<-�2- Der Vüttnerbaurr. (Fortseyung�) Inzwischen waren ans den zwei bis drei Tagen, die Häschke hatte ans dem Bauerngute bleiben wollen, um seine Sachen in Stand zu setzen und seine Füße auszuheilen, volle vierzehn Tage ge- worden. Der Wanderbursche hatte es ausgezeichnet verstanden, sich bei den Bauersleuten wohlgelitten zu machen. Selbst die Gunst des alten Bauern hatte er sich zu erobern gewußt, indem er sich unent- behrlich machte.„Wozu bin ich denn Flammer von Religion?" sagte er, womit er meinte, daß er sich aus Schmiedearbeit verstehe, und er müsse doch ab- arbeiten, daß er hier„treife wohne."— Und so machte er sich über die Ackergeräthschaften, die Pflüge, Eggen und die Handwerkszeuge, sah nach den Schrauben, schweißte, hämmerte, nietete und schärfte. Kurz, er brachte Alles in Schuß für die nahe Frühjahrsbestellung. Die Herzen der Frauen gewann Häschke durch seine gute Laune und seine schnodderigen Witze. Im Bütwer'schen Hause war die Fröhlichkeit lange Zeit ein unbekannter Gast gewesen. Jetzt wurde sogar ge- sungen— allerdings nur, wenn der Bauer außer Hörweite war. Es stellte sich heraus, daß Häschke sangeskundig war, und Ernestine halte eine hübsche Stimme. Da sangen sie manchmal zweistimmig, allerhand neue und lustige Lieder, die der Wanders- mann von der Walze mitgebracht hatte. Am schönsten aber war es, wenn er von seinen Reise-Erlebnissen erzählte. Vielleicht nahm er es mit der Wahrheit nicht immer genau. Er wußte von wunderlichen Fahrten, Glücksfällen und Abenteuern zu berichten. Jedenfalls verstand er spannend zu erzählen und seine Lügen geschickt auszuschmücken. Die Frauen glaubten ihm auf's Wort; niit offenem Munde und leuchtenden Augen hörte ihm Ernestine zu, wenn er von den Wundern der Fremde berichtete. Häschke- karl hatte wohl schwerlich etwas vom„Mohren von Venedig" vernommen. Aber auch er wußte, belehrt durch die Schlauheit des Instinktes, daß man durch Erwecken ihrer Theilnahme an Gefahren und außer- ordentlichen Erlebnissen das Wohlgefallen der Frau «in sichersten erregt. Erstaunlich schnell hatte Häschke es auch ver- standen, sich aus einem zerlumpten in einen schmucken und leidlich anständig aussehenden Menschen zu ver- wandeln. Viel trug zu dieser Mauserung bei, daß er sich seinen struppigen Vagabundenbart hatte abnehmen lassen. Faden, Nadel und Scheere borgte er sich, und für ihn fand sich auch unter den Vor- rächen der Frauen dieses und jenes Stück Zeug. Karl Büttner mußte eine„Stande" hergeben, wie Häschke das dem Leibe zunächst gelegene Kleidungs- stück benannte, der Schuster mußte ihm die„Trittchen" neu besetzen; den„Wallmnsch", die„Kreuzspanne" Roman von Wilhelm von Polenz. und die„Weitchen" flickte er sich selbst mit den Tuch- resten, welche er von den Frauen erhalten hatte. Der Erfolg war, daß er mit einer etwas scheckigen, aber nach seiner eigenen Auffassung„duften Kluft" umherging. Als der Büttnerbaner zum ersten Male mit der Egge auf's Feld hinausfuhr, ging Häschke mit. An einzelnen Stellen war der Frost noch im Boden und erschwerte die Arbeit. Der zugereiste Handwerks- barsche wußte sich auch hier nützlich zu machen. „Nehmt mich als Knecht an, Vater Büttner!" meinte Häschke in dem vertrauten Tone, dessen er sich seinem Wirth gegenüber zu bedienen pflegte. Und der alte Bauer sagte nicht„Nein!" Gustav kam in dieser Zeit nicht mehr auf den väterlichen Hof. Er ging dem Alten aus dem Wege. Neuerdings brauchten Vater und Sohn nur drei Worte zu wechseln, und der Streit war fertig. Gustav meinte, das könne er sich ersparen; ändern würde er ja zu Hans doch nichts mehr an den: Gange der Dinge. Er hatte ganz genug mit seinen eigenen Angelegenheiten zu schaffen. Die Trauung war nunmehr festgesetzt, auf den nächsten Sonntag. Das Paar selbst wollte von jeder Feierlichkeit, mit Ausnahme der kirchlichen, absehen. Aber Paulinens Mutter blieb darauf bestehen, daß man den Hochzeitsgästen etwas vorsetzen müsse. Frau Katschner verstand von ihrer Dienstzeit in der herrschaftlichen Küche her Einiges vom feineren Braten und Kochen. Sie wollte sich die Gelegenheit, ihre Künste einmal im hellsten Lichte zu zeigen, nicht entgehen lassen. Nach der Trauung in der Kirche sollte es also einen Schmaus bei ihr im Hause geben. Ani Morgen, nachdem Gustav in Wörmsbach gewesen war, kam Ernestine zu ihm. Sie wolle mit nach Sachsen auf Rübenarbeit gehen, erklärte sie dem Bruder ohne viele Umschweife. Gustav lachte die kleine Schwester ans, sie sei wohl närrisch geworden, meinte er; der Vater werde sie jetzt gerade fortlassen, wo er alle Hände nöthig brauche. Das Mädchen erklärte dagegen mit einer Rede- fertigkeit, die man ihrer Jugend schwerlich zugetraut hätte: Die Eltern hätten kein Recht, sie zurück zu halten, wenn sie gehen wolle. Hier halte sie es nicht mehr aus! Sie wolle sich selbst etwas ver- dienen. Sich nur immer für Andere abzuquälen, ohne je einen Pfennig Verdienst zu besehen, habe sie satt. Sie sei nun erwachsen und wolle sich nicht länger als Schulkind behandeln lassen. Kurz, sie werde mit den Anderen fort auf Sommerarbeit gehen. Gustav sah sich das kleine schmächtige Persönchen mit Staunen an. Man hatte sich in der Biittner'schen Familie daran gewöhnt, Ernestine inuner noch als ein halbes Kind anzusehen, weil sie eben das Nest- Häkchen war. Aber heute merkte er, daß sie den Kinderschuhen in der That entwachsen sei. Er hielt es trotzdem für seine Pflicht, ihr ab- zureden. Sie könne doch garnicht wissen, wie es da draußen sei und was ihrer dort warte, sagte er. Aber da lachte das Mädchen den großen Bruder einfach aus. Das dürfe er doch zu allerletzt sagen, meinte sie mit altklug-schnippischer Miene. Er habe sich ja selber dem Agenten verpflichtet, und er wolle ihm ja sogar Arbeiter verschaffen. Der Bruder faßte das Mädchen am Arme. Woher sie das habe, wollte er wissen. Einige Freundinnen von ihr waren am Abend zuvor in Wörmsbach gewesen, die hatten die Nachricht mit- gebracht: Büttnergustav habe sich dem Agenten Zitt- lvitz verpflichtet und wolle mit Arbeitern nach Sachsen gehen. Gustav war im höchsten Grade aufgebracht. Er schimpfte auf den Agenten und verschwor sich, die ganze Sache sei dummes Gerede. Ernestine schrie er an, sie solle sich auf der Stelle packen, er werde den Teufel thun! Ueberhaupt wolle er mit der ganzen Geschichte nichts zu schaffen haben. Ernestine schien gerade keine allzu große Angst vor dem Zorne des Bruders zu haben. Sie war von zu Hause her gegen das Wllthen der Männer abgebrüht. Sie ließ ihn austoben. Dann meinte sie mit ruhiger Miene, sie wisse auch noch im Dorfe eine Anzahl anderer Mädchen, die gern mitgehen würden, besonders wenn sie wüßten, daß sie unter Gnstav's Aufsicht kämen. Der Bruder erwiderte ihr, es falle ihm garnicht ein, mit einer Heerde Gänse in's Land zu ziehen, da möchten sie sich einen Anderen dazu aussuchen. Aber die kleine Ernestine ließ sich nicht so leicht werfen. Ein Plan, der sich einnial in diesem Köpfchen festgesetzt hatte, wurde auch zu Ende geführt. Der Bruder möge ihr nur den Kontrakt geben, den er von dem Agenten bekommen habe, das Uebrige solle er ihre Sache sein lassen. Sie werde schon fiir die Unterschriften sorgen. Gustav hatte sich die Sache in der vorigen Nacht hin und her überlegt. Pauline hörte sein Seufzen und unruhiges Wälzen neben sich. Der Agent hatte ihm mit seinem Vorschlage einen wahren Feuerbrand in die Seele geworfen. Vielleicht war hier eine Gelegenheit, sein Glück zu machen! Und auf der anderen Seite: war nicht die Verantwortung eine allzu große? Würde er sich der Aufgabe gewachsen zeigen?— Das waren Fragen, die er allein nur entscheiden durfte; er konnte Panline keine Erklärung geben. 154 Die Neue Welt. Iüustrirte Nnterhaltungsbeilage. Als scme junge Schwester jetzt vor ihn trat mit ihrer iiilbefmigeiien Sicherheit, da kam es ihm vor, als sei das der Anstoß, auf den er nur gewartet habe, um sich über seine eigene Verzagtheit hinweg- zusetzen. Es war vielleicht das Beste so! Er iibcr- gab dem Mädchen den Kontrakt des Agenten. Mochte die Sache nun gehen, wie sie gehen wollte!— Schon am Tage daraus erschien Ernestine wieder vor dem Bruder. Sie hatte nicht weniger als elf Mädchen gewonnen. Und wenn man ihr ein paar Tage Zeit lasse, meinte sie, mache sie sich anheischig, noch ein halbes Dutzend anzuwerben. Gustav wußte anfangs nicht recht, ob er sich über diesen Erfolg freuen solle. Jedenfalls stand jetzt fest, daß er das begonnene Unternehmen weiter führen mußte. Er befand sich, ohne sich des Sprunges recht versehen zu haben, auf einmal jenseits des Grabens. Die Mädchen waren ihm also sicher. Es galt nun, die Männer, welche der Kontrakt verlangte, zu schaffen. Es sollten, den Vorarbeiter eingeschlossen, ihrer vier bis fünf sein. Gustav sann hin und her. Er überschlug Alles, was er von jungen Leuten im Torfe kannte. Kaum Einer war da, dem er Lust und Befähigung für seine Zwecke zutraute. Aber es war merkwürdig! Als ob sich so etwas durch die Luft, wie ein Anstecknngsstoff mittheilen könne! Kaum zeigte sich Gustav heute auf der Gasse, da redeten ihn die Leute auch schon auf sein Unter- nehmen an. Das Gerücht hatte bereits vergrößert. Er suche dreißig Mädchen— Einer sprach sogar von fünfzig— mit denen er nach Sachsen gehen wolle. Auch einzelne spöttische Mienen bekam er zu sehen. Es war noch in zu frischem Gedächtniß, wie er neulich dem Agenten entgegengetreten war. Nun war er zu einem Helfer eben dieses Mannes geworden! Das mußte man mit in den Kauf nehmen! Aber es wurmte ihn im Geheimen, daß Mancher ihn nun für wankel- müthig oder doppelzüngig halten mochte. Nun boten sich ihm auch, ganz ohne sein Dazu- thun, zwei junge Leute an. Der Eine war auf einem der benachbarten Rittergüter Stallbursche gewesen und jetzt ohne Stellung, der Andere wies sich als gewesener Schmiedegeselle aus, ebenfalls arbeits- los. Bei dem Stallburschen war Gustav zweifelhaft, ob er ihn miethen solle. Der junge, kaum siebzehn- jährige Mensch, mit seinen langen, knabenhaft mageren Gliedmaßen sgh nicht gerade wie ein strammer Feld- arbeiter aus. Aber er bat so inständig, angenommen zu werden, versprach, sein Möglichstes an Fleiß zu leisten, daß Gustav ihm schließlich den Willen that. Der Schmiedegeselle machte den Eindruck eines kräf- tigen, handfesten Burschen. Zu Gnstav's nicht geringer Ueberraschung trat auch Häschke an ihn heran und wollte angeworben sein. Seit jenem Abende, wo er den ehemaligen Kameraden auf den Bauernhof gebracht, hatte Gustav nicht mehr viel von ihm gesehen. Er hatte sich schon gewundert, daß dieser Sausewind so viel Seßhaftig- keit an den Tag legte; denn über zwei Wochen war er jetzt schon in Halbenau. Und als er Häschke's Fleiß und Betriebsamkeit von den Seineu rühmen hörte, wollte er seinen Ohren kaum trauen. Was war denn auf einmal in diesen Menschen gefahren, daß er so gänzlich umgetauscht erschien! Als Häschke jetzt mit diesem Ansinnen kam, lachte ihn Gustav anfangs aus. Das war wohl gar ein schlechter Witz dieses Tausendsasas! Aber Häschke drang allen Ernstes darauf, angeworben zu werden. Gustav hielt ihm vor, daß Feldarbeit garnicht sein Beruf sei. Häschke erwiderte, er verändere seine „Religion" ganz genie einmal, und er wolle mit Gustav„mang de Zuckerrüben" gehen. Gustav wollte den ehemaligen Kameraden nicht abweisen. Schließlich war Häschke ein fixer Kerl und offener Kopf. Er hatte schon Mancherlei ge- sehen von der Welt und mochte sich in schwierigen Verhältnissen werthvoll erweisen. Gustav begab sich mit dem Kontrakte, unter dem nun schon eine ganz stattliche Anzahl von Unter- schriften prangte, zu den» Agenten, der jetzt, nachdem er die Dörfer der Umgegend zur Geniige bereist, sein Hauptquartier wieder in der Kreisstadt auf- geschlagen hatte. Als er das Bureau betrat, empfing ihn Zittwitz mit dem Ausrufe:„Sehen Sie, ich habe es Ihnen ja gesagt, daß wir handelseinig werden würden. Nun zeigen Sie mal her!" Damit ließ er sich den Kontrakt reichen. Der Agent nickte zufrieden. Daß ein paar Mädchen mehr darauf standen, als verlangt— durch Ernestinens eifriges Werben— war ihm nicht unlieb; denn, meinte der erfahrene Mann: ein oder das andere Frauenzimmer bleibe im letzten Augen- blicke doch noch weg oder laufe auch während des Sommers aus der Arbeit. Da sei es vorsichtiger gehandelt, wenn man von Anfang ein paar mehr mitbringe als unbedingt verlangt seien. „Jetzt wollen wir mal die Reiseroute feststellen!" sagte Zittwitz und nahm das Kursbuch zur Hand. „Sie reisen ain Montag früh. Die Gutsverwal- tmig hat schon geschrieben, daß sie sehnlichst auf die Leute warte. Natürlich mit dem ersten Zuge! Da können Sie Abends bereits in Welzleben sein. Ich werde Sie anmelden, dann finden Sie jedenfalls Geschirr vom Vorwerke ans dem Bahnhof. Sorgen Sie dafür, daß die Mädel nicht zu viel Gepäck mit- schleppen. Die möchten womöglich am liebsten das ganze Bett, Töpfe, Stühle, was weiß ich Alles, mit- nehmen. Eine Lade und ein Federbett, das ist das Aeußerste, was gestattet wird, lleberhanpt, den Frauenzimmern halten Sie den Daumen auf's Auge, den Rath gebe ich Ihnen. Ich bin früher selbst als Vorarbeiter gegangen. Da muß man ein eisernes Regiment führen, am besten mit dem Stocke, sonst hat man verspielt mit der Gesellschaft. Lumpenpack ist'S ja doch meistens, was so von zu Hause wegläuft!" Was der Mann heute sagte, klang ganz anders, als Gustav bisher aus diesem Munde vernommen hatte, lleberhanpt schien er an Freundlichkeit und Ent- gegenkommen bedeutend nachgelassen zu haben, seit er den Kontrakt mit den Unterschriften in Händen hielt. Gustav hatte kaum Zeit, über die Wandlung in dem Wesen des Agenten nachzudenken, ihm ging im Kopfe herum, was Jener über den Termin der Abreise gesagt. So kurz hatte er sich die Frist nicht gedacht. Auf den Sonntag war seine Hochzeit angesetzt, am Tage darauf schon sollte es also fort gehen! Das schien sehr kurz anberaumt, aber es war vielleicht das Beste so. Ein rascher Abschied hatte auch sein Gutes. Wozu das lange Hängen und Haften an den Verhältnissen, die doch einmal aufgegeben werden mußten!— Der Agent zeigte ihm die Reiselinie auf der Karte. Gustav bat um Angabe der Zugverbindungen, die er sich aufschreiben wollte. „Und nun wollen wir mal das Reisegeld be- rechnen. Hin- und Rückfahrt haben Sie nämlich frei mit Ihren Leuten, natürlich vierter Klasse! Das ist ein weiteres gutes Geschäft, das Sie machen." Gustav dachte bei sich, daß das eigentlich selbst- verständlich sei, sagte aber nichts.— Der Agent berechnete die Billetpreise und händigte Gustav das Geld gegen Quittung aus. „Nun wären wir eigentlich fertig!" sagte der Mann.„Halt! noch Eins! Was haben Sie sich denn an Bindegeld von den Leuten geben lassen?" Gustav erwiderte mit einigem Befremden, daß er sich nichts habe geben lassen; die Leute, die er angeworben hätte, besäßen ja nichts, oder so gut wie nichts. Es sei üblich, meinte Zittwitz mit überlegenem Lächeln, sich für das Anwerben ein Handgeld geben zu lassen. Umsonst sei auf der Welt nichts, und für seine Bemühungen wolle man doch auch einen Lohn haben. Dann sagte er— und beobachtete dabei Gnstav's Mienenspiel scharf— das Kaufgeld f..r den Kontrakt»volle er ihni bis zum nächsten Monate stunden,>vo er es ihm von seinem Vor- arbeitergehalte abzahlen»nöge. Gustav sah den Agenten verdutzt an ob dieser Rede. Der erividerte den Blick des jungen Mannes mit Kälte. Er verstehe wohl nicht recht, nieinte Gustav; von irgend einer Bezahlung, die er zu leisten habe, sei doch vorher nicht die Rede getvesen. „Weil das ganz selbstverständlich ist, mein Lieber!" rief Zittwitz mit einer ungeduldigen Be- wegiing.„Denken Sie denn, ich schinde»nich für nichts und»vieder nichts ab! fahre auf den Dörfern herum! Lasse mich von den Leuten ärgern, und stecke alle möglichen dummen Redensarten ein." Dabei »varf er Gustav einen feindlichen, nicht mißzuver- stehenden Seitenblick zu. Er hatte den Vorfall im Kretscham von Halbenau also doch nicht vergessen, viel»veniger vergeben.—„Nein, mein Lieber! Ich verlange meine Provision. Das ist Geschäftsusance; so nennt man das. Daran ist gebunden,»ver mit ui?s handeln»vill. Da muß man sich eben vorher erkundigen. Jn's Maul schmieren können»vir's nicht jedem Einzelnen. Da hätte man viel zu thun! — Oder dachten Sie vielleicht, daß ich Ihnen so einen Kontrakt, wie den hier, umsonst ablassen»vürde? — Schenken, vielleicht aus Freundschaft?— He! Dann sind Sie sehr naiv,»nein Bester: Heutzutage ist Alles Geldgeschäft. Pro Kopf des Arbeiters— ob Mädel oder Kerl ist eins— bekomnie ich von Ihnen fünf Biark. Das ist die Taxe. Davon zahlen Sie mir die Hälfte zu Johanni, die andere zum Schluß der Arbcitsperiode. Sie»verde»» schon»viffen, »vie Sie den Leuten gegenüber auf Ihre Kosten kommen." Gustav begriff nun endlich, daß er iiber's Ohr gehauen sei. Im ersten Augenblicke überkam ihn das Gelüste, diesen» Spitzb»lbeu die ganze Geschichte vor die Füße zu werfen. Zitttvitz hatte sich auf seinen» Stuhle»nngedreht und»var in irgcndtvelche Schriftlichkeiten vertieft. Gustav sah nur seinen breiten Rücken. Wenn der Manu ihm nur wenigstens offen als Feind entgegengetreten»väre! Aber dieser kalten Geringschätzung, diesem überlegenen Hohn gegen- über fühlte er sich gänzlich ohnmächtig. Der junge Mann»viirgte und schluckte an seinem Aerger, dann bat er um Gehör.„Ach Gott, Sie sind noch hier!" sagte der Andere und wandte sich um,»nit gut geheucheltem Staunen.„Also, was »vollen Sie noch? Aber bitte schnell! ich habe nicht viel Zeit, wie Sie sehen." Gnstav begann init einer von Aerger und innerer Erregung rauhen Stimme, in abgehackten Sätzen auseinander zu setzen, er habe nichts davon gewußt, daß er den Kontrakt bezahlen»»»üsse; man habe ihm die Sache gegen seinen Willen aufgcnöthigt, und er »volle von dem Geschäfte absehen. Der Agent unterbrach ihn.„Das dürfte Ihnen »vohl übel bekommen,»nein Lieber!" sagte er in trockenstem Tone.„Hier steht Ihre Unterschrift. An die halte ich niich. Wer etivas unterschreibt, was er nicht kennt, ist ein Narr! Außerdem haben Sie eine ganze Anzahl Leute zum Unterschreiben veranlaßt; an die sind Sie ebenfalls gebunden. Alan »vird sich an Sie halten von beiden Seiten. Es giebt in unserem Gesetz ein Wörtchen, das heißt:„Kon- traktbrnch", das»vird bekanntlich streng geahndet." Gustav»var nicht in» Stande, diese Behauptung zu widerlegen. Er fühlte, ohne es beweisen zn können, daß er im Recht und Jener im Unrecht sei. Aber bei dem,»vas in letzter Zeit seinen» eigenen Vater»viderfahren, lag das Recht so deutlich auf Seite des Unterliegende»» und das Unrecht auf Seite des Siegers— und trotzdem nahmen Samuel Har- rassowitz und Ernst Kaschel das Gesetz für sich in Anspruch,»vährend es den Bauern im Stiche zu lassen schien— daß sich bei dein jungen Manne alle Begriffe von Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit.zu verlvirren drohten. Das Recht»var wohl nur Denen etwas nütze, die es zu verdrehen verstanden! Der Agent hatte sich»vieder seiner Arbeit zu- gelvandt. Er ließ Gustav in den bittersten Gedanken stehen und warten. Sollte er's darauf ankolumen lassen, ob Jener es wirklich so»veit treiben»vürde, ihn wegen Kontraktbruchs zu belangen? Die Sorge, sich vor dem Gesetze schuldig zn machen, war es »veniger, die ihn bedrückte, als das Gefühl der Ver- pflichtung Denen gegenüber, die sich ihm verdniigen hatten. Wie sollte er vor diesen bestehen? Was »väre das für eine Schande geivesen vor dem ganzen Torfe, lvcnii er jetzt die Flinte in's Korn»varf! Und zu alledem, war er denn dann nicht wieder brot- los, ohne Stellung und Beschäftigung? Traurig genug! Aber es war so! Es blieb ihm keine Wahl; er»nutzte sich den Bedingungen fügen, die ihm de»' Agent vorschrieb. Die Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 185 „Wie steht's, Büttner?" fragte Zittwitz, gelcgent- lich von seiner Korrespondenz aufblickend, nicht ohne Spott im Ton.„Sind Sie noch nicht im Reinen mit sich? Die Sache wird durch Ucberlegen nicht anders." Gustav drehte seine Mütze in der Hand und blickte vor sich, zu Boden. „Fünf Mark pro Kopf! Die Hälfte zu Johanni, die andere zu Martini. Billiger kann ich's nicht machen. Also, wie steht's? Soll ich den Kontrakt mitsammt den Unterschriften an einen Anderen ver- kaufen?— He! Das kann ich nämlich auch, wenn mir's Spaß macht. Oder wollen Sie Vernunft annehmen?" Gustav nagte die Lippen gesenkten Blickes und druckste noch ein wenig. Dann sagte er mit einer ver- lorenen Handbewegung, ohne auszublicken:„Wenn's sein muß! Aber recht is es nich!" xvm. Der Sonntag war herangekommen, an welchem Gustav's und Paulinen's Hochzeit begangen werden sollte. Es war eine kleine und einfache Hochzeitsgesell- schaft, die sich in der Kirche zu Halbenau um den Altar versammelt hatte. Die Eltem des Bräu- tigams fehlten. Es war ein schwerer Tag für die Biittner'sche Familie. Toni's Stiindlein war da. Die Wehen hatten bereits eingesetzt. Die Bäuerin wollte ihr Kind in schwerer Stunde nicht allein lassen. Der alte Bauer war, ohne ein Wort zu sagen, in früher Stunde aus dem Hof gegangen, dem Walde zu. Sein Feststaat, den ihm die Frauen für die Trauung zurecht gelegt hatten, war unberührt in der Kammer liegen geblieben. Aber Karl, Therese und Ernestine waren zur Stelle. Unter den Freunden des Bräutigams fiel Häschke- karl auf. Er war wie ein feiner Herr angezogen, in schwarzen Sachen, mit weißem Vorhemdchen und Manschetten. Sogar einen schwarzen Hut, wenn auch nicht den neuesten, hielt er in der Hand. Woher der Vagabund sich diese Pracht verschafft hatte, wußte uur er allein. Die Braut war in weißen Mull gekleidet. Das Kleid hatte sie sich mit Hiilfe einer Freundin, die in der Stadt das Zuschneiden erlernt hatte, selbst angefertigt. Städtische Blasirtheit würde vielleicht die Nase gerümpft haben über den Staat dieser ländlichen Braut. Von Zierlichkeit und Anmuth war da keine Rede. Das helle Kleid verstärkte noch die Derbheit ihrer entwickelten Gestalt. Und doch war es eine Freude, dieses Paar zu sehen. Gesund waren sie und schlicht; echte Bauernkinder! Pauline trug keinen Brautkranz im Haar. Ter alte Pfarrer hielt streng darauf, daß kein Mädchen, dem es nicht zukam, mit dieser Auszeichnung vor den Altar trete. Die kranzlosen Bräute waren nicht selten in Halbenau, denn der Leichtsinn der jungen Leute war groß. Ter Pastor pflegte an die Paare, welche die Freuden der ehelichen Verbindung vor- ausgenossen hatten, ernste Worte des Tadels zu richten. Aber heute unterließ er das, zur Ver- wunderung Vieler, denen diese Art der öffentlichen Vermahnung immer einen angenehmen Kitzel be- reitete. Der Geistliche kannte Panline gut. Sie war einst sein Liebling gewesen unter den Konsir- wanden. Er wußte, daß sie nicht leichtfertig war. Auch kannte er ihre Verschämtheit und ersparte ihr darum die öffentliche Bloßstellung ihres Fehltritts. Frau Kaischner hatte auf ihre Erscheinung so viel Putz verwendet, als es ihr bei ihren ärmlichen Verhältnissen möglich war. Sie hatte heute ganz besonderen Grund, stolz und voll Befriedigung drein- zublicken. Befand sich doch in der Hochzeitsgesell- schaft Niemand Geringeres, als Fräulein Bumille, die Wirthschaftsmamsell vom Schloß. Die Bumille glich mit ihrem hochgerötheten Ge- ficht, dem bauschigen Seidcnkleide und dem hängenden Ilnterkinn einem aufgeblähten Puter. Bei jeder ihrer schwerfälligen Bewegungen krachte und knitterte die umfangreiche Maschine ihrer Toilette. Auf dem wogenden Felde ihres Busens hatte eine Goldbroche in Form eines Rades Platz gefunden. Zwischen den hellen Handschuhen und den allzu eng anschließenden Aermeln drängte sich eine Wulst rosalichen, gepreßten Fleisches hervor. So saß diese prächtige Dame als ein rechtes Renomniirstück unter den einfachen Dorflente». Durch Blicke, Haltung und jene eigen- artigen Geräusche, die von ihr ausgingen, schien sie Jedermann einschärfen zu wollen, daß sie Fräulein Bumille, die Mamsell vom Schlosse sei, und daß der ganzen Gesellschaft durch ihre Nähe eine nicht geringe Ehre widerfahre. Es wurde viel geweint von Seiten der Frauen; tvie meist bei Trauungen. Der alte Pfarrer machte es aber heute auch ganz besonders schön. Auf das Schnenztuch, welches Pauline über dem Gebetbuch gebreitet hielt, fiel manche Thräne. Auch Gustav war ergriffen und, weil er diese weiche Stimmung eigentlich verächtlich fand, schließlich mehr ärgerlich als erhoben. Nach der Trauung ging man zu Fuße nach Frau Katschner's kleinem Hanse. Wie immer auf dem Lande, wurde viel Zeit vertrödelt mit Herum- stehen und Schwatzen. Einzelne Leute gingen wohl auch noch in den Kretscham, ehe sie sich in das Hoch- zeitshaus begaben. Dort gab es den ganzen Nachmittag über zu essen und zu trinken für die Hochzeitsgäste, die Freunde und Nachbarn, welche aus Neugier und auch um der guten Bissen willen aus ein Stündchen eintraten. Da das Häuschen die Fülle der Gevattern nicht zu fassen vermochte, traten viele hinaus in den Garten. Die bevorzugten Gäste saßen drinnen im Zimmer um den runden Tisch. Hier war es, wo Fräulein Bumille den andachts- voll lauschenden Dorfweibern von dem neuesten freudigen Ereignisse im gräflichen Hause berichtete: Komtesse Wanda hatte sich in Berlin verlobt, im Sommer sollte die Hochzeit sein. Da würde die Gegend etwas zu sehen bekommen! Denn der Graf wollte der Schwester die Hochzeit ausrichten. Der Bräutigain sei Offizier und Prinz und noch dazu ein schwer reicher.„Ja, unsere Wanda!" sagte Fräulein Bumille und ließ ihre geheimnißvolle Maschinerie krachen und knistern,„unsere Wanda! die hat's inwendig! Die macht's garnich unter'» Prinzen, habe ich immer gesagt. Die Wanda, die war schon als Kind was ganz Appart's. Wie sie noch ganz klein ivar, da kain sie immer zu mir in die Küche gelaufen..Mamdell', sagte sie,.Manidell'! so sprach sie nämlich. ,Gieb mir ein Stückchen Kuchen; aber groß muß es sein'. Das sagte sie, und da war sie noch ein ganz kleines Ding. Paßt äinal auf, habe ich da gleich gesagt, die macht's nich unter'» Prinzen." Frau Katschner bestätigte jedes Wort durch ein .Kopfnicken, und die Frauen von Halbenau lauschten offenen Mundes den mancherlei Heimlichkeiten, welche die Mamsell aus dem Leben ihrer Herrschaft mit- zntheile» sich herabließ. Gegen Abend ging Fräulein Bumille. Damit verlor das Fest seine eigentliche Weihestimmung. Die Lustigkeit trat ungehindert in ihre Rechte. Häschkekarl hatte min freies Feld. Wo er auf- trat, gab es Ausgelassenheit und Gelächter. Er hatte sich bereits den ganzen Nachmittag über mit einem Schwärm Burschen und Mädchen in Haus und Garten umhergetrieben. Jetzt saß er draußen im Apfel- bäume, eine alte Militärmlltze schief auf dem Kopfe, mit einer falschen Nase im Gesichte, sang Lieder und gab Schnurren zum Besten. Mancher derbe Witz mochte da mit unterlaufen, nach dem Wiehern und Gröhlen der Burschen und dem unterdrückten Gekicher der Mädchen zu schließen. Bei anbrechender Dunkelheit hatte sich Pauline aus der Hochzeitsgesellschaft zurückgezogen. Flink ward in der Kammer das Kleid gewechselt und nach dem Jungen gesehen. Dann lief sie, ohne Jemandem ein Wort davon zu sagen, nach dem Büttner'schcn Hofe. Die Alten waren nicht zur Hochzeit gekommen, darum wollte sich die junge Frau ihnen selbst vor- stellen als ihre Tochter. Sie trat in die große Stube. Niemand schien zu Haus zu sein, Alles war dunkel. Schon wollte sie wieder hinausgehen, als sie gegen das lichte Fenster einen Kopf und ein paar Schultern erblickte. Sie erkannte an den Ilmrissen den alten Bauern. Pauline tvar heute in erregter und gerührter Stimmung, darum wagte sie etwas für ihre sonstige Scheu Außerordentliches. Sie ging auf den alten Mann zu und sagte ihm, daß sie nun mit Gustav getraut sei. Dabei umarmte und küßte sie ihn. Im Augenblicke selbst, wo sie das that, erschrak sie über ihre Kühnheit. Als sie die Wange des Alten berührt, hatte sie dort ganz deutlich etwas Feuchtes gefühlt. Der Büttnerbauer weinte!— Panline fühlte es wie einen Stich in der Brust. Hier saß der alte Mann, von Allen verlassen, in seinem Kummer. Wie lange mochte er schon so gesessen haben?— Sie hätte ihm so gern etwas Liebes gesagt; denn sie liebte und verehrte ihn wirklich, wenn auch bisher mir aus der Ferue. Aber es fiel ihr nichts ein, womit sie sein Herz hätte erfreuen können. Schließlich fragte sie mit stockender Stimme nach der Bäuerin. In rauhem Tone erwiderte ihr der Bauer, das Weibsvolk sei oben in der Kammer. Panline zündete erst noch die Lampe an, damit er doch wenigstens nicht im Dunklen sitzen solle, und lief dann die Treppe hinauf zum zweiten Stock, um die Bäuerin und Toni zu begrüßen. Aus der obersten Stufe der Holzsttege angelangt, hörte sie Töne, die der jungen Frau alles Blut zum Herzen trieben. Sie blieb mit zitternden Knien stehen und lauschte athemlos: dünnes, quäkendes Geschrei. Toni's Kind war angekommen.(Fortsetzung folgt.) & �mifchc �Crruöibcr. Von Theodor Overbeck. t er llrwald, ein Wald, der zwar von Rlcn- scheu betreten wurde, aber von Menschen- Hand im Allgemeinen noch nicht berührt ist, ein Wald, in dem Anpflanzung und schließliche Ver- nichtung lediglich seitens der Natur in die Hand ge- nommen sind, unterscheidet sich wesentlich von dem modernen Forste. Während wir in letzterem nur den Jugendznstand und das kräftige Alter der Wald- bäume vor uns haben und nur selten durch vorzeitige Krankheit absterbende Stämme antreffen, bietet der Urwald alle drei Lebensstadien, die Jugendzeit, das kräftige Alter und das Absterben bis zum endlichen völligen Zusammenbruch der meistens riesenhaften Baumgebilde. Im vorigen und auch im Anfange dieses Jahrhunderts zählte man in Deutschland eine ganze Reihe von Urwald-Komplexen. Von dem schlesischen Urwalde, der noch bis in die sechziger Jahre unseres Jahrhunderts grünte, besitzen wir lebendige Schilderungen von dem be- kannten Botaniker Professor Göppert in Breslau. Dieser Urwald befindet resp. befand sich auf dem 3500 Fuß hohen Frombcrge in der Grafschaft Glatz; seine Größe betrug ehemals etwa 900 Morgen. Ter Wald lag über die Region des Laubwaldes hinaus, der dort etwa in einer Höhe von 2600 Fuß endete, und bestand daher vorzugsweise ans Roth- tannen oder Fichten. Als Unterholz fand sich die Berg-Eberesche(Morbus Aucuparia alpestris), die schlesische Weide(8a1ix silesiaca) und das schwarze Gaisblatt(Lonicera nigra), zwischen welchen Pflanzen der höheren Bergregionen ein Farrnkraut(Poly- podium alpestre) mit 6— 8 Fuß langen Wedeln und die einer tropischen Bromella(ananasartige Gewächse) hinsichtlich des Habitus(der äußeren Er- scheinung) ähnelnde Riesensimse(larnila gigantea) mit 1—2 Fuß großen Blattrosetten in üppigster Fülle wucherten. Drang man in den Wald ein, so hatte man mächtige, gestürzte Stämme zu überklettern, die wohl schon Hunderte von Jahren dort gelagert haben mochten und daher im Innern mir noch aus einer oft von Ameisen wimmelnden Modermasse be- standen. Fremdartig erschienen die im modernen Forste unbekannten, im Urwalde aber häufigen Stelzen- bäume. Die Entstehung dieser barocken Gebilde ist folgendermaßen zu erklären: Ans dem modernden 156 Stumpfe eines vom Stunne gebrochenen Baumes, der viel Nahrungsstoffe enthielt, keimte ein junger Baum, dessen Wurzeln schließlich den Stumpf um- klammerten und sich in den Erdboden senkten. Später zerfiel der alte Stammrest völlig, ein Hohlraum bildete sich, und der junge Baum blieb ans Stelzen stehend zurück. Das Wnrzelgewölbe war oft so hoch, das; ein Erwachsener bequem hindurchgehen konnte. Vielfach fanden sich auch an den Berghängen umgestürzte Riesenstämme, deren Wurzelgeflechte, mit jungen Bäumen bewachsen, tischartig emporragten. An anderen Stellen standen junge Fichten in schnür- geraden Reihen auf den gestürzten Stämmen ihrer Vorfahren, die alten Baumriesen mit ihren Wurzeln umklammernd. Im Böhmerwalde bedecken echte Urwälder noch große Gebiete, im Ganzen heute noch etwa 30000 Morgen. Am Großartigsten ist dort der wilde, nahezu undurchdringliche Wald auf dem Knbany in 4300 Fuß Seehöhe, in einer Ausdehnung von 7200 Morgen, hinsichtlich dessen der Besitzer, der Fürst Schwarzenberg, bestimmt hat, daß er für ewige Zeiten in seinem urwüchsigen Zustande ver- bleiben solle, um auch noch späteren Geschlechtern ein natürliches Bild Altgerinaniens zu erhalten. Eine höchst anziehende Schilderung eines anderen deutschen Urwaldes lieferte Wessely in dem nur Wenigen zugänglichen Werke:„Die österreichischen Alpenländer und ihre Forste". Dieser Urwald, der in Niederösterreich an den Quellen der Mllrz liegt, führt sonderbarer Weise den Namen Neuwald und umfaßte 1851 ungefähr noch 2000 österreichische Joch. Leider ist dieser gewaltige Rest der Vorzeit heute ebenfalls bis auf geringe Ueberbleibsel der holzgierigen Menschheit zun; Opfer gefallen. Höchst merkwürdig war der große und geschützte Kessel dieser unabsehbaren Waldwüste. Die Fichten, die Tannen und selbst die Lärchen dieses Kessels erreichten eine Länge von 200 und eine untere Stärke von 8 Fuß, sowie einen Massengehalt von 1000—2000 Fuß, die Buchen bis 150 Fuß Höhe und eine Stammstärke von 5— 6 Fuß. Die Majestät dieses gewaltigen Hochwaldes war aber eine schau- rige, denn inmitten der Stämme voll höchster Lebens- kraft standen allenthalben die abgestorbenen Zeugen früherer Jahrhunderte umher, die geisterbleichen, entrindeten Stämme mit gebrochenen Aesten und Wipfeln, das Holz durchlöchert von den Insekten suchenden Spechten. Tausende von kolossalen Schäften, die der Sturm gebrochen und nach allen Richtungen übereinander geworfen, bedeckten kreuz und quer den Boden, meistens ein undurchdringliches Verhau bil- dend. Hier jugendfrische Gebilde, daneben die lieber- reste früherer Generationen, dicht mit meterdickem Moosfilz überzogen, in allen Stadien der Verwesung. Nur ein schmaler Pfad führte mitten durch die Wildniß, alles klebrige war undurchdringliches Chaos. Etwa in der Mitte des Waldes trafen Wessely und seine Begleiter auf einen eben gestürzten Fichten- stamm. Der sechs Fuß starke Schaft lag gleich einem Walle quer über den Steig, hinübersehen konnte man nicht; schließlich mußte mau in's Dickicht eindringen und den Riesen umgehen, was die größten Schwierigkeiten bereitete. Genau wie in Schlesien zeigten sich auch hier lange Reihen junger Stämme, die in den Leibern ihrer gestürzten Vorsahren wurzelten. In der Modermasse hatten die Sämlinge einen vor- ziiglichen Nährboden gefunden; daher überragten sie bald die ungünstiger situirten Genossen, welche auf dem weniger kräftigen Waldboden sich erhoben, schließlich eine schnurgerade Reihe bildend, genau nach der Lage des gestürzten Stammes. Nachdem nun der alte Stamm gänzlich verschwunden, zeigte sich schließlich das barocke Bild einer Reihe von Stelzenbänmen, deren Wnrzelgeflecht einen passirbaren Gittertunnel bildete. Um noch eine richtige Urwaldszenerie zu finden, braucht man aber nicht nach dem Süden zu gehen; unser nordwestliches Deutschland bietet, allerdings in ab- gelegenen Gegenden, noch drei echte, erst in neuerer Zeit für die Allgemeinheit entdeckte Urwaldbezirke; zwei befinden sich im Großherzogthum Oldenburg, einer bei Unterlüß au der Bahn Hamburg-Lehrte. In Oldenburg finden wir den Hasbruch und den Nenenbnrger Urwald. Ter Hnsbruch, der bereits in einer Urkunde, in welcher Karl der Große im Jahre 786 die Grenzen des von ihm gegründeten Bisthums Hude bestimmte, unter dem Namen Aschbrouch erwähnt wird, liegt im südöstlichen Winkel Oldenburgs, nahe bei Bremen. Der Weg dahin führt über Delmenhorst. Ilm den Wald, den die Lente der Umgegend einfach Brook nennen, liegen in theilweise öder Haide zahllose Hünengräber, am Waldessaum die malerischen Ruinen des bereits erwähnten Eisterzienser Klosters Hude. Leider hat seit 1830 die Forstverwaltung tüchtig unter den Waldesriesen aufgeräumt, doch ist in neuerer Zeit glücklicherweise die Verwüstung eingestellt worden. Früher war der einsam liegende Brook in Fach- und Künstlerkreisen völlig unbekannt; erst der Olden- burger Maler Willers porträtirte Mitte der sech- ziger Jahre einige der Bäume. Seit jener Zeit ist der Wald ein Hauptwallfahrtsort der Landschafts- maler und Tonristen. Schon in dem ans dem Wege nach dem Walde liegenden Stenumer Holze finden sich gewaltige Eichen, doch staunenswerth werden die Dimensionen erst im eigentlichen Has- brnch, den man über die Orte Hohenböken, Ohlen- busch und Wupperhorst(alle drei Namen deuten ans ehemalige Urwälder) erreicht. Die großen Eichen sind im ganzen Walde ver- streut, viele stehen mitten im Dickicht, die meisten besitzen 1 Nieter über dem Boden noch 10 Bieter im Umfang, hart am Boden 4—6 Meter im Durch- messer. Vor wenigen Jahren zählte man noch 100 Stämme von 10 Fuß und darüber im Durch- messer; jeder dieser Bäume ist anders gestaltet und mit barocken Auswüchsen, den vernarbten Verletzungen früherer Jahrhunderte, bedeckt. In dem Dickicht des Waldes und den Höhlungen der mächtigen Stämme soll noch heute die in Deutschland nahezu ausgerottete Wildkatze vereinzelt hausen. Vielfach stehen noch alte, vermoderte Stümpfe umher. In einen solchen hohlen Stumpf, von noch 40 Fuß Höhe, war in unverständlicher Laune durch ein unten befind- liches Loch vor einigen Jahren eine Kuh eingedrungen, welche man erst nach langem Suchen in dem hohlen Baume entdeckte. Als man nun versuchte, das Thier rückwärts aus dem Loche zu ziehen, sträubte es sich in Todesangst derart, daß man sich gezwungen sah, um das Thier zu befreien, den alten Stamm zu fällen. Die größte Eiche des Bezirks ist die „Amalieneiche". Das Volk nennt sie einfach„die große Eiche". Die Hanptäste des Baumes würden, in die Erde gesteckt, noch immer starke Bäume ab- geben. Ihr Umfang, iV« Nieter über dem Boden, beträgt etwa 11 Nieter, in 8 Nieter Höhe ist der Stanim merkwürdiger Weise noch stärker, hier beträgt sein Durchmesser an 3'/-.-— 4 Bieter. lieber das Alter eines dieser Bäume, und noch nicht einmal des stärksten, erhielt man Aufschluß, als vor einigen Jahren ein ziemlich gesunder Stamm gefällt werden mußte. Bei dieser Gelegenheit zählte man 600 Jahresringe mit bloßem Auge, ferner 200 mit der Lonpe. Außer diesen 800 Ringen gab es aber noch Holzmasse, in der keine Ringe mehr zu erkennen waren; nach der Dicke der Substanz müßten aber mindestens noch 300 Ringe vorhanden sein. Denmach wäre das Gesammtalter des Baumes etwa 1100 Jahre; er keimte also etwa im Jahre 700. Der zweite Urwald Oldenburgs, der Neuen- burger Wald, liegt im Norden des Landes, nahe der Stadt Varel. Um denselben zu erreichen, muß mau die Bahn nach Wilhelmshaven aus der Station Ellenserdamm verlassen, dann erblickt man im Westen in einer Meile Entfernung den Wald als langen, düsteren Streifen. Der Weg führt anfänglich über Marschland, dann über Haide und Geest, schließlich durch schattige Waldungen; eine Viertelstunde vor dem Dorfe Neuenbürg ist nun ein schmaler, rechts abbiegender Fußpfad zu verfolgen. Wenn auch die Bäume dieses Waldes nicht stärker sind, als die des Hasbruch, so ist doch der Gesammteindrnck der Wald- wüste weit großartiger; die Wildniß ist so gewaltig und markig in ihren Einzelheiten und so großartig in der Gruppirnng, daß man in ganz Deutschland vergeblich nach Gleichem suchen wird. Die größere Wildheit ist vorzugsweise darauf zurückzuführen, daß das Terrain vieler Orten feucht und sumpfig ist. Großartig sind die Festons von Epheu, welche oft aus schwindelnder Höhe dem Erdboden wieder zu- streben, vergleichbar dem Lianengewirr der tropischen Urwälder. Unzweifelhaft ist der Besuch des Neuenburger Urwaldes noch erheblich lohnender, als der des doch schon so schönen Hasbruchs. Völlig abweichend von den geschilderten Olden- burger Wildnissen ist der Urwald Süll bei Unterlüß, zwischen Uelzen und Celle. Während wir im Olden- burgischen Eichen- und Buchenwald mit kräftigem, zum Theil sumpfigem Boden vor uns haben, reprä- sentirt der Süll den Typus des Urwaldes der Wasser- armen Haide und des sandigen Bodens. Die Eichen und Buchen des Süll sind daher nicht sehr imposant, vielfach auch krank, dann aber meistens mit gewaltigen, übermetergroßen, schwefelgelben Rosetten eines eß- baren Löcherpilzes(Polyporns sulphureus) bedeckt. Großartig sind dagegen die Fichten, welche vielfach eine Form mit mehreren Seitenwipfeln, entstanden aus emporstrebenden Aesten, nachdem der Haupt- Wipfel vom Sturme gebrochen, darstellen. Es sind dieses die großen, sogenannten Wettertannen, welche sich sonst vorzugsweise in den Alpenländern finden, im übrigen Deutschland aber äußerst selten sein dürften. Wie sich im Süll zeigt, nimmt die Fichte im hohen Alter eine Gestalt an, die man im modernen Forste vergeblich sucht; fast harfenartig stehen dicht gedrängt die Seitenäste übereinander, während die Aeste der zwischen diesen 3— 4 Harfen eines Stammes liegenden Partien verdorrt und ver- kümmert sind. Mehrfach greifen die Aeste nahe bei- einander stehender Bäume ineinander, so daß es unmöglich ist, das Gewirr zu durchdringen. Der Wald ist durchsetzt von entrindeten, bleichen Baum- leichen. Ein elastischer, meterdicker Moosrasen bedeckt den Boden, in dem vor Jahren gestürzte Stämme nach allen Richtungen liegen, oft nur noch angedeutet durch gerade Längswälle der Moosmasse. Leicht ist der Süll zu erreichen, denn von der Station Unterlüß braucht man nur etwa eine halbe Stunde ans der nach Lutterloh führenden Straße zurück- zulegen, um dann, rechts(nördlich) abbiegend, durch einen 200 Schritt breiten Bnschholzstreifen in den eigentlichen Urwald, der leider nur noch etwa 800 Meter Durchmesser besitzt, zu gelangen.— >5 Zeitmesser. Von Bruno Borchardt. fin Bedürfnis;, das sich wohl schon in den allerältesten Zeiten herausgestellt hat, ist das nach einer Zeiteintheilnng und nach einem Maße für die Zeit. Der regelmäßige Wechsel der Jahreszeiten, der von den Aendernngen der Mittags- höhe der Sonne abhängt, gab von selbst ein Maß für längere Zeitabschnitte. Bat derselben sicheren Regelmäßigkeit, mit der die Sonne binnen Jahres- frist dieselbe Mittagshöhe erreicht und den früheren Stand zwischen den anderen Sternen wieder ein- nimmt, ändert sich die Lichtgestalt des Mondes; die Blondphasen geben daher ein weiteres Zeitmaß von erheblich kürzerer Dauer, als das Jahr. Aber selbst einen einzelnen Tag mußte man wieder eintheilen, zumal da der Tag selbst, die Zeit, in welcher die Sonne scheint, von ungleicher Dauer ist; im Sommer haben wir lange Tage bei kurzen Nächten, im Winter umgekehrt kurze Tage bei langen Nächten. Auch für den Tag bot sich als bequemste Ein- theilung der Gang der Sonne am Himniel dar; bei ihrem täglichen Rundgang von Osten über Süden nach Westen legt sie in gleichen Zeiten stets gleich große Strecken zurück. Aber diese Strecken und somit die Zeit zu messen, erfordert schon eine genaue astro- nomische Beobachtung, deren Kenntniß eine längere Entwickelung voraussetzt. Ein bedeutend einfacheres Mittel zur Benrtheilnng dieses Ganges der Sonne bietet der Schatten eines in die Erde gesenkten Stabes dar, der sich von Westen über Norden nach Osten Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 157 bemegt. Als einfachste Sonnenuhr ergab sich daher schon in uralten Zeiten der sogenannte Gnomon, ein senkrecht in die Erde gesteckter Stab, dessen Schatten durch seine Länge und Richtung die Zeit angab. Freilich mußte man bald erkennen, daß dieser Schatten nicht gleiche Winkel in gleichen Zeiten durchlief; aber auf genauere Zeitbestimmungen kam es bei den einfachen Arbeiten, die in den ältesten Kulturzeiten zu verrichten waren, auch garnicht an. llebrigens lernte man sehr frühe bei der genaueren Erforschung der Bewegungen am Himmel, daß ein Stab die Richtung auf den Polarstern haben muß, damit sein Schatten auf einer zu ihm scukrechtcu werden; die kleinen Abweichungen vom regelmäßigen Gang der Sonne konnten wohl den Forschergeist anregen, kamen aber für das prakstsche Leben kaum in Betracht, und ebenso wenig niachte sich ein Be- diirfniß zur Zeitmessung während der Nacht bemerkbar. An trüben Tagen jedoch, wo die Sonne am bleigrauen sHimmel überhaupt nicht zum Vorschein kommt, versagt die Sonnenuhr ebenfalls ihren Dienst, und das ist wohl der mächtigste Antrieb dafür ge- wesen, daß sich die Menschen nach einem Ersätze umsahen. Das älteste Instrument, das hierzu er- funden wurde, ist die Wasseruhr. Sie besteht aus zwei kegelförmigen Gefäßen, die mit ihren engen einfache Wasser- und Sanduhren noch im 17. Jahrhundert benutzt. Der berühmte dänische Astronom Thcho de Brahe(1546— 1 001), der bedeutendste Gegner des Kopemikanischen Weltsystems, an dessen Stelle er ein anderes, von dem alten und dem neuen verschiedenes ersann, ersetzte das Wasser durch Queck- silber; denn vom Wasser bleibt stets ein Theil an den Glaswänden der Gefäße haften, was beim Quecksilber nicht der Fall ist. Seine Quecksilberuhr hat Thcho bei den bedeutenden umfangreichen Beobacy- tungen benutzt, die später das Material lieferten, aus denen die Kepler'schen Gesetze und die wahren Bewegungen der Planeten abgeleitet wurden. Ein Scheibe ganz gleichmäßig umläuft. Daher kam man sehr bald zur Konstruktion von Sonnenuhren, deren Zeiger in der Richtung der Wcltaxe steht, d. i. eben die Richtung nach dem Polarstern hat; auf einer zu ihm senkrecht stehenden Scheibe sind in gleichen Abständen Ziffern angebracht, und diese Abslände werden von dem Schatten stets in gleichen Zeiten durchlaufen. Freilich erkennt man sofort, daß diese Sonnen- nhrcn eine Reihe erheblicher Mängel haben, die ihre Benutzung außerordentlich erschweren. Zunächst ist der Lauf der Sonne nicht ganz so regelmäßig, wie man gewöhnlich annimmt; sie erreicht am 12. Fe- bruar erst 15 Minuten nach 12 Uhr ihren höchsten Stand, und am 18. November schon 16 Minuten vor 12 Uhr. Außerdem ist sie in der Nacht nicht sichtbar, so daß die Uhr dann ihren Dieistt versagt. Indessen konnten diese beiden Mängel wohl ertragen Nach dem Gemälde von Ludwig> Enden aneinander stoßen; die Scheidewand ist mit mehreren Löchern versehen, durch welche Wasser aus dem oberen in das untere Gefäß fließt. Ist alles Wasser abgeflossen, so wird der Apparat einfach umgedreht, worauf das Wasser von Neuem nach unten fließt. Schon um 2000 v. Chr. wurde diese Uhr von den alten Assyrern benutzt; um 500 war sie in Griechenland bekannt, um 150 bei den Römern in Gebrauch. Im Hausgebrauch wurde sie vielfach durch die fast ebenso alte Sanduhr verdrängt, bei welcher der durch die Löcher rieselnde Sand die Stelle des Wassers einnimmt. Solche Sanduhren findet man auch heute noch bisweilen in Küchen, wo sie beim Eierkochen benutzt werden; in neuerer Zeit werden sie auf Telephonämtern als Zeitmesser für Gespräche benutzt. So sind auf dem Haupt- fernsprechamt in Berlin etwa 90 Sanduhren im Betrieb. Für genaue astronomische Messungen wurden aus. Einer weiteren Ausbildung waren die Wasser- uhrcu leicht fähig. Mit Hülfe des abfließenden Wassers kann man ein Räderwerk treiben, durch welches ein Zeiger über ein Zifferblatt geführt wird; auch mit Klangwerken konnten solche Uhren, die zu wahren Kunstwerken ausgebildet wurden, versehen werden. Auch der Gedanke war wohl ein nahe liegender, die Bewegung eines fallenden oder herabsinkenden Gewichtes zum Treiben eines Räderwerks zu be- nutzen. Doch ist es ungemein schwierig, einem Rade einen ganz gleichförmigen Gang zu geben, während Schwingungen, die stets gleich lange Zeit brauchen, bis der schwingende Körper umkehrt und nun nach der anderen Seite in genau gleicher Zeit schwingt, ver- hältnißmäßig leicht hervorgebracht werden können. Es gelang wohl schon im zehnten Jahrhundert, Uhren mit einer sogenannten Hemmung zu ver- 158 Die Reue A)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. fertigen. Die ältesten Werke dieser Art waren die Uhrenwerke mit der sogenannten Waag; die treibende Kraft einer solchen Waaguhr bildet ein sinkendes Gewicht, durch das ein gezahntes Rad, das Krön- rad, in Drehung versetzt wird. Die Waag ist ein horizontaler, um eine senkrechte Achse hin und her schwingender Stab, an dessen beiden Armen kleine Gewichte verschiebbar hängen. An der Achse befinden sich zwei Schaufeln, die abwechselnd in die Zähne des Kronrades eingreifen. Greift jetzt die obere Schaufel ein, so wird das Rad gehemmt,- gleichzeitig kehrt die Waag infolge des bei der Hemmung er- haltenen Stoßes um, so daß die hemmende Schaufel das Kronrad losläßt und dieses weiter geht. Nun hemmt aber die untere Schaufel das Rad, worauf die Waag wieder umkehrt, und das Spiel von Neuem beginnt. Diese Waaguhren, gewissermaßen Uhren mit horizontalem Pendel, fanden in den nächsten Jahr- Hunderten weite Verbreitung. Im 15. Jahrhundert erkannte man, daß die Achse der Waag nicht senk- recht zu sein brauchte, die Waag also auch in einer anderen als der Horizontal-Ebene schwingen konnte; freilich mußten dann die kleinen Gewichte, durch deren Verschiebung die Zeitdauer der Schwingungen regulirt werden konnte, an ihr festgemacht werden. Doch bot die Uhr dann den großen Vortheil, daß sie ohne Störung transportirt werden konnte. Aber zu einem bedeutenden Aufschwung kamen die beweglichen, in der Tasche zu tragenden Uhren erst, als man das fallende Gewicht als Triebkraft beseitigte und dafür eine gespannte Spiralfeder einführte. Die erste der- artige Uhr soll im Jahre 150N von Peter Henlein in Nürnberg verfertigt worden sein; die Nürn- berger Eier, wie man die Kunstwerke wegen der eiförmigen Gestalt des Gehäuses nannte, fanden bald große Verbreitung. Damit die aufgezogene Spirale, deren eines Ende am Uhrgehäuse festsitzt, während das andere an der Welle eines Zahnrades befestigt ist, nicht sofort abläuft, muß sie, ebenso wie ein fallendes Gewicht, in regelmäßigen Zwischenräumen gehemmt werden. Die hierzu dienende Waag war in ein Rädchen, die Unruhe, umgestaltet, die be- ständig hin und her schwingt; auch an ihrer Achse sitzen zwei Schaufeln oder Lappen, die abwechselnd in die Zähne des dem Kronrad entsprechenden Steig- oder Hemmungsrades eingreifen. Die Unruhe wurde außer durch den Stoß der Zähne des Steigrades noch durch zwei Schweinsborsten, die als Federn dienten, im Gange gehalten. Diese Schweinsborsten wurden erst 150 Jahre später, um 1650, durch eine Spiralfeder ersetzt, die natürlich bedeutend feiner sein muß, als diejenige, die man als Triebfeder benutzt. Der Holländer Huyghens führte diese Ver- besscrung ein und erreichte dadurch eine Genauigkeit und Gleichmäßigkeit im Gange der Uhr, daß sie von Seefahrern benutzt werden konnte. Der gesteigerte Seeverkehr war es wohl über- Haupt, der den Anstoß zu immer weiterer Vervoll- kommnuug der Uhr gab. Hat der Seefahrer eine gut und gleichmäßig gehende Uhr, so weiß er, wie spät es in dem Hafen ist, aus welchem er kommt. Ermittelt er nun durch den Stand der Sonne die Zeit, die bei ihm gerade herrscht, so findet er durch die Zeitdifferenz den Längenkreis oder Meridian, auf dem sein Schiff sich gerade befindet; denn jede vier Minuten Zeitdifferenz entsprechen einem Abstand um einen Kreisgrad auf der Erde. Die Beobach- tung der Mittagshöhe der Sonne liefert dem Schiffer noch die Breite, in der sein Schiff dahinscgelt, und durch Länge und Breite ist sein Ort vollständig be- stimmt. Je genauer min die Seeuhr oder der Schiffs- chronometer geht, um so sicherer ist die Ortsbestim- mung ans hoher See, so daß man große Mühe darauf verwandt hat, den Gang der Uhren möglichst gleichmäßig zu gestalten. Immerhin zeigten die ersten Huyghens'schen Seeuhren mit einer Spiralfeder für die Unruhe noch tägliche Abweichungen von fünf Minuten voneinander; hundert Jahre später bekam Harrison von der englischen Admiralität einen Preis von 10000 Pfund Sterling, gleich 200000 Mark, für eine Uhr, die nach einer halbjährigen stürmischen Seereise nur eine Abweichung von 1'/- Minuten zeigte. Die angebrachten Verbesserungen betreffen hauptsächlich die Art der Hemmung, worauf hier nicht näher eingegangen werden kann, und eine Kom- pensation oder Ausgleichung, um die Unruhe gegen die Aenderungen der Temperatur unempfindlich zu machen. Wird es wärmer, so dehnt sich die Unruhe, wie alle Körper, aus, ihre Speichen werden etwas länger; dadurch verlangsamen sich ihre Schwingungen, und die Uhr bleibt in ihrem Gange zurück; umgekehrt geht sie etwas zu schnell, wenn es kälter wird. Um diesen Uebelstand aufzuheben, zu kompcnsiren, ist das Unruherad aus zwei voneinander getrennten Hälften verfertigt, die mit je einem Ende auf einer sie ver- bindenden Brücke aufsitzen. Diese halben Radreifen bestehen an der Innenseite aus Stahl, an der äußeren aus Messing, das sich bei Erwärmung stärker aus- dehnt als Stahl. Da es jedoch mit dem Stahl fest zusamniengelöthet ist, so kann es sich nicht ge- niigend strecken und krümmt sich daher bei der Er- wärmung stärker; dadurch werden die freien Enden der beiden Unrnhe-Hälften der Brücke, auf der ihre anderen Enden festsitzen, etwas genähert, sodaß das bei der Erwärmung sich ausdehnende Rad wieder etwas verkleinert wird und seine ursprüngliche Größe bewahrt. Die kleine Abweichung, die nun noch ein genauer Chronometer bei einer Aendernng der Tem- peratur bei seinem Gange zeigt, wird genau ermittelt, bevor man ihn in Gebranch nimmt, und dem In- strument mitgegeben, damit sie bei Berechnung der geographischen Länge auf dem Schiffe Berücksich- tignng finden kann. Die Instrumente der deutschen Kriegsmarine, deren Schiffe mit drei und vier Chrono- meiern ausgerüstet sind, werden in Kiel und Wilhelms- Häven geprüft; die Schiffe der Handelsmarine, die sich mit ein und zwei Chronometern begnügen, führen meist von der Hamburger Sccwarte geprüfte In- strnmente. Alle diese Uhren dürfen höchstens um wenige Hundertstel einer Sekunde täglich gewinnen resp. verlieren; sonst geniigen sie den Ansprüchen nicht mehr, die man heutzutage an solche Instrumente stellt. Es mag übrigens noch bemerkt werden, daß die Gleichmäßigkeit der Abweichung wichfiger ist, als die Kleinheit: eine Uhr, die täglich um s/ioo Sekunde abweicht, ist besser, als eine, die nur um 2 oder 1 Hundertstel abweicht, falls die Abweichungen dieser letzteren schwanken, bald 1, bald 1'/», bald 2 Hundertstel betragen; denn dann gestattet sie keine so genaue Berechnung, als die erstere, bei der die Regelmäßigkeit der Abweichungen ihre Berücksich- tigung ermöglicht. Dem Fortschritt, den die Uhren um die Mille des 17. Jahrhunderts durch die Einführung der llnruhe-Spirale machten, stellte sich um dieselbe Zeit ein anderer zur Seite. Wie diese Spirale in ihren Schwingungen von außerordentlicher Gleichmäßigkeit ist und sich dadurch als so außerordentlich geeignet zum Eintheilen der Zeit erweist, so ist auch dasselbe mit dem Pendel der Fall, dessen Schwingungsgesetze in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erforscht wurden. Ob ein Pendel ein wenig weiter aus- schwingt oder nicht, ist für die Dauer der Schwingung gleichgültig, während die Länge des Pendels hierfür von entscheidender Bedeutung ist. Zum Messen kleinerer Zeitabschnitte sind daher die Schwingungen eines Pendels vorzüglich geeignet und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts von den Beobachtern des Himmels vielfach benutzt worden. Mit der Uhr wurde das Pendel zuerst von Galilei und bald darauf auch von Huyghens, dem Erfinder der Unruhe- Spirale, benutzt. Bei der Pendeluhr wird, wie bei der alten Waagnhr, das Steigrad durch ein sinkendes Gewicht getrieben: mit dem Pendel ist die Hemmung fest verbunden, und zwar besteht sie heute meist aus einem Anker, der immer nach einer halben Schwingung einen Zahn des Steigrades freiläßt, um alsbald auf der gegenüberliegenden Seite mit seinem anderen Ende einen Zahn zu hemmen. Die Zähne des Steigrades haben schräge Endflächen, mit denen sie aus den ebenfalls schrägen Endflächen des Ankers hingleiten; bei jeder Hemmung erhält der Anker und damit das Pendel einen kleinen Stoß, durch den es befähigt wird, die Reibnngswiderstände zu überwinden und dauernd in Gang zu bleiben, bis das Gewicht abgelaufen ist. Statt des treibenden Gewichtes benutzt man bei Pendeluhren gegenwärtig auch vielfach, wie in den Taschenuhren, eine ge- spannte Spiralfeder. Für die Schwingungsdauer ist, wie erwähnt, die Länge des Pendels von entscheidender Bedeutung; nun ist diese genau wie die Unruhe von der Tem- peratur abhängig, das Pendel verlängert sich bei Erwärmung und verkürzt sich bei Abkühlung. Auch diese Uhren gehen daher zu langsam, wenn es heiß ist, zu schnell, wenn sie in einem kalten Raum hängen. Um den Fehler auszugleichen, benutzt man ein so- genanntes Rostpendel, das wie ein Ofenrost aus- sieht; es besteht aus zwei Eisen- und zwei Zinkstäben, von denen die ersteren sich nach unten ausdehnen. Sie tragen ein Ouerbrett, auf dem die Zinkstäbe stehen, deren freie Enden sich wieder nach oben dehnen. Dadurch erreicht man ein Gleichbleiben der Länge des Pendels, da man das Verhältniß, das Eisen- und Zinkstäbe zueinander haben, leicht aus- rechnen kann. In unserem 19. Jahrhundert hat sich noch eine neue Art von Uhren entwickelt, die sogenannten elek- irischen Uhren, die auf elektrischem Wege regulirt werden. Wir behalten uns vor, ans sie gelegentlich in einem besonderen Arttkel einzugehen.— Kterbenöer Von Doroth> �ogelgezwitscher und Blumenduft, Tönendes Klingen durchzieht die Luft. iUaienwind hat sich aufgemacht, Jauchzend durchfährt er die ßrühlingsnacht, Zaust den Birken die grünen Locken, Daß sie sich schütteln, jach erschrocken, ßährt in des Apfelbaums Blätterhaus, Rauft ihm die fchnccwcißen Blütheu aus, Und mit Hellem Juchhe und Juchhei Wirbelt er sie durch den blühenden Nai— Jubelnder ßrühling. Krühling.-4£==� Gocdeler. Lnges Stübchcn— die Fenster schmal, Wände niedrig, schmucklos und kahl.— Frierend auf dürftiger Lagerstatt Kauert die Nutter, siech und matt. Vater und Zähne lärmen und streiten, Zchclten fluchend die harten Zeiten, Und am Fenster, im Abendwind, Näht und stichelt ein blasses Kind. Lwigen Werkeltags Einerlei Flieht ihr das Leben vorbei— vorbei!— Sterbender Frühling.-- Die Neue N)elt. Illlistrirte Unterhaltungsbeilage. 159 Vor Thau und Tag. (Fortsetzung) 1F| Di'ti wußte selbst nicht, wie ihm war; er hatte es aufgegeben, Rechenschaft von sich zu fordern, N immer zn fragen: wozu? Er hatte ganz ver- gessen, was er ihr eigentlich sagen wollte, daß seine Braut kam, bald— übermorgen! Er scheuchte mit der Hand durch die Luft, als könne er etwas Widriges verjagen— noch nicht, nicht daran denken, erst kam noch eine Nacht und noch ein langer schöner Tag! Dann erst war's an der Zeit. Mit großen Augen folgte er jeder ihrer elastischen Be- iveguugen; so geschmeidig war seine Braut nicht, die hatte immer ans ihr Kleid zu achten, auf ihre ganze zierliche Person— wie winzig würde sich die hier in der großen Natur ausnehmen! Mit einem laugen, tiefen Athemzug stand er still und sah sich um. Trotzig ragten die Berge nieder, als hätten sie Jahrtausende so zu Thal ge- blickt; unten in der Schlucht donnerte das Wild- wasser, die dunkeln Tannen streckten schirmend die breiten Aeste. Und ihm zur Seite ein Weib, eine starke Gefährtin, die herben Lippen verlangend ge- öffnet, in den klugen Augen ein neues, zärtlicheres Licht. Er tastete nach Jrenens Hand, sie ließ sie ihm. Hand in Hand schritten sie dahin, wortkarg, schein- bar ruhig und doch im Herzen ein glimnieudes Feuer. Es wurde Abend, es wurde Nacht; sie mußten sich trennen. Sie hatten noch spät in der Dorf- gasse vor der Thür gesessen, es war empfindlich kühl, sie merkten es nicht; ihnen war heiß. Als er endlich ging und ihr die Hand zuni Abschied reichte, that er es zögernd, widerwillig; ihr„Gute Nacht" klang gepreßt wie aus verquollener Kehle. Ruhelos warf sich Dorn auf seinem Bett um- her— noch nichts vom Kommen seiner Braut ge- sagt, aber morgen, morgen! Im Zimmer war's dumpfig, er ächzte, er schwitzte— ob sie schlief oder ob sie wachte? Eine Menge geistreicher Ge- . danken schoß ihm plötzlich durch den Kopf, wie hervorgelockt durch das Denken an sie; die mußte er ihr alle anvertrauen, rasch, ehe sie wieder ver- gessen wurden! Was würde sie wohl zu dieser Idee sagen und zu jener? Er richtete sich höher im Kissen auf und strich sich wohlgefällig den Schnurrbart— das waren gute Gedanken! lind hiermit träumte er sich in den Augenblick hinein, in dem er ihr Alles sagen würde und freute sich darauf. Er konnte sich genau vorstellen, was sie für ein Gesicht machte— so verständnißinnig — und dann hatte sie eine ganz eigene Art, mit dem Kopf zu nicken; es war so schön, wenn der feste Nacken sich beugte. Wie schön nmßte es sein, wenn dieser herbe Mund flüsterte:„Ich liebe dich— Ja, ihre Arme mußten umschließen können, stark, heiß und doch weich; das Blut stieg ihm zu Kopf; wilde Phantastereien bemächfigten sich seiner und hetzten ihn herum bis zum Morgen. Noch war das Zifferblatt der Uhr nicht zu er- kennen, aber er konnte es nicht lassen, immer wieder darauf zu sehen. Ob sie schon auf war? Nein, jetzt krähten die Hähne, noch trabten keine nägel- beschlagenen Bauernschuhe draußen iiber's Pflaster. Er zwang sich mit Gewalt, liegen zu bleiben, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, eine Stunde. Und dann sprang er wie ein Rasender auf und fuhr in die Kleider— er hatte zu lange gelegen, es war schon spät, spät! Athenilos stürzte er über die Gasse; da trat sie ihm schon entgegen, rascher als sonst, ein freudiges Lächeln um den Mund, einen selig verträumten Glanz im Gesicht. Kam's ihm nur so vor oder hatte sie sich verändert, seitdem er sie zuerst ge- sehen? Ja, plötzlich, seit gestern war's geschehen, ihr Helles Auge war dunkler geworden, feuchter; tief sah sie ihn an, als sie ihm die Hand reichte. Ihre Stimme klang weich, voll von einem zärtlichen Wohllaut. Eine heitere Fröhlichkeit umleuchtete ihr ganzes Wesen; sie schien ihm mädchenhaft, jung, liebenswürdig. Seine Stimme bebte bei dem gleich- gültigen Wort:„Guten Morgen," und die ihre bebte Von Clara Vicbig. wieder. Was war das? Ihm wurde so angst, beklommen stand er vor ihr. Sie lehnte am Pfosten der Thür, die Arme unter der Brust gekreuzt, es fiel Dorn auf, sie war mit mehr Sorgfalt gekleidet als sonst, das Haar mit einer gewissen Eitelkeit geordnet. Warum— für ihn? Sein Blick wurde starr. „Was sehen Sie mich so an?" lachte sie.„Nun, wohin gehen wir heute?" Er biß sich auf die Lippen, ihr Lachen schnitt ihm in die Seele, brüsk stieß er heraus:„Ich— ich habe einen Brief bekommen, meine— meine" — er brachte es kaum hervor, es würgte ihn in der Kehle—„meine Braut kommt morgen!" Sie starrte ihn an, einen Augenblick ganz ver- stäudnißlos, dann unsicher fragend und dann— duukelroth werdend— mit einem wahrhaft ent- setzten Ausdruck. Kein Wort kam über ihre Lippen, sie preßte die Arme fester zusammen und lehnte sich schwerer gegen den Pfosten. Er wagte nicht, sie anzusehen; wie ein Ver- nichteter ließ er den Kopf auf die Brust sinken. Vor ihm gähnte plötzlich eine Kluft— drüben stand sie— und hier, neben ihni stand Anna Bröker, ihre verständig kühle Mädchenstimme drang an sein Ohr:„Hier bin ich, Brautleute gehören zu ein- ander." Sein Herz krampfte sich zusammen, ein Stöhnen wollte sich ihm auf die Lippen drängen, ein Fluch, und dann— Gott sei Dank, noch war er nicht zu weit gegangen! Wie eine plötzliche Er- leichterung fühlte er's. Er wurde ruhiger; zum ersten Male seit Tagen fragte er sich wieder: wozu? „Es war ein schöner Traum", sagte er leise und unsicher—„wir waren so gute Kameradeu, nun konimt ein Dritter und drängt sich dazwischen. Aber wir werden ein hübsches Trifolium bilden, nicht wahr? Haha!" Es war ein kläglicher Ver- such zur Heiterkeit, das Lachen krampfhaft. „Wir wollen es versuchen." Ihre Stimnie klang ganz ruhig, aber der weiche, zärtliche Wohl- laut drin wie weggewischt, das Organ war hart. Ihre Augen sahen an ihm vorbei in's Leere, und dann, plötzlich zusammenzuckend, wendete sie sich in die Hausthür zurück.„Es ist besser, wir gehen heute Morgen nicht, ich— ich habe Nothwcudiges zu schreiben— verzeihen Sie— heut— heut Nach- mittag lieber!" Wie ungeschickt sie zum Lügen war! „Aber heute Nachniittag, Fräulein, heute Nach- mittag, gewiß! ja?" Seine Stimme drängte. „Heute Nachmittag, ja!" Sie senkte grüßend den Kopf; die Hand, die er ausstreckte, sah sie nicht. Schwerfällig ging sie durch den Flur, mit müden Schritten die knarrende Stiege hinauf. Erich Dorn wischte sich die schweißbedeckte Stirn, als er über die Gasse zuriickschritt, es war ihm elend zu Muth, wie bei einem großen Katzenjammer. Unsanft stieß er die Kinder bei Seite, die mit Buch und Schiefertafel zur Schule sprangen. „Aeh!" Er warf klirrend das Fenster seines Zimmers zu und ging iiber die krachende Diele auf und nieder, immer auf und nieder. Die Stunden krochen langsam; er bemühte sich, au seine Braut zn denken— morgen um diese Zeit war die da, erst würde sie Toilette machen und dann hier Ord- nnng in seiner Stube schaffen, und dann—? Er reckte sich, eine unsägliche Langweile gähnte ihn au. Halbtodt vor Müdigkeit warf er sich auf's Bett, in den Kleidem querüber; an Schlaf war gewiß nicht zu denken, aber wenigstens die Glieder ruhen, die waren schwer wie Blei. Es verging noch keine Viertelstunde, da tönte ein tiefes Athmen und ein gleichmäßiges Schnarchen durch die Stube— er schlief, sehr lange, sehr fest. Er stöhnte im Schlaf, er lächelte dann, wendete sich hin und her und warf, undeutliche Worte niurmelnd, die Arme weit voneinander. So lag er, das Gesicht erhitzt, Schweißperlen auf der Stirn und darüber die wirren, dunkeln Haare, bis es polternd an die Thür klopfte imd die hübsche Magd, die braunäugige Bäbbi, den Kopf hineinstreckte. Die Bäbbi lächelte schelmisch, als der Herr Doktor verwirrt auffuhr; mit was für Augen sie der ansah! So guckte ihr Schatz, der Jakob, sie immer am Sonntag an, wenn sie im Wirthshaus mitsammen getanzt und er eins zu viel getrunkeil hatte.„Jesses, Herr Doktor," sagte sie und zeigte die blitzenden Zähne—„hau Sie geschlaof! Et Essen is fertig!"—— Nachmittag! Eine senchtlane, gehaltene Stille im Wald, mitunter nur ein Säuseln in Busch und Banm; wollte es regnen? Die beiden Nienschen fühlten den Druck in der Luft; gleich einer unsichtbaren Hand lag es ihnen auf der Stirn, der Athem ging kurz, das Steigen wurde schwer. Ohne Wort, ohne Verabredung, wie durch geheime innere Verständigung hatten sie den Weg zum Berg eingeschlagen, jenem Ziel des ersten gemeinsamen Spaziergangs. Kaum acht Tage her, und welch eine Ewigkeit dazwischen! Sie wechselten Worte, die ebenso gut hätten ungesprochen bleiben können: voin Wetter, von der Aussicht, von den Tannen am Weg; sie beeiferten sich, die arm- seligen Gedanken weit auszuspinnen, ihr Herz wußte nichts von dem, was der Mund sprach, das pochte nur bange: morgen kommt sie! Jetzt waren sie oben. Ein Wind hatte sich aufgemacht und warf ihnen die Haare in's Gesicht; aus Westen kommend, schnob er urplötzlich mit ge- waltigem Sausen iiber den Gipfel. Mit elementarer Wuth zerrte er an den Kleidern des Weibes und breitete die Rockschötze des Mannes aus wie Fleder- mausfliigcl. Sie mußten sich aneinander drängen, gegenseitig Schutz suchen vor dem Sturm; ihre Ge- wänder flatterten ineinander. „Wir müssen dahin, unten am Wasser zwischen den Felsen ist mehr Schutz!" Flüsternd wies Dorn hinüber zu den Blöcken, die, in der Mitte ans- gehöhlt, wie riesige Schutzdächer sich iiber den dunkeln Wasserspiegel neigten. Der war heut nicht glatt wie das erste Mal; vom Wind aufgewühlt, jagte sich Welle auf Welle, kurze, unruhige Wellen, am Ufer mit einem schaumigen Gischt zerplatzend. Gierig schluckte der dürre Rasen das Naß ein. Am Himmel fabelhafte Wolkengebilde, ganz in der Ferne dumpf mahnender Donner. Nun ein Zucken in der Luft, ein schnelles schwefelfarbiges Licht— und nun wieder das Grollen, näher, dringlicher. „Das Wetter kommt!" Dorn flüsterte noch immer; wie selbstverständlich legte er den Arm um den Leib der Gefährtin, sie fester an sich ziehend. Ohne Laut ließ sie es geschehen. Der Hut war ihr vom Kopf gerissen, sie trug ihn achtlos in der Hand; der Sturm zerrte ihr die Nadeln aus den Haaren, die dunkeln Strähnen peitschten ihr um's Gesicht. Mühsam kämpften sie sich weiter, die Leiber vorgebogen gegen den Anprall des Windes. Hui, Hui!— es pfiff, es toste. Die lange verhaltene Schwüle macht sich Luft. Blitz auf Blitz, Donner auf Donner; und Wolken und Regen, schwere ver- einzelte Tropfen. Unter dem größten Block kauerten sie sich nieder, die schwärzliche zerklüftete Höhlung sprang weit iiber ihren Köpfen vor: sausend fuhr das Wetter drüber hin. Es war dämmerig; im fahlen Licht erkannte er kaum ihre Züge, ungewiß schimmerte ihr weißes Gesicht. Sie war so weit wie möglich von ihm abgerückt; sie schmiegte sich an die äußerste Ecke der ranheu Wand, ihre Füße wurden schon vom Regen getroffen. „Kommen Sie hierher, Irene, ich bitte Sie! Näher zu mir! Sie werden naß!" „Nein!" „So kommen Sie doch!" Er streckte die Hand nach ihr aus. „Nein!" Rauh stieß sie es hervor, ein Schandern ging ihr iiber den Leib. Mit einer hastigen Ge- bärde raffte sie ihr Kleid au sich. lieber den schmalen Raum fühlte er ihre bangen Athemzllge, es wurde ihm heiß.„Frieren Sie, Irene?" 160 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Nein!" Wieder dies kurze rauhe Nein. Und dann nichts mehr. Draußen klatscht der Regen, der Blick durch- dringt nicht das Gran— Alles trüb. Alles düster. Und nun ein zuckender Blitzstrahl! Grell beleuchtet er die schwarze Höhlung. Der Mann sieht des Weibes Haupt hinteniibergebogcn; die Lippen gc- öffnet, die Augen groß, starrt sie mit einem Ans- druck in's Leere, einem Ausdruck— Keuchend ist er neben ihr, er reißt sie an sich — Blitz auf Blitz, Donner auf Donner— Welt, Braut, morgen, Alles vergessen! Er sucht ihren Mund, er küßt sie. Für Augenblicke und doch für Ewigkeiten fühlt er ihre Lippen an den seinen hängen, ihren zitternden Körper an den seinen ge- drängt— da— mit einem nnartiknlirten Laut stößt sie ihn von sich. Tie Augen unnatürlich weit geöffnet, weicht sie zurück. Er will ihre Hand fassen, ihr Kleid— immer weiter tritt sie von ihm: schon strömt der Regen an'f ihr Haupt, unter den nassen, schweren Haar- strähnen glühen ihn die aufgerissenen Augen an J e u i L L e t o n. Ein Zweikampf. Die Schul' ist aus! Während die Mädchen eilfertig nach Hause trippeln, löst sich die Schaar der Buben bald in einzelne Gruppen auf. Der hat mit Diesem Etwas auszumachen, ein Anderer mit Jenem. Ans einmal fliegt ein Schimpfwort ans. Der, auf den es gemünzt, wirft den Kopf empor und mißt den Feind mit wägendem Blick. Er ist nicht zu groß, er ist nicht zu stark, eS kann gehen. Und sofort erfolgt seine Antwort. Sie ist so gepfeffert, daß der Angreifer unmöglich schweigen kann. Im Handumdrehen ist das schönste Zankduett im Gange. Das haben die Schulbuben mit den homerischen Helden gemein: Ehe sie raufen, schimpfen sie. Sie bleiben aber während des Schimpfcns nicht stehen: bald dahin geht's, bald dorthin, und ge- treulich folgen ihnen die Kameraden. Endlich ist man ait eilten abgelegenen Platz gekommen. Der Eine hat den Zungenstteit satt, er stellt sich in Positur und schreit: „Willst vielleicht was?... Komm' Herl" Einen Augen- blick sehen die Beiden einander in die zornfnnkelndcn Augen, dann fliegen die Schulranzen auf die Erde, die Rauferei beginnt. Beinstellen ist bei den Schulbuben sehr beliebt. Wer die Kunst versteht, wirft seinen Gegner fast unfehlbar. Und so dauert es denn garnicht lange, und die beiden Strcithähne wälzen sich am Boden. Der, welcher oben zu liegen gekommen ist, sucht seinen Wider- pari so fest auf die Erde zu drücken, daß er sich nicht inehr rühren kann und sich als besiegt erklären muß. Der Andere versucht natürlich, Luft zu bekommen, strampelt mit den Beinen, fährt dem Gegner in die Haare, wagt auch wohl zu kratzen und zu beißen. Und Beide schreien. Diesen Moment hat Ludwig Knaus, der Maler unseres heutigen Bildes, zur Darstellung gewählt. Der Kampf steht knapp vor der Entscheidung. Und da können sich auch die Zuschauer nicht inehr halten und vcrrathen ihr Interesse, ihre Thcilnahme. Der Knabe in der Pelzmütze erscheint in der Rolle des„Unparteiischen". Er streckt ab- wehrend die Hand ans und schreit wohl auch:„Ausraufen lassen! Ausraufen lassen!" Sein Nebenmann hat beide Hände geballt und bewegt sie stoßweise auf und nieder: „Feste, feste, uf de Weste!" Der im bloßen Kopf hält es augenscheinlich mit dem Untenliegenden. Er verdreht Arm und Hand in der Weise, wie man es bei Kegelschicbern steht, Ivenn die Kugel fehl gehen will:„Dreh' Dich! Dreh' Dich! Dann konimst Du vor." Nur die beiden Herrchen in Kniehosen äußern ihre Theilnnhme weniger auffallend; sie sind zu wohlerzogen, vielleicht auch schon etwas blasirt. Unser Bild wirkt humoristisch. Warum? Weil der zum Lorschein kommende bittere Ernst der Kämpfenden und Zuschauer im Gegensatz steht zu der winzigen Ursache des Streites, weil der Beschauer des Bildes sich seiner Jugend- zeit erinnert und weiß, daß das Resultat des Kampfes höchstens in einem Büschel ausgerissener Haare, einem Riß in der Hose oder einigen Kratzern besteht. Er erinnert sich, daß die meisten dieser Zweikämpfe, an denen er betheiligt war, ein sehr schnelles Ende nahmen, weil ein Haselmißstecken oder ein Besenstiel in Sicht kam, und er schmunzelt und lächelt.— Der Name Clsina ist den Chinesen selber vollständig fremd. Sie bezeichnen ihr Land immer nach dem Namen der jetveilig herrschenden Dynastie. Gegenwärtig nennen sie es Thai-ffching-kne, d. h. Reich der großen Reinen, nach dem seit Mitte des 17. Jahrhunderts regierenden Fürstenhause der Tsching, das sind die Reinen. Der Name China hat einen eigenartigen Ursprung. Im Nord- westcn des gewaltigen Reiches, in der Provinz Schen-si, liegt ein Gebiet mit Namen Thin(etwa wie Zinn aus- gesprochen), das vor über 2000 Jahren einem chinesischen Kaisergeschlcchtc den Namen gab. Der Dynastie Thin