Nr. 15 tnicvhaUunQsheUao�e* 1898 - Der Vüttnerbsuer.-W yf* nrl Leberecht hegte noch die naive Freude des Emporkömmlings an seinem Glücke. Es war ihm o;, ein Genuß, sich dem armen Verwandten gegen- über in seinem Wohlstande und Ueberflusse zu zeigen. Er sprach von dem Umsatz, den er jährlich habe, von den Leute», die er beschäftige, und den Löhnen, welche er zahle, er briistete sich mit seinen Geschäfts- .mrbiüdliiigcn. Dann erzählte er, wie er nur ganz üei» angefangen, mit nichts. Er rühmte sich seiner ..nüiscl gen Herkunft und kargte nicht mit Selbstlob. Seiner Tüchtigkeit allein verdanke er es, daß er jepl so dastehe. Er ivolle dem Neffen mal ans- 'einander setzen, warum der Büttnerbauer und der ganze in Halbenan zurückgebliebene Theil der Familie 0 zn nichts gebracht habe. Dabei stellte er sich > rotzig vor Gustav hin und legte ihm die Hände ans die Schultern:„Siehste! Ihr Pauern megt noch so sehr schuften und würgen, Ihr megt frih nfstchcn und den ganzen Tag uf'n Flecke sein, Ihr megt sparen und jeden Pfeng umdrehn, wie Dei Baicr's niacht, das nutzt Eich Alles nischt! Ihr bringt's doch zu nischt, Ihr Pauern! Vorwärts kommt Ihr im Leben nich, eher rückwärts! Und das will ich Dir sagen, woran das liegt: das liegt daran, daß Ihr nicht rechnen kennt. Was a richtiger Pancr is, der kann nich rechnen. Und wer nich rechnen kann, der versteht och von Gelde nischt, und zn'n Geschäfte taugt er dann schon gar nischt. Heit- zutage muß Eener rechnen kennen; das is die Haupt- fache. Sieh mich a mal an! Ich bi in Halbenan nf de Schule gegangen. Ich ha' och nich mehr ge- lernt, als Dei Vater. Ich war a rechter Nichtsnutz als Junge, das kannst De globen! Aber, siehst De, rechnen Hab' ich immer gekunnt. Da war ich inimer a Lumich! Siehst De! Und dadermit ha ich's ge- macht. Damit ha' ich mich durch die Welt gefunden. Und wer bin ich jetzt, und was seid Ihr!— Darum werd't Ihr Pauern's och nie nich zu was bringen, weil, daß Ihr nich ordentlich rechnen kennt." Gustav, für den diese Auseinandersetzung nicht gerade schmeichelhaft war, fühlte doch keine Veran- lassung, dem Onkel zu widersprechen. Er kannte nur einen Wunsch, die Zusage von dem Alten zu erlangen; darum mußte man ihn bei guter Laune zu erhalten suchen. Er kam wieder auf sein Ver- langen zurück. Der Onkel klopfte ihm auf die Schulter und lächelte ihn freundlich an. Er wolle sehen, was sich thun lasse, meinte er, und er sei nicht so Einer, der seine Blutsverwandten im Stiche lasse; aber eine bindende Zusage gab er nicht. Er könne nichts Be- stimmtes versprechen, erklärte er schließlich, von Gustav gedrängt; da hätten noch Andere ein Wort mit zu sprechen. Roman von Wilhelm von Polenz. Im Nebenzimmer hatte Gustav zwischendurch Stimmen gehört; wie es ihm klang: weibliche Stimmen. Und zwar schien sich eine ältere mit einer jüngeren Frauensperson zu unterhalten. Schließlich that sich die Thür auf, und in's Zimmer trat eine alte Frau, die Tante, wie Gustav richtig vermnthete. Sie war um einige Jahre älter als ihr Gatte. Die grauen Haare trug sie unter einer Btorgen- Haube mit lila Bändern. Sie musterte den fremden, jungen Mann, aus kleinen Mnulwurfsaugen neu- gierig spähend. Ihr altes, verwelktes Gesicht nahm sofort einen beleidigenden Ausdruck an, als sie ver- nahm, daß er ein Büttner ans Halbenan sei. Mit diesen Bauersleuten hatte sie nie etwas zn thun haben wollen. Sie würdigte den Neffen keiner Anrede, nahm den Gatten bei Seite und redete in ihn hinein, wispernd und hastig, mit einer Stimnie, welche durch die Zahnlosigkeit so gut wie nnverständ- lich wurde. Gustav konnte nicht verstehen, was sie sagte, er merkte nur an ihrem ganzen Benehmen, daß die Tante wenig zuftieden mit seiner Anwesen- heit sei. Der Onkel schien sich vor ihr zn ent- schuldigen. Sein Wesen machte nicht mehr den zuversichtlichen Eindruck wie zuvor. In ihrer Gegen- wart erschien er minder selbstbewußt, ja geradezu kleinlaut. „Pfeift der Wind aus der Ecke!" dachte Gustav bei sich. Also der Onkel war nicht Herr im eigenen Hanse! Da mußte er freilich für das Gelingen seiner Pläne zittern. Bald kamen auch noch die anderen Mitglieder der Familie herbei: der Vetter, welchen Gustav vom Laden her kannte, und eine Kousine. Eine Anzahl anderer Kinder hatte geheirathet und befand sich außer dem Hause. Die Kousine war das jüngste Kind der Ehe und stand im Anfang der Zwanzig. Sie hätte können hübsch sein, wenn sie nicht die kleinen, versteckten Augen der Mutter geerbt hätte. Auch sie hatte kaum einen Gruß für den Vetter übrig. Das war die richtige Stadtdame! Mit ihrer engen Taille, der hohen Frisur und den wohlgcpflegtcn Händen. Wenn Gustav damit seine Schwester ver- glich— und das war doch Geschwisterkind! Es wurde ihn: plötzlich sehr unbehaglich zu Muthe. Mit diesen Leuten hatte er kaum etwas mehr ge- mein, als den Namen. Die ganze Umgebung muthete ihn fremd an: die polirtcn Tische, die Spiegel, die Sammetpolster. Ueberall Decken und Teppiche, als schäme man sich des einfachen Holzes. Dort stand sogar ein Piano, und auf einem Tischchen lagen Bücher in bunten Einbänden. Wie konnten sich die Leute nur wohl fühlen, umgeben von solchem Krims- krams! M'an mußte sich ja fürchten, hier einen Schritt zu thun oder sich zu setzen, aus Angst, etwas dabei zu verderben. Das war doch ganz etwas Anderes daheim, in der Familienstube. Da hatte jedes Ding seinen Zweck, lind auch mit den Leuten war man da besser daran, so wollte es Gustav scheinen; weniger fein waren sie allerdings als diese, aber sie waren offen und einfach, und nicht geziert und heiinlich, wie die Sippe hier! Es wurde zu Tisch gegangen. Gustav saß neben dem Onkel. Das war sein Glück, denn der hatte doch hin und wieder ein freundliches Wort für ihn. Die Tante ließ es bei mißgünstigen Blicken bewenden. Vetter und Cousine unterhielten sich die meiste Zeit über mit einem Eifer, als bekämen sie sich sonst niemals zu sehen. Dem Tone ihrer Unterhaltung merkte man die Schadenfreude an darüber, daß der dumme Bauer doch nichts von dem verstehen könne, wovon sie sprachen. Gustav dachte im Stillen, daß die Teller wohl nicht so oft gewechselt zu werden brauchten, aber daß es dafür lieber etwas Handfesteres zu beißen geben möchte. Ein Mädchen ging herum mit weißen Zwirnhandschnhen und einer Schürze angethan. Sie trug die Speisen vor sich auf einem Brette. So oft sie anbot, sagte sie:„Bitte schön!" Gustav fand alles das äußerst sinnlos. Von der Kaserne und dem Elternhause her war er gewöhnt, daß man, ohne viele Umstände zu macheu, aus einem Napfe aß und sich setzte und aufstand nach Belieben. Aber hier war man an seinen Stuhl gebannt, mußte warten und schließlich mit kleinen, zugemessenen Portionen seinen Hunger stillen. Die Cousine rümpfte über- legen die Nase, als er während des Essens um ein Stück Brot bat, und zwar um ein großes, weil das seine schon alle geworden sei. Nach Tische, als man beim„Stippkaffee" bei- sammen saß, kam noch ein junger Mann hinzu, der Bräutigam der Kousine. Ein geschniegeltes Herrchen, um einen Kopf kleiner, als die Braut, welcher die Büttncr'sche Körperlänge eigen war. Der wohl- pomadisirte junge Mann, mit einer bunten Weste über dem Schmerbauche, riß äußerst verwunderte Augen auf, als er einen Fremden in der Familie vorfand. Er beruhigte sich jedoch, nachdem er in einer Fensternische von seiner Braut genügende Auf- klärung über Gnstav's Persönlichkeit erhalten hatte. Später zogen sich die Frauen zurück, damit die Männer von Geschäften sprechen könnten. Fran Büttner hatte zuvor noch ihrem Gatten mit wispernder Stimme Verhaltungsmaßregeln gegeben. Gustav befand sich allein mit Onkel, Vetter und dem korpulenten Bräutigam. Man schien zu er- warten, daß er sprechen solle. Er merkte sehr bald, daß es ganz etwas Anderes sei, vor diesen hier sein Anliegen vorzutragen, als am Morgen, wo er den L iu Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Onkel allein Halle. Er fing einen Blick auf, den sich Vetter und Bräutigam zuwarfen. Vachdem Gustav eine Weile gesprochen, nahm der Vetter das Wort. Gustav möge sich nur nicht weiter bemühen, sagte er, man iverde ans seinen Plan nicht eingehen. Tann setzte er auseinander, warum das Geld nicht gegeben werden könne, ja, dasi es ein„sträflicher Leichtsinn" sein würde, wenn man es geben wolle. Er sprach in Ausdrücken, die der Bauernsohn kaum verstehen konnte. Das Geld würde„iV foiul perclu", gegeben sein; von„mm valeurs" und„Damnen- Hypotheken" sprach er; man dürfe nicht„Lebendiges auf Todtes legen," erklärte er mit wichtiger Miene. Ter fette Bräutigam uickte Beistimmnug, und .Karl Leberecht lauschte mit einer gelvissen Bewun- derung den Anseiuaudersetzungcn seines Sohnes. Er ivar stolz ans den Jungen, der so gelehrt sprechen komite. Der war freilich auch aus der Handelsschule gewesen; von dort stammten seine schlechten Augen und die fremden Ausdrücke. Das Ende war, daß Gnstav's Anliegen im Familieurathe abgeschlagen wurde.„Wir können es nicht verantworten, so viel Geld aus dem Ge- schäfte zu ziehen und in einer verlorenen Sache an- zulegen," so redete Karl Leberecht schließlich seinem Sohne nach. Gustav zog nnverrichteter Sache ab. Im letzten Augenblicke, als er sich schon verabschiedet hatte, im Halbdunkel des Flurs, steckte ihm der Onkel noch hastig etwas zu, ohne daß es die Anderen bemerkt hatten. Es war, wie sich später bei näherer Be- sichtignng ergab, ein ftistchen extrafeiner Havana- Jigarren. Nach solchen Erfahrungen sagte sich Gustav, daß an eine Erhaltung des Bauerngutes nicht mehr zu denken sei. Er war ans den väterlichen Hos zurück- gekehrt und half dem alten Manne nach wie vor in der Wirthschaft, aber im Stillen war er mit sich selbst in's Neine gekommen, daß er sein Geschick von dem der Familie trennen müsse. Er stand nicht allein da, es gab Personen, die ihm noch näher standen als Eltern, Bruder und Schwestern; er mußte vor allen Dingen für Die sorgen, die auf ihn als ihren alleinigen Ernährer blicken durften: für Pauline und den Jungen. Er war bereits beini Standesbeamten und beim Pastor gewesen und hatte gemeldet, daß er im Frühjahr seine Braut zu ehe- lichen beabsichtige. Aber als Eheleute brauchten sie ein Heim. Ans dem Bauerngute konnte er mit Frau und Kind nicht leben, das war klar. Der Versorger einer Familie mußte einen festen Beruf haben. Das Gefühl wachsender Verantwortung lastete schwer ans dem jungen Manne,' machte ihn unsicher in seinen Gc- fühlen und unstät in seinen Handlungen. Er ging viel in der Nachbarschafr umher, fragte, horchte hierhin nnd dahin, blickte auch in die Zeitungen, immer in der Erwartung, daß er etwas finden möchte, was ihm zusagte. Er wollte einen Dienst annehmen, welcher Art, das wußte er nicht einmal bestimmt. Mit allerhand abenteuerlichen Plänen trug er sich; sogar an's Auswandern dachte er. Panline hörte ihm ruhig zu, wenn er seine Znknnftspläne entwickelte. Sie wußte ihn zu trösten nnd anfznheitctrn durch die nie versiegende Güte ihres Wesens. Das Mädchen ließ sich von seinen Sorgen nicht anstecken. Seit sie seiner sicher geworden, war große Ruhe über ihr Gemiith gekommen. Als echte Frau vergaß sie in unsicherer Zeit nicht die Besor- gmig des Nächstliegenden. Jetzt galt ihr ganzes Sinnen nnd Trachten der Beschaffung ihrer Aus- stattung. Wo sie wohnen und leben würde, das ivnßte noch Niemand; aber das war auch beinahe nebensächlich! Das Eine stand fest— das war das große Ereigniß ihres Lebens, der köstliche Preis ihrer Liebe nnd Treue durch so viele Jahre— daß sie ein Paar wurden. Sie war ihm von ganzem Herzen dankbar dafür, daß er ihr doch die Treue gehalten. Wenn er jetzt auch manchmal unwirsch ivar nnd schlechte Laune zeigte, das beachtete sie kaum; dergleichen konnte sie nicht einen Augenblick an ihm irre machen. Sie liebte nicht mehr mit .jener jungen, heiß auswallenden nnd leicht gekränkten ersten Leidenschaft; ihre Liebe war die gesättigte, bewährte des befriedigten Weibes, das nur noch eine Sorge kennt, den Vater ihres Kindes dauernd als ihr Eigenthnm zu halten. Sie hatte ihren geheimen Ehrgeiz. Sie wollte nicht, daß Gustav sie ganz ohne AuSstener nehmen solle. Wenn bei ihrer Armnth das Vrantfnder auch nur klein sein konnte, ganz mit leeren Händen wollte sie nicht kommen. Alan sah sie in jener Zeit viel mit Scheere, Zwirn nnd Elle beschäftigt, nnd Leinwand nnd bunte Stoffe lagen in ihrer bescheidenen Kammer ausgebreitet.— Die Knude war zu Gustav gedrungen, daß ans dem Rittergnte die Stelle eines.ersten Kutschers frei geworden sei. Er ging sofort hinüber, um sich darum zu bewerben. Die Nachricht erwies sich als ein falsches Gerücht. Ter jetzige Kutscher dachte nicht daran, seinen gut bezahlten Posten aufzugeben. Bei dieser Gelegenheit lernte Gustav den gräslichen Güter- direktor, Hauptmann Schroff, kennen. Gustav hatte den Namen dieses Manne? mehr als einmal nennen hören. Der alte Bauer pflegte seine grimmigste Miene auszusetzen, wenn er von ihm sprach. Er treibe seinem Herrn die kleinen Leute vor's Gewehr, wie die Hase», behauptete er. Von anderer Seite hatte Gustav günstigere Urtheile über den Hauptmann gehört. Er sei menschenfreundlich nnd vertrete seine Arbeiter der Herrschaft gegenüber, hieß es. Eine Anzahl neuer Arbeiterivohnnngen, die erst kürzlich an Stelle der bisherigen elenden Baracken errichtet worden waren, redeten das Lob des Güter- direktors. „Sind Sie etwa ein Sohn des alten Büttner- dauern?" fragte der Hauptmann. „Zu Befehl, Herr Hauptmann!" „Ciebt es denn auf dem Gute Ihres Vaters nichts für Sie zu thnn?" Das läge so in den Familienverhältnissen, gab Gustav ausweichend zur Antwort. Er schämte sich nämlich, daß er, der Sohn des Biittnerbanern, sich um einen Dienst bewerben mußte. Hauptmann Schroff betrachtete sich den jungen Menschen genauer. Seine geweckten Züge nnd die stramme Haltung bestachen den ehemaligen Offizier. „Von Ihnen könnte man am Ende mal was Genaueres erfahren, wie es mit der Biittner'schen Sache eigentlich steht— was?" Gustav nicinte: mit seinem Vater stehe es schlecht; nnd wenn ihm Niemand zu Hülse käme, würde er sich wohl nicht halten können. „Genau, was ich Ihrem Vater vor einem halben Jahre gesagt habe! Aber wer nicht hören wollte, war er," rief der Hauptmann. Die Unterhaltung hatte bis dahin ans dem Wirth- schaftshofe des Rittergutes stattgefunden. Ter Haupt- mann hatte zwischendurch einige jüngere Gntsbeamte abgefertigt. Jetzt meinte er, Gustav möge ihn in seine Wohnung begleiten, es liege ihm daran, Nähere? über die Angelegenheit zu erfahren. Plan ging auf einem gepflasterten Gange am Stalle entlang. Der Hos bestand aus einem läng- lichen Viereck. Auf der einen Langseite standen die Stallungen für Kühe nnd Zugvieh, gegenüber waren Schweine und Schafe untergebracht. Quer vor stand die mächtige Scheune mit vielen Tennen. In der Mitte des Hofes lag die Düngerstätte, von einem Zicgelwall umgeben, eine Schwemme für das Vieh daneben. Ein eingezäunter Raum war zum Fohlen- garten bestimmt. Das geräumige Viereck wurde ab- geschlossen durch ein stattliches Haus mit Valmdach, die Meierei, in welcher sich das gräsliche Rentamt befand. Hier wohnte auch der Güterdirektor. Die neuen Arbeiterwohnnngen bildeten eine Kolonie fiir sich, umgeben von Deputatland, das durch den Fleiß der angesetzten Leute bereits in freundliche Gärten umgewandelt worden war. Vom Schlosse sah man von hier ans so gut wie garnichts. Das lag hinter den dichten Kronen seines Parkes verborgen, als wolle es von dieser Stätte der Arbeit nichts sehen. Hauptmann Schroff bewohnte im ersten Stockwerk des Äleiereigebändes zwei Zimmer. Die Einrichtung war einfach: lederbezogene Atöbel, einige Rohrstühle, ein Bücherbrett, ein Sekretär. Alles was zum Rauchen gehört, war reichlich vertreten. Die Luft schon ver- ricth, daß hier ein leidenschaftlicher Rancher sein Quartier aufgeschlagen habe. An den Wänden wären militärische Embleme zwischen Jagdtrophäen zu er- blicken, lieber dem Schreibtisch hing das einzige Bild, welches das Zimmer schmückte. Es war ein sorgfältig gemaltes Oelbild und stellre einen Landsitz dar. Ein wohnliches Haus, mit einer Veranda davor. In dem bärtigen Manne, der dort inmitten seiner Familie saß, war der Hauptmann leicht wieder zu erkennen. Eine Frau in hellem Sommerkleide schien die Mutter der drei Blondköpfe zu sein. Das Bild hing wohl nicht ohne Grund an dieser Stelle. Vom Sopha ans, vom Sorgcnflnhle, voni Schreib- sessel— wo immer der Bewohner dieses Zimmers sitzen mochte, der Ruhe pflegend oder bei der Arbeit, — wenn er den Blick erhob, mußte er aus dieses Bild fallen. Hauptmann Schroff war Wittwcr. schon seit einigen Jahren. Die Blondköpfe des Bildes waren jetzt erwachsene Menschen nnd mußten gleich ihm die Füße unter fremder Leute Tischen wärmen. Der Hauptmann bot Gustav Platz an. Dann holte er sich eine Pfeife ans der Ecke, die bereits gestopft war nnd ans ihn dort gewartet zu haben schien. Mit Hülfe von Streichholz nnd Fidibus zündete er sie an und begann mächtige Dampfwolken zu entwickeln. Daraus warf er seine lange Gestalt in den Sorgenstuhl, schlug die Beine übereinander und meinte:„Na, nn erzählen Sie mir mal, Büttner! Ihr Vater ist ein alter Brummbär. Wenn man dem Planne was Gutes thnn will, schnappt er womöglich noch nach Einem. Sie sehen mir aus, als ob sie vernünftiger wären— he!" „Zu Befehl, Herr Hauptmann!" Der Plann hatte sofort Gustavs ganzes Herz gewonnen. Er nahm kein Blatt vor den Mund, berichtete das Familienunglück, wie es gekommen war, von Anfang an, so viel er davon wußte: die Erbtheilungsangelegenhcit, die lleberschnldnng des Gutes, der Kanipf des Vaters mit der Ungunst der Verhältnisse, Unglücksfälle,»othwendige Anschaffungen. wachsende Ausgaben, schließlich völlige Verstrickung in die Netze der Gläubiger. Hauptmann Schroff strich sich mit der Hand über den Bart, rückte unruhig in seinem Stuhle hin nnd her, wechselte die Beine, und stieß Wolke ans Wolke in die Luft, zwischendurch seufzte er; es schien, als ob ihn der Bericht keineswegs gleichgültig lasse. Schließlich warf er die Pfeife weg nnd sprang ans. Fluchend lief er im Zimmer ans nnd ab. „Hatte ich mir's doch gedacht! Heiliges Krenzdonner Einem ehrlichen Menschen, der ihm helfen will, traut der Bauer ja niemals! Aber wenn die Sorte kommt: Harrassowitz, Samuel Harrassowitz! Wo hat denn Ihr Vater seinen Verstand gelassen, als er dem Teufel den kleinen Finger gab?— Weiß denn Ihr Alter nicht, daß dieser Jude drüben in Wörmsbach das halbe Dorf besitzt? Alles ans- gekauft nnd in Parzellen zerschlachtct! Nun haben wir den Blutegel glücklich auch in Halbenan! Der Marder im Hühnerstall ist nichts dagegen! Binnen Jahresfrist ist so Einem Alles tributpflichtig. Es ist um..... Was soll denn nun werden, was soll geschehen?" Er blieb vor Gustav stehen; er zuckle mit trüber Miene die Achseln. „Da seht Jhr's mal, Ihr Bauern, daß Ihr an Eurem Elend allein schuld seid! Euch ist nicht zu helfen! Wie die Schafe rennen sie in's Feuer hinein. Ihr Vater ist nun ein Grankopf; man sollte denken, er hätte sich Weisheit kaufen können bei Allem, was er erlebt hat. lind so Einer geht hin ans seine alten Tage und unterschreibt einen Wechsel beim Inden. Es ist um toll zu werden! Immer wieder die alte Geschichte! Bei Großen wie bei Kleinen. Daß Einer mal vom Unglücke des Anderen lernte — nein! Jeder muß die Erfahrung von vorn an wieder durchmachen, ehe er klug wird. Tann, weim'S zn spät ist, kommen die Thränen— die Selbstan- klagen— wenn's zu spät ist." Der Hauptmann war während der letzte» Worte stehen geblieben, seinem Schreibtische gegenüber. Sein Blick war ans das Bild darüber gerichtet. Die verwitterten Züge des Mannes nahmen für einen Me Neue Welt. Illuftrirte Ilnterhaltungsbeile.ge. 115 Augenblick ciiicii tief schmerzlichen Ausdruck an. M't cuicr Haudbeweguug schien er das Alles von sich schleudern zu wollen. Dann setzte er seinen Liund- gang fort. „Ja, was soll denn nun werden, Büttner? „Wenn der Herr Hauptmann keine» Rath wissen." „Wenn Ihr Vater damals vernünftig gewesen wäre, als ich ihn aufsuchte; damals war er noch frei, da hätten wir einen Handel abschließen können. Aber jetzt, wo ihn der Jude bereits im Sacke hat! — Mein Graf würde mich schön auslachen, wenn ich ihm mit dem Ansinnen käme, das Büttner'sche Gut freihändig zu erstehen. Es ist ja nicht die Schulden Werth, die darauf sind. Wir brauchen ja nur die Subhastalion abzuwarten; denn dazu kommt's ja doch schließlich. Wollen wir's haben, dann bieten wir eben mit. Ihr Vater hat unter allen Ilmständc» das Nachsehen. Wir wollen mir den Wald, das sagte ich schon damals. Uns mit einem Bauernhöfe belasten, dazu liegt gar kein Anlaß vor. So steht die Sache, Sie sehen, Büttner, ich kann Ihnen nicht helfen." „Ich habe gehört, daß.Harrassowitz eine Dampf- Ziegelei anlegen will ans unserem Gute," sagte Gustav. „So eine gute Gelegenheit, hat Harrassowitz gesagt, zil einer Ziegelei, wie bei uns, gäbe es bald gar keine wieder." Gustav hatte das ohne Hintergedanken gesagt. Der Hauptmann stutzte bei dieser Bemerkung.„Eine Ziegelei?" rief er.„Habt Ihr denn Lehm?" „Freilich, is Lehm da! Das haben die Leute schon oft über meinen Vater gesagt, er wäre ein Esel, daß er keine Ziegeln brennen thäte." „Und das hat mein Harrassolvitz natürlich so- fort herausgefunden!" rief der Hauptmann in nn- verkennbarem Aerger über die Entdeckung.„Setzt uns da womöglich eine Dampfziegelei direkt bor die Nase hin. Das fehlte wirklich noch zu Allem!" Jetzt fiel es Gustav auf einmal ein, daß die - Herrschaft vor Kurzem eine Ziegelei angelegt hatte. Nun begriff er den Aerger des Hauptmanns. Er war klug genug, zu erfassen, daß dieser Umstand 'günstig sei und daß man ihn ausnutzen könne. Plötz- lich leuchteten neue Möglichkeiten vor ihm auf, an die er nie zuvor gedacht hatte. Die Laune des gräflichen Giitcrdirektors hatte sich in den letzten Minuten wesentlich verschlechtert. Er versetzte einem Stuhle, der ihm in den Weg kam, einen Fußtritt, daß er in die äußerste Ecke flog.„Nun haben wir die Bcschcernng! Alles wittert so Einer aus! Alles unterbietet so ein Schuft! Vcr- dirbt uns die Preise, zieht uns die Leute ab und macht uns die Kunden abspenstig— verdirbt die ganze Bevölkerung! Mit der Ziegelei fängt es an, dann kommt eine Stärkcmiihle oder chemische Bleiche — was weiß ich! Schließlich ist die Fabrik am Site. Und dann prosit Mahlzeit! Tann können wir mit der Landwirthschaft einpacken. Wie ist's denn drüben in Heigelsdorf! Esse an Esse! Die Wässer verdorben, kein Mensch mehr als Fcldarbeitcr zu haben; Alles läuft in die Fabrik. So wird's hier auch noch kommen. Ich sehe schon die infamen Jndustricspargel am Horizonte! Alles Ranch und Kohlendunst dann! Na, da kann sich der Graf ja gratuliren, dann hat er einen Landsitz gehabt!" Gustav sagte zu alledem nichts. Im Stillen war er nicht nnzufricden mit dem Gange der Dinge. Besser konnte es garnicht kommen. Wenn Herrschaft und Händler sich schließlich noch um das Bauerngut rissen, dann konnte ja nur sein Vater dabei gewinnen. Der Hauptmann blieb abermals vor dem jungen Menschen stehen, legte ihm vertraulich eine Hand auf die Schulter.„Nun sagen Sie mal, Büttner! Sie sind doch Unteroffizier gewesen und, wie mir scheint, ein anständiger Kerl. Soll denn nun wirklich Ihr alter Vater vom Gute runter und der Jude rein?" Gustav meinte, mit seinem Willen geschehe das gewiß nicht. Er fing an, Jenen zu durchschauen. Ganz so selbstlos und großinüthig, wie der Herr sich anstellte, war er wohl auch nicht. Es war wohl so, wie der alte Bauer neulich in seinem Aerger ge- sagt hatte: Den Bauern liebten die Großen, wie die Katze die Maus. „Das darf nicht zugelassen werden!" rief der Hauptmann.„Das Gut ist schon lange in den Händen Ihrer Familie, wie ich höre— nicht wahr? Was soll denn werden, wenn so unter dem alten bäuerlichen Grundbesitze aufgeräumt wird! Und wenn erst so Einer, wie Harrassowitz, einen Fuß drinn hat, dann ist er bald Alleinherrscher. Was Sie mir da von der Ziegelei erzählt haben, Büttner, gefällt mir garnicht." Gustav hatte bei sich beschlossen, den Mann, der so eifrige Besorgniß für seinen Vater an den Tag legte, beim Worte zn nehmen. Er erklärte, mit einigen Tausend Mark sei Alles gut zn machen. Dann setzte er denselben Plan auseinander, den er neulich seinem Onkel Karl Leberecht vorgetragen hatte. Ter Herr Hauptmann möge doch die vom Krctschamwirth Ernst Kaschel eingeklagte Hypothek übernehmen, bat er schließlich. „Ich, mein Lieber?" rief Hauptmann Schroff. „Ich bin ein armer Teufel,>vic Sie. Nur noch schlimmer daran, weil ich bessere Tage gesehen habe. Na, lassen wir das!... Jeder hat so sein Theil zn tragen. Nein, von mir erwarten Sic, um Gottes- willen, nichts! Ich bin mir der Vertreter meiner Herrschaft; darf nichts Anderes sein." „?lbcr vielleicht könnte sich der Hauptmann beim Herrn Grafen verwenden," meinte Gustav. Haupt- mann Schroff runzelte die Stirn und strich sich miß- muthig den Bart.„Der Graf! Der ist in Berlin. Der nimmt auch lieber baar Geld ein, als daß er es ausleiht. Wir habcn's auch nicht zum Weg- werfen, wie Ihr Leute Euch einbilden mögt. Die Ansprüche an so einen Herrn wachsen jährlich, und die Einnahmen verringern sich. In jetziger Zeit eine schlechte Hypothek übernehmen... Ich kann meinem Herrn mit gutem Gewissen nicht zureden." Er hatte sich wieder in seinen Stuhl geworfen und sann. „Ihr Vater hängt wohl sehr an seinem Besitze — was?" fragte er nach einiger Zeit. Gustav meinte, der Alte lviirdc den Verlust schwerlich überleben. „Ja, ja, das kann ich begreifen!" sagte der Hauptmann. Schließlich sprang er auf von seinem Sitze. „Ich will Ihnen mal was sagen, Büttner! Ich werde die Sache machen! Ich will dem Grafen schreiben. Versprechen kann ich nichts, aber ich kann wohl sagen, der Graf thut im Allgemeinen, was ich ihm empfehle. Tie Verantwortung ist nicht klein, die ich auf mich nehme; aber ich will's thun, weil... Um der Sache willen will ich's thnn."— Gustav ging vom Rittergntshofe mit viel leich- terem Herzen, als er gekommen. XIV. Samuel Harrassowitz saß in seinem halbverdeckten Wägelchen, in welchem er über Land zn fahren pflegte. Auf dem Bocke der Kutscher mit einer goldbetreßten Livree angethan, die Sam bei irgend einer Zwangs- Versteigerung billig erstanden hatte. Er war auf der Fahrt nach Wörmsbach begriffen, ein Dorf, in dem er verschiedene Häuser und Landparzellcn besaß. Sein Weg führte ihn über Halbcnan. Eigentlich hatte cS nicht in seinem Plane gelegen, sich hier anfzn- halten, aber als er von Weitem den Giebel des Biittner'schen Hauses winken sah, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, einen Abstecher dorthin zn unternehmen,'mal zn sehen, wie die Dinge dort standen. Auf ein Stündchen kam es ja nicht an. Und„stets ans dem Platze sein", das war eines von Sani's Geschäftsgeheimnisse». Außerdem hatte er den Bauernhof und seine Be- wohner nicht ungern. Harrassowitz war einer gewisse» Gutmüthigkeit fähig. Er haßte Die nicht, welche er schädigte. Auch besaß er Sinn für die Gemiithlich- keil. Er vertilgte nicht gierig; das war nicht klng, und man verdarb sich den Genuß. Er nahm sich Zeit und machte sich öfter das Vergnügen, um seinen Baum herumzugehen, mit den Früchten zn liebäugeln, ehe er sie schüttelte. Er gab dem Kutscher Weisung, von der großen Straße abzubiegen, und hielt bald darauf im Biitt- ner'schen Hofe. Die alte Bäncrin erschien in der HanSthiir. Sic erschrak, als sie den Händler erkannte, und vergaß darüber ganz, ihn zu begrüßen. „Ist denn mein braver Büttner zn Hans?" fragte Sam. Tie Bäuerin erklärte, er sei mit Karl im Walde und Gustav sei auf's Rittergut gegangen.„Ich bi ack ganz allccne mit den Mädeln," meinte sie schüchtern. „Recht so, Frau Büttner, recht so!" sagte der Händler im Aussteigen.„Ihr Mann ist ein fleißiger Mann, immer bei der Arbeit, trotz seiner Jahre. Das ist brav! Mein Kutscher kann wohl etwas Hafer bekommen für das Pferd— nicht wahr?" Tie Bäncrin beeilte sich, zu versichern, daß hier Alles zn seinen Diensten stände. Sie schickte sofort Ernestine in den Stall, um Hafer und Heu für das Pferd des Herrn Harrassowitz zn besorgen. „Leg' die Decke ans," befahl der Händler.„Und laß Dir iiberschlagcncs Wasser geben— hörst Du! daß er mir nicht etwa Husten kriegt!" Nachdem er so für das Wohlergehen seines Thieres gesorgt hatte, wandte sich Sam wieder an die Bäuerin. „Und mir machen sie wohl eine kleine Tasse Kaffee zurecht, beste Frau Büttner! Ich bin ganz ans- gckältet von der Fahrt, und Sie kochen ja solch' ausgezeichneten Kaffee; das weiß ich von neulich." Damit trat er in's Haus und klopfte der alten Frn» tvohlwollend auf den Rücken. Die Bäncrin war nur zu froh, Herrn Harrassowitz eine Aufmerksamkeit erweisen zn dürfen. Der Mann spielte keine geringe Rolle in den Hoffnungen und Befürchtungen der Familie. Sein Name wurde nur mit gedämpfter Stimme ausgesprochen. Die alte Frau wußte, daß ihrer Aller Wohl und Wehe in dieser Hand lag. Nach Weiberart glaubte sie, daß man einen Fcnid dadurch entwaffnen könne,»venu man ihm schmeichle. Trotz ihrer Lähmheit, die sich im Laufe des Winters verschlimmert hatte, lief sie auf und ab, rief den Töchtern zn, sie sollten sich sputen, ließ das Feuer schüren, setzte selbst das Wasser an und schaffte heran, tvas nur irgend im Hause an Leckerbissen aufzutreiben war. Sam entledigte sich inzwischen seines Nerzpclzes, der nach seiner Angabe von den Mädchen breit am Kachelofen aufgehangen wurde, damit er nicht aus- kühle. Dann ließ er sich selbst in der Nähe des Ofens nieder.„Ein hübsches, warmes Zimmer haben Sie hier, Mama Büttnern!" sagte er in ge- miithlich scherzendem Tone.„Es geht nichts über die Temperatur in den Bauernsttiben. Ich wollte eigentlich erst durchfahren durch Halbcnan; dann dachte ich: mußt doch mal sehen, was Biittner's machen."(Fortsetzung folgt.) Mt(piiicfnt im nmlaWtl! Mjipcf. Von Heinrich Cuiiow. lvtxHie chinesische Auswanderung hat in den letzten m&s Jahrzehnten immer größere Dimensionen an- genommen, lieber die ganze Inselwelt des stillen Ozeans, von Hawai bis zu Neuseeland und dem' afrikanischen Kapland, hat der bezopfte Sohn des himmlischen Reiches seinen Weg gefunden. Nicht ohne das Verdienst der europäischen Kauflente, die den Chinesen nicht nur oft genug als billige Arbeitskraft herangeholt, sondern ihm auch erst durch die Zerstörung der bei den einheimischen Bcvölke- rnngen vorgefundenen Wirthschaftsformen, durch die Einführung des Plantagenbetriebes, europäischer Handels- und Arbeitsverhältnisse den Boden vor- bereitet haben, der ihm die Entfaltung seiner kauf- männischcn Talente ermöglichte. So lange die ein- geborenen Völkerschaften dieser Inseln noch, in familien- genossenschaftliche Verbände gegliedert, in mehr oder minder kommunistisch ivirthschaftcnden Dorfgemein- schaften lebten, fand sich zur Bethätignng des Er- lverbs- und Geschäftssinnes der chinesischen Rasse wenig Gelegenheit; und wenn auch in älterer Zeil der Verkehr des Bruders Ehinamaun mit den Be- wohnern der Philippinen und Snnda- Inseln nicht ganz gefehlt hat, so beschränkte er sich doch auf einen recht spärlichen, durch chinesische Dschunken vermittelten Küstcnhandel. 116 Die Neue N?elt. Illustrirte Nnterhaltungsbeilcige. Am frühesten haben sich die Chinesen— abgesehen von Hinterindien, das hier unberiicksichligt bleiben mag— auf den Philippinen eingefunden. Bereits im 14. Jahrhundert standen nach alten llr- künden die Chinesen mit Luzon, der nördlichsten der philippinischen Inseln, in Handelsverbindnng. Nach- dem dann im Jahre 157l, nach der Besiegnng des Sultans von Manila, Lopez de Legazpi an der Miindnng des Pasig die jetzige Hauptstadt Manila gegründet hatte, stellten sich dort die chinesischen Händler ein, und schon vierzehn Jahre später, also 1585, finden wir in Manila eine kleine chinesische Kolonie von iiber 1000 Köpfen, die bis zum Ende des 16. Jahrhunderts auf 30000 stieg. Dieses llebergewicht iiber die herrischen Spanier, das die Chinesen in so kurzir Zeit erlangt hatten, stärkte ihren Widerstand gegen die stets wechselnden Verordnungen des spanischen Regiments, und als dieses in seinem Hidalgpstolz nur um so rücksichts- loser seine Verfügungen durchsetzte, kam es 1603 zu einem großen Chinesenaufstand, der aber von den Spaniern blutig niedergeschlagen wurde, lieber 20 000 Chinesen sollen dabei ihr Leben eingebüßt haben. Trotzdem nahm schon in den nächsten Jahren die Einwanderung der Chinesen und ihre Agitation gegen die spanische Regierung wieder einen bedroh- lichen Charakter an. Mußten sich die Chinesen auch vorerst fügen, so glomm doch der Haß unter der Oberfläche fort, bereit, bei erster Gelegenheit zu heller Flamme aufzulodern. Und diese Gelegen- heit fand sich 1630, als Spanien niit Holland im Kriege lag und gleichzeitig init den Sultanen von Mmdaiiao und Sulu in Streit gerieth. Doch auch diesmal wurden die Chinesen geschlagen und von den ungefähr 40 000 Einwohnern, die damals auf Luzon lebten, kam nur ein Fünftel mit dem Leben davon. Diese größeren Aufslände, denen sich in den nächsten Jahrzehnten noch mehrere kleinere lokale Empörungen anreihten, veranlaßten endlich die spanische Verwaltung, ernstliche Maßregeln gegen die Chineseniiberfluthung zu ergreifen. Es wurde ihre Einwanderung erschwert, ihnen die Ausübung ihrer religiösen Zeremonien untersagt, den Händlern und Handwerkern unter ihnen hohe Lizenzgebühren und Kopfstenern auferlegt und zugleich ihre Ansiedelung auf bestimmte Ortschaften und Stadtguartiere beschränkt. In Manila wurden sie auf das Bazarviertel(Parian) und in die Vorstädte Binondo und Santa Cruz verwiesen. Jndeß führten die sich meist alle paar Jahre ablösenden Gouverneure diese Maßregeln sehr ungleich durch. Während einige die Chinesen mit rücksichtsloser Strenge verfolgten und alle Heid- nischen Zopfträger von Luzon zu vertreiben suchten, seyten andere sich aus Gründen des Handelsprofits iiber die königlichen Dekrete hinweg und ließen der chinesischen Einwanderung weitesten Spielraum. Heute haben die Chinesen im Wesentlichen die- selben Rechte auf den Philippinen, wie die ein- geborene malaiische Bevölkerung. Wo sie sich zu größeren Gemeinden zusammengeschlossen haben, steht ihnen ebenso, wie den Eingeborenen, die Berechtigung zu, sich aus ihrer Mitte ihre eigenen Gemeinde- Vorsteher, Tenientes(Amtsgchiilfen der Vorsteher), Friedensrichter und Alguaciles(Gemeindepolizei- meister) zu wählen. Vorbedingung ist nur, daß die Erwählten einigermaßen des Spanischen in Wort und Schrift mächtig sind, um mit den spanischen Aufsichtsbehörden amtlich verhandeln zu können, und daß sie— diese Forderung ist charakteristisch für das politische Leben auf den Philippinen— katholische Christen sind. Wer die Verhältnisse nicht kennt, wird vielleicht denken, daß diese letzte Bestimmung auf einem Umwege die den Chinesen theoretisch ein- geräumte Selbstverwaltung wieder aufhebt. Das ist jedoch keineswegs so. Ein sehr großer Theil der Chinesen bekennt sich zum Katholizismus, das heißt pro korma, im Grunde genommen hängen sie noch immer an ihrem Ahnenkultus. Für sie ist meist der Uebertritt zur allein seliginachenden Kirche nichts weiter als eine leere Zeremonie, die nichts kostet, aber unter Umständen etwas einbringt. So- bald ihnen das vortheilhaft dünkt, wechseln sie ihre Religion, wie ein anderer Mensch seine Hemden. Als Steuerzahler sind die Chinesen allerdings weit schlechter gestellt, als die Malaien. Sie haben eine hohe Kopfsteuer von 30 Pesetas(ungefähr 25 Mark) zu zahlen und müssen überdies für die Erlaubniß zur Betreibung eines Handelsgeschäfts hohe Licenzgebiihren entrichten, je»ach dem Umfange des Geschäfts bis zu 500 Pesetas pro Jahr. Trotz- dem lebt weit über die Hälfte aller Chinesen vom Handel. Die übrigen sind Handwerker, Quacksalber, Angestellte und Dienstboten. Ackerbau treiben kaum drei Prozent. So anhaltend und unermüdlich nämlich auch der Chinese arbeitet, wenn ihn die Roth zwingt, so wenig ist er doch im innersten Herzensgründe für schwere körperliche Anstrengungen eingenommen. Wenn es irgend geht, ist ihm das Handeln und Schachern lieber. Und in der ein- geborenen indolenten, lebensfrohen Bevölkerung findet er ein gutes Ausbeutungsobjekt, dessen Sorglosigkeit er rücksichtslos ausnutzt. Fast der ganze Detail- Handel in den größeren Ortschaften Luzons ist in den Händen der Chinesen: daneben fnngiren sie als Hausirer, Geld- und Pfandlciher, Makler, Einkäufer usw. Selbst einige der größeren Bank- geschäfte Manilas gehören ihnen. Meist kommen sie als junge Leute herüber und treten in das Ge- schäft eines Landsmannes als Gehiilfen ein, das heißt sie spielen zn gleicher Zeit Lehrling, Hausknecht und Komniis. Sobald sie auf diese Art die gebräuch- lichen Handelspraktiken, sowie etwas Spanisch und Tagalisch erlernt haben, machen sich die bezopften Jünger des Merkur sclbstständig, zunächst als „Sangloyes"(Hausirer), bis sie es so weit ge- bracht haben, daß sie sich eine kleine Krämerei ein- richten können. � Ihre Frauen mitzunehmen, ist den von China auswandernden Chinesen verboten, und man findet deshalb nnr ganz ausnahmsweise Frauen rein chine- sischer Abkunft auf den Philippinen. Da aber der Chinese, grobsinnlich wie er ist, nicht gern auf die ehelichen Freuden verzichtet und außereheliche ihm nicht immer zu Gebote stehen, so sucht er sich, so- bald ihm das seine Mittel erlauben, eine Ehegefährtin unter den Malaien oder malaio-chinesischen Mestizen. Nach dem philippinischen Gesetz muß er vorher zum Christenthum übertreten, doch das ficht seinen Seelen- frieden nicht an; und noch weniger scheert er sich darum, ob er schon daheim, im Lande seiner Väter, eine liebende Gattin hat. Das chinesische Gesetz ge- stattet die Polygamie, und das spanische ist ihm gleichgiiltig. Er trägt auch durchaus kein Bedenken, ivenn ihn später seine Sehnsucht nach dem hcimath- lichen Schmutz in die Gefilde des himmlischen Reiches zurück zieht, Frau und Kinder sitzen zu lassen. Aus diesen Verbindungen der Chinesen mit den Atalaien ist auf den Philippinen, speziell in den Südwestprovinzen Luzons, eine breite Atischlingsschicht hervorgegangen: das chinesische Mestizenthum, das jetzt iiber 200000 Köpfe zählt. Durchweg haben diese Atischlinge von ihren Vätern neben deren Geschäftssinn auch alle Laster geerbt; dem Opiumrauchen sind sie nicht weniger ergeben als die reinen Chinesen. Von den Philippinen, theils auch von Java und Singapore aus, haben sich die Chinesen iiber den ganzen Sulu-Archipel und die Molukken ausgebreitet, doch ist ihre Anzahl gegenüber der einheimischen Bevölkerung gering geblieben. Selbst auf Celebcs, der östlichsten der großen Sunda-Jnseln, spielen sie keine besondere Rolle. Die eigentlichen Zentralen der chinesischen Einwanderung sind Java, das jetzt nahezu eine viertel Million Chinesen beherbergt, und ferner Sumatra, wo seit einiger Zeit die Ausdehnung des Tabakbaues zu großen Chinesen-Jmporten ge- führt hat. Früher wurden die Kulis meist durch Agenten in Singapore, Bangkok, Swatow und Amoy für die Pflanzer angeworben; jetzt unterhalten die Letzteren in Amoy und Swatow eigene Werbe- agentcn,„Brokers", die direkt durch chinesische Unter- Händler die Liulis in den Dörfern der Provinzen Fokien und Kwantung anwerben lassen und sie dann entweder direkt oder iiber Singapore ihrem Be- stimniungsorte zuführen. In Singapore werden diese Kulis in großen Emigrantenhäusern, oder richtiger Schuppen, untergebracht und strenge bewacht, damit dem Agenten seine lebende Waare nicht durch andere Kuli-Brokers abspenstig gemacht wird. Zugleich werden hier die Leute von einem Arzt untersucht und von einem englischen Jnspektionsbeamten, dem „Protektor der Chinesen", examinirt, ob sie ihre Heimath freiwillig oder gezwungen verlassen haben. Das ganze Verfahren hat wenig Werth und scheint beinahe nur darauf gerichtet zu sein, gewisse englische philanthropische Gesellschaften zufrieden zu stellen, denn der Kuli steht so unter dem Einfluß des Agentcn und versteht so wenig von der Bedeutung des Ver- hörs, daß er stets aussagt, was der Agent will. An ihrem Bestimmungsorte angekommen, werden die Leute auf die verschiedenen Pflanzungen vertheilt und auf diesen in große Massenhäuser, sogenannte „Kongsie-Häuser", einquartiert. Gewöhnlich bestehe eine Chinesen-Ansiedelung auf den Pflanzungen aus zwei solchen, dreißig bis fünfzig Arbeiter beherbergen- den Massenhäusern, deren ganzes Inventar oft nnr die an den Längsseiten des einzigen großen Gemaches aufgestellten Schlafpritschen bilden. Außerdem hat die Niederlassung ein Aufseherhaus, einige einfache Brunnen und eine große, freistehende gemeinschaft- liche Küche mit rings an den Wänden angebrachten Feuerstellen. Sobald nämlich der Chinese sich in das neue Leben hineingefunden hat, beköstigt er sich selbst. Die Zuthaten kauft er in der auf der Pflanzung vorhandenen chinesischen Krämerei oder im nächst- gelegenen Flecken. Seine Ansprüche sind ja bc- scheiden; für gewöhnlich besteht sein Mahl nur aus Reis, getrocknetem Fisch und Thee, allenfalls noch aus etwas Gemüse. Den Genuß von Schweinefleisch. Geflügel und den beliebten Süßigkeiten gönnt er sich nur an großen Fest- und Zahltagen. In einem festen Lohnverhältniß stehen nnr wenige der chinesischen Kulis auf den Tabakpflanzungen; meist arbeiten sie im Akkordsystem. Alle vierzehn Tage erhält der Arbeiter einen gewissen Vorschuß auf seine Arbeit, bis die Ernte eingebracht wird; dann schätzt der Assistent die von jedem Kuli auf dem ihm zugewiesenen Feldtheil gezogene Anzahl der Stauden und ihre Qualität ab, und nach dieser Schätzung richtet sich der Lohn, den der Knli schließlich erhält, nachdem die Vorschüsse und der Werth der ihm zum Betrieb überlassenen Geräthschaften ab- gezogen sind. Hoch ist der Lohn nicht; selbst sehr tüchtige Feldarbeiter kommen nur auf einen Monats- lohn von 40 Mark. Fast nie fehlt es bei der Ab- rechnung an Zank, Streit und Krawall. Erstens, weil der weiße Assistent nicht selten recht willkürlich verfährt, dann aber auch, weil der Chinese, mag die Schätzung des Assistenten und des Administrators auch noch so zutreffend sein, sich stets iibervortheilt glaubt. Und in Geldsachen versteht er keinen Spaß, wenn er sich sonst auch die erniedrigendste BeHand- lnng gefallen läßt. Die tägliche Arbeitszeit dauert 11— 12 Stunden, während der Erntezeit jedoch oft 16—18 Stunden. Nach unseren Begriffen sristet der Kuli ein trauriges Dasein; sein Leben besteht ans Arbeiten, Essen und Schlafen. Nur an den halbmonatlichen Zahltagen macht er sich auf seine Art einen vergnügten Nachmittag. Dann zieht er mit seinem Vorschuß nach dem nächsten Marktflecken, wo er Einkäufe macht, zecht und vielleicht— in den Spielspelunken sein sauer verdientes Geld verspielt. Nicht alle Kulis gelangen auf einen grünen Zweig. Blanche koinmen durch den Opiumgenuß und die schwere Arbeit bei ungenügender Ernährung dermaßen herunter, daß sie schließlich Unterschlupf bei dem chinesischen Verbrechergesindel der größeren Hafenplätze suchen; andere nehmen immer wieder von Neuem Arbeit auf den Plantagen und sind froh, wenn sie im Alter aus eigenen Mitteln nach China zurück- kehren können. Häufig jedoch darbt sich der Knli nach und nach ein kleines Kapital zusammen und versucht dann als„fliegender" Händler(Klontong) sein Fortkommen zu finden. Geht dies gut, dann richtet er sich bald auf einer Pflanzung oder in einer größeren Ortschaft einen Laden ein. Die Waaren erhält er zum Theil auf Kredit von den holländischen Importeuren. Auf diese Weise sind sehr viele der wohlhabenden Chinesen im niederländischen Indien empor gekommen. In einigen Gegenden, z. B. in den Nordprovinzen Javas, haben sie nach und nach den ganzen Detailhandel und kleineren Krcdiwerkehr an sich gerissen. Von Vortheil ist für den chinesischen 118 Die Neue Welt. Illustnrte Unterhaltungsbeilage. Händler, daß er bei seinen Geschäftspraktiken nie non iiberfliissigen Gewissensskrupeln geplagt wird, speziell das Pleiteniachen versteht er vortrefflich, und es giebt mir wenige der reicheren Chinesen ans Java nnd Sumatra, die nicht wenigstens schon einmal Bankerott gemacht haben. Da der Chinese meist höchst unordentlich seine Bücher in chinesischer Sprache führt, kommt bei einer gerichtlichen Unter- snchung nicht viel heraus, und selbst, wenn er einige Wochen oder Monate eingesteckt wird, macht ihm das keinen großen Kummer: sobald er frei ist, fängt er mit dein Gelde, das er erschwindelt hat, von Neiiem an nnd ist bald wieder obenauf. Mit seinem Reichlhum steigen auch die Ansprüche des Chinesen. Wohlhabende Händler sparen sich nichts vom Munde ab. Besonders sind sie Liebhaber von Geflügel lind Schweinefleisch, während sie Rind- fleisch verschmähen. Der reichliche Genuß von fettem Schweinefleisch verleiht, in Verbindung mit den vielen Süßigkeiten, die sie vertilgen, in vorgerückterem Alter ihren Bänchlein meist eine stattliche Rundung. Nächst gutein Essen kommt ihnen das schönere Geschlecht. Außer scinein rechtmäßigen malaiischen oder indo- europäischen Ehegespons hält der wohlhabende Chinese sich fast immer eine Anzahl Konknbinen. In den größeren Städten der niederländischen Besitzungen sind die Chinesen auf bestimmte Stadt- theile angewiesen, die oft ein ganz chinesisches Aus- sehen haben. Die bunt bemalten Häuser stehen nicht in einer Linie, bald springen sie gegen die Nebenhäliscr um einige Fuß vor, bald wieder treten sie zurück: dazu wechseln sie in allen Formen und Größen. Beinahe jedes der Häuser hat einen großen Vorraum, der bei den Ladengeschäften nach der Straße zu ganz offen ist und des Nachts durch Bretter ge- schlössen wird. Gegenüber der Thür steht im Vor- räum der Opfertisch mit den brennenden Kerzen oder Opferhölzern. Die Thürcn und Fenster sind an der Straßenseite mit bunten Schildern nnd Sprüchen bedeckt. Alles starrt von Schmutz, nnd aus den. dumpfigen Wohnungen dringen in lieblichem Gemisch, da die Handwerker dort zugleich ihr Gewerbe betreiben, die wundersamsten Gerüche hervor. Eine widerliche Atmosphäre— echt chinesisch! Hechnerische Spielereien. Von B. Erdnian». �vs geistvolle Schachspiel, das kombinations- reiche Spiel der 04 Felder, auf welchen jede der beiden Parteien durch die Stellung ihrer Figuren den gegnerischen König einzuschließen, ihn matt zu setzen sucht, soll nach einer alten indischen Erzählung den Schah(König), für den es von dem weisen Brahmanen Sissa erfunden wurde, so außer- ordentlich erfreut nnd entzückt haben, daß der. Schah den Sissa aufforderte, sich ein beliebiges Geschenk von ihm auszubitteu. Die weisen Inder, die in der edlen Rechenkunst alle übrigen Völker weit über- ragten— von ihnen stammt z. B. unser Ziffern- system— liebten es, ihre Kunst auch in Scherzen zu zeigen; Sissa verlangte daher von dem Schah eine Belohnung, die auf den ersten Blick nur einen ganz geringen Werth zu haben schien; bei näherem Zusehen stellte es sich freilich anders heraus. Er forderte für das erste der 64 Felder des Spieles ein Wcizenkorn, für das zweite 2 Weizenkörner, für das dritte 4, für das vierte Feld 8 Weizenkörner usw. für jedes folgende Feld die doppelte Anzahl Körner, als fiir das vorhergehende. Der König war an- fangs böse, daß Sissa sich eine so geringe Belohnung ausgebeten; als er sie ihm aber geben lassen wollte, merkte er bald, daß das die Kräfte und das Ver- mögen seines Reiches weit übersteige. Wie sollte das wohl möglich sein! wird viel- leicht Mancher erstaunt ausrufen, lind doch kann eine ganz geringe licberlegnug zeigen, daß eS sich thatsächlich so verhält. Geht man in der angegebenen Weise tvciier, so hat man zunächst die folgenden Zahlen zu bilden: I, 2, 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256, 512, 1624. Bei der elften Zahl hat man bereits mehr, als das Tausendfache des Anfangs. Nimmt man nun nur 1000 statt 1024, wodurch man offenbar zu wenig erhält, so hat man jedes Mal eine Vertansendfachung, wenn man um 1 1 weiter gekommen ist. Da das Schachbrett 64 Felder ent- hält, so würde man fünfmal um 11 weiter gehe» können, bis zum 55. Felde, und hätte fünfmal eine Vertauscndfachnng: für das 55. Feld mußte Sissa also bereits eine Anzahl von Weizenkörnern erhalten, die durch fünfmalige Vertansendfachung der 1 ent- stand, also durch eine 1 mit 5 mal 3 oder 15 Nullen ausgedriickt ist, eine Zahl, die als 1000 Billionen zu lesen wäre. Da vom 55. bis zum 64. Felde noch g Felder sind, so wäre fiir das 64. Feld die Zahl noch neunmal zu verdoppeln, also nach obiger Zahlenreihe das 256 fache davon zu rechnen; fiir das letzte Feld verlangte Sissa also 256 Tausend Billionen Weizenkörner. Die Summe aller Weizen- körner beträgt bei dieser Rechnung das Doppelte der letzten Zahl, also 512 Tausend Billionen. 512 ist etwas mehr als die Hälfte von 1000, mithin die gesammte Zahl etwas mehr als die Hälfte von einer > mit 18 Nullen, eine Zahl, die man als eine Trillion bezeichnet; Sissa verlangte also nach dieser Berechnung als Belohnung eine halbe Trillion Weizen- körner, eine Zahl, die aus einer 5 mit 17 daran gehängten Nullen besteht. Wenn man übrigens bc- denkt, daß wir bei der 11. Zahl bereits 1000 statt 1024 gesagt haben, so werden mir jetzt meine Leser wohl auf's Wort glauben, das wir dadurch das Resultat 360 mal zu klein bekommen haben, und daß die wirkliche. Forderung des Sissa nicht eine halbe, sondern>80 Trillionen Weizenkörner betrug. Doch wollen wir bei der halben Trillion bleiben und zusehen, wie man dieselbe herbeischaffen könnte. Die Weizcncrnte der gestimmten Erde betrug in dem guten Jahre 1892 etwa 50 Milliarden Kilogramm. Nehmen wir an, daß 100 Körner erst ein Gramm wiegen, eine Zahl, die sicherlich zu hoch gc- griffen ist, so würde jedes Kilogramm 100000, 50 Kilogramm also 50 mal so viel, d. i. 5000000 oder 5 Millionen Körner ergeben. Ein Milliarde besteht aus einer 1 mit 9 Nullen; um die Gesammt- zahl Körner der Erde zu erhalten, müßten au obige Zahl also noch 9 Nullen treten; es wäre dann eine 5 mit 15 Nullen. Die von Sissa geforderte halbe Trillion bestand aber ans einer 5 mit 17 Nullen, ist also 100 mal so groß als die gesammte Menge Weizen, die im Jahre 1892 gccrntet wurde. Würde man die gesammte Ernte au Roggen, Gerste, Hafer, Alois noch hinzufügen, und sie gleich der Weizen- ernte ansetzen, obwohl sie erheblich geringer ist, so würden immerhin 50 gute Erntejahre dazu gehören, um Sissa zu befriedigen. Bedenkt man übrigens, daß in unserer Rechnnug seine Forderung 360 mal zu klein erscheint, so erkennt man, daß er die Getreide- Produktion von 50 mal 360 oder fast 20 000 Jahren verlangte, also mehr Getreide, als in historischen Zeiten auf der Erde überhaupt prodnzirt worden ist. Der gute König mußte sich bald überzeugen, daß es nicht in seiner Macht stand, diese Forderung, die er anfangs fiir so bescheiden gehalten, zu erfüllen. Noch eine andere rechnerische Scherzfrage wird oft in den Rechenbüchern, dort allerdings in genauerer Weise, behandelt. Wenn man sich die Frage vorlegt, zu welcher Summe ein Pfennig angewachsen wäre, den man zur Zeit von Christi Geburt zinstragend angelegt hätte, vorausgesetzt, daß man die Zinsen immer wieder zum Kapital geschlagen, also ebenfalls zinstragend angelegt hätte, so kommt man auch zu einer ungeahnten Zahl. Hat man ein Kapital zu 4 Prozent ausgeliehen, so bringt es jedes Jahr den 25. Theil seines Bik- träges an Zinsen, und hat demnach in 25 Jahren seine eigene Größe an Zinsen abgeworfen. Werden die Zinsen Jähr für Jahr zinstragend angelegt oder zum Kapital geschlagen, wie man gewöhnlich sagt, so geht die Verdoppelung natürlich noch schneller, und zwar zeigt eine genaue Rechnung, ans die ich hier nicht eingehen kann, daß die Verdoppelung des Kapitals bereits in 18 Jahren erreicht ist. Bis zum Jahre 1800 wäre die Verdoppelung also 100 mal eingetreten. Nun hatten wir vorher schon gesehen, daß jede 1 1. Verdoppelung etwa gleich einer Ver- tanscndfachnng ist; dieselbe wäre also bis zum Jahre 1800 im Ganzen neunmal eingetreten, und dann wäre noch eine Verdoppelung dazu, gekommen. Jeder Vertansendfachung entsprechen 3 Nullen; somit hätte der Pfennig den doppelten Werth von einer 1 mii 9 mal 3 oder 27 Nullen, in Worten wäre er gleich 2000 Qnadrillionen Pfennigen oder gleich 200 Quadrillioncn Mark geworden. Eine so ungeheuere Summe übersteigt jedes Maß nnd jeden Begriff. Wäre die gesammle Erdkugel aus lauterem, gediegenem Golde, so würde ihr Werth dennoch nicht diesen Betrag erreichen, sondern nur etwa 16'/- Quadrillionen Mark, also noch nicht den 12. Theil davon betragen. Zwölf Erdkugeln aus gediegenem Golde wären demnach nothwendig, um die Summe darzustellen, die ein zu Christi Geburt auf Zinseszins* angelegter Pfennig schon vor 100 Jahre» erreicht hätte, und heute hätte sich diese Summe noch verdreifacht. Ach! warum sind meine Urcltern vor vielen 1 00 Jahren nicht so schlau gewesen, fiir mich einen Pfennig zinstragend anzulegen. Wie reich könnte ich heute sei»! Mit diesem scherzhaften Ausruf wird vielleicht mancher Leser seine Vorfahren anklagen. Doch giebt die durchgeführte Rechnung nicht nur zu solchen scherzhaften Rückblicken Anlaß, sondern sie hat auch eine sehr ernste Seite nnd kann zu mancher ernsthaften Betrachtung für die Zukunft anregen. Wenn wir heute um uns blicken, so finden wir eine ungeheuere Menge großer Reichthümcr in wenigen Händen angehäuft, so daß es völlig undenkbar und auch thatsächlich unmöglich ist, daß die in die Hundert- tausende und in die Millionen gehenden Einkommen, die diese Kapitalien ihren Besitzern gewähren, auf- gezehrt werden; im Gegcntheil werden sie zum Kapital geschlagen und müssen nun ihrerseits den Besitzern ein noch größeres Einkommen gewähren, als die- selben vorher schon hatten. Nur ein kleiner Theil dieser neu aufgehäuften Kapitalien tritt in der Form von Arbeit schaffenden Unternehmungen in die Er- scheinung, der bei weitem größte wird in zinstragenden Papieren, z. B. Staatsschuldscheinen, Hypotheken oder anderen Pfandbriefen auf den Grund und Boden angelegt. Das geht nun schon eine geraume Weile so und wird von Jahr zu Jahr schlimmer; die Schulden des Deutschen Reiches betragen bereits 2 Milliarden Mark, die des preußischen Staates 6 Milliarden, und ähnlich steht es in den anderen deutschen Vaterländern, wie übrigens in der ganzen zivilisirten Welt. Die glücklichen Besitzer dieser Milliarden Schuldtitel, denen die Zinsen dafür von den Steuererträgen des arbeitenden Volkes alljährlich bezahlt werden, können dieselben, wie gesagt, garnicht aufzehren und müssen sie zum Kapital schlagen. Dadurch wächst in dem nächsten Jahre die auf- zubringende Zinssumme noch weiter, und so geht diese Schraube ohne Ende fort. Wir haben hier einen Znstand vor uns, in welchem die Wirkung des Zinseszins, die furchtbare Wirkung der immer- währenden Verdoppelung klar in die Erscheinung tritt. Tie nothwendige Folge ist eine Auspowerung der arbeitenden Masten, die die immer wachsenden Zinsen, die ja doch nicht vom Himmel fallen, durch ihre Arbeit aufbringen müssen. Aber darin liegt auch wieder ein Trost. Unsere Rechnungen zeigten uns, daß es in Wirklichkeit ganz unmöglich ist, die Wirkung des Zinseszins zu er- tragen. Ginge sie ungestört weiter, so müßte bald ein Zustand eintreten, wo die ganze Menschheit an- gestrengt von früh bis spät arbeiten müßte, um nur den Zins- für einige Wenige hcranznschaffen. Daß das nicht das Schicksal der Menschheit sein wird, wissen wir ganz genau; um das zu erkennen, brauchen wir keine national-ökononiischen Kenntnisse zu haben und keine tiefen Einblicke in das komplizirte wirth- schaftliche Leben zu thun. So verhelfen uns die rechnerischen Spielereien, mit denen wir uns nur zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib beschäftigt haben, zu einer leichten Erkenntniß von der UnHalt- barkeit der gegenwärtigen Zinswirknngcn, und be- kräftigen uns in der festen und sicheren Zuversicht auf eine glücklichere Zukunft.— * So nennt man ein Kapital, dessen Zinsen wieder zinswagend angelegt werden. 110 <�s.e KroßmutterföHnchen. Erzählung von HauS P. Lundc. Ans dcm Norwegischen von E. Branscwcttcr. ��tcinklopfers wohnten draußen auf Fladstrand. Ter Alaun hieß. Lars Ao, aber er ivurde (SqJ' meist„der alte Jäger" genannt, weil er hei den Nyborgcr Jägern gestanden hatte. Er war wortkarg und mürrisch, aber sonst ein alter Kraft- mensch und ein unermüdlicher Arbeiter. Sein Gc- ficht sah aus, als hätte er eS einmal erfroren, auf der großen Nase saß eine hervorspringende Ecke, die Augen hatten einen Glanz wie Feuersteine. Nlaren, die Frau des„Jägers", war groß und halte dichtes, schneeweißes Haar. Ihr Aussehen wie ihre Rede und ihr Benehmen hatten etwas Altnordisches an sich, etivas von der Großartigkeit eines Sagaweibes. Ihr Benehmen war stets gleich ruhig und unverzagt, ob sie mit Ihresgleichen oder mit Leuten, wie der Pfarrer oder der Gutsherr, sprach. Schwere Tage hatten ihr wohl ihren Stempel aufgedrückt, aber sie nicht gebrochen. Schön und frisch, ein Stückchen Urwelt war der Srt, Ivo sie wohnten. Wenn die Sonne röthlich im Frühlingsnebel flammte, wie ein Scheiterhanfen in dicken Rauchmassen, war Fladstrand am schönsten: sein breiter Rasen an der Fjordmündnng, die ver- krüppelten Aloorweidcn und das Gebüsch, die plumpen Fclsblöcke, welche ringsumher emporragten, das funkelnde Meer— Alles dort draußen konnte sich dann plötzlich in blendendem Glänze zeigen: aber es konnte auch jäh im Nebel begraben werden, wenn das schelmische Sonnenlicht sich hinter großen Wolkenwänden verbarg. zßc. zj! Ter Sturm sauste mit wildem Rauschen durch Fladstrands Buschwerk, als ich an einem November- tage, kurz vor Abend, die halbdnnkle Stube der Steinklopferfamilie betrat. Das Enkelkind der Alten, ein stiller, dunkelhaariger, zwölfjähriger Junge mit Namen Anders, saß im Flammenschein des Ofens und hörte genau ans das, was seine Großmutter erzählte. Der Man» war noch nicht von der Arbeit heimgekommen. Das Talglicht im Leuchter wurde angezündet, worauf Maren sich am Rocken zurecht- setzte. Während sie spann, erzählte sie eine Ge- schichte, um die ich sie gebeten hatte. Ter Sturm wüthele heftig an der Hansthür und orgelte und pfiff durch alle Oeffnnngcn, Löcher und Ritzen der Hütte. Die Strandvögcl schrieen und man vernahm ein zischendes Schnauben, wenn die Wogen mit weißen, flatternden Kämme» in fliegender Eile über hohe Tanghaufen und Steine ani Fjordstrande hinjagten. „Gott weiß, wie unser Vater bei dcm Heiden- weiter heimkommt," sagte sie, als der Regen auf den Fensterscheiben Tronimclwirbel zu schlagen be- gaii»,„seitdem er sich bei Sören Stark's Be- gräbniß verhoben hat, ist mit ihm nichts mehr los." „Womit hat er sich denn verhoben?" fragte ich. „Das will ich Dir sagen. Als Sören's Leiche in's Grab hinabgelassen werden sollte, ging ein Knoten an dcm einen Strick auf, so daß der Sarg sich selbst zu empfehlen drohte. Da sprang Lars in's Grab hinunter und stemmte den Rücken gegen den Sargboden, bis der Strick in Ordnung gc- bracht war..Habe ich ihn früher getragen, werd' ich ihn auch wohl jetzt noch tragen können/ sagte er. Er hatte ja Sören so oft aus dem Gasthanse an die Luft gesetzt, denn die Beiden waren be- ständig im Streit miteinander. Als Lars aus dcm Grabe wieder herauskam, sagte er keuchend: ,So schwer ist er mir noch niemals gewesen.' Es war, als wenn er einen Schuß in den Rücken bekommen hätte." Zur Abwechselung setzten Anders und ich uns hin,»in in einem Stoß alter Kalender, die in einem Ledcrband gesammelt waren, Bilder anzusehen. „Was willst Du denn einmal werden?" fragte ich ihn. „Ich glaube, ich will zur See— wie der Lootse ans der anderen Seite der Landspire," kam es zögernd über die Lippen, mit verlegenem Schielen nach der Alten hin. „Red' nicht so was," sagte die Frau ernst. „Du- sollst doch zu Hanse bleiben und uns Alten helfen." „Man muß doch aber hinaus, wenn man etwas werden soll," wandte der Junge ein.„Hier im Kalender habe ich von einem Manne gelesen,' der Bischof wurde, und seine Eltern hatten auch nur ein ganz kleines Häuschen." „Es waren doch wohl nicht seine Eltern und das kleine Häuschen, was ihn zum Bischof machte, scheint mir," sagte sie pfiffig.„Reisen? Nein, Tu würdest Dich bald nach Großmntters Brei- topf sehnen!" Die Augen des Jungen wurden feucht. „Ja, ich weiß schon, daß es bisweilen schwer genug für Dich sein mag," sagte sie,„aber warte nur ab, bis Du mit Deinen Schulaufgaben fertig bist, dann ziehen ganz andere Wolken am Himmel auf.... Es ist übrigens sonderbar," bemerkte sie zu mir,„daß Anders die Schriftftellen nicht im Kopfe behalten kann, er hat doch sonst einen so guten Verstand, und anstellig ist er auch." Das Gespräch wurde durch das Kommen des Alten unterbrochen. Ohne guten Tag zu sagen, ließ er den Blick, einen finsteren, forschenden Blick, in der Stube umherschweifen, dann schlug er das Wasser von seinem Hut und murmelte etwas von dem Unwetter. „Hat Anders seine Aufgaben für morgen gc- lernt?" fragte er mit barscher Stimme. „Ich habe ihn noch nicht ordentlich überhört," erwiderte Maren,„aber er hat über eine Stunde daran gelernt, und so, daß hier kein Laut im Hanse zu hören war." Stumm und gebieterisch setzte sich der?llte ans die Bank, bewaffnete seine Augen mit einer Horn- brille und faltete die Hände über dem Tisch. „Gieb das Buch her," gebot er. Der Junge gehorchte sofort mit scheuer Miene. „Na, fang' denn an. Paulus——" „Pau— hm— Paulus sagte--" stammelte der Junge mit schwerer Stimme. Der Alte stieß ein Böses kündendes Brummen ans und sah vom Buche mit einem Blick auf, der dem Unglücklichen bis in's Herz hinein drang. Der Junge fing wieder an; mit ein paar Zeilen kam er zurecht, sprang bis zum Schluß des Stückes über, wurde aber augenblicklich durch eine scharfe Aenße- rung zuin Schweigen gebracht und mußte wieder von vorn ansangen. Er schluchzte und wischte sich die Thränen ans den Augen. Verstimmt verließ ich das Haus, indem ich meinen letzten dort gewonnenen Eindruck dadurch zu vergessen suchte, daß ich mir das Bild der alt- nordischen Frau und des Jungen in's Gcdächtniß zurückrief, wie sie da beim Schein eines Talglichtes saßen, bis der Mann in der Thür erschien. ** * Im Frühjahr wurde fast jedes Schaf und jedes Stück Jungvieh in Kjaeldstrnp nach Fladstrand Hinansgetrieben und Marcn's Aufsicht übergeben. Schon seit Jahren hatte sie dieses Hirtenamt aus- geübt, das mit viel Scheererei verbunden war, denn sie hatte darüber zu wachen, daß die Heerde nicht ans das angrenzende Moorgcbiet ging, so lange der Torf noch draußen stand. Die Bauern bezahlten ihre Arbeit mit einer kleinen Geldsumme, etwas Getreide und einigen Fudern Torf. Anders half ihr beini Hüten; und als er die Schule durchgemacht hatte, wurde er selbst Hirte. Feiertage und Wochentage, den ganzen Sommer über, weilte er draußen zwischen einer bunten Schaar von Färsen und Kälbern, Lämmern und Schafe». Wenn die Zugvögel mit pfeifenden Flügelschlägen über den Strand hinsansten, empfand er eine wilde Lust, ihnen zu folgen. Er sehnte sich fort von seinem alten, strengen Großvater und von dem Spitznamen„Großmnttersöhnchen"— hinaus in das freie Leben. Seine gesammelte Kraft ver- langte, gebraucht zu werden. Es gab Augenblicke, da er daran dachte, zur Nachtzeit mit dem Lootsen- boot, das ans der anderen Seite der Landspitze vor Anker lag, zu entfliehen; es gab Zeiten, da er mit gespannten Sinnen ans den Jubel der Kjaeldstruper Jugend, auf die Hornsignale des Postillons, auf all' die Locktöne lauschte, die in die Einsamkeit Flad- strands hinausklangen, während wunderliche Ahiumgen und Zukunftsvläne in ihm mit der Ueppigkcit wilder Schößlinge hervortriebcn. Aber, die Muttererde verlassen, wo jeder Busch, jeder Stein ihn bat, daheim zu blechen— und die alte Großmutter? Nein, er konnte es nicht, dazu war seine Heiniathsliebe ihm zu tief eingeprägt. An einem schönen Septemberabend ging ich, uiit der Büchse über der Schulter, den Strandweg ent- lang, der in großem Bogen von Kjaeldstrnp durch eine Reihe niedriger, mit Gebüsch bewachsener Hügel hinausführt. Unterwegs blieb ich stehen, um ans eine tiefe und klare Gesangsstimme zu lauschen, welche die des Großmuttersöhnchens zu sein schien.- Da ich ihn nicht sehen konnte, näherte ich nüch einem Gebüsch am Rande des Moores, wo sich der Sänger nach meiner Bermnthung aufhalten mußte. Aber kaum hatte ich den Weg verlassen, da verstummte der Gesang. Ich suchte und rief—»ein, Anders schien nicht da zu sein. Als ich zurückging, fuhr ich plötzlich zusammen. Dort, bei einem Torfhanfen, lag der Sänger, so lang er war, im Grase,'mit der Hand unter dcm Kopf, und blickte verstohlen, mit ängstlichem Schimmer in seinen düsteren Augen, empor. „Na, da liegst Du!" rief ich. „Ja," murmelte er und riß einen Grashalm ab. „Du hörtest wohl nicht, daß ich Dich rief?" Er crröthete und zog bedächtig den Halm durch den Mund. „Wie geht's sonst, Anders?" „Ach „Ist es nicht schwer, all' die Schafe und Kälber zu hüten?,, „Ne-" Er kommt mir schon, dachte ich. „Aber wenn nun all' das lose Jungvieh Lust bekommt, Dir davon zu laufen, was dann?" „Dann laufen sie eben davon, so weit sie Lust haben," erwiderte er mit launigem Lächeln,„aber man bringt es schon fertig, sie beisammen zu halten." Unter solchem Geplauder schritten wir zum Fjord hinab.— Anders war in den letzten Jahren gut gewachsen, er war jetzt groß und breitschultrig, ein wenig schlottrig, wie ein junger, emporgeschossener Baum, aber schlank, ein hübscher Bursche mit braunem, flaumigem Gesicht. „Du hast da eine schöne Büchse," sagte er, mit freundlichem Blick auf meine alte Muskete. „Na, es geht." „Sie ist besser, als die des Lootsen, mit der seinigen habe ich einige Male geschossen." „Dann ist es am besten, Du versuchst meine auch. Bitte schön..." „Ich treffe gewiß nichts," sagte er, und nahm die Waffe. Während wir nach einem passenden Ziel ans- spähten, flog dicht bei uns eine wilde Ente ans. Älit keckem Wurf nahm Anders die Büchse an die Wange, drückte ab und traf die Ente, die mit langem, ersterbendem„Raeb" in's Wasser stürzte, wenige Schritte von uns entfernt. Der linke Flügel war halb abgeschossen. „Es ist beinahe schade," sagte er, als wir da- standen und die tobte Ente betrachteten. „Du hast in jedem Fall gut geschossen. Ich glaube nicht, daß ich es Dir hätte nachmachen können— ans die Entfernung." Anders schielte mit einem Blick nach mir hin, der zu fragen schien, ob ich ihn zum Narren halten wollte. Aus dcm Rückwege ließ er einige dunkle Aenße- rungen über sich selbst und das Verhältnis! zivischcn 120 Die Neue N)elt> Illustrirte Unterhaltungsbeilage. ihm und seinen Großeltern fallen. Ich begriff, daß er sich sehr bedrückt fühlte, und rief daher: „Aber das ist ja nicht ansznhalten!" „Es hilft nichts, zn mnrren. Ich sehne mich sehr darnach, hinmis zu kommen— denn hier kann ja niemals etwas aus mir werden— aber die Alten wollen mich ja nicht fortlassen. Könnte ich wenigstens in den Schiitzenverein hinein kommen, aber auch daraus wird nichts— ich darf nicht. Die Schützen wiirden mich wohl auch zum Narren halten." „Das brauchst Du nicht zu befürchten." „O ja. Da ist zum Beispiel Peter; ich weiß, wie er mich in der Schule verhöhnt hat. Und er ist nicht der Einzige. Ich soll ja ein Ausschuß sein." „Ach, rede doch nicht." Er fuhr fort, als wenn ich nichts gesagt hätte: „Am Sonntag kann ich deutlich die Fahne der Schützen sehen, und ich kann ihre Gesänge und Schüsse hören, wenn der Wind nach unserer Seite geht. Aber eS ist schon am besten, wenn ich daheim- bleibe, bis ich zusammenpacken kann——." Und wie um seine Gefühle zu verbergen, wandte er das Gesicht von mir und blickte auf den weiß- gesprenkelten Fjord hinaus. Wein neunzehnjähriges Herz wurde plötzlich von Mitgefühl ergriffen. „Du mußt nicht den Muth verlieren, Anders. Du bist nicht der Einzige, der ans guten Wind warten muß. Ich werde aber ein gutes Wort für Dich bei Deinem Großvater einlegen; wenn es nichts hilft, so schadet's auch nichts." „O doch! Er kann auf mich losfahren, wenn er hört, daß ich fort will; er ist ja so verdickt." Als wir das Haus erreichten, ging Anders hinein, um etwas zu essen zn bekommen. Während ich auf ihn wartete, kam Maren um die Hansecke und fing niit mir zn plaudern an. „Es ist doch merkwürdig mit Anders," sagte sie,„er ist ein rechter Sonderling. Aber er denkt brav und hat ein gutes Herz. Der Lootse Peter hat ihm in den Kopf gesetzt und ihm eingebildet, wer nicht in die Welt hinaus kommt, bleibt sein Leben lang ein dnnmier Kerl. Und nun kann sich Anders die Reiscgrillen nicht ans dem Kopf jagen." „Es ist gewiß nicht recht, ihn zurück zu halten." „Kann schon sein," klang es mit Nachdruck. „Es giebt ja Solche, welche weit draußen ihr Glück machen, aber ich kenne auch Andere, die als Schurken und Landstreicher zurück gekommen sind. Was soll man da sagen? Geht Anders einmal fort, so fürchte ich, er bleibt für immer weg. Und thnt er das, dann wird das Hans, in dem meine Eltern und deren Eltern gewohnt haben, an fremde Menschen übergehen." Nun kam Anders hinzu, und ich sagte Maren gute Nacht. „Wo steigst Du denn hin?" rief der alte Jäger ihm zu, indem er den Kopf aus dem Fenster her- aussteckte. „Ich begleite Knud nur ein Stück Weges." „Davon hast Du mir nichts gesagt," brummte der Alte.„Na, aber Du mußt bald wieder hier sein. Du mußt zu MortenL hinübergehen nach meinem großen Hammer, ich muß morgen früh hinaus." Am Kreuzweg, zwischen den Feldern des Pfarrers, trafen wir zwei Mädchen, eine Rothblonde und eine Brünette. Mein Begleiter erröthete und schien in Verlegenheit, wo er seine Augen und Hände lassen sollte. „Darfst Du Dich auch so weit hinauswagen, Anders?" fragte die Roihblonde, Vogt's Kathrine, in munterem Scherzton. „Das ist verwegen," fügte die Brünette, die Näherin Jngcborg, neckend hinzu und blinzelte mit ihren kecken Augen. „Hütet Euch nur selbst!" murmelte Anders schüchtern. „Er ist garnicht so furchtsam, wie Ihr glaubt," warf ich ein. „So? Vielleicht war er es, der voriges Jahr die Leute in Schrecken versetzte! Aber das ist nun gleich, wenn Du uns begleitest, Anders, wir sollen gerade nach Deiner Gegend hinaus," sagte das frische, dralle Nähmädchen mit schelmischem Blick nach der Freundin hin. „Ne, das mag ich doch nicht." „I, wie stolz Du bist, Anders!" fiel die Roth- blonde ein.„lind so ernst! Dir kann man kaum ein Lächeln abzwingen. Tu bringst es doch nicht iibcr's Herz, es ihr abzuschlagen, wenn sie Dich so schön bittet. Komm' jetzt, Alterchen, Deine Groß- inntter sieht es ja nicht!" Sie blinzelte der Brünetten zu, und rasch nahmen sie ihn unter die Arme und zogen niit ihm davon. Anders stritt dagegen wie ein Füllen, das zum ersten Male die Halfter fühlt. Durch einige Kraftrucke suchte er seine Arme frei zu machen, aber die beiden Wildkatzen hatten starke Muskeln und führten ihn unter Jubel und Lachen davon, indem sie ihm auf den Rücken klopften und ihm beruhigend zuriefen: „Hopp, hopp, Alterchen!" So weit ich sehen konnte, wurde er immer nach- giebiger.(Schluß folgt.) CJt' Jjfcuirrcton. Frühlings-Einzug.* Der Frühling flieg zur Erde nieder: V helle Inj!, v stille Scheu! Im Herzen regt sich Fllles ivirder, So alt vrrlraut, so selig neu! So schnell geschah's— kaum kann ich's sassrn, Der graue Winter sei nun todt! Man fühlte sich so glückverlaflen, Man lieble fast schon seine Voth! Ach, Seligkeit: es scheint die Sonne! Und schickt der Lenz auch Regen dann: Er weint sich aus von seiner Wonne, Daß er so klarer lächeln kann! Ich möchte alle Menschen fragen, Vb sie nicht jauchzen woll'n mit mir! Rein, ganz vrrschiviegrn ivill ich's tragen! Rch, Liebchen, nein! ich sag' es Dir! Richard Tehmcl. • Ans„Erlösungen". Berlin, Schuster& Loeffler. FriihliiigSsoune. Es ist eincr dcr ersten hellen Tage im Jahre. In vollem Strome fluthet dcr Sonnenschein hernieder. Noch hat er die in winterlicher Starrheit liegende Erde nicht zmn Leben zu erwecken vermocht. Von dern fcuchtknhlcn Erdboden prallt er noch ohne fühlbare Wirkung ab. Nur in dcr Luft lebt und wogt das Licht. Auch dcr Luft fehlt die Wärme; man fühlt in ihr die Kälte, die ans der Erde anfsteigt. Aber sie ist von einem hellen, schimmernden Glänze erfüllt, sie flinnnert und zittert unter den Strahlen der Sonne. In diesem Meer von Licht verschwimmt in der Ferne die iveite Haide mit dem lvcißglänzendcn Himmel, zerflietzen die Bailmkronen, deren schwellende Knospen noch nicht zum Springen gebracht sind.— Eine Schafheerde zieht in dem spärlichen Schatten dahin. Zierlich spielen die Sonnentnpfen über die dichten Wollrücken. Es sind ansgezeichnetc Thicrstückc, die dcr Münchencr Künstler Heinrich Zügel in unserem heutigen Bilde vorführt. Außerordentlich lebensvoll ist die Bewegung dcr grasend vorrückenden, sich gegeneinander drängenden Schafe lviedergegeben: charakteristisch ist die Darstellung dcr flockigen Wolle; drollig-neugierig starren die Lämmer i;i die ihnen noch neue Welt. Der Gravitationssinn dcr Pflanzen. Wir mögen ein Samenkorn in einer Lage, in ivelcher wir wollen, in die feuchte Erde stecken, den Keim nach oben oder nach unten oder nach einer Seite, so wird der sich entwickelnde Keim doch stets nach zwei bestmimten Richtungen ans dem Samen wachsen: immer wird, mit nie fehlender Sicherheit, das keimende Stengelchen auf dem kürzesten Wege aus der gleichmäßig dunklen Erde senkrecht emporstreben, und ebenso sicher wird daS Wnrzclchcn senkrecht in die Tiefe dringen. Ja, wenn man die wachsende Pflanze in eine veränderte Lage bringt, so schlägt das Wnrzelchen durch eine entsprechende Krünnnnng seiner Spitze wieder die senkrechte Richtung ein. Tie Pflanzen- Physiologen fragten sich lange vergeblich, auf welche Weise denn die in den Erdboden gesteckten Samen und keimenden Pflanzen erfahren, ivclches die ihrem Wachs- thiim am besten entsprechende Richtung ist, da sie bc- sondere Sinnesorgane, wie wir Augen und Ohren, nicht besitzen. Sic nahmen deshalb zlvei besondere Fähigkeiten der Pflanzen an und nannten dieselben, insofern die Stengelspitze stets nach dem Zcnith strebt, Hclio- tropismns, und insofern das Wnrzelchen stets nach dem Mittelpunkt der Erde strebt, Geotropismus. Sie fanden dann auch, daß der Sitz der Fähigkeit, stets auch bei veränderter Lage senkrecht in die Tiefe zn dringen, sich auf das Ende der Wurzelspitze beschränkt. Es lvar Charles Darwin, der das zuerst feststellte: denn als er die Wurzelspitze 1,5 Millimeter oberhalb der Wnrzclhanbe— die Bedeckung des Bcgetatiolispnnktes— abschnitt, besaß die Wurzel bei veränderter Lage nicht mehr die Fähigkeit, diese geotropischc Krümmung rniSzn- führen. Auch durch eine fortgesetzte, langsam kreisende Bewegung einer Pflanze, ähnlich einer Windmühle, bei der sich die Gravitationsrichtung fortwährend ändert, wird, wie Julius v. Sachs gezeigt hat, dieses Vermögen außer Thätigkcit gesetzt. Daher nahm Sachs wohl niit Recht an, daß das Gravitationsgcsetz die Richtung bedinge, in dcr sich die neu bildenden Zellen an die vor- handencn anlagern; und er nannte das daraus eilt- stehende Wachsthnnisstreben der Pflanze ihren Gravi- tationssinn. Derselbe ist während des Wachsthnms der Pflanze mehr oder weniger dem ganzen Körper der- selben eigen, zuweilen ist er lokal sehr gesteigert, in anderen Fällen, z. B. bei kriechenden Pflanzen, ist er sehr wenig wahrzunehmen. Bei dem oberirdischen Thcilc der Pflanzen wird er vielfach durch den Lichtsinn derselben beeinflußt; während dies natürlich bei dem abwärts- strebenden Thcile nicht der Fall ist. Ter Gravitations- sinn ermöglicht es den Pflanzen, eine feste Haltung im Erdboden zn gewinnen und sich sowohl in der Erde, als in der Luft zn verbreiten, um ans beiden Medien— die Wasserpflanzen aus dem Wasser und der Luft— die Bestandthcile ihrer Nahrung zu entnehmen. Es ist eine der vielen Bethätignngcn ihrer Lebensfähigkeit. Denn obwohl daS Leben der Pflanze vielen Menschen thatcnloS erscheint, ist es doch ebenso, wie das der Thiere, eine Bcthätignng sehr zahlreicher Kräfte und Fähigkeiten zur Entlvickclnng und Fortpflanzung des Individuums und der Art._— 1. Mammonsdiener. Schauplatz der Szene: der Garten einer hübschen Villa. Unter dem Lindenbanme saß die Familie beim Nachmittagskaffee, ich als Besucher in ihrer Mitte. Plötzlich stürzte in athemloser Hast ein Bedienter heran und meldete:„Herr Baron von Roth- schild!" Feierlich war der Ernst seiner Züge, feierlich der Klang seiner Stimme: der Mann fühlte, daß er der Träger einer außerordentlichen Botschaft sei. Und außerordentlich war sie, wenigstens in ihrer Wirkung. Wenn eS geheißen hätte, die heiligen drei Könige ans dem Morgenlande seien vorgcfahrcn und wünschten dem Herrn Komnierzienrath ihre Aufwartung zu inachen, bombenartigcr hätte der Eindruck auf nnseren Kaffeezirkel nicht sein können. Vater, Mittler, Töchter und Söhne stoben nach allen Richtungen anseinander, ihn einen besseren Rock anzuthnn, um eine frische Haube aufzusetzen, um einen reineren Kragen anzulegen, was weiß ich? Im Fliehen hatte die HanSfran noch die GenteSgegen- wart, dein Bedienten etwas vom.besten Kaffeegeschirr' zuzurufen, welches letztere denn auch alsbald in aller Pracht, eitel Silber und Sävres, erschien. Mägde rannten herzu mit gestickten Tischdecken, Tainastserviette», seidenen Polstern; ihnen solgte nach kurzer Pause echausfirt und keuchend die Familie, Herrn von Rothschild in ihrer Mitte führend, und erfolglos die Komödie spielend, als ob sie gerade im Begriff gewesen sei, in den Garten zu treten und als ob der Herr Baron sie in ihrer Gemüth- lichkeit nicht im Mindesten gestört habe. So lange der große Mann blieb, lag etwas wie ein Zauberbann ans der Familie. Während dieser Minuten war die übrige Welt nicht für sie vorhanden: all ihr Denken und Füh- len versank in dem einen Gegenstände dcr Anbetung. Ich war mir deutlich bewußt, daß ich gänzlich auf- gehört hatte, zu cxistircn. Aus„GUdcmeist-r's Essays". * Es giebt wohl keinen Menschen in dcr Welt, der nicht, wenn er um tausend Thaler willen zum Spitzbuben wird, lieber um daS halbe Geld ein ehrlicher Mann ge- blieben wäre. Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion der„Neuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Berlin, 81V 19, Benthstraße 2, zu richten. CevauliuuuUcycv Rcdallcur; Oocar iüiyl i» Ehalloncnburg.— Verlag: Hamburger Buchdracierei und Verlagsanftalt Auer& Eo. In Hainburg.— Druck: Max Babing in Berlin.