Aus dein Gerichtsftiale. Von Gcorg«chniimberg. Derdauungfördernde Aiesta halten) �in Jahr Gefängniß lautet das Verdikt.— Vergebens hat der junge Praktikant Aein oratorisches Talent verwandt, Und was von zwölf Aemestern ihm geblieben, A?as im Uollcg er fleißig nachgeschrieben, Umsonst hat mit Zitaten er's gespickt, Denn die Vertheidigung ist ihm mißglückt.— Tin Jahr Gefängniß lautet das Verdikt. Denn also muß nach heil'gen Paragraphen Ulan ohne Rücksicht den Verbrecher strafen, Der— hört, wie ruchlos!— jüngst ein Txemplar von einem ZDerke, das verboten war, In einer Mrthschaft öffentlich gelesen: Doch nicht allein, denn— hochverräth'risch Wesen!— Sechs Andre haben auf das Werk geblickt— Tin Jahr Gefängniß lautet das Verdikt.— Der Staatsanwalt nimmt noch einmal das Wort: „Ja, meine Herrn!"(er meint die Ulänner dort, Die, schmunzelnd reibend ihres Bauches Kalten, „Ich, meine Herrn! es schwillt der laute Thor Der Unzufriednen mächtiger empor. Der Heist des Aufruhrs herrscht in unserer Jugend, Sie höhnen schon Gesetze, Sitte, Tugend—" Hazi!„Prosit!" Tin lautes Riesen hört Ulan da im Publikum, doch ungestört Kährt fort der Sprecher:„mit dem kecksten Spott, Die Uleisten glauben nicht einmal an Gott! Doch, wenn sie an des Reiches Vesten wühlen, Dann lasten wir sie die ganze Strenge fühlen. Wir fürchten Gott und"— hazi! noch einmal Tönt dieses laute Riesen durch den Saal.— „Drum ohne Rachsicht jeden Spruch gefällt, Wir wollen warten, wer den Sieg behält." Der Angeklagte kraut den Bart sich stumm, Ulustert Geschworne, Richter, Publikum. Dann ballt er seine Hand, die schwielenharte, Und murmelt leis:„Ich warte!" 3rx) l(cl i cn l) eck. Memoiren eines Auswanderers. Von Johannes Gaulke. VIII. (Schluß.) Die'Zleue Wett. f s war zehn Uhr, als wir den Dampfer der- lassen durften. Die Besichtigung der Zwischen- decker seitens der Einwanderungskommission vollzog sich mit derselben Schnelligkeit, die uns schon bei der sanitären Untersuchung in Erstaunen gesetzt hatte. Von der Einwanderung wurden nur zwei unserer„Schlowaken" unter großem Geheul aus- geschlossen, weil sie eine Bestimmung der Einwanderer- gesetze nicht erfüllten. Nun ging es ans Land. In dichten Kolonnen stürmten die Zwischendecker die Anlegetreppe hinunter, einige Leute wurden über- rannt, die Menge geberdete sich wie unsinnig. Es wäre vielleicht ein Unglück geschehen, hätten nicht einige Schiffsoffiziere und Matrosen die nachdrängende Masse gewaltsam zurückgehalten und so lange die Barriere geschlossen, bis sich eine Kolonne zerstreut hatte. Das Bewußtsein, nun den Boden der Neuen Welt betreten zu dürfen, übte eine geradezu fasci- nirende Wirkung auf die Einwanderer aus; ältere Leute, die stunipfsinnig die Fahrt erduldet hatten, und selbst unsere trägen„Schlowaken" wurden wieder lebhaft, als sie den festen Boden unter den Füßen fühlten. Nun winkte ihnen ein neues Leben, sie fühlten sich plötzlich als Herren ihrer Kraft, kein Gutsherr, kein Fabrikpascha durfte niehr die Geißel über ihrem Rücken schwingen, hier in der Neuen Welt sollte ihnen der Boden gehören, den sie bearbeiteten, und die Früchte ihrer Arbeit brauchten sie mit keinem Anderen zu theilen. Diese Ansicht gab ihnen einen unbezwinglichen Muth und einen unerschütterlichen Glauben an ihre Zukunft, ohne den sie in dem rück- sichtslosen Kampfe ums Dasein in der Neuen Welt bald erlegen wären. Dieses Unabhängigkeitsgefllhl hat ihre Muskeln gestählt und ihren Geist geschärft. Mit Bewunderung blicken wir auf die außerordent- lichen Leistungen der Pioniere des fernen Westens, die in zäher Ausdauer der ungezügelte» Natur ein Stück Land nach dem anderen abgerungen haben. Die mit Erfolg gekrönte Arbeit läßt den Greis wieder zum Jüngling erstarken, dem Verzweifelten giebt sie Muth und Energie zurück, den Unglücklichen erfüllt sie niit neuer Lebensfreude. Hierin liegt der geheimnißvolle Reiz, den die Neue Welt auf Alt und Jung seit Generationen ausgeübt hat. Man begreift nun, daß die Einwanderer, voran die Deutschen, mit einem Enthusiasmus für die Sache der Union gekämpft haben, zu dem sie in der Hei- math, durch die Ungunst der Verhältnisse verkümmert, sich nicht mehr haben emporschwingen können. Es darf uns nicht Wunder nehmen, daß dann die Erinne- rungen an die Heimath oft vollständig in ihnen ver- blassen, daß selbst die Muttersprache einem fremden Idiom weicht, und in der zweiten Generation sich be- reits ein neuer Typus entwickelt hat: der Amerikaner. Was man in der Nasionalisirung fremdsprachlicher Gebiete in Deutschland mit Mitteln der Gewalt vergeblich erstrebt, vollzieht sich hier unter deni Schutz des fteien Selbstbestimniungsrechtes ganz von selbst. Die Menschen, die aus dem Zwischendeck heraus- 98 stürmten, gehörten schon, ohne dos; es ihnen recht zum Bewußtsein gelangte, niit allen Fasern der Neuen Welt an, nichts verband sie mehr mit der Heimath, nichts niehr mit den eigenen Landslenten, mit denen sie die Ueberfahrt gemeinsam angetreten hatten. Es ist eine eigenthiimliche Erscheinung, daß, sobald die Pforten des Zwischendecks sich öffnen, alle Beziehnngen der Menschen zueinander gelöst sind. Die Reisebekanntschaften sind meistens nur von kurzer Dauer, sie entwickeln sich schnell, aber sie enden auch mit dem Betreten des Festlandes. Dann und wann ein kurzes„Adieu", mitunter auch ei» gleich- gültiger Händedruck:„Laß Dirs gut gehen!"— „Tanke, gleichfalls," und man stürnit davon.— In diesem Chaos hoffte ich auch-meines treuen Be- gleitcrs ledig zu werden, aber seine Freundschafts- gefühle für mich wurzelten tiefer. Während ich noch vergeblich nach meinem Freunde ausschaute, faßte der Cowboy mich vertraulich unter den Arm, als wenn er meine schwarzen Gedanken errathen hätte. Was blieb niir nun weiter übrig, als mich seiner Führung anzuvertrauen! Nach einer kurzen Zollrevision gaben wir unser geringes Handgepäck bei der nächsten Ex- pedition auf. Tann ging es hinüber nach New-Aork, das die ganze Fläche der Insel Manhattan Island mit seinem gewaltigen Häusermeer überzogen hat. Der majestätische Eindruck, den die Metropole der Neuen Welt auf jeden Einwanderer macht, schwächt sich gewaltig ab, sobald man die Straßen der unteren Stadt betritt. Hier tritt der amerikanische Krämergeist auf das Aufdringlichste in die Erschei- nung. Längs der Uferstraße ziehen sich die großen Waarenspeichcr und Vercaufsstände aller Art ent- lang, Gemüse und Früchte, Spezereien und Fleisch- waaren werden hier aufgestapelt, um dann den Weg in die Läden der Kleinkrämer zu nehmen. Der Aufenthalt ist, namentlich an warmen Tagen, in diesem Stadttheil, der Vorrathskammer von New- Jork, gerade kein sehr anziehender, die Straßen starren von Schmutz, die Luft ist stets von den Ver- wesungsgerüchen der Fleisch- und Gemiiseabfälle ge- schwängert, dazu muß man einen betäubenden Lärm über sich ergehen lassen, über das holperige Pflaster rasseln hochbepackte Frachtwagen, vom Hafen her vernimmt man das Getöse der Maschinen, hierein mischen sich die gellenden Schreie der Ausrufer und die unartikulirten Flüche der Fuhrleute. Man ist froh, wenn man sich durch diese Gegend hindurch gearbeitet hat. Endlich gelangten wir zum Battay Park, der die südliche Spitze von Manhattan Island einnimmt. Von hier aus genießt man einen wunder- baren Fernblick über die Hafenbay. Gegenüber auf einer kleinen Insel, uns das Gesicht zuwendend, steht die Freiheitsstatue, ini Hintergrunde schließt State» Island, die stolz aufstrebende Insel, das lvnnder- bare Panorama ab; drüben, jenseits des Eastrivers, begrenzt die Kirchenstadt Brooklyn, von einem Gürtel von Schiffen eingerahmt, die Hafenbucht, und ans der Wasserfläche, die von großen und kleinen Fahrzeugen belebt wird, erheben sich mehrere, theilweise befestigte Inseln, die wie schwimmende Kastells erscheinen. Lange konnte ich mich nicht dieser abwechselnngs- reichen Szenerie erfteuen, denn mein Cowboy drängte weiter, da er mir noch die interessantesten Straßen nnd Punkte von New-Aork zeigen wollte. Wir stencrten in nördlicher Richtung auf den Broadway, die große Verkehrs- nnd Handelsstraße, los. Der erste Eindruck, den man hier empfängt, ist keines- wcgs zufriedenstellend, es scheint, als wären diese massigen Gebäude einem plötzlichen Gebot der Roth- wcndigkeit entsprossen; trotz ihrer kolossalen Ans- dehnnng ist ihr Charakter ein provisorischer, die ästhetischen Gesichtspunkte sind von den rein prak- tischen vollständig in den Hintergrund gedrängt worden, den Häuserriesen, die in einer Höhe bis zu zwanzig Stockwerken und darüber in die Lüfte ragen, fehlt jede architektonische Anordnung, nirgends findet das Auge einen Nnhepunkt, ans dem es mit Vergnügen weilen könnte. Die wenigen öffentlichen Gebäude und Kirchen werden von der Wucht des Kanfhanses vollständig erdrückt, ängstlich schmiegt sich ein Kirch- tliurm an einen der Hänserriesen, als flehe er um Schlitz. Einst beschattete die Kirche die gesannnte profane Welt, in Amerika ist ihr nur ein bescheidener Raiiiii neben dem modernen Kaufhaus angewiesen— die äußerliche Erscheinungsform für den Niedergang der Kirche. Wenn man überhaupt in der Straßen- architektnr das symbolische Ansdrucksmittel des Zeit- geistes erblicken will, so gelangt in der amerikanischen Architektur der wilde, ungezügelte Geist der freien Konkurrenz zum prägnanten Ausdruck. Es scheint, als ob diese gewaltigen Steinmassen sich zu Forma- tioiien von ungeahnter Kraft verdichten wollten, aber mitten in ihrem Gestaltungsprozeß aufgehalten wären. Daher haftet ihnen der Charakter der Unfertigkeit unverwischbar an. Auf ein feineres ästhetisches Empfinden wirken diese ziellos übereinander gcschich- tcteii, unharmonisch gegliederten Massen verletzend. Man kann nicht frei aufathmen in dieser Umgebung. Mein Führer, der als echter Naturmensch ganz im Banne dieser außergewöhnlichen Erscheinungen stand, konnte nicht begreifen, daß mir diese„Himmelskratzer" so wenig Respekt einflößen konnten.— Bald gelaugten wir zum Cityhall Park, dem Mittelpunkt der Geschäftsstadt. Es war um die Mittagsstunde. Der Verkehr hatte seinen Höhepunkt erreicht. Auf der östlichen Seite endet der große Viadukt der Hängebrücke, an den sich eine Hochbahnstation an- reiht. Ein uiinmer enden wollender Menscheiistroiil ergoß sich von der Brücke her auf den Platz, da- zwischen rasten die Straßenbahnen, unaufhörlich läutete der Kondukteur, dann vernahm man die gellenden Rufe der Zeitungsjungen, und Alles über- tönte das Gerassel der Hochbahn. Der Menschenstrom theilt sich nach nördlicher und südlicher Richtung; der eine Zweig fluthet an den schwindelhaft hohen Zeitungspalästen, wo dreimal am Tage die öffent- liche Meinung Amerikas fabrizirt wird, vorüber und vertheilt sich in die Straßen der unteren Stadt; der andere Strom bewegt sich durch die Park Row der Bowery, der interessansteten und eigenartigsten Straße New-Borks, zu. Auf dem Broadway hat die vor- nehme Handelswelt ihr Hauptquartier aufgeschlagen, auf der Bowery der kleine Schacher; hier werden nur Artikel zweiter Qualität in eben solchen Häusern und Ständen feilgeboten, Alles ist an diesem Orte zweitklassig, selbst die Menschen. Neben smarten Pankees feilschen russische Juden und Deutsche um die Wette, Italiener und Neger haben hier ein weites Operationsfeld gefunden. Die Bowery ist der Tummel- platz der Nelv-Iorker Straßentramps und des licht- scheuen Gesindels aller Rassen, sowie der heimischen und fremdländischen Schiffer und Abenteurer. Der Charakter der Straße ist vollkommen international, man hört englisch nnd deutsch sprechen, daneben aber auch polnisch nnd„jüdisch", französisch und italienisch; hier befindet sich neben dem amerikanischen Restanrant eine deutsche Spießbürgerkneipe, Cafes, Theehäuser und„Salons", daran schließen sich an die Massen- abfüttcriingsanstalten zweiten Ranges nnd darunter — erstklassige sind ausgeschlossen, da diese den vnl- gären Atlituden der Bowery nicht gerecht werden würden. Dann finden wir hier eine große Anzahl zweifelhafter Theater- und Vergnügungslokale und Hotels, vom dritten Range abwärts, Schaubuden und Wachsfignrenkabiuette, Trinkhallen und Zcitnngs- stände, Schnellphotographen und fliegende Budiker vervollständigen das reich bewegte Straßenbild der Bowery. Der riesige Verkehr, sowie der daraus resnltirende Lärm wirken lähmend auf die Nerven, man kann nur mit größter Mühe das Wort seines Nachbars verstehen. Unaufhörlich rasselt an uns die Straßenkabelbahn vorüber, über uns aber donnert die Hochbahn auf eisernen Pfeilern längs des Bürger- steiges dahin. Ter Straßendamm der unteren Bowery ist sogar vollständig von der Hochbahn überbrückt, so daß hier ewige Dämmerung herrscht. Das Volk, das auf der Bowery sein Wesen treibt, geht ganz in seine-Umgebung auf, sein Horizont reicht kaum über die Ouerstraßen hinaus. Für den New-Iorker Tramp ist die Bowery Heimath und Vaterhaus, stets kehrt er von seinen Streifziigen hierher zurück; für wenige Cents erhält er ein Nacht- quartier, Nahrungssorgen kennt er nicht, er fechtet sich schlecht und rechl durch, wenn ihm nicht eine kleine Arbeitsgelegenheit geboten wird. Es war schon Spätnachmittag, als wir in eine der billigen Speiseanstalten einkehrten. Appclit- erregend sah das Lokal gerade nicht aus; auf den rohen Holztischen hatten die verschiedenen Speise- Überreste eine klebrige Schicht hinterlassen, die die Stelle einer Glanzdecke vertreten konnte. Der Fuß- boden war mit Sägespähnen bedeckt; um das Ilcbel zu vervollständigen, bedienten einige schmierige Neger. Aber trotzdem ließen lvir uns, ausgehungert von dem weiten Marsch, das frugale Mahl gut schmecken, ohne es ans seine Bestandtheile und Zubereitung hin näher zu prüfen. In anderen Zeiten hätte ich gewiß keinen Bissen in einer solchen Behansnng zu mir nehmen können, aber noch stand ich unter dem Einfluß des Zwischendecks. Immerhin wäre auch eine weniger einfache Lebensweise unter den gegebenen Umständen nicht zu empfehlen gewesen, da meine ganze Habe aus einem Zwanzigmarkstück, das ich wie meinen Angapfel während der Fahrt gehütet hatte, bestand. Mein Cowboy duldete natürlich nicht, daß ich bei dieser Gelegenheit meinen Schatz anriß, und warf mit der Miene eines Btannes, der es dazu hat, eine Dollarnote auf den Tisch, um unsere„Menüs" zu bezahlen. Tann nahmen wir unseren Rundgang wieder auf. Von dem Tummelplatz der Parias der Gesell- schaff begaben wir uns in die Fünfte Avenue, den Wohnfitz der Plntokratie. Welche Gegensätze! Dort trat die Verkommenheit und Dürftigkeit gänzlich ungenirt in die Erscheinung, hier eine distinguirte Zurückgezogenheit und Vornehmthuerei. Es war eine andere Atenschenart, der man in dieser Straße begegnete, so wohlerzogen, so gesetzt in ihren Be- wegungen; man sprach so verständig und lächelte so verbindlich kühl. Und die Nüchternheit und Poesielosigkeit dieser Atenschen theilt sich auch unmittelbar ihrer Umgebung mit. Wohl reiht sich Palast an Palast, Kirche an Kirche, alle Stilrichtungen der Welt haben sich in der Fünften Avenue oft in ihren reinsten Formen ein Rendezvous gegeben, aber wir empfinden nicht den Geist und die Zeitströmung, die in dem jeweiligen Stil nach Ausdruck ringen. Es ist die geistlose Kopie einer alten Kulturwelt. Mir schien, als protestire der Stein selbst gegen das fremdländische Gewand, in das man ihn hinein- gezwängt hat. In jeder Anlage offenbart sich die Gedankenarninth eines hoch gekommenen Geschlechts, das nur mit seinem Gelde, aber nicht mit geistigen Gütern glänzen kann. Es liegt schon in der Massen- haftigkeit dieser Paläste etwas Gcwaltthätiges. Was sind auch die zahlreichen Kirchen und Tempel An- deres als eine protzenhafte Schaustellung all majorem divitianun gloriam unter der Maske der Religiosität und der Toleranz! Hierin äußert sich die Be- thätigung einer Kultur, die, auf einen Wildling ge- pfropft, wohl in die Breite wachsen, aber nicht in die Tiefe dringen kann. Zur Bowery zurück. Trotz aller seiner Schatten- feiten zieht mich das bewegte Volksleben mehr an, als die prosaischen Attitüden der Plntokratie. Alan mag die Bowery mit einer gewissen Scheu betreten, und doch kann man sich ihres romantischen Zaubers nicht erwehren. Wir gehen in eins der beliebten Dime-Museen, das sind die Raritäten-Kabinette, in denen die seltsamsten Wundermenschen, schauderhafte Wachsfiguren nnd allerlei Spezialitäten für die gei- stige Erbauung des Bowerymenschen sorgen. Mit naiver Andacht lauscht man den sonderlichen„Knust"- Produktionen. Dort sitzt auf hohem Podium ein Damenkorps, das mit fabelhaftem Eifer der fried- lichen Beschäftigung des Holzsägens obliegt; daneben befindet sich eine schwarze Tafel, auf der ein Buch- macher den Record verzeichnet. Das Publikum ver- folgt die Thätigkeit der Schönen mit gespannter Aufmerksamkeit, mein Cowboy ist ganz durch den Vorgang absorbirt. Dann fiel eine Klobe krachend zu Boden, ein Beifallssturm brach los, der Schönen, welche sie durchsägt hatte, wurden wilde Ovationen dargebracht. Die nächste Attraktion des Abends waren die stärksten Radlerinnen der Welt. Die Braven mußten zum Gaudium der Masse auf fest- stehenden Zweirädern bis zur Erschlaffung strampeln; die zuletzt vom Platze wich, wurde als die Heldin des Abends gefeiert. Darauf traten, um auch dem Nattoualgefllhl der geschätzten Besucher Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, amerikanische, deutsche und Die Acue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 99 italienische Bänkelsänger und Chansonnetten anf. Ein Deutscher sang höchst andächtig und gefühlvoll das Lied:„Zu Mantua in Banden". Die Menge schwieg bewegt, und als der Wackere zum Schluß bei den Worten:„Ach, wie schießt Ihr schlecht!" zur voll- kommeneren Illustration des Nagischen Geschicks Andreas Hofers eine entsprechende Pose annahm, indem er die Hand krampfhast ans Herz preßte und unter großem Gepolter zusammenbrach, da glänzte in dem Auge meines Cowboys eine Thräne.— Solcher Art sind die geistigen Genüsse, die uns die Bowery bietet. Dann ging es weiter. Wir betraten einen nach dem Hofe gelegenen, von Gasflammen schwach erleuchteten Saal. Es war der Tummelplatz einer buntscheckigen Gesellschaft. Die eine Hälfte des Raumes war mit Tischen und Stühlen besetzt, an denen aufgeregte Burschen und feile Frauenzimmer schlechtes Bier und Whisky zechten. Anf der anderen Seite drehten sich die Paare in wildem Tanze nach den Klängen einer markerschütternden Musik, die oft von dem allgemeinen Lärm übertönt wurde. Die Luft erschien, von Tabaks- qualm und von dem anfgewirbellen Staube durchsetzt, undurchdringlich. Wir ließen uns an eineni schwach besetzten Tische nieder, uns gegenüber saßen zwei amerikanische Matrose», die eifrig dem Whisky zu- sprachen. Nach Beendigung des Tanzes beehrte uns eine der Hetären mit ihrer Gesellschaft. Trotz ihres vom Alkoholgenuß verunreinigten Teints war sie eine verführerische Schönheit, das Profil war geradezu klassisch, wozu ihr üppiges, zu einem griechischen 5tnoten getvundenes goldblondes Haar wunderbar harmonirte; ihr leichtes Kostüm ließ die vollen Formen deutlich durchschimmern, vom Tanze erregt, wogte ihr üppiger Busen wollüstig auf und nieder. Mit der den Freudenmädchen eigenen Un- genirtheit knüpfte sie ein Gespräch mit uns an; sie war, wie die meisten ihrer Zunft, eine Deutsche. Ihre Vorgeschichte, die sie Jedem, der sie hören ' wollte, zum Besten gab, will ich dem Leser ersparen: es war das alte, wahre oder erdichtete Lied. Nun frequentirte sie dieses verrufene Lokal schon seit zwei 'Jahren. Nach ihrer Schilderung sollte es eins der harmlosesten dieser Art sein. Gelegentlich einer all- gemeinen Prügelei hatte sie wohl mit einem Stuhl- bein einen Schlag über den Kopf erhalten, der sie betäubte, und ein anderes Mal hatte ihr ein trnn- kener Matrose, dessen Liebkosungen sie sich entziehen wollte, einen Messerstich in den Rücken versetzt, aber das war auch Alles in dieser ganzen Zeit. Sonst wäre es immer manierlich hier zugegangen. Weitere Aufklärungen über die Naturgeschichte dieses Ortes der käuflichen Liebe gab sie mir nicht, da die Musik wieder einsetzte. Wie elektrisirt schnellte sie hoch, ihre Augen funkelten dämonisch, der Tanz war ihr Lebenselement, bis zur Raserei hätte sie tanzen können. Mein Cowboy war ganz hingerissen von dieser graziös dahinschwebenden, von bacchantischer Lust erfüllten Tänzerin. Um jeden Preis müsse er sie besitzen, raunte er mir zu. Das Freundschaftsgefühl trilt in den Hintergrund, wenn man in Amors Banden sich begeben hat, mein Cowboy hatte mich vergessen, aber in diesem Falle war ich nicht unangenehm von dieser Zurücksetzung berührt. Ein Gedankenblitz durchzuckte mich, als er die Freudenmaid zum nächsten Tanz cngagirte: entfliehen! Aber sofort kämpfte ich den Gedanken nieder, eine Flucht hatte etwas zu Verächtliches für mich. Ohne Abschied konnte ich mich von meinem Cowboy, der inir im gewissen Sinne ein Freund gewesen war, nicht trennen. Kurz entschlossen reichte ich ihm die Hand:„Ich will nicht stören, vielleicht sehen wir uns wieder!"— Er schien den Sinn meiner Worte nicht niehr zu verstehen, so tief stand er im Bann der Bacchantin, mechanisch schlug er in die dargebotene Rechte. In dem Augenblick setzte die Musik ein und das Paar schwebte dahin in sinnlicher Lust. Ich war allein. Es war nach Mitternacht, als ich das Lokal verließ. Tie frische Nachtlnft that meinen erregten Nerven wohl. Meine nächste Sorge war ein Nacht- logis. Ich erinnerte mich an ein Hotel am oberen Ende der Bowery, das mir am Nachmittag durch seinen reinlichen Charakter aufgefallen war. Dorthin begab ich mich. Mir wurde ein Logis erster Klasse für 25 Cents und eins zweiter für 15 Cents angepriesen. Ich war verschwenderisch genug, mich für crsteres zu entscheiden. Dasselbe befand sich in der ersten Etage, die, einen einzigen Raum bildend, durch Bretterverschläge in eine Unmenge kleiner, offener Zellen getheilt war. Jede derselben enthielt eine schmale Matmtze, eine Holzbank, sowie einige zum Aufhängen der Kleider bestimmte Haken. Eine dünne Flanelldecke und ein schmieriges Laken ver- vollständigteu die Einrichtung dieses erstklassigen Logis. Wie mag es nun erst in dem Logis zweiter Klasse ausgesehen haben!— Lange Zeit wälzte ich mich schlaflos auf dem primitiven Lager umher, meine Nerven waren zu stark erregt, es mag wohl gegen Morgen gewesen sein, als sich der Schlaf einstellte. Am Spätvormittag erwachte ich bedeutend ge- kräftigt. Bald hatte ich dieser gastfreundlichen Stätte den Rücken gekehrt. Planlos wanderte ich die Bowery hinunter der Hängebrücke zu, ich stand noch zu sehr unter dem Eindrucke des vorigen Tages, um zu einem bestimmten Entschluß gelangen zu können; mich be- schäftigten noch immer die Episoden, die ich unter der Führung meines Cowboy erlebt hatte. Es war doch eine anders geartete Welt, in der ich mich nunmehr bewegte, und auch die Menschen waren anderer Art. Interesselos stürmten sie aneinander vorüber, Jeder hatte es rasend eilig; das Geschäft und immer wieder das Geschäft schien ihr ganzes Gefühlsleben zu beherrschen. Auf der Straße, wie auf der Promenade, im Wirthshaus und Theater, zu Hause und auf der Reise, überall bildete bei Alt und Jung das Geschäft das Gesprächsthema. Die reinsten Empfindungen will man in klingende Münze umwerthen, aus jedem Gedanken Kapital schlagen. In dem Sprachgebrauch äußert sich zur Evidenz die Anschauungswelt der Amerikaner.„Wie viel ist er Werth?" fragt man, wenn man den Besitz eines Menschen erfahren will. Der Reiche ist so und so viel Tausende oder Millionen„Werth", nichts „Werth" ist der Arme. Nach seinem Besitz und seiner Ertragsfähigkeit taxirt man den Menschen. Schade, daß die gütige Natur ihn nicht mit Esels- oder Schafsfell ausgerüstet hat, dann könnte man auch noch nach seinem Tode Werths aus ihm heraus- schlagen, wenn man es nicht vorzieht, ihm schon bei Lebzeiten das Fell über die Ohren zn ziehen!— An einer Kirche steht ein Bettler. Jeden Passanten mißt er von Kopf bis zu Fuß, sein durch die Er- fahrung geschärfter Blick sagt ihm genau, wie viel ein Jeder„Werth" ist. Hast Du nichts, Wanderer, dann kommst Du unbeläftigt vorüber, nur dem Be- sitzenden streckt er dcmüthig seinen abgetragenen Hut entgegen, lieber dem Portal der Kirche standen die Worte:„Preise Gott, denn aller Segen kommt von ihm!"— War das nicht eine niederträchtige Lüge, und der raffinirte Bettler eine bittere Satire auf diese Heuchelei? Unter diesen Betrachtungen erreichte ich die Hänge- brücke. Es trieb mich hinauf. Ein wahnsinniger Verkehr fluthete an mir vorüber, auf beiden Seiten rollte die Kabelbahn, dicht gedrängt voll Menschen, dahin, von drüben vernimmt man das Getöse der Weltstadt, wie das dumpfe Grollen eines gefesselten Löwen und tief unten braust das Meer. An dem östlichen Pfeiler ruhte ich aus und wieder begegnet mein Blick der Frciheitsstatue. Mich beschlich eine wehmüthige Stinimung. Was war es? Hatte auch sie sich seit gestern verändert? Doch nein, noch steht sie auf ihrem einsamen Postament, umzingelt von den Schiffen aller Nationen; an ihrem Fnß fährt ein Answandererdanipfer vorüber, der lviedcr neue Schaaren von europamüden Wanderern dem freien Gestade der Neuen Welt zuführt.— Ja, war denn überhaupt Amerika das Land der Freiheit? Waren seine Bewohner von ihrem Geist erfüllt? Nein, es war eine freche Anmaßung dieser Krämerseelen, die nur mit ihrem Namen prunken aus— Geschäfts- intcresse. Aber dies große, schöne Land hatte ihr eine dauernde Zufluchtsstätte gewährt, von wo aus sie die Welt erleuchten wird, wenn erst die Menschen sie schätzen gelernt haben. ** * Lange Zeit hatte ich hier verweilt, dann ging ich erleichtert weiter. Noch einmal dachte ich an das Zwischendeck zurück und an meine abenteuerlichen Reisegefährten. Tie furchtbare Ozeanfahrt erschien mir nun wie ein räthselhafter Traum, aus dem ich plötzlich zu einem neuen Leben erwacht war. Die Vergangenheit lag hinter mir, aller Fesseln war ich lcdig, die Zukunft lag vor mir wie ein unbeschriebenes, unbeschmutztes Buch. Dan» erfaßte mich das mibe- zähmbare Verlangen, dem fernen Westen znzusteueru, von wo die mängelhafte Kunde von einem neuen Geschlecht dann und wann zu uns dringt. & Heuische Hprachbelusiigungen. Achte Hampfel. Von Manfred Wittich. f s ist eine bekannte Thatsache, daß Fürsten in ihren Titeln oft Länder und Städte anf- führen, die ihnen garnicht mehr gehören. Solchen Herren, die einen wirklichen Verlust gern ungeschehen sähen und ungeschehen machen möchten, sind auch gewisse Worte der deutschen Sprache zu vergleichen. Sie haben ihren Namen ererbt und führen ihn fort, ohne den Goctheschen Worten gc- recht zu werden: Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zn besitzen. Mir liegt da sehr nahe ein Beispiel aus der eigenen Familie. Mein Großvater mütterlicherseits, ein gar stattlicher Herr, aber nicht viel über Mittel- maß lang, trug den Familiennamen Riese, obgleich er in der That keiner war im eigentlichen Wort- sinne. Meine Btntter, ein Zwillingskind und all ihr Lebtag ein zierliches, niedliches Frauchen, war trotz alledem und alledem ein Riesenkind, denn ihr Vater hieß so— quod erat demonstrandum! Es giebt im Deutschen auch gar viele Fremd- Wörter, die gute deutsche sind. Als die mit ihnen bezeichneten Dinge ihre sprachliche Benennung er- hielten, sagte dieser Name allemal etwas aus über ihr wirkliches Wesen, benannte sie nach einem ganz bestimmten wahrnehmbaren Merkmal, einer bestimmten Eigenschaft. Allgemach aber ivard die Benennung unzutreffend, indem das Wesen, die Sache sich ver- wandelte, umänderte; aber der einmal überkommene Name blieb bestehen, wie wenn er mit aktenmäßiger Peinlichkeit im Familienarchiv oder in den Standes- amtsprotokollen fest„für eivige Zeiten" urkundlich eingetragen wäre. Ein sehr bekanntes, beim Sprachdenkeu im deutschen Schulunterricht viel gebrauchtes Beispiel ist das Wort: Fensterscheibe. Dafür hat mau die Sache, den wirklichen Gegenstand in jeder Schulstube ja so nahe zur Hand. Nun stellt sich aber Folgeudes heraus: Die Fenster sind gemeinlich langgestreckte Rechtecke. die durch das Fensterkreuz getheilten Holzrahme» aber umschließen naturgemäß wieder viereckige Glas- scheiben. Geht man aber dem Wort Scheibe zu Leibe, so kommt nian durch Vergleiche mit der Schießscheibe, der Drehscheibe anf den Bahn- Höfen, der Scheibe des Töpfers usw. zu dem Er- gcbniß: eine Scheibe ist rund! Die Fensterscheiben der Schulstube aber und die meisten Fensterscheiben überhaupt sind, wo nicht besondere Kunst- und Schmuck- zwecke verfolgt werden, heutzutage viereckig. Eine viereckige Scheibe ist demnach ebenso ein Wider- spruch, wie ein kleiner Knirps, der mit dem stolzen Namen Riese über die Erde pilgert, lind nun kommt das Interessante! Gerade wie Mosjöh Riese, der eher ein Zwerg heißen dürfte, seinen Namen ganz ehrlich ererbt hat, so geht es auch der Fensterscheibe. Sie hat den ihren ebenfalls von ihrer Großmutter in richtigem, ehrlichem Erbgang überkommen. Ihre Ahnfran war die bleigefaßte Rundscheibe, die wir auch als Butzenscheibe kennen. Als die Glasfabrikation und-bearbeitung auch geradlinige Tafeln herzustellen gestattete, behielt man trotzdem den alten Familien- namen Scheibe für die, eigentlich aus der Art ge- schlagenen, viereckig gewordenen Nachkömmlinge ur- kundenmäßig bei, unter der Beruhigung: es ist ja nur ein Name; ein Name— der oft viel, ja zu- der Frieolrich-Ebsrt-Sli?töi% 100 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. weilen Alles gilt!— ist doch, wie der Dichter sagt, nur Schall und Rauch; aus das Wesen, auf die wirkliche Sache kommt es au! „Schon um neun? Da geht meine Taschenuhr falsch, ich muß sie richtig stellen! Oho, sie ist stehen geblieben, sie ist abgelaufen!" So sagt der Gegenwartsmensch und thut die nöthigen Handgriffe, um wieder zu wissen,„in welcher Zeit er lebt". In Wahrheit aber' lebt er seineu sprachlichen Ausdrücken nach durchaus nicht als ein heutiger oder moderner. Wit seinen Worten versetzt er uns in die Zeit, wo die Spindel- und Anker- uhren noch nicht erfnnden, jedenfalls noch nicht all- gemein waren, in die Zeit der Sand- und Wasser- uhren. Nur eine solche kann ablaufen, stehen bleiben und gestellt werden. Mau oergcgenwärtige sich die Einrichtung einer solchen Uhr: wie an einem Doppel- becher sind zwei paukenförmige Doppelgläser an- einander gefügt und eine feine Röhre läßt, wenn die Uhr gestellt, richtig gestellt ist, so gestellt ist, daß Wasser oder Sand in dem oben befindlichen Glas ist, der Inhalt in das untere rinnen kann. Ist von oben Alles abgelaufen, so weiß man, daß so viel Zeit verflossen ist, als dieser Vorgang beansprucht. Aber von nun ab zeigt die Uhr nichts inehr, wenn man sie nicht umdreht, so daß das Rinnen von Waffer oder Sand von Neuem beginnen kanu; sie ist eben stehen geblieben, wie sie stand, und muß wieder gestellt werden, wenn sie ihren Dienst wieder verrichten soll. Urväterhansrath umgiebt uns, wo wir gehen und stehen in der Sprache, die wir heute noch brauchen. Längst vergangene Zeiten und Kultur- zustände, längst abgestreifte Lebensformen können wir mit dem Zauberstab der sprachdeutenden Forschung vor unsere geistigen Augen zaubern und wieder lebendig werde» lassen, wie die Geisterbeschwörer es vorgeben! Ja, in ganz hochmodernen Einrichtungen summen und klingen uns die Zustände uralter Zeiten vernehnilich in die Ohren, wenn wir die blaue Blume haben, wenn wir die Sprache der Sprache verstehen! Da gehen wir auf den Bahnhof, wo uns das schnaubende Dampfroß erwartet. Um in seine Nähe zu gelangen, treten wir aus der Halle oder dem Wartesaal hinaus auf den Perron, von dem ans wir in einen bestimmten Wagen(auf deutsch Waggon!) aufsteigen. Dieser Perron, ftanzösisch so genannt, italienisch xemme, heißt auf gut deutsch: großer Stein. Es ist dies der Stein, der sich fast vor jedem Hause befand und von welchem aus der Hof- besitzer oder Burgherr oder sonst wer, der ausreiten ivollte, bequem sein Roß besteigen konnte. Hat uns das Dampfroß von Leipzig nach Berlin getragen, so gehen wir vom Anhalter Bahnhof nach irgend einem gastlichen Hause und sagen dann,„ich bin bei meinem Freund Liebknecht oder im„Kaiser- hos" ober in„Stadt Coburg" abgestiegen, gerade als wenn wir heute noch das Pferd oder das Saum- lhier als Transportmittel gebraucht hätten und als wenn es noch keine Eisenbahnen gäbe! Unter allen Erfindungsgebieten weist die Kunst der Erzeugung von Mordgeräthen die„glänzendsten" Fortschritte der Neuzeit. Die Geschosse, welche sie entsenden, sind heutzutage meist eichelförmig-rundspitz; von den größten Ungeheuern dieser Art werden Ge- schösse in der Form riesiger Zuckerhiite von über Mannesgröße entsandt, um Tod und Verderben zu säen. Im Schlachtbericht aber heißt es trotzdem noch heute: die feindlichen Kugeln(die eigentlich keine Kugeln sind und meinetwegen Eicheln oder Zuckerhiite heißen möchten) richteten großen Schaden an;'s ist dieselbe Geschichte wie mit den viereckigen Fensterscheiben. Ebenso unrichtig ist es eigentlich, wenn wir sagen, unsere modernen Geschütze werden geladen, ein Ausdruck, der bei einer alten Wurf- Maschine wohl angebracht war, aber bei einer Hand- Pistole kaum logischerweise und sachentsprechend gesagt werden könnte, denn geladen wird nur eine Last. Ein Widersinn ists eigentlich, wenn wir sagen, die Eisenbahn oder die Pferdebahn geht ab, sie kommt an. Die Bahn, die Geleise gehen ja gar- nicht, die bleiben liegen, nur die Wagen kommen und gehen. Begreiflich wird dieser bildlich über- tragcne Sprachgebranch, wenn wir uns in die Zeiten der gelben Postkutschen versetzen: da wars richtig zu sagen: die Post, d. i. die Postkutsche, kommt an, geht ab. Wenn ein hoher Herr ans die Jagd geht, so nimmt er seinen Leib- und Hofbllchsenspanner mit sich. Dabei hat der Herr gewiß heutzutage seinen Hinterlader neuester Konstruktion, einen allerneust verbesserten Lefaucheux oder sonst was. Der Büchsen- spanner aber ist geradeso ein Widersinn wie ein höl- zerues Eisen; Büchsen kann man doch nicht„spannen", wenn gleich Goethe schreibt: Im Felde schleich ich still und wild, Gespannt mein Feuerrohr. Er führt seinen Namen noch von den Zeiten her, da man mit Bolzen und Armbrust aufs Gejaid ging. Das war eine wirkliche, d. h. anstrengende Arbeit, zu der man besondere Geräthe mit Aufbietung von Kraft handhaben mußte: dazu hatten die hohen Herr- schaften ihre Kuli nothwendig; aber den Hahn auf- zuziehen an einem modernen Gewehr, das ist eine Arbeit, die auch ein nicht an Arbeit Gewöhnter eben noch verrichten kann. Der Büchsenspanncr aber hat die Aufgabe, bei etwa vorkommender Beschädigung der Gewehre die nöthige Ausbesserungsarbeit zu machen, immer leistungsfähiges Schießzeug in Be- rcitschaft zu halten. Die fortgeschrittene Technik der Neuzeit hat so eine Menge sprachlicher Widersprüche erzeugt. Be- kannt sind die in neuerer Zeit von Porzellan usw. gefertigten Untersetzer für Bierseidel, bekannt ist auch, daß die Filzscheiben ihnen vorangingen, so daß jenes Bäuerlein nach einem Besuche der Stadt daheim zum allgemeinen Staunen erzählen konnte, er habe da in der Stadt Biersilzel von Neusilber, von Por- zellan usw. gesehen. Gewöhnlich hat der Schriftsetzer bei seiner Arbeit eine Handschrift, ein Manuskript vor sich; zuweilen aber trifft sichs auch, daß er schon Gedrucktes noch einmal für den Druck zu setzen hat. Tann spricht man von gedrucktem Manuskript, also eigentlich von einer Handschrift, die keine ist. Auf einer Nciihle wird gemahlen, feste Körper werden zu klarem, feinem, staubartigem Pulver, zu Mehl verarbeitet. Wie aber kann man eine Ein- richtung, auf der Baumstämme zu Brettern zersägt werden, eine Sägemiihle nennen: also eine Mühle, auf der nicht gemahlen wird. In unseren heutigen Heeren haben wir auch Grenadiere, aber es sind eigentlich keine, denn sie werfen keine Handgranaten mehr, von denen ihre Vorfahren den Namen sachentsprechcnd bekamen. Da lachen die Kegelschieber auf einer Kegelbahn von Marmor, Schiefer, Cement oder Asphalt einen unglücklichen Mitspieler aus, weil er einen Sand- Hasen geschoben hat, von der Mittellauflinie abgewichen ist: aber Sand giebt es auf einer solchen modernen Kegelbahn ja garnicht! Die Bezeichnung lebt aber noch aus der Zeit, zu der man allgemein nur ein Laufbrett für den Anfang des Ganges der Kugeln hatte, zu dessen beiden Seiten Sand war. Im Zeitalter des Verkehrs sprechen wir zwar noch von Kreuzbandsendungeu, wer aber nimmt sich, wenn er nicht sehr sorgfältig sein will oder ein ängstlicher Pedant ist, noch die Zeit, eine zusamnien- gefaltete Drucksache mit zwei übers Kreuz liegenden Streifbändern zu schließen, so daß die Bezeichnung Kreuzband wirkliche Wahrheit wäre? Vieles der Art ist bildliche Uebertragnng, die Jeder sofort gutlvillig nimmt, wie sie gemeint ist, er hat ebensoviel Phantasie wie der Redende, und das Volk ist eigentlich kein Silbenstecher, wie die gelehrten Theologen, Philologen und namentlich die Juristen. Es erfreut sich am poetischen Bild. Wenn Einer sagt: Da will ich mir den größten fettsten Brocken aus der Suppe„fischen"— wenn der Brocken auch gar kein Fisch, sondern ein Leberknödel ist, versteht ihn Jedermann sofort richtig. Man spricht ohne Skrupel von einem Bernsteinfischer, von Perlen- fischern, Schwannufischern usw., die garnicht auf die Fische achten, welche ihnen etwa in den Wurf kommen. Ter kleine Hans ist ein Feinschmecker, er meint: Die Bierkaltschale ist mir am liebsten, die von Wein gemacht wird, die von Vier mag ich nicht so gern!—— Die Gnädige stickt mit starkem Seidcnfadeu ein Faullenzerkissen(zu deutsch orsiller!) für den Herrn Gemahl. Das Dienstmädchen vom Lande, das noch nie so starke Seidenfaden gesehen hat, fragt erstaunt: Tie Madame stickt wohl mit seidener Wolle? In der Bremer Gegend macht man ein warmes Getränk aus Buttermilch; ich weiß nicht mit welchen Zuthaten, Bier ist aber sicher nicht dabei, und trotzdem heißt das Zeug: Buttermilchwarmbier. Das ist Alles noch gutmüthig und harmlos! Sehr nahe aber liegt hier das Gebiet des Lugs und Trugs, das der Waaren- und Lebensmittel- Verfälschung. Da heißt etwas Butter und ist Margarine oder Talg, und der gute deutsche Michel, der den Russen so gern nachsagt, sie verzehrten mit größtem Appetit Talglichter, ist selber ein Talg- verzehrer, freilich nicht aus Leckerei, wie angeblich der Russe, sondern aus blanker Roth oder weil er über die Ohren gehauen wird. Fälschung ist es auch schon— dem Wort nach wenigstens— wenn Gulden von Silber geprägt und in Umlauf gegeben werden, denn Gulden kommt von Gold, demnach heißt Silber- oder gar Papiergulden nichts Anderes als ein Goldstück aus Silber, aus Papier! Da wurde schließlich nöthig, das Wort Goldguldeu zu prägen, das besagt, daß — ein Goldstück ans Gold ist, was sich von Rechts und Logik wegen von selber verstehen sollte. Im zweiten Theile des Wortes Druckerschwärze ist der Farbenbegriff so abgestumpft, daß ich von rother Druckfarbe allen Ernstes gehört habe unter dem Namen: rothe Druckerschwärze. Mit falsch oder garnicht verstandenen Frenid- Wörtern ists noch bunter! Den neunten, zehnten, elften und zwölften Monat des Jahres nennen wir September, Oktober, November, Dezember; das heißt, wir können scheinbar nicht zählen, denn diese Namen bedeuten den siebenten, achten, neunten und zehnten Monat des altrömischen Jahres aus der Zeit, da dieses noch mit dem Monat März begann. "Der QBiUlncrbaxicr. Roman von Wilhelm von Polenz. (Fortsetzung.)_ FX i eberecht Büttner war der erste Bauer in Hal- iil � Henau, welcher mit der Treifelderwirthschaft �<9 brach. Er baute eine massive Düngergrube auf seinem Hofe und führte regelmäßige Stallfütterung ein für das Vieh; trotzdem konnte man ihm nicht vorwerfen, daß er neuerungssüchtig sei. Von dem zähkouservativen Bauern sinne hatte er sich den besten Theil bewahrt; wohlüberlegtes Maßhalten. Er überstürzte nichts, auch nicht das Gute. Seine Bauernschlauheit ricth ihm, zu beobachten und abzuwarten, Andere die Kastanien ans dem Feuer holen zu lassen, nichts bei sich einzuführen, was nicht bereits erprobt war, vorsichtig ein Stück hinter der Reihe der Pioniere zu marschiren. Behutsam und mit Vorbedacht ging dieser Neuerer zu Werke. Er begnügte sich mit dem Sperling in der Hand und überließ es Anderen, nach der Taube auf dem Dache Jagd zu machen. Dabei war ihm das Glück günstig. Die Jahr- zehnte lang gedrückten Getreidepreise begannen auf einmal zu steigen. Der Absatz erleichterte sich durch die neugefundenen Verkehrsmittel. Von dem an- steigenden Strome wachsender Lebenskrast und ge- steigerten Selbstbewußtseins im ganzen Volke ivnrde auch der kleine Mann emporgctragen. Lebcrecht Büttner war im rechten Augenblicke geboren, das war sein Glück; daß er den Augenblick zu nützen verstand, war sein Verdienst. Er durfte zu einer Zeit wirken und schaffen, wo der Landmaun, wenn er seinen Beruf verstand, Gold im Acker finden konnte. So arbeitete sich dieser Mann im Laufe der Jahre aus der Verarmung zu einer gewissen Wohl- habenheit empor. Es gelang ihm, einen günstigen Landkauf zu machen, bei welchem er der benachbarten Herrschaft, die ihr Areal nach Möglichkeit durch Auskaufen kleiner Leute zu vermehren trachtete, 102 zuvorzukommen verstund. Durch diesen Ankauf brachte er das Gut auf den nämlichen Umfang, wie es vor der Ablösung gewesen war. Aber während das Bauerngut zur Zeit der Hörigkeit nicht viel besser als eine Wüstenei gewesen war, hatte er es durch Fleiß und Einsicht in eines der bestgepflegtesten Grundstücke weit und breit verwandelt. Leberccht Büttner starb an der Schwelle des Greisenalters eines plötzlichen Todes. Leute, deren ganzes Sinnen und Trachten aufs Schaffen gerichtet ist, denken meist nicht gern ans Sterben. Beim Tode dieses sorgsamen, vorbedachten Mannes fand sich ein letzter Wille nicht. Traugott Büttner, sein ältester Sohn, war in vieler Beziehung nach dem Vater gcrathen. Vor allen Dingen hatte er dessen Zähigkeit, Thatkraft und Emsigkeit geerbt. Aber das Geschick solcher Söhne, welche eigenartige Väter haben, traf auch ihn: durch die ausgeprägte Persönlichkeit des Vaters hatte die des Sohnes gelitten. Jener hatte sich voll ausgelebt und im Egoismus der starken Natur nie daran gedacht, daß in dem Schatten, welchen er verbreite, ein kräftiges Gedeihen für den Nachwuchs nicht niöglich sei. Er mar in seinem Bereiche Alles in Allein gewesen. Seine Umgebung hatte sich daran gewöhnt, bei allen wichtigen Entscheidungen auf den Vater zu blicken, ihn denken und sorgen zu lassen. Leberecht führte das Regiment im Hause, zunächst über den eigenen Vater, der fteiwillig vor ihm zurückgetreten war, später über die Söhne, auch nachdem sie längst zu Jahren gekommen. Unter solchem Drucke hatte sich Trangotts Charakter nicht frei und nicht glücklich entwickelt. Er hatte.von den Tugenden seines Vaters die Fehler. Was bei Leberecht Vorsicht war, erschien bei Trangott als Mißtranen, während Jener sparsam war und Hans- hälterisch, war Dieser zun: Geize geneigt und klein- lich. Der konservative Sinn des Alten war bei dem Sohne in Engigkeit, die Energie in Trotz und Eigensinn ausgeartet. Und Eines war vom Vater auf den Sohn nicht übergegangen: das Glück. Leberccht Büttner war ein echtes Gliickskind ge- Wesen. Er trat als junger Mensch zur rechten Zeit auf den Schauplatz, um das väterliche Gut vor Annexion durch Fremde zu retten,' er kam als reifer Mann in Zeiten, wo Thatkraft und Fleiß nicht umsonst vergeudet wurden. Sein Sohn war in anderer Zeit und in veränderter Lage geboren. Er übernahm zwar ein großes Anwesen im besten Stande, aber unter erschwerten Bedingungen. Die Vermögenslage, in welche Trangott Büttner durch die Erbauseinandersctznng mit seinen Geschwistern gekommen, trug den Keim einer großen Gefahr in sich. Alles kam jetzt auf den neuen Wirth an und auf sein Glück. Es kamen schwere Zeiten, denen er sich nicht gewachsen zeigte. Fallende Getreide- preise, sinkende Grundrente, dazu steigende Löhne und wachsende Ausgaben, ein schnelleres Getriebe im Geschäftsleben und erschwerte Kreditbedingungen. Alles verwickelte und verschob sich. Mit dem schlichten Verstände allein kam man da nicht mehr durch. Die Ansprüche waren gesteigert auf allen Gebieten. Die alle Wirthschaftsweise, wo man seine Erzeugnisse auf den Markt brachte, mit dem Erlös die Zinsen und Abgaben deckte, und was übrig blieb mit seiner Familie verzehrte, diese einfache Art, aus der Hand in den Mund zu leben, war gänzlich aus der Mode gekommen. Der neumodische Bauer hielt sich wo- niöglich Zeitungen, las Bücher über Landwirthschaft, studirte die Börsenkurse und die Wetterberichte. Solche Leute nannten sich dann freilich auch nicht mehr Bauern, sondern„Oekonomen" und ließen ihre Söhne freiwillig dienen. Traugott Büttner hielt am Alten fest, wie es sein Vater bis zu gewissem Grade auch gethan hatte. Leberccht Büttner aber hatte sich dem, was gut und nützlich im Neuen war, nie verschlossen, und das that Traugott. Er verstand seine Zeit nicht, wollte sie nicht verstehen. Er haßte jede Neuerung von Grund der Seele und brachte es darum niemals zu einer Verbesserung. Er glaubte die neue Zeit mit Verachtung zu strafen und merkte nicht, daß sie achtlos über ihn hinwegschritt und ihm den Rücken wandte. Mürrisch hatte er fich aus sich selbst zurückgezogen, zehrte von seinem Trotze und lebte ein glückliches Leben nur in der Erinnerung an die „gute alte Zeit", die doch ihrerzeit auch mal neu gewesen war. Btanchmal freilich sah er sich doch gezwungen, in das Licht, von dem er sich grollend abgewandt hatte, zu blicken. Um so schmerzhafter blendete ihn dann die grelle Tageshelle der Wirklichkeit. Dann ftchr er auf aus seiner weltentftemdeteu Zurück- gezogenheit und beging in heftiger Uebereilung ver- hängnißvolle Jrrthümer. Sah er dann an den Folgen seines Thuns, daß er verfehlt gehandelt hatte, so versteifte er sich gegen besseres Wissen auf sein gutes Recht. Aber im Innern war ihm nicht wohl dabei zu Muthe, und leicht focht ihn dann Unsicher- heit und Verzagen an. Denn wenn er auch nach außen hin nicht um eines Haares Breite nachgab und lieber einen Finger eingebüßt hätte, als ein Zugeständniß zu machen, so stand er doch vor dem Richter in der eigenen Brust häufig als ein Fehlender da. Reue und Zerknirschung waren es nicht, was er da empfand. Zum Beugen war sein Bauern- nacken zu steif. Weder vor Menschen noch vor Gott liebte er es, sich als Sünder hinzustellen. Des Büttnerbanern Christenthum war ein eigen- artiges Gemächte, das vor den Augen orthodoxer Theologen wohl als eine Art von Heidenthum be- funden worden wäre. Sein Verhältniß zu Gott bestand in einem nüchternen Vertrage, der auf Nützlichkeit gegründet war. Der himmlische Vater hatte nach Ansicht des Bauern für gute Ordnung in der Welt, für regelmäßige Wiederkehr der Jahreszeiten, gut Wetter und Gedeihen der Feldfrüchte zu sorgen. Kirchgang, Abendmahl, Kollekte, Gebet und Gesang, das waren Opfer, die der Mensch Gott darbrachte, nm ihn günstig zu stimmen. War das Wetter an- dauernd schlecht, oder die Ernte war mißrathen, dann grollte der Bauer seinem Schöpfer, bis wieder bessere Zeit kam. Von der Buße hielt er nicht viel. Um das Fortleben nach dem Tode kümmerte er sich wenig, sein Denken und Sorgen war ganz auf das Diesseits gerichtet. Was der Herr Pastor sonst noch sagte von der Aneignung der göttlichen Gnade, dem stellvertretenden Opfertode Christi und der Wiedergeburt im Geiste, das hörte er sich wohl mit an, aber es lief an seinem Gewissen ab, ohne Ein- druck zu hinterlassen. Dergleichen war ihm viel zu weit hergeholt und verwickelt. Das hatten sich wahrscheinlich die Gelehrten ausgedacht: die Studenten und die Professoren, oder wie sie sonst hießen. Er trug ein deutliches, höchst persönliches Bild von seinem Gotte in der Seele. Er wußte ganz genau, wie er zu dem da oben stand; es bedurfte keines Vermittlers, um ihn zu Gott zu führen. Manchmal in früher Morgenstunde, wenn er auf dem Felde stand, allein, und die Welt erstrahlte plötzlich in überirdischem Glänze, dann fühlte er Gottes Nähe, dann nahm er die Mütze vom Haupte und sammelte sich zu kurzem Gebet. Oder ein Wetter brauste da- her über sein Haus und Land mit Blitzschlag und Donnergrollen, dann spürte er Gottes Allmacht. Oder nach langer Dürre ging ein befruchtender Regen nieder, dann kam der Allmächttge selbst hernieder auf seine Erde. In solchen Augenblicken ließ der Alte etwas wie eine Weihestinnnnng in sich auf- kommen. Sonst liebte er das Hingeben an Gefühle nicht. Er war kein Beter. Des Abends beim Abendläuten nahm er aus alter Gewohnheit die Mütze ab, sobald die Glocke anschlug, und sprach sein Vaterunser: das war aber auch Alles. Im Uebrigen mußte der sonntägliche Gottesdienst für die Woche aushalten. Je älter der Bauer wurde, desto mehr zog er sich auf sich selbst zurück, umgab sich mit einem Mantel von Äelthaß und Menschenverachtung. Und je ein- sanier er sich so machte, desto stärker wurde doch in ihm das Bedürfniß, welches tief in der Brust eines jeden Menschen lebt: sein Leben iiber den Tod hin- aus fortzusetzen, seine Persönlichkeit nicht untergehen zu sehen, seinen Werken die Fortdauer zu sichem, daß er nicht der Vergesjeuheit anHeim falle, die Er- innerung an ihn nicht ausgelöscht werde, wie die Fußspur im Sande. Wäre er eine mystisch ange- legte Natur gewesen, so hätte er sein Heil in der Gläubigkeit gesucht. Aber er war derb und nüchtern, ein Bauer; alle seine Triebe waren der lebendigen Wirklichkeit zugewandt. Darum konnte ihm die Selig- kcit, wie sie das Christenthum versprach, wenig Trost gewähren. Ein Himmel mit rein geistigen Freuden bot ihm keine Anziehung. Er wollte nicht Verklä- rung, er wollte Fortsetzung der Wirklichkeit, an der sein Ich mit allen Fasern hing. Er war ein Sohn der Erde. Was er hier gewesen, was er auf dieser Welt geschaffen und gewollt, sollte ewigen Be- stand haben. Es konnte darum keine bitterere Erfahrung für den alten Mann geben, als mit ansehen zu müssen, wie sein Lebenswerk mehr und mehr dem Unter- gange entgegensteuerte. Von allen Seiten sah er feindliche Mächte vordringen, die ihm das entreißen wollten, was er ans der Hand seines Vaters als das köstlichste Erbtheil empfangen hatte: sein Gut. Und in seinem Kummer war ein Stachel verborgen; ein Tropfen gab dem Kelche den bittersten Bei- geschmack; der Selbstvorwurf. Er wollte es sich nicht eingestehen, aber er mußte es doch fühlen, das wurmende und brennende Bewußtsein, daß er selbst die Schuld trug. Solche Erkenntniß kam nur blitz- artig iiber ihn. Er wußte die selbstauklägerische Stimmung wohl zu verscheuchen; Andere waren schuld, nicht er! Die schlechten Zeiten, die Verhält- nisse. Haß gegen die Welt, das war der beste Trost, Ingrimm das beste Schutzmittel des Trotzigen gegen die gefürchtete Reue. Einen wirklichen Trost hatte er und an diesen klammette er sich mehr und mehr mit der verzweif- lungsvollcn Kraft des Sinkenden: seinen Sohn Gustav. Wenn Jemand ihn rette» konnte, so war der es. Das Zeug hatte der Junge dazu. In Gustav sah er ein Stück vom Großvater Lcberecht wieder lebendig werden.(Jorlsetzung folgt.) "Der Von H. Vogel. '' �em Wachsthum der Städte vermehren � in progressiver Weise die Schädlichkeiten derselben. Alle Uureinlichkeiten und Nach- lässigkeiten macheu sich hier gleich viel unangenehmer bemerklich, als in kleineren Orten. Aber auch die Aufmerksamkeit und die Anstrengungen, die zu ihrer Beseitigung gemacht werden, sind hier stärker, als in kleinen Orten. Zur Entfernung der Abfall- stoffe sind sehr vervollkommnete Einrichtungen gc- troffen oder werden, wie betreffs der Miillbeseitigung, wenigstens angestrebt. Temperatur und Höhe des Grundwassers werden fortlaufend koutrolirt, das Trinkwasser wird fortwährend einer chemisch-physi- kalischen und bakteriologischen Untersuchung unter- zogen, und die geringsten dabei sich zeigenden Uu- geHörigkeiten, z. B. einzelne verdächtige Bakterien, veranlassen sofort energische Rtaßregelu zu ihrer Be- seitigung. Ebenso unterliegen die feilgehaltenen Nahrungsmittel in den Großstädten einer scharfen Kontrole. In kleineren Orten hält man dies Alles keiner besonderen Beaufsichtigung für nöthig. Daher ist das Trinkwasser in großen Städten vielfach besser, als in kleinen Orten, auch die Reinigung der Straßen, Höfe jc. viel sorgfältiger, als in letzteren. Nur das wichtigste Nahrungsmittel, das der Mensch keine Minute entbehren kann, und von dem er täglich mehrere Kubikmeter braucht, die Luft, ist in großen Städten oft schlechier, als in kleinen und unvergleichlich unreiner, als das aller- schmutzigste Trinkwasser. Dabei ist die Gleichgültig- keit gegen diesen Luftschmutz bei vielen Großstädtern so groß, daß sie sich zwar nicht entschließen können, die zum Leben nöthigen ein bis anderthalb Liter Wasser täglich als Trinkwasser zu genießen, daß sie aber ohne Bedenken täglich viele tausend Liter der aufs Aergste verunreinigten Luft einathmen. Aber nicht nur iiber die Bedeutung reiner Luft für unser Wohlbefinden, sondern auch darüber, worin die Schädlichkeit der Luft besteht, herrschen bei vielen Menschen irrige Ansichten. Ptc Neue Welt. Illustrirte Nnterhalwugsbcüage. 103 Wenn im Soinnier ein Heller Sonnenstrahl ins üihle, behaglich verdunkelte Zimmer fällt, sei es in der Ärohsladt, sei es in einer lauschige» Sommer- frische, so freut man sich über den lustigen Tanz der„Sonnenstäubchen", ohne zu bedenken, daß diese fröhlichen Tänzer keine seltenen Gäste sind, sondern stete, wenn auch für gewöhnlich unsichtbare Haus- genossen, die der herrschende Sonnenstrahl nur an den Tag gebracht hat. Sie treiben allgegenwärtig ihr Wesen, in jedem Winkel des Hauses, wie im Freien, in der Stadt wie auf dem Lande, im Thal, wie auf dem Bergesgipfel. Wir können unS ihnen fast nimmer entziehen. Nun wird man fragen, warum die Sonne, deren Licht uns im Zimmer die Anwesenheit der Stäubchen anzeigt, dies draußen im Freien nicht thut, wo ihre Strahlen noch reich- licher hintreffcn, wenn unsere Behauptung richtig ist, daß im Freien ebenso viel Stäubchen in der Luft schweben, wie im Hause. Das hat folgenden Grund: Was wir nämlich in dem in das verdunkelte Zimmer fallenden Sonnenstrahl als Stäubchen tanzen sehen, sind garnicht die Ständchen selbst: diese sind viel zn klein, als daß wir sie mit bloßen Augen sehen könnten. Aber sie haben glatte Flächen, mit denen sie die auf sie fallenden Sonnenstrahlen zurück- werfen oder reflcktiren. Wenn diese Reflexe statt in einem schmalen Lichtstrcifen im weiten durch- leuchteten Räume im Freien vorhanden sind, so gehen dieselben für unser Auge verloren; nur wenn wir uns im Dunkeln befinden, fangen wir diese Reflexe mit unseren Augen auf. Die Sonnen- strählchen, die von den Stäubchen abgelenkt unser Auge treffen, beweisen uns, daß sich in der Richtung dieser Strählchen refleklirende Körper befinden, die aber in Wirklichkeit viel kleiner sind, wie sie uns erscheinen. Wenn wir im Freien aus der von der Sonne hell beschienenen Landschaft in einen Buchen- wald treten, dessen Blätterdach das Eindringen direkten Sonnenlichtes hindert und es nur hier und da in eine Lücke eindringen läßt, so sehen wir auch in diesen Lücken die Sonnenstäubchen, ein Beweis, daß auch im Freien die Luft ebenso staubhaltig ist, wie in unserem Zimmer. Allerdings ist der Staubgehalt der Luft nicht überall gleich groß. Am wenigsten enthält die Luft Uber dem Meere Staub, wenn eine Zeit lang Wind- stille geherrscht hat, während deren sich der Staub allmälig auf die Oberfläche des Meeres niedergesenkt hat und von dieser zurückgehalten wird, dann entsteht jene wunderbare Klarheit auf dem Wasser, die unseren an die Staubatmosphäre ge- wöhnten Augen die Schätzung von Entfernungen sehr schwierig macht. Auf den Hochalpen ist ziemlich oft dasselbe der Fall. Wenn starker Wind weht, wird freilich diese Staubablagerung bei der Meer- Passage gehemmt. Der schweizer Geologe Escher v. d. Linth hat die Natur des Staubes untersucht, der während des Föhns die Luft in Zürich erfüllt, und konnte bestimmt nachweisen, daß dieser Staub mit dem in der Sahara aufgewirbelten Wiistenstaub identisch ist. Er war also vom Südwind über das Mittelmeer und die Alpen getragen worden. Bei ruhigem Wetter fand sich aber keine Spur von Saharaslaub in der Luft in der Schweiz. Dann hatte derselbe Zeit gehabt, sich im Mittelländischen Nteerc abzusetzen. Selbst das Inlandeis von Grön- land fand Nordenskjöld mit feinem Staube bedeckt, der von den Winden in diese entlegenen Gegenden getragen worden war. Dieser sich überall hin ver- breitende Staub ist zum größten Theile harmlos, obwohl er zum Theil aus organischen Keimen be- steht, die überall, wo sie auf günstigen Boden fallen, üppig wuchernde Pilz- und Bakterienkolonien er- zeugen. Daher werden fast überall gährmigs- und fänlnißfähige Stoffe, wenn sie der Luft ausgesetzt sind, nach kurzer Zeit von Gährung und Fäulniß er- griffen. Pasteur hat dies durch eine Reihe exakter Versuche erwiesen, indem er nur filtrirte Luft zn Nährlösungen treten ließ, worauf diese nicht in Gährung übergingen, ebenso der englische Physiker Tyndall, der die Keime nicht durch Filtriren aus der Luft entfernte, sondern sie auf Glycerin anhafteu ließ. Er bepinselte einen vollkommen staubdicht schlie- ßenden Schrank inwendig ganz mit Glycerin. Der Schrank war so eingerichtet, daß man hineingestellte Lösungen von außen, ohne den Schrank zu öffnen, zum Sieden erhitzen konnte. In diesen Schrank stellte er verschiedene gährmigs- und fäuluißfähige Flüssigkeiten, wie Bouillon, Malzansziige und Frucht- säfte, und ließ sie einige Stunden ruhig stehen. Daiiii wurden die Lösungen zum Sieden erhitzt, um sie zu stcrilisiren und konnten darauf Monate laug in dem Schrank bleiben, ohne daß sie in Fäulniß oder Gährung gericthen. Wurde der Schrank aber nicht mit Glycerin ausgepinselt, so trat bald Gährung resp. Fäulniß ein, auch wenn anfangs die Lösungen durch Erhitzen sterilisirt waren, ein Beweis, daß, mir wenn der in dem Schrank vorhandene Staub vom Glycerin festgehalten wurde, er nicht durch unver- meidliche Erschütterungen aufgewirbelt werden und in die Lösungen gelangen konnte. In Helgoland und an der norwegischen Küste können frisch ge- fangene Fische ohne Räncherung an der Luft ge- trocknet werden, ohne daß sie faulen, weil der hier meist herrschende Westwind die dem amerikanischen Kontinente entnommenen Bakterien während seiner Passirnng über den Atlantischen Ozean fast sämint- lich in denselben abgesetzt hat. Im Jnlande ist das natürlich nicht niöglich wegen der hier in größerer Menge in der Luft enthaltenen Bakterienspore». Hier werden wir den Staub nicht los, und wenn wir uns in Glasschränke einschließen wollten. Doch sollen wir deshalb die staubigen Verunreinigungen der Luft unbeachtet lassen? Keineswegs. Aber wo sich der Staub als schädlich erweist, ist es nicht der allgemeine Erdslaub, sondern es sind besondere durch Gewerbebetriebe verursachte Beimischungen zu dem- selben, die die zahlreichen Staubinhalationskrankhciten verursachen, und die allerdings in Großstädten wegen der dort vorhandenen Konzentration der Industrie sich weit mehr bcmerklich machen, als in kleineren Orten. Dieser industrielle Staub ist je nach der Jndnslrieart vorwiegend mineralischer, metallischer, vegetabilischer oder animalischer Natur. Die Wirkung der ersten Arten auf unsere Athniungsorgane ist mehr eine mechanisch verletzende, die der letzteren dagegen eine vorwiegend infektiöse. Allerdings giebt es auch metallischen Staub, der giftig ist; hierhergehört vor allen der Bleistaub, von dem namentlich die Arbeiter in Bleibergwerken, in Bleifarbenfabriken, die Bleilöther, Schriftsetzer und Schriftgießer, Feilen- Hauer, Rlaler und Anstreicher zu leiden haben, wäh- rend die Lungen der Eisenarbeiter, wie Schmiede, Schlosser, Schleifer, Klempner, Maschinenbauer durch die scharfen Splitter der Eisentheile vorwiegend mechanisch verletzt werden, ebenso wie der Kupfer- schmiede, Gürtler, Bronzeure von Kupfersplittern. Dasselbe ist bei den mineralischem Staube ausgesetzten Arbeitern der Fall, von dem die Steinmetzen am meisten zu leiden haben und daher am frühesten daran zu Grunde gehen. Aber auch die Arbeiter in Cement-, Porzellan- und Glasfabriken, die Litho- graphen, Töpfer und Maurer leiden unter der Ein- Wirkung der sie belästigenden Staubarten empfindlich. Als weniger schlimm erweist sich der Kohlenstaub, dem die Kohlenbergleute und Schornsteinfeger aus- gesetzt sind; wenigstens gehen sie weniger häufig an Lungenkrankheiten zn Grunde, obgleich ihre Lunge und ihr Allswurf meist eine schwarze Färbung durch denselben erhalten. Dagegen wirkt direkt giftig und außerdem mechanisch verletzend der beim Mahle» der Thomasschlacke entstehende Staub, an dem jedes Jahr zahlreiche kräftige Arbeiter zu Grunde gehen. Von vegetabilischem Staube ist der leichteste der Mehlstaub, dem hauptsächlich Miillcr, Bäcker und Konditoren ausgesetzt sind. Aber niit der Zeit erzeugt auch dieser hartnäckige, chronische Katarrhe. Schlimmer ist der Holzstaub, dem Tischler, Drechsler, Stell- macher und Zimmerlente, und der Faserstaub, dem Seiler, Weber, überhaupt alle Textilarbeiter aus- gesetzt sind. Die Straßenfeger haben von einem gemischten, aber darum nicht weniger lästigen Staube zu leiden, zumal sie auch den Unbilden der Witte- ruilg sehr ausgesetzt sind. Von spezifischer Schäd- lichkeit ist der Tabakstaub in den Zigarrenfabriken und der Perlmutterstaub in den Perlmutterfabriken. Letzterer ist ein animalischer Staub. Von animalischen Staubarren werden in ähnlicher Weise belästigt die Tuchmacher, Tuchscheerer, Wollarbeiter, Hutmacher, Tapezierer, Friseure und wesentlich die in Bürsten- und Pinselfabriken und beim Zerreißen und Sortiren von Lumpen beschäftigten Personen. Alle diese einer spezifischen Staubatmosphäre ausgesetzten Arbeiter und Arbeiterinnen sind Erkrankungen der Athniungs- organe vom einfachen Lungenkatarrh bis zu tief- greifenden Veränderungen der Lunge, Luugenemphyscm, chronischer Lungenentzündung und Lungenschwindsucht ausgesetzt. Die von Bürsten- und Pinsclmachern und von Lumpensortirern verarbeiteten Materialien sind oft mit spezifisch giftigen Keimen behaftet, wie Milzbrandsporen, und sie können, wenn Arbeiter mit dem Staube derselben infizirt werden, in kür- zester Zeit den Tod derselben herbeiführen. Solche Todesfälle ereignen sich jedes Jahr, da nian die Blühe scheut, das Material vor der Verarbeitung ordentlich zn desinfiziren. Außer durch gewerblichen Staub wird die Gesundheit der Arbeiter und Arbci- terinnen in vielen Industriezweigen durch bei der Fabrikation entstehende giftige Dünste und Gase auf das Empfindlichste geschädigt, so in Gummi- waareufabriken durch Schwefelkohlenstoffdämpfe, in Bleichereien und Papierfabriken durch Chlordämpfe, in Dynamit- und Nittocellulosefabriken durch Unter- salpetersäuredämpfe, in Zündholz- und Holzstoff- fabriken und in Zinkhütten durch schweflige Säure- dämpfe. Von schwefliger Säure haben überhaupt die in der Nähe von viel Kohle verbrauchenden In- dustrien Wohnenden viel zu leiden. So ist durch die Gewerbeaufsichtsbeamten festgestellt, daß in der in einem langgestreckten Thale bei Aachen liegenden Stadt Stolberg von 28 Fabriken auf einem Räume von 650 Hektaren in 24 Stunden 85 838 Kilo- gramm schweflige Säure entwickelt werden und außerdem 650 Klogramm Salzsäure, und daß darunter nicht nur die Gesundheit der Bevölkerung auf das Enipfindlichste leidet, sondern auch die um- liegende Vegetation sichtlich geschädigt wird. Eine Unschädlichmachung dieser kolossalen Menge in die Luft geführter schwefliger Säure scheiterte bis jetzt an den Kosten. Aber wir sollten doch meinen, daß die Gesundheit einer ganzen Bevölkerung mehr zu gelten hat als die Gewinne und Renten der be- treffenden Fabrikbesitzer. Die Verhiittmg dieser jährlich viele tausend Menschen in nieist jungem, arbeitskräftigem Alter hinraffenden Staub- und Dunst-Jnhalationskrankheiten ist eine der wichtigsten Aufgaben der Gewerbehygieine. Nothwendige Vor- sichtsmaßregeln gegen die Gefahren des Staub- einathniens sind: häufige Besprengung und Reinigung der Arbeitsstätten, Vermeidung von unnöthigem Sprechen während des Aufenthalts in denselben und wirksame Ventilation. Aber letztere darf nicht nur in einer Entfernung der in dem ganzen Arbeits- räum verbreiteten staubigen Luft bestehen, sondern die Hauptsache ist, daß der Staub unmittelbar an seiner Entstehungsstelle durch Exhaustoren und zwar am besten nach unten abgesaugt wird. Dies Verfahren ist weit wirksamer, als das Tragen von Respiratoren, die zwar hiermit nicht ganz und nicht für alle Fälle verworfen sein sollen, obwohl sie in den meisten Fällen den Arbeitern recht'lästig sind. Durch Einführung dieses Verfahrens, des Absaugens des entstehenden Staubes direkt an dcr Entstehungsstelle nach unten, haben verschiedene Be- rufe, wie Metall- und Porzellanschleifereien, viel an ihrer Gefährlichkeit verloren, und durch ein euer- gisches weiteres Einführen dieser allerdings auch Kosten verursachenden Einrichtungen könnten noch jedes Jahr viele Tausende von meist jungen Menschen- leben erhalten werden, zugleich auch den Krankenkassen Millionen erspart werden. So lange jedoch hier nicht allgemein geltende, wirksame Anordnungen durch die Behörden getroffen werden, heißt es für viele Taufende unserer Mitmenschen nicht nur: sondern auch: „Von Staub bist Du, Zu Staub wirst Du", „Von Staub bist Du Und durch Staub stirbst Dul" Ä 104 I m K cr f e. Vo» K. P. Molzr. ellner, einen Schnitt Dunkel und'n pnnr Journale!" „Vitt' schön— sofort," erklingt's zur Antwort, prompt, mechanisch, wie aus einem lebenden Automaten. Ich setze mich nnd zünde mir eine Zigarrette an. Aus dem Nebensaal ertönt Bhisik.... Ab und zu verirren sich einige flüchtige Töne zu mir. Ich bekomme meine Journale, rasch durchfliege ich die Inhaltsangaben nnd blättere dann umher... Kritiken und Essays über Kunst, russische, skandi- uavische und französische. Die übliche Tripelallianz... Dann Nietzsche... Sie haben ihn ans Kreuz geschlagen bei lcbcndigein Leib, dann nehmen sie ihm seinen Mantel, das herrliche, farbenprächtige Gewand, nnd nun würfelt das Knechtsvolk um ihn.... lind von der deutschen Poesie lese ich, die wieder in einen Dornröschenschlummer zu sinken droht, lind wie ich lese, klingt es von schluchzenden Geigen nnd von wirren, dunklen Klagen, und es fleht und bittet nnd droht... Und plötzlich flnthets mir so heiß den Rücken herauf in den Hinterkopf, und es glüht und hämmert — ich kann nicht weiter lesen. Ich springe auf und gehe in den Musiksaal. Es sind Ungarn, braune Gesichter mit schwarzen Schnnrrbärten und schwarzen, glatten Haaren. Einige auch mit kurzem Backenbart, wie deutsche Herrschaft- liche Kutscher. Sie spielen irgend ein Lied aus der Heimath. Und die Töne quellen empor und suchen und fliehen einander, und immer neue tauchen auf, sie fließen zusammen und werden immer freier und größer, glühender nnd lockender, und endlich brausen sie einher in wellendem, glänzendem Strom. Und Alles taucht unter in diesen Strom und wird Musik. Jede Neigung und Bewegung der Körper Musik— Rythmus— Taumel— Rausch.--- Dazu strahlendes Licht aus hundert Rosenkelchen, ein Licht, wie ans brennendem Glas, blendend, un- zählige Male gebrochen in tausend Prismen und ivieder aufgefangen in den meterbreiten wandbedecken- den Spiegeln, neue Lichtmeere in feenhafter Ferne zeigend. Und das Licht wird Musik und die Luft scheint zu schwingen von weißen und gelben Tönen, immer blendender, feiner und weißer. Dann verwirren sich die Töne, sie scheinen zu stocken, sie werden dunkel und der glänzende Kas- kadenstrom von Lichtmusik stürzt in sich zusammen. Es klingt wie Gelächter durch den Saal. Man hat ein Märchen geträumt.... Ich sitze an einem weißen Marmortischchen. An den Nebentischen ist gedeckt, schneeig weiße Gedecke. Weingläser stehen auf diesen Tischchen. Es ist noch nicht sehr voll. Am nächsten Nebentisch sitzt ein junger blonder Mensch mit frischen, glatten Farben im Gesicht.— Smoking— Seidenanfschläge... weites Brusthemd, wie ein lveißes Schild... Brillantenknöpfe darin... Zuweilen blickt er, die Augen halb zukneifend, un- verschämt umher. Neben ihm eine schwarzhaarige Jüdin... groß... Mittelalter... die Augen wie schwarzer Lack... gewaltige Brillanten in den Ohren nnd an den Fingern nnd mit noch gewaltigerem Busen... Wie ein steiles Gebirge steigt er Plötz- lich an, nur ein Esel scheint auf ihn heraufklettern zu können. Auch die Kunst ist echt. Kunst der Hut und die Brillanten, Halbkunst der Busen. Schnsch nennt sie ihn. Er ist eifrig galant, spricht dann nnd wann und streicht sich seinen kleinen Schnurrbart. Plötzlich geht ein älterer Herr an dem Paare vorbei... Rothes Gesicht, vollständige Glatze, goldene Brille mit sehr scharfen Gläsern. Er sieht sie an, zwinkert mit den Augen vertranlich-frech. „Schnsch" wird unruhig. Das freche Obenhin ist aus seinem Antlitz verschwunden. Er ist ver- legen, gcnirt... „Kennst Du den?" fragt er halblaut. Sie bestreitet es, dabei nennt sie ihn„Herzlieb". Dann zahlt er. Er hilft ihr in den Pelz. Sie verlassen den Saal. lind mir zuckt es in der Faust, wie Alles sich für Gold verkauft. Alles Waare. Alles feil... Da beginnt die Musik wieder. Sie ist ja auch gekauft, grellt es plötzlich in mir. Gold ist's, um das diese Töne kreischen. Gold ist's, um das sie wimmern nnd jubeln. Gosd ist's, um das ihre Gefühle tummeln in Seligkeit nnd nm das sie ihres Herzens Heiligstes verrathen, um satte Bäuche in Wollust zu erschauern, lind wenn du dir einen der Menschen ansiehst, dann schrickt er auf und stockt und zittert und vermag seine Glieder nicht von der Stelle zu rühren. Sie sind hier Alle vergiftet, langsam... ganz langsam.... Das Gift sitzt in ihren Kleidern, in ihren Haaren nnd dringt in ihre Poren, langsam, von Tag zu Tag, und frißt sich immer tiefer in alle Gewebe, bis sie ganz von dem Gift durchdrungen. Dann fließt ihnen der Speichel ans dem Munde, blöder nnd blöder werden die Augen, die Glieder zucken nnd zittern, das Kind ini Biutterleibe wird vergiftet. Doch kein Gesetz straft diesen Mord, kein Kläger ist dafür und kein Gericht. Und wie ich in die Spiegel blicke, da starrt es mir entgegen von bleichen, müden Gesichtern. Ich sehe einen langen, niedrigen Saal. Frauen und Männer sind darin beschäftigt. Warme, stickige Lust durchzieht den Raum nnd einen Bleigeschmack spürt die Zunge, wenn man den Mund zum Athmen öffnet. Sie sitzen aber und reiben und wischen an großen Glasplatten in dumpfem Schweigen. Kleine Silberkugeln laufen hierhin und dorthin und sammeln sich in kleinen Häufchen. Von überall kommen sie her, von den Tischen fallen sie herunter und von der Decke träufeln sie herab. Alles glänzt von Silber, der Boden, die Tische und die Treppen. Ueberall schmeckt man es, sieht und fühlt man es. Und ein Grauen packt mich, ein Entsetzen schnürt mir die Kehle zusammen. Vergebens möchte ich schreien: Verkauft um Geld! Ich will klagen, ich, ich bin ein Kluger. Hier ist das Gericht, hier sind die Angeklagten, Alle, die in diese Spiegel geschaut. Und richten sollen jene bleichen Gestalten.... Da tönt es wieder wie ein Gelächter durch den Saal, ein schrilles, grelles Lachen.... Das Bild ist fort.--- Vor mir aber steht ein Kellner und fragt:„Noch'n Bier gefällig?"-----— Aus öem Uaxierkorb öer Heit. —----Q) Zu unserem Bilde. Ueber das Schaffen und die Bedeutung des berühmten schweizerischen Malers Arnold Böcklin sind unsere Leser durch einen Aufsatz unseres Mitarbeiters Detlev Roberty(Nr. 51, 1897) näher unterrichtet. Die heutige Nummer bringt eine Holzschnitt- reproduktion eines der schönsten und stimmungsvollsten Gemälde des Meisters, seiner Pietä, deren Original sich in der Berliner Nationalgalerie befindet. Der dar- gestellte Vorgang ist vollkommen verständlich und bedarf eigentlich keiner weiteren Erklärung, lieber den auf der Grabplatte liegenden Leichnam Christi hat sich Maria in verzweifeltem Mutterschmerze hingeworfen, während sich aus den Himmclswolkcn ein Engel mit tröstender Ge- berde auf die Trauernde hcrabbeugt. Wenn wir das Bild aber seinem inneren Wesen nach verstehen tvollen, so ist es vielleicht nützlich, wenn wir zuerst die Unter- schrift, den Titel, den der Maler seinem Werke gegeben hat, näher ins Auge fassen. Das italienische Wort piotst wird wie das lateinische pietas, von welchem es Herstammt, gewöhnlich durch die deutschen Worte„Frömmigkeit",„Mitleid" oder„Barm- Herzigkeit" wiedergegeben.' Diese jlebersetznng giebt aber den eigentlichen Sinn des Wortes nicht ganz richtig, nicht exakt genug wieder. Ursprünglich bezeichnete das Wort pietas bei den alten Römern alle jene Gefühle, die den Lebenden mit den Tobten verbinden und die ans diesen Gefühlen hervorgehenden Handlungen. Da aus den ver- ehrten todtcn Vorfahren allmälig die Götter entstanden, und aus der Todtenverehrung der Gottesdienst, so war ein„pietätvoll" die Todlcn verehrender Mann ein frommer Mann. So verschmolzen die Begriffe allmälig ineinander. Wenn wir das italienische Wort pietä dem Sinne nach annähernd richtig wiedergeben wollten, so müßten wir dasselbe Wort in deutscher Uingestaltnng brauchen und Pietät sagen. In der bildenden Kunst hat nun das italienische Wort pietst noch eine ganz besondere Bedeutung erhalten. Wenn man von einer Pietä spricht, so meint man damit ausschließlich das Bild oder die Statue einer sitzenden Madonna, die den Leichnam des vom Kreuze abgcnommeneu Christus im Schooßc hält nnd den tobten Sohn beweint. Das berühmteste dieser Bildnisse ist die Marniorgrnppe der Pietä von Michel Angelo in der Peterskirche zu Rom. Erst die neueren Künstler sind von der ursprünglichen Formel(daß die sitzende Maria den Leichnam im Schooße hält) abgewichen. So hat zum Bei- spiel der Dresdener Bildhauer Rietschel in der Friedens- kirche zu Potsdam eine Marmorgruppe der Pietä gc- schaffen, wo die Maria neben dem vor ihr ans der Erde ausgestreckten Leichnam kniet. Tie Gruppe ist wahr- scheinlicher als die alte Form: aber der innige Zusammen- hang zwischen Mutter und Sohn ist gelöst, und des- wegen macht das Ganze einen weniger einheitlichen und auch weniger rührenden Eindruck auf den Beschauer: der Vorgang erscheint etwas zu steif, ich möchte fast sagen: zu offiziell. Auch Böcklin weicht in seiner Pietä von der alt- hergebrachten Formel ab: aber gerade dadurch schafft er ein Bild von ganz ungewöhnlicher Stimmungsgewalt. Auf der kalten, weißen Marmorplatte liegt starr und bleich der Leichnam des Erlösers ausgestreckt. Tic Mutter aber hat sich in rasendem Schmerz über den tobten Körper des Sohnes geworfen und umklammert ihn mit beiden Händen, wie in höchster Verzweiflung. Ein dunkles Gewand umhüllt die Madonna ganz, sogar den Kopf und das Antlitz, denn der Maler wollte und konnte den höchsten Schmerz dem Beschauer nicht enthüllen. Nur die beiden Hände sind sichtbar. Der weite, dunkle Mantel der Madonna bedeckt aber zugleich auch die ganze Körper- mitte des Leichnams, von der Brust bis über die Kniee, so daß die beiden Gestalten aufs Innigste miteinander ver- bnnden sind und gleichsam in eine znsanimenschnielzen. Zu- dem bildet daS dunkle Gewand aber auch einen prächtigen, echt malerischen Farbengegensatz zu dem bleichen Körper nnd dem weißen Stein, um dessen Basis liebende Hände in rührend naiver, regelmäßiger Anordnung Rosen, die Blumen der Liebe, gelegt haben, deren leuchtende Farbe wiederum sehr tvirkungsvoll mtt dem Stein und dem Gewand konttastirt. Ten ganzen Vorgang aber hat der Maler in eine unendlich weite, öde und baumlose Ebene verlegt, über der ein ttüber Himmel mit tiefhängcnden Wolken lastet, ustd die in ihrer melancholischen Eintönig- keit einen unsagbar traurigen Eindruck macht und die Stimmung hoffnungslosen Schmerzes hervorruft.(Leider ist es dem Holzschneider auf unserer Reproduktion nicht gelungen, den Horizont, wie ans dem Original, in weite, fast unabsehbare Ferne zu rücken, so daß der Eindruck unendlicher Oede und Verlassenheit theilweise verloren geht.) Und ganz allein liegt die Grabplatte mit dem Heiland und der Madonna auf der weiten Ebene, als ob nichts Anderes auf der Welt wäre, als ob die ganze Erde nur ein einziger Ausdruck des Schmerzes wäre. Aber in der überlebenden, trauernden Liebe ist der Tod überwunden, seine Macht ist gebrochen. Darum öffnet der Maler über seiner Schmcrzcnsgrnppe den düsteren Himmel und aus einer hell leuchtenden Gloriole streckt ein schöner, jugendlicher Engel mit sanften Zügen seine Hand segnend und tröstend über die verzweifelnde Mutter, während links nnd rechts von ihm zwei reizende Gruppen kleiner Engelskinder(sogenannte„Putten", wie man sie in der Kunstsprache nennt) mit kindlich mit- fühlender Trauer auf die Szene hinabsehen. Hinter und über den düsteren Wolken wohnt der göttliche Trost. Das rein Menschliche dieses Vorganges ist vom Maler mit so einfacher, stiller Größe wiedergegeben, daß das Bild auf. jeden Beschauer, welches auch seine religiösen An- sichten sein mögen, einen ttefen Eindruck machen muß. Es ist wohl ein von tiefem, religiösem Empfinden durch- drungenes Werk, aber kein Andachts- oder Heiligenbild im Sinne der Kirche oder irgend welcher Konfession. Der religiöse Vorgang ist so wiedergegeben, wie ihn der Künstler, nicht wie ihn der Priester empfindet. Das religiöse Motiv ist in rein malerische Stimmung umgesetzt. Und diese Sttmmung erzielt Böcklin durch den harmonischen Fluß der Linien, an dem wir uns auch auf unserer Reproduktion erfreuen können, und durch den unendlichen Zauber seiner Farben, von dein uns aller- diilgs der Holzschnitt keinen oder nur in der Abstufung von Licht und Schatten einen ganz schwachen Begriff zu geben vermag. Schnitze t. ogEh— Es kommt nicht darauf ml, ob die Sonne in eines Monarchen Staaten nicht untergeht, tvie sich Spanien ehedem riihmte, sondern was sie während ihres Laufes in diesen Staaten zu sehen bekommt. Naclidruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion der„Neuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Berlin, 8W 19, Beuthstraße 2, zu richten. KJecantroottt. Redatleur: Edgar Stetger, Leipztg.— Verlage Hamburger Buchdruckeret u. Verlagsanstalt Auer«r Co., Hamburg.— Truil: Max Babing, Berlin.