f- Der Büttnerbauer. 4� xm. �mes Tages wurde dem Büttnerbauer ein J Schreiben vom Amtsgericht zugestellt. Es >var ein Zahlungsbefehl. Das Gesuch dazu>var von Ernst Kaschel gestellt, welcher Zahlung seiner siebzehnhundert Mark nebst Zinsen und Kosten ver- langte, widrigenfalls er mit Zwangsvollstreckung drohte. Tie Nachricht schlug wie ein Blitzstrahl ein. Trotz seiner mangelhasten Kenntniß' von der Rechts- pflege begriff der alte Mann doch sofort, was das zu bedeuten habe. Nim stand es fest, daß Kaschel- ' ernst seinen lintergang wollte; dies hier war die Waffe, mit der er ihm ans den Leib rückte. Zwangs- Vollstreckung und in letzter Linie Zwangsversteigerung des Gutes, darauf hatte der Kretschamwirth es ab- gesehen. Der Büttnerbauer hatte in seinem Leben mehr als ein Gut der Nachbarschaft unter dem Hammer weggehen sehen. Manchen Bauern hatte er gekannt, der als wohlhabender Maml angefangen und schließlich mit dem weißen Stabe in der Hand aus dem Hofe geschritten war. Zwangsversteigerung! Der Gedanke daran konnte Einem das Blut in den Adern gerinnen machen. Das war das Ende von Allem! Der Bauer, dem das geschah, war gestrichen ans der Liste der Lebenden, losgerissen von seinem Gute, ausgerodet, hinausgeworfen auf die Landstraße, wie man ein Unkraut aus dem Acker rauft und über den Zaun wirft.— Gustav war der Einzige von der ganzen Familie, mit dem der Bauer von diesem neuesten Unglück sprach. Gustav sah sofort die Gefährlichkeit der Lage ein. Er sagte sich, daß etwas geschehen müsse, um die angedrohte Maßregel zu verhindern. Zunächst schien es immer noch das Vernünftigste, mit Kaschel- ernst selbst Rücksprache zu nehmen. Am Ende ließ er sich doch dazu bringen, Stundung zu gewähren, vor Allem, wenn man ihm vorstellte, daß er sein Geld bei einer Zwangsvollstreckung kaum heraus- bekommen und im Falle der Versteigerung sogar gänzlich einbüßen werde. Dadurch gewann man Frist, und währenddessen gelang es vielleicht, von anderer Seite Hülfe zu schaffen. Gustav ging also noch am selben Morgen, als die Urkunde vom Gericht eingetroffen war, nach dem Kvetscham. Leicht wurde ihm der Gang nicht. Er würde bitten müssen, auf alle Fälle sich demiithigen vor den Verwandten. Dabei war ihm die ganze Familie widerlich. Seinen Onkel Kaschel hatte er nie ausstehen mögen. Wenn er an seine Kousine Ottilie dachte, hätte ihm übel werden können. Und auch mit seinem Vetter Richard stand er ans ge- spanntem Fuße, fest er ihn, als Jungen, einmal Roman von Wilhelm von Polenz. windelweich geprügelt. Gustav hatte den Vetter nämlich dabei überrascht, wie er mit dem Pustrohre nach einem Huhn schoß, das er als lebendige Ziel- scheide an einen Baum angebunden hatte. Diese Züchtigung hatte Richard Kaschel wohl nicht so leicht vergessen. Gustav traf in der Schänkstube seine Kousine Ottilie. Er fragte sie ohne Umschweife nach dem Vater. Der sei im Keller mit Richard und ziehe Bier ab, erklärte das Mädchen, verlegen kichernd. Dann bat sie den Vetter, doch in's gute Zimmer zu treten. Dieser Raum lag neben der großen Gast- stube und unterschied sich von ihr in seiner Aus- stattung eigentlich nur durch ein Paar schlechter Oel- drucke, welche den Kaiser und die Kaiserin darstellten. Hier mußte Gustav Platz nehmen. Ottilie war übergeschäftig um ihn bemüht, ihm einen Stuhl zurechtzurücken und den Tisch vor ihm mit einem Tuche abzuwischen. Dabei blinzelte sie den Vetter mit vielsagendem Lächeln von der Seite an. Er sei von der Stadt her verwöhnt, zirpte sie mit erkünstelt hoher Sttmme, aber er müsse eben hier vorlieb nehmen mit dem, was er vorfände. Es sei doch recht langweilig in Halbenau. Warum sich denn der Vetter nicht öfter mal blicken lasse? Und zum Tanze sei er noch garnicht gesehen worden im Kret- schäm. Die Mädchen hier seien ihm wohl nicht fein genug? Gustav antwortete kaum ans ihre Bemerkungen. Er witterte etwas von Eifersucht iu dem Wesen der Kousine. Hübsch war sie nicht, niit ihrem Kropf- ansah, der langen überbauten Figur und dem schiefen Bttinde, der neuerdings eine Zahnlücke aufwies. Doch dafür konnte sie schließlich nichts. Aber was für eine Schlumpe sie war! So herumzulaufen! Mit zerrissenen Strümpfen, zerschlissener Taille und un- gemachtem Haar. Und so was wollte die reichste Erbin in Halbenau sein. Gustav stellte unwillkürlich Vergleiche an zwischen ihrer Schmuddelei und der Sauberkeit, die stets um Pauline herrschte. Ottilie lief plötzlich hinaus. Er glaubte, es sei, um den Vater herbeizuholen. Eine ganze Weile hatte er zu warten. Dann kam das Mädchen zurück, aber ohne den Wirth. Sie brachte vielmehr ein Brett mit Frühstück darauf. Da waren verschiedene Flaschen und Schüsseln. Freundlich lächelnd setzte sie das vor den Vetter hin. Gustav war ärgerlich. Zwar ein Kostverächter war er nie gewesen, und bei den Eltern ging es neuerdings schmal genug her; ein Frühstück nahm er immer gern an. Aber von Der hier bewirthet zu werden, das paßte ihm ganz und garnicht. Ihr Anblick konnte ihm jeden Appettt verderben. Otttlie schien den Widerwillen nicht zu bemerken. den sie einflößte. Sie schenkte ein, zunächst ein Glas Bier, neben das sie noch, zur Auswahl, ein kleineres Glas mit röthlichem Inhalt stellte. Dann setzte sie sich ihm gegenüber an den Tisch und sah ihm zu, wie er aß und trank, niit dem Ausdrucke innigster Befriedigung in ihren Zügen. Es entging ihm nicht, daß sie sich inzwischen eine andere Taille angezogen hatte. Er mußte unwillkürlich lächeln über so viel verlorene Mühe. Schöner sah sie in dem roth und gelb gemusterten Zeuge auch nicht aus, niit ihrer flachen Brust und der gilblichen Hautfarbe. Das Mädchen that sein Möglichstes, um den Vetter zum Zulangen zu bringen. Nach jedem Schlucke, den er nahm, schenkte sie nach, so daß der Inhalt des Glases niemals abnahm. Gustavs gesunder Appettt hatte bald den anfäng- lichen Widerwillen überwunden. Zudem ftagte er sich, warum er die Thorheit dieses Frauenzimmers nicht ausnützen solle. Er ließ sich seines Onkels Bier, Schnaps und Schinken gut schmecken. Als er sich so weit gesätttgt Hatte, daß er nicht mehr im Stande war, noch einen Bissen herunter- zubringen, schob er den Teller von sich. Ottilie sprang auf, holte Zigarren und brannte ihm eigen- händig eine an. Er bat sie, daß sie nun den Vater aus dem Keller holen möge. Sie meinte darauf, das habe ja noch Zeit. Ria» habe sich doch so Mancherlei zu erzählen, wenn man sich so lange nicht gesehen. Dabei wechselte sie den Platz, setzte sich an seine Seite. Das wurde ihm doch zu viel des Guten. Es bedurfte einer sehr energischen Aufforderung von seiner Seite, daß sie sich bewogen fühlte, endlich den Vater herbeizurufen. Der Wirth erschien, wie gewöhnlich, in Pan- toffeln, die Zipfelmütze ans dem Kopfe, die Hände unter der blauen Schürze. Hinter ihm sein Sohn wußte die Haltung des Vaters vortrefflich nach- zuahmen. Nach Kaschel'scher Art begrüßten sie Gustav üiit Kichern und Grinsen, das sich bei jedem Worte, das gesprochen wurde, erneuerte. „Ottilie! Ich nahm o Eenen!" rief der Wirth. „Vuu an Bierabziehen kann ens schon lvarm warn. Newohr, Richard?" Der Sohn feixte dummdreist und schielte falsch verlegen nach dem Vetter hin. Er mochte an die Lektion denken, die er von dem einstmals empfangen hatte. Gustav, um etwas zu sagen, fragte, ob Richard nicht bald zu den Soldaten müsse. Da erhellten sich die Gesichter von Vater und Sohn gleichzeitig. Der Alte meinte schmunzelnd:„Ar ist frei gekummen. In jn! Richard is militärfrei!" Gustav sprach seine Verwunderung darüber aus, Richard habe doch 10G Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. seines Wissens kein Gebrechen.„Nn, mir wußten och nischt dervon, sulange. Aber der Herr Ober- stabsarzt Meente, er hätte Krampfadern am linken Beene. In j»! Krampfadern thaten se's Heeßen. Ncwohr, Richard? Und da wurd''r znricke geßellt. Nn, ich ha' natirlich nischt ne dadergegen, und der Jnnge erseht recht ne. Ncwohr, Richard?" Der alte Kaschel schüttelte sich vor Lachen. Er schien es für einen besonders genialen Streich seines Sohnes an- znschen, daß er infolge seiner Krampfadern niilitär- nntüchtig war. Gustav hätte gern offen heraus gesagt, was ihm ans der Zunge lag, daß dein Bengel die militärische Zucht gewiß recht gut gcthan haben würde, aber er unterdrückte die Bemerkung. Er hütete sich, in diesem Augenblicke etwas zu äußern, was den Onkel hätte verdrießen können. Er war ja als Bittsteller hierhergekommen. Er begann nunmehr mit seinem Anliegen her- auszurücken. Sobald der Onkel merkte, daß von Geschäften gesprochen werden solle, schickte er Ottilien aus dem Zimmer. Zu Gustav's Verdmsse blieb aber Richard anwesend. Gustav saß an der breiten Seite des Tisches, die beiden Kaschels ihm gegenüber. In den Angesichtern von Vater und Sohn, deren Aehnlichkeit hier, wo sie so dicht beieinander saßen, in unangenchmster Weise sich aufdrängte, lauerte die nämliche, unter blöder Miene verborgene, dreiste Schlauheit. Sic ließen den Vetter reden. Lächelnd, hin und wieder niit den Augen zwinkernd, hörten sie sich seinen Bericht mit an. Gustav sprach mit Offenheit. Die mißliche Lage seines Vaters war ja doch nicht mehr zu verbergen. Er erklärte, daß, bestünde der Onkel ans seiner Forderung, der Bankerott des Bauern sicher wäre. Dann bat er den Onkel, sich noch zu gedulden. Die Zinsen seiner Forderung sollten pünktlich gezahlt werden, dafür wolle er sich per- sönlich verbürgen. Mit der Zeit lvürde man auch a» ein Abzahlen des Kapitals gehen. Wenn der Onkel es aber zum Aenßerslcn treibe, dann sei das Gut verloren mid damit auch seine Forderung. Gustav hatte sich das, was er sagen wollte, vorher wohl überlegt. Aber, wie das so geht, er sagte schließlich ganz andere Dinge und brauchte ganz andere Wendungen, als er beabsichtigt. Tie Ruhe der Beiden, die ihn nicht mit einem Wort unterbrachen, warf ihm seinen ganzen Entwurf über den Hansen. Er hatte sich vorgenommen, mit Begeisterung zu sprechen, hatte den Onkel mit warmen Worten an das Familieninteresse mahnen wollen, Sollte denn dieses Gut, das so lange im Besitze der Familie gewesen, unter dem Hainmer weggehen? Sollte der Bauer, als alter Mann, von Haus und Hof getrieben werden und mit seinem grauen Haar auf das Almosen der Gemeinde angewiesen sein? Das könne doch der Onkel nie und ninnner vcr- antworten! Das werde er doch nicht mit ansehen wollen! Das sei man doch der Familie schuldig, solche Schmach zu verhindern. Er habe ja doch eine Tochter aus deni Biittncr'schen Gute zur Frau gehabt; um des Andenkens der Verstorbenen willen möge er doch seine Hülfe nicht versagen!— So etwa hatte der junge Mann zu seinem Verwandten sprechen wollen. Aber er fühlte es, diesen Nattengesichtern gegen- über, mit ihrer lauernden Bosheit, war jede Be- geistening weggeworfen. Durch jedes wärmere Wort mußte er sich lächerlich machen. Er merkte, wie er iinmer unsicherer wurde und wie der Widerwillen gegen das, was er sagte, ihm zum Halse stieg. Was hatten denn diese Beiden da in Einem fort zu nicken, zu winken und mit den Augen zu zwinkem? Einer genau, wie der Andere, als bestände eine geheime Verbindung zwischen Vater und Sohn, als verständen sie ihre Gedanken, ohne einander anzu- sehen. Sie belustigten sich wohl gar über ihn? Alles, was er hier vorbrachte, diente am Ende nur ihrer anmaßenden Schadenfreude zur willkommenen Nahnmg! Ziemlich unvermittelt fragte Gustav auf einmal, was der Onkel eigentlich bezwecke mit seiner 5tiin- gung? Ob er es zur Subhastatton des Bauern- gutes treiben wolle, nm das Gut dann selbst zu erstehen? Kaschelernst wich dieser Frage aus, sich nach seiner Art hinter ein Lachen versteckend. Aber der Neffe ließ nicht locker diesmal. Weshalb er das Geld gekündigt und den Zahlungsbefehl veranlaßt habe, wolle er wissen. Das müsse seinen ganz besonderen Grund haben, denn der Onkel wisse recht gut, daß der Bauer im gegenwärtigen Augenblick nicht im Stande sei, ihn zu befriedigen. Der Onkel fragte dagegen: ob das nicht sein gutes Recht sei? Kaschelernst war jetzt selbst aus seinem gewohnten Gleichmnth gekommen. Gustav sah ihn zum ersten Male aus der Rolle des Harm- losen Biedermannes fallen. Alan war inzwischen auf beiden Seiten ans- gestanden. Der Tisch befand sich noch immer zwischen Gustav und den Kaschels. Gustav wiederholte noch einmal seine Frage, ob der Onkel den Zahlungsantrag zurückziehen wolle. „Ich war an Teifel thun!" rief Kaschelernst protzig. Der Sohn kicherte dazu. Gustav fühlte, daß er seine Wuth nicht länger bändigen könne. Er mußte irgend etwas thun, sich Lust zu verschaffen: die Beiden beleidigen, die Krän- kung vergelten. Er preßte die Stuhllehne vor sich zwischen seinen Fäusten. Jetzt hatte es keinen Sinn mehr, Diesen hier seinen Haß zu verbergen. Mit bleichen Wangen und der keuchenden Stimme des aufsteigenden Zornes sagte er:„'s is schon gut so! Ich hätt' mer's eegentlich denken können. Nu weeß ich's aber, wie's steht! Ihr steckt mit dem Harrassowitz unter eencr Decke. Na, Ihr seid eene schöne Sorte Verwandte. Ich komme über Eure Schwelle uich niehr, davor seid'r sicher! Pfui Luder über solches Pack.— Schämt Eich!"— Damit ging er, auf seinem Wege durch das Zimmer an verschiedene Stühle und Tisch- kanten anrennend. Der Kretschamwirth lief dem Neffen nach. Von der Thür aus rief er hinter ihm drein:„Warte mal! Wart ack, Kleener! Ich ha' noch a Wörtcl mit D'r. Wenn d'r und'r denkt, Ihr kennt mich lapp'g machen, da seit'r au Falschen gerathen. Dei Vater is immer a Uchse gewast, ar hat keenen größern in seinen eegnen Stalle stichn. Sicke dumme Karlen, die brauchen gar kee Pauerngutt. Ob sei Gutt ungern Hammer kimmt, ob's d' Ihr alle zusammde betteln gihn mißt, das is mir ganz egal! Verreckt Ihr meintswegen! Mit Eich ha'ch kee Mitleed— i.h ne!" Gustav war schon außer Hörweite und vernahm die weiteren Schinipsreden nicht, die ihm der Onkel noch auf die Gasse nachrief. ** * Gustav wollte, da er bei dem Kretschamwirth nichts ausgerichtet hatte, seinen Onkel Karl Lebe- recht Büttner aussuchen nnd dessen Hülse annisen. Freilich war dazu eine Eisenbahnsahrt von mehreren Stunden nöthig. Aber er meinte, diese Ausgabe nicht scheuen zu dürfen, denn es blieb thatsächlich die letzte Hoffnung. Der Onkel war wohlhabend; vielleicht konnte man ihn dazu bringen, etwas für seinen leiblichen Bruder zu thun. Ehe Gustav die Garnison verlassen, hatte er sich noch einen Anzug von dunkelblauem Stoff anfertigen lassen. Pauline fand, daß ihm die neuen Kleider ausgezeichnet stünden. Auch einen ziemlich neuen Hut besaß er, und ein Paar Stiefeln, die noch nirgends geflickt waren. Er wollte bei den Ver- wandten in der Stadt nicht den Eindruck eines Bettlers machen. Sie sollten sehen, daß sie sich der in der Heimath zurückgebliebenen Familienglieder nicht zu schämen brauchten. So ttat er die Fahrt an. Angemeldet hatte er sich nicht bei den Verwandten, damit sie ihm nicht abschreiben konnten. Denn Gustav war dessen wohlbewußt, daß man ihm und den Seinen nicht allzu günstig gesinnt sei von jener Seite. Das hatte sich ja auch in der plötzlichen Kündigung der Hhpo- thek, im Frühjahre, ausgesprochen. Der alte Bauer hegte nicht die geringste Hoff- nung, daß die Reise seines Sohnes irgend welchen Erfolg haben könne. Er hielt nicht viel von Karl Leberecht. Der Bruder war ihm im Alter am nächsten gewesen von den Geschwistern. Sie hatten sich als Jnngcns stets in den Haaren gelegen. Karl Leberecht war lebhaft gewesen und geweckt, zu aller- Hand Streichen aufgelegt, ein„Sausewind und Würgcbund", wie ihn der Bauer noch jetzt zu be- zeichnen pflegte, wenn er von dem jüngeren Bruder sprach. Gustav ließ sich jedoch durch das Abreden des Vaters nicht irre machen. Karl Lcbcrecht mochte in der Jugend gewesen sein, wie er wollte, er hatte es jedenfalls zu etwas gebracht im Leben. Und er war nnd blieb aus alle Fälle der Bruder des Vaters. Vielleicht schlnnunerte der Familiensinn doch noch in ihm, und es bedurfte nur der richtigen Ansprache, um ihn zu wecken. Aus dem Briefe, welchen damals der Vetter— der, wie er, den Namen Gustav trug— geschrieben hatte, ersah er, daß das Materialwaarengeschäft von Karl Leberecht Büttner und Sohn am Marktplatze gelegen war. Dorthin richtete Gustav also seine Schritte. Nach einigem Suchen fand er die Firma, die in goldenen Lettern auf schwarzem Untergrunde weithin leuchtend prangte. Es war ein eigenes Gefühl für den jungen Menschen, seinen eigenen Namen auf dem prächtigen Schilde zu lesen. Gustav ging nicht sofort in den Laden hinein, eine geraume Weile betrachtete er sich erst das Geschäft von außen mit ehrfurchtsvoller Scheu. Das war ja viel größer und glänzender, als er sich's vorgestellt hatte. Das Biittner'sche Geschäft bestand ans einem geräumigen Eckladen, der mit zwei Schaufenstern nach dem Markte hinaus blickte nnd außerdem noch mehrere kleinere Fenster nach einer Seitengasse hatte. Eine reiche Auswahl von Verkaufsartikeln lag da ausgestellt: Kaffee nnd Thee in Glasbüch fcn, Seifen, Bisquits in Kästen, Lichte in Packeten, Südfrüchte, Tabak, Viktualieu aller Art, Spezcreien, Drogen. In dem einen der vorderen Schaufenster saß ein Chinese, der mit dem Kopse wackelte. Aus einem Plakate, welches Karawanenthee anpries, war ein Kamccl abgebildet, von einem Araber geführt, auf dem Rücken einen mächtigen Berg von Kästen und Ballen tragend. Gustav stand da, staunend. Obgleich er als Soldat mehrere Jahre iu einer größeren Stadt kasernirt gewesen, war doch das Landkind lebendig in ihm geblieben. Alles Fremde, besonders wenn es unverständlich war, imponirte ihm gewaltig. Diese Schanfeuster mit den vielen fremdartigen Dingen bestärkten ihn in der Vermnthung, daß der Onkel doch sehr reich sein müsse. Und wenn man bedachte: der Mann stammte aus Halbenan! Hatte das Vieh gehütet und Mist ausgeladen, wie jeder andere Baucrujunge. Dann war er davongelaufen, weil er's daheim nicht mehr ausgehalten; wohl hauptsächlich, weil sein Vater, der alte Lcbcrecht, ihn nicht aufkommen lassen wollte neben den; älteren Bruder und Erben des Hofes. So war er denn in die Fremde gegangen, hatte alles Biögliche er- lebt und erfahren, hatte die verschiedensten Lebens- stellungen innegehabt. Riarkthelfer war er unter Anderem gewesen. Als solcher hatte er in ein Grün? waarengcschäst geheirathet und den Grund zu seinem Vermögen gelegt. Ja, in der Stadt da konnte man es noch zu etwas bringen! In Gustav stieg ein bitteres Gefühl auf, als er sich hier umsah und das Leben und Treiben ringsum bettachtete: den Marktverkehr, die Häuserreihen, die glänzenden Läden.— Wenn man damit die Oede der dörfischen Heimath verglich! Er fühlte sich etwas herabgesttmmt in seinem Selbst- bewnßtsein nnd seiner Zuversicht, trotz des neuen Anzugs. Die Verwandten würden ihn doch am Ende nicht als voll ansehen.— Nachdem er eine Weile vor dem Laden auf und ab gegangen, ent- schloß er sich schließlich doch, hineinzugehen. Eine ganze Anzahl junger Leute ivar dort thätig. Der eine von ihnen, ein langer Schmächtiger mit einer Brille, fragte den Eintteteuden, was zu Diensten stünde. Gustav nannte seinen Namen nnd sagte, daß er mit dem Onkel zu sprechen wünsche. Ter junge Herr sah sich den Fremden daraufhin genauer mit forschenden Blicken durch seine Brillengläser an. Der Vater sei leider nicht im Lade», erklärte er. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 107 Also das war der Vetter! Gustav mast den Manu, der seinen Namen trug, mit neugierigen Blicken. Ein ziemlich großer, hagerer Mensch von gebückter Haltung stand vor ihm. Dem Mann sah man es nicht an, daß sein Vater ans dem Lande geboren, daß alle seine VatcrSvorfahrcn durch Jahr- hunderte hinter dem Pfluge hergeschritten waren. lind doch war in dieser Schulmeistererscheinung eine gewisse Aehnlichkeit mit den Verwandten nicht zu verkennen. Die Kopfform, die großen Hände und Füße, der Haarwuchs erinnerten an die Büttners von Halbenau. Zwischen den beiden Vettern gab es eine Ver- legenheitspause. Sie waren durch das Gefühl be- drückt, in naher Blutsverbindnng zu stehen und ein- ander doch unendlich fremd zu sein. Btan maß sich mit spähenden, mißtrauischen Blicken und wußte ein- ander nichts zu sagen. Gustav, der Bauerssohu, verachtete im Geheimen diesen dürren Bläßling, der Tag ein, Tag aus hinter dem Ladentisch stehen und die Knuden bedienen mußte. Aber seine Verachtung war dabei nicht ganz frei von einem gewissen Neid, den das Landlind der llcberlegenheit des Städters gegenüber selten verwindet. Und Gustav, der Mil- inhaber der Firma„Karl Leberecht Büttner und Sohn", belächelte seinen Vetter vom Dorfe, mit den unbeholfenen Manieren. Ein paar Leute vom Markt kamen herein, die bedient sein wollten. Nachdem die Kunden abgefertigt waren, schlug der Kaufmann seinem Vetter vor, in die Wohnung des Vaters zu gehen; der„Alte" werde wohl zu Hanse sein. Er gab ihm einen Lehrling mit, damit er den Weg finde. Unter Füh- rung eines halbwüchsigen Biirschchens gelangte Gustav so zur Wohnung der Verwandten. Mit dem Onkel fand sich Gustav schneller zurecht, als niit dem Vetter. Der Mann war wirklich sein Blutsverwandter. Der große, derbknochige Alte mit bartlosem geröthcten Gesicht und buschigem grauen ' 5)anr sah dem BUttnerbaner nicht unähnlich. Wäre nicht das gestickte Käppchen auf dem Kopfe, die Saffianpantosscln und die Kleider von städtischem 'Schnitt gewesen, hätte man Karl Lebcrecht Büttner wohl für einen Halbcnaner ansprechen können. In seinem Augenblinzcln und dem verschmitzten Lächeln kam die Bauerupfiffigkeit zum Ausdruck. Auch in seiner Aussprache waren noch heiuiathlichc Anklänge zu finden. Mit derber Herzlichkeit empfing er den Sohn seines Bruders. Der Neffe wurde zum Niedersitzen aufgefordert, bekam ein Glas Wein vorgesetzt und mußte erzählen, zunächst über die Familie, sodann von anderen Leuten aus Halbenau, auf die sich der alte Mann noch besann. Freilich über Viele, nach denen der Onkel fragte, vermochte Gustav keine Anskunft zu geben; sie waren gestorben, weggezogen, verschollen. Die Theilnahme, welche der Alte an den Tag legte für diese Dinge, stärkte Gustav's Zuversicht. Der Onkel hatte noch nicht allen Sinn für die Hciinath verloren; soviel stand fest! Als der alte Man» sich nach der Lage des Gutes und der Wirth- schaft erkundigte, benutzte Gustav die Gelegenheit, ihm die Roth zu eröffnen, in welcher sich sein Vater befand. Karl Leberecht Büttner war sichtlich überrascht. Er schüttelte wiederholt den Kopf.„Na, sowas! Na, solche Sachen!" war seine Rede. Daß es mit seinem Bruder nicht glänzend stehe, hatte er sich ja gedacht, aber daß es so schlimm sei!.... Er seufzte; sein Gesicht nahm einen trüben Ausdruck an. Durch diese Anzeichen ermnthigt, rückte Gustav mit seinem Ansinnen heraus: der Onkel solle die eingeklagten siebzehnhundert Mark an Kaschelernst auszahlen und dafür dessen Hypothek übernehmen. Karl Leberecht runzelte die Stirn, zog die Augen- brauen in die Höhe und blickte starr vor sich hin, die Backen aufblasend— genau wie es der Büttner- bauer machte, wenn ihm etwas überraschend kam—, dann rückte er sich auf seinem Sitze zurecht, meinte, die Sache sei bös, ließ sich Gustav's Plan aber doch noch einmal auseinandersetzen. Gustav sprach mit Lebhaftigkeit und Wärme. Er redete Alles, was er auf dem Herzen hatte, herunter. Dem Onkel gegenüber wurde es ihm leicht, da stockte ihm nicht das Wort auf der Zunge, wie neulich vor den Kaschels. Er bestürmte den alten Mann, er stellte ihm die Sache im günstigsten Lichte dar, und ivnnderte sich beim Sprechen selbst über die cindring- lichen Worte, die er fand. Der Alte kratzte sich hinter dem Ohre, sprach von den schlechten Zeiten und meinte, er habe alles Geld im Geschäfte stecken; aber er lehnte nicht völlig ab. Seine Einwendungen wurden immer schwächer. Halb und halb schien er der Sache gewonnen. Gustav frohlockte in seinem Inneren; nun glaubte er gewonnenes Spiel zu haben. Er beschloß, die Gunst der Lage auszunutzen, und bat den Onkel, auch die Zinsen und Kosten mit zu belegen. Der Alte sagte nicht Ja und nicht Nein. Die Sache schien ihm Unruhe zu bereiten. Er lief im Zimmer umher, kraute sich den Kopf, rieb die großen Bauernfäuste gegeneinander, fiel beim Sprechen un- willkürlich in den Dialekt seiner Jugend zurück; der deutlichste Beweis, daß er innerlich erregt war. „Ne ne! Su schnell geiht das ne! Ihr denkt wohl uf'n Dorfe, wir hier in der Stadt, wir hätten's Geld wie Hei. Wenn's Eich schlacht gieht, mit uns slieht's erscht recht schlacht mit'» Geschäften. Wenn de Pauern, und se kommen»ich in de Stadt zum Einkaufen, das merken nnr gar sehre im Handel. Geld is gar kecns da. Und nu gar ich! Wenn ich auch gerne niechte, und ich wollte Traugottcn helfen, kann ich denn, wie ich mechte? Unser Ge- schäft!— Nu ja, die Firma Büttner und Sohn kann sich sehen lassen." Hier machte er in seinem Rundgange Halt und fragte den Neffen, ob er sich den Laden angesehen habe. Gustav bejahte und gab seiner Bewnndcrnng unverhohlenen Ausdruck. Dem Alten that das sichtlich wohl, er schmunzelte über das ganze Gesicht.„Und da sollt'st De erscht mal unser Lager sahn!" rief er.„Hernachen, da wird'st De Maul und Nase ufrcißen. Na, Gustav mag Dr's mal zeigen,'s Lager. Sowas gicbt's in Halbenau freilich nich!" lJorlsetzung folgl.) naim von Hallersleben. Von Gcori, Hoffmann. Johannes Scherr, der Literarhistoriker, faßt das Wesen der Freiheitsdichtung ans den vierziger Jahren in folgende Worte zusammen:„Die politische Poesie der vierziger Jahre hat in Plate» ihren Initiator(Anreger) zu erkennen, jene, den Ton der patriotischen Romantik in's modern Revolutionäre umstimmende politische Poesie, welche am popn- lärsten durch den unerschöpflichen Liedersänger Hoff- mann von Fallersleben gehandhabt wurde." Es traf Nimicherlei zusammen, um aus der Fülle der Freiheitssänger jener Tage Hoffmann zum popu- lärsten zu machen: Künstlerisches wie rein Persön- liches, das an dem Namen Hoffmann haftet, der, als Einzelerscheinung gefaßt, ganz gewiß origineller war, als seine Dichtung. Hundert Jahre sind vergangen, feit Hoffmann zu Fallersleben, einem kleinen Ort ander braunschweigisch- hannöverschen Grenze geboren wurde(2. April 1798). Vieles, was seine Zeitgenossen an seiner Gestalt an- geregt haben mochte, ist für ein junges, gänzlich anders geartetes Geschlecht nnr mehr historisch zu begreifen. Die volle Romantik in der Erscheinung Hoffmann's, die bei ihm dreifach wiederkehrt, in seinen gelehrten Neigungen, in seinen Liedern und in seinem unsteten Wandcrdasein selber, kann heute nicht mehr so unmittelbar wirken wie ehedem. Die gedanken- tiefere Lyrik Platen'S, der feurigere politische Schwung Herwergh's, das stolze, wuchtige Pathos Freiligrath's, und die glänzend geistvollen Sarkasmen Heine's, sie sind uns insgesammt heute kulturgeschichtlich, sowie künstlerisch werthvoller, als die liebenswürdig sorg- lose Manier des fahrenden Poeten und Gelehrten Hoffmann von Fallersleben. Gegen die starken, schöpferischen Elemente ans der politisch-romantischen Zeit gehalten, verblaßt die Volksthümlichkeit von ehedem. In seinem gelehrten Fach, wie in seiner Kunst hat der feinfühlige Sammclgcist Hoffmann's mehr Recht behalten, als seine eigentlich schöpferische Weise. In seiner umfassenden Geschichte der modernen Malerei erwähnt Richard Bhither auch die Wandlung, die sich im äußeren Gehaben unserer Künstler- schaft vollzogen hat. In unseren real-politischcn Tagen suchen die Genies, die Künstler, sich nicht mehr wie eine eigene Briiderschaft von der übrigen Welt abzusondern. Die lange Mähne ist dem Scheer- messer zum Opfer gefallen, und die Sammctjacke trägt höchstens noch ein eitler Photograph. Unsere Zeit hat auch hier demokratisirt. Noch als echter romantischer Künstler fühlte sich Hoffmann von Fallersleben. Diese seine Romantik gab sich meist frei von geckenhaftem Spiel, und so mochte seine besondere persönliche Art schon inmmitten einer Studentenschaft auffallen, die nach der napoleo- nischen Zeit sich gewiß in freien Burschenmanieren bis zum Ueberschwang gefiel. Im Jahre 18 t 9 lebte Hoffmann als Student in Bonn; dort schloß er sich an den jungen Heine, an den nachmaligen Franzosen- fresser und Literarhistoriker Wolfgang Menzel und andere junge Literaten an. In diesem Kreise selbst fiel die Sonderlingserschcinung des jungen Hoffmann auf. Er galt den Jünglingen wie das Urbild eines deutschen fahrenden Sängers und Recken; er kam ihnen vor, wie ein mittelalterlicher Troubadour; er führte den besonderen Beinamen„der Poet". Und das Persönliche in Hoffmann drang durch, trotzdem der junge Mann in Bonn alle Mühsal des proletarischen Studenten durchzukosten hatte und sich durch Unterrichtgebc» und ähnliche Beschäftigung erhalten mußte. Aber er blieb guter Dinge, abeii- teuerfroh wie der Fiedler in der romantischen Er- Zählung von Eichendorff, dem nichts gehört und die ganze Welt zugleich. Ein Jahr vorher hatte entscheidend auf ihn einer der beiden„grimmigen Brüder", Jakob Grimm zu Kassel, eingewirkt. Zwei Richtungen nahmen damals Einfluß auf Hoffmann's Seele. Noch wußte er nicht, ob er sich dem Studium der Antike, ob der heimischen Literatur zuwenden solle. Groß war noch die Wirk- sanikeit des Knnstästhetikers Winckelmann; die kritischen Forschungen Lessing's, Gocthe's italienische Fahrten, sie waren insgesammt ein vorherrschender Knlturfaktor in der deutschen Bildungsgeschichte. So wollte denn auch der junge Hoffmann anfangs sich dem Studium der klassisch-antikcn Kunst widmcu, nachdem er die Schulen in Helmstedt und Braun- schweig besucht hatte. Zu diesem Behuf ging er nach Kassel, um die Samnilnngen und das Mnsenin dieser Residenzstadt kennen zu lernen. Hier war es, wo Jakob Grimm, der große Germanist, eine innere Umwälzung bei Hoffmann vorbereitete und ihn auf unsere heimischen, alten Sprachdenkmäler verwiese Der Funke zündete. Das Studium der klassischen Antike ward aufgegeben, und der Weg, auf dem Hoff- mann's romantische Neigungen sich entfalten konnten, gefunden. Als Niederdentscher wandte er sich zunächst dem verwandten Sprachelcment zu. Er warf sich mit jungem, zähen Arbeitseifer auf altniedcrländische Literatur, und frühzeitig offenbarte sich nicht eine nnifassende, wissenschaftlich- kombinatorische Gestal- tungsgabe, aber ein ausgezeichneter Spür- und Sammelsinn. So wurde er denn in den Nieder- landen rasch bekannt, und von der Universität zu Lehden erhielt er den Doktortitcl. Der modernen sprachwissenschaftlichen Entwicke- luiig konnte Hoffmann keine entscheidende Richtung geben. Einnial gestattete sein Wandcrdasein nicht, daß er seine Kraft konzentrirte; sodann konnten ihm die modernen kritischen Methoden der Sprachwissenschaft unmöglich vertraut sein, wie einem natnr- ivisscnschaftlich vorgebildeten Manne der Gegenwart. Aber sein eminent künstlerischer Sinn wußte zu lvägen und zu sichten, und so fügte er fleißig und mit sicherem Blick für das volksthümlich Geivordene, für das Naive in den Sprachdenkmälern und be- sonders im Volkslied Banstein auf Baustein zu- sammen, und das ist am Ende auch nicht wenig. Als Sammler und Kenner des Volksliedes hat er denn auch eine erste Stellung behauptet, wenn vicleicht 108 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. auch der Vergleich mit dem einzig dastehenden Sammel- werk der Grimm'schen Märchen nicht ganz zutrifft. Aus dieser Lieblingsbeschäftigung erwuchs ihm in der Folge auch für seine Originalgedichtc ein Vorzug, den man im Lied nicht hoch genug einschätzen kann, die Sangbarkeit, die Melodie der Sprache. Von den Niederlanden wurde Hoffmann in jähem Umschwung, der für sein Lebensschicksal so charakte- ristisch ist, in den Osten Deutschlands verwiesen, wo deutsche und slavische Welt aneinander stoßen. Er kam nach Breslau zunächst als Custos der Universitäts- bibliothek. 1835 wurde er Professor. Der nach- malige Romanschriftsteller Gustav Freytag wurde dort sein berühmtester Schüler. Hoffmann hätte nicht der sorglos-romantische Geist, der fahrende Mann sein müssen, der er war, und er hätte bei der ruhigen Gelehrtenlaufbahn verbleiben können. Aber da kamen die vierziger Jahre mit ihrer Sehnsucht nach dem einigen und zugleich freien Deutschland. Auch Hoffmaim's Mund ging von dem über, wessen sein Herz voll war, und so mnßtcer denn 1842 die Universität Breslau verlassen, nachdem in Ham- bürg seine unpolitischen Lieder herausgekommen waren, und nachdem auf Helgoland 1841 im August das populärste Lied Hoffmaim's gedichtet war, das Heilslied der heutigen Natio- ualisteu in Deutschland und Deutsch-Oestcrreich:„Deutsch- land, Deutschland über Alles, über Alles in der Welt", das nach der klassischen Weise von Haydn's österreichischer Kaiser- Hymne gesungen wird. Hoffuianu's politische Gesäuge ermaugeln nicht der Schärfe und gesunden Witzes, aber Pracht, Größe und sati- rische Wucht gehen ihnen ab. Sie haben alle einen gemein- verständlichen, manchmal trivi- aleu Zug; sie haften leicht im Gedächtnis; und passen sich rasch dem Auffassungsvermögen des Durchschnittslesers an, und da die schlagkräftige Phrase, das politische Epigramm, in der jungen Bewegung vor 1848 mehr gelten durfte, als heut- zutage, so ist die Popularität gerade dieser romantisch-poli- tischen Poesie wohl zu be- greifen. Uebrigens wußte Hoff- mann schon ganz klug gewisse liberalisirende Helden zu be- urtheilen:„Alle Lauheit geht zu Nichte und der Freisinn wird gestählt auf der Bier- bank." Dieses Lied, den Radikalen der Bicrbank gewidmet, spricht ziemlich deutlich. Reiner an's Volksliedmüßige schließen sich die Kinderlieber Hoffniann's an. Sie sind denn auch lebendig geblieben, wo die politisch-romantische Poesie Hoffmaim's meist in Anthologien welkt. Es ist ein kleines Genre, das Hofsinann da beackerte; aber in dem Genre hat er das Höchste aller Künstlerschaft erreicht: man hat über dem Werk den Meister ver- gessen. Diese Kinderlieder sind Musterbeispiele liebens- würdiger Naivetät und sie werden noch einer Reihe von Kindergeschlechtern sowohl nach der sinnigen als nach der heiteren Seite hin Erquickung bereiten. Sie sind ein Labsal unter so manchem dürr- schulnieisterlichen Zeug, das moralisirend unsere Schulbücher füllt. Sie sind absichts- und zwecklos, wie die Kinderphantasie selber. Und wer würde sich nicht froh gestimmt an den Wettgesang vom Kukuk und dem Esel in der schönen Maieuzeit erinnern, oder des Liedes gedenken:„Wer hat die schönsten Schäfchen? Die hat der gold'ne Mond." Das Jahr 1842 brachte einen Riß in Hoff- mann's Leben. Trotz oder gerade wegen seiner sehnsüchtig deutschen Lieder mußte er Preußen ver- lassen und den Wanderstecken auf's Reue ergreifen. Er war gefährlich geworden, ein Demagoge, ein Ein- heitsschwärmer, und so wurde er nach und nach nach preußischem Muster aus einer hübschen Anzahl voii Bundesstaaten ausgewiesen, bis er unter den: Ochsen- köpf im Mecklenburgischen, also im reaktionärsten Staate Deutschlands, Duldung und Heimath fand. Der Sturmwind von 1848 hatte Manches ge- klärt, und für Hofsinann winkten gleichfalls glücklichere Tage. Dem Fünfzigjährigen wurde noch spätes Liebesgliick zu Theil. Der Dichter verlobte sich mit einem schwärmerisch veranlagten jungen Mädchen, Ida zum Berge, die als seine Gattin für einige Zeit Sonne in das Leben des Unstäten brachte. Karl Alexander von Weimar berief unseren Dichter nach seiner Residenz,- wo er mit dem ge- feierten Liszt bekannt wurde und seinen alten Studien wieder oblag.(Er gab das Weimarische Jahrbuch für deutsche Sprache heraus.) Allein der Unfriede Hvffmann Vvn Fallrislrben. in seinem Leben, das Romantisch-Individualistische seiner ganzen Persönlichkeit wollte sich weder in den Rahmen der höfischen, noch in den der kleinstädtischen Gesellschaft fügen. Hoffmann soll eigenwillig bis zum Bizarren gewesen sein, und so schied er denn von Weimar und folgte einer Einladung des Fürsten von Ratibor und Herrn der altberühmten Abtei Corvey nach Westfalen. In Corvey bei Höxter übernahm er das Amt eines Bibliothekars, in Corvey starb 1860 sein Weib, und die Wirthschaft führte ihm deren Schwester. Hier schrieb der Fahrende sein biographisches Werk„Mein Leben", hier be- schloß er auch am 8. Januar 1874 seine Lebenstage. Hier durfte er unbehindert leben und seinen Wander- und Sondergelüsten fröhnen. Man gewöhnte sich an das Original und ließ ihn in Frieden. Als man seinerzeit in Deutschland für Freilig- rath eine Ehrengabe sammelte, da lernte ein junger Wnpperthaler, Gotthold Krehenberg, den alten Hoff- mann kennen. Krehenberg schildert den Alten etwa so: Die Kleidung ließ ihn nicht als einen Professor erkennen, eher mochte man ihn für einen nicht ganz salonfähigen Künstler halten. Lose schlang sich ein buntes Halstuch um den Hals, das Sanimetwams zeigte die Spuren längeren Tragens, und die großen Füße steckten in derb genagelten Schuhen. Dem Wandersmann, der sich nur wenig gebückt hielt, und mit dem lang herabwallenden weißen Haar und der Reckengestalt jedes Mannes Aufmerksamkeit erregte, fehlte sogar der Knotenstock nicht; und auf dem Kopf, der halb verschmitzt, halb humoristisch wohlwollend aussah, trug er das Barett, die deutsche Mütze, wie sie auch Richard Wagner liebte. Er erzählte gerne allerlei Anekdoten derber Fraktur und lachte selber mit breitem Behagen darüber; und wenn er seine Ge- dichte vorlesen sollte, nahm er einen Pack nicht gerade reinlicher Blätter aus der Tasche und las daraus. In seinem Vaterstädtchen Fallersleben, wonach er seinen Dichternamcn trug, hat man seinem An- denken einen Stein gesetzt; und 1891 folgte man einer Anregung von Kasseler Bürgern und errichtete ihm zu Ehren auf Helgoland, wo sein„Deutschland, Deutschland" entstand, ebenfalls einen Stein. Das Denkmal existirt aber nicht mehr. Es ist 1894 ver- fchwunden. So war Hoffmann von Fallersleben kein Großer im Reiche der Poesie, kein Pfad- sinder der Wissenschaft, aber in seiner weltfremden Unge- berdigkeit ein Original, der letzten Einer unter den sah- renden Säugern. Aie Zlsihmvijsnlslhaftnl in kt KW. Von"§3. Merkur. 'Machdem unser erstes Kapitel dem Wichtigsten von Allem für die Küche, dem Wasser, gegolten hat, möchte ich Dich bitten, werthe Leserin, mir heute zuzuhören, wenn ich Dir von dem erzähle, was inbetreff der Unentbehrlichkeit dem Wasser fast gleichzu- stellen ist: Vom Salz. Nur wenige Speisen kom- inen auf den Tisch, denen diese Würze fehlt, und dem- gemäß ist der Verbrauch an Speisesalz ein sehr bedeuten- der. In Deutschland kom- men auf jeden Einwohner etwa 7 Kiloargmm im Jahr. Auch die Technik verwerthct zu den verschiedensten Zwecken ganz ge- waltige Mengen Salz, allein zur Sodafabrikation z. B. jährlich etwa 10 Millionen Zentner. An- gesichts solcher Zahlen könnte man fast zu dem Glauben kommen, das Salz, das uns die Natur darbietet, möchte einmal alle werden. Das ist aber keineswegs zu befürchten, denn Salz kommt auf der Erde in ganz ungeheuren Mengen vor. In welchem Verhältnis; es sich im Meerwasser gelöst vorfindet, haben wir schon in unserem ersten Kapitel erwähnt. Wenn wir wissen, daß das Meerwasser durch- schnittlich 3,5 Prozent Salz enthält, so giebt uns das über die wirklich vorhandene Menge erst eine ungenügende Auskunft. Bei der Mehrzahl unserer Leserinnen dürfte die Vorstellung von der Ntenge Salz, die das bedeutet, noch um ein Beträchtliches hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Wenn wir uns nämlich die Meere ausgetrocknet denken, so würden etwa hundert Milliarden Zentner Salz den Boden bedecken; das wäre eine Schicht, die gleich- mäßig über den ganzen Meeresgrund vertheilt eine Dicke von 55 Meter haben würde! Selbst wenn wir zur Erlangung des Salzes ____ I__ Die Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 109 allein auf das Mecrwasscr angewiesen wären, brauchten wir also nichts zn befürchten. Nun aber befinden sich auch ans dein Festlande noch ganz be- trächtliche Mengen Salz. In den Pyrenäen, im südlichen Ilral, den amerikanischen Anden und anderen Gebirgszügen bildet es ganze Berge; im Inneren der Erde findet man oft ganz kolossale Salzlager, so z. B. bei Stastfurt an der preußisch- anhaltischen Grenze, bei Wicliczka in Ga- lizicn und anderen tCrtcn. In Arabien und am 5i aspischen See liogen solche Lager offen zu Tage in einer Ausdehnung von Hunderten von Qua- dratnicilen und stellen- weise bis zu 1000 Meter Dicke. Endlich cxistirt noch viel Salz da, wo wir es als solches nicht ohne Weiteres erkennen, so im Safte der meisten Pflanzen und im Blute der Menschen und Thicre. Die Gewinnung des Salzes geschieht je nach dem Fundorte in verschiedener Weise. Aus dem Meerwasser gewinnt man es in den sogen. Salz- gärten. In warmen Gegenden wird, durch Deiche gegen die Flnth geschäht, eineNeihe von �.Beeten" angelegt, sagen wir Nr. 1 bis 6. Nr.Lliegtctwas tiefer, als Nr. 1, Nr. 3 tiefer als Nr. 2 usw., sodaß das Wasser von 1 in 2, 2 in 3 usw. abgelassen werden kann. Bei Beginn der heißen, trockenen Jahreszeit wird das Wasser durch Schleusen im äußeren Deiche inBassin 1 ein- geleitet. Hier bleibt es einige Tage, bis es sich durch die Sonnenstrahlen er- wärmt hat und in folgedesscn auch schon etwas verdunstet ist (bei einer Salzlösung, was ja das Meerwasser auch ist, verdunstet immer nur das reine Wasser, während alle gelösten Bestandtheile zurückbleiben). Dann wird das durch die Verdunstung schon et- was stärker gewordene Wasser in Bassin 2 gelassen, hier wieder einige Tage den Strahlen der Sonne ausgesetzt, dadurch wieder etwas stärker geworden, in„Beet" 3 eingeleitet, und so fort, bis es in Nr. 6 als ziemlich starke Salzlösung ankommt und hier bis zur völligen Verdunstung des Wassers verbleibt. Die dann zurückbleibende Ernste besteht aus See- salz, das al'- solches Verwendung findet. Als 5t ii ch e n s a l z ist das rohe Seesalz nicht verwendbar; es enthält ziemliche Mengen fremder Salze, namentlich Blagnesiumsalze(„Bittersalze"), welche einerseits dem Seesalz einen bitteren Ge- schmack geben, andererseits ein völliges Trocken- werden verhindern, da die Bittersalze aus der Luft wieder Feuchtigkeit anziehen. Soll Kochsalz aus dem Seesalz gewonnen werden, so muß es mehr- mals in Wasser aufgelöst und umkrystallisirt werden; es wird„raffinirt". Reines Kochsalz ist schwerer löslich, als die dasselbe verunreinigenden Salze; letztere bleiben beim Eindampfen einer Kochsalz- lösnng also noch aufgelöst, wenn das reine Salz Edle Reiser. Nach dem Gemälde von W. Hasemann. (Photographieverlag der Pholographtschen Union in Münchcnp sich schon ausscheidet, oder, um technisch zu sprechen: das reine Salz krystallisirt aus, während die Ver- unreinigungen in der„Mutterlauge" bleiben. Viel Speisesalz wird auch, namentlich in Deutsch- land, als„Salinensalz" gewonnen, überall da, wo das in der Erde vorkommende Salz nicht rein genug ist, um ohne Weiteres für die Küche verbraucht werden zn können. Man läßt hier meistens die Bergwerke selbst einfach voll Wasser laufen, wodurch das Salz aus den Gesteinschichten herausgelöst wird. Die so entstandene Lösung, die „Soole", wird herausgepumpt und mit Hülfe von „Gradirwerken" weiter verarbeitet. Dies sind zirka 10 Meter hohe und zirka 50 bis 75 Bieter lange Gerüste, die mit Dornenreisig angefüllt sind und in großen Bassins stehen. Oben ans die Dornen- bündcl wird die Soole hinaufgepumpt und tropft dann langsam nach unten durch. Dadurch ver- dunstet ein beträchtlicher Theil des Wassers, nament- lich bei windiger Wit- terung, andererseits werden alle, die Soole verunreinigenden Be- standtheile zurück- gehalten und setzen sich an den Dornen- reisern fest, diese im Laufe der Zeit mit einer dicken Kruste überziehend, die ein geschätztes Dünge- Material abgicbt. Die Soole wird wieder- holt ans das Gradir- werk hinansgepnmpt, bis sie durch bestän- dige Verdnnstniig des Wassers hinreichend stark getvorden ist, um alsdann in großen eisernen Pfannen, die von unten geheizt werden, gänzlich ab- gedampft zn werden. Das in den Pfannen zurückbleibende Salz ist meist ziemlich rein und findet hanptsäch- lich als Speisesalz Verwendung. In einigen Bergwerken wird das Salz so rein gefunden, daß es ohne Weiteres als Kochsalz verwendbar ist. Das bekannteste Bergwerk dieser Art ist das zn Wicliczka in Galizien, das wir schon erwähnten. Die- scsSalzbergwerkbietct so viel des Bierkwür- dige», daß es ver- lohnt, Näheres dar- über zu berichten. Ter Ort Wieliczka liegt in einer Hügel- kette, die als Aus- läuser der Karpathen anzusehen ist. Das Städtchen hat reich- lich 6000 Einwohner, deren größter Theil direkt oder indirekt von dem unter der ErdebefindlichenSnlz- bergwerke lebt. 900 Arbeiter sind mit der bergmännischen Gc- winnnng des> Stein- salzes beschäftigt. Die unterirdischen Gänge erstrecken sich auf ein Gebiet von über 3000 Meter Länge und 1200 Meter Breite. 20 Kilometer Pferdebahn sind in diesen Gängen angelegt und dienen der Beförderung des Salzes zu den Schächten, deren 12 in die Tiefe führen. Wie schon aus der Möglichkeit eines Pferdcbahnbetriebes hervorgeht, sind die„Stollen" des Salzbergwerkes von denen anderer Bergwerke verschieden durch ihre Höhe und Breite. Es kommen noch weitere Unterschiede hinzu, welche die Arbeit im Wieliczkaer Werke wesentlich angenehmer machen, als die in einem Eisenstein- oder Steinkohlenbergwerke; die Trockenheit und Rein- 110 Die Neue Welt. Illustrirte Nnterhaltungsbeilage. heit der Luft und die Sauberkeit des ganzen Werkes. Die Trockenheit ist so groß, daß sie von neu ein- tretenden Arbeitern sogar in recht unangenehmer Weise empfunden wird, scheint indessen auf die Ge- sundheit nicht schädlich einzuwirken. An mehreren Stellen erweitern sich die Gänge zu großen Hallen, in denen zu Zeiten allerlei Fest- lichkeiten abgehalten werden. Einer dieser unter- irdischen Festsäle ist 50 Meter lang, 28 Meter breit und 35 Bieter hoch! Von der Decke herab hängt, aus reinstem krystallenem Salz ausgehauen, ein prächtiger Kronleuchter herab, der 300 Kerzen trägt. Auch ein Heiligenbild aus Salz ist dort. Deren finden sich noch mehr in der„Kapelle des heiligen Antonius". In einer Tiefe von über 100 Meter unter der Erde wird hier zuweilen katholischer Gottesdienst abgehalten. Der Altar ist auf's Schönste mit Säulen und Bildern geschmückt, die zum Theil künstlerisch gearbeitet sind. Alles besteht ans reinem Salz, das durch einen schwach grün- lichcn Schimmer den Bildsäulen ein Aussehen giebt, als wären sie aus großen Edelsteinen gemeißelt. Die Förderung des Wieliczkaer Werkes beträgt jährlich etwa 600 000 Doppclzentner Salz, was im Verhältniß zu dem Salzperbrauch keine sehr große Menge ist. Den Werth des Salzes wird jede Hausfrau nach Gebühr zu schätzen wissen. Es giebt nicht viel Speisen, die nicht durch einen Zusatz von Salz schmackhafter werden, selbst süße Speisen erwägen einen Salzznsatz und werden dadurch wohlschmeckender. Indessen ist das Salz für den menschlichen Körper nicht nur ein Gewürz, das die Kost dem Gaumen angenehmer machen soll, es ist ein durchaus nn- entbehrliches Nahrungsmittel, wenn auch nicht in dem Sinne, wie Brot und Fleisch. Satt werden kann man nicht vom Salz, größere Mengen ans einmal genossen sind sogar schädlich. Etwa 2 Eßlöffel voll genügen, um eine Bewegung hervor- zubringen, mit deren Hülfe unser Bingen sich solcher Dinge, die ihm nicht gefallen, auf schleunigem Wege wieder entledigt: sie bewirken Erbrechen. Man hat deshalb in dein Kochsalz ein vorläufig anzuwendendes Gegenmittel gegen mancherlei Vergiftungen; eine größere Porfion Salzwasser ist ein vorzügliches Brechmittel. Von dem Salz, das wir genießen, wird auch unter normalen Verhältnissen der größte Theil wieder aus dem Körper mit den Stoffwechselprodukten aus- geschieden, der kleinere Theil wird in's Blut auf- genommen oder dient zur Herstellung der zur Ver- dauung aller Speisen nöthigen Salzsäure des Magens. Würden wir unserem Körper nur so viel Salz zu- führen, als hierzu nöthig ist, so würde das doch ungenügend sein; auch das Salz, das wieder ans- geschieden wird, erfüllt seinen Zweck im Körper durch Anregung der Verdauung und Beförderung des Stoff- Wechsels. In einem Jahre bedarf der Mensch über 10 Prozent seines eigenen Körpergewichtes an Salz. Die Vegetarianer, die jede Fleischkost vermeiden, haben noch einen erhöhteren Bedarf an Salz, da die Pflanzen sehr viel salzärmer sind als Fleisch, das stets Salz enthält, wenn es, roh gegessen, auch sehr„nüchtern" schmeckt. Eine Eigenthiimlichkeit, die das Kochsalz vor anderen Salzen auszeichnet, ist die, sich in kaltem Wasser ebenso leicht und reichlich aufzulösen wie i» heißem; der Unterschied ist so gering, daß er für die Praxis nicht in Betracht kommt(100 Theile kaltes Wasser lösen 36 Theile Salz auf, 100 Theile kochendes Wasser 39 Theile Salz). Weim also in der Küche einmal eine starke Salzlösung gebraucht werden soll, so kann man sich die Mühe, heißes Wasser zu machen, ersparen. Starke Salzlösungen wirst Du, verehrte Leserin, gelegentlich nöthig haben zuni„Pökeln" des Fleisches, wodurch demselben eine große Haltbarkeit verliehen wird. Die Fänlnißbakterien sind keine Freunde von gesalzenen Sachen und können ihnen nichts anhaben; sowie sie ungesalzenes Fleisch in kurzer Zeit zu Grunde richten, gehen sie an gesalzenem Fleisch selbst zu Grunde. Bei langer Einwirkung freilich, wenn immer neue Schaaren dieser Fäulnißerreger sich auf unser„Pökelfleisch" niederlassen, erweisen sie sich doch als die Stärkeren, wenn nicht eine sehr starke Salz- lösung lange Zeit auf das Fleisch eingewirkt hat. Gesalzener Hering ist auch so eine Art Pökelfleisch, dessen Konsum im Jnlande unmöglich wäre ohne dies Verfahren der Haltbarmachung durch Ein- salzen. Auch einige Krankheit erregende Bakterien werden durch Kochsalzlösungen getödtet, weshalb die An- Wendung einer solchen bei leichten Erkrankungen des Halses und bei einigen flechtenartigen Ausschlägen gelegentlich Heilung im Gefolge hat. Wenn auch selten in der Küche, so wird doch in anderen Gebieten der Haushaltung im Winter zuweilen die Nothwendigkeit vorliegen, Eis oder Schnee aufzuthauen. Auch hierzu leistet uns Salz gute Dienste. Etwas davon auf Schnee oder Eis gestreut, bringt dieselben in kurzer Zeit zum Schmelzen. Es ist dabei nun das entstehende Schmelzwasser nicht etwa wärmer geworden, sondern im Gegentheil kälter. Salzlösungen gefrieren je nach ihrer Stärke mehr oder weniger bedeutend schwerer als reines Wasser, was auch der Grund dafür ist, daß die See selbst bei ruhigem Wetter lange nicht so früh zufriert, als die Flüsse und die Binnenseen. Von der mannigfachen Verwendung des Salzes in der Technik haben wir schon gesprochen. Jnter- essiren kann eine Hausfrau vor Allem die Art der Verwendung des Salzes zur Herstellung der in der Küche zum Scheuern und Waschen so viel gebrauchten Soda. Ich will Dir, wertste Leserin, davon aber lieber ein ander Mal erzählen, sonst könnten Deine Gedanken in der Küche sich so viel mit dem Salz beschäftigen, daß Du es gar zu fleißig verwendest und Deinem Manne am Ende gar die Suppe ver- salzest— und das will er nicht haben, er weiß ja, daß Du ihm gut bist. ->p*=5- �Cn meinen Jungen. Von Ludwig Lessen. Hurtge setz' Dich auf mein Knie! Laß den Spielkram sein, den alten! Ist es niemals doch zu früh, Sich die Zukunft zu entfalten! „Aag', was möchtest Du mal werden?" „Droschkenkutscher mit zwei Pferden!" „Das ist nichts!"—„Konditor!— Bäcker!' „Ia, das glaub' ich, kleiner Lecker!"— „Nutter, Nutter! Unser Kind Ist zu dumm; man sollt's kaum meinen!" (Wisch' das Naschen ihm geschwind!) „Junge, wirst doch nicht gleich weinen? Denk' mal nach!— Ist's denn so schwer? Kennst Du wirklich garnichts mehr?" „Ja... im Zirkus!— Weißt doch schon!... Wie der Vnkel Nonsieur Tlown!" Junge schau mir in's Ecsicht! (Kind, was hast Du schöne Augen!) Höre, was Dein Vater spricht: „Alles Das will garnichts taugen! Was Du wirst, ist einerlei! Heimathlos und vogelsrei Zieh' dahin von Land zu Land, Nach' mit Allem Dich bekannt!— Achweife durch die weite Welt! Achönes giebt's so viel auf-Erden! Trachte nicht nach Tut und Eeld, Wirst dadurch nie glücklich werden! Höre nicht die Leute an! Werd' ein ganzer, rechter Nann, Kampferprobt und fest und stark, Voller Kraft und Lebensmark!"- KLein-Wrohen. Von Hugo Gcrlach. �s war an einem Sommerabende dort draußen in einer der langen, schmalen Straßen im Norden von Berlin, da saß Fran Mathilde Untermann in ihrer Wohnung am geöffneten Fenster und musterte mit zufriedener Miene noch einmal das behaglich ausgestattete Zimmer, das der Gäste harrte. Es war noch tageshell, drüben in den Fenstern des Vorderhauses spiegelte sich die Abendsonne in glitzernden Reflexen, und unten vom Hofe herauf drang der Lärm und das Geschrei von spielenden Kindern. Dort inmitten des Zimmers stand eine lange, weiß gedeckte Tafel mit Schüsseln, Brotkörbchen, Tellern und allerlei Speisegeräthen— Stühle darum in schönster Ordnung. Im Hintergrunde ein rothes Pliischsopha mit zwei gleichfarbigen Sesseln davor— eine große braune Regnlatoruhr darüber an der Wand hängend. An der Seite ein prächtiges Cylinderbureau mit Photographien darauf, gegen- über eine Nußbaumkommode mit gestickten Deckchen belegt und zierlichen Nippes besetzt. Ein großer Wandspiegel im geschnitzelten Rahmen hing darüber — ein grell geblümter Teppich bedeckte den Fuß- boden. Die Hausfrau war etwa fünfzigjährig, ihr Gesicht voll und ausdruckslos, die Figur mittelgroß und rundlich. In ihrer mit buntem Putz überladenen Kleidung machte sie einen nicht weniger als sympa- thischen Eindruck. Da verkündete die Uhr mit dumpfen Schlägen die siebente Abendstunde— bald konnten Gäste kommen— es läutete draußen— ah! Sie erhob sich und warf noch rasch einen Blick in den Spiegel. --- Jetzt wurde die Thür geöffnet. Eine alte Fran — etwa sechzigjährig— ttat herein, im einfachen schwarzen Kleide, das schon oft getragen schien, das weiße Haar in der Mitte glatt gescheitelt. Schimicklos und einfach sah sie aus— recht wie eine Frau aus dem Volke, die ihr bestes Kleid ausdem Schranke geholt hat, um in eine Gesellschaft von ihresgleichen zu gehen. „Jn'n Abend, Fran Untermann," sprach sie freundlich, dieser die Hand entgegenstreckend. „Ju'n Abend, Fran Appert," erwiderte die Hans- frau ein wenig herablassend. „Ach Jöttekin— nee!" rief die Greisin mit ungezwungener Natürlichkeit,„wie Sie aber aus- sehen— nee herrsch! Wie eene Fiirschtin— ellojant! ü)ic Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Iii Wahrhcift'gcii Jott, Frau Uiitcrinann, Ihnen sieht man Ihre fufzig Jahre noch nich an, weeß Jott!" „Aber setzen Sie sich doch, Frau Apperten." „Und wat hier alles uf de Tafel steht," fuhr die Alte fort, sich niederlassend.„De janzcn Schüsseln voll von Wurscht und Schinken— det is jewiß nlleene vor zwee Thaler Fleesch!" „Na— Jott sei Dank, wir haben's ja dazu." „Ja, Jott sei Tank— ick jönne't Ihnen. Ick bin ja nn schon'n olles Muttakin, det nich mehr richtig weiter kann. Nee, nee— wenn ick mir det so recht bedenke, wo ick doch kaum zehn Jahre älter bin wie Sie, und Sie sind wie'n feine Frau, die beinahe noch mal Heirathen könnte— ja wahr- haft'gen Jott!" „Ach," niachte die Andere geschmeichelt. „Ja, ja! Und früher, wissen Se noch, wo wir Beede noch zusaninien in de Fabrike jearbeetet haben als junge Mächens-- ach je, wie lange is det ivoll schon her— wat is in die Zeit nich schon Aliens passirt!" „In die janze Zeit— wat?" sagte die Andere, nun auch gesprächiger werdend,„wat hat mein Otto mir da nich schon alles vor Freude jemacht! Ja— ja— uns jeht's janz jut!" „Det sieht man ooch, Frau Untermann. Ihr Otto hat ja ville Jlück jehabt. Wer so'neu Sohn hat— ja! Er is woll nu bald an de Dreißig, Ihr Otto?" „Uff nächsten November wird er neunnndzwanzig," erklärte die Mutter,„und er is jetzt schon Ober- cxpedient in de Fabrik. Von de Pieke an hat er jcdient, und als Loofjunge is er eingetreten und nn hat er schon hundert Thaler Jehalt monatlich." „Jott— hundert Thaler," rief die Alte, erstaunt die Hände über dem Kopf zusammenschlagend. „Ja— na, wir leben ja ooch danach. Und wir wollen ooch anderen Leuten zeigen, det wir wat sind und det wir wat haben. Man muß sich eben 'n Bisken zeigen, sehn Se mal; man muß jut leben, Frau Apperten--- wenn man's eben kann," fügte sie mit Betonung hinzu. „Ja— ja." „Und wir jehn ooch in'n Zirkus und uff'n Ball— wo's det schwerste Jeld kosten thnt, da jehn wir hin— det schehnirt uns allens nich!" „Ja." „Atan kommt doch da ooch mit feine Leute in Berührung," bemerkte sie würdevoll und mit Nachdruck. „Ick bin in mein janzes Leben in keenen Zirkus nich gewesen," erklärte die Alte. „Ja— sehn Se. Und in de Jemäldeausstellung jehn wa ooch— man muß sich doch for de Kunst interessiren." „Ja," nieinte die Greisin nachdenklich—— „wenn's Klecnjcld»ich alle wird dabei." „Ach— nun bei uns so leichte nicht," entgegnete Jene. Sie warf mit sichtlicher Genngthnung einen Blick ans die vollbesetzte Tafel.„Se sehn ja, satt zu essen Hain wa ja noch." „Ja— ja," stimmte die alte Frau klein- laut bei. „Denn det soll Keener von uns sagen können, det er sich bei Untermanns nich satt jejessen hat," fuhr sie eifrig fort.„Hier jiebt's Fleesch und Brot und ooch zu trinken, soviel wie Jeder haben will!" Die alte Frau saß jetzt ganz verschüchtert da, und auch die Dame des Hauses schwieg einen Augen- blick still im Vollgefühle ihres Triumphes. „Kommt denn Ihr Otto immer spät aus de Fabrike?" fragte die Alte dann, um überhaupt etwas zu sagen. „Um Achte kommt er immer," erläuterte die Andere.„Aber wo wir heute unseren Empfangs- abend haben, da wird er woll früher kommen. Dann fährt er eben mal mit der Droschke zahause— erster Klasse natürlich, er kann sich's ja leisten." Wieder trat eine Pause ein. „Ja— ja," machte die Alte gedehnt.„Na— aber— aber Heirathen thnt er woll nich?" „Nee! Vons Heirathen will er nichts wissen. Wissen Se, wat der sacht? Heirathen verdirbt den Eharakter' und rninirt die Moral— det sacht der— denken Se mal!" „Herrsch!" „Nich wahr?" Da ertönte abermals ein lautes Schellen. Ein wohlbeleibter Fleischermeister in eleganter dunkler Kleidung trat mit seiner Gattin ein. Beide sahen sehr wohlhabend aus. „'n Abend,—'n Abend, scholl es hin und her. „Ach— da is ja ooch Frau Apperten," fuhr das männliche Exemplar fort,„ick hatte Ihnen ja jarnich erkannt, Frau Apperten, es is schon so duster hier--" Frau Untermann hatte inzwischen mit der Dame eine Unterhaltung über die beiderseitigen Toiletten gepflogen, und sie gewann die Ueberzengung, daß sie noch mehr aufgedonnert sei, als die Andere. Bei jenen letzten Worten jedoch fuhr sie wie der Blitz herum. „Ja,'t is zu düster hier, Herr Becker," sagte sie geziert, und dann ging sie eilfertig zur Thür und rief dem Mädchen zu:„Minna, steck doch mal de Lampen an." „Na- wie jeht's Ihnen denn, Mutter Apperten?" erkundigte sich inzwischen Frau Becker.„Is denn Ihr Oller iinmer noch krank?" „Ach ja— ja," erwiderte die Greisin seufzend, „und det kost'ne Masse Jeld, ville Jeld." „Ja, Jeld kost' so'ne Sache immer," stimmte die Fleischersftau bei,„ick weeß— ick weeß. Wat hat det nich jekost', wie mein Karl krank war im vorichten Jahr!" „Ja, ja!" „Na— er is denn natürlich ooch nach Nizza jejangen als Nckonnvalzente!" „Wie heeßt die Stadt, Frau Beckern?" fragte die Alte, die in ihrem Leben niemals etwas von Nizza gehört hatte. „Nizza," erklärte sie selbstbewußt.„Du— det war doch ooch Nizza, wo Du's vorichte Jahr warst, Karle?" wendete sie sich mit auffallender Bewegung an ihren Gatten. „Woll, Inste!" „Ja," fuhr sie dann fort,„er hätte ja ooch wo anders hinjehen können, wo's billiger is. Aber mein Mann sacht: ,Nee! Nizza is det Theuerste und det Theuerste muß det Beste sind! Also jeh ick nach Nizza.' Na ja— und wo wir det können— warum denn nicht?" „Mein Otto is ooch vorichten Sommer in Häringsdorf gewesen," erklärte nun Frau Untermann. „Nach Häringsdorf jehn wir alle Jahre," lautete der Gegcntrumpf. „Und im Harz waren wa ooch schon." „Wir haben sogar uff'n Brocken Leierkasten ge- spielt— wat, Karle?" „Woll, Inste!" Frau Untermann sann einen Augenblick nach. „Dieses Mal ziehn wir blos uff Sommer- Wohnung nach Friedenau." „Wir lassen uns'ne Villa in Lichtcrfelde bauen." Frau Untermann schwieg— das konnte ihr Otto nicht! Die Greisin saß inzwischen mit offenem Munde da— sie waren zeitlebens niemals im Harz oder in Häringsdorf gewesen; in Friedenau hatten sie einmal Kaffee getrunken, und Lichterfelde kannte sie nur vom Hörensagen. „Wohin werden Sie denn nff Sommerwohnung ziehen, Frau Apperten?" fragte die Fleischersfrau jetzt taktvoll. Jene sah sie nur mit gutmiithigem Lächeln an und schüttelte den Kopf. „Schadet nischt, Muttakin," erwiderte der Ehe- gatte, den der wehmiithige Gcsichtsansdrnck der Alten gerührt hatte. Das Hausmädchen brachte inzwischen Licht. „Drei Lampen und'ne Ampel," rief die Alte erstaunt,„ach nee— so viel Licht brauchen wa doch jarnich!" _ natürlich," erklärte die liebenswürdige Wirt'hin. „Ja, denken Se doch mal, Frau Untermann," prahlte jetzt die Rivalin,„wir haben uns'n Salong einrichten lassen, mit'n Kronleuchter und elektrisches Licht." Der dicke Ehegcniahl hatte inzwischen ganz nn- befangen zu soupiren begonnen. Er brauchte doch nicht zu warten— weshalb? Er durfte sich das doch erlauben. Auch die Gattin schickte sich an, seinem Beispiele zu folgen:„Bitte— bitte, Frau Bcckern, langen Se doch zu," rief die Gastgeberin, „es langt ja doch! Natürlich— wir können doch nachher noch eenmal essen, wenn die Anderen kommen." Alle griffen jetzt zu. Frau Appert nahm be- scheiden ein Stückchen Brot, bestrich es mit Butter und legte zwei dünne Scheibchcn Wurst darauf. „Aber, Frau Appert, ick bitte Ihnen," fuhr die Wirthin auf.„Wie können Se mir doch so'ne Schande machen? Nee! Legen Se mal hin die Stulle, legen Se mal hin, Frau Apperten." Und als die alte Frau ihr den Willen that, griff sie mit der silbernen Gabel in die große Schiissel und packte jener eine unheimlich große Portion Schinken auf das Brot. „So wird bei uns jejessen, Frau Apperten," sagte sie dann niit einem triumphirenden Blick ans das mit vollen Backen kauende Fleischer-Paar. Dann neigte sie sich ganz nahe zu der Alten hinüber und flüsterte ihr in das Ohr:„Die müssen ooch mächtig ausjehungert sind!" Die Greisin nickte aus Gefälligkeit mit dem Kopfe.— Da erschien Otto Untermann— eine ganz eigenartige Figur. Auf einem kurzen Nacken saß ein plumper, dicker Kopf; das Gesicht, von einen: fuchs- rothen, struppigen Bart umrahmt, sah überaus blöde aus, denn er schielte stark mit einem Auge. Die Beine waren in Form eines„0" nach außen ge- bogen, so daß beim Laufen der rundliche Oberkörper immer hin und her schwankte, wie ein Schiffchen, das der Wind bewegt. Sein Auftreten war ungeschlacht, aber aus seinen Worten sprach bisweilen eine natürliche Gutmllthigkeit. Er begrüßte die Anwesenden durch Handschlag und nahm dann ohne Weiteres an der Tafel Platz. Jetzt füllte er sein Glas und stieß mit den Anderen an. „Kommt denn der Herr Buchhalter heute zu uns?" erkundigte sich dann die Mutter. „Nee— der hat Magenkatarrh, der kann nich essen, darum kommt er nich!" erklärte Otto, ein paar Oelsardinen verschlingend. „Na,"— bemerkte die alte Frau bescheiden, „man kommt doch ooch nich blos zum Essen, man will sich doch'n bißken unterhalten und amüsiren." „Quatsch," entgegnete der Fleischer mit Be- stimmtheit,„Essen is de Hauptsache." „Woll is't det," stimmte Otto bei. „Und Unterhalten und so, det is blos wat for Leute, die nich satt zu essen haben." „Ach nee," erwiderte die Ehehälfte,„Unter- Haltung muß ooch sind, Karle. Man hat doch ooch 'n bißken Bildung wech— die muß man zeigen." „Da ha'm Se recht, Frau Beckem," pflichtete die Hausfrau bei.„Dafor geh ick manchmal ooch jernc in's Theater." „Ick will Euch mal wat sagen," sprach Karl jetzt großspurig, noch krampfhaft an einem großen Bissen würgend.„Die Bildung und's Theater und alles so'ne Sachen, det is janz gut for Leute, die det nöthig haben— aber for unsereenen nich! Wer Jeld hat, der braucht keene Bildung. Jeld is Bildung! Det is de höchste Bildung von der Welt. Wer Jeld hat, is'n Heller Kopp, wer Jeld hat, is'n jescheiter Kerl, wer Jeld hat, der is mein Freund— aber, wer keens hat, der kann nnr jestohlen bleiben, und wenn er mehr Bildung hat, als wie in hundert Bücher steht!" „Det stimmt, Karle," äußerte sich Otto. „Und wat so immer jeredet wird von de jroßen Jeister und von de Helden von's Esprit, det is je- borener Mumpitz, seht Ihr woll. De ganzen Jeister von de janzen Welt und Schiller und Joethe und wie se alle Heeßen— die sind mir keene Hammel- keule wcrth. Die Jeister mit det jroße Porte- monnaie— ja, seht Ihr woll— die liebe ick! Da ist doch wat Reelles dran. Aber die janze 113 Die Gleite Welt. Illustnrte Untc vhaltungsbeilage. andere Faxenmacherei— die is nich eenen Sechser Werth." „Na, det knunste nu nich sagen," erwiderte Otto, den es drängte, auch einmal zu widersprechen, „Sieh mal, Karle,— oon's Theater will ick ja nich reden, da halt' ick ooch nischt von. Aber siehstc, so im Zirkus, da is doch noch wat los!" „Na," sagte Karl mit einer zweifelnden Hand- bewegung. „Ja, Karle," fuhr Otto eifrig fort,„det nenne ick'ne Kunst, wenn eene mit'n Jaul durch'n brennenden Reifen saust, det man denken muß, se verbrennt sich jleich de Hühneroogen. Oder'n seines Ballet--" „Na ja," meinte Karl nun gleichfalls,„det kann man ja ooch noch als'ne Kunst jelten lassen. Aber weeßte, Otto, ick bin eenmal in so'n richtiges Theater jewesen— eenmal und nich wieder! Da wurde so'n Stück jespielt— ick weeß viel, wie det heeßt— da jing det nun immerzu so: ,Jck liebe Dir, Jule' und ,Da singt de Lerche, wenn's nich de Nachtigall is'— und allens so'n Koks! Na— ick frage Dir, Otto: wat jeht's mir an, wenn er de Jule liebt, und wenn de Lerchen singen? Ick Hab se ruhig singen lassen und bin zahanse jejangen zu meine Frau und Hab'n Eisbeen jejessen und'ne jroße Weiße jetrunken." Die drei Frauen unterhielten sich inzwischen untereinander.— Allmälig erschienen auch noch mehrere Gäste, und die Gesellschaft wuchs schließlich auf sechs Personen an. Karl und Otto saßen noch immer unermüdlich speisend am Tische und tauschten ihre Betrachtungen über die Gäste ans." „Otto," fragte der andere soeben,„wat is denn det for'n magerer Kerl, der da immerzu mit de olle Apperten spricht? Der Kerl sieht ja mächtig verhungert ans." „Du!" erwiderte Otto wichtig,„det is'n Doktor, 'n feiner Mann, der hat ville Jeld— meine Mutter hat ihn einjeladen." „Det kann nich find, det der Jeld hat," erklärte Karl mit Bestimmtheit,„sieh mal blos, wat der Kerl forn freundliches Jesichte macht, wenn er mit die Olle redet. Sieh mal— da reicht er ihr'n Teller rüber, wie'n Kaballier!" „Det is eben'n jebildeter Mann," entgegnete Otto stolz. „Denn hat der'ne falsche Bildung jenossen," fuhr Jener unbeirrt fort,„'n Mann, der Jeld hat, der bemüht sich nich so sehre um so'ne olle Frau, bei der keene Maus wat zu knappern findet, und thut nich so, als wenn se'ne Fürschtin wäre." „Na— er is eben höflich," entschuldigte Otto das unverantwortliche Betragen des Fremden. „Na also, wenn er höflich is, denn is die Sache klar: denn hat der Kerl kc»ii Jeld," entschied Karl.—— „Du, Otto— soll ick den mal anulken?" er- kündigte er sich nach einer Weile. Ter Doktor hatte sich jedoch inzwischen schon erhoben und verabschiedete sich. „Se woll'n schon jchn, Herr Doktor?" fragte Otto, als Jener ihm die Hand reichte.„Sie haben doch blos cen Käsebrödchen jejessen!" Der Doktor ging schon. An der Thiire bc- gegncte ihm das Hausmädchen, dem er verstohlen ein Trinkgeld in die Hand drückte. Karl hatte jede seiner Bewegungen beobachtet. „Du, Otto!" rief er plötzlich laut, sodaß die ganze Gesellschaft es hörte,„sieh doch mal, wie heimlich der dem Mädchen det Trinkjeld jiebt. Wahrscheinlich hat er blos noch fünf Jroschen, det er sich schchnirt.'n anständiger Mann, der stellt sich doch nich ,so' dabei an! Der jiebt's ihr frei und offen: hier, Minna, hast'» Thaler!" „Sie, der hat Jeld," rief Frau Untermann zu ihm herüber. „Denn is't desto schlimmer," schrie der Klein- Protz entrüstet,„denn versteht er eben nich, det mit de richtige Manier auszujeben!"-- JeuitLelon. CT-blc Reiser. Der Maler W. Has.emann hat in dem Bilde, das dem Holzschnitt in dieser Nummer zur Vorlage gedient hat, einen schlichten Vorgang dargestellt, der in jedem Frühling unzählige Male zn beobachten ist. Früher wäre das Motiv des Pfropfens nur dem Zeichner zu einer„Illustration" gut genug gewesen. Hätte der Maler sein Augenmerk nur darauf richten wollen, den Vorgang darzustellen, so wäre ein großes Bild in der That eine Arbcitsverschivcndung; denn was es an gegen- stäudlichem Interesse bietet, wäre sehr wohl in einer kleinen Zeichnung zu sagen gewesen. Was den Maler reizte, war aber' das Spiel des Sonnenlichts und der Luft. Darin gerade haben die heutigen Maler so Großes geleistet. Nie zuvor hat man in der Malerei mit einer gleichen Schärfe das„Freilicht", den Eindruck, den die freie Natur auf uns macht, wiedergeben köuucu. In den Kreis dieser Bestrebungen ordnet sich das Bild Hase- mann's ein. Der Maler hat die beiden Personen ab- sichtlich so hoch gestellt, daß ihre Gestalten in die Lust hineinragen, ganz und gar von der Luft umflosscu sind. Freilich wird ein Holzschnitt nie einen genügenden Ersatz des Bildes geben können. Ganz abgesehen von dem Fehlen der Farbe, wird es nie möglich sein, beim Holz- schnitt die Uebergänge so fein herauszuarbeiten und die ganze Feinheit und Weichheit des Lustspiels mit hinüber zu nehmen, wie es dem Älalcr mit den zahllosen Farben- tönen seiner Palette gelingt. Und doch bietet auch der Holzschnitt etwas von dem Eindruck, den das Bild macht. Es ist Frühling. Die höher steigende Sonne zieht die Winterfcuchtigkeit aus der Erde. Dichte Dünste quellen empor. Dick wie Mehlstaub legt sich die Luft um die Dinge und giebt ihnen allen einen kreidigen Ton. Das schräg einfallende Sonnenlicht streicht darüber hin, erhält aber in dieser schwcrfeuchten Litsl einen scharfen, fast stechenden Glanz... Wie Kinder spielen. Ein zweifenstriges Zimmer mit ParkauSsicht. Von der Decke herab eine Ampel, schmiedeeiserne Arbeit mit Kupfer. Ucber den Fußboden ein gelbbrauner Kokosteppich. An den Wänden ein eleganter, massiver Eichcirschrank, zwei Kiuderbettstelleu mit lackirtem Drahtgeflecht und blanken Messingknöpsen. In der Mitte ein Tisch, dahinter ein sophaähnlichcs Polster. Auf kleinen Korbstühlcn am Fenster sitzen zwei Kinder. Ein Knabe, etwa fünf Jahre alt, in dunkelblauem Blouscnanzug, blättert gelaugweilt in einem unzerreißbaren Bilderbuche. Das kleine, vierjährige Mäd- che«, ein niedlicher Kranskopf, hält nachlässig in der rechten Hand die Puppe. Dann steht der Knabe auf, klappt das Bilderbuch zusammen und starrt durch's Fenster. Auch das kleine Mädchen ist aufgestanden. Lautlos schleicht es auf den Zehen nach dem Tische, wo die Bonne, über den neuesten Roman gebeugt, llest, und bettelt um ein Stückchen Ehokoladc. Dann geht sie wieder zurück und starrt gleichfalls durch's Fenster... Und später? Der Knabe wird vielleicht ein„schneidiger" Kavallcrielicutenant, oder ein Börsenspekulant, oder auch ein Gelehrter. Und das Mädchen? Nun, sie besucht die Bälle und Conecrte, bis sie den ersehnten reichen Mann gefangen hatll Heute sind sie Beide ja noch klein und spielen nur,>vie die Kinder der oberen Zehntausend spiclenl-- Ein ein- fenstrigcs Zimmer mit der Aussicht nach dem Hofe. An den Wänden zivci Kinderbetlstellen aus Kiefernholz und ein alter Schrank, ein Erbstück vom Großvater. Auf der Erde allerlei Gerümpel, Spielkram usw. Ein kleines, vierjähriges Mädchen sitzt in einer Ecke und weint. Ter Bruder, ein hagerer, rothhaarigcr Bursche von fünf Jahren, hat ihr die neue Puppenstube zerbrochen, weil er durchaus einen Pferdestall daraus machen will. Nun hat er die Hände in die Hosentaschen gesteckt und lacht. Da das Schivesterchcn nicht aufhört zn weinen, beginnt der kleine Ncpräsentant des stärkeren Geschlechts zn schimpfen. Er gebraucht rohe Ausdrücke, wie er sie von feinem Vater gehört hat, ivenn derselbe früh Morgens in heiterer Stimmung nach Hause kommt. Er weiß, daß Mama einen höllischen Respekt vor Papa hat. Sie weint immer. Er muß sich deshalb schon bei Zeiten üben!.. Und später? Aus dem Jungen wird wahrscheinlich ein „flotter" Süldent, ein Sportsmcnsch oder auch ein Tauge- nichts. Und das Mädchen? Eines von jenen armen Ge- schöpfen, die den Tag über Klavicrstuuden geben, oder als Buchhalterinnen oder Lehrerinnen ein armseliges Dasein fristen. Wenn es hoch kommt, heirathet sie auch vielleicht und wird eine würdige Mutter mit einem halben Dutzend Kinderchen und einem stattlichen, leider etwas brutalen Herrn Gemahl!.. Heute sind ja Beide noch klein und spielen noch, wie die Kinder des breiten Mittel- standes spicjcn I-- Eine feuchte, dumpfe Kcllerspclunke. Ein vergittertes Kcllerfcnstcr, durch das niemals ein Sonnenstrahl fällt. Kahle Wände. Nur ein wackliger Tisch, zwei invalide Stühle, ein wurmstichiges Sopha und zwei eiserne Bettstellen. Vor dem Fenster sitzt ein kleines, fünfjähriges Mädchen. Sie ist blaß und mager und hat rothc, entzündete Augen. Sie strickt. Es sind dicke, wollene Strümpfe für fremde Leute. Der sechs- jährige Knabe zieht sich die geflickte Jacke an und setzt die Mütze auf. Er geht Zeitungen austragen. Beide Kinder sprechen kein Wort. Es ist ganz still in dem Kellerloch. Nur die Stricknadeln rasseln, und manchmal hört man den schlürfenden Schritt der Passanten über dem Fenster... Und später? Der Knabe wird ein Ar- beiter, einer von jenen Geknechteten und Entrechteten, wie es Tauscnde draußen in der Welt giebt. Vielleicht wird er sich seines Elends beimißt und sucht seine und die Lage feiner Brüder zn bessern: vielleicht auch nicht!.. Und das Mädchen? Sie wird gleichfalls Arbeiterin in irgend einer Fabrik. Da sitzt sie dann mit krummem Rücken Jahr aus, Jahr ein, bis sie die Schwindsucht bekommt I Wen geht das auch etwas an? Es sind ja heute nur zwei Kinder! Freilich Kinder der arbeitenden Klasse!— Proletarierbrut!--— n. Das Lichtjahr.„Wie weit mag wohl der Himmel sein?" beginnt ein Gedicht, das ich in der Schule lernen mußte: zum Schluß wird die Antwort ertheilt:„Du brauchst Dich nicht zu sehr zu eilen, es sind nur hundert- tausend Meilen." Diese Größe drückt für das kindliche Geinüth die ungeheuerste Entfernung aus, die es zn denken und auszusprechen vermag. Wie klein aber erscheint sie gegenüber den wirklichen Entfernungen im unermeßlichen Weltenraum. Unser Nachbargestini, der Mond, hat einen Abstand von nur fünfzigtauscnd Meilen von uns: wenden wir uns aber zur strahlenden Somit, so kommen wir bereits in die Millionen: sie ist L» Millionen Meilen von uns entfernt. In die Hunderte von Millioiten von Meilen geht es, wenn wir die übrigen Planeten bewachten, die die Sonne umkreisen. Gehen wir uiln gar ans nnscrcm Sounensiistem heraus und betrachten den Fipstcrnhimme', so wachsen die Entfernungen schier in'» llncrmeßlichc. Auf der Erde benutzen wir das Meter, bei größeren Eni- feruungen das Kilometer als Maß; bei sehr großen Distanzen fassen wir 7'/- Kilometer zu einer Meile zn- fanimen, von denen 54m) den ganzen Umkreis der Erde nmspannen. Im Sonneustzstem komme» nur mit de» Entfernungen in die Millionen von Meilen und für die noch unermeßlich weiteren Fixsterne iiiiuuit man nun die Entfernung der Sonne als den Maßstab, mit welchem man niißt. Der uns am nächsten befindliche Fixstern, ein Stern des südlichen Himmels, ist fast eine Viertel- Million Sonncnweiten von uns eutfernt. Trotz der ungeheuren Maßeinheit, der Sonnenwcite, haben wir auch hier wieder in die HnuderttMlsende und Millionen gehende Zahlen. Um also eine noch größere Einheit und damit kleinere Zahlen zu bekommen, hat man die ungeheure Strecke, die das Licht in einem Jahre durch- läuft, als Einheit genommen und bezeichnet sie als Lichtjahr. Das Licht breitet sich in einer Sekunde 40000 Meilen weit aus: um von der Sonne zn uns zu gelangen, bedarf es S'/s Minuten: in einem Jahre würde es 62 Millionen Sonnenwciten durchlaufen, und diese Strecke nennt man also ein Lichtjahr. In dieser Einheit gemessen ist der nächst gelegene Fixstern iL/, Lichtjahre von uns entfernt: der hellste an unserem Himmel sichtbare Fixstern, der fimkelnde Sirius oder Hundsstern, hat eine Entfernung von 17 Lichtjahren, und bei weiteren Sternen kommt man wieder in die Tausende von Jahren. Uebrigens muß man nicht denken, daß man mit der Größe der Einheit und der Kleinheit der Entfernungszahl für die Anschauung etwas gewonnen hat: 3 /. Lichtjahre sind in derselben Weise unvorstellbar, wie Millionen und Billionen von Meilen. Ob die Einheit klein und an- schaulich und die Anzahl sehr groß, oder ob schon die Einheit in's Ungeheure gewachsen ist und die Anzahl dann klein wird, bleibt für unser Auschanungsverinögen dasselbe. Wir können diese Entfernungen wohl noch .rechnerisch bewältigen und durch Zahlen ausdrücken, sie uns räumlich vorzustellen, sind wir jedoch nicht mehr im Stande. Für die Rechnung hat die Einführung des Lichtjahres den Vorzug, daß es bequemer ist, mit kleineren Zahlen zu operircn: außerdem erinnert uns daS Wort an die Thatsache, daß wir die Gestirne nicht in ihrem gegenwärtigen Zustande erblicken, sondern in einem früheren, der auf ihnen herrschte, als sie das Licht aussandtcn, das jetzt zu uns kommt. Auch dieser schnellste Bote, den wir kennen, braucht eben doch Zeit, um den Raum zu durcheilen. t. Ich habe immer gefunden, daß die sogcnannteu schlechten Leute gewinueu, wenn man sie genauer kennen lernt, und die guten verlieren. Nachdruck des Inhalts verböte»! Alle für die Redaktion der„Neuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Berlin, L1V Ii), Bcnthstraße 2, zn richten. verantwortlicher Nedaklenr: Oscar Kühl in Charloltetlbnrg.— Verlag: Hamburger Vuchdrnckeret und Verlagsanslalt Auer Ca. in Hamburg.— Irmf: Mar Babing in Verli»,