Nr. 24 35I(xtJltrtri c 3 Cit i e r U a 1 1 u tt gs b ci( a0 c. 1898 (Fortsetzung.) Der Vüttnerbauer. 4�- Nonia» von Wilhelm von Polenz. > Während der Mittagspause ging er auf's Vor- werk, zum Inspektor. Der Beanite riß er- staunt die Augen auf, als er den Aufseher zu ungewohnter Zeit bei sich eintreten sah. Als er vernommen hatte, um was es sich handle, gerieth er in maßlose Wuth/ „Was! Ihr wollt Forderungen stellen? Das ist Berriigerei! Was steht im Kontrakte? Ich kann Euch allezusammen entlassen— ohne Weiteres! U eberstunden? Nicht einen Pfennig bezahle ich mehr. Wer morgen früh nicht Punkt vier Uhr auf dein Posten ist, dem ziehe ich drei Mark ab. Rasselbandel Mit Euch wird man wohl noch fertig werden!" Gustav hörte sich das Schimpfen des erbosten Atenschen nicht bis zum Ende an, machte kurz Kehrt und verließ das Zimmer. Gustav war anfangs im Zweifel gewesen, ob die Forderungen, welche er im Namen seiner Leute gestellt, auch wirklich berechtigt seien; nunmehr war er fest entschlossen, der Ueberhebnng des Beamten seinen Trotz entgegenzusetzen. Als er zu den Arbeitern zurückkehrte und ihnen brühwarm berichtete, wie er behandelt worden sei, brach das Gefühl lang- verhaltener Erbitterung bei Allen durch. Häschke sprach die Ansicht der Mehrzahl aus, als er erklärte, daß die gebührende Antwort hierauf nur Niederlegen der Arbeit sein könne. Obgleich Gustav die ihm und seinen Leuten widerfahrene Ungerechtigkeit tief empfand, erschien ihm der Gedanke einer Arbeitseinstellung doch bedenk- lich. Häschke hatte nicht Unrecht, wenn er ihm höhn- lachend vorwarf, ihm säße noch die„Vorgesetzten- angst" vom Atilitär her in den Gliedern. Der Plan, die Arbeit niederzulegen, kam Gustav ungeheuerlich vor; das grenzte an Desertiren, an Meuterei. Er wollte und konnte so etwas nicht gutheißen. Aber Häschke stellte ihm die Sache mit beredtem Munde noch einmal vor: man war in seinem guten Rechte. Der Inspektor war es, welcher den Kontrakt brechen wollte, nicht sie. Wenn sie sich hierin nach- giebig zeigten, würden bald noch andere, ärgere Uebergriffe von Seiten des Arbeitgebers und seiner Beamtenschast erfolgen. ES handele sich hier nicht blos um die paar Groschen, um deretwillen der Streit entbrannt war, sondern um die Sache. Sie dürften der Ehre halber nicht klein beigeben, denn das könnte aussehen, als hätten sie Furcht. Der Aufseher aber müßte in erster Linie für seine Leute und ihre Rechte eintreten, denn nur in diesem Ver- trauen wären sie ihm hierher gefolgt. Im Stiche dürfe er sie nicht lassen. Mit solchen, auf Gustav's Ehrgefühl berechneten Gründen kam Häschke zu seinem Ziele. Im Stiche lassen wolle er sie nimmermehr, erklärte der Aufseher. Und Ungerechtigkeit würde er nicht dulden. „Hurrah, jetzt machen wir.Strikte'!" rief Häschkekarl. Er wisse genau, wie dergleichen gemacht werden müsse, behauptete er. Wenn die Arbeiter nur wüßten, was sie wollten und untereinander festhielten, dann könne es gamicht fehlen, dann müßten schließlich die Aussauger, die Brotherren, klein beigeben. Dann diktire der Arbeitnehmer seine Forderungen. Häschke nannte das mit geheimnißvoller Miene:„Boykott"! Er hielt eine Art von Ansprache an die Leute, die gespickt war mit hochtrabenden Redensarten aus unverdauten Zeitungsartikeln. Seiner Zuhörerschaft imponirte er mit diesen dunklen Wendungen gewaltig. Je weniger sie verstanden, desto stärker fühlten sie sich überzeugt. Die Mädchen hatte er sowieso auf seiner Seite, denn die waren dem Schwerenöther alle zngethan. Selbst die nüchterne, überlegte Ernestine zeigte sich für den Plan, die Arbeit nieder- zulegen, begeistert. Das Ende war, daß die Sachsengänger vom Felde abzogen und das bereits gemähte Getreide unaufgestellt liegen ließen. Sie begaben sich in die Kaserne. Es herrschte jene gehobene Stimmung unter ihnen, wie sie in der Schule nach einem gelungenen Streiche zu folgen pflegt. Die Aiänner legten sich in-'s Gras vor das Haus und zündeten ihre Zigarren an. Die Mädchen hatten sich in ihren Schlafsaal im ersten Stock zu- rückgezogen, zu Näh- und Flickarbeit. Bald ertönte Gesang von hellen Frauenstimmen durch die geöff- neten Fenster. Ernestine war die Chorfiihrerin. Nach einiger Zeit antworteten unten vom Rasen her siefere Töne; Häschkekarl leitete den Atänuergesang. Und so löste ein Lied das andere ab; die Mädchen stimmten an, die Burschen fielen ein. Auf einmal erschienen Köpfe von außen an den Fenstem des Schlafsaales. Die Burschen waren es, die mit Hülfe der Dachrinne und eines Simses dahinauf geklettert waren. Die Mädchen stoben schreiend auseinander. Nur Ernestine fand Geistes- gegenwart genug, die Fenster schnell zu schließen und zu verriegeln. Häschke und seine Kumpanen stiegen, nachdem sie genugsam Grimassen geschnitten und sich an dem Schrecken, den sie eingejagt, ge- weidet hatten, wieder zum Erdboden hinab. Nach dieser Heldenthat legten sie sich von Neuem auf den Rasen, rauchten ihre Pfeifen, die Hände unter dem Kopf, die Beine übereinander geschlagen, und ließen sich von der Sonne bescheinen, deren Strahlen an der kalkgetünchten Wand abprallten. Auf einmal wurden die Faullenzcr von wohlgczielten Wasserstrahlen getroffen. Schreiend und sprudelnd sprangen sie auf und konnten über sich gerade noch die lachenden Mädchen verschwinden sehen. So gab es noch mancherlei Kurzweil und Schaber- nack an dieseni Nachmittage. Alan hatte sich nun einmal in ein Unternehmen eingelassen, dessen Aus- gang zweifelhaft war,, und in verwegenem Galgen- Humor meinte man, daß es auf ein paar Dumm- heiten mehr oder weniger nicht ankomme. Einer war, dem sehr wenig nach Lachen und Scherzen zu Mnthe war: Gustav. Das junge Volk hatte nichts zu verlieren; die waren ohne Verant- wortung. Was bedeutete es ihnen, wenn sie brotlos wurden? Aber er, der für Weib und Kind zu denken und zu sorgen hatte! Gegen Abend ließ der Inspektor sagen, er wünsche mit dem Aufseher zu sprechen. Gustav begab sich hinüber. Häschke legte ihm noch an's Herz, er solle „die Ohren steif halten" und auf keinen Fall klein beigeben. Der Inspektor empfing den Aufseher auf ganz andere Weise, als zu Mittag. Von der hochfahrenden Miene war nichts mehr zu sehen, sein Ton war wesentlich freundlicher, er bot Gustav sogar einen Stuhl an, was noch nie bisher vorgekommen war. Kein Zweifel, der Ausstand der Wanderarbeiter kam ihm äußerst ungelegen. Man hatte auf den ausgedehnten Besitzungen des Herrn Hallstädt noch mehrere Abtheilungen von Sachsengängern in Lohn; wenn nun der Ausstand zu den anderen Gruppen übersprang! Jetzt, wo gerade die Ernte auf dem Felde stand und geborgen sein wollte! Wo sollte er denn jetzt andere Leute herbekommen? Ringsum herrschte Arbeiternoth. Der Inspektor verlangte von Gustav, er möge noch einmal auseinandersetzen, was die Leute eigent- lich wollten; Mittags habe er es nicht ganz ver- standen. Der Aufseher wiederholte seine Forderungen. Der Inspektor kratzte sich hinter dem Ohr. Wenn's nach ihm gehe, sagte er, würden die Arbeiter Alles bewilligt bekommen, was sie verlangten, aber Herr Hallstädt habe sehr bestimmte Ansichten, und auf eine Bezahlung der Ueberstunden im Tagelohn werde er niemals eingehen. Gustav meinte, dann könne er ja mal zu Herrn Hallstädt nach Welzleben gehen. Aber davon wollte der Beamte durchaus nichts wissen. Er rieth dringend davon ab, ja, er warnte davor. Der Aufseher würde damit garnichts er- reichen. Herr Hallstädt sei völlig unzugänglich und habe ein für alle Mal verboten, daß die Arbeiter direkt mit ihm verhandelten. „Sie sind ja ein vernünftiger Mann, Büttner!" L 186 Die Heue Welt. Illustnrte Anterhaltungsbeilage. fegte der Inspektor.„Treiben Sie die Sache nicht auf die Spitze! Reden Sie mal mit Ihren Leuten. Sie haben ja auch noch andere Mittel in der Hand. — Ich meine, als Aufseher haben Sie ja schließ- lich großen Einfluß.— Ich denke, wenn wir Zweie einig sind, werden wir mit der Gesellschaft schon fertig werden. Herrn Hallstädt wollen wir lieber nicht erst einmischen, das hätte keinen Zweck.— Also ich denke, wir sind einig!— Ich werde auch dafür Sorge tragen, daß Sie am Schlüsse der Arbeitszeit eine anständige Gratifikation erhalten, Büttner!" Aber Gustav ließ sich nicht so leicht kirren. Wenn er auch nicht so viel Scharfblick besaß, um sofort herauszufinden, wie schwach in Wahrheit die Position des Gegners war, so bewahrte ihn doch seine Red- lichkeit davor, auf Vorschläge einzugehen, die ihm nützten, aber seine Leute schädigten. Mit trotziger Zähigkeit, einem Erbtheil seines Vaters, hielt er, ohne sich auf die Redensarten des Anderen einzulassen, an seiner Forderung fest. Alle Ungeduld nutzte dem Inspektor nichts, seine Vor- stellungen drangen in diesen harten Bauernschädel nicht ein. So ging man auseinander, ohne daß es zu einer Einigung gekommen wäre. Am nächsten Morgen schliefen die Streikenden ans. Während die Gespanne des Vorwerks an der Kaserne vornberratterten, legten sie sich noch einmal gemiithlich auf's andere Ohr. Noch im Laufe des Morgens erschien der In- spektor persönlich in der Kaserne. Er verlangte den Aufseher nochmals zu sprechen. Die Verhandlung währte diesnial nur kurze Zeit. Die Forderungen der Arbeiter wurden bewilligt. Eine Stunde darauf schon hatten die Leute ihre Arbeit lvieder aufgenommen. XXIV. Die Wanderarbeiter waren in der Weizenernte beschäftigt. Das Feldstück gehörte zu den Außen- schlügen des Vorwerks und lag ziemlich weit von der Kaserne entfernt. Der Aufseher hatte daher angeordnet, daß Mittags nicht heimgegangen werde. Um das Essen für die Leute auf's Feld zu bringen, wurde meist eines der Mädchen entsandt. Heute war Ernestine daran. Als die Thurmuhren der Nachbarschaft ihre zwölf Schläge thaten, warf man die Sensen hin. Jeder suchte sich ein Fleckchen im Straßengraben. Dort ruhten sie, die Männer, mit den Jacken unter dem Kopfe, die Mützen über dem Gesichte, zum Schutze gegen die Angnstsonne. Die Frauen mit bloßen Armen und Füßen, in ihren bunten Kopftüchern. So lagen sie im grellen Mittagslicht und warteten auf das Mittagsbrot. Zum Reden hatte Niemand Lust. Bleierne Schläfrigkeit lastete auf den Ermatteten. Es war nichts Kleines, von früh um vier Uhr bis Mittags, mit einer Unterbrechung von mir einer halben Stunde, Getreide mähen, abraffen, binden und aufstellen. Häschke hatte sich nicht mit in den Graben gelegt zu den Anderen: unbemerkt war er bei Seite ge- treten. Erst langsamer, so lange er im Gesichts- felde der Genossen war, dann mit weitausgreifenden Schritten, wie Einer, der mit Eifer einem ersehnten Ziele zustrebt, eilte er in der Richtung nach der Kaserne hinab. Nach einiger Zeit erblickte er die Gestalt, nach der er schon lange ausgeschaut hatte: Ernestine, die in zwei Henkelkörben das Essen herantrug. Häschkekarl stieß einen Freudenschrei aus und eilte ihr in langen Sätzen auf dem Feldwege ent- gegen. Sie hatte die Körbe niedergesetzt, sobald sie den bärtigen Burschen auf sich zukommen sah, erwartete ihn, die Hände auf die Hüften gestemmt. Erschreckt schien sie nicht. Im Gegenthcil! Sie lachte über das ganze Gesicht, zeigte ihre Perlenzähnchen. Er umfaßte sie, hob sie, drehte sie ein paar mal um und um und raubte ihr einen Kuß, ohne daß sie, wie es den Anschein hatte, in solchem Verfahren etwas Ungewohntes erblickt hätte. Sie zupfte sich das rothe Kopftuch zurecht, das ihr znriickgerntscht war, und meinte dann, er solle ihr die Körbe tragen, sie habe sich nun genug damit geschleppt. Häschkekarl war der Letzte, imi solch eine Bitte zu verweigern; aber eigentlich hätte er die Hände lieber frei behalten. Sie setzten sich in Bewegung. Das Mädchen ging mit leimten Schritten vor ihm her. Seine Augen verschlangen ihre Gestalt. Was machte es ihm, daß ihre Füße bestaubt waren, daß ihr einfaches Kleid die Spuren der Feldarbeit an sich trug. Sein Blick durchdrang die Hüllen, er- kannte das Weib, das er begehrte, so ivie sie war. Häschke, der Leichtfertige, hatte seine Meisterin gefunden. Um Ernestine's Willen war er in Halbenau ge- blieben, um ihretwillen hatte er sich den Sachsen- gängern angeschlossen; nur um dieses Btädchens willen hatte er es so lange bei einer Beschäftigung ausgehalten. Die kleine Ernestine war sich der Akacht voll- kommen bewußt, welche sie Uber den Mami ausübte. Trotz ihrer Siebzehn verstand sie es, seine Wünsche im Zügel zu halten. Er hatte das Ziel seines Verlangens noch nicht erreicht. Ernestine hatte stets ihren Kopf für sich gehabt. Eine geivisse Selbstachtung war ihr eigen, die sonst nicht ein hervorstechender Zug bei Landmädchen ist. So, wie Toni, sich wegwerfen, an den Ersten Besten, das sollte ihr nicht passiren l— Sie hatte ihn gern, ganz gewiß! Aber das äußerte sich nur in einer Art munteren Kameradschaftlichkeit. Auch in ihr steckte ein jungenhafter Zug, wie in vielen Mädchen, ehe die Frau zur Entfaltung gelangt ist.— Sie hatte bisher seinen Anträgen gegenüber die Besonnen- heit nicht verloren. So gingen die Beiden auf dem Feldwege hin. Sie kehrte sich gelegentlich lachend nach ihm um. Es machte ihr Spaß, ihn unter der unwillkommenen Last der Körbe einherschreiten zu sehen. Ernestine hatte eine Gerstenähre aus dem Felde gerauft und kipelte ihn damit an der Nase, bis er niesen mußte. Ehe er die Körbe niedergesetzt, war sie schon zehn Schritte und mehr von ihm entfernt. Die Hitze war groß; er verspürte keine Lust zu einem Wettlaufe nnt der Leichtfüßigen. Häschke machte gute Miene zum bösen Spiel und versuchte, während sie so dahinschritten, ein Gespräch im Gange zu halten. Aber sie lachte nur zu Allein, was er sagte. So war sie nun! Wie ein Fisch: wenn er sie zu halten glaubte, entschlüpfte sie ihm glatt und geschmeidig. Eine harte Probe für den Erfolg- gewöhnten!— Schon einige Male hatte er sie eingeladen, Sonn- tags mit ihm nach Haderbaum hinüber zu gehen, zu Tanze. Ein Tänzchen in Ehren, was war da weiter dabei! Er hatte den Vorschlag so harmlos, wie nur möglich, vorgebracht. Doch Ernestine war nicht auf den Kopf gefallen. Sie tanzte für ihr Leben gern; aber man wußte schon, daß sich das Btanns- volk damit nicht begnügte. Auch heute war all die Beredsamkeit, mit der Häschke ihr das Parkett, die Militärmnsik, die Ge- tränke und die sonstigen Genüsse des Festes schilderte, an sie verschwendet. Sie sagte nicht Ja und nicht Nein, kicherte nur und summte sich ein Liedchen. Der Bursche kochte vor Wuth. Er hätte das Frauenzimmer auffressen mögen. Wenn sie nur nicht so verdammt niedlich ausgesehen hätte! Nicht weit vom Wege standen ein paar große Roggen strohfeimen, weit und breit in der baumlosen Gegend sichtbar. In Häschke's Kopfe blitzte beim Anblick der mächtigen Strohhanfen ein Gedanke auf. Stehen bleibend, meinte er, hier könne man sich ein wenig im Schatten verschnaufen. Mit dem Akittagsbrot habe es keine solche Eile, die Anderen würden ihnen nicht davonlaufen. Sie traten in den Schatten der Feimen. Er stellte die Körbe bei Seite und sagte:„Hier is gut sein, Mädel!" Damit umfaßte und küßte er sie nach Herzenslust. Sie ließ sich das eine Weile lachend gefallen, dann aber setzte sie sich zur Wehr. Er sollte sich mal seinen kratzigen Bart abnehnien lassen, meinte sie. „Ich thn's glei, Ernstinel!" sagte er, sie immer noch festhaltend und ihr verliebt in die Augen blickend. „Aber Tu mußt mir och was zu gefalleil thun!"— „Was denne?" „Du weeßt schon!" „Dil bist ein schlechter Kerl!" „'s is»ich schlecht, wenn man sich lieb hat." „Laß mich!" „'s sieht uns ja kcen Meilsch hier— Ernstinel!" Sie wehrte ihn mehr mit ihrem kühlen Blicke ab, als mit ihrer Händen. Ter starke Bursche konnte nichts gegen das Mädchen ausrichten. Sie hatte keine Spur von Furcht vor ihm. Er mußte die Hände von ihr lassen. Sie lachte ihn ans. Wie ein Strahl Wasser in eine heiß lodernde Flamme wirkte das auf seine Leidenschaft. Er lvarf sich in's Stroh, verzweifelnd, das Ge- ficht gegen den Boden, als wolle er nichts mehr sehen. Das Mädchen stand neben dem Liegenden. Er sollte keine Faxen machen, meinte sie; die Anderen würden sich wundern, wo sie blieben. Er sagte, zu den Anderen werde er nicht mehr zurückkehren; er wolle fortlaufen, sie sei zu schlecht gegen ihn. Er fand Töne echter Verzweiflung. Sie kniete neben ihn nieder und streichelte ihm den struppigen Kopf. Er drehte ihr sein rothes Gesicht halb zu und schlang die Arme um sie. Er werde sich ein Leid anthun, schwor er, wenn sie ihn nicht erhöre. „Was willst De denne?" fragte sie, während er sie mit starkem Arme schon halb zu sich herab- gezogen hatte. „Red'»ich so dumm, Ernstinel!" flüsterte er ihr in's Ohr. Und damit lag sie nur noch halb widerstrebend neben ihm im Schatten der Strohfeime. * ♦ Es gab unter den Wanderarbeitern mancherlei Streitigkeiten und Ränke, aber auch Zuneigung und Eifersucht. Gustav, in seiner Stellung als Aufseher, bekam davon wenig zu merken. Die Liebeleien, die es etwa unter den jungen Leuten geben mochte, wurden vor ihm nach Möglichkeit verborgen. Die drei männlichen Arbeiter, die nach der Flucht des Polen noch dort waren, vertrugen sich unter- einander leidlich. Häschke hatte durch Anlagen und Erfahrung so sehr die Oberhand, daß ein Aufkommen gegen ihn ausgeschlossen war. Welke, der gewesene Stallbursche, war eine harmlos ehrliche Haut. Von den Mädchen wurde er vielfach gehänselt. Er that ihnen den Gefallen, verlegen zu werden und sich zu ärgern, was man bei seiner hellen Hantfarbe leicht am Rothwerden erkennen konnte. Fumfack, der ehe- malige Schmiedegeselle, war ein großer ungeschlachter Geselle, stark wie ein Bär, schwerfällig, wortkarg. Er war im Stande, einen geschlagenen Tag zuzu- bringen, ohne seinen Mund zu öffnen, außer zum Essen und Gähnen. Des Nachts wußte er sich um so entschiedener durch furchtbares Schnarchen Gehör zu verschaffen. Fumfack hatte eine Liebschaft. Die Sache war schon älteren Datums. Wahrscheinlich hatte er sich den Sachsengängern nur angeschlossen, um die Geliebte zu bewachen. Eine Vorsicht, die in Anbetracht der außergewöhnlichen Häßlichkeit seines Schatzes beinahe überflüssig erscheinen konnte. Uebrigens machte sich dieses Verhältnis; sehr wenig bemerkbar. Sie flickte ihm seine Sachen und hob die Hälfte ihrer Lebensmittel für den starken Esser auf. Darauf schienen sich in der Woche die Be- Ziehungen dieses Liebespaares zu beschränken. Am Sonntage führte er sie aus. Aber auch da schien der Verkehr nicht besonders lebhaft.-Man sah die Beiden, wie sie hintereinander, er voran, dann sie auf seiner Spur, langsam und wortlos durch die Getreidefelder zogen. Sonst schien es weiter keine Liebespaare zu geben. Welke hatte wohl hier und da einen Versuch ge- macht, sich ein Herz zu erobern. Aber er war nur ausgelacht worden. Den Mädchen erschien er zu jung; noch keine Spur von Bart war bei diesem Kieckindiewelt zu entdecken. Der tveitans Beliebteste und Begehrteste bei den Me Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 187 Mädchen war Häschke. Aber er ließ sie zappeln, schien keiner seine besondere Aufmerksamkeit zuwenden zu wollen. Der Aufseher war damit sehr zufrieden. Er kannte Haschten von der Garnison her. Wenn einer lsiliick bei den Frauenzimmern gehabt, so war es dieser Schwerenöther gewesen. Daß ihm die Niiben- mädel nicht gut genug waren, wie es schien, war ein Gliick; man hätte sonst nur Abenteuer erlebt. Ilebrigens schien sich Häschkekarl anderwärts schad- los zu halten. Der Aufseher fand eines Nachts beim Nevidiren des Männerschlafsaales Häschke's Bett leer. Er that, als habe er nichts gesehen. Recht gut, daß dieser glänzende Kater außer dem Hanse auf Liebespfaden schweifte! Gustav Büttner, der sich für gewöhnlich eines gesunden und festen Schlafes erfreute, lag während einer hellen Mondnacht ausnahmsiveise wach ini Bette. Der Junge war laut gewesen, und der Vater hatte Paulinen helfen müssen, das Kind zu beruhigen; darüber hatte er nicht wieder einschlafen können. Während er so dalag, vernahm er an der Haus- ivand ein Geräusch, das ihn stutzen machte. Er setzte sich ini Bette ans und lauschte hinaus. Es llang wie ein Hinabschürfen an der Mauer, dann ein Stapfen auf dem Erdboden; aber Alles nur gedämpft, kaum vernehmbar. Gustav dachte an Häschke. Der Vagabund stieg wohl aus! Dann war es vielleicht besser, man untersuchte die Sache garnicht erst, um nicht ein- greifen zu müssen. Jetzt, neues undeutliches Geräusch! Leichtes Rütteln und Knarren! Aber diesmal kam es von einer anderen Stelle, mehr aus der Richtung, wo die Mädchen schliefen. Die Wohnung des Aufsehers war so gelegen, daß sie die Schlafzimmer der Burschen und Mädchen trennte. Eine Verbindung mit dem übrigen Hause fand für die Mädchen nur durch die Anfseherwoh- nung statt. Das war Alles von dem Erbauer sehr klug erdacht.— Gustav erhob sich, schlich in gebückter Haltung an's Fenster. Draußen lag die Landschaft wie am Tage, im Vollmondlicht. Trotzdem konnte er zu- 'nächst nichts Verdächtiges erkennen. Erst als er sich soweit aufgerichtet hatte, daß er durch das Fenster den Streifen Rasen dicht am Hanse zu überblicken vermochte, sah er dort eine männliche Gcsralt. Der Bursche arbeitete mit gebeugtem Rücken, wuchtete, schien etwas im Boden zu befestigen. Dann erhob er sich plötzlich und blickte am Hanse in die Höhe. Jetzt wo das Mondlicht hell auf seinem Gesichte lag, erkannte ihn Gustav deutlich: es war Häschke. Er schien niit Jemandem im ersten Stock in Unterhandlung zu stehen; denn er machte Zeichen mit der Hand nach auswärts. Der Aufseher war im höchsten Grade gespannt, was nun weiter erfolgen werde. Er drückte sein Gesicht ganz an die Scheiben. Jetzt erkannte er, an der Mauer hängend, einen Gegenstand, wie einen Strick, dessen unteres Ende Häschke in der Hand hielt. Eine Strickleiter! Der Hallmikc wollte ein- steigen!— Dem Aufseher schoß das Blut zu Kopfe. Das waren Streiche, wie man sie wohl im Manöver ausgeführt hatte. Bei Nacht in die Mägdekammer, wenn der Bauer am Abend zuvor den Schlüssel dazu abgezogen hatte. Gustav hatte mal mit Häschke zusammen auf einem Gutshofe gelegen, wo der In- spektor besonders streng war. Wie zu den Mägden kommen? Da hatte Häschke, der nie um ein Mittel verlegen war, die Kühe im Stall losgebunden, daß mitten in der Nacht alles brüllend im Hofe herum- lief. Der Inspektor, in seiner Noth, holte selbst die Niägde herbei, zum Anbinden des Viehes. Wäh- rend dessen waren Häschke und Gustav in die Kammer gelangt, hatten sich da gut versteckt. Nun waren sie da, wo sie sein wollten. Während Gustav an diesen wohlgelungencn Streich aus einer vergangenen Zeit zurückdachte, stieg ihm gleichzeitig der Aerger auf, daß Häschke es nun versuchte, ihn zu hintergehen. Das ging doch wirk- lich zu weit! Der Aufseher beschloß, dem Burschen einmal gründlich auf's Dach zu steigen. Er wollte nur warten und zusehen, was Jener noch weiter angeben werde. Bei der Gelegenheit würde man auch vielleicht herausbekommen, wer Tie eigentlich sei, der seine Zeichen galten. Da auf einmal erschien in Gustav's Gesichts- felde eine neue Gestalt. Gegen die helle Hanswand hob sich ein schmaler Schattenriß ab. Erst sah es ans, als schwebe die Gestalt in der Luft, dann er- kannte man, daß sie sich vorsichtig an den Stricken zum Boden hinabließ. Ter Aufseher wollte seinen Augen nicht trauen. Das war... ja, wahrhaftiger Gott! das war: seine eigene Schwester! Gustav war so bestürzt, daß er zunächst gar- nichts that. Wie festgebannt harrte er auf seinem Platze auf. Ernestine und Häschke!— War denn das zu glauben! Ernestine, die er kaum als etwas Anderes angesehen, als ein Kind.— Und Häschke! Er sah sie behende an der Strickleiter hinab- klettern. Jetzt schwebte sie frei über deni Boden, ließ los, der Mmin fing sie auf in seine ausgebrei- teten Arme, trug sie ein paar Schritte fort, ehe er sie wieder frei gab. Gustav konnte deutlich ein Kichern von unten vernehmen. Der Bruder starrte regungslos auf die Beiden. Daß er das nicht zeitiger gemerkt hatte! Merk- würdigerweise bildete das zunächst sein größtes Aerger- niß. Höchst wahrscheinlich war es eine alte Geschichte, stammte womöglich schon von Halbenau her. Die Beiden trieben es schon lange hinter seinem Rücken. Und er hatte nichts gemerkt! Das erboste ihn geradezu! — Denen wollte er den Spaß versalzen und bas gehörig! Und nun mußte er sehen, wie sie sich im Mond- schein umarniten und küßten. Ernestine warf dem bärtigen Häschke die Arme uni den Nacken und drückte ihn an sich. Das kleine Ding schien sich auf die Kunst zu verstehen! Wie sie schnäbelten.— Hol' sie der Teufel! Gustav's Gefühle waren äußerst getheilte und verwirrte. So etwas wie Eifersucht regte sich bei ihm. Dann stiegen aus der Ferne Erinnerungen an verbotenes Liebesglück auf. Was die da unten thaten, war ja so begreiflich! Aber auch der Bruder regte sich in Gustav. Hatte er nicht für seine Schwester einzustehen?— Sie war erst siebzehn Jahre alt, und Häschke war ein alter Sünder! Hol' sie der Teufel alle Beide! Sie hatten ihn schön an der Nase herumgeführt! Lachten wohl gar da unten über seine Dummheit und machten ihm lange Nasen womöglich! Er sah die Beiden jetzt Arm in Arm den Weg nach den Feldern einschlagen. Jetzt war es höchste Zeit, etwas zu thun! Gustav erwachte aus seiner Erstarrung. Er warf sich schnell ein paar Sachen über und fuhr in die Stiefeln. Darüber erwachte Panline. Sie fragte ihn, Ivohin er wolle, jetzt, mitten in der Nacht? Gustav antwortete ihr in barschem Tone, daß Jemand ausgestiegen sei. Mit erschreckter Miene fragte sie: wer? Er wollte ihr nicht sagen, daß es Ernestine sei, aus einer Art von Schamgefühl für seine Schwester. Er habe das Mädchen nicht genau erkennen können, sagte er, aber Häschke sei dabei gewesen. Pauline hatte Licht gemacht. Sie stand vor ihm. In ihren Zügen spiegelten sich Bestürzung und Angst. Sie bat ihn zu bleiben, versuchte es sogar, ihn zu halten. Er stieß sie von sich. Es sei seine Pflicht als Aufseher, so etwas nicht durchzulassen, sagte er rauh. Damit ging er. Sie lief ihm nach bis zur Thür.„Thu vck'n Ernstinel nischt ne!" das waren die letzten Worte, die er hörte.(Forls-sung s°lgt.) ch Marx und die deutschen Arbeiter. ir„Internationalen" haben bekanntlich die Eigenschaft, daß wir unsere Nation und unser i Vaterland hassen. Und wenn das von uns gewöhnlichen Internationalen gilt— von den„Ge- meinen", der vaterlaudslosen Rotte— die beiläufig schon jetzt über ein Viertel der ganze» deutschen Nation umfaßt—, wie viel mehr muß es gelten von dem Stifter der Internationalen und Ober- Hauptmann der vaterlandslosen Rotte— Karl Marx. Ach, auch er, der über alle„Sentimentalität" erhaben galt, er hat das Loos aller Verbannten er- fahren, das ferne Vaterland wie eine ferne Geliebte mit brennendem Schmerz zu lieben. In meiner Ge- dächtnißschrift habe ich erzählt, mit wie edlem Gefühl und wie falscher Stimme er mitsang, wenn wir Flüchtlinge in irgend einem Parlour am Leicester- sguare oder Sohos Square unserer vaterlandslosen Zärtlichkeit für„Straßburg, du wunderschöne Stadt" und andere heimische Dinge ebenso begeisterten(wenn auch nicht immer harmonischen) Ausdruck gaben, wie dem Haß gegen die„Westkalmucken". Auf die West- kalmncken— heute nennt man sie„Ostelbier"— war Marx allerdings sehr schlecht zu sprechen, und da diese Gentlemen damals schon wie heute den Patriotismus in Erbpacht genommen hatten, so war er wirklich ein schlechter Patriot— vom tuest- kalmückischen Standpunkt ans. Sonst aber, wie gesagt, hatte er mitunter Anfälle von patriotischer Sentimentalität und sentimentalem Patriotismus— Anfälle, für welche das nationale, vom Patriotismus sich mästende, dem Vaterland mit heißem Bemühen die Taschen leerende, der Nation das heiß geliebte nationale Mark mit patriotischer Inbrunst aussaugende Patriotenvolk kein Verständniß hat, kciiis haben kann. Freilich, was war denn damals am„Vaterland" zu lieben? Das Westkalmuckcnthum, das die spär- liche Freiheitssaat der Märzrevolutiou mit dicken Kommißstiefeln zertrat, und nachdem es sich satt ge- standrechtelt hatte, die Gefängnisse zum Bersten voll- pfropfte? Oder das deutsche Bürgerthnm, das Buße that in Sack und Asche für seine 1848er Jugend- cseleien, das sich katzbuckelnd unter das Joch beugte, und auf der„Großen Internationalen Industrie- ausstcllung" von 1851(der ersten und großartigsten) durch seine armselig geschmacklosen Schnndwaaren (Ebeap iuick nasty— billig und schmierig) den deutschen Namen lächerlich und verächtlich machte— das deutsche Bürgerthum konnte doch wahrhaftig keine„nationale" Begeisterung erwecken? Und was war sonst da? Ja— Etwas. Aber noch winziger Embryo. Ein Embryo, der freilich zusehends wuchs. Das Proletariat— die deutschen Arbeiter, die sich ab- zusondern anfingen von der vaterländischen Polizei- und Philister-Wirthschast, und in denen es gährte und sich regte. Doch es waren nur zerstreute Kry- stallisationspunkte und kleine Anfänge. Wird sich ans den kleinen Anfängen Großes entwickeln? Wird aus dem gährendeu Most guter Wein werden? Ist die deutsche Nation nach mehr als drei Jahrhunderten wirthschaftlicher und politischer Verdummnng»nd Verkriippelnng eines gesunden Aufschwungs, einer Nengebnrt noch fähig? Das war die Frage. Und wenn sie sich aufdrängte, ertönte Wohl manchmal ei» grimmes:„Bian muß sich schämen, ein Deutscher zu sein." Ob, wer sich schämt, einer Nation feiger Unterthauen und roher, beschränkter Streber und Gewalthaber anzugehören, ein schlechterer Patriot ist, als wer stolz ist auf das nationale Elend und die nationale Niedertrachf? Die Zeit verging, die Verhältnisse änderten sich. Bismarck kam und wurde das Idol der deutschen Philister und Bedienten; die deutschen Philister er- klärten, in der preußischen Kaserne sei der Traum der Märzrevolution erfüllt, und zogen die Soldaten- uniform an und erfochten in Frankreich„ruhmvolle" Siege. Wie Marx über diese Periode nrtheilte, das ist ans seinen Schriften sattsam bekannt. Aber nicht blos die Schmach und die Fäulniß und die Rohheit waren gewachsen, auch der Embryo. Tie Jnter- nationale Arbeiter-Assoziation war gegründet worden, um das: Proletarier aller Länder ver- einigt Euch! zur Wahrheit zu machen. Und in der Internationalen Arbeiter-Assoziation nahmen die deutschen Arbeiter bald eine hervorragende Stellung und einen Ehrenplatz ein. Btarx begann an die deutschen Arbeiter zu glauben. Und welche Freude, als die deutschen Arbeiter den Kampf gegen Bis- 188 Me Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. marck aufnahmen, als sie, unbeirrt durch den Schwindel der„nationalen" Junker- und Polizeipolitik, den Kampf zäh fortsetzten, mit Spott und Hohn die plumpen Angriffe abwehrten und, zum Angriff übergehend, Schlag um Schlag, Stoff um Stoff dem herrschenden System beibrachten, dem Feind nach dem Herzen zielend und immer vordringend.-- Dieser lachende Muth, dieses planmäßige Handeln, daß die feindliche Macht förmlich belagert wird wie eine feindliche Festung— Aiarx war entzückt. Dutzende von Briefen an mich und Andere bezeugen es—„Man braucht sich nicht mehr zu schämen, ein Deutscher zu sein."— Und nun gar, als die Feuerprobe des Sozialisten- gesetzes kam. Werden die deutschen Arbeiter sie be- stehen? Der Zweifel dauerte nicht lange. Nach wenigen Wochen war der Sieg der deutschen Ar- beiter über die Urheber des Gesetzes entschieden, wenn auch der Kampf volle z>völf Jahre dauern sollte. Das Ende des Kampfes hat Marx nicht mehr erlebt, aber den Sieg. Schon die Wahlen des Jahres 1878 bewiesen, das; die deutschen Ar- beiter sich nicht werfen ließen. Und die Wahlen des Jahres t88t erfüllten Marx mit froher Genug- thnung. Gr war stolz auf die deutschen Arbeiter. „Unsere deutschen Arbeiter stehen allen übrigen voran an Zusammenhalt, Disziplin und Klarheit." Nun, für die Klarheit hat er gesorgt. In der ganzen Familie Marx war dieser Stolz ans die deutschen Arbeiter. Frau Marx schrieb mir noch kurz vor ihrem Tod:„Es thnt Einem doch gut, daß unsere deutschen Arbeiter die Elitetruppe der internationalen Sozialdemokratie geworden sind und den deutschen Namen zu Ehren gebracht haben." lind Marx selbst— so erzählte mir die arme „Tnssy", die trotz angeborener und anerzogener Jnternationalität„ihre" Deutschen gar warm in's Herz geschlossen hatte— Marx selbst veriveilte noch mit seinen letzten Gedanken bei der deutschen Ar- beitcrbeivegung, an welcher der Kapitalismus zu Schanden werden muff. Und bis zu seinem Tode — so lange er noch arbeiten konnte, hatte er die deutschen Arbeiter den übrigen Nationen, nament- lich den Franzosen als Muster hingestellt und unsere Taktik, insbesondere auch mit Bezug auf das Wählen und die parlamentarische Thätigkeit zur Nachahmung empfohlen. „Nur ein konfuser Kopf wie Bakunin," schrieb er mir einmal in den siebziger Jahren,„kann über- sehen, das; im Wählen, in der Abgabe Hundert- tanscnder von Stimmen eine tausendmal größere Machtentfaltung und Kraftänfferung liegt, als in den blutigsten Attentaten von ein paar Dutzend ver- riickter Anarchisten." Jetzt stehen die deutschen Arbeiter wieder vor einer Wahl. Sie werden am 16. Juni 1898 ihre Schuldigkeit thun, so daß unser unsterblicher Karl Marx, weilte er noch unter uns, freudig ansrnfen würde:„Ich bin stolz auf meine deutschen Arbeiter!" Berlin, 6. Mai. W. Liebknecht. Has„junge Heutschlanö� unö öie politische Kolizei. (Schluß.) Von HVrur Kanrpffrneyer. dieser trübseligen, umstürzlerischen Zeit erklang dem guten Rochus von Rochow das perfide Tenunziantengeschrei Menzel's wie die Stimme eines rettenden Engels, und deshalb suchte er in der Folgezeit den engsten und intimsten Anschluß an diesen Beschützer unserer„heiligsten Güter".„Nun gab sich aber", so schreibt Menzel selbst über seine Be- ziehnngen zu Rochow,„seit dem Ende der dreißiger Jahre der preußische Gesandte, Herr von Rochoiv, viele Mühe, sich mir zu nähern, und auf eine so feine Weise, daß es nur lächerlich oder grob gewesen wäre, wenn ich ihn hätte vermeiden wollen. Ich lernte einen klugen Mann an ihm kennen, der auf das Delikateste meinen Stolz schonte, so daß er sich öfter zu mir bemühte, als ich mich zu ihm. Als wir erst näher mit einander bekannt waren, bestach er mich durch die Offenherzigkeit, mit der er mir Mittheilmige» über die Politik des Berliner Hofes machte und mich endlich jahrelang eine Ntcngc Depeschen lesen ließ, die er bekam. Darunter gehörten auch die Protokolle der Berliner Ministerberathnngcn, die Protokolle der Militär-Bundcskommission in Frankfurt, des Bundestages selbst, Mitthcilungeii aus Oesterreich k. Ich nahm natürlicherweise als Geschichtsschreiber lebhaftes Interesse daran, machte mir meine Notizen und bewahrte übrigens das Geheimniff in diskretester Weise. Herr von Rochow säumte jedoch nicht, für seine Gefälligkeiten Gegenleistungen zu verlangen, frug mich hier und da um Rath und bat sich Bemerkungen, ja ganze Auseinandersetzungen von mir aus, die dann in seine amtlichen Bericht- erstattungen übergingen. Da sein Bruder Minister des Innern in Preußen war, suchte er mich durch diesen nach Berlin selbst zu ziehen und brachte mir einmal in einem rothen Saffiankästchcn eine Auszeichnung, die ich aber nicht sehen wollte lind die er wieder einstecken muffte, indem ich ihm energisch erklärte, ich verachte die ganze Spielerei mit Ordensbändern, und wenn ich auch den guten Willen meines ehemaligen Königs ehren müsse, so werde er doch begreifen, daß es meiner literarischen Stellung unangemessen und mit meinem Unabhängig- keitssinn unverträglich sei, mir eine moralische Ver- pflichtung auferlegen zu lassen." Der Bruder des Gesandten von Rochow, der preußische Minister und geniale Erfinder des welt- berühmten Ausspruchs vom beschränkten Unterthanen- verstände, bemühte sich später erfolglos, die staats- rettende Kraft eines Menzel für die preußische Staatszeitung zu gewinnen. Nach der Denunziation Menzel's holte das alte Polizei-Jnstitut, der deutsche Bundestag, zum Todes- streiche gegen die verwegene Umstnrzmacht des„jungen Deutschland" aus. In den einzelnen deutschen Staaten hatte man bereits die Schöpfungen Heine's, Gutzkow's und Lanbe's in Acht und Bann gethan. In Preußen wollte der Ministerialerlaß vom 14. November 1835 nicht nur die gegenwärtig lebenden, sondern die noch ungeborenen Kinder der jungdeutschen Binse erdrosseln. Ja, die Namen der verfolgten Literaten: Laube, Mündt, Gutzkow, Wienbarg sollten ganz ans der Literatur getilgt werden.„Am 1t). Dezember," so schreibt Johannes Proelß in seinem Werke:„Das junge Deutschland",„erfolgte noch die weitere Ver- fügung, welche alle öffentlichen Rezensionen und Benrtheilungen der verbotenen Schriften mit Aus- nähme derer untersagte, die ohne Namensnennung und Bezeichnung der Titel die Richtung der be- treffenden Schriftsteller in ihrer Schädlichkeit dar- legen, vorausgesetzt, daß dieses ohne Abdruck einzelner Stellen geschieht."— Der Bund erfüllte am 10. Dezember 1835 sein Henkersamt an dem„jungen Deutschland". Ob dieser schimpflichen Hinrichtungsbeschliisse der deutschen Staaten schlug Keinem das Herz fteudiger als dem edlen Rochus von Rochow. Seelenvergniigt schrieb er an seinen theuren Kelchner: Stuttgart, 13. November 1335. Mein bester Kelchner! Empfangen Sie den herzlichsten Tank für Ihre beiden Schreiben, deren Inhalt mir sehr interessant war. Höchst wichtig ist die Maßregel des Bundes gegen das Verbot der jungen Literatur und der übrigen verderblichen Bücher. Solche Verbote sind besser als alle Zensur, die in konstitutionellen Staaten nicht durchgesetzt und in anderen Ländern doch nur schwer gehandhabt werden kann..... Der Bundesbeschluß gab sofort das Signal für die Entfesselung der Polizeimeute. Sehr nachdrücklich deutete der große Chef der Spionage, der Gesandte von Nagler, mit dem Finger auf die einzelnen Opfer des Kesseltreibens. Am 2. September 1835 gab Nagler seinem ergebenen Werkzeug Kelchner direkt den Auftrag zur Ueberwachung Gutzkow's. Er richtete an diesem Tage folgende Zeilen an ihn:„Ich sah heute Gutzkow's öffentliche Charaktere— Ancillon. Dieser Skribent Gutzkow ist immer kein gewöhn- licher Skribler. Geben Sie mir von Zeit zu Zeit Nachricht, was und für welche Zeitungen er schreibt, und mit wem er umgeht.... Der diensteifrige, aufmerksame Polizciagent be- richtet nun mehrfach über Gutzkow's Thätigkeit an seinen Chef. Er schreibt unter Anderem: Frankfurt a. M., 3. Sept. 1835. Eurer Excellenz sehr gnädige Marginalien vom 31. d. v. Monats sind heute eingegangen. Obgleich Gutzkow* erklärt hat, sich in Stutt- gart niederlassen zu wollen, so ist derselbe doch hieher zurückgekommen. Er will nur hier eine „Frankfurter Revue" herausgeben. Diese drollige Idee wird die hiesige Behörde nicht zur Aus- fiihrung kommen lassen. In tiefstem Respekte Kelchner. In einem Briefe vom 19. November 1836 schwätzt sich der nnermiidlich spitzelnde Geueralpostmeister wie eine Kaffeeschwester über die persönlichen Verhält- nisse Gutzkow's aus:„Herr Gutzkow ist, wie es scheint, protegirt, und mag ein zweiter Komb st** sein— nur gewandter mit der Feder— sollte er nicht einige hohe Protektion dort stillschweigend ge- nießen? Der Korrespondent des„Fränkischen Mercur" ist ein Kandidat oder Jude. Biehrerc solche Kerle leben von Zeitungsartikeln.... Herr» Gutzkow's Papa war Reitknecht bei Prinz Wilhelm Sohn, und später wurde er Eanzleidiener in: Kriegs- Ministerio. Der Onkel ist noch Lakai bei Prinz Wilhelm. Adieu. Von Herzen der Ihrige— Nagler." Später drängte sich ein sehr naseweiser Polizei- spion Joel Jacoby an Gutzkow und Laube heran. Ursprünglich war dieser Spitzel als leidenschaftlicher Anwalt freier Ideen aufgetreten, bis er dann scheinbar ein geistiges Damaskus erlebte. Er predigte dem jungen Gutzkow die Umkehr von den umstürzlerischen Bahnen und versprach ihm die Protektion hoher Gönner. Doch vergebens, Gutzkow wies das An- sinnen dieses Subjekts mit eisiger Kälte zurück. „Jacoby," so erzählt Gutzkow in seiner Biographie „Rückblicke auf mein Leben",„reiste nnverrichtcler Sache nach der Schweiz. Er mußte ein Abgesandter des Kabinets Rochow gewesen sein. Denn als man kurz darauf den Studenten Lessing, einen Preußen, in einem Gehölz bei Zürich ermordet fand und es allgemein hieß, es sei an ihm die Strafe des Ver- räthers und Denunzianten vollzogen worden, brach Jacoby seine Reisepläne ab, verließ die Schweiz und hielt sich mehrere Jahre lang vor der Oeffentlichkeit ganz verborgen." In dem Konzerte der thätigen preußischen Polizei- spione durfte natürlich die erste Geige nicht fehlen — der unvermeidliche Tzschoppe. Der Name dieses Mannes ist in die blutigsten Greuel der Demagogen- Verfolgungen verflochten. Fast überall da, Ivo sich die geheime vormärzliche Polizei Preußens durch eine hnndSföttische Gemeinheit entehrte, wird auch der pflichtgetreue Tzschoppe genannt. Gewiß, dieser Mann hatte auch seine Verdienste. Dieser„Vater des Vaterlandes" hatte den preußischen Staat von den„gefährlichen" Verschwörungen der Sekundaner und Primaner gerettet. Ihm gelang es auch, den Tertianer Wilhelm Wackernagel, den später berühmten Germanisten, zur Verantwortung zu ziehen. Wollte doch dieser Katilina in Kniehöschen das liebe Deutsch- land auf dem Papier in neue Kreise auftheilen und mit einer neuen Verfassung beglücken! Nach der Ansicht Tzschoppe's verknüpften gar geheimnißvolle Fäden die Bestrebungen der jung- deutschen Literaten mit der politischen Propaganda des von Mazzini gegründeten„jungen Europa". In seinem Spiircifer ließ er rücksichtslos die Briefe der verdächtigen Schriftsteller erbreche», um schlagende * Ein merkwürdiger Mensch, bemerkt hier Nagler. ** Kombst, ein ehemaliger preußischer Gesandtschafts- sekretär, der wichtige, sehr kompromitlirende Aktenstücke dem Bundcsarchiv entwandte und in der Schweiz ver- öffentlichte. Bon der Hundeniente der vormärzlichen Geheimpolizei schwer verfolgt, führte er ein unstätes, kummervolles Flüchtlingsleben. J 190 Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Beweise über den Znsammenhang zwischen den litemrischeii nnd politischen Stürmern und Drängern in seine Hand zu bekomnien. Ju die Netze Tzschoppe's lief auch Theodor Mündt. Der Polizeimann scheint aber diesen„jung- deutschen" Revolutionär für sehr harmlos gehalten zu haben, wie das aus einem Briefe Mundt'K wohl ersichtlich ist. „Tzschoppe," so schreibt einmal Mündt,„ist ohne Zweifel der mächtigste und wichtigste Mann im ganzen preußischen Staate. Mit ihm habe ich mich jetzt beschäftigen müssen, eine lange Audienz bei ihn, gehabt, ihm lange Briefe geschrieben. Er war sehr offen, zeigte mir, wie weit meine Sache war und las mir den Gesetzesparagraphen vor, wonach ich wegen Aufnahme des Artikels Kalisch'(ini„Zodiakus") und einiger anderer Sachen zwei Jahre Festuugs- Haft zu erwarten habe. Jetzt stehe ich so mit Tzschoppe, daß er die Sache nicht in die Hände der Justiz geben will, und er hofft, daß es dann auch kein Anderer thun wird!-- Erhebe Dich durch Zorn und Trauer und sei bis auf's Aeußerste vorsichtig. Ich habe jetzt erst Alles, was uns droht, an der Quelle kennen gelernt. Tzschoppe hat alle unsere Briefe gelesen. Er will das ganze„junge Deutschland" der- derben." Nach dem Dichter Laube hatte die politische Polizei schon 18?p ihre langen Greifarme aus- gestreckt. Zu seinem Unglück entdeckte sie auf seiner Universitätsmatrikel den Vermerk:„der Burschenschaft verdächtig".„Unglücklicher," rief ihm nach den ersten sechs Wochen der Untersnchungsrichter Dnnker zu, „Sie sind in Halle Burschenschafter gewesen!"— „Nun?"—„Das hat mau jetzt nach sechs Wochen entdeckt, und nun hat man hinreichenden Grund zu längerer.Haft. Jetzt werden Ihre Schriften Neben- fache, jetzt beginnt eine Kriminaluntersuchung gegen Sie."—„Wegen einer Burschenschaft?"—„Ja- Ivohl! Wer der Theilnahme an der Burschenschaft überwiesen ist, wird zu sechs Jahren Festnngsstrafe vernrthcilt."—„Mehr nicht?"—„Diese Gesetzes- besUmmung eristirt. Sie ist entstanden infolge der Ermordung Kotzebue's, infolge der langen Mainzer Untersuchungskonimission, infolge des Hambacher Festes, infolge des Sturmes auf die Konstabler- wache in Frankfurt, infolge der politischen Tendenz in der Burschenschaft, welche seit der Julirevolution auf den Universitäten ausgebildet worden ist."— „Aber ich bin ja drei, vier Jahre vor der Juli- revolntion auf der Universität Halle gewesen, nnd damals— es sind sieben Jahre her— hat kein Mensch, auch kein Burschenschafter, an eine Revolu- tion gedacht."—„Einerlei! Burschenschaft, sagt man, ist Burschenschaft. Dies ist eine krinnnelle Parole, und mit dieser bloßen Anklage sind Sie uns, der Polizei und der Stadtvogtei, entzogen, sind Sie der Hausvogtei verfallen; ich muß Sie hiniiberbriugen, der Wagen wartet schon unten."— Allen Schrecken der Untersuchungshaft wurde nun Laube überliefert. Der Großinguisitor Dam- dach folterte ihn mit der Verlängerung und Ver- schärfung der Untersuchungshaft, um ihm brauchbare Geständnisse abzupressen. Beinahe ein Jahr halte Laube in einem finsteren Loche der Hausvogtei zu- zubringen; dann wurde er nach Nanmbnrg verbannt, nnd dort hatte er noch ein ferneres Jahr Zwangs- Haft zu bestehen. Der kritische Waffengänger des „jungen Deutschland", Wienbarg, kam ebenfalls auf die Proskriptionsliste der Reaktion und mußte eine zeitlang ein unslätes FliichtlingSlcben führen, da ihn die Polizei kurzerhand aus vielen Städten Deutsch- lands verwies. Endlich fand er in Hamburg eine Stellung und zwar als namenloser, ungenannter Redakteur der„Börsenhalle". So hatte denn das„junge Teutschland" eine schwere Leidenszeit unter der allgewaltigen Fuchtel der damaligen politischen Polizei zu bestehen, lind gar mancher beredte Führer dieser Schule wurde mäuschenstill, zog die eherne Kriegsrüstüng aus und duckte sich fein unter. Sie wurden meist recht„nütz- liche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft", diese jungen Heißsporne! Sie vergaßen sehr bald, welche Blüthenträunie der Freiheit sie einst in ihren Maien- tagen geträumt hatten.— 3 6 p l' L Von Hjalmar Bergström. Einzig antorisirtc Ucbersetzung von E. Brauscwctter. I. �»urch die halb zugezogenen grünen Gardinen fiel ein breiter, funkelnder Sonnenstreifen in die Kinderstube, über die beiden Damen hin, die in stummer Betrachtung vor einem kleinen, mit Seidenvorhängen und Seidenbeziigen ausgestatteten daunenweichen Himmelbettcheu standen. Die kleine Inhaberin all' der Herrlichkeit lag nnd schlief, im- bekümmert um die Bewunderung dieser Welt, und die kleinen Händchen mit den Grübchen iiber den Knöcheln und den kleinen, schon wohlgepflegteu Nägeln gemahnten eher an ein Wachskabinet, als au ein lebendes Kindchen. Tie jüngere der Damen, die Mutter der Kleinen, betrachtete ihren Liebling mit einer Mischung von mütterlicher Zärtlichkeit nnd Vorzeigerstolz, die ältere, eine Gntsbcsitzertochter aus der Nachbarschaft, war lauter anerkennende, sachkundige Bewunderung. „Sie müssen Tulle's Augeg sehen!" sagte die Mutter und machte Miene, die Kleine aufzunehmen. „Um.Gotteswillen, liebste Frau Brink, das müssen Sie nicht! Nicht um Alles auf der Welt! Ein Kind braucht allen Schlaf, den es nur irgend- wie bekommen kann." In demselben Augenblick schlug Tülle aber von selbst die vielbesprochenen Augen auf, und sie be- gannen unstät umherzuirren, als wenn sie an diese Welt noch nicht gewöhnt wären. Nach verschiedenen Anstrengungen seitens der Mutter glückte es, Tülle dahin zu bringen, daß ein aufziehendes Unwetter sich in ein Lächeln verwandelte; aber so wenig an Anstand gewöhnt, wie Tülle noch war, wurde das Lächeln allzu üppig. Sie lächelte nicht nur mit Allem, was es im Gesicht gab, sondern auch Arme und Beine kamen zappelnd zu Hülfe, nnd es gluckste förmlich in deni ganzen, kleinen Körper. Zur Be- lohuung für diese Anstrengungen hielt das Guts- fräulein, das im Hause bereits Titnlar-Tante war, eine große, goldene Kapsel an ihrer Uhrkette der Kleinen vor die Nase, und diese starrte und starrte, bis sie sich au dem Golde ganz schieläugig gegafft hatte. Dann wurde Tülle aufgenommen und erregte neue Bewunderung. „Ich habe noch niemals eine entzückendere Kinder- ausstattung gesehen," sagte das Gutsfräulein, das den Inhalt des Bettchens musterte. „Mein Mann wollte es so haben," erwiderte die junge Frau.„Ich hätte eigentlich etwas weniger Luxus vorgezogen, und ich glaube, Tülle wäre des- halb gerade so reizend gewesen." „Das müssen Sie nicht sagen, liebste Frau Brink. Sollte solch' ein kleines, prächtiges Gottesgeschöpfchen nicht allen Komfort haben, so weiß ich wahrlich nicht, wer ihn verdient hätte." Tülle wurde in den gestreckten Armen der Mutter cmporgehaltcn, Tülle wurde genudelt und geküßt, und nun sollte Tülle wieder lachen. Der Versuch glückte iiber alle Maßen; aber ob nun dieses kräftige Lachen unter Körperwiudungen nnd Gliederzappeln zu anstrengend war in solch' hängender Stellung in freier Luft, oder ob andere Gründe hinzukamen, Tülle bekam plötzlich einen bedenklich rothen Kopf und krampfte sich in sich selbst zusammen. Das Kindermädchen wurde herbeigerufen und ihr das Kind übergeben, und die beiden Damen verließen die Stube. Unten im Zimmer der Frau blieb der Besuch aber noch einige Zeit da. Die Damen hatten sich auf ein paar zierliche, weißlackirte Stühlchen gesetzt, die um einen kleinen, runden Tisch mit Marmor- platte und vergoldetem Fuß in dem geräumigen Erker standen, von dem man Aussicht auf den Weg hatte, der am Hause vorbeiführte. „Sie müssen doch außerordentlich glücklich sein, liebe Frau Brink; solch' einen Mann, wie Sie ihn haben, und solch' ein reizendes kleines Mädel nnd dann Ihr Haus— ich könnte ganz neidisch auf Sie werden, wenn ich an unsere ungemüthlichcn, alt- modischen Stuben auf uuscrenl Gute, mit den Truhen und altem Gerümpel und den fürchterlichen Bildern von unmöglichen Künstlern denke— ja, wirklich, das könnte ich. Hier merkt man doch, daß man in der Gegenwart lebt." „Ich bin wirklich auch sehr glücklich, Fräulein Lindenwald, fast zu glücklich. Aber es ist merk- würdig: mir ist gerade, als ginge ich mit schlechtem Gewissen umher. Ich kann es nicht unterlassen, an all' die Vielen zu denken,. die es nicht so gut haben." „Das ist hübsch von Ihnen, Frau Brink," rief das Gntsfräulein eifrig,„ich hoffe, Sie denken auch ein wenig an mich, in dem Zusammenhang." Tie junge Frau lächelte nnd fuhr fort:„Ich will Ihnen ganz ehrlich sagen, an so viel Luxus war ich ja von Hanse garnicht gewöhnt." Sie legte einen übermäßig starken Nachdruck auf das Wort „so", bemerkte es selbst und erröthele darüber. Sie hatte ein Gefühl, als wenn sie ans Feigheit oder Wichtigthuerei etwas zu verbergen gesucht hätte, dessen sie sich garnicht zu schämen brauchte. Die Gutsbesitzcrstochter, die einen ausgedehnten Bekanntenkreis hatte, begriff augenblicklich die Sittia- tion und begann von gleichgültigeren Dingen zu reden. Aber plötzlich sieht sie, wie Frau Brink weiß im Gesicht wird und wie hypnotisirt auf den Weg hinausstarrt. Das Fräulein, das unwillkürlich auch zum Fenster hinausblickt und nichts Anderes entdeckt, als daß ein wie ein Arbeiter gekleideter Mann vorbeigeht, fragt erstaunt:„Ihnen fehlt doch nichts, Frau Brink?" „Sahen Sie ihn?" fragt die junge Frau in gespensterscheuem Ton. „Aber was ist denn? Sie machen mich ganz ängstlich!" „Biir wird jedes Mal so unheimlich! Ich will Ihnen sagen, es hat nämlich Streit unten in der Fabrik gegeben, und mein Mann hat sich genöthigt gesehen, einige Arbeiter zn verabschieden, darunter einen der ältesten. Und nun geht dieser Mann täg- lich mehrmals hier an unseren Fenstern vorbei und sieht jedes Mal so seltsam zu mir herein. Anfangs meinte ich, er sähe so verbrecherhaft böse ans, aber in den letzten Tagen ist etwas in seine Augen hineingekommen, das mich an ein flehendes Thier gemahnt. Aber was kann ich thun? Ich habe ja nichts mit der Sache zu schaffen, und es ist auch so unheimlich. Ich kann seine Augen nicht ertragen." „Ja, ja, die Arbeiter, die Arbeiter!" sagte dac- Gutsfräulein mit einem Seufzer.„Aber wir können sie ja nicht entbehren!" „Ja, aber ich meine, man müßte doch zu einer Art Verständigung mit ihnen kommen können. Sie thun mir oft so leid. Vor einiger Zeit sprach ich niit Pastor Petersen darüber, und er sagte, sie besuchten nicht einmal mehr das Gotteshaus." „Seien Sie froh, daß sie nicht noch obendrein fromm sind. Sie wissen, mein Bruder, der Jäger- meister, kaufte sich ein schönes Gut drüben in Jiit- land. Sie können mir glauben, er ist i» eine nette Gesellschaft hineingcrathen. Die ganze Gegend ist wie von Heiligkeit besessen. Auf mehrere Meilen Umkreis sind er und ein schwedisches Milchmädchc» die einzigen„Teufelskinder". Und wissen Sie, was die Leute sagen? Sie sagen gerade heraus, so daß mein Bruder es hört, sie respektiren keinen Anderen, als Gott! Was sagen Sie dazu? Ich meine, es muß kein großes Vergnügen bereiten, in der Gegend Die Iteue Welt. Illustrivte Unterhaltungsbeilage. 191 Jägermeister zu sein. Und dann will ich Ihnen»och etwas sagen, Frau Brink," hier sah sich das Fräulein vorsichtig im Zimmer in», ob auch Niemand lauschte, und sagte dann halbfliisternd,„wissen Tie, was ich entdeckt habe? Tie Religion begünstigt die Armen!" „Ja, aber das hat sie doch wohl immer gethan," meinte Frau Brink. „Nicht in der Ausdehnung," sagte das Fräulein eisrig,„wie ich es entdeckt habe. Denken Sie sich, ich sitze einmal im vorigen Jahr und blättere zu- fällig in der Bihel. Nun weist ich nicht, ob ich vielleicht besonderes Glück gehabt habe; aber wie ich so lese, steht da nichts Anderes, als Flüche über den Reichthum und über Geld und Gut und alles Btögliche. Ich will Ihnen ganz offen gesteheu, das; mich das ärgerte. Darüber mustt du sehen, in's Klare zu kommen, denke ich, und ich fasse mir den laugen Fladcsen, Sie wissen, unseren neuen Kaplan. Er muß doch Bescheid wissen, denke ich, er kommt ja gerade vom Examen. Ich nehme ihn. also ans mein Zimmer und sage zu ihm: ,Jst die Religion den Armen günstig, so sagen Sie es mir ganz offen, Herr Kaplau, Sie brauchen sich mir gegenüber nicht zu genire».' Aber glauben Sie, ich konnte von ihm einen ordentlichen Bescheid bekommen. Da stand der schüchterne Mensch und stotterte alle möglichen Aus- stüchte, so daß ich schließlich die Geduld verlor und sagte: ,Jch glaube, wir wissen alle Beide gleich viel, Herr Kaplan!' Da hätten Sie ihn sehen sollen!— Und dabei finde ich doch, daß wir, die Besitzenden, ganz anständige Leute sind. Wir geben doch, soviel wir können! Aber diese Arbeiter, die schreien innner nur: Geld! Geld! Die Wohlhabenden denken weit weniger an den Mammon. Ja, Sie sollen einen kleinen Beweis dafür hören. Ich sage das nicht, um mich wichtig zu machen. Bor Kurzem sprachen wir zufällig von Geldstücken; und glauben Sie, ich konnte mich im Augenblick darauf besinnen, ob ein Zweimarkstück auf der Vorderseite das Bild des Kaisers oder nur das Reichswappen hätte?" „Ich glaube doch wohl, daß ich das gewußt hätte," sagte Frau Brink, die aus einem Hause her- stammte, wo man genau wußte, wie ein Zweipfennig- stück aussieht. „Na, aber nun habe ich lange genug gesessen und geschwatzt," sagte Fräulein Lindenwald und erhob sich.„Ich werde mit den Jahren zu ausschweifend, wie der Alte, mein Papa, sagt— er meint zu weit- schweifig im Gedankengang. Er ist so gut. Aber Die können doch froh sein; es ist nicht so amüsant, in meinem Alter ewig und innner von einem pedaiiti- scheu alten Mann geschulmeistert zu werden. Leben Die wohl, liebe Frau Brink!" Diese geleitete ihren Gast hinaus. Sie konnte das Fräulein gut leiden, obwohl sie es bisweilen ein Wenig zu derb fand. II. Nachdem sie ei» paar Befehle im Hause ertheilt hatte, setzte sich Frau Brink behaglich in ihrem Erker- senster hin und nahm ihre unterbrochene Stickerei wieder vor. Sie konnte nicht umhin, das energische Fräulein Lindenwald auf Heidehof um ihre Auf- sassuug der Dinge zu beneiden. Nur wie sie die Dienstboten zu tummeln verstand! Frau Brink hatte es selbst einmal gesehen. Sie kommandirte dieselben wie ein Schiffskapitän, und die Mädchen sprangen lwr ihr wie die Schaben. Was ihr fehlte, war >w»ieutlich diese angeborene, natürliche Sicherheit. hatte versucht, ihre Btädchen wie Damen zu behandeln, sie hatte auch versucht, es Fräulein Lindenwald nachzmuachen— in beiden Fällen hatte sie die Empfindung gehabt, daß sie zu kurz käme, und sie fürchtete, sie stände in ihrer eigenen Küche nicht in sonderlich hohem Ansehen. Frau Brink sieht einen Augenblick nachdenklich zum Fenster hinaus. Plötzlich erbleicht sie. Draußen auf dem Wege geht der verabschiedete Arbeiter aber- mals vorbei und sieht zu ihr herein. An der einen Hand führt er sein kleinstes Kind, ein kleines, bar- häuptiges, flachshaarigcs Mädchen, das weinend neben ihm trippelt. Frau Brink fühlt gleichsam einen Stich im Herzen. Ist der Mann verrückt geworden ader will er sie zur Verzweiflung bringen! Sein 'ffick mar der eines sterbenden ThiereS. lind dann das kleine, unschuldige Kind, das so ausgezehrt und verschüchtert aussah— es war nicht auszuhalten. Plötzlich war es Frau Brink, als hörte sie ihr liebes, kleines Kind oben weinen, und sie eilt hinauf. Ihm wird doch nichts zugestoßen sein?— Sie betritt vorsichtig die Kinderstube, in die die Sommersomie so schön und friedlich hineinscheint. Da liegt Tülle in Eiderdaunen und Seide mit großen, offenen Augen und spielt vergnügt mit ihrer Elfenbeinklapper. Voll ängstlicher Unruhe und gleich- sam mit schlechtem Gewissen setzt sich die Frau an das Kinderbett und sieht zärtlich die Kleine an, die ihre beiden Aermchen ihr entgegenstreckt und mit dem Körper und den Beinen zappelt, als wollte sie sagen:„Auf, auf!" Sie nimmt Tnlle auf, küßt und herzt das nied- liche kleine Würmchen, kost mit ihm und hört gar- nicht mehr damit auf, um eine Stimme zu über- täuben, die in ihr ruft:„Hast Du ein Recht auf all' dies Glück?" Aber die beiden strahlenden Kinderaugen, be- zwingen endlich die Stimme in ihrem Inneren. Schön und friedlich schien die Sonne über die Beiden hin, Mutter und Kind; und die Mutter vergaß die Welt um sich her. Da stand plötzlich, ohne daß sie es bemerkt hatte, ihr Mann, der Fabrikherr, in der Kinderstube und blickte froh bewegt auf Frau und Kind herab. Dann kam er auf sie zu und küßte Beide. Aber da war es der Mutter, als wenn etwas von dem Frieden entschwunden war, als wenn mit ihrem Mann ein Hauch von der Welt draußen hereingekommen war, die sie für eine Weile vergessen hatte. „Kommst Du mit in den Garten hinunter, Heinrich? Ich habe mich so darnach gesehnt, mit Dir zu reden." Der Garten war groß und parkartig, mit alten, prächtigen Bäumen und langen, hohen Alleen. Er war lichtgriin in der Sonne und dunkelgrün im Schatten und Sonnenflecke tanzten auf den Wegen. Arm in Arm gingen dort in einem der Nebenwege der Fabrikherr und seine junge Gattin auf und ab. Da erzählte sie ihm, was ihr das Herz bedrückte, wie unheimlich es ihr jedes Mal wäre, wenn der alte Arbeiter auf dem Wege vorbeikam und wie leid er ihr thäte. „Du mußt nicht auf mich schelten, Heinrich, und annehmen, ich sei undankbar, aber bisweilen bekomme ich solch wunderliche Anfälle von Angst und Ver- antwortlichkeit. Mir scheint fast, es ist Sünde, so reich zu sein, wenn Viele auf der Welt so arm sind. Das ist wohl die Folge der kleinen Ver- Hältnisse, in denen ich aufgewachsen bin. Und darum wollte ich Dich bitten, Heinrich, könntest Du nicht um meinetwillen ihn wieder in Arbeit nehmen? Ich glaube, es würde mein Gewissen beruhigen, wenn Du es thä'test." „Das kann ich nicht, Eva, und das sind Verhält- nisse, in die Du Dich nicht hineinzuversetzen vermagst. Ich bin kein harter Arbeitgeber und ich habe mehr für meine Leute gethan, als die Meisten— aber ich will Herr in meiner Fabrik sein. Und außerdem ist nur der Eigensinn dieses Kerls daran schuld. Er kann bei mir Arbeit bekommen, wenn er will, aber er soll mir erst Abbitte leisten. Glaubst Du, er will das? Nein, lieber verhungert er mit seiner Familie!" Sie schritten eine Weile schweigend dahin. Dann sagte sie:„Glaubst Du nicht, daß es einem älteren Mann aus Deines Vaters Zeit schwer falle» muß, sich vor Dir zu demüthigen? Er meint natürlich, er sei im Recht." Und gleich darauf sagte sie:„Denke daran, wie seltsam eS in der Stube seines kleinen Hauses an dem Tage sein muß, da die Frau und die Kinder wissen, nun geht der Vater hinauf und leistet Ab- bitte— und noch lange, lange später." „Aber liebste Eva, wie kannst Du Dir die Sache so zu Herzen nehmen?" Die junge Frau schweigt, bis sie nicht mehr kann, dann bricht es unter Schluchzen hervor:„Ich habe meinen eigenen Vater sich einmal demüthigen gesehen— ich vergesse das niemals. Er war so ein ehrgeiziger Man», und seit der Zeit hatte er gleich- sam einen Knick bekommen." Tann gehen sie einige Zeit wieder in peinlichem Schweigen nebeneinander her, bis der Fabrikherr sagt:„Ich werde sehen, was ich thim kann.".. „Du zürnst mir, Heinrich, aber ich kann nichts dafür." Da blickt er über den Garten hin und sagt ganz wehmüthig:„Und ich, der geträumt hatte, dies sollte ein friedliches Fleckchen sein, wo der Fabriklärm nicht hinreichte!"—„Heinrich! Heinrich!" „Du weißt, als ich die Fabrik übernahm, verbot ich, daß die Dampfpfeife zum Mittag pfiff. Sie konnte bis hier unten gehört werden. Und seit ich Kind war, hat sie immer meinen Ohren als ein häßliches Schreien geklungen. Das war meine erste „Regierungshandlung". Ich wollte nicht, daß ein Mißlaut bis hierher dringen sollte." „Welche Veränderung nahmst Du noch vor, Heinrich, erzähle es mir!" „Dann ließ ich einen Weg von der Fabrik direkt zu den neuen Arbeiterwohnnngen anlegen." „Ja, das ist auch viel beguemer für die Leute." „Gewiß— aber es steckte noch etwas Anderes dahinter. Ich verhinderte dadurch, daß die Arbeiter niehrnials am Tage hier vorbei kamen. Ich mochte es nicht, daß sie hier alle Tage vorübergehen und sich an meinem neuen Hause und den Garten- anlagen toll gaffen sollten. Das macht nur böses Blut." „Das hast Du mir noch niemals erzählt, Heinrich!" „Die Fabrik und mein Heim, das sollten zwei Welte» sein." Das junge Paar hatte sich auf einer weiß ge- malten Empirebank hingesetzt; Jedes hing seinen eigenen Gedanken nach. Dann sagte er:„Entsinnst Du Dich jenes Königs, der sich glücklich pries, weil er sicher sein Haupt in der geringsten Hütte seines Landes zur Ruhe betten konnte? Er lebte nur in einer Welt." „Ja, nicht wahr, Heinrich, dies hier hätte auch in anderer Weise ein friedliches Fleckchen werden können?" Aber der Fabrikherr erhebt sich und bewegt die Schultern, als wollte er etwas abschütteln. Hierauf sagt er:„Romantik! Romantik! Du kennst nicht die Wirklichkeit, mein Schatz, die ist so furchtbar faktisch. Selbst- wenn ich persönlich etwas mehr für meine Leute thun wollte, als ich thne, könnte ich es doch nicht."—„Aber warum, Heinrich?" „Aus Rücksicht auf die Anderen! Du weißt, wir bilden eine Art Schutzverband, wir Arbeitgeber: Das ist der Arbeitgeberverein. Und die Arbeiter haben wieder ihre Fachvereine. Die geringste Kleinig- keit muß erst in Versammlungen diskntirt werden." „Ist das denn so schrecklich verwickelt, Heinrich? Das ist ja viel schlimmer, als mit Dienstmädchen zu thun zu haben." „Na, aber die Entwickelung geht ihren Gang und ich bin nicht Derjenige, der sie hemmt. Ich kann Dir versichern, ich bin einer der Freisinnigsten in meinem Stande. Das giebt mir eine Art Gewissens- beruhigung.... Aber reden wir nicht mehr davon, Eva! Das Wetter ist so schön, und wir sind jung und glücklich! Warum uns so viele Sorgen machen? Ich habe Haus und Garten doch nicht gestohlen! Habe ich es nicht geschenkt bekommen, wie den blauen Himmel und den herrlichen Sonnenschein?" Tann gingen sie weiter, jung und glücklich, Arm in Arm die lange Seitenallee hinauf, lind die Vögel sangen für sie in der lauen Sommerlnft, so frisch und froh, wie nur die singen können, die nicht an den nächsten Tag denken.— „Nein, wie schön der Kastanienbaunl blüht! Wollen wir uns nicht unter ihn setzen? Wir sind dies Jahr noch garnicht dort gewesen," sagte die junge Frau, und sie gehen auf den Bauni zu. „Aber was ist da für ein merkwürdiger Gegen- stand zwischen den Zweigen?" Mehr konnte die junge Frau des Fabrikherrn nicht sagen, denn in demselben Augenblick erstarrt sie vor Schrecken und stößt einen Schrei aus. Der merkwürdige Gegenstand zwischen den Zweigen war eine— Leiche, die dort baumelnd hing. Der verabschiedete Arbeiter war taktlos genug gewesen, sich mitten ini Idyll seines Herrn auf- zuhängen. Er wußte offenbar nichts von der Liebling--- idee des Fabrikanten: von den zwei Welten. Bor der Wahl. Schon einige Male hat es den jungen Tischler gerissen, und er ivollte aufspringen, um dein Pfarrer, der drinnen im Herrenstübel das große Wort führte, Widerpart zu halten, aber immer hatte er sich Mieder bezwungen. Als aber nun die Stimme des Pastors in den höchsten Diskant fuhr, und im Zusammen- hange mit dem Worte Sozialdemokraten die Worte Faulenzer und Unersättliche fielen, da stand der Tischler mit einem Ruck auf den Füßen, einige Schritte brachten ihn iists Nebenzimmer und an den„Herrcutisch". Und schon hatte er das Wort ergriffen:„Entschuldigen Sie, Herr Pfarrer, daß ich mich eindränge, es ist sonst meine Manier nicht, aber ich fühle mich durch Ihre Worte selbst getroffen, und da kann ich nicht schweigen. Fanlenzer sollen die Sozialdemokraten sein? Herr Pfarrer, fragen Sie einmal nach in den Fabriken und Betrieben, wer und was die tüchtigsten und besten Arbeiter sind. Ich weiß, was man Ihnen aittwortcn wird, und ich werde es Ihnen sagen, Wort für Wort: ,Es ist fatal,' lvird man Ihnen sagen, ,aber es ist so: es sind durch die Bank Sozialdemokraten.'"„Achtstundcntagl" stieß der Pastor hervor, der sich erhoben hatte, sein fettes Gesicht glühte wie Scharlach.„Langsam," sagte der Tischler,„den Hasen fang' ich mir auch noch... Der Herr Pfarrer hält jede Woche einmal eine Predigt. Wenn man Alles zusammenrechnet, was drum und dran hängt, dauert das so seine zwei Stunden. Herr Pfarrer, was würden Sie sagen, lvenn Sic nun auf einmal, sagen nur, acht Stunden predigen niüßten? Sie würden sich schönstens bedanken. Und wenn Sie dennoch müßten? Dann würden Sie sagen:.Nein, eine Arbeit, die mich körperlich und geistig aufreibt, das ist keine Arbeit mehr, das ist eine Schin- dereil' und sie würden geiviß alle Mittel und Hebel in Bewegung sehen, um diesen Znstand zu ändern. Und nun oergleichcn wir einmal einen Arbeiter mit Ihnen, Herr Pfarrer. Er, der Arbeiter, perdient bei übermenschlich langer Arbeitszeit in den meisten Fällen knapp so viel, daß er sein Leben fristen kann; Sie, Herr Pfarrer, arbeiten auch, ich will es nicht bestreiten, aber Sie müssen mir doch zugeben, daß Sie Ihr schönes, gutes Auskommen haben und ein»lenschemvürdigcs Leben führen. Wollen Sie dein Arbeiter, der nach Ihrem eigenen Kanzelivort ein Kind Gottes gerade so ist, wie Sie, wollen Sie ihm das Streben vcrivchrcn, aus einem Arbeitsthier wieder ein Mensch zu werden?" „Höhere Löhne!" schrie der Pfarrer höhnisch.„Da ihn' ich nur einen Lacher," entgegnete der Tischler.„So- bald ein Parlament eröffnet wird, wer ist da mit Peti- tionen um Lohn-, pardou, Gehaltserhöhung? Nun, die höheren Beamten aller Branchen, die Herren Pfarrer nsiv. In neuester Zeit wollen sogar die Staatssekretäre ans- gebessert werden. Und die Wünsche der Herren werden betvilligt, und wenn diese Leute auch in einigen Wochen mehr verdienen als der Arbeiter im ganzen Jahre. Und gerade die Bcstbezahltcn haben die wenigsten Arbeits- stunden. Es ist gar so viel schwer, das Regieren..." „Umstürzler! Rotherl" schrie der Pastor und stieß die Linke mit ausgestrecktem Daumen und Zeigefinger ans den Tisch.„Ich?... Wir?" fragte der Tischler, nachdem er einmal tief Athem geschöpft.„Wer will das Reichstagswahlrecht umstürzen? Die Sozialdemokraten? Die Konservativen sind es, die Brotwucherer, die Fabri- kanten, die Ausbeuter jeder Sorte. Wer mag das Koalitionsrccht nicht leiden und möchte es vernichten, lieber heute als morgen? Die Sozialdemokratie etwa?.. Der Tischler griff mit der linken Hand in den Lehnen- ausschnitt eines Stuhles und warf die Rechte vor, als er fortfuhr:„Nein, jeder denkende Arbeiter, jeder Mensch, der mit unverkleisterten Augen in die Welt, in's Leben sieht, der ist heute Sozialdemokrat oder muß es werden. Ilnd wer in deutschen Landen noch etwas hält ans Recht und Freiheit und Menschenwürde, der wählt am nächsten Wahltage roth!..." Das etwa kann man aus unserem heutigen Bilde lesen, das wir dem Künstler Georg Meyn verdanken. Holländische Kolonisation. Die Molukken, die sich in den Händen der Holländer befinden, sind die Heimath der Gewürznelken und Muskatnüsse. Im Interesse der holländisch-ostindischen Handelskompagnie lag es, den Gewürzhandel in ein Monopol umzuwandeln. Man ergriff nicht nur Maßregeln, um den Schmuggel unmöglich zu machen, warf lieber Hunderte von Zentnern mühsam geernteter Gewürze in's Meer, um einen Prcisfall zu verhüten, man war auch bestrebt, den Anbau der Ge- würze einzuschränken. Zunächst wurde beschlossen, Anbau und Ernte von Gewürzen nur auf einigen leicht kontrolir- baren Inseln zu gestatten, auf den anderen aber strengstens zu verbieten. Die Ernte mußte zu einem bestimmten, natürlich sehr niedrigen Preise an die Regierung ab- geliefert werden. Um nun das Monopol zu wahren, wurden die Gewürzbäume auf den anderen Inseln zerstört. Die Kriegszüge, die deshalb geführt wurden, begannen um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts unter dem Gouverneur de Blaming. H. Bockcmeycr hat eine klare und objektwe Geschichte,„Die Molukken", Leipzig 1888, geschrieben und sagt darin:„Diese legten Handlungen de Vlaming's zeigen noch einmal im grellen Lichte seine ganze Verworfenheit. Nicht genug damit, daß er Alles zerstört, viele Tausende gemordet und die Uebcrlebenden elend gemacht hat; als er die Armen anZ ihrer angestammten Heimath vertrieb, zerriß er init roher Hand die heiligsten Bande, die den Menschen mit dem Mcipchm verknüpfe». Er sah es als ein natürliches Gebot der Vorsicht an, daß man bei Vcrtheilnng der Bevölkerung die Mitglieder der Familie voneinander entfernte. So wurden Gatten und Geschwister getrennt, Kinder ans den Armen jammernder Eltern gerissen, nin au fremden Orten und in fremder Umgebung ihre schöne Vergangenheit zu beweinen. Ter Haß überhörte den Jammer der Unglück- lichcn, und die blinde Wulh sah ihre Thränen nicht; als die blutgierigen Horden der niederländischen Kaufherren, die aus dem Abschaum der europäischen Bevölkerung bc- standen, diese Arbeit verrichteten, und die Ausführung dieser Befehle überwachten, handelten sie als pflichttreue Beamte der Kompagnie, sahen sie für gut an, weil sie von den angesehensten Männern des Landes kamen. So befriedigte Jeder seine Habgier, seinen Haß oder seine Lust an einem Volke, dessen Kran im Widerstand gebrochen war." Eine vollkommene Lokalisation der Ge- würzbäume war aber schon deshalb unmöglich, weil einige Vogelarten, namentlich eine große, grüne Taube, unbekümmert um die strengsten Vorschriften der Kom- pagnie fortwährend auf's Nene für die Verbreitung sorgten. Sie verzehren mit Vorliebe die Muskatnüsse, welche sie aus der fleischigen äußeren Hülle heranspickcn, verdauen aber nur die rothe Muskatblüthe, während die Nuß selbst wieder unverdaut und in ihrer Keimkraft ungeschädigt ausgeschieden wird. Dadurch wird ans höchst natürlichem Wege für die Verbreitung der Muskatnuß und in gleicher Weise für den Gewürznelkenbaum gesorgt, und die grüne Taube hat so unschuldiger Weise viel Elend über die Bewohner der Molukken gebracht. Denn es wurden nach den Inseln, auf denen Gewürzbänme nicht knltivirt werden sollten, jährlich die sogenannten,, Hongriefahrten" unternommen; 6000 bis 700Ö Eingeborene wurden dazu gepreßt und unter Führung holländischer Beamten ein Raub- und Plünderungszug organisirt. Nicht nur die vorhandenen Gewürzbäume, sondern auch alle Cocos- und Sagopalmen, die Hauptnahrnngsgnellen der Ein- geborenen, wurden umgehauen und die Häuser verbrannt, eine Menge Gefangene in Ketten nach Ambon geführt und hier nach der Rückkehr ein feierlicher Dankgottesdienst abgehalten. Während der vier Jahre, die die Engländer in diesem Thcile Ostindiens herrschten(1812—1316), war das Gewürzmonopol aufgehoben; es wurde aber, als das Land an die Holländer zurückfiel, wieder in Kraft gesetzt, bis es 1873 erlosch. Generalgouvernenr van der Capellen hat aber bereits 1824 den Hongriefahrten ein Ende gemacht. Auch die benachbarten Bandainseln bieten eine der dunkelsten Stellen der Geschichte der Kolonisation. In den Jahren der Besitzergreifimg dieser Inselgruppe, die zum Anbau von Gewürzen ausersehen ivar, wurde von den 15000 Einwohnern Bandas kein einziger übrig gelassen, die überwiegende Mehrzahl ivnrde getödtct und der Rest als Sklaven hinwcggefuhrt. Es erscheint außer Frage, daß der tiefe Verfall, in dem sich noch heute die Molukken befinden, im Wesentlichen nur eine Folge dieses entsetzlich grausamen Gewürzmonopols ist. Trotzdem gerieth die' holländisch-ostindische Kompagnie, dank der Mißwirthschaft ihrer Beamte», immer mehr in Schillden, bis dieselben 1793 voui holländischen Staat übernommen wurden. War die.Kultur und der Handel mit Gewürzen auf den Bandainseln die Ursache der Ausrottung und Be- drückung der Eingeborenen, so wurde es auf Java die des Kaffee, die hier auch größtenthcils in den Händen der Regierung ist, obwohl kein Monopol besteht. Aber die eingeborenen Javanesen werden zum Anbau des Kaffee gezwungen. Eine Familie hat für ihren Unterhalt zirka 1000 Kaffccbänme zu besorgen. Die Ernte muß zu einem bestimmten, recht niedrigen Preise an die Regierung ab- geliefert werden. Die Eingeborenen erhalten nur Saat und Boden und pro Piknl(--61,521 Kilogramm) ab- gelieferten Kaffee erster Sorte 15 Gulden und zweiter Sorte 7'/» Gulden, während die Regierung im Handel durchschnittlich 50 Gulden erhält, also dabei ein sehr gutes Geschäft macht. Dieses System bat viele Härten; der Javancse ist an sich schon ein fleißiger Ackerbauer, aber die Zwangsknltur bringt ihn um den Ertrag seiner Arbeit. Eine Kaffeepflanznng erfordert das ganze Jahr nnnnter- brochcne Arbeit, und nur mit Anspannung aller Kräfte kann die Familie noch nebenbei so viel schaffen, um den zur Ernährung nöthigen Reis anzubauen und zu ernten. Daher muß dieses reiche, wunderbar fruchtbare Land noch Reis importiren. Die ZwangSkultur ist eine vcr- schleierte Sklaverei. Dabei geschieht für das Land wenig, die Schulen sind für das talentvolle Volk ungenügend; aller Arbeitsertrag wandert nach Holland.—-1. Die Eiitstchuug der Thautropfe». Tritt man an schönen, heiteren Morgen früh in's Freie, so zeigen sich die Gräser auf den Wiesen mit funkelnden Wassertröpfchcn bedeckt; es hat während der Nacht, ivie man sich aus- drückt, gethaut. Die Erde hat sich mit Feuchtigkeit bedeckt, obwohl der Himmel sternenhell und klar war; ja, wenn sich in der Nacht Wolken am Himmel zeigen, so fehlt der Thau. Wo stammt er also her? Er mutz wohl aus der Luft kommen, dmn man kann doch kaum annehmen, daß die Erde die Feuchtigkeit ausschwitzt. Bei einigem Nachdenken ist eS garnicht so schwer, den Ursprung des Thau's zu finden. Es ist eine sehr bekannte Erscheinung, daß z. B. Brillen- gläser und andere Körper beschlagen, d. h. sich mit einer zarten Fcnchtigkeitsschicht überziehen, lvenn man mit ihnen aus einem kalten in enien wärmeren Raum kommt. Die Luft enthält stets etwas Wasscrdampf in sich, doch kann kalte Luft nicht so viel Wasserstoff halten wie warme. Kühlt sich die Luft Plötzlich ab, so wird daher ein großer Thcil des in ihr enthaltenen Wasserdampfes sich verdichten und als Regen hcrnicderfallen. Etwas Aehliliches ge- schieht bei dem Beschlagen der Brillengläser und anderer kalter Körper in warmer Luft. Die Luft, welche sie bc- rührt, kühlt sich stark ab und muß dann einen Theil des in ihr enthaltenen Wasserdampfes frei lassen, der sich an dem kalten Körper niederschlägt. Ganz ebenso geht die Bildung des Thau's vor sich. Der Erdboden ist am Tage stark erwärmt, kühlt sich aber in der Nacht sehr rasch ab und wird erheblich kälter, als die über ihm lagernde Luft. Wo diese den kalten Erdboden berührt, muß sie daher Feuchtigkeit verlieren, die sich auf dem Erdboden als Thon niederschlägt. Am schnellsten und stärksten kühlen sich solche Körper ab, Ivelche die Wärme am besten auszustrahlen vermögen. Das sind vornehmlich Gras und Blätter, die daher auch am reichlichsten mit Thau überzogen sind. Hindert man den Erdboden oder einen Thcil desselben an der Wärmeansstrahlung, so vcr- mindert sich auch die Thaubildnng oder hört ganz auf. Spannt man z. B. ein Leintuch in der Höhe eines halben oder ganzen Meters über einer Wiese aus, so läßt dieses die vom Boden kommende Wärme nicht hindurch, sondern wirft sie, ganz wie ein Spiegel die Lichtstrahlen, wieder ans die Erde zurück. Am Morgen findet man denn auch den unter dem Tuche liegenden Theil der Wiese nnbethant, während rings herum reichlicher Thau gefallen ist. Wie ein solches Tuch oder Spiegel wirkt auch der bewölkte Himmel; die Wolken bilden eine schützende Hülle, welche die Wärmestrahlen nicht durchläßt, sondern wieder auf die Erde zurückwirft. Daher kann bei bedecktem Himmel nur sehr viel weniger Thau fallen, als wenn die Sterne heiter und fteundlich herniederblinken.—-a- Aufbewahruiig der Zwiebeln. Viele holländische Landwirthe verkaufen größere Posten Zwiebeln nach England. Um bessere Preise zu erzielen, bringen sie aber nicht alle Zwiebeln gleich nach der Ernte ans einmal anf deif englischen Markt, sondern halten einen Thcil derselben so lange zurück, bis die Preise in er- wünschter Weise angezogen haben. Bei der inzwischen nöthigen Aufbewahrung der Zwiebeln stellt es sich heraus, daß sie, wenn sie in Mieten unterhalb der Erdoberfläche anfbeivahrt werden— auf welche Weise man Kartoffeln und Rüben sehr gut aufbeivahren kann— sehr leicht ersticken und faulen, daß sie sich aber sehr gut halten, wenn sie oberirdisch in Haufen im Freien mit Stroh bedeckt aufbewahrt werden. Versuche zeigen, wie Adolph Mäher in der„Landivirthschafllichen Vcrsnchsstalion" mittheilt, daß dieses verschiedene Verhalten der Ztviebeln gegenüber Kartoffeln und Rüben in der verschiedenen Athmnngs- stärke seinen Grund hat, die sich bei den Ziviebeln 2'/, bis 3 Mal so groß als bei den Kartoffeln erwies.— v. Die Tauben des Farmers. Ein Farmer brachte i» Philadelphia ein Wäglcin mit Tauben auf den Markt. Zufällig hatten gerade mehrere Farmer ihren Ucberschuß an Tauben nach der Stadt gebracht, so daß der Markt damit überfüllt war und der gute Mann seine Waare nicht loswerden konnte. Selbst als er sie zu halbem Preise anbot, wollte Niemand sie haben, denn das machte die Käufer mißtrauisch. Als er sich lange genug damit aufgehalten hatte, bot er, um die Thiere doch nicht wieder mit nach Hanse nehmen zu müssen, sie den Vorüber- gehenden als Geschenk an. Da aber wurde er einfach ausgelacht.„Tie Dinger müssen ja steinalt sein, oder die Sache muß sonst einen Haken haben," sagte alle Welt kopfschüttelnd,„tvie sollte er sonst dazu kommen, sie der- schenken zu wollen?" Als der Farmer sah, daß er seine Ladung selbst auf diese Weise nicht losschlagen konnte, beschloß er, sich ihrer auf andere Weise zu entledigen. Er fuhr langsam durch die Straßen und tvarf von Zeit zu Zeit drei, vier Tauben anf die Straße. Auch das jedoch mißglückte ihm; dcnil die Leute lasen die Thierchen anf, rannten hinter dem Wagen her und riefen so lange: „Ihre Tauben! He, Sie haben ein paar Tauben vcr- loren!" bis er anhielt und sein Eigenchum zurücknahm. Jetzt glaubte der Mann mit seiner Weisheit zu Ende zu sein. Da aber hatte er doch noch einen Einfall, der ihm aus seiner Verlegenheit half. Er lenkte sein Gefährt an den Rand der Straße, hielt es an und stellte sich, als sei er auf seinem Kutschersitz eingeschlafen. Und da geschah es denn, dgß er in kürzester Frist seine Ladung losgeworden lvar, denn nun drängten sich heimlich eine Menge Menschen heran und stahlen ihm seine Tauben eine nach der anderen. Als sich der Andrang verlief, und der Farmer merkte, daß er seine Absicht erreicht hatte und daß nichts mehr weiter zu holen da ivar, rieb er sich grinsend die Augen, ergriff wieder die Zügel mit fester Hand und fuhr un- beschwert nach Hause.— eck. Nachdruck des Inhalts verboten! v«ea»lw