Nr. 21 35Ku(Irirfc �CrticrKaHwii�ÄbcUaicjc. 1898 H-. Der Büttnerbauer. lFortsetzung.) war ein feuchtwarmer Aprilmorgen, au welchem � die Sachsengänger aus Halbeuau aufbrachen zur Reise nach dem Westen. Ein Himmel wie Wolle. Hin und wieder matte Sonuenblicke, wie verschlafen, durch grämliche Nebel. Auf einem Leiterwagen kauerten sie beieinander, Männer und Weiber, mit ihren Habseligkeiten. Die Mädchen saßen auf Laden und Federbetten, die Burscheu hatten leichtere Bündel zwischen den Knien. Vorn beim Kutscher, auf einem bevorzugten Platze, saß Pauliue, ihren Jungen im Schooße, neben ihr Ernestine. Gustav ging umher, die Uhr in der Hand, und hielt besorgt Umschau. Drei von seinen Mädchen fehlten ihm; sie waren in ihren Wohnungen nicht aufzufiilden, wahrscheinlich hielten sie sich versteckt. Ter Entschluß, in die Fremde zu gehen, mochte sie nachträglich gereut haben. Von Einer hieß es, daß sie sich einem anderen Trupp angeschlossen habe, der bereits zeitiger die Fahrt nach den Rübengiitern an- getreten hatte. Der Aufseheragent hatte also Recht behalten: es brannten immer Einige durch. Gut, daß Gustav noch den fünften Mann ge- sunden hatte in der Person eines politischen Arbeiters. Rogalla, so hieß er, saß jetzt mit unzufriedener Polen- miene in einen Schafpelz gehüllt, mit langem, schwarzem Haupthaar und Schnurrbart, wie ein fremder Vogel unter den blonden Halbenauerinnen und kaute Tabak. Der frühen Stunde zum Trotze, hatte sich doch eine ganze Anzahl Leute aus dem Dorfe zusammen- gefunden, um Abschied von den Wanderern zu nehmen. Da wurde im letzten Augenblicke noch alles Mögliche herbeigeschleppt: Kleidungsstücke, Bettzeug, Eßwaarcn. Auch einige junge Burschen hatten sich eingefimden, Wohl ihrer Mädchen wegen, die in die Fremde gingen. Den Meisten wurde der Abschied schwerer, als sie es sich anmerken lassen wollten. Wer konnte wissen, was ihrer da draußen wartete! Und anch den Zurückbleibenden war das Herz schwer. Mancher junge Mann zagte, daß ihm die Geliebte, die er widerwillig ziehen ließ, in der Fremde die Treue brechen möchte. Manche Mahnung und Warnung wurde da noch durch Blick und Händedruck mit aus die Reise gegeben, ohne Worte, zu denen es keine Zeit mehr gab. Der Einzige von der ganzen Gesellschaft, dem es leicht um's Herz schien, war Häschkekarl. Heute hatte er wieder seineu buntscheckigen Vagabunden- Anzug angelegt. Den Hut verwegen auf einem Ohre, ein rothes Halstuch statt eines Kragens, sah er einem Stromer verzweifelt ähnlich. Jetzt, wo es auf die Reise ging, fühlte er sich erst wieder wohl und behaglich. Und diesmal sollte er noch dazu Roman von Wilhelm von Polenz. in guter Gesellschaft walzen. Eine ganze Mandel „Schicksen" waren mit— so nannte er die Mädchen — da würde sich s schon leben lassen. Er summte ein Wanderlied vor sich hin. Als der kleine Gustav auf Paulinen's Schooß unruhig wurde und zu schreien anfing, brachte er die„Quarre" durch eine seiner drolligen Grimassen schnell wieder zur Ruhe. Die Büttnerbänerin war auch herausgehnmpelt, ihrer Lähme zum Trotze. Zwei von ihren Kindern gingen ja mit hinaus in die Fremde. Gustav, ihr bester Sohn, und Ernstinel, ihre Jüngstgeboreue. Die alte Frau hatte es bisher garnicht recht glauben wollen,, daß aus diesem abenteuerlichen Plane etwas tverden solle. Zu so vielen Sorgen und Kümmernissen der letzten Zeit kam nun auch noch die Zersplitterung der Familie! Das war zu viel! Als sie den Wagen sah mit den Wanderern und dem Gepäck, drohten sie die Kräfte zu ver- lassen. Zum Abschied hatte sie nur ein sinnloses Gestammel:„Ne, ach Gutt! Gustav! Ne, ach Gntt, Pauline! Paßt ack auf's Ernstinel uff. Ne, ach Gutt— ach Du lieber Herr Gutt!— Nene— was wern mer ack Alles noch derlaben!" Gustav mußte es den Frauen überlassen, von der Mutter zärtlichen Abschied zu nehmen. Er war ganz von der neuen Pflicht in Anspruch genommen, die schon wie eine schwere Verantwortung auf ihm lastete und ihn hart und ungesellig erscheinen ließ. Er glaubte, daß sie nun nicht länger warten dürften, wenn sie den Zug nicht versäumen wollte». Er schwang sich auf den Wagen und gab den Be- fehl zur Abfahrt. Die Peitsche des Kutschers hob sich, die Pferde zogen an. Noch ein Händedruck, ein Schluchzen, ein Winken, ein Mützenschwenken. Im Trabe ging's durch's Dorf. Vor den Häusern standen Leute, welche den Wanderern ein freundliches Wort zu- riefen. Dann zeigte das letzte Gehöft des Dorfes, der Büttner'sche Hof, seine Giebelseite. Gustav blickte noch einmal dort hinüber. Er hatte den Vater nicht gesehen vor der Abreise. Ganz in der Frühe heute wollte er noch zu ihm gehen, aber dann hatte er's doch gelassen. Als Vorwand war ihm die Geburt von Toni's Kind gerade recht. Er trieb den Kutscher zur Eile an. Jetzt ans einmal war es ihm, als könne er nicht schnell genug von der Heimath wegkommen. An bekannten Feldern ging's vorbei, an Bäumen, Steinen und Wasserläufen. Nun zog sich der Weg ein Stück durch den gräflichen Wald. Dann hatte man die Halbenauer Flur verlassen. Eine Stunde darauf saßen sie eng zusammen- gepfercht in einem Wagen vierter Klasse mit fremdem Volk, Sachsengänger gleich ihnen, die schon weit her kamen aus dem Osten. Unhciniliches Gesindel mit braunen Gesichtern, das untereinander eine unver- ständliche Sprache redete. Als Pauline mit einem dieser schmutzstarrenden, kraushaarigen Frauenzimmer den schmalen Sitz theilen mußte, verlor sie alle Fassung, nachdem sie vorher tapfer mit dem Heimweh gekämpft hatte. Sie nahm ihren Jungen dicht an sich und haschte nach Gustav's Hand. Das war fürwahr eine traurige Nachfeier ihrer Hochzeit! XIX. Der Termin zur Zwangsversteigerung war her- angekommen. Subhastationen waren im Bezirke dieses Amtsgerichts nichts Seltenes gewesen in der letzten Zeit.„In diesen Zeitlänfen fallen die Bauern wie Fliegen von der Decke, wenn es Winter wird, hatte erst kürzlich ein Kenner geäußert. Man war im Allgemeinen ziemlich abgestumpft gegen bäuerlichen Bankerott. Immerhin machte es einiges Aufsehen, als be- kannt wurde, daß das Büttner'sche Bauerngut unter den Hammer komnien solle. Einmal, weil es ein großes Grundstück war, das nicht, wie die meisten anderen seiner Art, heruntergcwirthschaftet und aus- geraubt war. Daun gab es auch noch Nebenumstände, die den Fall interessant machten. Plan wußte, daß die Herrschaft Saland um das Bauerngut gehandelt hatte und, nachdem der Handel so gut wie abgc- schloffen gewesen, davon zurückgetreten war. Das gab zu allerhand Vermuthungen Anlaß. Die Herrschaft hatte sich bisher noch nie einen Bauern, der „wackelig" wurde, entgehen lassen und hatte, nach der Behauptung kleinerer Güterhändler, die Preise des Grund und Bodens ans diese Weise nicht wenig in die Höhe geschraubt. Es war auffällig, daß sich die Herrschaft bei diesem Bauerngute, welches ihr geradezu vor der Nase lag, so zurückhaltend benahm.— Ungetvöhnlich wurde der Fall auch dadurch, daß der betreibende Gläubiger kein Anderer war, als der eigene Schwager des bankerotten Bauern. Was konnte der Mann für ein Interesse an dem Untergange seines Schwagers haben? fragte man sich unwillkürlich. Wollte er das Gut aus der Sub- Hastation billig erstehen? Und wozu sollte er, als Besitzer einer großen Gastwirthschaft, sich mit so be- deutendem Grundbesitz belasten?— In der Gerichtsstube begannen sich von früh neun Uhr ab einzelne Leute einzufinden. Meist waren es Neugierige, Gerichtsbummler, die selten bei solchen Anlässen fehlen. Die eigentlichen Interessenten saßen drüben im „Löwen". Der Gasthof lebte geradezu von den Gerichtsverhandlungen, denn dort pflegten vor und 1G2 Die Neue N)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. nach den Terminen Freund und Feind einzukehren. Dort stärkten sich die Parteien zn schwerem Gange, dort tranken Nichter, Staatsanwalt, Vertheidiger, Zeugen und Schöffen ihren Schoppen in derselben Stube und vom nämlichen Fasse, nachdem sie sich drüben vielleicht im Rechtsstreite bis auf's Messer befehdet hatten. Auch Samuel Harrassowitz trank hier sein Bier. Er saß, wie gewöhnlich, ans seinem Platze am Fenster, von dem ans er den schmalen Platz zwischen Gasthof und Gerichtsgebände überblicken konnte. Edmund Schmeiß saß neben dem Händler. Er trug einen neuen Anzug von hauptstädtischem Schnitt zur Schau, den er sich bei seinem letzten Aufenthalt in Berlin hatte anfertigen lassen. Er bestellte sich einen Eognac,„aber this Champagne, garr�on!" fügte er näselnd hinzu. Jetzt traten zwei Herren ein. Der Bankier Isidor Schönberger, fett, mit weißem Gesicht und um so schwärzerem Haar. Bei ihm war Bruno Niefenthal, der junge Advokat, der sich kürzlich in dem Städtchen niedergelassen und seiner Fixigkeit wegen hier bereits eine namhafte Praxis gefunden hatte. Die Herren schienen einander säuuntlich gut zu kennen. Zum Gruße zwinkerten sie einander nur mit den schlauen Augen zu. Schönberger setzte sich mit verdrossenem Gesicht. Riesenthal kramte in seiner Advokatenmappe. Die Unterhaltung wurde halblaut geführt, denn an den Nebentischen saßen Leute, deren man nicht sicher war. „Heute is der Kaphroh dran!" sagte Schönberger. Harrassowitz nickte. „Machst Du de Massematten?" „Kairousche!" „Bis jetzt ist keine Konkurrenz da," damit mischte sich Edmund Schmeiß in das Zwiegespräch. „Konkurrenz!" meinte Sam und nahm eine ver- ächtliche Miene an.„Konkurrenz giebt's nich!" „Wird der Graf sich ganz fern halten?" fragte der Advokat halblaut. „Der Graf is besorgt!" flüsterte Schmeiß.„Dafür steh' ich! Und das Andere sind alles Schnorrer!" In diesem Augenblicke ertönte vom Pflaster draußen Pferdegeklapper und Wagenrasseln. Ein offener Jagdwagen mit zwei guten Pferden davor hielt vor dem„Löwen". Die vier Männer machten lange Hälse. Sam stieß einen Fluch aus. Er er- kannte in dem langen bärtigen Manne, der selbst die Zügel geführt hatte, den Giiterdircktor des Grafen, Hauptmann Schroff. Der kleine Grauhaarige war wohl ebenfalls ein Beamter der Herrschaft Saland. Die„Konkurrenz" war also dennoch gekommen! Sam stand auf, ohne sein Glas geleert zn haben. Jetzt galt's die Ohren steif halten! So leichten Kaufes, wie er speknlirt hatte, würde er nun doch nicht zu den. Gute konunen. Aber Sam gab nichts verloren. Wann wäre er jemals in schwieriger Lage verzagt oder um Mittel und Wege verloren gewesen! Er besaß den ganzen rücksichtslosen, katzen- zähen Optimismus seiner Rasse. Er hatte den Kretschamwirth von Halbenau vor einiger Zeit mit seinem Wägelchen einfahren sehen; den suchte er jetzt auf. Kaschelernst und Harrassowitz hatten ein längeres Gespräch im Flur des Gerichtsgebäudes. Die Unter- Haltung endete damit, daß Sam die Hand aus- streckte und Kaschelernst grinsend einschlug und„Ab- gemacht!" sagte. Die Gerichtsuhr hatte zehn geschlagen. Wer sich bis dahin noch im„Löwen" aufgehalten hatte, kam nunmehr herüber, nicht allzu eilig, falls er mit dem Gerichtsgebrauche vertraut war. ?lus Halbenau waren eine Anzahl Leute ein- getroffen, Freunde der Biittner'schen Familie. Ter alte Bauer selbst hatte sich fern gehalten, aber Karl Büttner war gekommen. Er blickte unverständig drein, wie gewöhnlich..Die Bedeutung dieses Tages für ihn und seine Familie war dem Denkfaulen schwerlich klar geworden. Hinter den Schranken erschien jetzt der Amts- Achter mit dem Kalkulator. Sie nahmen am grünen Tische Platz. Nun nahm der Termin seinen üblichen Verlauf. Zunächst wurden die Interessenten festgestellt. Har- rassowitz, der in diesen Dingen zn Hause war, wie der Fisch im Wasser, verlangte Vorweisen der Kau- tion. Da würde man ja gleich sehen, iver als ernsthafter Bieter in Betracht komme. Bor Allem interessirte es den Schlaukopf, zu wissen, ob jene Beiden, der Giiterdircktor und der Rendaüt des Grafen, mit Geldmitteln versehen seien. Er hatte bereits seinen Geschäftsfreund, den Kommissionär Schmeiß, vorgeschickt, der sollte sich den Herren in möglichst harmloser Form nähern und sie zum Lüften ihrer Maske bringen. Aber die Beiden hatten sich zugeknöpft und den diplomatischen K iinsteu des jungen Schmeiß gegenüber unzugänglich verhalten. Sam paßte genau auf, was der Hauptmann zeigen würde, als er daran kam, Kaution vorzulegen. Staatspapicre, ein ganzes Packet! Der Mann war also gewappnet und nicht etwa aus bloßer Neugier hier erschienen. Nachdem Namen und Personalien der Jnter- essenten mit gerichtsüblicher Umständlichkeit erfragt und aufgeschrieben waren, wurde zur Feststellung des geringsten Gebotes übergegangen. Dann forderte der Richter zur Abgabe von Geboten auf. Er hatte eine zweistündige Pause angesetzt, innerhalb deren geboten werden konnte. Der Gerichtssaal leerte sich wieder; nur einige wenige Leute blieben zurück, die hier eben so gut wie anderwärts ihre Zeit mit Nichtsthnn verbringen zu können meinten. Der Richter arbeitete an seinen Akten. Der Kalkulator schrieb das Protokoll aus, in der Ecke nickte der Gerichtsdiener. Der Geist der Langeweile und der Schläfrigkeit hatte sich über den Raum gesenkt. Der Richter war ein älterer Beamter. Wie viele Grundstücke waren nicht schon im Laufe der langen Praxis unter seinem Hammer weggegangen! Die Verhandlung pflegte unter seinem Vorsitz glatt, ohne Stocken, wie eine gut geölte Maschine, zu laufen. Nüchtern, geschäftsmäßig und trocken erklangen seine Fragen. Was kümmerte es ihn, wer schließlich der Er- steher wurde! Sache des Juristen war es nicht, Mitgefühl zu empfinden; das hätte ja höchstens seine„strikte Objektivität" trüben können. Für ihn existirte das Stück Erde, welches zufälligerweise einem gewissen Traugott Büttner gehörte, nur in- sofern, als es durch ein in„legaler Weise" herbei- geführtes Zwangsversteigerungsverfahreu in„foren- fischen Konnex" getreten war zum Gesetz und damit zu ihm, dem Diener des Gesetzes. Dadurch war für den Juristen ein Zaun abgesteckt, innerhalb dessen er sich von Rechts wegen bewegen durfte. Wenn er sich's hätte einfallen lassen, den Zaun zu überschreiten, tiefer zu blicken, als seines Amtes war, dann würde er vielleicht entdeckt haben, daß dieses Stück Erde, welches heute unter den Hannner kam, doch noch etwas mehr als ein bloßes Subhastationsaktenstück sei. Er würde gefunden haben, wenn er das„legale" Gewand der Sache zu lüften sich die Mühe gegeben hätte, daß er nichts Geringeres als das Wohl einer Familie, daß er Menschenschweiß und Menschenblut zu„Meistbietender Versteigerung" brachte, lind daß so das„von Rechts wegen" eine eigenthümliche Be- deutung gewann. Der Saal füllte sich allmälig wieder, als die zweistündige Pause sich ihrem Ende zuzuneigen be- gann, und das Bieten nahm seinen Anfang. Zn- nächst erfolgten einzelne Gebote, gleichsam tropfen- weise; denn keiner der Interessenten wollte dem anderen seinen Eifer merken lassen. Bankier Schön- bergcr hatte angeboten mit einer Summe, welche gerade die Höhe seiner Hypothek erreichte. Dann überbot ihn Harrassowitz. Jetzt begann der gräfliche Rendant sich an der Bietung zu betheiligen. Zuerst langsam, dann in immer schnellerer Folge überboten sich Sam und der Rendant mit Beträgen von geringem Umfang. Der Händler legte kühlste Ruhe an den Tag; die Hände in den Taschen, wiegte er sich ans den Ab- sätzen und suchte den Gegner durch seine überlegen spöttische Biiene in Verwirrunz zu setzen. Der gräfliche Beamte, ein Graukopf, mit glatt rasirtem Gesicht, war unruhig. Die Gebote kamen zaghaft und hastig von seinen Lippen. Mehrfach sah er sich nach Hauptmann Schroff um, der weiter hinten unter den Zuschauern mit sichtlicher Spannung dem Gange der Versteigerung folgte. Auf diese Weise hatten sich die Beiden bis an die letzte Hypothek herangetrieben, welche Ernst Kaschel gehörte. Ter Gastwirth war im Salon anwesend, bot aber nicht mit. Harrassowitz hatte soeben geboten. Ter Rendant bat um eine kurze Hinausschiebung des Zuschlages, lief nach hinten und besprach sich mit dem Giiterdircktor.„Bis zur Höhe der Schulden, nicht wahr, ging der Limit?" fragte er. Der Hauptmann stand mit gerunzelter Stirn und überlegte.„Hundert Mark darüber," sagte er dann.„So viel will ich noch zulegen; mehr kann ich nicht!" Der Rendant ging wieder an die Schranken und machte sein Gebot. Sam überbot ihn lächelnd. Die Spannung unter den Zuschauern hatte einen hohen Grad erreicht. Die Sympathien der Meisten waren auf Seiten der gräflichen Beamten. Der Rendant bot noch einmal mit zitternder Stimme. Die Schulden waren mit seinem Gebote um hundert Mark überschritten. „Noch Fünfzig!" rief Harrassowitz und sah den Gegner herausfordernd an. Es entstand eine Pause. Der Richter sah nach der Uhr.„Wenn keine weiteren Gebote abgegeben werden, schließe ich die Subhastation." Kein weiteres Gebot erfolgte. „Demnach ist Herr Samuel Harrassowitz Meist- bietender geblieben. Ich frage, ob Einwendungen gegen Ertheilung des Zuschlages an Harrassowitz erhoben werden?— Einwendungen werden nicht erhoben!— Die Ertheilung des Zuschlages wird morgen um elf Uhr verkündet werden!" XX. Während in der Stadt sein Gut versteigert wurde, pflügte der Biittnerbaner seinen Acker. Schon bei frühestem Morgengrauen hatte er die Ochsen aus dem Stalle gezogen, hatte sie vor den Pflug gespannt und war hinausgefahren bis dorthin, wo Wald und Felder grenzten. Die Bäuerin war seit einer Woche bettlägerig. Toni hatte mit dem Säugling zu thuu. Auf Theresen's Schultern lastete, seitdem die Sachsen- gänger das Dorf verlassen hatten, ganz allein die Sorge um das Hauswesen. Der Bauer wollte heute das Büschelgeweude beackern. Dem verwilderten Schlage— gleichsam das Stiefkind des Gutes— galt doch im Grunde seine eifrigste Sorge. Der Gedanke, daß ein Theil seines Besitzes vernachlässigt und unbenutzt daliege, ließ ihm keine Ruhe, quälte ihn wie einen Kranken die offene Wunde. Ten Schlag mußte er wieder urbar machen, noch in diesem Sommer. Hafer wollte er darauf säen, als die ivenigst anspruchs- volle Frucht. Vor der Aussaat aber sollte der Boden noch einige Biale mit Pflug und Egge um und um gewendet werden. Es wollte ein wundervoller Frühjahrstag werden. Der Boden dampfte von dem warmen Regen, der in der Nacht niedergegangen war. Laue Frucht- barkeit schwebte greifbar über der Scholle. Ueberall drängte und sproßte junges Leben zum Tage empor. Die Wiesen waren bereits mit dem ersten ver- schämten Grün beschlagen. Die Wintersaaten standen dicht und üppig in vielverheißendem, saftigem Dunkelgrün. Mit dem Pflügen ging es langsam genug vor- wärts in dem zähen Lehm, der seit Jahren keine Pflugschar gefühlt hatte. Brombeerranken und andere Schmarotzer des verwilderten Landes be- deckten die magere Ackerkrume und wichen nur ungern dem Pfluge. Kiesel und Feldsteine stemmten sich gegen die Schar. Und dazu ein Paar träge Ochsen vorgespannt! Die Zeiten, wo er Pferde im Stalle gehabt, waren für den Biittnerbaner vorbei. Ter alte Mann fluchte nicht, trotz der Lang- samkeit der Thicre. Sein Trotz war stumm. Atit zusammengebissenen Zähnen blickte er starr gcradeans über die Rücken der Ochsen. Die Hand am Sterz, in der Linken Leine und Peitsche, so schritt er hinter dem Pfluge. Wenn er die Lippen öffnete, Die Neue A)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 163 dann war es höchstens zu einem„Hiiü" oder„Hoo". An der Anewand angelangt, hielt er die Ochsen durch einen Ruck der Leine an, hob den Pflug ans, wendete ihn und fuhr eine neue Furche an, genaue Richtung haltend. Er pflügte noch wie ein Jiing- ling, mit starker Hand und scharfem Augenmaß. Die Sonne rückte höher. Der Dampf über den Auen hatte sich verflüchtigt. Klar lag jetzt Halbenau unter ihm, das er von seinem erhöhten Stande überblicken konnte, Haus für Haus, bis hinab zur Kirche. Schon begannen sich die Frucht- bäume hier und da zu schmücken mit weißen Perrücken. In langen, schmalen Streifen zogen sich die Güter der Bauern, Halbhufner und Gärtner vom Dorfe nach dem Walde zu, vielfach durch Raine und Gräben in viereckige Stücken und Streifen zerlegt, in vielen Farben leuchtend, bald braun, bald grün, bald gelblich oder gräulich, je nach der Frucht und Bodenart. Ein scheckiges Bild, wie ein Stück Zeug mit vielen Flicken darauf. Und am Feldrande ein Kranz von Niederwald, der lichtgrün und lila schimmerte, mit seinen hellen Stämmchen von Birke und Erle. Dahinter der Kiefernwald, im männlichen Ernste seines dunklen Nadelkleides. lind darüber hin der Frühjahrshimmel, nnt einzelnen schwimmenden Wolken von milchweißer Farbe. Der Büttnerbauer sah nichts von der Schönheit, die sich rings um ihn breitete. Sechzig Mal war er Zeuge geworden des Frühjahrswunders. Sechzig Mal hatte sich für ihn die Flur geschmückt mit gleicher Pracht. Er war kein empfindsamer Natur- schwärmer; dafür gab es in seiner trockenen Bauern- natur keinen Raum. Frühjahr, das bedeutete für ihn: Erwachen ans der kalten, finsteren, öden Winterszeit zum sonnigen, klaren, milden Sommer; wo man nicht länger ge- zwangen war, mit müßigen Händen im Zinmier zu hocken, wo man hinaus durfte auf den geliebten Acker, die Zeit, da man die Glieder in emsiger Arbeit rührte, wo nian aber auch die Früchte seiner Arbeit sehen durfte, wie sie heranwuchsen und ge- diehen, der Ernte entgegen. Auch in diesem Frühjahr schien die Sonne warm und belebend. Sie wärmte auch die Glieder des Alten und brachte sein Blut in schnellere Strömung. Das Neuwerden in der Natur rief selbst in seinem verbrauchten Körper eine Steige- rnng aller Kräfte, eine unbewußte Spannung der Lebensenergie hervor. Aber es war diesmal anders als sonst. Etwas war erstorben in dem alten Mann, lag wie mit Eis und Schnee des Winters zugedeckt, war nicht grün geworden mit dem Er- wachen des Frühlings ringsum: die Hoffnung. Es hatte seinen guten Grund, waruni er die Zähne so fest zusammengepreßt hatte, und die Augen so starr geradeaus gerichtet hielt, zwischen die Köpfe seiner Thiere. Hätte er die Blicke hinabschweisen lassen über Felder und Wiesen, hinab nach seinem Hause und Hofe, sie wären wohl übergegangen von salzigen Thränen. Und der Trotz, der Grimm, die Menscheiwerachtung, die allein ihm die Kraft gaben, diesen Tag zu ertragen, möchten dahingeschmolzen sein von der Uebergewalt des Schmerzes, den ihm der Anblick seines Eigenthums heute bereiten mußte. (Forisctzung folgt.) Sclvonccrol'cl. Von Leopold Schöiihoff. §ine Tragödie ans groß bewegter Zeit knüpft sich an das Gedenken Savonarola's, der vor vierhundert Jahren, am 23. Mai 1498, auf dem Scheiterhaufen endete. Auch Savonarola ge- hörte zu jenen Naturen, die„über die Kraft" wollen. Wie durch ein Wunder steigen sie in denkwürdigen Tagen zur Höhe, aber noch tragen sie die Zeit- Verhältnisse nicht, und früh sinken sie wieder. Auf religiösen wie sozialpolitischen Momenten baut sich die Tragödie Savonarola's auf, und so entsteht ein seltsam bewegtes historisches Charakterbild, und es schwankt in der Benrtheilmig, je nachdem man Savonarola nach katholischer oder protestantischer Anschauung, nach Herrenmoral oder nach demo- kratischer Gesinnung beurtheilt hat. Die protestantische Forschung hat ihn einen Propheten genannt, den letzten der neuen Propheten vor dcni Reforniations- werke, also einen Johannes etwa, der dem Größeren die Bahn weist. Und dennoch war Savonarola im Grunde ein rückwärtsgewandter Prophet, der in der entarteten Kirchenwelt nach der alten, strengen Gläubigkeit rang und das mit puritanischem Eifer inmitten der Renaissance, die in den üppig ge- wordenen italienischen Weltstädten sich aufthat. Der Gegenschlag wider die Renaissance ist es, der Savonarola's innerstes Wesen erklärt. Er leitete ihn zur Anschauung, die alte christliche Gemeinde wieder aufzurichten, er trieb ihn zu seiner besonderen sozialen Republik auf theokratischer, priesterlicher Grundlage. Ohne den glanzvollen Lorcnzo, den Mcdicäer, ist der Dominikanermönch Savonarola nicht voll zu begreifen. In Beiden verkörpern sich zwei große Weltanschauungen. In der wildbcwcgten Poesie jener Tage ragen die Gestalten Lorenzo's, des fürstlichen Kapitalisten, wie Savonarola's, des Priors von San Marco, bedeutsam hervor. Sie Beide ergeben erst das Weltbild jener Zeit. Dem Individualismus, der in der Renaissance alle Schranken durchbrach, das Kraftgefllhl der Einzelnen in's Unbändige hob und so die herrlichen Bestien im Sinne Nietzsche's schuf: die großen Lcbenskünstler und die großen Verbrecher, stellte sich der kommunistische Gedanke empört gegenüber. Er konnte in der damaligen Welt keine anderen Züge tragen als urchristliche. Sie offenbarten sich zum Ausgang des Mittelalters in Exaltationen; Seher und Mystiker tauchten auf. Auf der einen Seite die strahlenden Heiden, die selbst auf päpst- lichen Stühlen saßen; auf der anderen die seelisch Zerknirschten, die Gewissensmahner. Fanden diese einen wohlgedüngten Boden in der Massennoth, ver- mehrt durch Pestilenz und epidemische Krankheiten, so konnten Schwarmgeister, wie Savonarola, leicht zu revolutionärem Ansehen, zu revolutionirender Gewalt gelangen. Früh schon hat sich in Savonarola, der zu Ferrara 1452 geboren wurde, die mönchische Ex- altation geregt. Das ist gewiß; selbst wenn man von allem Legendären absieht, das sich an große Erscheinungen knüpft. Eine dieser Legenden berichtet von einem tiefen Liebesschinerz. Bian kommt auch ohne diese Romantik ans; sie bringt beinahe in das Leben einer Kampfnatur, wie Savonarola war, etwas Beftemdliches. Gewiß ist, daß der Jüngling in ertatischcr Bewegung Vater und Mutter verließ und in den Dominikauerorden eintrat. In seinem dreißigsten Lebensjahre taucht er zum ersten Male in Florenz als Prediger auf. Er wandert dann viel und 1490 wird er zum Prior des Klosters San Marco in Florenz gewählt. Florenz war damals eine wichtige Handelsherrin, ihre Oberherrschaft erstreckte sich im fünfzehnten Jahrhundert über mehr als tausend geschützte Ort- schaften, und durch die Unterwerfung von Pisa, das vordem seemächtig war, gewannen die Florentiner das freie Meer. Bankherren, Wollen- und Seiden- Händler waren vornehmlich die Herrschenden in Florenz. Tie ursprünglich streng republikanische Verfassung, die von der Bourgeoisie nach der Vernichtung des städtischen Feildeladels geschaffen wurde, gcrieth durch die großkapitalistische Entlvickelung immer mehr in's Schwanken, je gewaltiger der Seeverkehr und die Steigerung des Großkapitals wurde. Selbst die Anitsdauer der Behörden war raschem Wechsel unter- warfen, damit keine persönliche Macht sich ent- tvickle. Mit der unpersönlichen des Großkapitals hatte man nicht gerechnet. Ter erste Spclnlant im gewaltigen Stil war Cosimo Media, da Florenz der politische Mittelpunkt Italiens geworden war. Er war der Rothschild des Papstes und der Fürsten, sein Reichthnm unermeßlich; und so ließ er die bürgerliche Verfassung wohl bestehen, aber alle Aemter mit seinen Kreaturen besetzen. Zum Schluß zogen sich die Medicis vom Geldgeschäft und Groß- Handel zurück, und die fürstlichen Kaufleute nannten sich lieber Großagrarier und widmeten sich fast aus- schließlich dem öffentlichen Leben, der Politik, den Wissenschaften und den Künsten. Unter Lorenzo von Media, der sich„Principe" nannte, was sowohl Fürst wie„erster Bürger" heißen kann, war die prunkvollste Zeit von Florenz gekommen, aber zugleich kündigte sich der Verfall des Hauses Mediei an. Zn einem herrlichen Städte- bild hatte sich Florenz entwickelt. Der Dom mit der Wnnderkuppel hatte schon länger bestanden, und unter den Medicis blühte die Plastik, befruchtet von dem Aufleben des klassischen Geistes(der„Re- naissance"), reich enipor. Der gewaltige Michelangelo war Tafelgenosse Lorenzo's, und im Medicäerpalaste mit seinem Park sah es ans wie in einem„Heid- nischen Hain". Diesen Gewalten trotzte der Mann der Armuth, der Nichtästhctiker, der Anti-Heide Savonarola, und er predigte zunächst im Klostergartcn unter einem Busch:„Die Kirche Gottes muß erneuert werden; vorher wird Gott mit schwerer Geißel Italien züchtigen, und Beides wird bald geschehen." Es muß etwas Merkwürdiges um die.Art Savonarola's gewesen sein. Denn er sprach heiser, und Plattes wie Zündendes fließen in seinen Predigten wie später in seinen journalistischen Arbeiten, die er ebenfalls zur Propaganda benutzte, zusammen. Er wird von jeweiligen Stimmungen sehr abhängig gewesen sein. Dazu paßt auch die Porv traitstudie des Fanatikers, die Villari, sein Biograph, von ihm entwirft. Seine Physiognomie war nicht schön, seine Züge hart. Er war sonst von mittlerer Größe und dunkler Gesichtsfarbe. Er hatte flammende Augen unter schwarzen Brauen, eine Adlernase, einen breiten Mund und große aber festgeschlossene Lippen, ein Zeichen von unerschütterlicher„Festigkeit". Lorenzo muß dem„Bnßpfaffen" und entflammen- den Redner, der gegen die Großen bald sehr heftig sprach und auch die„unwürdigen Päpste" nicht schonte, als seinem Widerspiel doch wohl starke Bedeutung beigelegt haben. Nach Art der großen Herren ver- suchte er es zunächst mit milder Bestechung. Aber Savonarola, dessen Leben sich mit seiner Lehre deckte, erwiderte dem Zwischenträger:„Ein guter Hund bellt immer, um das Haus seines Herrn zn ver- theidigcn, und wirft ein Räuber ihm einen Knochen vor, so schiebt er ihn bei Seite und läßt darum das Bellen nicht." Die Ilncrschrockenheit des Fra Girolamo, des Bruders Girolamo— dies der Klostername Savona- rola's—, der unerschütterliche Glaube an sich und seine Mission wirkte auf die gedrückte, sehnsüchtige Menge mit suggestivem Zauber. Man schloß sich zu Brüderschaften zusammen. Die Frateschi, die Genossen, waren schon im Aeußeren kenntlich. Spöttisch nannten sie die„Arrabiati", die schneidig städtischen Junker, auch„Piagnoni"(d. h. die Wimmernden), weil sie den Gegensatz zu den stolzen Genußmenschen der Renaissance bildeten. Aber allem Hochgefühl der Renaissance zum Trotz ereignete sich 1492 eine Begebenheit, die psychologisch ganz nierkwürdig war und eines großen heroischen Zuges nicht entbehrt. Lorenzo ließ, als er auf dem Todtcubett lag, den Fra Girolamo zu sich kommen. Vielleicht war es ein politischer Akt und Lorenzo dachte an die Fortdauer seines Geschlechts, vielleicht hatte Todesangst den sonst so klaren und ziel- bewußten Geist Lorenzo's getrübt, vielleicht auch ivollte der Fürst sich in der Todesstunde wenigstens nicht über die kirchliche Form hinwegsetzen: Genug, Savonarola traf mit dem Principe Lorenzo zn- sammen. DieS Ercigniß hat die Kiinstlerphantasie oft an- geregt und wohl seinen mächtigsten Ausdruck findet es in Lenau's Savonarola, im Gesang„Der Tod des Erlauchten". Hier finden sich die berühmten Verse, die mehr als mir dichterische Wahrheit ent- halten, die Verse, in denen Fra Girolamo von Lorenzo die alten Rechte der christlichen Republik zurückverlangt. Da sie in's Geistesleben Savona- rola's tief einführen und auch die Art seiner Predigt, wenn der Geist über ihn kam, kongenial kennzeichnen, seien sie hier wiedergegeben: 164 Die Neue IDdt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Kann's Slnge froh zur Ferne dringen, Wenn es die Sklavenzähre näßt? Und kann ein Herz die Welt nmschlingcn, Das Sklavcngram zusammenpreßt?— Willst Du den Bund nicht anerkennen Des Glanbens, der uns Brüder macht, So will ich einen Bund Dir nennen, Den wohl Dein Herz noch nie bedacht. Der Bund, dem Ihr nicht könnt entlaufen, Ihr Könige! Der fest und dicht In einen trauten Jammerhaufen Blit Bettlern Euch zusammenflicht. Es ist der Schmerz, die Eiseukctte, Die Euch, ihr Fürsten, stolzverirrt, Oft freilich erst am Todesbctte Zurück in Euer Elend klirrt. Schon wenn Euch läßt die Mutter sinken An ihrer Brüste süßen Quell, Bläßt Ihr mit uns den Leutkauf trinken Auf Roth und Tod— sie reifen schnell." Lorenzo starb und sein Sohn Pietro war nicht der Mann, den Verfall des Medicäcr- Hauses aufhalten zu können. Er war ein Mann der Feierlichkeit; im Aenßerlichen ging sein Wesen auf. Er paradirte gern, war bei aller Schwäche anmaßend und liebte festliche Aufzüge und Ritterspiele, bei denen er in erster Reihe sich zeigen durfte. So konnte er seine absolutistischen Neigungen nicht durchsehen. Im Innern wuchs die Un- Zufriedenheit, und der Heerzug Karl's VIII. von Frankreich nach Italien leitete eine Um- wälzung der italienischen Verhältnisse ein. Für den extatischen Geist Savonarola's war der Heerzug Karl's eine Bestätigung seiner Prophetie. Die verkündete Geißel Italiens war erschienen, und der fremde Eroberer war politisch genug, sich die Hülse des einflußreichen Mönches, der den König Karl wie ein Fahim, ein vorbestimmtes Schicksal ansah, gefallen zu lassen. Die andere Hälfte der Prophezeiung mußte der Priester selbst erfüllen, und Savonarola ging daran, das Reich Christi, die theokratische Republik, zu er- Jorträtbüfle!es savonarola von Bastianini. IJm Kloster von®. Marco zu Florenz.) richten. Die revo- lutionäre That war durch die allgemeine Verwirrung erleichtert. Laiigeschon waren drei Viertel derBür- ger von Florenz eigentlich ent- rechtet. Beiden Wahlen hatten sie nichts zu sagen und die medicäische Herrenpartei war aus den Fu- gen gegangen. Im Dom von Florenz predigte und diktirte be- reits Savona- rola wie ein feuriger Volks- tribnn.„Ein Reich ist um so stärker," rief er aus,„je geisti- ger es ist, und um so geistiger, je fester es sich an Gott an- schließt." Dann forderte er eine allgemeine Amnestie. Die von der Medi- cäerpartei Verbannten sollten zurückkehren dürfen, und doch konnte Fra Havonarola's Hinrichtung auf Sem Ulatze öer Hignoria zu Ulorenz. Gemälde eines Unbekannten im Kloster von T. Marc» ,u Florenz. Girolamo seinen Grundsatz:„Alles oder Nichts" gegenüber den realen Erwägungen der Politik nicht festhalten. Der Mann der Brüderlichkeit mußte die Medicäer verbannen und sie von der Amnestie ausnehmen. Für Wohlfahrtseinrichtnngen mancherlei Art wurde gesorgt, und der Masseil noth gegenüber verkündigte Savonarola schon im gewissen Sinne das Recht auf Arbeit. Ein öffentliches Leih- Hans wurde errichtet. Das Institut kehrte sich gegen die Ausbeutung durch die damaligen jüdischen Wucherer. Das Berufungsrecht im Gerichtsverfahren wurde eingeführt. Wie der neue Geist die florentinische Welt bewegte, wie das Volk an seinen Propheten glaubte, und wie dieser Glaube selbst die egoistischen menschlichen Triebe für einige Zeit überwand, dafür hat man einen klassischen Zeugen, den Staatsmann Rlacchia- vclli. Bei seinem rein weltlichen Staats- begriff, mit seinen klugen und offenen Augen durfte er, wie der Historiker Karl v. Hase mittheilt, die florentinischen Vorgänge als genauer Beobachter verfolgen. Und staunend berichtet Ntacchiavelli,„wie mitten unter den fieberhaften Zuckungen einer jungen demo- kratischcn Republik nnrechtmäßigcsGut heraus- gegeben wurde, und Todfeinde einander in die Arme fielen." Jäh nach dieser revolutionären Erhebung folgte der Niedergang. Aus Exaltations- zuständen baut man kein festes Gebäude, und der eifernde Priester, mit seinen idealen, nrchristlichen Forderungen verlangte von der Menschlichkeit mehr, als sie zu geben im Stande ist. Dazu kam, daß der Mönch ja kein vorwärtSschanendes, intellektuelles Genie, und so mannigfach befangen war. So machte er drakonische Gesetze ivider die Spieler und wider Vergehen gegen die Sittlichkeit. Da sollte die Torhir angewandt wer- den. Majestäts- beleidigungen wider die Re- gierung griff er schwer an, und am Ende kehrte sichderBußeifer gegen festwür- zelnde Volks- sitten. Für eine Zeit hörten alle Volks- nnd Lie- beslieder, über- müthige Karne- valsziige nnd derlei mehr voll- ständig ans. Fra Bartolomeo,der Maler, der dann der Freund und Berather des finnenfrohen Rafael werden sollte, schämte sich in den Ta- gen der Exalta- tion sogar seiner Kunst und zwei- felte, ob sie nicht Sünde sei. Das war ein so ent- schiedener und schroffer Bruch mit der Ver- gangenheit, daß bei dem beweg- lichen Genie der Florentiner nothwendig ein Umschwung kommen mußte. Zudem regte sich Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 165 wieder der menschliche Egoismus lebhafter, und der Wundermann Savonarola hatte Feinde genug in der eigenen Republik. Er hatte die bürgerliche Mündigkeit vom dreißigsten auf's vierundzwanzigste Lebensjahr herabgesetzt und daniit verdarb er es zunächst mit den konservativeren Elementen. Er hatte während der entsetzlichen Pest, als von den auswärtigen Schutzorten die Armen nach Florenz flüchteten, angeordnet, die Fremden zu pflegen wie die eigenen Armen. Aber die Pest hatte alle frommen Bande der Priesterrepublik ge- löst, und die humane Vorschrift von Fra Girolamo erbitterte. Hält man dazu die geistige Verfassung der Volksseele jener Zeit, so begreift mau vollends Savonarola's Tragödie. Auf die höchste Energie folgten Muthlosigkeit und Zweifel in den Massen, gang all jener politisch- kirchlichen Tragödien. Es kommt die peinliche Frage: Bist du ein Prophet? Das Volk, das noch in alten Vorstellungen steckt, wie sein Prophet auch, wird enttäuscht und endlich ergrimmt, und ein äußeres wie inneres Martyrium zerbricht den Helden. Savonarola wurde nach einem glücklichen lieberfall von San Marco, dem Kloster, gefesselt vor die Signoria gebracht und der peinlichen Frage unterworfen. Sieben Tage lang wurde er entsetzlich gefoltert, so daß es selbst den Folter- knechten grauenhaft wurde. Ein Gottesurtheil sollte entscheiden. Ein Bruder von San Marco erbot sich zur Feuerprobe. Savonarola aber, dem früher das Gottesurtheil als glaubhaft mögliches Wunder erschien, meinte jetzt: das wäre ein Mord. Das Schauspiel der Feuerprobe unterblieb. Es geschah In kx Schkanmer ks deuWn Keilhes. Von Karl Schulz. «T-�evor die praktischen Wissenschaften sich zur Herstellung künstlicher Düngemittel und ander- weitiger Verwendung der Alkalien empor- geschwungen hatten, reichte der Salinenbetrieb zur Gewinnung des Chlornatriums(Kochsalz), des fast ausschließlichen Konsum- Arsikels, vollkommen aus. In Staßfurt- Leopoldshall, den: Mittelpunkte des umfangreichen Salzlagers, das sich von: Fuße des Harzes bis Magdeburg und Salzwedel erstreckt, wurden Salinen schon seit Jahrhunderten betrieben; doch sah sich der Fiskus, der Besitzer der Werke, zu Anfang unseres Jahrhunderts genöthigt, den Be- die ja von mystischen Neigungen beeinflußt waren. Warum die entsetzliche Heimsuchung? Also ist Savonarola der Mittler nicht, der mit dem Himmel spricht? Das war die gelegene Zeit, da Ron: eingreifen konnte. Dort herrschten die Renaissancemenschen, die Borgias. Tie päpstliche Krone hatte der sechste Alexander erkauft. Der Kollcklivist und Anti- Renaissancemensch Savonarola, der den Spruch fand: «Man muß ein Gott vder eine Bestie sein, um fiir sich allein zu leben," hatte oft gegen den päpstlichen Atheisten gedonnert. Nun kam die Zeit der Ver- gelwng. Am 4. Mai 1497 wagte sich während einer Predigt Fra Girolamo's die Rebellion hervor. Es entstand ein Tumult, aber noch hatte die Ge- nossenschaft Savonarola's die Oberhand. Darauf kam ein Bannsprnch Alexander's. Der hatte aber noch nicht die Macht, Savonarola zu erschüttern. Im Februar 1498 erschien er wieder auf der Kanzel und sprach schonungsloser als je. Der Ausgang der Tragödie gleicht dem Aus- Wetterwarten. Nach dem Bilde von M. Sl; Pholographte-Berlag von Franz Hanfstaengl, A- echt begreifen kann ich es eigentlich nicht, wie Dn es hier schon so lange ausgehalten hast," sagte Fräulein Anna Bröker und ging am Arm ihres Verlobten die Dorsstraße herunter.„Sieh' 'mal, diese Dunghaufen und die schmutzigen fttnber! Nein, nun sieh' nur'mal, der Kleine da ist doch ganz reizend, ich begreife garnicht, warum ihn seine Mutter nicht wäscht!— Sag', Kind, wie heißt Du?" Sie bückte sich und faßte den rothbackigen Jungen, der mit aufgerissenem Mund oor ihr stand, unter das Kinn. Sie hatte eine allerliebste Art, mit Kindern umzugehen. Mit der fein behandschuhten Hand strich sie über die schmntzbemalten Backen, und mm zog sie gar ihr blllthenweißes Schnupftuch und putzte dem Kind die Nase.„Ich kann das nicht sehen," sagte sie entschuldigend, und dann erröthend:„Ich habe Kinder schrecklich gern!" Dom drückte leise ihren Arm an sich; es war das erste Mal, daß er seit der Ankunft seiner Braut eine zärtliche Regung zeigte. Pflichtschuldigst, mit einem Kuß auf Hand und Wange hatte er sie gestem aus dem Wagen gehoben, sich von den Schwiegereltem mit freundlichen Vorwürfen über- häufen lassen wegen der selbstgewählten Verbannung, und dann seiner Freude, sie hier zu sehen, in wohl- gesetzten Worten Ausdruck gegeben. Nun betrachtete er seine Braut einmal näher. Es war ein liebliches Bild, wie sie sich zu dem schmutzigen Bengel neigte. Wie die verkörperte Jugend stand sie in der engen Dorfgasse, ihr rosiges Gesicht zeigte den immer gleichen freundlichen Ausdruck. Er hatte diesen hübschen Mund noch nie leidenschaftlich bewegt ge- sehen; die Oberlippe war ein wenig kurz, noch dazu meistens leicht lächelnd heraufgezogen, daß man die gesunden weißen Schneidezähne blinken sah. Ein allerliebstes Mäulchen! Dorn blickte sich eilig um— es war Niemand in Sicht— und dann streifte sein rascher Kuß diesen allerliebsten Mund; es war ihm geradezu eine Herzenserleichterung, daß Anna nett mit Kindern war— wozu heirathete er sie denn sonst? „Du— aber!" Sie sah ihn mit großen, der- wunderten Augen an.„Was fällt Dir eigentlich ein? Ach Gott"— sie wurde roth bis hinter die zierlichen Ohren—„jetzt hat die das gesehen, wie unangenehm!" Eine große, schlanke Franengestalt schritt eben an ihnen vorüber; eilig, wie auf der Flucht, glitt sie dicht an den Häusern entlang, sie hatte einen blitzschnellen Blick zu dem Paar herübergeworfen und ihn dann sofort wieder gesenkt. „Mein Fräulein, Fräulein Lang!" Dorn hatte so hastig seine Braut losgelassen, daß die fast taumelte. Nun war er mit einem Satz neben der großen Gestalt dicht an den Häusem— jetzt zog er sie mitten auf die Straße, fast schien es gewalt- sam; die Schlanke ging mit schlotternden Füßen. „Gestatten Sie, Fräulein Lang— meine Braut! Anna, Du hast die Ehre, hier Fräulein Irene Lang ZU sehen, Du weißt schon, die Verfasserin von ,Vor Thau und Tag'!" Er zupfte seine Braut heimlich am Kleid und sah sie bittend an.„Ich hoffe, die beiden Damen werden gute Freundschaft schließen, ja? Ich verdanke Fräulein Lang meine besten Stunden hier, Anna!— Wo waren Sie gestern, Fräulein Lang? Wo waren Sie? Ich habe Sie vergebens gesucht!" Versteckte Unruhe lag in seinem Ton, ein flehender Blick streifte die Schlanke; sie sah an ihm vorbei und war sehr bleich. Als hätte er garnicht gesprochen, so suchte ihr Auge nur das junge, rosige Gesicht der Braut. „Ich freue mich"— mühsam fielen ihr die Worte von den Lippen, die sich nach jedem Absatz herb zusammenpreßten—„ich freue mich— Ihr Herr Bräutigam hat mir viel—" Ob sie lügen würde? Nein, eine flammende Rothe st'eg in ihr blasses Gesicht—„hat mir von Ihnen erzählt. Ich hoffe, es gefällt Ihnen hier!" Von Clara Violng. „O ja, o ja!" Anna Bröker war zu wohl erzogen, um nein zu sagen.„Es gefällt mir außer- ordentlich hier!" „So? Das freut mich!" Irene Lang neigte den Kopf auf die Brust. Eine verlegene Pause. Keiner sagte ein Wort. Dorn sah vor sich nieder, seine Fußspitze spielte mit einem Steinchen und schnellte es hin und her iiber's Pflaster. Seine Braut hing sich ihm auf einmal fest in den Arm. Auffahrend riß er die Augen auf wie Einer, der jäh erwacht—„Fräulein Lang, darf ich Sie bitten, heute Nachmittag mit uns spazieren zu gehen? Wir Drei gehen allein, die Schwiegereltern sind nicht für weite Parteien. Bitte, kommen Sie mit uns— bitte!" Er sah, wie es in ihrem Gesicht kämpfte, wie sie zögerte. „Bitte"— wie ein Hauch traf es an ihr Ohr. Und nun noch einmal, kaum verständlich:„Bitte!" Für Sekunden tauchten ihre Blicke ineinander; es lag viel in diesem kurzen, athemlosen Anstarren: Liebe, Haß, Furcht, Verlangen. Da war etwas von Gegnerschaft, von der wilden Vertheidignng der in die Enge getriebenen Katze in den Augen des Weibes; die Pupillen erweiterten sich unnatürlich, das feuchte Gran der Iris schillerte grünlich. Sie nickte kurz und streckte dann die Hand aus:„Ich werde kommen; also auf Wiedersehen heute Nach- mittag!" Wie ein großer dunkler Schatten glitt sie an den Häusern weiter. Die Gasse hinunter flatterte der rosenfarbene Rock von Anna Bröker; sie war, jetzt sehr gesprächig, auf ihr rechtes Thema gekommen: die moderne Ein- richtung. Sie hatte gar keinen Blick für den Wald und die Berge; mit gerötheten Backen erzählte sie von dem wunderbaren Schränkchen mit geschnitzten Engelsköpfen auf den Thüren und imitirt antiken Beschlägen, das sie in Köln gesehen.„Ich sage Dir, süß! Das müssen wir haben, das möchtest Du auch, Erich, nicht? Wie entzückend wird unsere Einrichtung! Es war sehr theuer, aber das schadet ja nichts!" Nein, das schadete in der That nichts, mau brauchte nicht zu rechnen. Dorn ließ sich mit einem gewissen Wohlgefühl neben seiner Braut auf der Bank im Walde nieder— es war dieselbe Bank, auf der er zum ersten Male mit Irene Lang zu- sammengetroffen; hier hatte er gesessen und den Worten des alten Kinderliedes nachgesonnen— „Und wenn das Kind erwacht, Dann— dann—" Heute kein schläfriges Summen in der Luft, keine geheimnißvolle Erwartung webte zwischen den Bäumen, die klare, ruhige Stimme von Anna Bröker litt keinen Zanberspuk, die übertönte die alte Melodie.** ♦ Es war fein Genuß, dies Spazierengehen am Nachmittag zu Dreien. Anna ließ den Arm ihres Bräutigams nicht los; es war so selbstverständlich, daß sie sich bei ihm einhängte, auch wenn der Weg schmal war und das Gehe» zu Zweien erschwerte. Irene schritt voran oder sie schlenderte langsam hinterdrein; ein angenehmes Gespräch wollte nicht in Fluß kommen. Es waren fast gereizte Be- merkungen, die von Dorn's Lippen kamen; er sah nervös ans, die Stirn verfinstert, unaufhörlich zwir- belte er den Schnurrbart. Seine Braut reizte ihn, sie war bald müde und hatte seiner Meinung nach nicht das richtige Verständniß für die Landschaft; wie könnte sie sonst beim Anblick dieses melancholischen Wassers, das düster beschattet zwischen dunklen Bäumen dahmschlich, sagen:„Ach, wie niedlich!" Und hier beim gewaltigen Absturz des zerklüfteten Felsens: „Gott, wenn man da herunterfiele!" Und Irene, warum sah sie ihn nicht ein einziges Mal au, warum drehte sie so hartnäckig den Kopf weg? Was hatte er gethan? Er konnte doch nichts gegen das Geschick! Eine wahre Gier überkam ihn, den festen Nacken da herumzureißen und wild die eigenen Lippen auf jene herben zu pressen; die konnten küssen, er wußte es. Wenn er die Augen schloß und sich die Szene in Gewittersturm und Regen oben auf dem Berge vergegenwärtigte, dann schwindelte ihm, das Blut raste ihm durch die Adern—„die Lippen, die sich so berührt—" Abgespannt kam mau heim. „Du siehst blaß ans, lieber Sohn," sagte Schwiegervater Bröker eines Morgens,„ja, ja, die Liebe!" Dabei zwinkerte er vergnügt mit den Augen und streckte Dorn die fleischige Hand über den Tisch entgegen. „Ich habe schon gesagt, Papa, wenn wir erst verheirathet sind, darf Erich Abends nicht so lange über den Büchern sitzen, das ist ihm ungesund. Er hatte gestern wieder ewig Licht, ich sah's gegenüber ganz genau; wie lauge es noch brannte, weiß ich nicht, ich war so müde, ich schlief darüber ein!" Anna gähnte zierlich in der Erinnerung ihres feste», traumlosen Schlafes. Ja, dieser glückselige Kinderschlaf, wer den noch hätte! Dorn hatte nicht Ruhe, es graute ihm Abends vor der Nacht und Morgens vor dem Tag. Sie entzog sich ihm bereits seit Tagen; sie war wie ver- schwunden. Ob sie heute wieder nicht mit auf den Spaziergang kommen würde? Er schickte hinüber und ließ fragen. Die alte Wirthin brachte selbst die Antwort:„Ne, uns' Freilein is net ganz wohl, se läßt sich bedanken!" Also sie kam nicht, sie wollte nicht! Anna hätte mehr als einmal Gelegenheit ge- habt, sich über ihren Bräutigam zu beklagen, er war einsilbig, unfreundlich. Sie that es aber nicht. „Btänner haben ihre Stimmungen; es ist klug, die garnicht zu bemerken," hatte die Mutter gesagt. So trug sie allein die Kosten der Unterhaltung, und er gähnte verstohlen dazu. Was war das für ein Abend! Lind die Luft, weich wie mit Liebesarmen umfing sie. Mildes Mondlicht am Himmel. Dorn stand in seiner einsamen Stube, die Arme um's Fensterkreuz geschlungen, und starrte über die Gasse mit trockenen, brennenden Augen. Sie schliefen Alle, nur ihm tobte eine wahnsinnige Ungeduld im Körper, eine verzehrende Aufregung hielt ihn wach. Wenn er doch-t- Halt, klirrte da nicht ein Fensterriegel?! In der Stille war dieser einzige Laut vernehmbar. Weit beugte sich der Lauscher über die schmale Brüstung. Da war das Fenster seiner Braut, unbeweglich der weiße Vorhang davor, sie schlief den Schlaf des ruhigen Besitzes— aber da— da, im Nebenhaus, wo sie wohnte— die Augen gnollen ihm ans dem Kopfe— da stand die große Gestalt am Fenster! Weiß leuchtete ihr Gesicht im Mondschein, sie hielt es unbeweglich geradeaus gerichtet— und jetzt — jetzt— sie sah jetzt zu ihm herüber. Er fühlte es, er wußte es, das Herz stand ihm still. Mechanisch streckte er die Arme aus und hob sie, ließ sie sinken und hob sie wieder. Das weiße Gesicht drüben wurde grell beschienen, es starrte ihn an. Er fuhr zusammen. Hastig und doch behutsam wie ein Dieb öffnete er seine Zimmerthür; er lauschte — Niemand! Er schlich die Treppe hinunter— nun war er vor'm Haus— sie schliefen Alle. Nur sie nicht. Da trat sie ans ihrer Thür im Mondschein. Langsam, langsam, mit geschlossenen Füßen schien sie zu gehen; sie kam ihm entgegen und er ihr. Zwei Automaten, von einer geheimnißvollen Maschinerie gelenkt— unwiderstehlich, unabänderlich— so näherten sie sich einander. Jetzt standen sie mitten in der Gasse, Stirn an Stirn. „Irene!" Er breitete die Arme aus.„Irene, wo— wo warst Du? Ich vergehe!" Erstickt kamen ihm die Worte aus der Kehle, er stammelte. Sie sah ihn an, thränenüberströmt ihr Gesicht, hell glänzten die Tropfen auf ihren Wangen; auch sie hob die Arme. 168 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Aber sie umfaßten sich nicht, sie zitterten Beide. Ein glühender Strom fluthete durch die stille Mond- nacht und mischte die heißen Atheniziige ineinander. „Irene— Sehnsucht— nicht ertragen—!" Abgerissene Worte. Jetzt griff der Mann nach des Weibes Hand und preßte die Lippen darauf, wieder und imnier wieder. Sie ließ ihm die Hand— willenlos, fast bewußtlos— ihre Gestalt schien kleiner, in sich zu- sammengesunken, jeden Augenblick bereit, sich an eine starke Stütze zu lehnen. Ihr Gesicht, sonst so stolz, trug einen bittenden, demiithigen Ausdruck; es stand im scheu fragenden Blick ihrer Augen: Ich bin schwach, ich bin müde, nimm mich— warum nimmst Du mich denn nicht? Hatte sie es laut gesprochen, oder drang nur Gedanke mit unheimlicher Schärfe in Gedanke?— Laß Deine Braut, noch bist Du nicht unlöslich ge- bnnden; wir gehören zueinander, mein bist Du, wie ich Dein!— Kein Wort kam iiber ihre Lippen, und doch sagte er gepreßt, ohne Athem:„Es kann nicht sein — ich— ich— es muß ein Traum bleiben. Mein Gott, Irene, o mein Gott, wie soll das enden?!" Ein Schauder schüttelte sie, sie kniff die Augen zusammen wie ein Kind, das sich im Dunkeln fürchtet; sie ließ den Kopf ans die Brust sinken. „Liebst Du mich?" fragte er flüsternd. Sie nickte. „Liebst Du mich über Alles?"— Sie nickte wieder. „O,"— er stöhnte und griff sich in die Haare— „warum, warum, warum kann ich nicht, wie ich möchte? Ich— ich bin nicht in der Lage— ich— wir müssen entsagen! Irene, Irene! Und doch lieb' ich Dich— rasend— zum Verzweifeln— Irene!" Er hob ihr Gesicht in die Höhe und suchte ihren Blick:„Ein Wort!" Mit seltsam glänzenden Augen, in denen das Mondlicht spiegelte, starrte sie ihn an. Trunken schlug er beide Arme um ihren Leib und hob sie vom Boden. Mit schwankenden Füßen stand sie dann wieder ans der Erde, schwer ließ sie den Kopf an seine Schulter fallen; sie taumelte. „Ich— ich kann nicht mehr— ich bin blind, ich bin taub!" Das Weitere ging unter in Lauten, halb Schluchzen, halb Lachen. Ihre Erregung gab ihm die Fassung wieder, die Besonnenheit kehrte zurück— nur sich hüten, sich nicht unlöslich verstricken!„Ruhig, Irene, Liebste, Geliebte!" Er strich ihr das wirre Haar ans der Stirn. Sich umschlungen haltend, schritten sie dann die Gasse hinunter im Mondlicht; sie warfen ungeheure verzerrte Schatten an die weiße» Mauern. Hinter'm letzten Hans standen sie wieder still und umarmten sich.