Nr. 36 35Kit|lrtrf c 3 tuicrhaUun�hcHaQC* 1898 r-�sf.. Zwei Menschen. (Sortfetjung.) f gestin blieb iiberrascht stehen. War das Ragnhild oder war sie es nicht? Llus dem Kind war eine Jungfrau geworden. „Guten Tag, Ragnhild." „Guten Tag." Ein kurzer verstohlener Seiten- blick traf ihn. Das augenblickliche Lächeln, welches den Blick begleitete, verschwand und machte dem un- erschiitterlichsten Ernst Platz, während sich gleichzeitig eine tiefe Rothe über das ganze Gesicht, über Hals und Stirn verbreitete. Er trat näher und reichte ihr die Hand. Sie gab ihm die ihre und lächelte. „So sieh mich doch an, Ragnhild!" „Ist an Dir etwas zu sehen?" fragte sie neckisch. „Fast hätte ich Dich nicht erkannt, Ragnhild; es sind doch drei Jahre, seit wir uns nicht gesehen! Wie bist Du groß geworden und so— und so hübsch." Sie sah ihn schelmisch durch die halb geschlossenen Lider von ihrem erhöhten Sitz an. „Du bist nicht viel größer geworden, hast Dich überhaupt nicht sehr verändert, bist vor Allem nicht hübsch geworden." Ihm schoß das Blut in die Wangen, er richtete sich auf und drehte seinen winzigen Schnurrbart. „Findest Du nicht?" Sie sah ihn glücklich lachend an. Im Grunde genommen fand sie, daß er sowohl groß, als hübsch geworden war. Und über den kleinen Schnurrbart amüsirte sie sich köstlich. „Wenn ich genauer zusehe, finde ich doch, daß Du etwas gewachsen bist, etwas— aber nicht viel — übrigens entsinne ich mich nicht mehr, wie groß Du damals warst." Agestin war reif genug, um ihre Neckereien zu durchschauen, darum freute er sich darüber und fragte: „Weißt Du, was ich dachte, als ich Dich sah, Ragn- hild? Ich dachte, da säße eine Huldr." Eni klingendes Lachen erscholl. „Du bist unartig, die Huldr hat ja einen hohlen Rücken und einen Kuhschwanz." „Deinen Rücken sah ich ja nicht; die Huldr hat, wie Du weißt, ein schönes Gesicht." „So— das wußte ich nicht." „Du siehst also, daß mein Vergleich nicht un- artig, sondern sehr poetisch war." „Wie gebildet Du sprichst! Poetisch!— Ja so etwas lernt man in der Hauptstadt. Sonst weiß man dort wohl kaum, was eine Huldr ist?" „O gewiß; ich war einmal im Theater, da kam eine Huldr auf die Bühne; ich habe Dir auch ein paar Bücher mitgebracht, die Du lesen mußt. Dar- aus wirst Du sehen, was die ländliche Idylle und die Poesie des Waldes und des Berges für Rollen in unserer Literatur gespielt haben." Roman von H. Fries-Schwenzen. Ragnhild lachte:„O, Agestin, Du sprichst mir viel zu gebildet! Was ist Idylle für ei» Diug?" Doch ohne auf Antwort zu warten, fuhr sie lebhaft fort:„Du hast mir Bücher mitgebracht? Das ist aber hübsch von Dir. Dafür darfst Du auch neben mir sitzen. Komm!" Sie machte ihm Platz, und er setzte sich zu ihr auf den großen bemoosten Stein. Dann sagte sie vertraulich und leise, als ob sie befürchtete, daß Jemand es hören könnte:„Ich habe auch ein Buch, aber Biutter darf es nicht wissen. Das will ich Dir zu lesen geben." „Von wem ist das Buch?" „Es ist von der Leihbibliothek im Flecken." „Nein, ich meine, von wem es geschrieben ist?" „Das weiß ich nicht, aber ich glaube, es ist ein dänisches Buch." „Pah— das, was ich Dir mitgebracht habe, ist von unserem Landsmann Björnson." „Ah— von dem habe ich gehört," rief Ragn- hild.„In seinen Büchern kommen lauter Bauern vor, nicht wahr?" „Ganz richtig, und dann sind es Bücher, die Du nicht heimlich zu lesen brauchst." „Wirklich nicht?— Na, Du scheinst meine Eltern nicht zu kennen. Die lassen.kein anderes Buch gelten als die Bibel. O, ich freue mich so darauf! Und willst Du mir auch Alles erklären, was ich nicht verstehe?" „Gewiß, sehr gern. In diesen Büchern steht aber garnichts, was Du nicht verstehen wirst. Das ist Alles so einfach— aber wir wollen darüber sprechen, wollen überhaupt viel zusammen sein und über manche Dinge reden, die ich draußen kennen gelernt habe, und von denen man hier auf dem Lande nur wenig Ahnung hat." „O ja, das wollen wir!" Agestin sah seine Freundin eine Weile ernst und prüfend an. „Ragnhild, kannst Du schweigen?" „Wie das Grab." „Gut, dann will ich Dir mein Geheiinniß an- vertrauen." „Ein Geheiinniß? O! Es geht nichts darüber, mit einem Zweiten so etwas im Verborgenen zu haben, wovon die Anderen nichts wissen." „Ich habe ein Drama geschrieben." Ragnhild rückte ihm näher und hob ihr Köpfchen vertraulich zu ihm empor. „Ein Drama, sagst Du, was ist das?" „Ein Theaterstück in fünf Akten, in dem die beiden Liebenden sterben." Das junge Mädchen sah bewundernd zu ihm empor. „Und das hast Du geschrieben? Wo hast Du denn das gelernt? Doch nicht in der Universität?" Er lachte:„Nein, so etwas lernt man nicht auf der Universität; aber ich bin immer viel mit solchen jungen Leuten zusammen gewesen, die gern Dichter und Schauspieler werden möchten, und dann war ich auch einmal im Theater, weißt Du. Aber Du darfst nichts sagen." Er hielt ihr die Hand entgegen. „Ich bin stumm wie das Grab," erwiderte sie und schlug ein.„Was Du auch Alles kannst! Aber schickt sich denn das für einen angehenden Pastor, Theaterstücke zu schreiben?" Agestin zuckte die Schultern. „Wenn es Keiner weiß." „Ja, soll es denn nicht gespielt werden?" Er sah sie an mit einem schwärmerischen Blick. „Ach, Ragnhild! Das ist ja mein schönster Traum; was ich jetzt geschrieben habe, wird wohl zu unreif für die Bühne sei», aber ich fühle etwas in mir, etwas wie ein mächtiges Feuer—" er sprang vom Stein herunter und breitete die Arme aus, seine Augen funkelten vor Begeisterung. „Und ist es so, wie ich hoffe— daß ich das Zeug zu einem Künstler in mir. habe, o dann will ich auch einer werden, mag es kosten, was es will." „Dann willst Du wohl gar nicht Theologie studiren?" fragte Ragnhild halb ängstlich. „Nein, entweder— oder. Was ich werde, will ich ganz und gar werden." Die kleine Glocke drüben auf dem Hos fing an zu läuten. „Weißt Du, was Begeisterung ist, Ragnhild?" „Es ist Mittag," lachte sie und sprang vom Stein herunter,„Rtutter wird schelten, daß ich weg- gelaufen bin, anstatt zu Helsen. Komm, wir müssen uns beeilen." Agestin wollte in seiner Rede fortfahren, er legte seinen Arm um sie und wollte sie festhalten, aber sie riß sich los und lief ihm durch das Dickicht der jungen Erlen und Birken voraus. VIII. Diese zwei Sommermonate waren für Ragnhild und Beret eine glückliche Zeit. Agestin war gegen seine Mutter die Aufmerk- samkeit und Zärtlichkeit selbst, und mit Ragnhild durchstreifte er Wald und Feld. Man sah ihn auch manchmal einsame Wanderungen unternehmen. Auf solchen Touren trug er stets ein Notizbuch bei sich, in das er schrieb und zeichnete. In der Erntezeit arbeitete er mit auf dem Felde, und fast immer sang er bei der Arbeit. Er konnte allerlei lustige Lieder, und er verstand es, sie vorzutragen. Burschen 232 und Mägde folgten bald seinem Beispiel, und so erfuhr der Hof Solhmig, von dein bisher nie die Töne eines weltlichen Liedes erklangen, in kurzer Zeit eine merkbare Verwandlung. Knud und Margit schüttelten die Köpfe, aber so lange der Student zu Hanse war, sagten sie nichts.— Eines Abends war Pastor Hansen ans Sol- hang zum Besuch. Sie saßen in der guten Stube und rauchten ans langen Pfeifen. Agestin hatte alle Fenster geöffnet, und ein wonniger Dnft von frisch gemähtem Heu jinb Birkenlaub drang in den niedrigen Raum herein, in dem sonst immer ein strenger Trnhengernch, mit Tabaksrauch durchsetzt, herrschte. Knud schielte unzufrieden nach den offenen Fenstern und behauptete, er könne keinen Zug ver- tragen. „Ein bischen Zug ist manchmal gesund, Knud," erklärte Agestin und lachte. Das Gespräch kam schließlich ans das politische und geistige Leben in der Hauptstadt. Knud Solhang, welcher mit dem Pastor gemeinschaftlich die reaktionäre Zeitung dieser Stadt hielt, ließ eine Bemerkung über die Rück- sichtslosigkeit der oppositionellen Partei fallen. Der Prediger stimmte ihn? bei und sprach die Hoffnung aus, die idyllische Ruhe, die auf politischem, wie auf sozialem Gebiete bis vor kurzer Zeit geherrscht habe, möchte durch das Geschrei der Radikalen nicht für die Tauer gestört werden. „Da geben Sie sich, wie ich glaube, einer eitlen Hoffnung hin, Herr Pastor!" wagte Agestin einzu- wenden.„Sie sollten nur sehen, welche Begeisterung unter den Studenten herrscht!" „Besonders, wenn sie betrunken sind," sagte Knud Solhaug trocken,„ich habe mir sagen lassen, sie trinken alle Abende Punsch im Studentenverein." „Das stimmt," rief Agestin heiter,„aber wenn auch— Punsch tödtet den Geist nicht, wenn er nur nicht im Uebermaß genossen wird." „Darüber sind die Ansichten verschieden," lautete die mürrische Antwort. „Ja— ich muß auch sagen," nahm der Pastor das Wort,„Geist und Geist sind zwei verschiedene Dinge. Der Geist, der in unserer Zeit von der radikalen Partei her über das Land weht, scheint mir nicht der echte zu sein; es giebt echte und es giebt falsche Propheten! Immerhin nähre ich die sichere Hoff- nung, daß der ganze Lärm weiter nichts zu bedeuten hat; das Ganze schmeckt mir doch ein wenig nach politischer Kannengießerei." Agestin's Augen funkelten vor Kampflust, und seine sonore Stimme klang voll und beredt durch den Raum:„Von politischer Kannengießerei, Herr Pastor, kann insofern nicht die Rede sein, als wir Jungen im Studentenverein uns nicht mit der Politik befassen, sondern rein ethische und künstlerische Ziele verfolgen. Aber mit einem solchen Führer, wie wir ihn haben, werden wir etlvas erreichen. Es ist ein Geist der Einigkeit, ein tiefes, inniges Solidaritäts- gefühl in den Bund der Jugend gedrungen, welches Alle in Brüderschaft vereinigt. Hoch und heilig haben wir es gelobt, die großen Ideen durchzuführen, und es wird uns gelingen." „Was sind das für große Ideen, wenn ich fragen darf?" fragte Knud ironisch. „In erster Linie unsere Bühne in einen freien Tempel der Kunst zu verwandeln." „Du sprichst vom Theater? Pfui!" sagte Knud und spie aus. Agestin wurde heiß über den ganzen Körper; ihm war zu Muthe, als wäre ein liebes, ihni nahe- stehendes Wesen in seiner Gegenwart verhöhnt worden, aber er biß die Zähne fest aufeinander und schwieg. Pastor Hansen sah seine Aufregung und klopfte ihm beruhigend ans die Schulter. „Ich bin kein Freund von der Schauspielkunst, überhaupt von keiner Kunst, es sei denn, daß die- selbe als ausgesprochenes Ziel hat: Gott, den All- mächtigen, in Bild oder Wort zu verherrlichen." Der Prediger machte eine Pause, während der er die Mundwinkel schräge herabzog und nachdenklich mit der Hand über das spitze glattrasirte Kinn fuhr. „Aber die Sache hat ihre zwei Seiten. In der Theorie wäre ich wohl geneigt, die wirklich vornehme Kunst gelten z» lassen, weil sie in vielen Fällen einen erzieherischen Einfluß ans die Menschheit haben kann. In der Praxis stellt sich die Sache, wie gesagt, anders. Das sinnliche Leben— ich spreche hier vom Gedanken- und Gefühlsleben des schaffenden Künstlers, muß meiner Ansicht nach mit Rothwendigkeit zu einer Selbstbespiegelung führen, die ihn in solcher Weise absorbirt, daß er sein Herz von Gott ivendet und sich gegen das erste Gebot versündigt, und wer sich gegen ein Gebot versündigt hat, der hat sich gegen sie alle versündigt. Tarin wird mir wohl auch mein lieber Schüler Agestin Recht geben." Der Prediger wandte sich jetzt nach dieser schweren Auseinandersetzung an Knud.„Unser junger Freund hat aber hier eine rein theoretische Seite der Sache erwähnt, und Du hast Unrecht gethan, Knud, Deine Mißachtung in so ungebührlicher Weise an den Tag zu legen." Knud Solhang, dessen Sache das Dispntiren nie gewesen, wurde roth, räusperte sich und ivnrde noch röther. Schließlich brachte er mühsam und stottenid, aber mit harter Betonung, folgende Worte hervor:„Run ja, mag sein, daß ich etwas derb war, ich bin ja doch nur ein Bauer, aber Agestin's hochtrabende Art zu reden— hm, widerte mich an. Ich glaubte, er hätte Punsch getrunken." Agestin blieb die Antwort im Halse stecken. Ihm war, als würde bei dieser stupiden Kleinlichkeit die Luft so schwül und drückend, daß er kaum athmen konnte. Ihn: wurde übel, er mußte hinaus.— Die Sonne war nach einem glühend heißen Tage untergegangen. Es war schon seit vielen Wochen Dürre gewesen. Die Natur seufzte nach Regen. Agestin athmete tief auf, als er über den Hofplatz ging. Sein Blut war in Wallung gerathen. Eine innere Unruhe war über ihn gekomnien, die er sich selbst nicht zu erklären vermochte. Er sprang über den Zaun und lief in vollem Lauf gegen den Fluß. Wie ein Sturm brach er auf den jungen Birkenwald ein. Junge Bäume und Aeste, die ihm' den Weg versperren wollten, wurden heftig zurück- gestoßen oder geknickt, bis er endlich mit perlender Stirn und fliegendem Athem das Ufer erreicht hatte. Er blieb stehen und holte tief Atheni. Dann zog er sein Messer aus der Scheide und schnitt sich eine Weidenruthe, der er die Rinde abschälte, während er in allerlei widersinnigen Gedanken und Gefühlen versunken, den Fluß zur Linken, über die kahlen Steine dahin wanderte. Es fiel ihm ein, daß man jetzt zu Hause Abendbrot essen und auf ihn warten würde. „Laß sie!" murmelte er und that einen scharfen, pfeifenden Schlag mit der Weidengerte durch die Luft. Er sah sich um. Eine ungeheuerliche senk- rechte Felswand, über die das Wasser herunter- rieselte, versperrte ihm die Aussicht. Knorrige Birken und üppiges Farrenkraut wucherten rings um ihn her. Der Fluß kam zwischen zwei mächtigen Steinen wie ein einziger Strahl hervorgespritzt und schlug mit furchtbarem Gedröhn gegen den Boden eines im Felsen gebildeten Kessels an. Dort unten im Kessel siedete und kochte es, und hin und wieder spritzte der Schaum des Strudels hoch in die Luft. Aber links vom Abhang, wo dieser weniger steil war, da kletterte Alles, was wachsen wollte, empor, und aus den Rissen streckten Kiefern ihre verdrehten und knorrigen Wurzeln hinaus in die Luft. Da war eine sonderbare Felsen- bildung, die hatte Aehnlichkeit mit einem Pastor im Talar; daneben befand sich eine Wurzel, in der man mit etwas Phantasie einen Mann, der sich an den Kopf faßte, erkennen konnte. „Haha— was ist das?" rief Agestin.„Knud Solhaug und Pastor Hansen. Ja, ja, so sind die Menschen hier im Thale, verquackelt, verdreht wie dieses verwünschte und versteinerte Koboldgesindel da. Knud Solhaug, hahaha! Und nun soll ich wohl ebenso werden? Pah! Ich werde Euch'was pfeifen." Mit einem wilden Gelächter warf er seine Gerte in den Strudel, drehte sich auf dem Absatz und schlug einen Fußweg ein, der rechts von der Felswand durch Geröll und Gestrüpp ziemlich steil in die Höhe führte, bis er in einem Plateau mündete, wo der Strom ruhig dahin floß. Rechts öffnete sich der Birkenwald; er sah zwischen den weißen Stämmen ein wogendes Kornfeld, dahinter die rothen Dächer des Hofes Bangen, die im Widerscheine des noch schwach gerötheten Abendhimmels sich von einem dahinter liegenden Tannenwald abhoben. Die Töne einer Geige erreichten sein Ohr. Er lauschte. Da erklang ein jauchzender Schrei; Agestin stieg ans einen hohen Stein und spähte. Es wurde dort getanzt. Hin und wieder konnte er zwischen den leise im Abendwinde nickenden Aehren die Köpfe und Schultern eines tanzenden Paares erblicken. Sollte er hingehen?— Tanzen, trinken, raufen! Hahaha! Mit einem Sprung war er vom Slein herunter und raschen Schrittes eilte er auf den Hof zu. Sie tanzten draußen ans dem Rasen hinter den Häusern. Bangen war der zweile Hof nach Solhang, und Agestin war da als Knabe öfter ge- Wesen. Er warf sich jauchzend wie ein Bacchant in den wirren Trubel, umschlang mit kräftigem Arm die erste beste Dirne und schwang sie ausgelassen im Tanze. Man bot ihm Branntwein an, und er trank, obgleich ihn das ekelhafte Getränk anwiderte. Er war in einer Stimniung, in der er zu Allem fähig war. Jetzt machte der Spielmann eine Pause, legte seine Geige hin und verließ seinen Platz. Agestin ergriff sie und spielte mit einer Wildheit und einem Uebermnth, die auf die Tanzenden ansteckend wirkte. Die Burschen schrieen und jauchzten, die Mädchen bewegten tanzend den Kopf im Takt mit der Geige, und ein alter Bauer, der Agestin während der ganzen Zeit beobachtet hatle, rief laut:„Ist es nicht, als wäre Thormod Talen ans den: Grabe wieder auferstanden?" Agestin hörte die Bemerkung des Alten und wurde plötzlich ernst. Nach einigen Takten unter- brach er sein Spiel mit zwei heftigen Strichen über die Gl-Saite, legte die Geige fort und ging zu ihm hin. „Hast Du meinen Vater gekannt?" fragte er höflich grüßend. Der Angeredete sah ihn verwundert an. Er war ein hübscher Mann in der Mitte der Fünfziger. Sein graues Haar hing ihm wie eine Mähne über die Schultern. „Ich.. Deinen Vater?.. Wie kommst Du darauf? Ich kenne Dich ja selbst nicht." „Du nanntest soeben Thormod Dalen's Namen. Ich bin sein Sohn Agestin." Ein fröhliches Lächeln ging über die hübschen, offenen Züge des Bauern. „Bist Du Agestinns?" fragte er, und schüttelte die Hand des jungen Mannes.„Ich heiße Harald Barstue und wohne in Syllejord, ja, ja.. war ein guter Freund Deines Vaters, mußt Du wissen.. waren viel zusammen, wir Beide, als ganz junge Leute, weißt Du. Mein Vater war damals Besitzer und Bauer hier auf Bangen. Als er den Hof ver- kaufte und nach Syllejord ging, hörte der Verkehr zwischen Thormod und mir leider auf." Agestin hatte mit Interesse zugehört.„So hatte mein Vater also doch eine verständnißvolle Seele gefunden," sagte er,„ich dachte, er wäre stets allein und ohne Freunde gewesen." Der Alte erwiderte mit einem wehmllthigen Lächeln:„Ich war der einzige. War nänilich auch eine Art Kunstpfuscher, habe es auch nicht weiter gebracht, als zum Schnitzen von Löffeln und Tiner."* Er that einen tiefen Seufzer und blickte nachdenklich, wie träumend, vor sich hin. Dann raffte er sich wieder auf und betrachtete mit Wohlgefallen den Sohn seines Jugendfreundes.„Du siehst Deinem Vater übrigens recht ähnlich, kann ich Dir sagen. Er war ein schöner Mann! Und begabt, wie Wenige. Schade, schade, daß er nicht die Kraft besaß. Das durchzuführen, was er sich vorgenommen hatte. Es ging ihm wie mir, wir wollten Beide Künstler werden, er Musiker und ich Bildhauer. Aber zu der Zeit mußte man nach Deutschland, um die Theorie und das Uebrige vom Handwerk zu lernen. Das ist wohl jetzt nicht mehr so?" „O ja," erwiderte Agestin lächelnd,„das ist noch immer so... aber mein Vater konnte wohl nicht das nöthige Geld auftreiben— oder wie?" * Tiner sind hübsch geformte hölzerne Kisten mit geschweiftem Griff. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Nein, weder er noch ich. Schade darum, die Leute waren auch zu der Zeit so unwissend, daß wenn Einer sagte, er wollle Bildhauer oder Musiker werden, dann grinsten sie einen nur an und meinten, er wäre reif fiir's Tollhaus." „Nun," meinte Agestin,„das ist bei uns im Thale noch immer so." „Ach, wirklich? Nun warte Du, bis die großen Arbeiten fertig sind. Ihr bekommt bald regelmäßige Postverbindung und Telegraph nach Taugen. Bei uns im Thale sieht es jetzt anders aus als vor zehn Jahren, das kannst Du glauben. Das haben wir zum großen Theil der Post zu verdanken. Mit der Post kamen die Zeituugeu, und durch die Zeittmgeu lernten wir unsere Dichter und Führer kennen, llnd so kamen die Bücher, weißt Du... und die Vor- träge, haha! Die haben Hange und den ganzen Pietismus herausgeschmissen." Der Alte lachte herzlich und rieb sich die Hände.„Aber immer mehr müssen wir von der Sorte haben, bis jetzt war es wie ein Tropfen Wasser auf einen heißen Stein. Solche Bücher können wir gebrauchen, die versteht ja jede Kuhmagd vom Lande— und doch haben wir es zum großen Theil ihnen zu verdanken, daß wir eine Volks-Hochschule in Sylljord bekommen. O ja, wir kommen jetzt, wir Bauern." Er schlug Agestin vergnügt auf die Schulter und lachte. „Komm, Thormod, ich nenne Dich so, denn Du siehst Deinem Vater doch riesig ähnlich... komm alter Freund, wir wollen ein Glas zusammen trinken." Agestin, der sich von dem Jugendfreund seines Vaters stark angezogen fühlte, ergriff die ihm gereichte Hand und erwiderte herzlich:„Ja, das wollen wir thun, Alter!" Die Beiden gingen eng umschlungen wie zwei alte Freunde, die sich wieder- gefunden haben, in's Haus. Bald darauf saßen sie gcmiithlich in einer Ecke und tranken ein Glas Grog. Unter den buschigen Augenbrauen des alten Bauern schössen hin und wieder prüfende Blicke hervor, die mit Wohlgefallen auf der jugendlichen Gestalt des Jünglings verweilten. Plötzlich stieß er sein Glas gegen das seine und sprach:„Nun bin ich aber neu- gierig— man sagt: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, aber nach Deiner ganzen Art zu urtheilen, bist Du kein Spielmann— und Bauer erst recht nicht.— Du bist Student, nicht wahr?" „Ja, ich bin Student." „Ich müßte mich sehr irren, wenn Du nicht ein bedeutendes Erbtheil von Deinem Vater mitbekomnien häffest." Agestin erwiderte nichts, aber sein Herz klopfte heftig. „Was willst Du denn studiren?" „Meine Mutter und— die Anderen möchten gern, daß ich Prediger werden soll." „Und Du selbst?" „Ich möchte Künstler werden." „Aha!" lachte der Alte,„da kam es heraus. Künstler!— Ja, ja, das ist ein langer und schwerer Weg, das weißt Du wohl, aber Ihr Jungen habt es leichter als wir damals. Da ist Ole Bull, der hat es verstanden, er hatte aber auch einen Schädel, sage ich Dir! Durch wollte er und durch drang er. Ein Allerweltskerl, der Ole Bull! Jetzt spielt er unseren Halling und unsere Volksmelodien drüben in Amerika. Er macht uns bekannt da draußen in der großen Welt. Und nun erst unsere Dichter?— Was für eine Kunst betreibst Du denn?" „Ich... möchte Schriftsteller werden," er- widerte Agestin mit leuchtenden Augen... (Forlfetzung folgt.) & Der moderne Kellner. Von Hugo Poctzsch. �)�,nihliiig! Die Sonne steigt höher und höher, die Ball- und Thcatersaison ist vorüber, die Parlamente arbeiten mit Hochdruck, um ihre Thätigkeit zu einem Abschluß zu bringen. Die„Ge- scllschaft" ist ermüdet von den Bankcts, Soireen und Bällen und sehnt sich nach Ruhe und Erholung. Und endlich hat„man" seine Geschäfte abgewickelt und kann seine Koffer packen, um sich aus der drückenden Schwüle der Großstadt hinaus zu flüchten an die kühlen Gestade der Nord- oder Ostsee oder in's Gebirge. Wo sie auch hinkommen, die nervösen, über- reizten reichen Großstädter, sie finden Alles zu ihrem Empfange bereit. Ihnen voraus ist der Kellner geeilt und die Schaar der übrigen in Gastwirth- schaften Augestellten. Wenn die Reisesaison naht, hält es auch ein groß Theil von ihnen nicht mehr aus in den Hotels und Restaurants der Großstädte, sie suchen an einem der Saisouplätze des In- oder Auslandes eine Stellung zu erhalten. Der Kellner ist ein Kosmopolit; er geht von Teutschland nach der Schweiz, Tyrol, Steiermark oder neuerdings auch nach den skandinavischen Läu- dcrn, um im Winter in Italien, an der Riviera oder in Egypten seine Saison zu„machen". Freilich geht das nicht immer so glatt von statten. Häufig genug ist er den ganzen Winter stellungslos gewesen. Mühselig hat er sich da durchgeschlagen als„Lohn- kcllner", wie sie bei Bällen, großen Festlichkeiten, Hochzeiten in den Hotels und Balllokalen zur Aus- hülfe herangezogen werden. Mit Freuden begrüßt auch er das Herannahen der Sommersaison— nur mit dem Unterschied, daß er arbeiten, viel arbeiten will, damit er recht viel Geld verdient, um die während des laugen Winters gemachten Schulden bezahlen und sich wieder neu ausstatten zu können; seine Garderobe hat bei dem langen Bummeln stark ge- litten. Schon frühzeitig, im Januar, Februar beginnen die Engagements für die Saisonstellen. Die Stellen- Vermittler, natürlich alles„alte ehrliche Seemänner", sind gern bereit, für gute Bezahlung dem gastwirth- schaftlichen Personal solche Stellen zuzuweisen. Ob- gleich eine ganze Anzahl Kellner-Vereinigungen seit Jahrzehnten bestrebt ist, die Plazirnng an sich zu ziehen und die Stellenageuten zn beseitigen, haben diese doch noch immer die Mehrzahl derselben zu besetzen. Und sie sind nicht blöde, diese Herren; für ihre Mühe, die darin besteht, daß sie die ab- geschriebenen Zeugnisse ihrer Auftraggeber und deren Photographie den Prinzipalen zusenden, verlangen sie und erhalten mich Honorare von 20, 30, 50, ja bis 100 Mark. Köche, Küchenchefs müssen diesen „Vampyrcn" meist einen bestimmten Prozentsatz ihres Monats- oder SaisongehalteS zahlen und außerdem durch Unterschrift sich verpflichten, in den nächsten ein, zwei, auch drei Jahren dieselbe Steuer zu leisten, falls sie die Stelle wiederum, wenn auch ohne Zu- thun des Agenten, erhalten. Viele Engagements kommen allerdings auch durch die Kelluervereiue, von denen geringere Gebühren erhoben werden, oder durch direktes schriftliches Jnverbindungtreten des Stellesuchenden niit dem Prinzipal zu Stande. Die Gehälter sind für die Kellner auch in den Saisouplätzen nicht sehr hoch, erhalten doch selbst die sprachkundigen Ziinnierkellner nur etwa 40, 50, höchstens 60 Mark für den Monat. Nur wenige Oberkellner bringen es auf 75 oder gar 100 Mark und haben dann in der Regel die Funktionen eines Buchhalters mit zu versehen. Die Restaurant- und die Saalkellner erhalten selten mehr als 30 Ntark monatlich. Tie Saalkelluer rekrutircn sich meist aus den aus der Lehre kommenden jungen Leuten; sie werden unter der Leitung eines Obersaalkellners zu dem leichteren Tadle ä'döte- Service verwendet, haben außerdem die Restaurant- und Zimmerkellner in ihrem Dienst zn unterstützen, Aufräninungs- und Putzarbeitcn zu verrichten. Die„Hochsaison" in den hoch gelegenen Luft- knrorten und in den Seebädern dauert nur kurze Zeit, kaum zwei Monate, in den übrigen Kurorten drei Monate, und so muß der Kellner viel Trink- geldcr, die ja seine Hanpteinnahme bilde», erhaschen, um auf seine Rechnung zu kommen, lind es muß hart gearbeitet werden. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend muß der Kellner dem erholnngs- bedürftigen und vergnügungssüchtigen Pnblikimi zu Diensten sein. Besondere Qualen bereiten ihm die eingebildeten Kranken, die an Allem kritteln und nörgeln, die sich in ihren Salons bedienen lassen und denen die Bouillon bald zn fett, bald zn mager, das Lendenstück einmal zu„englisch", einmal zn stark dnrchgebraten ist, und denen der Champagner viel besser schmecken würde, wenn er just zwei Grad kälter wäre, kurz, die immer Schinerzen haben, durch die das gesammte Personal fortgesetzt in Athem gehalten wird. Sind die 9 bis 10 Wochen der Hochsaison vor- über, Ende August, Anfang Sepiember, während welcher Zeit das Personal fast keine freie Stunde gehabt hat, dann wird der größte Theil desselben ent- lassen. Nur ein paar Personen bleiben zurück. Die Hausdiener und Zimmermädchen packen die Bestecks weg, rollen die Teppiche zusammen, umhüllen die Möbel, es wird Inventur gemacht; noch wenige Wochen und dort, wo noch vor Kurzem eitel Lust und Fröhlichkeit herrschte, ist es ganz still und öde geworden. Die Saison ist vorbei, die Hotels werden geschlossen. Vielfach hat der Besitzer, Pächter oder Direktor eines Badehotels noch ein anderes Geschäft in der Stadt oder, wie viele der Schweizer Hoteliers, im Süden. Freilich bleiben auch in einer Reihe von Saison- Plätzen, wie Wiesbaden oder wie Montreux in der Schlveiz, die Hotels auch im Winter geöffnet. Montreux sowohl, wie die in den Graubündner Alpen gelegenen berühmten Luftkurorte St. Moritz, Davos und andere mehr haben eine zweite Saison im Winter. Aber auch das zeitige Frühjahr und der Herbst hat seine besonderen, von der„Gesellschaft" bevor- zngten Saisouplätze. Wenn der Fremdenstrom ans den deutschen und schweizer Kurorten nach Siidtirol, nach der Riviera, nach Italien sich ergießt, macht er vorerst in Lausanne, Genf, an den oberitalicnischen Seen Halt; und im Frühjahr, wenn die„Welt" aus dein Süden zurückkehrt, dienen diese Plätze wiederum als Uebergangsstationen. Und überall, wo die fashionable Welt sich amiisirt, an den schönsten Orten unserer schönen Erde, ist ihr vorausgeeilt der Kellner und das übrige Personal— meist deutsche Schweizer und Oesterreicher. Das germanische Element scheint sich zu diesem Dienst am besten zu eignen, es ist am anpassungsfähigsten. Dem französischen Kellner behagt die viel größere Gebundenheit im Hotel nicht, er hält nur die Stellen in den Restanrants und Cafes besetzt. Er überläßt auch im eigenen Lande den Fremden die Stel- lungen in den Hotels, die in der Regel einen Deutschen oder Schweizer als Besitzer oder Direktor haben. Und nicht blos die Kellner, auch die Portiers, die Kondukteure, die den Hotel-Onmibns zur Bahn be- gleiten, die Hausdiener, selbst die Zimmermädchen sind in Frankreich und Italien sowohl, wie in Eng- land und Belgien Deutsche und Schweizer. Dagegen nimmt der französische Koch als„Obel de Cuisine" in den großen Hotels fast überall, auch in Deutsch- land, den ersten Rang ein. Was den deutschen Kellner, und das gilt zum Theil auch von den schweizerischen und österreichischen, besonders befähigt, alle seine ausländischen Kon- knrrenten auch in ihrem eigenen Lande aus dem Felde zn schlagen, sind nicht nur die oben erwähnten, nicht sehr lobenswerthen Eigenschaften, sondern auch seine größere Pünktlichkeit, Sauberkeit und Ord- nnngsliebe, Eigenschaften, die im Hotclbetricb uner- läßlich sind. Vor Allem aber ist es das größere Sprachcntalent der deutschen Rasse, unterstützt durch eine große Lernbegier, was den Deutschen besonders geeignet macht, eine solche internationale Industrie, wie es die moderne Hotelerie ist, zu beherrschen. Wie erlangt der Kellner diese Sprachkcnntnisse? In der Lehre lernt er meist herzlich wenig. Die kleinen Gasthäuser, Restanrants, Bahnhofswirth- schaften der Provinzstädte, das sind so die eigent- lichen Lehrlingszüchtereien. Der Prinzipal ist in der Regel sehr darauf bedacht, den Jungen gehörig anszub— ildcn. Damit er in allen Zweigen der Gastronomie unterrichtet werde, muß er vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein, oft fünfzehn, sechzehn Stunden und noch länger thätig sein. Diese ungeheuren Strapazen, Personen auferlegt, die sich gerade in der Periode körperlicher EntWickelung befinden, die kurz bemessene Schlafzeit, der stetige 284 Die Aeue A)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Aufenthalt in heißen, rauchigen Lokalen, zugigen Korridoren, die meist schlechte Kost, das Alles muß dahin führen, daß der Keim zu späterem Siechthum bereits zu dieser Zeit in die uuentwickelteu, ge- schwächten Körper gesenkt wird. An das Lernen von Sprachen kann unter diesen Umständen wenig gedacht werden. Auch der Um- stand, daß in einigen Großstädten eine„Fachschule" für Kellnerlehrlinge besteht, ändert daran wenig. Es ist nur ein verhältnißmäßig geringer Prozentsatz, der dadurch die Gelegenheit zum Lernen hätte, wenn die Herren Prinzipale in ihrer Mehrheit es nicht überhaupt vorzögen, in der praktischen Ansb— ildung ihrer Zöglinge keine Unterbrechung durch den theo- retüchen„Krimskrams" eintreten zu lassen. Hat der junge Mann seine meist dreijährige Lehrzeit beendet, dann strebt er, in's Ausland zu komnien. Als nächstes Ziel gilt gewöhnlich Eng- land. Vielfach muß aber erst das Reisegeld und etwas Zehrgeld verdient werden; der junge Plann hat von seinen älteren Kollegen genugsam von dem Elend der Stellenlosigkeit im Ausland erzählen hören. Auch möchte er sich doch noch etwas vorbereiten und verschafft sich nun Bücher zum Selbstunterricht, in denen er, soweit seine Zeit es ihm erlaubt, fleißig stndirt. Das nächste Frühjahr aber sieht ihn auf dem Wege nach London; Hunderte, wenn nicht Tausende haben um diese Zeit mit ihm das gleiche Ziel. Von hier aus erhält ein großer Theil Stellung in den englischen Badeorten auf den Inseln Jsle of Man, Jsle of Wight, nach dem schottischen Hochgebirge. Da in diesen Hotels aber die Mehrzahl des Personals ans Nichtengländern besteht und die jungen Leute mit den Gästen nur wenig in direkten Verkehr treten— die Bestellungen werden von ihren älteren Kollegen, die bereits genügend englisch sprechen, ent- gegcngenommen— so lernen sie ebensowenig englisch sprechen, als Diejenigen, welche in den großen Hotels und Restaurants Londons Stellung gefunden haben. Ihr Bestreben geht daher ini Spätsonimer, wenn sie nach London zurückkehren, dahin, in einer Familie als Diener Unterkunft oder in einem sogenannten „Boarding House" Stellung zu finden. Das„Boar- ding House" ist ein Btittelding zwischen Hotel und Privathaus. Viele Familien in England miethen sich Monate lang in einem solchen Hause ein und lassen sich entweder ganz verpflegen oder beköstigen sich theilweise selbst. Nicht blos die meisten Gäste sind hier Engländer, auch das Personal setzt sich aus solchen zusanimen, nur als„Waiter"(Aufwärter-Kellner) wird ans den oben angeführten Gründen, und weil er billiger und williger ist, gern ein Ausländer genommen. Hier sowohl als in den Privathäusern muß der -urel- oder, wie er in den Fannlien genannt wird, der..Imlaor-sorvant" zum Unterschied von Dem, der bei den Ausfahrten neben dem Kutscher die „Herrschaft" begleiten muß, viel Hausarbeiten ver- richten, lernt aber, selbstverständlich je nach seiner Begabung, rasch und gut englisch. In den meisten Fällen hat er gute Behandlung; der Dienstbote in England läßt sich nicht halb so viel gefallen als der deutsche. Im Herbst aber ist ein neuer Strom junger Leute vom Kontinent herüber gekomnien und vermehrt nun die Zahl der Stcllesuchcnden ganz enorm. In London drängt sich Alles zusammen. Hier besitzen ein österreichischer, ein schweizerischer und mehrere deutsche Kellnervereine ihre eigenen Klubhäuser, die in sehr praktischer Weise eingerichtet sind. Sie enthalten neben den Restaurationsräumen meist Billard-, Ranch-, Lesezimmer, Kegelbahn, auch eine Anzahl Schlafzimmer. Auch das vom Verein unterhaltene Plazirnngsbnrean befindet sich im Hanse. Obgleich die Preise in den Klubs für die dort gewährte Verpflegung durchaus nicht zu hoch be- messen sind, können in der Regel doch nur die kleinen Krösusse, die ans der Saison zurückkehrenden älteren Leute oder die mit gespicktem Beutel vom Kontinente Kommenden dort wohnen und regelmäßig verkehren. Anfangs geht es flott; der Kellner liebt es, die noblen Passionen nachzuahmen, die er täglich Diejenigen ausüben sieht, die er bedienen muß. Bald aber sind die Ersparnisse zusammengeschmolzen, es werden die billigen„Fish-Shops"(Fischläden, wo es allerhand billige gesottene und gebratene Fische giebt) und die„CoSke-Lbopiz"(Ivo große Tassen Kaffee, Thce, Kakao ze. ausgeschenkt werden) aufgesucht. Viele kochen in ihren Logis selbst. Das sind immer noch die Beneidenswerthen; viel schlimmer sind Diejenigen daran, die, nachdem sie Wochen oder gar Monate lang„gebummelt", ohne Stellung zu erhalten, nicht blos all' ihr Geld verzehrt haben, sondern auch bereits ihre besten Sachen versetzen mußten und die nun jeden Ptorgen mit Bangigkeit dem kommenden Tag entgegenblickcn. Ob sie wohl einen guten Bekannten treffen werden, der für sie noch einen Penny übrig hat zu einer Tasse Kakao? Zum Versetzen ist nichts Werthvolles mehr da; der letzte Sechser wird durch den Kauf eines Morgen- blattes besser angelegt. Da sind die Stellenangebote enthalten. Vielleicht glückt es heute. Richtig! Da steht ja: A youug man-servant wird verlangt in South Kensingtown. Das ist die fashionabelste Gegend von ganz London, gewiß eine Stelle in einer feinen Familie! Schnell in Gala geworfen! Die schwarze Hose ist am Knie schon etwas speckig geworden, aber der etwas zu lange Gehrock des Zimnierkollegen deckt das zu. Die weiße Kravatte und die Glacehand- schuhe nicht zu vergessen! Nun nur noch einen Penny fiir's Nasiren, denn die englische Missiß— sie ist es, die das Hauspersonal engagirt— verabscheut alles Haarige; und einen zweiten Penny, um mit der Untergrundbahn ein Stück fort zu kommen, damit man der Erste ist. Die Freunde schaffen Rath, denn es liegt in Aller Interesse, daß wenigstens Einer in Stellung kommt. Und er hat die meisten Chancen, er kommt dem in der Annonce geforderten Körpermaß am nächsten und spricht auch schon etwas englisch. Aber ach! Obwohl er sich beeilt, er ist, wie ihm der Abgehende mittheilt, gerade der Vierzehnte, der sich vorstellt. Es ist ein„Boarding House" in einer engen Nebenstraße. Er wird in den Salon gewiesen, die Lady rauscht herein und beginnt das Verhör. Die erste Frage hat er nicht verstanden, er antwortet ganz verkehrt und wird verwirrt. Stach und»ach geht es besser; schließlich heißt es aber:„Sie sprechen schon recht gut und wollen doch nur noch auslemen, dann gehen Sie wieder." Er ist entlassen. So war es nun schon oft gegangen. Bald sprach er zu viel, bald zu wenig englisch, bald war er zu groß, bald zu klein gewesen, hier wünschte man einen dunkleren, dort einen blonderen Jüngling. Und Hunderte machen dieselben Erfahrungen und müssen oft den ganzen Winter hindurch bummeln; die„London Saison", die im Februar beginnt, bringt noch Diesem oder Jenem eine Stelle oder etwas Anshülfsarbeit. Im Sommer wird dann das Glück von Neuem in einem Badeorte versucht, im Herbst wiederholt sich die Jagd nach einem Platz in einer Familie. So vergehen im günstigsten Falle zwei, auch drei Jahre, ehe der junge Mann das Englische erlernt hat und nun daran denken kann, sich das Fran- zösische anzueignen. Viele aber sind in dem Sumpfe der Riesenstadt untergegangen, moralisch verkommen, haben erst vom Pump gelebt, sich durchgeschwindelt, bis sie dem Verbrechen vollständig in die Arme ge- stinken sind. Um das Französische zu erlernen, wird weit mehr die französische Schweiz und Belgien auf- gesucht, als Frankreich selbst. Diejenigen, die zuerst nach England gegangen sind und englisch können, haben hier weit mehr Chancen als ihre Kollegen, die direkt von Teutschland gekomnien sind. Denn da vier Fünftel aller Vcrgnügnngsreisenden Engländer, Amerikaner und Deutsche sind, so können Jene, sobald sie nur einige Brocken Französisch er- lernt haben, um sich mit der Küche verständigen zu können, bessere Stellungen einnehmen, als die soeben aus Deutschland Gekommene», und wenn sie noch so gut französisch sprächen. Trotzdem zieht in jedem Frühjahr ein neuer Schwärm junger Leute nach der französischen Schweiz, um zunächst Französisch zu lernen. Die Herren Hoteliers am Genfer See nehmen sie liebevoll auf — als„Volontär". Das klingt recht schön und kostet nichts. In dem Engagementsvertrag heißt es gewöhnlich, daß am Ende der Saison„bei Zufrieden- heit" eine Gratifikation gezahlt wird. Die Znsrieden- heit hält aber auf Seiten des gestrengen Herrn Direktors, dem häufig für das Personal eine be- stimmte Summe zugewiesen ist, nicht immer bis zu Ende der Saison an und die Gratifikation kann dann natürlich auch nicht gezahlt werden. Ein Theil der Kellner hat wohl auch vorher ein Semester in einer der französischen Pensionate in oder um Lausanne zugebracht und kommt dann wohl etwas schneller vorwärts. Namentlich thun das vielfach die Söhne von Gasthofsbesitzern; das Gros der Kellner aber hat keinerlei Vorkenntnisse, sondern sucht sich durch Selbstunterricht fortzuhelfen. Ist die Saison in der Schweiz zu Ende, dann stieben die paar Tausend Kellner, die während dieser Zeit dort thätig waren, nach allen Windrichtungen anseinander. Ein Theil, darunter Diejenigen, die sich noch im Französischen vervollkommnen wollen, geht nach der Riviera; für die älteren, beider Sprachen Ptächtigen, bieten die eleganten Hotels von Plentone, Cannes, Nizza und Plante Carlo, wo die rasfinirteste Genußsucht auf ihre Rechnung kommt, zum Theil sehr einträgliche Stellungen. Drängen sich doch hier die Millionäre beider Hemisphären und die inter- nationalen Hochstapler und Glücksritter aller Arten zusammen, um sich zu amüsiren und in den Sälen von Monaco ihr Spielchen zu machen. Leider lassen sich auch die meisten Hotelangestellten verleiten, wenig- stens einmal ein Jen zu machen, Plancher wird vom Spielteufel ergriffen, und nicht selten sind die Fälle, daß Einer seinen ganzen Verdienst dort läßt. Der Zug der deutschen Kellner geht aber noch viel weiter südlich. In Italien spielen sie dieselbe Rolle wie in den westeuropäischen Ländern; in allen Hotels von Mailand, Venedig, Florenz, Rom, Neapel, soweit sie für den internationalen Verkehr in Be- tracht kommen, sind sie vertreten. Solveit sie den Trieb in sich fühlen und Gelegenheit dazu haben, lernen sie wohl auch noch italienisch. Jndeß kommen sie in den meisten Häusern schon mit einigen wenige» Brocken aus, da die Angestellten selbst fast alle Ans- länder sind; auch die Köche, soweit sie etwa Italiener sind, sprechen französisch, denn sie haben ihre„Schule" in Frankreich gemacht und sind stolz darauf. Die Gäste aber sind ebenfalls meist Ausländer, und die Italiener, die Anspruch auf Bildung erheben, sprechen auch französisch. So kommt der Kellner mit den drei Haupt- sprachen Deutsch, Französisch, Englisch in der Regel aus. Viele aber erlernen noch das Italienische, wohl auch noch das Spanische und Portugisische. Denn diese Zngschwalben ziehen auch, namentlich geschieht das von England aus, über das Pieer und suchen in den Hauptstädten der Südamerikanischen Staaten Stellung. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika zählen sie nach Tausenden; in New- Jork allein bestehen mehrere deutsche Kellner-Ver- einigungen, die dem nordamerikanischen Gewerk- schaftsbunde angeschlossen sind. Da der Zug der Sommerfrischler und Touristen in den letzten Jahren mehr und mehr auch nach dem äußersten Norden, nach den skandinavischen Ländern sich wendet, ist auch hier, wie schon erwähnt, der deutsche Kellner vertreten. Aber auch nach Rußland, den Balkanstaaten geht er; in Kairo wie in der Kap- stadt, in den asiatischen wie in den australischen Großstädten, kurz überall, wo ein Hotel nach cnro- päischem Muster eingerichtet ist, stellt sich auch der deutsche Kellner ein. So ziehen die Schaaren der„Zugschwalben" hin und her. Im Sommer nach der Nord- und der Ostsee, in's Erz- und Riesengebirge, in den Harz und die Alpen, im Winter nach der Riviera, Italien usw. und nach den großen Residenzstädten und Vcrkehrszentren. Viele von den„Schwalben" kehren vom Auslände nicht mehr in ihre Heimath zurück, überall setzen sich Einige fest zu dauerndem Aufenthalt, und Hunderte von Kellnern stehen in den Stammrollen als„Unsicher-Heeresflüchtige". 'Selbstverständlich machen nicht alle deutschen 286 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Kellner die eben beschriebene„Carriere". Die nntt- leren und kleineren Hotels, die Gasthöfe der Pro- vinzialstädte, die Restaurants aller Art, die Cafts, Speisewirthschaften, die großen Bierlokale und Bier- gärten, die Vergnügungslokalitäten, Ball- und Kon- zertsäle brauchen Tausende von Kellnern, die sonst gewiß auch Tüchtiges leisten müssen, von denen man aber Sprachkenntnisse meist nicht verlangt. Zwischen allen diesen Kategorien aber giebt es eine bestimmte Grenzscheide nicht. Im Winter, wenn die Badeorte ver- lassen sind, nimmt auch der, sagen wir einmal, „Elitekellner" gern eine Stelle in einem besseren Bierlokale an, verdient dort auch durchaus nicht weniger, häufiger mehr, als im Hotel. Gestern im Hotel ersten Ranges, heute im Gasthofe eines kleinen Landstädtchens, morgen wieder im Brauerei- ausschank der Großstadt— so wird der Kellner hin und her geworfen. In späteren Jahren zieht es auch der sprachkundige Kellner vielfach vor, in den besseren Restaurants der Großstädte zu arbeiten, weil er dort außer dem Hause wohnen kann und so etwas weniger gebunden ist. In den Restaurants erster Klasse werden übrigens allgemein nur sprachkundige Leute eingestellt, weniger weil auch hier dann und wann Ausländer hinkommen, sondern weil der viel- gereiste Kellner an Menschenkenntniß, Gewandtheit und allgemeinem Schliff seinen Kollegen meist über- legen ist. Was schließlich aus dem Kellner wird? Nur einem verhältnißmäßig geringen Theil gelingt es, sich selbstständig zu machen oder sich bis zum Direktor oder Geschäftsführer großer Aktieuhotels oder sonsfiger gastwirthschaftlicher Etablissements empor zu schwingen. Je mehr das Großkapital sich auch auf dieses Gewerbe wirft, je mehr Riesenetablissements empor- wachsen, desto häufiger tritt auch hier die Erschei- nung zu Tage, daß der Arbeiter, und sei er noch so fähig, immer mehr mit der fast sicheren Wahr- scheinlichkeit zu rechnen hat, sein Lebenlang das zu bleiben, was er ist— Lohnarbeiter. Zugegeben muß indeß werden, daß die Etablirung hier noch nicht ganz so schwierig ist, wie in der eigentlichen Industrie; vielfach aber bleibt es dann bei einer kleinen, bescheidenen Wirthschaft. Viel größer aber ist die Zahl Derjenigen, die in den Großstädten, weil ihr Körper viel zu sehr ausgemergelt ist, um dauernd harte Arbeit aushalten zu können, oder weil sie ein eigenes Heim sich gegriindet haben, als Aus- hülfskellner ein bescheidenes, oft ärmliches Dasein fristen müssen. Unter ihnen finden wir ebensowohl Denjenigen, welcher seine Kellnerlaufbahn als Zapf- bursche in der Budike begonnen hat, als auch den ehemaligen vielgereisten, sprachengewandten Hotel- kellner.— Volkswissenschaft und Volksweisheit. Von Manfred Wittich. ie Alten sind auch keine Narren gewesen," sagt mit Recht das Sprichwort. Erhebt sich nun unsere bildungsstolze Gegenwart so gern über die ältere Zeit, namentlich über das angeblich durchaus„finstere und barbarische" Mittelalter, so noch mehr von jeher die zünftige Wissenschaft über das ungelehrte Volk der Laien. Man vergißt dabei, daß die Schulgebildeten auch nur zwei Augen, zwei Ohren usw. haben, und alle übrigen Werkzeuge des Erkennens und Denkens ganz genau so bei ihnen organisirt sind wie bei dem Mann aus dein„gemeinen" Volk. Auf dem Gebiete des Naturerkenncns hat die moderne Wissenschaft in den letzten hundert Jahren wohl die überraschendsten und mächtigsten Triumphe zu verzeichnen. Darunter sind merkiviirdigerweise eine ganze Anzahl Entdeckungen, die das in innigerer Berührung mit der Natur stehende Volk zum Theil schon vor Jahrhunderten gemacht hat. Um dem Dünkel unserer Modernen und„Ge- bildeten", d. h. Schulgebildeten, einen kleinen Dämpfer aufzusetzen, stelle ich eine Reihe solcher mir bekannt gewordener Proben von alter Volkswissenschaft und Volksweisheit zusammen. Hat doch ein Zoologe wie Gustav Jäger, trotz seiner phantasievollen„Ent- deckung der Seele" und seiner geschäftskundigen Wolleregime-Spekulafionen ein ohne Frage höchst beachtenswerther Gelehrter, der oft recht scharfsinnigen Beobachtungsgabe des Volkes wohlverdiente, hohe Anerkennung gezollt. Erst 1672 gelang es Swammerdam, durch genaue anatomische Untersuchung festzustellen, daß der„Weisel" der Honigbienen, den man bis dahin in den Natur- geschichten als Männchen betrachtet und Bienenkönig genannt hatte, eine Frau sei. Aber schon die alten Angelsachsen nannten ihn Lsomockör--- Bienenmutter, und ein frühmittelalterlicher Bienensegen redet von der„Mutter der Bienen", womit eben der Weisel gemeint ist. Unsere moderne Luftschifffahrt, namentlich die Versuche, den Vogelflug nachzuahmen, z. B. die Lilien- thal's, der ja ein Opfer seiner Bemühungen ward, haben ergeben, daß der Abflug und das Nieder- setzen stets gegen den Wind erfolgen muß. lieber- raschend ist es demnach wohl Manchem, wenn er vernimmt, daß schon in der altdeutschen Wielandsage dieser kunstreiche Schmied, der sich Flügel schmiedete, mit denen er sich einem Vogel gleich in die Lüfte schwang, zu seinem Bruder sagt:„Du magst es wissen, daß alle Vögel sich gegen den Wind nieder- lassen und sich ebenso empor heben." Die Rolle, welche bei der Beftuchtung einer ganzen Reihe von Pflanzen der Wind spielt, welcher den Blüthenstaub an seine rechten Stellen gelangen läßt, ward von den Bauern längst erkannt, ehe die „exakte" Wissenschaft davon etwas wußte.„Die Kornmutter geht durch das Feld," sagt der Volks- mund, wenn der Wind iiber's Feld streicht und die Halme auf und niederschwanken, und man erwartet ein fruchtbares Jahr, wenn die„Kornmutter" den Aeckern ihren Besuch abgestattet hat. An Stelle der Kornnmtter setzten unsere Aelter- ahnen Odin's Eber oder Wolf, oder man sagte, Frö reitet auf seinen: goldborstigen Eber über das Feld, leise nur berührt des Ebers Fuß die Spitze der Nehren, die sich ehrfurchtsvoll vor dem Gott verneigen. Rationalistisch bezeichnet die Sache das Sprichwort der Eifelbewohner:„Wenn die Korn- Halme in der Blüthe sind, so ist gut für sie der Wind." Sehr oft haben die Bauern beobachtet, und zwar richtig beobachtet, namentlich in Westfalen, daß ihr Getreide besonders stark von Rost befallen wurde, wenn sich Berberitzensträucher in der Nähe befanden. Oester wurden von ihnen gegen die Gärtner, welche die Berberitzensträucher hatten, Prozesse angestrengt, aber ohne Erfolg, da die„Sachverständigen" den Zusammenhang zwischen dem Rostpilz und dem auf der Berberitze wuchernden Pilze in Abrede stellten. Erst de Bari entdeckte im Jahre 1865, daß in der That der Berberitzenrostpilz und der auf dem Getreide wuchernde ein und derselbe ist, nur in verschiedenen Stadien seiner EntWickelung, daß die Wintersporen des betreffenden Pilzes auf der Berberitze schmarotzen und die hier gezeitigten Sommersporen auf Getreide- arten abwandern und dort den Pilz von Neuem bilden.— Vor den Eichen sollst du weichen, Vor den Fichten sollst du flüchten, Doch die Buchen sollst du suchen. So lautet eine alte Gewitterregel des Volkes für Diejenigen, welche sich vor Blitzgefahr schützen wollen. Auch sie hat die gelehrte Wissenschaft be- stätigt. Eine elf Jahre unifassende Statistik hat ergeben, daß im Lippe'schen der Blitz 56 Mal Eichen, 24 Mal Tannen und Fichten, kein einziges Mal aber eine Buche getroffen hat, obgleich ein Siebentel des gesammten Waldbestandes von Buchen gebildet wird. Blitzanziehend wirkt auch die Pappel. Von allen vom Blitz getroffenen Bäumen waren, so ergab sich bei einer Erhebung im Weichbild Moskaus, die Hälfte Pappeln. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, daß gewisse Oele im chemischen Bestand der betreffenden Pflanzen, ihr starkes oder schivaches Vorhandensein oder gänzliches Fehlen hierbei eine ausschlaggebende Rolle spielen. Seit alter Zeit schon hat„man", d. h. haben ungelehrte Leute aus dem Volk in der Nähe ihrer Gehöfte die betreffenden Bäume angepflanzt und sich ihrer als Blitzableiter bedient. Als Aberglaube oft genug gebrandmarkt wurde die Bauernregel, bei Blitzgefahr Feuer anzuzünden, namentlich mit Brennstoff, der starken, schwelenden Ranch erzeugt.„Feuer auf dem Herd ist gut gegen Gewitter",„Wo Herdfeuer brennt, schlägt der Blitz nicht ein", sagt der Bauer. Die moderne Wissen- schaft hat nun erkannt, daß der Ranch und die Verbrennungsgase die Leitnngsfähigkeit der Luft elektrischen Strömen gegenüber erhöht. Darum ergab auch eine schleswig-holsteinische Statistik, daß der Blitz 20 Mal öfter in Kirchen, 30 Mal öfter in Windmühlen einschlägt als in Fabrikschorusteine. Aehnlich verhält es sich mit dem Wetterlänten und Wetterschießen, womit man G.'witterbildung und Hagelschlag abwenden will. Ein Versuch von 1896 in der stark Weinbau treibenden und viel von Hagel heimgesuchten Untersteiermark, in Windisch- Feistritz, ist interessant. Dort hat man ans Besorgniß vor der Reblaus junge, amerikanische Reben angesetzt. Zu ihrem Schutze errichtete der Bürgermeister Albert Stiger an sechs hochgelegenen Stellen Schießstände mit je 10 Stück schweren Böllern. Bei nahendem Gewitter wurde auf jedem Stand von sechs Winzern als Freiwilligen aus jedem Böller eine Pulver- ladung von 120 Gramm ununterbrochen abgeschossen. Ergebniß: Sechsmal in: Sommer 1896 zertheilten sich die gefahrdrohenden Wetterwolken und es fiel weder Platzregen noch Hagel auf dem Flächenranm von etwa einer Quadratmeile. Auf Antrag der steiermärkischen Sparkasse zu Graz sind ihr 1897 von der Regierung vier ausrangirte Zehnzentimeter- Kanonen mit dem nöthigen Zubehör überlassen worden. Zum Schluß ein wenig volksmedizinische Wissen- schaft. Bekannt ist die heilende Wirkung einer ganzen Reihe von„Hausmitteln", denen die„wissen- schaftliche" Medizin als Altweibcrmitteln ans Groß- mutters Handkörbchen stolz und verächtlich begegnete. Zuweilen aber, wenn sie sich zu Versuchen herbeiließ, wurde sie eines Besseren belehrt. Schnell war man gemeinhin bei der Hand mit dem Vorwurf der lln- wissenheit und des Aberglaubens und behandelte diese Volksmedizin in Bausch und Bogen als nichts- mitzen Blödsinn. Wie sehr mit Unrecht zuweilen, dafür ein paar Beispiele. Asche von Meerschwämmen galt von Alters her für heilsam gegen Skrophulose und Gicht. Da kam die Wissenschaft der Gelehrten, analysirte besagte Asche chemisch und fand nur Soda. Nun suchte man mit Soda jene Leiden zu bekämpfe», natürlich ohne Erfolg. Später(1812) wurde das Jod, der bei der Analyse der Meerschivainmasche nicht gefundene Bestandtheil, entdeckt, dessen umfangreiche Verwendung in der neueren Heilknnst bekannt geung ist. Unter anderen Heilmitteln, welche die„gelehrte" Medizin demVolkc verdankt, nennen wirweiter den Kusso, die weiblichen Blüthen der Brayera anthelrnintica, das jetzt allgemein angewandte Bandwurmmittel, wel- ches wir dem Volke in Abessinien verdanken. Von einer alten Waschfrau erstlhr der Berliner Arzt Ascherson, daß eine Pflanze, Wienkriech, oder Weiberkrieg(Radix Ononidis), gegen Rheumatismus helfe; er fand das Mittel probat und veranlaßte dessen Einführung in die Pharmokopöa d. h., in die Zahl der anzuwendenden, von den Apotheken zu führenden Heilmittel und in die Heilmittellehre. Wie wir gesehen haben, waren unsere Alt- vordern keine Narren, aber auch das„genicinc" Volk der Gegenwart ist nicht so einzuschätzen! Viel- fach hat es sich schon den Stubengelehrten und Schreibmeuschen überlegen erwiesen. Es lernt heut- zutage sogar beim Arbeiten um sein liebes Brot, da die Wissenschaft immer praktischer wird und ihre Ergebnisse in das moderne Arbeitssystem eingeführt werden, ein gut Theil Fachwissenschaften. Jedenfalls empfiehlt es sich, auch solche Volks- Meinungen, welche in die Bureaukratenschabloue und in die Schubfächer der Zunftwissenschaft nicht ohne Weiteres passen wollen, genauer zu nntcrsnchen, ehe man sie spöttisch und verächtlich als Urtheile voi: „Nichtfachlenten" bei Seite schiebt, ja vielleicht sogar zum Vorwand von Verfolgung und Maßregelung macht, wie das ja leider so oft geschieht.— 387 Kerzkirsche. (SchluS) VI. \l II demselben Abend kam der Gefängniszdirektor mit strahlendem Gesicht in das Wirthshaus- ziininer, wo der Waldinspektor Avert ihn zum Abendessen erwartete. „Ich hatte Ihnen ja gesagt, er würde nicht weit kommen. Die Gendarmen und der Oberaufseher haben meinen Flüchtling am Rande eines Gehölzes gefaßt und ihn auf der Stelle zurückgebracht. In dieser Stunde ruht er sich in der Einzelzelle aus..." Er zeigte ein grausames Lächeln, und seine Augen blitzten wie die eines Raubthieres. Dann fuhr er, mit seinem Stock mit der Elfenbeinkrücke eine be- zeichnende Pantomime ausführend, fort: „Der Oberaufseher war wllthend, und bevor er den Burschen in's Loch steckte, hat er ihm eine Zllch- tignng zu Theil werden lassen, die ihm den Geschmack an derartigen Promenaden benehmen soll!" Die Züchtigung sollte Herzkirsche in der That für immer„heilen". Nachdem Seurrot seinen Ge- fangenen mit Schlägen förmlich gegerbt, brachte er ihn, der von dem langen Blarsche in der heißen Sonne noch schwitzte, in die Zelle. Herzkirsche kam mit einem Schlage aus dem warmen, fröhlichen Lichte der Felder in ein dunkles Loch, dessen Wände eisig kalt waren. Das schwarze Grauen dieses Kerkers verdoppelte sich für ihn infolge der Erinnerung an die drei Wochen Freiheit und infolge des Schmerzes, von dem einzigen Wesen, das ihn geliebt hatte, ge- waltsam getrennt worden zu sein. Noch jetzt klang ihm das Verzweiflungsgeschrei Norine's in den Ohren, und seine Augen sahen sie wieder, wie sie an der Lichtung des Gehölzes von Colmiers mit aufgelösten Haaren an der Erde lag. Es war zu Ende. Er würde sie gewiß nie wiedersehen, und das Leben würde für ihn nur noch ein böser Traum sein. Seine Qual begann jetzt schon. In der Nacht wurde sein Kerker von Phan- tomen bevölkert. Der Oberanfsehcr erschien vor ihm mit seinem Knüppel bewaffnet: der Direktor mit seinem grausamen Lächeln und seinen harten Augen; das Grimassen schneidende und schielende Gesicht des Gesellen Champenois... Herzkirsche sah sie ganz deutlich aus dem Schatten auftauchen und sich mit wilder Gewalt auf ihn stürzen. Gleichzeitig war es ihm, als verengten sich die Mauern der Zelle und ihm ginge die Luft aus. Er erstickte, in seinen Ohren summte es, plötzliche Hitzen stiegen ihm in die Schläfen, denen kalter Schweiß und Fieber- schauer folgten; und mit rauher Stimme rief er Norine zu Hülfe.—— Am Morgen, als einer der Wärter in seine Zelle trat, fand er ihn zitternd und in Fieberwahn sich wälzend. Man ließ den Gefängnißarzt holen, der den Gefangenen untersuchte und eine Brustfell- cntziindung feststellte. Die unangenehme Entwickelung, die Herzkirsche's Abenteuer genommen, hatte ihre Wirkung auf den Waldiuspektor nicht verfehlt. Er niachte sich Vor- würfe, die unfreiwillige Ursache der Flucht des Sträf- lings gewesen zu sein; daher beschloß er, sich für ihn zu verwenden und wenigstens die Vergünstigung zu erlangen, daß man ihm die feuchte Kerkerzelle er- sparte. Als er in das Kabinet des Direktors trat, theilte ihm dieser mit, daß der Hallunke krank wäre und daß man ihn in's Lazareth geschafft hätte. Avert bestand darauf, er müsse ihn sehen. Man führte ihn in ein neues Gebäude, wo man den Arzt installirt hatte. Er fand Herzkirsche im hef- tigsten Fieber unter der dünnen Decke des vorschrifts- mäßigen kleinen Bettes. Er litt heftige Schmerzen und phantasirte mit weit aufgerissenen Augen. Er erkannte seinen Landsniann nicht, und dieser zog sich zurück, nachdem er den Kranken der Sorgfalt der Krankenpflegerin warm empfohlen hatte. Als Avert schweriniithigen Sinnes das Gitter des Gefängnisses öffnete, hörte er hinter sich eine Frauenstimme, die ihn anrief:„Mein Herr!" Er drehte sich um und bemerkte ein Mädchen von etwa Von Andre Thcurict. fünfzehn Jahren, mit unbedecktem Haupte. Sie trug ein viel zu kurzes Kattunkleid und au den Füßen grobe Holzschuhe, die vor Staub weiß schimmerten. „Entschuldigen Sie!" sagte sie, ihn mit ihren großen, schwarzen Augen ansehend,„sind Sie einer von den Gefängnißherren?" „Nein, mein Kind," erwiderte er.„Warum?" „Ach," seufzte sie mit traurig enttäuschter Miene. Dann fuhr sie, kühner werdend, fort:„An wen könnte ich mich wohl wenden, um mich nach einem Gefangenen Namens Herzkirsche zu erkundigen?" „Herzkirsche!" rief Avert erstaunt. „Ja... Ein junger Mensch, der ausgerückt war und den man gestern zurückgebracht hat. Bei uns ist er nämlich gefunden worden." Sie erzählte ihm mit kurzen Worten die Flucht und die Verhaftung des jungen Sträflings. „Sie haben ihn uns mit Gewalt entrissen," fuhr sie fort.„Wenn sie das Herz gehabt hätten, ihn uns zu lassen, so hätte er sich anständig bei uns sein Brot verdient... Ich möchte das den Herren vom Gefängniß sagen, wenn ich mit ihnen sprechen könnte... Glauben Sie, daß das mög- lich ist, mein Herr?" „Ich fürchte, sie werden Sie nicht anhören," versetzte Zjvert, sie überrascht ansehend; dann fuhr er fort:„Ich kenne Herzkirsche selbst, wir sind aus derselben Gegend, und ich habe ihn eben besucht." Das Gesicht des jungen Mädchens verklärte sich und es rief:„Ach, wie geht's ihm?" „Er liegt im Bett... und ist krank!" Norine wurde blaß; ihre Lippen verzerrten sich, und ihre schwarzen Augen füllten sich niit Thränen. „Ich möchte ihn sehen!" sagte sie mit einer dumpfen Stimme, die wie ein Schluchzen klang. Ivert kannte die Strenge der Gefängnißordming und wagte nicht, Norine etwas zuzusagen; doch der heftige Schmerz des jungen Mädchens hatte ihn be- wegt. Er versprach ihr daher, mit dem Direktor zu sprechen und zu versuchen, für einen der nächsten Tage eine Erlaubniß zu erlangen. „Ich hoffe, es wird mit Herzkirsche bald besser werden," fügte er hinzu,„kommen Sie in zwei bis drei Tagen wieder." „Ich bin nämlich," murmelte sie,„mit dem Vater in der Werkstatt allein und möchte wegen der Arbeit nur fortgehen, wenn ich's genau wüßte... Wenn Sie vielleicht so gut sein wollten, mir den Tag mitzutheilen, an dem ich ihn sehen kann?... Wir wohnen in dem Holzschlag von Val-Serveux... Ich heiße Norine Vincart..." „Es ist gut, Norine; ich werde den Bescheid selbst bringen!" „Tausend Dank, mein Herr!..." Sie hielt inne; ein neues Schluchzen verzerrte ihre Lippen... „Aber Sie werden ihn sehen, mein Herr, nicht wahr?" Sie zog aus ihrem Kleide ein kleines Sträußchen Haiderosen und reichte es dem Waldinspektor:„Ueber- bringen Sie ihm das von Norine... Sagen Sie ihm, ich hätte sie am Rande der Fontenelle gepflückt und sende ihm meine Küsse..." Der Waldinspektor nahm das Sträußchen und versprach, die Botschaft ansznrichten... Norine drängte ihre Thränen zurück. „Auf Wiedersehen, mein Herr, auf baldiges Wiedersehen, nicht wahr?" Damit entfloh sie in der Richtung nach Germaine. Am nächsten Tage stand es mit Herzkirsche sehr schlimm, und ein Wärter benachrichtigte Ivert, Nr. 24 wünsche mit ihm zu sprechen. Er fügte hinzu, die Sache drängte, denn nian erwartete, der Sträfling werde die Nacht nicht überleben. Avert eilte in's Lazareth. Der Kranke hatte kein Delirium mehr, aber er war sehr schwach, die Beklemmungen wurden heftiger und er athmete sehr schwer. Als die 5ttankenpflegerin ihm die Anwesen- heit seines Landsmannes mitgetheilte hatte, den er diesmal erkannte, hatte er noch die Kraft, mit seiner Unterlippe seine gewöhnlickie Grimasse zu schneiden. „Kein Glück!" murmelte er mit seiner pfeifenden Stimme...„Hätte ich nur fünf Minuten Zeit ge- habt, so hätte ich den großen Wald erreicht, und sie hätten mir uachpfeifen können... jetzt ist meine Rechnung abgeschlossen, Herr; ich werde den Kirch- thurm von Villotte nicht mehr wiedersehen..." „Mein armer Junge," unterbrach ihn der Wald- inspektor,„Du bist jung und stark, Du wirst schon davonkommen." Der Kranke machte mit den Augenlidern ein verneinendes Zeichen. „Sprechen wir von etwas Anderem," fuhr Avert fort;„ich habe einen Auftrag von einem braven Mädchen übernommen, das Du in Val-Serveux kennen gelernt hast, und das Dich nicht vergißt." „Norine?" fragte Herzkirsche ganz leise, und sein glasiges Auge leuchtete plötzlich auf.„Sie haben sie gesehen?" „Ja," versetzte der Waldinspektor und zog die Haiderosen aus der Tasche;„hier sind Blumen, die sie für Dich am Rande der Fontenelle gepflückt hat, und sie schickt Dir viele Küsse." Herzkirsche ergriff das Sträußchen, führte es an seine Lippen, als wollte er den Kuß Norine's und den Waldesduft einathmen; dann füllten sich seine Augen mit Thränen. „Liebes Mädchen!... Es giebt noch gute Menschen auf der Welt, Herr Avert, und wäre ich da unten bei ihr geblieben, so hätte ich sozusagen ein anderer Mensch werden können; doch der Ober- aufseher ist über mich hergefallen, und da... Adieu, schöne Zeit! Ich werde Norine nicht mehr wieder- sehen; aber ich bitte Sie inständig, Herr Ivert, bringen Sie ihr auch ein Andenken von mir... Reichen Sie mir meine Jacke, da, am Bettrande..." Er wühlte langsam in den Taschen und holte ein Messer mit Holzschale hervor, ein einfaches Messer, wie es die Schäfer bei sich führen. „Sie werden ihr mein Messer geben," fuhr er fort.„Ich weiß wohl, es ist ein armseliges Ge- schenk... Man behauptet, das zerschneide die Freund- schaft... Doch unter diesen Umständen ist das nicht zu befürchten... Wenn Sie es Norine geben werden, wird der.Kamerad' mir schon den Lebens- faden durchgeschnitten haben..." Der Waldinspektor versuchte vergeblich, ihn zu beruhigen. „Nein, nein," wiederholte Herzkirsche,„ich mache mir keine Hoffnungen; ich werde den Kirchhof ein- weihen, auf dem ich arbeitete... Ich hatte es Ihnen ja gesagt, ich würde meine Zeit nicht ab- machen!... Na, eine angenehme Art zu sterben, ist das freilich nicht!... Der Oberaufseher hat derbe zugeschlagen, so derbe, daß ich die Spur seiner Püffe mit in's Grab nehmen werde... Um auf Norine zurückzukommen, wenn Sie sie sehen sollten, Sie brauchen ihr nichts vom Kirchhof und daß ich todt bin, zu erzählen!.. Sie wird sich schon so genug grämen! Sie werden ihr das Messer geben und ihr einfach sagen, man hätte mich irgendwo hin- gebracht... und ich hätte noch im letzten Augenblick an sie gedacht... Das werden Sie ihr sagen, und das wird wahrhaftig keine Lüge sein, Herr!..." Ein Hustenanfall raubte ihm die Sprache, und die Pflegerin verabschiedete den Waldinspektor. Dieser entfernte sich, nachdem er seinen Landsmann um- armt hatte. Am nächsten Tage wandte sich Avert traurig dem Holzschlag von Val-Serveux zu. Als er an der Höhle der Fontenelle vorüber gekommen war, bemerkte er, während er am Bache entlang schritt, in einiger Entfernung die Hütte des Vater Vincart. Schnell ging er auf die Werkstatt zu und bemühte sich, sein Gesicht etwas heiter zu gestalten, um Norine zu beruhigen. Sie hatte ihn von Weitein erkannt und kam herbeigelaufen. „Nun?" ftagte sie athemlos. „ES geht besser," versetzte der Waldinspektor lakoniscki...er leidet nicht mehr!" 288 Die Aeue Welt. Illustrirte Antechaltungsbeilage. Es kam ihm schwer an, das junge Bkädchen zu täuschen; doch er dachte, daß er dem letzten Willen Herzkirsche's gehorchte und daß der arme Teufel iu seiner Herzenseinfalt geglaubt hatte, diese Liige würde für Norine weniger grausam sein. „Ah, Dank!" rief sie, tief aufathmend.„Und werde ich ihn bald sehen können?" „Leider, nein, mein Kind... Der Arzt hat erklärt, er bedürfe der Luftveränderung und man hat ihn weit von hier fortgebracht... In seine Heimath... Er ist heute Morgen... abgereist." Die Augen Norine's standen voll dicker Thränen. „Abgereist?!" stotterte sie.„Ich werde ihn also nicht mehr sehen?" „Er hat viel an Sie gedacht," fuhr der Wald- inspektor fort,„vor der Abreise hat er mich noch gebeten, Ihnen das hier zu geben." Er reichte ihr das Messer. Norine nahm es und drückte es in ihren Fingern hin und her. „Er hat mich auch beauftragt, Sie für ihn zu umarmen." Da fing sie zu schluchzen an, hielt ihr sonnen- verbranntes Gesicht hin, und er küßte sie auf die Stirn. „Nun," seufzte sie;„wenn es zu seinem Besten ist... Sie müssen mir schwören, daß es ihm dort besser geht!"—„Ich schwöre es Ihnen!"—— Und er log nicht, der Waldinspektor!... Auf dem neuen Kirchhof, am Rande des Gehölzes, wo die hohen Eichen sein Grab beschatten, befand sich Herzkirsche„besser". Hier erfteute er sich einer nn- gestörten Ruhe, die die bösen Träume und die Püffe der Aufseher nicht mehr störten.— JeuiLLeton. Dev Kund.* Wir sind allein im Zimmer: mein Hund und ich... Draußen wühlt und heult ein rasender Sturm. Der Hund sitzt vor mir und sieht mir gerade in die Augen. Und auch ich sehe ihm in die Augen. Es ist, als ob er mir etwas sagen wollte. Er ist stumm, er ist ohne Worte, er versteht sich selbst nicht— aber ich verstehe ihn. Ich verstehe, daß in diesem Augenblicke in ihm und in mir dasselbe Gefühl webt, daß zwischen uns kein Unterschied besteht. Wir sind vollkommen gleich; in Beiden brennt und leuchtet dasselbe ängstlich flackernde Flämmchen. Es kommt der Tod herangesaust, schwingt seine kalten, mächtigen Fittigc... Und es ist aus! Wer kann später ergründen, welcher Art das Flämmchen war, daß in uns Beiden geflackert? Nein! es tauschen nicht Thier und Mensch ihre Blicke aus... Es sind zwei Paar gleichgearteter Aligen aufeinander geheftet. Und in jedem Augenpaare, im Thier wie im Menschen, schmiegt sich das eine Leben bang an das gleiche andere... Iwan Turgenjew. ? Schiffbruch. Von Hamburg aus war die schmucke Scgelbark„Fortuna" nun schon seit Langem unterwegs. Sie hatte gute Fahrt gehabt. Da zieht eines Morgens ein Wetter herauf. Grau überdeckt sich der Himmel. Ein schlverer Wind macht sich auf. Die See wird im- ruhig. Immer höher gehen die Wogen, immer schwerer lvälzen sie sich heran. Das Schiff hält sich wacker. Wenn e» auch der Wucht dieser Wassermassen gegenüber nur wie ein Spielball ist, es bahnt sich doch seinen Weg. Alle Mann sind auf Deck. Bis auf wenige kleine Fetzen sind die Segel geborgen. Der Kapitän, der schon iu so vielen Stürmen erprobt ist, hat heute Sorge. Tie Gegend, in der das Schiff segelt, ist gefährlich; Klippen, die bei ruhigem Wetter nur ivenig über die Oberfläche emporragen und jetzt von den Wogen überspült seiil können, müssen in der Nähe liegen... Krach I Da sitzt das Schiff schon fest! Ein Stoß, der es bis in die letzten Balken erzittern läßt! Ein rascher Blick: Das Schiff ist verloren! Durch ein starkes Leck schießt das Wasser in den Raum. Das Schiff beginnt langsam zu sinken. Jetzt heißt eS an die Nettnng denken! Das ist der Moment, den sich der Karlsruher Maler Carlos Grethe auf unserem Bilde zum Vorwurf ge- wählt hat. Das Schiff hat sich auf die Seite gelegt. Vorhin waren die Wellen nur in einzelnen Spritzern über Deck gekommen, jetzt schlagen sie wildschäumeud darüber hin. Die Bkannschaft hat Mühe, sich auf dem abschüssigen glatten Boden aufrecht zu hallen. Das starke Boot, das wohlverwahrt hinter der Reeling geborgen war, ist jetzt die einzige Rettung. Alle Mann sind damit beschäftigt, es über Bord zu heben. Mit Aufbietung aller Kräfte ziehen es Einige hoch; Einer ist schon hinein gestiegen, Einer schleppt die Riemen herbei. Der Kapitän überwacht die Bewegungen, schreit durch den heulenden Sturm seine Befehle. Seine Frau ist niit au Bord. Er ist an ihrer Seite geblieben, hat schützend ihren Arm erfaßt. Ihr sind die Glieder wie gelähmt, in ihren Augen malt sich sprachloses Entsetzen. Die Männer sind in wilder Er- regung, sie schreien, fluchen durcheinander. Aber sie ar- belle» auch verzweifelt, sie wissen, daß sie einzeln gegen- über den Elementen wehrlos sind, daß nur, wenn sie zusammen halten— vielleicht!— ihr Leben gerettet werden kann... Das Einfach-Sehen mit zwei Augen. Zwei Augen haben tvir und doch sehen wir alle Gegenstände nur ein- fach. Unbedingt nothwendig zum Sehen sind beide Augen • AuS„Gedtchie in Prosa." Mitau. Victor FetSlo.— nicht; wir können getrost ein Auge schließen und werden immer noch die Gegenstände vor uns deutlich und gut sehen; es wird also durch jedes Auge ein Bild der Außendinge auf der Netzhaut entworfen, und es könnte scheinen, als ob jedes dieser Bilder in uns eine selbstständige Empfindung hervorruft, so daß wir eigentlich alle Gegenstände doppelt sehen müßten. Nun, thatsächlich sehen wir auch die meisten Gegenstände nicht blos iu der Trunkenheit, sondern auch iu ganz nüchterneni Znstande zweifach; wenn uns das im Allgemeinen nicht stört, so rührt das daher, daß wir gerade diejeuigm Gegenstände, ans welche ivir unsere Auf- merksamkeit richten, die Ivir llfis Auge fassen oder fixiren, nur einfach sehen. Von der Thatsache des Zweisach- Sehens kann man sich leicht überzeugen. Hält man zwei schmale Gegenstände, z. B. zwei Federhalter, in einiger Entfernung aufrecht hiuterciuander vor das Gesicht und fixirt den näheren, so sieht man den entfernteren doppelt; umgekehrt erscheint der nähere doppelt, sobald man den entfernteren fest in's Auge fast. Also nur, was wir fixiren, wird einfach gesehen, alles Andere zweifach. Daß wir diejenigen Gegenstände, auf die unsere Augen speziell gerichtet werden, einfach sehen, ist eine Folge längerer Erfahrung; am deutlichsten erkennen wir einen Gegen- stand, wenn sein Bild im Auge auf die Mitte der Netz- haut, in die sogenannte Netzhantgrube fällt. Beim Fixiren richten wir daher unser Auge so und geben der Krpstall- linse ini Auge eine solche Wölbung, daß dies geschieht. Da wir das mit beiden Augen thun, so lernen wir sehr bald, daß den beiden Bildern in den Netzhautgruben und ihrer nächsten Umgebung stets nur ein Gegenstand ent- spricht, während wir das für andere Stellen der Netz- haut nicht lernen. Daß es sich wirklich um ein Lernen handelt, geht unter Anderem daraus hervor, daß Blind- geborene, die durch eine Operation sehend werden, An- fangs ihren Augen keine gemeinsame Bewegung zu geben vermögen, sondern sie unabhängig voneinander umher- rollen lassen. Erst mit der Zeit lernen sie, beide Augen auf denselben Gegenstand zu richten, und gewöhnen sich dann sehr bald, ein Objekt, dessen Bilder auf die Mitte der beiden Netzhäute fallen, als ein einziges aufzufassen.— — r— Der absolute Nullpunkt. Unter dem Nullpunkt eines Thermometers versteht man im Allgemeinen den Gefrier- Punkt des Wassers, d. h. derjenige Stand der Quecksilber- säule, der bei der Temperatur des gefrierenden Wassers oder schmelzenden Schnees vorhanden ist, wird als die Nullstellung bezeichnet, und von ihr aus werden die Wärmegrade nach oben lpositiv), die Kältegrade nach unten(negativ) gezählt. Bei dem in England gebräuch- lichen Fahrenhcii'schen Thermometer liegt allerdings der Nullpunkt erheblich unter dem Gefrierpunkt des Wassers; als Fahreuheit zu Anfang des vorigen Jahrhunderts diese Skala einführte, glaubte er, eine so große Kälte als Nullpunkt gewählt zu haben, daß in der Praxis keine Kältegrade mehr vorkämen, und somit die negativen Wärmegrade vermieden würden. Das ist nun allerdings nicht der Fall, und speziell heutzutage, wo mau selbst die Lust in den flüssigen Zustand übergeführt hat, kommen Temperaturen von 200 Grad Kälte und noch tiefer vor. Wenn man von solcher Kälte vernimmt, überläuft Einen förmlich ein Schauder, der nicht in gleicher Weise auftritt, wenn man von hohen Wärmegraden hört. Die Hitze, die wir herstellen können, zählt nicht nach Hunderten, sondern nach Tausenden von Graden, die wir z. B. im elektrischen Flammenbogen erreichen. In Eisengießereien wird mit flüssigcni Eisen gearbeitet, dessen Temperatur 1200 bis 1500 Grad ist, und auf der Sonne herrscht eine Temperatur, die nach den niedrigsten Schätzungen 20 000 Grad erreicht, nach anderen 100 000 Grad weit übersteigt. Ilebcrhaupt giebt es für unsere Vorstellung keine Grenze der Temperattir, und früher gab man die Sonneutemperatnr auch auf drei Millionen Grade au. Man könnte vermnthen, daß es mit der Kälte ebenso ist, daß, an sich bettachtet, eine Kälte von mehreren Tausend und selbst Millionen Graden existireu könnte, und es nur an unseren beschränkten Mitteln liegt, daß wir nicht weiter als bis etwa 200 Grad, vor Kurzem sogar bis 240 Grad gekommen sind. Dem ist aber nicht so; es existirt viel- mehr eine höchste Kältetemperattir(bei— 273 Grad), über die hinaus eine größere Kälte in keiner Weise vor- gestellt werden kann. Um das einzusehen, braucht man nur daran zu denken, daß die Wärme eines Körpers auf's Innigste mit der Bewegung seiner kleinsten Theilchen(Molecüle und Atome) zusammenhängt; je heftiger diese Bewegung ist, um so heißer ist der Körper, je geringer dieselbe wird, um so mehr kühlt er sich ab. Für die Stärke einer Bewegung kann es nun keine obere Grenze geben, die Geschwiudig- keit eines bewegten Theilchens kann 100, 1000, Million und mehr Meter in der Sekunde bettagen, und daher kann die Temperatur auf 100, 1000, Million und mehr Grade steigen und überhaupt nie eine Grenze erreichen. Anders aber ist es mit der Abnahme der Bewegung; sinkt die Geschwindigkeit immer mehr, so wird schließlich der Punkt erreicht, wo gar keine Bewegung mehr vor- Händen ist, wo absolute Ruhe herrscht. Bis zu diesem Punkte kann die Temperattir abnehmen, weiter aber nicht mehr; denn eine noch geringere Geschwindigkeit als ab- solute Ruhe kann es natürlich nicht geben. Aus Gründen, auf die hier nicht eingegangen werden kann, ergiebt sich, daß die Temperattir bei der absoluten Ruhe der Molecüle — 273 Grad ist; daher ist dieses die tiefste mögliche Temperatur, die deswegen auch mit dem Namen des absoluten Nullpunktes bezeichnet wird. Da vor Kurzem Temperaturen von 240 Grad Kälte erreicht sind, so erkennt man, daß man dem absoluten Nullpunkt, der mit dem absoluten Ruhepunkt der Materie übereinstimmt, in ganz erheblichem Maße nahe gekommen ist. Völlig erreichen wird man ihn wohl nie; denn Materie ohne jede Bewegung dürfte nicht nur unvorstellbar, sondern auch unwirklich sein, d. h. überhaupt nicht existireu.— t. Ein theures Gutachten. Im Jahre 1758 klagte der Papicrfabrikant Johann Bierdimpfcl mit seinen Werks- inhabern den Nachbar Port beim Rath der Stadt Nüru- berg an, durch Erhöhung seines Wehres und Stecken- lassen der Eispfähle die theilweise Absperrung des für den Bcttieb der Papiermühle nothwcndigen Flusses be- wirkt zu haben. Es wurde eine Deputation zur„Augen- scheinung" abgeordnet, wodurch folgende Unkosten ent- standen:„Den drei Herrn Deputirteu je 3 fl., den zwei Herrn Consulentcn ä 3 fl., dem Wasser- Amts-Aktuario 2 fl., den drei Wassermeistern& 1 fl., den zwei Herrn Kutschern und Vorreuthcrn 2 fl.; Summa 22 fl."— Weil mehr als diese Gebühren ausmachten, hat aber die Mahl- zeit gekostet, welche die Kommission„auf der Hcerstraß" also scheinbar nur so im Vorbeigehen eingenommen hat und worüber die Originalrechnung des Wirthes Johann Peter Loschge zu Laufcnholz vorliegt. Verzehrt wurden: „2 Schüffell Allapatry Suppen, 1 Stück Rindfleisch auf 1» Pfund nebst kalten und warmen Brüe, 3 gebraden Gentz Baug(Gans-Bänche) ä 45 Ztr., 2 Schüssell Spargcß, I Schüssell Salat, 1 Schüssell mit 5 Pfund Krebß ä 32 Xr., 2 Stück Gebagner Waffel Küchl, Pr. Brod 20 Ztr., Pr. 21 Maeß Wertheimcr Wein, Pr. 30 Mach Bir Rothß, weiß u. f. Bag.(Farnbacher), Pr. Zerfiß Licht Pfeift und Tobac, 16 Ztt., die 10 Bedienten 1 Schl. Suppen Nebst 1 Rema auf 9 Pfund(Rindfleisch, sog. Riemcusttick), 1 Schl. Kraut und Brüe, Pr. 10 Pfund Schweine Bröthen Nebst 1 Schl. Sallad, Pr. Brod Nebst 6 Glaß Roffoly Braud-Wein, Pr. 2'/, Maeß Wein, Pr. 40 Macß Bir, e'/a Metz Haber, 10 Bund Heu; Summa Summarum 35 fl." Nach vorgenommenem Augenschein und Bericht hierüber mußte Port natürlich das Wasser wieder frei machen, die entstandenen Kosten aber hatte er nur zur Hälfte, die Kläger zu je'/» Zu bezahlen.— gr. (Versailles) Wer bleibt denn noch stehen, wenn er die Statuen regimentsweise aufgestellt sieht. Wer be- trachtet ein Gemälde, wo die Gemälde wie Kartenblätter umhergestteut sind?— Friedrich Hebbel. Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion der„Äleuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Berlin, SW 19, Beuthstraße 2, zu richten. Veraniwortlicher Medalleur: OScar Kühl in Charlettenburg.—«erlag: Hamburger Buchdruckeret und VerlagZanstalt Auer& So. in Hamburg.— Druck: Mar Babing in Berlin,