fest um sie gelegt hatte. Wie thöricht er sich bei so etwas anstellen konnte! Aber ein lieber Kerl war er doch! Sie hatte gut, ihn mit ihren Gedanken anklagen und sich ein- reden, daß sie ihn Haffe, und daß sie nichts mehr von ihm wissen wolle; das glaubte sie ja Alles selber nicht. Er war und blieb ihr Gustav, ihr Einziger, ihr Herzallerliebster. Morgen würde sie sich aufmachen, ihn aufzusuchen und ihn zur Rede stellen, sei es wo es sei. So scheu und zurück- haltend das Mädchen sonst war, davor hatte sie keine Angst. Es war nicht das erste Mal, daß sie ihn zu sich zurück geführt hatte. Nachdem dieser Entschluß in ihr gereift war, fühlte sie sich sehr ruhig, glücklich geradezu. Sie erhob sich, nahm das Kind aus dem Korbe, hielt es ab und machte sich dann ans Auskleiden. Schnell in die Federn! Die Glieder waren ihr steif ge- worden vom langen Aufsitzen in der Kälte. Sie hatte sich das Deckbett bis an den Hals gezogen und die Augen geschlossen zum Schlummer, als ein leichtes Geräusch an ihr Ohr schlug, draußen von der Hauswand kam es her. Sie fuhr im Bette in die Höhe; den Ton kannte sie. Alles Blut war ihr in einer starken Welle zum Herzen gedrungen. 88 Die Acne Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Noch einmal dasselbe Klopfen an der Lehmwand l Sie war schon am Fenster und schob den Schieber bei Seite. Richtig! Da draußen stand eine dunkle Gestalt.„Gustav?"—„Ja!"—„Ich kumme!" Schnell ein Tuch über die bloßen Arme geworfen! Etwas an die Füße zu ziehen, nahm sie sich nicht erst die Zeit. Dann die Kammerthür nach dem Hausgang geöffnet! so leise wie möglich die hintere HansthÜr aufgeriegelt und aufgeklingt! Im Rahmen' des Thürstocks erschien jetzt seine Gestalt. Sie griff nach Gustavs Hand, leitete ihn, damit er in der Dunkelheit nicht zu Falle komme. Erst als sie ihn drinnen hatte bei sich in der Kammer, den Geliebten, warf sie sich ihm um den Hals, wie sie war, nicht achtend der Kälte und Nässe, die er aus der Nacht mit herein brachte. XU. Tie von Edmund Schmeiß versprochenen Dünge- und Kraftsuttermittel trafen in einem großen Brett- wagen ans dem BUttnerschen Gehöfte ein. Der Fuhrmann übergab einen Lieferschein, der am Kopfe die Firma„Samuel Harraffowitz" trug. Der Büttner- bauer begriff nicht, was das heißen solle. Er hatte doch mit Edmund Schmeiß gehandelt und nicht mit .Harraffowitz. Der Kutscher, den der Bauer darüber ausfragen wollte, wußte auch keinen Bescheid zu geben. Er sei von der Firma S. Harrassowitz be- auftragt, seine Fracht hier abzuladen. Es waren Säcke mit Chilisalpeter und Knochenmehl, und ein Haufen Erdnußkuchen. Der Fuhrmann ließ sich die Empfangnahme vom Bauern quittiren und übergab dann einen Brief. Darin bekannte Samuel Harrasso- witz, Bezahlung für gelieferte Dünge- und.Kraft- futtermittel durch ein von Herrn Edmund Schmeiß an seine Ordre remittirtes Äccept des Bauernguts- besitzers Traugott Büttner in Halbenau empfangen zu haben. Der Büttnerbauer stand rathlos vor dem Papiere. Was bedeutete nun das wieder! Wie viel schuldete er nun eigentlich und für was? Und wessen Schuldner war er? Der künstliche Dünger wurde vom Wagen ge- nommen und in einer Ecke des Schuppens unter- gebracht. Der alte Bauer empfand nichts als Ver- achtnng diesen Säcken gegenüber mit ihrem salzartigen Inhalte. Was sollte dieses Zeug seinen Feldern nützen! Das war ja nur neumodischer Unsinn. Wie konnten einige Handvoll solchen Pulvers ein Fuder Mist ersetzen, tvie neuerdings gelehrte Leute aus der Stadt behaupteten. Mit Ingrimm betrachtete er sich diese Säcke, in denen sein gutes Geld steckte. Gustav dachte anders darüber, als der Vater. Er war während seiner Dienstzeit in vorgeschrittenere Wirthschaftcn gekommen, als die väterliche war, und hatte die Vorzüge der künstlichen Düngung mit eigenen Augen wahrgenommen. Er wußte auch, zu welcher Jahreszeit und auf welchem Boden man die verschiedenen Düngerartcn anzuwenden hatte. Der Vater überließ es ihm, mit dem„Zeugs" anzufangen, was er wollte. Ueber dreißig Jahre hatte er ge- wirthschaftet ohne dergleichen. Er war zu alt, um darin noch umzulernen. Auch in anderer Beziehung machte sich Gustavs Einfluß geltend. Die Kartoffelernte hatte inzwischen ihren Anfang genommen. Der Büttnerbauer wollte, wie in den Jahren bisher, das Ausmachen der „Apern" mit den Seinigen bezwingen. Gustav redete ihm zu, er solle Tagelöhner aus dem Dorfe an- nehmen, wie die anderen Bauern es thaten. Aber der Alte sträubte sich dagegen, er scheute die Aus- gäbe; außerdem, behauptete er, würden ihm Kar- toffeln gestoblen. Die Ernte zog sich dadurch end- los in die Länge, denn außer dem Alten, der die Furchen anfuhr, standen nur acht Hände für das Lesen der Früchte zur Verfügung. Dabei konnte man Toni, die nicht mehr allzu weit von der Eut- bindung stand, kaum mehr als volle Arbeitskraft rechnen. Der alte Bauer zankte und wetterte, daß es nicht vorwärts rücke. Nächstens werde es frieren und die Hälfte der Kartoffeln stecke noch im Acker. Dabei war doch sein eigener kurzsichtiger Geiz und Starrsinn der Hauptgrund der Verzögerung. Da kam Gustav auf einen Gedanken; er schlug vor, Kinder von armen Leuten, Häuslern, Einliegern, Handwerkern, die selbst kein Land hatten, zum Kar- toffellesen anzunehmen und sie mit einem bestimmten Blaß von Kartoffeln zu bezahlen. Der Gedanke leuchtete dem Alten ein. Auf diese Weise brauchte kein baar Geld ausgegeben zu werden, mit dem er in letzter Zeit karger umging, denn je zuvor. Die paar„Apern", welche die Kinder mit fortnahmen, fehlten kaum am Ertrage, und am Stehlen wurden die Kinder auch verhindert, denn sie hatten genug zu schleppen an dem ihnen Zu- getheilten. Gustavs Plan kam zur Ausführung. Eine ganze Rotte von Kindern armer Leute wurde angenommen und in wenigen Tagen war die Ernte beendigt. Ter Büttnerbauer konnte mit dem Ertrage zu- frieden sein. Tie Kartoffel war in diesem Jahre gut gediehen. Die Nässe im frühen Sommer hatte das Wachsthum des Kräutichs befördert und die Wärme und Trockenheit des späteren Sommers war der Eutwickelung der Knollen zu Gute gekommen. Die Früchte waren zahlreich, groß und gesund. Ein wahrer Segen für die Armen, deren Hauptnahrung für den Winter gesichert war. Der Keller unter der BUttnerschen Scheune reichte in diesem Jahre nicht annähernd, um die Hackfrüchte sämmtlich auf- zunehmen. Gustav gab daher seinem Vater den Rath, nur Kraut und Rüben in den Keller zu nehmen, und an Kartoffeln so viel, wie man für Haus- und Viehstand im Winter voraussichtlich brauchen würde, das klebrige aber auf freiem Felde einzumiethen. Der Bauer folgte auch darin dem Rathe des Sohnes. Der plötzliche Preissturz, den die Kartoffel gleich darauf erlitt— welcher mit der allgemein gut ausgefallenen Ernte zusammenhing— konnte ihn belehren, daß er recht daran gcthan habe. Für das Frühjahr durfte man mit Wahrscheinlichkeit auf ein Anziehen des Preises rechnen. Die Herbstbestellnug verlief unter günstiger Witterung. Zeitig bedeckten sich die Felder mit dem zarten Grün des aufgehenden Winterkorns. Ein milder Spätherbst gestattete es, bis tief in den November hinein zu pflügen. Als die ersten Flocken nieder- gingen, konnte der Landmann dem mit Ruhe zu- sehen; es war Zeit für den Schnee. Die Ernte war geborgen, der Acker vorbereitet für die Früh- jahrsbestellung, und die Winterung gut aufgegangen. Mit dem BütMerbauer war eine Wandlung vor sich gegangen in der letzten Zeit. Er war milder geworden und friedfertiger gegen die Seinen. Die wilde Hast hatte aufgehört, mit der er während des Sommers die Arbeiten betrieben hatte. Er ließ Frau und Kindern größere Freiheit, die Weiber durften im Hauswesen wieder schalten. Bis auf das Vieh herab erstreckte sich seine freundliche Stim- mung. Die Pferde erhielten wieder das ihnen ge- bllhrende Maß Hafer und dankten ihrem Herrn bald dafür durch besseres Aussehen. Sich selbst gönnte der Bauer jetzt auch wieder Schlaf und Nahrung. Die guten Folgen davon bekam zunächst die Bäuerin zu spüren; er erschreckte sie Nachts nicht mehr durch Selbstgespräche und unheimliches Umgehen. In der Kirche war er bald wieder der Aufmerksamsten einer, und der Pastor bekam ein freundlicheres Gesicht zu sehen, als den Sommer über. Das waren die segensreichen Folgen von Gustavs Rückkehr ins Vaterhaus. Seit er seinen zweiten Sohn wieder bei sich hatte, schien der Büttner- bauer wie umgetauscht. Dabei ließ er es den Jungen garnicht mal merken, wie große Stücke er auf ihn hielt und was sein Rath und seine Hülfe in der Wirthschaft ihm bedeuteten, lieber den Kopf wollte er sich den jungen Menschen auch nicht wachsen lassen. Die natürliche Eifersucht des Alters, das sich von der Jugend überflügelt sieht, spielte dem Vater mit. Außerdem war Gustav nicht der Aelteste. Karl blieb auch in den geheimsten Gedanken und Plänen des alten Mannes der Anerbe des Hofes. An dem in seiner Gegend und seiner Familie ein- gebiirgcrten Gebrauche, dem ältesten Sohne das Gut zu überlassen, hätte er nie und nimmer rütteln mögen. Karl sollte der zukünftige Büttnerbauer sein und bleiben, wenn ihn auch Gustav jetzt häufig wie eine» Knecht anstellte und behandelte. Gustav hatte auch die Ordnung der Geldverhält- nisse in die Hand genommen. Davon verstand er nur so viel, wie der gesunde Bteuschenvcrstand Einem lehrt. Denn Erfahrung in dieser Art Dingen zu sammeln, hatte er bei der Truppe kaum'Gelegenheit gehabt. Er that, vom richtigen Naturtrieb geleitet, das Vernünftigste, was bei der Lage seines Vaters ge- than werden konnte, er zählte zunächst einmal die sämmtlichen Schulden zusammen und stellte ihnen gegenüber die Einnahmen auf, die man als sicher erwarten durfte. Dann entwarf er eine Art von Schuldentilgungsplan. Die Weihnachtszinsen hoffte er mit Hülfe des noch unverkauften Hafers zu decken, für den Ostertermin sollten die Kartoffeln bleiben. Wenn Hafer und Kartoffeln nur einigermaßen Preis'bekamen, hoffte er auf lleberschiisse. Freilich, so viel wie nöthig war, um den Wechsel bei Samuel Harraffowitz zu decken, würde auf keinen Fall übrig bleiben. Da mußten eben noch andere Quellen auf- gethan werden. Vielleicht ließ sich in diesem Winter etwas mehr aus dem Walde nehmen, als sonst. Dann mußten allerdings die letzten Bäume, die dort noch standen, dran glauben. Auch daran dachte er, die zwei Schweine, welche die Bäuerin gewöhnlich um Weihnachten herum schlachtete, die Speck und Schinken für das ganze Jahr hergeben mußten, zu verkaufen, statt sie ins Haus zu schlachten. Sowie die Schweine nicht mehr im Stalle wären, würde ja auch Milch übrig sein, und dann konnte mehr gebuttert werden. Das Stroh, welches von der Kornernte her reichlich vorhanden war, mußte auch in Rechnung gezogen werden. So gab es schließlich eine ganze Anzahl Dinge, die, wenn richtig ver- werthet, Einnahmen abwerfen konnten. Bei dieser Aufstellung war allerdings nicht in Rechnung gezogen die gekündigte und in naher Zeit fällige Hypothek von Gustavs Onkel, Kaschclernst. Woher das Geld zur Deckung dieser Forderung be- schafft werden sollte, wußte Gustav ebenso wenig, wie der alte Bauer selbst. Als der junge Mann zum Haferverkauf nach der Stadt gefahren war, hatte er sich dort unter der Hand erkundigt, ob und unter welchen Bedingungen die Hypothek unterzubringen sei. Dabei hatte er sich überzeugen müssen, daß solide Geschäftsleute mit Hypotheken an so gefähr- deter Stelle nichts zu thun haben wollten. Von einer Seite zwar wurde ihm das Geld geboten, aber unter so übertriebenen Zinsbedingungen, daß er Hals- abscheiderei witterte und von dem Geschäfte absah. Gustav gab sich jedoch dieser Forderung wegen nicht allzu schweren Besorgnissen hin. Er konnte sich nicht denken, daß sein Onkel Ernst machen würde mit dem Ausklagen. Nicht etwa, daß er Kaschel- ernst eine solche Härle gegen den eigenen Schwager nicht zugettaut hätte; er kannte den Kretschamwirth nur zu gut. Nein, er glaubte, daß der eS nicht wagen würde, den Bauern zum Aeußersten zu treiben. Er mußte doch am besten wissen, daß bei dem Schwager nichts zu holen war. Klagte er, so kam es zum Zusammenbruch, und Käschelernst verlor dann seine Hypothek, für die er bisher die Zinsen stets richtig erhalten hatte. Daß der Kretschamwirth daran denken könne, auf Erwerb des Bauerngutes selbst zu speku- liren, nahm Gustav nicht an. Weder Käschelernst noch der Sohn waren Landwirthe, und sein schlauer Onkel würde sich wohl hüten, zu dem, was er schon hatte, sich noch die Last eines größeren Besitzes auf- zubürden. Er nahm daher die Kündigung der Kachelschen Hypothek, die dem alten Bauern so schweres Aerger- niß bereitet hatte, garnicht ernst. Das war wohl nur ein Schreckschuß oder ein schlechter Witz, den sich der schadenfrohe Kreffchamwirth zu seinem be- sonderen Ergötzen gemacht hatte.(Fons-hung ,°lgt.) Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion der„Neuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Berlin, 8W 19, Beuthstraße 2, zu richten. Beramworll. Redakteur: Edgar Stetger, Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdrulkerei u. Verlagsanstali Auer& So., Hamburg.— Trink: Max Babing. Berlin.