Zwei Menschen. (Fortsetzung� m. ßV�in halbes Jahr darauf starb die Frau auf dem Hof Batten. Die Ehe war kinderlos und nicht glücklich gewesen. Thormod hatte sich immer mehr dem Trünke ergeben, und man wollte wissen, daß er seine Frau mißhandelt hatte. Beret Klöften erfuhr mit Herzklopfen und in großer Erregung den Todesfall und Alles, was damit zusammenhing. Es dauerte auch nicht lange, so bekam sie eine größere Geldsendung. Thormod Talen war der Absender, er hatte auch bei der Gelegenheit einen Brief an sie geschrieben. Kurz darauf hatte sie eine längere Unterredung mit Knud Solhaug und zwar mit dem Resultat, daß der Besitzer des Hofes ihr und Agestin eine kleine Hütte zur Wohnung anwies, die seit Johanni leer gestanden hatte.—— Der Winter kam dieses Jahr friih mit starker Kälte und Massen von Schnee. Es war kurz vor Weihnachten. Der Schnee lag so hoch, daß die hart gefrorene Kruste mit grünlichem Schimmer durch das kleine niedrige Fenster der Hütte herein- lugte. Die Felder, die sich vom Birkeuwäldcheu bis zur Landstraße streckten, trugen unzählige Spuren von Agestins Schneeschuhen. Das Gartenstaket vor dem Hauptgebäude war gänzlich niedergeschneit. Der Knabe hatte heute einen neuen Anzug bekommen. Er und Ragnhild waren neben dem Stall be- schäftigt, einen Schneemann zu bauen, als Beret Klöften sich in der geöffneten Thür der Hütte zeigte und ihn beim Namen rief. Als Agestin herein trat, stand die Mutter in einem ganz neuen Kleid vor ihm. Auf dem Kopf hatte sie ein neues schwarzes Tuch. So fein hatte Agestin sie noch nicht gesehen, er fand sie wunderhübsch! „Du wirst heute mit mir gehen, zieh Dir die alten Stiefel ans und zieh die an, die dort am Ofen stehen." Der Knabe war wie vom Himmel gefallen. Neue Stiefel und dazu noch Stulpenstiefel! Er warf sich der Mutter um den Hals und küßte sie. Beret wurde beinahe böse. Die stürmische Zärtlichkeit ihres Sohnes machte sie verlegen. So etwas kannte man garnicht auf dem Laude. „Mach', Agestin, wir haben weit zu laufen und müssen bis zum Melken wieder hier sein." Wo der Junge wohl diese Manieren her hatte? Er war so ganz anders als andere Kinder auf dem Lande. Auch wenn er sprach waren seine Ausdrücke so sonderbar, er benutzte so viele Bilder und wurde so leicht erregt. Sollte etwas Besonderes in ihm stecken? Sie dachte an den Vater und biß sich ängstlich auf die Lippen. Agestin schlüpfte in einem Nu in die großen Stiefel. Stolz ging er in dem ärmlichen Raum auf und ab. „Wo gehen wir eigentlich hin, Mutter?" Roman von H. Fries-Schwenzeo. „Nach Batten." „Zu meinem Vater?" „Ja— Du brauchst ihn aber nicht Vater zu nennen." „Warum? Er ist ja mein Vater." „Weil ich es sage!... Er mag es nicht gern hören; er hat es lieber, wenn Du ihn Thormod Talen nennst." „Hat er das lieber?" „Ja, konim nun." Sie verließen die Hütte. Agestin schnallte seine Ski an, während die Mutter voranging. In voller Fahrt holte er sie ein. „Ho!" rief er und schwang seine Mütze, indem er an ihr vorüber huschte. Unten angekommen, wartete er auf sie. Tann setzten sie ihren Weg zusammen fort, die Mutter mitten in der Fahrstraße, er nebenher in dem lockeren Schnee. Sie begegneten einer langen Reihe von Schlitten, die Holz nach dem Flößplatz, östlich von Batten, fuhren. „Thormod Talen scheint ja auch an den Sonn- tagen Holz zu fahren." Sie gingen über den großen Hofplatz. Heu und Stroh lag umher. Neben dem Stall im Wasch- hause waren alle Fensterscheiben zerschlagen. Ein Beil lag im Schnee neben dem Holzstall. Ein Spaten und eine Hacke lagen auch auf der Erde vor der Eingangsthür.— „Guten Tag Beret Klöften! Wie geht's? Bist auch nicht jünger geworden seit damals— hm! Na, so, da ist der Bursche. Na, höre mal, meine Diru', Du willst mir doch nicht weiß machen, daß der große Beugel— hm. Wie alt bist Du, mein Junge?" „Sieben Jahre." „Sieben Jahre, sich mal Einer an. Du bist ja ein strammer Bursche! Er ist riesig groß für sein Alter, Du Beret." Thormod Talen betrachtete seinen Sohn mit sichtlicher Freude. „Du sollst auch einen klugen Kopf haben, sagt man; so kommt nun herein, gieb mir die Hand, Schlingel! Nimm Dir doch einen Stuhl, Beret. Hm— so, das ist also Agestin, so heißt er ja, nicht wahr?" „Augustinus Martinus Klöften heiß' ich," sagte der Knabe keck und schlug mit seiner kleineu festen Hand kräftig ein, als der Vater ihm spielend die seine entgegen streckte. „Klöften, ja— selbstverständlich— Du bist ja ein' unverfrorene kleine Kröt'." Thormod um- schloß die Hand des Kindes und drückte fest zu. „Thut es weh?" „Nein." „Noch immer nicht?" „Nein." Dem Knaben traten die Thränen in die Augen. „Prachtjunge! Prachtjunge! Du, Beret.... Ja ja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm." „Was sagt er von einem Apfel, Mutter?" fragte Agestin und wandte sich um zu Beret, die erröthend vor Stolz und zugleich verlegen auf der äußersten Kante ihres Stuhles da saß. „Hahaha!" lachte Thormod,„habe ich von einem Apfel gesprochen? Der Junge ist schlau, wart' mal." Er erhob sich und holte aus einem Schrank einen großen rothbackigen Apfel.„Da, mein Junge." Agestin griff zu und biß vergnügt in die saftige Frucht. „Du hast doch die fünfzig Thaler bekommen, Beret, die ich Dir durch den Küster schickte?" „Ja, und ich sage Dir noch vielen Dank Thor- mod, die Hälfte habe ich schon ausgegeben. Wir waren schlecht gekleidet, der Junge und ich." „Läßt sich denken, ja. Nun wir werden sehen, was sich für Euch machen läßt. Die Ernte war nicht besonders dies Jahr, das Heu war zum großen Theil verfault, weil wir solchen feuchten Herbst hatten, ja." Thormod Talen erhob sich aus dem Lehnsessel und ging an den Rauchtisch, um eine nut schwerem Silberbeschlag versehene und kunstvoll geschnitzte Meer- schaumpfeife zu stopfen. Eine mächtige Rauchwolke ausblasend kam er wieder zurück und blieb in einigen Schritten Entfernung stehen, um Agestin zu beob- achten, der mit großem Appetit seinen Apfel aß. Thormod war noch ein schöner stattlicher Mann, aber der verschleierte Blick, die starke Röthe im Ge- ficht nnd eine gewisse Schlaffheit in der Haltung verriethen, daß er ein unverbesserlicher Trinker sei. Der Kopf war klein und saß frei auf den breiten Schultern. Das Gesicht war scharf geschnitten, mit einer kräftigen geraden Nase und etwas großem Mund, der ein wenig nach der rechten Seite ge- zogen wurde, wenn er sprach und besonders, wenn er lachte. Bis auf einen kurzen Backenbart, der schon einzelne graue Haare zeigte, war sein Gesicht glatt rasirt. Er trug Kleider aus feinem dunkel- blauen Tuch, der Schnitt derselben war nur wenig bäuerisch, aber Weste und Beinkleider, sowie das vorn offene, nicht ganz saubere Oberhemd trugen deutliche Spuren von Schnupftabak, Asche und anderen nicht leicht zu bestimmenden Substanzen. „Du rauchst doch schon Tabak, mein Bursche, oder wie?" „Nein." „So, das thust Du nicht? Aber einen Schluck Wein trinkst Du doch?" Agestin schwieg. Er hatte noch nie in seinem Leben Wein getrunken. 258 „Das auch nichts Aber D», Beret, kannst eine kleine Stärkung nöthig haben, was meinst Du, nach dem laugen Weg? Es ist ein kalter Tag, wie denkst Du über ein warmes Jäckchens" „Ein warmes Jäckchen?" fragte Berct. „Nun ja! Ein Kon— jäckchen! Hahaha!" Thormod ging an den alten geschnitzten Schrank und holte eine Flasche Eognak und zwei Gläser her- aus. Er stellte sie ans den Tisch und ging wieder an den Schrank, diesmal holte er einen Teller mit feinen Kuchen. „An kalten Tagen wie heute ziehe ich immer mein wärmstes Jäckchen an, hahaha!" „Iß, Junge!" Er füllte die Gläser. „Wohlsein, meine Deern." Thormod goß den Inhalt seines Glases hinunter. Beret Kloften nippte nur an ihrem Glase. „Das ist mir zu stark," sagte sie,„wir sind an so etwas auf Solhaug nicht gewöhnt." „Versteht sich, dort trinkt nian nur Milch oder gar Wasser; pfui!" Thormod wandte sich dem Knaben zu, der vorsichtig einen schönen Kuchen mit Himbeeren voni Teller genommen hatte, den er mit großem Behagen verzehrte. „Magst Du gern Kuchens" „Ja." Dann darfst Du nur öfter hierher kommen, hier kannst Du essen, so viel wie Du willst." Agestin machte große Augen; der Vater gefiel ihm sehr. Plötzlich drehte Thormod sich auf dem Absatz um, ging an das andere Ende des Zimmers und holte seine Geige. „Was ist das, Agestin?" „Das ist Musik." „Aber was für eine!" rief der ehemalige Geiger und that ein paar derbe Striche mit dem Bogen über die Saiten. Der Knabe staunte. Er glaubte, zugleich eine strenge Männerstimme und die klagende Stimme eines Kindes zu hören. Thormod Talen spielte einen Volks- tanz. Agestin ließ den angebissenen Kuchen auf dem Tische liegen und horchte, so etwas hatte er in seinem Leben nicht gehört. Darauf wurde ein wehmllthiges Volkslied gespielt. Der Junge saß da mit weit aufgerissenen Augen und angehaltenem Athem und horchte, und horchte.-- „Nun, war es fein?" fragte Thormod und legte den Bogen fort. „Ja— se— ehr fein." Die Wangen des Kindes glühten und seine Augen ftmkelten in Heller Be- geisterung. „Ja, das kann ich nun, aber was kannst Du? Man hat mir gesagt. Du wärest solch' ein kluger Junge; bis jetzt weiß ich nur, daß Du Kuchen essen kannst." Agestin antwortete nicht, den Kuchen würdigte er keines Blickes. Er war lauter Bewunderung dem Vater gegenüber, seine Blicke hingen wie gebannt an ihm und an der Geige. „Kannst Du noch mehr?" fragte er dann tonlos. „Ob ich mehr kann? Haha! Komm her, Junge, setz' Dich auf mein Knie. Ich will Dir eine Ge- schichte erzählen." Thormod Talen setzte sich, mit dem Knaben ans dem Schooß. „Weißt Du, warum der Bär keinen ordentlichen Schwanz hat?— Nein?— Kennst Du die Ge- schichte von dem Kobold und den drei Pastors- töchterns— Auch nicht?—" Und nun erzählte er dem horchenden Kinde, wie der Bär und der Fuchs sich im Wald trafen zur Winterzeit, wie der schlaue Fuchs den anderen an- führte und ihn dazu verleitete, auf's Eis hinaus- zugehen und seinen langen Schwanz— denn zu der Zeit trugen die Bären den Schwanz lang— durch ein Loch im Eis zu stecken, damit die Fische anbeißen sollten— wie das Loch zufror, der Bär aber durch die verlockende Aussicht auf einen großen Fischfang tapfer Stand hielt, obgleich es eklich weh that, und wie der Bär dann schließlich, halb wahn- sinnig vor Schmerz, so heftig den Schwanz an sich riß, daß er abbrach, und er mit einem blutenden Stummel auf und davon gehen mußte.— Er erzählte ihm von dem verwünschten Kater mit dem Bockshom, der den Jungen in den Berg hineinlockte, wo er die griingekleidcte Jungfrau traf— von Kobolden mit Bocksfüßen, kurz von all' dem Teufelszeug und Koboldgesindcl— mit und ohne Schwanz— die eine ausschweifende Phantasie sich nur ausmalen kann. Dem Knaben war schließlich zu Muth, als ob das Zimmer voll von Spnkgestalten wäre. Aber kaum war eine Geschichte zu Ende, so bat er um eine neue, bis endlich die Mutter sich erhob und betheuerte, sie müsse jetzt gehen. „Bei Euch auf Solhaug habt Ihr Wohl keine Kobolde und Hexen?" fragte Thormod und ließ Agestin los. „Nein, wir haben aber einen schwarzen Kater, der im Dunkeln knistert und Funken sprüht, und Ragnhild hat eine Großmutter mit einer Brille." Thormod lachte laut und begleitete seine Gäste bis zur Thüre. „Schicke mir Agestin recht bald wieder hierher," sagte er.„Der Junge ist nicht dumm— wer weiß, was in ihm steckt. Vielleicht lehre ich ihn das Geigespielen." „Der Himmel soll Dich bewahren," dachte die Mutter auf dem Heimwege und drückte heimlich, fast ängstlich die Hand des Knaben. Am Sonntage nach Weihnachten war Agestin wieder auf Balken. Der Vater hatte ihm die ersten Anfangsgründe des Violinspielens beigebracht. Agestin hatte bunte Bilder zu sehen bekommen, Könige und Generäle mit wehenden Federbiischen und goldenen Sternen, Damen mit langen Schleppen und Knaben, welche dieselben trugen. Der Vater hatte gespielt und iljm neue Geschichten erzählt, nachher war aber der Küster und der dicke Dorfschulze gekommen, und dann hatten sie Grog getrunken und Tabak geraucht. „Du hast doch hoffentlich nichts getrunken?" fragte die Mutter. „Nein, ich mag das alte Zeug nicht, es brennt so furchtbar, ich habe Milch getrunken, und der Dorf- schnlze hat mich ausgelacht. Warum hat er das gethan. Du, Mutter?" „Das weiß ich nicht, mein Junge. Wer hat Dich denn nach Hause begleitet?" „Eins von den Mädchen auf Balken. Aber Vater ist zu spaßig gewesen, sage ich Dir. Zuletzt wurde er aber so furchtbar müde, daß er eingeschlafen ist. Und dann haben wir ihn alle zu Bett gebracht. Nachher ist der dicke Dorfschulze über seinen eigenen Schlitten hingefallen." Die Mutter schüttelte den Kopf. Agestin darf da nicht wieder hingehen, dachte sie. Er sieht und lernt da nichts Gutes. Vier Wochen später war er wieder eingeladen; die Mutter wollte ihn nicht fort lassen, aber er quälte und bat so lange, bis sie ihn schließlich gehen ließ.— IV. Jahre vergingen. Agestin war sehr groß für sein Alter; es gab Leute, die fanden, daß er anfing, Aehnlichkeit mit dem Vater zu bekommen. Er und Ragnhild besuchten zusammen die Dorfschule. Der Schulmeister war derselbe Küster, den er vor Jahren beim Vater getroffen hatte. Er besaß selbst nur wenig Kenntnisse und verstand es garuicht, nnt Kindern umzugehen. Indessen waren Agestin's Besuche auf Balken immer häufiger geworden. Das Geigenspiel und die Geschichten des Vaters übten eine magische Anziehung auf ihn aus. Zu Hause war es lang- weilig geworden; Ragnhild sah er nur selten, und die sauertöpfige Frömmelei der Anderen war nicht geeignet, seine lebhafte Phantasie zu fesseln. Auf Bakken dagegen winkte ihm eine Welt von Märchen, von jubelnden und klagenden Melodien— und vor Allem ging es da immer lustig her. Agestin stand vor der Thür der Hütte und schnallte seine Schneeschuhe an. Jetzt war er fertig, er zog seine von der Mutter gestrickten wollenen Handschuhe an und ergriff den Ski-Stab. „Wenn Besuch kommt, gehst Du mir aber so- fort nach Hause!" rief die Mutter ihm nach, als er, die Mütze fröhlich schwenkend, am Kuhstall vor- bei glitt. Er kam erst spät Abends nach Hause, von einem Fremden an der Hand geleitet. Beret sah sofort, daß er Wein getrunken halle. „Nein, da hört doch der Spaß auf!" rief die Mutter zornig und schlug dem Fremden die Thür vor der Nase zu. Dem Knaben streichelte sie aber zärtlich die Wangen, zog ihm die Kleider aus und brachte ihn zu Bett. Als Agestin am nächsten Morgen erwachte, lag die Mutter auf den Kuieen vor seinem Bett und weinte. „Warum weinst Du, Mutter?" fragte er und erhob sich im Bett. Dann erinnerte ihn ein dumpfer Schmerz im Kopf an das gestern Passirte. „Ich weine, weil ich traurig und besorgt bin, besorgt um Dich, mein Kind. Du bist erst zwölf Jahre alt und fängst schon an zu prahlen und fluchen, wie ein Kerl. Gestern hattest Du Wein getrunken, Agestin." „Es war aber nicht Branntwein, es war ein süßer Wein, der gut schmeckte." „Um so schlimmer, daß er Dir gut schmeckte; Du gehst nicht öfter hin, versprich mir das!" Der Knabe warf sich reuig der Mutter um den Hals und versprach es ihr. Eines Abends, als der Mond draußen sein blasses Licht über die schneebedeckten Felder ergoß, brannte auf dem Herd in der Hütte ein lustiges Feuer. Beret Klöften saß und strickte. Agestin war beleidigt, weil die Mutter ihm keine Butter auf's Brot zum Abendessen gegeben hatte. Das bekam er imnier bei seinem Vater; und das konnte er auch von ihr ver- langen, meinte er. Jetzt kniete er auf einem Stuhl am Fenster und machte sich mit einer ani Feuer gewärmten Kupfermünze ein Guckloch in die zuge- froreue Fensterscheibe. Als ihm das gelungen war, lugte er hinaus, putzte dann sein Guckloch mit dem Aermel und lugte wieder hinaus. Es war bis auf das Knistern und Paffen des Kienholzes auf dem Herd ganz sllll im Zimmer. „Agestin, was thiist Du da?" fragte endlich die Mutter. „Ich sehe aus dem Fenster." „Wonach siehst Du denn?" „Nach Kobolden." „Wonach?" „Nach Kobolden—" „Nach Kobolden?" rief Beret höhnisch,„es giebt keine Kobolde." „Das giebt es nun doch. Vater hat's gesagt." „Ja, der—" klang es geringschätzend. „Ja, der—" äffte er nach,„Der", ist viel gescheidter als Du." Agestin war eifrig bemüht, sein Guckloch zu erweitern. „Mag wohl sein, daß Thormod Talen gescheidter ist als ich, aber viel Gutes hast Du nicht von ihm gelernt— bis auf das Bischen Geigenspiel." „Viel Gutes habe ich hier auch nicht gelernt— Das kommt wohl davon, daß Du selbst nichts ge- lernt hast." „Das hast Du nicht von Dir selbst, Agestin." Beret Klöften that sich Gewalt an, um ruhig zu bleiben. „Von wem sollte ich es wohl haben?" fragte der Knabe frech. Es trat eine Pause ein, Beret strickte mit zitternden Händen. „Wenn ich auch nicht so klug bin, wie gewisse andere Leute, so weiß ich doch so viel, daß es keine Kobolde und Berggeister giebt." „Ja Du— wirst schon Bescheid wissen!" klang es höhnisch.„Du weißt wohl auch nicht, daß der große Berggeist auf dem Flyberg mit seinen weißen Jungfrauen im Mondscheine tanzt?" „Agestin, das ist dummer Aberglaube, lauter Lug und Trug, glaub's mir." „Weibergeschwätz!" klang es vom Fenster— zwar gedämpft, aber doch so deutlich, daß Beret es hören konnte, denn sie erhob sich sofort und warf ihr Strickzeug von sich. Eine Ohrfeige riß ihn vom Fenster auf den Fußboden herab. „Was unterstehst Du Dich, gegen Deine Mutter — Du unverschämter Beugel Du!" Die Ohrfeigen hagelten über ihn her. Agestin hielt die Arme ver- schränkt über den Kopf. „Kannst Du nicht derber hauen?" „Ich werde mal sehen," rief Beret in Much und schlug darauf los. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 259 „Bald haue ich wieder!" „Ja, untersteh' Dich, Du! Schon lange habe ich vorausgesehen, daß dies komnien würde. Nun wird es sich ja zeigen, wer von uns das letzte Wort zu reden hat, Du Lümmel— da— da!" Sie schlug ihn unter seine, den Kopf schützenden Arme in's Gesicht. Agestin riß sich los und sprang ge- schickt wie eine Katze in's Zimmer zurück. Seine Augen funkelten wie Feuer. „Ich blute," schrie er. „Und wenn auch, schadet nichts. Windelweich will ich Dich hauen!" Sie schritt auf ihn zu. „Haha! Es hat garnicht weh gethan. Aber es kann genug sein— kommst Du noch ein Mal— dann—." Er hielt ihr die geballte Faust vor das Gesicht. Die Mutter wurde todtenblaß und ließ den ge- hobenen Arm fallen. „Jesus!— Ter Vater!" stotterte sie. Minuten- laug stand sie wortlos da, mitunter überfuhr sie ein kaltes Schaudern. Daun ging sie an den Herd. Der Knabe hatte sich schluchzend in die dunkelste Ecke des Zimmers zurückgezogen. „Agestin," sagte die Mutter.— Keine Antwort. „Agestin— mein Junge— komm her zu mir." Wieder keine Antwort. „Hörst Du nicht, daß Deine Mutter ruft?" „Ja— ich bin nicht taub." „Komm mein Kind, ich will Dich nicht schlagen." „O nein, ich denke, Du wirst Dich hüten." Beret that einen tiefen Seufzer. Die Thränen traten ihr in die Augen. „Wenn Du nicht zu Deiner Mutter kommen willst, so mußt Du es bleiben lassen." „Das werde ich," lautete die trotzige Antwort. „Dann zieh Dich aus und gehe zu Bett." Wortlos kleidete der Knabe sich aus, huschte in's Bett und zog das Schaffell, welches ihm als Bettdecke diente, über die Ohren. Beret zündete einen Kienspahn an und nahm ihr Strickzeug wieder zur Hand. Sie strickte an einem wollenen Hemd für ihren Sohn. Als der Spahn abgebraunt war, erhob sie sich und ging leise an Agestins Lager. Hier kniete sie nieder und fuhr mit der Hand tastend über die Bettdecke. Sie suchte seinen Kopf, fand ihn aber nicht. Er hatte ihn unter die Decke gezogen. „Agestin!" Keine Antwort. „Agestin!— Wollen wir zusammen beten?" Er schwieg beharrlich. Es war so still in dem kleinen Raum, daß man die Schelle von einem Schlitten unten auf der Landstraße hören konnte. Das ganze übereiste, vom Mondenscheine durchleuchtete, kleine Fenster, auf das die Birkenzweige draußen sonder- bare Schattenrisse zeichneten, ließ einen schwachen Lichtschimmer in die Stube hineinfallen. Allmälig wurde ein unterdrücktes Schluchzen hör- bar. Es war Beret Klöften, die arme Kuhmagd, die über ihrem Kinde weinte, anfangs leise, dann schluchzend und stoßweise, aber schließlich brachen die Thränen los, wie ein heißer Strom liefen sie über das bleiche, magere Gesicht....(F°ris-«ung f°igl.) Jy Der Krwclrtete. Von Hans Ostwald. , rähen flattern krächzend über die letzten Häuser der Stadt. Ihr Flug geht taumelnd über f»; l" den schmalen Fluß, der glatt und glänzend die kleinen, alten Gärten von den Wiesen trennt. Dann ziehen die Vögel wie schwarze Flecken über den erglühten Himmel. Jenseits der Wiesen fallen sie in die frisch aufgehende Saat. In dem Garten, der sich von dem letzten Haus bei der Brücke bis zur grauen Chaussee zieht, steht eine alte Frau. Sie legt die rauhe, verarbeitete Hand vor die Augen und sieht den Weg hinab, über die Wiesen, die braunen Felder mit den grünen Saat- streifen. Der Weg ist leer. Unter den Pappeln geht Niemand. Nichts bewegt sich. Auch die rothen Wolken stehen still. Nur ganz hinten zerflattert ein Rauchband. Die alte Frau blickt lauge den Weg hinab. Sie zuckt nicht einmal mit den Wimpern. Hier draußen ist es still. Nur alle zwei Stunden gehen einige Menschen vorbei nach dem Bahnhof, der am Ende der Pappelallee liegt. Für die Fremden, die vom Bahnhof kommen und vielleicht glauben könnten, daß Randau ein Dorf ist, weil es nur eine Straße und uiehrere Gassen hat, ist vor der Brücke ein großes weißes Schild aufgestellt, auf dem ausdrücklich zu lesen ist, daß der Ankommende jetzt in den Bezirk der Stadt Randau eintritt. Das Wort Stadt ist, damit es Niemand übersehen kann, dreimal so hoch und vier- mal so stark gemalt, als die übrigen Wörter. Daun aber hat Randau noch Eines, wodurch es sich wesent- lich von den Dörfern der Umgegend unterscheidet: eine Zuckerfabrik liegt hinter den Häusern. Ihre Schlote heben sich schlank und hell aus dem Gebüsch; sie überragen den grünen Kirchthurm um ein ganzes Stück. In die feierliche Stille der ersten Häuser dringt von der Fabrik her ein grelles Läuten. Die Arbeit ist für diesen Tag zu Ende. Die alte Frau scheint es nicht zu hören. Sie steht immer noch unbeweglich auf dem Fleck zwischen den verblühenden Reseden und Georginen. Erst als auf dem holprigen Straßenpflaster schwere Tritte näher kommen, läßt sie die Hand sinken und dreht den Kopf nach dem alten Mann, der laugsam heran- schreitet. Er geht gebückt, doch will er sich noch immer gerade aufrichten. In seinem breiten Kopf mit den kleinen Augen und schmalen Lippen prägt sich das halb Herrische, halb Unterwürfige aus, das den meisten Vorarbeitern und Aufsehern eigen ist. Er sagt nicht„Guten Abend", als er an seiner Frau vorbei in das einstöckige Haus tritt, das neben der Thür nur zwei Fenster mit kleinen, grünlichen Scheiben hat. Die beiden Alten haben es in dem stillen Winkel verlernt, viel zu sprechen. Sie ver- stehen einander auch schweigend. Sie folgt ihm in das Haus. Langsam gehen sie über den rothgetiinchten Ziegelflur, in dem ein Schrank in die Wand eingemauert ist. Hinten, wo eine schmale, steile Stiege nach dem Giebelstiibchen führt, steht ein hoher, brauner Kochofen, dicht daneben ein Tisch, eine Wasserbank mit blaukgescheuerten Holzeimern und ein offenes Küchenspind. Der Alte setzt sich zwischen Kochofen und Tisch, während seine Frau eine kleine Milchglaslampe anzündet. Dann setzt sie sich ihm gegenüber auf eine Ecke der Wasserbauk und legt die Hände auf der blauen,' verschlissenen Schürze zusammen. Der Mann keucht noch etwas vom Gehen. Sie sitzt ganz beweguugs- los. In dem matten Schein der Lampe, der in den gelben Messingreifen der Eimer und im Kupfer- geschirr aufblitzt, erscheinen die Beiden wie Geschwister. So ähneln sie einander. Und doch haben sie ver- schiedene Haarfarbe, verschiedene Körperformen. Nur die Gesichtszüge gleichen sich, jene Linien, die gleiche Erlebnisse, gemeinsame Kämpfe und Freuden ein- ritzen; die wir bei allen Menschen finden, die mit- einander leben. „Wo is denn dei Jung?" fragt der Mann. Sie dreht die Handflächen nach außen:„Jo, hei is noch»ich da." Der Mann blickt sie eine Weile fragend an. Ihr scheint es unter seinen Blicken heiß zu werden; sie fährt sich rasch mit der Hand über die Stirn und streicht die dünnen, aschblonden, grandurch- wirkten Haare zurück. Mit schüchterner Stimme meint sie:„Soll ick Di dat Essen tanrecht maken?" „Ne, ne, ne!" antwortet er, gütig entrüstet. „Nu wart' man, bis dat dei Jung do is." Sie sitzen sich noch ein Weilchen stumm gegen- über. Dann steht sie auf und sieht nach dem Essen. Hasttg zieht sie die Töpfe ans dem Ofen und wirft rasch einige Kohlen auf das erlöschende Feuer. Wieder sitzen sie schweigsam. Plötzlich steht der Mann auf und geht hinaus. Sie folgt ihm. Die Abendgluth hat sich im fernen Westen zusammengezogen. Die Spitzen mehrerer Wolken, die sich von einem Busch über die Felder ziehen, brennen blutig. Ueber der frischen Saat wiegt sich ein feinet Nebel, der unmerklich, langsam wächst. Auch ihn durchzieht die letzte Röthe, grauroth kommt er über die Felder heran. Die beiden Alten stehen und starren den Weg hinab, über dem sich der Nebel zusammenzieht. Die Pappeln werden von dem Dunst eingehüllt. Jetzt kommen Menschen aus der Stadt. Einige junge Mädchen, mehrere Bauern in hohen Stiefeln, Frauen in weiten, bunten Röcken. „Nu kömmt bald der Achtuhrzng," sagt die Frau. „Awerst, daß dei Jung nich schonst um söß kimmen dhat... hei kunt schonst um vier, um twee hier sün." „Jo, jo! Awerst, man weeß man nix Genaues nich... Vielleicht hät hei nich gliek de Messer un dat Handwerkstüg so fix kaufen können. Dat is doch man mannichmal so." „Ei wo!" „Oder, wenn ein man blos nich een Unglück taustooten is!" „Ach, Quark! Hei is enn strammen Kerl; hei is doch flink un behend.". „Awerst, Du weeßt doch, neilich, Bauer Anders sin Jung is ook in Barlin iiwerfahr'n wor'n." „I, so rasch wird man nich immertau eens üwerfahr'n." Sie machen sich Beide auf den Beeten zu schaffen. Der Alte untersucht die Kohlköpfe, ob sie auch schon groß und fest genug sind. Die Frau zieht Runkel-- rüben aus, die an der mit Wein bezogenen Seiten- wand des Hauses stehen. Als sie mit einer Schürze voll grüner Blätter und dicker Rüben vorkommt, steht der Mann wieder am Zaun und starrt den Weg hinab, auf dem die Gestalten der zum Bahnhof Gehenden nach und nach immer undeutlicher werden, immer mehr in den Nebel tauchen. „Weruer's un Ziihlke's holen ihre Jungen ab..." „Möcht'st woll ook gahu? Ne, dei Bengel kunt' zur rechten Tied hier sün!" „Awerst, wenn se'n nu noch nich von de Soldaten entlassen haben?" Er lacht rauh, höhnisch:„He, Du meinst man? Ne, dat giwt et nich. Wenn se von't Manöver kommen, wer'» se ook frei!" „Jo, jo, awerst—" „Ach wat. De Schlaks, wer weeß, wat hei dreibt?" „Du denkst ook man immer glik dat Schlccht'ste." „Jo, jo!" Er nickt spöttisch.„Dat arme Miittersöhllken! Dat is jo so gaut!.. Nu giw mi man min Essen." Er schlürft in das Haus zurück. Sie folgt ihm gehorsam. Es ist ihnen garnicht aufgefallen, daß sie in einer halben Stunde mehr gesprochen haben, wie sonst an einem Tage. Drinnen stellt sie Teller und Näpfe hin, mit sichcrem Griff, den sie durch lange Uebuug bekonimeu hat. Daun zieht sie wieder die Töpfe aus dem Ofen und stellt sie auf den Tisch, nachdem sie Papier ausgebreitet hat. „Wat hast denn?" „Ick hew een Swinsbraten makt." Der Alte langt in den Topf und füllt sich Essen auf. Auch die Frau nimmt sich mit ängstlicher Miene, als der Mann sie fragend angesehen hat; doch nur einen Bissen steckt sie in den Mund. Er scheint zu quellen; sie bekommt ihn nicht hinunter. Der Mann schimpft:„Wie Leder is dat Tüg!" Sie quälen sich noch mit dem Essen. Da tönt es von draußen: „Ein jedes Ding hat seine Zeit, Drei Jahr' sind keine Ewigkeit. Drum, Brüder, stoßt die Gläser an: Es lebe der Reservemann I" Die beiden Alten werfen die Gabeln hin und eilen hinaus. Es ist inzwischen fast ganz dunkel geworden. Nur ein leichtes Dämmern durchzittert noch die feuchte Abendluft. Auf dem Wege ist eine dichte Masse zu sehen, die sich nähert. Heisere Kehlen singen: „Wer treu gedient hat seine Zeit, Dem sei ein Lebehoch geweiht." 260 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbetlage. Dann konimt der Schwärm näher. Die Alte niacht die Zaunthllr auf. Doch die Menschen ziehen alle vorbei. In der Mitte der Straße gehen einige junge Leute mit Soldatenmützen und Stöcken, an denen bunte Troddeln baumeln. Sie müssen sich gegenseitig stützen und halten, um nicht über einander zu stolpern. Der Mann und die Frau sehen ihnen noch nach, als sie schon um die Biegung der Straße verschwunden sind, und der Lärm ihres Singens und Lachens nach und nach verhallt. Da geht in dem Schatten der gegenüberliegenden Häuser ein Mädchen vorbei. Wie es in den kleinen Städten und Dörfern Sitte ist, grüßt es herüber: „Abend oof!" „Abend, Fiking!" Das klingt wie eine Aufforderung zum Näherkommen. Das Mädchen geht zu den Alten. Es ist ein breithüftiges, derb- armiges Geschöpf, das die ganze Frische der bäuerlichen Arbeit ans seinem kräf- tigen Körper ausstrahlt. Die starke Brust und der gut ausgebildete Mittel- leib treten bei dem enganliegenden Kleide deutlich hervor. Trotz ihrer ursprünglichen Derbheit hat sie doch die weichen Linien der freien Natur, die keine Stahlstangen und Schnür- leiber braucht, um schön zu sein. „Denk di nur eens," sagt die Alte, „dei Gustav is noch nich to Hus." Die Alte weiß nicht, ob der Mond, der hinter dem Kirchthurm aufgeht, das Gesicht des Mädchens so bleich macht oder— „Nu komm man eens herin," meint sie. Die drei sitzen zusammen um den Tisch. Die Alten schweigen, doch das Mädchen plaudert unaufhörlich, un- aufhörlich. Es lacht auch manchmal; dann fahren die Alten aus ihrem Sinnen auf. Aber trotzdem wächst in allen Dreien das kalte, eisige Entsetzen auf, das wir spüren, wenn wir einen Lieben vergebens erwarten. Und allerlei schreckliche Bilder steigen auf. Und die Stimme des jungen Mädchens hört sich so hohl an, daß es einem grausen könnte.... Endlich schlägt es von der Kirche her zehnmal. „Jetzt kommt dei Zehnuhrzug," sagt der Mann leise. Das Mädchen hält jäh in seinem Lachen ein. Alle Drei gehen wieder hinaus. Nun ist es ganz finster draußen. Den Mond bedecken dichte Wolkenmassen. Von den Pappeln ist nur ein dunkler Schatten zu sehen; hinten leuchtet ein grünes Licht. Bald darauf kommen schwankende Laternen an. Mehrere Wagen rottern vorüber. Ihr Lichtschein tanzt über die drei Wartenden hin, dann ist es wieder dunkel und still. Nach einem Weilchen aber hört man unsichere Schritte den Weg herab kommen. Die Frau geht ihnen entgegen:„Jetzt kummt hei! Jetzt kummt hei!" Auf der Brücke stößt sie mit einem jungen Mann zusammen, der wie die Frilhergekommenen eine Soldatenmiitze und einen Stock trägt. „Oh, Ihr seid's, Karlmann?" „Jawoll, ick, der Karlmann." Er spricht mit der schweren Zunge der Betrunkenen. Sie sind zusammen an der Gartenthür angelangt, wo der Alte und das Mädchen stehen. „Awerst wo is denn uns Gustav?" „Gustav— Gustav?" Der Reservist muß sich am Zaun halten. Dann nimmt er einen langen Zug aus der Schnapsflasche, die ihm an der Seite hängt. „Wie kann man so trinken?! Pfui, Karl!" sagt das Mädchen. „Oh, bat lernt man— dat lemt man! In der Kaserne haben wir gesoffen—— ick kann Dir sagen." „Weeßt Du nix nich von Unsen Gustav?" fragt der Alte scharf. Der Reservist sieht ihn groß an; dann lacht er los:„Der Gustav-- der Gustav--- läßt ook -- schön grüßen.-- Der-- der will sich erst noch een paar Tage amüsiren in Berlin.—— Der hat da—— so'n kesses Mächen.-- Sie haben ihm ja Geld geschickt—— zu—— zu Werkzeug.-- Tat jiebt'n par lustige Dage!" Er krümmt sich vor Lachen. Die Drei sehen ihn starr an. Das Mädchen faßt sich nach dem Hals und beißt die Zähne in die Lippen. Der Mann läßt den Kopf sinken. Nur die Alte sagt wimmernd:„Und Du wolltest'n ook Das Clttc(Sieb. Nach einem Relief von Hans Dammann. mit Gewalt bei de Soldaten hewwen-- damit hei en Schliff kreggt.—— Nu hewwen se'n im verdorben!— Nu hewwen se'n nu verdorben!"-- Ö Demokratische Anschauungen und Einrichtungen im alten Athen. Von E. West. 's ist bemerkt worden, daß die großen Staats- mänuer in Athen alle ein mehr oder minder trauriges Ende nahmen. Die Thatsache ist unzweifelhaft richtig; und heute noch wird sie aus- genützt, um gehässige Urtheile über die Demokratie zu begründen. Aber gerade darin zeigt sich der echt demokrasische Geist der Griechen, daß ihnen die gemeinsamen Interessen und die Pflichten gegen das Vaterland höher standen als alles persönliche Ver- dienst. Schließlich ist ja auch der größte Mann immer nur getragen von der Mitwirkung seines Volkes. Was hätte denn z. B. dem Miltiades aller Muth und alle Klugheit genützt, ohne den auf- opfernden Muth und die heroische Tapferkeit des griechischen Heeres? Miltiades, auf die errungene Machtstellung bauend, hatte sich verleiten lassen, durch spätere eigenmächtige Unternehmungen das Vater- land zu gefährden, und verfiel damit den Gesetzen Auch der höchste Dienst, der dem Vaterlande er- wiesen wird, ist schließlich nur eine Pflichterfüllung. Durch das Gemeinwesen allein existirt der Mensch, durch und in diesem kann er ain besten seine Gaben bethätigen, mit Recht kann es daher fordern, daß er sie ihm widme. Die freien Griechen wußten in echt demokratischem Geiste ihre Freiheiten zu schützen, indem sie dem per- sönlichen Ehrgeize stets die Flügel beschnitten, sobald er die Sphäre der allgemeinen Interessen zu überragen begann. Die ängstliche Wahrung ihrer Freiheiten ließ die Griechen in gleicher Lage auch später jedes Mal so handeln. Uebrigens braucht ein lebensfähiges, thatkräftiges Volk, das zugleich ein freies ist, um hervorragende Geister nie verlegen zu sein, die den höheren leitenden Aufgaben gewachsen sind. Das beweist die Geschichte aller auf- strebenden Völker. Der Kräfteverbrauch ist in einem wirklich freien Volk nun einmal ein ungleich rascherer als in einer stagnirenden Despotie; und sollte selbst dem Einzelnen einmal Unrecht geschehen sein, so ist das ein kleineres Uebel, als daß umgekehrt die Gesammt- heit in unnatürlicher Verkehrung des Verhältnisses von einem Einzelnen („Herrscher") leide. Aber noch in einer ganz anderen Beziehung zeigt sich der echt demo- kratische Geist der athenischen Ver- fassung, die freilich, außer von dem großen Philologen und Alterthums- forscher August Böckh, ziemlich unbe- achtet geblieben. Nichts nämlich wider- streitet, wie dieser Gelehrte hervor- gehoben hat, dem Gefühl der Alten für Freiheit mehr, als persönliche Steuern. In Athen war es Grundsatz, daß nicht vom Körper, sondern nur vom Vermögen gesteuert werden soll, doch auch dieses nur im Nothfalle, und zwar unter einer ehrenvollen Form. Eine regelmäßige Grundsteuer gab es in Athen nicht, wahrscheinlich auch in allen Freistaaten von Hellas nicht. Kurz, es gab keine Steuer unmittel- bar vom Eigenthum, also auch keine Häusersteuer. Die Steuer, die der Einzelne also wirklich zu entrichten hatte, war imnier nur eine Ehrensteuer, die zwar ordentliche Staats- steuer war, aber trotz der nicht unbedeutenden Be- lastung durch dieselbe, niemals etwas Unangenehmes oder Verhaßtes an sich hatte, wie so häufig die modernen Steuern. Unmittelbare Besteuerung des Bodens aber und körperlicher Thätigkeit, also auch der Gewerbethätigkeit, galt für tyrannisch. Es wurde eben geradezu als ein Theil der Freiheit angesehen, daß das Eigenthum des Bürgers, sein Geschäft, sein Körper nicht zinspflichtig sei, außer durch Selbstbesteuerung, d. h. durch freiwillige Leistungen. Am schimpflichsten war die Kopfsteuer. Es ist das, sagt Tertullian, geradezu eine Ver- achtung der Menschen, ein Merkmal der Gefangen- schaft. Wessen Haupt nicht frei ist, der muß es freilich versteuern, daß es ihm nicht genommen werde, gerade so gut wie die Lykier(im Zustande der Freiheit) langes Haar zu tragen liebten, aber, von Krösus unterjocht, Kopfgeld zahlen� mußten, wenn sie nicht geschoren sein wollten, weil Krösus Die Aeue A)elt. Illustrirte Anterhaltungsbeilage. 261 ein Recht hatte, ihr Kopfhaar für feine— Perrücken zu fordern; und sehr gnädig war noch diese Abgabe, denn er hatte das Recht, ihren Kopf statt ihres Kopfhaares zu fordern. Was für Steuern zahlten also die Athener? Nun, es muß rund heraus gesagt werden: gar keine, d. h. keine direkten Steuern. Freilich! Einkünfte hatte das altgriechische Staatswesen natürlich auch und mußte sie haben, aber die kamen meist nur aus öffentlichen Domänen, Forsten, Ackerland, Ge- wässern, Gütern der Tempel(also keine„todte Hand!") und der Gemeinden, die verpachtet waren und deren Pächter Abgaben in Früchten entrichteten. Es gab noch Salz- und Bergwerke, deren Einkünfte sich wohnte; ferner die 365 000 Sklaven, zusammen etwa 50 Talente. Es kamen hinzu die Zölle, die 2 Prozent vom Hundert betrugen, auch die Biarkt- zölle für verkaufte Gegenstände, ein Hundertstel des Kaufpreises. Auch die Gebühren für Benutzung des Hafens(Lagerung der Waaren), die nach dem peloponnesischen Kriege 36 Talente ausmachten, also in blühenden Zeiten des Friedens jedenfalls bedeutend mehr eintrugen. Steuern und Zölle erhob der Staat übrigens nicht selbst, sondern verpachtete sie, oder, wie die Griechen sich ausdrückten,„verkaufte" sie an Zollpächter. Diese waren vom Kriegsdienste befreit, damit sie ungestört ihrer Thätigkeit obliegen konnten. Führten sie indessen die eingegangenen Anderen an heilige«: Orten, in Gerichtshöfen, Amts- Häusern schimpft, zahlt nach Solonischen Gesetzen dem Beleidigten 3, dem Staate 2 Drachmen (12 Obolen) Strafe. Wir bemerken, daß der Werth des Geldes hoch war, daher konnte die Strafsumine eine niedrige sein. Später zahlte der einer Verbalinjurie schuldig Befundene 500 Drachmen an den Kläger. Ein Beamter, der aus Versehen einem Bürger gehörige Güter als dem Staate gehörig verzeichnet hat, zahlt 1000 Drachmen. Beträgt sich Einer im Rathe oder in der Volksversammlung un- geberdig, so kann er für jeden Verstoß mit 50 Drachmen in Strafe genommen«verden. Ein Bürger, der mit einer Fremden ehelich znsammenwohnt, verfällt, Nach dein Gemälde von Bernhard Winter. (Photographteverlag von Franz Hansstängl in München.) unter die Bürger vertheilt wurden. Freilich hatte der Staat in außerordentlichen Fällen das selbst- verständliche Recht, die Einkünfte für sich zu ver- «venden,«vie denn z. B. die Größe der athenischen Seemacht gerade den Silberbergwerken von Laurion entstammt, die sich anderthalb deutsche Meilen die Küste entlang erstreckten. Themistokles schlug seiner- zeit vor, diese Einkünfte, statt«vie bisher unter die Bürger zu vertheilen, zum Bau der Kriegsschiffe zu verwenden, und ohne mit der Wimper zu zucken, war es die Bürgerschaft zufrieden. Der Bergbau wurde übrigens nicht vom Volke betrieben, dieses iiberließ ihn Privatpersonen in Zeit- oder Erbpacht. Steuern zahlten aber die Fremden, die Gewerbe- treibenden und die Metöken oder Schutzvertvandten, die kein Gmndeigenthuin erlverben konnten und Schutzgeld zahlten: 12 Drachmen jährlich der Familienvater und 6 die Frau, die selbstständig für Gelder nicht zur bestimmten Frist ab, so verfielen sie unnachsichtlicher Strafe, ihr Vermögen wurde eingezogen. Andere Einkünfte des athenischen Staates be- standen sodann in dem Tribute der Bundesgenossen, der iiber 1200 Talente betrug und für die Kriegs- kasse bestimmt war. Ties war nicht gerade drückend. Perikles erhöhte den Tribut um ein Geringes, seine Nachfolger aber bedeutend. Endlich die Gerichts- und Strafgelder. Es mag einigermaßen Ver- wunderung erregen, diese unter den regelrechten Ein- nahmen verzeichnet zu finden, und wir wollen daher einige Beispiele für solche anführen, um ungefähr ein Urtheil zn gelvinnen, ob sie überhaupt eine nennenswerthe Rolle spielen konnten. Wir können unmöglich die lange Liste derselben hier aufführen, sondern nur einige der interessantesten Fälle heraus- greifen. Da finden wir denn u. A.: Wer einen wenn er dessen überwiesen«vird, in eine Strafe von 1000 Drachmen. Wer mehr Oelbäume aus- gräbt, als erlaubt ist, zahlt für jeden 100 Drachmen. Ein Weib, das sich auf der Straße ungebührlich beträgt, zahlt 1000 Drachmen. Fährt ein Weib zu Wagen nach Eleusis,* so verfällt es in eine Buße von 1 Talent(4710 Mark). 1000 Drachmen hatte zu erlegen, wer einen fremden Tänzer auf die Bühne brachte, und ebenso, iver einen Fremden überhaupt im Chore auftreten ließ. Für jede Entwendung von öffentlichen Geldern ist die doppelte Smnine zu erlegen, für heilige Gelder ist der zehnfache Ersatz zu leisten. 1000 Drachmen sollte zahlen, wer von einer im Gange befindlichen Klage abließ, ebenso der Kläger, * Ort in Attika, wo die„Eleusinischen Mysterien" gefeiert wurden, der älteste Gcheimgottcsdicnst Griechen- lands. Eleusis war mit Athen durch die sogen,„heilige Straße" verbunden. 262 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. der nicht den fünften Theil der Richterstiminen er- hielt. Parteihaß und Klagewuth machten diese Straf- gelder zu etwas sehr Einträglichein. Nun erklärt sich allerdings die sonst auffällige Thatsache, daß das Finanzwesen im Alterthuin nie, wie in der neueren Zeit, Bestand und Verfall der Staaten bestimmt und Umwälzungen zur Folge gehabt hat. Denn in der vollständigen Demokratie verfügt allerdings die Mehrheit(der Armen) über das Vermögen der Minderheit(der Reicheren); eine Verweigerung der Abgaben und damit Revolution kann nicht gut stattfinden, und da in einem echt demokratischen Staatswesen das Volk nie für Unter- nehmungen zahlt, die seinem wahren Vortheile fremd sind, wie in Monarchien oder gar Despotien, so war die Mehrheit der Biirger mit den Finanzmaßregeln des Staates einverstanden, und es ist eine Empörung in Athen z. B. aus einem Kriegsaufgebote auch nie eingetreten. Die Quelle von Beunruhigungen ini Staatsleben lag vielniehr ganz wo anders, nämlich in der jeweils versuchten Beeinträchtigung der Rechte der Bürger in Bezug auf ihren Antheil an der Regierung. Aristoteles, als Aristokrat, nennt daher die Vornehmen unter der Volksherrschaft„gedrückt", aber es war doch, nur natürlich, daß sie mehr zu tragen hatten als die Besitzlosen. Was sie aber zu tragen hatten, das waren die Liturgien, d. i. gewisse öffentliche Dienste, die die Bürger persönlich zu übernehmen hatten unter Tragung der damit verbundenen Kosten. Von zwei der wichtigsten und interessantesten solcher öffentlichen Dienste wird im Folgenden die Rede sein; vorher nur noch eine Bc- nierknng I. I. Rouffeau's, die für antike wie moderne Staaten ungemein zutreffend ist. Rousseau behauptete nänilich, der Einfluß der Finanzverwaltnng mehre sich in dem Maße, als die Wirksamkeit anderer Triebkräfte im Leben einer Nation sich vermindern, und eine Negierung sei auf der letzten Stufe des Verderbnisses angelangt, wenn sie keinen anderen Nerv mehr habe als das Geld. Nun gehe jede Regierung unaufhörlich zur Erschlaffung fort; folg- lich könne kein Staat bestehen, wenn die Einkünfte sich nicht unaufhörlich vermehrten. Wo die edleren Triebfedern des menschlichen Geistes noch lebendig sind, bedarf der Staat eines künstlichen Maschinen- Werkes zur Herbeischaffnng des Geldes weit weniger, weil der Augenblick des Bedürfnisses die Bürger aufregt und willig macht, zur Befriedigung desselben keine Aufopferung und Anstrengung zu scheuen. Dies gilt von Athen besonders in der Zeit vor dem peloponnesischen Kriege, wo Athen gar kein kllnst- liches öffentliches Schuldenwesen hatte. Unter Perikles gewann die Finanzvcrwaltung schon größere Wichtig- keit. Bei dem Erschlaffen der sittlichen Kräfte im Verlaufe des peloponnesischen Krieges mehrten sich die Geldbedürfnisse. Es ist eben bekannt und hat sich auch in Athen bestätigt, daß bei dem Nieder- gang eines Volkes die Regierung mit viel Geld wenig ausrichtet. So fällt denn das erste Beispiel einer(bis dahin unnöthigen) Vermögenssteuer zur Belagenmg von Mytilene ans Lesbos, das vom attischen Seebunde abgefallen war, in der Höhe von 200 Talenten.(423 v. Chr.) Anfangs sehr selten, seit dem peloponnesischen Kriege häufig, wurde nämlich eine sog. Vermögens- d. h. eigentlich Einkommensteuer ausgeschrieben, für welche der alte solonische Zensus benutzt wurde, wonach die Bürger in vier Klassen zerfielen. Die vornehmste Klasse war die der Pentakosiomedimnen(der „Fünfhundertscheffler"), die mindestens 500 Scheffel Ertrag hatten, die zweite Klasse waren die„Ritter" mit 300— 500 Scheffeln, die dritte Klasse, Zeugiten, mit 150—300 Scheffeln. Die Theten, die vierte Klasse, waren steuerfrei, lieber die Höhe der Steuer- summen ist nichs bekannt, nur so viel wissen wir, daß zum Zwecke der Besteuerung das Vermögen jeder Klasse zum 1 2 fachen Satze des Einkommens berechnet wurde, da der Zinsfuß des Geldes 12 Pro- zent war. Doch nur das Vermögen der ersten Klasse wurde voll besteuert, bei den anderen Klassen wurden nur aliquote Theile in Anspruch genommen. Also 12X500--- 6000 Medimnen 6000 Drachmen, da der Scheffel zu Solons Zeiten 1 Drachme kostete. Bei den beiden anderen Klassen wurde der niedrigste Satz angenommen, also 3000 statt 3600(12X300) und 1000 Drachmen statt 1800(12X150). Bei Aristophanes ist die Vermögenssteuer schon etwas ganz Gewöhnliches. Eine echt demokratische Einrichtung waren die Spenden des Staates an die Bedürftigen. Für alle zur Arbeit unfähigen Biirger, zunächst für die im Kriege unfähig Gewordenen, gab es schon seit Solons Zeiten(um 600 v. Ehr.) Staatsnnterstütznng für alle Diejenigen, die weniger als 3 Minen (236 Mark) im Vermögen hatten, von 1— 3 Obolen. Wer sie zu empfangen habe, wurde durch Volks- beschlnß bestimmt. Jeder Empfänger mußte sich einer Prüfung unterziehen, d. h. seine Berechtigung nachweisen. Armenhäuser gab es in Athen nicht und man bedurfte infolge dieser Einrichtung keiner solchen. Die Ausgabe, die dadurch dem Staate erwuchs, betrug 5— 10 Talente jährlich. Zu erwähnen ist auch die ehrenvolle Speisung um den Staat wohlverdienter Männer in dem Prytaneion, welche für Viele lebenslänglich währte, was bekanntlich Sokrates für seine Verdienste um den Staat statt der Todesstrafe verlangt hatte. Unter den demokratischen Einrichtungen Athens gewiß eine der interessantesten ist wohl die Bezahlung des Theaterentrc'es. Der Eintritt in's Theater war ursprünglich ftei. Dadurch entstanden aber Dränge- rcien, ja Schlägereien, bis schließlich einmal— bei der Aufführung eines Aeschylos'schen Schauspieles lvar es— die hölzernen Gerüste zusammenbrachen. Damit nun den ärmeren Bürgern der Theaterbesuch erleichtert oder überhaupt ermöglicht werde, wurde das Theatereintrittsgeld(2 Obolen, 25 Pfg.) aus der Staatskasse an sie bezahlt. Die Reichen verschmähten das natürlich anfangs, nahmen es aber bereits im demosthenischen Zeitalter an, weil ihnen die Ver- schmähung sonst als Uebermuth und Ueberhebung ge- deutet worden wäre. Die Berechtigung zum Empfang des Theorikons erhielt man durch Einschreibung in's Bllrgerbuch nach Stämmen. Doch war auch das streng geregelt. War Einer verreist, so erhielt er das Theatergeld nicht; wurde es dennoch für ihn genommen, so setzte er sich einer sehr empfindlichen Strafe aus: ein Talent scheint noch eine gnädige Strafe gewesen zu sein. Das Theorikon wurde zu Bildungszwecken gewährt, nicht aus anderen selbst- süchtigen Gründen. Außerdem wurde zugleich für die Mahlzeit der Bürger bezahlt. Die Vertheilung dieser Gelder geschah in der Volksversammlung, die zum Theil selbst im Theater abgehalten wurde. Bald schritt man auch zu Geldvertheilungen auch außer den Schauspielen, aber immer zur Feier der Feste, wo es ja meistens ein Spiel oder einen Aufzug gab, sodaß der Name Theorikon immer noch anwendbar blieb. An allen großen Festen, insbesondere an den Panathenäen und Dionysosfesten, bezahlte man den Bürgern das Theorikon. Sie sollten dadurch in den Stand gesetzt werden, den Festtag mit besserer Mahl- zeit zu feiern. Für die Panathenäen und die Dio- nysien wurde höchst wahrscheinlich das Theorikon für drei Tage bezahlt, was für die großen Diony- sien sogar wenig ist, da bei ihnen länger als drei Tage gespielt wurde. Auch Wein wurde da geboten. Die Ausgabe für das Theonkon kann geringstenfalls auf 25—30 Talente jährlich angeschlagen werden, da 18 000 Empfänger mindestens gerechnet werden müssen. Moderne Schriftsteller haben da kolossal übertrieben und von 1000 Talenten gesprochen. Es mag nun auf den ersten Blick sonderbar erscheinen, daß, während den Einen sogar der Ein- tritt bezahlt wird und die Verpflegung obendrein, die Anderen hohes Geld bezahlen müssen, um die Ausführung der Schauspiele erst zu ermöglichen. Aber nur die Reichsten hatten den Chor zu stellen, kein Gesetz schrieb ihnen die Höhe ihrer Leistung vor, und dann war die Choregie eine Ehrenpflicht, der sich zu entziehen Niemand gedacht hätte. Die Kunst- genüsse waren eben durchaus öffentlich, den Aermeren davon auszuschließen, daran dachte in Athen Niemand. Die Choregie war die bedeutendste der Liturgien. Die Choregen, die Chorbesorger, wurden von den Stämmen gestellt und vom Archon den Dichtern zngetheilt. Der Chorege mußte den Chor(Knaben-, Männer-, Tänzer-, Flötenspielerchor) zusammen- bringen, durch einen eigenen Lehrer unterrichten lassen und ihn dafür bezahlen. Die Lehrer waren vorgeschlagen, die Choregen jedoch erhielten sie durch's Loos zngetheilt. Die Beschaffung der einzuübenden Sänger und Musiker lag gleichfalls den Choregen ob. Knabenchöre waren besonders schwer zusammen zu bringen, weil die Eltern die Kinder ungern her- gaben wegen der Besorgniß drohender Verführung. Daher war für die Knabenlehrer auch ein Alter von über vierzig Jahren vorgeschrieben. Der Chorege konnte übrigens im Verweigernngsfalle Strafe an- drohen oder mit Gewalt Pfänder nehmen. Noch im augustinischen Zeitalter hatte er Vollmacht, den Eltern die Kinder für den Chor abzuzwingen. Schon ans diesem einen Falle ersieht man, wie ernst es die Griechen mit ihren dramatischen Aufführungen nahmen. Der Chorege mußte dem Chore während der Einübung einer Aufführung gute, die Stimme stär- kende Speisen und Getränke reichen lassen, über- Haupt ihn während der ganzen Zeit vollständig er- nähren. Für die Feier selbst mußte er die Schminke, die heilige, mit Gold verbrämte kostbare Kleidung, die goldenen Kränze, beim Schauspiele die Chor- masken usw. liefern, auch der Platz für die Schule mußte der Chorege in seinem Hanse oder anderswo stellen. Wer das Hinlängliche nicht leistete, wurde von den Behörden dazu verhalten. Die Kosten waren nicht unbedeutend: der Mann im Chor kostete gegen 1200 Drachmen. Einzelne jedoch leisteten bedeutend mehr, ja, es gab Reiche, die außerdem Trierarchen waren. Ein komischer Chor kostete etwa sechzehn- hundert Drachmen. Die andere wichtigste Liturgie war die Trierarchie, die Pflicht, ein Schiff auszurüsten. Die Verpflichtung dazu dauerte nach dem Gesetze ein Jahr. Das Schiff und den Mast stellte in der Regel der Staat, blos ausnahmsweise mußte die auch der Trierarch, der Biirger, der für die Ausrüstung des Schiffes zu sorgen hatte, liefern. Der Staat bestritt auch die Verpflegung der von ihm gestellten Mannschaft; der Bürger der ersten Klasse, der Pentakosiomedimnen, hatte das ganze Schiffsgeräth zu liefern und das Schiff in gutem Stande zu erhalten. Er niußte auch während der Dauer der Trierarchie persönlich ans dem Schiffe anwesend sein, weil er Kommandant desselben war. Es gab auch zwei bis drei, ja sogar bis zu zehn Trierarchen eines Schiffes. Die Kosten betrugen etwa ein Talent pro Schiff und wurden nur dann sehr beträchtlich, wenn das Schiff schad- Haft war, zu Grunde ging, und vom Trierarchen dafür aufgekonunen werden mußte. Die Kosten waren nie unter 40 Minen(1 Mine-- 78'/« Mark), überstiegen aber auch nicht ein Talent, außer in frei- willigen Ausnahmefällen, u. a. auch dann, wenn der Trierarch mehr als ein Schiff stellte. Der Trierarch mußte am Ende des Jahres Rechenschaft ablegen, denn die Gelder, die er aufwendet, gehen nach athenischer Auffassung in das Staatseigenthnm über, auch mußte er das Schiff in branchbarem Zu- stände abliefern, was eine Untersuchung erheischt, und so wird er rechnnngspflichtig; denn„ohne Rechenschaft, ohne Prüfung ist nichts von den Dingen im Staate," sagte der große Redner Aeschines.— 263 Kerzkirsche. (Fortsetzung) chreien Sie nicht," flehte Herzkirsche mit 4:1 dumpfer Stimme,„ich will Ihnen lieber die ganze Wahrheit gestehen... Ja, ich bin aus dem Gefängniß ausgerückt, doch Sie brauchen keine Furcht zu haben; ich will Niemandem etwas Böses thun, Ihnen noch weniger als jemand An- derem... Ich bitte Sie, liefern Sie mich nicht aus!" Nun erzählte er ihr hastig seine Geschichte, ohne das Abenteuer vom vorigen Tage auszulassen. Er sprach von dem Gefa'ngnißreglement, von der schlechten Behandlung der Gefängnißwärter und zeigte seine von den Schlägen und der Feldarbeit jetzt noch wunden Hände. Nach und nach war Norine näher getreten und schließlich im Grase niedergekniet. Sie hörte mit wachsendem Interesse die Erzählung von dem Elend des Jungen; ihre schwarzen Augen wurden bald feucht, bald flammten sie vor Entrüstung. Sie er- griff sogar eine Hand des Flüchtlings und betrachtete mit zärtlichem Mitleid die blauen Striemen, die von der Grausamkeit der Wärter zeugten. „Diese Wilden!" rief sie;„sie schlagen Sie?"..'. Es ist feige, wenn sich Mehrere auf einen Jungen stürzen und ihn mit Schlägen bearbeiten... Wie alt sind Sie?" „Ich gehe in's sechzehnte Jahr." „Wie ich. Und Sie sind entwischt?... Sie haben ganz Recht gethan; ich hätte es an Ihrer Stelle ebenso gemacht!... Was wollen Sie denn jetzt anfangen?" Herzkirsche antwortete, er fürchte vor Allein, ge- faßt zu werden, weil seine Strafe dann schrecklich sein würde. Er hatte die Absicht, sich während des Tages im Gehölz zu verstecken und in der Nacht zu wandern, bis er von dem Zuchthause recht weit entfernt sein würde... Dann wollte er versuchen, in irgend einer Fabrik Arbeit zu bekommen. „Ich bin stark," sagte er, und zeigte seine Arme, „und könnte leicht mein Brot verdienen... Ich schrecke vor keiner Arbeit zurück." Norine war nachdenklich geworden. Im Grase liegend, dessen Stengel ihre Arme streiften, blieb sie auf die Ellenbogen gelehnt, die Finger in die Haare bohrend; die wagerechten Falten, die ihre einander sich nähernden Brauen an der Basis der Stirn ab- zeichneten, deuteten darauf hin, daß sie sich einer ernsten Betrachtung hingab. „Warten Sie," sagte sie schließlich nach einigen Minuten;„ich glaube, ich habe was für Sie... Mein Vater wollte schon immer einen Lehrling an- nehmen... Er braucht namentlich jetzt einen, da der Champenois sich vierzehn Tage in seiner Heimath aufhält... Würde es Ihnen zuwider sein, das Holzschuhmacherhandwerk zu lernen?"... „Nein... ich habe so vielerlei schon getrieben, daß ich nicht so heikel bin." „Sie wären hier gut versteckt... Es ist sehr wunderbar, lvenn man hier andere Leute, als die Holzhacker von Bal-Serveux trifft, außer im Herbst, wenn die Jagd eröffnet ist, und dann haben wir den Platz längst verlassen... Die Gendarmen würden Sie sicherlich hier nicht suchen." „Ja, aber wird Ihr Vater einen Gefängniß- sträfling annehmen wollen?" „Das ist meine Sache," versetzte sie in ent- schlossenem Tone und mit der Miene drolliger Wichtigkeit... Kommen Sie mit!" Sie nahm ihn bei der Hand, und sie gingen am Rande des Wassers entlang bis zu einer Wegkrüm- niuiig, von wo aus man den Holzschlag und das Lager der Holzschnhmacher bemerkte. Hier ließ ihn Norine hinter einem Weidengebiisch Platz nehmen und forderte ihn auf, sich bis zu dem Augenblick ruhig zu verhalten, da sie es für gut erachten würde, ihn zu rufen. „Ich werde mit dem Vater Vincart sprechen," sagte sie;„rühren Sie sich nicht; wenn Sie mich dreimal den Kukuksruf nachahmen hören, so ist das ein Zeichen, daß die Sache in Ordnung ist. Dann Von Andre Theuriet. brauchen Sie nur auf den Holzschlag zu kommen, und ich werde Ihnen entgegeneilen." Sie durchschritt den Bach, indem sie geschickt auf große Steine sprang und ging an den Stößen auf- gehäuften Klafterholzes vorbei bis zu einer Ecke, hinter der sich die Werkstätte befand. Die Wohnung des Holzschuhmachers bestand ans einer großen, kegelförmigen, nnt Moos und Erde gedeckten Hütte und einer Art Schuppen mit einem aus Zweigen hergestellten Dache, unter dem die ge- arbeiteten Holzschuhe auf einem Bett von Hobel- spähnen ruhten. Die sogenannte Werkstatt befand sich in der freien Luft und im Augenblick, da Norine ankam, saß der Vater Vincart rittlings auf seinem Klotz und fchnitt aus dem Stumpf einer Buche ein Paar Holzschuhe. Sein offenes Hemd ließ seine von der Sonne gebräunte Brust sehen. Er war ein kleiner gebeugter Mann, der sich den Fünfzigen näherte, ein sehr lebhafter Mensch mit pfiffigem Gesicht und freundlichen, lachenden Augen. Bei dem Geräusch von Norine's Schritten erhob er das Haupt und empfing seine Tochter mit einem verschmitzten Lächeln, das kleine Falten um seine Augen zog. „Na, Mädel," meinte er;„ich will Dir keinen Vorwurf machen, aber Du hast Dir mit Deinem Frühstück höllisch Zeit gelassen." Das junge Mädchen setzte seine ernsthafteste Miene auf und sagte im Tone eines verzogenen „Beklagt Euch nur noch, Vater; ich habe mich mit Euren Angelegenheiten beschäftigt." „Der Teufel auch! Mit was denn für An- gelegenheiten?" „Habt Ihr nicht erst neulich Abends gesagt, Ihr wäret sehr froh, wenn Ihr einen Lehrling hättet?" „Ja, es ist allerdings wahr, Champenois fehlt niir sehr, und ich hätte Jemanden eingestellt, der mir ein Bischen zur Hand gehen könnte... Doch die Lehrlinge wachsen nicht im Walde wie die Pilze..." „Ich habe aber einen gefunden und ihn gleich mitgebracht!" „Was!" rief der Schuhmacher verdutzt;„Du gehst aber schnell zu Werke, mein Kind. Man kann doch nicht den ersten Besten nehmen." „Es ist nicht der erste Beste," versetzte das Mädchen eifrig,„es ist ein kräftiger Junge, der tüchtig arbeiten wird." „Und wo kommt er her?" Norine senkte einen Augenblick den Kopf; dann richtete sie ihn dreist wieder auf und erwiderte: „Es ist ein junger Mensch, der bei Korbmachern in Arbeit stand; sie haben ihn halbtodt geprügelt und ihn dann sitzen lassen... Ich habe ihn in Fontanelle getroffen; er hatte Hunger und ich habe ihm zu essen gegeben." Der Schuhmacher schüttelte mit nicht besonders entzückter Miene den Kopf und murmelte: „Ne schöne Empfehlung, Du hast Dich von einem Landstreicher betölpeln lassen!" „Ich lasse mich nicht betölpeln, ich habe ihn hin und her betrachtet, und stehe Euch dafür, daß Ihr mit ihm zufrieden sein werdet... Wenn Ihr kein Zutrauen zu mir habt, so steht es Euch ja frei, ihn nicht einzustellen!... Ihr werdet eine Dummheit begehen, das ist Alles, und der arme Bursch wird ans der Landstraße Hungers sterben." Sie sprach die letzten Worte in gekränktem Tone und verschärfte sie mit einer Grimasse schlechter Laune. Dieses Manöver verfehlte auf den Vater Vincart nie seine Wirkung. „Wer spricht denn davon, ihn nicht einzustellen?" erwiderte er schon halb bekehrt.„Ich sage nicht nein, aber ich will keine Katze im Sack kaufen und möchte ihn sehen... Wo ist er denn, der Junge?" „Ich werde ihn Euch zeigen... Uebrigens seid Ihr nicht miteinander verheirathet, und wenn der Champenois zurückkommt, werdet Ihr immer noch Zeit haben, ihn fortzuschicken... diesen Claude Sinson, wenn Euch seine Arbeit nicht gefällt..." Während dieser Unterredung, in der über sein Schicksal entschieden wurde, saß„Herzkirsche" hinter seiner Weide und wartete mit klopfendem Herzen. Seit langer Zeit hatte er nicht ein gleichzeitig so quälendes und so süßes Gefühl empfunden. Die Begegnung mit Norine, die Art, in der sie ihm ge- Holsen, bildeten für den Jüngling, der bis dahin nur als Paria behandelt worden, ganz neue Ereig- nisse, die an's Wunderbare streiften. Er zitterte, dieses nnerhoffte Glück möchte plötzlich davon fliegen, wie die blauen Libellen, deren Flügel er einen Augen- blick über dem Bache zittern sah, und die dann vcr- schwanden, um nie wieder zu kommen. Die Minuten erschienen ihm merkwürdig lang, und obwohl er erst seit einer Viertelstunde wartete, fing er schon an, den Mnth zu verlieren. „Na," dachte er,„man will nichts von mir wissen." In demselben Augenblick hörte er von der Werk- stätte her dreimal den Ruf: „Hu— up! Hu— up! Hu— up!" Er erhob sich mit einen: Satz, verließ sein Ver- steck und trat auf den Holzschlag. Bald unterschied er zwischen zwei Haufen Holz Norine, die ihm ent- gegengelaufen kam. „Kommen Sie!" sagte sie ganz athemlos zu ihm,„der Vater will Sie auf Probe nehmen... Ich habe gesagt, Sie hießen Claude Sinson und Sie wären bei Korbmachem in Dienst, die Sie schlagen... Merken Sie sich das wohl, damit Sie sich nicht vcrplapp?rn, wenn er Sie ftagt." Sie blieb stehen, um Athen: zu schöpfen, und ihre feuchten Augen richteten sich lange Zeit auf die blauen Augen des jungen Burschen. „Ich bin genöthigt gewesen," fuhr sie fort,„dem Vater Lügen zu erzählen, un: ihn milde zu stimmen, und es thut mir weh, ihn zu belügen... Sorgen Sie daftir, daß ich es nicht zu bereuen brauche." Zum ersten Mal in seinem Leben machte Herz- kirsche sich den Begriff der Güte klar, und zum ersten Mal traten ihm Thränen in die Augen, die ihm nicht vom Schmerz oder von der Wuth erpreßt worden waren. Im tiefsten Grunde seines Ich sprudelte die Quelle der Einpfindsanikeit, die im Herzen jedes menschlichen Wesens verborgen ist. In einer instinktiven Bewegung der Dankbarkeit ergriff er Norine's Hand und drückte sie mit seinen dicken, runden Fingern. Das Mädchen behielt die Hand des Sträflings in der ihrigen, und sie wandten sich so der Werk- stätte in der freien Luft zu, wo der Vater Vincart wieder angefangen hatte, seine Holzschuhe zu be- arbeiten. „Da ist Claude Sinson," sagte Norine. Der Schuhmacher hob den Kopf und betrachtete Herzkirsche vom Kopf bis zu den Füßen. „Na, das ist ein kräftiger Bursche!" sagte der Holzschuhmacher endlich,„und wenn er so viel Lust zum Arbeiten hat, als er gut aussieht, so werden wir schon miteinander auskommen... Mein Junge, Norine hat mir von Dir erzählt, und ich nehme Dich auf Probe; wir werden sehen, was Du zu leisten verstehst; hier muß man tüchtig arbeiten, aber man wird nicht geschlagen... Paßt es Dir?" „Ja, Herr!" „Nun gut; für heute wird Dich das Mädel mit dem Handwerk vertraut machen, denn sie versteht sich darauf wie ein Mann und hat nicht ihres Gleichen in der Handhabung des Messers, auch weiß sie einem Schuh die rechte Form zu geben... Morgen werd' ich Dir ein Werkzeug in die Hand geben, und wir werden sehen, was Du kannst." IV. Zwei Uhr. Das ist die Stunde, da der Wald unter den heißen Strahlen der Sommersonne gleich- 264 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. sam berauscht einzuschlafen scheint.— Auf einem großen Stein über dem Fontanellebächlein, das in dieser Gegend sehr schnell und heftig fließt, saßen Norine Vincart und Herzkirsche und ließen ihre Beine in das Wasser hängen. Sie hatten die Schuhe ausgezogen, und das Wasser benetzte in seinem hastigen Laufe ihre Füße nnt einem leichten Sprn- dein. Es war schon etwas über vierzehn Tage, daß der falsche Claude Sinson dem Vater Vincart als Gehülfe diente. Man verwendete ihn dazu, die Holzklötze zu sägen und zu spalten, und da er rüstig und gewandt war, so entledigte er sich dieser Arbeit auf's Beste. Die vierzehn Tage waren ihm als wahre Glückstage erschienen. Der Vater Vincart war, obwohl zänkisch und durchaus nicht geduldig, kein böser Mensch; was Norine anbetraf, so hatte sie ihren Schützling lieb gewonnen, und da sie als verzogenes und verhätscheltes Kind ihren Vater an der Nase herumführte, so machte sie dem neuen Lehr- ling das Leben sehr angenehm. Sie hatte ihn niit einer alten Holzhauerjacke, die sie nach Herzkirsches Größe zugeschnitten, be- kleidet und ihn in den Verschlag einlogirt, wo man die Holzschuhe unterbrachte, neben dem Bündel Stroh und Heu, das für den abwesenden Gehiilfen be- stimmt war. Hier schlief der ehemalige Sträfling, in eine Pferdedecke eingewickelt, fest bis zum Sonnen- anfgang, dann erwachte er frisch und munter, beim Gesang der Rothkehlchen und auf die Stimme Norines hin, die stets frühzeitig auf dem Posten war. Obwohl nian in der Werkstätte des Vaters Vincart tüchtig arbeitete, fand man trotzdem noch Zeit, sich des Lebens zu freuen, und der Tag zählte so manche Erholungs- und Ruhestunde. Die Arbeit begann mit Tagesanbruch und dauerte bis zur Vesper- stunde. Während der starken Nachmittagshitze hielt der Holzschuhmacher Siesta; um vier Uhr wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Norine und Herzkirsche benutzten die Gelegenheit, um die nahen Gehölze zu durchstreifen. Das Mädchen, das geschmeidig wie eine Eidechse und lebhaft wie ein Eichkätzchen war, weihte ihren Gefährten in alle Genüsse des Wald- lebens ein. Sie verstand es, Schlingen für die Hasen zu stellen, und im Bach Forellen und Krebse zu sangen. Sie wies ihm im Haidekrant oder auf den Grasplätzen die guten Plätze für Pilze, wo man sicher war, eine reiche Ernte zu halten. Das ein- same Leben im gesunden Waldesgriiu, die Arbeit in der frischen Natur, die Streifziige durch die Ge- büsche hatten Herzkirsche schnell verwandelt. Er war schon nicht niehr der scheue und tückische Sträf- ling, auf dessen Schultern die Schläge der Gefäng- uißwärter nur so herniederregneten, der von den Jahren der Landstreicherei verderbte Taugenichts, dem die korrumpirende Frühreife des Gefängnisses ihren Stempel aufgedrückt hatte; sein unschuldiges und harmloses Naturell hatte wieder die Oberhand gewonnen. Dank dem täglichen Verkehr mit der kleinen, wilden Fee, die seine Gefährtin und seine Lehrnieisterin geworden war, entdeckte er jetzt in seinem Herzen Keime des Zartgefühls und der Em- pfindlichkeit, über die er selbst ganz verwundert war. (Fortsetzung folgt.) JetuLLeton. Zwiegespräch.* Die Höhen der Alpen... Eine ganze Kette schroffer Felshänge... Das Herz des Gebirges. Ueber den Bergen wölbt sich der blaßgrüne, helle, stumnie Himmel. Starker, steifer Frost; fester, glitzernder Schnee; aus dem Schnee starren rauhe Zacken eis- umpanzerter, windumfegtcr Felsen. Zu beiden Seiten de? Horizontes strecken sich zwei Riesen wuchtig und machtvoll himmelan: die Jungfrau und das Finsteraarhorn. Und die Jungfrau spricht zum Machbar: Was giebt es Neues? Du hast besser sehen. Was geschieht da unten? Es vergehen einige Jahrtausende: ein Augenblick. Und es donnert das Finsteraarhorn zur Autwort: Dichte Wolken verhüllen die Erde... Wart' ein wenig I Es vergehen noch Jahrtausende: ein Augenblick. Und jetzt? fragt die Jungfrau. Jetzt kann ich sehen; es ist Alles, wie es war: bunt und winzig. Blau schimmern die Gewässer; schwarz dehnen sich die Wälder; grau blinken die Haufen zu- sannnengefügter Steine. Um sie herum tummeln sich noch inimer jene Geschöpfchen, Du kennst sie, die kleinen Zwei- fiißler, die weder Dich noch mich je haben verunglimpfen können. Die Menschen? Ja, die Menschen. Es vergehen Jahrtausende: ein Augenblick. Nun, und jetzt? fragt die Jungfrau. Es ist, als ob es jener Geschöpfchen weniger ge- worden, dröhnt's vom Finsteraarhorn herüber: eS ist unten klarer; die Gewässer scheinen schmäler; die Wälder haben sich gelichtet. Es vergingen noch Jahrtausende: ein Augenblick. Was siehst Du? fragt die Jungfrau. Hier um uns scheint es rein, anttvortet das Finster- aarhorn; in der Ferne aber gicbt's in den Thäleni noch einige Flecken, und es bewegt sich dort ettvas. Und jetzt? fragt die Jungfrau, als weitere Jahr- tausende, ein Augenblick, verflossen. Nun ist es schön, antwortet das Finstcraarhorn; überall, wo man hinblickt, ist Alles weiß und rein... Alles bedeckt unser Schnee, gleichmäßiger Schnee, gleich- mäßiges Eis. Starr ist Alles. Schön ist's nun und nihig. Ja, jetzt ist es schön, ertvidert die Jungfrau. Aber nun haben wir genug geschwätzt, Alter;'s ist Schlafenszeit I Ja, Du hast Recht. Es schlafen die riesigen Berge; eS schläft der grüne, helle Himmel über der auf ewig verstummten Erde.— Iwan Turgenjew. • Au«„Gedichle In Prosa." Mitau. Victor F-lSlo.— Das alte Lied. Das Motiv des kleinen Bildes von Hans Dammann ist einfach und alt: Ein Mädchen, das dem Geliebten nachweint, der auf einem Schiffe in ferne Länder fährt.— An unserer Abbildung wird dem Be- trachter die starke Rundung der Körpersormen auffallen. Sie treten schärfer heraus, die Schattcnwirknngen sind kräftiger und härter, als es sonst bei Bildern der Fall ist. Das Original ist ein Relief. Alles darin, auch die Wellen, das ferne Schiff, die Gräser am Strande sind durch eine wirkliche Erhöhung oder Vertiefung der Grundfläche und die dadurch entstehenden Schatten dar- gestellt. Das Relief steht seiner künstlerischen Wirkung in der Mitte zwischen der Sculptnr und dem Gemälde. Dabei können die Körper mehr oder weniger stark aus der Fläche hervortreten. Vom niedrigsten Flachrelief, das sich kaum über den Grund erhebt, bis zum stärksten Hochrelief, in dem völlig runde Körper fast ganz von der Fläche abgetrennt sind, hat man alle Zwischenstufen cnttvickclt. Die ursprüngliche Aufgabe des Reliefs ist die Ausschmückung der Fläche. Als Flächendekoration hat es seine erste glänzende EntWickelung in der griechischen Kunst gehabt, in der es dazu diente, in einzelnen ab- getheiltcn Feldern oder als fortlaufender Fries die Fläche zwischen Säulen und Dach zu schmücken. Berühmt sind vor allen die Reliefs des Parthenon in Athen, das unter der Leitung des Phidias gebaut wurde. Es sind reine Fignrendarstellungen; in einfachen edlen Linien ordnen sie sich der Fläche ein. Andeutungen der Landschaft sind in diesem strengen Stil nicht gegeben. Im Gegensatz ent- wickelt sich später ein„malerischer" Stil. Aus einfachen Andeutungen heraus erwachsen allmälig landschaftliche Hintergründe. In der Gegenwart, in der die Landschaft im Allgemeinen vorherrscht, hat sie im Relief vielfach dieselbe Bedeutung wie im gemalten Bilde. Der eigent- liche Charakter des Reliefs ist damit freilich verwischt; denn nun ist eine scharfe Grenzlinie zwischen Relief- darstellung und gemaltem Bilde nicht mehr zu ziehen.— Altoldenburgische Weberstube. In vielen Dörfern stößt nian noch auf die Haus- oder Gehöft-Bezeich- nung„Beim Weber". Das zeigt an, daß hier einst- mals der Dorfweber gehaust. Jetzt klappert schon längst kein Webstuhl mehr, die Nachkommen des Alten sind Tagelöhner geworden, nach der Stadt gezogen, oder haben irgend eine andere Beschäftigung ergriffen. Bis in die sechziger Jahre hinein hatte wohl jedes größere Dorf seinen Leinweber. Sehr oft saß er in einem Häuschen am Bache. In jedem Hofe wurde die ganze Wintcrzcit hindurch am Abend zwei Stunden gesponnen. Vom feststehenden Nocken und mit dem Spinnrade. Was in dieser Zeit fertig wurde, gehörte dem Bauer, höchstens für besonders fein und sauber gesponnenes Garn gab's hie nnd da eine kleine Extra-Entschädigung. Der Lohn der Dienstboten bestand damals zum Theil noch aus Naturalien. Wo es halbwegs etwas Flachsbau gab, erhielten die Mägde jedes Jahr einige Beete vom Flachs- feld zugetheilt. In ihrer freien Zeit konnten sie dann den Flachs raufen, brechen, hecheln und verspinnen. Die fertigen Garndocken kaufte ihnen entweder die Bäuerin um ein billiges Geld ab, oder sie trugen sie zum Weber und ließen sich für ihr Geld ein Stück Leinwand daraus machen. War die Spinnzeit vorbei, dann wurde alles Garn, das im Hofe fertiggestellt worden, zum Dorfweber geschafft. Der fertigte daraus, je nach der Stärke des Fadens,„grobe" oder„feine" Leinwand. Die Stücke, „Stöße", waren 18 bis 20 Fuß lang und wurden im Obstgarten mit Sonne und Wasser gebleicht. Aus der „groben" Leinwand schnitt man Bett- und Handtücher, Schürzm und Arbeitshemdcn, ans der„feinen"„gute" Hemden, fiir den Sonntag und die Festzeiten. Beim Spinnen riß oft der Faden, der Weber war oft recht zitterig; so kamen besonders in die„grobe" Leinwand eine Unmenge von Knoten. Wer jemals in so einem Baucrnhemd geschlafen, der weiß, daß es that, als läge man aus Hunderten von kleinen Kieselsteinen. Unser heutiges Bild,— das Original ist auf der diesjährigen Berliner Kunstausstellung zu sehen— stellt die Stube eines oldenburgischcn Dorfwebcrs dar. Zur Thüre herein tritt ein junges Mädchen, dem Aussehen nach eine Tochter des Pastors oder Lehrers, und bringt einen Handkorb voll Garn. Die Frau des Webers hält einen Augenblick im Spulen inne und blickt erwartungs- voll auf. Der in seinem Stuhl hockende Weber hat keine Zeit dazu. Er ist eben daran, das Schiffchen durch den „Zettel" zu werfen, im nächsten Augenblick wird er die „Lade" anziehen; dann kann er einen Augenblick ver- schnaufen, seinen Gast begrüßen und seine Bestellung entgegennehmen. Der Verdienst eines Dorfwebers war äußerst gering. Baargcld sah er selten. Die Bauern zahlten ihn meistens mit Kartoffeln oder Getreide. Wenn es Arbeit gab, getraute er sich kaum aus seinem Webstuhl herauszukriechen; dann kamen wieder Zeiten, in denen er garnichts zu thun hatte. War der Weber ein jüngerer Mann, dann ging er wohl, wenn er sich darauf verstand, als Aiusikant auf die Kirchweihen und zu den Tanz- Unterhaltungen. Oft machte er auch den Dorfbalbirer. Kunstfertigkeit war dazu nicht erforderlich. Zu vier, fünf Schnitten sagte der Bauer kein Wort. Zu was gab's denn Zündschwamm? Er schimpfte erst, wenn er blutete „wie eine Sau". Das nächste Mal kam er aber doch wieder. Schon in den sechziger Jahren sah man, daß der Erlverbszweig vor seinem Tode stand. Unter hundert Webstühlen traf man nicht einen neuen. Die Weber- bäume waren blank und gelb, als wären sie aus Stein gedreht, Lade und Gestell vermorscht. Selbst in den Holztheilen der„Schützen" fraß der Wurm. Seitdem haben, wenn man von einigen abgelegenen Bezirken ab- sieht, der mechanische Webstuhl und das Chlor, das die Rasenbleiche überflüssig macht, dieser Art Handweberci vollends den Garaus gemacht. Es wird ihr niemand eine Thräne nachweinen, der weiß, welche Anforderungen sie an den Arbeiter stellte, und wie wenig sie ihm dafür zu bieten vermochte.— « Die französische Revolution lehrt eigentlich recht, wie unendlich viel Menschen von Bedeutung, die sonst im gemeinen Leben verpuffen, zu jeder Zeit vorhanden sino. Darum darf uns kein Abgrund er- schrecken, kein Gipfel verwundern, der unerivartet und plötzlich erscheint oder hervortritt. Wenn eine Revolution verunglückt, so ver- unglückt ein ganzes Jahrhundert, denn dann hat der Philister einen Sachbeweis.— Die Menschen helfen lieber dem, der ihrer Hülfe nicht bedarf, als dem, welchem sie nöthig ist.— Ein Apfelbaum ward arretirt, Der Blätter ausgestreut, Auf denen klar zu lesen stand, Daß sich die Zeit erneut.— Friedrich Hebbel. Nachdruck des Inhalts verboteu! Alle für die Redaktion der„Neuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Berlin, 3W 19, Beuthstraße 2, zu richten. ««ranlw-rNtcher R-dakl-ur: OScar Kühl In Lharlottenbur».-«erlag: Hamburger Buchdruckeret und«erlagZanstalt Auer& To. In Hamburg.- Druck: Mar Badtng In Berlin.