25Knftrxr£ c H Cn Icr ha( timc�obcila gc Kin Märtyrer..=4% Ballade von Richard Dchmcl. �letzt sollt Ihr hören ein rauhes Lied, Von frieden und-Erbarmen leer! Der Zvinternachtsturin schreit im Ried Und peitscht das Schilf wie Heu umher; Vor seinem Schnauben erstarrt das Llloor, Zerknicken die Binsen, zerbricht das Rohr. Ein Häuschen umheult er am Haiderand Und schüttelt die Pfosten der rissigen Wand Und reißt an den Haspen und Sparren, Daß sie kreischen vor Krost und knarren Und drinnen am Vsen die Rinder erschauern Und dichter zum Schooße der Nutter kauern. Die streckt, von Aengsten dumpf gerührt, Zum Vater, der finster mit hastiger ßaust Klugschriften zu Stößen und Ballen schnürt, Die bittenden zitternden Hände: „Ach Nann, geh nicht durch's Noor! mir graust." Doch Er, aus dem Ballen ein Blatt gezaust, Liest ihr die Worte am Ende: Mensch preßte den Menschen in Schmach und Acht, Weil Zeder nur immer sich selber bedacht. So habt Ihr Euch selber zu Unechten gemacht. Drum schaart Euch, Ihr Schwachen, zusammen! Stützt Rücken an Rücken zum rettenden Heer, So schwellen die Wellen zum donnernden Meer, Die Künkchen zu sausenden Klammen! Die Backen zucken ihm, und er spricht: Drum bettle nicht! drum quäl' mich nicht! Ich hab's den Genossen geschworen. Der Wahlrus muß heut noch hinüber in's Dorf, Sonst geht der Sieg uns verloren. „Geh nicht, geh nicht! was schiert der Sieg Dein Weib und die jammernden Rleinen! Geh nicht, geh nicht! Die zweite Nacht Erst steht das Eis; o Gott, es kracht, Es bricht! o sieh mich weinen! 2 r- a.to AV A Es schreit zum Himmel! Dein Leben ist mein!" Da braust er auf vor Zorn und Pein: Schrei' lieber zu Teufel und Hölle! Und hebt mit grimmiger Wucht die Last Und fragt, schon tritt er die Schwelle: Hat's etwa Dein Herrgott zu Dank Dir gemacht, Daß ich tagtäglich in den Schacht Meine Knochen für'n Hungerlohn trage! Und sollte mein Leben nicht Eine Nacht Kür Glück und Gerechtigkeit wagen?! Leb wohl!— In's Schloß die Klinke knallt. Die Windsbraut stöhnt und ächzt im Schlot. Am fahlen Horizonte droht Des Mondes Stirne blank und kalt. Der Bergmann glüht; er trieft von Schweiß. Der Mond legt über's dunkle Eis Eine bleiche Straße. Der Bergmann glüht, der Bergmann keucht. Doch bald: dann hat er das Ufer erreicht, Schon schimmern— da knistert's, da biegt es sich sacht. Ein Hülfegestammel. Da knirscht es und kracht Und schollert's; ein Aufschrei verbrodelt im Moor. Schrill winselt's im Schilf, hohl röchelt's im Rohr. Hui! zischt es und pfeift's in den Binsen. G rauher, o rauher, mein rauhes Lied! Kein Wittwengew immer! kein Waisengestöhn! Nach Dp fern schreit der Sturm im Ried. Doch bald: dann kommt der Krühlingsföhn, Dann schießt in Halme die junge Saat, Der Tag der Auserstehung naht! Dann schmilzt im Sturm das morsche Eis, Dann wühlt er die Vpfer empor vom Grund, Die Helden alle, die Niemand weiß; Und jedes Todten vermoderter Mund Wird klaffend nach Rache blecken Und tausend Lebendige wecken! 130 (SJortfcljunfl.) f dinmid Schmcis; überlegte. Sollte er gehen nnd in einer Stunde wiederkommen? Vielleicht war man da wieder nicht zu Hans für ihn. Das war wohl nur eine Finte, um ihn auf gute Manier los zu werden! Nein, er blieb! Nun hatte er sich einmal den Eintritt erzwungen in das Quartier; diesen Vortheil wollte er nicht wieder fahren lassen. Er erklärte dem Kammerdiener, daß er hier warten wolle, bis das Luncheon vorüber sei. Der Diener maß ihn mit einem verächtlichen Blicke. „Wenn Sie wollen— hier, bitte!" Er öffnete eine Thür.„Hier können Sie warten." Der Kommissionär sah sich in einem schmalen, einfenstrigen Zimmer, einer Art Garderobe. Es hingen Pelzmäntel und andere Kleidnngsstiicke an einem Rechen, unter einem Regal stand Schuhwerk. Ein Schlafsopha war aufgestellt, an den Wänden hingen Bilder nnd Photograhhien, die offenbar aus- gemustert waren. Geheizt war der Raum nicht. Obgleich das Ehrgefühl bei Edmund Schmeiß nicht sonderlich enüvickelt war, fühlte er sich doch für den Angeiiblick nicht angenehm berührt, als er bemerkte, wohin man ihn gewiesen hatte. Seine Eitelkeit war gekränkt. Droh des neuen Zylinders ilnd pikfeinen Anzuges hatte ihn dieser großbrodige Schuft von einem Kammerdiener nicht für voll an- gesehen. Er besah sich in einem Stehspiegel, der �ii einer Ecke des Zimmers stand und wohl eines Sprunges wegen hierher verbannt worden war. Seiner Ansicht nach war Alles„prima" an ihm. Er hätte ebensogut ein Offizier in Zivil, ein Baron, ein Gras sein können. Was solche Lakaien doch für eine Witte- rung haben mußten!— Aber Schmeiß war nicht der Mann, der sich durch peinliche Empfindungen für längere Zeit nieder- drücken ließ. Tie Behandlung, die ihm zu Theil geworden, war sicher nicht freundlich zu nennen, aber das mußte man schließlich auf's Geschäft schlagen; er sah auf das Resultat, nnd da war der unzwcisel- haste Erfolg zu verzeichnen, daß es ihm gelungen war, in die Nähe des Grafen zu gelangen, der ihn nun doch nicht mehr abweisen lassen konnte. Den Leuten auf den Leib rücken, das war beim Geschäft immer das Schwierigste und das Wichtigste. Nun er einmal hier war, schien ihm der Erfolg so gut wie sicher. Er hatte sich auf das Schlafsopha gesetzt und sah sich im Zimmer um. Dort auf dem Tische standen verschiedene Lampen von Bronze, Majolika, ein paar pon Berliner Porzellan, Prachtstücke ans der Königlichen Manufaktur. So ein Winter in Berlin mußte dem Grafen eine Aienge Geld kosten, mit Familie, Dienerschaft, Equipage und dazu erste Etage in„den Zelten". Schmeiß machte einen Ueberschlag. Seine Anfmerksamkeit wurde abgelenkt durch Ge- räusche aus dem Nebenzimmer. Er hörte Teller klappern nnd Stimmen durcheinander. Aha, das Eßzimmer! Er konnte weibliche Stimmen unter- scheiden. Alan schien sich gut zu unterhalten, es wurde viel gelacht. Der Kommissionär wechselte den Platz, um besser zu hören. Biit Grafen nnd Konitessen hatte er noch niemals zu Tische gesessen; es intcressirte ihn doch, etwas davon aufzuschnappen, wie diese Art sich eigentlich unterhalten mochte, wenn sie unter sich war. Schmeiß hatte ein scharfes Gehör, trotzdem konnte er anfangs kaum mehr verstehen, als einzelne Worte nnd Sätze, die ans dem Znsammenhange gerissen, keinen Sinn ergaben. Mail schien abgespeist zu haben, er hörte wenigstens kein Tellerklappern mehr. Die Unterhaltung wurde in lebhaftester Weise geführt. Er konnte jetzt Einzelnes verstehen, weil er inzwischen gelernt hatte, die Stimmen zu unterscheiden. Es schienen recht gleichgültige Dinge, von denen sie sprachen. Ein paar Namen hatte der Lauscher auch schon herausgehört. Eine„Wanda" schien da zu sein nnd eine„Ida"; jedenfalls also der Graf niit seinen nächsten Angehörigen. Der Vüttnerbauer. Roman von Wilhelm von Polenz. Jetzt rückte man mit den Stühlen, man erhob sich. Es klang dem Kommissionär fast, als würde ein Tischgebet gesprochen, worüber er sich nicht wenig wunderte. Gleich darauf hörte er eine männliche Stimme sagen:„Herr Graf, der Herr ist auch noch da!"—„Welcher Herr?" fragte Jemand. Darauf hörte der Kommissionär seinen eigenen Namen nennen. „Was will der Mensch nur!" hieß es. Gleichzeitig ertönte überniiithiges Frauenlachen.„Schmeiß!" hast Du gehört?„Schmeiß" heißt der Mensch!" Ein Kichern und dann:„Möchtest Du Frau Schmeiß heißen, Ida?"— Das Uebrige verlor sich in Ge- lächter. Edmund Schmeiß war erröthet, was ihm selten begegnete. Die Kränkung hatte gesessen. Er knirschte mit den Zähnen. Wer ihn jetzt gesehen hätte, würde haben ahnen können, wessen dieser Mensch fähig, wenn er beleidigt war. Die Thür vom Korridor wurde gleich darauf geöffnet, der grauköpfige Kammerdiener trat ein und thcilte mit, der Herr Graf wolle Herrn Schmeiß jetzt annehmen. Der Kommissionär fuhr sich schnell noch einmal mit der Hand über den Schnurrbart, zog die Manschetten unter den Aermeln vor und folgte dem Diener. Der Graf empfing ihn in seinem Zimmer. Er war ein großer, schlanker Herr. Sein Kopf schien älter als seine Figur. Das blonde Haar lichtete sich bereits stark. Die Nase war lang und etwas zu spitz, um schön zu sein. Die Augen leuchteten groß und freundlich; sie waren das einzig Lebhafte in dem bleichen, etwas verlebten Gesichte, dem auch der Schnurrbart nichts Martialisches gab. Der Graf trug den Jnterimsrock. Edmund Schmeiß hatte zunächst das unangenehme, ihn bedrückende Gefühl niederzukämpfen, einem vor- nehmen Manne gegenüber zu stehen. Aber das war nur vorübergehend, er beschloß, sich durch nichts imponiren zu lassen. Vornehmheit, gut! die wollte er Jenen lassen; aber ob der Mann so klug sei, wie er, das würde sich erst noch ausweisen. Der Graf erwiderte die tiefe Verbeugung des Fremden mit einem Knopfnicken, wies auf einen Stuhl, zum Zeichen, daß er Platz nehmen möge, und setzte sich selbst.„Nun, also Herr......" Der Graf dehnte das„Herr", nach dem Namen suchend.„Schmeiß ist mein Name," ergänzte der Kommissionär.„Ganz recht, Herr Schmeiß! Also was führt Sie zu mir?" Edmund Schmeiß hatte einen Fuß vorgesetzt und stemmte den Zylinder auf das Knie. Dann begann er mit Manieren, die zwischen Unterwürfigkeit, schnüffelnder Neugier und dreister Zudringlichkeit un- ausgesetzt wechselten, den Zweck seines Kommens in seichter, dabei glatt fließender Rede, wie sie den Handlungsreisenden eigen ist, auseinanderzusetzen. Ter Graf hörte ihm eine Weile mit gelang- weilter Miene zu; er feilte inzwischen an seinen Fingernägeln. Als er mit allen zehn Fingern durch war, blickte er auf und meinte, in leicht näselndem Tone:„Ja, mein Bester— ich weiß nicht— Sie haben behauptet, Sie brächten mir Nachrichten von Saland— unter dieser Voraussetzung allein habe ich Sie angenommen. Ich sehe wirklich nicht ein, was das hier eigentlich soll!" „Doch, Herr Graf wollen mir nur gütigst ge- statten, auszureden. Ich meine nämlich, daß die Interessen der Herrschaft Saland mit meinem Vor- schlage sehr eng verknüpft sind. Der Wald des Biittner'schen Bauerngutes grenzt mit dem der Herr- schaft, liegt wie ein Keil in dem Forst des Herrn Grafen eingesprengt..." „Das weiß ich selbst, wahrscheinlich genauer als Sie!" meinte der Graf, welcher ungeduldig zu werden anfing.„Um diesen Wald handele ich schon seit Jahren. Ich werde wohl nun endlich mal dazu kommen. Um lumpige fünfzig oder sechzig Morgen handelt es sich, glaube ich." „Der Herr Graf werden aber viel zu hoch be- zahlen. Wir würden dem Herrn Grafen den Wald billiger verschaffen." Der Graf inusterte den Sprecher mit erstaunter Miene. Erst jetzt sah er sich den Menschen richtig an, der sich mit solcher Unverfrorenheit an ihn her- andrängte. Das schien ja ein possirlicher Bursche zu sein! Der Graf lachte.„Wer sind Sie denn eigentlich, Verehrter? Ich wollte Ihnen blos be- merken, daß ich keine Zwischenhändler brauche, wenn ich mit einem meiner Bauern handeln will." „Herr Graf! Ich komme nicht im eigenen Namen, das würde ich mir nicht erlauben. Ich bin Kom- misstonär. Ich komme im Auftrage der Firma Samuel Harrassowitz. Der Name ist Ihnen gewiß bekannt, Herr Graf. Eine große Getreidehandlung, der Inhaber ist ein feiner und durch und durch reeller Geschäftsmann." Bei Nennung des Namens„Harrassowitz" stutzte der Gras. Er war aufgestanden nnd suchte etwas auf der Schreibtischplatte.„Mir schreibt hier mein Gllterdirektor"... Er wühlte in einem Berge von Papieren, die einen etwas ungeordneten Eindruck machten.„Ich kann den Brief gerade nicht finden." Den Späheraugen des Kommissionärs entging die Nachlässigkeit, mit der der Graf in den Papieren stöberte, nicht.„Na, egal! Hauptmann Schroff schreibt mir, daß dieser— dieser... den Sie eben nannten..." „Harrassowitz!" beeilte sich Schmeiß zu ergänzen, der schon bemerkt hatte, daß das Namengedächtniß des Grafen ziemlich mangelhaft war. „Ganz recht! Dieser Harrassowitz soll sich ja mit Güterschlächterei befassen." Jetzt hielt es Edmund Schmeiß für zeitgemäß, einen Trumpf auszuspielen. Er erhob sich mit ge- kränkter Miene, und sagte:„Ich bedaure, daß der Herr Graf so falsch berichtet sind. Harrassowitz ist ein Ehrenmann durch und durch. Er ist mein Freund!" Er knöpfte seinen Rock zu, wie er es auf dem Theater von beleidigten Helden gesehen hatte, und machte ernsthaft Miene, zu gehen. Menschenkenntniß war gerade nicht die starke Seite des Grafen. Er war arglos und gntmiithig von Natur. Der Gedanke, Jemanden gekränkt zu haben, war ihm peinlich. Er meinte in beschwich- tigendem Tone:„Na, bleiben Sie nur, bleiben Sie! Die Sache wird wohl nicht so gefährlich sein." „Ja, aber„Giiterschlächterei" ist ein schwerwiegendes Wort, Herr Graf! Wenn ich mir meinen Freund Harrassowitz dazu denke.— Ich will ihm die Bemerkung des Herrn Grafen lieber nicht hinter- bringen." Der Graf merkte die versteckte Drohung nicht, die in diesen Worten liegen sollte. Völlig arglos sagte er:„Die Sache ist nun gut! Setzen Sie sich wieder und echaufsiren Sie sich nicht unnöthig!" „Wollen der Herr Graf mich weiter anhören?" fragte Schmeiß mit gut geheuchelter Miene eines Verletzten, der sich zur Versöhnung bereit finden lassen will. Im Innern triumphirte er. „Ja, bitte, fahren Sie fort! Was wollen Sie denn eigentlich, oder was will Ihr Harrassowitz von mir? Das verstehe ich immer noch nicht. Da ist dieser Bauer, dieser..!. dieser.... in Halbenau." „Büttner! meinen der Herr Graf jedenfalls." „Jawohl, Büttner! Ein alter, ehrlicher Kerl, wie mir scheint, dem die Zwangsversteigerung droht, wie Hauptmann Schroff schreibt. Der Mann soll mit ein paar Tausend Mark zu retten sein." „Gestatten der Herr Graf, daß ich hier unter- breche! Die Erfahrungen, die wir mit dem alten Büttner gemacht haben, sind etwas anders geartet. Wir sind der Ansicht, daß der Herr Gras verlockt werden sollen, einen Unwürdigen zu unterstützen. Der Herr Graf sollen Ihr gutes Geld hergeben für eine Sache, die, gelinde ausgedrückt, sehr zweifelhaft ist. Das ist der Plan, hinter den wir gekommen sind. Um das zu verhindern, Herr Graf, bin ich nach Berlin gereist." 131 Schmeiß beobachtete, während er mit der Miene des moralisch entrüsteten Biedermannes sprach, die Züge des Grafen mit einer Aufmerksamkeit, der nichts entging. Wenn dem Herrn das hier glatt einging, dann konnte er noch eine ganze Portion mehr vertragen. Der Herr Graf ließ seine Augen mit dem Ausdrucke höchster Ileberraschnng auf dem Sprecher ruhen, er hatte den Mund halb offen, und sah in diesem Augenblicke nicht besonders geistreich ans.„Kennen Sie denn diesen— diesen Büttner so genau?" fragte er nach einigem Besinnen. „Wir haben genügende Erfahrung mit dem Manne, ich kann sagen, mit der ganzen Familie geniacht, um erklären zu dürfen, wir kennen die Sippschaft gründlich." „Mein Giiterdirektor lobt niir die Leute in seinem Briefe." „Das Urtheil des Herrn Hauptmann Schroff scheint mir— nun, ich will nichts gesagt haben, weil der Herr Graf etwas ans den Herrn zu halten scheinen. Aber, nachdem er über meinen Freund Harrnssowiiz derartig geurtheilt hat, kann nur sein Urtheil nichts mehr gelten! Der Herr Graf werden das verstehen!" „Der alte Bauer soll durch Familienungliick in Bedrängnis; gerathen sein, glaube ich." „Durch schlechte Wirthschaft und weiter nichts, Herr Graf! Ter alte Mann ist ein liederlicher Wirth und leider auch ein Trinker. Die Söhne sind noch schlimmer, und bei den Töchtern jagt ein uneheliches Kind das andere. Wollen sich der Herr Graf nur erkundigen, dann werden Sie schon er- fahren, daß ich nicht übertreibe. Ich bin selbst in dem Hause gewesen, ich kenne die Leute. Auf diese Weise ist die Wirthschaft natürlich immer tiefer her- untergekommen. Jetzt sitzt der Biann in Schulden bis über die Ohren. Harrassowitz ist er Geld schuldig, auch ich habe an ihn verloren. Wir sind mit dem Manne gründlich betrogen worden, weil wir ihn für reell hielten. Wir werden unser Geld einbüßen. Und so geht es verschiedenen ehrlichen Geschäfts- lenten. Auch mit seiner eigenen Familie hat er sich ' überworfen. Der eigene Schwager hat ihn aus- geklagt. Der Herr Graf wollen nur mal nachfragen lassen. Die ganze Sache ist oberfaul!" Der Graf schüttelte den Kopf.„Wenn das so ist— dann läge die Sache ja in der That etwas anders. Aber, warum ist mir denn das so dar- gestellt worden?" „Die bekannte Großmuth des Herrn Grafen soll ausgenutzt werden. Bian denkt vielleicht: der Herr Graf ist weit weg, in Berlin, und auf ein paar Tausend Mark kommt's ihm nicht an. Man rechnet mit der Menschenftenndlichkeit des Herrn Grafen. Aber, hier wäre Generosität, so schön sie auch sonst ist, nicht am Platze. Gesetzt den Fall, der Herr Graf reißen den Mann jetzt heraus— übrigens ist das mit ein paar Tausend Mark keineswegs gethan; ich weiß, daß der alte Büttner namhafte Posten schuldet, bei Leuten, die sich noch garnicht gemeldet haben— also, wenn der Herr Graf jetzt auch bezahlen, werden immer noch Forderungen nach- kommen. Das ist wie ein Sieb, wo das Wasser, das man hereingicßt, durchläuft. Und wenn der Bauer jetzt auch noch so viel verspricht, in Jahres- frist ist doch wieder Alles beim Alten. Dann ist neuer Bankerott da. Der Herr Graf werden nichts als Aerger und Verdruß gehabt haben und Ihr Geld einbüßen." „Das ist doch wirklich traurig!" sagte der Graf, und dem Tone, in welchem er das sagte, war ab- zuhören, daß es ihm von Herzen kam. „Ja, es ist tieftraurig!" echote Schmeiß. „Solchen Menschen ist dann allerdings nicht zu helfen." „Ganz sicher ist solchen Leuten nicht zu helfen, Herr Graf," sagte Edmund Schmeiß mit wichtiger Miene und ernsten Blicken.„Ganz sicher nicht! Da wird so viel geschrieben in den Blättern iiber die traurige Lage des Bauernstandes. Besonders die Blätter einer freieren Richtung, die demokratischen Organe, sind da immer schnell bereit, dem Groß- grnndbesitz die Schuld in die Schuhe zu schieben. Die Magnaten werden angeklagt, die Bauern zu rniniren,„aufsangen," wie es da heißt. Von „Bauernlegen" wird gesprochen. Aber daß die Bauern meistens selbst an ihrem Untergange schuld sind, das sagt Niemand. Die Leute treiben's dar- nach! Ter Bauernstand geht an sich selbst zu Grunde, Herr Graf, nicht durch den Großgrundbesitz. Hier an dem alten Büttnerbauern haben wir einen schlagenden Beleg dafür!" Edmund Schmeiß hatte die letzten Sätze mit einer gewissen Feierlichkeit in Ton und Geberde ge- sprachen, als decke er seine innerste Gesinnung auf. Bei dem Grafen waren solche Worte nicht verloren. Auch an ihn waren Klagen und Forderungen, welche die Neuzeit gegen den Großgrundbesitz erhebt, heran- geklungen und hatten ihn verdrossen. Diese Ver- theidigung der Magnaten klang ihm angenehm in den Ohren. „Was diese demokratischen Blätter sagen, ist alles Gewäsch!" erklärte er.„Was verstehen denn diese Leute von der Bauernfrage! Die mögen nur erst mal auf's Land Hinansgehen und sehen, wie's dort zugeht, ehe sie ihre rothen Artikel schreiben. Ja wirklich, solche Leute, Redakteure und überhaupt Zeitungsschreiber, die müßten alle'mal zur Strafe ein paar Wochen das Feld bestellen— was? Die Art Leute hinter dem Pfluge oder beiin Dünger- laden, wie denken Sie sich das?" Der Graf geruhte zu lachen iiber seine eigene heitere Bemerkung, und Edmund Schmeiß verfehlte nicht, mitzulachen; auch fand er den Gedanken hoch- komisch. Die Unterhaltung hatte entschieden einen wärmeren Ton angenommen, und der Graf war nicht mehr so unnahbar und von oben herab, wie zu Anfang. „Nicht wahr? Da kann Einem doch Niemand einen Vorwurf daraus machen, wenn man solch einen Mann seinem wohlverdienten Schicksal überläßt?" fragte der Graf schließlich. „Im Gegentheil, Herr Graf!" rief der Koni- Missionar.„Ich meine, es wäre unverantwortlich, wenn man hier einen Finger zur Hülfe rühren wollte. Diesen Leuten ist eben nicht zu helfen, und kein ver- nünftiger Mensch wird wagen, dies von dem Herrn Grafen zu verlangen." Schmeiß hatte nun keine große Mühe weiter, den Grafen zu überreden. Leute von geringem Urtheil und großer Gutmiithigkeit, wie der Graf, sind leicht zur Härte zu verführe». Der Graf ärgerte sich be- reits, daß seine Güte wieder'mal hatte mißbraucht werden sollen, und er gedachte seinem Güterdirektor diesen Versuch nicht zu vergesse». Der Kommissionär ging von ihm mit dem Be- wnßtsein, seine Aufgabe in glänzender Weise gelöst zu haben. Und außerdem kani noch die angenehme Genugthunng befriedigter Eitelkeit hinzu. Der Gras hatte ihn schließlich garnicht mehr schlecht behandelt. Sogar eine Zigarre war ihm vor dem Weggehen angeboten worden. Mit gehobenem Selbstgefühl verließ Edmund Schmeiß das Haus, und mit dem prickelnden Ge- danken, daß diese Aristokraten zwar äußerlich recht vornehni, im Grunde aber doch fürchterlich dumm seien. XVI. Eines Tages, als Gustav die Dorfgasse hinab- ging, begegnete ihm Hauptmann Schroff zu Pferde. „Gut, daß ich Sie treffe, Büttner!" sagte der Hauptmann.„Ich wollte eben zu Ihnen. Ich habe Nachrichten in unserer Sache. Leider keine gute»! Kommen Sie ein paar Schritte mit mir. Die Stute steht nicht gerne." Gustav schritt neben dem Reiter her, welcher weiter berichtete: „Der Graf will nicht! Rundweg abgelehnt meinen Vorschlag, nachdem er erst Lust gezeigt und ich in Folge dessen unserem Rechtsanwalt schon Auftrag gegeben hatte, mit dem Kretschamwirth zu verhandeln. Nun ist auf einmal Kontreordre gekommen von Berlin, sogar auf telegraphischem Wege. Was da vorgegangen sein mag, soll der Teufel wissen! Ans lumpige zweitausend Mark kommt's dem Grafen doch sonst nicht an! Können Sie sich denken, was passirt sein kann, Büttner?" Gustav vermochte auch keine Erklärung zu geben. „Ich habe sofort noch einmal an den Grafen geschrieben, weil mir die Sache am Herzen lag. Er hat mir äußerst kurz geantwortet und mich bedeutet, daß wenn er„Nein" sage, das nicht„Ja" heiße. Dadurch ist die Sache für mich natürlich erledigt. Ich habe mich zu fügen. Traurig ist das aller- dings, tieftranrig!" Der Hauptmann blickte mit düsterem Gesicht in die Ferne, seine Miene war voll Gram.„Der Teufel verblendet den großen Herren die Augen!" sagte er, mehr für sich, und biß die Zähne aufeinander. Die Stute begann unter ihm nervös hin und her zu tänzeln; er hatte sie in Gedanken zu fest- gehalten. Er ließ, als er den Grund erkannte, ganz mechanisch die Kandarenzügel locker und zog die Trense etwas an.„Hoo, hoo!" rief er, dem Pferde zuredend, und klopfte es am Widerrist.„Ja, da ist nun nichts weiter zn machen, mein guter Büttner!" sagte er nach längerem Schweigen.„Ich wenigstens kann nichts mehr thun, mir sind die Hände gebunden. Nahe geht mir die Sache, das kann ich wohl sagen! Ans dem Laufenden können Sie mich immerhin erhalten, verstehen Sie, Biittner.— Nun, Gott befohlen!" Damit gab er der Stute einen unmerklichen Schenkeldruck. Die krümmte den Hals, schob das Hintertheil unter und trug den Reiter in gleichmäßig wiegenden Galoppsprüngen die Dorfstraße hinab. Gustav blickte ihm mit Wehmuth nach. Er war so sehr Kavallerist geblieben, daß er selbst in diesem Augenblicke, wo ganz andere Sorgen und Kümmer- nisse ihm näher lagen, doch noch Ranni fand für das Gefühl des Neides dem Manne gegenüber, der ein solches Pferd reiten durfte. Er verfolgte den Reiter mit seinen Blicken, bis er ihm hinter den Häusern verschwunden war. Dann wandte er sich seufzend, um nach Hause zn gehen und dem Vater die schlechten Nachrichten zn überbringen. Der junge Mann fühlte sich sehr niedergedrückt. Die Aussicht, die ihm Hauptmann Schroff eröffnet, war so wunderbar gewesen, daß er wirklich geglaubt hatte, es werde nun Alles gut werden. Er hatte seine Pläne für die Zukunft ganz auf das Gelingen dieses Planes gestellt, und nun war in elfter Stunde Alles gescheitert! Ans den alten Bauern machte die Nachricht keinen tieferen Eindruck. Er hatte ja nicht an eine Wendung zum Besseren geglaubt. Der alte Mann hatte sich wieder ganz in sich selbst zurückgezogen. Niemand, selbst Gustav nicht, wußte, ob er überhaupt noch etwas hoffe. Scheinbar ließ er die Dinge gehen, wie sie gehen wollte». Selbst die Nachricht vom Gericht, daß Termin zur Zwangsversteigerung angesetzt sei, schien ihn nicht merklich zn erregen. In der Wirthschaft ging Alles seinen gewohnten Gang weiter. Hier merkte man garnicht, tvelches Verhängnis; drohend iiber dem Gute hing. Die Frühjahrsbestellung wurde wie alljährlich vorbereitet. Karl fuhr Dünger ans den Kartoffelacker und Jauche ans die Wiesen. Die Frage, wer die Früchte ernten werde, stellte man nicht. Man that seine Arbeit und schwieg. Tie Btaschinc schnurrte weiter, tveil sie einmal im Gange war. Wenn nun plötzlich eine fremde Hand eingriff und sie zum Stillstand brachte, was dann?— Der alte Bauer schien mit einem geivissen Trotz dieser Frage aus dem Wege zn gehen. Reden ließ er auch nicht mit sich darüber. Gustav bekam zu hören, das; er ein„grüner Junge" sei, als er einmal davon zu sprechen anfing, was eigentlich nach der Subhastation werden solle. Und dabei lag die Nothwendigkeit, daran zu denken, so nahe. Wer konnte denn wissen, wer der Ersteher des Gutes sein und was er mit Haus und Hof anfangen werde. Sie mußten gewärtig sein, ihr Heim auf dem Flecke zu verlassen; dann würden sie obdachlos auf der Straße liegen, wohl gar der Armenfiirsorgc anheimfallen. Gustav gerietst auch in Anderem mit dem Alten in Widerspruch. Der Büttnerbaner steckte noch immer Geld in das Gut, obgleich es bereits an allen Ecken und Enden zu mangeln begann. Der junge Manu war der Ansicht, daß jetzt keine Verbesserungen mehr vor- 132 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. genommen werden dürften, da es doch feststand, daß der Besitz nicht mehr der Familie erhalten werden könne. Aber der Bauer schien es sich in den Kopf gesetzt zu haben, der verlorenen Sache noch möglichst viel nachzuwerfen. Er schaffte einen neuen Pflug an, besserte an den Wegen, stopfte Löcher im Fach- werk des Schennengiebels und sprach sogar davon, den Knhstall nnidecken zu lassen. Darüber kam es zwischen Vater und Sohn zu einem heftigen Auftritt. Die Folge war, das; der junge Plann sich mehr denn je von zu Hause wegsehnte. Jeder Tag vermehrte seine Einsicht, das; hier Alles unhaltbar geworden sei. Wozu sein Geschick noch länger an das seines Vaters knüpfen, der zu alt zu sein schien, um noch Vernunft anzunehmen. Im Elternhause wurde es immer öder und trauriger. Der alte Bauer lebte ein Leben völlig für sich. Wie ein böser Hund fuhr er aus seiner Hütte, bereit. Jeden zu beißen, der ihn in seiner Verdrossenheit störte. Die Bäuerin weinte viel und hatte an ihrem Leiden zu tragen. Therese zankte mit Karl. Toni' sah in schwüler Gleichgültigkeit ihrer Entbindung entgegen. Bei Ernestine begannen sich unter dem Einflüsse all des Widrigen, dessen das junge Ding Zeuge geworden, Eigensucht und Vorwitz iu nicht gewöhnlichem Grade zu entwickeln. Gustav hielt sich infolgedessen dem Elternhause, das ihm die Hölle ans Erden zu werden drohte, so viel wie möglich fern. Ilm so mehr war er bei Pauline Katschner zu finden. Sie und der Junge mußten ihm jetzt Eltern und Geschwister ersetzen. Der Termin der Hochzeit rückte näher und näher, und Gustav hatte noch immer keine Stellung ge- fnnden. Er dachte manchmal daran, ob es nicht das Beste sei, auszuwandern. Man sah es ja: die Verwandten alle, die von Halbenan weggegangen waren, hatten es zu Vermögen und Ansehen ge- bracht. Im Dorfe konnte man nie und nimmer zu etivas konimen. Die Heiniath war ihm vergällt und verekelt durch so viel traurige Erlebnisse. Also nur fort! Den Staub von Halbenau von den Füßen geschüttelt und anderwärts sein Glück ver- sucht! Aber das war leichter gedacht als ausgeführt. Zunächst einmal: wo sollte er hingehen? In die Stadt! Wer stand ihm dafür, daß er dort Arbeit fand, lind dann, mit Weib und Kind wanderte es sich nicht so leicht, als wenn Einer nur den Ranzen zu schnüren und den Stab in die Hand zu nehmen brauchte. Und schließlich war Gustav auch ein zu guter Sohn, um, trotz seines augenblicklichen Zer- würfnisscs mit dem Vater, seine alten Eltern leichten Herzens im Stiche zu lassen. Die kränkelnde Mutter, den alten Plann, der bei seinen Jahren vom Groß- banern zum obdachlosen Bettler herabsteigen sollte! Es war ein Jammer! Und Gustav erschien es oft >vie Feigheit, daß er gerade jetzt die Seinen ver- lassen wollte. In dieser Zeit thaten sich plötzlich für den jungen Mann ganz neue Aussichten auf.(Fortwjimg folgt.) & ilus der KeWte eines Zndnßrieöezirks. Von A. Winter. (Schluß.) nmittelbar nach den schlesischen Kriegen sah es um den gesamniten oberschlesischcn Bergbau sehr traurig aus. Aber bald sollte eine neue Aera der Montanindustrie beginnen, die von der vor- herigen grundverschieden war. Tie beiden letzten Jahr- zehnte des vorigen Jahrhunderts waren für Schlesien die Zeit, in der sich die gesammte Industrie in ihren Keimen entwickelte; Oberschlesien zeigte das in der deutlichsten Weise. Eine totale Aenderung der Ver- Hältnisse trat ein: der Schwerpunkt der Industrie wurde, wenn auch die Tarnowitzer Gegend noch wichtig blieb, etwas nach Süden, in die Benthener Gegend, verlegt, und vor Allem beanspruchte von jetzt ab die Kohleuindnstrie unter den übrigen Berg- bauten eine ganz andere Stellung als früher. Zwei Plänner waren es, die, soweit ans die Thätigkeit Einzelner etwas ankommt, viel zur Hebung Oberschlesiens beigetragen haben: die Freiherrn von Heinitz* und von Reden. Ihre Namen sind heute noch im Jndustriebezirk oft genannt, eine Heinitz- grübe, eine Redenhiitte und ein Redendenkmal aus dem Redensberge bei Königshiitte u. A. verewigen sie. Beide waren tüchtige Kenner der ausländischen, namentlich der englischen Montanindustrie, und das gab ihnen ihr Uebergewicht iiber ihre Vorgänger. Reden hat auch dem preußischen Fiskus seinen Antheil am oberschlesischen Berg- und Hüttenwesen gesichert. Vier Gründungen von einer für die damaligen Verhältnisse sehr großen Bedeutung waren es, die die neue Periode einleiteten: die Gründung des Eisen- Werkes Plalapane in den siebziger Jahren, die der Hütte„Friedrich" bei Tarnowitz(1784), die der Grube„König" zwischen Benthen und Kattowitz (1790)(da, wo heute Königshütte liegt) und die der„Königshiitte" in nnniittclbarer Nähe der Königs- grübe(1798). Alle vier Werke waren fiskalisch, zivei von ihnen— eins ist eingegangen— sind es noch: die Friedrichshiitte und die Königsgrnbe. Die Griindung der Königsgrnbe und-Hütte bezeichnen übrigens die Verlegung des Schwerpunktes von dem Norden nach dem Süden, von der Tarnowitzer nach der Bcuthener Gegend. Beim ersten der Funde, auf die hin die Friedrichs- Hütte errichtet wurde, war Reden anwesend; ein Pastor Pohl gab zu dieser Geburtsstunde des niodernen oberschlesischen Kapitalismus die geistliche Weihe, indem er eine Bergpredigt hielt. Noch heute begehen die Bergleute Oberschlesiens am Gedenktage jenes Fundes, am 16. Juli, feierlich mit gemeinsamem Kirchgang, aber auch mit gemeinsamem Bier- und besonders Schnapstrinken ihr Bergfest. Die Be- griinder der neuen Aera wußten also, wie ihr Ver- halten zeigt, die Bedeutung der Funde für die Zu- kunft ihres Landes wohl zu schätzen. Sie haben aber schwerlich daran gedacht, daß sich die ober- schlesische Industrie jenials zu ihrer heutigen Größe auswachsen würde. Die wichtigsten Ereignisse, die die Fortschritte der Industrie in der letzten Zeit des vorigen Jahr- Hunderts kennzeichnen, waren die Aufstellung von „Feuermaschinen" und die Anblasung neuer großer Hochöfen. 1787 wurde die erste Fenermaschine nach Oberschlesien gebracht. Das Wunderwerk stammte aus England, wurde von Stettin bis Oppeln auf einem Oderkahne, von da unter entsetzlichen Schmie- rigkeiten nach Friedrichshiitte gebracht, wo sie„nicht ganz unbeschädigt" ankam. Ihre Anschaffung war durch die Ansammlung von großen Wassermassen in den Schächten nothwendig geworden, zu deren Fort- schaffung die„Roßkllnste" nicht mehr genügt hatten. Sie wog 699'/» Zentner und kostete 6976 Thaler 22 Sgr.; die Frachtkosten betrugen 1471 Thaler 11 Sgr., die Kosten für Maschinengebmide und Montage 6938 Thaler 2 Sgr. Nach kurzer Zeit mußte eine zweite Maschine gekauft werden. In- zwischen war aber schon im Malapaner Werke eine eigene gebaut worden; verschiedene Thcile wurden allerdings dazu gekauft. Erst 1304 wurde eine Maschine ganz in Schlesien gebaut. In alten Schächten kann man noch heute diese Rclignien aus der Kind- heit der oberschlesischen Industrie sehen. Zu diesen Reliquien gehört auch das vergilbte Blatt aus dem Fremdenbuch der Friedrichshiitte, auf das Goethe nach der Befahrnng eines Schachtes mit Reden sein Epigramm auf die Tarnowitzer Knappschaft schrieb (4. September 1790): Fern von gebildeten Menschen, am Ende des Reiches, wer hilft Euch Schätze finden und sie glücklich zu bringen an's Licht? Mir Verstand und Redlichkeit helfen; es helfen die beiden Schlüssel zu jeglichem Schatz, welchen die Erde verwahrt. Etwas zu idealistisch waren diese Verse sicher schon zur Zeit ihrer Entstehung. Trotz„Verstand und Redlichkeit" sind die oberschlesischen Knappen immer ärmere Teufel geworden; Geld war und ist der Schlüssel zu den Schätze» der Erde. Die Heizung der Maschinen mit Kohle war der wichtigste Impuls für die regelmäßige und geordnete Kohlengewinnung. Kurze Zeit nach der Begründung * Heinitz hat u. A. auch einen„Essay d'economie politique" verfaßt, Basel 1785; er war der Lehrer des Frciherrn von Stein. der Königsgrube wurde die„Königin Louise"-Grttbe bei Zabrze eröffnet, die heute mit ihrer 8— 9000 Mann starken Belegschaft die größte Kohlengrube Ober- schlesiens ist. Gerade in diesem Jahre feiert die Königshiitte das hundertjährige Jubiläum ihres ersten Hochofens; die jährliche Produktion dieses Ofens betrug zirka 40000 Zentner Roheisen, so viel also, wie heute ein Ofen in zwei Monaten liefert. Der zweite Hoch- ofen wurde 1802, der dritte 1809 und der vierte 1819 angeblasen. Die Königshlltte war das be- dentendste Eisenwerk Oberschlesiens und sollte es auch bleiben. Die Rannwerhältnisse dieses Blattes verbieten es uns, die fernere Entwickelung der oberschlesischen Montanindustrie weiter genau zu verfolgen, so inter- essant auch eine schrittweise Darlegung ihrer Fortschritte wäre. Wir machen einen Sprung bis in die unmittelbare Gegenwart hinein, um so recht deutlich zu zeigen, was ans den geschilderten An- sängen nach etwa hundert Jahren geworden ist. Um noch einen Maßstab für die frühere Ans- dehnung der Industrie zu gewinnen, bemerken wir. daß der alte Kreis Beuthen 1817, als schon eine Anzahl Werke in guteni Gange waren, nur rund 25 000, und daß Beuthen, die einzige Stadt des Kreises, die diesen Namen verdiente, 2000 Einwohner hatte. Ein Viertelhnnderttausend Menschen, von denen überdies die große Mehrheit Ackerbau treibt, läßt auf große und umfangreiche Industriebetriebe nicht schließen. Gleich hier wollen wir des unmittelbaren Ver- gleiches wegen einige Bevölkerungszahlen ans der Gegenwart anführen. Das alte Beuthener Lano hat jetzt rund 500 000 Einwohner, zwanzig Aial so viel als vor 80 Jahren; im ganzen Industrie- bezirk aber, zu deni wir besonders noch Gleiwitz rechnen müssen, und der auch sonst iiber die Grenzen des Beuthener Landes hinaus gegriffen hat, wohnen zirka 800 000 Menschen. Die Industrie hat sich als eine kräftige Städte- erbauerin erwiesen. Zwar heißen noch sehr viele große Ortschaften mit 5, 10, 15 und mehr Tausend Einwohnern Dörfer; im Grunde genommen sind es Städte, und die offizielle Statistik faßt sie auch zum Theil als solche auf. Die sogenannten Städte aber sind in einer Weise angewachsen, wie man es nie ahnen konnte. Das damals so kleine Benthen hat jetzt zwischen 40 und 50 Tausend und Kattowitz zwischen 30 und 40 Tausend Menschen. Das groß- artigste Beispiel einer Industriestadt ist aber unzweifel- Haft Königshiitte. Die Stadt Königshiitte ist erst 29 Jahre alt und ist schon jetzt die größte Stadt Oberschlesiens, wie bereits oben erwähnt wurde. Bei ihrer Griin- dring hatte sie zirka 14 000 Einwohner, jetzt besitzt sie iiber 50 000, und das, ohne daß seit 1869 umliegende Ortschaften eingemeindet worden wären. Das Anwachsen der Einwohnerzahlen ist ein peinlich genauer Maßstab für die Entwickelung der Industrie. Im ersten Jahrzehnt verdoppelte sich die Bevölkerung. Der Verkauf der bis 1870 fiskalischen Königshiitte an den Grafen Hugo Henckel von Donnersmarck, die Verwandlung des Werkes in eine Aktiengesell- schaft— eine„blutige" Griindung!— und das ausgezeichnete Geschäft in den ersten Jahren dieses Jahrzehnts erklären das. In den nächsten zehn Jahren wächst die Einwohnerzahl nur ans 32 000; der Geschäftsgang war ruhig, zeitweise schlecht. In den nächsten neun Jahren dagegen ging es desto rapider vorwärts; Königshiitte allein hat jetzt noch einmal so viel Einwohner, als vor 80 Jahren die sechs Kreise des Jndnstriebezirkes zusammen hatten. Die glänzenden Gcschäftsresnltate namentlich der letzten Jahre, die außerordentlich günstigen Wirkungen des russischen Handelsvertrages u. A. spiegeln sich in den Einwohnerzahlen wieder. Mit einem kurzen Ileberblick iiber die oberschlesischen Jndnstriewerke und ihre Ergebnisse wollen wir schließen. Oberschlesien besitzt 54 Kohlenbergwerke mit einer Gesammtbelegschast von 56 000 Arbeitern und Arbeiterinnen; die gesammte Kohlenförderung beläuft sich auf 20 Millionen Tonnen im Werthe von über 100 Millionen Mark. 133 Die Zahl der Eisenerzgmben beträgt 47; über 3000 Arbeiter fördern zirka 500 000 Tonnen im Werthe von 2'/« Millionen Atark. Zink- nnd Bleierz- gruben gicbt es 36 mit zirka 10 000 Arbeitern, die über 700 000 Tonnen Erze im Werthe von fast 1272 Millionen Mark fördern. Oberschlesien besitzt ferner elf große Eisenhütten mit zirka 4000 Arbeitern, die zirka 700 000 Tonnen Roheisen und Nebenprodukte im Werthe von rnnd 33 Millionen Bkark erzengen. Es besitzt weiter 25 Eisengießereien mit 2400 Arbeitern; die Pro- duktion beträgt über 50000 Tonnen im Werthe von über 7 Milloiien Mark. Dazu kommen 19 Eisen- und Stahlwalzwerke, die mit 16000 Arbeitern über Glätte und Silber im Werthe von fast 6 Millionen Mark. Koks- und Zinderanstalten finden wir 14; sie beschäftigen za. 3700 Arbeiter, die za. 1,3 Millionen Tonnen im Werthe von über 24 Millionen Mark erzeugen. Ten Schluß bildet die chemische Industrie mit 5 Betrieben und nicht ganz 800 Arbeitern; der Geldwerth der Produkte beträgt etwas über eine Million Mark. Die gestimmte oberschlesische Montanindustrie hat 1896 produzirt 23,5 Millionen Tonnen im Werthe von zirka 300 Millionen Mark; sie beschäftigte rnnd 110 000 Arbeiter. dagegen nur von 101 000 aus 108 100. In diesen vier Jahren sind insgesammt über 33 000 Berg- und Hüttenleute in den Betrieben getödtet oder verletzt worden, nach den Zahlen des letzten, des grausamsten Jahres 1396 mit seinen 10 017„Tobten und Verwundeten"— das Wort vom„Schlachtfeld der Arbeit" ist hier wörtlich, nicht bildlich zu nehmen— findet eine buchstäbliche Dczimirung der Arbeiter statt; jeder zehnte Mann hat zu erwarten, daß er in einem Jahre erschlagen oder verletzt wird, oder jeder Mann kommt in zehn Jahren einmal mit einem Unglück an die Reihe, in zwanzig Jahren zweimal, in dreißig Jahren dreimal usw. Das ist die Kehrseite jener durch' Produktions- Der 600 000 Tonnen Eisen und Stahl im Werthe von 70 Millionen Mark erzeugen. Die vier Werke für Drahtindustrie usw. beschäftigen 3000 Arbeiter und produziren 54 000 Tonnen im Werthe von fast 12 Millionen Mark. Einer der wichtigsten Industriezweige für Oberschlesien ist die Zinkerzeugnng. Ihr widmen sich 29 große und sehr große Betriebe mit fast 8000 Arbeitern, die allein fast 100 000 Tonnen Rohzink erzeugen; der Gesammtwerth der Produktion beträgt 30 Millionen Mark. Die Verarbeitung des Zinks besorgen 5 Zinkwalzwerke, in denen knapp 750 Arbeiter über 40 000 Tonnen Zinkblech im Werthe von 13 Millionen Mark herstellen. Die Blei- und Sikbererzengung Obcrschlesiens ist nicht bedeutend, und doch erzeugen die 2 Werke mit reichlich 600 Arbeitern über 30000 Tonnen Blei, AbeUinireV. Dach dem Gemälde von A. V (Photographteverlag der Photographtschen Union in München.) Das sind Zahlen, von denen sich weder die Heinitz und Reden im vorigen Jahrhundert, noch viel weniger aber die Bewohner der„freien Bergstadt" Tarnowitz zu ihrer Zeit ettvas haben träumen lassen. Aber noch ein Ergcbniß der oberschlesischen In- dnstrie muß hier hervorgehoben werden, von dem sich die Vorfahren wohl auch nicht haben träumen lassen: die entsetzlich hohen und Jahr für Jahr gestiegenen Zahlen der in der Montanindustrie, zumal iin Kohlenbergbau, Verletzten und Getödteten. Die Alten kannten die moderne Ausbeutung der Arbeiter mit ihren erschütternden Folgen für Leben und Ge- sundheit nicht, bei ihnen ging es gemächlicher und weniger gefährlich zu. Die Zahl der Todesfälle stieg in den Jahren 1893 bis 1896 von 123 ans 264, die der Ver- letznngen von 6759 ans 9755, die Zahl der Arbeiter litt. zahlen und-Werthe so glänzenden Medaille. Die schleichende Vergiftung der Körper der Arbeiter durch die miserablen Arbeits- und Lebensbedingungen und die dadurch herbeigeführte, aber nicht immer fest- zustellende Verkürzung der Lebenszeit übergehen wir dabei noch. Die Hauptschuld daran trägt die Thatsache, daß in Oberschlesien noch viel mehr als sonstwo der Jndustriefeudalismns herrscht. In anderen Industrie- bezirken bildet sich erst in diesen Jahren ein gewisser Fabrikfendalismus heraus, in Oberschlesien hat er stets geherrscht. Die agrarischen Herren des Industrie- bezirks, etwas über ein halbes Dutzend ungeheuer reicher Leute, Grafen, freie Standesherren und Fürsten, haben fast drei Viertel der Bodenfläche des Industrie- bezirks in ihrem Besitz; ihnen gehörten auch dieselben Antheile an der Industrie. Die oberschlesischen Agrar- 134 Die Neue Welt. Illustrirte llnterhalwngsbeilage. Magnaten waren in alter Zeit die trotzigsten und protzigsten Ausbeuter und Gegner des Volkes und, z. B. bei Gelegenheit der sogenannten Bauernbefreiung, der Negierung und der Krone, wenn sie ihnen nicht zu Willen waren. Ihre Erben lassen ihre Abstammung deutlich genug erkennen. Daher kommt es, daß der oberschlesische Industrie- bezirk, obgleich er eben ein Jndustriebezirk ist, dennoch zu den rückständigsten und traurigsten Gegenden Deutsch- lands gehört. Auf der Armnth, Dummheit und Unfreiheit einer hunderttausendköpfigen Proletariermasse beruht der schwindelnde Reichthum einiger wenigen Leute, die aus Uebcrfluß nicht wissen, was sie be- sitzen und wie sie ihr Einkommen verzehren sollen, während Die, die ihnen eine solche Existenz ermög- lichen, oft aus Biangel nicht wissen, wovon sie leben sollen. Auch das ist ein wichtiger Unterschied zwischen dem Einst und dem Jetzt des oberschlesische» Industrie- bezirks.— S te >eschichte öes Hagens. Von P. M. Grempe. jOlie ersten Vorrichtungen zur Fortbewegung von Lasten waren Schleifen oder Schlitten. Diese _ Fuhrwerke ohne Räder wurden ans parallelen Hölzern, die durch Querverbindungen ihren Halt erhielten, hergestellt. Die den Boden berührenden Seiten der Kufen wurden geglättet und später mit Eisen beschlagen. Dieses primitive Beförderungs- mittel diente besonders den alten Eghptern zur Fort- bewegung ihrer kolossalen Steinfignrcn. Zur Ver- ringernng der bedeutenden Reibung, die das Schleifen verursacht, wendete man geeignete Schmiermittel an. Später verwendete man kreisrunde Walzen, die unter die Schlitten gelegt wurden. Durch Vergrößerung der Walzen und durch An- bringung einer Achse, um welche die Walzen gedreht wurden, entstand das Räderfuhrwerk. Die Zeit der Erfindung des Räderfnhrwerks läßt sich nicht genau ermitteln; wahrscheinlich kannte man es schon zwei Jahrtausende vor Christi Geburt. Die älteste Form dieser Fuhrwerke dürfte der zweirädrige Kriegswagen sein, der mit einer Lenkstange versehen war und von zwei Zngthieren(Pferden) gezogen wurde. Jeden- falls dürften diese Kriegswagen gemeint sein, wenn es in der Bibel heißt:„Pharao nahm sechshundert Wagen und was sonst von Wagen in Egypten war." Derartige Fuhrwerke erhielten schon frühzeitig an Stelle der vollen Scheiben Räder, die sich aus Rad- kränz, Speichen und Rabe zusammensetzten. Nur für Lastfuhrwerke blieben die vollen Scheibenräder der zweirädrigen Wagen lange Zeit im Gebrauch. 5iönig Salomo benutzte beim Tempelban Lastwagen mit etwa 725 Millimeter hohen Rädern, deren Achsen, Naben, Speichen und Felgen gegossen waren. Die Streitwagen der alten Griechen waren durchweg zweirädrig; aus der Jliade geht aber her- vor, daß Lastfuhrwerke mit vier Rädern bereits im Gebrauch ivaren. Die Perser versahen ihre zweirädrigen Kriegs- wagen mit scharfen Eisen, um so die sich dem Wagen entgegenstellenden Feinde zerfleischen zu können; sie schmückten aber auch derartige Schlachtwagen mit vielen Zierrathcn. Der Wagen Darius III. war bunt bemalt, mit Gold und Silber verziert und mit kostbarem Riemenzeug ausgestattet. Vierrädnge Wagen dienten im persischen Heere zur Beförderung der Führer und der Frauen. Ein besonders Pracht- voller Wagen mit vier Rädern diente zum Transport des Leichnams Alexander des Großen von Babylon nach Alexandrien. Dieser Wagen war mit einem gewölbten Dach versehen, welches auf sechzehn jonifchen Säulen, die auf dem Wagenkasten befestigt waren, ruhte. Vier Deichseln mit je vier Jochen dienten zur Bespannung; da jedes Joch für vier Maulthiere eingerichtet war, so kamen viernndsechzig dieser Zugthiere zur Verwendung. Die Triumphwagen der römischen Feldherren waren zweirädrig und hatten eine runde, geschlossene Form; eine Thür diente zum Einsteigen. Diese Wagen waren an den Wänden mit Gold, Silber oder Edelsteinen geschmückt, hin und wieder auch mit Schnitzereien aus Elfenbein verziert. Zur Be- spannnng wurden meist Pferde von weißer Farbe genommen; der Triumphwagen des Kaisers Gordianus wurde dagegen von vier Elephanten gezogen. Als Prachtwagcn zur Beförderung von zwei bis drei Personen hatte das zweirädrige Carpcntum weite Verbreitung geflinden. Es war ein kastenförmiger Wagen mit Baldachin und wurde von Manlthieren gezogen. Während dieses Gefährt noch von hinten bestiegen werden mußte, war das ebenfalls zwei- rädrige Cisinm ohne Bedachung so eingerichtet, daß der hinten geschlossene Wagenkasten von vorn zu besteigen war. Die gallische Rheda war ein vier- rädriger Wagen, der zur Beförderung mehrerer Per- sonen diente, der aber auch mit einer Decke versehen werden konnte und dann meist als Fracht- und Heer- wagen für Personen und Gepäck benutzt wurde. Die reich verzierten Wagcnseiten ließen zwischen zwei Rädern einen tiefen Einschnitt zum Einsteigen offen. Eine Abart dieser Wagen war die Carruca, welche gewöhnlich nur für zwei Personen Platz bot und als Luxuswagen reich mit edle» Metallen geschmückt war. In der Kunst des Wagenbaues hatten es die Römer so weit gebracht, daß sie vierrädrige Kasten- wagen zum Transport von Kranken herstellten und im Innern mit Polstern versahen; sie hatten Korb- wagen zur Beförderung von Personen, auch kannten sie Last- und Leiterwagen zur Fortschaffung von Fässern und anderen Gegenständen. In Byzanz finden wir am Ende des vierten Jahrhunderts n. Chr. zweirädrige Wagen im Ge- brauch, die mit einem Verdeck aus Teppichen ver- sehen waren. Vom Kaiser Percadius wird berichtet, daß er seinen Wagen von zwei auserlesenen Maul- thieren, die vollständig weiß und mit Gold überdeckt waren, ziehen ließ, und daß der aus lauter gediegenem Golde gearbeitete Wagen die Bewunderung aller Zuschauer erregte. Man staunte die purpurfarbenen Vorhänge an, den weißen Teppich, die Edelsteine und die goldenen Platten, die, durch das Fahren zitternd bewegt, einen hellglänzenden Schimmer aus- strahlten. Die Befördernngsmittel der fränkischen Könige waren dagegen höchst einfach; sie bestanden meist aus einfachen Karren mit Ochsengespann. Wird doch noch von Karl dem Großen(768—814) berichtet, daß er sich eines einfachen Wagens, der mit vier Ochsen bespannt war und durch einen nebenher gehenden Treiber geleitet wurde, als Beförderungsmittel sowohl in der Stadt als auch auf dem Lande bediente. Der König Johann von England benutzte im Jahre 1200 einen zweirädrigen Wagen, dessen Kasten ohne Federn auf der Rndachse festsaß, dessen Räder aus eineni kreisförmigen Holzstücke gefertigt und mit Schnitzereien verziert waren; der Wagen wurde von einem Pferde gezogen, während der Führer nebenher schritt. Weite Verbreitung fanden im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert die vierrädrigen Verdeck- wagen, die theilweise durch eine Mittelwand in ein Abtheil für Frauen und in ein solches für Männer geschieden waren. Diese Fuhrwerke wurden auch wohl ganz mit Leder überspannt hergestellt, wobei dann die gewölbte Decke und die Seitenwände an den Kanten durch große messingene Nägel mit dem Kastengerippe verbunden wurden. Wohlhabende Per- sonen ließen das Wagengestell mit vergoldeter Bild- hanerarbeit versehen und häufig Dach und Wände des Fuhrwerkes aus Seidenstoffen oder kostbaren Goldstoffcn anfertigen. Die Benutzung des Wagens für den Personen- transport wurde durch die Einführung des Riemen- gehänges wesentlich gefördert. Bisher waren nämlich die Wagenkasten nnniittelbar aus den Radachscn be- festigt, so daß alle Stöße und Erschiittcrungen unver- mindert übertragen wurden. Während bereits im Jahre 1568 der Herzog Wilhelm von Bayern seiner Braut einen solchen in Riemen aufgehängten Wagen schenkte, müssen diese Wagen in Frankreich erst be- deutend später Eingang gefunden haben; wurde doch noch 1610 Heinrich IV. in Paris in einem Wagen ermordet, der diese wichtige Einrichtung zur Ver- Minderung der Erschütterungen nicht aufzuweisen hatte. Verschiedentlich erließen auch einzelne Fürsten gegen die Benutzung der Wagen Verbote, so Philipp II. von Pommern im Jahre 1608. Beckmann erwähnt, daß„den Lehnsherren nämlich zu sehr daran gelegen war, daß ihre Vasallen zu allen Zeiten gleich zu Pferde dienen konnten, als daß sie das Fahren im prächtigen Wagen hätten begünstigen solle». Sie sahen voraus, daß der Adel sich dadurch des Reitens entwöhnen und zum Kriegsdienste unfertiger und ungeschickter machen würde. Diener, Mämier und Frauen, Weltliche und Geistliche ritten auf Pferden oder Mauleseln, und Frauen und Mönche noch be- quemer auf Eselinnen. Der Mimster ritt zu Hofe, und sein Pferd ging allein, ohne Führer, zu seinem Stalle zurück, bis es ein Bedienter wieder nach Hofe brachte, um den Herrn abzuholen." Im Jahre 1643 veranstaltete der Herzog August in der Stadt Wolfenbiittel nach dem Slbzuge der Oesterreicher einen Festzug, bei dem eine ganze Reihe mehrspänniger Kutschen zur Verwendung kam. Bald kamen Kutschen auf, deren Wagenkasten aus einem Rundbau bestand; die obere Hälfte der Seitenwände wurde mit Glasfenstern versehen und diese in luxuriöse Rahmen gefaßt. Dem Unternehmer Nicolaus Sauvage gebührt das Verdienst, als Erster in Paris im Jahre 1650 Wagen und Pferde zum beständigen Vernnethen bereit gehalten zu haben. Da das Gebäude, in dem er Remise und Stallungen hatte, den Namen des heiligen Fiacre(Königs der Schotten im siebenten Jahrhundert) trug, nannte man nachher alle Per- sonen, die öffentliches Fuhrwerk unterhielten und auch bald die Wagen selbst„Fiacres". Ein solcher Fiacre bot damals sechs Personen Platz, doch mußte an jeder Seitenthür eine Person, das Gesicht nach außen gekehrt, sitzen. In London führte schon fünf- nndzwanzig Jahre früher ein Seeoffizier Rkieth- kutschen ein, die Hachneys genannt wurden und deren Vcrmchrnng im Jahre 1635 Karl I. verbot, da sie den Straßen und Gemeindewegen schädlich und ge- fährlich gewesen wären. Am Ende des siebzehnten Jahrhunderts kamen die sogenannten„Berliner" auf. Der Wagenkasten dieser Wagen hatte vier Sitze und hing nicht nur in Riemen, sondern hatte auch hölzerne oder stählerne Federn zur Abschwächnng der Erschütterungen. Mehr und mehr kamen nunmehr die eisernen Gestell- konstrnktionen auf, die in England eine so eigen- thümliche Form erhielten, daß sie im Jahre 1799 wie folgt beschrieben wurden:„Die neuesten eng- lischen Kutschen hängen so außerordentlich hoch, daß ei» dreimal sich ausschlagender Fußtritt erforderlich ist, um hinauf zu kommen. Verhältnißmäßig sitzt mich der Kutscher so hoch, daß er beinahe in die erste Etage eines Hauses sehen kann und gewiß den Hals bricht, wenn er herunterfällt." Eine wichtige Verbessernng war die Einführung der Räder mit Gummireife», wodurch die Erschütte- rungen der Wagen bedeutend verunndert werden. In Anbetracht der großen.Koste» dieser Gummireifen sind aber derartige Wagen verhältnißmäßig selten anzutreffen. In letzter Zeit hat man versucht, Wagen mit pnenmatischen Gummireifen an den Rädern ein- zuführen; die Versuche haben ergeben, daß derartige Wagen'/s bis 1h weniger Reibung verursachen, als solche mit gewöhnlichen Rädern.— Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 135 Die Wretonin. n einem Sommercibend, dem Vorabend von ■> St. Katherine, drehte sich das Gitter der Strafanstalt von Sainte Auberive in seinen Angeln und ließ eine Frau von etwa dreißig Jahren hindurch, die ein abgeschabtes Wollenkleid trug, wäh- rend sich auf ihrem blassen und von dem Gefängniß- leben stark aufgedunsenen Gesicht eine Kattunhaube schaukelte. Es war ein weiblicher Sträfling, den man eben freigelassen hatte. Ihre Gefährtinnen im Zuchthause nannten sie die„Bretonin". Sie war wegen Kindesmordes vor gerade sechs Jahren eingeliefert worden, und jetzt sah sie sich, nachdem sie ihre paar Lumpen und ihr verdientes Geld von der Gefängnißkanzlei abgehoben, wieder in der Freiheit, mit ihrem Reisepasse, der nach Langres visirt war. Der Postomnibus, der nach Langres fuhr, war bereits fort. Schüchtern und unbeholfen schleppte sich die Bretonin mühselig nach der besten Gast- wirthschaft der Gegend und bat mit unsicherem Tone um ein Nachtlager. Die Herberge war voll, und der Wirth, dem wenig daran gelegen war, solche Galgenvögel zu beherbergen, gab ihr den Rath, weiter bis zur Schenke zu gehen, die am anderen Ende des Dorfes gelegen war. Die Bretonin ging, noch scheuer und verschüch- terter als vorher, ihres Weges und klopfte an die Thür dieser Schenke, die eigentlich nur eine Kantine war. Die Wirthin betrachtete sie mit mißtrauischem Blicke, sie vcrmuthete in ihr jedenfalls ein Weib aus deni Znchthause und schickte sie schließlich fort, indem sie behauptete, sie hätte kein Nachtlager. Die Bretonin wagte nicht, auf ihrer Bitte zu bestehen, sondern entfernte sich mit gesenktem Haupte, während sich in ihrem Herzen ein dumpfer Haß gegen die Menschheit erhob. Es blieb ihr nichts weiter übrig, als Langres zu Fuß zu erreichen. Im November bricht die Nacht schnell herein. Die Wanderin sah sich bald in dichten Nebel ein- gehüllt, als sie auf der grauen Landstraße dahin- schritt, die sich zwischen den beiden Baumreihen hinzog. Nach sechs Jahren eines einsanien Lebens konnte sie nicht mehr ordentlich marschiren; die Kniee waren ihr wie verknotet; und ihre an die Holzschnhe gewöhnten Füße fühlten sich in den neuen Stiefeln gehindert. Nachdem sie eine Meile gewandert, wurden ihr die Füße dick, und sie fühlte sich matt. Sie setzte sich auf einen Prellstein und fragte sich zitternd, ob sie in dieser schwarzen Nacht, bei diesem eisigen Winde, der sie bis auf die Haut durchschancrte, vor Kälte und Hunger umkommen sollte. Plötzlich war es ihr, als höre sie auf der öden Landstraße, trotz des Windgeheuls, die schleppenden Töne einer singenden Stimme. Sic lauschte und hörte eines jener zarten, eintönigen Liedchen, mit denen man die Kinder in den Schlaf singt. Nun erhob sie sich und wanderte nach der Richtung dieser Stimme, bis sie an einer Wegkriimmuug ein Licht bemerkte, das durch die Stämme fiel. Fünf Minuten später erreichte sie eine Lehm- Hütte, deren Dach mit Erdschollen bedeckt war und durch deren einziges Fenster man einen schwachen Lichtschein entdeckte. Mit bebendem Herzen entschloß sie sich anzuklopfen. Der Gesang verstummte und eine Tagelöhnerin öffnete ihr; eine Frau in dem- selben Alter wie die Bretonin, doch von der Arbeit bereits gebeugt und welk. Ihre au mehreren Stellen zerrissene Jacke zeigte die erdfahle und verbrannte Haut; ihre röthlicheu Haare drängten sich unordent- lich unter einer kleinen Leinenhaube hervor, während ihre grauen Augen erstaunt die Fremde anstarrten, deren Gesicht ihr unheimlich vorkam. „Guten Abend!" sagte sie, die Lampe hoch- haltend,„was wünschen Sie?" „Ich kann nicht weiter," murmelte die Bretonin Von Andre Theuriet. Deutsch von Wilhelm Thal. mit schmerzerstickter Stimme.„Die Stadt ist weit, und wenn Sie mich für diese Nacht beherbergen wollten, würden Sie mir einen großen Dienst er- weisen... Ich habe Geld... und werde Sie für Ihre Mühe bezahlen." „Treten Sie ein," sagte die Andere nach kurzem Zögern, dann fuhr sie in mehr neugierigem als miß- trauischem Tone fort:„Warum haben Sie denn nicht in Auberive übernachtet?" „Man wollte mich nicht aufnehmen..." Dabei senkte die Bretonin den Blick und fügte niit leiser Stimme hinzu:„Weil ich... aus dem Zucht- Hause komme!... Darum trauen mir die Leute nicht!" „Ah!... Na, treten Sie nur ein; ich fürchte nichts, denn ich habe stets nur das Elend kennen gelernt... Es wäre Unrecht, einen Nienschen bei solcher Kälte vor der Thür zu lassen... Kommen Sie... ich werde Ihnen eine Streu zurecht macheu..." Mit diesen Worten holte sie aus der Ecke mehrere Bündel trockenes Stroh und breitete es ani Herde aus. „Sie wohnen hier allein?" fragte die Bretonin schüchtern. „Ja, mit meiner Kleinen, die in's siebente Jahr geht... Ich arbeite im Walde und verdiene damit unseren Lebensunterhalt..." „Ihr Mann ist todt?" „Ich habe nie einen gehabt," versetzte die Andere heftig;„die arme Kleine hat keinen Vater... Na, Jeder hat sein Thcil... Da ist Ihr Bett und da sind auch noch einige Kartoffeln, die vom Abend- essen übrig geblieben sind... Das ist Alles, was ich Ihnen anbieten kann..." Sie wurden von einer Kiudesstimme unterbrochen, die aus einer von der Stube durch eine Brettenvaud getrennten dunklen Kammer kam. „Gute Nacht!" fuhr sie fort;„ich gehe wieder zu der Kleinen, die sich sonst fürchtet. Schlafen Sie recht gut!" Sie nahm die Lampe, ging in die Nebcnkammer und ließ die Bretonin in der Dunkelheit zurück. Diese hatte sich auf der Streu ausgestreckt. Nachdem sie gegessen, versuchte sie, die Augen zu schließen, doch der Schlummer wollte nicht kommen. Durch die Scheidewand hörte sie die Fleuriotte— so hieß die Frau— mit leiser Stimme mit der Kleinen sprechen, die durch das Erscheinen der Fremden aufgeweckt und nicht wieder einschlafen wollte. Die Fleuriotte streichelte das Kind und küßte es unter süßen Worten, deren naiver Ausdruck die Bretonin seltsam erregte. Dieser Ausbruch der Zärtlichkeit weckte ein un- klares Gefühl der Mutterliebe in dem Herzen dieses Weibes, das einst venirtheilt worden, weil sie ihren Neugeborenen erstickt hatte. Die Bretonin dachte, daß ihr Kleiner jetzt das Alter dieses kleinen Mäd- chens haben würde,„wenn die Dinge sich nicht so böse gewendet hätten". Bei diesem Gedanken und bei dem Ton dieser kindlichen Stimme erbebte sie bis in's innerste Herz; es zerschmolz etwas" in ihrem verhärteten und verbitterten Innern, und sie hakte große Lust zu weinen. „Na, vorwärts Kind!" sagte die Fleuriotte; „schlafe schnell wieder ein. Wenn Du artig bist, gehe ich morgen mit Dir auf den St. Catherinen- Jahrmarkt." „St. Katherin, das ist das Fest der kleinen Mädchen, nicht wahr, Mütterchen?" „Ja, mein Herz." „Ist es wahr, daß die heilige Katherine den Kindern an diesen: Tage Spielzeug bringt?" „Ja... manchmal!" „Warum bringt sie denn nie zu uns welches?" „Wir wohnen zu weit.. und dann sind wir ja auch zu arin!" „Sie bringt also nur den Neichen was!... Warum denn?... Ich möchte doch auch Spiel- zeug haben..." „Na, ja, nächstens wird sie Dir vielleicht auch etwas schenken... Wenn Du artig bist und hübsch wieder einschläfst." „Na, dann werde ich schlafen, damit sie morgen etwas bringt..." Dumpfes Schweigen. Dann ein gleichmäßiges, leises Athmen. Das Kind ist eingeschlummert und die Mutter ebenfalls. Nur die Bretonin konnte nicht schlafen. Ein gleichzeitig zartes und quälendes Ge- fühl preßte ihr das Herz, und sie dachte mehr als je an den Kleinen, den sie einst erstickt hatte. Das dauerte bis zum Tagesanbruch. Beim ersten Schein der Sonne huschte die Bretonin leise aus dem Hause, eilte hastig nach der Richtung von Auberive und blieb bei den ersten Hänsern stehen. Hier ging sie langsam die einzige Straße hinauf und betrachtete die Schilder der Läden. Schließlich schien eines derselben ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie klopfte an die Scheiben und ließ sich öffnen. Es war ein Kramladen, in dem es auch Kinder- spielzeug gab, armseliges, veraltetes Spielzeug; kleine Puppen, Menagerien, Baukästen... Zur großen Verwunderung der Verkäuferin kaufte die Bretonin Alles, bezahlte und verließ de» Laden. Sie schlug wieder den Weg nach der Hütte der Fleuriotte ein, als eine Hand sich schwer auf ihre Schulter legte. Sie wandte sich um und zitterte, als sie sich einem Gendarmeric-Brigadier gegenüber sah. Die Unglückliche hatte vergessen, daß es den entlassenen Sträflingen verboten ist, sich in der Nähe der Strafanstalt aufzuhalten!... „Anstatt hier herumzubummeln, sollten Sie schon in Langres sei»!" sagte der Brigadier in strengem Tone.„Vorwärts, marsch!" Sie wollte sich näher erklären. Verlorene Mühe. Im Nu holte man einen Karren, ließ sie unter der Begleitung eines Gendarmen aufsteigen, und vor- wärts, Kutscher! Der Karren rollte klappernd auf der eisigen Landstraße dahin. Die arme Bretonin preßte mit trauriger Miene ihr Packet mit den Spiclwaaren in den erstarrten Händen. An einer Biegung der Land- slraße erkannte sie den Fußpfad; ihr Herz klopfte hörbar und sie bat den Brigadier, er möchte an- halten lassen; sie hätte der Fleuriotte, einer Frau, die zwei Schritte entfernt wohne, etwas zu bestellen. Sie bat so dringend, daß der Gendarm sich rühren ließ. Man band das Pferd an einen Baum und ging dann den Fußpfad entlaug. Vor der Thür stand die Fleuriotte und spaltete Holz. Als sie ihren nächt- lichen Besuch in Begleitung eines Gendarmen wieder- sah, blieb sie mit offenem Munde und erstaunter Miene stehen. „Still!" flüsterte die Bretonin,„schläft die Kleine noch?" „Ja, aber..." „Legen Sie ihr diese Spielsachen leise auf ihr Bett!... Ich war nach Auberive zurückgegangen, um sie zu holen, doch ich scheine nicht das Recht zu haben, und man bringt mich nach Langres..." „Heilige Mut—..." schrie die Fleuriotte. „Still!" Sie traten an das Bett. Von dem Gendarmen begleitet, kramte die Bretonin die Puppe, den Bau- kästen und die Menagerie auf der Decke ans, küßte den nackten Arm des schlafenden Kindes und sagte dann, sich zu dem Gendarmen wendend:„So, jetzt können wir weiter fahre»!" 5! e it i C C e f o n. Der Abenteurer. Das Boot, das ihn von seinem Naubnest, der kleinen Felseninsel, an. diese Knste qcbracht, wird abgestoßen. Nnn steht er allein. Die Kraft seiner Arme und gute Waffen sind sein einziger Schutz. Tie Mannen, die ihm zu-Diensten sein sollen, wird er sich im fremden Land werben. Er weiß, welchen Gefahren er entgegen geht. Viele vor ihm haben es versucht, iu dieses Land einzudringen. Sie find unterlegen. Ihre Gebeine bleichen im Strandsand. Aber er sucht die Gefahr. Er will den Männern, die bisher alle Angriffe zurück- gewiesen, den Meister zeigen. Er>vill bei ihnen Rcich- lhnm, Macht und Ruhm erwerben. Hoch richtet er sich im Sattel auf; sein Auge späht scharf und sucht den Feind. Es ist, als ob er Besitz ergreife von dem Lande, in das er einfällt. Mächtig schreitet sein Roß aus, achtlos über die Gebeine hinweg, dem Unbekannten entgegen... So verkörpert Arnold Bö cklin den italienischen Söldner- führcr der Renaissancezeit, den Condotticre. In diesem Abenteurer wird das Treiben der verwegenen Gesellen lebendig, die in den Kämpfen der kleinen Stadtstaaten im Italien des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts eine so große Rolle spielten � der Sforza, Eollconi usw. Mit geworbenen Truppen, Fremden und Einheimischen, zogen sie im Lande umher und boten ihre Dienste an. Wenn ihnen das Glück hold war, schwangen sie sich wohl auch zu Fürsten der Staaten auf, für die sie geworben ivaren. Das Sclbstbcivnßte und Gewaltthätige eines solchen Charakters hat Böcklin zu mächtiger Wirkung her- ausgearbeitet. Der Standpunkt des Betrachtenden ist so niedrig geivählt, daß der Reiter fast in ganzer Größe gegen den hellen Himmel steht. So gewinnt er eine Silhouette, deren wuchttger Linienaufbau etwas UcberwältigendcS hat. Wie in den Linien, die durch die Bewegung des Pferdes entstehen, das unaufhaltsame Vordringen charaktcrisirt wird! Unter der wuchtenden Last wird der Schritt schwer und lang, senkt sich der Kopf, quellen die Augen hervor, schlägt der Schwanz unruhig wie bei einem schwer arbei- tendeit Lastpferde. Alle Linien sind schräg gestellt und nach vorn geneigt, drängen gleichsam vorivärts. Von diesen runden Linien hebt sich die straffe Haltung des Reiters in starkem Kontrast ab. Breit sitzt er im Sattel. AuS seiner Haltung, wie er fest in die Bügel tritt und die Linke ans den Sattelknauf setzt, wie er den Kopf zurückwirft, fühlt mau die Spannung, in der alle Muskeln sich befinden. In den Linien des Schädels, in dem vor- gebauten Kinn, dem Stiernacken liegt eine ungeheure, brutale Kraft und Energie. Das Bewcgimgsmoliv, diese wenigen großen, kühnen Linien, prägt sich auf den ersten Blick ein. Der Leser tvird sich des früher in der „Neuen Welt" veröffentlichten Bildes„Der Krieg" von Franz Stuck erinnern; daran sieht man, wie eine solche Bewegung für den jüngeren Künstler fruchtbar geworden ist... Die tiefe Ruhe der landschaftlichen Umgebung, der helle Hintergrund verstärkt noch den Eindruck des Bildes. Tie Schatten werden länger, ein heißer Sommcrtag geht zur Rüste. Kein Lüftchen rührt sich. Leise rauschen die Wellen an den Strand; von den Genossen dringt das letzte Geräusch herüber; sonst herrscht rings Tobten- stille. Um so stärker wirkt das Leben, das in dem Reiter konzcntrirt ist. Wie ein Ungewittcr fällt er in das Land. Zerstörung und Plünderung, Mord und Brand werden den Weg zeichnen, den er genommen.... Farbige Architektur. In den bildenden Künsten er- leben wir in der Gegenwart einen tiefgehenden Umschwung in den künstlerischen Anschauungen. Die„Bedarfskunst", die künstlerische Bearbeitung der Dinge, die uns täglich umgeben, rückt gegenüber der„reinen Kunst", der Malerei und Bildhauerei, in den Vordergrund. Dabei ist es nur folgerichtig, wenn sich die Umsichtigsten der Künstler, die sich dem Kunstgewerbe zuwenden, jetzt vor die allgemeinste Aufgabe gestellt sehen: Wie kommen wir zu einem den heutigen Bedürfnissen angepaßten und unserem Geschmack zusagenden Wohnhaus? Die Aufgabe ist hier von vornherein verschieden, je nachdem eS sich um das Miethshaus oder das Privat- hanö für eine einzelne Familie handelt. Dem Mieths- Hans werden stets bestimmte Grenzen gesteckt sein, die eine freie Entfaltung des Künstlers unmöglich machen. Ter steigende Bodenpreis in den Großstädten hat den Banincistern eine möglichst große Rmnnausnütznng zur unabweisbaren Nothwcndigkeit gemacht. Die Wieder- Holling derselben Aufgaben in den verschiedenen Stock- werken erfordert einen um so größeren Schematismus, je kleiner die einzelnen Wohnungen sind. Tic Ausnutzung des Raumes ist aber das Einzige, worin es die heutigen Baumeister zu einer ganz raffüiirtcn Fertigkeit gebracht haben. Damit sind zugleich. gewisse Bequemlichkeiten in der Treppenanlage und eine große llebersichtlichkeit des HausplanS in den modernen Normalbauten gegeben., In allem Anderen aber, z. B. in der Gestaltung dcr einzelnen Nänme, in der Fensteranlagc, in dcr Anordnung der Thürcn, zeigt sich eine große Unfähigkeit in dcr Kon- struktion._ Ten einfachsten Anforderungen dcr praktischen Bedürfnisse und des guten Geschmacks wird nicht Genüge gcthau. Von diesen müßte eine gesunde Architektin: aber ausgehen. Einen noch schlimincren Beweis für den heutigen Tiefstand des Geschmacks giebt die übertriebene Prunksucht, die nur zufrieden ist, wenn an jedem Eckchen eine Schmuckform untergebracht ist. Diese Neigung hat sich besonders stark cnNvickclt unter dem Vorbilde des italienischen Palast- stils, dcr zunächst auf die Ausbildung einer prunkvollen Fassade ausging und oft dem»lonnmentalen äußeren Eindruck die'Bedürfnisse des Innern opferte. Vor allen Dingen wurden, wie bei diesem, die Fenster Elemente des Schmuckes. Tie regelmäßige Vertheilung gleich großer einzelner Fenster erschien im Interesse einer schönen Fassade unerläßlich. Auf dasselbe Vorbild geht auch die überwiegende Betonung der horizontalen Linie und die daraus folgende scharfe Abglicderung dcr cinzclncn Stockwerke zurück. Ferner erschien dcr Sandstein als der einzige würdige Baustein. Wo man ihn nicht an- wenden konnte, weil er zu theuer ist, wollte man ihn wenigstens nachahmen, und so tödtete sein vornehmes Gran die Farbenfreudigkeit dcr früheren HauSarchitckmr. Der Ccmentbewurf dcr Steinhäuser inubte nun durchaus auch grau sein. Daher denn das ermüdende Grau und bei dcr Gleichförmigkeit der Faffadenbildiliig das ewige Einerlei heutiger Großstadtstraßen.' Im Wesentlichen steht dcr Privatbau heute aus keiner höheren Stufe, obwohl die Verschiedenheiten. der Aufgaben wenigstens eine größere Fülle von individnellen Lösungen hervorriefen. An Stelle des einen gab es hier sehr viele Stile, die man nachahmen konnte. Oft sieht man sogar an demselben Bau die verschiedensten Stile iu heil- loser Verwirrung angewendet. In den Versuchen, zu einer neuen, strengen Forde- rungcn genügenden Hausarchitektur zu kommen, gelangen im Allgemeinen zwei Prinzipien deutlich zum Ausdruck: Die unbedingte Rücksichtnahme auf die praktischen Bedürfnisse und die Betonung des Wcrthcs dcr Farbe für den Schmuck des Hauses. Man greift hierbei wohl auch auf ältere Vorbilder zurück. In vielen Bauern- hänsern und in den kleinen Häusern dcr kleinen Städte finden sich noch Reste einer koloristischen Architektur. Freilich sind auch diese in Gefahr, von den„Erruuaen- schaften" der Großstädte vernichtet zu werden. Alfred Lichtivark, der Direktor der Hamburger Kunsthalle, lveist im„Pan" diese Entwickclnng an dem Beispiel zlveicr kleinen Städte am Nordabhange des Harzes, Klaus- thal und Zellerfeld, nach, die besonders deutlich zeigen, was jetzt in ganz Norddeutschland geschieht. Noch kann man aber das Wesen dcr koloristischen Architektur an ihnen erkennen. Die beiden Städtchen liegen in einem sanften Hügel- gelände. Die Schönheit dcr sie unigebenden Natur machen nicht seltsame, romantische Lmidschaftsbilder ans, sondern das schlichte und doch so abwechsclungsreiche Spiel der Lnftstimmnngcn.-Zu jeder Tages- und Jahreszeit, bei jedem Wetter giebt diese Landschaft ein völlig anderes Gesammtbild; iuliner liegt aber in ihren einheitlichen, harmonischen Farben ein tiefer Reiz. Und dieser Umgebung ist die Hausarchitektur der beiden Städte an- gepaßt. In ihr ist Alles. auf die Verwendung der Farben im großen Stil gegründet. Schon aus der Ferne gehen die leuchtend rothcn Ziegeldächer und die schwärzlich schimmernden Schieferdächer mit dem Grün dcr Bänme, zwischen denen die Häuser versteckt liegen, zu einem schönen, freundlichen Bilde zusammen, das sich sehr fein in die Gesammtstimmnng der Natur einfügt. Auch im Einzelnen sind die Hänser rein farbig gehalten. Es sind im Wesentlichen zwei Typen: Das Haus mil Holz- Verschalung und die Einkleidung mit Schiefern. Das Erstere ist in der Regel mit rochen Ziegeln bedeckt; die Holzwände sind dann in einem gut paffenden grünen oder gelblichen Ton gestrichen. Tarin sitzen dann die Fenster, sehr fein und wirkirngsvoll abgefaßt in weißen Rahmen, und die Fensterläden und Hauschüren meist ochsenblutfarben, auch wohl dunkelgrün oder blaugrün. Bei dcr Schieferbekleidung giebt den Grundton der schwärzliche oder auch graue Schiefer. Auch hier sind die Fensterrahmen weiß, die Läden und Thören in passenden Farben. Zuweilen sitzt auch ein rothes Ziegel- dach auf einem sonst mit Schiefer bekleideten Hause.— Wo die Farbe in dieser Weise angewendet lvird, da kommt keinerlei formaler Schmuck dagegen auf. Nur an der Hausthür findet sich eine bescheidene Verzierung. Diese Hausarchitektur ist freilich durchaus noch nicht alt. Ziegel- und Schieferdach haben das frühere Schindel- dach erst unter dem Einfluß der Versicherungsgesell- schaften verdrängt, also seit der Mitte des Jahrhunderts. Die Prinzipien dieser Bauart stammen wohl aus Holland oder Belgien. Die Umwandlung geht sehr vorsichtig, aber gründlich vor, natürlich unter dem Einfluß der Vorbilder in den großen Städten. Es ist schon ein solches Wohnhaus eines Maurermeisters hingebaut, ein farbloser Steinbau mit symmetrischer Fcnsterbildung, der in dieser Umgebung als ungeheure Geschmacklosigkeit wirkt. Sein Besitzer hat es jedenfalls auf dcr Bauschule nicht anders gelernt, und die Nachbarn werden ihn beneiden und einen ähnlichen Kasten haben wollen. Ter Prozeß der Umbildung ist schon im Gange. Zuerst wird die Farbigkeit beseitigt. Die früher farbigen Wände tragen zum Thcil schon den Anstrich in Steinfarbcn. Die Thürcn sind vereinzelt sogar schon„Holzfarben" gestrichen, was zu den blanken Messinggriffen sehr schlecht steht. Ebenso sind die früher weißen Fenster jetzt im Nattirton gehalten und nur lasirt oder Holzfarben gestrichen. Ter schönste Schmuck ist den Häusern damit geraubt; sie sehen nun wie todt aus; zum Ersatz dafür finden sich die Ansätze zu stark über- ladcnem formalen Schmuck. Es wird nicht allzu lange dauern, und die alte Bauart wird ganz verschwunden sein. Selbstverständlich kann man nicht wünschen— auch wenn es möglich wäre—, diesen Prozeß rückgängig zu machen, ebensowenig wie das alte Vorbild auf Groß- stadtvcrhältnisse ohne Weiteres übertragen werden kann. Durch die Ausnutzung des Raumes, in gewisser Bc- ziehung auch durch größere Bequemlichkeit, durch größere Festigkeit nnd bessere Schutzgewährung gegen Feuer und Wetter ist die moderne Bauweise doch weit überlegen. ES kann sich pben nur darum handeln, die Anregungen nutzbar zu machen, welche die rein farbige Bchandlnng der Baugliedcr für die. Ausstattung des heutigen Groß- stadthanscS bietet.— Wie viel wiegt die Luft? Die Luft, der feine Stoff, dcr die ganze Erde umgicbt, hat ein respektables Gewicht, was man bei seiner Zartheit garnicht vermuchen sollte. Man kann das leicht feststellen, wenn man eine Glas- kugel oder Glasbirne, wie sie für Röntgenstrahlen gebraucht wird, luftleer pumpt und wiegt; läßt man dann Luft hinein, so ist sie etwas schwerer, und zwar wiegt ein Liter Luft 1,3 Graunu, also etwas mehr als den KXXtstcn Thcil eines Liters Wasser, dessen Gewicht bekanntlich ein Kilo- grainm ist. Um das Gewicht des ganzen Luftmeeres zu ermitteln, das sich rings um die Erde ausdehnt, müßte man seinen Rauminhalt bestimmen; dadurch würde mau aber zu einem'falschen Resultat kommen, weil die Luft, je höher man steigt, um so dünner und leichter lvird. Man kann das Gewicht viel einfacher mit Hülfe des Barometers berechnen; hier drückt die Luft in eine an einem Ende geschlossene und luftleer gemachte Röhre durch das offene Ende Quecksilber hinein und tteibt es durch ihr Gewicht etwa 76 Centimcter hoch. Einer so hohen Quecksilbersäule hält die Luft also das Gleichgewicht, und daher ist das 16— 12 Meilen hohe Luftmecr gerade so schwer, wie es ein Quecksilbermeer von 76 Centtmcter Höhe sein würde. Ein Knbik-Ccmimeter Quecksilber wiegt 13'/. Gramm, eine Quecksilbersäule von einem Quadrat- Centimetcr Querschnitt und 76 Centimeter Höhe, also 76 Mal so viel, was ein wenig mehr als 1066 Gramm oder 1 Kilogramm ergiebt; mithin drückt die Luft auf jeden Qnadrat-Ceiltimeter der Erdoberfläche mit der Kraft von 1 Kilogramm. Für die ganze Urde. welche die artige Größe von 566 Millionen Quadratkilometern hat, ergiebt dies einen sehr respektablen Druck; jeder Quadratkilometer hat nämlich 16 666 Millionen oder 16 Milliarden Quadrat- Ccntiincter, nnd somit beträgt jener Druck 56 Millionen mal 16 Milliarden, das sind 5 Trillionen Kilogramm oder 56666 Billionen Doppelzentner. Daß die zarte, feine Luft ein so erhebliches, geradezu unvorstellbares Gewicht hat, sollte man kaum für möglich halten; doch erklärt sich das immerhin ans der ungeheuren Ausdehnung des Luftmeeres, das sich über die ganze Erde erstreckt. Aber selbst auf einen kleinen Raum drückt die Lust schon ganz erheblich. Eine gewöhnliche Tischplatte von einem Quadratmeter Oberfläche muß bereits einen Druck von 16066 Kilogramm oder 160 Doppelzeuttiern aushalten; daß sie dabei nicht zerdrückt wird, hat seinen Grund in dein Umstand, daß der Luftdruck nach allen Seiten gleichmäßig wirkt und daher von unten nach oben ebenso stark ist, wie von oben nach nuten; außerdem ist er, auf dfe kleinsten Oberflächentheilchen berechnet, nur gering. Weil dieser Druck überall vorhanden ist, nehmen wir ihn für gewöhnlich auch nicht wahr, obwohl ein erivachsener Mensch, der 1'/, Ouadratmeter Oberfläche hat, einen Luftdruck von 156 Doppelzentnern aushalten muß. Unter diesem Druck, der von allen Seiten und von innen nach außen ebensowohl wie umgekehrt wirkt, haben sich alle nnscre Organe entwickelt; deswegen stört es uns garnicht, sondern es ist uns geradezu nothwendig, lmd ein Fehlen lvird uns sofort nnangcnehm bemerkbar. Steigt man z. B. im Luftballon zu hoch, so daß der Lust- druck erheblich geringer lvird, so dringt das Blut aus den Poren unseres Körpers hervor; wir sind eben an die Erde, an den Boden des LustuieereS gefesselt, nnd unser ganzer Körper ist den hier vorhandenen Bedingungen angepaßt, dst wir nicht übermäßig abändern dürfen, ohne dauernden Schaden zu erleiden.— r. * Wenn man auf einer entfernten Insel einmal ein Volk anträfe, bei dem alle Häuser mit geladenen Gc- wehren behängen wären und man beständig des Nachts Wache hielte, was ivürdc ein Reisender anders deickcn können, als daß die ganze Insel von Räubern bewohnt werde? Ist es aber mit den europäischen Reichen anders? Man lieht hieraus, von wie geringem Einfluß die Religion überhaupt auf Menschen ist, die sonst kein Gesetz über l>ch erkennen, oder wenigstens, wie lveit wir noch von einer wahren Religion entfernt sind. In dcr Kirche fingen immer Tie am lautesten, die fal,ch„Ilgen. iSrillparzer. Nachdruck des Julialtd Verbote»! Alle für die ssicdaktio» dcr„Renen Welt" bestimiilteii Sendungen sind nach Berlin, LW 19, Beuthstraße 2, zu richten. lrcranlworlltcher R-dall-ur: OScar Kühl in Tharlollenburg.— Verlag: Hamburger Bnchdruckerei und Vcr'az.Zaustall Aller& Sa. in Hamburg.- Xriirt: Max Babing iu B-■> Uli.