Nr. 34 �SUuflvtvie 3 Crricrhal ci( a�e. 1898 (Fortsetzung.) III nächsten Tage gleich nach der Vesper, wäh- �fy) rend Berel Li lösten im Kuhstall beschäftigt - war, glitt Agestin lautlos auf Ski durch den Birkenwald. Wenige Sekunden darauf flog er in voller Fahrt schräg durch ein Wegloch, drehte geschickt nach und setzte seine» Weg nach Osten fort. Hin und links wieder schoß er durch eine Oeffnnng im Zaun, glitt schräg über ein Feld, arbeitete sich mühsam die An- höhen empor und gelaugte in den Fichtenwald. Er wollte auf den Upberg, wollte sich selbst überzeugen, ob es wghr sei, daß der große Berggeist dort oben im Mondscheine mit seinen Jnngfranen tanze. Ab und zu sah er sich um, ob Niemand ihm folge, aber der Wald war einsam, Niemand folgte ihm, und Niemand begegnete ihm. An demselben Vormittage war Schnee gefallen, keine Spuren waren zu ent- decken, der Wald war wie ausgestorben. Beim Dniikelwerden erreichte er den Hof Fly, der wie der letzte vorgeschobene Vorposten der Kultur schon halb im Hochgebirge lag. Die armseligen kleinen Häuser waren fast ganz eingeschneit. Auf dem Hof- platz stand ein ruppiger Gaul mit aufgelegtem Ge- schirr und stahl Heu aus dem Futtersack, der in einem ausgespannten Schlitten lag. Agestin schnallte seine Ski ab und stellte sie gegen die Hauswand, stampfte den Schnee von seinen Stiefeln und stieg die aus hohen unbehauenen Steinflicßen ge- bildete Treppe des Wohnhauses hinan. Er wollte sich hier wärmen und ausruhen, bis zum Mond- aufgang hatte er noch Zeit. Ohne anzuklopfen ging er in die Küche. Randi Fly, eine große rothhaarige Frau, hob gerade den Kaffeekesscl vom Herd, auf dem ein helles Feuer loderte. Er blieb an der Thür stehen und nahm die Mütze vom Kopfe. „Gott segne die Arbeit," sagte er. „Ich danke," erwiderte Nandi und musterte den Angekommeilen.„Du bringst wohl Nachrichten vom Thäle?" „Jawohl. Ich bin Agestinus Klöften und komme von Solhang." „Bist Du der kleine Agestin?" Randi schlug verwundert die Hände zusammen,„fast hätte ich ge- glaubt, daß ich einen Erwachsenen vor mir habe." „Ja, der bin ich," sagte Agestin und steckte selbst- bewußt die Hände in die Hosentaschen. „Wie alt bist Du denn jetzt, mein Junge?" „Vierzehn Jahre." „O nein, ist nicht möglich. Du wurdest doch in demselben Jahre geboren, als ich heirathete, und das ist erst zwölf Jahre Her." Agestin fühlte, wie das Blut ihm in die Wangen schoß, er war froh, daß kein anderes Licht vorhanden war als das nnstät aufflackernde Feuer auf dem Herde. • Zwei Menschen. Roman von H. Fries-Schwcnzc». „Du wirst Dich wohl verrechnet haben, Randi," sagte er, und, um auf ein anderes Thema zu kommen, fuhr er rasch fort:„Habt Ihr hier oben bei Euch nicht unsere gelbe Stute gesehen? Sie ist uns fort- gelaufen, mußt Du wissen." „Ach nein, ist sie fortgelaufen?" „Ja, und nun hat Knud Svlhang mich geschickt, sie zu suchen." „Nein, ich habe sie nicht gesehen. Schade, daß Hans nicht zu Hanse ist, er kommt erst gegen Abend wieder. Setze Dich, Agestin, Du trinkst doch eine Tasse Kaffee?" Der Knabe setzte sich auf eine hölzerne Bank. „Etwas Warmes könnte nicht schaden," sagte er und schlug die Hände gegen einander. „Es ist gerade keine günstige Tageszeit, die Du gewählt hast, um hier oben auf dem Berge Deine Stute zu suchen," bemerkte Randi.„In einer halben Stunde ist es dunkel." Sie warf einen fragenden Blick auf den Knaben. „O, der Mond wird wohl gegen Acht aufgehen." „Der Mond? Du willst doch den Gaul nicht bei Mondschein suchen?" „Warum nicht? Ich denke, wir bekommen noch Nordlicht dazu." „Du bist wohl nicht ganz bei Trost, Junge! Wenn es nun Schneegestöber gicbt, und Du verfehlst den Weg?" „O, ich laufe ja nicht so weit." „Nein, das ihn um Gotteswillcn nicht." Sie zündete ein Talglicht an und stellte es auf den Küchentisch. „Hast Du denn etwas Proviant mitgenommen?" „Nein." „Soll ich Dir ein Paar große Butterbrote schmieren, die Du in die Tasche stecken kannst?" „Ja, ich danke." Randi that es und stellte dann zwei Tassen auf den Tisch, hob den Kessel vom Fener und goß den brühwarmen Kaffee in die Tassen. Ein gntmüthiges Lächeln glitt über ihre Züge, während sie den zwölfjährigen Knaben auf- merksam betrachtete. „Wärst Du nicht ein reines Kind, würde ich Dir einen Schnaps anbieten, damit Du Dich für Deine Fahrt stärken könntest." „Das kannst Du doch thun," erwiderte Agestin überlegen und streckte die Beine von sich. Sie sah ihn lächelnd und doch besorgt an, füllte aber schließ- lich doch ein Spitzglas nnt Branntwein und setzte es dem Knaben vor. Er trank es mit einem Schluck aus. Zuni ersten Male trank er Branntwein. Seine Augen füllten sich mit Thränen, aber geschickt stützte er den Kopf in die Hand, als wäre er plötzlich nachdenklich geworden. Der starke Kaffee und der schlechte, billige Branntwein thaten bald ihre Wirkung. Wie flüssiges Feuer durchströmte es seine Adern. „Ich habe die gelbe Stute von Solhang doch mal gesehen," sagte Randi,„ich dachte, sie wäre so ein gutes Thier?" „Gut? Ja gut ist sie— denn rennen kann sie wie der Teufel!" „Ach, was Du sagst, aber wie willst Du sie nun einfangen, wenn sie so riesig rennen kann?" Agestin erhob sich mit glühenden Wangen. „Wie ich das thue? Pah, Kleinigkeit— wenn ich auf Ski renne, wette ich nnt Dir, daß ich— das Nennthier einhole." „Das wäre! Nun, dann wird es Dir ja eine leichte Arbeit, wenn Du nur auf der rechten Fährte bist." „Ja, das bin ich; ein Wegarbeitcr, den ich unten im Walde traf, erzählte, daß er sie auf dem Flp-Berg gesehen hatte. Uebrigens ist es zu arg, was diese gelbe Mähre uns Burschen auf Solhaug zu schaffen macht." „Uns Burschen?" rief lachend die Bäuerin. „Wie sagtest Du? Uns Burschen?" „Ja, das sagte ich," erwiderte Agestin trotzig, „ich bin ebenso stark wie die Anderen, und was die Stute betrifft, so kennst Du sie eben nicht! Reiten kann sie Keiner außer mir." Randi schüttelte lachend den Kopf und verließ die Küche, aber Agestin ging mit langen mannhaften Schritten auf und ab. Dann ging er an das Fenster. Die heiße Stirn gegen die Scheibe gedrückt, beobachtete er, wie das Nordlicht draußen auf der Schneefläche spielte. Ob es nicht bald Zeit wäre? Randi Fl» hatte gemeint, es sei gefährlich— pah! Er sollte wohl am Ende noch umkehren— jetzt, nachdem er der Frau allerlei von seinem Muth und seiner Geschick- lichkeit vorgcprahlt hatte? Sie hatte ihm seine Ge- schichten nicht geglaubt, hatte ihn ausgelacht. Er griff nach seiner Miitze und schritt ans die Thür zu, da wurde dieselbe geöffnet und Nandi trat herein. „Höre, ich will Dir was sagen, mein Junge," sagte sie in mütterlich besorgtem Ton,„Du bist hier mein Gast, und ich kann nicht erlauben, daß Du von hier fortgehst, um im Mondschein auf dem Berge hernmzuirren. Bleibe Du ruhig die Nacht hier, morgen früh magst Du dann Deine Stute suchen." „Geht nicht, niuß noch vor Tagesanbruch zu Hanse sein." „Aber das ist ja ganz unmöglich!" rief sie. All ihre Vorstellungen halfen nichts, Agestin war nicht zn überreden. Er nahm Abschied, schnallte die Schneeschuhe wieder an und setzte seinen Weg fort. 266 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Eine halbe Stande lief er auf der Landstraße in östlicher Richtnng. Die Bahn lvar auf der Landstraße ziemlich fest, der Wind hatte den jüngst gefallenen Schnee fortgefegt und in kleine Hänfen zusammen gcmeht, über welche die ans der harten Bahn klappenden Schnee- schuhe lautlos dahin glitten. Das Nordlicht flackerte unstät hinter dem Elch-Nnt, der>vie ein riesenhafter Schatten kahl und finster ans der unübersehbaren Schneeflächc emporragte. Hinter dem Nnt schimmerte hin und wieder, wenn das launische Licht lodernd und flackernd sich über den Himmel verbreitete, der Elch-Rücken schneebedeckt, mit seinen Zacken und Zinnen hervor. Jetzt erhob sich der Mond groß und blank hinter dem Fuchsberg, es wurde niit einem Male ganz hell! Bald funkelte in magischem Älanz das Eis auf dem Elch-Niicken. Ueber die riesige schneebedeckte Hochebene vor ihm wurden lange gespensterhafte Schatten geworfen. Agestin freute sich, daß er nun doch gegangen war; nur eine kleine Biertelmeile noch, und er würde den ganzen Flyberg übersehen können. Plötzlich schrak er zusammen,— er hatte deutlich einen Klageruf gehört. Ihm war, als käme er ans einer der schwarzen Klüfte drüben beim Elch-Nnt. Ein fernes Brüllen und ein lang- gezogenes Pfeifen. Dem Knaben zitterten vor Angst die Knie. „Jetzt fängt's an!" dachte er und starrte wie gebannt in die Mondnacht hinein. Drüben links von« Nnt erhoben sich von den mondbeschienenen Hügeln weiße Schleier, sie wehten, lösten sich ans und verschwanden. Dann erschienen sie wieder auf derselben Stelle, sie nahten, wirbelten über die Ebene, lösten sich wieder auf und glänzten in der Luft wie tausend Millionen Sterne. Aber dort drüben tanzten ja schon die Jungfrauen! Sie kamen näher, reichten einander die Hände und liefen wieder auseinander. Dort hinter ihnen kam eine neue Schaar, sie überholten die ersten, jetzt reichten sie sich alle die Hände und sprangen auf ihn zu— Ein wildes, gellendes Lachen ertönte— Agestin verlor vor Angst beinahe die Besinnung. Er wollte flüchten, aber seine Füße wurden festgehalten. Da schrie er laut auf und schlug mit dem Stab um sich. Als er den Blick nach unten richtete, sah er, daß er bis über die Knöchel ini Schnee stand. Seine Ski waren gänzlich eingeschneit. Er befreite sie mit dem Stab von der schweren Last, machte Kehrt und ergriff die Flucht. Jetzt, wo er dem Mond den Rücken kehrte, sah er, daß die Luft mit weißen Flocken gefüllt und seine Spuren fort waren; es galt, die Landstraße wiederzufinden. Er wußte mit Bestimmt- heit, daß er auf derselben gestanden hatte, als jener Klageruf zum ersten Male ertönte. Dann hatte er sie verlassen und war schräg nach rechts in die Rich- tniig des Mondes gelaufen. Der Weg war nicht zu finden, er war verschneit. Ein furchtbarer Wind- stoß und eine Wolke von Schnee fiel über ihn her. Auf's Geradewohl tappte er in dem lockeren Element umher. Es mußte ihm doch gelingen, die Zwerg- birken lviederznfinden, die er sich erinnerte am Wege gesehen zu haben. Vergebens, selbst die Zwergbirken waren nicht zu finden. Rings um ihn her tobte der Sturm mit fürchterlicher Gewalt. Er blieb stehen, nm Athem zu holen.— Ein langgezogenes tiefes Brummen aus einer Schlucht wurde von einem un- heimlichen Heulen, wie von hungrigen Wölfen über- tönt. Dann pfiff es stark an einem steilen Felsen vorbei; dort oben auf dem Fuchsberg wurde eine weiße Stelle reingefegt und wurde schwarz, während fast gleichzeitig eine schwarze Stelle weiß wurde. Agestin raffte sich zusammen, denn oft genug hatte er von der Gefahr gehört, die Denjenigen bedroht, der im Schneesturm zu lange ausruht. Es hieß jetzt mit den Elementen ringen; gab man ihnen einen Finger, dann hatten sie bald die ganze Hand. Mit einer furchtbaren Kraftanstrengung arbeitete er sich und seine Ski heraus. Er steckte schon bis zu den Knieen darin! Es fiel ihm jetzt ein, daß er irgendwo am Wege einen langen Pfahl gesehen hatte. Den mußte er wiederfinden können. Doch umsonst war all sein Suchen, der Pfahl war umgeweht. Der Knabe konnte nicht mehr. Bis zum Leibe stand er wieder im Schnee, nur weil er ein paar Minuten hatte ausruhen wollen. Das Bewußtsein der drohenden Gefahr und die Todesangst wichen all- mälig einem Gefühle des Behagens und einer wohl- thuenden Müdiglstit. Er brauchte seinen Körper nicht länger zu trugen, er stand so weich und mollig darin. Wenn er doch mir ein wenig schlafen dürfte, und wenn es nur fünf Miimtcn wären! Nachher würde er den Weg schon finden, und wenn nicht, nun dann war es auch nicht so schlimm, er brauchte ja nur dem Blond den Rücken zuzukehren und seinem eigenen Schatten nachzulaufen. Dann hatte er die Richtung. Btit müden, schweren Augenlidern sah er noch, wie der trockene Schnee mit Niesenschaufeln geworfen auf die mondbeschienene Ebene vor ihm niederstürzte, vom Sturmwinde wieder gefaßt große Kreise und Spi- ralen zeichnete, die wieder verlöscht wurden, sich dann in eine hohe Säule sammelte und in eine Felsklnft hineinstürzte, die ganz voll gepackt wurde, ganz voll. Die Augen fielen ihm zu. Ihm träumte, daß seine Mutter ihn zu Bett brachte, aber das Bett war kalt, schauerlich kalt. Wenige Minuten darauf öffnete er trauniunifangen die Augen, es kam ihm zu spaßig vor, wie immer abwechselnd die schwarzen Felsen weiß und die weißen schwarz wurden. Plötzlich blickten seine Augen starr in die Ferne. Seine bleichen Lippen bewegten sich und flüsterten irre Worte. Es war ja doch der große Berggeist, der mit seinen weißen Jungftanen tanzte. Leicht beschwingt und lieblich tanzend kamen sie auf ihn zu. Sie reichten einander die weißen Hände und schwirrten in wirbeln- dem Reigen um ihn her. Dann trat die Schönste auf ihn zu und streichelte seine Wange.„Dich friert, Agestin, ich will Dich zudecken." Und sie deckte ihn zu mit einer weichen Decke, ganz fest unter den Armen. „Damit Du keinem Zug ausgesetzt bist," flüsterte sie;„es ist kalt hier oben auf dem Flyberg." Sie zog ihm die Decke bis an das Kinn. „Gute Nacht, Agestin!" flüsterte sie dann und küßte ihn auf den Mund— kalt und naß.— Er wollte seinen Mund abwischen, konnte es aber nicht, er hatte ja die Arme unter der Decke. „Gute Nacht, Agestin!" riefen die Jungfrauen im Chor und flüchteten. Ein Stöhnen wie von hundert müde gehetzten Pferden, und der Berggeist kam in einer Sturmwolke gehüllt auf ihn zu. „Schlaf wohl, Agestin," brummte er— und zog ihm die Decke über die Ohren.... V. Die Wolkenmassen, welche bisher am Horizont gestanden, bedecken jetzt den Himmel und verdunkeln den Mond. Der Sturm ist vorüber. Zwei rothe Lichter werden in der Feme sichtbar. Sie nahen langsam; hin und wieder kann man die Töne einer Schelle hören. Der Laut kommt näher, und mit ihn» die flackernden rothen Lichter, dann schweigt plötzlich die Schelle, das eine Licht bleibt zurück, während das andere vorwärts eilt; es zeigt sich, daß es eine Fackel ist. Sie wird von einem Schnee- schuhlänfer getragen, der jetzt von der etwas höher liegenden Landstraße über die schwachfallende Ebene hergleitet. Neben ihm läuft ein Weib, auch auf Schneeschuhen. „Ich sage Dir, Hans, wir finden ihn noch, wir müssen ihn finden, und wenn ich in der Nacht allein zurück bleiben soll, um ihn mit den Nägeln heraus- zugraben!" klingt es klagend durch die Nacht. „Ja, ja, wir wollen es hoffen, Beret; ich sage nur, daß es doppelt schwer ist, weil wir doch keine Spuren finden können. Wie hat der Sturm hier gewirthschaftet! Hier ist der Pfahl umgewcht, den ich als Zeichen für die Ingenieure in die Erde ge- steckt habe. Nein, siehst Du Wohl, Beret, wenn man so gar keine Ahnung davon hat, wo er gegangen ist, dann— Wir können ja wieder einmal rufen — Agestin!" „Ja Hans, ich will es Dir ja gem vergelten; was ich gespart habe... Viel ist es nicht, wie Du Dir wohl denken kannst..." „Ich wäre ein schlechter Kerl, wenn ich dafür Geld annehmen würde, Beret. Ich will Dir schon helfen so lange, wie Du es verlangst, aber es ist nutzlose Arbeit, glaub's mir! Wenn wir nur eine einzige Spur von seinen Schneeschuhen finden könnten." „Das können>vir nicht verlangen, so wie der Sturm war, der Flngschnee hat alle Spuren ans- gelöscht. Nun, ich verlasse niich auf Freia." Der Bauer schüttelte den Kopf:„Der Hund kann keine Witterung bekommen bei dem tiefen Schnee." „Aber, so sag' das doch nicht," schrie Beret in Verzweiflung.„Du darfst das noch nicht sagen. So lange wir suchen, haben wir noch Hoffnnng. Wie kannst Du so grausam sein, mir meine Hoff- nung nehmen zu wollen!" „Das will ich garnicht— ich meine nur, daß es so viel leichter wäre, wenn wir eine Spur von ihm finden könnten— ich will wieder rufen— Agestin!" „Agestin, Agestin!" schrie Beret ans Leibes- kräften. Aber es kam keine Antwort. Hans hob die Fackel und beleuchtete einen runden zusammen- gewehten Schneehaufen. „Beret, stecke Deinen Stab da hinein." Sie that eS, aber ohne Erfolg. „Paß auf".— Haus Fly senkte die Fackel.— „Der neue und der alte Schnee sind von verschiedener Färbung; der alte, den Du hier sehen kannst, wo der Wind den neuen fortgefegt hat, ist blauer. Nun meine ich, ist es doch wahrscheinlich, daß Agestin, wenn er hier gewesen ist, auch manchmal über solche Stellen gelaufen ist, wo kein Flngschnee lvar. Da muß er eine Spur von der Tiefe eines halben Zolls gemacht haben. Grade weil der Wind so stark ge- wirbelt hat, wäre es anzunehmen, daß einige von den nachher zugedeckten Stellen wieder abgedeckt sei» könnten, und wenn das der Fall ist, müßten wir seine Spuren noch sehen können. Ich glaube nicht, daß er hier gewesen ist. Siehst Du, da kommt auch Freia zurück." Ein knirschender Laut unter ihren Füßen kündigte an, daß sie über alten Schnee liefen. Plötzlich warf Beret sich vornüber und schrie in höchster Aufregung: „Die Fackel, die Fackel!" Hans Fyl kam heran und leuchtete. „Es sind seine Spuren, es sind seine Spuren!" „Ja wahrhaftig, hier sind Schneeschuhe gewesen," sagte Hans Fly. „Und es sind die seinen, ich erkenne sie an der Erhöhung in der Mitte." „Freia— stich, verloren!" Der Bauer führte den langhaarigen Jagdhund auf die Fährte.„Wir wollen Randi ein Zeichen geben, daß sie den Schlitten näher heranfährt." Er schwenkte wiederholt die Fackel, die Schelle wurde wieder hörbar, und das zweite Licht näherte sich. Freia hatte Witterung bekommen, sie wedelte mit der Ruthe und hob den einen Vorderlauf. „Such', verloren, such', verloren!" Der Hund setzte in großen Sprüngen über einen Schneehiigel und kreiste witternd umher. Es dauerte eine Zeit, ehe er die Fährte wiederfand. Dann ging es aber schnell vorwärts. „Hier sind wieder seine Spuren," rief Hans, und zeigte auf die mit blendend weißem Flugschnee gefüllten gleichlanfenden Ränder im alten Schnee. Der Hund suchte eifrig, obgleich er manchmal durch Schneewehen mußte, die so hoch waren, daß man von ihm weiter nichts sehen konnte als den Behang und die Ruthe. Plötzlich stand er ganz fest vor einem aus dem Schnee hervorragenden Gegenstand. „Der Hund steht!" schrie Beret und eilte ihm nach. „Ja— und ganz fest!" rief Fly. Er senkte die Fackel, um besser sehen zu können. „Sein Stab, Jesus Christus, sein Stab! Dann wird er wohl selbst darunter liegen." Die Mutter warf sich hin und sing an wie rasend niit den Händen zu graben. „Such', verloren, faß!" Freia begann eiftig neben Beret zu scharren. Indessen leuchtete Hans mit seiner Fackel in das von den Beiden gegrabene Loch hinein. „Was hat Freia im Maul?" rief Beret außer Athem.„Seine Mütze! Ja, ja, es ist Agestin's Mütze." Sie stürzte sich wieder in das Loch und gnib mit aller Kraft. „Ich Hab' ihn. Gott sei Dank, ich Hab' ihn!" Die Aeue IDett. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. '267 klnng es bald darauf mit thräiienerstickter Stimme. Bcret Klüften hob den bleichen Kopf ihres Kindes empor. „Lebst Du, Agestin, lebst Du? Autworte mir, mein Junge!" Sie brach in ein krampfhaftes Weinen aus. Hans Fly hatte seine Fackel in den Schnee gesteckt und arbeitete aus Leibeskräften mit, aber ihre Bemühungen, den Körper herauszuziehen, scheiterte» an dem Widerstand, den die angeschnallten Ski leisteten. Der Bauer holte aus seiner Brusttasche ein Fläschchen hervor.„Hier, Beret, gieste ihm etwas Branntwein in den Mund." Die Mutter that, wie er sagte. Schluchzend riß sie Joppe und Weste des Verunglückten auf und begann ihm die Brust mit Schnee zu reiben. „Agestin, Agestin, mein einziger Junge, wach' auf! Hörst Du nicht? Lebst Du denn nicht mehr?" Haus Fly hatte indessen die Füße des Knaben von den Schneeschuhen befreit. „So, Beret, jetzt können wir ihn herausheben," sagte er, und wischte sich mit der rauhen Hand eine Thräne aus dem Auge.„Komm, ivir wolleu scheu, ob er noch lebt." Mit vereinten Kräften gelang es, den scheinbar Leblosen aus dem Loch zu heben und ihn gner über die Ski zu legen. Dann zog der Bauer sein Messer aus der Scheide. „Das Ding ist neu, die Klinge ist noch blank," sagte er und hielt dem Knaben den Stahl zwischen die halb geöffneten Lippen. Nachdem er sich über- zeugt hatte, daß die blanke Klinge angelaufen war, sagte er froh erregt:„Er lebt, Beret! Jetzt ivolleu ivir ihn in den Schlitten tragen. Nimm Du die Fackel, meine Schneeschuhe sind breit. Sie werden uns wohl Beide tragen können." Er griff den Knaben unter die Arme und richtete ihn auf, faßte ihn dann auf's Neue unter den Hüften und legte ihn über die linke Schulter. Bcret nahm die Fackel, und langsam näherten sie sich dem auf der Land- straße wartenden Schlitten. Einige Minuten später jagten sie, was das Pferd nur reuneu konnte, durch den tiefen Schnee der Land- straße. lim Mitternacht hatten sie den Hof Fly er- reicht. Hier wurde Agestin in ein vorher gewärmtes Bett gebracht, mit wollenen Tüchern gerieben und gepflegt, bis er endlich müde die Augen öffnete. Als er das verweinte Gesicht seiner Mutter über sich erblickte, flüsterte er mit einem schwachen Lächeln: „Ich Hab' sie doch gesehen." „Was hast Du gesehen, Agestin?" „Den Berggeist und die Jungfrauen."— (Fortsetzung solgt.) Mtl ans iinn fllifofiilfn Aliaie b Mchiten Zchchiickck. Von Paul Kampffmeycr. �T£s ist wahr, unser liebes deutsches Vaterland liEj. hat an gar manchen liebeln gekrankt, an einem llebcrmaß von Freiheit aber gewiß nie. lind dennoch würde dem Bürger des achtzehnten Jahr- Hunderts unser heutiges deutsches Reich als ein Tummelplatz unerhörter Zügellosigkcit und llu- gebnudcuheit erscheinen, so war er an eine staatlich polizeiliche Reglcmcutirerci bis auf den letzten Hosen- knöpf herunter gewöhnt. Er würde an allen Ecken und Enden nach der allwissenden, fürsorglichen Polizei forschen, und nimmer könnte er den Gedanken er- fassen, daß die Welt bei so vieler Freiheit nur einen einzigen Tag bestehen kann. Uns flößt mit- unter schon der bloße Slublick der helinbeschirmten Ordnungswächter eine Art„Blaukoller", eine Art krankhafter Apathie gegen das blaue Polizeituch ein. Aber könnten die Münder unserer Altvordern noch einmal von der allumfaffenden Thätigkeit der früheren Polizei reden, so verständen wir das Suchen und Fragen der guten Leute nach dem Büttel sehr wohl. Doch ihre Miinder bleiben stumm, und so müssen wir aus alten Satzungen und Ordnungen den uu- umschränkten, viclrcgicrcuden Polizeistaat des vorigen Jahrhunderts wieder auferstehen lassen. Im Zeitalter des sogenannten aufgeklärten Despo- tismus ließ der geschäftige Staat seine Bürger nie- mals aus den Augen. Er stand an ihrer Wiege und au ihrer Bahre: ja, er wandte ihnen in gewissen Fällen schon vor ihrer Geburt seine Aufmerksamkeit zu. Ter künftige Weltbürger, der in einem unehe- lichen Liebesverhältnis; erzeugt war, mußte schon im Mutterleibe der hohen Obrigkeit angezeigt werden. Das arme geschwängerte Mädchen hatte ihr schmerz- liches Geheimnis; dem vorlauten Vater Staat auzu- vertrauen, wenn sie nicht wegen Verheimlichung der Schwangerschaft das Zuchthaus betreten wollte. In einer Fürstlich Waldeck'schcn Verordnung lesen wir z. B. folgende grausame Bestimmung über die Ver- heimlichung der Schwangerschaft:„Würde aber eine geschwächte Weibsperson diese Entdeckung ihrer Schwangerschaft, oder, wenn sie diese auch offenbart hätte, dennoch die Herannahung ihrer Geburt zu niclden unterlassen, und ohne Beistand niederkommen, so soll sie dieserhalb allein, wenn schon das Kind am Leben bleibt, ans drey Jahr zum Zuchthaus, daferu das Kind aber kurz nach der Geburt ver- storben oder todt ans die Welt gekommen, ans ewig und unabbittlich zum Zuchthaus verdammt sein, und keine Ausflucht der etwa zu frühen Niederkunft oder der übereilten Geburt ihr helfen, weil sie ihre Schwangerschaft und herannahende Entbindung ent- decken sollen, und wenn sie bei der Geburt Hülfe gehabt hätte, das Kind wahrscheinlich gerettet sehn würde." Der Staat gebot den Müttern streng, nach den etwaigen Schwangerschaften ihrer Kinder zu forschen, den„Herrschaften" nach denen ihrer Dienstboten. Brachten die„Herrschaften" die der Schwangerschaft verdächtigen Mädchen Su keinem Geständnisse, so mußten sie die Hülfe der Seelsorger anrufen. Waren die erbaulichen Reden der Herren von der Geistlich- keit selbst erfolglos, so machte sich die hohe Obrigkeit an die Arbeit, um die unglücklichen Mädchen zur Entdeckung ihres Zustandes zu nöthigen. Die ver- stockten Mädchen blieben vielleicht abermals stumm. Dann schritt auf Geheiß des Staates die Weh- mutter ein und nutersuchte die Sünderin. War sie wirklich gesegneten Leibes, so wurde ihr nun eine „dreimouatlicheZnchtarbeit"aufgehalst.„DieBeamtcn und Viagistrate," so heißt es in der Waldeck'schcn Verordnung von 1780,„mögen erst in diesem Gange zur Herbeiholung einer Geschwängerten schreiten, und sollen künftig nicht mehr, wie wohl geschehen ist, mit sofortiger Herbeiführung durch Schützen verfahren." Lagen die armen unehelich geschwängerten Mäd- che» in den Wehen, dann mußte ihnen noch die Hebeamme auf Geheis; der hohen Staatspolizei das Leben mit allen möglichen Fragen schwer machen. „Die außer der Ehe gebährenden Personen soll die Hebeamme, unter den Geburtsschmerzen(doch ohne sie durch Borenthaltung zum Geständnis; zu zwingen) auf ihr Gewissen, mit nöthiger Schärfung desselben befragen: Von wem und au welchem Orte sie ge- schwächet worden, auch wo der Thäter sich aufhalte."'" Diese Mittheilimgen wurden dann den Behörden und dem Prediger des Ortes mitgetheilt. Ja selbst vor den schmählichsten Drohungen sollten die Hebeammen nicht zurückschrecken, um die intimsten Geheimnisse den Mädchen abzupressen.„Kommt es," so bestimmt eine Hebeammenordnung vom Jahre 1730,„bey solchen Unehelichen nun zum gebühren, und die Bc- keuntniß ist noch nicht heraus, wer des Kindes Vater sey, so sollen sie mit Ernst in sie setzen und fragen, wer zum Kind Vater sey, mit andeuten, daß sie, bevor sie dieses wissen, garnicht Hand an- legen dörfen. Wollten aber solche Unehelich- gebärenden so boshaft, frech und hartnäckig sey», und weder auf freundliches, noch auf ernstliches Befragen, den Vater zu ihrem Kinde nicht angebe», und niemand vorhanden seyn, der gut für sie stünde, so müssen Hebeammen gleichwohl, um des hierunter unschuldigen Kindleins willen, das ihrige verrichten, von der Sach aber bey dem geheimen Strafamt alsbald pflichtmäßige Anzeige thuu." Kaum war das Kind auf der Welt, so sorgte * Hcbcammciiordnung für Holstein, Altona, von 1765. und quälte sich schon der Staat um das Seelenheil des Säuglings ab. Wie konnte er es ruhigen Herzens mit ansehen, daß die Eltern durch Unter- lassung der Taufe ihre Kinder der ewigen Ver- dainmniß, der Hölle und dem Teufel überlieferten! In einigen Landestheilen hatte der Ehrist, der hart- näckig widerstrebend sein Kind von dem erlösenden Taufsegen des Priesters fernhielt, die Landesver- Weisung und den Staupbesen zu gewärtigen. Inner- halb vierundzwanzig Stunden sollte im Herzogthum Gotha die Taufe an dem neugeborenen Kinde voll- zogen sein, bei einer Geldstrafe von fünf bis zehn Thalern. An schwachen, lebensunfähigen Kindern mußten die Wehmiitter noch vor der völligen Geburt die Taufe vollziehe». Die Geburt entschied schon meist im absoluten Staate das Schicksal des Kindes. Wurde es in eine leibeigene Familie hineingeboren, so war es meist zur ewigen Frohnarbcit auf der Scholle ver- urtheilt. Der Sohn des Handwerkers hatte eine größere Ellbogenfreiheit als der des leibeigenen Landmannes, aber auch seine Lebenswege waren schon vielfach durch die Geburt fest umgrenzt. Jeder Stand nahm in der sozialen Stufenleiter des ab- soluten Staates eine bestimmte Sprosse ein. An diese mußte er fest und unlösbar angeschmiedet werden. Der hohe und niedrige Adlige, der Voll-,. Halb- und Viertelbaner, der Kaufmann, der Krämer und Handwerker, sie alle hatten im absoluten Staate ein besonderes Ansehen und eine besondere Ehre. Der Schäfer und Hirt durfte oft nicht in die Rang- stufe des ehrsamen Handwerkers aufrücke». Die Kinder der Schäfer und Hirten galten lange Zeit für„unehrlich", und vor ihnen schlössen sich des- halb die Thüren der Zunftstuben. Das Kind erlernte nun einen guten bürgerlichen Beruf, und wieder stieß es mit dem Alles regelnden und richtenden Staate zusammen. Staatliche Statuten und Reglements geboten in der Werkstatt wie im Verkaufsgeschäft. Die Innungen hatte der absolute Staat oft ganz unter seine Fittige genommen, er bestimmte genau ihre Gewerbeverfassung und ihre Arbeitsverhältnisse. Er schlug mit starker Hand die Arbeitervereiniguugen nieder und raubte ihnen ihre wirthschaftlichen Machtmittel, den Streik und den Boykott. Ein Dorn im Auge war ihm der blaue Montag der Gesellen, und er erklärte dem„groben Unfug" des Feierns rücksichtslos den Krieg. Nach einer preußischen Verordnung vom Jahre 1783 hatte jeder Meister dem Polizeidireltorium den Pflicht- vergessenen Gesellen anzuzeigen, der am Montag ohne Entschuldigung von der Werkstätte ferngeblieben war. Das„Blanmachen" war sicher eine Tod- sünde gegen die dreinial heilige wirthschaftliche Ans- beutung. In keiner Herberge sollten die Gesellen am Montage geduldet werden. Der Polizeidicncr mußte deshalb an diesem Tage die Herbergen durch- streifen, um die etwaigen feiernden Gesellen zu er- mittel». Auf das Feiern des blauen Montags standen harte Strafen. Der feiernde Geselle erhielt acht Tage Gefängniß. Eine dreimalige Verletzung der streng gehandhabten Montags„ordnuug" zog schon eine Zuchthausstrafe von einer Woche nach sich. Die widerspänstigen Handwerker wurden sogar für„un- tüchtig" zur Ausübung ihres Berufes erklärt und erst nach eingeholter„obrigkeitlicher Erlaubnis;" wieder zum Handwerk zugelassen. Der absolute Staat verbot den Gesellen die Korrespondenz und wetterte gegen Streiks und Boykotts mit Gefängnis;- und Zuchthausstrafen. Die badische Znuftordnung von 1760 bedrohte die Gesellen, die„keine Arbeit thun und haufenweise austreten", mit Zuchthans und „Schellenwerk". Man sieht, das energische, sich frei auslebende Jndividnum streifte in dem alten Polizeistaat gar bald das Gefängniß und Zuchthaus. Ileberall raunte es ferner in den bürgerlichen Bernfsarten gegen cnggezogene stachliche Schranken an. Was für klein- liche Bestimmungen hatte z. B. der Fuhrwerks- besitzcr bei der Ausübung seines Berufes zu erfüllen! Heute, wo man auf Schritt und Tritt auf Eisen- bahnschienen stößt, will Einem die frühere Regelung des Fuhrwesens schier unverständlich und unbegreiflich 2(18 dünken. Man glaubte früher, das Postwesen nur stiihen zu können, wenn man eine ganze Zieihe von Fahrbeschrankungen gegen Fuhrhalter erliest. An den Orten, wo fahrende und reitende Posten be- standen, durften z. B. die Kutscher und Fuhrleute keine Briefe und keine unter 2g Pfund wiegende Packete befördern. Sie hatten diese Sendungen ein- fach an die Post zu verweisen. Drängten allster- halb der Posttage einige Sendungen sehr, so durften die Fuhrleute diese nur dann trausportiren, wenn sie eine Karte lösten und das halbe Porto erlegten. Bei der Ankunft an dem Bestimmungsorte der Sendungen mußten die Fuhrleute die Karte zeigen und ein Attest von den Thorschreibcrn verlangen, daß sie keine anderen Sendungen als die gestatteten bei sich führten. Ten Fuhrleuten war es ferner nur erlaubt, sechs Stunden nach Abgang der Post zu fahren. Eine ungesunde, geradezu niederdrückende Atmo- sphä're von Zwang und Unfreiheit steigt uns bei der Lektüre der polizeilichen Taxordnungen entgegen. Der Herrschaftsbereich der Polizeitaxen war im ab- solnten Staate riesenhaft ausgedehnt. Es ist kaum möglich, sich ein Bild von der bis in das kleinste Detail herabsteigenden Polizeiaufsicht zu machen, wenn man nicht einen Einblick in diese Taxordmmgen selbst nimmt. Die Taxe der Riemer in Gotha von 17t>8 hatte— sage und schreibe— 139 verschiedene Taxen für die einzelnen Riemerarbeiten eingeführt; die Wagnerordnung 105. Die Löhne der Hand- wcrkslcute, die Honorare der Aerzte zc. bestimmte meist die Polizei. So die Löhne der Banhandwerker, der Seiden- und Wollspinner, der Schneider, Schorn- steinfeger, Tuchbcreiter, Tnchscherer, Brunnenmacher, Steinmetzen, Schwarz- und Schönfärber, Fuhrleute, der Hausschlachter, Tagelöhner, Boten zc. Die Wiirttembergische Rtedizinalordnung setzte 104 Taxen für die einzelnen Operationen und Verrichtungen der Chirurgen fest. In jedem Berufe fast harrten des damaligen Bürgers schwerlastende staatliche Ketten und Fesseln, und jede freie Bewegimg ward dadurch beinahe er- drückt. Der Bürger des achtzehnten Jahrhunderts war als Berufsmensch hart genug geknebelt. Btan sollte meine», daß es ihm min wenigstens vergönnt war, sich außerhalb der Werkstatt und der Geschäfte frei auszuleben. Aber weit gefehlt! Der Staat, der das Jndividunm je nach seiner Geburt in eine bestimmte Prodnktionssphäre hineinbannte. und ihm eine freie Berusswahl nach Möglichkeit erschwerte, trug auch seine engherzigen Standesbegriffe in die Welt der Konsumtion, des Bedarfs hinein. Der Edelmann, so wollte es der allgebietcnde Staat, sollte in der Gesellschaft als Edelmann, der Knecht als Knecht hcrnmlanfen. In der Kleidung, in den Freuden der Tafel, in den tausend Gewohnheiten und Gebräuchen des Alltags hatte sich daher die ganze vielglicdrige, wohl abgestufte Standeswelt schon äußerlich abzuzeichnen. Der Staat fuhr nun ganz gröblich mit Aufwandgesetzen und Klciderordnnngen in das individuelle Belieben der einzelnen Stände hinein. Namentlich sollten sich die kleinen Leute, die Bürger und Bauern, die Knechte und Mägde nicht über ihren Stand erheben. Die hohe Staats- Polizei mußte ja wissen, was einer Dienstmagd zu- kam, und sie konnte es nicht nngeriigt lassen, daß sich cttva so ein aufgeblasenes Frauenzimmer mit goldenen Schmnckgegenständcn behängte oder daß sie gar i» kostbare Stoffe und seidene Spitzen schlüpfte. Das Plebejerpack mußte sich eben als das, was es wirklich war, darstellen und nicht anders. Daher bestimmte in Hildesheim eine„Klciderordnung" von 1779 Folgendes:„Wir setzen, verordnen und wollen, daß hinfiiro die gemeine Bürger- und Bauersleute nebst ihren Weibern und Kindern(worunter Wir auch die Müller und Krüger nebst ihren Frauen und Dicustmägden mitbegriffen haben wollen) alles Gold und Silber auf den Kleidungen, und insonderheit auf ihren Hauben und Rtiiyen alles Sammets und Seiden, wie auch Brabantischen Kanten oder Spitzen, wie weniger nicht alles Eammcrtnches und Zitzcs sich gänzlich enthalten sollen; sind sie gleichwohl mit dergleichen Kleidungen jetzo versehen, so wird Aeue Welt. Illustvirte Anterhciltimgsbei ihnen zwar erlaubt, dieselbe fernerhin bis den 1. Januar künftigen 1781 Jahrs zu tragen und zu gebrauchen, in Zukunft aber soll ihnen, dergleichen wieder anzuschaffen, gänzlich verboten und alle die- jenigen, welche von nun an diese verbotene Kleidimg sich angeschafft haben, und die noch jetzt habende, nach dem I.Januar 1781 zu tragen, betreten und überführet werden, sollen in 5 Thlr. Strafe verfallen." Die verbotene 5tleidung wurde von der gestrengen Obrigkeit konfiszirt. Waren diese Kleidungsstücke auf Kredit von den Kanflcuten genommen, so ver- loren diese ihre Geldfordernngen. Dem gemeinen Mann schaute der aufdringliche Staat sogar in den Kochtopf hinein, damit er sich nicht etwa an dem thenren Kaffee erlabte. In Hildesheini verbot man den Bürgern, Hand- werksgesellen, Bauern, Knechten und Mägden das Kaffeetrinken bei„sechs Mariengroschen" Strafe. Im Paderbornischen Gebiete entzündete der doch sonst so friedliche und gemiithliche Kaffee eine kleine Revolution. Hier hatten sich der Adel, die Geistlich- keit und der höhere Beamtenstand den Kaffeegennß vorbehalten. Der bösartige Kaffcercvolntioiiär sah in seiner Verblendung das Kaffeetrinken für ein all- gemeines Rtenschenrecht an. Sticht einmal bei seinen hohen Festen, den Hoch- zeiten und Kindtaufen konnte sich der Bürger des achtzehnten Jahrhunderts nngezwnngen den Tafel- frenden überlassen. Inmitten seiner lärmenden Fest- lichkeiten erschien vielleicht der Büttel, der peinlich genau prüfte, ob nicht vielleicht ein Gast mehr zn Tisch geladen und ein Fast Bier mehr angezapft war, als es die Luxusgesctze erlaubten. Selbst in seiner überschäumendsten Lustigkeit durfte der gute Bürger nicht vergessen, daß er in einer halb chinesischen Standeswelt lebte, die sogar die Rangunterschiede bei dem Essen und Trinken respektirt wissen wollte. Im Jahre 1774 wurden die Einwohner des Herzogthnms Lanenbnrg mit einer Verordnung wider den Aufwand beglückt, die selbst die bürgerlichen Hochzeiten noch genau klassifizirte. „Bch bürgerlichen Hochzeiten", so heißt es in dieser Verordnung,„soll auf die verschiedene Classe gesehen, und unter die erste die Ntagistratspersonen, Advokaten und Procuratores, Geistliche und Schnlbedicnte, Kauf- und Handelsleute, auch andere angeschene Einwohner, die ohne Gewerbe von ihren Mitteln leben, unter die zweite Classe die Brauer, Höcker und Krämer und sämmtliche in Gilden stehende Handwerker und Professionsverwandte, und endlich zur dritten Classe die Tagelöhner und Einlicger, Handwerksgesellen, Schiffsknechte und übrige Hand- werker gerechnet werden. Bey Hochzeiten der ersten Classe wird die Anzahl der Hochzeitsgäste hiemit höchstens ans dreißig, sowohl Manns- als Franens- Personen geist- und weltlichen Standes, Braut und Bräutigam mit eingerechnet, bey der zlveiten Classe ans zwanzig, und bey der dritten ans fünfzehn, in allem damit eingeschränkt und festgesetzt, so daß einer wohl weniger, nicht aber mehrere Gäste haben dürfe, bey zwei Thalcr Strafe für jeden überzähligen Gast.".. „Es mag die Hochzeit bey einer Mittags- oder Abendmahlzeit gehalten werden, so sind den Bürgern und Einwohnern ersten Standes nicht mehr als acht Gerichte, sie bestehen in warme oder kalte Essen, jedoch mit Ausschließung aller ans der Fremde ver- schriebenen kostbaren Speisen und Aufsätzen von Zuckerwerk, bey dem mittleren Stande sechs Gerichte, bey dem dritten Stand nur vier Essen, außer Butter und Käse, auch bey letzterem nur eine Tonne Bier und drei Kannen Branntwein erlaubt; gleich auch bey allen drei Classen, wenn das Hochzeitsinahl des Mittags gehalten worden, zum Abendessen nur kalte, des Mittags übrig gebliebene Speisen pergönnet, mithin alles warme Essen untersagt wird." Die Mahlzeit durfte nicht länger als drei Stunden währen. Die zweite Stunde nach Mitternacht machte allen Festlichkeiten ein Ende. Der absolute Staat begleitete den Bürger, wie wir gesehen, während seines ganzen Lebens; er verließ ihn auch nicht im Tode. Selbst ans seine letzte stille Wohnung, ans den hölzernen Sarg, lenkte er noch sein immer wachsames Auge. Was galten ihm die Empfindungen kindlicher Dankbarkeit, die noch den todten Vater mit einem schönen eichenen Sarge ehren wollte, wenn sie die weisen Grundsätze der Sparsamkeit verletzten! Tannenes Holz erfüllte doch dem Todten die gleichen Dienste wie eichenes! In der That lvurde in der Grafschaft Ravensberg- Tecklenburg und Lingen und in dem Fürstenthuni Blinden der Verbrauch eichener„Dielen" zn Särgen verboten,„da die eichenen Särge den Todten ohne allen Nutzen sind, tannene und büchene Dielen in der Erde die nemliche, wenigstens hinreichende Dauer haben und aus selbigen ebenfalls zierliche und äußerlich schöne Särge gemacht werden können."* Ja, um das letzte Kleid, das der Todte mit in die Erde nahm, sorgte sich noch der liebe, gute Staat. So gebot z. B. eine preußische Verordnung vom Jahre 1794,„daß das Bekleiden der Todten und Ausschlagen der Särge von jetzt an nicht anders als mit wollenen und leinen Waaren geschehen" sollte. Gewiß, das Interesse der inländischen Wollen- und Leinenfabriken mußte ja kräftig gehegt und gepflegt werden! Der Todte genoß nun die wohlverdiente Ruhe vor dem Staate und seinen Zwangsgesetzen, nicht aber seine Hinterbliebenen. Die Polizei nmßte natürlich darauf schauen, daß sich der Tranerpomp innerhalb der Standesgrenzen bewegte und daß sich die Karossen und Leichenwagen nicht mit gar zu viel schwarzen Draperien bedeckten. Das Todtenmahl, das stille Glas, das dem Verblichenen gebracht wurde, durfte auch nicht überreichlich ausfallen. Die Qnan- tität Bier, die nach der Beerdigung geschenkt wurde, war in den Satzungen genau vorgeschrieben. Wer sich gegen diese Satzungen versündigte, hatte da und dort eine viertägige Gefängnißstrafe bei Wasser und Brot zu erwarten. Sogar das Trauern schrieb der Staat den.Hinterbliebenen vor. Eine Liibccksche Polizeiverordnnng von 1748 enthält eingehende Bestimmungen über das Tranern: Kinder mögen ihre Eltern, Großeltern, Schwieger- eltern ein Jahr betrauern, desgleichen die Ehegatten einander. Brüder und Schwestern durften sich nur ein halbes Jahr betrauern. Kinder unter sieben Jahren werden garnicht betrauert, von sieben bis achtzehn Jahren drei Monate, und„wenn sie darüber oder verhcirathet sind", ein halbes Jahr. Nach Verwandtschaftsgraden stufte sich die Tranerzcit ab. Ans eine ähnliche Abstufung der Tranerzeiten stoßen wir in einer Trauerordnung für das Fürstenthum Ostfriesland und das Harringerland von 1772. Und nun lassen wir den Todten friedlich in seinem Tannensarge und in seiner leinenen oder wollenen Kleidung schlummern. Er ist endlich dem Staate entschlüpft, der allgegenwärtig über seinen Wcrktagsarbeiien, über seinen Leiden und Freuden schwebte.— Iic MisttjWrei millffs AWainpftr. Von Hermann Rosmus. verhältnißmäßig kurzer Zeit hat sich in dem Hochseefischereibetriebe eine gewaltige Wand- lnng vollzogen, und zwar durch daS Eingreifen des Großkapitals. Der Segelfischer ist von einem Rivalen geschlagen worden, gegen dessen Macht er nicht anzukämpfen vermag: von dem Fischdampfer. So wird auch in diesem Betriebe das Kleinhandwcrk durch die übermächtige Konkurrenz des Kapitals langsam, aber sicher zn Grunde gerichtet. Im Jahre 1884 fuhr von Geestemünde der erste Fischdampfer„Sagitta" zum Fang aus. Das Unternehmen erwies sich nach Abstellung einiger Mängel als rentabel, und so sehen wir die Zahl der Fischdampfer im Jahre 1887 auf 4, im Jahre 1890 ans 1« steigen. Im folgenden Jahre machte sich dann mit einem Male ein gewaltiger Aufschwung bemerkbar, der sich sowohl auf die weitere Ausdehnung des Fischhandels, als auch ans die Veriilehrnng der Fischdampferflottc erstreckte. Letztere umfaßte 1891 bereits 3 l Fahrzeuge und zählte nach der vom Reichs- * Das Verbot flammt ans dem Jahre 1795. 270 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. m»t des Innern Heransgegebenen Statistik über die deutschen Fischereifahrzeuge, welche nach dem Bestände vom 1. Januar 1898 außerhalb der Küstengewässer Fischerei betrieben, 117 Fahrzeuge mit eiuer Besatzung von zusammen 1187 Mann. Inzwischen haben sich in deni halben Jahr die Zahlen etwas geändert, da fortwährend neue Dampfer gebaut und in Betrieb gesetzt werden. An der Dampfhochseefischerei sind hauptsächlich die Weserkanten betheiligt; von den 120 Fischdampfern, welche die Nordsee befahren, laufen allein 91 von Geestemünde, Bremerhaven, Nordenham k. aus. Unsere Leser dürfte es interessiren, einen Fisch- dampfer in seiner Einrichtung näher kennen zn lernen. Diese ans Stahl gebauten Fahrzeuge sind äußerst seetüchtig und haben, im Durchschnitt ge- rechnet, eine Länge von 30— 33 Metern, eine Breite von 5-/»— K Vs und eine Tiefe von 3— 3% Metern. Die älteren Dampfer haben Kompoundmaschinen, die 2—300 Pferdekräfte indiziren. In neuerer Zeit hat man sich niehr den drcizplindrigen Ataschinen zugewandt. Die unter Volldampf erzielte Gcschwindig- keit beträgt 9—11 Seemeilen in der Stunde. An Deck eines Fischdampfers sind außer den fiir jeden Seedampfer erforderlichen Einrichtungen die Vor- richtnngen und Geräthe zur Fischerei untergebracht. Diese bestehen unter Anderem aus zwei Netzen, die, sobald der Dampfer nicht dem Fanggeschäft obliegt, a«. der Reeling befestigt sind, ferner ans einer starken Dampfwinde, die auf einer Tromniel die 400 Bieter langen, 6— 8 Zentimeter starken Stahlleinen zum Schleppen des Netzes trägt, sowie aus starken stäh- lernen Rollvorrichtungen, die zum Aussetzen und Einholen des Netzes gebraucht werden. Im Hinteren Schiff, unter Deck befinden sich die Kajüten für den Kapitän, Steuermann und Maschinisten, daran schließen sich nach vom die Räume fiir die Dampf- Maschinen, fiir den Kessel und zu beiden Seiten die der Kohlenbunker. Weiter hieran liegen die Räume zur Anfbewahmng der gefangenen Fische, des Eises, und hierauf folgt das Mannschaftslogis. Im Vorder- schiff befinden sich auch Räume zur Aufbewahrung von Tan und Netzwerk, sowie Süßwassertanks. Die Besatzung besteht durchschnittlich ans 1 1 Mann: dem Kapitän, Stenerniann, zwei Maschinisten, Koch, Netzmacher, 3 resp. 4 Matrosen und einem Heizer. Bei größeren Fahrten wird die Mannschaft uni 1—2 Matrosen verstärkt. Der Dienst auf dem Fischdampfer ist schwierig und stellt an jeden Ein- zelnen die höchsten Anforderungen. Die gezahlten Heuern sind etwas besser als die der Mannschaften auf großen Fracht- resp. Passagicrdampfern. So erhalten die Matrosen 70 Mark, während sie auf anderen Schiffen nur 50 Mark bekommen. Das Arbeitsfeld der Fischdampfer erstreckt sich über die ganze, 547 623 Quadratkilometer große Nordsee. Im Allgemeinen wird im Sommer der südöstliche, im Herbst der nnttlere und in: Winter bis in den Frühling hinein der nördliche Thcil der Nordsee befischt. Das Skagerak wird fast während des ganzen Jahres und die Gewässer bei Island nur während der ruhigeren Jahreszeit bearbeitet. Die Fischerei in� der Nordsee darf einem intematio- nalen Vertrage zufolge innerhalb drei Seemeilen von der Küste nicht betrieben werden. Mit der Entwickelung der Fischerfahrzenge ist auch die der Fischcreigeräthe im Besonderen vor- wärts geschritten. Es gilt, möglichst schnell und viel Fische zu fangen, und so verwendet man zum Fang jetzt fast ausschließlich das Scheerbretternctz, das äußerst scharf in den Grund greift und bedeutend größere Fänge an Plattfischen zu erzielen im Stande ist, als das bis vor Kurzem und auch jetzt noch hier und da gebrauchte„Baumnetz". Das Scheerbretternctz ist etwa 38 Bieter lang, die Breite der Netzöffnung beträgt 28 Bieter. Die an beiden Seiten aufrecht stehenden, mit starken Eiscnbeschlägen versehenen Bretter im Gewichte von 350 Kilogramm dienen zur Offenhaltung des Netzes beim Schleppen. An der Innenseite dieser Schcerbretter, dem Netze zn- gekehrt, sind je 4 Ketten angebracht, welche sich in einem Ringe, der auch die Schleppleine aufnimmt, vereinigen. Das Netz ist ans starkem Manilagarn — die Fäden haben 2— 3 Millimeter Durchmesser— gefertigt, das an dem Hinteren engeren Theile, dem sogenannten Steert, doppelt verarbeitet ist. Zur Konservirung ist das Netz mit Theer getränkt. An die Haltbarkeit dieses werthvollen Fischereigeräthes müssen große Anforderungen gestellt werden, da es häufig vorkommt, daß auf dem Meeresboden ruhende Anker, Wrackstücke, große Steine usw. außer dem Fang, der mitunter ein bedeutendes Gewicht reprä- sentirt, sich im Netz vorfinden. Einem Fischfang beizuwohnen ist außerordentlich interessant; erhält man doch beim Leeren des Netzes erst einen Begriff davon, wie mannigfaltig die Meeres- fauna sich gestaltet und welch wunderliche Geschöpfe sich in der Tiefe vorfinden. Hat der Dampfer den Fischgrnnd erreicht, so wird, nachdem genau gelothet ist, das Netz ausgesetzt. Dasselbe wird in gleichmäßigem Tempo geschleppt, etwa 2— 2'/z Knoten in der Stunde, also 60 bis 80 Meter in der Minute. Der Netzzng dauert je nach Wassertiefe und Grnndbeschaffenheit 4— 7 Stunden, dann wird mittelst der Dampfwinde das Netz auf- gehievt, an dem unteren Ende geöffnet und entleert. Die Hauptfischarten, die gefangen werden, sind: Schellfische, Kablian, Schollen, Steinbutt, Roth- zungen usw. Sofort wird jetzt seitens der gesammten Besatzung mit dem Sortiren, Schlachten, Enttveiden und Spülen der Fische begonnen. Hierauf folgt die Verpackung, und zwar wechseln Eisschichten mit Fischen ab. Die Reisen der Dampfer danern in der Regel im Sommer 6— 8, im Winter 9— 12 Tage. Die schon Eingangs erwähnte Abfischnng der Nordsee läßt die Dampfer bis nach Island fahren, welche Reisen gewöhnlich 14— 16 Tage in Anspruch nehmen. Die eingebrachten Fänge werden in den Häfen auf Auktionen verkauft. Der Erlös der vier deutschen Hauptmärkte Geeste- münde, Bremerhaven, Hamburg und Altona aus Seefischen und Meererzeugnissen bclicf sich im letzten Jahre auf zusammen 7 653 326 Mark gegen 7 169 091 Mark im Jahre 1896. Davon ent- fielen auf: Geestemünde 2 897 897 Mark, Hamburg 1 852 430 Mark, Altona 1 832 207 Mark, Bremerhaven 1070 791,34 Mark. Hierzu kommen dann noch die nicht unbedeutenden Erträge ans den Fängen der Dampfer der Wilhelmshavener Hochsee- fischereigesellschaft, der Deutschen Dampffischerei- gcsellschaft„Nordsee" in Nordenham, der Segel- fischer an der ostfriesischen Küste usw., über die leider kein zuverlässiges Ziffernmaterial vorliegt. Einen weiteren Beweis dafiir, daß die Klein- betriebe mehr und mehr expropriirt werden, bietet die im Januar gegründete„Herings- und Hochsee- fischerei- Aktiengesellschaft zn Ecestcmünde". Die Heringsfischerei, die bisher ausschließlich mit Segel- loggern von Emden, Vegesack, Elsfleth und Glückstadt ans betrieben wurde, soll nunmehr dem Dampf unter- liegen. Von den in Auftrag gegebenen Dampfloggern ist kürzlich der erste,„Harald", in Geestemünde vom Stapel gelaufen. Dieser Dampfertyp ist größer als die Dampfer der Hochseefischerei. Die Dampflogger sollen in den Sommermonaten dem Heringsfang mittelst Treibnetzen, im Winter dem Frischfischfang mit dein Grundschleppnetz obliegen. Wo die Segel- logger im Winter brach lagen, sind die Dampflogger in der Lage, zu jeder Jahreszeit auf Fang ans- zugehen. Eine bedauerliche Abnahme der Fischgriinde ist die Folge der unersättlichen Profitgier des Kapitals. So werden jetzt schon hin und wieder Fische auf den Markt gebracht und verkauft, die man früher nach dem Fang über Bord warf, weil die Exemplare zu klein waren. Eine rationellere Bcfischnng der Nordsee hätte, nach unserer Meinung, dem Volke ein billiges Nahrungsmittel auf längere Zeiten ge- sichert, denn mit dem Aufschnellen der Preise hört der Massenkonsum auf. Die gründliche und schnelle Ausbeutung der Nordsee wird fiir die an der Fischerei Betheiligten mit der Zeit einen empfindlichen Rück- schlag geben, dessen Folgen weder durch wissenschaftliche Feststellungen, noch durch verspätete reichsgesetzliche, schärfere Bestimmungen beseitigt werden können.— (Fortsetzung.) �n diesem Moment tauchte Herzkirsche mit Be- Hägen seine Füße in die Strömung der Fon- tanelle, und gleichzeitig schwamm sein ganzes Wesen in einer Glückseligkeit, die noch weit erfrischender war als das Wasser der Quelle. „Nun, Claude," sagte Norme, ihn von der Seite anblickend,„raubt Ihnen die Hitze die Sprache? Sie sind ja stumni wie ein Fisch." „Es ist nicht die Wärme," erwiderte er,„die Zufriedenheit ist es. Mir ist, als träume ich, und ich habe stets Furcht, zn erwachen. Manchmal, wenn ich so in meiner Hängematte im Gefängniß schlief, passirte es mir auch, daß ich träumte, ich wäre frei; dann, wenn ich halb lvach lvar, merkte ich, daß es ein Traum war, und ich versuchte, wieder einzuschlafen, um ihn noch länger währen zn lassen... In dieser Stunde ist es dasselbe; ich wage nicht mich zu rühren, aus Furcht, plötzlich die Fontenelle, die Werkstätte und Sie selbst, Norine, plötzlich wie Rauch verschwinden zu sehen und mich wieder in den Krallen des Oberaufsehers zn befinden." „Es liegt nur an Ihnen, daß das weiter dauert... Der Vater ist zufrieden, und er versichert, daß Sie Kerzkirsche. Von Andre Thcnriet. Alles besitzen, was man braucht, um in unserem Handwerk geschickt zn werden. Er wird Sie gern behalten... wenn," fügte sie mit pfiffigem Augen- blinzeln hinzu,„wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, bei uns zn bleiben...?" „O, Norine, wie können Sie das nur sagen?... Ich bin ja nur bei Ihnen glücklich." „In diesem Falle verhalten Sie sich ruhig," fuhr Norine Vincart in entschiedenein Tone fort, „und quälen sie sich nicht mit Dingen, die nicht vor- handen sind!... Heute haben wir Urlaub bis zum Abend... Der Vater wird bis zum Einbruch der Nacht nicht von dein Markte zn Gargis nach Hanse kommen... Bis dahin sind wir unsere eigenen Herren, und ich iverde die Gelegenheit benutze», um ein bischen im Grase zn schlafen." Sie richtete sich auf dem Steine auf, reckte die Arme und ließ ihre kleinen, gerötheten und von Wasser triefenden Füße abtropfen; dann betrachtete sie forschend die Uingegend des Baches, bemerkte auf einer schattigen Anhöhe eine Fläche rothen Haide- krauts und streckte sich hier ans, die Beine in ihren Rock gewickelt und die Arme um den 5i'opf gefaltet. Herzkirsche war ihr gefolgt und sah, einige Schritte von ihr niederkniend, zn, wie sie es sich bequem niachte. Während sie wartete, bis der Schlnnnner kam, betrachtete Norine in ihrem Bette von Haidekraut, mit halbgeschlossenen Augen, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, nachlässig durch die Lider ihren schweigsamen Gefährten, die nnbeweg- lichen Bäume und den Himmel zwischen den Zweigen; nach und nach senkten sich ihre braunen Augen voll- ständig; ihre Lider fielen zu, ihre Lippen schloffen sich aufeinander, und sie schlief ein. Herzkirsche, der noch immer auf den Knieen lag, hatte sich der Schläferin genähert. Er hatte seine Jacke ausgezogen und legte sie vorsichtig auf die nackten Füße Norines. Dann riß er ein breites Blatt Farnkraut aus und bewegte es wie einen Fächer hin und her, um die Fliegen zu hindern, den Schlummer des Mädchens zu stören. Er hatte tüchtig zn thnn. Die Fliegen des Flusses, die von der.Hitze tückisch geworden waren, flogen mit eintönigem Summen hin und her, und setzten sich hartnäckig bald aus ihren Hals, bald auf ihre rothbrannen Wangen. Von Zeit zu Zeit unter- Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 371 brach sich der Lehrling, um wie verzückt Norine zu betrachten, die in ihrer halb entfalteten bäuerischen Schönheit wahrhaft reizend aussah. Die tanzenden Nüicken blieben absichtlich ans den Konturen der Schläferin sitzen, als wollten sie die hübschen Züge des Maidleins dein Beschauer recht deutlich vor Augen führen. Sie streiften mit ihren schwarzen Flügeln die Lider mit den schwarzen Wimpern, die nackten, sonnnerverbrannten Arme und die schönen, zartgeformten Hände. Die Umgebung, in der sich Herzkirsche bis dahin befunden, hatte gewiß nicht dazu beigetragen, die Grundsätze der Zurückhaltung und Rechtschaffenheit in ihm zu entwickeln. Bor der Zeit verdorben, frühzeitig in den Schlamm des Gefängnisses geworfen, wo die Laster wie die Blutegel in einem Sumpfe tvimmeln, wußte Herzkirsche mit fünfzehn Jahr garnichts und achtete noch weniger. Doch der Anblick der schlafenden Nonne erweckte in ihm keine häßliche Empfindung oder brutale Begierden. Die Bewegung, die er empfand, hatte etwas instinktiv Achtungsvolles und sanft Erstauntes; es war die Bewunderung eines Wilden vor einem unbekannten schönen Gegenstand. Und dieses neue Gefühl, das sich mit einer Empsindnug der Dankbarkeit und Zärt- lichkeit vereinte, versetzte ihn gleichzeitig in wonnige und keusche Extase. Er betrachtete Norine mit Be- wunderung, und diese bewundernde und eifrige Be- trachtnng genügte, ihn glücklich zu machen; denn diesem Vagabunden, der unter frühreifen, cynisch ver- wahrlosten Taugenichtsen aufgewachsen war, hatte sich plötzlich der Zauber der weiblichen Anmuth und der jungfräulichen Grazie enthüllt. Um ihn und die Schläfenn erhob der tiefe Wald sein Blattwerk, als wolle er sie Beide in friedlicher, grünender Sicherheit einschließen. Dieser Friede wurde nur durch das Rieseln des Baches gestört, der unter dem Gehölz dahinfloß, und durch die fernen Stimmen der Holztauben, die immer dieselben verliebten Töne gurrten. Das von der Sonne röthlich gefärbte Farrnkraut strömte einen dem Geruch der reifen, schwarzen Johannisbeere ähnlichen durch- 'dringenden Duft aus; die Stengel des Ginsters rich- teten hie und da ihre dunklen Stauden und ihre goldigen Bliithen auf; geräuschlos schoß ein blauer Schmetterling von einem Baume herab, setzte sich auf einen purpurnen Weiderich und nahm dann seinen schweigsamen Flug wieder ans. Das dauerte Stunden, dann schüttelte Norine ihren mit Bliithen besäeten-Kopf, löste die Arme, und ein Lächeln überflog ihren Mund. „Sie sind erwacht?" murmelte Herzkirsche. „O, ich schlief schon lange nicht mehr; ich be- obachtete Sie." „Und Sie sagten nichts?" „Nein! Sie hätten sich stören lassen, und es machte mir Vergnügen, Sie auf den Knieen neben mir liegen zu sehen." „Wirklich?" rief er erröthend. „Wirklich! Ja, Sie sahen mich mit so guten Augen au, und ich war ganz zufrieden, daß ich da liegen konnte, ohne mich zu rühren, und Sie so nahe wußte!... Ich habe keine Furcht, wenn Sie bei mir sind; das ist nicht wie bei Champenois..." „Bei Chanipenois?" „Ja, bei dem Gehülfen meines Vaters... Er ist stets hinter mir her, wenn ich in den Wald gehe, und verfolgt mich überall... Ich kann ihn nicht ausstehen!" „Wird er bald zurückkommen?" „Ich glaube, ja! Er ist nur aus vierzehn Tage fort. Wenn er in seiner Heimath bliebe, ich wurde wahrhaftig nicht Jim ihn tranern.. Aber er wird iviederkoiumen; iibrigens hält der Vater Vincart große Stücke ans ihn, weil er ein guter Arbeiter ist." Das Gesicht Herzkirsche's hatte sich verdüstert. Schon im Voraus verabscheute er diesen Champenois, der Norine nachstellte und wie ein Störenfried in die Werkstätte kam. „Hören Sie, Claude," ftihr das junge Mädchen fort,„wenn er zurück ist, müssen Sie auf der Hut sein und versuchen, sich gut init ihm zu stellen... Er ist eifersüchtig und tückisch, und wenn er einen Groll auf Sie wirft, dann wäre er im Stande, Ihnen böse mitzuspielen." Sie hatten sich wieder auf den Weg nach der Arbeitsstelle gemacht. Die Sonne ging schon zur Rüste und verlängerte die Schatten der Bäume ans dem geneigten Plan des Holzschlages, dessen Dornen- gestriipp in einem goldenen Staube aufzuflammen schien. Der Vater Vincart tvollte zur Mahlzeit zurück sein, und Norine hatte sich mit den Vor- bereitungen zum Abendessen zu beschäftigen. Nachdem sie Wasser aus der Quelle geschöpft, während Herz- kirsche in freier Luft Feuer anzündete, band sie sich eine blaue Schürze um die Taille und fing an, Gemüse zur Suppe zurecht zu schneiden. Der Lehr- ling verwandte seine Mußestunden darauf, Holz klein zu machen, und betrachtete dabei das Mädchen, das eifrig mit dem Schneiden des Gemüses beschäftigt war. Mit flatternden Haaren auf einem Baum- stamme sitzend, beschleunigte sie die Arbeit und träl- lerte, während sie die Rüben und Kartoffeln in vier Theile schnitt, ein Liedchen vor sich hin. Die Sonne stieg immer tiefer in den Wald hinein. Ihre riesige Scheibe von lebhaftem Roth erschien zum Theil zwischen den hohen Ztveigen, und das Wasser des Bächleins färbte sich hier und da im Grase mit derselben blendenden Röche. Im Zenith nahm der reine Himmel die Farben des Türkis an. Unter dein Blattwerk sammelten sich Vögel mit schwachem Gezwitscher, während sich die Elstern noch geräuschvoll im Dickicht heruin- stritten. Nach und nach sank die Dämmerung her- nieder; die Sonne war vollständig verschwunden; die hohen, blühenden Glockenblumen bildeten nur noch einen schtvachen, lilafarbenen Streifen, und ein weißer Nebel folgte dem launischen Lauf der Fon- tenelle, deren Stimme durch den schweigenden Wald deutlich hörbar wurde. Das Essen kochte. Herzkirsche verließ seinen Holzblock und streckte sich im trockenen Grase zu Norines Füßen neben dem Feuer aus, das nuter der Asche bläulich schimmerte. Sie sprachen beide nicht mehr; den Kopf zurückgeworfen, die Augen gen Himmel gerichtet, betrachteten sie die Sterne, die an dem dunkleren Azur schimmerten. „Waruin," rief Herzkirsche plötzlich,„warum sind wir nicht Beide allein in der Werkstatt?... Es wäre so gnt, zusammen zu arbeiten, Norine!... Unser Essen zu kochen und die Nacht so, Einer beim Anderen zn erwarten!" In demselben Augenblick ließen sich am Ausgang des Dickichts in der Rich- tung des Waldweges noch ferne Stimmen hören, dann ertönte ein„Hup" auf dem Holzschlage. „Der Vater ist da," sagte Norine sich erhebend, „doch ich glaube, er ist nicht allein..." In der That kam der Vater Vincart in Be- gleitung eines Burschen, mit dein er sich, gestikulirend, unterhielt. Als sie nur noch zwanzig Schritt ent- fernt waren, erkannten die scharfen Augen Norine's den Fremden, und sie rief: „Ah, da ist ja dieser Nichtsnutz von Champenois!" „Holla, Kinder!" schrie Vincart,„ist die Suppe fertig?... Ich bringe einen Gast mit. Denkt Euch, als ich die Landstraße von Gargis betrat, begegnete ich dein Kameraden, der zu uns zurück wollte." „ Gnten Abend miteinauder!" antwortete Norine im Tone schlecht verhehlter Mißlaune.„Geduldet Euch noch ein bischen, die Suppe wird gleich fertig sein." „Guten Abend auch, Norine!" fuhr der Bursche in houigsüßeiii Tone fort, und legte sein Felleisen ab.„Geht's gut?" Gleichzeitig betrachtete er Herzkirsche, der seiner- seits den Blick des Fremden tapfer aushielt. Beil» letzten Licht der Dämmerung unterschied der Lehr- ling einen untersetzten Burschen mit hinterlistigen Bkanieren, boshaftem Munde und schielendein Blick. Ein spärlicher, an mehreren Stellen aussetzender Bart umrahinte sein Kinn; er hatte rothe Wangen und über den Augen zwei rothe, fast glatte Linien an Stelle der Brauen. „Das ist Claude Sinson, der Lehrling, von dem ich Dir erzählt habe," sagte der Holzschuh- macher als Antwort ans die sttimme Frage des Gehülfen.„Claude, mein Junge, das ist Champe- nois, er wird Deine Erziehung fortsetzen, und Du wirst ihm ebenso gehorchen, ivie mir... Jetzt, da Ihr miteinander Bekanntschaft gemacht habt, wollen wir uns setzen und ein bischen essen." Norine hatte Schüsseln ans braunem und weißem Steingut hcrbeigebracht und Brotstiicke hinein gc- schnitten, über die sie die Suppe goß. Eine ganze Weile hörte mau nichts, als das Geräusch der Kinn- backen und das Tick-Tack der Löffel. Als der erste Hunger gestillt ivar, wandte sich der Vater Vincart zu Champenois und fragte: „Nichts Neues bei Euch?" „Nichts... Aber ans der Rückkehr habe ich mich in Auberive aufgehalten. Es herrscht dort großer Lärm; einer der Jungen, die in dem neuen Gefängniß arbeiten, ist ausgerückt, und darüber ist die ganze Gegend aus dem Häuschen." Herzkirsche zitterte ans seinein Baumstamm, und Norine mußte ihn heftig zwicken, um ihm Klugheit anzuempfehlen. Die Nacht war schon zu dunkel, als daß man die Veränderung in den Zügen des Lehrlings hätte wahrnehmen können, doch in seiner Aufregung ließ er seine Schiissel falleli, die auf einem Steine zerbrach. „Verteufelter Faselhans!" rief der Vater Bin- cart,„so gehst Du mit meinem Geschirr um?" „Hoffentlich," fügte Chanipenois lachend hinzu, „ist er mit seinen Händen geschickter, wenn er ein Werkzeug hält!... Ja, Meister, einer von den Gefangenen ist ausgerückt; aber sie werden ihn schon wieder fangen... Sie haben überall hin sein Signalement geschickt, und die Gendarmerie ist ihm auf den Fersen..." V. „Nehmen Sie sich in Acht!" flüsterte Nonne am nächsten Tage Herzkirsche zn, als er Holz herbei karrte.„Als Sie gestern Abend Ihren Napf fallen ließen, haben Sie mir eine schöne Furcht eingejagt!... Wenn Sie gleich am ersten Tage so den Kopf ver- lieren, wird Champenois, der verschlagen wie ein Fuchs ist, unser Geheinmiß bald gewittert haben, und wird nicht verfehlen, sich desselben gegen Sie zu bedienen." „Dieser Mensch gefällt mir nicht," versetzte der Lehrling,„und ich hasse ihn jetzt schon!" „Gleichviel, Sie müssen ihm doch ein freund- liches Gesicht zeigen... Es ist besser, ihn für sich, als gegen sich zu haben." Herzkirsche versprach, klug zu sein, und bemühte sich sogar, dem Gehiilfen, der ihn bei der Arbeit unterweisen sollte, zu schmeicheln. Doch man hätte glauben können, Chanipenois hätte etwas gegen den neuen Gast der Werkstatt. Er suchte ihn beständig auf Fehlern zu ertappen. Obwohl er wußte, daß Herzkirsche noch Neuling im Handwerk war, ver- traute er ihm trotzdem schwierige Arbeit an, und wenn der Unglückliche ein Stück Holz verdorben oder einen Holzschnh verschnitten hatte, so rief Champenois den Vater Vincart und bewies ihm, mit den Stücken in der Hand, daß der Lehrling stets nur ein Tölpel bleiben würde. Uni die Laune Champenois' zu inil- dern, hatte es Norine über sich gewonnen, sich weniger abweisend zu zeigen; ja, sie nahm die plumpen Galan- terien des Gehiilfen, den sie den„Schielbock" nannte, nicht mehr mit beißenden Grobheiten ans. Doch auch jetzt schlug das Resultat nicht zum Vor- theil ihres Schiitzlings aus. Da der Gehülfe sah, daß man ihn nicht, wie früher, zurückwies, so schrieb er diese Veränderung dem Zauber seiner Erscheimnig zu und bildete sich ein, Norine fange an, sich an ihn zu gewöhnen. Nun wurde er kühner und seine Nachstellungen wurden unerträglich. Norine konnte nicht mehr mit ihm allein bleiben, ohne seinen bru- talen Galanterien ausgesetzt zu sein. Da ihre Ge- duld erschöpft war, so bäumte sie sich gegen das unverschämte Benehmen Champenois' auf, machte dem verhaßten„Schielbock" gehörig den Standpunkt klar und nahm ihre rauhen und verächtlichen Mienen wieder an. Diese Wendung reizte den zornigen Ge- sellen auf's Heftigste und erweckte seinen Argwohn, der für eine Weile eingeschlafen war, auf's Nene. Die Eifersucht entwickelt bei Denen, die daran leiden, einen ganz hervorragenden Scharfsinn; sie 2�2 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. verfeinert den Geist und giebt den Sinnen des Ge- hörs und des Gesichts eine fast krankhafte Schärfe. Chainpenois witterte eine Liebesgeschichte in der Ar- beitsstätte des Baters Vincart. Er belauschte die beiden jungen Leute und errieth von ihnen die Natur des noch unbewußten Gefühls, das Einen zum Anderen zog. Von diesem Augenblicke an erzengten seine getäuschten Begierden, seine verletzte Eitelkeit einen giftigen Haß, dessen Opfer der unglückliche Lehrling wurde. Der Holzschuhinacher ersann alle möglichen Ränke, um ihm das Leben unerträglich zu machen, und ersparte ihm weder Schimpfworte noch schlechte Behandlung. Herzkirsche, der seit langer Zeit an die Gefängniß- behandlung und an die Scheltreden der Aufseher gewöhnt ivar, ertrug die schlechte Laune und das ungerechte Benehmen des Gesellen zuerst ziemlich philosophisch. Trotzdem stieg ihm manchmal der Aerger in's Gesicht, und er mußte oft seinen Zorn gewaltsam hinunterwürgen, um eine Schlägerei zu vermeiden, bei der er sicherlich den Kürzeren gezogen, und die seine Verweisung aus der Werkstatt zur Folge gehabt hätte. „Ich halt's nicht mehr ans!" sagte er zu Nonne eines Ntorgens, als sie zusammen Krebse im Fon- tenellebach fingen.„Wenn der.Schielbock' es so weiter treibt, werde ich ihm schließlich an die Gurgel springen und ihn erwürgen." „Haben Sie Geduld, mein armer Claude," versetzte das junge Btädchen, zog ihre triefenden Arme aus dem Wasser und warf die rebellischen Haare nach hinten über.„Das wird vorübergehen, wie ein Regenschauer im März... Champenois wird nicht immer bei uns bleiben... Ich werde schon ein Mittel finden, ihn mit dem Vater zu ent- zweie», damit dieser ihm den Abschied giebt... Aber bis dahin müssen Sie schlau sein, denn er ist pfiffig wie ein Hexenmeister, und so lange wir in dieser Gegend sind, habe ich stets Furcht, er möchte schließlich errathen, woher Sie stammen..." (Fortsetzung folgt.) JeuitLeton. Kette Wacht. Nach Paul Pcrlaiuc. Weich küßt die Zweige � der weiße Wond; ein Flüstern wohnt im Laub, als neige, als schweige stch der Hain zur Ruh— Geliebte du. Der Weiher ruht, und Dir Weide schimmert; ihr Schalten stimmert in seiner Fluth, und der Wind weint in den VSumrn— ivir träumen... träumen. Dir Weilen leuchten Beruhigung; die Birdernng hebt bleich den seuchlen Schleier hin zum Himmrlssaum— oh hin— o Traum... Richard Tel, Niel. Wäscherinnen am Gardasce. Der größte Alpensee Obcritaliens und berühmt durch die Schönheit seiner land- schaftlichen Szenerien ist der Gardasee. In die Alpen schneidet sein nördlicher Theil bis hinein nach Tirol. Wilde Felsenkolosse treten hier dicht an's llfer. Von wunderbarer Fruchtbarkeil und Schönheit sind die Ufer an der westlichen und südlichen Seite. Ein mächtiger See, schier ein kleines Bieer ist er, eine stark entivickelte Schifffahrt wird auf ihm getrieben. Ewig fahren scharfe Winde über ihn hin, und vlötzlich ausbrechende Stürme werden der Schifffahrt gefährlich. Der starke Wind, der vom See her zum Lande bläst, giebt anch der Natur in uuserem Bilde, das Ettore Tito gemalt, die Stimniuug. Das ist freilich ein anderes Bild als das sonniger Schön- hcit, von dem die Reisenden zu erzählen Ivisscn. Oed« dehnt sich das Ufer hin, von unzähligen Steinen mit Geröll bedeckt. Unabsehbar weit geht der Blick über du Wasserwüste; drüben in der Ferne, am anderen Ufer, der- laufen die letzten Glieder der Alpcnkcttc; wie ein graner Wolkenstreif über dem Wasser liegen sie da. Hastig rauschen die kurzen Wellen an den Strand, von kleinen Schauin- köpfen gekrönt. In eiligem Zuge jagen die Wolke» vor'm Winde her, Regen drohend. Kalt und unfreundlich ist's, kein rechtes Wetter zur Wüsche. Hilst aber den Mädeln im Dorfe nichts; sie müssen mit der Wäsche hinaus an den See. Ganze Körbe voll haben sie hcrangcschlevpt Die Aermcl weit aufgekrempelt, die Röcke hochgeschürzt. mit nackten Füßen hocken sie ans ihren niedrigen Wasch- bänkchen am Rande des Wassers, reiben die Wäsche mü den Händen, bis sie sauber ist, und spülen sie. Ter Win! iveht ihnen scharf um die Ohren, zerzaust ihnen die Haare und lockert ihnen die schmucken Kopftücher. Das darf natürlich nicht sein. In aller Arbeit ist die Eine ans- gestanden und legt das Kopftuch wieder znrecht. Hoch reckt sie sich, es thut ihr so wohl, den Rücken, der den ganzen Tag sich krümmen muß, einmal gerade zu richten. Ein gutes Stück der Arbeit ist schon gethan, auf den Leinen, die am Ufer entlang auf Stützen gezogen sind, flattern die rein-weißen Stücke lustig im Winde.— In der Wüste am Sinai. Hinter den Bergen der afrikanischen Küste versinkt die Sonne. Dunkel und ge- spensterhaft heben sich die seltsam geformten Massen des Djebcl Ghärib vom leuchtenden Purpur des westlichen Himmels ab. Da entfaltet sich im Osten auf asiatischer Erde ein tief ergreifendes Bild. Rothglühend wie ge- schmolzenes Metall und doch scharfkantig wie mit dem Meißel geschlagen, ragt die mächtige Kette der Sinatberge mit ihren spitzen Kegeln und hellblauen Klüften majestätisch in den mattgrüncn Abendhimmcl hinauf. Zu ihren Füßen dehnt sich weit und weiter, von der scheidenden Sonne bereits verlassen, in fahlcni Braun die Wüste El Käa. Völlige Leblosigkeit und Ocde herrscht rings umher.?tnr vorn am Strande, wo das dunkelblaue Meer den Winten- fand bespült, erheben sich ans schlanken Stämmen einzelne dürre Palmen, traurig das Haupt zur Seite geneigt, wie klagend über verlorenes Leben, und zwischen den Palmen, halb vom Sande verweht, liegen die niedrigen Hütten des Fischcrfleckcns El Tür. Es ist ein geivaltigcs, färben- glühendes Bild tief melancholischer Einsamkeit und Welt- entsagung. Man mag Begeisterung für die Wüste als eine Ge- schmacklosigkeit betrachten. Thatsache ist, daß bisher noch Keiner die Wüste sah, ohne ihren Reizen zu erliegen. Die Wüste ist eben nicht jene einförmige, ebene, lang- weilige Sandfläche, auch wenn sie von Weitem als solche erscheint. Die Wüste ist ungeheuer mannigfaltig in ihrem Charakter und anders an jedem Punkt. Was aber der Wüste immer wieder von Neuem ihren Reiz verleiht, ivaS sie charakterisirt vor allen anderen Landschaften der Erde, ist der fortwährende Konflikt ziveier ganz entgegengesetzter Stimmungen: der tiefen Melancholie der unermeßlichen, gewaltigen Einöde und der heiteren Farbenpracht und Lichtfülle, die der blaue Himmel und die lachende Sonne des Südens darüber gießt. Eines ergänzt das Andere und mildert es. Die Oede und Einsamkeit wird nie das Gefühl der Unlust erzeugen, nur das Gefühl geheimniß- voller Erwartung und Spannung. Die glühende Farben- Pracht der durchsichtigen Luft wird niemals aufdringlich erscheinen und grell wie die Blumen im Frühling. Der ewige Konflikt beider Elemente wirkt anregend und läßt das Gefühl der Eintönigkeit oder Langeweile garnicht auskommen... So beginnt der Jenenser Forscher Max Verworn, den physiologische SNidien an den Secthiercn des rothcn Bieeres nach der Sinaiwüste führten, eine Anfsatzfolge „Wüstenwanderungen am Sinai" in der„Neuen deutschen Rundschau".— Aus Friedrich Hebbcl's Tagebüchern. Die alten Achterklärungen der Kaiser von Deutschland hoben eigentlich, statt ein Akt der Gercchtigkeitspflcge zu sein, alles Recht ans. In dem Augenblick, wo ein Mensch außer dem Gesetz erklärt wird, wird ihm seine nalürliche Freiheit zurückgegeben; gegen den Staat, der ihn nicht mehr als sein Mitglied anerkennt, hat er auch nicht mehr die Pflichten eines Mitgliedes. Er befindet sich ganz im rohen Naturzustände, und jeder Einzelne mag ihn betrachten wie ein wildes Thier, an dem er sich nicht allein deswegen vergreifen darf, wenn es ihm geschadet hat, sondern auch desivegen, weil es ihm schaden kann; nur der Staat selbst, als Gesammtheit, hat kein Stecht der Strafe, denn durch das Hinausstoßen aus seiner Mitte hat er den Menschen selbst dispcnsirt von den Gesetzen, die nur Kraft für den haben, der auch ihre Vortheilc genießt.— „Weil mein Vorfahr den Dcinigen vor 1000 Jahren beraubt oder überlistet hat, und weil seine Familie die auf solche Weise errungenen Vortheilc nun schon 1000 Jahre genießt, und weil, wenn sie dieselben nicht noch länger genösse, sie an Fett verlieren lvürdc, und iveil Du nicht leugnen kannst, daß jene Vortheilc wirklich Vortheile sind, und uns zu etwas Besonderem gemacht haben."— Ich wüßte nicht, was der Adel weiter für sich anführen könnte.— Die redenden Küchlein. Sie hatten einen neuen Pfarrer aus der Stadt erhalten, und seine Frau war eine richtige Stadtdamc, die sich auf nichts verstand, weder ans Kleinvieh, noch auf Großvieh. Nun sollte sie aber Hühner halten, und es ging auch ganz gut, und sie bekam Küchlein, ans die sie sehr stolz war. Da geschah es eines Tages, daß ein Käthncr jener Gegend auf dem Pfarrhof zuni Besuch war, und der mußte natürlich die hübschen, kleinen Küchlein besehen, und sie liebkoste sie und küßte sie, und klopfte sie und dann fragte sie den Käthncr, ob er schon jemals so schöne kleine Küchlein gesehen hätte. „O ja, das schon," meinte er,„aber es fehlt ihnen etwas, Frau Pfarrcrin." Nein, wie er so etwas von ihren süßen Küchlein sagen könnte I Was das denn wäre? „Ja, seht, ihnen fehlt nur, daß sie nicht reden können!" „Reden, ja, aber mein Gott, Küchlein können doch niemals reden!" „O ja, das kommt schon vor," meinte er, er hätte in jedem Fall welche, die ganz versessen darauf wären, zu reden, und wenn sie wolle, könnte er es auch den ihrigen beibringen. „Ja, das wäre nett," meinte sie,„wenn er so gut sein wollte." Das wollte er schon, aber dann müßte er ihnen eine Tonne Gerste geben können; und die bekam er denn auch. Na, er fuhr dann mit den Küchlein und der Gerste heiin, und einige Tage darauf kam die Pfarrersftau an- gestiegen und fragte, ob ihre Hühnchen nun schon reden könnten. „Nein, das geht nicht so schnell, Frau Pfarrcrin, aber da>vir nun schon dabei sind, könnte ich sie auch noch etwas Anderes lehren!" „lind was ist das?" „Ja, seht, ich könnte sie lehren, Geld zählen!" „Geld zählen, ih, ist das möglich?" „Möglich, ja, das könnt Ihr glauben!" „Aber wie das?" „Ja, sie müssen etwas Geld haben, um darauf zu liegen, dann kommt es so nach und nach!" „So was habe ich doch noch niemals gehört, seht, hier ist ein Hundertchalerschein, laßt sie auf dem liegen, dann können sie wohl bald zählen?" „Ja, daran fehlt's niemals," sagte der Mann und steckte den Zettel bei den Hühnern unter.„Nun sollt Ihr nur sehen, wie es geht." Einige Tage später kam sie wieder und stagte, wie es ging. „Jetzt können sie wohl bald reden?" nicmte ste. „Ja, jetzt fangen sie so allmälig an!" „Ist es wahr? Was sagen sie denn?" „O, sie piepen etwas davon, daß sie noch eine Tonne Gerste haben möchten!" „Die sollen sie noch heute haben, die lieben Küchlein," sagte sie, und die bekamen sie auch. Einige Zeit später ging die Frau wieder hin, um nach den Küchlein zu fragen, und der Manu sagte: „Ja, jetzt geht es brillant, nun reden sie ganz deutlich!" „I Gott, was sagen sie denn?" „Ja, hm— es ist böse, was sie sagenl" „Böse, so, was denn?" „Ja— a— sie sagen—" „Was sagen sie?" „Ja, ich möchte nicht gern unhöflich erscheinen, nun Ihr so gut gegen mich alten Kerl gewesen seid—" „Aber lvaS ist es denn?" „Ja, wenn Ihr eS durchaus wissen wollt, so müßt Ihr es lvohl erfahren, sie sagen nämlich— ja, sie sagen— ein dummes Geschwätz, dessen bin ich sicher—" „Aber mein Gott, was sagen sie denn?" „Ja, sie sagen— daß der Großbanernknccht neulich in der Haselnußallce die Frau Pfarrcrin— küßte—" „Gott, was sagen sie?! Dreht ihnen den Hals um, dreht den abscheulichen Thicreu sofort den Hals um— und damit war sie zur Thür hinaus und kam niemals mehr zu dem Käthncr. Er aber kochte sich eine gute Suppe von den Küchlein und dann hatte er noch zwei Tonnen Gerste und hundert Thaler Zugabe.— Borge Janssen. Nachdruck des Inhalts verboten! BeranlworlUcher Nedalleur: OScar Nühl In Tharlottenburg.—«erlag! Hamburger Buchdruckerel und BerlagsanstaN Au-r& So. In Hamburg.— Druck: Ma, Badlug w Berlln.