Wärzmorgen. Tllatli auf, trübseliges Weufchrnkind! Gvlddustig über die Dächer rinnt Die Tageshelle des Märzen. Feuchlwarm umrieselt ein linder Hauch Den leis' erschauernden Haselstrauch, Uird die Glocken läuten im Herzen! Von Edgar Steiger. Und die Sonnenstrahlen machen dich blind, Und wie Falter, gaukelnd im Morgenivmd, Lenzträume dein Herz beschleichen. Blaumeischen putzt stch die flaumige Brust Und schnäbelt am Fenster nach Herzenslust- Geh' hin und thue desgleichen! Im Memoiren eines Auswanderers. Von Johannes Gaulle. (Fortsetzung., yi. vcr(itbttttf Tag. Ein Sonntag. t er Morgen brach an. Ein Sonntagmorgen! Und immer noch dasselbe düstere Bild, noch stahl sich kein Lichtstrahl in diese trostlosen Ränme, übernächtige Gestalten huschten aneinander vorüber ohne Gruß, interesselos, in stnmpfen Gleich- niuth versunken, schweigend nahm nian den Kaffee ein, der, wie auch das Mittag- und Abendbrot, uns während des Sturmes vom Steward„servirt" wurde, eine Bevorzugung, die uns an schönen Tagen nicht zu Theil wurde.— Endlich! Nach langer, langer Nacht fiel die Umhüllung des Oberlichtschachtes, dann wurde auch die Eiilgangsthür zur Hälfte geöffnet. Es wurde Licht. Wie ein Alp fiel es mir von der Brust, Niemand beschrecht das Entzücken der eingekerkerten Zwischendecker, man jubelte, tanzte, sprang. Alles drängte znni Licht. Da das Deck einstweilen noch gesperrt war, so war man allein auf die Treppe angewiesen, von wo man wenigstens ein Stück Himmel überblicken konnte, der immer noch in graue, schwarze Wolken gehüllt war. Die Gefahr lag hinter uns, der Sturm hatte sich ausgetobt. Bon den„Schlo- Waken", die augenscheinlich bessere Christen als wir „Kerls" waren, hatten die meisten andächtig die Hände zum Gebet gefaltet, andere lasen im Gesang- buch oder in einem ähnlichen frommen Buche, jedes Wort vor sich hinmurmelnd und mit dem Zeigefinger die Schrift zum besseren Verständniß verfolgend. Auf unsere„Kerls" machten die frommen Gebets- Übungen keinen Eindruck, mit der wieder erwachenden Lebensfreude harmonirte auch schlecht eine düstere Erwägung über ein fernes, dunkles Jenseits, dessen Thore sich jeden Augenblick in dieser langen, licht- losen Nacht uns zu öffnen drohten. Dies ist die einfache, nüchterne Lebensphilosophie des gemeinen Mannes aus dem Volke. Gegen Mittag wurde auch die letzte Schranke fortgeräumt; wir durften uns wieder ftei an Deck bewegen, zwar schwankte das Schiff noch gewaltig, aber die Wogen rollten nicht mehr über Bord. Mein erster Gang war zu meinem Cowboy, der unver- drossen in der Küche Kartoffeln schälte. Er empfing mich wie einen längst todt geglaubten Freund, der plötzlich wieder auftaucht; seine Freude war eine wirklich ungeheuchelte. Womit hatte ich diese Be- vorzugung verdient? Einst äußerte er sogar im Lause der Unterhaltung, daß er in Amerika was aus mir machen Würde— ich wäre so ganz der Kerl dazu! Ich glaube fast, daß er, während er der friedlichen Beschäffigung des Kartoffelschälens oblag, die wunderbarsten Zukunftspläne für mich schmiedete. Die Mittagsglocke ertönte. Heute gab es das Fest- gericht Plumpudding mit Speck. Während ich noch mit dem Cowboy plauderte, näherte sich mir mit fast unterwürfiger Geberde der junge Russe. Er sah mitleiderregend aus, der Sturm hatte ihn arg mit- genommen, dazu der nagende Hunger, seit drei Tagen hatte er nunmehr keinen Bissen zu sich zu nehmen gewagt. Nun war sein Stolz gebrochen. Wir haben bereits vorher Gelegenheit gehabt, den Hunger als den besten Koch kennen zu lernen, jetzt offenbart er sich sogar uns als ein wunderbarer Erziehungsfaktor, der die stolzesten Theorien nach seinem Gutdünken über den Haufen wirft. Diese erzieherische Wirkung hat auch der Russe an seiner geschätzten Person er- fahren müssen, nun bot er sich freiwillig zu allen möglichen Dienstleistungen an, nur essen wollte er, das war der einzige Gedanke, der ihn noch erfüllte, alle genialen Ideen über Herrenthum und Menschen- würde waren von ihm überwuchert. Ich ließ ihn gewähren. Als er im Zwischendeck mit dem„Freß- eimer" erschien, brachen die„Kerls" in ein Triumph- gehen! aus, die Volkssouveränität hatte einen voll- kommenen Sieg über das Jndividnalitätsprinzip ernmgen. Der heutige Tag sollte uns noch einen tragischen Zwischenfall bringen. Wir hatten kaum unser Mittag- brot eingenommen, als von unten ein unheimlicher Schrei ertönte. In der Familienabtheiluug bot sich uns ein erschütterndes Bild. Auf einer Kiste saß die junge Böhmin, verstörten Blickes, mit aufgelöstem Haar, nur dürftig bekleidet, in ihrem Schooße hielt sie ihr todtes Kind. Die Extraration, die ihr seit zwei Tagen verabfolgt war, hatte weder ihr noch dem Kinde etwas genützt. Neben ihr stand der Schiffsarzt und bemühte sich, der unglücklichen Mutter durch Gesten verständlich zu machen, daß das Kind herausgeschafft werden müsse, da es ja todt sei. Sie begriff nichts, m stumpfem Schmerz starrte sie vor sich hin. Unwillig über die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen, ließ der Arzt durch einen Schiffs- arbeiter die Kindesleiche der Mutter entreißen. Doch nun löste sich der lang verhaltene dumpfe Schmerz des armen Weibes in einen gellenden, markdurch- dringenden Schrei aus, sie stürzte sich wie eine verwundete Tigerin, der man ihr Junges geraubt hat, auf den Angreifer, ihr Auge nahm einen unheimlichen Glanz an; ein regulärer Kampf um die Kindesleiche ent- spann sich. Btit Gewalt mußte die Frau vom Schiffs- personal zurück gehalten werden, während ein Arbeiter die Leiche in Tücher hüllte und nach oben beförderte. Ich höre noch die gellenden Laute des Weibes, die ich nicht verstand, aber deren Sinn ich empfand: „Mein Kind! Sie rauben mir mein Kind!" Das Gerücht vom Tode des Kindes verbreitete sich schnell an Bord im Zwischendeck wie in der Kajüte. Die unglückliche Mutter wurde der Gegen- stand der allgemeinen Theilnahme. Wie es immer bei dergleichen Anlässen geschieht, suchte man auch hier durch praktische Beweise sein Mitgefühl kund zu geben. Im Zwischendeck wurde eine Sammlung für die arme Böhmenfamilie angeregt, ein Jeder steuerte von dem Wenigen, das er besaß, nach besten Kräften bei. Unser Cowboy opferte eine Dollar- note, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Diese Mildthäjigkeit, die er auch bei anderer Gelegenheit bekundete, war ein Zug, der gewaltig mit seiner Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. !)0 Auffassung über die Bedeutung eines Menschenlebens kontrastirte. Es steckte in meinem Eowboy ein Stück altgermanischen Neckenthums, er war ein Kraftmensch, der jeder gesetzlichen Schranke spottete, aber dem keineswegs das Rechtsbewußtsein fehlte, nur ließ er sich in seinen Handlungen von den Impulsen seiner leidenschaftlichen Natur leiten. Diese Kraftnatnren werde« unter dem Einfluß einer nivellirendcn Kultur immer seltener, nur im freien Westen erheben sie sich noch einmal in ihrer ganzen Urspriinglichkeit. Auch in der Kajüte wurde für die arme Familie gesammelt. Die Geldspende überbrachte ein junges, schönes Mädchen in Begleitung eines älteren Herrn, sie scheute sich nicht, das Zwischendeck zu betreten und der nngliicklichen Mutter persönlich ihr Beileid kund zu geben. Sie waren also nicht alle gleich, die Bevorzugten des Glückes! Ich sah, wie sich in dem Gesicht des jungen Mädchens das innigste Mitleid »nd der tiefste Unwille gleichzeitig regten. Hier er- schloß sich ihr eine ganz neue Welt, die Welt des Elends, die sie in ihrer furchtbaren Ausdehnung nicht begreifen konnte. Unbewußt entschlüpften ihrem Munde die Worte:„So müssen hier die Menschen leben!"— Dann trat sie an die unglückliche Frau heran und drückte ihr bewegt die Hand. Während diese bisher stumpfsinnig brütend dagesessen hatte, ergoß sich jetzt ein Thränenstrom ans ihren Augen, der dem gequälte» Herzen Linderung verschaffte. In mir fand diese Handlung echten Menschenthums einen frohen Widerhall. Wenn man unter den Aus- gestoßenen der Gesellschaft sich bewegt, wenn man selbst alle Leiden und Entbehrungen durchzukosten hat, dann ersticken allmälig alle feineren Regungen und zurück bleibt nur der glühendste Haß gegen Alle, deren Lebenshaltung nicht auf dasselbe niedrige Blaß herabgedrückt ist. Dann kann nur eine edle Hand- lung uns den verloren gegangenen Glauben an die Blenschheit wiedergebe». Dieser Zwischenfall hatte auf Alle einen tiefen Eindruck hinterlassen, während des ganzen Stach- mittags herrschte eine im Zwischendeck und an Bord ungewöhnliche Ruhe. Erst gegen Abend, nachdem auch der Stnrni vollständig nachgelassen hatte, wurde es wieder lebhafter. Das Schiff schaukelte nur noch leicht von einer Seite zur anderen, für Den, der gegen die Seekrankheit gefeit ist oder sie überwunden hat, kein unangenehmer Zustand. Man vergnügt sich damit, ans und ab zu promeniren oder den lustig plätschernden Wellen zu lauschen, die sich oft noch naseweis bis an das Teck heranwagen, aber sonst keinen Schaden mehr anrichten können, ihre unheimliche Kraft scheint für immer gebrochen zu sein. Selbst unsere Italiener, die äußerst seltene Gäste an Deck waren, wagten sich heraus. Ihre Anwesenheit sollte zu einem angenehmen Abschluß des Abends beitragen, denn die braunen Söhne der Abrnzzen stimmten nach altem Brauch eine herrliche Serenade an. Zuerst sangen sie ihre Volkslieder, die wir bereits im Hafen von Amsterdam vernommen hatten, dann wurden auf allgemeinen Wunsch Tain- bourin und Mandoline hervorgeholt und zum Tanz aufgespielt, und bald drehte sich das ganze Zwischen- deck nach den Klängen der improvisirten Musik. Auch die Kajütenpassagiere ließen sich das lustige Schau- spiel nicht entgehen, einige sahen in respektabler Eilt- fernung zu— denn man darf sich auch an Bord nicht gar zu vertraulich dem„Volke" nähern, wenn man das Prestige des ersten Standes wahren will. Andere dagegen mischten sich unter die Tänzer und entschädigten auch unsere Italiener in klingender Btiinze für ihre künstlerische Leistung. So tvechseln an Bord Freud und Leid wie die auf und nieder steigenden Wogen des Ozeans. Das Vergnügen hätte sich gewiß bis tief in die Nacht ausgedehnt, wenn nicht unser Schiffscerberus energisch Einhalt geboten hätte. VII. vir Weite Woche an Lord des„p. ssalland!' Heute vor einer Woche— es war an einem Montag— hatten wir den Hafen von Amsterdam verlassen, eine kurze, aber ereignißreiche Zeit. Nun lag noch eine volle Woche vor uns, betwr wir in den Hafen von New-Uork einstencr» konnten. Der „P. Ealland" gehörte zu den älteren Schiffen der Niederländischen Gesellschaft, die es, wie unsere Alt- vorderen, nicht so genau mit der Zeit nehmen; für die Ozeanfahrt gebrauchte er zwei Wochen und dar- über hinaus, eine Frist, die uns an Bord schier eine Unendlichkeit dünkt. Nachdem man die ersten Ein- drücke des Schiffslebens in sich aufgenommen hat, beginnt man sich gründlich zu langweilen; das Leben an Bord vollzieht sich mit der Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit eines Uhrwerkes, und es übt daher auf den Landbewohner im Allgemeinen keinen be- sonderen Reiz ans. Wie ein Soldat des zweiten Jahrgangs, der zur Reserve entlassen werden soll, zählt man die Stunden, die Einen noch vom heiß- ersehnten Ziele trennen. Sieben volle Tage und Nächte habe ich noch in der Gesellschaft meines Cowboys und der übrigen„Kerls" zu verbringen. Da ich mit allen ihren Gepstogenhciten mich nunmehr vollständig vertraut gemacht, sowie auch an die charakteristischen EigenlhUmlichkeiten des Zwischendecks mich zur Genüge gewöhnt hatte, so bot sich mir eigentlich nichts mehr, was mein Interesse längere Zeit in Anspruch nehmen konnte. Während des Tages promenirte ich an Deck oder las, wenn nicht die Abfütterung mich für kurze Zeit in Anspruch nahm, Abends mußte ich mich nolens volens der Gesellschaft des Cowboys widmen, der nunmehr immer deutlicher mit seinen Plänen hervor trat. Dieser gute Mann hatte es thatsächlich auf mich abgesehen. Mein Schicksal schien ihm für die Zu- kunft auf das Engste mit den: seinigen verknüpft zu sein. Weshalb er mich gerade zu seinem Helfers- Helfer für die Durchführung seiner abenteuerlichen Pläne ausersehen hatte, ist mir eigentlich unerfindlich. Eines Abends entwickelte er mir seine Ziele mit einer Vertraulichkeit, die deutlich erkennen ließ, daß er mich für seine Zwecke bereits gewonnen zu haben glaubte. Er machte mir den Vorschlag, von New- Jork direkt mit ihm nach Ncw-Orleans zu reisen— selbstverständlich wollte er alle Reisekosten decken— um von dort nach Kuba zu segeln. Hier wollte er den heiß ersehnten Kutter erwerben, dem er in seinen späteren Unternehmungen eine so hervorragende Rolle angewiesen hatte. Das hiermit verbundene Schmuggler- geschäft sollte zwischen den Häsen der Vereinigten Staaten und Mexikos nach den Antillen betrieben werden, lieber den ungeheuren Nutzen, den diese Expeditionen abwerfen würden, konnte er schon mit ganz bestimmten Daten aufwarten; im Geiste sah er uns Beide schon— denn er wollte brüderlich mit mir theilen— auf einer südamerikanischen Plan- tage als unumschränkte Nabobs sitzen. Aber die friedliche Umgehung der Zollgesetze füllte den hoch- strebenden Geist meines Cowboys nicht aus, hiermit wollte er sich eigentlich nur in die Welt der hohen Finanz und Politik würdig einführen, er fühlte sich entschieden noch zu einer höheren Misston berufen. Die Gelegenheit zur Ausführung seiner hochfahrenden Pläne sollte ihm die nächste Revolution auf Kuba bieten. Er wollte nämlich mit Bestimmtheit wissen, daß die„Perle der Antillen" wieder am Vorabend einer Revolusion stände. Dann wollte er seinen Kutter in den Dienst der Freiheit, für die er mit kindlicher Naivetät schwärmte, stellen, um den Ver- kehr der Aufständischen mit dem Hülsscomite in den Vereinigten Staaten zu vermitteln.— Es war das Merkwürdigste an diesem Menschen, daß er bei aller Projektenmacherei und allen phantastischen Plänen eine erstaunliche Kenntniß über südamerikanische Verhält- nisse besaß und über den Ausbruch der kubanischen Revolution und deren Hiilfsqucllen sich mit einer Be- stimmtheit äußerte, als gehöre er selbst dem revolu- tionären Ausschuß an. Er erzählte mir, daß sich in den Vereinigten Staaten bereits Gesellschafren gebildet hätten mit dem Zweck, die Aufständischen mit Geldmitteln und Munition zu nnterstiitzen. Ter Transport nach Kuba sollte durch kleine Segelschiffe vermittelt werden, Waffen und Munition sollten in wasserdichre Kisten verpackt werden, damit man sie ohne Schaden an geeigneten Stellen an der knbani- scheu Küste versenken konnte, von wo aus sie unbe- merkt von den Ausständischen gehoben werden konnten. Dieses Verfahren erschien mir nicht außer dem Be- reich der Möglichkeit zu liegen, doch wagte ich noch an der Durchführbarkeit desselben zu zweifeln. Später, als die Revolution bereits seit zwei Jahren auf der Perle der Antillen tobte, las ich in einer ainerika- nischen Zeitung einen ausführlichen Bericht über die Verproviantirung der Aufständischen, der sich mit den Ausführungen meines Cowboys in allen Punkten deckte. Ich befand mich an Bord des„P. Calland" also thatsächlich in der Gesellschaft einer gewissen politischen Persönlichkeit.— Wer weiß, wie ganz anders sich mein Leben in der neuen Welt ge- staltet hätte, hätte ich dem Cowboy das einem Freunde zukommende Vertrauen geschenkt! Vielleicht hätte ich es noch zum Rcvolntionsgeneral gebracht! Aber die europäische Klcinmüthigkeit und das Vor- urtheil!— Mein Cowboy war ans einem anderen, zäheren Holz geschnitzt als wir gesitteten Europäer. Ein Mann, der mit der Würde eines spanischen Granden Kartoffeln schälte, der im Zwischendeck die Reise über den Ozean antrat, obgleich ihm seine Mittel die Ueberfahrt in der ersten Kajüte gestatteten, der nicht zurückschreckte, einen Bkenschen zu erschlagen, wenn es seine Interessen erheischten, aber anderer- seits stets eine offene Hand für alle Nothleidenden hatte; ein Abenteurer, der sich nicht in die Zwangs- jacke des Berufsmenschen stecken ließ, aber jede Ge- legenheit zur Bethätignng seiner Kraft benutzte, der von verschiedenen Leidenschaften beherrscht war und doch naiv wie ein Kind sich freuen konnte, dessen Vergangenheit nicht ganz makellos war und der trotzdem arglos mit dem Muthe und Glauben eines unverdorbenen Jünglings in die Zukunft blicken konnte, ohne irgend welche Gewissensbisse über alte Gescheh- nisse zu empfinden, und nur ganz dem Augenblicke lebte: diese Persönlichkeit, so frei von allen senti- menlalen Anwandlungen und Vornrtheilen, kann man nicht mit dem Maßstab der Alltagsmoral messen. Es war im Ganzen der Typus des„Westcrners", jener unbewußten Pioniere der Kultur und der Bahn- brecher für ein neues Geschlecht. Die schmutzige Schale barg einen wahrhaft gesunden Kern. Für mich ist mein Cowboy einer der interessantesten Menschen geblieben, denen ich im Lebe» begegnet bin.— Je häusiger ich mit ihm über seine phan- tastischen Zukunftspläne an Bord des„P. Calland" plauderte, um so prekärer wurde meine Lage ihm gegenüber. Eine direkte Absage wäre jedenfalls für mich von recht peinlichen Folgen gewesen, daher mußte ich nach immer neuen Einwänden suchen, so oft er um meine Mitarbeiterschaft an seinem großen Werke warb. Allmälig machte ich mir selbst Vor- würfe darüber, daß ich mich mit ihm so iveit ein- gelassen hatte, denn nun konnte ich unmöglich zurück treten, ohne ihn auf das Tiefste zu erzürnen. Ich tröstete mich aber daniit, daß die Komödie in New- Jork, wo niich ein Freund in Empfang nehmen wollte, von selbst ihr Ende nehmen würde, und daher machte ich weiter gute Miene zum bösen Spiel. Während der zweiten Hälfte der Reise blieb mein Verkehr ini Wesentlichen auf den Cowboy be- schränkt, denn die Beziehungen zu dem jungen Russen waren nach seinem„Fall" vollständig gelockert, er wich niir stets mißtrauisch ans, oder wenn eine Be- gegnung nicht zu vermeiden war, beobachtete er eine peinliche Zurückhaltung, die einer hündischen Unter- wiirfigkeit nicht unähnlich sah. Ein amüsantes Jnter- inezzo erlebte ich noch niit dem Berliner Landsmann, der, nachdem das Wetter ausgetobt hatte, ein häu- figerer Gast an Bord war. Er war gerade keine Vertrauen erweckende Persönlichkeit, sein Aenßeres deutete allein schon auf eine nicht immer beschauliche Vergangenheit hin, seine rechte Wange zierte ein ein mächtiger Schmiß, der den Neid eines jeden Korpsstudenten hätte erregen können, während sein linkes Auge, wahrscheinlich durch einen wuchtigen Hieb, gänzlich aus seiner normalen Lage getrieben war und unstät uniherblickte, wenn er sprach. Sonst war er der Typus des echten Berliners ans dem Norden, der sich bekanntlich nicht durch übertriebene Bescheidenheit und Zurückhaltung auszeichnet, im Uebrigen aber als durchaus harmlos gilt. Ich hatte kaum einige Worte mit dem lieben Landsmann ge- wechselt, als er an mich die für seine Anschauung äußerst charakteristische Frage richtete:„Wat haben denn Sie»f'in Kerbholz? So von wegen nisckit Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 91 geht man doch»ich rüber!" Diese vertrauliche Meinuiigsäußening frappirte mich einigermaßen und ich war schon im Begriff, mit einer derben Ent- gegnnng zu antworten, aber zugleich annisirte mich dieses liebevolle Eingehen ans meine persönlichen Verhältnisse und die Komik der Situation derart, daß ich mich mit der Gegenfrage begnügte:„Was treibt denn Sie dazu, den Berliner Staub von den Füßen zu schütteln?" Das war Wasser ans seine Mühle, mit der Geschwätzigkeit des ungebildeten Berliners erzählte er mir mit einem langen Umschweif, indem er wohl bis ans seine Jugendzeit znrückgriff und jede Aenßerung mit einer ungemein komischen kurzen Handbewegung begleitete, seine ganze Lebens- und Leidensgeschichte. Er hatte nämlich„Schie- bnngen" gemacht— um einen Freund zu retten, fügte er zu seiner Selbstentschnldignng hinzu— und da hätten sie ihn zu eineni halben Jahre„ver- knackt" und„det konnte er nich als ehrlicher Ber- liner über sich ergehen lassen". Da wäre denn der ganze Krempel verkauft, und nu gings riikr.— Hieran anknüpfend, muß ich bemerken, daß die An- schannng, ein jeder Auswanderer müsse etwas auf dem„Kerbholz" haben, unter unseren Landslenten auf beiden Hemisphären weit verbreitet ist. Amerika wird im Allgemeinen als das große Korrektionshans betrachtet, man schickt jeden ungerathenen Strick„zur Besserung" hinüber. Infolgedessen lastet auf jedem Auswanderer ein gewisses Odinin, wie es sich schon in der bekannten Redensart, die den Uniständen entsprechend eine Warnung oder auch einen Vorwurf enthält, kund giebt:„Der ist auch schon mal in Amerika gewesen!"——— Bevor wir den Boden der neuen Welt betreten sollten, war uns noch eine Operation zugedacht, die von vielen Auswanderern, namentlich den Herrschaften des fernen Ostens, vielleicht noch mehr gefürchtet wurde, als ein Sturm: die Impfung. Die Sanitäts- kommission der Vereinigten Staaten fordert nämlich, daß jeder Einwanderer aus dem Zwischendeck vor seiner Landung geimpft werden muß. Die letzten Tage dieser Woche waren für die Massenimpfung festgesetzt. Wie eine Hammelheerde, in einzelne Trupps grnppirt, mußten wir der Reihe nach, ohne Unterschied des Alters und Geschlechts, antreten. Diese liebliche Prozedur verursachte eine Menge höchst ergötzlicher Szenen. Die meisten der Ostelbier, Juden und„Schlowaken", die sich natürlich keine Borstellung von der Bedeutung der Impfung machen konnten, betrachteten mit geheimem Grauen den Arzt, der mit geschäftlichem Eifer seines Amtes waltete; die stärksten Kerle zitterten oft am ganzen Körper, wenn die Impfung an ihnen vorgenommen wurde. Zur Ehre des weiblichen Geschlechts muß ich an- erkennen, daß seine Angehörigen, ob alt oder jung, eine viel größere Standhafligkeit zeigten, als unsere „Schlowaken". Am renitentesten benahmen sich aber die polnischen Juden, die vielleicht nicht zum Ge- ringsten durch bornirte, religiöse Vorstellungen zum Widerstand gegen diese Prozedur, die an Gläubigen wie Ungläubigen ohne Unterschied vorgenommen ivurde, aufgereizt wurden. Bei Manchen äußerte sich die Furcht in der albernsten Weise. Sie warfen sich wie eigensinnige Kinder auf den Boden und strampelten mit den Füßen, so daß sie nur init Gewalt, indem zwei handfeste Matrosen sie ergriffen und festhielten, zur Impfung gezwungen werden konnten. Als an mich die Reihe kam, bemerkte ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß der Arzt das Messer in eine wasserhclle Flüssigkeit tauchte. Ich konnte nicht umhin, meiner Verwunderung iiber die wunderbar klare Lymphe Ausdruck z» geben, worauf der Arzt mir einen verständnißvollen Blick zuwarf. Später erzählte er mir, daß ihm die Lymphe ausgegangen wäre, und da auf alle Fälle geimpft werden muß, so nahm er als Ersatz eine leichte Karbollösung, da es doch nur auf die Erfüllung der Form ankäme. Bald darauf wurde jedem Klienten ein Testat„mit Erfolg geimpft" ausgehändigt. Dieser Schein mußte iin Hafen von Ncw-Iork der Sanitäts- kommission vorgezeigt werden. Damit fand die Komödie, die Manchem eine schier unglaubliche Angst eingeflößt hatte, ihren Abschluß.—-- Es war wieder ein Montag, ein wunderbar klarer Frühlingstag. Das Meer war spiegelglatt, kein Windzug kräuselte die intensiv blau schillernde Oberfläche, der Horizont ging fast unmerklich in die Wasserniassen über. Unser Schiff glitt fast ge- ränschlos über die glatte Fläche dahin, die Bewegung war kaum wahrzunehmen, da keine vergleichenden Objekte vorhanden waren. Alan hatte die Empfindung, als ivärc der Dampfer auf einen Punkt gebannt, eingeschlossen von einem klaren, undurchdringlichen Element. Und dazu sandte die Frühlingssonne ihre belebenden, warmen Strahlen, die auf dem Wasser in langgezogenen, silberhellen Streifen sich weithin reflektirten. Ter Zwischcndccker bemächtigte sich eine behagliche Ruhe, Niemand dachte mehr an die Schrecken der Ozeanfahrt; die Meeresstille verbreitet eine Stimmung, die nicht zum Denken und Arbeiten anregt, es umfängt uns das Gefühl des süßen Nichtsthuns, träumerisch blickt man in das weite Himmelsgewölbe; weder die Erinnerung an die alte, noch die Erwartung einer neuen Welt nimmt in Angenblicken, wo die Natur in ihrer gewaltigen Größe sich offenbart, den Auswanderer gefangen. Da— plötzlich ging eine Bewegung durch die Massen. Vom Bug erscholl der freudige Ruf: „Land!"— Das Wort wirkte eleltrisirend, Alles drängte sich auf die rechte Seite des Dampfers, um zu sehen. Und richtig, am Horizont zeigte sich ein graner Streifen, mit deni Fernrohr erkannte man sogar schon einige Gegenstände, einen Leuchtthnrm, Fischerhütten und Baunigruppen! Es war also kein Zweifel mehr, wir befanden uns in unmittelbarer Nähe der amerikanischen Küste, das Land unserer Wünsche lag vor uns, die furchtbare Zeit im Zwischen- deck hatte ihr Ende erreicht. Zwischendecks- und Kajütenpassagiere gaben sich einer ungezügelten Freude hin, dies Ereigniß schien alle Schranken weggeräumt zu haben, beide Gruppen waren sich heute zum ersten Male näher getreten und tauschten freundliche Worte miteinander aus. Dann wurde auch unsere Auf- merksamkeit auf die zahlreichen, plötzlich auftauchenden Fahrzeuge gerichtet. Am Vormittag begegneten wir einem erstklassigen Dampfer des Norddeutschen Lloyd in einer Entfernung von einigen hundert Metern, von beiden Seiten wurden die Flaggen zur Be- grüßung gehißt und stolz dampfte das mächtige Fahrzeug an uns vorüber, während unser guter„P. Calland" sich durch dies Beispiel keineswegs zu einem schnelleren Tempo anstacheln ließ. Rings umher aber kreuzten kleine Segelschiffe, Dampfer und Lootsenboore; es war dies für uns, die wir seit zwei Wochen keine Kunde von der Außenwelt er- halten hatten, ein fesselndes Schauspiel, worüber unsere Obliegenheiten an Bord ganz in den Hinter- griind traten, selbst die Disziplin hatte angesichts des nahen Zieles sich gelockert, Keiner empfand mehr eine besondere Neigung, die Eimer zu reinigen, die meisten verzichteten überhaupt auf das Mittagsmahl in der Voraussicht, sich heute noch in New-Iork gütlich thun zu können. Unser Mittagsmahl bestand übrigens heute zur Feier des Ankunftstages ans zwei Gängen, nämlich außer dem obligaten Suppen- knochen mit Reis und Kartoffeln gab es noch den an Bord hochgeschätzten Plnnipndding, ein Gcniengsel von altem, aufgeweichtem Gebäck der verschiedensten Art und gedörrten Pflaumen. Jedenfalls hatte sich die Kiichenverwaltnng an das schöne Sprüchwort: „Ende gut, Alles gut" erinnert und daher diese außerordentliche Generosität beobachtet. Ob man aber im Allgemeinen den Fleischtöpfen des„P. Calland" ein gutes Andenken bewahrt hat, dafür möchte ich mich nicht verbürgen. Am Nachmittag erhielten wir einen Lootsen an Bord, der nunmehr die Führung des Dampfers übernahm. Diese kühnen Seefahrer kreuzen oft Tage lang auf dem offenen Ozean in einem einfachen Segelboot, das von drei bis vier Leuten bemannt ist. Diese werden bis auf Einen, der den Rücktransport des Bootes übernimmt, auf den verschiedenen ttans- atlantischen Dampfern abgegeben. Vom Hafen von New-Dork nimmt, sobald Alle dort wieder versammelt sind, die nächste Expedition wieder ihren Anfang. Durch unseren Lootsen erhielten wir die erste Kunde aus der Welt; eine Anzahl amerikanischer Zeitungen unterrichtete uns über alle Geschehnisse, die sich in- zwischen vollzogen hatten. Während noch immer die Russen- und Franzosenverbrüderungen, sowie die orientalischen Hexensabbathe den unfehlbare» Diplo- maten der alten Welt arge Kopfschmerzen bereiteten, hatte man in der neuen Welt mit großem Pomp die Columbische Weltausstellung in Chicago eröffnet, uns Deutsche beschäftigte aber am meisten die Auf- lösung des Reichstages, man ereiferte sich sogar über die Ansichten der Opposition und kannegießerte wie in einer deutschen Spießbiirgerkneipe, während das Ge- stade der neuen Welt immer deutlicher sichtbar wurde. Vor uns lag Long Islands auf der anderen Seite stieg aus den Fluthen die mächttge Küste Staten Islands empor; am Strande sah man rei- zende Villenkolonien und Badeplätze, eingeschlossen von schönen Laubwaldungen, liegen, ganz im Hinter- gründe, von den vorgeschobenen Inseln noch verdeckt, sich aber durch den Dunstkreis der Weltstadt ver- rathend, lag New- Jork. Plötzlich stoppte der Dampfer, um den Sanitätsbeamten, der uns in einem kleinen Motorboot entgegen fuhr, an Bord zu nehmen. T?ie Musterung des Gesundheitszustandes erledigte der Wackere mit einer allgemein ver- blüffenden Schnelligkeit, er beschränkte sich lediglich darauf, die Zwischcndecker mit ihrem amtlich be- glanbigten Impfschein an sich vorüber defiliren zu lassen. Tann komplimentirte ihn der Kapitän in seine Kajüte, wo man auf die Gesundheit des„P. Calland" eine Flasche Wein leerte. Während der Herr Sanitätskommissar sich noch dieser aufregenden Beschäftigung hingab, wurden in sein Atotorboot mehrere holländische Käse und einige Kisten Zigarren versenkt. Welche alte„Gerechtsame" die Holländer zu dieser sinnigen Naturalabgabe ans Mutterland und die Kolonien verpflichtet, kann ich nicht verrathen. Stach der amtlichen Bestätigung unseres guten Ge- sundheitszustandes stand unserer Weiterreise nichts mehr im Wege. Am Spätnachmittag passirten wir die„Narrows", die Meerenge zwischen Long Island und Staten Island, die Eingangsfahrt in die wunderbare Hafenbay von New-Dork. Der Vorhang war gefallen. Vor uns lag die neue Welt. Die kolossale Freiheits- statue entbot uns ihren Gruß.„Freiheit erleuchtet die Welt!" Das sind die Flammenworte, mit denen sie den Einwanderer empfängt. In der einen Hand hält sie die Gesetzestafeln der Vereinigten Staaten, in der anderen schwingt sie die Fackel, einen Strahlen- kränz um ihr Haupt gewunden, so steht sie da mitten im Weltgetriebe in einsamer, unnahbarer Majestät. Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht den Aus- Wanderer, der sie plötzlich vor sich stehen sieht. Sie winkt ihm ermnthigend zu; unter ihrem Schutz haben schon Tanseude und Abertausende, die religiöser oder politischer Fanatismus aus dem Vaterlande vertrieben hat, eine bleibende Heimstätte gcfnnden. lind dort am äußersten Ende empfängt uns die Ricsenstadt, das Herz der neuen Welt, New-Aork. Ihr gegenüber liegt die Schwesterstadt Brooklyn. Schon wurde die mächtige Hängebrücke, die beide Städte verbindet, sichtbar, durch das Fernrohr konnte man deutlich das kolossale Bauwerk sehen, in schwindelhafter Höhe bewegten sich Eisenbahnziige hinüber und herüber, während tief unten zwischen den Riesen- Pfeilern die größten Dampfer und Segelschiffe passirten. In der Hafenbay herrschte ein reges Getriebe, Fahrzeuge aller Art, Fracht- und Pcrsoiicndampfer, Dampffähren und Segelschiffe fuhren an uns vor- über, dazwischen tummelten sich Fischer- und Sport- boote. Von dem großen Auswandererdampfer, der in langsamem Tempo iiber die Hafenbncht steuerte, nahm man wenig Notiz, es war eine zu alltägliche Erscheinung. Allmälig setzte die Abenddämmerung ein. Es war ein herrlicher Sonnennntergang. Die ganze Szenerie erschien mir in ein Purpurbad ge- taucht, der Himmel war intensiv rothgoldig gefärbt. Plötzlich flammten auf beiden Seiten Tausende von elektrischen Lichtern auf, im Hafen wurden die Lencht- fener und Signallaternen angezündet und von ihrer einsamen Höhe warf die Freiheitsstatue einen mäch- tigcn Feuerstrahl über das Wasser. In diese Licht- fülle drängten sich die prächtig erleuchteten Dampf- fähren, die mit ihren langen Fensterreihen wie wandelnde Häuser erschienen. 92 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Es war ein wunderbarer Frühlingsabend, wir wurden umschmeichelt von einer milden, balsamischen Luft. Einen so herrlichen Empfang hatte wohl keiner der Auswanderer erwartet. Amerika war also wirklich das vielgepriesene Wunderland, das heiß ersehnte Eldorado, ein ungeheurer Thatendurst schwellte in diesem Augenblick die Brust; selbst der Verzagte wird wieder nnt einer Lebensenergie erfüllt, man fühlt sich vollständig frei und nngebnnden, Alles drängt in uns nach Bethätigung, die Er- innerung an die Leidenszeit in der Heimath tritt zurück, nur in die Zukunft richtet sich der Blick. Während die Auswanderer noch mit Entzücken bei dieser magisch erleuchteten Szenerie verweilten, schoß von einer der höchsten Kuppeln von New-Iork eine mächtige Rakete über die Stadt, eine zweite folgte, dann ein Fenerstrahl, der sich in lauter kleine Lencht- kugeln auflöste; zugleich sandte ein elektrischer Schein- Werfer eine intensive Lichtwelle über den Hafen, welche die letzten Strahlen der untergehenden Sonne für den Augenblick verdunkelte. Die Auswanderer, von denen die meisten vielleicht noch kein Feuerwerk gesehen hatten, wurden von diesem glänzenden Schau- spiel hingerissen, unbewußt betrachtete man es als eine Ovation, die ihrer Ankunft galt, kaum be- merkte man, daß der alte„P. Calland" sich seinem Ankerplatz näherte, noch einige Kolbenstöße, und er hatte das schützende Bollwerk erreicht. Im Frohgefllhl, endlich von ihm Abschied nehmen zu dürfen, raffte ein Jeder seine Habseligkeiten zu- sammen, aber so schnell, wie man annahm, ließ er seine Opfer nicht los. Nur die Kajütenpassagiere dursten das Land betreten, den arnien Zwischen- deckern öffnete sich keine Pforte. Wir hatten noch bis znni nächsten Morgen an Bord zu verweilen, um uns der Revision seitens der Einwandernngs- kommission zu unterziehen. Das war die erste, wenn auch nicht weittragende, so doch recht peinliche Enttäuschung in der neuen Welt. Die Stimmung war geschwunden. Dazu hoffte ich, mich der weiteren Frenndschaftsbezeugung meines Cowboys schon heute entziehen zu können, was mir sicherlich gelungen wäre, da dieser, um seine Ankunft in Amerika würdig zu begehen, heute eine unheimliche Menge von Bräunt- loci» und Bier verkonsumirt hatte. Die Nacht brach an. Zum Schlaf war ich nicht ausgelegt, dann be- unruhigte es mich, daß mein Freund, der mir bestimnit versprochen hatte, mich am Bollwerk zu erwarten, noch immer nicht erschienen war. Meine ganze Hoff- nung setzte ich auf den folgenden Tag. Aber wenn er auch dann nicht kommen würde? Der Gedanke quälte mich die ganze Nacht hindurch. Dazu be- lästigte nnch der Cowboy mit seinen Zukunftsrhapsodien. Fast bis zum Morgengrauen promenirte ich am Deck, beschäftigt mit den Dingen, die da kommen werden. (Schluß solgl.) 'UR.cicK bcr �örtc. Von W. Herzen. feisVe Musik oder Tonkunst ist die älteste und Jmly am weitesten verbreitete Kunst. In allen (5�3 Landstrichen, bei allen Völkern der Ver- gangenheit und Gegenwart finden wir sie, ftcilich nicht gleich vollkommen, bei den Einen mehr aus- gebildet als bei den Anderen. Während der unzivili- sirte Wilde nur einen Ton zur Begleitung seiner Tänze verwendet und ihn mit dem Rhythmus einer Pauke vermischt, um ihn zu beleben, besitzen wir unsere großen Musikchöre, die unsere Sinnesempfin- dnng in ein Meer von Tönen tauchen, die zahllose Melodie» mit ebenso vielen Instrumenten unserem entzückten Gehör zutragen. Wie Alles in der Natur, so ist auch die Musik dem Gesetze der Entwickelung unterworfen. Aber überall, wie einfach auch die Musik ausgeübt wird, kennt man ihre tiefe Wirkung auf das Gemüth des Menschen. Nicht umsonst sehen wir daher die Musik von der gesamniten Priester- schaft der Welt, gleichviel welches Lkostüm sie trägt, besonders sorgsam gepflegt. Des machtvollsten Jnstru- mentes, der Orgel, hatte sich z. B. die christliche Kirche so ausschließlich bemächtigt, daß der Bau von Orgeln, die nicht für Kirchen, sondern zum profanen Gebrauch bestimmt sind, erst der allerjüngsten Zeit angehört. Die Geistlichkeit kennt die Wirkung der Musik ganz genau, gerade so gut wie der Liebhaber, der seiner Schönen ein Ständchen bringt, um ihre Liebe zu gewinnen. Tcni Soldaten flößt das Schinet- tern der Tromvete und der Klang der Trommel Kampfesmnth ein. Auf dem Marsche vergißt er alle Aiiidigkeit, sobald die Musik mit ihren Weisen ein- setzt. Der weinende Säugling wird durch den Ge- sang der Mutter beruhigt. Wie elektrisirt sind die Füße der jungen Mädchen, wenn zum Tanze auf- gespielt wird. Aber brauche ich den Leser dieses Blattes noch besonders auf die Wirkung des Ge- sanges hinzuweisen, ihn, der schon oft die begeisternde Macht der Arbeitermarseillaise an sich selbst wahr- genommen haben wird? Der heilige Augnstin nennt die Feinde der Musik Verworfene. Wir zitiren, wenn wir dasselbe aus- drücken wollen, das Seumesche Wort:„Böse Menschen haben keine Lieder". Wenn ich erst auf Dichter- Worte eingehen wollte, wäre des Zitirens kein Ende. Aber da ich den Leser nicht ermüden möchte, so erinnere ich daran, daß man ans Schritt und Tritt in den Dichtungen aller Zungen auf Lobpreisungen der Schwestcrknnst der Poesie, der Musik, stößt. Der Sagenkreis aller Völker überliefert uns Er- Zählungen, in denen die Macht des Gesanges ge- schildert wird. Im Alterthnm und Mittelalter ging man in der Werthschätzung der Musik sogar so weit, daß man ihr eine heilkräftige Wirkung zuschrieb. Sie sollte im Stande sein, Gicht, Fallsucht, Pest, Veitstanz, Tollwuth und Fieber zu cheilen. Athanasius Kircher hat unter dem Titel„Riomirxin iatrica" ein langes Kapitel über die Verwendung der Musik in der Heil- künde geschrieben. In neuerer Zeit ist thatsächlich durch die Tarsanoff, Dutto und Dogiell festgestellt worden, daß die Musik auf den Blutdruck, die Blur- wärme und die Athmnng eine Wirkung ausübt. Die Medizin hat bisher diese Entdeckung nicht weiter ausgebeutet. Die Musik als Heilmittel ist also im wahren Sinne des Wortes„Zukunftsmusik". Es ist nicht verwunderlich, wenn wir in unserer bilderreichen deutschen Sprache eine Menge Ausdrücke finden, die aus dem Reiche der Töne her- rühren. Taktvoll nennen wir den Menschen, der in einer bestimmten Situation das richtige Fein- gefühl bewiesen hat, seinen Gegensatz taktlos. Taktfest ist Jemand, der, ohne sich beirren zu lassen, sein Ziel im Auge behält. Wir sprechen von Stim- mung, und meinen damit den jeweiligen Gemüths- zustand. Wir brauchen darnach die Worte: gleichgestimmte Seelen, und ähnlich: eine verwandte Saite anschlagen. Anklang finden sagen wir, um zu bezeichnen, daß etwas unseren Beifall hat. Ton angebend ist Jemand, der einen bestimmenden Einfluß ausübt, u. A. m. Aber es war nicht meine Absicht, mich über die Wirkung der Musik auszulassen. Ich wollte iiber die Mittel sprechen, deren sich die Musik bedient. Es sind die Töne, d. h. die Schallartcn, die durch die regelmäßig aufeinander folgenden Schwingungen elastischer Körper entstehen. An dem Tone selbst unterscheidet man seine Höhe oder Tiefe. Die sind ab- hängig von der Anzahl der Schwingungen(Doppcl- schwingungen), die der tönende Körper in der Sekunde macht. Wie ist es denn aber möglich, die Schwingnugs- zahl eines Tones festzustellen? Wie zählt man diese überaus schnellen Schwingungen?— Man denke sich eine Scheibe, die an ihrem Rande mit in gleichem Abstände voneinander befindlichen Löchern versehen ist. Wenn wir die Scheibe in schnelle Drehung ver- setzen und durch ein kleines Röhrchen gegen die Löcher blasen, so bekommen wir einen Ton zu hören. In dieser Form ist der Apparat, Sirene genannt, zuerst von Seebeck angegeben worden. Cagniard Latour vervollkommnete ihn, indem er an ihm einen kleinen Nebenapparat anbrachte, der dazu dient, genau an- zugeben, wie viel Drehungen die Lochscheibe in einem bestimniten Zeiträume ausführt. Es ist nach kurzer Ueberlegung leicht, sich klar zu machen, daß man nun bequem die Schwingungszahl eines Tones berechnen kann. Einer Schwingung entspricht je eine Verdünnung und Verdickung der Luft(eine Luft- welle), erstere entstanden dadurch, daß der aus dem Röhrchen geblasene Luftstrom auf ein Loch kam, der zweite dadurch, daß der Luftstrom ans den Zwischenraum zwischen zwei Löcher stieß. Nehmen wir z. B. an, daß die Scheibe sechzehn Löcher habe, und sprechen wir so schnell, daß uns das Zählwerk nach einer Minute(der leichteren Zeitbestimmung wegen) die Zahl ISSl), als die Zahl der Drehungen der Scheibe, zeigt, so haben wir für die Nlinnte 16 mal 1650 Schwingungen erhalten, für die Te- künde den sechzigsten Theil, oder 440 Schwingungen. 440 ist die Zahl der Schwingungen des entstandenen Tones. Wenn man die Schwingungszahl eines bestimmten Tones feststellen will, so hat man nur nöthig, durch die entsprechend schnelle Umdrehung der Sirene den zu bestimmenden Ton hervorzubringen, vom Zähl- werk die Drehungszahl der Scheibe abzulesen und das entsprechende kleine Rechenexempel auszuführen. Aber es kostet große Vorsicht, die Scheibe mit gleichmäßiger Geschwindigkeit zu drehen, so daß der Ton derselbe bleibt. Ter Ton ist vielmehr meist von ungleichmäßiger Beschaffenheit. Zu Anfang hört man nur ein Fanchen, dann einen tiefen Ton, der allmälig höher wird, also ein Heulen. Nur mit großer Uebung erreicht man es, daß der Ton beim Drehen der Sirene auf gleicher Höhe bleibt. Auch mit der Stärke des angeblasenen Luftstromes ver- ändert sich die Tonhöhe. Man sieht also leicht ein, daß durch diese UnVollkommenheiten des Apparates die genaue Bestimmung der Schwingnngszahl eines Tones außerordentlich zu leiden haben muß. Alan hat denn auch, um diesen Uebelständen ans dem Wege zu gehen, die verschiedenartigsten Sirenen kon- struirt. Rlan hat statt der menschlichen Kraft die mechanische eingeführt. Die Drehung wird dann durch ein Uhrwerk besorgt. Um einen gleichmäßigen Luft- ton zu erhalten, hat man, was auch schon Cagniard Latour that, einen Blasebalg verwendet. Ferner hat man die Drehung der Scheibe durch den gegen sie geblasenen Luststrom besorgen lassen, gerade wie der Wind die Flügel einer Windmühle in Bewegung setzt. Man hat die Lochschcibe durch eine mit ge- zahntem Rande ersetzt, man hat auf einer Scheibe mehrere Lochreihen angebracht und auch mehrere Sirenen mit einem Blasebalg verbunden, u. A. m. Zum Beweise dafür, daß Töne durch regcl- mäßige Schwingungen eines elastischen Körpers ent- stehen, dienen die Chladnischen Klangfiguren. Man bestreut zu diesem Zwecke Platten ans Glas oder Metall mit einem feineu Staube, klemmt sie an einem Punkte fest und streicht den Rand mit einem Violinbogen. Die schwingenden Thcile der Platte schleudern den Staub nach den ruhenden und es entsteht eine regelmäßige Figur, die man Chladnische Klangfigur nennt. Jeder Ton hat seine ihm eigen- thiimliche Chladnische Figur. Man kann, wie schon Napoleon bei Vorführung der Chladnischen Versuche ausrief, auf diese Weise die Töne sehen. Nlit unserem Gehörorgan sind wir nicht im Stande, sämmtliche Töne, die vorhanden sind, wahr- zunehmen. Ter höchste To», den wir noch hören können, hat eine Schwingungszahl von 40 000 bis 50 000, der tiefste Ton 24 Schlvingnngen. Töne von unter 24 und iiber 50000 Schwingungen können wir nicht mehr hören. Die letzteren verursachen unserem Ohr sogar das Gefühl des Schmerzes. In der Mnsik ist jedoch nicht so sehr die Höhe oder Tiefe der Töne von Wichtigkeit, als vielmehr ihr Verhältnis; zueinander. Man nennt in der Musik die Aufeinanderfolge von bestimmten Tönen eine Tonleiter. Nimmt man den Ton t! als Grnndton an, so heißen: D seine Secund, E„ Terz, E„ Quart, G„ Quint, A„ Sext, H„ Septime und c„ Oktave Mit Hülfe einer Geige kann man die zur Er- zeugung dieser Töne erforderliche Saitenlänge be- stimmen. In der Wissenschaft bedient mau sich in Me Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Ulf vier Küken rufienb mit einer Saite versehen, soll uns die Geige dieselben Dienste wie das Atmwchord der ganzen. Zwischen diesen beiden Tönen liegen die über nvei Steae(einen festen und einen beweg- verrichten. nun noch die erwähnten sechs anderen Töne. Die lichen» aciit aus der-eile des festen Steges an Wenn man die Saite einer Geige genau m ihrer Oktave hat doppelt so viel Schwingungen, wie der dem Kasten befcAat ist und auf der anderen Seite, Mitte niederdrückt und sie dann ertönen läßt, so Grundton. Die Anzahl der Sch.viugungen eines wo sich der bewealiche Stea befindet mit einem erhält man einen Ton, der, an der Sirene gemessen, Tones steht also im umgekehrten Verhältniß zn der diesem Falle eines besonderen Instrumentes, des Monochords(zu deutsch Einsaiter). Es ist das eine Art primitiver Harfe. Ein viereckiger Kasten, Gewicht belastet ist. An diesem einfachen Apparat kann man merkwürdige Dinge erleben. Aber da wir kein physikalisches Kabinet zur Verfügung haben genau doppelt so viel Schwingungen zeigt, wie der Ton, den die Saite unberührt von sich giebt; der Ton der halben Seite ist die Oktave des Tones KmrrU Sdion. Nach einer phoiographisch-n Aufnahme von Franz Hcmfstaengt i» München. Dk Neue A)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 94 Länge der schwingenden Saite. Wir erhalten den Ton D, wenn wir die Saite da herunterdrücken, wo sie 8la ihrer Länge, E wo sie F 3/4� � aht A 3/5, H 8/i5 ihrer Länge mißt. Die Schwingnngs- zahlen der einzelnen Töne sind daher: e I) E F<4 A II c 1 3/s 4/5 4/3 3/2 V3 lä/8 2 Nehmen wir z. B. für C 24 Schwingungen an, so haben D E F G A H c 27 30 32 3G 40 45 48 Schwingungen. Hört man zwei Töne zugleich, so bringen sie ans unser Gesiihl eine angenehme Wirkung hervor, die man Konsonanz nennt. Ist die Wirkung eine unangenehme, so spricht nian von Dissonanz. Man hat gefunden, daß zwei Töne dann in der reinsten Konsonanz stehen, wenn sie sich im Verhältniß von sehr einfachen ganzen Zahlen befinden. Mit Recht konnte also Leibniz behaupten, daß die Musik eine unbewußte Uebnng in der Arithmetik sei. Die Verhältnisse der Töne zueinander nennt man Intervalle. Sehen wir uns diese etwas genauer an. Diese scheinbar langweilige Betrachtung wird uns zn sehr interessanten Ergebnissen führen. Wenn man die Schwingungszahl eines Tones durch die des nächst tieferen dividirt, so giebt die erhaltene Zahl an, wie viel Mal mehr Schwingungen der höhere Ton macht als der andere. Die erhaltene Zahl bezeichnet das Verhältniß der beiden Töne, sie heißt in der Musik Intervall. Die Intervalle der oben angeführten Tonleiter sind also folgende: CDEF GAHc Jnt-roall-3/«-°/<. 16/,5 3/» 10/9"/«'«/.S Man sieht, die Intervalle der Tonleiter sind nicht gleich. Der Intervall 3/» heißt ein großer ganzer Ton, 4°/s ein kleiner ganzer Ton, 16/i5 ein großer halber Ton. Zwischen diesen acht Tönen dieser sogenannten O-änr-Tonleiter giebt es noch andere Töne, die man braucht, wenn man die Ton- leiter, von einem anderen Tone als 0 ausgehend, bilden will. Z. B. wenn man den Ton bilden will, der um einen ganzen halben höher ist als C, nämlich Cis, so muß man 0 mit 48/ls multipliziren; will inan den Ton erhalten, der um einen halben Ton niedriger als V ist, Des, so muß man D durch 1G/i5 dividiren. Man erhält dann zwei Zahlen, die nur wenig voneinander abweichen. Bei den musikalischen Instrumenten mit festen Tönen, z. B. Klavier und Orgel, wird der Unterschied dieser beiden Zahlen vernachlässigt, man läßt vis und Des zusammen- fallen und auf dieselbe Weise auch die vier zwischen D und E, F und G, G und A, A und H liegenden Töne. Wollte man beim Klavier z. B. alle Töne halten, so würde es zu umfangreich und unllber- sichtlich werden, man könnte es garnicht mehr meistern. Ein Klavier, an dem diese Abweichungen von den ' genauen Verhältnissen nicht vorgenommen wären, würde 6 m lang sein müssen. Man denke sich einen Spieler vzw einem 6 ra langen Klavier. Der Acrmste müßte schon irgend eins der modernen Ver- kehrsniittel benutzen, um an seinem Jnstruniente mit der erforderlichen Schnelligkeit auf und ab fahren zn können. Nutzen würde ja so ein Instrument stiften, weil der Spieler seine Musik nach Kilometern leicht berechnen könnte und, da solche musikalische Hetz- fahrte« nicht Jedermanns Sache sind, die verbreitete Klavierseuche auch ein Ende nähme. Man nennt die Abzweigung von den genauen Verhältnissen Temperatur. Wir haben unser Gehör an die Temperatur der Intervalle schon so sehr ge- wöhnt, daß wir die unreine Stimmung unserer Musik nicht mehr merken. In England besteht eine über alle größeren Städte ausgebreitete Gesellschaft, welche sich die Pflege des Gesanges nach dem natür- lichen System angelegen sein läßt. Die Mitglieder dieser Gesellschaft, der Donie-Solla-Assomtioii, lernen und lehren, ohne alle Instrumentalbegleitung zu singen und nur dem eigenen Gehör beim Gesänge zu folgen. Man kann die Tonleiter mit jedem Ton be- ginnen und von dieser aus alle übrigen Tonleitern entwickeln. Man kann also jeden beliebigen Ton ftir C ansehen. Indessen erwiese sich das als höchst unpraktisch, weil dadurch jedes Instrument anders gestimmt wäre, jedes Orchester in einer anderen Tonhöhe spielte. Man stimmt bekanntlich ein In- strument nach einer Stimmgabel, die gewöhnlich auf den Ton der dritten Violinsaite(A) gestimmt ist. Man benutzt auch Pfeifen zu diesem Zwecke. Alan hatte früher verschiedene Töne zur Stimmung. Für den Kirchcngesang hatte man den Chor- oder Kirchenton, für die weltliche Musik den Kapellenton und auch den Opernton. Durch Untersuchungen hat man festgestellt, daß die Stimmung im Laufe der Zeit in die Höhe gegangen ist. Um dieser Steigung der Stimmung für die Zukunft aus dem Wege zu gehen, bedient man sich jetzt der Normal- gabeln(a— 880 Schwingungen). Nach dem Gesagten sind wir im Stande, die Ursachen zu übersehen, weshalb die Töne voneinander verschieden sind. Noch aber ist uns unerklärlich, weshalb die Töne verschiedener Instrumente ver- schieden sind. Jedes musikalische Instrument hat seine ihm eigenthiimliche Ltlangfarbe. Woher komnit diese?— Hierüber Licht verbreitet zu haben, ist vor Allem das Verdienst des genialen Helniholtz. Er wies nach, daß wir einen Ton in den seltensten Fällen allein hören. Wir hören mit ihm seine Ober- oder Partialtöne, das sind alle diejenigen Töne, die 2, 3, 4 u. s. f. mal so viel Schwingungen haben, wie der Ton selbst, oder 2, 3, 4 u. s. f. mal so hoch sind, wie er selbst. Demnach hören wir meist nur zusammengesetzte Töne oder Klänge. Jedes Instrument hat für seine von ihm hervorgebrachten Töne die ihm eigenthiimliche Obertöne und so seine ihm eigenthümliche Klangfarbe. Töne ohne ihre Obertöne sind in der Musik ziemlich selten, z. B. die sogenannten Flageolett-Töne der Geige sind solche. Gerade so wie es unserem Auge wohlgefallende Farbenmischungen giebt, haben wir Klangfarben, die unserem Ohre zusagen und umgekehrt. Der Ton einer Flöte ist auf die Dauer langweilig, weil er keine Obertöne hat, während wir dem Klange einer Violine gern lauschen, vorausgesetzt, daß sie gut gespielt wird, d. h. nicht nur mit der nöthigen Finger- fertigkeit, sondern auch mit dem Bogenstrich, der ihr die schönste Klangfarbe herauslockt. Man hat heraus- gefunden, daß bei Streichinstrumenten die beste Klang- färbe erzeugt wird, wenn die Saite in 7' oder 7» ihrer Länge gestrichen wird. Ebenso hat man durch Versuche gefunden, an welche Stelle der Saite eines Klaviers der Hammer schlagen muß, um den schönsten Klang hervorzubringen. Bei den Klavieren der Blüthnerschen Fabrik ist den drei Saiten, die zur Erzeugung des Tones dienen, je eine vierte bei- gefügt, die von dem Hammer nicht berührt wird, sondern nur den Zweck hat, durch ihr Mittönen den Ton und seine Obertöne zu verstärken und so die Schönheit der Klangfarbe zu erhöhen. Helmholtz wies die Obertöne, die ein geübtes Ohr auch so erkennen kann, experimentell vermittelst der Resonatoren nach. Das sind niit zwei einander gegenüber liegenden Oeffnungen versehene hohle Bietall- kugeln. Die eine Oeffnung dient zur Aufnahme des Schalles, die andere läuft etwas spitz zu und kann ins Ohr gesteckt werden. Die Luft in den Resonatoren geräth ins Mittönen nur, wenn der Ton erschallt, auf den sie abgestimmt sind. Nun denke man sich eine Reihe von Resonatoren, die auf die Obertöne eines Tones abgesrinimt sind. Mit dem Erschallen des Tones beginnen die Resonatoren mit- zutönen. Wenn man sich vergegenwärtigt, welch eine Menge Töne erschallen, wenn ein Mischung von mehreren Klängen gespielt wird, in welchem Verhältniß diese Töne und ihre Obertöne zueinander stehen, und das oben angeführte Gesetz im Auge behält, so wird man sich ungefähr vorstellen können, auf welche komplizirte Weise hierbei Konsonanzen und Disso- nanzen entstehen. Auf alle diese Beziehungen, diese feinsten Tonverschlingnngen näher einzugchen, würde mich zn weit führen und auch für den Leser zu er- müdend sein. Noch möchte ich auf eine Erscheinung aufmerksam machen, die man oft Gelegenheit hat zu beobachten. Beim Glockcngeläute hört man gewisse Töne in einer eigenen Art. Bald erklingen sie leise, werden laut, schwellen an, um allmälig in der Stärke wieder abzu- fallen ze. Man nennt diese Erscheinung Stöße oder Schwebnngen. Im Allgemeinen treten die Schwe- billigen auf, wenn Töne von nahezu gleicher Höhe er- klingen. Wenn man an den Zinken einer von zwei gleichgestimmten Stimmgabeln ein kleines Wachs- kliimpchen festklebt und dann beide ertönen läßt, so kann man die Schwebungen in langsamer, deutlicher Aufeinanderfolge hören. Verstimnit man die eine Stimmgabel durch ein größeres Wachsklümpchen noch mehr, so erfolgen die Stöße schneller. Die Theorie der Schwebung, von Helmholtz begründet, hängt mit der Theorie der Wellenbewegung ganz eng zusammen. Ich muß daher verzichten, darauf cinzugehen, trotzdem die Lehre von den Schwebungen aus die Theorie der Konsonanz und Dissonanz und auf die genaue Stimmung von Instrumenten großen Einfluß hat. Blau kann auch durch die Schwebnngen die Ton- höhe berechnen. So interessant die Erörterung aller dieser verwickelten Verhältnisse wäre, wir geriethen zn weit in die Binsiktheorie und würden doch darum keine Musiker. Es ist merkwürdig, daß der Künstler unbewußt die richtigen, uns angenehm klingenden Tonverhältnisse zn finden weiß, selbst wenn er auch keine Ahnung von der Theorie der Töne hat. So weit auch die Wissenschaft die Theorie der Klänge aufgeklärt hat, die Musik hat wenig Nutzen davon gehabt. Weder die Zusammenstellung der Töne, die Melodien, sind schöner geworden, noch hat man einen großen Einfluß der Tonknnsttheorie auf den Bau der tönenden Körper, der musikalischen Instrumente, verspürt. Von diesen vielleicht ein anderes Btal. "Der QßüHiTcrbrntcr. Roman von Wilhelm von Polenz. (Forlsetzung.) ging hin und wieder in den Kretscham, um die Stimmung dort zu ergründen. Der Onkel behandelte ihn stets mit ausgesuchter Zuvorkommenheit. Er lächelte und zwinkerte, so- bald er des Neffen ansichtig wurde, in seiner närri- scheu Weise. Aber aus ihm herausznbekommeu war nichts. Sowie Gustav ernsthaft von Geschäften zn sprechen anfing, begann er zu lachen, daß ihm manch- mal die wirklichen Thränen aus den Augen liefen: so verstand er es, die Sache ins Lächerliche zn ziehen und den Neffen hinzuhalten. Wenn nicht die stete Sorge um die Vermögens- luge seiner Familie gewesen wäre, hätte Gustav in jener Zeit ein glückliches und gemächliches Leben führen können. Wintersanfang ist eine der ruhigsten Zeiten für den Landmann. Sobald die weiße Decke die Fluren bedeckt, kann er von seinen Werken ausruhen und dem lieben Gott die Sorge uni die Saaten über- lassen. In dieser Zeit, wo die ganze Natur aus- znruheu scheint vom Schaffen und Hervorbringen, Ivo alle jene treibenden, nährenden, in Saft und Frucht schießenden Triebe gleichsam eingefroren sind, hält auch der Bauer eine.Art von Winterschlaf. Mehr als Andere ist er ja verwandt mit der Erde, die er bebaut. Er hängt mit ihr zusammen, wie das Kind mit der Mutter, vor der Trennung. Er empfängt von ihr geheimnißvolle Lebenskräfte, und ihre Wärme ist auch die seine. Ohne Arbeit war freilich auch der Winter nicht. Da gab es Schnee auszuwerfen auf den Wegen. Dann war die.Holzarbeit. Der Büttnerbaner machte sich mit Hülfe seiner beiden Söhne daran, die ein- zelnen übcrgehaltenen Kiefern und Fichten zu fällen, die gefällten zu Klötzern zu schneiden, die Wipfel und Aeste zu Rcisighaufcn aufzuschichten. Was an verkrüppeltem Holze da war, das nicht zu Nutzstücken verwerthet werden konnte, wurde in den Schuppen gebracht und dort in Scheite gespalten und zu Brenn- holz zerkleinert. Es gab einen harten Winter. Das Feuer im Kochherde, der gleichzeitig Ofen für die Wohnstube war, durfte nicht ausgehen. Kohlen zn verwenden, Die Neue A?elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. betrachtete der Bauer als Verschwendung; wozu wuchsen denn auch die Bäume im Walde! So wurde denn tüchtig Holz verkachelt. Zu lüften hütete man sich wohl, damit ja nicht etwas von der kostbaren Wärme entfliehe. Gegen Oeffnen durch vermessene Hände waren die Fenster übrigens wohl verwahrt. Zni Herbst schon hatte man die Fensterstöcke und Nahmen mit Btoos, Laub, Stroh und Nadelziveigen sorgsam versetzt. So war das ganze Lmris in einen schützenden Mantel gekleidet, welcher der Winterkälte den Zugang verwehrte, zugleich aber auch die frische Luft ausschloß. Ter Tag begann spät, erst gegen sieben Uhr dämmerte es ja, und der Büttnerbaner drückte jetzt ein Auge zu wegen des späteren Aufstehens. Wenn das Vieh um sechs Uhr früh sein erstes Futter hatte, war er zufrieden. Um vier Uhr Nachmittags fing der Abend schon an. Lampen wurden nicht gebrannt, der Ersparnis; halber, nur Laternen und Unschliit- kerzen. Wozu brauchte man auch Helligkeit! Tas Kochen, Aufwaschen und Buttern konnte in den paar Tagesstunden vorgenommen werden. Zum Essen sah man auch im Halbdunkel genug. Gelesen oder geschrieben wurde nicht. Andere Bedürfnisse kannte man kaum. Mit den Hühnern wurde zu Bett ge- gangen. Man dämmerte so dahin, schläfrig und schweigsam. Therese war die Einzige, die manchmal mit ihrem scharfen Mundwerke, das auch im Winter nicht ein- gefroren zu sein schien, etwas Erregung in dieses dämmerige Dasein brachte. Vor Allem an ihrem Gatten zankte sie herum, der meist mit der Tabak- pfeife im Aiunde hinter dem Ofen zu finden war. Karl war im Winter schlimm daran, da konnte er sich der Kälte wegen nicht auf den Heuboden oder ins Freie retten. Die Ofenhölle war nur eine schlechte Zufluchtsstätte vor der Galle seiner Ehehälfte. Gustav wohnte ztvar daheim, tvar aber auch viel in der Behausung der Wittwe Katschner zu finden. Für diesen Haushalt mußte er den fehlenden Mann ersetzen. Holzhacken, Wasserholen, all die schweren Arbeiten nahm er auf sich. Pauline hatte für den Winter wieder das Weben aufgenommen. Sie ging mit geheimer Freude an die Arbeit; sie wußte ja, ivem das zu Gute kam, was sie jetzt webte. So theilte Gustav seine Zeit und seine Kräfte zwischen den beiden Familien. Die Seinigen hatten sich darin gefunden, in Katschners Pauline Gustavs Anserwählte zu erblicken. Trotzdem fand ein Ver- kehr zwischen den Bauersleuten und dem Mädchen nicht statt. Man fragte nicht darnach, wann Hoch- zeit sein sollte. Das war Sache der Beiden; nicht einmal mit den eigenen Eltern sprach Gustav darüber. ** * Der Büttnerbaner war kein Träumer. Seine Interessen waren der strengen und nüchternen Wirk- lichkeit zugewandt, und zum Spintisiren und Phan- tasiren ließ ihm sein angestrengtes Tagewerk keine Zeit übrig. Aber Eines steckte tief in seinem Wesen: er lebte viel mit seinen Gedanken in der Vergangen- heit, sie war ihm ein steter Begleiter der Gegen- wart, der mit beredtem Wunde zn ihm sprach. Dieser Hang zum Niickwärtsblicken und Beschauen des Ver- gangenen wurde in ihm bestärkt durch die Verein- samung, in der er sich befand. Denn obgleich er eine zahlreiche Familie um sich heranwachsen sah, war dieser Wann doch allein, wollte es sein. Er scheute jede Mittheilung seines Innersten Anderen gegenüber, auch wenn sie von seinem Fleisch und Blute waren. Aber mit den Dahingeschiedenen stand er in lebendiger Beziehung. Sein erstaunlich frisches Gedächtniß unterstützte ihn darin. Er vermochte sich Erlebnisse und Per- sonen aus der frühesten Jugend vor die Seele zu stellen, als seien sie gestern gewesen. Aussprüche der Eltern, ja selbst des Großvaters, konnte er mit wörtlicher Treue wiedergeben, obgleich der Alte vor nahezu fünfzig Jahren daS Zeitliche gesegnet hatte. Er war im Stande, mit untrüglicher Gewißheit an- zugeben, an welchem Tage in einem bestimmten Jahre man das erste Heu eingefahren hatte, oder was ihm damals für eine Kuh bezahlt worden war, oder auch, wieviel der Roggen in dem und dem Monate gegolten hatte. Die Vergangenheit bildete aber nicht blos den vielbetrachteten Hintergrund'seines Daseins, sie wirkte geradezu entscheidend auf seine Entschließungen ein. Er war gebunden in seinem Willen an Thaten und Absichten seiner Vorfahren. Ohne sich dessen selbst recht bewußt zu werden, ließ er sich leiten von fronimer Rücksicht auf Wunsch und Willen jener Entschlafenen, die für ihn eben Gegenwärtige waren. Dabei sprach er fast nie von der Vergangenheit. Das Sprechen, soweit es nicht einem bestinlinten praktischen Zwecke diente, erschien ihm überhaupt müßig. Das Reden um der Aussprache willen, die süße Erleichterung des Gemüths durch Mittheilnng, kannte er nicht, verachtete dergleichen als weibisch. Am ehesten ließ er noch etwas von seinen Ge- fühlen seinem Sohne Gustav blicken, der von der ganzen Familie seinem Herzen am nächsten stand. Das hatte seinen besonderen Grund. Ter alte Biann glaubte in diesem Sohne etwas von dem Wesen des eigenen Vaters wieder lebendig werden zu sehen. Die Aehnlichkeit bestand in der That zwischen Etikel und Großvater. Aber auch sonst gab es verwandte Züge zwischen den Beiden. Wenn der Bauer diesen Sohn auf Feld und Hof schalten und walten sah, mit energischen Befehlen die Geschwister anstellend, überall selbst mit Hand anlegend, voll Eifer und Lust an der Arbeit, dann wurde der alte Mann an den Vater erinnert, der für ihn noch jetzt das Muster eines tüchtigen Wirthes bedeutete. Und so verband sich mit dem Gefühle des Vaterstolzes für den Büttner- baner die geheime Hoffnung, daß durch diesen Sohn der Familie wieder eingebracht werden möchte, was sie durch schlechte Jahre und Unglücksfälle mancherlei Art in letzter Zeit eingebüßt hatte an Vermögen und Bedeutung. Jetzt im Winter, wo die Arbeit nicht auf die Nägel brannte, war mehr Zeit als sonst, seinen Gedanken nachzuhängen. Was für Erinnerungen wurden da in der Seele des Alten wach! Was für Gestalten standen da vor seinem rückschauenden Blicke auf und gewannen Leben!— Da war sein Vater! mittelgroß, breitschulterig, bartlos, wie alle Büttners vordem, blondhaarig. Er gedachte des Vaters imnier, wie er ihn aus der frühesten Kindheit in Erinnerung hatte, als eines im besten Lebensalter stehenden blühenden Mannes. Was war das für ein Arbeiter gewesen! Mit einem Finger hatte er den Pflug aufgehoben und umge- wendet. Und dabei war er ein Grundgescheidter gewesen. Dem hatte Niemand ein T für ein ll machen dürfen. Deshalb war es ihm auch gelungen, das Seine zusammenzuhalten und zu mehren. Der Großvater des jetzigen Biittncrbauern hatte diesem Sohne das Gut noch bei Lebzeiten über- lassen und sich auf das Altentheil zurückgezogen. Der alte Mann fand sich in der neuen Ordnung der Dinge, welche durch die Bauernbefreiung und die Gemeinheitstheilung in den bäuerlichen Verhält- nissen entstanden war, nicht mehr zu recht. Er hatte die Zeiten der Erbunterthänigkeit unter die Guts- Herrschaft und die Frohnden durchgemacht. Als junger Mensch hatte er drei Jahre lang im Zwangsgesinde- dienst auf dem Gutshofe gescharwerkt. Später waren von ihm die fälligen Spanndienste für die Herr- schaft abgeleistet worden. Er lebte ganz und gar in den Anschauungen der Hörigkeit. Der Hofedienst ging allem anderen voraus. Der Graf, sein gnädiger Herr, konnte ihm sein Gut wegnehmen, wenn er wollte, und einen Anderen an seine Stelle setzen, tvie es ihm gerade paßte. Der Herr hatte die oberste Polizei und Strafgewalt und verfügte über Leib und Ver- mögen seines Untcrthanen. Das wurde nun mit einem Male alles anders. Der Bauer sollte fortan ein freier Herr sein, auf eigenem Grund und Boden. Dabei fiel mit den Pflichten auch der Schutz weg, den die Gutsherr- schaft den Unterthanen gewährt hatte. Viele Leute, besonders die alten, in der Erbunterthänigkeit groß gewordenen, konnten sich in diese Aenderung der Dinge nicht finden. Sie hatten gar kein Bedürfnis; nach Freiheit enipfnnden. Seit Bienschengedcnken hatten ihre Familien Hofedienste gethan, hatten unter Obhut und Leitung des Edelmannes ihr Leben zu- gebracht; Selbstständigkeit und Freiheit ivaren für sie Worte ohne Sinn. Sie tvolltcn es nicht anders haben, als ihre Väter es gehabt. Der Gutsherr hatte ihre Kräfte benutzt, hatte sie vielleicht über Gebühr angestrengt, aber er hatte auch für sie ge- dacht, und sie in schlimmen Zeiten geschützt. Das gebot ihm das eigenste Interesse; sie gehörten ihm ja, waren seine Leute, ohne deren kräftige Hände sein Besitz werthlos war. Nun sollten sie auf ein- mal für sich selber denken und sorgen. Sie standen auf eigene Füße gestellt, verantwortlich für ihre Thate». Gar Manchen fröstelte da in der neu- geschenkten Freiheit, und er wünschte sich in das Joch der Hörigkeit zurück. So ging es auch dem alten Büttner. Schwere Zeiten hatte der Mann gesehen. Zweimal waren die Franzosen durch Halbenau gekommen und hat.cn geplündert. Was sie übrig gelassen, nahmen die Kosacken mit, die als Verbündete kamen, aber ärger hausten als die Feinde. Von dieser Einquartierung sollte man sich noch lange in der Gegend erzählen. Dann kam gleich nach dem Feinde ein furcht- bares Nothjahr mit Niißernte und Hungersnoth im Gefolge. Mancher Bauer verließ in jenen Tagen seinen Hof und ging auf das Rittergut oder in die Stadt, um Anstellung zu finden, da er als eigner Wirth dem sicheren Verhungern entgegen sah. Da wurde vielfach lediges Banernland von der Herr- schaft eingezogen. Der damilage Büttnerbaner sah es daher als eine Erleichterung an, als bei der Regulirung ein Dritttheil seines Gutes der Herrschaft Saland zugeschlagen wurde. Ja, er hätte sich viel- leicht von dem mächtigen Nachbarn, der sich anS einem Beschützer über Nacht in einen Nebenbuhler verwandelt hatte, ganz aus seinem Besitze verdrängen lassen, wenn nicht sein Sohn gewesen wäre. Leberecht Büttner war, im Gegensatze zu seinem Vater, ein Sohn der neuen Zeit. Er hatte die Freiheitskriege mitgemacht als Grenadier. Zweimal war er in Frankreich gewesen, war mit Erfahrungen und voll Selbstbewußtsein aus der weiten Welt in das Heimathsdorf zurückgekehrt. Zu Hause nahm er sehr bald das Heft in die Hand. Der Vater besaß so viel Vernunft, um ein- zusehen, daß er nichts Besseres thun könne, als der jüngeren Kraft Platz zu machen; er ging ins Aus- gedinge und lebte noch manches Jahr. Ans alter Gewohnheit nahm er an der Feldarbeit Theil und ward eine Art von Tagelöhner bei dem eigenen Sohne. Der jetzige Büttnerbaner konnte sich noch ganz gut auf ihn besinnen. Ein kleines gebücktes Männchen mit schiefer Nase und rothgeränderten Augen war er gewesen. Sein gelbgraues Haar hatte ihm in langen Strähnen um den Kopf gestanden. Sonntags pflegte er einen blauen Rock zu tragen, der ihm bis an die Knöchel reichte, und eine braun und grün gewürfelte Weste mit blanken Perlmutterknöpfen. Er wußte den Enkeln mit hoher, dünner Greisenstimme schauerliche Geschichten zn er- zählen, von der Franzosenzeit und der Kosacken- Einquartierung. Leberecht Büttner verstand es, die neugewonnene Unabhängigkeit, mit der sein Vater nichts anzufangen gewußt hatte, vortrefflich auszunutzen. Der Auf- schwnng, den die Landwirthschaft zu Anfang des Jahrhunderts genommen, die Erkenntniß der Boden- pflege, die veränderte Fruchtpflege, die Bekanntschaft mit neuen Kulturgewächsen, begann langsam durchzusickern und verdrängte allmälig auch in diesem ent- legenen Winkel die veraltete Wirthschaftsweise der Väter. Durch die Auftheilung der Gemeindeweide und die Einschränkung des Viehtreibens und der Streu- Nutzung im Walde wurde der Bauer, selbst wenn er widerwillig war, zu vernünftigerem Wirthschaften gezwungen. An Stelle der Weide trat der Stall, dadurch wurde der bisher verschleppte Mist für die Feld- düngung gewonnen. Man mußte Futterkräuter an- bauen und mit der Brachenwirthschaft brechen. Hand in Hand damit ging die bessere Wiesenpflege und die Tiefknltur.(Forlsetzung solgt.) 06 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Im jltbzigken Gcburtstllgc Heurik Ibsens. Von D. R. (Zu unserem Bilde.) m 20. März werden es siebzig Jahre, daß zu Skien in Norwegen dessen größter Dichter und zugleich eine der bedeutendsten Person- lichkeiten der modernen Literatur, Henrik Ibsen, das Licht der Welt erblickte. Geboren als der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns, lernte er, da der Vater im Jahre 1836 in Konkurs gerathen war, bereits in jugendlichem Alter den Ernst des Lebens kennen, um vielleicht schon damals, als er als Apothekerlehrling nach Grimstad übersiedelte, den ersten Grund zu dem überreichen Kapital an Welterfahrung und Meuschenkenntniß zu legen, den die Werke des späteren Dramatikers uns Lebenden offenbaren. Allzn lange freilich hielt es der junge Mann, dessen Sturm- und Drangperiode bereits begonnen, in diesem Berufe nicht ans. Als Zweinndzwanzig- jähriger ging er im Jahre 1850 nach der Haupt- stadt seines Vaterlandes, Christiania, um sich hier medizinischen Studien zu widmen, bis auch dies neue Ziel einer ärztlichen Thätigkeit von ihm aufgegeben wurde und der seit Langem nach Bethätigung ringende Dichter und Künstler an ihm zum Durchbruch kam. Nur mußte er auch als solcher bald genug er- kennen, daß alles Andere eher als der Beruf des Dichters, seinen Mann ernährt, und so bequemte er sich, die Redaktion des„Blanden", eines politi- scheu Witzblattes, zu übernehmen, nm auf diese Art seinen Lebensunterhalt zu erringen. Da das genannte Blatt jedoch schon nach wenigen Monaten sein Erscheinen einstellen mußte, hätte sich Ibsen aufs Neue vis k vis du rien, dem Nichts, gegenüber gesehen, wenn nicht der Geiger Ole Bull sich seiner angenommen und ihm am neu gegründeten Theater der Stadt Bergen eine Stelle als Regisseur und Theaterdichter verschafft Hütte. Als solcher war er nun doch wenigstens in der Lage, seiner künstlerischen Produktion zu leben, oder, da ihm in dieser Beziehung wieder ein gewisser Zwang auferlegt war, wenigstens die für den Dramatiker unerläßliche bllhnentechnische Erfahrung zu gewinnen. Wie der von ihm eingegangene Kontrakt besagte, mußte Ibsen während seiner Bergener Wirksamkeit nämlich zu jeder Wiederkehr des Theatergriindungs- tages ein Stück verfassen, und es ist begreiflich, wenn unter diesen Umständen der Dichter nicht zu seinem vollen Rechte kam und die in jener Zeit entstandenen Stticke bis auf eines vor der eigenen Zensur nicht Stand hielten. Auf diese Bergener Zeit folgte dann vom Jahre 1857 an ein längerer Aufenthalt in Christiania, wo Ibsen als Theaterdirektor thätig war und nach der Herausgabe seiner„Nordischen Heerfahrt" und der„Kronprätendenten", vor Allem mit seiner„Ko- mödie der Liebe" ein ungeheures Aufsehen erregte. Freilich bedeutete dieses Aufsehen keineswegs auch einen Triumph des Dichters. Im Gegeutheil. Das klein- und spießbürgerliche Publikum der nor- wegischen Hauptstadt war oder that wenigstens über den rücksichtslosen Gesellschastskritiker, als den sich Ibsen hier zum ersten Male kund gab, aufs Höchste entrüstet und schien so wenig darnach angethan, dem jungen Dramatiker den Weg zu bereiten. Dazu kam, daß das Theaterunternehmen selbst verkrachte und auch die politischen Verhältnisse Norwegens in Ibsens Augen derart traurige waren, daß er im Frühjahr 1864 den heimischen Staub von den Füßen schüttelte und als unzufriedener Nörgeler das sonnige Land Italiens, speziell das an künstlerischen wie histori- schen Erinnerungen überreiche Rom aufsuchte. Hier entstanden in der Folgezeit die gewaltigen dramatischen Dichtungen„Brand",„Peer Gynt", das zweite Gesellschaftsdrama, der„Bund der Jugend", und endlich das große, weltgeschichtliche Schauspiel „Kaiser und Galiläer". So sehr der Dichter sich aber auch in dieser letzten Arbeit, die bei ihrer Fülle tiefsinniger Gedanken im Einzelnen die weitesten geschichtsphilosophischen Perspektiven eröffnete, als Meister der Historie großen Stiles offenbarte, sein Genügen fand er auf diesem Gebiete doch nicht. Sein grüblerischer, nach den Seelengriinden des einzelnen Menschen trachtender Geist verlangte einen engeren Kreis von Gestalten, und zwar Gestalten, bei denen es keiner künstlichen Konstruktionen, keiner Ableitung aus dem allgemeinen Charakter ihrer Zeit bedurfte, sondern Gestalten, die er persönlich nnt Auge und Ohr erforschen, die er bis auf die Nieren prüfen konnte. Solche fand der Dichter aber natürlich nur unter den Menschen seiner eignen Zeit, und so waren von nun ab nur sie Objekt seiner künstlerischen Darstellung, wurde seine eigentliche Domäne das gesellschaftliche Drama, bis er auch über dieses noch einen Schritt hinaus ging und statt Gesellschafts- kritik zu üben, die Menschen zu schildern, den Menschen zum Gegenstande tiefster seelischer Analyse machte. Es entstanden so zunächst 1877, als Frucht eines dreijährigen Miincheuer Aufenthalts:„ Die Stützen der Gesellschaft", 1879„Nora, oder: Ein Pnppenheim" 1881„Die Gespenster" und endlich 1882„Der Volksfeind", d. h. diejenigen Dramen, in denen der Gesellschaftskritiker Ibsen in den Vordergrund tritt. Denn wenn wir ihn von dieser Seite auch in den späteren Arbeiten noch des Oefteren kenneu lernen, Typen des kapitalistischen Systems und dessen Opfern auch fernerhin noch begegnen— ich erinnere nur an die Figuren des Großhändlers Werle, des alten Ekdal in der„Wildente", des ehemaligen Bankdirektors Gabriel Borkmann, oder des greisen Brovik im „Baumeister Solueß"— so tragen diese doch immer einen mehr zufälligen episodischen Charakter und haben für das Ganze nicht entfernt die Bedeutung, wie etwa ein Consul Bernick für die„Stützen der Ge- sellschaft". Denn worauf es Ibsen in den oben genannten Bühnenwerken ankommt, ist nicht so sehr, für diese oder jene Personen ein besonderes persönliches Jnter- esse zu erwecken, sondern nur die in ihnen zum Aus- druck kommenden gesellschaftlichen Institutionen her- vorzuheben, sie anzugreifen und vor aller Welt zu geißeln. So ist es in den„Stützen der Gesellschaft" der Kapitalismus vor Allem, den der Dichter uns in seiner verderblichen, Gefühl und Gewissen ertödtendeu Gier nach immer neuer Macht, neuem Besitzthnm schildert, dem er das Mäntelchei: heuchlerischer Tugend und Frömmigkeit herunterreißt, daß er sich zuletzt nur mehr als ein großer Verbrecher unserem Auge dar- stellt; und so ist es weiter in der„Nora" die Institution der niodernen Ehe, deren innere Unwahrheit und Halb- heit uns enthüllt wird, in den„Gespenstern" gleich- falls die heutige Ehe, bei der das Weib zum bloßen Kaufobjekt herabgesunken, als Unwissende verscheukl, vergeben, mit gebundenen Händen der hereinbrechenden Katastrophe gegenüber steht, oder doch, weil mau sie zu nichts Anderem erzogen, durch Lüge, durch Vertuschen ihr vorbeugen zu können meint. Und die Lüge, die gesellschaftliche Heuchelei ist es nicht minder im„Volksfeind", gegen die sich der Zorn des Dichters kehrt, die er mit einem au Fanatismus grenzenden Wahrheitseifer rücksichtslos aufdeckt. Um so seltsamer, unbegreiflicher will es uns darum erscheinen, wenn wir in einer späteren Arbeit Ibsens, der„Wildente", den umgekehrten Fall er- leben und sehen, wie ans dem früheren ungestümen Wahrheitsapostel plötzlich ein grimmiger Spötter seiner selbst geworden ist, wie er in der Gestalt des sar- kastischen Dr. Relling es aufgiebt, gegen die Lüge weiter noch zu Felde zu ziehen, ja wie er diese gleichsam als das Lebensprinzip des Einzelnen wie der Gesammtheit hinstellt. Ob der Dichter darum aber wirklich ein Anderer geworden ist? Wie, wenn der große Idealist, als den er sich uns in allen seinen Werken offenbart, gefürchtet hätte, ob seines steten Kampfes für die Wahrheit, für eine größere, höhere Moral als die sogenannte„bürgerliche" ist, gar in den Ruf eines Moralpaukers zu kommen? Oder aber wer wüßte nicht, wie gerade der höchste Idealismus oft nur in blutiger Ironie, ja selbst in häßlichen Cynismen sein Geniigen finden, nur in ihnen ganz sich ausdrücken und ausleben kann? Aber nicht nur eine größere, höhere Moral, wie ich eben sagte, ist es, als deren Bertheidiger wir Ibsen der gesellschaftlichen Lüge und Heuchelei entgegen treten sehen; je weiter wir seine dichterische Entwickelung verfolgen, desto häufiger scheint es, als ob auch diese sogenannte höhere Bloral für ihn mehr und mehr in den Hintergrund träte, um neuen Lebensprinzipien, neuen, nur erst geahnten menschlichen Werthen Platz zu machen. So sehen wir in„Rosmersholm", vielleicht der tiefsten, vollkommensten Schöpfung Ibsens über- Haupt, bereits auch Menschen einer ganz neuen, anderen Gattung, als sie die bisherigen Gesellschafts- dramen aufwiesen, Menschen, die gleichsam über ihre eigene Zeit und Umgebung hinausgewachsen sind, die auf der Grenzscheide der alten und einer neuen Welt stehen und doch noch nicht die Fähigkeit besitzen, in dieser neuen auch zu leben. Sie sind die alten Vorstellungen, die sie längst überwunden glaubten, im Grunde doch nicht loc' geworden, und in dem Augenblick, da sie die alten Formen und Fesseln brechen, ist auch ihre Lebens- kraft gebrochen. So finden Rosmer und Rebekka, die in ihrer leidenschaftlichen Liebe das Weib dessen, den sie frei machen wollte, mit vollem Bewußtsein in den Tod getrieben, schließlich keinen anderen Ausweg, als das gemeinsame Ende im Mühlbach. So findet Baumeister Solneß mit der letzten, rein symbolisch zu verstehenden Szene einen tragi- schen Abschluß. Solneß, der sich aus der dumpfen Enge des Alltagslebens nach der freien Luft der Höhe sehnte, bricht, als er, dem kindischen Verlangen Hilda Wangels folgend, den neuen Thurm besteigt, dabei elendiglich den Hals. Er konnte die Höhenluft, nach der er sich sehnte, eben nicht ertragen. Der Weg zu dem Lande, das er mit der Seele suchte, bedeutete auch ihm den Weg des Todes. Doch genug der Andeutungen über diese jüngste Periode Jbsen'scher Dramattk; Werke wie„Der Bau- meister", und nicht minder den zwei Jahre darauf er- schienenen„Klein Eyolf" hier eingehend zu behandeln, würde allzu weit führen, denn mit einer bloßen flüch- tigen Jnhaltsskizze wäre bei dem stark ausgeprägten symbolischen Charakter beider Stücke wenig gesagt. Allein ich glaube, ans einen bloßen Versuch in dieser Richtung auch um so eher verzichten zu können, als die Hauptstärke Ibsens eben auf dem Gebiete seiner gcsellschaftskritischen Arbeiten gelegen ist, als diese es sind, die den größten Einfluß, besonders auch auf die deutsche Dramatik, ausgeübt, und den Namen des Dichters zu einem Epoche machenden in der gc- sammten modernen Literatur gemacht haben. Um es aber in kurzen Worten auszudrücken, worin dies Epochemachende des großen norwegischen Dichters zu suchen ist: so ist es das, daß er als Erster die großen Fragen des modernen Lebens— nicht, wie vor ihm schon ein Dumas, Sardou und Andere nur für die Bühne, sondern für die drama- tische Kunst gewann. Daß er nicht wie Jene nur das Textbuch für ein Spiel von Marionetten schrieb, von denen die einen diesen, die anderen jenen Satz nur zu sprechen hatten, sondern daß er Menschen ans die Bretter stellte, die das, was sie zu sagen hatten, auch wirklich lebten. Denn mag man auch gegen Ibsen einwenden, daß auch seine Menschen mitunter zu wandelnden Ideen werden, und ihr Handeln sich nur rein ver- standesmäßig, logisch entwickele, so sind sie, wenigstens heute noch, für uns doch von so starker, unmittel- barer Wirkung, daß wir im Augenblick nicht anders können, als an sie als Gestalten von ivirklichem Fleisch und Blut zu glauben. Nachdruck des Inhalts verboten? Alle für die Redaktion der„Neuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Berlin, SW 19, Beuthstraße 2, zu richten. liierantworll. Redakteur: Edgar Stelger, Leipzig.— Verlag: Hamburger Buchdrurkerei u. Verlagsanstalt Auer St So., Hamburg.— Druck: Map Babing, Verlin.