�SUu(lvivie CixlcrlvaUuiT�obcrlagc (Foris-üim-,) fß% arl war es, als träume er. Wie eine Er- V scheiumici aus anderer Welt, ein Wunder, nie gesehen, von ungeahntem, nnbegreif- lichem Glanz, stand dieses Bild auf einmal vor den erstaunten Augen des Dorfkindes. Als war ein Vor- hang weggerissen und er dürfe einen Blick thnn in den Himmel, war ihm zu Muthe. Er konnte nur starren und starren. Das Bild stand da, lebendig, in tagheller Beleuchtung; ringsherum war Nacht. Der Zug machte Halt. Jemand sprach. Der Bräutigam verneigte sich und schiittelte einigen Dep»- tirten die Hände. Die Braut winkte mit ihrem lveißen Arme. Dann schrie eine Stimme:„Hoch!" Hunderte fielen ein und schwenkten die Hüte. Karl schrie aus Leibeskräften mit. Ihn hatte es auf einmal wie Begeisterung erfaßt. Feierlich war ihm zu Muthe; er mußte gegen das Weinen ankämpfen. Koinmandoruf! Die Spitze setzte sich in Bewegung. Die einzelnen Rotten marschirten im Gleichtritt vor- über, den Kopf stramm nach rechts gewandt, wie bei der Parade. Noch einmal sah Karl das Bild, jetzt zum Greifen nahe. Die einzelnen Gesichter ganz deutlich, den bloßen Arm einer Dame, die Bärte der Männer. Wie sie da standen, lächelten, sich unterhielten, kaum zu ihnen hinabblicktc». Dann war der Traum vorüber, der Vorhang wieder gefallen.— Der Zug marschirte um das Schloß herum, über die steinerne Brücke, bog von hinten in den Schloßhof ein. Die Fackeln wurden in den Wall- graben zusammengeworfen. Auch in dem sleingcpflasterten Schloßhofe brannten Pechpfannen und Holzstöße. Tische und Bänke waren hier in langen Reihen aufgestellt. Der Graf ließ die Fackelträger bewirthen. Karl war bereits berauscht, nur vom Sehen. Nun hätten die größten Wunder geschehen können, es hätte ihn nicht sonderlich in Erstaunen gesetzt. Sie bekamen zu essen: Braten, dazu wurde Wein kredenzt. Karl dachte bei sich, so ungefähr müsse es im Himmel zugehen.— Ein Mann»nt einem Jä'gerhute auf dem Kopfe und einer breiten farbigen Schärpe um den Leib, hielt eine Ansprache, an die„Kameraden". Andere Reden, Hochs und Hurrahs folgten. Später erschien der Graf, gefolgt von Offizieren und Herren mit Ordenssternen. Der Schloßherr sprach einige Worte des Dankes. Mederum Hochs und Hurrahs und noch mehr Wein. Karl hatte nur noch das Gefühl unaussprechlich seligen Wohlbehagens. So etwas hatte er noch nie erlebt und würde er nie wieder erleben. Von da ab kam er nur noch augenblicksiveise zum Bewußtseiil. Auf einmal stand er mit anderen Der Büttnerbsuer. Roman von Wilhelm von Polenz. Leuten znsaninien im Parke vor der steinernen Frei- treppe, die jetzt leer>var. Die hohen Fenster des ersten Stockes waren erleuchtet. Man hörte Musik von drinnen. Au den Fenslern vorüber huschten Schatten; sie tanzten. Nun saß er auf einmal in einem rauchigen Zimmer. Vor Tabaksqualm vermochte er seinen Nachbar kaum zu erkennen. Auf dem Holztische vor ihm stand ein Schnapsglas, daneben ein Fläschchen. Rings um ihn her Gesichter, und vor Jedeni eben solch ein Gläschen und Fläschchen.„Büttner be- zahlt de Zeche, der hat's grüße Gald," hieß es. „Ich— ich— ha nischt ne mih, de Frau hat's!" Ein lautes Gelächter erscholl. Karl stand auf, schlug auf den Tisch und wollte den Freunden erzählen, wie ihn Therese um sein Geld gebracht hätte; da schwanden ihm die Sinne, er stürzte hin. Als er erwachte, lag er im Straßengraben, über und über mit Thau bedeckt. Am Himmel zeigten sich röthliche Streifen. War es Abend oder Morgen? Er befühlte seine Glieder. Der Kopf schmerzte ihm. Einige Zeit darauf befand sich Karl Büttner auf dem Wege nach Haus. Die Miitze fehlte ihm, er hinkte, über die Backe lief ihm eine blutunter- lanfene Strieme. So humpelte er weiter, die Zähne ans einander gebissen, die Fäuste geballt. Sein Hirn war»och umnebelt; kaum daß er begriff, wo er sei. Aber er hatte einen Gedanken, der sich seines gesammten Sinnens und Denkens bemächtigt hatte, ein Ziel, auf das er mit der stieren Wuth des Be- trunkenen losging: fein Geld! Er wollte das Geld zurück haben. Seine Frau hatte es ihm weggenommen. Es gehörte ihm. Her- aus damit!— So kam er mit blutunterlaufenen Augen heran. Er schwankte und turkelte, aber er näherte sich seinem Ziele. Es war bereits heller Tag, als er vor das Haus kam. Die Thür war verschlossen. Er donnerte mit schwerer Faust dagegen. Therese steckte den Kopf zum Fenster hinaus.„Bist De's?— Schwein!" Damit warf sie den Flügel wieder zu. Er lehnte da eine ganze Weile, rüttelte an der Thür, brüllte um Einlaß. Endlich öffnete sie. Er stürzte ihr halb in die Arme. Sie fing seine schwere Last auf, bewahrte ihn so vor sicherem Sturze.„Wo hast De gesteckt, de ganze Nacht?— De stinkst nach Schnapse!" Damit stieß sie ihn durch den Gang, vor sich her. Er strebte, die Thür zum großen Zimmer zu gewinnen.„Nich hiernei giehst De! Daß D'ch de Kinder sahn, besuffen wie's De bist!" Sie wollte ihn in die Kamnier stoßen, aber er stemmte sich zwischen den Thürpfosten. Es entstand ein Ringen zwischen den Ehegatten. Sie glaubte, seiner leicht Herr werden zu können, wie bereits manch liebes Mal in früherer Zeit, sich zur Wehr zu setze», hatte er noch nie gewagt. Aber sie fand einen ganz Anderen in ihm, heute. Er drang auf sie ein. Den wuchtigen Hieben seiner schweren Fäuste vermochte sie nicht Stand zu halten. Sie versuchte loszukommen von ihm, er hielt sie wie in eiserner Umklammeinng. Sie schrie und wehrte sich, wie eine Verzweifelte. Aber es gab kein Eni- kommen. Er hielt sie mit einer Hand und gebrauchte die andere wie einen Hammer.„Mei Geld!" gröhlte er, zwischen den einzelnen Schlägen:„Mei Geld! Gieb mei Geld raus?" „'s Geld kriegst De ne!" sagte sie mit weißem Gesicht. Der Kampf ging weiter. Therese war keine schwächliche Frau; sie brachte ihn mehrfach zum Wanken. Aber gegen seine ungeschlachten Kräfte konnte sie auf die Dauer doch nichts ausrichten. Karl Büttner glich einem wilden Thiere in seiner Wuth. Niemand hatte ihn je so gesehen; das Ge- ficht gänzlich verzerrt, niit geiferndem Munde und funkelnden Augen. Das war nicht mehr der vom Vater ererbte trotzige Bauerngrimm— zum Thiere war der alte Traugott Büttner nie geworden, auch im Zorne nicht.— Das mußte von weiter her kommen. Zurückgedämmte Wildheit brach hier durch, niedere Triebe stiegen aus einem dunklen, lang ver- deckten Abgrunde ursprünglicher Verwilderung auf. Therese hielt sich tapfer. Bleich wie Leinewand, stöhnte sie mit versagender Stimme:„'s Geld kriegst De ne! Und wenn De mich tutschlägst!" Er raufte ihr das Haar, riß ihr die Kleider in Stücke. Dann faßte er sie plötzlich mit beiden Armen um den Leib, hob sie auf und warf sie zu Boden, wie ein Bündel. Er stolperte dabei, fiel über sie hin, lag auf ihr und schrie ihr in's Ohr: „Mei Geld! Giebst De mei Geld raus?" Sie lag da mit geschlossenen Augen. Schon griff er nach ihrem Hals, um die Ohnmächtige zu würgen, als er sah, daß Blut unter dem Haar her- vordrang: ein dünner rother Faden, der über die Stirn, an der Nase hin, nach dem Munde zu eilte. Da hielt er inne; hiervor erschrak selbst die bestialische Wuth. Er erhob sich, betrachtete sie. Die Frau sah schrecklich aus, mit ihrem zerfetzten Haar und dem entblößten Busen. Er zog sich unwillkürlich vor dem zurück, was er angerichtet hatte. Ihm ward schivül; die Beine versagten ihm plötzlich den Dienst. Er schlug auf das Bett hin. In wenigen Minuten schnarchte er, die Glieder weit von sich streckend. 310 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Nach einer Weile fing Therese an, sich zu regen. Sie öffnete die Augen, bewegte die Arme, richtete sich mühsam auf. Nach dem Kopfe tastend, eut- deckte sie das Blnt. Sie wischte es ab, so gut sie konnte. Dann erhob sie sich ganz, befühlte ihre Glied- niaßen. Sie konnte noch stehen und gehen, wenn auch mit argen Schmerzen. Nebenan heulten die Kinder. Therese öffnete die Thür zur Hälfte und rief ihnen zu, sie sollten stille sein, gleich würde sie kommen. Dann fiel ihr Blick auf den schlafenden Karl. Der Kopf war ihm über die Bettlehne gesunken. Sein Gesicht war bereits blauroth. Er röchelte. Sie betrachtete ihn einen Augenblick, dann griff sie unwillkürlich zu, um ihn aus der gefährlichen Lage zu befreien. Sie hob seinen schweren Kopf und schob ihm ein Kissen unter. Nicht gerade mit zarter Hand, aber doch in sorgender Frauenweise that sie das. Dann untersuchte sie ihren Leib und ihre Klei- dung. Beschnnden war sie und zerfetzt, ein ganzes Büschel Haare hatte er ihr ausgerauft, aber todt- geschlagen hatte er sie doch nicht. Und das Geld hatte er auch nicht, und sollte es auch nicht bekommen; nun erst recht nicht! Ein Lächeln des Triumphes flog über das Ge- ficht des tapferen Weibes. XXVII. Die Herbstarbeiten hatten für die Sachsengänger angefangen: Kartoffelhacken und Rübenroden. Der Oktober war feucht gewesen. Der schlvere Boden hatte sich vollgesogen mit Nässe, die Ackerscholle war zäh und klebrig. Rübenroden ist schwere Arbeit. Sie hatten sich dazu in Gruppen getheilt. Ein Mann ging an der Spitze, um die Erde mit dem Spaten zu lockern. Das ihm zunächst folgende Mädchen zog mit jeder Hand eine Rübe aus und klopfte sie gegeneinander, bis sie von Erde befreit waren. Die nachfolgenden Mädchen schlugen dann den Rüben mit dem Hack- messer die Blätter ab. Diese Arbeit mußte äußerst sauber geliefert werden. Der Inspektor kam häufig und kontrolirte. Gustav hatte seine liebe Roth mit den Niädchen, die oft genug Erdreste an den Runkeln sitzen ließen und zu viel, oder auch zu wenig von dem grünen Kopfe der Rübe abschlugen. Im Hintergrunde drohte die Fabrik, die nur allzuschnell mit der Klage über mangelhafte Liefe- rung da war. Der Besitzer machte dann dem In- spektor Vorwürfe, der nahm den Aufseher vor, der Aufseher schließlich schalt die Arbeiter. Und so kam das Ungewitter im Instanzenwege endlich bis zu den armen Rnnkelmädchen, über deren Häuptern es sich grollend entlud. Abends kehrte man todtmüde von der anstrengen- den Arbeit in die Kasernen zurück, durchnäßt, mit beschmutzten Kleidern. An den Stiefeln und Röcken klebte das Erdreich. Selbst die ordentlichsten Mädchen konnten jetzt nicht mehr reinlich zur Arbeit antreten. Es hatte sich der geplagten Menschenkinder eine große Sehnsucht nach der Heiniath bemächtigt. Blau setzte dem Aufseher zu, daß er um baldige Ent- lassung aus dem Dienst einkommen solle. Im Kontrakte war ein Termin nicht genannt; es stand darin nur, daß die Wanderarbeiter bis zur Beendigung der Rübenernte zu bleiben hätten. Die Ausbeute war in diesem Jahre reichlich gewesen: die Köpfe groß und schwer; die Pflanzen hatten nur wenig durch Auswachsen und Faulwerden gelitten. Das Gut mußte, laut Kontrakt, ein be- stimmtes Quantum Rüben an die Fabrik liefern. Diese Bedingung war erfüllt. Der Rest der Rüben- ernte sollte eingemietet werden. Hierzu waren die Weiber nicht nöthig; das Bewerfen der Rübenmieten mit Erde besorgten besser starke Männerhände. Der Inspektor erklärte auf Gustav's Ansuchen, sie zu entlassen: Herr Hallstädt gestatte den Mädchen heimzukehren, die Männer jedoch müßten bleiben, bis die letzte Rübe eingemietet sei. Gleichzeitig wurde von Seiten der Gutsverwal- tnng der Versuch gemacht, Gustav mit seineu Leuten für den nächsten Sommer anzuwerben. Der In- spektor ließ sich zu leutseligem Wesen herab, als er mit diesem Ansinnen kam. Statt des hochfahrenden Vorgesetztentones, den er bisher den Wanderarbeitern gegenüber gehabt, schlug er auf einmal mildere Weisen an, suchte sich dem Aufseher gegenüber als Kamerad aufzuspielen. Aber bei Gustav verfingen diese Künste nicht. Er hatte das zweideutige Verhalten des Mannes, der sich jetzt als Arbeiterfreund gab, von der Aus- standszeit her noch zu gut im Gedächtniß; auch wünschte er sich keinen zweiten Sommer, wie diesen. Er lehnte daher das Anerbieten rundweg ab. So reisten denn die Blädchen in ihre Heimath zurück. Gustav ließ seine Frau und den Jungen mit ihnen fahren. Pauline hatte sich in der letzten Zeit todtnnglücklich gefühlt. Die Häuslichkeit fehlte ihrem Ordnung und Ruhe bedürftigen Sinn. Sie sehnte sich nach der Mutter und ihren: kleinen Häuschen in Halbenan zurück. Blanche Thräne hatte sie heim- lich verschluckt, um Gustav nicht durch ihr Leid noch trüber zu stimmen. Ernestine war leichten Herzens. Unter allen Mädchen hatte sie am meisten zurückgelegt vom Ver- dienst. Was sie mit Häschke verabredet hatte, erfuhr Nieinand, aber es war anzunehmen, daß sie einig seien. Er hatte ihr seine Ersparnisse übergeben, als eine Art von Unterpfand, daß er sie nicht sitzen lassen werde. Man munkelte, er wolle zunächst in seine Heiniath zurückkehren, um sich dort nach festem Er- werb umzusehen, dann würde er Ernestinen nach- holen»nd Hochzeit mit ihr machen. Das andere Liebespaar machte es ähnlich. Fum- sack wollte nach beendeter Rübenarbeit wieder zu seinem Schmiedegewerbe zurückkehren. Mit dem von ihm und seiner Braut verdienten Gelde hatte er vor, sich selbstständig zn niachen. Dann sollte geheirathet werde». Von der ganzen Gesellschaft blieb nnr Einer im Westen zurück, das war Welke, der ehemalige Stall- bursche. Der hatte eine Stelle als Kutscher bei einem Fabrikanten der Nachbarschaft angenommen. Die vier Männer arbeiteten noch ihre Aufgabe ab. Endlich war die letzte Schaufel Erde auf die große RUbennliete geworfen. Nun konnten auch sie reisen. Gustav hatte zum Schluß noch eine häßliche Aus- einandersetzung mit dem Inspektor. Die Gratifikation, welche ihm in: Frühjahr in Aussicht gestellt worden war, sollte ihm jetzt vorenthalten werden. Und in seinem Kontrakte stand doch, er solle eine Extraver- giitnng erhalten, falls man mit den Leistungen seiner Leute zufrieden sein würde!— Nun war es außer allem Zweifel, daß diese Grnppe mehr und besser gearbeitet hatte, als irgend eine andere. Aber jetzt, wo Gustav erklärt hatte, daß er in: nächsten Jahre nicht wiederkommen würde, gab man ihm zn ver- stehen: man habe keinen Anlaß, ihm die Gratifika- tion auszuzahlen. Gustav war empört über diese Ungerechtigkeit. Er verlangte mit Herrn Hallstädt persönlich zn sprechen. Aber auch jetzt noch wurde der Gutsherr wie ein Gott hinter Wolken gehalten; Herr Hallstädt sei nach dem Süden gereist, hieß es. Das war Wasser auf Häschke's Mühle. Längst hatte er gewarnt, Gustav solle sich vorsehen. Aber der war natürlich wieder der Dumme gewesen in seinem Vertrauen auf die Großen. Nun hatten sie ihn doch iiber's Ohr gehauen. So waren die Reichen ja alle! Wenn sie einem armen Luder das Fell über die Ohren ziehen konnten, das war ihnen ein wahrer Hochgenuß!— Gustav hatte früher auf Häschke's Brandreden nichts gegeben. Wenn er ihn dergleichen in Gegen- wart der Anderen äußern hörte, hatte er ihm wohl das Maul verboten. Jetzt sagte er nichts. Ter Ge- danke kam ihm, daß Häschkekarl vielleicht nicht so unrecht habe.»* * Häschke hatte schon immer auf Gustav eingeredet, er müsse ihn auf der Heimathreise begleiten. Viel- leicht gefalle es ihii: dort und sie fänden ein ge- meinsames Unterkommen für die Zukunft. Häschke hatte sich, seit Gustav um sein Verhältniß zu Erne- ssine wußte, unwillkürlich vertraulicher zu ihm ge- stellt; er nannte Gustav neuerdings„Schwager", und der hatte sich nicht dagegen gesträubt. Gustav ging schließlich aus Häschke's Plan ein. Warum sollte er den Umweg nicht machen? Er be- kam auf diese Weise ein Sttick Welt zu sehen, viel- leicht fand er sein Glück dabei. Die Zukunft war ja immer noch ungewiß für ihn. Er schickte sein Geld und die überflüssigen Klei- dungsstiicke an Pauline nach Halbenau, behielt sich nur so viel, daß er ungefähr vierzehn Tage lang damit auskonimen konnte. Dann verschafften sich die Beiden ihre Arbeitszengnisse und ließen sich ihre sonstigen Papiere von der Behörde abstempeln. Denn die Hauptsache beim Reisen sei, daß man die„Flebben" in Ordnung habe, erklärte der in solchen Dingen erfahrene Häschke. So machten sie sich eines Tages im Anfang November auf die Reise, den„Berliner" auf dem Rücken und den„Stenz" in der Hand, als echte und rechte Wanderburschen. Ein paar Tage mar- schirten sie auf der großen Landstraße. Des Nachts schliefen sie in der„Katschemne", die Häschke, der diese Fahrt schon einmal„abgetippelt" hatte, genau kannte. Da sie„Asche" hatten, gab der„Penne- Poos" auch gerne eine„Hulke", daß sie nicht„Bank- arbeit" machen mußten, wie die Kunden das Schlafen auf der Diele bezeichnen. Die Herbergen zur Hei- math vermied Häschke, denn dort war es langweilig, da wurde des Morgens und Abends gebetet, und „Soruff" bekam man nicht einmal, wenn man ihn bezahlte. Da zog er sich die Katschemnen oder wilden Pennen vor, dort gab es immer was zu sehen und zu hören und Schnaps, so viel man wollte. Dann trat schlechtes Wetter ein. Häschke schlug daher vor:„Mit dem Feurigen zu walzen", um seine Kleider zu schonen. Sie wandten sich der nächsten Eisenbahnstation zu und lösten sich Billcts dritter Klasse, auf Häschke's Rath. In der vierten reiste jetzt wieder allerhand Gesindel: Polacken und Russen, nach der Heimath zurück, und da konnte man am Ende gar„Barach" auflesen. Häschkekarl war in prächtiger Laune. Die Er- innerung an die alte Sttomerherrlichkeit war neu in ihm erwacht.„Fremd niachen", wie er das Feiern von der Arbeit nannte, und so dritter Güte durch die Welt kutschiren, das war etwas für seinen leichten Sinn. Und dazu noch das Bewußtsein, einen ganzen Sommer durch bei einer Arbeit und bei einem Mädel ausgehalten zu haben, das hob sein Selbst- bewußtsein mächtig. Sie waren ein Paar rechte Kerle, er und Gustav. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn sie zusammen sich nicht durch die Welt finden sollten! Das nächste Ziel ihrer Reise war eine große Handels- und Industriestadt im Königreich Sachsen. Mit einer gewissen Wichtigthnerei deutete Häschke seinem Wandergenossen an, daß er dort Freunde habe. Gustav irrte nicht in der Annahme, daß er damit Parteigenossen meine. Häschke's politische Gesinnung war Gustav schon lange verdächtig gewesen. Einmal hatte er ihn direkt zur Rede gestellt: er sei doch nicht etwa ein„Rother"? Häschkekarl hatte darauf vielsagend gelächelt und vor sich hingepfiffen. Die Rothen seien garnicht so schlecht, war seine endliche Erklärung, die wollten nnr das Beste der Menschen. Und gelegentlich hatte er versucht, dem Freunde ein kleines gelbes Büchlein in die Hand zu drücken; da werde er Alles drinnen finden, was man wissen müsse, meinte er, das sei besser als der Katechismus. Aber Gustav hatte diesen Versuch, seine Gesinnung zn verderben, mit Entrüstung zurückgewiesen. Von der Kanzel herab und von den Vorgesetzten war ihm eingeprägt worden, daß es nichts Gefährlicheres gebe auf der Welt und nichts Verabscheunngswürdigeres, als jene Partei, die alle göttliche und menschliche Ordnung umstürzen wolle. Vom Elternhause her brachte er zudem einen Abscheu mit gegen Alles, was Politik hieß. Der alte Büttnerbauer hielt keine Zeitung und war nie in seinem Leben zur Wahl- urne gegangen. Gustav war darin echter Bauer geblieben, daß er alles Parteiwesen verachtete und verabscheute. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Seit er im vorigen Frühjahr die Heimath ver- lassen, hatte sich seine Anschauung auch hierin ver- ändert. Im Westen hatte er eine gänzlich neue Wirth- schaftsweise kennen gelernt, leichtere bequemere Lebens- fiihrnng, ganz andere Arbeitsbedingungen, als daheim in dem abgelegenen Dörfchen. Das Verhältnis; des Gesindes zur Herrschaft, des Arbeiters zum Arbeit- geber, war hier ein viel loseres. Die Arbeitskraft schien eine Waare. Das Geld bildete die einzige Beziehung zwischen Herr und Knecht. Die Maschine besorgte Vieles, wozu man daheim viele Hände brauchte. Der Grundbesitzer stand kaum noch in einem persönlichen Verhältnis zu seinem Boden; Landmann konnte man ihn nicht mehr nennen. Er war mehr mit einem Kaufmann oder Unternehmer zu vergleichen; vom wirklichen Ackerbau verstand er vielleicht garnichts. Die Bodenarbeit überließ er den fremden Arbeitern, die von Beamten bewacht wurden. Der Grundbesitzer schien hier kaum noch eine Person; hinter ihm standen andere Mächte: Die Fabrik, die Aktie, das Kapital, die zwischen den Besitzer und sein Stück Erde traten. Und in eine ganz andere Welt wiederum hafte Gustav Einblick gewonnen während der Tage, die er mit Häschke auf der Walze gewesen. Da hatte er den fiinften Stand kennen gelernt, das unheim- liche Heer der Obdachlosen, der Ausgestoßenen, der Verkommenen, die hinter der bürgerlichen Gesellschaft als ein neuer Stand heranrücken. In eine eigen- artige Welt hatte er da geblickt. Diese Menschen- klaffe, auf die der Bauernsohn als auf Landstreicher und Verbrecher herabgeblickt hatte, waren eine Zunft fiir sich, besaßen ihre eigene Sprache, ihre Gebräuche, ihre Standesehre sogar. cF°rls°vung folgt.) Jreie Abtitcr im Mtdlillm. Von Manfred Wittich. Ä>m Allgemeinen ist man berechttgt, zu sagen: Die Arbeitsorganisation des Alterthums ist die Sklaverei. Man würde aber sehr fehl greifen, wenn man annähme, freie Arbeiter hätte es im Alterthum überhaupt nicht gegeben. Was waren denn die Kleinbauern des Alterthums, welche mit Weib und Kind ihre Zwerghufe bestellten, die kaum ein Zugthier, jedenfalls nicht einen Sklaven ihr Eigen nannten, was waren sie anders als Arbeiter, selbst- ständige, für sich arbeitende zwar, aber doch Arbeiter, wie die Sklaven, nur daß sie rechtlich als fteie Leute zu betrachten sind?! Neben diesen freien Kleinbauern aber haben wir auch Tagelöhner, welche selbst von den Zwerghufnern vorübergehend gemiethet werden konnten, denen es unmöglich war, Jahr aus, Jahr ein, lange Zeit hindurch Sklaven zu behausen, zu kleiden, zu speisen, kurz, zu unterhalten, wenn auch nur auf die kärg- lichste und billigste Weise. Weiter aber waren auch Handwerker vorhanden, die im Dienste ihrer Kunden ihre Arbeitsgeschicklichkeit nur verwertheten, um daraus ihren Unterhalt zu ziehen. Aristoteles erklärt sie für den Staat geradezu fiir unentbehrlich, und zur Zeit der athenischen Demo- kratie konnte von einer grundsätzlichen Verachtung der Handiverker, wie sie den aristokratischen Junkern der vorhergehenden Periode eigen, nicht mehr die Rede sein. Thukydides läßt den Perikles in der berühmten Leichenrede auf die im Anfanges des peloponnesischen Krieges Gefallenen sagen:„Armuth einzugestehen, ist Niemandem bei uns eine Schande, wohl aber, sich nicht so aufzuführen, daß man ihr entgehe." Nach der Gesetzgebung Solon's(594 v. Ehr.) ist derjenige Sohn, den der Vater kein Handiverk lernen läßt, nicht verpflichtet, den Vater im Alter zu unterhalten. Um die Industrie zu fördern, sah man gern Fremde nach Athen einwandern, meist Handwerker und Arbeiter, die als Metoiken bezeichnet, einen besonderen Stand bildeten und in Athen günstiger gestellt waren, als in irgend einer anderen griechischen Stadt. Die Strafgebote gegen Müßiggang und gegen Den, der sich über seinen Lebenshalt nicht ausweisen kann, sind hier ebenfalls zu erwähnen. Noch wichtiger aber ist die staatliche Versorgung von Arbeitsgelegenheit fiir Zimmerleute, Bildhauer, Erzgießer, Steinmetzen, Färber, Goldgießer, Elfen- beinarbeiter, Maler, Sticker, Graveure, ferner fiir alle die, welche mit dem Transport zu thun haben, zur See: Kaufleute, Schiffskapitäne und Matrosen, zu Land: Wagenbauer, Fuhrleute, Kutscher, Seiler und Leineweber, Lederarbeiter, Wegebauer, Bergleute usw., wie sie der athenische Staat schuf durch die groß- artigen Bauunternehmungen in der Zeit des Perikles. Handelsmarine und Kriegsflotte waren durchaus mit freien Leuten bemannt, znni Theil solchen, die im Auslande angeworben wurden. Nur in verschwindend wenig Ausnahmefällen, etwa in Städten mit hochentwickelter Industrie und engbegrenztcm Landgebiet, überwog die Zahl der Sklaven die der Freien. In die Landwirthschaft drang die Sklaverei ebenso wie in die ferneren ent- legenen Gebiete der Stadtstaaten nur allmälig ein. Die Sklaven, theils besiegte Ureinwohner des bei den großen Wanderungen eroberten Landes, theils aus anderen Ländern fortgeführte Kriegs- gefangene, endlich durch Kauf von den Sklaven- Händlern erworbene Arbeitskräfte, waren ja natürlich verachtet, sie waren stammfremde Leute, zu ihnen standen ihre Besitzer in keinem auf Blutsbande be- gründeten sittlichen Verhältniß. Die Thatsache, daß der Grieche, der Römer ein fremdes Volk besiegt hatte, daß ein Anderer, der Sklavenhändler, den gejagten und gefangenen Sklaven besiegt, in seine Gewalt gebracht hatte, genügte vollkommen als Grund, den rassenfremden Sklaven als Sache, nicht als fteie Persönlichkeit zu betrachten und zu behandeln. Die Meinung jedoch, im Alterthum hätten die Griechen und Römer voll Verachtung auf alle anderen Völker herabgesehen, und dies sei ein charakteristischer Unter- schied zwischen der antiken und der modernen Welt- anschauung, ist ganz unbegründet und„eine Erfin- dung der Theologen, die eine Folie für das Christenthum brauchen"(Eduard Meyer). In der That sah in Stellas und Rom der Reiche, der Adelige, der Vollbürger, welcher fteie Hand- werker und Arbeiter beschäftigte und ablohnte, auch auf diese seiue Stammes- und Volksgenossen stolz herab und meinte, daß Arbeit um Brot und Lohn für einen Anderen seiner nicht würdig sei, also entehre, dem Sklaven annähernd gleich setze. Aber in dieser Beziehung hat die Neuzeit kein Recht, sich naserümpfend über das„unsittliche" Alterthnm zu erheben, weil sie das verlogene Sprüchwort im Munde führt: Arbeit schändet nicht. Der soeben angeführte Gelehrte, E. Meyer, bemerkt: „Die moderne Zeit denkt garnicht anders wie das Alterthum. Der rechtliche Unterschied ist hier wie dort durch die Demokratie beseitigt, aber die soziale Kluft zwischen den Grundbesitzern und den Angehörigen der höheren, der sogenannten freien Berufe und den Subalternen, den Handwerkern, den Arbeitern ist genau so groß wie im Alterthnm, einem modernen Gelehrten scheint es im Allgc- meinen ebenso unnatürlich und degradirend, daß sein Sohn Handwerker wird, wie einem antiken... Nur ist die moderne Kultur hier ebenso prüde und innerlich unwahr, wie z. B. auf geschlechtlichem Gebiet. Während die Alten ihre Anschauungen offen und rücksichtslos aussprachen, wagen wir es nicht, uns zu ihnen zu bekennen, und so entsteht hier der- selbe Gegensatz zwischen Theorie und Praxis, wie z. B. auf dem Gebiete der Moral." Die ganze Geringschätzung des Alterthums gegen Sklaven und in gewissem Grade auch gegen die freien Arbeiter ist begründet auf Macht und Besitz, genau so wie bei den heutigen„an Besitz und Bil- dnng führenden Klassen" die Geringschätzung der Lohnarbeiter. Ein Jrrthum war es, wenn Rodbertus fiir das Alterthum die Theorie aufstellte, es habe nur die sogenannte Oikenwirthschaft bestanden. Oilcos, oikia heißt im Griechischen das Haus, der Haushalt. Innerhalb desselben soll der ganze Arbeitsprozeß, die Erzeugung des Rohmaterials, seine Bearbeitung bis zur Gebrauchs- und Gennßfertigkeit sich abgespielt und auch der Verzehr selbst stattgefunden haben. In seinem Buche„Die Entstehung der Volkswirth- schaft" behauptet K. Bücher fiir Hellas und Rom, sogar für Karthago: „Es giebt keine Industrie außerhalb des ge- schlossenen Hauses. Der besitzlose Freie ist absolut erwerbsunfähig; produktive Berufsstände giebt es nicht, ebenso wenig Unternehmerkapital, das Arbeit um Lohn kauft. Es herrscht die„geschlossene Hans- wirthschaft", die reine Eigenproduktion, die tausch- lose Wirthschaft." Professor Bücher geht so weit, für das Alter- thum eine Volks wirthschaft geradezu in Abrede zu stellen und deren Entstehung erst im 15. und 16. Jahr- hundert anzusetzen. Im Beginn der aus Denkmälern und Zeugnissen erkennbaren Geschichte der Völker des Alterthums aber schon hat das Prinzip der Arbeitstheilung zur Sonderung einzelner Handwerke und Berufsthätig- keiten geführt. Gewisse leibliche Vorzüge und ebenso bestimmte körperliche Gebrechen, besonders geübte Geschicklichkeit befähigten Einzelne, oder nöthigten sie geradezu, sich zu bescheiden, auf eine bestimmte Arbeit, sich zu„spezialisircn". Schon in den unter Homer's Namen gehenden Liedern lesen wir von Handwerkern, welche man sich in's Haus holt, wenn man sie braucht, was doch blos dann der Fall sein konnte, wenn man nicht selbst, oder wenigstens nicht allein, bestimmte Arbeiten verrichten, bestimmte Bedürfnisse befriedigen konnte. Die Vorschrift Hesiod's(achtes Jahr- hundert v. Chr.), daß man selber im eigenen Hanse machen soll, was man selber machen kann, beweist, daß die Möglichkeit vorlag, dies auch nicht zu thun, sondern Andere fiir sich arbeiten zu lassen. Die Demiurgen der ältesten athenischen Ver- fassung waren, wie ihr Name sagt, Leute, welche nicht für sich, sondern für die Angehörigen der Ge- meinde, des Demos, arbeiteten; sie waren zwar persönlich frei, aber standen staatsrechtlich und gesell- schaftlich unter den eigentlichen Gemeindeangehörigen, den kleinen Bauern: sie waren also freie Arbeiter. Weiter dürfen wir keineswegs gering denken von der industriellen Entwickelung Griechenlands und Roms im Alterthum. Wohl ward diese Groß- Produktion in umfangreichen Mannfakturen meist mit Sklavenarbeit betrieben. Das geschah da und so lange, wo und wie weit es profitabel war. Von dem Augenblick an, wo die Kosten der Produktion vermittelst der Sklavenarbeit den Unternehmern zu hoch wurden, weil etwa nur zu bestimmten Leiten die Arbeitskräfte voll ausgenutzt werden konnten, die doch als Sklaven fortwährend unterhalten werden mußten,— war es lukrativ, Sklaven zu entlassen und fteie Arbeiter zu miethen auf beschränkte Zeit. Den Großunternehmern des Alterthums that demnach der großgrundbesitzcnde Junkeradel sehr gute Dienste durch sein„Bauernlegen". Oft waren die Großunternehmer und Großkauflente selbst Junker, die somit den Rittern vom mobilen Kapital, aber auch sich selbst die fiir die Großproduktion noch- wendigen„freien Arbeiter" oder Proletarier schufen. Mit der alten konventionellen Fabel von der Ehrbarmachnng der Arbeit, von der Abschaffung der Sklaverei durch das Christenthum muß endlich ein- mal gebrochen tverden. Und wie stand es mit den„freien Arbeitern" des Alterthnms? Da ist vor allen Dingen zu berücksichtigen, daß jeder Sklavenznwachs ihnen das Leben sauer machte. Als im Jahre 360 v. Chr. ein reicher Mann Namens Mnason im Lande Phokis sich 1000 Sklaven kaufte, um diese die in seiner Wirthschaft nöthigen Arbeiten leisten zu lassen, beklagten sich seine Lands- leute hart darüber, daß er ebenso vielen freien Bürgern dadurch den Lebensunterhalt raube. Das müssen doch freie Arbeiter gewesen sein, welchen somit Arbeitsgelegenheit entging, auf die sie ohne jene Maßregel hätten rechnen können. Diese freien Arbeiter sahen in den Sklaven ebenso verhaßte Kon- kurrenten, wie die besser gestellten Arbeiter vor- 212 geschrittener Länder in der Zufuhr von Sachsen- gängeni, Böhmen, Italienern, Kninegern oder gar iinlis in unseren Tagen. Man hat nicht ohne Grund gesagt, daß der Lohn- sklave des 19. Jahrhunderts materiell hundert Atal schlechter daran sei, als der Sklave des Alterthums. Schon im Alterthnm kamen Zeitläufte, wo die„freien Arbeiter" alle Ursachen hatten, den Sklaven zu be- neiden, dessen Tisch wenigstens jeden Tag gedeckt war, der wenigstens wußte, wo er die Nacht sein Haupt hinlegen sollte. Und mochte der Tisch gedeckt sein mit schlechtester Kost und elendesten Abfällen vom Schmause des Sklavenbesitzers, mochte seine Ruhestätte eine Zelle des Sklavenkerkers sein, in welcher er möglicherweise mit Ketten angeschlossen ivnrde! Sind doch auch in unseren Tagen die Fälle beklagenswerth häufig, daß hungernde und frierende arme Teufel irgend ein Delikt begehen, um in's Gefängnis; gehen zu dürfen. Aehnliches ist für das Alterthnm belegt durch eine Notiz bei dem Kirchenvater Chrysostomns(ch407), in welcher es heißt:„Unzählige freie Leute vcr- kaufen sich, um auf Grund eines Vertrages Sklaven zu werden, manche auf die härtesten Bedingungen hin." Zu diesem äußersten Schritt griffen diese freien Arbeiter ganz gewiß erst, als sie all ihre Versuche, als Freie eine Arbeitsgelegenheit zu finden, einen„freien Arbeitsvertrag" schließend ihr Brot zu finden, absolut als gescheitert betrachten mußten. Die Leser der„Neuen Welt" werden zum größten Theil in der Lage sein, bei Betrachtung ihrer eigenen Lage allerlei interessante Vergleiche und lehrreiche Erwägungen an diese kleine Skizze von der freien Arbeiterschaft des klassischen Alterthums anzustellen. Ihrem Scharfsinn vertrauend, unterlassen wir es, ausdrückliche Hinweise und Andeutungen dazu an unsere qnellengetrene Darstellung zu knüpfen.— r & Hie Färbung der Fhiere. Von H. Vogel. j J ie Naturforscher haben der Färbung der Thiere in früheren Zeiten wenig Aufmerksamkeit ge- \ schenkt. Man betrachtete die Farben mit ihren verschiedenen Uebergängen als durchaus untergeord- nete Merkmale, die zu scharfer Klassifikation— früher Hauptzweck der Nahirkunde— wenig geeignet waren. Das änderte sich mit einem Male, als eine neue Epoche der Forschung begann, Heren Begründer Darwin war. Darwin brachte in das dunkle Chaos unzusammenhängender Thatsachen eine Fülle von Licht. Eine neue Forschungsrichtung begann sich Bahn zu brechen, welche sich nicht mehr mit den einzelnen Arten der Thiere als etwas Gegebenem beschäftigte, sondern, auf dem Gedanken der Entwickelung fußend, sich bemühte, dem Ursprung der Arten nachzuspüren und die Gesetze zu ermitteln, nach denen sich ihre Umbildung vollzogen hat und vollzieht. Nun ge- wann auch die bisher unbeachtete Färbung der Thiere erhöhte Bedeutung. Darwin selbst stellte in vielen Fällen klar, daß das farbige Kleid nicht zufällig erlangt, sondern als dem Thiere nützlich sich allmälig ans Grund des von ihm aufgestellten Prinzips der natürlichen Züchtung herausgebildet habe. Andere Forscher, wie Walter Bates, Alfred Wallaee und Ernst Häckel, erweiterten und vertieften die For- schungen; und obwohl noch viele Erscheinungen der Aufklärung bedürfen, hat doch das Studium der Färbung schon zu reichen Ergebnissen geführt. Eine Farbe entsteht, wenn ein Theil des ans einen Gegenstand fallenden Lichtes aufgesaugt und die übrigen Lichttheile zurückgeworfen oder, bei durch- sichtigen Gegenständen, hindnrchgelasseu werden. Er- scheint ein Körper rein weiß, so werden alle Licht- strahlen reflektirt und keiner absorbirt, erscheint er in einer bestimmten Farbe, z. B. blau, so werden alle anderen Lichtstrahlen, die auf ihn fallen, ab- sorbirt und nur die blauen reflektirt oder durch- gelassen, erscheint er grau oder von einer anderen unbestimmten Farbe, so lverdeu verschiedene Licht- strahlen reflektirt, und erscheint er schwarz, so werden alle ans ihn fallenden Lichtstrahlen absorbirt und keine reflektirt oder durchgelassen. Ihre besondere Fär- bnng erhalten die Körper entweder durch besondere Farbstoffe oder durch eigenthümliche Strukturen ihrer Oberfläche. Die Farbstoffe spielen bei der Färbung der Thiere eine große Rolle. Sie liegen entweder als feste Körper, meist in Form von Körnern, in den gefärbten Theilen oder sind in gelöstein Zustande darin enthalten. Alle schwarzen und braunen und die meisten rothen und gelben Farben entstehen so im Thierkörper. Den rothen Farbstoffen des Sänge- thierblutes, den Hämoglobinen, entsprechen bei den niederen Wirbelthicren die Lipochrome in vielen roth, gelb und grün gefärbten Theilen, und in den nieder- sten Thierarten, z. B. den Glockenthierchen, kommt hierzu noch der Hanptfarbstoff der Pflanzenwelt, das Chlorophyll. Aber viele Färbungen, und eigentlich die schönsten, von Thieren sind nicht durch materielle Farbstoffe verursacht. Das herrliche Farbenspiel, welches die Flügel mancher Schmetterlinge und Käfer darbiete», die schillernde Pracht der Pfauenfedern werden nicht durch materielle Farbstoffe hervorgebracht. Sie ver- danken ihre Entstehung nur besonderen Struktur- Verhältnissen der farbig erscheinenden Theile. Diese „Strnkturfarben" werden durch besondere Schichtung, Streifung, Faserung der Oberfläche oder durch ein- geschlossene Lufträume bewirkt. Entweder erfolgt dadurch eine totale Reflexion des Lichtes, wie bei weißen Federn und Haaren, oder es findet eine Brechung des Lichtes statt, wie durch ein Prisma, oder es treten Jnterfercnzfarbcn ans, wie ans Seifen- blasen, die durch eine feine Streifung oder Schich- tung der verschiedenen dünnen Gcwebsschichten er- zeugt werden. Ans Interferenz(die Wirkung des Zusammentreffens zweier oder mehrerer Lichtwellen) beruhen besonders die Farben der Schmetterlings- flügel, der Schlangenschuppen und der Perlmutter- glänz der Muschelschalen. Diese Farben der Thiere entstanden anfänglich aus rein physikalischen und chemischen Ursachen ohne besondere Zwcckdienlichkeit, wie die Farben der Edel- steine. Die dem Auge nicht bemerklichen inneren gefärbten Theile der Thiere sind nieistens durch sub- stantielle Farbstoffe gefärbt. Diese Färbung hat auch im Laufe der Zeit keine Veränderung erfahren. Aber die Färbungen der äußeren Bedeckungen paßten sich zunächst bei allen höheren Thieren durch un- zählige Generationen und ungeheuere Zeiträume bis in ihre feinsten Nüancen hin besonderen Zwecken an. So wird die äußere Färbung des Thieres aus einem physikalischen Merkmal ein biologisches, das heißt, ein den Lebensvorgang beeinflußendes, indem sich im Laufe der Geschlechter gewisse Farben als die für das Thier passendsteu herausgezüchtet haben. Das ist etwa in folgender Weise geschehen. Als mit zunehmender Bevölkerung der Erde die Nach- stellungen und Verfolgungen unter den Thieren zu- nahmen, erlagen zuerst alle die, welche entweder vollkommen wehrlos waren und die durch ein auf- fallendes Farbenkleid von ihrer Umgebung lebhaft abstachen, oder die nicht ausgewandert waren. Dabei blieben in den einzelnen Verbreitungsgebieten nach und nach aus verschiedeneu Gruppen nur jene in dem allgemeinen Konkurrenzkampfe ganz oder am besten geschont, die durch ein mit ihrer Umgebung mehr oder weniger übereinstimmendes Farbenkleid den Blicken ihrer Feinde verborgen blieben. Solch Bergungsfärbung finden wir bei Heu- schrecken, Rüssel- und Blattkäfern, grünen Eidechse», Laubfröschen und grünen Raupen, die in ihrem Grün mit der Grasumgebnng Harmoniren; Feld- und Spitz- mäuse und Feldhasen wiederholen in ihrer Haar- färbung die Farbe des Bodens, und Blindschleichen und Erdkröteu passen sich der Farbe des fallenden Laubes oder der Baumrinde an. Kriechthiere und Lurche zeichnen sich überhaupt durch sehr deutliche Schutzfärbung aus, weshalb sie auch meist unseren Augen verborgen bleiben. Unter den Vögeln ahmen Rohrdommeln, Regenpfeifer, Schnepfen und Kibitze täuschend den Moorboden in ihrem Gefieder nach, das Rothkehlchen ist seiner Blattnmgebnng bestens angepaßt, die Fledermäuse und Eulen haben die Farbe alter Gemäuer, eine niederfliegende Holztaube muß man lange suchen, ehe man sie im Laube ent- deckt, in das sie ihr Nest gebaut hat, und der färben- reiche Federschmuck der Papageien, Lori und Kolibri entspricht ebenso der Farbenpracht der Tropenwälder, wie die Prachtschmetterlinge, Käfer, Leguane und Vaumschlangen, die dieselben noch bevölkern. In der Wüste nehmen alle Thiere die sandgelbe, fahle Farbe der Wüste an, vom Löwen und Kameel bis zur Antilope, dem Skunks, den Spring- und Wühl- mänsen, während die braunen Streifen eines im Bambusdickicht hingeduckten Tigers als Nachahmungen der Bambusstengel erscheinen. Im hohen Norden nehmen Eisbär, Polarfuchs, Schneehase und Schnee- huhu die Farbe ihrer Schneeumgebuug an, welche manche von ihnen im Sommer nach dem Schmelzen des Schnees mit einem braunen Haarkleide ver- tauschen. Und während die Wale und großen Fische der nördlichen Meere die bläulich graue Farbe des Wassers haben, zeigen sich Schollen und Nochen fand- färben wie der Meeresgrund, auf dem sie sich meist aufhalten; ferner entsprechen die die Korallenriffe der Tropen bewohnenden mannigfachen Meerbewohner, die zierlichen Fische, Quallen, Medusen, Mollusken und Krabben in ihrer durchscheinenden lebhaften Farbenpracht dem überaus bunten Gezweige der von ihnen bewohnten Korallenstöcke. Auch bei den schmarotzenden Thieren findet man Schutzfärbung. So schniarotzert eine Schnecke(Cap»I»j; crystaUimis Gonld) auf dem Seestern, indem sie einen langen Saugrüssel durch die kalkige Hülle in das Innere des Wirthes einsenkt und von dessen Säften lebt. Der Seestern ist intensiv blau und ebenso die auf ihm sitzende Schnecke, die daher schwer zu finden ist. Allerdings zeigen viele Riffbewohner von der Umgebung abstechende Farben. Diese sind aber dann stets durch ein anderes Mittel gegen ihre Feinde geschützt; die Seeigel durch ihre langen, bei manchen Arten giftigen Stachel, die Nesselthiere durch ihre brennenden Nesselkapseln, die häufig vorkommende kleine gebänderte Seeschlnuge durch ihre Giftzähne, und die Muränen durch ihr scharfes Gebiß. Auch die grell gefärbten Schmetterlinge bleiben infolge ungenießbarer Säfte erhalten und bilden sich ihr färben- buntes Kleid innner mehr zu einer warnenden Hülle aus. Als Warnungs färbe ist auch das lebhafte Gelb und Schwarz des Feuersalamanders zu be- trachten, dem von anderen Thieren nicht nachgestellt wird, obwohl er sich nur ganz langsam bewegt. Bei Raupen, Affen, Vögeln, Reptilien und zahl- reichen Insekten finden wir Schreckfarben, z. B. bei den Wespen und den metallglänzenden, giftigen spanischen Fliegen. So liefen von Anfang an zwei Farbenbildungen nebeneinander her, von denen die eine immer besserer Anpassung an ihre Um- gebung, die andere immer grellerem Abstechen von dieser zusteuert. Da nun der ewig währende Kamps um die Existenz mit den am wenigsten kämpf- gerüsteten Thieren aufräumt, so haben sich nach und nach auf dem Wege der natürlichen Züchtung jene überraschenden Uebereinstimmungen zwischen Färbung und Zeichnung der Thiere einerseits und den Farben- tönen ihrer Umgebung andererseits herausgebildet, die uns heute als in's kleinste Detail getreue Nach- ahmungen einer Blüthe, eines Blattes, eines Astes, ja eines Thieres anderer Art vor Augen treten. Wenn man heute manche afrikanische Mantis(Gottanbeterin) von der Blüthe, aus der sie sitzt, kaum unterscheiden kann, und immer wieder von einer Spannerranpe getäuscht wird und sie für einen Ast hält, so wundern wir uns freilich über solche Natur- widerspiele; aber die Thatsache erscheint nicht so wunderbar, wenn wir in eine längst vergangene Zeit zurückgreifen, in der wir uns ans rothen Blüthen nicht nur rothe, sondern auch ganz anders gefärbte Mantis- arten sitzend vorstellen müssen, die aber alle, den Blicken ihrer Verfolger preisgegeben, bald ausgerottet waren, während ihre sich der Schutzfärbung erfreuenden rothen Verwandten sich durch ihr Schutzkleid im Wege der Vererbung und fortgesetzten Anpassung so gut erhalten haben, daß wir heute Nachahmung nennen, was ehemals nichts Anderes war, als Bergungs- färbe. Das„wandelnde Blatt", eine Heuschrecken- art, die auf das Täuschendste einem Blatte gleicht, haben wohl manche Leser schon in Museen gesehen. 214 Die Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Aehnliche, aber lebhaft roth gefärbte Arten und daher täuschend rothe Blätter nachahmend, fand Professor Kükcnthal auf den Sundainscln auf roth gefärbten Blättern, auf denen sie, sich sicher fühlend, langsam umher krochen. Später werden dieselben gelb und grün, entsprechend der verschiedenen Färbung tropi- scher Blätter.' Auch Rinde, Flechten, dürres Laub, Stengel, durchbohrte Cocons und Vogeldünger täu- schend nachahmende Insekten hat man eine ganze Reihe beobachtet. Wie wir oben sahen, hat eine große Anzahl besonders auffälliger Farben den Zweck, dadurch andere Thiere zu warnen. Diese finden sich bei solchen Thieren, die im Kampf um's Dasein mit Vertheidigungswaffen ausgerüstet sind, mit denen sie sich vollkommen vor ihren Feinden schützen können, wie Gifte, widerlicher Geruch und. Geschmack. Ilm aber von vornherein auf diese Eigenschaften auf- merksam zu machen, haben solche Thiere eine auf- fallende Färbung als eine Art Warnungssignal an- genommen; so die Danaidcn und Akraniden unter den Schmetterlingen, das auf seinen Flügeldecken auffallend roth und gelb punktirte Blarienkäfcrchen, die für Insektenfresser ungenießbar sind, ebenso Wespen und perschiedene lebhaft gefärbte Raupen. Die Trntzfarben sind also geeignet, anderen Thieren Respekt einzuflößen, es sind Warnung'szeichen, sich mit ihren Trägern nicht einzulassen. Diese für die Erhaltung der Art so nützliche Eigenschaft ist Gegen- stand einer sehr wunderbaren Anpassung anderer Thiere geworden. Nicht allen Thieren stehen die Vertheidigungswaffen zu Gebote, welche die mit Trntzfarben versehenen besitzen; sie haben weder Stachel, noch widerliche oder giftige Säfte, welche sie vor dem Gefressenwerden schützen; aber sie haben ein sehr wirksames Mittel, gefährlichen Angriffen zu entgehen, darin gefunden, daß sie möglichst genau Farbe und Gestalt solcher ihre Trutzfarbe mit Be- rechtigung tragenden Thiere angenommen haben. Sie nehmen also, um sich ein möglichst furchtbares Ansehen zu geben, eine Art Verkleidung an, etwa wie das„wandelnde Blatt", oder wie der Esel in der Fabel das Löwenfell, und sie wissen ihre Maske sorgfältiger als dieser zu tragen, deshalb erreichen sie ihren Zweck besser. Die Engländer nennen diese Maskirung Mimicry; in ihr hat sich die natürliche Zuchtwahl am weitesten entwickelt. Es gicbt Schmetter- linge, lvie den Biene» falter, nnt durchsichtigen Flügeln, ganz von der Form und Fliegebewegung der Bienen. Andere harmlose Insekten ahmen Farbe und Gestalt der Wespen und des Marienkäfers nach, die wehr- lose Schlingnatter Farbe und Zeichnung der Kreuz- otter und harmlose Kukuke den Habicht. Dadurch können Glieder weit entfernter Familien sich so ähnlich werden, daß Männchen der einen Art Weibchen der nachäffenden nachfliegen und erst in der Nähe ihren Jrrthum einsehen. Es ist aber bei diesen Maskiriingen auch nicht ausgeschlossen, daß die mit Waffen versehene Art sich in das Gewand der wehr- losen maskirt hat, um so sicherer ihre Opfer über- fallen zu können. Denn wenn beabsichtigte Täuschung auf der einen Seite angenommen werden kann, kann es auch auf der anderen der Fall sein. Einige Thiere halten sich durch einen plötzlichen Farbenwechsel Verfolger vom Leibe. Dieser Farben- Wechsel hat sie vielleicht ursprünglich in einem krank- haften Zustande ergriffen und ist ihnen dabei während einer Verfolgung zu Statten gekommen. Dann hat sich nach und nach eine ganz erstaunliche Fähigkeit des Farbenwechsels herausgebildet, was äußere An- Passung an verschiedene Oertlichkeiten ermöglicht. Das bekannteste Beispiel hierfür ist das Chamäleon. Auch unsere Frösche und Lurche besitzen diese Eigen- schaft in ziemlich hohem Grade. Eben sitzen sie noch grau oder braun an der Erde; springen sie an die hellgelbe Mauerwand, so wird ihre Farbe wesentlich Heller und gelber, fast weiß, springen sie dann wieder in's Dunkle, so werden sie wieder dunkel. Auch bei einigen Fischen, den Schollen, den Forellen und der Garneele findet sich die Fähig- keit, die jedesmalige Zusammensetzung des Meer- oder Flußsandes aus verschieden gefärbten Steinchen täuschend nachzuahmen. Bekannt ist ferner der Farbenwechsel des Tintenfisches, der eintritt, wenn die Thiere gereizt werden. Berührt man die kleinen Exemplare der Aquarien nur mit eineni Instrument, so verwandelt sich ihre violettblaue bis braune Farbe sofort in schmutziges Grau. Es ist auch bekannt, daß größere Tintenfische sich dadurch verbergen, daß sie die Farbe ihrer Umgebung annehmen. Eine andere Bedeutung hat die Art der Fär- bung, die als Geschlechtsfarbe bezeichnet wird und die auf dem Unterschiede in der Färbung beider Geschlechter einer Art beruht. Gewöhnlich trägt das Männchen ein prächtigeres Farbenkleid als das Weibchen. Die Ursache dieser verschiedenen Färbung suchte Darwin in der von ihm besonders stark be- tonten geschlechtlichen Zuchtwahl; denn er glaubte, daß die mit einem gewissen ästhetischen Sinne be- gabteii Weibchen nur diejenigen Männchen zur Be- gattung zuließen, die ihnen durch ihr Aenßeres am besten gefallen. Wenn auch viele Färbungen, welche Darwin aus der geschlechtlichen Zuchtwahl erklären wollte, der natürlichen Zuchtwahl ihr Dasein ver- danken, so reden doch auch viele Fälle einem Ein- flusse der geschlechtlichen Zuchtwahl auf die Färbung das Wort. Man denke nur an unsere Pfauen, Fasanen und Hofhähne; auf's Höchste aber ist man erstaunt, wenn man zu der großen Anzahl männ- sicher Paradiesvögel, von denen einer immer schöner ist, als der andere, die sämmtlich höchst unansehn- lichen, gewöhnlich schlicht grau oder bräunlich gefärbten weiblichen sieht. Erst die Weibchen offenbaren dem Laienauge die Zugehörigkeit der Paradiesvögel zum Rabengeschlecht. Auch die Ornithopteren der Moliikken, deren Männchen die schönsten Schmetterlinge der Welt sind, und deren Flügel die denkbar prächtigsten Farben und Zeichnungen zeigen, haben bei den Weibchen nur einfache, schlichte Farben. Anderer- seits ist dieser ausgeprägte Farbensinn der Vögel und Insekten auch als die Ursache der immer höheren Entwickelung der gefärbten Blumentheile zu be- trachten, welche gleichsam als Wirthshausschilder dienen, die die Vögel und Insekten zum Besuch ein- laden, ihren Honig zu sangen und gleichzeitig ihre Befruchtung zu vermitteln, und welche wiederum den Farbensinn bei den Thieren fördern. Mit der Uebung der Farbenunterscheidung steigert sich aber auch das Vergnügen an der Farbe. Jedes Organ, das über- Haupt empfinden kann, ist irgend welcher Lust- empfindung fähig, mag dieselbe auch noch in den ersten Anfängen stehen. Man darf also annehmen, daß der Farbensinn der Thiere sich zuerst durch Suchen nach gefärbter Nahrung entwickelt hat, und daß die dadurch erlangte Eigenschaft auch auf das Farbenkleid der Thiere selbst durch geschlechtliche Auslese zurückgewirkt hat. So haben wir gesehen, wie die Farben der Thiere, weit davon entfernt,' rein willkürliche Er- scheinungen zu sein, streng gesetzmäßigen Bedingungen ihr Dasein verdanken. Wir fanden, daß zuerst die Farben entstehen ohne weitere Zweckmäßigkeit als Produkte der physiologischen Thättgkeit des Thier- körpers, und daß sie vielfach noch jetzt direkten Ein- flüssen, wie Nahrung, Licht und Wärme, unter- worfen sind, daß aber die Farben, als sie als physikalische Eigenschaften des Thierkörpers einmal vorhanden waren, unter die Herrschast der natür- lichen Zuchtwahl geriethen und hier in einer für ihren Träger sehr zweckmäßigen Weise verwandt wurden. So wurden die Farben der Thiere eines der mäch- tigsten Mittel, die im Kampfe um's Dasein zur Verwendung kommen. Am Packendsten zeigt sich dies an den Gestaden tropischer Inseln, wo die Farbenpracht der Thier- weit ans dem Lande, wie im Wasser, sich alternirend mit der Farbenpracht der Pflanzenwelt steigert, wäh- rend dieselbe, je weiter sie nach dem Norden kommt, zwar ihren Einfluß behält, aber in beiden Reichen einer mehr eintönigen, schlichten Färbung weicht, bis sich, nahe den Polen, die ganze Thierwelt in die weiße Farbe des Schnees kleidet.— fiy-- Erlebnis;.- Von Kngc> von Koftnannsthnl. it silbergrcmem Dufte war das Thal Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Nond Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht. Lllit silbergrauem Dust des dunklen Chales verschwammen meine dämmernden Gedanken, Und still versank ich in dem webenden Durchsicht'gen Meere und verließ das Leben. Wie wunderbare Blumen waren da, Mit Reichen dunkelglühend! Pflanzendickicht, Durch das ein gelbroth Licht wie von Topasen In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze War angefüllt mit einem tiefen Schwellen Schwermüthiger Musik. Und dieses rvußt ich, Obgleich ich's nicht begreife, doch ich wüßt es: Das ist der Cod. Der ist Musik geworden, Gewaltig sehnend süß und dunkclglühend, Verwandt der tiefsten Sehnsucht. * Aus„Blätter für die Kunst". II. Band. Ö i i Uber seltsam! Sin namenloses Heimweh weinte lautlos In meiner Seele nach dem Leben, weinte, Wie-Einer weint, wenn er auf großem Seeschiff Mit gelben Riesensegeln gegen Abend Aus dunkelblauem Wasser an der Stadt, Der Vaterstadt, vorüberfährt. Da sieht er Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht Den Duft der Hliederbüsche, sieht sich selber, Sin Rind, am Ufer steh'n, mit Rindesaugen, Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht Durch's offne ßenster Licht in seinem Zimmer— Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter, Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend, Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln. Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 21 s vs �>v. Nachdruck des Inhalts verboten! !l;ac.«lwoUlW,a aiclfillcnv: Oscar 5r ü h l in Eharlottinburg.— Verlag: Hamburger Vuchdructerei und Verlagsanstalt Auer St So. in Hainburg.— Druck: Max Vading in Berlin.