Nr. 16 �SUuflvivlc �triivvlialluriQ&heilctQe* 1898 Der Büttnerbauer. (Fortsetzung.) �ie Bäuerin wußte kaum, wie sie ihren Dank für so viel Ehre in Worte kleiden sollte. „Jebt, im Winter, ist ruhige Zeit auf dem Lande," ftihr Harrassowitz fort.„Keine Arbeit ans dem Felde, was? Im Frühjahre, da geht's dann wieder ordentlich los, mit allen Kräften. Sie haben ja jetzt auch Ihren zweiten Sohn hier, wie ich höre." „Se meenen Gustaven?" „Der bei den Soldaten war bis vor Kurzem; ber wird dem Vater nun wohl tüchtig in der Wirth- schaft helfen?" „Freil'ch! Das mcchte aben sein! Aber, er thntt sich sei Bladcl Heirachen. Und Hernachen da will er fürt von uns. Ar spricht, er wullte sei eegner Herre sein,'s gefällt'» ni niih zu Hanse. Ar gieht, und ar sieht s'ch nach an Dienste im. Bürden gerade, eh' Se kamen, is er»f'n Huf geganga wegen aner Kutscherstelle.?lr spricht, er inechte als Kutscher giehn bein Grafen, spricht'r." „So so! Zum Grafen will er. Sagen Sie Ihrem Sohn nial von mir, das soll er lieber bleiben lassen. Herrschaftlicher Dienst, das ist schlimmer als Sklaverei. Er mag lieber zu mir kommen. Ich werde ihm schon was verschaffen. Drüben in Worms- bach zum Beispiel, da habe ich gerade eine Stelle, die wäre für einen tüchtigen jungen Landwirth wie geschaffen. Hans, Garten, einige zwanzig Morgen Feld dazu. Ich würde ihm die Pacht billig lassen. Dort könnte er sein Glück machen. Sagen Sie ihm das von mir!" Die Bäuerin beknixte jeden seiner Sätze. In- zwischen hatte sich der Tisch vor dem Fremden mit allerhand Eßbarem bedeckt. Die alte Frau trat zu ihm:„Entschnl'gen Se ack, Herr Harrassowitz, mir han's emal ne basser. Was mer hau, das gahn mer Se gerne. Nu war'ch den Kutscher ane Bemme schinieren giehn. Oder snll'ch'n ane Neege Kaffee gahn, dem Kutscher?" „Thun Sie das, Frau Büttner," sagte Harrasso- witz lachend, und kniff dabei die alte Frau in den bloßen Arm.„Man wird bei Ihnen wirklich ver- wöhnt." Dann hieb er ein und ließ es sich schmecken. Toni brachte die Kaffeekanne herbei und setzte sie auf den Tisch. Ernestine mußte die beste Tasse aus dem Glasschranke holen. Die Bäuerin schenkte selbst ein. Es war Alles um den Gast bemüht. Dem schien es offenbar Freude zu niachen, sich so auf- merksam bedient zu sehen. Er schlürfte seinen Kaffee, blickte die Frauen vergnügt schmunzelnd durch seinen goldenen Zwicker an und richtete hin und wieder eine Frage an sie. Die Frauen wagten kaum zu antworten, verlegen standen sie im Hintergründe und sahen ihm mit chrftirchtsvollem Schweigen zu, wie .er aß und trank. Roman von Wilhelm von Polenz. Sam betrachtete sich die Tasse, ans der er trank. „Dem Jubelpaare!" stand darauf in Goldschrift. Tie Bäuerin erklärte, das sei ein Geschenk gewesen zur silbernen Hochzeit, die sie vor etwa fünf Jahren gefeiert hätten.„Dreißig Jahre verheirathet!" rief Sam.„Eine schöne Zeit! lind je glücklicher man gewesen, je kürzer kommt es einem vor.— Nicht wahr?— Ich werde nun auch bald meine silberne feiern. Mein Aelteftcr ist schon auf Universität. Er swdirt Jurisprudenz, verstehen Sie. Zu Ostern wird er fertig. Ein feiner Kopf, sage ich Ihnen! Habe mir's aber auch was kosten lassen. Dem Jungen ist nichts abgegangen." Sanis Gesicht strahlte, als er von seinem bc- gabten Sprößlinge sprach. Er sah sich selbstzufrieden ini 5kreise um und weidete sich an der stummen Bewunderung, die hier jedem seiner Worte entgegen gebracht wurde. Sein Blick fiel auch auf Toni. Seine zudringlichen, alles Zweideutige ausspürenden und aufstöbernden Blicke ruhten so lange auf der Figur des Mädchens, bis Toni sich erröthend ab- wandte, um sich in einer dunklen Ecke etwas zu schaffen zu machen. Der Händler winkte sich die alte Bäuerin heran. „Wie steht denn das mit Ihrer Tochter dort, Frau Büttner?" fragte er, und gab sich kaum die Blühe, seine Stimme zu dämpfen.„Verheirathet ist sie meines Wissens doch nicht— he!" Mit schnüffelnder Miene spähte er dabei immer nach dem Mädchen hinüber. „Ach Se meenen und Se denken, weil daß se..." Und nun folgte eine lange Auseinandersetzung von Toni's Liebesgeschichte. Es war weniger Entrüstung oder Trauer, was in den Worten der Mutter zum Ausdruck kam, als Aerger, daß dem Mädchen eine solche Dummheit passirt war. Beide Töchter waren im Zimmer und hörten jedes Wort, das die Bäuerin über den Fall sagte. Harrassowitz hörte mit einem gewissen Behagen zu und nickte hin und wieder mit dem Kopfe.„Ja, ja, so geht's! Die jungen Dinger sind immer nicht vorsichtig genug. Und ehe man sich's versieht, ist ein neuer Weltbürger da. Na, man muß immer noch das Beste daraus zu machen suchen. Haben Sie denn noch garnicht daran gedacht, Ihre Tochter als Amme gehen zu lassen, Mama Büttnern?" Die Bäuerin verstand nicht, was er damit meine. „Nun ja, als Amme! Verstehen Sie nicht? Da kann sich so ein Mädchen heut' zu Tage ein schönes Stück Geld mit verdienen. Wenn ein Mädel gesund ist und stark,— verstehen Sie. In den Städten wird das sehr gesucht. Lassen Sie Ihre Tochter mal dort ans der Ecke herauskommen." Das Mädchen zögerte, dem Ansinnen des Händlers Folge zu leisten.„Toni!" rief die willfährige Mutter, „De sollst kommen, Herst De ne! Zu Herrn Har- rassowitz. Er will D'ch sahn." Toni kam schließ- lich zum Vorschein; sie wußte nicht, wohin blicken vor Verlegenheit. Sie lachte krampfhaft, hielt sich den Arm vor's Gesicht und war dem Weinen nahe. „So stellen Sie sich doch nur nicht so schrecklich an!" meinte er, und musterte das Mädchen, wie etwa der Viehhändler sich ein Stück betrachtet.„Das sieht ja famos aus! In bester Ordnung Alles, wic's scheint. Spreewälder Kostüm wird Ihrer Tochter ausgezeichnet stehen, Frau Büttner. Das tragen diese Art Mädchen nämlich in Berlin. Weiße Hauben, kurze grüne oder rothe Nöcke, Sanimelmiedcr, schwarze Strümpfe. Alles Hochpatent! Wird dem Fräulein ausgezeichnet kleiden.— Na, wie steht's, Mama Büttnern?" Die Bäuerin war in großer Bestürzung über den Vorschlag des Händlers. Erzürnen wollte sie den Mann um keinen Preis durch eine abschlägige Antwort; dazu war ihre Furcht vor ihm zu groß. Auf der anderen Seite hatte sie das sichere Gefühl, daß das, tvas er da vorschlug, nicht recht und schick- lich sein könne. Sie hätte auch ihr Kind nur schweren Herzens von sich gelassen. Harrassowitz verfolgte seinen Plan weiter.„Ich wüßte eine ausgezeichnete Stelle," sagte er.„Meine eigene Tochter, die in Berlin verheirathet ist, erwartet im zeitigen Sommer. Die Sache ist eigentlich wie gegeben. Da käme Ihre Tochter in ein hochherrschaftliches Haus, Berlin W, Thiergarten- Viertel, das Feinste was es giebt! Na, kurz, das Mädel könnte sich gratuliren, wenn sie dorthin käme. — Wie steht's Frau Büttner, wollen wir die Sache abmachen?" Der Händler hielt die Hand ausgestreckt zum Zuschlag. Da die Bäuerin zögerte, griff er in seine Tasche.„Ich will auch gleich ein Aufgeld geben, damit Sie sehen, daß mir der Handel ernst ist."— Er ließ ein Geldstück blicken. Die Bäuerin hatte sich die Sache inzwischen über- legen können. Die Mutter in ihr war rege geworden. „Nee, nee! Herr Harrassowitz!" rief sie.„Sn gieht das ne! Das muß sich ecns doch erscht nrdcnt- lich mit seine Leite beraden. Und das Biadel falber mechte dnch och gehert wern, ob se und se mcchte." „Nu ja! Beredt Euch untereinander!" meinte Sam und steckte sein Geldstück wieder ein.„Ich werde gelegentlich mal wieder nachfragen diescrhalb." In diesem Augenblicke hörte man kräftige Tritte draußen am Thürpfostcn, wie von Einem, der sich den Schnee von den Füßen ttitt. Die Thür öffnete sich, und Gustav trat ein. Er kam vom Rittergutshofe, wo er mit Haupt- II 123 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. mann Schroff gesprochen halte. Vor der Thür sah er das Gefährt deZ Händlers stehen und erfuhr vom Kutscher, wer im Hause sei. Sofort schoß ihm daZ Blut in den Kopf. Erregt trat er in's Zimmer; er hatte den Feind noch nie von Angesicht zu An- gesicht gesehen. Seine tleberraschnng war groß, als er den Händler erblickte. Ten Burschen hatte er sich ganz anders vorgestellt. Unwillkürlich wollte er etwas von der teuflischen Bosheit, die er dem Menschen zutraute, auch in seiner Erscheinung wiederfinden. Dort, dieser l leine fette Mann, kahlkopfig, mit rothem Koteletteu- bart. das sollte der berüchtigte Samuel Harrassowih sein, von dem man erzählte, daß er viele Menschen zu Grunde gerichtet habe! Gustav fühlte auf einmal das Bediirfniß, dem Manne seine ganze Verachtung zu zeigen. Ter sollte sich mn keinen Preis einbilden, daß er sich vor ihm fürchte. Er wußte selbst incht, woher ihm der lieber- itmth kam. Als ob der Fremde garnicht im Zimmer sei, feuerte er seinen Hut in die Ecke und rief:„Wo ist der Vater?" Harrassowitz betrachtete sich den jungen Menschen. „Das ist also Nummero zwei, der gewesene Unteroffizier. Gratulire, Mama Büttnern, Sie haben einer gesunden Rasse das. Leben geschenkt. Solche Leute können wir brauchen." Die Bäuerin war auf ihren Sohn zugeschritten und inachte ihm verstohlene Zeichen, daß er den Gast begrüßen solle. Als Gustav das nicht zu verstehen schien, sagte sie ihm halblaut, wer er sei. „Wie alt sind Sie denn junger Mann— he?" fragte Sani. Gustav hielt es nicht der Mühe für Werth, zu antworten. Jetzt erkannte die Mutter, daß mit Gustav nicht Alles in Ordnung sei. Sie glaubte, er sei an- getrunken. Außerdem wußte sie, daß Gustav dem Händler nicht grün sei. Sie fürchtete das Schlimmste. In der Wnth war er unberechenbar, gerade wie der Vater. Sie trat daher zu dem Händler und antwortete statt des Sohnes:„Siebeuundzwanzig is er, Herr Harrassowitz— ju ju, siebeuundzwanzig. A strammer Kerle, nicht wahr, Herr Harrassowitz?" Dazu lachte sie gänzlich sinnlos aus Angst.„Und su a gutter Sohn wie der is, Herr Harrassowitz!" fuhr sie fort. Abwechselnd lächelte sie den Händler an, um ihn bei guter Laune zu erhalten, und warf dann wieder dem Sohne flehende Blicke zu, daß er nichts Un- besonnenes unternehmen möge. Gustav hatte inzwischen an den Speisen auf dem Tische, dem kriechenden Wesen der Mutter und den verängstigten Mienen der Schwestern erkannt, wie tief sich die Seinen vor dem Fremden gedeniiithigt hatte». Eine dumpfe Wuth erfaßte ihn plötzlich gegen dieses fette Gesicht. Wie der Bursche dasaß, protzig und sicher, sich die guten Sachen seiner Mutter schmecken ließ! Den würde er mal auf den Trab bringen. Auf Unterhandlungen wollte er sich garnicht erst ein- lassen; denn mit der Zunge war einem so Einer ja natürlich über. Hier kannte nur„ungebrannte Asche" helfen. „Ich höre, Sie sind auf dem Rittergute gewesen," sagte Harrassowitz, sich im Kauen nicht unter- brechend.„Um sich nach einer Kutscherstelle beim Grafen nmzuthnn— war denn da was?" „Gustav! Herr Harrassowitz fragt Dich, ob's De... Was suchst De deuue. Junge?" „Ich suche meinen Stock, Mutter!" sagte Gustav mit bedeutungsvollem Blicke nach dem Fremden hin- über.„Wo habe ich denn meinen Stock gleich... Ach, hier is'r!" Sam war während des Letzten rege geworden. Er hatte ein schnelles Begriffsvermögen. Gustav's Mienen- und Gebärdenspiel war auch äußerst sprechend in diesem Augenblicke. Der Händler sprang auf die Füße, riß seinen Pelz vom Ofen und suchte die Thür zu gewinnen, so schnell wie möglich. Die Mutter war dem Sohne in den Arm gefallen, der holte aus, konnte aber nicht zuschlagen, weil er sonst unfehlbar die alte Frau getroffen hätte. So gelang es Sam, unversehrt in's Freie zii gelangen. Die Frauen standen jetzt um Gustav und beschworen ihn, Leruunst anzunehmen. Er ließ den Stock sinken. Seine Wuth hatte sich schnell gelegt, sowie er den Feind in seiner ganzen Erbärmlichkeit gesehen. Der Anblick dieses Männchens, wie es mit erhobenen Händen, kläglich schreiend, sich ein pagr mal»in sich selbst gedreht hatte, war zu drollig gewesen. Gustav brach noch nachträglich in ein un- bündiges Gelächter aus. Er mußte sich die Seiten halten vor Lachen. Und ansteckend wie die Lustig- keit nun einmal wirkt, lachten die Blädchen schließlich auch mit. Die Bäuerin humpelte hinaus, um des Händlers womöglich noch habhaft zu werden, und ihn um Ver- zeihung für die Uuthat des Sohnes zu bitten. Aber es war zu spät; der Wagen fuhr bereits in schneller Gaugart aus dem Hofe. XV. Kasthelerust war in die Stadt gefahren. Der Hauptzweck seiner Fahrt war, Besorgungen und Be- stelliingen für die Gastwirthschaft zu macheu. Da er bei dieser Gelegenheit hauptsächlich mit Bier- brauern, Zigarren-, Wein- und Likörhändlern zn thnn hatte, die bei Geschäftsabschlüssen gern etwas springen lassen, befand er sich bereits am frühen Nachmittage in stark angeheiterter Stimmung. Kaschel- ernst pflegte sich jedoch nie bis zn voller Besinnungs- losigkeit zu betrinken. Auch heute schwankte er zwar bedenklich auf seinen kurzen Beinen, und sein Ratten- gesicht hatte eine bläuliche Färbung angenommen, aber im Uebrigen hatte er seine fünf Sinne völlig beisammen, und vor Allem war seine Durchtriebenheit nicht im Geringsten geschwächt durch die selige Stimmung. In solcher Laune machte er sich auf, seinem Geschäftsfreunde Sam einen Besuch abzustatten. Herr Kaschel aus Halbenau war ein gern ge- sehener Gast in der Getreidehandlung von Samuel Harrassowitz. Wenn er angemeldet wurde, ließ ihn Sam stets ohne Weiteres in das kleine Hinterzimmer führen. Der Kretschamwirth pflegte meist wichtige Nachrichten vom Lande zu bringen. Auch hier wieder bekam Kaschelernst sein Gläschen vorgesetzt. Man sprach von Diesem und Jenem. Ter Kretschamwirth hatte schon"i'ncherlei Interessantes ausgekramt. In seiner Stellung als Wirth eines vielbesuchten Gasthauses erfuhr er Vielerlei, was Anderen verborgen blieb. Heute hatte er sich etwas Besonderes bis zuletzt aufgespart. Eine Nach- richt, die, wie er mit verschmitztem Angenzwinkern sagte, sie Beide angehe: der Saländer Graf wolle dem Büttnerbauer auf die Beine helfen. Der Händler schnellte von seinem Sitze empor. „Das wäre doch ein starkes Stück!" „Es is genau su, wie ich's sage!" meinte Kaschel- ernst.„Der Graf will mich auszahlen. Büttner- traugott soll drinne bleiben im Gute. Su is es!" Harrassowitz stieß eine Verwünschung ans. Dann fragte er, ob Kaschel das genau wisse; es beruhe vielleicht auf einem falschen Gerüchte. Der Gast- wirth erklärte dagegen, der Graf lasse mit ihm unter- handeln, wegen Ilebernahine seiner Hypothek.„Mir kann's ja schließlich recht sein," meinte Kaschelernst mit Pfiffiger Miene.„Mir kann's schon ganz recht sein, wenn der Graf mich auszahlt; auf die Weise komme ich doch zu Gelde." „Sie wären auch ohnedem zu Ihrem Gelde gekommen, wenn wir das Geschäft znsauiluen ge- macht hätten!" rief der Händler wiithend.„Und was Schönes zn verdienen hätte ich Ihnen außer- dem gegeben. Kaschel! Das wissen Sie ganz gut! Das hier ist vollständig gegen die Verabredung. Nun kommt der Bauer wieder auf die Füße. Ver- fluchte Gauner, die Aristokraten, lieberall müssen sie sich einmischen. Wie kommt der Graf dazu, sich um dergleichen zn bekümmern! Verdirbt ehrlichen Leuten die Preise!" Harrassowitz war in diesem Augenblicke ehrlich entrüstet. Er empfand die Hülfe, die der Graf leisten wollte, als ein persönliches Unrecht, als un- erlaubtes Eingreifen eines Unbefugten in seine Domäne. Kaschelernst lächelte stillvergnügt und rieb sich die Hände. Er freute sich an Sam's Aerger. Dann trank er sein Glas aus und meinte:„Ja, da wird's am Ende diesmal doch nischt werden." Damit erhob er sich zum Gehen. Sam blieb in ärgerlichster Stimmung zurück. Der Gedanke, daß ihm das Büttner'sche Bauerngut entgehen sollte, war äußerst schmerzlich. Er hatte im Geiste bereits über dieses Gut verfügt, als sei es sein Eigenthum. Unter Anderem waren Unter- Handlungen angeknüpft wegen einer Dampfziegelei, welche er auf dem neuen Besitz anzulegen gedachte. Ferner hatte er sich überlegt, welche Stücke er ab- trennen und veräußern und welche er behalten wolle. Das Hauptgeschäft aber hatte er mit dem Walde vor. Den sollte ihm die Herrschast für theneres Geld abnehmen. Alle diese bereits eingefädelten Pläne drohten nun in Nichts zu zerfallen durch das, was er soeben von Kaschelernst erfahren hatte. Denn wenn der Graf wirklich für die Schulden des Bauern eintrat, dann wurde es nichts mit der Subhastalion, auf die es der Händler in erster Linie abgesehen hatte. Er hatte schon eine Menge Arbeit in diese Sache gesteckt, und nun sollte alles das auf einmal verloren sein. Das war sehr ärgerlich! Aber Sam pflegte sich niemals lauge zu ärgern. Aerger kostete Zeit und„Zeit ist Geld." Er schätzte das Geld viel zu hoch, um es auf ettvas Verlorenes zu setzen. Lieber strengte er seinen Verstand an, überlegte, ob sich hier nicht doch noch etwas machen lasse, und bald hatte er das Nichtige gefunden. Wozu war denn Edmund Schmeiß da! Von der Gewandtheit und dem Schneid dieses jungen Mannes hatte er mehr als eine Probe erhalten. Edmund Schmeiß war auch hierfür der richtige Mann. Der Plan des Händlers war folgender: Der Besitzer der Herrschaft Salaud war Rittmeister und stand in Berlin. Sam kannte den jungen Grafen zwar nicht persönlich, aber er wußte, daß er ein vornehmer Herr sei, der sich nicht sonderlich viel um die Gutsangelegenheiten kümmerte. Im Sommer und Herbst lebte der Graf ein paar Wochen mit seiner jungen Frau auf der Herrschaft, die übrige Zeit hielten ihn Dienst und Geselligkeit in der Reichs» Hauptstadt fest. Mit den Einzelheiten der Land- wirthschaft seines großen Besitzes konnte der junge Herr sich wohl kaum befassen; dazu waren die Be- amten da. Ihm war jedenfalls die Rente die Hauptsache, und er war schon zufrieden, wenn er nur möglichst wenig Arbeit und Sorgen durch den Besitz hatte. Es war ferner anzunehmen, daß der Graf über die Verhältnisse bei den kleinen Leuten und Bauern, mit denen er grenzte, nur sehr un- vollkommen unterrichtet sei. Was er etwa darüber wußte, wurde ihm jedenfalls durch seine Leute zu- getragen. Ueberhaupt sah er alle Verhältnisse wahr- scheiulich durch die Augen der Angestellten. Was konnte er eigentlich für ein Interesse an dein Büttner- bauer haben? Dem Grafen irgend welche Theil- nähme an der Erhaltung eines kräftigen Bauern- standes zuzutrauen, so naiv war Sauinel Harrassowitz nicht. Er kannte die Kavaliere! Wahrschcmlich spekulirte der Graf auf den Wald des Bauerngutes, der Jagd wegen. Jedenfalls war hier irgend ein ganz realer, egoistischer Zweck im Hintergrunde, welcher diesen großen Herrn veranlaßte, dem Bauern anscheinend hülsreich unter die Arme zu greifen. Wie nun den Grafen daran verhindern? Die Sache war äußerst breuzlich und mußte mit größter Vorsicht angefaßt werden. Solche Aristokraten waren hochfahrend, stark von sich eingenommen, und liebten nicht, daß man sich ihnen aufdränge. Auf der anderen Seite waren sie leichtlebig und rasch in ihren Entschließungen; ließen sich leicht bereden und fortreißen. Vor Allem aber kam es ihnen bei jedem Geschäfte darauf au, daß es sich in netter, gefälliger Form darbot, daß die Etikette gewahrt wurde. Sam besaß soviel Selbsterkenntniß, um sich zn sagen, daß, wenn er selbst nach Berlin führe, um mit dem Grafen zu verhandeln, dabei schwerlich etwas heranskoinmen werde. Er hielt sich zwar durchaus nicht für unfein, aber er wußte, daß Leute, wie der Graf, besonders wenn sie Offiziere sind, einen schwierigen Geschmack haben; kurz und gut, es schien ihm besser, seine Person im Hintergrunde zu hallen. Die Neue Meli. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. I! Edmund Schmeiß— das war ganz etwas Anderes! Das war ein„proper" aussehender junger Mann, immer„patent" angezogen und nnt„noblen" Manieren, überhaupt„prima"! Sam hatte immer seine geheime Freude gehabt an dem forschen Auf- treten seines Günstlings. Er zweifelte keinen Augen- blick daran, daß der Koimnissionär auch das Wohl- gefallen des Grafen schon durch seine Erscheinung gewinnen werde. Edmund Schmeiß wurde also ansersehen, nach Berlin zu reisen. Zuvor natürlich einigte man sich über die Provision, wie das unter vorsichtigen Gc- scha'stslcntcn üblich ist. Sam vereinigte immer gern mehrere Geschäfte, wenn es sich machen ließ. Ta er sich nun einmal in die Kosten gestürzt hatte, seinen Kommissionär nach Berlin zu schicken, gab er diesem gleich noch ein paar andere Aufträge mit. Alan hatte Gc- schäftsverbindnngcn mit Berlin. Schmeiß bekam Ordre, verschiedene Freunde von der Produktenbörse aufzusuchen und ein wenig auszuhorchen über dieses und jenes. Uebcrhmipt hätte Sam gern etwas über die Stimmung im Kreise der Eingeweihte» erfahren. Besonders für Weizen intcrcssirte sich der Händler gegenwärtig lebhaft. Die Berliner Berichte lauteten seit etwa acht Tagen stehend:„Weizen ruhig, bei ziemlich behauptetem Preise." Aber Sam traute nicht. Das war wohl nur die Stille vor dem Sturm. Der Markt litt nicht unter starkem Angebot, und trotzdcni kein Anziehen de? Preise! Roggen litt unter Glattstcllnngen, Gerste war still. Wahrscheinlich dachte ci.ie Anzahl großer Firmen, ini Trüben fischen zu können; etwa die niedrigen Notirnngcn zu benutzen, nm im Stillen Deckungen auszuführen und dann mit einem Male, wenn sie genug hatten, die Preise zu schnellen. Es wäre recht interessant gewesen, hinter die eigentlichen Absichten der maßgebenden Leute im Weizengeschäft zu kommen. Wenn man das Ziel des Manövers rechtzeitig erfuhr, konnte man sich in seinen 'Manipulationen darnach richten. Edmund Schmeiß reiste also nach Berlin ab. Zunächst versah er sich in einem Modemagaziii mit einem nencn Zylinder, rothbraunen Handschuhen und einer Kravatte von prächtiger Farbe. Er meldete sich nicht an; den» da riskirtc man eine Ablehnung. Er wollte überraschen, wenn es sein müßte, über- rumpeln! Tie Biittagsstnnde schien ihm die beste Zeit für seinen Besuch. Er nahm eine Droschke erster Klasse, der Kutscher sollte vor der Thür auf ihn warten— man durfte nichts versäumen, was guten Eindruck machen konnte— und fuhr nach „den Zelten", wo, wie er durch das Adreßbuch er- sehen hatte, der Graf seine Wohnung hatte. Fast gleichzeitig mit ihm fuhr ein Coupe vor. Ter Diener sprang vom Bock und öffnete den Schlag. Ein Illancnoffizier stieg aus und eine Dame. Der Herr gab dem Kutscher noch Weisungen und schritt dann der Dame nach, in's Hans. Edmund Schmeiß hatte die Szene mit Neugier verfolgt und sich die Physiognomien genau eingeprägt. Er trat an den Wagen heran, nahm den Hut ab und fragte den Kutscher, wer das gewesen sei. Ter Kutscher nannte den Namen seiner Herrschaft. Ter Kommissionär war zufrieden, nun wußte 'er doch, daß der Graf zu Haus sei. Er sah sich noch einmal Wagen und Pferde an. Die Geschirre, die Livreen, bis herab auf die Bockdccke und die Handschuhe von Kutscher und Diener, Alles vom Besten, geschmackvoll und gediegen. Edmund Schmeiß ließ ein paar Minuten ver- streichen, während der er auf dem Trottoir auf und ab ging, und begab sich dann in's Haus. Ein Kammer- diener öffnete auf sein Klingeln. Der Kommissionär hatte eine gleichgültig überlegene Niiene vorbereitet, von der er annahm, sie müsse ans einen Bediensteten Eindruck machen. Der Diener, ein großer bartloser Graukopf, mit der gemessenen Haltung eines Lords, warf einen einzigen prüfenden Blick auf den Fremden und erklärte darauf, der Herr Graf seien nicht zu Hans. Damit wollte er die Thür schließe», aber der Kommissionär, fix im Auffassen, wie im Handeln, hatte sich zwischen Thür und Angel gestellt, so daß Jener nicht zumachen konnte.„Sagen Sie dem Herrn Grafen," rief er mit einer Stimme, die bc- rechnet war, auch in den Zimmern gehört zu werden, „ich hätte dem Herrn Grafen wichtige Nachrichten von der Herrschaft Saland zu bringen. Hier ist meine Karte." Der Kammerdiener las die Karte, betrachtete sich den Mann noch einmal, zuckte die Achseln und verschwand darauf. Nachdem man den Agenten eine geraume Zeit hatte warten lassen, erschien der alte Diener wieder. Sein Benehmen hatte an Geringschätzung zngenomnicn. Die Herrschaften wären jetzt beim Lnnchcon, erklärte er, der Graf ließe dem Herrn aber sagen, wenn er mit ihm sprechen wolle, möchte er in einiger Zeit wiederkommen.(Forlscyung folgt.) & Bus öfr KtWit fiiifs Ztcklkritbtzirks. Von A. Winter. IJl ie Geschichte der Industrie und ihrer Wirkungen ans Land und Leute läßt sich bei solchen Industriezweigen am leichtesten verfolgen und am deutlichsten erkennen, die an bestimmte Oertlich- leiten gebunden sind. Zu diesen Industriezweigen gehört namentlich die Montanindustrie, der Bergbau und Hüttenbetrieb, die besonders früher, aber auch heute noch trotz Schiffsahrt und Eisenbahnen nur da emporblühen kann, wo sich die für diese Industrie nöthigen Rohmaterialien, Kohlen und Erze, in hin- reichender Menge finden. Montanindustrie-Gegenden sind im Unterschied von Gegenden mit anderen In- dustrien auch dadurch interessant, daß sie meist eine umfangreichere Geschichte haben als diese. Der Berg- bau Deutschlands hat es stellen- und zeitweise im frühen Mittelalter sowohl als auch in den späteren Jahrhunderten zu gewissen Bllltheperioden gebracht, ist aber erst in der neuesten Zeit, im Zeitalter der Maschine», zu großartiger Bedeutung gelangt. So hat auch der oberschlcsische Jndustriebezirk, jene so lange verachtete und doch so ungeheuer Werth- volle Ecke im äußersten Südosten des Reiches, an der Grenze dreier Kaiserreiche, seine Geschichte. Ge- rade in diesen Jahren wird die Aufmerksamkeit des Beobachters dieses Bezirks auf dessen Geschichte gelenkt, da der ungeahnte, rapide Aufschwung, den er nimmt, unwillkürlich zu Vergleichnngen zwischen dem Jetzt und dem Ehemals dieser Gegend anreizt. Gerade in diesen Tagen treten einige Veränderungen in die Erscheinung, die nichts weiter sind als Folgen eines Emporblühens der Industrie, an das Niemand früher denken konnte. So hat es die Entwickeluug des Jndnstriebezirks bewirkt, daß der Verwaltungs- apparat der Regierung in Oppeln für Oberschlesien nicht mehr genügt und ein neuer Regienuigsbezirk gebildet werden muß, daß ferner die bisherige Ge- werbeanfsicht, obwohl sie erst im vorigen Jahre durch Einrichtung einer neuen Inspektion verbessm wurde, nicht mehr ausreicht und in diesem Jahre schon wieder eine neue Inspektion eingerichtet werden muß, und daß der alte Kreis Benthe», der mit dem Jndustriebezirk so ziemlich identisch ist, nunmehr in sechs Kreise zerlegt worden ist. Der zuletzt gebildete Kreis ist zudem ein Stadtkreis, bestehend aus einer Stadt, die erst neunnndzwanzig Jahre alt ist, aber schon mehr als fünfzigtausend Einwohner umfaßt und so die größte Stadt Obcrschlesiens ist. Aber die Montaiiiiidnsirie selbst hat sich nicht eher zu ihrer heutigen Bedeutung emporarbeiten können, bevor nicht auch in den übrigen Prodnkrionsgebictcn der Ucbergang von Handwerk und Mamifaktnr zum Fabrikbetrieb begann und sich vollzog. Insbesondere der Kohlenbergbau ist viel jünger als der Erzbergbau, da man eher die Rtetalle als die Steinkohlen brauchte oder zu gebrauchen verstand. Auch in der ober- schlesischen Montanindustrie hat der Erzbergbau eine weit ältere Geschichte als der Kohlenbergbau. Berichte von jenen besitzen wir schon ans dem dreizehnten Jahr- hundert, und höchstwahrscheinlich betreffen diese Be- richte nicht einmal die ersten Anfänge des Bergbaues; der obcrschlesische Kohlenbergbau dagegen datirt erst ziemlich genau seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, größere Bedeutung gewann er aber erst mit dem Aufkommen der Hüttenindustrie und der Verwendung der„Fencrmaschinen" in den beiden letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. In geologischer Beziehung ist das Tarnowitzer Plateau, auf dem schon in frühester Zeit Bergbau betrieben wurde, mineralreich wie selten ein Fleck der Erde. Auf der Oberfläche und in geringer Tiefe liegen Eisenerze, darunter Zink- und Bleierze, unten vorzügliche Steinkohlen, die mit den besten englischen wetteifern. Der Reichthnm des Bodens an Steinkohlen beschränkt sich aber nicht blos auf den oberschlesischen Jndustriebezirk im engeren Sinne dieses Wortes; das sogenannte obcrschlesische Kohlenbecken, das reichste Deutschlands, erstreckt sich ostwärts nach Rußland(das Dombrowaer Revier mit dem bedcn- tenden Jndnstrieort und Bahnknotenpnnkt Solnowicc) und nach Galizien(Hanptort Jaworzov), südwärts nach der Südspitze des Ratiborer Kreises(das Hnlt- schiner Becken) und nach Oestcrreichisch-Schlcsicn und Mähren(Hauptorte Ostrau und Witkowitz). Nach fachmännischer Schätzung sind in ihm bis zu einer Tiefe von GOO Metern 50 000 Millionen Tonnen Kohlen vorhanden; in größerer Tiefe, aus der zu fördern sich jedoch bei dem' heutigen Stande der Technik nicht lohnt, noch weitere 200 000 Biillioncn Tonnen. Der Abbau ist bequem und billig, da die Flötze sehr mächtig sind; Flötzc unter 2 Metern Stärke gelten als nicht abbauwürdig, 4—0 Bieter beträgt die Durchschnittsstärke der Flötze. Es kommen aber auch Lager von l2— 15, ja, an einer Stelle im russischen Theile des Beckens von 10 Bietern reiner Kohle vor. Die beste Gegend für den Abbau ist ein Streifen von Zabrzc über Kattowitz bis nach Sielce in Rußland. Nächst dem Rcichthnin an Steinkohlen ist das Vorkommen von Zinkerzen für Oberschlcsie» von der größten Bedeutung. Oberschlefien ist das wicht gstc Zinkprodnktionsgebict der Erde; noch vor Kurzem lieferte es 40 Prozent der gesammten Zinkerzcngnng der Welt. Blei und Silber kommen in geringeren Mengen vor, aber der oberschlcsische Blei- und Silber- bergbau verdient deshalb ein gewisses Interesse, weil der Staat, der preußische Bcrgfiskns, der Haupt- Produzent ist, dem die 2'/» Onadratmcilen große Friedrichsgrube bei Tarnolvitz gehört, und weil gc- rade die Errichtung der Friedrichshiitte am Ende des vorigen Jahrhunderts einen wichtigen Anstoß zur Erweiterung des gesammten oberschlesischen Berg- baues gab. Naturgemäß war es das Silber, das hier wie auch sonst zuerst gesucht wurde; mit ihm znsammcn das Blei. Auf Blei und Silber scheint sich der obcrschlesische Bergbau des dreizehnten Jahrhunderts beschränkt zu haben. Die Pingenziige dieses alten, von deutschen Bergleuten betriebenen Bergbaues sind noch heute nicht ganz verschwunden. Lange mag das Silbersnchcn nicht gedauert haben, wenigstens besitzen wir ans dieser Zeit nur wenige Nachrichten über den Fortgang des Bergbaues. Erst„die Funde auf den Bergen" im fünf- zehnten Jahrhundert haben wieder zu neuen Arbeiten angeregt; Berge bei dem heutigen Tarnolvitz, das damals aus den nach den Funden schnell entstandenen Kolonien gegründet wurde, waren gemeint. Tarnolvitz wurde der Mittelpunkt des Bergbaues und blieb es bis in unser Jahrhundert hinein— noch heute ist Tarnolvitz der Sitz der oberschlesischen Knappschaft; im Vcrhältniß zu den übrigen Hauplortcn des In- dnstriegebietes ist es in diesem Jahrhundert sehr zurückgeblieben, eine ganze Anzahl junger Dörfer sind doppelt so groß und größer, als die alte Stadt Tarnolvitz.— Im nächsten Jahrhundert(1502) wurde Tarnolvitz eine„freie Bergstadt", cS erhielt ein Bergamt; die alte Bergordnung für Oberschlesien ist die Tarnowitzer vom Jahre 1528. Damals waren sämmtliche Bürger dieser Stadt Bergleute oder Gewerken. Die oberen und auch die unteren Bergbeamten waren Deutsche, meist ans Sachsen; die Arbeiter waren Polen. Und wenn noch heute die deutschen Grubeubeamten die„polnischen H...." verfluchen, so ahmen sie damit nur das Beispiel ihrer Vorfahren nach, die ebenfalls das„Bergwerks- gesindelein", die„groben, polnischen Leute, ungezogen, 124 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. »mthwMg»nd qn»z widerwärtig" recht ütcl lc'wndclt zu haben scheine». Wie wenig damals die Bergbau- tcchnik entwickelt war, zeigt die Thatsache, das; die Schächte höchstens 4l> Btetcr tief, das; die Gruben- selber winzig klein waren Olli X 36 Meter oder >8 x 18 Lachter) und das; es deshalb zwar nnge- Heuer viel Schächte gab, diese aber im Verhältnis; zu den jetzigen Gruben die reinsten Zwergbetriebe waren. So wurden im Zeitraum von 1529 bis 1627 um Tarnowitz herum über 7560„Schächte" angelegt, „Waschungen" gab es in derselben Zeit 59,„Nos;- statten" 24, sechs Hütten und nur einen Stollen. Mit den Abgaben der Gewerken war es nicht schlimm. Das änderte sich indes; mit der Einwan- dernng des Geschlechtes der Grafen Henckel von Donnersmarck. Diese Familie, die sich 1761 in eine evangelische und eine katholische Linie gespalten hat, stammt aus der Zips, ans dem ungarischen Städtchen Donners- marck.„Für beträchtliche Darlehen" hatte der Markgraf Georg von Brandenburg im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts die Herrschast Beuthen an Lazarus Henckel von Donnersmarck verpfändet. An dessen Sohn wurde sie 1629 sogar verkauft. Jetzt kam die Familie schnell in die Höhe, sie war zehntenfrei, wenigstens bezahlte sie keine Abgaben und war da- durch vor ihren Konkurrenten sehr im Vortheil. Im Gebiet der Herrschaft Benthe» aber war sie sehr streng gegen die Bergleute, gestattete ihnen das Schärfen überhaupt nicht und erhob wohl auch schon Abgaben, zu denen sie garnicht berechtigt war.* Dadurch und vielleicht ebenso sehr durch die schlesischen Kriege ging es mit dem Bergbau bergab, sodasz es in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts schwer wurde, ihn wieder zu beleben. Da Privat- lente wegen der Ansprüche der Henckel sich auf Bergbau überhaupt nicht einlassen wollten, mußte der Fiskus den Anfang machen. Die Produktionszahlen aus dem vorigen Jahr- hundert sind natürlich noch recht niedrig. Der erste Hochofen, selbstverständlich ein Holzkohlen-Hochofcn, wurde 1718 erbaut, 1756 gab es deren 14; zu dieser letzteren Zeit betrug die jährliche Produktion etwa 25666 Zentner Roheisen und 32666 Zentner Stabeisen. Merkwürdiger Weise besitzt Oberschlesien heute noch Holzkohlen-Hochöfen, drei, von denen 1896 allerdings nur noch einer im Betriebe war. Sie liegen in der waldreichen Gegend nördlich vom Jndustriebezirk, in den Kreisen Lublinitz und Rosen- bcrg; zwei gehören dem Rittergutsbesitzer Gallinek auf Kryzamowitz, einer dem Prinzen zu Hohenlohe- Jngelfingen auf Koschentin. Um die Galmeiprodnktion machte sich ein Bres- lauer Großkaufmann verdient, Georg von Giesche, dessen Name in der großen und reichen Bergwerks- gcsellschaft G. von Gicsche's Erben weiter lebt. Er erhielt 1764 ein Privilegium zur Galmeigewinnung auf 26 Jahre; ihm und seinen Erben wurde es bis in den Anfang dieses Jahrhunderts hinein erneuert. Von dem Wetthe der Steinkohle wußte man noch nichts, nicht viel von Steinkohlen überhaupt. Erst 1756 beginnt eine reguläre Förderung dieses wunderbaren Minerals, und zwar bei Rnda, wo damals wie heute die bekannte Familie von Ballestrcm regierte. Sofort witterte die preußische Regierung mit ihrem hierin sehr feinen Instinkt in der Kohlen- gewinnung eine ergiebige Steuerquelle. Die Bres- lauer Kriegs- und Domäiienkanimer setzte eine Kom- Mission ein, die die Frage prüfte und versuchte, unternehmungslustige Lente zum Kohlenbergbau zu reizen. Sie hatte indes; vor der Hand kein Glück; die Abgaben waren zu hoch, und insbesondere die Familie der Henckel, auf deren Gebiet es vor Allem ankam, machte unendliche Schwierigkeiten. (Zchluß folgt.) * Im vorigen Jahre wurde ein Prozeß der katho- lischm Linie der Grafen Henckel von Donnersmarck gegen den Bergfiskns nach neunjähriger Dauer beendigt, durch den diese Familie das Privatbergregal für eine ihrer „Herrschaften"(Beuthen-Siinianowitz) erkämpfen ivollte. Ihre Ansprüche wurden zurückgewiesen. Das Streitobjekt wurde auf über 46 Millionen Mark geschätzt. Wanderungen durch �cit und Rnnm. Von XI). Overbeck. XV. Die neuere Zeit der Erde und das Auftreten des Menschengeschlechts. fiiie meistens fremde Welt war es, welcher wir auf unserer letzten Wanderung begegneten, und nur selten trafen wir auf anheimclnde Gestalten und bekannte Formen. Ganz erheblich ändert sich, dieses aber mit der den älteren, bisher besprochenen Ablagerungen auf- lagernden Braunkohlcnperiode, der Molasse oder Tertiärformation. Auch diese Schichten repräsentiren allerdings noch verschiedene Wcltalter, und die Geologie gliedert sie daher in Nnterabtheilnngen und zwar das Eozän (Morgenroth der neuen Welt) mit der Nummuliten- und Flyschformation* Südeuropas, Oligocän mit der älteren Molasse und der norddeutschen Braunkohlen- formation, Miocän oder die mittlere Molasse, und dann dem jüngsten Tertiär, dem Pliocän, dessen Ablagerungen sich vorzüglich durch die zunehmende Menge noch heute lebender Thier- und Pflanzenformen ans- zeichnen. Schtvcr ist jedoch eine genaue Abgrenzung der verschiedenen Ablagerungen, denn da schon seit Ende der Kreidezeit langsam klimatische Unterschiede sich fühlbar machten, welche in älteren Zeiten ja noch völlig fehlten, so müssen die verschiedenartigsten For- inen in den verschiedenen Gegenden unseres Erdballs gleichzeitig existirt haben, wodurch sich die Frage nach dem höheren oder geringeren Alter äußerst schwierig gestaltet. So viel steht jedoch fest, daß zur älteren und mittleren Tertiärzeit in mitteleuropäischen Breiten bis weit nach Norden hinauf noch ein Klima herrschte, das dem unserer heißen Länder ähnlich war. Wegen der Schwierigkeit, die Altcrsfolge der einzelnen Tertiärablagernngen sowie die ihrer organi- schen Einschlüsse genau zu sondern, da letztere all- geniein ineinander übergreifen, welche detaillirte Son- dernng der zur Verfügung stehende knappe Raum verbietet, ist hier geboten, die Flora und Fauna nur in großen Zügen zu schildern, den Gesammteindruck dieser Urwelt wiederzugeben. Nachdem bereits in der Kreidezeit einzelne Nadel- Hölzer erschienen, ähnlich denjenigen, welche der Laie gemeinhin lediglich als Nadelhölzer betrachtet, also die Abietinen, zu deiieir die verschiedenen Arten der Kiefern, Cedern, Fichten, Tannen und Lärchen gc- hören, treten diese Formen in der Tertiärzeit außer- ordentlich reich an Arten auf, wogegen die Arau- carienforni, welche in den älteren Zeiten so sehr dominirte, bedeutend zurücktrat.** Von der dieser sehr nahe stehenden Form der Seqnojen, zu denen u. A. die kalifornische Riesen- sichte oder der Mammuthbaum gehört, sind ans der jüngsten Kreide- und der Tertiärzeit in Europa noch siebzig Arten bekannt, während diese Familie heute in Europa völlig ansgestorben ist, gleich vielen anderen Nadelhölzern, welche sich ebenfalls meistens nur noch in Nordamerika finden. Aeußerst wichtig sind diese Nadelhölzer für die Dcsccndenzlehre geworden, d. h. für diejenige in Fachkreisen allgemein anerkannte Lehre, nach welcher eine Thier- oder Pflanzenart, konform den sich ändernden Verhältnissen, sich langsam ans einer anderen entwickelt, derart, daß aus der einfachen Amöbe und Zelle, allinälig von Generation zu Gene- ratio» sich langsam ändernd, meistens vervollkomm- nend, schließlich komplizirte und hochstehende Thier- und Pflanzenformen hervorgingen. Tarivins Verdienst ist es, die verwickelten Vcr- Hältnisse dieses Entwickelungsganges geklärt und die * Nurnimilitenformation, im Kalkgestein fast nur ans den Gehäusen von Wurzelfüßern mit platter, münzen- artiger Gestalt gebildet, ans welchem Gestein im Wesent- lichen die cgyptischen Pyramide» erbaut sind. Flysch, eine im Süden weit verbreitete Ablagerung, durchsetzt von Schilfabdrückcn und Resten von Seetang. ** Lebend siuden sich nur noch sechs Arten Araucarien. Ursachen ergründet zu haben, welche den Werde- Prozeß bedingen; die Dcscendenz- oder Entwickelungs- lehre selbst, nach der also die heute lebenden Orga- nisnien ansnahinslos die direkten Nachkommen der Lebewesen der Vorzeit bczw. der ältesten Formen sind, aber ist erheblich älter als Darwin und haben schon Gelehrte deS klassischen Alterthums diese An- schaumig vertreten, ohne sie jedoch begründen zu können. Für die exakte Formulirnng und den Aus- bau dieser Lehre haben in erster Linie Lamarck und dann auch Goethe, in neuester Zeit Häckel Her- vorragendes geleistet.— Tie Wichtigkeit der Nadel- Hölzer für die Abstammungslehre möge nun demon- striren, daß z. B. von der Gatfting Kiefer es ur- spriinglich nur eine Art gab, welche die Geologen Linus Lalaeo-Ltrodus benannten. Von dieser Urart lassen sich nun in zwei Haupt- reihen, eine Art immer in die andere übergehend, sämmtliche tertiären und noch heute lebenden Arten der Kiefern ableiten. Allerdings ist eine derartige direkte Ableitung von alten Formen auch bei verschiedenen anderen Baninarten und auch Thieren geglückt, aber bei der Kiefer tritt dieser Werdcprozes; derart nnverhüllt zu Tage, das; dadurch die Wichtigkeit der Deszendenzlehre unzweifelhaft erwiesen wird. In der älteren und mittleren Tertiärzeit herrschte, wie bereits erwähnt, bis weit über den Polarkreis hinaus noch ein heißes Klima, mit dementsprechender Flora und Fauna. In dem heutigen Deutschland grünten Palmen, Pandanus, Bambus und tausenderlei andere Formen heißer Zonen, bis auf wenige Ausnahmen jedoch Gattungen und Arten angehörend, welche heute nicht mehr leben; sogar in Spitzbergen und auf Grön- land fand man prächtig erhaltene versteinerte Rest». von Palmen und Banmfarren. In den Wäldern jener Zeiten tummelte sich eine reiche Thierwelt, zum Thcil von noch fremdartiger, vielfach jedoch auch noch jetzt lebenden Arten ähn- licher Gestalt. Mächtige Elephanten, der Zitzenzahn oder das Mastodon, von denen verschiedene Arten bekannt sind, darunter solche mit vier Stoßzähnen, zwei großen im Oberkiefer, zwei kleine im Unterkiefer, das elcphantcnartige Dinothcrium mit nach unten und hinten gekrümmten Stoßzähnen, Nashörner und Nilpferde, eine völlig ausgestorbene Form, das Leptiodon, halb Schwein, halb Flußpferd, belebten die Wälder und Moriiste jener Zeiten. Einige Giraffenarten, zwei Gattungen angehörend, sowie in den älteren Tertiärzeiten zwei ausgestorbene Thierformen, das tapirartige Palaeotheriiim mit kurzem Rüssel und drei Zehen, ans dem durch eine ganze Weihe von Zwischenstufen durch allmäliges Verschwinden der Seitenzehen und stärkeren Aus- bildung der mittleren Zehe schließlich die Einhufer, die Arten der Gattung Equus(Pscrd, Esel, Zebra usw.) hervorgingen, wie genau nachgewiesen ward, sowie eine Thierart Anoplotherimn, gedrungene, lang- geschwänzte Thiere mit plumpem Kopf, welche als die Stammform der Wiederkäuer zu betrachten sind, von welcher verschiedene Spezies von der Größe eines Hasen bis zu der eines Esels sich fanden, waren vorzüglich charakteristisch. Auf diese Anoplotherien folgen lamaartige Thiere, der hirschartige, geweih- lose Piphodon oder Degenzahn, halb Wiederkäuer, halb Schwei», schließlich echte Lamas, Hirsche, Rinder- arten und Schafe. In Nordamerika lebten höchst wundersame Ge- schöpfe, zu denen es heute auf der Erde an Seiten- stücken fehlt. Es waren dieses Thiere von der Lebensweise und annähernden Form der Tapire(die Gattungen Coryphodon und Tinoceras). Die nahe verwandten Brontotherien derselben Gegenden waren ebenfalls tapirartige Geschöpfe, welche an Gestalt ungefähr einem clephantengroßen Nashorn glichen. Tie schon erwähnten Dinoceraten oder Schreck- hörner waren meistens Thiere von der Größe der Elephanten mit massigen, aber kurzen Beinen, plnm- pein, mit starken Hörnern bewehrtem Kopfe und, nach der Schädelform zu urthcilcn, rüsselförmig ver- längerter Nase. Die Neue Welt. Zllustrirte Unterhaltungsbeilage. 125 Daß bei einer solchen reichen Thierwelt auch ähnliche Affen, u. A. der Dryopithecus fontani und geschlechts als auch praktisch gelöst betrachtet die Raubthiere nicht fehlten, ist selbstverständlich. ll�lobates antiguus, welche weit über die heute leben- werden. Bärengrosze Insektenfresser, wie das Synoplo- den Menschenaffen, Gibbon, Orang, Schimpanse und � Der Mensch stammt darnach thatsächlich vom therinm, weisen mit Sicherheit auf eine reiche In- Gorilla sich erhoben, deren mehrfach anfgefnndene Affengeschlecht ab und haben sich Urformen des an- sektenwelt und Termiten hin. Zähne so außerordentlich Menschenzähnen gleichen, daß fänglich wahrscheinlich noch der Sprache entbehrenden Tie ältesten Raubsänger waren Sohlengänger, selbst gewiegte Forscher sie anfänglich für solche hielten. Menschen im Laufe der Zeit in den warmen Wäldern W Si T «■ H r» Z *rrvie es mit dem Jungvieh stände, und ob der Schmied sein Lamm zum Schlachten heimgeholt hätte; aber sie bekani nur kurze Antworte». „Kaum sitzest Du da und maulst so? Du bist doch nicht krank?" „Nein. Aber ich habe die Geschichte satt. Ich halte es nicht länger aus," stieß er heiser hervor. Die Runzeln in dem Gesicht der Alten zogen sich zusammen. „Ja, Du kannst ja reisen. Anders, aber ich glaube, Du wirst es bereuen, soweit ich Dich und die Welt kenne. Glaubst Du denn. Du bist im Stande, Dir draußen unter Fremden den Weg zu bahnen?" „Warum sollte ich das nicht können? Hier kann ich ja nicht vorwärts kommen. Begreifst Du denn nicht Großmutter, daß die Leute mich verachten weil ich hier herumlungere wie ein--?" Seine Stimme bebte. „Nimm Dir Jngeborg's Neckerei nicht so zu Herzen, kümmere Dich doch nicht darum. Ich rathe Dir zu Deinem Besten, Anders!" „Das weiß ich wohl. Ich kann Dich ja auch nicht verlassen.—— O, es ist, um darüber ver- nickt zu werden!" Er sprang ans und lief im Zimmer umher, setzte sich aber bald wieder und stützte die Hand gegen seine heiße, feuchte Stirn. „Komm' doch zur Vernunft, Junge!" -„Wenn ich immer hier bleiben soll, werde ich unglücklich!« brach es in unterdrücktem Schluchzen aus ihm hervor. Maren legte ihre Arme um seine Schulter. „Aber, Anders! Ach, Herr Gott, kannst Du denn nicht warten, bis ich in der Erde liege? Bleibe daheim, liebster Anders!" „Ja— ja!" stöhnte er, die Stirne gegen den Tisch gepreßt. Stark bewegt schlich Maren in die Küche hinaus. Sie begriff jetzt, daß er unter dem beschränkten Leben daheim mehr litt, als sie gedacht hatte. Aber war es trotzdem nicht ihre Pflicht, ihn zurück zu halten? Würde es ihm draußen in der Welt, die er nicht kannte, nicht schlecht ergehen? Und würden ihre letzten Lebenstage nicht kalt und traurig werden, wenn Anders fort ivar? Er konnte ja als ein Bettler heimkehren, zum Spott für Alle, zur Last für die Gemeinde! Als Anders am nächsten Morgen sich an den Frühstückstisch setzte, sah er vergrämt und verwacht ans und rührte kaum das Essen an. „Na, Kopf hoch und keine schiefen Beine!" sagte Maren munter. Aber es half nichts. Erst in einigen Tagen gewann er seinen Gleichmnth wieder. ** * Einige Monate darauf starb der alte„Jäger", und noch in demselben Jahre, um Michaelis henim, lag auch seine getreue Ehehälfte im Sterben. Anders saß häufig an ihrem Bette und las laut ans dem Gebetbuch vor. Seine trockene, tiefe Stimme paßte gut zil der Dämmerung und der dumpfen Luft im Zimmer. „Meine Zeit ist bald um," sagte Maren zu einer Frau, die zu ihr hinausgekommen war, um nach ihr zu sehen.„Das meinte auch Tischlers Anne, als sie gestern hier war. Und der Hund unseres Nachbars heulte so, dies Wahrzeichen gilt wohl mir." „Dessen mußt Du noch nicht so sicher sein," tröstete die Bcsncherin,„wir sahen's ja im vorigen Jahr bei der MiillerSfraii." „Ja, sie erholte sich wieder. Ach Gott, ja. Aber ich muß so viel an den armen Anders denken. Was soll aus ihm nur werden, wenn ich todt bin? Er will ja hinaus!" Ihr Gesicht zeigte den Aus- druck der Angst, ihre graubraunen knochigen Hände zitterten. „Du brauchst seinetwegen sicher nicht ängstlich zu sein, er ist ja ein braver Bursche." „Ja— und in seiner Art klug; aber er ist ja solch ein Sonderling geworden..." Als Anders am nächsten Tage an ihrem Bette stand, fragte die Sterbende ihn:„Nun bleibst Du wohl daheim, Anders?" Er blickte zu Boden. „Ja, Du sollst mir nichts geloben. Ich wollte nur sagen, daß Du es hier ebenso gut hast, wie Du hoffen kannst, es anderwärts zu bekommen. Wenn Du nur Deine Pflicht thust, wirst Du gerade so geachtet werden, wie die meisten anderen Burschen und Männer hier in der Gemeinde. Vergiß das nicht. Kümmere Dich niemals darum, daß die Leute Dich Großmuttersöhnchen nennen, das hört schon ans." Sie hätte gern noch mehr gesprochen, aber ihre Stimme versagte. Sie röchelte in schwerer Athem- noth und tastete nach einem Krug Wasser.— Am nächsten Tage schlich Anders auf Socken in das Studierzimmer des Pfarrers hinein mit der Nachricht von ihrem Tode. „Es wird nun recht einsam für Dich werden, mein Sohn," sagte der Geistliche, als der Bursche seine Meldung erstattet hatte. Anders senkte den Kopf und erwiderte:„Ja— das wohl." „Bleibst Du auch in Zukunft ans Fladstrand? Na ja, das thust Du doch wohl?" „Ich weiß nicht recht—" „Dort draußen kannst Tu ja wie ein kleiner König leben!" Er klopfte Anders freundlich auf die Schulter, und dieser ging fort. Auf dem Heimwege wiederholte er bei sich im Stillen, was der Geistliche zu ihm gesagt hatte. Fort? Ja, er wollte fort, aber jetzt noch nicht. Wenige Tage nach deiii� Begräbmß ging Anders nach Kjaeldstrup, um mit den Leuten in der Stadt den Hirtenvertrag zu erneuern: sie sollten im Laufe des Nachmittags sich in der Mühle versammeln, um den Zunftmeister neu zu wählen. llnterwegs traf er die Näherin Jngeborg. „Oho, bist Du aber heute fein herausgeputzt, Anders? Bist Du ans, um Dir eine Haushälterin zu miethcn?" sagte sie mit ihrer gewöhnlichen Schelmerei. „Ne, es sei denn, daß ich Dich bekommen könnte!" „Mich! Nein, ich finde es hier in der Stadt doch zu amüsant, um mich dort draußen zu begraben. Komm' Du auch lieber zur Stadt, Anders, wir werden Dich schon anfmnntern!" Sie lachte und trippelte davon wie eine Bachstelze. Anders hatte die dumpfe Empfindung, daß sie sich aus ihm nichts machte. Aber dennoch blieb in ihm ein Hoffnungsrest zurück. * Wenn der Winter um war, wollte er fort, das war lange sein Vorsatz gewesen. Aber der Frühling, der Sommer und der nächste Winter ließen Anders an demselben Orte zurück,>vo sie ihn gefunden hatten. Er konnte— wegen des Gedankens au Jngeborg— sich nicht mit einem Schnitt von dem trennen, was ihn an die Scholle band, obwohl er nur hier und da einen Schimmer von dem flotten Mädel sah. Es war wohl das Beste, zu warten, dachte er, zu warten und zu sehen, was sie wollte. lind so blieb?lnders. Und es vergingen mehrere Jahre, ohne eine Veränderung in seinem stillen Hirtenleben mit sich zu bringen. Aber jedes Mal, wenn er den Sohn des Lootscn, eine» flotten und stolzen Kerl, hinaus segeln sah, ivar es, als wenn er erwachte. Die Reiselust lohte in seinen Augen auf und sein Blut erglühte: nun mußt Du fort von hier— er kam aber nicht fort. Anders machte sich nichts daraus, mit anderen Menschen Verkehr zu haben, nicht einmal mit dem Lootsen, zu dem er das Zutrauen schließlich verloren hatte. Wenn seine Vorräthe aufgezehrt waren, ging er nicht zum nächsten Höker, sondern womöglich zu einem Kaufmanue in der Nachbargemeinde, wo er keine Bekannten zu treffen hoffte, denen es einfallen könnte, iiber ihn ihre Glossen zu machen. Den größten Theil der nothwendigen Gegenstände kaufte er jedoch nicht dort, sondern in der kleinen Stadt, wo er sein Wild, seine Fische und seine oft fein ausgeschnittenen Handfertigkeitserzengniss« verkaufte. Als Anders an einem Winterabend in seiner Stube saß und schnitzte, besuchte ihn der Zunft- meister von Kjaeldstrup. Als der Gast den Zweck seines Besuches erledigt hatte, sagte er:„Ja, ich muß nun nach Hanse, ich bin Nlüdc, denn ich bin heute viel unterwegs gewesen. Ich war ans einer Auktion und in der Stadt nach dem Doktor fiir die Näherin." „Jngeborg! Ist sie krank?" „Ach ja, schon lange. Es steht schlecht nnt der Armen. Eltern hat sie keine; und ihr Liebster hat ihr den Rücken gekehrt, so daß das Bischen, was sie sich erspart hatte, wohl draufgegangen sein wird." „Es ist doch wohl keine Gefahr für sie?" fragte Anders, der Mühe hatte, seine Unruhe zu verbergen. „Na ja, es hat schon sehr traurig mit ihr aus- gesehen; aber in den letzten Tagen ist es etwas besser gegangen. Aber der Doktor sollte ja geholt werden, lautete die Bestimmung. Es wäre sehr bedauerlich, wenn Jngeborg sterben sollte, denn sie war eine äußerst tüchtige Näherin. Vielleicht ein Bischen verwegen, aber doch nicht, was man licdcr- lich nennt." Als der Zunftmeister gegangen war, versank Anders in Grübeleien, und ihm wurde immer heißer im Kops. In starker Gemiithserregnng ging er ans dem holprigen Steinboden ans und ab. Wie, wenn er zu Jngeborg hinging? Nun würde sie gewiß recht froh iiber seinen Besuch sein. Froh— sie, die sich immer lustig über ihn gemacht hatte! Was er sich einbildete! Aber wenn sie nun starb? Er kleidete sich schnell nni und ging nach der Stadt. Der Wind trieb ihn vor sich her, während der fallende Schnee ihn in einen weichen Mantel hüllte. Jngeborg saß allein in ihrer kleinen, zugigen Miethsstnbe, als Anders bei ihr eintrat. Sie hatte einen Shawl umgenommen und ein Kissen hinter dem Rücke». Er vermochte sie kaum wieder zu erkennen. Mit verwirrtem Erstannen sah sie den Ein- tretenden an. „Wie geht es Dir?" fragte er gedämpft, als sie einander begrüßt hatten. „Na, jetzt geht's ei» wenig besser. Erst heute habe ich Erlanbniß bekommen, ein wenig anfzustehen." DaS Gespräch verstummte. Jngeborg sah, daß er etwas sagen wollte, etwas von Wichtigkeit, dachte sie, das Schweigen wurde ihr darum immer Pein- licher; bald wurde sie glühend roth und bald wieder bleich wie eine Todte. „Du hast schlechtes Wetter gehabt auf Deinem Herwege," sagte sie endlich. „Ja. Aber ich hörte ja, Du wärest krank, und da meinte ich, ich wollte einmal nach Dir sehen." „Das war nett von Dir. Ich bin auch sehr verlassen. Die Leute werden es bald überdrüssig, einen kranken Blenschen zu sehen." „Ich habe übrigens gedacht," erklang es schlich- tern,„ob Du nicht etwas Hülfe brauchen könntest, um mit dem Doktor und dem Apotheker abrechnen zu können... denn dann könnte ich Dir ja so gut helfen." Sie sah ihn überrascht an. „Dan— ke.— Aber so viel Güte darf ich von Dir nicht annehmen. Anders— ich, die Dich so oft geneckt hat. Ich habe freilich niemals geglaubt, daß Du Dir ans mir etwas machtest." „Doch— aber ich habe es Dir früher nicht sagen können," murmelte er.„Es gab wohl auch Jemand, aus dem Tu Dir mehr machtest!" „Eiler? Ach nein!" sagte sie bitter.„Zu ihm habe ich niemals rechtes Vertrauen gehabt. Nein, erst wenn Einem etwas zustößt, kann man erkennen, wer es mit Einem gut meint." 128 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Anders erhob sich, um zu gehen. Während er ihr gute Nacht sagte, ließ er ein Veutelcheu mit Silbergeld in ihren Schoos; niedcrgleiten. worauf er sogleich zur Thür hinauswankte. Jugeborg sah in froher Verwunderung von dem Beutelchen zur Thür. War er wirklich fort? Sein Name schwebte ihr auf den Lippen, aber sie wagte Nicht, ihn zurückzurufen, aus Furcht, die Neugier der Nachbarn zu erregen. Das unerwartete Glück rief in ihrem abgemager- tcu Körper ein Zittern hervor. Sie sah aber so erfrischt aus wie ein junger Baum nach einem Gewitterregen. � � * Anders hoffte, daß Jngeborg zu Johanni zu ihm würde hinaus ziehen können. Zu der Zeit sollte das Hans in Stand sein, weshalb er einige Hocken Langstroh zur Ausbesserung des Daches kaufte, Thllren und Fenster mit rother Farbe strich und in der Wohnstube neue Dielen legte. Die größte Btühe machte er sich mit einem Giebclkämmerchen, das zu Jngeborg's Ankunft geputzt dastehen sollte.—— Sie saß in ihrer engen, Halbdunkeln Kammer und spähte ungeduldig durch die Scheiben. Da und dort auf dem Wiescnteppich von Fladstrand schim- werten Kuhblumen und die blutrothen Weiden- röschenbliithen, Schafe und Jungvieh weideten dort draußen, und Anders stampfte in bloßen Annen mit dem Strohhut im Nacken umher und quälte sich mit Allerlei ab.— Nein, sie konnte es nicht länger aushalten, den ganzen Tag in dem miiffigen Loch eingesperrt zu sitzen! Als er eines Abends ihr Zimmer betrat, lag sie im Bett, die Decke bis zum Kopf hinauf gezogen: ein starker Fieberfrost, hervorgerufen durch zu langes Sitzen im Garten, schüttelte ihren Körper. �Niedergeschlagen legte er eine Handvoll Bliithcn auf das Bett. „Waldmeister!" rief sie und hob den Kopf empor, „o, ich habe mich so darnach gesehnt!"— Tag für Tag ging es mit Jngeborg's Gesund- heit abwärts. Nur wenn Anders mit ihr von der Zukunft sprach— er hoffte, sie würde sich schon erholen— rötheten sich ihre Wangen und zeigte sich ein Schimmer von Lebensfreude in ihren dunklen Augen. Eine Nacht brannte Licht in ihrer Kammer, bis es tagte. Als Anders um diese Zeit fortging, be- merkte die Nachbarin, daß er so wunderlich zur Thür hinaustrat, als wenn er die Herrschaft über seine Füße verloren hätte. gt--~gS....._ I e n i L t e t o n. Fest aus der Erde sieh' mik beiden Fähen und laß' dich nicht verwirren von der Sehnsucht, dir dich hinüberluckrn will in ihrer Dämmerung ewig leere Weite... sest aus der Erde steh', dir dich geboren: sie allein iß deine Heimath, aus ihr allein quillt Kraft und Wille dir und Chat, und ivas du bist, bist du ans ihr! Was willst du in den blauen Fernen drüben, in die dein Traum sich Paradiese baut und goldener Seligbrileu schimmernde Paläste?!... wenn du den dunklen Weg dazu rrsntll, wie du vermeinst, du stündest doch nur vor der gleichen Fluiwvrt wieder, der du geglaubt entfliehen zu können! D'rum bleib' und steh' und wohne dich zurrcht auf deiner Erde und in ihre Grenzen, du hast in langem, hartem Kampf sie dir erworben... und träume nicht das Beste, was du ihr verdankst, hinaus in's Leere... Hier auf der festen Erde ist drin Platz, Und hier sei auch drin Sieg! __(säsar Klaischlcn. • Aus:„Von Alltag und Sonne". Berlin, F. Fontane und Co. O Floßfahrt. Alt, uralt ist das alpine Flößergclverbe. Vau der umgebende», stolzen Natur ist es bedingt; und der Betrieb der Flößerei, ivic das Zu-Thal-Fördern des gefällten Holzes ist im Wesen dasselbe geblieben, loie es vor vielen Jahrzehnten war. Ebenso hat sich in seiner Einförmigkeit und zugleich in seiner Ursprünglichkeit das Leben der Holzarbeiter auf den Höhen und das Leben der Flößer in de» Flußthäleru erhallen. Im eigentlichen Hochgebirge haben es die Holzkncchte hart, und ihr ziemlich karger Verdienst ist häufig ein Wagniß. Etlvas mehr Gemüthlichkeit schon kommt in die Thalfahrten, von denen eine auf dem Gemälde von Knabl dargestellt ist. Gar so geuiiithlich ist die Sache freilich nicht, wie sie mancher Ausflügler voil München sich einbildet oder mit erlebt hat. Man hat im lieben Tölz gesessen, in dem großen Ort für Bierbrauerei und Floßfahrt. Oben im Garten des Bürgerbräus oder cmf dem Bauckkeller, zwei köstlichen Erdenfleckchen, wurde man von der Laune er- faßt, zu Thal zu fahren. Anf.SMnden weit liegt das Jsarthal offen da. Warum nicht niedersteigen und statt ans dem faden Ding, der Eisenbahn, nach München zu rutschen, lieber eine Floßfahrt mitmachen. Leicht in acht Stunden ist's vorüber, friedlich und gut ist der Wasser- gang. Verdursten braucht man nicht. Em Fäßchen ist bald aufgelegt. Seinen dichten Lodenmantel hat man auch bei sich. Der Bergwind nämlich, wenn er gegen Abend aufspringt, ist ein bissiger Gesell und bringt gern das Frösteln mit, auch nach warmen Sommertagen. Da kann'S deim freilich ziemlich fidel hergehen. Im Allgemeinen aber haben es die Bergflöße in sich, wie man zu sagen pflegt. Es heißt Obacht geben. Nascht nimmt der Flußlauf bei lebhaftem Gefäll ciue scharfe Biegung. In dieser Nacht war Jngeborg gestorben.... Es ging wieder dem Frühjahr entgegen. Während sich die Seeschwalben und silberglänzende Möven mit schnellen Schwingenschlägen in anmnthsvollem Schwnnge draußen über den einsamen Wiesen von Fladstrand tummelten, wuchs Anders' alte Sehnsucht wieder empor. Aber er vermochte sich nicht los zu reißen: Jngeborg's Grab, das Heim, das Jungvieh und die Schafe— das waren starke Bande, die ihn fesselten. Der tägliche Kampf erschlaffte seine Geisteskraft und machte ihn schtverfälliger und schwerfälliger. Er war geistig holzig geworden, wie gewisse Pflanzen es thnn, wenn sie nicht benutzt werden, so lange sie jung und frisch sind. In vielen Beziehungen war er nun wie ein Kind. Oft stand er Stunden lang vor einem seiner ge- hörnten Freunde und erzählte mit schwärmerischem Glanz in den Augen seine nie erlebten Reiseabenteuer. Die kleine Kammer, die er mit so viel Sorgfalt für Jngeborg ausgeputzt hatte, war nun sein Heilig- thum; dort hielt er sich in seiner freien Zeit auf, und er vergaß niemals, frische Blumen in das Glas auf ihrem Nähtisch zu setzen, und ans dem Fenster- brett war bald kein Platz mehr für seltene Muscheln. Oft heißt es, mnskelstark sich anstemmen und vor allen Dingen ein umsichtig helles Auge hewahrcn. Eine größere Selbstständigkeit und regeres Leben hat so die Flößerei in den Voralpen, als sie etwa die langen Fahrten der „Flissaken" haben, die alljährlich von Polen hinab in die deutsche Tiefebene kommen. Gern wird mitunter„mensch- liche Fracht" mitgenommen, wie auf unserem Bilde die Dirne im Sonntagsstaat und der schmauchende Alte.'Mit der Volkstracht allerdings lvird's nun bald vorbei sein. Ter demokratisch-nivcllirendc Zug unserer Zeit räumt rasch damit auf. Das wird der Verein zur Erhaltung der Volkstrachten im bayerischen Oberland nicht ändern. Wenn man erst durch Vereine erhalten will, ist's gewöhn- lich schon vorbei; und auf den Hunderten und Abcrhnn- dcrten von Bildern aus dem alpinen Leben werden dieser malerischen Wirkung wegen bald mehr Gestalten in Volks- trachten zu sehen sein, als sie in Wirklichkeit noch zu finden sind. Von der wirthschaftlichen Bedeutung der Flößerei kann man sich übrigens einen Begriff machen, wenn man er- fährt, daß allein von den beiden Hauptorten der Isar- Flößerei, von Tölz und Lenggries her, jährlich etwa für Millionen Mark Holz nach München verstößt wird. k. lieber„Formenschönheit" sagt A. Endcll, ein Münchencr Maler, der auch auf dekorativem Gebiete thätig ist, in der„Dekorativen Knnst" Folgendes:„Wollen wir formale Schönheit verstehen und genießen, so müssen wir lernen, isolirt zu sehen. Auf die Einzelheiten müssen wir unseren Blick lenken, auf die Form einer Banmwurzel, auf den Ansatz eines Blattes am Stengel, auf die Struktur einer Baumrinde, auf die Linien, die der trübe Schaum an den Ufern eines Sees bildet. Wir dürfen auch nicht achtlos über die Formen dahingleiten, sondern müssen sie genau mit den Augen verfolgen, jede Biegung, jede Krümmung, jede Erweiterung, jede Zusannnmziehnng, kiwz jede Aeiiderung der Form miterleben. Denn genau sehen wir nur einen Punkt in unserem Sehfeld, und wirksam kann für unser Gefühl nur werden, was wir deutlich gesehen. Sehen wir aber in dieser Weise, so ersteht vor uns eine neue, nie gekannte Welt von ungeheurem Reichthum. Tausend Stimmungen ivcrdcn in uns wach, immer neue Gefühle mit neuen Nuancen und ungeahnten Uebergängeu. Die Natur scheint zu leben, und wir begreifen jetzt, daß es wirklich trauernde Bäume und boshaft heimtückische Acste, keusche Gräser und furchtbare, grausenerregende Blumen giebt. Freilich nicht Alles übt solchen Eindruck aus, es fehlt nicht am Langweiligen, Unbedeutenden und Unwirksamen, aber das wachsame Auge wird überall, in jeder Gegend, Formen von wunderbarem, die ganze Seele erschütterndem Reize gewahren." Ein sonderbarer Heiliger muß der alt-egyptische König Amasis(309— Wtz v. Chr.) gewesen sein, dessen Charakterbild uns Herodot überliefert hat. Amasis stammte aus der Stadt Siuf, die zur Mark Sais ge- hörte. Er war aus der Klasse der Krieger hervorgegangen, doch zählten seine Eltern kemeSlvegs zu den Vornehmen. Man erzählt, sagt Herodot, daß Amasis, auch als er noch in geringem Stande für sich lebte, Trunk und Scherz geliebt und gar kein arbeitsamer Mann gewesen. Und wenn das Nothdürftige ausging zum Trinken und zum lustigen Leben, so ging er umher und stahl. Und wenn die Leute sagten, er yätte ihnen das Ihrige entwendet, und er leugnete, so führten sie ihn zu einer Weissagung, wo ein Jeglicher die scinigc hatte, und oft ward er vcr- nrtheilt von den Weissagungen, oft aber auch freigesprochen. Allmälig aber kam er empor. Unter dem König Apries zogen die Egypter gegen die griechische Pflanzstadt Kyrene, erlitten aber eine furchtbare Niederlage. Sofort brach im Heere ein Aufstand aus. Man beschuldigte den König, er habe die einheimischen Krieger mit Absicht in den offenbaren Tod geschickt, damit er, gestiitzt auf die fremden griechischen Söldner, um so unbeschränkter und sicherer herrschen könne. Apries sandte den Amasis iii'S Feldlager, um die Meuterer zu beruhigen. Aber diese riefen den Vermittler zum Könige aus und Amasis griff zu. Apries Söldnerheer wurde geschlagen, der König gefangen und erwürgt. Amasis ward König. Aber zu Anfang, erzählt Herodot, verachteten die Egypter den Amasis und machten garnicht viel ans ihm, weil er zuvor ein gewöhnlicher Bürger gewesen. Da griff Amasis zu einer List.„Unter vielen anderen lausend Gütern hatte er auch ein goldenes Fußbecken, in dem er selbst und alle seine Gäste sich die Füße wuschen. Dieses zer- schlug er und machte ein Götzenbild daraus und stellte es auf in der verkehrsreichsten Gegend der Stadt. Und die Egypter gingen zu dem Bilde und erwiesen ihm große Verehrung. Und als Amasis das erfuhr, was die Leute der Stadt thaten, rief er die Egypter zusammen und offenbarte es ihnen und sagte, das Bild wäre gemacht aus dem Fußbecken, in welches zuvor die Egypter ge- spieen und sich die Füße gewaschen, und nun bezeigten sie ihm große Verehrung. Und er sprach: Wie mit dem Fußbecken, so lvärc es auch mit ihm gegangen; denn wenn er auch zuvor ein gemeiner Mann gewesen, so wäre er doch gegenwärtig ihr König, und sie müßten ihm Ehre und Achtung erweisen. Auf diese Art gelvann er der Egypter Freundschaft so, daß sie ihm willig dienten." lieber Amasis Lebensweise berichtet der grie- chische Geschichtsschreiber:„Aber mit seinen Geschäften hatte er folgende Einrichtung: Des Morgens bis zur Zeit, da der Markt voll wird, niachte er seine Geschäfte ab mit allein Eifer, dann aber trank er und spottete seiner Gäste und trieb unanständige» Scherz und Witz." Amasis trieb übrigens bald dieselbe Politik ivie sein Vorgänger. Trotzdem er von der Narionalpartci auf den Thron gehoben worden, rckrntirte er seine Garden nur aus griechischen Söldnern. Er verlieh griechischen Händlern große Privilegien, trat mit den Slädlercpnblike» Griechenlands in Verbindung, spendete Weihgeschenke nach Hellas. Zum Neubau des Tempels zu Delphi gab er über tausend Pfund Alaun. Wie alle Emporkömmlinge, umgab sich Amasis mit großer Pracht und Herrlichkeit. Auch der Bauwulh war er verfallen. Aber auch hier zeigte sich bei ihm ein sonderbarer Charakterzng. Er erinnerte sich seiner Jugend, als er noch„in's Stehlen ging". Herodot erzählt:„lind nachdem er König gelvorden, that er>vie folgt: Die Götter, die ihn von der Anklage des Diebstahls frei- gesprochen, für deren Tempel trug er gar keine Sorge und gab auch nichts dazu, sie im Stande zu erhalten, und ging auch nicht hin zu opfern; denn sie verdienten nichts, da ihre Weissagungen lügenhaft tvären. Tie ihn aber vernrtheilt hatten, daß er gestohlen, für die trug er große Sorge, da sie wahrhaftige Götter wären und wahr- hastige Weissagnngen hätten."—— Nachdruck des Inhalts verboten! LeeanlwoiUicher Redalleur: Oscar Kühl in CharloNenburg.— Verlag: Hamburger Buchdrnckeret»nd Verlagsanslall Auer&, Co. In Hamburg.— Druck: Max Vadlug in Verlln.