Nr. 29 %Uuf{vtvlc'H Cn 1 e r h a({iiiT0 sb erlnge 1898 (Forlsttzung) nch den Kretscham von Halbenau besuchte Karl .2il? öfters. Kachelernst kicherte vergnügt, sobald (�4-� er des Neffen ansichtig wurde. Mit der Miene des theilnehmenden verwandten erzählte er ihm auch gelegentlich, was„der Alte" mache. Seinen Vater hatte Karl noch nicht wieder gesehen, seit er im Frühjahr nach Wörmsbach gezogen war. Natürlich war Kachelernst äußerst neugierig, zu erfahren, wie es mit des Neffen Gelde stehe. Bald hatte er auch heransbekommen, daß Karl da nicht 'ran dürfe. Die Geschichte ergötzte den alten Gauner auf's Höchste; dergleichen Angelegenheiten waren ganz nach seinem Sinne. Eines Tages kam er mit geheimnißvoller Miene an Karl heran, tuschelte ihni in's Ohr: Wenn er noch etwas von seinem Gelde sehen wolle, möge er sich dazuhalten; Therese sei drauf und dran, ein paar Ziegen davon zu kaufen. Karl lief spornstreichs nach Haus. Diese Nach- richt hatte den Trägen in Aufruhr gebracht. Therese Ziegen kaufen von seinem Gelde!— Jetzt wollte er's heraus haben von ihr! Aber auf dem Wege von Halbenau nach Wörms- bach hatte er Zeit, sich die Sache zu überlegen.— Wenn er was sagte, würde sie's merken, und er hatte wieder das Nachsehen. Diesmal wollte er's schlauer anfangen. Sie hielt ihn zwar für dumm; zehnmal am Tage bekam er einen„Uchsen" an den Kopf geworfen, aber nun wollte er sie grade mal überlisten. Er beschloß, zunächst den Mund zu halten und zu warten. Am nächsten Morgen zog Therese die Sonntags- kleider an, band eine frische Schürze darüber und legte ein buntes Kopftuch an. Sie wolle'mal zum „Dnchtcr" gehn, wegen der Kinder, erklärte sie. Er möchte die Töpfe auf dem Herde beobachten und gelegentlich rücken, damit's nicht überkoche. Der freundliche Ton, in dem sie das sagte, war verdächtig. Er paßte genau auf jede ihrer Bewegungen auf. Ob sie das Geld schon bei sich hatte?— Sie ging in die Kannner nebenan. Er lauschte. Fast klang es, als steige sie ans einen Stuhl. Sie rückte etwas, Dann konnte er ein schtvaches Klimpern vernehmen. Das war Geld! Nach einiger Zeit kam sie wieder in's Zimmer. Nun wolle sie aber gehen, sagte sie, sie habe sich nur noch ihr Sacktuch geholt. Er ließ sie durch die Thür schreiten; aber dann war er auch sofort hinter ihr drein. Noch ehe sie in's Freie gelangt, hielt er sie am Arme. Auf der anderen Seite des Hausflurs war ein leerer Stall; eben der Ort, den sich Therese für ihre Ziegen aus- ersehen hatte. Dahinein riß er sie, schob den höl- zernen Riegel vor, sobald er sie drin hatte. Der Vüttnerbauer. Roman von Wilhelm von Polenz. „Giebst De's Geld'raus!" knurrte er.„De hast's ei der Tasche stocken. Ich weeß's!" Sie leugnete ihm in's Gesicht. „Mach kee Gefitze nich! Ich ha's gehiert, wie De's eigesteckt hast." Sie wollte an ihm vorbei, dem Allsgange zu. Aber er umfaßte sie rechtzeitig, schleppte sie nach dem Hintergrund des Stalles. „Giebst De's har!" „Ne, Dir ne!" Er suchte ihr niit einer Hand die Arme festzu- halten und mit der anderen in ihre Kleidertasche zu gelangen. Sie setzte sich zur Wehr, biß und kratzte. In der Dunkelheit des Stalles funkelten ihre Augen wie die einer Katze. Karl brüllte auf, ihre Nägel in seinem Halse brannten wie Feuer. Er schüttelte sie ab. Dann warf er sich mit der ganzen Wucht seines schweren Körpers auf sie, daß sie stöhnend zusammen brach. „Giebst De's raus?" „Ne, im Leben ne!" Nun kniete er auf ihr, ihren Leib mit dem Knie niederstemmend. Ihre Hände drückte er mit seiner Riesenfaust zusammen, daß sie gänzlich wehr- los dalag. Mit der freien Hand suchte er in ihren Kleidern. Aber Therese lag auf dem Geldtäschchen; noch in dieser verzweifelten Lage wußte sie den Schatz mit ihrem Leibe zu decken. Er konnte nicht dazu gelangen, so sehr er sich auch bemühte. Darüber wurde er toll vor Wuth. Blindlings griff er in die Kleider, zerfetzte Alles, was ihm zwischen die Finger kam. Therese wand und bäumte sich, aber was vermochte sie gegen die entfesselte Raserei dieses Wilden! „Giebst De's nu?" Sic konnte nicht mehr sprechen, spuckte ihm statt der Antwort ihren Geifer in's Gesicht. Da griff er mit einer Tatze zu, vor der Alles wich. Ein Ratz— das Sonntagskleid in Feyen! Jetzt fühlte er's; hier im Futter saß es. Die Näthe sprangen. Das Ledertäschchen mit dem Stahl- bügel kam zum Vorschein. Nun hielt er's in Händen. Er stand auf.— Aus der Ecke kam eine Jammergestalt hervor: halb nackt, blutend, mit hängendem, zerfetztem Haar — seine Frau! Er schob das Geldtäschchen schnell in die Tasche, sprang nach der Thür und lief aus dem Hause. Eine Stunde darauf saß er im Kretscham von Halbenau. Inzwischen waren die Frauen von der Wander- arbeit im Rllbenlaude nach der Heimath zurück- gekehrt. Pauline war mit ihrem Jungen zur Mutter gezogen, wartete hier auf Gustav's Rückkehr. Ernestine wohnte wieder auf dem Bauernhöfe beini alten Vater. Ernestine war sehr verändert zurückgekehrt aus der Fremde. Sie hatte sich im Laufe des Sommers ein gewisses hochnäsiges Herabblicken auf ihre Um- gebung angewöhnt. Den heimischen Verhältnissen brachte sie ganz unverhohlene Verachtung entgegen. Sie sagte es auch Jedermann, der es hören wollte, daß sie es in Halbenau nicht lange aushalten werde. Sie war im Besitze größerer Geldmittel als irgend ein anderes Mitglied ihrer Familie. Und sie hielt gut Haus damit. Die anderen Rüben- mädchen brachten ihr Erspartes schnell unter die Leute; Kleider, Schmuck und allerhand unnützer Tand wurde gekauft. Manch eine ließ sich auch ihre mühsam erworbenen Groschen von einem Burschen abschwatzen, oder man verjubelte die Ersparnisse gemeinsam. Die Tanzereien und Gelage gingen in diesem Winter besonders flott im Kretscham von Halbenau; die„Runkelweiber" hatten Geld in's Dorf gebracht. Ernestine Büttner war viel zu vernünftig und zu berechnend, um sich an solchen: Treiben zu be- theiligen. Sie machte sich daran, mit ihrem und Häschkekarl's Gelde eine Ausstattung zu besorgen. Das Mädchen kaufte Stoffe ein und Leinwand. Mit Pauline saß sie oft bis spät in die Nacht hin- ein in Frau Katschner's Behausung über die Nadel gebückt. Schwerlich ahnte ihr Bräutigam Häschke, wie energisch, praktisch und sparsam das Regiment sein würde, unter das er kommen sollte. Auch dem Vater gegenüber wollte Ernestine ihre Selbstständigkeit zur Geltung bringen. Der alte Bauer hatte sich noch nicht darein gefunden, in ihr etwas Anderes zu sehen, als das jüngste Kind. Sie sollte sich seinem Willen in allen Stücken fügen, wie er es von jeher von seinen Kindern, ganz besonders aber von den Töchtern verlangt hatte. Er nahm als selbstverständlich an, daß Ernestine die häuslichen Arbeiten übernehmen würde, welche seit dem Tode der Mutter arg vernachlässigt waren. Aber Ernestine that nur,>vas ihr paßte. De» Befehlen des Vaters antwortete sie mit Achselzucken, spitzen Worten oder auch mit Vorwürfen. Der alte ■Mann bekam von der Tochter zu hören, er sei ja selbst daran schuld, daß sie nichts mehr hätten, nicht einmal so viel, um sich eine Magd zu halten. Er habe ja das Vermögen durchgcbracht mit liederlicher Wirthschaft. Nun sei Haus und Hof in fremde Hände gerathen durch seine Schuld, und sie, die Kinder, könnten betteln gehen. Der Büttnerbauer mußte das mit anhören und seinen Kummer in sich hineiuschlucken. Jetzt warf 226 Me Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. ihm sein eigenes Kind das schwere Ungliict, das ihn getroffen hatte, auch noch als Vorwurf in's Gesicht. Ernestine wußte nicht, was sie that!— Jene naive Grausamkeit der Jugend war ihr eigen, die in dein alten Atenschen etwas Unangenehmes, Lästiges sieht. Was wußte sie denn von dem, was in der Seele des Vaters vorging, der am Abende des Lebens sein ganzes Lebenswerk: Arbeit, Sorge, Hoffnung, in nichts zerrinnen sah!— Sie setzte den väterlichen Befehlen ihr schnippisches Besserwissen entgegen. Wiederholt betonte sie, es sei nur ihr guter Wille, nicht ihre Pflicht, wenn sie für den Vater etwas besorge; seine Magd sei sie nicht! Sie habe es in der Fremde besser kennen gelernt. Und wenn er sie etwa zwingen wolle, dann werde sie auf der Stelle gehen; sie habe keine Pflicht, ihm zu gehorchen, da er ihr das Erbtheil verthan habe. Der Biittnerbauer hatte in den letzten Monaten gelernt, Vieles zu ertragen; es schien fast, als wolle er auch den Ruthenstreichen, die ihm seine Jiingstgcborene ertheilte, geduldig den Rücken hin- halten. Eines Tages aber besann er sich auf seine Mannes- und Vaterwiirde. Ernestine hatte sich ge- weigert, die Grube hinter dem Hanse auszuschöpfen; diese Art Beschäftigung sei unter ihrer Würde, erklärte sie. Das brachte bei dem Alten das Maß zum Ueberlaufen. Seit Menschengedenken hatten im Bllttner'schen Hause die Frauen diese Arbeit versehen. Nun wollte das junge Ding hier sich auf einmal gegen die alt- hergebrachte gute Sitte auflehnen!— Diesmal machte der Bauer von seinem hausväterlichen Rechte Gebrauch. Er holte den Haselstock aus der Ecke hervor, den Ernestine aus der Jugendzeit gar wohl kannte: der hatte auf ihrem und der Geschwister Rücken gar manchen Tanz aufgeführt. Das Mädchen war klug genug, es nicht zum Aeußersten kommen zu lassen. Sie kannte den Vater in der Wuth. Schleunigst machte sie sich an die ekelhafte Arbest; der Alte stand mit dem Stocke daneben als Wache, bis sie die ganze Gnibe ausgetragen hatte. Ernestinens Antwort auf diese Demiithigung war, daß sie, ohne ein Wort zu sagen, aus dem väter- lichen Hause wegzog; ihre Siebensachen nahm sie mit sich. Sie wohnte fortan im Dorfe zur Miethe. Der Vater dürfe sie nicht zwingen, bei ihm zu leben, erklärte sie, da er ihr nichts zum Leben gebe.— So fand Gustav die Verhältnisse, als er nach Halbenau zurückkehrte. Er wohnte einstweilen mit bei Frau Katschner. Sein erster Gang, nachdem er Frau und Kind be- grüßt halte, galt dem Bauerngute. Was hatte sich da Alles verändert seit dem Frühjahre, wo er in die Fremde gegangen war: Das Gut in fremde Hände übergegangen, zerstückelt, ausgeraubt! Scheune, Keller, Stall leer! Im Hause Alles verwahrlost und verwildert! Die Mutter ge- storben! Dazu die Kinder alle fortgezogen! Karl mit seiner Familie in ein anderes Dorf, Toni in die Stadt. Und nun zum Letzten noch Ernestinens Auflehnung! Gustav, der den Vater seit einem halben Jahre nicht gesehen, fand ihn furchtbar verändert. Der Alte war theilnamslos und stumpf geworden. Selbst die Rückkehr seines Lieblingssohnes riß ihn nicht aus seinem dumpfen Hinbriiten. Sein Leben war schlechter, als das eines Hundes. Seit Ernestine das Hans verlassen, war nicht mehr gekocht worden. Kohlenvorräthe und Holz fehlten. An Eßwaaren gab es nur halberfrorene Kartoffeln und faulendes Kraut im Keller. Der alte Mann lebte von Milch, in die er sich etwas Brot schnitt. Sein Bart war ihm langgewachsen, umgab als gelbgraue struppige Krause das ausgemergelte Ge- ficht. Die Augen lagen in ihren tiefen, dunklen Höhlen. Seine Kleider starrten von Schmutz. Er ging nicht mehr aus dem Hofe. In der Kirche hatte man ihn seit Monaten nicht gesehen. Wenn er Menschen auf den Hof zukommen sah, rannte er hinauf in die Dachkanuner, schloß sich dort ein und gab auf noch so lautes Klopfen und Rufen keine Antwort. Dem Sohne fiel das Herz vor die Füße, als er diese Dinge wahrnahm. Viel zu helfen war hier nicht! Das Gut konnte er dem Vater doch nicht zurückerobern.— Gustav sorgte dafür, daß wenigstens Vorräthe in's Haus kamen. Dann machte er einen Versuch, Ernestine zum Vater zurückzuführen; aber der schei- terte an dem Eigensinn des Mädchens. Gustav veranlaßte infolgedessen Paulinen, täglich einige Stunden auf das Bauerngut zu gehen, dem Vater das Essen zu bereiten und auch sonst für seine Nothdurft zu sorgen. ** * Weihnachten war herangekommen. Eine Woche vor dem Christfeste kam ein Brief an mit dem Post- steinpel: Berlin. Toni schrieb an Ernestine, sie werde zum Heiligenchrist nach Halbenau kommen. Ihr „Chef" habe ihr Urlaub gegeben, damit sie sich zu Hause auskuriren solle. Sie habe nämlich vom vielen Stehen geschwollene Beine bekommen, daß sie kaum noch Schuhe über die Füße ziehen könne. Ernestine ließ Tom's Brief unter den Freunden und Verwandten herumgehen. Er war auf feinstem rosa Papier geschrieben und duftete süß; der Inhalt war Kauderwelsch. Schreiben schien Toni auch in Berlin nicht gelernt zu haben. Niemand fteute sich sonderlich auf Toni's Kommen. Tie Geschwister hatten sie schon so gut wie vergessen. Man wunderte sich höchstens, wo sie das Geld zu der weiten Reise hernehme. Eines Tages in der letzten Woche vor dem Feste kam Therese von Wörmsbach nach Halbenau herüber. Sie suchte Gustav und Pauline auf und erzählte, Toni's Kind sei am Tage zuvor gestorben. Sie war hauptsächlich nach Halbenau gekommen, um bei den Familiengliederu eine Beisteuer für das Be- gräbniß zu erbitten. Man fand es allgemein als Segen, daß das Würmchen gestorben. Ernestine und Pauline gingen mit zum Begräbniß. Sie waren Beide noch nicht bei den Geschwistern in Wörmsbach gewesen. Als sie zurückkamen, konnten sie nicht genug davon erzählen, wie traurig es dort sei. Das Haus, eine Hütte, die jeden Augenblick einzustürzen drohte, die Kinder, elend und zerlumpt, Karl dem Trünke ergeben und schlecht gegen seine Frau, Therese völlig herunter von dem Jammerleben! Die Schwägerin war nie beliebt gewesen bei den Büttners, ihres streitbar zufahrenden Wesens wegen. Aber jetzt beklagte man sie allgemein. Was war aus der rüstigen, thatkräftigcn Frau geworden! Toni kam kurz vor dem Feste mit dem Post- wagen an. Sie begab sich ohne Weiteres nach dem Elternhause. Aber der alte Bauer, der eine Frauensperson in städtischer Kleidung, gefolgt von einem Burschen, welcher den Koffer trug, auf den Hof zuschreiten sah, schloß die Hauptthür ab und zog sich in die Dachkanuner zurück, aus der er sobald nicht wieder zum Vorschein kam. Er hatte in dem„Fräulein" die Tochter nicht wieder erkannt. Toni war darauf zu Frau Katschner gegangen, wo sie Panline und Ernestine traf. Das Erstaunen der Beiden über Toni's Aufzug war nicht gering. Wenn Jemand bäuerisch aus- gesehen hatte, so war es Toni gewesen, jetzt kam sie als Stadtdame wieder. Dick schien sie immer noch zu sein, aber die rothbraune Farbe war von ihren Wangen gewichen. Das Haar war gepflegt und zu einer hohen Frisur aufgesteckt, über die Stirne fiel es in vereinzelten Fransen fast bis auf die Augenbrauen herab. Ihr Mieder mußte ziemlich eng sein, nach der Art zu schließen, wie sie sich steif bewegte. Sie hatte den niit Seide gefütterten Mantel, den Hut mit Strauß- feder, Muff, Handschuhe und Schirm abgelegt, und ließ diese Pracht nun von den Frauen bewundern. Von jedem Stücke nannte sie bereitwilligst den Preis. Frau Katschner war auch hinzugekommen. Es wurde Kaffee gekocht. Toni bildete den Mittelpunkt des Interesses. Man erzählte ihr, daß ihr Kindchen gestorben sei. Zeichen allzu großer Bestürzung gab sie nicht zu erkennen. Einige Thränen hatte sie wohl dafür übrig. Dann meinte sie, die Kinderkleidchen, die sie ans Berlin mitgebracht für die Kleine, wolle sie nun Paulinen schenken. Die Wittwe Katschner wollte dafür, daß sie den Kaffee schenkte, auch etwas zu hören bekommen.• Toni wurde aufgefordert, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Sie that es in der Weise beschränkter Menschen, die sich einbilden, daß gerade ihnen Dinge passirt seien, die keinem anderen Menschen wider- fahren könnten. Halb und halb sprach sie noch den heimischen Dialekt; in der altgewohnten Umgebung legte sie schnell ab, was sie sich etwa an groß- städtischen Redewendungen angewöhnt hatte. Sie schwatzte Alles durcheinander. Zuerst war sie Amme gewesen, in jener von Samuel Harrassowitz verschafften Stelle. Das wäre wunderschön gewesen, erzählte Toni. Sie machte eine Beschreibung von ihrem Spreewälder Kostüm. Täglich sei sie mit dem Kinde im Thiergarten ge- wesen, bei gutem Wetter zu Fuß, bei schlechtem im Wagen. Ernestine fragte, warum sie denn nicht in der Stellung geblieben sei, wenn sie es da so gut gehabt. Toni meinte, sie hätte da nicht essen und trinken dürfen, was sie gewollt, vom Arzte hätte sie sich auch in einem fort untersuchen lassen müssen, und als das Kind eines Tages Brechdurchfall bekommen habe, sei die Herrschaft sehr böse geworden und habe sie entlassen. Dann sei sie eine Zeit lang ohne Stellung ge- Wesen, habe„als privat" gelebt, wie sie sich aus- drückte, bis ihr Freund ihr endlich die jetzige Stellung verschafft habe. Was denn das für eine Art Verdienst sei, forschte die wißbegierige Frau Katschner. Toni wußte Wunderdinge zu berichten. Sie sei in einem sehr„feinen Lokale". In der Mitte des Lokales befinde sich ein Ding, ganz aus Glas, wie ein Häuschen— sie gab sich vergebliche Mühe, einen Kiosk zu beschreiben— da drinnen stehe sie und ver- kaufe Würstchen an die Gäste; das Paar koste zwanzig Pfennige. An einem Abend verkaufe sie manchmal tausend und mehr. Dazu habe sie ein Kostüm an; sie beschrieb es: Sammetmieder, rothen Rock, bloße Arme und eine dreifache Kette von silbernen Münzen um den Hals. Sie sei auch schon so photographirt worden; die Photographie habe sie im Koffer mit. Ernestine, die schon lange mit verhaltenem Spotte den Erzählungen der älteren Schwester zugehört hatte, meinte jetzt in wegwerfendem Tone: Würstchen ver- kaufen, das sei was Rechtes, dazu brauche man nicht nach Berlin zu gehen! Aber Toni erklärte voll Eifer, ihre Stellung sei eine sehr feine, sie bekomme viel Trinkgelder, die Herren unterhielten sich oft mit ihr und machten viel Spaß. Zweimal in der Woche habe sie Aus- gehetag. Dann erzählte sie von Zirkus, Theater, Bierkonzerteu, Bällen. Die Wunder der Großstadt hatten anßergewöhn- liche Bilder in die Phantasie dieses Landkindes ge- warfen. Der neuen Eindrücke waren zuviel gewesen; Alles hatte sich in dem Kopfe der Thörin verzerrt und verschoben. Nun, wo sie versuchte, eine Be- schreibung von ihren Eindrücken und Erlebnissen zu geben, wußte sie nicht, wo anfangen, fand sie keine Ausdrücke für Dinge, die sie niemals begriffen, nur wie der Wilde die Wunder der Zivilisation erstaunt angestarrt hatte. Dann fing sie an von ihren Kleidern zu erzählen. Drei hatte sie zum Ausgehen, dazu zwei Hüte, und Strümpfe und Hemden dutzendweise. Ernestine nickte unruhig auf ihrem Platze hin und her; daß Toni, der sie sich stets überlegen ge- fühlt hatte, jetzt als große Dame auftrat, verdroß sie. Wovon Toni denn all' den Aufwand bestreite, verlangte sie zu wissen. Ihr Freund bezahlte ihr Alles, erklärte Toni mit Selbstgefühl. „Mag'n schener Freind sen, das!" höhnte Ernestine. Voll Eifer setzte Toni auseinander:„Er is sehr gutt mit iner.'s Reisegeld hat er och ge- schenkt. Weil'ch und de Fisse thaten iner duch su schwellen: da is'r selber zum Chef, und hat'n um Urlaub gebaten für mich. Su gutt is dar mit mer." Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 227 Sie blieb bis über das Neujahr in Halbeuau. Wohnung hatte sie schließlich doch beim Vater ge- nommen. Mit jedem Tage, den sie in der Heiniath zu- brachte, fiel von dem großstädtischen Wesen, das sie anfangs ausrecht zu erhalten versuchte, etwas mehr ab. Der Putz war nur oberflächlich aufgeworfen, wollte nicht recht hasten bei diesem echten Bauernkinde. Ein paar Tage lang lief sie völlig scheckig umher; halb Bauernmagd, halb Stadtsräulein. Ihr modisches Kleid hoch aufgebunden, daß man die schwarzen Strümpfe sah, war sie im Stalle anzutreffen, saß sie auf dem Melkschemel, die Milchgelte zwischen den Knien. Dann fand sie in einer Lade auf dem Boden einige ihrer alten Kleider, die dort geblieben waren aus früherer Zeit; die legte sie an. Nun war sie wieder ganz die alte Toni. Höchstens, daß ihre Wangen und Arme noch nicht die ehemalige braun- rothe Färbung angenommen hatten. Jetzt fühlte sich Toni wieder ganz in ihrem Elemente. Längst war es ihr ein Dorn im Auge gewesen, zu sehen, wie die Kühe bis an die Euter im Miste standen; da mußte mal ordentlich aus- geräumt werden!— Eines schönen Vormittags machte sie sich daran, mistete den Stall, karrte den Mist auf die Düngerstätte und streute dem Vieh neu ein. Des Sonntags ging sie in den Kretscham zum Tanze. Dort war sie mit ihrem Seidenkleide und durch den Ruf des außergewöhnliche» Glückes, das sie gemacht, die gefeiertste und begehrteste Tänzerin. Und Toni war harmlos genug gebliebe», sich über diesen Erfolg von Herzen zu freuen. Ernestine rümpfte die Nase über die Aufführung ihrer Schwester. Auch für Gustav war das Wieder- sehen mit Toni peinlich. Er hatte genug vom Leben kennen gelernt, um zu wissen, daß sich ein Mädchen auf anständige Weise nicht so viel Geld verdient, wie Toni verthat. Toni selbst begriff nicht, warum die Geschwister ihr so kühl begegneten. Sie hatte erwartet, daß die Ihrigen sie mit Jubel oufnehmen und sich an ihrem Glücke freuen wiirden, und war nun erstaunt, als sie auf Zurückhaltung stieß. Aber sie war nicht dazu veranlagt, sich Skrupel zu machen. Ans Berlin kam ein Geldbrief an Toni an. Sie lief damit bei den Verwandten umher, zeigte ihnen in naiver Freude, wie ihr Freund sie bedacht habe. Sie beschenkte Theresen für ihre Blühe um das verstorbene Kind und sprach davon, dem Vater etwas zuwenden zu wollen. Kurz, sie gefiel sich der Familie gegenüber in der Rolle einer Gönnerin. Am Btorgen vor Toni's Abreise rief der alte Bauer seinen Sohn Gustav bei Seite; er hatte offenbar etwas auf dem Herzen. Nach einigem Drucksen, wie es seine Art war, fing er an, den Sohn auszuforschen: woher Toni die schönen Kleider habe und wie sie zu so viel Geld käme. Gustav merkte bald, worauf der Vater hinaus wollte. Er hielt mit seiner Ansicht über Toni's Erwerbsquellen nicht hinter dem Berge. Der alte Mann griff in die Tasche, holte etwas in Papier Gewickeltes hervor, packte es sorgfältig aus; es waren: zwei blanke Goldstücke. „Dos hoat se mer gegah», de Toni. Jche mog's ne beHalen, ich ne! Gieb's Du's er zuricke! Ich mog sickes Gald ne!" Damit ging er von bannen. Toni weinte, als Gustav ihr das Geld zurück gab; sie hatte es doch so gut gemeint!— XXIX. Karl kam neuerdings nur noch nach Haus, um seine Räusche auszuschlafen. Therese hoffte anfangs, es werde ihr gelingen, ihm im bewußtlosen Zustande das Geld abermals abzunehmen. Aber Karl war durch die früheren Erfahrungen gewitzigt. So oft sie auch seine Taschen durchstöberte, sie fand nichts darin. Jedenfalls hielt er das Geld außerhalb des Hauses verborgen. Wenn der Trunkenbold erwachte, schwankte er zwischen Stumpfsinn und Tobsucht hin und her. Sobald er seinen Anfall bekam, mußte Therese die Kinder vor ihm verbergen, für deren Leben sie zitterte. Im Kretscham zu Halbeuau war Karl jetzt ein häufiger Gast. Richard Kaschel, sein Vetter, war neuerdings Karl's Vertrauter geworden. Richard übertraf seinen Vater wohl noch an boshafter Verschlagenheit. Den Büttners den Garaus zu machen, das war, ohne daß sie sich dazu ver- abredet hätten, die geheime Wollust dieser Beiden. Der alte Kaschel hatte, obgleich er eine Büttner geheirathet, ja, obgleich er seinen Wohlstand Büttner- schein Gelde verdankte, doch immer einen tiefei»- gewurzelten Haß gegen diese Familie gehegt. In seiner guten Zeit war Traugott Büttner dem Schwager durch jene Kraft und Würde überlegen gewesen, die den ehrlichen Mann vor dem Ränkeschmied auszeichnet. Inzwischen war der ehemalige Büttnerbauer ruinirt worden. Nur noch eine Frage der Zeit schien es, wann der Erbe des größten Bauerngutes im Orte der Armenversorgung anheimfallen werde. An ihm noch sein Miithchcn zu kühlen, war unmöglich. Ihm konnte ja nichts mehr genommen werden; er war von Allem entblößt, was einem Menschen Ansehen und Bedeutung verleiht auf der Welt. Aber auch das gute Gedeihen der Bllttner'schen Kinder war stets ein Stachel in der Seele des Kretschamwirths gewesen. Er haßte vor Allem Gustav. Der Mensch schien sich, allem Unglück zum Trotze, das seine Familie betroffen, wacker durch die Welt zu schlagen. Gustav bildete auch den Gegenstand stummer Wuth für Richard Kaschel. Die Prügel, die er einstmals von dem Vetter erhalten, waren unver- gessen. Aber an Gustav konnte man nicht heran; der verkehrte nicht im Kretscham. Auch von Ernestine bekam man nicht viel zu sehen; es hieß, sie habe einen Bräutigam in der Fremde und werde bald Heirathen. Toni war wieder nach Berlin zurück- gekehrt, nachdem sie den Ort durch ihr Auftreten in Aufregung versetzt hatte. Nun blieb noch Karl. Der schien allerdings die schiefe Ebene ganz von selbst hinabzugleiten. An den reißenden Fortschritten, die Karl's Verlotterung inachte, hatte das edle Paar: Vater und Sohn Kaschel, seine helle Freude. Richard Kaschel hatte außerdem noch einen be- sonderen Grund, sich für Karl zu interessiren. In Halbenau wurde trotz der Armuth seiner Bewohner viel und verhältnißniäßig hoch gespielt. Ein nach dem Hofe hinaus gelegenes Hiutcrzimmer im Kretscham bot willkommene Gelegenheit zu jeder Art lichtscheuem Treiben. Dort flogen die bunten Blätter oft ganze Nächte hindurch. Es war bekannt, daß ein Halbenaner Bauer dort Haus und Hof und alles Hab und Gut im Laufe weniger Jahre verspielt hatte. Richard Kaschel gehörte zu der Spielerznnft. Der Vater wußte uni das Treiben des Sohnes Bescheid. Er hatte versucht, ihn abzuhalten vom Spiel. Aber das Biirschchen, das dem Alten längst über den Kopf gewachsen war, hatte geantwortet: der Vater habe ja seine Kümmelpulle; da möge er ihm gefälligst die Karten lassen. Eines Abends, als Karl in den Kretscham kam, setzte sich Richard wie gewöhnlich zu dem Vetter an den Tisch. Nachdem Karl sein zweites Fläschchen Kom geleert, fragte ihn Richard, ob er Lust habe, ein Viertel Schwein zu gewinnen. Karl begriff zunächst nicht, was Jener damit meine. Der Vetter erklärte ihm, im Hinterzimmer säßen zwei fremde Herren, die Lust hätten, ein Spielchen zu machen. Der eine habe eine Gans mitgebracht, der andere ein Paar Magenwiirste, er selbst, Richard, wolle ein Viertel von dem eben ge- schlachteten Schweine setzen; es fehle ihnen aber der vierte Mann. Wenn Karl nichts Anderes bei sich habe, könne er auch Geld setzen, die Herren würden das schon erlauben. Dann schilderte er die Herr- lichkeiten, die mau gewinnen könne, ließ Speckseiten und Würste vor den Sinnen des bereits Halb- berauschten auftnarschiren. Karl hatte beim Militär hin und wieder Karten in Händen gehabt, seitdem nicht mehr. Aber Richard versprach zu helfen; sie Zwei wollten die beiden Anderen tüchtig ausnehmen, raunte er dem Vetter in's Ohr. Der Gedanke an den fetten Einsatz erschien ver- lockend. Karl taumelte in's Hinterzimmer. Die beiden Fremden saßen bereits da. Ucber dem ganzen Zimmer, das von einer Hängelampe beleuchtet wurde, schwebte es wie bläulicher Dunst.• Karl wußte, daß er betrunken sei. Aber er befand sich in jenem Stadium des Rausches, wo Alles selbstverständlich erscheint, wo alle Bedenken leicht wie Rauch verfliegen.„Du wirst diesen Kerlen mal zeigen! Du wirst ihnen mal zeigen..." dachte er bei sich. Dann saß er am Tisch, die Faust voll Karten; das war der Schellenkönig und das die rothe Zehne! — O, er kannte sie noch ganz genau, die Karten, wußte auch ihren Namen!— Ihm gegenüber der Fremde hatte einen schwarzen Bart, in den sich auf der einen Gesichtsseite ein dunkelrothes Muttermal verlief. Karl wurde ganz zerstreut durch dieses Anzeichen; er mußte unaus- gesetzt darauf starren. „Karle, Du bist am Ausspielen!" mahnte der Vetter. „Gegen solche Karten ist nicht anfznkonimen," sagte der andere Fremde, ein kleiner bartloser Mann, dessen Kopf wie mit Mehlstaub bestreut erschien. „Das ist also ein Müller!" dachte Karl. Aber als der Mann seinen Kopf in's Licht vorbeugte, sah man, daß sein Haar von Natur so grau sei. „Herr Büttner hat die Partie gewonnen," hieß es. Richard zeigte eine Magenwurst vor, die hatte Karl gewonnen. Der lachte vor Vergnügen über das ganze Gesicht. Er hatte es ja gleich gesagt, daß er die Kerle'reinlegen würde. „Jetzt woll'n mer um de Knöppe spielen!" rief Richard. Der mit dem Muttermale griff in die Tasche und legte eine Hand voll Silber auf den Tisch. Ein Gleiches that der Graukops.„Ich bin auch versehen," erklärte Richard Kaschel und klopfte protzig auf seine Tasche. Karl brachte das Ledertäschchen mit dem Stahl- bügel hervor. Er lächelte verächtlich. Jetzt sollten die Fremden mal sehen, was er für ein Kerl war! Mit ungeschickten Fingern holte er die einzelnen Gold- stücke heraus. Es waren noch fünfzig Mark; das Ilcbrige war vergeudet. „Noch'nen Nordhäuser vorher!" sagte Richard, „den gebe ich." Er holte aus dem Wandschranke eine Flasche hervor, schenkte die Gläser voll und stellte die Flasche auf den Tisch. Das Spiel begann von Neuem.„Der guckt durch a Astloch!" sagte Jemand. Karl lachte iiber die Bemerkung, weil er die Anderen lachen sah. Diesmal hatte er verloren. „Immer gleich bezahlen! Da giebt's nich lange Qualen!" meinte der Gewinner. Fünf Btark hieß es, habe Karl auszuzahlen. Richard ivechselte ihm ein Goldsttick gegen Silbergeld ein. (Forlseyung folgt.) Iomadtnstötn in der Mgisenjleppe. Von Heinrich Cunow. //vive so manche andere Völker haben auch die Bewohner des westsibirischen Steppen- rayons im letzten halben Jahrhundert Manches von ihren alten Sitten aufgegeben, theils gezwungen durch die neuen Lebensbedingungen, welche die russische Kolonisation für sie mit sich brachte, theils in Nachahmung der bei den russischen An- siedlern beobachteten Gebräuche; und dieses Ein- dringen europäischer Sitten wird ziveifellos noch weit schneller vor sich gehen, wenn erst die transsibirische Bahn vollendet und durch die projektirte Linie iiber Pettopawlowsk, Atbasnr-Taschkent mit der trans- kaspischen Bahn verbunden ist. lieber die weiten Ebenen, wo heute noch der Kirgise seine Heerde weidet, wird dann, ebenso wie iiber die Nordamerika- 228 iiischen Prairien, die stampfende Lokomotive hinweg- rasen und den gemächlichen Steppennomaden immer weiter in nnwirthlichere Gegenden zurückscheuchen. Heute ist indeß dieser Prozeß— wenigstens was den östlichen Theil der Steppe anbetrifft— erst in seinen Anfängen vorhanden. Noch führen die Kir- gisen das alte Wanderleben ihrer Väter fort, und lver die vor mehr als einem Jahrhundert geschriebenen Schilderungen von Pallas und Georgi mit der heutigen Lebensweise der Kirgissnstämme vergleicht, sieht erstaunt, wie treu sie trotz aller Anfechtung doch im Ganzen ihren Volkscharakter und ihre Eigen- heiten belvahrt haben. Das liegt weniger an einer besonderen Rassenzähigkeit der Kirgisen als an den geographischen Verhältnissen ihres Landes. Mit Aus- nähme einiger Flußniederungen und der Unter- gebirgszone des Thian Schau und Alai-Tag ist die Kirgisensteppe wenig zum Anbau geeignet; eS blieben daher bislang den Kirgisen weite Gebiete zur Fort- führung ihrer alten Viehwirthschaft erhalten und mit dieser die ans ihr beruhende Lebensweise. Ja, in gewisser Hinsicht hat sogar die Festsetzung der Russen in den anbaufähigen Theilen des Thian Schau die südlichen Kara-Kirgisen zum Rückfall in eine rein nomadische Viehwirthschaft veranlaßt. Vor Ankunft der Russen trieben sie hier stellenweise mittelst künstlicher Bewässerung nicht unbeträchtlichen Acker- bau; nachdem aber die Kolonisten ihnen die besten Landstriche der Untergcbirgszone abgenommen haben, sind die halbnomadisirenden kirgisischen Ackerbauer nach und nach wieder zur reinen Viehzucht über- gegangen. Mit dem russischen Anbau vermochten sie doch nicht zu rivalisiren, während der Absatz ihrer Vichprodukte an die russischen Eindringlinge im Aus- tausch gegen deren Bodenerzeugnisse ihnen mancherlei Vortheile versprach. Die eigentliche Kirgisensteppe oder, wie sie offiziell genannt wird, das Steppen-Generalgouvernement, umfaßt die drei Gebiete Akmolinsk, Semipalatinsk und Semiojetschensk: ein Areal von ungefähr fünf- undzwanzigtausend Qundratmeilen, das außer dem südlichen Jrtisch und dessen Nebenfluß, dem Jschim, nur noch wenige Steppenflüsse besitzt, die entweder in Binnenseen münden oder in de» Sandablagerungen der Steppe verschwinden. Hier in diesem weiten, von kaum zwei Millionen Menschen bewohnten Gebiet lebt, in unzählige kleine Hansen zersplittert, die Hauptmasse der Kirgisen— die Russen zählen nur achtzehn, die Tataren, Sarten, Dnnganen, Tarant- scheu zc. nur sieben Prozent der Gesammtbevölkerung — und hier hat sich deshalb auch der kirgisische Volkscharaktcr weit besser erhalten, wie im west- lichen Turgai- und llralks- Gebiet und in West- Tnrkestan am Syr Darja, wo der Einfluß der Russen und der südlichen Tiirkenstämme nianche alt- hergebrachten Sitten der Kirgisen verwischt hat. In der gewöhnlichen Vorstellung haftet dem Hirtenleben in der. Steppe etwas Freies, Ungebun- dcnes an. Ganz nach eigenem Ermessen, heißt es in so mancher Reiseschilderung, schweift der Sohn der Steppe durch die weite Ebene, so weit der Himmel blaut. Solche Schilderungen des Steppenlebens mögen ja ihren poetischen Reiz haben, aber der Wirklichkeit entsprechen sie recht wenig. Wie der jagdtreibende Wilde in den Urwäldern Amerikas und Australiens, hat auch in den Steppen Asiens jeder Stamm und jedes Geschlecht sein bestimmtes Gebiet, dessen Grenzen nicht von den Viehheerden überschritten werden dürfen, soll es nicht zu Streit und Kampf kommen. Der nomadische Viehzüchter kann nicht gehen, wohin er will. � Die Sorge um die Erhaltung seiner Heelden, die Rücksicht ans Vege- tation und Wasserreichthnm der Steppe, auf Boden- beschaffenheit und Witterung, zwingen ihn, in seinen Wanderungen einen bestimmten Kreislauf eiuzuhalten. Er muß zu bestimmten Jahreszeiten bestinmite Gegenden aufsuchen und der Kampf um diese, die Konkurrenz um die besten Futterplätze, hat überall zur Ver- thcilung der Triften unter die einzelnen Geschlechts- gemeinschaften und VerwandtschaftSgrnppcn geführt. Besonders gilt das von den im Winter aufgesuchten Gegenden, den sogenannten Wintersitzen. Im Früh- jähr und Sommer, wenn überall das junge, saftige Grün hervorschießt, findet der Kirgise leicht auf der weiten Steppcnebene oder auf den Terrassen der Ge- birge die Weiden, deren er für seine Heerden bedarf; schwieriger aber ist es, für die langen Wintermonate ein vor den rauhen Unbilden der Witterung möglichst geschütztes Heim zu finden, das dem Vieh die nöthige Nahrung bietet, Holz und Wasser enthält. Fast alle Kämpfe zwischen den Kirgisenstämmen, die uns aus früherer Zeit berichtet werden, haben sich, im Grunde genommen, nur darum gedreht, einander die am besten zum Ueberwintem geeigneten GebietStheile abzunehmen. Jede der großen Völkerschaften oder Horden der Kirgisen, Djüs, d. h. Hunderte, genannt, besteht aus einer Reihe von Stämmen, die sich ihrerseits wieder in eine Anzahl großer Gcschlechtsverbände spalten. Das Geschlecht bildet für sich ein nnab- hängiges Ganze; es hat sein besonderes Gebiet und seine besonderen Abstammungstraditionen, schützt seine Mitglieder in ihren Streitigkeiten mit benachbarten Geschlechtern und schlichtet ernstere Zwistigkeiten zwischen seinen eigenen Angehörigen im Schieds- gerichtsverfahrcn. Da die Geschlechtsverbände meist zu groß sind, um zusammen wandern zu können, haben sich unter ihnen durch Abzweigung kleinerer Verwandtschaftsgruppen Ilntcrgeschlechter oder Ge- schlechtsabtheilungen gebildet, die vielfach fast völlige Selbstständigkeit erlangt haben und deren Anführer oder Sultane(Bis) vor der Annektion des Landes durch die Russen oft ein recht willkürliches Regiment führten. Diese llntergeschlechter theilen sich wieder in größere Familiengemeinschaften, Ante(vom Worte Agyl-Hürde), die gewöhnlich aus fünf bis zehn Familienhäuptern mit ihren verheiratheten und uu- verheirathcten Söhnen bestehen. Das älteste und angesehenste Mitglied des Auls hat die Leitung. Dieser Verwandtschaftsgliederung ist die Vcrtheilung des Bodens angepaßt. Frühjahrs-, Sommer- und Herbst-Weiden gehören allen Aulen eines Geschlechts gemeinsam und können von allen gemeinschaftlich benutzt werden; dagegen sind die Weiden in den Wintersitzen nicht nur zwischen den einzelnen Aulen, sondern selbst zwischen den einzelnen Haushaltungen aufgetheilt. Jeder heerdenbesitzende Kirgise, der seinen eigenen Hansstand führt, hat auch seinen eigenen Landbesitz(Kystau), der durch natürliche Grenzen oder durch Pfähle und Grenzsteine von den Weiden der Nachbaren geschieden ist. Natürlich sind diese Besitztheile von sehr verschiedener Größe, denn neben reichen Kirgisen, deren Heerden aus Tausenden von Schafen, Ziegen, Rindern, Pferden bestehen, giebt es andere, die mir wenige Dutzend ihr Eigen nennen* Vermehrt sich der Viehstand eines Kirgisen, und reichen die ihm gehörenden Winterterrains zu dessen Unterhaltung nicht mehr aus, so kauft bezw. tauscht er das nöthige Wc'deland von Nachbaren ein, dieweniger Gluck mit ihrem Vieh gehabt haben. Fällt dann vielleicht auch ihm später ein Theil seines Viehes durch Seuchen oder Nahrungsmangel, so ver- kauft er wieder sein überflüssiges Land. Auf diese Weise findet ein fortwährender Wechsel des Land- besitzes statt. Dazu kommen die durch Erbschaft entstehenden Veränderungen. Sobald nämlich der Sohn eines Kirgisen das heirathsfähige Alter erreicht, sucht er einen eigenen Hausstand zu gründen und geht den Vater an, ihm sein Erbtheil zu geben. Hat der Alte einen größeren Viehstand, so daß ihm selbst genug übrig bleibt, geht er gewöhnlich darauf ein. Er giebt dann seinem Sohne einen Theil seiner Heerden: Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde, Kameele und theilt ihm ferner eine entsprechende Fläche seiner Winterwciden zu oder kauft, wenn er nicht so viel Land entbehren kann, von den Nachbaren einige Weideterrains für seinen Sohn an. Ebenso wird auch dem zweiten und dem dritten Sohne später sein Erbtheil ausgekehrt. Der jüngste Sohn bleibt beim Vater und erbt schließlich dessen ganzen Nachlaß. Die Pazisizirung des Landes durch die Russen hat an diesen Zuständen wenig geändert. Es werde» nur jetzt die Uebergriffe in fremdes Eigenthum weit strenger geahndet als früher, und anßerdeni hat die russische Regierung zur besseren Beaufsichtigung der Kirgisen eine Art Verwnltungseintheilung geschaffen, die sich jedoch genau an die oben geschilderte Glie- dernng in Verwandtschaftsverbände anlehnt. Als kleinstes soziales Glied ist der Aul bestehen geblieben, meist in seiner alten Form. Der Vorsteher des Auls, der„Aulnyi-Starschina", wird ans bestimmte Jahre vom Aul unter den ältesten Mitgliedern gewählt, bedarf aber vor Antritt seines Amtes der Bestätigung der ganz unter russischen! Einfluß stehenden Kreisverwaltung. Btchrcre Aule sind zu einem Ge- schlechtsbezirk(Wvlost) vereinigt, dessen Größe sich fast stets mit der eines früheren Untergeschlechts deckt. An seiner Spitze steht als Leiter ein vom Volk erwählter, von der russischen Verivaltung genehmigter Pravitel. Fünfzehn bis zwanzig solcher Wolost- Verbände bilden einen Verwaltungsdistrikt oder-Kreis, dem ein Militär-Verwaltuugshof vorsteht. Die Winterszeit ist für den Kirgisen die Zeit der Erholung, in der er von den Anstrengungen des Sommers ausruht und von den mitgebrachten Vor- räthen zehrt. Gewöhnlich siedelt jetzt ein Anl zu- sammen; manchmal lassen sich jedoch auch mehrere verwandte Aule nebeneinander nieder, bei den schwarzen Kirgisen im Semirjetschensker Gebiet sogar, wenn die Winterquartiere in geschützten Flußniederungen liegen, oft mehrere Untergeschlechter. In einer Ent- fernung von über einer deutschen Meile erstreckt sich dann eine unübersehbare Reihe von Filzzelle», so- genannten Jurten, am Fliißnfer hin. Sind die Winterquartiere eingerichtet, die Jurten aufgeschlagen, die Rinder-Hiirden und leichten Stallungen für die Ueberwinterung der jungen Kälber und Lämmer erbaut, so bleibt für den reicheren Kirgisen, der sich für die täglichen Arbeiten seine Knechte und Mägde zu halten vermag, wenig zu thun. Das Hüten der Heerde», die auch im Winter des Tages über ans die Weide getrieben werden und sich selbst ihr Futter suchen müssen— nur die ganz jungen Thicre und die Kühe und Stuten, die erst jüngst geworfen haben, erhalten einen Zuschuß an Gras und Heu— fällt den Hirtenjungen zu, der Hausherr führt eigentlich nur die Oberaufsicht. So bleibt ihm viele freie Zeit, die er damit verbringt, in seiner nieist gut mit bunten Filzdecken austapezierten Jurte mit Gästen ans den warmen Teppichen zu liegen, zu rauchen nnd zu schivatzen oder seine Nachbarn und Freunde zu be- suchen. Öiit nnd wieder reitet er auch wohl mit Freunden zum Vergnügen auf die Jagd oder macht in dem nächsten kleinen Kreisstädtchen Einkäufe. Schwatzen, Klatschen, Prahlen sind Lieblings- bcschäsligmigen der Kirgisen, der Männer wie der Frauen. Auch bei uns hat ja manche Vertreterin des schönen Geschlechts durch fortgesetzte llebung sich eine ganz ansehnliche Zungenfertigkeit erworben, aber mit der Kirgisin dürften doch nur wenige konknrriren können.(schluh folgt.) A »s Zerjlessung kunWer Mamanten. Von H. Gerstmann. (Schluß.) II. * Sehr reiche Kirgisen haben manchmal über 10 000 Schafe und Ziegen und mehrere Tausend Rinder und Pferde. Nach den neuesten offiziellen Angaben beläuft sich der Viehstand im eigentlichen Kirgisen-Steppenrapon auf 1800 000 Pferde, 900 000 Rinder, 7 000 000 Schafe und Ziegen, 250 000 Kameele. Diese Angaben sind eher zu niedrig, als zu hoch. »n den Universitätsvorlesnngen über Ehemie pflegt der Professor, wenn von der krystal- linischen Form der Kohle, vom Diamanten, die Rede ist, zum Beweis dafür, daß Diamant wirklich nur Kohle ist, die bei der Verbrennung lediglich Kohlensäure bildet, ein kleines Stückchen der kostbaren Substanz zu entflammen— es bleibt dann nichts mehr übrig, weil eben die etitstandene Kohlensäure unsichtbar ist. Dieser Versuch ist nun in so vielen Hochschnlen so oft wiederholt worden, daß man glauben sollte, bei irgend einer dieser vielen Gelegenheiten habe man auch die Temperatur genau bestimmt, bei der der Diamant verbrennt. Man sollte dies um so eher erwarten, als ja Schmelz-, Siede- und Verbrennungstempera- turen zu denjenigen festen Eigenschaften gehören, durch die chemische Körper wissenschaftlich und auch Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 229 technisch definirt werden. Man sagt also zum Bei- spiel: Eisen ist ein Körper, der, abgesehen von einigen anderen charakteristischen Eigenschaften, auch die Eigenschaft besitzt, daß er bei 1100 Grad Celsius schmilzt; schmilzt ein Körper, der wie Eisen ans- sieht, dasselbe spezifische Gewicht usw. hat wie Eisen, bei 1000 Grad oder bei 1200 Grad, so ist es eben kein Eisen. Merkwürdiger Weise ist aber die Verbrennnngs- temperatur des Diamanten nieinals genauer fest- gestellt worden. Schon diese eine Thatsache beweist, daß man über die Natur und die Eigenschaften des Diamants nur ganz nngenane Kenntniß hatte. Nun ist aber klar, daß, wenn mau etwas fabriziren will, Aetzungs- und Filtrirschwierigkeiten Widerstauden hatte, und von diesem Zehntel Gramm erwies sich nur ein ganz geringer Bruchtheil als wirklicher Diamant, Bei.diesen Arbeiten fand nun Moissan auch, daß die Wärme, bei welcher der Diamant verbrennt, je nach der Fundstelle und je nach den im Edelstein in kleinen Mengen vorkommenden Verunreinigungen recht verschieden hoch ist. Er fand Diamanten, die schon bei 600 Grad verbrennen, und solche, bei denen dies erst bei 875 Grad erfolgt. Bei so großen Schwankungen kann natürlich die Verbrennnngs- temperatur nicht als Kennzeichen der Echtheit von Diamanten angesehen werden. Als die charakte- einer Substanz zu umgeben, die es verhindert, daß seine Wärme sich in die Umgebung zerstreut, die also die Wärme sehr schlecht leitet, die aber anderer- seits selbst möglichste Widerstandsfähigkeit gegen die gewaltige Hitze des Flammenbogens besitzt; diese Hitze beträgt 10 000 Grad und darüber. Diebeiden geforderten Eigenschaften besitzt der kohlensaure Kalk. Allerdings ist auch seine Widerstandskraft gegen den Einfluß der Hitze eine nur begrenzte; es kani vor, daß die inneren, dem elektrischen Flammenbogeu unmittelbar ausgesetzten Seiten der Kalksrücke schmolzen und wasserfliissig wurden, aber auch dann konnte man die äußere Seite des Kalkstückes, dessen Dicke nur wenige Zentimeter betrug, ruhig mit der Hand �OUUncVITtOVCJCU. Nach dem Gemälde von Aug. Fink. man doch auch genau wissen muß, was man eigentlich fabriziren will. Darum war Henri Moissan, als er sich der Aufgabe widmete, künstliche Diamanten herzustellen, gezwungen, zuvörderst die echten Diamanten genau zu untersuche». Er verfuhr dabei, wie über- Haupt bei seinen Arbeiten, mit minutiösester Sorg- fall und zugleich mit Anwendung eines möglichst umfassenden Materialgebietes. Er untersuchte die mikroskopischen Diamanten, die sich in einzelnen der uns vom Himmel zugefalleneu Meteoriten befinden, er prüfte Diamanten von den verschiedensten auf der Erde vorhandenen Fundstellen, und er ließ auch nicht die unterirdischen Gruben unbeachtet, die in dem sie unigebenden Material Spuren vou Diamanten ent- halten— allerdings nur Spuren; zwei Kilogramm der sogenannten blauen Erde vom Kap der guten Hoffnung, in welche eingebettet man viele größere und kleinere Diamanten findet, ergaben noch nicht ein Zehntel Gramm Rückstand, der allen Lösungs-, ristischste Eigenschaft des Dianianten hat bisher seine Härte gegolten; man glaubte, nur der Diamant sei im Stande, den Rubin zu ritzen. Moissan hat in den gewaltigen Glutheu seines elektrischen Ofens eine ganze Menge Körper, namentlich Verbindungen der Kohle mit anderen Elementen, dargestellt, welche ebenfalls so hart sind, daß sie den Rubin ritzen, ja, er hat sogar eine Verbindung von Kohle mit Bor, das Borocarbid, gebildet, welche den weißen Diamanten selbst langsam schleifen kann, welche also entschieden härter ist, als weiße Diamanten. Dagegen hat der schwarze Diamant noch keinen Körper gefunden, der härter ist, als er selbst; er ist immer noch, wie sein Name besagt, der Ungebändigte. Der elektrische Ofen, niit dem Moissan diese Resultate erreichte, und mit dessen Hülfe es ihm ja auch schließlich gelang, Diamanten herzustellen, besteht aus Kalk. Es handelte sich einfach darum, den weltbekannten elektrischen Flammenbogen mit anfassen, so wenig wurde die Wärme im Kalk fort- geleitet. Uebrigeus war der Ofen überhaupt nur klein. Er bestand ans zwei Kalkblöcken, von denen der untere im Höchstfalle 35 Zentimeter lang, 30 Zenti- metcr breit, 20 Zeutimer hoch war, während der Deckel bei gleicher Fläche 15 Zentimeter hoch war. Diese Blöcke waren in der Mitte ausgehöhlt, und in der Höhlung befanden sich in wenigen Zentimeter Entfernung von einander die Spitzen der sorgfältig präparirten reinen Kohle, zlvischcu denen der elek- irische Flammenbogen schwebte, und in ihm der Apparat, in dem die Diamanten sich bildeten. Moissan gebrauchte Ströme von 2200 Amperes Stromstärke und 70 bis 80 Volt Spannung— natürlich wurden bei Vorversuchen und anderen ein- leitenden Operationen Ströme vou geringerer Stärke und Spannung verwendet. Wenn es Moissan ge- lang, durch die andauernde Wirkung des elektrischen Stromes die bis dahin nicht zum Verdampfen zu 230 Die Neue Welt. Illustrirte llnterhalwngsbeilage. bringende Kohle zu verdampfen; so ist es selbst- verständlich, daß auch von den anwesenden Metallen kleine Mengen verdampften, diese Metalldämpfe, welche die Höhlung des Kalkofens, je länger ein Versuch dauerte, um so mehr anfüllten, bildeten eine Brücke für die Elektrizität, darum änderte sich während des Versuchs stetig die Stärke des elek- trischen Stromes und damit auch die von ihm ent- wickelte Hitze; man mußte also stetig die Meß- instrumente beobachten, welche die Stärke des vor- handenen Stromes anzeigen, und mittels außerhalb des Ofens angebrachter Vorrichtungen die Entfernung der Kohlenspitzen so reguliren, daß die im Ofen herrschende Temperatur sich niöglichst wenig änderte. Moissan betont, daß es ihm natürlich zuerst auf die rein wissenschaftliche Aufgabe ankam, Diamanten zu machen. Er baute also keinen Apparat für die Technik, sondern einen rein wissenschaftlichen Apparat, und bei der Herstellung eines solchen kann der Kosten- Punkt keine Nolle spielen, d. h. natürlich, wenn man die nöthigen Geldmittel besitzt. Wenn es sich daruni handeln wird, Dianmnten für den Gebrauch herzu- stellen, wird es auch darauf ankommen, daß dies möglichst billig geschieht, und dann wird, wie bei jeder technischen Operation, darauf Bedacht genommen werden müssen, daß der Ofen und die ganze An- läge möglichst wenig kostet. Das Hantiren am elektrischen Ofen ist nicht etwa ganz ungefährlich. Der elektrische Strom be- wegt sich ja in seiner größten Stärke in der un- mittelbaren Verbindungslinie der Kohlenspitzen, aber auch in weiterer Entfernung von der direkten Ver- bindnngslinie existiren rings herum Stromfäden, die zwar mit der Entfemung ziemlich schnell an Stärke abnehmen, aber selbst außerhalb des Ofens, in seiner nnmittelbaren Nähe sich dem Menschen mindestens recht nnbegnenl bemerklich machen. Ferner bildete sich unter der Einwirkung der hohen Teniperatur aus der im Ofen befindlichen Kohle und dem vielfach vorhandenen Sauerstoff stets das giftige Kohlenoxpdgas, welches niemals völlig verbrannte; es mußte also für sorgfältige Ventilation des Operationsraumes Sorge getragen werden, weil sonst der Experimentirende bald von heftigen Kopf- schmerzen, llebelkeiten und allgemeiner Mattigkeit befallen wurde, zu deren Beseitigung die Arbeiten auf Wochen unterbrochen werden mußten. Endlich aber ist niemals die Anwesenheit kleiner Feuchtigkeits- mengen zu vermeiden, und aus diesem Wasser und der Kohle entsteht bei der Hitze des Flammenbogens Acetylen— bekanntlich beruht ja auf diesem Verfahren auch die technische Herstellung des Acetylen im Großen zu Beleuchtungszwecken. Aber im Beginn des Ver- suches ist im Ofen ja auch noch Luft vorhanden, welche sehr viel Stickstoff enthält, und die Hitze des Ofens genügt, um aus deni Stickstoff und dem Acetylen Blausäure herzustellen— ein wissenschaftlich schönes Resultat, aber für den Operateur sehr gefährlich. Das sind also einige der Unannehmlichkeiten, mit denen Moissans Versuche, abgesehen von den in der Sache selbst liegenden Schwierigkeiten, ver- bnnden waren. Diese Versuche wurden in der Weise vorgenommen, daß Moissan in die Höhlung des Kalkofens einen Tiegel aus Kohle brachte; in diesem Tiegel befand sich, von Zuckerkohle umgeben, eine kleine Menge eines chemisch reinen Körpers, meist ein Metall; nun wurde der elektrische Strom an- gelassen, schnell stieg die Temperatur und in der Hitze nahm das Metall kleine Mengen von Kohle in sich auf, die es beim Erkalten wieder abgab, so daß, wenn das Nietall darnach durch starke Säuren aufgelöst wurde, die Kohle in Form von Blättchen und kleinen Krystallen znrückblieb. Aehnliche Ver- suche hatte ja, wie früher erwähnt, schon Marsden im Anfang der achtziger Jahre vorgenommen; nur hatte er, da er nicht einen so sinnreich konstruirten Ofen wie Moissan anwandte, nie so hohe Wärme- grade erreichen können, auch hatte er sich darauf beschränkt, in die Zuckerkohle Silber zu legen. Moissan dagegen verwandte nach einander Silber, Eisen, Aluminium, Beryllium, Chrom, Mangan, Nickel, Kobalt, Wolfram, Molybdän, Uran, Zirkonium, Vanadin, Thorium, Cer, Lautan, Nttrimn, Titan, Platin, Silicium; niemals und mit keinem von allen diesen Stoffen konnten Diamanten erhalten werden. Die Krystalle erwiesen sich stets als aus Graphit bestehend. Moissan hatte eigentlich auch selbst nicht erwartet, auf diese Weise Diamanten herstellen zu können; er hatte alle diese Versuche eigentlich nur als Vor- versuche betrachtet. Durch das Studium der geo- logischen Verhältnisse derjenigen Theile der Erde, in denen Diamanten gefunden werden, war Moissan zu der Ueberzeugung gekommen, daß diese Edelsteine unter der Einwirkung eines starken Druckes ent- standen waren. Ganz besonders aber hatte ihn zu dieser Ueberzeugung das Studium zweier kleinen, durchsichtigen Diamanten gebracht, die in einem Meteor, im Eisen von Cavcm diablo, gefunden waren; hier scheint, wie Moissan sich ausdrückt, die Natur bei der That ertappt worden zu sein; die Struktur des Eisens zeigt, daß es plötzlich erkaltet sein muß in dem Moment, in dem die in ihr ein- geschlossene Kohle sich in Diamanten verwandelte. Nach dem Ergebniß dieser Beobachtungen be- mühte sich Moissan, die Kohle in dem Moment, in dem sie infolge der Abkühlung sich aus dem bis dahin glühend gewesenen Nietall abscheidet, einem solchen Druck auszusetzen. Zu diesem Zweck benutzte er die Thatsache, daß glühendes Eisen, wenn es bei der Abkühlung fest wird, sich ausdehnt, ähnlich wie ja auch Wasser beim Gefrieren einen größeren Raum einnimmt. Das sich ausdehnende Eisen muß natür- lich einen starken Druck auf die in ihm befindende Kohle ausüben. Das Verfahren, das er anwandte, war folgendes: Wenn der elektrische Ofen in voller Gluth war, stieß er schnell den Deckel weg, holte — die Hand hatte er zum Schutze gegen die Hitze mit einem dicken Tuche umwickelt— mittels einer eisernen Tiegelzange schnell den glühenden Kohlen- tiegel aus dem Ofen und warf ihn ebenso schnell in ein Gefäß mit kaltem Wasser. Es war sehr zu befürchten, daß durch die plötzliche Berührung mit dem über 3000 Grad heißen Tiegel das ganze Wasser sich so jäh in Dampf verwandeln werde, daß eine überaus gefährliche Explosion die Folge wäre— aber das trat glücklicher Weise nicht ein, die Ab- kühlung erfolgte in voller Ordnung, und nunmehr ergab sich als ersehntes Resultat das Vorhandensein wirklicher Diamanten nach Entfernung des Metalls. Es waren allerdings nur sehr kleine Diamanten: der größte der erhaltenen Krystalle hatte eine Länge von etwa 0,4 Millemeter, man kann also eigentlich nur von Diamantstaub sprechen, aber diese kleinen Krystallchen wiesen alle charakteristischen Eigenschaften der natürlichen Diamanten auf. Ihr Härtegrad war der der Diamanten, ihr spezifisches Gewicht war dem der natürlichen Diamanten gleich, sie verbrannten mit ebensoviel Sauerstoff zu Kohlensäure, wie dies natürliche Diamanten thun. Damit war also prinzi- piell die Aufgabe gelöst. Moissan änderte die Methode der Abkühlung späterhin noch nach verschiedenen Richtungen. Er brachte an dem Ofen eine solche Vorrichtung an, daß das geschmolzene Eisen aus dem Ofen durch eine schnell hergestellte Oeffnung in ein darunter stehendes Gefäß niit Wasser siel, wodurch erreicht wurde, daß das Metall sich in Tropfengestalt, also als Kugel abkühlte; er ersetzte das kalte Wasser durch Quecksilber, dann durch geschinolzenes Blei, später durch geschmolzenes Zinn; er ließ die Schmelze in einen ausgehöhlten Metallblock fallen, dessen Höhlung dann schnell durch ein passendes Metallstück aus- gefüllt wurde; er wandte statt des zum Glühen ge- brachten Eisens Silber an, welches, ebenso wie Eisen, die Eigenschaft besitzt, beim Erstarren sich anszu- dehnen und dadurch einen starken Druck auf die in ihni enthaltene Kohle auszuüben. Durch alle diese Modifikationen erzielte er bald vollkommenere, bald weniger gute Diamanten. Aber alle diese Versuchsändernngen können noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden— im Gegentheil, sie müssen fortgesetzt werden und sie werden fort- gesetzt, denn nunmehr handelt es sich darum, die Methode so zu vervollkommnen, daß man statt des Diamantstaubs wirkliche brauchbare Diamanten erhält. Ob dies Resultat in kürzerer, ob es in längerer Zeit erreicht werden wird, steht dahin, aber sicher wird es erreicht werde», denn nunmehr, nachdem das Schwerste gethan ist, nachdem der Nachweis geliefert ist, daß Diamanten im Schmelztiegel hergestellt werden können, ist für die noch nöthige Verbesserung der Technik die Richtung gegeben.— -fe* ys(?• ichulölge. (Schluß.) Novelle von Aorothee Koeßeker. XV®8 �ar beinahe Mitternacht, als er in seiner � Wohnung ankam, trotzdem fand er Marie noch wach. Sie saß in der Wohnstube am Tisch und nähte Leinenzeug, oder vielmehr, sie hatte die Arbeit im Schooße liegen und träunite vor sich hin. Bei seinem Eintritt schreckte sie auf, sekundenlang begegneten sich ihre Augen, dann, als läse er in ihrem Gesicht etwas Unausgesprochenes, Furchtbares, sprang er auf sie zu: „Was... was ist geschehen?" Sie zog indessen weiter das Leinenzeug auf ihrem Schooße glatt, und erst nach einer Weile sagte sie ruhig, als handelte es sich um etwas ganz Selbst- verständliches:„Karlchen ist todt." „Todt?" Er sah sie verständnißlos an.„Todt? Todt?... Mieze!... Mieze! Das... das kann nicht sein!" Sie hob die Arbeit etwas empor:„Das wird sein Todtenhemd." Mit einem dumpfen Schrei brach er in einen Sessel zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. ...„Wie kam es... erzähle!" „Ach, es war ja doch vorauszusehen. Er bekam Krämpfe. In zwei Stunden war Alles vorbei." „Und Du sagst das so ruhig... so ruhig?" Sie zuckte die Achseln:„Nutzen denn Thränen? Und für ihn war der Tod ja doch nur Erlösung von einer langen Qual." „Ja, für ihn... aber Du, Mieze... Du?" „Ja, ich"— ihre Augen gingen in das Leere— „ich werde nun sehr einsam sein." Sie sagte das ohne Vorwurf, aber ihre Stimme zitterte, und unwillkürlich sttich er leise über ihren Scheitel:„Arme Mieze... arme, arme Mieze!" Sie ließ ihn gewähren, plötzlich aber bog sie den Kopf zurück und stand auf, etivas merkwürdig Festes lag in ihrem Wesen, etwas, das keinen Trost bedarf: „Ich werde jetzt zu ihm gehen. Kommst Du mit? Nein, bleibe hier, er sieht so schrecklich aus." Ohne eine Antwort abzuwarten verließ sie das Zimmer und er— folgte ihr nicht. Dann kamen aufregende Tage. Das Begräbniß mit seinem traurigen Drum und Dran nahm seine ganze Thätigkeit in Anspruch, und auch als es vor- über war, befanden sich noch alle seine Nerven in Aufruhr. Es war nicht der Verlust des Kindes, der ihn drückte, aber der Tod überhaupt, das Plötz- liche Erlöschen der Lebensflamme wirkte tief auf ihn ein. Außerdem peinigte ihn der Anblick und das Wesen Mariens. Sie war seit dem Tode des Kleinen völlig verändert, ganz und garnicht mehr die kleine, verschüchterte Frau von ehedem. Etwas Festes, Ab- geschlossenes lag über ihr, es war, als sei sie größer geworden, von innen heraus. Sie klagte nicht und weinte nicht, sie saß nur immer still und schaute mit großen, sinnenden Augen in das Leere, gerade als könnte sie dort die Lösung eines Räthsels finden. Er wünschte manchmal, sie hätte sich verzweiflnngs- vollem, aber lautem Jammer hingegeben, oder wäre wenigstens zuweilen nach dem Kirchhof gegangen, den sie seit der Beerdigung noch nicht wieder be- Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 231 treten. Eimiml sprach er das auch ganz offen aus, aber sie schüttelte nur den Kopf:„Was soll das Jammern? Das Kind hat's gut, und das mit dem Kirchhof, das laß ich für— später." Er hatte lange über den Sinn dieses„Später" gegrübelt, ohne schließlich doch etwas Anderes als ein hingeworfenes Wort darin zu finden. Zuletzt machte ihm Hella Grabow einige Unruhe. Er hatte sie sofort nach dem Begräbniß aufgesucht, um in ihrem Geplauder Ruhe für sein bewegtes Innere zu finden, allein es fand sich, daß sie an jenem Tage wenig Zeit hatte, da sie einer Ein- ladung folgen mußte. Auch als er sie zum zweiten und dritten Male aufsuchte, traf es sich so oder doch ähnlich. Er fragte sich, ob das Absicht sei, aber ihre Liebenswürdigkeit und ihr Interesse für ihn waren offenbar sich gleich geblieben, und so suchte er sich denn mit dem Zufall zu trösten, allein das ungewisse Hin und Her marterte ihn doppelt. Endlich half ihm die Arbeit aus seiner Zerrissenheit. Sein Verleger wünschte, daß er das neue Werk rasch in Angriff nähnie, damit ein Theil noch vor dem Winter druckfertig sei. Mit wahrer Lust begann er von Neuem zu schaffen. Erst nach Wochen suchte er wieder Frau Hella auf. Er hatte von einem literarischen Vortrag gelesen, der am selben Abend stattfinden sollte, und den er mit ihr zusammen besuchen wollte. Sie hörte seiner Einladung mit zerstteutem Lächeln zu und schüttelte dann den Kopf:„Daß Sie es sich jetzt immer so schlecht einrichten! Ich kann heute gar- nicht, wirklich nicht. Ich muß zu einer Familienfeier." Er hatte das ungewisse Gefühl, daß sie nur Ausflüchte machte, aber es widerstrebte ihm, näher darauf einzugehen, er schlug ein anderes Thema an: „Haben Sie viel Interessantes erlebt mittlerweile?" „O ja!" Ihre Augen strahlten.„Ich bin viel fort gewesen. Sie wissen ja, für das zu Hause Sitzen bin ich nicht. Gefällt Ihnen die Photographie dort, Sie sehen sie immer an." „Allerdings, ein interessanter Kopf, ein Ver- wandter von Ihnen?" Sie lachte, und er glaubte etwas Triuniphirendes in ihrem Gesicht zu lesen:„Nein, ein neuer Be- kannter, ein junger Maler, sehr liebenswürdig, sehr interessant, ich lernte ihn in einer Gesellschaft kennen." Er sah sie forschend an, offenbar verbarg sie ihm etwas:„Was haben Sie?" „Garnichts. Wie kommen Sie darauf, daß ich etwas haben könnte?" „Ich weiß nicht: Sie sind so sonderbar. Sind Sie öfter mit Dem da zusammen?" Er wies auf das Bild.—„Warum fragen Sie darnach?" „Oh, ich weiß es eigentlich selbst nicht." Sie lachte von Neuem. Und wieder blitzte es wie stiller Triumph in ihrem Gesicht:„Ja, ich bin öfter mit ihni zusammen gewesen, sehr oft sogar. Gestern zeigte er mir die Nationalgalerie.— Aber nun muß ich Toilette machen, also entschuldigen Sie mich...." Er behielt ihre Hand in der seinen:„Wann können wir wieder einnial zusammen fort?" „Ach, ich weiß nicht. Ich habe jetzt immer so viele Einladungen"— und sein erstauntes Gesicht bemerkend:„Ich schreibe Ihnen nächstens eine Karte...." Mißmuthig machte er sich auf den Heimweg? der Besuch, von dem er sich soviel versprochen, hatte eine tiefe Verstimmung bei ihm zurückgelassen. Schon wollte er nach den« Thiergarten abbiegen, als ein Lachen an sein Ohr schlug. Er sah auf; vor ihm, im Schein einer Gaslaterne ging ein Paar, ein Herr und ein junges Mädchen— Liddy. Der Gigerl hatte den Arm um ihre Taille gelegt und beugte sich flüsternd in unverschämt zutraulicher Weise zu ihr hinab. Pmil sah ihnen nach. Was sollte das heißen? Liddy in dieser Situasion! Wußte Hella davon? Offenbar war das Mädchen auf schlechten Wegen. Er empfand etwas wie eine Verantwortung der Freundin gegenüber. Jedenfalls wollte er nach dem Rechten sehen, das war er Hella schuldig. Langsam ging er den Beiden nach. Sie schritten durch ver- schiedene Straßen und traten endlich in ein Wein- restaurant. Paul folgte ihnen und sah sie noch gerade Beide in ein Privatzimmer verschwinden. Er überlegte, ob er ihnen auch hier nachgehen sollte, da klang plötzlich durch die nur halb angelegte Thür die Stimme des Mädchens an sein Ohr:„Ach, wir haben ja Zeit. Mama konmit doch erst spät nach Hause. Und wenn wir um neun Uhr aufbrechen, kann ich noch immer einige Stunden bei Dir bleiben." „Das wirst Du nicht thnn!" Mit wenigen Sätzen stand Paul vor dem Pär- chen. Sie fuhren auseinander; der Herr sprang auf:„Was—>vas bedeutet— das?" Dann aber, Paul's zorngeröthetes Gesicht bemerkend, hielt er es für gerathener, sich zu empfehlen. Er nahm seinen Hut und ging. Das Mädchen wollte ihm nach, allein Paul packte es am Arm; es riß sich los, ihre Augen sprühten:„Herr Seefeld, was fällt Ihnen ein!" „Das frage ich Dich, ehrloses Ding." „Lassen Sie mich gehen!" Er vertrat ihr den Weg und verriegelte die Thür:„Du wirst hierbleiben und mir Rechenschaft geben, verstanden?!" „Sie haben nicht das Recht, mich zurückzuhalten." „Ich werde Dir beweisen, daß ich das Recht habe. Deine Mutter wird es Dir beweisen." „Mama? Hahaha!" sie lachte.„Mama macht es ja— ebenso." „Du— Geschöpf!" Er schleuderte sie von sich wie ein ekles Gewürm. Dann aber faßte ihn der Zorn von Neuem; er packte sie wieder am Arm, seine Zähne knirschten:„Jetzt wirst Du mitkommen und sie um Verzeihung bitten für diesen Schimpf — Du— Du—!" Sein eiserner Griff erpreßte ihr Thrä'nen, ihr Trotz war plötzlich wie weggeblasen, sie warf sich auf das kleine Plllschsopha und schluchzte in ihr feines Spitzentnch hinein:„Ich habe... doch... doch nur die Wahrheit gesagt... und... und... und Papa ist darum fort von uns... und lvas soll man denn machen, immer so allein zu Hause? Und ich bin doch kein Kind mehr! Und ich möchte ja viel lieber zu Papa... zu Papa!" Sie schrie es mehr als sie es sprach. Er griff nach dem Tisch, um sich zu halten. Vor seinen Augen tanzten blaue Flammen:„Wo ... wo ist Dein Vater?" „In... in Ostafrika... schon seit drei Jahren...," sie schluchzte es nur mühsam heraus, „und ich wollte so gern mit... aber da ist das ... das Fieber. Ach,... Herr Seefeld,... schreiben Sie doch an... an ihn." „Ich?!" Er lachte höhnisch auf. Sie haschte nach seiner Hand, beinahe demiithig. „Ja, Sie... Sie! Ach, Herr Seefeld, Sie sind doch so anders als die Anderen, die zu uns koninien, und jetzt wieder der Maler... und wenn Sie es ihm schreiben, daß ich hier schlecht werde, und daß ich viel lieber das Fieber haben will, als bei Mama sein... und... und..." sie brach von Neuem in bitterliches Weinen aus. Er preßte die Lippen zusammen und ging im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor ihr stehen:„Hat Dein Vater Verwandte?" „Ja, eine Schwester in... in Graudenz." „Sag' ihr Alles!... Geh' zu ihr!... Hier! ... Reisegeld!" Er schob ihr zwei Goldstücke hin. „Herr Seefeld, ich... ich..." Er schüttelte ihre Hände von sich—„Laß... mich... ich... ich kann nicht mehr!..." Dann stürzte er in die Nacht hinaus. Wie lange er planlos durch die Gassen geeilt, er wußte es nicht. Auf einer Bank im Thiergarten brach er endlich zusammen. „Das also war das Ende— das?!" Er schüttelte sich in unsagbarem Ekel. Darum das„Liebe will ich", darum das plötzliche Zurückziehen, das Kokettsten mit dem neuen Anbeter. Nur eine Dirne... eine Dirne! Und die eigene Tochter bat ihn um Schutz vor ihr! Er stieß ein halb irrsinniges Lachen aus. Und um die war er ferne, als sein Kind starb? Um die hatte er sein Weib geschmäht und vernach- lässigt, die hatte er ihr als— Beispiel empfohlen. Ja, hin zu ihr, zu der blassen, stillen Frau, die all' diese Jahre lang nichts gekannt, als Aufopferung, Blühe und Hingabe für Mann und Kind. Vor seinem Geiste standen die beiden Mütter, und die schlichte Gestalt Mariens wuchs neben der der anderen zu hoheitsvoller Größe empor. Hin... hin zu ihr!-- Im Wohnzimmer und auch im Schlafzimmer fand er sie nicht, ein Lichtschein aus seiner Arbeitsstube wies ihm endlich den Weg, und nun sah er sie. Sie stand zum Ausgehen gerüstet, eine Reisetasche neben sich, an seinem Schreibtisch, eben bemüht, einen Brief zu adressireu. Im Nu hatte er begriffen: Also so weit war es gekommen?—„Mieze— Maria?" Mit einen: erstickten Aufschrei fuhr sie empor und starrte in das zerrissene, verstörte Gesicht des Mannes in der Thür:„Paul, Du?... Was ist?..." Er ließ sie nicht ausreden. Jäh riß er sie an seine Brust:„Du... Du willst fort?" „Ich... ich... o... es ist doch das... Beste für...Dich!" Ihre Stimme brach im Schluchzen. Und dann drückte er sie in den hohen Lehnsessel nieder, und dann lag er plötzlich vor ihr auf den Knieen und sagte ihr Alles— ohne Beschönigung Alles. Sie hatte ihn ruhig reden lassen, aber ein weiches, glückliches Leuchten stieg in ihren Augen empor. „Mieze, verzeih', verzeih' mir!" Sie antwortete nicht gleich, sie strich mit der Hand wie liebkosend durch sein Haar und sah ge- dankenvoll vor sich hin:„Ich... ich Hab' nichts zu verzeihen.'"—„Ach Du... Deine Güte...!" Sie hielt ihm den Mund zu:„Still, das ist keine Güte... das ist nur Einsehen... Ja, einfach Einsehen. Was hast Dil denn gethan? Bei einer Anderen gesucht, was Du bei mir nicht fandest. Ich Hab' Dich fortgetrieben, ich bin die Schuldige." „Nein... nein!" „Und doch!... Ich war erst Mutter, dann Gattin. Ich Hab' Dich dem Kinde geopfert. Das war mein Vergehen." „Was Größe war, nennst Du Vergehen? Ach, Maria!" Er preßte ihre Hand an seine Lippen. Sie zog sie fort:„Und was Vergehen ist, nennst Du Größe. Es war aber doch Schuld, schwere Schuld! Aber sieh', ich war so ein dummes, junges Ding, und ich wußte so garnichts von den Pflichten, die eine Frau auch neben denen der Hausfrau und Mutter hat. Ich hatte nichts gelernt als Mädchen, aber ich hätte mit Dir streben und lernen sollen." „Und ich hätte Dich zu mir heranziehen sollen! Ich war der Schuldige!"—„Nein, ich!" „Vielleicht alle Beide!"—„Ja... alle Beide!" Eine lange Pause. Er war aufgestanden und schritt, die Hände über die Brust gekreuzt, im Zimmer auf und ab:„Maria!"—„Paul?" „Warum wolltest Du fort?" Sie schwieg, aber ein Lächeln umspielte ihren Mund, und erst nach einer ganzen Weile sagte sie leise:„Weil ich Dich liebe." Und als hätte ihr das Wort Muth gegeben, fuhr sie fort:„Ja, weil ich Dich liebe. Weil ich wollte, daß Du frei sein solltest, erlöst von mir. So lange das Kind lebte, siehst Du, da Hab' ich an all Das nie gedacht, da Hab' ich Dir auch noch Vorwürfe gemacht im Innern. Aber als es dann starb, als ich allein war mit ihm, allein in meiner schrecklichsten Stunde, da kam mir die große Offenbarung, da fühlte ich, wer Dich fortgetrieben, da wußte ich, daß ich die Schuldige sei, da wußte ich auch, was Sühne war." „Und Du? Was wolltest Du anfangen?" „O, ich hatte ja meine Arbeitskraft und dann das kleine Grab da draußen, das blieb doch mein." „Also dafür das.Später'?" „Ja, dafür." Sie schwiegen wieder. Er trat zu ihr:„Maria!" Und als sie nicht antwortete:„Maria, giebt es nicht doch noch eine Sühne für unsere Schuld, ge- meinsame Sühne?" „Wenn... wenn Du sie annimmst, Paul?" „Wollen wir es also noch einmal miteinander versuchen?" Sie sah zu ihm empor. Einen Augenblick tauchten ihre Augen ineinander, dann sprang sie auf, riß Hut und Mantel ab und warf sich au seine Brust. „Ja, Paul, wir wollen es!" Und dann standen sie und hielten sich umfangen, und draußen dämmerte der Sominertag.— euiLüeton. Gaiy still einmal..* fanj flill einmal im Grünen liegen dürfen.. zn einem soinmerblauen Himmel sehn, mit iveißen Wolken.. und auf das Iivitfchern in den Wipfeln hören.. auf das Geriefel heimlicher Suellen.. den Dust der Lust einschlürfen und des blühenden Laubes, die selige Ruhe rings des vollen, reifen Lebens... ganz still, und nicht zu denken haben an all' die hundert nichtigen NothwendigKriten. die so und so viel Sorglichkeil und Wich' erfordern, und nur: damil das pendelmerk des Tag's nicht stehen bleibt... ganz still einmal im Grünen liegen können und Alles vergessen dürfen, was man soll und imiß.. und will! für Andere und für sich, und will und soll und mutz... und seine Träume gleich Schmetterlingen gaukeln lassen, sonnenselig, von Rosenstrauch zu Rosenstrauch, mit schimmernden Flügeln, das flimmernde Thal hin, über goldene Felder und wallende Flüsse zu dustverlorrnrn fernen Höhen, und weiter, lief und immer tiefer, in's kühle Wogrnblau des Himmels.. sonnenselig.. ganz flill einmal so liegen können und ohne daß auch diesem Tag dann wieder vom Rirchthurm drüben eine Glocke klingt und ohne daß auch dieser Tag dann wieder im Grau der Abrnddäinmerung untersinkt!— Cäsar Flaischle». Sommermorgen. Hinter der bewaldeten Berglehne stieg rochglühend der Sonnenball auf. In der Frühe bedeckte Gewölk weithin den Hinimel. Vor den ein- fallenden Strahlen der Sonne hat es sich verflüchtigt, nur noch ein paar weiße Wölkchen schwimmen licht- durchtränkt am Firmament. Die ganze Natur ist von flimmerndem Glänze erfüllt, überall wirkt die belebende Kraft des Lichtes. In der Luft zittert und flirrt es, in weißlich schimmerndem Scheine strahlt der Himmel, in die Baumkronen dort drüben am Waldesrande wühlt es sich ein und umsäumt sie mit einem breiten Streifen. In mächtigem Stronie flnthct es über das weite Gelände und zieht die letzten Nebelschleier von ihm. Wie aus dem Schlafe erwacht, in frischem Duft liegt die Wiese; Alles grünt und blüht. Ueppig wuchernd sind Gräser und Blumen fußhoch empor geschossen. So ist es den Rehen gerade recht, die da aus dem Walde herausgetreten sind und nun behaglich äsend über den Wiesengrund ziehen. Es scheint aber, als sollte das friedliche Idyll gestört werden. Zwei von den Nehm heben ivitternd den Kopf, noch ein Laut, ein verdächtiges Geräusch, und sie tverden wieder zurückivechseln nach dem Walde, woher sie ge- kommen... Ein Museum der Zollübertretungen. In Paris giebt es eine wenig bekannte Sammlung, die dem Staate gehört und die den Zweck hat, die tausenderlei Wege zu illustriren, auf denen der menschliche Erfindungsgeist ver- sucht hat, die Rcgicrungskassen in ihren Einnahnicn zu kürzen. Unter Führung eines Cicerone unternahm ich die Besichttgung dieses bunt zusammengewürfelten Misch- masches von Gegenständen, von denen viele absolut nicht am Platze zu sein schienen und die doch alle nur ein und dieselbe Bestimmung hatten. So bemerkte ich mit Erstannen einen ungeheuren weißen Marmorblock, der abgesehen vom Geldtverthe, übermenschliche Kraft erfordern mußte, um ihn blas von einer Stelle auf die andere zu rücken. Ich äußerte das gegen den Führer, bcr_ mich lächelnd anhörte und als einzige Antwort die Aufforde- rung an mich richtete, den kostbaren karrarischen Marmor einmal anzuheben. Ich that es, und die enorme Masse war— mit einer Hand zu bewegen! Folgendes war die Geschichte des geheimnißvollen Blockes: Eines Tages beförderte ein Güterzug sechs solcher Blöcke aus Italien nach Frankreich. Einem Zollbeamten kam einer von ihnen etwas fremd vor, und er hatte die Idee, mit dem Hanimer eine Ecke daran abschlagen zn wollen. Und siehe da, der köstliche Marmorblock bestand aus gewöhnlichem Eisen- blech und verbarg in seinem Innern für 25 VW Francs vcnctianische Spitzen!— In einem Winkel lagen Scheite Brennholz aufgeschichtet, dem Anschein nach nur daraus wartend, daß sie klein gehauen und in den Ofen gesteckt würden. Ein großer JrrthumI Diese Scheite sind von Metall, geschickt mit Borke überzogen und an jedem Ende mit einer natürlichen Sägefläche versehen. Man fand sie ausgefüllt mit eingeschmuggelten Zigarren.— Weiterhin liegen umfangreiche Rollen Leinewand. Stößt man mit dem Schirm daran, so berräth der helle, nietallische Klang, daß sie weiter nichts sind, als mit Leincwand bedeckte Kannen für Alkohol. Ter Führer lenkte meine Ans- merksamkeit � auf reihenweise aufgestapelte Schichten ge- wöhnlicher Speiseteller, je vier Dutzend übereinander. Nur die obersten und die untersten zwölf waren wirkliche Teller, die übrigen vierundzwanzig boten nur den äußeren Anschein von Tellern, stellten jedoch nichts als die Um- hüllung für eine Zinkkcmne dar, in der sich Spirituosen hefirnden hatten.— In diesem Augenblick fiel mein Blick auf einen Bedienten in voller Livree, der in einem Winkel saß, die Arme übereinander geschlagen hatte, und dem das müde Haupt in sanftem Schlummer ans die Brust ge- funken Ivar.„Sehen Sie den Thürhüter," bemerkte ich zu meinem Führer,„die große Hitze hat ihn dermaßen eingeschläfert, daß selbst unser lebhaftes Gespräch ihn nicht gestört hat."„Nun, er wird sich ja wohl erlvccken lassen," erwiderte der Mann geheimnißvoll lächelnd und rüttelte den Bedienten leicht am Arm. Wie groß war mein Entsetzen, als der Rüstig gebaute Mensch ohne Weiteres vom Stuhle sank und leblos am Boden lag! Die Hitze hat ihm einen Schlagfluß zugezogen! dachte ich erschüttert.„Erschrecken Sie nicht so sehr," sagte aber lachend der Cicerone.„Der Mann hat gethan, was man von ihm verlangte, indem er hinterlistiger Weise Unmengen von Alkohol einschmuggelte. Fühlen Sie ihn an! Er ist aus Zink gemacht. Nur Kopf und Hände sind aus Wachs, aber so täuschend ähnlich nachgeahmt, daß die Natur selbst sich dadurch hätte betrügen lassen. Diesen: Loch am Schädel verdanken wir seine Entlarvung. Jeden Nachmittag gegen sechs fuhr ein Herr von F., der seine Viktoria selbst lenkte, durch das Thor des Bois de Bou- logne. Sein Diener war mit gekreuzten Armen eingenickt. Die ersten Male wurde das Gefährt regelmäßig angehalten und nach steuerpflichtigen Sachen durchsucht. Als die Beamten nichts fanden, begnügten sie sich damit, Herrn von F. mit einem höflichen Nicken des Kopfes passircn zu lassen, was er durch ein Salufiren mit der Peitsche erwiderte. Schließlich wurde der Herr so kühn, daß er immer in vollem Trabe vorüberfuhr. Das sollte sein Ver- derben werden. Eines Tages rannte die leichte Equipage gegen ein Lastfichrwerk, das soeben von den Beamten durchsucht wurde, und Herr und Diener wurden auf's Pflaster geschleudert. Herr von 3E. wurde ohnmächtig aufgehoben; doch sein Diener befand sich in einen: noch bedanernswertheren Zustande. Ihm war bei dem Anprall der Schädel gespalten worden, und aus demselben ergoß sich eine gelblich aussehende Fluth auf die Straße, die sich als nicht mehr und nicht weniger als ein ausgezeich- neter Kognak entpuppte. Sogar die Equipage, die vom Sturz stark beschädigt worden war, ergah sich als für das Schmuggeln eingerichtet, denn aus ihren Hohlen Wänden strömten gleichfalls kleine Kaskaden von Kognak!"„Nun sehen Sie, bitte, diese Mühlsteine an," fuhr der Führer fort. Sie haben als Zigarrcnbehälter gedient. Ferner dieses Schnürleibchen ans Gummi, worin Branntwein ttansportirt worden ist. Es hat zu den Reizen einer Pseudo- Amme beigettagen, die als eine gar umfangreiche und gewichtige Person aufttat, obgleich sie in Wirklichkeit so dürr war wie ein Stock. Ihr Baby, gleichfalls ans Gummi, nährte sie mit den achtzehn Litern Branntwein, die sich in seinem Innern befanden. Dieser Kürbis, den uns ein Zollamt in der Normandie geliefert hat, passirte drei Monate hindurch vor den Augen der Beamten mitten unter anderen Marktfrüchten die Grenze, so oft sein Be- sitzer zu Markte fuhr. Unvorsichtiger Weise vergaß der Bauer seinen nachgemachten Kürbis zu Hause zu lassen, als die Kürbiszeit vorüber war. Dadurch wurde er den Zollbeamten auffällig, und als sie ihn untersuchten, fanden sie, daß er mit Obstwein gefüllt war..." Der Tempel des Schlangcngottcs in Kuba. In seinem interessanten Buche„Notizen über Mexiko", (Berlin, F. Fontanes Co.) schildert Harry Graf Kessle r anch den Eindruck, den die Städtetrümn:er und Tempel- reste Yukatäns auf ihn gemacht. Vor Einwanderung w»Kiti-fpu tmivhe dieses Land von dem Volke der Mauas Aus„Von Alllag und Sonne". Berlin. F. Fontane so Co. der Azteken wurde dieses Land von dem Volke der Mcyas bewohnt. Vor Ankunft der Spanier hat ganz Unkatän einer einzigen Stadt geglichen. Die Trümmer von hundert großen Städten— eine jede:i:it weiten Terrassenanlagen, Stcinpalästen und hohen Tempeln geschmückt— hat ein zeitgenössischer Forscher in der Waldwildniß gefunden, die heute diesen alten Kulturboden überwuchert. Eine uralte Kultur ist hier zu Grabe gegangen. Die Deutung der von ihr hinterlassenen Denkmäler steht noch aus. Einen Begriff von der eigenartigen Banknnst des Maya- Volkes giebt Wohl nachstehende Beschreibung des oben- genannten Autors:„Das bedeutsamste Bauwerk in Kabn :st wegen seiner Fassade der Teuchel des Kukulcän, des Schlangengottes. Er setzt sich ans fünf Doppclheilig- thümern z:isa:::n:en, die in einer Reihe hinter einer einzigen langen Front liegen. Diese Front besteht in ihrer ganzen Länge und von unten bis oben aus nebeneinander und aufeinander gestellten je drei Fuß hohen Kolossalmasken mit blanken Zahnen, großen, viereckigen Augen und vor- gestreckten Rüsseln; ein kräftiges Gebälk und die mächtigen Monolithe der Eingangsthüren bieten dem Blick einen Maßstab und halten das Ganze so zusammen, daß es ttotz seiner Phantastik den Eindruck eines Architektur- Werkes, eines großen Gebäudes, macht. Die Pupillen, die Einem ans den zahllosen Augenhöhlen der Masken- reihen cntgcgenblicken, die Menge der Lippen, die in regelmäßigen Zwischenräumen, mit Schmuck beladen, in der Fassade hernicdcrhängen, die Gebisse, die ihre ge- schlosscnen Zähne zeigen, überziehen die ganze Front wie :i:it einem Ricsemnustcr aus Augen und blanken Zahn- reihen.— Durch die Thür des mittelsten Heiligthnms sieht man an der Rückwand ans den: Boden eine ähnliche Maske wie die der Fassade stehen: ihr Rüssel, der i» drei Bogen auf dem Erdboden vorrollt, bildet den Stufen- aufgang zu einem zweiten, höher gelegenen Raum, der wohl das Allcrheiligste war. Wenn man auf der Treppe, die die Terrassen des Tempels enchorführt, die oberste Stufe erreichte, starrte Einem plötzlich zwischen den übrigen Ungeheuern aus dem schwach erhellten Tempclmnem diese aus dem Boden aufragende Meienmaske wie einPhantom entgegen; und darüber in der Hinteren Kaminer, in noch tieferem Dunkel der Gott."— Einfluß des Regens ans die Tcmpcratnr. Wenn die Sonne brennend heiß herniederscheint, so daß die Glieder erschlaffen und ihren Dienst versa, zcn, dann bedeckt sich der Himmel häufig mit schwarzen Wolken. Zwar hört die sengende Glut der Sonne dann auf, weil ihre Strahlen die nebligen Wolkenmasscn nicht zu durchdringen vermögen; aber die ermattende Hitze wird nur noch schlimmer und drückender. Endlich fallen die ersten großen Tropfen, und bald strömt der Regen, häufig von Donner und Blitz begleitet, in ungeheuren Mengen zur Erde nieder. Schon während desselben inacht sich häufig eine Abkühlung bemerkbar; ist er aber vorbei, und lacht die Sonne wieder heiter am Himmel, so ist die drückende Hitze einer angenehmen kühlen Temperatur gewichen. Diese Thatsachc, die jetzt in den drückenden Sonmier- tagen von Tausenden und Millionen beobachtet wird, beruht auf einem einfachen physikalischen Gesetz, dessen Wirkungen sich beinahe stündlich in unserem täglichen Leben zeigen. Fast bei Allem, was wir als Nahrung genießen, ist es nöthig, bei der Zubereitung Wasser zn kochen. Das geschieht, indem Wasser in einem Gefäße auf den Herd gestellt ruck ihm dann durch die Feuerung Wärme zugeführt wird. Juden: das Wasser die Wärme aufnimmt, gewissermaßen verschluckt, wird es naturgemäß heißer. Tcis geht aber nur bis zn einem gewissen Grade; ist dieser erreicht, so geräth das Wasser ins Kochen, wird aber nicht mehr heißer, sondern immer weniger, es kocht ein, wie man zu sagen Pflegt. Das Wasser verwandelt sich nämlich durch die weiter zugeführte Wärme in Dampf, der in die Luft aufsteigt und die aufgenommene Wärme in gebundenem Zustande, wie man das nennt, mit sich führt. Ilcbcrall, wo große Wassermasscn ver- dampfen, sind dazu große Wärmemengen nöthig, die daher nicht erwärmend aufttcten können; folglich bleibt die Temperatur tiefer, als wenn die Verdampfung nicht statt fände. So ist es bekannt, daß es an der Seeküste, wo stets viel Wasser verdampft und viel Wärme hierzu verbraucht, immer kiihler ist, als auf den: platten Lande, wo der Boden durch die Sonnenstrahlen ohne jeden Schutz erhitzt wird. Wenn umgekehrt gasförmiger Wasser- dampf sich in tropfbares Waffer verwandelt, so giebt es die früher aufgenommene Wärmemenge bei dieser Ver- Wandlung wieder zurück. In diesen Thatsachc:: liegt die Erklärung, weshalb der Regen die Luft abkühlt. Heiße Luft ist gewöhnlich stark wasserhaltig; doch giebt es stets eine Grenze, über die die Alenge des Wasser- dampfes in der Luft nicht hinausgehen kann. Ist diese erreicht, so muß die Feuchtigkeit als Regen niederfallen. Da kältere Luft weniger Wasserdampf enthalten kann, als wärmere, so wird namentlich, wenn ein kälterer Luftstrom aus einen wärmeren trifft, Wolkenbildung und Regen eintreten. Doch was auch die Ursache der Wolken- bildung an heißen Tagen sei, jedenfalls wird dabei massenhaft gasförmiger unsichtbarer Wasserdampf in tropfbare Ncvelmassc, aus der die Wolken bestehen, ver- wandelt. Hierbei wird die im Wasserdampf gebundene Wärme frei und erzeugt die drückende Schwüle, die dem Gewitter vorhergeht. Sind aber die Rcgenmassen zur Erde gefallen, so beginnt sofort der umgekehrte Vorgang, das Wasser verdampft wieder und bindet bei der Ver- Wandlung in Dampf große Wärmemengen, die dem Erdboden und der Luft entzogen werden. Daher er scheint die Temperatur nach dem Regen so wesentlich abgekühlt.- b. Einst und Jetzt. Ten: preußischen Kultusminister v. Zedlitz(geb. 1731, Kultusminister seit 1771 bis 1788, wo ihm der berüchtigte Wöllner folgte) hielt das Bres- lauer Konsistorium vor:„Derjenige Unterthan sei der beste, welcher am meisten glaube, und derjenige der >,.v, um uuisiui yiuuuv., Ullü uciiumiv 7' schlechteste, welcher am meisten raisonnire." Der Miniltcr ntgegnete:„Seine Majestät sei nicht gesonnen, die Sicher- IMt- SrtÄ C. T*........ r..!i«. 1 1..! 211 entgegnete:„-oliiic aiiuicnai ic: man gezonnrn, vw c/iw- Izcit des Staates auf die Dummheit der Unterthanen»v gründen."—-eh. Nachdruck des Inhalts Verbote»! Alle für die flicdaktion der„Neuen Welt" bestimmten Seiidmigen sind nach Berlin, diVV 19, Beuthstraße 2, zu richten. Veramwormcher NedaUeur: Oscar kühl tn CharloNenburg.— Verlag: Hamburger Buchdrnckeret und Verlagsanstau Auer ie Co. in Hamburg.— Truck: Mar Babing in Berlin.