Nr. 31 �SUuflvtvie Q- Cnlc rh a 1{ itn cjs b ci läge. 1898 (Schluß) eilige Tage darauf erschienen zwei Herren vom Gericht der Karl Büttner. Es handelte sich um die Voruntersuchung gegen Richard Kaschel. Karl wurde aufs Eingehendste vernommen. Viel war freilich nicht aus ihm herauszubekommen. Er wußte nur wenig von jenem für ihn so verhängniß- vollen Abend im Kretscham zu Halbeuau. Darüber, wie er zu der Wunde am Kopfe gekommen, ver- mochte er nichts Stichhaltiges anzugeben. Immerhin belasteten die Aussagen anderer Zeugen den jungen Kaschel soweit, daß es zur Ver- Handlung kam. Es war festgestellt, daß es Streit gegeben habe zwischen Karl und seinem Vetter. Ferner wurde ausgesagt, daß Richard Kaschel es gewesen, der die Leute aufgefordert habe, den Betrunkenen hinaus- zuwerfen. Das Gravirendste aber war, daß mehrere Zeugen sich besinnen konnten, die eiserne Stange, die zum Festhalten der Thür diente, in der Hand des Angeklagten gesehen zu haben. Daß aber Richard den Schlag geführt habe, der Karl verletzt haben sollte, wollte Niemand beschwören. Der Angeklagte selbst behauptete, er sei nicht mit draußen gewesen vor dem Kretscham, habe viel- mehr die eiserne Stange, auf Befehl seines Vaters, sofort wieder eingelegt. Der alte Kaschel, der unbeeidigt vernommen wurde, bestätigte die Aussagen seines Sohnes. Der Angeklagte wurde freigesprochen. Die öffentliche Meinung schrieb trotzdem dem Gast- wirthssohne die That zu. Man schimpfte weidlich auf die Kaschels und verwünschte sie. Erst hatten sie den alten Büttner ruinirt, ihn von Haus und Hof gebracht, und nun hatten sie ihm auch noch den Sohn für Lebzeiten elend gemacht. Aber solche Worte fielen nur hinter dem Rücken der Kaschels. Ihnen etwas in's Gesicht zu sagen, wagte Niemand: sie waren zu gefährlich. Richard Kaschel zeigte sich, nachdem er hier mit einem blauen Auge davon gekommen, anmaßender und übermllthiger denn je. Das Spielen setzte er fort. Er ging oft weit über Land oder fuhr in die Stadt, um seiner Leidenschaft zu ftöhnen. Dem alten Kaschel wurde unheimlich zu Muthe dabei. Mehr als einmal schon hatte er ein Loch zustopfen müssen für den hoffnungsvollen Sprößling. XXXtl. Nun begannen große Umwälzungen im Bauern- Hofe. Baunieister und Zimmermann erschienen. Im Wohnzinimer wurden die Dielen aufgerissen, die alten erblindeten Fensterscheiben durch neue, große, Der Bütknerbauer. Roman von Wilhelm von Polenz. glänzende ersetzt. Dann kamen die Ofensetzer. Der alte Kachelherd mit Backröhre und Pfanne, der zwei Zimmer geheizt hatte, auf dem die verstorbene Bäuerin das Essen für die Familie, zugleich mit dem Angenienge für das Vieh, zubereitet hatte, wurde weggerissen und an seine Stelle ein städtischer Porzellanofen gesetzt. Die Küche kam in den Neben- räum. Maler und Tapezierer erschienen. Die Holz- Verkleidung ward von den Wänden gerissen, gemalt und geweißt wurde, und in die Zimnier fiir die zukünftige junge Frau kamen sogar Tapeten. Der neue Herr kam öfters von der Stadt heraus, und trieb die Handwerksleute zur Eile an; er wollte bald einziehen. Der Büttnerbauer wurde von einem Winkel in den anderen getrieben. Er war wie ein altes Thier, dem aus Gnade das Leben gelassen wird. Ueberall im Hause herrschten die Handwerker. Schließlich zog sich der Alte mit einem Bündel Sachen in einen Bretterverschlag auf den Boden zurück, um dort zu hausen. Auf dem Felde war's ein Gleiches. Ueberall Neuerungen!— Die Ziegelei wuchs und dehnte sich ans. Jetzt hatten sie ein neues Lehmlager entdeckt, das noch besseres Material enthalten sollte, als das erste. Dort wurde abgegraben. Herr Berger, der neue Besitzer, ließ einen Schienenstrang von der Grube nach der Ziegelei legen. Das ganze Gut ward verbitzelt. Die großen Schläge, einstmals des alten Bauern Stolz und Freude, waren in lauter schmale Streifen zcrtheilt, auf denen kleine Wirthe ihre vier, fünf verschiedenen Früchte bauten. Auch im Walde gab es Veränderungen. Schon im Herbste hatte der gräfliche Oberförster Kahlschlag machen und Hügel zur Kultur auswerfen lassen. Kaum war der Schnee gewichen, wurde mit der Anpflanzung begonnen. Der alte Mann haßte all' das Neue, das vor seinen Augen entstand. Es lag so etwas Aufdring- liches. Vorwitziges in Dem, was diese jungen Leute anstellten. Vierzig Jahre hatte er nach der Väter Weise gewirthschaftet, und nun über Nacht, plötzlich, ward Alles umgestürzt, das Oberste zu unterst gekehrt, seine Arbeit verwüstet, als sei sie nichts Werth. Sein Lebenswerk wurde für nichts geachtet. Die Spuren seiner Thätigkeit waren ausgewischt. Das, was jeder Mensch als mächtigsten Trieb und Sporn zum Handeln in sich trägt, der eigentliche Erreger alles menschlichen Strebens und Schaffens, das Verlangen nach irdischer Unsterblichkeit, der Wunsch, in seinen Werken das ewige Leben zu haben— dieses Denkmal, das jeder Tüchtige sich zu errichten .jpSi-, strebt, damit Kinder und Kindeskinder seiner gedenken, auf daß sein Wesen und Wollen nicht von der Vergessenheit Nacht verschlungen werde— dieser Abdruck seiner Persönlichkeit, der in diesem Grund- stück: Haus, Hof, Feldern, Wiesen und Wald, ein- geschlossen lag, war zerstört; fremde Hände hatten in wenigen Monaten das zur Unkenntlichkeit ver- ändert, was er und seine Vorfahren im Laufe eines Zeitraumes, der nach Generationen gerechnet werden mußte, in Treue und Liebe und Frömmigkeit auf- gerichtet hatten. Die Zeit war über ihn hinweggeschritten. Nun wurde er in die Ecke gestellt, ein ver- brauchtes altmodisches Geräth. Er war ein Baum- stumpf, der mit sammt den Wurzeln ausgerodet ist; so lag er auf dem Boden, dem er, als er in voller Kraft und Blüthe gestanden hatte, seinen Schatten gespendet hatte. Die tausendfältigen Beziehungen, die Jeden mit der Mitwelt verbinden, die unzähligen Wurzelchen, mit denen wir jeden Augenblick Kräfte saugen und Kräfte zurückgeben, waren durchschnitten. Er war unnütz geworden für sich und die Anderen. Er konnte aus der Welt gehen, und nirgends würde eine Lücke klaffen. Zweck- und ziellos ging er umher, im Dorfe, über die Felder, durch den Wald. Wann wäre das früher jemals vorgekommen! Da hatte jeder Gang sein Ziel, da wurde er, außer Feiertags, niemals unbeschäftigt angetroffen. Aber, was sollte er jetzt anfangen? wofür seine Hände rühren? Die Leute redeten ihn an, einzelne aus Mitleid, die meisten aus Neugier; sein Wesen war Allen ein Räthsel. Aber da man fast nie eine Antwort von ihm erhielt, unterblieb das Anreden nnt der Zeit. Die Kinder lachten wohl iiber die struppige Erscheinung des Alten, liefen ihm nach; auch Erwachsene wagten hier und da eine Spottrede hinter seinem Rücken. Aber in's Gesicht ihn zu höhnen wagte Niemand; das Elend hatte noch nicht ganz die Ehrfurcht gebietende Würde aus der Erscheinung des Greises gelöscht. Der Pfarrer stellte den alten Mann auf der Straße und ging eine Strecke mit ihm. Da gab es zarte Vorwürfe zu hören, daß Büttner nicht niehr zur Predigt und zum Tische des Herrn komme. Der Bauer zuckte verdrossen die Achseln, blieb dem Seelsorger die Antwort schuldig. Ein andermal traf Büttner mit dem Güter- direktor des Grafen zusammen. Hauptmann Schroff hielt sein Pferd an und begrüßte den alten Mann. Der Hauptmann beklagte, daß Alles so gekommen wäre. Nun das Bauerngut nicht mehr fiir ihn zu haben sei, habe der Graf seinen Sinn geändert. Er Me Neue N)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 242 lnraie jetzt, den Inden Hineingelassen zn haben. Die neue Nachbarschaft sei dein Herrn Grafen ein Greuel. Der Hauptmann sah wohl selbst ein, daß solche Reden zu spät kamen und Niemanden etwas nützen konnten. Er drückte dem Alten die Hand, überließ ihn seiner Einsamkeit. Was wollten die jungen Leute von ihm? Der Alte verachtete sie im Grunde seiner Seele alle. Alles Reden war sinnlos, alles Mitleid verschwendet! Jedes Wort der Theilnahme bedeutete eine Erniedri- gung für ihn. Nur in Ruhe sollten sie ihn lassen, das war das Einzige, was er noch von ihnen ver- langte. Hi* * Auch dem Sohne eröffnete sich der alte Mann nicht. Der gehörte ja auch zu den Jungen, zu dieser neuen Generation, die keck Uber ihn hinweg- gewachsen war. Gustav war ja auch diesem Boden entstammt, aber er war nicht so fest mit ihm verwachsen, daß er das Verpflanztwcrden nicht überstanden hätte. Er stand jetzt im Begriff, sich in neuen Verhältnissen ein neues Heim aufzurichten fiir sich und die Seinen. Soeben war von Häschke eine Antwort ein- getroffen. Er hatte eine Stelle fiir den Freund gefunden. Gustav sollte in einem großen Hause der inneren Stadt die Vizewirthsstelle übernehmen. Es war ein verantwortungsreicher Posten. Im Hinterhause befand sich eine Kartonnagenfabrik, die über hundert Leute beschäftigte. Im Parterre des Vorderhauses war ein Bankgeschäft, im ersten Stock eine Versicherungsgesellschaft: Alles in Allem wohnten in dem ziemlich weitläufigen Gebäude einige zwanzig verschiedene Parteien. Gustav's ausgezeichnete Militärpapiere hatten den Ausschlag gegeben, als er zu dieser Stellung gewählt wurde. Häschke rieth, daß er sofort an- nehmen solle; es gäbe eine ganze Anzahl anderer Bewerber fiir den Posten. Für Gustav war es nichts Kleines, sich hier zu entscheiden. Vieles daran war verlockend; die feste Anstellung, das auskömmliche Gehalt; übergroße Anstrengung war mit einem solchen Posten auch nicht verbunden und man behielt Zeit übrig für sich und die Seinen. Auf der anderen Seite gab es mancherlei Un- erquickliches an einer solchen. Stellung. Plan brachte mit seiner Arbeit nichts Bleibeudes vor sich, woran man seine Freude hätte haben können. Die Aus- ficht, Höheres zu erreichen, sich selbst vorwärts zu bringen, war ausgeschlossen. Man war der Diener von tausend beliebigen Leuten. Und was Gustav als das Schwerste erschien: er wurde herausgerissen aus dem von Jugend auf gewohnten Leben. Vom Acker weg wurde er in ein städtisches Souterrain verpflanzt, in das vielleicht die Sonne nicht einmal am Tage drang. Wie würde er, wie würde Pauline das ertragen? Erst jetzt, wo er vor die Entscheidung gestellt war, merkte er, was er vorhatte: daß er einen Strich mache unter seine eigene Vergangenheit, daß er mit der vierhundertjährigen Ueberlieferung seiner Familie breche, daß er im Begriff stehe, aus einem Landmann ein Städter zu werden. Er besprach die Sache mit Pauline. Sie über- ließ ihm, wie in allen wichtigen Fragen, auch dies- mal die Entscheidung. Ihr genügte, bei ihm bleiben zu dürfen, alles Andere solle ihr recht sein. Schließlich erkannte Gustav, daß es eine Wahl für ihn nicht gebe; er mußte annehmen. Der Winter hatte die Ersparnisse des vorigen Sommers verschlungen. Als Aufseher wieder in die Rüben- Gegend zu gehen, hatte er verschworen. In der Heimath gab es keine Beschäftigung für ihn, wenn er nicht tagelöhnern wollte. Er mußte also nach Dem greifen, was sich ihm bot, um sich und die Seinen vor Mangel zu bewahren. Die Stelle war durch Todesfall erledigt, und Häschke hatte geschrieben, daß Gustav so bald wie möglich antreten müsse. Es hieß also, in wenigen Tagen packen und Abschied nehmen. Ein Plan war in Gustav gereift: er wollte den Vater auffordem, mit ihnen in die Stadt zu ziehen. Gustav war sich nicht im Unklaren, was er daniit auf sich nehme. Es würde nichts Leichtes sein fiir alle Theile; der alte Manu war schwierig, würde kein bequemer Hausgast sein. Besonders in der Stadt war das nichts Kleines, wo man enge aufeinander saß, wo alle die mannichfaltigen Ab- Ziehungen des ländlichen Berufes fehlten. Aber es mußte sein! Panline sowohl, wie Gustav, waren sich klar darüber, daß sie den Vater nicht in seinem Elend allein lassen durften. Was sollte aus ihm werden in Halbenau, wenn sie nun auch fortgingen? Wenn es Niemanden mehr gab, der sich um die Nothdurft des Alten kümmerte! Das Armenhaus war der wahrscheinliche Abschluß. Eine solche Schande wollte man nicht auf sich laden. Der Familiensinn, der bei Gustav nicht völlig untergegangen war, sprach mit. Soweit war es mit den Büttners doch noch nicht gekommen, daß man das Familienoberhaupt hätte in Schmutz und Armuth verkommen lassen mögen, ohne eine Hand zu rühren. Die Leute würden mit Fingern auf solch' unnatürliche Kinder gewiesen haben. Diese Schmach wollte Gustav seinem Namen nicht anthun. Als sie jedoch mit dem Vater davon sprachen, stießen sie auf Widerstand. Er wollte nicht in die Stadt, erklärte er. Sie hielten ihm vor, was seiner in Zukunft in Halbenau warte: das Einlieger-Elend, die Abhängig- keit von wildfremden Menschen, die ihn als ihren Knecht behandeln und ihm, wenn es ihnen paßte, den Stuhl vor die Thür setzen würden. Und was, wenn er krank würde! Wer würde ihn pflegen? All das hielten sie ihm vor. Ob es Eindruck auf ihn mache oder nicht, war nicht zu ersehen. Er sagte nicht Ja und nicht Nein, trug seine gewöhnliche mürrisch-verschlossene Miene zur Schau. Gustav machte einen Versuch, ihn beim Ehrgefühl zu packen. Sollte er sich bei seinen Jahren noch als Tagelöhner verdingen? Wollte er wirklich in die Ziegelei gehen auf Arbeit? Er, der ehemalige Großbauer: Ziegelstreicher! Oder wollte er gar der Gemeinde zur Last fallen?— Aber auch hierauf zeichnete er nicht. Er schüttelte nur den Kopf und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. Es schien fast, als hege er einen wohlüberlegten Plan, einen Entschluß in seinem Inneren, den er Niemandem verrathen wollte. Seine Kinder drangen noch einmal in ihn. Sie stellten ihm dar, wie schön er es bei ihnen haben werde. Alan wolle ihm ein Stübchen ganz für sich lassen. Häschke habe von einem Gärtchen geschrieben, das Gustav mit im Stand zu halten hätte, diese Arbeit solle er übernehmen, damit er doch seine Beschäftigung habe.— Es verschlug Alles nichts. Man konnte zweifelhaft werden, ob er über- Haupt die Worte höre; seine Züge waren leer, seine Augen schienen auf etwas gerichtet: weit, weit in der Ferne, das nur er sah. Gustav gab es schließlich auf, dem Vater noch länger zuzureden. Wenn der nicht wollte, dann brachten ihn zehn Pferde nicht von der Stelle. Er war eben ein Büttner! Aber Pauline ließ die Hoffnung noch nicht fahren, den alten Mann zu überreden. Sie war, seit sie Gustav geheirathet, der besondere Liebling des Alten geworden. Ihr gegenüber hatte er sogar hier und da etwas von seinem Kummer blicken lassen. Die junge Frau sprach den Schwiegervater noch einmal unter vier Augen, mit jener innigen, schlichten Herzlichkeit, die ihr zu Gebote stand, meinte sie: sie wollten's ihm auch so gut machen, als er sich's nur denken könne. Sie hoffte, ihn vielleicht mit der Kost locken zu können. Sie wollte ihm so kochen, wie er's gewohnt sei, von der Mutter her, und wie sie wisse, daß er's gern habe. Da traten dem Alten plötzlich die Thränen in die Augen; mit einer Weichheit, die man sonst nicht an ihm gewohnt war, sagte er:„Ne, ne! Pauline, laß ack! Du bist gutt!— Ich weeß, Ihr meent's gutt mit mir alen Manne. Aber, laß ack!" Dann versank er in Nachdenken. Sie wagte es, seine Hände zu ergreifen und sie zu streicheln. Noch einmal stellte sie ihm dann vor, wie viel besser er's haben könne, wenn er bei seinen eigenen Leuten bliebe, als unter Fremden. „'s is Alles eens, Pauline!" war seine Ant- wort.„Mit mir is eemal nischt nich! Mir nutzt uischt»ich mih! Ich were bald ganz alle sen!" Sie meinte dagegen: er werde noch.manches Jahr erleben; er sei ja rüstig und nehme es noch mit manchem Jtlngen auf. „Ne, ne! ich ha's'n dicke! Ich ha's'n schun ganz dicke!— De Mutter is nu och tut.'s is ne schiene su alleene ei der Welt." Er schgäuzte sich und wischte die Augen; beides mit der Hand. Dann fuhr er fort:„Gicht Ihr ack! und laßt mich Ales in Frieden. Ihr sed jung! Ihr wißt ne, wie's unsereenem zu Muthe is. Ihr kennt's ne wissen. Das kann Niemand nich ver- stiehn, wie's unsereenem um's Harze is.— Su manchmal Nächtens— su alleene— und an Tage och, su verlassen! Mer mechte sich winschen, daß de Sunne gar nich scheinen thate. Alles is eeneni zuwider! Ne, ne! das verstieht Niemand ne, der's ne derlabt hat!— Laßt mich ack! Ich wer schun a Platzel finden; is ne ei der Welt, dann is am Ende, kann sen, haußen." Pauline schluchzte laut auf, als sie den alten Mann so sprechen hörte. „In, ju! Su is! Ich glob', ich wer mich ne lange mih zu schinden han.— Ich will Der och noch was mitgahn, Pauliue, zum Adenken, eh' daß'r gieht." Damit ging er nach seinem Bretterverschlag auf den Boden und kam nach einiger Zeit, den Arm voll Kleidungsstücken, zurück. Da war eine wattierte Puffjacke der Bäuerin, eine seidene Schürze, die er'mal seiner Braut zum Geschenk gemacht hatte, etwas Leibwäsche der Per- storbenen und noch Kleinigkeiten aus dem Nachlasse der Bäuerin, mit denen er Paulinen beschenkte. Auch Gustav sollte bedacht werden. Der Alte schleppte seinen Schafwollpelz herbei, den er seit dreißig und mehr Jahren führte. Pauline weigerte sich, den Pelz fiir ihren Mann anzunehmen; den müsse der Vater behalten, damit er im Winter was Warmes habe. „Ich wer' keenen Winter mehr sahn!" sagte der Bauer. Da er böse zu werden drohte über ihre Weige- rung, nahm sie den Pelz schließlich an zum Schein. Sie wollte ihn der eigenen Mutter übergeben, die ihn einstweilen aufbewahren und dem Alten bei beginnender Winterszeit zurückstellen sollte.— An einem Sonntag Morgen in der Frühe nahmen Gustav und Pauline Abschied von Halbenau. Ihre Abreise hatte manchen Frcnnd und manche Freundin herbeigelockt. Frau Katschner schwamm in Thränen. Sie mußte der Tochter heilig ver- sprechen, daß sie nach dem alten Büttner sehen werde. Die Wittwe hatte im Stillen noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, daß ihr noch ein zweites Mal die Freuden des Ehestandes zu Theil werden möchten. Im geheimsten Kämmercheu ihres Herzens regierte kein Anderer als Traugott Büttner allein. Der alte Mann war nicht erschienen, uni von seinen Kindern Abschied zu nehmen. Die Leute sagten, er sei auf dem Wege nach der Kirche gesehe» worden. XXXIII. Am Sonnabend war der alte Büttner zum Dorfbader gegangen und hatte sich seinen Bart ab- nehmen lassen. Sonntags, beim Morgengrauen, nahm er seine Feiertagskleider aus der Lade, den langschößigeu Tuchrock, der zur Hochzeit neu gewesen war, die Weste mit den Perlniutterknöpfen, den Zylinder, der ihm nun auch schon an dreißig Jahre Dienste gethan hatte, und der trotz alles Streichens mit dem Rockärmel immer widerhaariger wurde. Traugott Büttner ging zum Tisch des Herrn. In seinem Feiertagsstaat, das Gesangbuch in der Hand, schritt er die Dorfsttaße hinab. Er blickte nicht rechts noch links, nur auf seinen Weg. Andere Altarleute, die ihn überholten, blickten ihm erstaunt in'S Gesicht. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhalwngsbeilage. 243 Ja, war denn das wirklich der Biittnerbauer! Oder war es sein Geist? Die bleichen Wangen, nicht mehr vom Bart versteckt, zeigten jetzt erst ihre ganze hohle Magerkeit. Er erwiderte keinen der vielen Morgengriiße, die ihm von allen Seiten geboten wurden. Sein Gang war langsam, aber fest, die Blicke hielt er starr geradeaus gerichtet. Mau steckte die Köpfe zusammen.„Saht ack! „Biittuertraugott zieht beichten!"— Er war eine ungewohnte Erscheinung geworden in der Kirchfahrt. Beim Hauptgottesdienste, der der Kominunion folgt, nahm Büttner seinen altgewohnten Kirchen- platz ein. Vieler Augen waren auf ihn gerichtet; es war, als ob nach langem Krankenlager Einer wiederum unter Menschen geht. Selbst der Geist- liche schien unter dem Eindrucke zu stehen, daß heute ein besonderer Gast in ihrer Mitte weile; er sprach einige Male mit Betonung nach jener Richtung hin, wo der alte Mann saß. Der hörte der Predigt vom ersten bis zum letzten Worte mit Aufmerksamkeit zu. Beim Schlüsse des Gottesdienstes opferte er seinen Groschen, wie er es von jeher gethan, so oft er das Abendmahl genossen. Man wollte ihn anreden, als er aus der Kirche trat. Alte Freunde drängten sich an ihn heran. „Nu, Traugott!" hieß es:„wo Haft denn Du su lange gestackt?" Er schien für die Frager keine Zeit zu haben. Mit eigenartig ernstem Blicke sah er die Leute au, schüttelte den Kopf, wandte sich und ging.— Mancher, der jetzt kaum darauf geachtet, sollte sich später daran erinnern.—„Grade als ob'r D'ch durch und durch buhren wullte; und duch als ob'r ganz wu andersch hin säke," schilderte ein Zenge nachmals diesen Blick. Dann sei er auf einmal verschwunden aus der Menge der Kirchgänger; Keiner wollte wissen, wie das ge- schehen.— Traugott Büttner schritt auf seinen ehemaligen Hof zu. Heute war das Haus menschenleer; des Feiertags wegen arbeiteten die Handwerker nicht. Er ging in die Kammer, legte die Feiertags- kleidung ab und zog die Werkeltagskleider wieder an. Dann legte er die gute» Sachen sorgfältig zusammen- gefaltet auf einen Stuhl, das Gesangbuch zu oberst auf das Bündel. Nachdem er das besorgt, begab er sich in den Stall. Er steckte den Kühen Futter auf, reichlich, für zwei Mahlzeiten. Den Schweinen schüttete er Trebern vor und goß einen Rest von Milch darüber, zu einer rechten Feiertagsmahlzeit. Darauf sah er sich noch einnial um, wie um sich zu überzeugen, daß Alles beschickt und in Ordnung sei. Dan» machte er die Thür hinter sich zu und schritt zum Hofe hinaus, aus dem Wege hin, der nach dem Walde führt. Nach einer Weile machte er Halt, wandte sich um. Hatte er etwas vergessen?— Er ivollte nur das Dach noch einmal sehen, unter dem er Zeit seines Lebens gehaust hatte. Dort ragte der freund- liche Giebel über die Scheune hinweg. Der alte Plann hielt die Hand über die Augen, um sie vor den blendenden Strahlen der Frühjahrs- sonne zu schlitzen. Er stand da eine Zeit laug, be- trachtete Alles noch einmal ganz genau; das würde er nicht wieder sehen!— Dort auf den Scheuuenfirsten war schon wieder mal das Stroh lose geworden; es sträubte sich wie unordentliches Haar nach allen Richtungen. Daß er das garnicht bemerkt hatte bisher!— Nun, der Neue würde das schon in Ordnung bringen! Ihn fröstelte auf einmal. Warum stand er denn hier eigentlich? Was wollte er denn?— Ja, richtig! Nur schnell! Je eher, je besser! Wozu hier noch stehen und gaffen? Das nützte ja doch nichts! Aber das Strohdach... Er hätte garnicht gedacht, daß der Wind so stark gewesen wäre neulich!— Er war selten hier heraus gekommen in der letzten Zeit, weil ihn die Ziegelei ärgerte. Ach, diese Ziegelei! Das ganze Gut war schimpsirt. Dort blickte die Esse vor; er mochte garnicht Hinblicken! In weitem Bogen umging er das Bauwerk; bis er hinter der Ziegelei wieder auf den Hauptweg des Gutes kam. Wie viel tausend und abertausendmal in seinem Leben war er diesen Weg hillausgeschritten! Zn allen Jahreszeiten, ledig und mit Bürde, allein, oder in Gesellschaft der Frau, der Kinder, mit den Gespannen. Vom Bllttner'schen Hofe kam der Weg, führte durch Biittner'sche Felder und Wiesen, lief in den Bütt- ner'schen Wald aus. Eine halbe Stunde und mehr konnte der Bauer geradeaus schreiten, ohne von seinem Grund und Boden herunter zu kommen. Hier war er umgeben von den Zeugen seines Lebens und Wirkens. Jeuer klobige Steiublock er- innerte ihn an die tagelange schwere Arbeit, mittelst der er ihn aus den: Acker gehoben. An dieser Ecke war er in ftllher Jugend bewahrt worden vor Unfall, wie durch ein Wunder: die Pferde waren schen ge- worden, hatten den Knaben geschleift, als der Vater desselben Weges kam, sich den Thieren entgegenwarf und so des Kindes Leben rettete. Dort jenen wilden Rosenstrauch hatte er stehe« lassen, während rings alles Gebüsch gerodet wurde, der Hagebutten wegen, aus denen die Bäuerin ein schmackhaftes Mus zu bereiten verstand.— Hier hatte jeder Fußbreit Landes Bedeutung für ihn, jedes Hälmchen erzählte ihm eine Geschichte. Jetzt verließ er den Hauptweg, schlug einen schmalen Gang zwischen zwei Feldern ein. Dabei stieß er auf einen frisch gesetzten Grenzstein. Das war die neue Eintheilung!— Alles hatten sie ihm durcheinander geworfen: die Grenzen, die Schläge, die Fruchtfolge. Da war ein Stück mit grüner Saat. Hafer konnte das nicht sein. Ja, zum Teufel, was war denn das?— Der Bauer blieb stehen, bückte sich, betrachte sich die Hälmchen genau. Das war ja Gerste!— War der Manu verrückt, hier Gerste zu bauen, auf diesem nassen Zipfel! Der würde sich nial wundern im Herbst, was er hiervon ernten mochte! Er mußte doch seinen Acker kennen. Hier gerade war undurchlässiger Thonboden, und immer Nässe. Da wollte solch ein Esel Gerste bauen! — Der Alte lachte grimmig in sich hinein. Aber er hatte ja noch was vor heute. Nichtig!— Ein kleiner Schauer lief ihm den Rücken hinab. Nur die Furcht nicht Herr werden lassen! Die Sache war schnell vorüber, wenn man's richtig anfing. Er überzeugte sich durch einen Griff in die Brusttasche, daß das, was er brauchte, auch da sei. Was sie wohl sagen würden, wenn sie ihn erst gefunden haben würden!— Was seine Pciniger da sagen würden!— Kaschelernst, der Hund! Dort lag sein Feld. Sein Korn schien gut zu stehen heuer. Wie er ihm im vorigen Jahre die Saat umgestürzt hatte, das war doch mal ein gelungener Streich gewesen!— Der Schimmer eines Lächelns flog über die verbissenen Züge des alten Mannes. Jetzt mußte er Halt macheu; er war zu schnell gegangen. Nur Ruhe! Er kam noch zeitig gcnug! Er warf einen Blick auf das Dorf, das man von hier aus in seiner ganzen Länge übersehen konnte bis zur Kirche hinab. Eben begannen sie dort zu läuten; es war wohl zum zweiten Gottesdienste. Büttner nahm unwillkürlich die Miitze vom Kopfe, faltete die Hände, betete ein Vaterunser. Dann seufzte er tief und wandte sich wieder zum Gehen. Ob sie ihm tvohl ein christliches Bcgräbniß ge- statten tviirden? Daß er als Christ gestorben und nicht wie ein Heidenmensch, das mußten sie doch einsehen! Die ganze Gemeinde und der Pastor hatten ihn ja in der Kirche und am Altar gesehen. Das mußte doch gelten. Es war ja am Ende nicht recht in den Augen der Menschen, was er that, und eine Sünde vor Gott dem Herrn war es auch. Aber konnte er denn anders? Tausendmal hatte er's erwogen. Wie viel schlaflose Nächte waren darüber hingegangen seit jener, wo ihm der Gedanke zum ersten Male ge- kommen! Es war damals gewesen, als seine Frau unbeerdigt im Hause lag. Er selbst hatte die Todte gewaschen und angekleidet. Still hatte sie dagelegen und zufrieden, im Leichenhemde. Da war ihm beim Anblicke des friedlichen Angesichts seiner Lebens- gefährtin zum ersten Male der Gedanke gekommen, wie viel besser es doch die Todten hätten, als die Lebenden. Garnicht schrecklich war der Tod; er hatte etlvas so Natürliches und Gutes. Seitdem ließ ihn die geheime Sehnsucht nach der Ruhe nicht wieder los. Anfangs hatte ihm oft gegraust bei dem Ge- danken, wie doch ein solches Ende ivider Natur und Sitte sei. Er scheute vor der Ausführung zurück. Allmälig aber hatte er sich an die Vorstellung des Grauenhaften so gewöhnt, daß seine Pulse kaum schneller gingen, so oft er daran dachte. Es gab ja keinen anderen Weg! Sie hatten ihm Alles zerstört, was den Menschen an's Leben fesselt. Nichtig hinausgedrängt war er worden aus seinem Hause, aus seinem Besitz, aus allen seinen Rechten. Den Boden hatten sie ihm unter den Füßen weggerissen. Wenn sie's gekonnt hätten, sie hätten ihn, gewiß auch Licht und Luft genommen. Ein Bettler war er. Aber iii's Armenhaus sollten sie ihn doch nicht bekommen. Die Freude wollte er ihnen nicht machen, den ehemaligen Büttner- bauer im Armenhause zu sehen. Nun würde er's ihnen gerade mal zeigen, daß er seinen Kopf für sich hatte. Pitt guten Lehren und Rathschlägen waren sie immer schnell bei der Hand gewesen, aber ihn zu retten, hatte Keiner den Finger gerührt. Er verachtete sie Alle, die ganze Sippe! Daß er nun endlich keine Gesichter mehr zu sehen brauchte, war ihm ein langersehntes Glück. Sie ließen Einen ja doch nicht in Frieden, wie tief man sich auch ver- kroch, sie kamen Einem nach, überall hin, die ge- schwätzige neugierige Art. Plan mußte schon ganz aus der Welt gehen, um Ruhe zn haben. Und nach seinem Tode würden sie wahrscheinlich erst recht klug reden. Das hätte er nicht thun sollen, würden sie sagen. Ein großes Gezeter würden sie anheben. Er kannte sie ja, wie sie waren, kaltherzig und gleichgültig, so lange Einer zappelt, und dann, wenn ihm der Athen: ausgegangen, wenn er verröchelt war, dann kamen sie herbeigelaufen, umstanden das Opfer mit Thränen und Seufzern und Redensarten. Aber das sollte ihn nicht bekümmern, das hörte er ja Alles nicht mehr!— Er that, was er für recht hielt. Hier durfte ihm Keiner mehr was'rein reden. Mit sich selber konnte man anfangen, was man wollte. Wer Einem nichts gab, hatte Einem auch nichts zn befehlen!— Jetzt war er seinem Ziele schon ganz nahe. Dort am äußersten Feldrande stand der Baum; ei» wilder Kirschbaum, schlank gewachsen. Ein Haufen Steine, aus dem Felde zusammen gelesen, lag dar- unter. Die Krone stand in voller Bliitheupracht, leuchtete weithin, wie eine weiße Haube. Dahinter lag das Büschelgewende. Der Alte machte Halt. Was war denn hier vorgegangen? Erdhäufchen an Erdhäufchen, in langen schnurgerade ausgerichteten Reihe»! lind die grünen Quirle, die ans den Haufen hervorlugten: junge Fichtenpflanzen! Hatten sie ihm das Büschelgewende also doch zugepflanzt!— Wie viele Tage und Stunden mühe- voller Arbeit, mit Pflug und Egge, steckten in dem Boden! Und diese Arbeit war für nichts und wieder nichts gewesen. Was er im Laufe eines Lebens der Wildniß entrissen, hatte die gräfliche Forstver- waltung in wenigen Tagen zupflanzen lassen. Also auch dieses Zeuguiß seines Schaffens war vernichtet; so hatten sie ihm denn alle Mascheil seines Lebenswerkes aufgelöst. Er stand und starrte die grünen Spitzen der Fichtenpflänzchen an. Eine dumpfe Wuth stieg in ihm auf. Da fiel ihm noch zur rechten Zeit ein, wie sinnlos sein Aerger sei; er brauchte sich ja nicht mehr zu ärgern. Nichts auf der Welt ging ihn mehr was an, wie er Keinen mehr was anging. Noch einmal empfand er die ganze Wonne des wirklich Einsamen, den Stolz, die Verachtung des Bedürfnißlosen, der im Begriffe ist, das letzte ab- getragene Gewand von sich zn werfen. Er war mit hastigen Schritten an sein Ziel gelangt. Hier stand der Kirschbaum mit dunklem, glänzendem, wie polirtem Schafte, bis in's kleinste Aestchen von zierlichen Bliithcnkelchen bedeckt. Die ersten Bienen schwärmten bereits in der Krone. 244 Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Traugott Büttner achtete nicht auf das Summen und den Duft. Er maß den Baum mit prüfendem Blicke. Hier der unterste Ast war stark genug. Wenn er auf den Steinhaufen stieg, konnte er ihn erreichen. Eine Schlinge— dann die Füße los- gelassen und dann... Wieder lief ihm ein Frösteln durch alle Glieder. Ein Druck am Halse, als würde er ihm zugeschnürt, ein würgendes Gefühl im Unterleibe; die Beine drohten ihm den Dienst zu versagen. Er mußte sich, von Schwäche übermannt, an den Stanim lehnen. Vor den Augen flimmerte es ihm. Er stand da mit offenem Wunde, stieren Blickes. Es war zu fürchterlich, was er thun wollte: Hand an sich selbst legen! Fürchterlich!— Wenn ihm das Einer in der Jugend gesagt hätte, daß er so enden werde! Er betete ein Vaterunser, das erleichterte ihn. Dann richtete er sich auf; der Furchtanfall war vorüber. Er wollte sterben; tausendmal hatte er sich's überlegt. Es war nicht das erste Mal, daß er mit dem Stricke in der Tasche hier draußen stand. Bisher hatte ihn immer noch der Gedanke an seine Kinder abgehalten, das Letzte zu thun. Sie sollten ihn nicht so hängen sehen.— Nun waren sie fort. Was die Anderen sagen würden, die Fremden, war ihm gleichgültig. Heute wollte er's mal zu Ende führen. Er war ja gut zum Sterben vorbereitet: war zur Beichte gewesen, hatte das heilige Abendmahl genossen; Gott mußte ihm seine Sünde vergeben.— Jetzt stand er auf dem Steinhaufen, der Strick saß fest am Aste, er brauchte nur den Kopf durch die Schlinge zu stecken.— Noch einmal hielt er inne. Sein Blick flog über die Felder und Wiesen zu seinen Füßen. Das war sein Land, er starb auf seinem Grund und Boden. Sein Auge suchte das Vaterhaus; da unten lag es, winkte zu ihm herüber aus blühenden Baum- krönen. Fast unbewußt streifte er die Schlinge über den Kopf. Wenn er sich nun mit den Füßen abstieß, war's geschehen. Noch ein Vaterunser! Der Strick würgte ihn schon am Halse. Er fühlte die Steine unter sich rollen. Unwillkürlich suchte er eine Stütze mit den Füßen. Umsonst! Er hatte den Grund verloren, sein Körper wurde lang. Was war denn das an seinem Halse? Ein Band mit eisernen Stacheln!— Sie rissen ihm den Körper in Stücke! Hing er denn? Er sah ja noch Alles, ganz deutlich: dort die beiden Leute, zehn Schritte von ihm.— So helft mir doch! Schneidet nnch ab! Seht Jhr's denn nicht!— Nichts! Sie rühren sich nicht. Der Wind spielt mit ihren Haaren, sie haben große, stille Angen. Der Eine ist sein Vater, er erkennt ihn ganz genau, der Vater mit dem langen, gelben Haar, bartlos. Und das kleine gebückte Männchen daneben ist der Großvater. Ein uralter Mann mit schiefer Nase und rothumränderten Augen. So stehen sie da und sehen ihm ernst und schweigend zu. Er will mit ihnen reden. Wenn nur das Band am Halse nicht wäre.— Hülfe! Helft mir!— Jetzt kommt der Vater heran. Vater!— So, jetzt wird's leichter.— Was sind das für große, schwarze Vögel?... Der Wind schaukelt den Körper hin und her. Die Bienen im Kirschbaum lassen sich deshalb in ihrem Geschäfte nicht stören. Der Kopf mit dem grauen Haar hängt tief auf die Brust herab. Die weit aus ihren Höhlen hervorquellenden Augen starren die Scholle an; die Scholle, der sein Leben gegolten, der er Leib und Seele verschrieben hatte.— Ende. —- Wie die Drehung und Bewegung der Erde erkannt wurde. Von Karl Wcrnhcr. �t�edes Kind weiß heutzutage, daß die Erde sich in 24 Stunden einmal um ihre Axe dreht, fec-S-) und daß sie im Laufe eines Jahres einen Umlauf um die Sonne vollendet. Es ist dies eine Erkenntniß, die seit den Zeiten des Copernicus (1473— 1543) vollständig in das allgemeine Be- wußtsein übergegangen, zu einem Bestandtheil der allgemeinen Volksbildung geworden ist. Der Angen- schein widerspricht einer Bewegung der Erde zwar durchaus; die Erde scheint das absolut Feste und im Räume Ruhende zu sein, der unverrückbare Punkt, um den das ganze Weltall kreist. Da jedoch in der Schule gelehrt wird, daß die Erde sich bewegt, so wird dies allgemein angenommen, zumal ja Alles, was die Astronomen voraus verkünden, mit einer sehr großen Genauigkeit bis auf Brnchthcile einer Sekunde eintrifft. Dieser letztere Umstand ist es hauptsächlich, der den astronomischen Lehren so großes Vertrauen verschafft hat; denn der Erfolg zieht die Menge stets hinter sich her. Von den eigentlichen Gründen aber, die zu der Annahme der Erdbewegung geführt und die Annahme schließlich zur Gewißheit erhoben haben, wissen die Wenigsten etwas. Uebrigens ist die Lehre von der Drehung und Bewegung der Erde keineswegs so jungen Datums, als die Meisten wohl meinen; schon anderthalb Jahr- tausend vor Copernicus wurden ähnliche Gedanken ausgesprochen und fanden mehrere Jahrhunderte hindurch wissenschaftliche Anhänger und Vertreter. Daß die Erde eine kugelförmige Gestalt besitzt, war den Menschen bekannt, seit sie überhaupt ihren Blick zum Himmel richteten. Den Seefahrern mußte die Krümmung der Erdoberfläche in allen Richtungen auffallen, da sie stets von einem herannahenden Schiff zuerst die Mastspitzen, zuletzt den Rumpf er- blickten, und da von einem sich entfernenden Schiff zuerst der Rumpf den Blicken entschwand. Klarer noch trat die Krümmung in der Nord-Siid-Richtung zu Tage, weil man bemerkte, daß beim Stenern nach Norden sich die Sterne am nördlichen Himmel mehr und mehr über den Horizont erhoben, die Sonne dagegen und die im Süden stehenden Sterne mehr und mehr herabsanken. Ebenso mußte man die Krümmung in der West-Ost-Richtnng bemerken; denn daß die östlich gelegenen Orte die Sonne früher erblickten, daß es dort früher Mittag und dann auch früher Abend wurde als an westlicher ge- legenen Orten, mußte ebenfalls schon frühzeitig be- merkt werden. Zwar hatte man keine sehr sicheren Uhren; aber es gab doch Ereignisse, die zu einer bestimmten Zeit eintreten und an verschiedenen Erd- orten zu offenbar verschiedenen Zeiten wahrgenommen wurden. Vor Allem sind dies die Verfinsterungen des Mondes, welche entstehen, wenn der Schatten, den die Erde wirft, über die glänzende Mondscheibe hinwegzieht. Ein solches Ereigniß tritt nicht etwa, wie eine Sonnenfinsterniß, für verschiedene Orte zu verschiedenen Zeiten ein, sondern für alle zu derselben Zeit. Bei einer Sonnenfinsterniß zieht der Schatten des Mondes über gewisse Theile der Erde hin, deren Bewohner daher die Sonne nacheinander ver- finstert erblicken; bei einer Mondfinsterniß dagegen geht der Mond durch den Schatten der Erde hin- durch und muß daher überall da, wo er sichtbar ist, gleichzeitig verfinstert erscheinen. Wenn trotzdem die Verfinsterung der Mondscheibe an einigen Orten in den frühen Nachtstunde», an weiter westlich gelegenen erst nach Mitternacht beobachtet wurde, so ergab sich hieraus ein deutlicher Zeitunterschied für die in der Richtung West-Ost gelegenen Orte, der nur durch eine Krümmung der Erdoberfläche zu erklären war. Daß die Krümmung die einer Kugel ist, ergab sich aus der kreisförmigen Form des Schattens, den die Erde bei den Verfinsterungen des Mondes zeigte; denn nur eine Kugel wirft allezeit einen kreisförmigen Schatten, von welcher Seite sie auch beleuchtet werden mag. So ist es denn nicht zu verwundern, daß schon in den ältesten Zeiten die Kugelgestalt der Erde bekannt war, und daß wir aus verhältnißmäßig früher Zeit von Bemühungen hören, die Dimensionen der Erdkugel zu bestimmen. Schon um 280 vor Christi Geburt nahm der berühmte Geograph und Naturforscher Eratosthenes in Alexandria eine Grad- Messung vor, aus der er für den Umfang der Erde einen zienilich zutreffenden Werth ableitete. Stand die Kugelgestalt der Erde einmal fest— und sie ist in dem ganzen Alterthum nie ernsthaft in Zweifel gezogen worden—, so sollte man es eigentlich für einen sehr naheliegenden Gedanken halten, die scheinbare Umdrehung des ganzen Himmels- gewölbes durch eine tägliche Drehung der doch ver- hältnißmäßig kleinen Erdkugel zu erklären. Was für ungeheuere Geschwindigkeiten müßten die Sonne und die Planeten, sowie vor Allem die Fixsterne haben, wenn sie sich bei ihren ungemessenen Entfernnngen in 24 Stunden um die Erde herumdrehen sollten! Doch ist dem gegenüber festzuhalten, daß die Alten die Sterne an durchsichtigen Sphären(Kugeln) be- festigt glaubten, wobei sie für sämmtliche Fixsterne eine einzige Sphäre annahmen, und daß sie die Lehre von der Umdrehung dieser Sphären schon einige Jahr- hunderte früher ausbildeten, ehe sie im Stande waren, irgend welche Entfernungen im Weltenraume zu be- stimmen. Daher ist es nicht unmittelbare astro- nomische Beobachtung gewesen, vielmehr philosophische Gedankenbildung und Ueberlegung war es, die zuerst zu der Annahme einer Bewegung der Erde führten. In der von Pythagoras(um 580 v. Chr.) ge- gründeten Gemeinschaft, die wissenschaftliche Forschung mir politischer und ethischer Reformthätigkeit verband, wurde zuerst die Bewegung der Erde gelehrt. In der Ppthagoräischen Schule, wie diese Gemeinschaft genannt wurde, trieb man vor Allem Atathematik und Musik, und bahnbrechende mathematische Eni- deckungen sind hier gemacht worden. Dieselben wurden mit mystischen Gedanken über die Zahlen, welche von den Pythagoräern mit dem Wesen und dem Ursprung der Dinge in Verbindung gesetzt wurden, verknüpft. Die Anzahl der allgemein bekannten Welt- körper war acht, nämlich Erde, Sonne, Mond, nebst den fünf Planeten Bterkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn; zu diesen wurde ein heiliges Feuer als neunter ersonnen, das gleichzeitig in den Atittelpnnkt der Welt gesetzt wurde. Das Feuer galt als das Symbol des Reinen und Wahren und Vollkommenen gegenüber dem Unvollkommenen und Irdischen; daher schien es undenkbar, daß die unvollkommene Erde der unverrückbare Atittelpunkt des kreisenden All sein sollte, und so wurde vielmehr das himmlische Feuer in's Zentrum gerückt. Man sieht, daß es nicht astronomische Beobachtungen waren, die zur Annahme der Erdbewegung führten, sondern lediglich der philo- sophischen Ueberlegung entsprungene Gründe, die daher kein großes Gewicht beanspruchen konnten. Aus den- selben Ursachen wurde auch die Zahl der Wcltkörpcr um einen vermehrt; niit dem Zentralsener war sie auf neun gestiegen; zehn aber galt als die heilige Zahl, die durch die Summirung von 1-j- 2-s- 3-s- 4 zu Stande kommt. Daher ersannen die Pythagoräer als zehnten Körper die Gegenerde, die wir nie er- blicken könnten, weil sie an der von uns abgekehrten Seite des Zentralseuers stehe, um das sie sich in gleicher Weise tvie die Erde bewege. Dann erst folgen in größeren Abständen Mond, Sonne und die anderen Planeten. Während nun die Fixstern- sphäre nur einen Umschwung in 24 Stunden voll- führt, nehmen die anderen Sphären zwar au diesem Umschwünge Theil, haben aber außerdem noch eine zweite langsamere Bewegung um das heilige Feuer, deren Perioden in bestimmten Verhältnissen zu ihren Entfernungen stehen. Bei dieser Bewegung erklingen sie in einer überaus wohltönenden und zarten Musik, die wir freilich mit unseren groben Sinnen nicht wahrnehmen können; dagegen gewährt die Sphären- musik den vollkommenen Geistern in ihrer reinen Harmonie die bedeutendste und schönste Freude. Man sieht, daß diese Gedanken von nüchterner, wissenschaftlicher Beobachtung sich ziemlich weit ent- fernen; daher konnten sie auch keinen übermäßigen Einfluß auf die Verbreitung thatsächlichen Wissens gewinnen, ganz abgesehen davon, daß die Pythagoräer ihr Wissen zum großen Theil als Geheimniß ihrer Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhalwngsbeilage. 245 Gemeinschaft behandelten. Die Erkenntniß der That- fachen wurde auf diesem Wege insofern gefördert, als die verdienstvollen mathematischen Arbeiten der Pythagoräer bewirkten, daß von wissenschaftlichen Forschern auch ihren philosophischen Ueberlegungen großes Gewicht beigelegt und die Lehre von einer Gegenerde, zu einer Erdkugel vereinigt, um das Feuer iu ihrem Inneren, so liegt es sehr nahe, diese Bewegung in 24 Stunden erfolgen zu lassen, wo- durch denn der Umschwung des Himmelsgewölbes, der Umschwung der Fixsternsphäre erspart und als ein nur scheinbarer erkannt wird. Die tägliche in Athen lebte und lehrte. Diejenigen seiner Schriften, die uns erhalten sind und von denen wir wissen, zeigen ihn als einen scharfsinnigen Beobachter, der u. A. zum ersten Wale eine Methode angab, die Entfernung der Sonne von der Erde und dem Monde zu bestimnien. Wie er die beiden Sätze, Bewegung der Erde nicht von vornherein für un- sinnig erklärt wurde. Um die Bewegungen der Himmelskörper, die doch scheinbar um die Erde er- folgen, mit den Grundlagen des geschilderten Welt- systems in Einklang zu bringen, verschmolzen die späteren Pythagoräer, im vierten und dritten Jahr- hundert vor Christi Geburt, die Erde und Gegenerde zu einem Körper, so daß sie als die beiden Hälften der Erdkugel erschienen, und in ihrem Inneren mußte sich nun das heilige Feuer, das unverrückbare Zentrum der Welt befinden. Bewegen sich aber Erde und Nach dem Gemälde von Paul Söborg Drehung der Erde war somit eine Lehrmeinung der Schule geworden; allerdings war sie nicht mit zwingender Nothwendigkeit ans den Erscheinungen erschlossen, sondern durch ein Zusammenwirken von Beobachtung und Spekulation, d. i. philosophischer Ueberlegnng. Der Erste, der den kühnen Schritt that und zu dieser täglichen Drehung der Erde auch ihre jährliche Bewegung um die Sonne annahm, war ein jüngerer Zeitgenosse des oben genannten Eratosthenes, der auf Samos geborene Aristarch, der um 250 v. Chr. die uns von ihm berichtet werden, daß die Erde sich an jedem Tage um ihre Axe drehe und im Laufe eines Jahres um die Sonne henimgehe, näher be- gründet und ausgeführt hat, ist uns leider nicht überliefert. Den ersten Satz hat er wohl von den Pythagoräern sammt ihrer Begründung angenommen; dann erscheint es nicht unwahrscheinlich, daß Aristarch und vielleicht auch andere Pythagoräer das im Inneren der Erde glühende Feuer für die Erhaltung der Welt nicht so wesentlich finden konnten, als die lebenspendende Sonne. Von ihr erhalten wir ja 246 Die Neue Welt. Illuftrirte Unterhaltungsbeilage. Licht und Wärme, durch welche sie der Urquell alles Lebens auf Erden ist; deswegen wurde sie ja schon im Alterthum als segenbringende Gottheit verehrt, und auch von Copernicus wird sie noch anderthalb Jahrtausende später als die erhabene Weltlenchte gepriesen. Da liegt die Vermuthung sehr nahe, daß auch Aristarch die Sonne für das heilige Zentralfeuer erklärte und so in unmittelbarem Ver- folg der Gedanken, die von den Pythagoräern gelehrt wurden, zu der jährlichen Bewegung der Erde kam. Bei den astronomischen Kenntnissen und dem Scharf- sinn des Aristarch läßt sich wohl annehmen, daß er auch die Bewegungen der Planeten zur Begründung seiner neuen Lehre herangezogen hat; aber seine hauptsächlichsten Beweisgründe mag er wohl aus der Philosophie hergeholt haben. Wenigstens ist uns nicht bekannt geworden, daß er ein umfassendes Slistem aller Bewegungserscheinungen am Himmel ans Grund der im Weltall ruhenden Sonne auf- gestellt und auf die dadurch ermöglichte einfache Darstellung der scheinbar so komplizirten Bewegungen anr Himmel nachdrücklich hingewiesen hat. Gelegentlich wird das Letztere immerhin geschehen sein; denn während der folgenden vier Jahrhunderte erhielt sich Aristarchs Lehre unter den Astronomen und nöthigte dieselben, sich auf die eine oder andere Weise mit ihr auseinanderzusetzen. Es ist ja auch klar, daß sie den Astronomen wegen ihrer Einfachheit außerordentlich zusagen mußte, und schließlich waren es dann auch physikalische, nicht astronomische Gründe, die zu ihrer Beseitigung fiihrten. Gerade die bedeutendsten astronomischen Forscher des griechischen Alterthums, welche auf Aristarch folgten, hielten es weit weniger für ihre Aufgabe, schon umfassende Weltsysteme aufzustellen, in echt wissenschaftlicher Weise suchten sie zunächst die Er- scheinungen selbst festzustellen und zur Darstellung zu bringen, ohne sich in gekliigelte philosophische Erklärungen einzulassen, und gerade diese Seite der Aristarchischen Lehre hat es wohl verschuldet, daß ihr Einfluß immer verhältnißmäßig gering blieb. Bon dem hervorragendsten Astronomen, den das Alterthum hervorgebracht hat, von Hipparch, der um 150 v. Chr. in Alexandria lehrte, wurde die Be- wegung der Erde unbeachtet gelassen. Er entdeckte die wunderbare Thatsache, daß die Weltaxe selbst nicht absolut feststehe im Räume, daß der für un- verrllckbar gehaltene Himmelspol vielmehr einen nicht unbeträchtlichen Kreis, wenn auch in sehr langsamer Bewegung, am Himmel beschreibe, daß aber auch die Weltaxe, die von dem Mittelpunkt der Erde zum Himmelspol führt, in dauernder langsamer Drehung begriffen ist. Er suchte ferner zur Dar- stellung zu bringen, daß das Sonunerhalbjahr länger ist, als das Winterhalbjahr; denn die Zeit vom 21. März bis 22. September, von der Frühlings- bis zur Herbsttagundiiachtgleiche beträgt 185 Tage und übertrifft somit die vom 22. September bis 21. März um fünf Tage. Da die himmlischen Be- wegungen gegenüber den irdischen als die reinen und vollkommenen gelten, so war es bei den Alten ausgemacht, daß sie sämmtlich in Kreisen erfolgen, die stets mit gleichförmiger Geschwindigkeit durch- laufen werden. War dies der Fall, so hätte Sommer- und Winterhalbjahr nicht ungleich sein können. Um die Thatsache dieser Ungleichheit dar- stellen zu können, nahm Hipparch an, daß die Erde nicht genau im Mittelpunkt der Kreisbahn stehe, welche die Sonne am Himmel beschreibt. Durch eine exzentrische(außerhalb des Zentrums) Stellung der Erde konnte recht gut erklärt werden, wie es komme, daß die Sonne bei gleichmäßiger Ge- schwindigkeit scheinbar doch zu verschiedenen Zeiten des Jahres einen verschieden großen Bogen durch- lause, und sonnt die beiden Jahreshälften eine un- gleiche Tauer hätten. Am schwierigsten schien eine Darstellung der Planetenbewegungen mit der An- nähme verträglich, daß sie in Kreisen mit gleich- mäßiger Geschwindigkeit laufen. Während nämlich die Sonne, der Mond, und im wesentlichen auch die Planeten in der Richtung von Westen nach Osten am Himmel fortschreiten, bewegen sich die Planeten zu gewissen Zeiten und an bestimmten Stellen ihrer Bahn eine Strecke weit in der umgekehrten Richtring von Osten nach Westen. Zeichnet man ihre Bahnen am Himmel ans, so erkennt man, daß die Gleich- förmigkeit des Kreises durch eigenthiimliche Schleifen unterbrochen ist. Hipparch erkannte, daß diese Schleifen sich vollständig erklären lassen, wenn man annehme, der Planet gehe in einem Kreise alljährlich um einen Punkt herum, der seinerseits erst eine Kreisbahn um die Erde beschreibe. Es wurde aber ein fingirter oder erdichteter Planet angenommen, der die Erde umkreise, und um diesen sollte in einem zweiten Kreise, dem sogenannten Epicykel, der wirk- liche Planet alljährlich sich bewegen. �Schluß folgt.) Kerzkirfche. f s war zur Zeit, als man das„Zentral- Arbeitshaus" errichtete. Da die Gefängniß- Verwaltung beschlossen hatte, das Personal des Gefängnisses von El. zu verringern und die dort eingeschlossenen Frauen in eine andere Anstalt zu überführen, hatte ein Generalinspektor erklärt, die Gebäude der alten Abtei Auberive würden sich vor- züglich für die Pläne des Ministers eignen. In- folgedesscn hatte der Staat das alte Zisterzienser- kloster erworben, und man war dabei, es für seine neue Bestimmung herzurichten, zur großen Verzweiflung der Einwohner des Fleckens, denen es wenig genehm war, ein Arbeits- und Korrektionshaus in ihrer Nach- barschaft zu haben. Der Direktor von El., der vor Ungeduld brannte, seine Gefangenen loszuwerden, drängte zur Beschleunigung der Arbeiten, und da seine Anstalt von Auberive nur acht Meilen entfernt war, so brachte er die Hälfte seiner Zeit auf der Arbeits- stelle des begonnenen Umbaues zu, untersuchte die dicken Mauern, trieb den Baumeister an, ärgerte die Unternehmer und quälte die Arbeiter. Der Direktor war ein kräftiger, untersetzter Mann. Sein Gesicht war Hochroth, von den Blattern entstellt und von einem Büschel krauser, grauer Haare gekrönt. Graue, forschende Augen glänzten darin so kalt wie Stahl. Sie konnten eineit eigenthiimlich energischen Ausdruck annehmen. Bis die Gebäude so weit fertig waren, um die Frauen aufzunehmen, sollten etwa fünfzig jugendliche Gefangene hierher überführt werden, um bei den Umgrabungsarbeiten zu helfen. Er erwartete sie noch an deniselben Abend. Während er auf der Landstraße, die das Thal der Aube beherrscht, spazieren ging, erklärte er die Vortheile dieser Maßregel Herrn Avert, dem Oberaufseher der Wälder, mit dem er in dem einzigen Wirthshause von Auberive seine Mahlzeiten einnahm. „Sie werden gleich kommen," sagte er,„in einer Viertelstunde werden sie da sein. Sie kommen unter der Eskorte ihrer Wärter von El. zu Fuß, auch Sie sollen einmal sehen, wie die Burschen zu Werke gehen werden. Sie sind reizend und... glücklich!" Ein Lächeln öffnete zur Hälfte seine dünnen, von einer Narbe durchfurchten Lippen, während er die Disteln am Wegrande mit seinem Stock abschlug. Kurze Zeit darauf erhob sich in der Richtung des Dorfes Bay im Scheine der untergehenden Von Andre Theuriet. Sonne eine Staubwolke. Der Direktor hielt die breite Hand vor die Augen, spreizte die eckigen, knochigen Finger und rief in triumphirendem Tone: „Da sind sie!" Er täuschte sich nicht. Man bemerkte sie bald, wie sie aus einer Staubwolke auftauchten. Sie gingen zu vier und vier, die älteren an der Spitze, die jüngsten als Nachtrab, und die Wärter daneben. Zwischen dem grünen Gestnipp des Weges hob sich der Zug in den schrägen Strahlen der Sonne recht deutlich ab. Langsam näherte er sich den Mauern der alten Abtei. Als sie in Hörweite waren, stimmten sie ans ein Zeichen des Oberaufsehers ein Lied an. Darin war von den Freuden der Arbeit und den Schönheiten der Natur die Rede. In ihre uniform- artigen Kittel eingeschnürt, die Mütze bis über die Ohren des abgeschorenen Kopfes gezogen, hoben sie taktmäßig ihre staubigen Füße und zogen militärisch an dem Direktor und seinem Begleiter vorüber. Alle hielten ehrfurchtsvoll die Augen gesenkt und plärrten wie Automaten ihr Lied: Tie Sonne leuchtet, das Gras, es blüht; Nur weiter, Ihr Freunde, nur toeiter zieht I Zur Arbeit, schnell in's Feld! Das Leben Denen gar wohl gefällt, Die beten und fleißig sich müstn; Drum lasset zur Arbeit uns zich'ul Auf den ersten Blick schienen alle die jugend- lichen Gesichter denselben Typus aufzuweisen; alle hatten sie die tückisch-demüthigen Blicke geschlagener Hunde, das gelbe, aufgeschwemmte Gesicht, die inccha- nischen Bewegungen, die einstndirte Fröhlichkeit. „Nicht wahr, sie sind nett?" rief der Direktor und schlug mit seinem Stock ans den Erdboden. „Acht Meilen haben sie in den Beinen... Hehe! Aber man merkt's nicht! Sie sind immter und ftisch wie Rosen und lustig wie die Stieglitze!" Frisch, das konnte sein, obwohl Einige schon sehr schwerfällig marschirten. Was aber ihre Fröhlichkeit betraf, so wußte der Waldinspektor Avert bald, was er davon zu halten hatte. Während der Direktor mit dem Oberaufseher sprach, blieb einer der jungen Gefangenen zurück und blieb stehen, als wolle er den Waldinspektor betrachten. Sein mit Sommer- sprossen übersätes Gesicht drückte eine Art fröhlicher Verwirrung aus, und in seinen blauen Augen leuchtete es einen Augenblick auf. „Nr. 24!" rief der Oberauffeher mit rauher Stimme,„was bleiben Sie denn da wie'n Klotz stehen? Na, vorwärts, in Reih' und Glied, aber fix!" Die Züge des jungen Burschen verfinsterten sich, und Bvert war von dem wilden und heuchlerisch unterwürfigen Ausdruck überrascht und entsetzt, den dieses schmächtige Jünglingsantlitz plötzlich wieder annahm. Singend trat die Kolonne in den Hof der Abtei, und die eisernen Gitter des großen Thores schlösse» sich hinter den jungen Gefangenen; doch die Er- innerung an die bleifarbene und bewegliche Maske, die er einen Augenblick während des Vorüberznges gesehen, blieb im Gehirn des Waldinspektors haften. Als er Abends in sein Zimmer trat, mußte er unwillkürlich wieder daran denken. Irgendwo glaubte er einen Kopf gesehen zu haben, der mit dem von Nr. 24 gewisse Aehnlichkeiten zeigte; doch war die' Sache so unklar, lag so weit zurück, daß er diesem Gesicht keinen Nanien zu geben vermochte. Die Geschichte hatte auch wenig Bedeutung, und bald vergaß er sie wieder. Als er einige Tage darauf allein speiste, sagte seine geschwätzige Wirthin zu ihm, während sie das Essen auftrug: „llebrigens, Herr Dvert, Sie haben ja wohl die Kinder gesehen, die im Gefängniß arbeiten?" „Ja. Was weiter?" „Na, es ist Einer dabei aus Ihrer Gegend, der Sie im Vorübergehen erkannt hat." Avert erinnerte sich von Neuem an die blöden, blauen Augen und das erstaunte Gesicht von Nr. 24. Gewiß, das mußte er sein. Er aber mochte noch so eifrig sein Gedächtniß beftagen, er konnte über dieses Kind ans seiner Heimath, das im Korrektions- hause gelandet war, nichts Genaueres finden. Das Abenteuer beschäftigte ihn aber weiter und erregte in ihm den Wunsch, sich seinen jungen und früh- reifen Landsmann aus der Nähe anzusehen. Die Sache war leicht zu bewerkstelligen. Die Wirthin hatte die Freundschaft des Oberaufsehers gewonnen und versprach Ivert, sie würde ihm durch dessen Vermittelung den fraglichen Gefangenen morgen zuführen. Ani Abend erschien der Direktor des Zuchthauses zum Diner. Er war von„der guten Haltung seiner Kinder" entzückt und wurde nicht müde, sich darüber auszulassen. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 247 „Sie sind reizend," wiederholte er,„imd doch haben wir hier den Abschaum der Gesellschaft. Es giebt unter ihnen Mörder und Brandstifter, die sanft und gefügig wie Lämmer geworden sind. Das ist das Resultat unserer physischen und moralischen Dis- ziplin! Aus diesen entarteten Geschöpfen machen wir nützliche Arbeiter, wie man aus schlechten Ab-' fällen gutes, feines Tuch fabrizirt. Hier liegt die die Lösung der sozialen Frage, meine Herren!... Und vielleicht auch die Lösung der wirthschaftlichen Frage. Meine Burschen kosten dem Staat fünfzig Centimes pro Kopf und Tag und sie wühlen die Erde auf wie Tagelöhner, für die wir drei Francs be- zahlen müssen. Verminderung der Kosten bei der Handarbeit und sittliche Läuterung der Rasse, das ist der wahre menschliche Fortschritt!" Der Waldinspektor hatte bereits den Mund ge- öffnet, um über Nr. 24 einige Auskunft zu erbitten, aber trotz seiner menschenfreundlichen Theorien flößte ihm der Direktor mit der zerfleischten Lippe und den harten Augen nur ein mäßiges Vertrauen ein. Da er fürchtete, die Aufmerksamkeit des schrecklichen Fort- schrittsapostels auf seinen geheimnißvollen Lands- mann zu lenken, beschloß er lieber zu warten. Am nächsten Tage führte die Wirthin in Dvert's Zimmer einen Burschen von etwa fünfzehn Jahren und ließ sie dann allein. Das war Nr. 24. Blaß und ausgeschwemmt stand er da, eng in seine Ar- beitskleidung eingeschnürt. Die Mütze hielt er in der Hand. Sein Kopf mit den blonden, kurz geschnittenen Haaren machte den Eindruck einer Kugel. Die ver- schmitzten blauen Augen senkten und hoben sich ab- wechselnd, als wenn ihr Besitzer sein Gegenüber studiren und ausforschen wollte, ehe er sich ihm auslieferte. „Sie erkennen mich nicht, Herr?" fragte er endlich mit zittriger Stimme;„ich habe in der Zeit, da Sie in Villolle waren, doch mehr als einen Gang für Sie besorgt!" Bei diesen Worten erwachten die Erinnerungen des Waldinspektors plötzlich. „Herzkirsche!" rief er. Jetzt siel ihm der acht- jährige Junge mit wirren, strohblonden Haaren ein, der mit einem schlechten Hemde und einer zerlumpten Hose bekleidet in den Straßen herumbummelte und seine Lumpen mit so amüsanter Drolligkeit und Sorg- losigkeit drapirte. Wegen seiner drallen, rosigen Wangen, seiner kirschrothen Lippen hatten ihm die Leute den Namen„Herzkirsche" beigelegt. Sein Vater war unbekannt, ein armes Weib hatte ihn ausgesetzt. So wurde er im Waisenhause erzogen und übte hundert Berufe aus; der ehrenhafteste be- stand darin, die Liebesbriefe auszutragen, die die jungen Leute der Stadt den Grisetten schickten/ Im Sommer, in der Badezeit, gab er ans die Kleidungs- stücke der Badenden Acht, saß im Schatten am Ufer des Flusses, rauchte Zigarretten und lachte laut auf, wenn ein Anfänger im Schwimmen seine Angel losließ und unfteiwillig untertauchte. Im Winter flüchtete er sich in die Bude des Kastanienhändlers, er spaltete Holz, unterhielt das Feuer im Ofen und ergatterte hier und da einige gesprungene Kastanien, die ihm erst die Finger wärinten und dann die ge- bieterischen Forderungen des leeren Magens be- friedigten. Alles das kam Avert mit großer Klarheit wieder in den Sinn. Er betrachtete das aufgeschwemmte Ge- ficht: die rosigen Farben waren daraus verschwunden, und der Aufenthalt im Gefängnisse hatte in der Gegend der Augen und in den Mundwinkeln die Zeichen eines frühzeitigen Verfalls zurückgelassen. Er fühlte sich für dieses verlorene Leben mitverantwort- lich, und von Mitleid ergriffen betrachtete er fast liebevoll den jungen Menschen, der sich verlegen hin und her wand und seine Mütze zwischen den Fingern drehte. „Wie, Du bist's, Herzkirsche?" „Ja, ich bin's," versetzte der Sträfling. Ein Lächeln flog über sein Gesicht, und seine Augen blickten freier. „Mein armer Junge, Du hast Dich also in's Gefängniß bringen lassen?" „Ach ja, ich bin's!" entgegnete Herzkirsche, jetzt ohne die geringste Verlegenheit;„ich habe kein Glück gehabt! Sie wissen doch, im Sommer paßte ich immer auf die Sachen der Leute auf, die sich in der Breche badeten? Eines Tages, als ich gerade eine Hose ausschüttelte, fiel ein Fünffrancsstiick'raus. Ich hatte nie so viel Geld gesehen, es brannte mir in den Fingern, der Kopf hat sich mir verdreht, ich Hab' das Stück genommen und bin ausgerückt... Wahrhaftig, ich hatt's kaum in der Tasche, da wollt' ich auch schon wieder umkehren und es in die Tasche stecken. Dummer Weise war ich gesehen worden, man hat mich gepackt, und bautz, in's Loch, dann vor's Gericht, wo die Richter mich verurtheilt haben, bis zu meinem einundzwanzigsten Jahre im Käfig zu bleiben.. Das nennt man doch Pech, was, Herr?" Er sprach das mit rauher Stimnie, in einem Gemisch von Gleichgiiltigkeit und Frechheit. Avert fragte ihn, wie er das vom Direktor so viel ge- rühmte Regiment fände. Da verlängerte sich seine Unterlippe und er schnitt eine bezeichnende Grimasse. „Ach, das ist garnicht angenehm! Man hat uns von A... zu Fuß kommen lassen, mit einer Suppe im Magen, nichts weiter, und seit wir ge- kommen sind, arbeiten wir in der Nähe des Waldes, wo der Kirchhof des Gefängnisses angelegt werden soll. Zehn Stunden in der heißen Sonne die Erde umgraben! Dazu schlecht ernährt, zu allen Mahl- zeiten Erbsen und anstatt des Nachtisches Maul- schellen. Die Wärter prügeln wie die Taubstummen! Ach, Herr, wo ist die Zeit hin, da ich bei uns zu Hause am Fluß entlang bummelte und den Fischen zusah, die im Wasser vorüberschwammen! Aber der Herr Direktor läßt nicht mit sich spaßen, er will nicht, daß es heißen soll, man langweile sich in seinem Kasten. Alle frisch wie die Rosen und lustig wie die Stieglitze! Er läßt uns singen, damit die Leute glauben sollen, wir seien glücklich, wie der Hahn ini Korbe. So dumm! Und dabei habe ich fünf Jahre abzumachen!... Aber, sehen Sie, Herr, ich habe keine Lust, meine Zeit abzubrummen." Sein Auge leuchtete, er blinzelte geheimnißvoll und bat seinen Landsmann zum Schluß noch um einige Sons für Tabak. Ivert gab ihm einen Franc, ließ aber seinem Geschenk eine kleine Moralpredigt folgen.„Herzkirsche" steckte das Geldstück in das Futter seiner Mütze, hörte den Sermon mit ironischem Lächeln an und machte unter dem Vorwande, die Stunde der Rückkehr nach der Arbeitsstelle hätte geschlagen, dem Inspektor seinen Diener. II. Der neue Frauenkirchhof sollte ein ganzes Brach- feld einnehmen, das sich an die Lichtung des Ge- Hölzes von Montgerand anschloß. Von dem Ort aus, wo die jungen Sträflinge die Gräben der Grundmauer aushoben, konnte man in das Thal der Aube hinuntersehen. Man erblickte wie im Grunde einer Höhle die kleine Kirche, die beiden Straßen des Dorfes, die sich an einen Kreis von Wäldern lehnten, die Schieferdächer der alten Abtei, die aus einem Fichtengestrüpp hervorragten, dann die silberglänzende, zwischen blumigen Wiesen dahin- schlängelnde Aube, die in der Sonne glitzerte, bis in der Ferne ein neuer Horizont von Hügeln und Wäldern den Blick aufhielt. Das Licht spielte auf den blühenden Wiesen, auf dem dahinfließenden Wasser, auf dem Einerlei der in der Ferne bläulich schimmernden Blumen. Lerchen jubilirten hoch am Himmel und Hahnengekrähe und Kindergeschrei drang vom Dorfe her. Es war ein lieblicher Anblick, dieses von der Helle des Sommertages überfluthete Thal; aber die jungen Arbeiter des Brachfeldes von Mont- gerand wurden dessen nicht ftoh. Unter dem Argusblicke des Oberaufsehers Seurrot wühlten sie die Erde um, und man ließ ihnen nicht einmal Zeit, Athem zu schöpfen. Die Aeltesten arbei- teten mit der Hacke, die Kleineren mußten zu zwei und zwei den Karren schieben. Die Rücken waren mit grober Leinewand bedeckt und Strohhüte saßen auf den Köpfen. Stets waren sie in Bewegung und bohrten in die graue, steinige Erde eine Fülle weißer Flecken. Wenn die Burschen sich erhoben, um sich die Stirn zu trocknen, erweckte der Anblick des grünen Thales, weit entfernt, sie zu beruhigen oder zu erquicken, in ihren Herzen einen dumpfen Zorn. Diese Aufforderung zur Freude, die in der Luft herumflatterte, hatte für sie etwas Ironisches und Grausames. Der freie Flug der Lerchen, das Schwirren der Schwalben, die über den Fluß dahin- strichen, erinnerten sie nur um so deutlicher an die Zwangsarbeit, an die Scheltworte der Wärter, an die Riegel des Gefängnisses und erweckte in ihnen den Wunsch, sich zu empören und die Flucht zu ergreifen. Unter Denen, die sich der Arbeit am Ungedul- digsten fügten, befand sich„Herzkirsche". Als er am vorigen Abend aus der Wohnung des Waldinspektors gekommen war, hatte er sich beeilt, einen Theil seines Geldes zum Ankauf eines Päckchens Zigarretten und- einer Schachtel Streich- Hölzer zu verwenden. Seine neuen Erwerbungen hielt er in den Taschen seiner Hosen versteckt und seit dem Morgen befühlte er sie von Zeit zu Zeit mit väterlicher Sorgfalt und nahm sich vor,„sich eine in's Gesicht zu stecken", sobald Seurrot den Rücken gekehrt haben würde. Die Arbeit wurde von einer halbstündigen Ruhe- pause unterbrochen. In dieser Zeit nihte auch der Aufseher von seiner„anstrengenden" Thätigkeit aus. Seurrot hatte ein zartes Herz, und die leuchtenden Augen der Wirthin zum„Goldenen Löwen" zogen ihn mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem Garten des Wirthshauses, das der Arbeitsstelle gerade gegen- über lag.„Herzkirsche" hatte darauf gerechnet. So- bald der Oberaufseher den Weg nach dem Garten eingeschlagen hatte, schlich Nr. 24, sich windend wie eine Eidechse, hinter die Wachholderbäume des Ge- strüpps und erreichte das Dickicht. Hier wählte er unter den Bäumen am Wegeraude eine Esche mit schlankem Stamm und blattreichem Wipfel aus und kletterte in zwei Sätzen wie ein Eichhörnchen hinauf. Rittlings auf einem hohen Aste hockend, im dichten Blattwerk versteckt, zog er nun seine Zigarretten hervor, zündete eine an und sog langsam den Duft der verbotenen Frucht. Man fühlte sich wohl da oben im Grünen und in der frischen Luft! Zwischen den Zweigen sah man die Dächer des Dorfes, das Schimmern der Aube in der Ebene, dann auf den beiden Abhängen des Thales die wogenden Hafer- und Roggenfelder, die mit den bunten Farbentönen des Klees abwechselten. Die Amseln schlugen im Dickicht, die Grasmücken trillerten auf den Weiden am Flusse, und ein frischer Wind wiegte Einen wie in einer Hängematte. Man fühlte sich hier so wohl, daß„Herzkirsche" sich verspätete. Als Seurrot, eine Rose zwischen den Zähnen kauend, zurückkam und die Revue über seine Truppe abnahm, bemerkte er auf den ersten Blick, daß einer der Sträflinge beim Appell fehlte. „Wo ist Nr. 24?" rief er. Die Burschen wechselten Blicke und beschränkten sich darauf, mit einem Achselzucken zu antworten. Der Oberaufseher dachte zuerst an eine Flucht und wurde blaß bei diesem Gedanken. Seine uu- ruhigen Augen blickten forschend in das Dickicht; plötzlich entdeckten sie auf dem Wipfel eines Baumes die leichten Ringe eines bläulichen Dampfes. Das war nicht natürlich, und der Delinquent mußte sich dort oben versteckt haben. Seurrot sprang auf die Böschung; mit einem Satz war er am Fuße der Esche und hatte keine große Mühe, dort die herab- hängenden Füße des Burschen zu entdecken. „Ah, Hallunke!" rief er,„Du machst Dir Be- wegung und rauchst noch dazu— was gegen das Reglement ist? Willst Du sofort herunterkommen, Du Taugenichts?" „Herzkirsche" war ertappt, doch er hatte den Vortheil seiner Stellung und versuchte, dieselbe aus- zunutzen. „Ich will schon," versetzte er,„aber versprechen Sie mir vorher, mich nicht zu bestrafen." „Ich glaube gar. Du stellst Bedingungen?" erwiderte Seurrot wüthend.„Komm gutwillig her- unter oder es wird Dir leid thun." „Dann bleibe ich oben!" erklärte„Herzkirsche". Der Baum war sehr hoch und sehr dünn; der Oberaufseher besaß keine Gewandtheit im Klettern, 248 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. und er mochte den Baum noch so heftig schütteln, der Delinquent rührte sich nicht. „Du leistest also der Behörde Widerstand, Du Hallunke? Holla, Ihr da, bringt mir doch einmal eine Axt, aber fix!" Dieser Aufforderung, die er mit Donnerstimme ausgestoßen, gehorchten zwei Sträflinge. Seurrot ergriff wüthend die Axt, und ohne sich daruni zu kümmern, daß er einen Waldfrevel beging, griff er die Esche bei der Wurzel an. Bei den ersten Schlägen, die er führte, zitterte der Baum von der Wurzel bis zum Wipfel.„Herzkirsche" blieb unbe- weglich. Die Axtschläge folgten immer schneller auf- einander, die Rinde flog nur so herum, der Schweiß stand dem Oberaufseher auf der Stirn. Die beiden jungen Sträflinge, die dieses Schauspiel im höchsten Grade belustigte, folgten mit großem Interesse den Verwüstungen, die die Axt im Holze des Baumes anrichtete. Mau hörte ein plötzliches Krachen. Jetzt ließ sich„Herzkirsche", der jedenfalls glaubte, daß es klug sei, von zwei Uebeln das schlimmere zu vermeiden, zwischen die Zweige gleiten, um wie ein Packet auf den Erdboden zu fallen, der zum Glück mit weichem Moose wie gepolstert war. „Schuft! ich werde Dich lehren, mich zu foppen!" brüllte Seurrot und packte ihn beim Arm. Er war Polizist gewesen, und seine Finger drückten wie Daumschrauben. Gleichzeitig versetzte er mit der anderen Hand dem Jungen Püffe in die Lenden. „Du rauchst also heimlich?" fuhr der Aufseher fort und begleitete jedes Wort mit einem Stoß. Dabei wühlte er dem Sträfling die Taschen durch und entdeckte die Zigarretten.„Wo hast Du das Geld gestohlen, um Dir das zu kaufen?" „Man hat es mir geschenkt!" protessirte„Herz- kirsche". „Ruhe!... An die Arbeit, Du Galeerenbrut!... Wir werden die Sache morgen beim Rapport auf- klären, wenn der Herr Direktor zurückkommt.... Inzwischen wirst Du heute als Abendessen trockenes Brot bekommen!" Der Nachmittag verging recht traurig für„Herz- kirsche". Als er sich Abends um neun Uhr in seiner Hängematte ausstrecken konnte, war ihm der Magen leer und die Finger vom Graben steif. Da fing er an, über das Elend dieses Tages und die Mög- lichkeiten des nächsten nachzudenken. Noch war nicht Alles vorüber. Der Direktor mußte im Laufe des Vormittags eintreffen. Der war noch unerbittlicher als die Aufseher.„Herzkirsche" kannte die Manier, mit der dieser schreckliche Beamte die geringsten Ver- letzungen der Disziplin bestrafte, aus Erfahrung. „Nein," dachte er, sich in seiner Hängematte zusammenkauernd,„ich habe genug und werde seine Rückkehr nicht abwarten." Gedanken an Flucht schwirrten ihm von Neuem durch den Kopf. Der für die Sträflinge zum Schlaf- saal eingerichtete Raum war schlecht verschlossen; die Hommernacht.* Jn ferne �etge schlug Sie Zonnerkeulen Ein rasch verrauschtes Uachmittaggewitter. Zie Hauern zogen heim auf mü5en Gäulen, Uni jingenö kehrten Winzervolk und Achnitter. Auf allen Zächern qualmten Klaue Häulen Genügsam himmelan, ein luftig Gitter. Nun ist es Uachi, es geistern schon öie Gulen, Ginsam aus einer Haube klingt iie Hither. Detlev von Ltliencro». Erntezeit. Der Weizen ist reif, überreif. Noch ein oder zwei Tage, und die Körner lösen sich aus den Nehren, und ein guter Theil des Ertrages ist dahin. Man hätte schon in der vorigen Woche an das Stück heran sollen, die paar grünen Halme wären„in der Mandel" nachgereift, aber die Witterung hatte es nicht erlaubt. Regen und immer wieder Regen und nur ganz selten und vorüber- gehend etwas Sonne. Als dann das Wetter schön geworden, hatte man sich zuerst über die Außenschläge machen müssen; das knapp am Hofe liegende Weizenstück hatte man sich als Letztes aufbehalten. Es war ja nicht groß, und bis zur Scheuer nur ein Katzenspnmg. Aber jetzt war auch wirklich die höchste Zeit. Schon am Abend hatte das Barometer wieder zu sinken begonnen, am frühen Morgen schössen die Schwalben glatt>vcg über die Oberfläche des Teiches, und kaum war die Sonne heraus, so stachen die Bremsen, daß man sich ihrer kaum erwehren konnte. Da niußte heraus, was Hände hatte, um den Erntesegen zu bergen. Und mit den Schnittern zugleich kam diesmal der Erntewagen, uni das in Garben gebundene Getreide aufzunehmen und sofort heimzuführen. Unser Bild zeigt die Schnitter in voller Thätigkcit. Im Vordergrunde der Großknecht. Er„haut" mit dem „Gerüst". So nennt man das Holzgestcll mit den zwei, drei Holzspießen, die parallel zur Sense angebracht sind. Das„Geriist" ermöglicht es dem Schnitter, die ab- geschnittenen Halme aus freier Hand zu einem Schivaden aufzuwerfen und erspart somit die„Aufnehmerin". Beim Roggen ist das„Gerüst" nicht zu verwenden; die zu langen Halme würden sich in den Holzstäben verfangen lind schon auf dem Felde Wirrstroh geben. Der im Hintergrunde hanttrende Knecht und die drei Frauen arbeiten nicht mit der Sense, sie schneiden mit der Sichel. Diese Art des Getreideschnittes trifft man besonders in gebirgigen Gegenden, auf steinigen Hängen. Die Stoppeln werden ungleich und höher als beim Sensenschnitt. Vor den Pferden des Erntewagens steht der junge Besitzer des Hofes und sieht zu, wie eine junge Magd mit kräftiger Hand das Strohband um eine Garbe knotet. Weiter * Aus„Neue Gedichte-. Berlin. Schufter&. Losstier. extx££eton. Wärter hatten einen festen Schlaf. Gegen Mitter- nacht konnte man vielleicht hinanskommen, eine Mauer erklettern und das Gehölz erreichen. In jedem Falle konnte man die Sache einmal versuchen. Die Nacht war vollends hereingebrochen; er hörte einen der Wärter seine Runde machen, sich dann entkleiden und dumpf auf sein Lager werfen. Bald erfüllte Schnarchen den ganzen Schlafsaal. Behend wie eine Katze verließ„Herzkirsche" seine Hängematte und zog seine Hose und Jacke an. Seine Holzschuhe, die init einem Bindfaden zusammen- gebunden waren, hängte er sich um den Hals. Dann schlich er mit nackten Füßen, den Athem zurück- haltend, bis zu einem Fenster, das man offen ge- lassen hatte, um den im ersten Stock gelegenen Saal etwas zu lüften. Als er auf das Fenstergesims geklettert war, steckte er seinen Kopf hinaus. Unten unterschied er im Halbdunkel der Juninacht Genuise- beete. Der Boden, der frisch begossen war, mußte weich sein. Die Hände an dem Sims festhaltend, wagte„Herzkirsche" den Sprung. Er fiel auf Kohl- köpfe, die seinen Fall milderten. Er stand auft be- tastete sich und spitzte die Ohren; kein Geräusch, außer dem hellen Rieseln der Aube, die durch den Garten floß. Nun ging er den Fluß entlang bis zu der kleinen Bucht, durch die die Aube den Park verließ. Dann sprang er muthig in's Wasser: es reichte ihm nur bis zu den Knieen. So folgte er der Sttöniung und gewann mit ihr das fteie Feld. (Fortsetzung folgt.) rückwärts sind bereits Garben zu„Puppen" zusammm- gestellt. Der Besitzer mag sich der reichen Ernte fteuen. Für die Arbeiter bringt die Ernte Tage der härtesten Anstrengung. Mit der Sonne müssen sie hinaus, die Däminerimg beendet ihr Tagewerk. Unter den Strahlen der Juli- und August-Sonne wird die Haut der Hände, Arnie und des Nackens trocken wie Papier, braunroth, Blasen springen auf, die Haut löst sich in langen Streifen. Wer nie eine Spießgabel in der Hand gchabt, weiß nicht, wie so eine Gerstenähre zwischen Hemd und Haut kratzen kamt. Die kurze Nachtruhe bringt keine Stärkung, wie zerschlagen, wie hölzern ist man am Morgen, es ist, als müßte inan immer wieder das Gehen lernen. Unser Bild zeigt im Hintergrunde einen Bauernhof. Auf einer mäßigen Höhe liegt er, im Schatten der Bäume. Hunderte solche Höfe giebt es noch, besonders in Süd- deutschland. Zur Zeit der Banmblüthe sehen sie aus wie große, weiße Kugeln. Rings um den Hof liegen die Felder und Wiesen.„Gemein-Freie" saßen einst auf diesen Höfen. Jahrhunderte hindurch mußten sie sich stemmen gegen die Raffgier des Adels, der Klöster und Fürsten. Heute hat sich der Trotz dieser Freibauern ge- Ivandelt. In schnarrendem Kommandoton fahren sie ihre Leute an, um jeden Pfennig Lohn handeln sie; sie zählen jedes Knödel den Dienstboten in den Mund, verkaufen das letzte Pfund Butter und wollen die Arbeiter mit Margarine abspeisen. Aber was ihnen so ein ostelbischer Junker vormacht, das glauben sie.— Die gerade Linie. In einer früheren Nummer brachten wir die Ausführungen des Miinchcner Kiinstlers August Endel! über Formenschönheit. Wollten wir die Schönheit der Formen verstehen, so müßten wir sie in jeder Einzelheit miterleben. Neuerdings setzt nun Endell seine Beobachtungen in der„dekorativen Kunst" fort und führt sie an einem einzelnen Beispiel, der geraden Linie, durch. Da sie mancherlei Anregung bieten, setzen wir sie im Auszuge hierher: Die gerade Linie ist nicht nur mathematisch, sondern auch aesthetisch vor allen anderen Linien ausgezeichnet. Denn verfolgen wir eine gerade, etwa eine senkrechte, mit dem Auge, so behält diese immer dieselbe Richtung in unserem Gesichts- feld. Eine krumme Linie dagegen, etwa die eines kreis- förmigen Thorbogens, ändert ihre Richtung fortwährend. Während wir also beim Durchlaufen von krummen Linien immer ein neues aufzufassen haben, bietet die gerade fortwährend dasselbe Bild. Es wird somit die Wahrnehmung sich rascher vollziehen, und zwar um so rascher, je länger die gerade sich dehnt. Denn jeder neue Moment giebt ja nur der Art nach schon Bekanntes. Es wird aber ganz allgemein das Bekanntere auch rascher aufgefaßt und macht auch rascher Anderem Platz. Jede rasche Thättgkeit erfüllt uns intt einem bestimmten Gefühl, das wir einstweilen das Gefühl dcS Raschen nennen wollen. Die gerade Linie erweckt dieses Gefühl in uns. Die Breite der realen geraden Linie übt eine verlang- famende Wirkung aus. Denn eine breite gerade Linie erfordert mehr Auffassungszeit als eine schmale, weil sie mehr Empfindungselemente enthält. Die gerade Linie erscheint also um so rascher, je schmaler, um so langsamer, je breiter sie ist. Ganz anderer Natur ist die Wirkung der Richtung. Die senkrecht fallende gerade Linie, d. h. die gerade, die wir von oben nach unten durchlaufen, hat den Charakter des Leichten und Mühelosen, die horizontale etwas nihig Kräftiges, die senkrecht ansteigende giebt das Gefühl starker Anspannung. Die schrägen Lagen, schräg abwärts und schräg aufwärts, bieten die dazwischen liegenden Nuancen, sodaß>vir eine stetige Reihe von Charaktcrn haben, vom Gefühl der geringsten Anstrengung zu dem der stärksten. Diese Gefiihlswirkung hat ihren Grund wohl darin, daß die Auftvärtsrichtung des Auges mehr Anstrengung erfordert als die Abivärtsbewegung. Nun bilden aber Anstrengung und Schnelligkeit (Tempo) die beiden konstituirenben Bestandtheile aller Gefühle. Eben danim vermögen die Formen alle Ge- fühlsnuancen in uns zu erwecken. Denn wir sahen, daß die gerade Linie jene beiden Gefühlselemente immer in uns erweckt, und zwar in allen möglichen Abstufungen. Nun ist aber der Eindruck einer einzelnen Linie von zu kurzer Dauer, um uns intensiv zu beschäftigen. Erst reichere Gebilde vermögen unsere Aufmerksamkeit länger zu fesseln, und erst in ihnen konimen die einzelnen Eleniente durch den Kontrast mit den übrigen zu vollerer und intensiverer Wirkung.— Der Reiz gefährlicher Schauspiele, so schreibt der Berliner Gelehrte Georg Simmel in seiner„Einleitung in die Moralwissenschaft"(Berlin. W. Hertz) die in Zirkussen von Seiltänzern, Trapczturnern usw. der Menge mit so großem Erfolge dargeboten werden, ist wohl hauptsächlich aus einem Rudiment der Grausamkeits- ivollust zu erklären. Bei noch roherer Empfindung sättigte sich diese etwa an Gladiatorcnkämpfcn, von denen die Stierkänipfe gewissermaßen einen Uebergang zu jenen feineren Formen des Spielens um das Leben darstellen. Jetzt knüpft sich das Vergnügen schon an die Vorstadien des eigentlichen Grausamkeitsmomentes, das an der Ver- nichtung eines Menschen Wollust finden läßt, und es ist um so größer, in je größerer Nähe des definitiven Mo- mentes sich der Vorgang bcgiebt. Die Erregung und Fortgerisscnhcit des Publikums steigert sich in dem Grade der größeren Gefährlichkeit des Schauspiels, nimmt also mit der Höhe über dem Boden, in der die halsbrechende Produktion stattfindet, und mit dem Mangel an Sicher- hcitsvorrichtungcn zu. Die bloße Gefahr, die Andeutung des die Grailsamkeitslust definitiv befriedigenden Aus- ganges hat für die Empfindung die Stelle dieses letzteren eingenommen, und zwar mit derartiger Festigest, daß die Lust bei diesem selbst versagen würde. Von dem tödtlichen Erfolge eines solchen Spiels würden sich die Meisten unlustvoll abwenden, die durch die Steigerung ihres Interesses mit der Annäherung an diesen Erfolg beweisen, daß dessen Vorempfindung doch das eigentliche Lustmoment ausmacht.— Nachdruck des Inhalts verboten! BeranlworUtchsr Redall-ur: Oscar kühl tn Chartoitenburz.—«erlag: Hamburger Buchdruckerel und«erlagSanstall Auer Sc So. ln Hamburg.— Druck: Max«abwg In Berltn.